Kim Stanley Robinson Flucht aus Katmandu

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Für gewöhnlich interessiert mich die Post anderer Leute kaum. Ich meine, wenn man es genau nimmt, ist selbst meine eigene Post nicht gerade das Gelbe vom Ei. Zum größten Teil besteht sie aus Wurfsendungen oder Rechnungen oder bestenfalls aus Briefen wie zum Beispiel Mitteilungen von meiner Schwägerin, für den ganzen Clan fotokopiert. Eine gelegentliche Nachricht von einem Kletterfreund liest sich wie ein Beitrag für das Bergsteigerjournal für Analphabeten. Und da soll man sich die Mühe machen, das Zeug zu lesen, das ein Fremder so bekommt? Sie machen wohl Witze!

Aber irgend etwas an der liegengebliebenen Post im Hotel Star in Katmandu faszinierte mich. Mehrmals täglich pflegte ich dem Staub und Lärm von Alices Zweiter Stadt zu entkommen, indem ich über den sonnigen, gepflasterten Hof des Star ging, die Halle betrat, mir von dem Hindu-Portier, der gerade Dienst hatte — alles nette Burschen —, meinen Schlüssel geben ließ und die schiefe Treppe zu meinem Zimmer hinaufstieg. Und dort, am Fuß der Treppe, war ein großes hölzernes Fächerregal für Briefe an die Wand genagelt und mit Post absolut vollgestopft. Dort mußten zweihundert Briefe und Postkarten liegen — dicke Stapel, blaue Luftpostumschläge, verknitterte Postkarten aus Thailand oder Peru, gewöhnliche Umschläge, beschriftet mit komplizierten Adressen und mit den unterschiedlichsten Stempeln versehen. Alle hingen halb aus den hölzernen Fächern des Regals heraus, alle waren grau vor Staub. Über dem Gestell starrte ein Hochglanzabzug von Ganesch mit seinem traurigen Elefantenblick hinab, als repräsentiere er all die Leute, die diese Briefe abgeschickt hatten, deren Inhalt niemals ihre Empfänger erreichen würden. Wenn ich je unzustellbare Briefe gesehen hatte, dann diese!

Und nach einer Weile hatten sie mich gepackt. Ich wurde neugierig. Zehnmal am Tag ging ich an diesem traurigen Anblick vorbei, der sich niemals änderte — es wurden keine Briefe aus dem Regal genommen und keine hinzugelegt. Welch verschwendete Mühe! Irgendwann einmal waren diese Namen nach Nepal aufgebrochen, eine weite Reise, ganz egal, woher sie kamen. Und zu Hause hatte sich ein Freund oder eine Geliebte die Zeit genommen, sich hinzusetzen und einen Brief zu schreiben, was für mich als Freizeitbeschäftigung genauso erstrebenswert ist, wie mir einen Ziegelstein auf den Fuß fallen zu lassen. Wirklich heldenhaft! »Lieber George Fredericks!« riefen sie. »Wo bist du, wie geht es dir? Deine Schwägerin hat ihr Baby bekommen, und ich gehe wieder auf die Schule. Wann wirst du zurückkommen?« Gezeichnet, treuer Freund, ich denke an dich. Aber George war zum Himalaja aufgebrochen oder hatte sich in einem anderen Hotel eingemietet und nie im Star gewohnt oder war schon nach Thailand, Peru oder wohin auch immer weitergezogen, und die aufrichtige Bemühung, ihn zu erreichen, erfüllt mich mit Niedergeschlagenheit.

Eines Tages kehrte ich selbst ein wenig niedergeschlagen ins Hotel zurück und bemerkte diesen Brief an George Fredericks. Ich sah sie mir einfach mal alle an, Sie wissen schon, aus reiner Neugier. Ich heiße auch George — George Fergusson. Und dieser Brief an George war, abgesehen von Päckchen natürlich, der dickste im ganzen Regal, ganz verstaubt und in der Mitte geknickt. ›George Fredericks — Hotel Star — Bezirk Thamel — Katmandu — NEPAL.‹ Er war mit drei nepalesischen Briefmarken beklebt — der König, Cho Oyo, noch mal der König —, und der Poststempel war wie immer unlesbar.

Langsam, zögernd, schob ich den Brief ins Regal zurück. Ich versuchte, meine Neugier zu befriedigen, indem ich eine Postkarte aus Koh Samui las: ›Hallo! Erinnern Sie sich an mich? Ich mußte im Dezember ausziehen, als ich kein Geld mehr hatte. Ich komme nächstes Jahr zurück. Grüße an Franz und Badim Badur — Michel.‹

Nein, nein. Ich legte die Karte zurück und schleppte mich nach oben. Postkarten sind alle gleich. Erinnern Sie sich an mich? Genau. Aber dieser Brief an George … Er war vielleicht hundertachtzig oder zweihundert Gramm schwer. Bestimmt irgendein episches Schriftwerk. Und anscheinend in Nepal verfaßt, was ihn für mich natürlich noch interessanter machte. Sie müssen wissen, ich hatte den größten Teil der letzten Jahre in Nepal verbracht, hatte Berge bestiegen, als Bergführer gearbeitet und einfach nur herumgehangen; und der Rest der Welt kam mir allmählich ziemlich unwirklich vor. Damals verspürte ich die gleiche Art von Bewunderung für den Einfallsreichtum der Journalisten der International Herald Tribüne wie früher für den der Schreiber des National Enquirer. ›Mein Gott‹, dachte ich, als ich die Schlagzeilen einer Tribbie vor einer Buchhandlung in Thamel überflog und von seltsamen Kriegen, unwahrscheinlichen Gipfeltreffen und bizarren Entführungen las. ›Woher haben sie nur die Phantasie, um sich das alles auszudenken?‹

Aber jetzt eine lange Geschichte aus Nepal. Das war Wirklichkeit. Und adressiert an einen ›Gebrge F.‹. Vielleicht war der Nachname falsch geschrieben? Wäre doch möglich, oder? Und auf jeden Fall wurde daraus, wie der Brief sich bog und der Umschlag zerfiel, eindeutig ersichtlich, daß er schon seit Jahren dort lag. Ein tödlicher Verlust für die Welt, wenn sich nicht jemand seiner erbarmte und ihn las. All diese Qualen der Gefühle, der Gehirnzellen und Fingermuskulatur, alles vergebens. Es war eine verdammte Schande.

Also nahm ich ihn an mich.

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