Sie zog die Schuhe aus und trat lautlos auf das Deck. Das Deck war aus Teakholz; er hatte sie immer gebeten, nicht mit spitzen Schuhen darauf zu laufen. Er hatte natürlich recht. Er hatte immer recht, wenn es um sein Schiff ging – davon hatte sie keine Ahnung.

Sie zog die Schuhe aus – die blutrot lackierten, offenen Sandalen mit Stilettoabsätzen. Vielleicht war es nicht besonders klug, sie für den Weg zur Marina anzuziehen, noch weniger für die Reise nach Venedig. Die Turnschuhe, die blauen mit der weißen Sohle und den weißen Schnürsenkeln, hätten für beide Anlässe besser gepasst. Aber ihrem Mann wäre das sowieso nicht aufgefallen. Ihm war es völlig egal, was seine Frau trug. Schon lange. Aber es ist, wie es ist.

Sie spürte mit ihren bloßen Füßen das Holz, das sich unter der liebevollen kroatischen Sonne so schnell erwärmte – edel und fest. Sie ging über verknotete Leinen und Tauwerk und beugte sich über den Eingang, um in den Rumpf hinunterzusehen. Er war da. Wie immer, wenn sie sich auf seiner Yacht trafen, saß er auf seinem Platz im Salon. Überall lagen zahllose Papiere auf dem Tisch verstreut. Er studierte irgendetwas, den Kugelschreiber zwischen den Fingern drehend. Sie konnte von oben sein Gesicht kaum sehen, nur das lange, schwere, silbergraue Haar, das in sanften Wellen seinen Kopf umspielte. Sie mochte sein Haar. Es ist ein Wunder, dass manche Männer ihr ganzes Leben lang so schönes und gesundes Haar haben – und andere, wie ihr Mann, schon mit dreißig keine Haare mehr auf dem Kopf. Auch spezielle Shampoos und Salben helfen da nicht. Genetik.

Sie mochte auch diese Momente, in denen sie ihn unbemerkt beobachten konnte. Sie könnte ewig hier, neben dem Eingang, sitzen und ihn betrachten – wie er liest, schreibt oder sich wütend durchs Haar streicht. Sie könnte hier bis zum Sonnenuntergang sitzen und über ihn nachdenken, über sich, über sie beide zusammen. Und ihre tägliche Ruhe kehrte zurück, um sich dann langsam zu lösen, zu verschwinden – und einer leisen Sehnsucht Platz zu machen, die sie von einer respektablen Frau in eine leidenschaftliche Verführerin verwandelte. Sie konnte eine solche Verwandlung selbst nicht begreifen. Aber muss man denn unbedingt alles verstehen, was einem passiert? Sie hatte sich eines Tages gesagt: nein. Und er war derselben Meinung.

Sie saß da und beobachtete ihn. Er spürte ihren Blick, hob den Kopf und sah nach oben.

– „Aha“, sagte er leise, „meine Kleine.“

Er nahm die Brille mit der feinen goldenen Fassung ab. Seine Augen funkelten, genau so wie bei ihrer ersten Begegnung. Sie war überzeugt, dass dieses Glänzen nur ihretwegen da war. Das machte sie noch schöner, noch selbstbewusster, und sie war sicher: Mit solchen Augen sah er nur sie an. Ganz sicher.

Sie reichte ihm die Tüte mit dem Essen, das sie unterwegs gekauft hatte – Weintrauben, die sie so gern mochte, eine Flasche Rotwein, Schwarzbrot, Käse, schwarze Oliven. Viel brauchte sie an solchen Abenden nicht. Auf seiner Yacht gab es ohnehin alles – einen richtigen Kühlschrank, mit allem Drum und Dran. Er gab immer damit an, dass sein Schiff jederzeit bereit sei, zu einer Weltreise aufzubrechen. Sie glaubte ihm. Aber Weintrauben und schwarze Oliven waren ein Ritual – ein stilles Zeichen dafür, was in dieser Nacht an Bord geschehen durfte. Ein Teil vieler Regeln und Rituale, die nur sie für die beiden bestimmen durfte.

Er hatte das damals sehr schnell verstanden. Er durfte sie nicht anrufen – und vor allem keine Nachrichten schreiben. Er musste warten, bis seine Dame Zeit für ihn hatte. Zuerst wollte sie ihre geheime Sprache entwickeln und das Ganze als harmlosen geschäftlichen Informationsaustausch darstellen. Doch der Versuch scheiterte schnell. Selbst der dümmste Mann hätte verstanden, dass das ständig piepsende Handy kaum etwas mit der Vermietung von Räumen zu tun hatte – zumal seine Frau sich seit Jahren nicht mehr für Immobilien interessierte.

Es war reines Glück, dass sich die beiden trafen, dachte sie. Sie hatte seit Jahren den Traum, aus dem kalten, grauen Hannover wegzuziehen – ans Mittelmeer, dorthin, wo Sonne und Menschen wärmer sind, nicht so kühl und einsam wie die Protestanten zu Hause. Dorthin, wo sie ein anderes Leben führen und es vielleicht sogar genießen konnte.

Ihr Ehemann, mit dem sie seit fünfundzwanzig Jahren verheiratet war, hatte nichts dagegen. Die Kinder waren erwachsen und führten ihr eigenes Leben, das Geschäft ihres Mannes lief gut, die Aktien stiegen – und der Umzug nach Kroatien schien nicht kompliziert zu sein. Die Recherche, die sie gemacht hatte, ging schnell: einen Urlaub an der Adriaküste buchen, mit dem Auto die Riviera entlangfahren – und bald waren mehrere Kurorte von der Liste gestrichen. Nur zwei blieben: Novigrad und Poreč. Ihr Mann, dem alles, was nichts mit der Formel 1 zu tun hatte, gleichgültig war, überließ ihr die Entscheidung. Sie fühlte sofort, dass ihr in Novigrad etwas Besonderes passieren würde. Und tatsächlich – es passierte etwas Besonderes. Sehr schnell sogar.

Da sich viele Deutsche für Immobilien in Kroatien interessierten, entstanden vor Ort mehrere deutschsprachige Immobilienfirmen, die ihr Geschäft gezielt an deutsche Kunden richteten. In Novigrad gab es zwei oder drei solcher Maklerbüros, die Jahr für Jahr von der wackeligen deutschen Politik und dem schlechten Wetter profitierten. Eine davon war die Firma Ahoj Immobilien, die ihr empfohlen worden war. Die Firma hatte zwar mehrere Mitarbeiter, die sich um den Auftrag der Familie aus Hannover hätten kümmern können – doch ganz unerwartet übernahm der Geschäftsführer selbst die Suche nach einer passenden Immobilie. Schon beim ersten Mal, als sie ihn sah, fühlte sie etwas, das sie seit Langem nicht mehr gefühlt hatte – und mit ihrem Ehemann erst recht nie.

Nach dem Abschluss aller nötigen Formalitäten hatten die Eigentümer der kleinen Villa Herrn Božadi eingeladen, um das zu feiern. Sie war dagegen – doch natürlich meinte ihr Mann, dass man gute Beziehungen pflegen müsse, wie Pflanzen, die man gießt. Blödsinn.

Beim Essen gab es nichts Besonderes – außer, dass Božadi allein erschien, ohne Ehefrau, obwohl auf der Einladungskarte klipp und klar etwas anderes stand. Wenn sie das gewusst hätte! Es war auch zu spät, um zu protestieren, einfach aufzustehen und nach Hause zu gehen. Das extra gekaufte Kleid – schwarz, mit offenen Schultern –, die Frisur, die frisch gemachten Nägel – all das wäre umsonst gewesen. Blöde Männer.

Danach kehrten sie für die Winterpause nach Hannover zurück. Ihr Mann war zwei- oder dreimal vor Ort, um sich um die Reparaturarbeiten an der Villa zu kümmern, und kam jedes Mal mit den unvermeidlichen Grüßen von Božadi zurück. Doch obwohl sie versuchte, Božadi aus ihrem Kopf zu vertreiben, verschwand er zwar – aber nur für kurze Zeit. Es machte ihr ernsthaft Angst, gegen ein solches Phantom zu kämpfen – zumal sie niemanden hatte, mit dem sie darüber sprechen konnte.

Im Frühling begannen Božadis Zauber zu verblassen. Sie fühlte sich bereits befreit; die Tage wurden länger, und in den Umzugsvorbereitungen vergaß sie Božadi völlig. Sie packte Kartons, kümmerte sich um Pflanzen, traf sich mit Freunden und Bekannten, um sich zu verabschieden. Ein Leben, wie sie es sich gewünscht hatte, war nur noch ein paar Wochen entfernt.

Was danach geschah, konnte sie sich nicht mehr genau erinnern – und sie wollte es auch nicht. Fakt war nur, dass sie heute hier an Bord seiner Yacht Ahoj 3 saß und ihm eine Papiertüte überreichte, in der Weintrauben, Brot, Käse und Oliven waren – und auch eine Flasche Wein.


Er setzte sich eine Stufe höher auf die Treppe, legte sanft den Arm um sie und küsste sie auf die Lippen. Er machte das ziemlich gut. Sie fragte sich immer, wer ihm so etwas beigebracht hatte. War es die Frau, die er mehr liebte als sie? War sie hübscher und jünger? Fühlte er noch etwas für die, die vor ihr hier gewesen war – vielleicht auf derselben Yacht? Oder war es seine Frau, die – wie ihr eigener Mann – von der Affäre keine Ahnung hatte? Egal.

Das Leben ist nur ein Augenblick, und Angst hatte sie schon lange keine mehr. Sie fühlte sich bereit, sich ihm ganz hinzugeben, doch spürte sie plötzlich seine Unentschlossenheit.

Sie sah in seine schwarzen Augen und fragte:

Was ist los?“

Nichts Schlimmes. Die Wasserpumpe ist defekt!“

Wasserpumpe?“ – fragte sie vorsichtig. – „Meinst du etwas mit deinem Freund? Das wäre schade. Ich habe Zeit bis Montag. Da hätten wir wirklich Spaß miteinander haben können.“

Nein, nein“, sagte er ernst. „Ich bin völlig gesund. Die Motorwasserpumpe ist kaputt. Sie muss komplett ausgetauscht werden.“

Sie lachte. Er hatte eine ganz eigene Art von Humor – nämlich gar keinen. Alles, was er sagte, war immer direkt, ohne doppelte Bedeutung, ohne Witze, ohne jede Spur von Ironie. Das fand sie lustig. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass er irgendeinen Teil seines Körpers Wasserpumpe nannte – obwohl da vielleicht etwas dran war.

Er zeigte unter die geöffnete Motorhaube. Sie sah, dass ein Teil des Motors fehlte, und sinnlos dicke Wasserschläuche ragten katastrophal aus dem Boden hervor.

Ihr Armen“, sagte sie zu ihm und zum Motor. „Aber warum braucht man überhaupt einen Motor, wenn man Segel hat?“

Solche doofen Fragen durfte sie stellen. Sie durfte alle Fragen stellen und über alles sprechen – über Dinge, über die eine normale Frau mit ihrem Mann nie sprechen würde. Sie durfte alles erzählen: seine Ängste, Träume, Geheimnisse, Gedanken, Wünsche, Hoffnungen, Erinnerungen, Sehnsüchte, Gefühle und Zweifel. Es war erstaunlich zwischen ihnen – dass es keine geschlossenen Türen gab, und noch erstaunlicher war, dass so vieles in ihrem Leben fast gleich oder zumindest ähnlich war.

Hier im Hafen gibt es eine ziemlich starke Strömung“, sagte er. „Altes Flussbett. An der Wasseroberfläche sieht man das nicht, aber sie ist sehr stark. Wenn wir einfach unsere Moorings loslassen würden, triebe es uns schnell aufs offene Meer hinaus – auch ohne Motor und sogar ohne Wind. Das Problem ist nur, dass wir kaum eine Chance hätten, zum Hafen und an den Pier zurückzukehren. Nur mit Motor.“

Wie im Leben“, sagte sie nachdenklich. „Und warum müssen wir überhaupt zum Pier zurückkehren? Wäre es nicht besser, einfach zu segeln – so lange und so weit, wie man kann? Neue Länder zu erkunden, Polyphemos zu besiegen, die Lieder der Sirenen zu hören? Hast du Angst vor den Sirenen?“

Ich habe gar keine Angst“, antwortete er.

Ihr war sicher, dass er noch nie von Polyphemos oder den Sirenen gehört hatte. Aber das fand sie nicht schlimm. Man kann schließlich nicht alles wissen – wie ihr Mann, der vor dem Fernseher locker die Hunderttausend-Euro-Fragen knackt. Und dann?

Und diese Schläuche? Die sehen aus wie gefährliche, giftige Schlangen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich in so einem Dschungel übernachten möchte. Würdest du mich beschützen?“ – Sie blickte wieder in seine Augen.

Klar, sie sind gefährlich. Wenn so ein Schlauch abgeht oder beschädigt wird, bekommen wir Tonnen von Wasser in den Rumpf – innerhalb weniger Minuten.“

So viel?“ Sie strich mit der Rückseite ihrer Hand über seine Lippen. Alles, was sie jetzt wollte, war, seine warmen Hände auf ihrer Brust zu spüren.

Ja, zwei, drei Tonnen – sicher.“

Und was passiert danach?“ – Sie tastete über die Narbe an seinem Hals.

Die Service-Akkus geraten unter Wasser. Also keine elektrischen Bilgepumpen mehr. Mit Handpumpen kannst du es vergessen. Und unter Wasser können wir die Stelle auch nicht schnell abdichten.“

Was bleibt uns dann?“ – Sie strich mit der Hand über seine Wange. Der Rumpf füllte sich mit dem Duft ihres Parfums.

Uns bleibt dann nur, ein Notrufsignal abzusetzen, die Rettungsinsel klarzumachen und das Schiff zu verlassen.“

Dann sind wir gerettet, oder?“ – fragte sie und küsste ihn hinter dem Ohr.

Nein! Die Rettungsinsel ist gerade im Service.“


Am Samstagabend, etwa zwanzig Meilen vor Novigrad, bemerkte die Wache eines brasilianischen Containerschiffs die Spitze eines Segelmasts, der aus dem Wasser ragte. Die anschließende Rettungsaktion und die Ermittlungen ergaben, dass die Yacht während des Schlafs ihres Besitzers selbstständig aus dem Hafen durch die Strömung ins offene Meer getrieben wurde. Vermutlich öffneten sich in der Folge unbemerkt die Seeventile, die sich noch in Reparatur befanden, sodass der Besitzer kein Notsignal mehr absetzen konnte. Die fehlende Rettungsinsel war das letzte Glied in einer Kette tragischer Zufälle. Dabei kam eine Person – der Besitzer der Yacht – ums Leben. Eine weitere weibliche Person, die sich vermutlich in jener Nacht ebenfalls an Bord befand, blieb unbekannt. Von ihr fehlte jede Spur.

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