Steve Whitton Engelsblut

Im Gedenken an KHM.

Du fehlst mir, alter Knabe.


Wahrlich, keiner ist weise,

Der nicht das Dunkel kennt,

Das unentrinnbar und leise

Von allen ihn trennt.

Voll von Freunden war mir die Welt

Als mein Leben noch licht war;

Nun, da der Nebel fällt,

Ist keiner mehr sichtbar.

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Leben ist Einsamsein.

Kein Mensch kennt den andern,

Jeder ist allein.

Hermann Hesse, Im Nebel

Prolog Der Winter der Bestie

In Ancaria sagte man, im Königreich der Hoffnung gebe es keinen Winter. Doch solche Binsenweisheiten konnten nur von jemandem stammen, der daheim bei einem prasselnden Kaminfeuer im Warmen saß, vor sich auf dem Tisch einen dampfenden Braten und ein Maß Met, und sich keine Gedanken darüber machen musste, wie er die nächsten Tage und Nächte überstehen sollte. Davon war Svenja überzeugt. Hier draußen, inmitten des Krüppelmoors, wo einem bei jedem Atemzug feine weiße Wölkchen aus Mund und Nase quollen und klirrender Frost die Natur mit glitzerndem Weiß überzog, sah die Sache anders aus; hier gab es sehr wohl einen Winter, und einiges sprach dafür, dass er diesmal noch härter werden würde als in den vergangenen Jahren. Schon jetzt, Mitte November, blühten morgens große Eisblumen an den Fenstern der kleinen Hütte am Ortsrand von Moorbruch, in der Svenja zusammen mit ihrer Mutter, ihren drei Geschwistern und ihrer Großmutter lebte, und wenn man ohne dicke Socken oder wollene Untergewänder vor die Tür trat, forderte man geradezu heraus, sich den Tod zu holen. Vor allem, wenn man in einem fort Gefahr lief, sich nasse Füße zu holen. Zwar wusste die junge Torfstecherin genau, wo im Moor die Stellen waren, an denen sich nicht genügend Pflanzenmasse abgelagert hatte, um festen Boden zu bilden, doch zumeist reichte ein falscher Schritt, um bis zu den Knöcheln in eiskaltem Brackwasser zu stehen.

Das Krüppelmoor verdankte seinen Namen den verwachsenen Zwergkiefern, die hier und da zwischen den Wasserläufen und Torfablagerungen aufragten wie deformierte Wichtel. Besonders dann, wenn Nebel über dem Gebiet lag, wirkten die Bäume wie jene unglücklichen Sonderlinge, die Svenja vor ein paar Jahren auf dem Jahrmarkt gesehen hatte, der nach Moorbruch gekommen war: missgebildete Menschen und Tiere mit zwei Köpfen oder drei Armen, mit viel zu kurzen Beinen und überdimensional großen Schädeln. Damals, als sie mit ihren beiden jüngeren Schwestern Miri und Helena vor der Bretterbühne gestanden und den Aufmarsch verkrüppelter Männer und Frauen verfolgt hatte, die vom Schicksal mit offenen Hasenscharten, maskenähnlichen Knochenwülsten und Hautwucherungen geschlagen waren, hatte der Anblick sie zugleich abgestoßen und mit tiefer Trauer erfüllt. Was war das für ein Leben, vor aller Welt zur Schau gestellt, damit sich der gemeine Pöbel am Leid dieser armen Seelen ergötzen konnte? Sie war instinktiv froh darüber, selbst besser davongekommen zu sein.

Besonders beeindruckt hatte Svenja ein Dunkelelfen-Baby. Es war laut des Unglaublichen Maleeni – der so etwas wie der Leiter des Jahrmarkts und ein kleiner, ungeheuer dicker Mann mit lauter, tragender Stimme und Segelohren war – unmittelbar nach der Geburt von seiner eigenen Mutter getötet worden; angeblich taten das die Dunkelelfen mit jedem zweiten ihrer Nachkommen, um auf diese Weise noch mehr Seelen für ihren verderbten Totenkult zu sammeln. Das Baby schwamm in einem runden Glasbehälter mit gelblichem Alkohol, ein aufgedunsenes, graues nacktes Etwas mit winzigen Händen und Füßchen. Eigentlich sah es wie ein ganz normales Menschenbaby aus – wären da nicht die spitzen Ohren, die pupillenlosen nachtschwarzen Augen und der unnatürlich lange Unterkiefer gewesen, aus dem Dutzende und Aberdutzende kleiner, spitzer Zähne ragten wie bei einem Raubtier. Es war das erste Mal gewesen, dass Svenja einen Dunkelelfen zu Gesicht bekommen hatte, und sie hatte mindestens eine halbe Stunde dagestanden und das Baby angestarrt. Wochenlang danach hatte Svenja Alpträume gehabt, in denen sie dicht an den Behälter herantrat, sich vorbeugte, um genauer hinzusehen – und das Baby plötzlich mit weit aufgerissenem Maul vorwärts schoss, durch das zersplitternde Glas, um ihr seine kleinen, nadelspitzen Zähne ins Gesicht zu graben. Irgendwann hatten die Träume aufgehört, doch der Anblick des Dunkelelfen-Babys hatte sich in ihre Erinnerung gegraben wie ein glühend heißer Nagel in einen Kupferstich. Das Schlimmste dabei war jedoch nicht der Gedanke an das Baby selbst, das so menschlich aussah und doch von einer so vollkommen anderen Art war als sie selbst; viel schlimmer fand Svenja, dass dieses junge Leben ausgerechnet von seiner eigenen Mutter ausgelöscht worden war, von der Person, die es eigentlich lieben und behüten sollte – das war das wirklich Unmenschliche daran.

Gleichwohl, jetzt, als sie mit weit ausholenden Schritten durch das Moor marschierte, in der rechten Hand eine Schaufel, auf dem Rücken einen Riemenkorb mit frisch gestochenem Torf, schalt Svenja sich eine Närrin, weil sie damals so gedacht hatte. Dunkelelfen waren keine Menschen, sondern bösartige Kreaturen einer anderen, uralten Rasse, beseelt von Mordlust und Barbarei, und es war töricht zu glauben, dass sie imstande waren, Gefühle wie Liebe oder Mitgefühl zu empfinden; wie konnten diese Ungeheuer sonst so grausam zu ihren eigenen Nachkommen sein?

Svenja versuchte, diese Gedanken zu verdrängen, und obwohl sie wie alle anderen wusste, dass die Dunkelelfen die Dunklen Gebiete im Nordosten des Königreichs seit Jahrhunderten nicht verlassen hatten, beschleunigte sie unwillkürlich ihre Schritte, als sie im dichten Unterholz unversehens ein leises Rascheln vernahm, wie von einem Rattenbiber, der sich ins schwarze Wasser des Torfmoors gleiten ließ, um sich sein Abendessen zu fangen.

Svenja fröstelte. Bei Tage hielt der matte, milchige Schein der Sonne die Kälte zumindest halbwegs zurück, doch jetzt, in der Dämmerung, blies ihr der nahende Winter seinen eisigen Atem ins Gesicht, sodass Svenjas Vorfreude auf einen warmen Platz am Feuer mit jedem Schritt in Richtung Moorbruch zunahm. Vermutlich wartete ihre Familie schon ungeduldig auf ihre Rückkehr, denn Svenja hatte sich an diesem Nachmittag ins Moor begeben, um Torf zum Heizen zu stechen; das war für sie als Frau nicht ganz so anstrengend wie mit der Axt in den Wald zu gehen und Brennholz zu schlagen, zumal es im Moor in Hülle und Fülle Torf gab.

Leider war Torf so ziemlich das Einzige, an dem es in dieser abgelegenen Region von Ancaria nicht mangelte – Torf und jede Menge Brennereien, in denen der berühmte Moorbrucher Whiskey destilliert wurde, der durch die Verwendung des Moorwassers beim Brennen seinen ganz eigenen, erdigen Geschmack erhielt. Er wurde im ganzen Königreich geschätzt. Davon abgesehen jedoch lagen die Zeiten, in denen diese Gegend für das Reich von Bedeutung war, lange zurück. Ja, mehr noch: Längst stellten die kleinen Torfstechersiedlungen inmitten der ausgedehnten Moore das Armenhaus Ancarias dar. Wer hier lebte, tat das nicht freiwillig, sondern weil ihm keine andere Wahl blieb.

Svenja war da keine Ausnahme. Ihr größter Traum war, von hier wegzugehen und anderswo ein neues, besseres Leben zu beginnen, doch was hatte eine ungebildete junge Frau wie sie in einer Stadt wie Burg Hohenmut oder Burg Krähenfels schon zu gewinnen? Allenfalls ein Dasein als Straßenmädchen, doch selbst dabei konnte sie nur versagen, weil Svenja noch nie mit einem Mann das Nachtlager geteilt hatte – nicht, weil sie hässlich war oder niemand etwas von ihr wissen wollte, sondern weil sie nach dem Tod ihres Vaters vor einigen Jahren den Großteil der Verantwortung für ihre Familie trug. Bei all der Plage, genügend Essen auf den Tisch zu bekommen, um alle hungrigen Mäuler zu stopfen, war für Herzensangelegenheiten schlichtweg keine Zeit – ganz zu schweigen davon, dass kein Mann, der auch nur halbwegs klaren Verstandes war, sich aus freien Stücken mit einer Frau abgeben würde, die gleich ihre gesamte Sippe mit in die Verbindung brachte. Dabei sehnte sie sich danach, jemanden zu haben, mit dem sie die Last ihres Daseins teilen konnte, der ihr das Gefühl gab, eine Frau zu sein, nicht nur ein Arbeitstier. Doch insgeheim hatte sich Svenja bereits damit abgefunden, dass ihr Leben irgendwann ebenso jungfräulich zu Ende gehen würde, wie es neunzehn Winter zuvor begonnen hatte. Da tröstete es sie kaum, dass sie nicht die Einzige in Moorbruch war, der es so erging ...

Svenja wurde von ihren trübsinnigen Gedanken abgelenkt, als sie aus dem Unterholz erneut ein Geräusch vernahm. Es klang wie ein Rascheln oder Schleifen, als würde sich etwas Großes durch das Wirrwarr aus Nesselsträuchern, Feuchtgras und großblättrigen Sumpffarnen bewegen. Obwohl sie sich einzureden versuchte, dass es hier nichts gab, wovor sie Angst haben musste, hatte sie sofort wieder das Bild des Dunkelelfen-Babys vor sich, das sie voller Gier anstarrte und den Mund zu einem diabolischen Grinsen verzog – ein Grinsen, das zu sagen schien: Ich weiß, dass du dich vor mir fürchtest – und du tust gut daran!

Svenja warf instinktiv einen Blick über die Schulter, doch im Zwielicht der Abenddämmerung, die die Welt in lange Schatten tauchte, war links und rechts des Trampelpfads nichts zu sehen. Und trotzdem bohrte sich der Stachel der Unruhe tief in Svenjas Seele.

„Mach dich nicht lächerlich, Mädchen“, murmelte sie, in der Hoffnung, der Klang ihrer eigenen Stimme würde ihr Mut spenden, doch das ängstliche Zittern in ihren Worten bewirkte eher das Gegenteil. „Es gibt hier weder Dunkelelfen noch irgendetwas anderes, vor dem man sich ängstigen müsste. Sieh nur zu, dass du schleunigst nach Hause ins Warme kommst, bevor du hier draußen erfrierst!“

Mit weit ausholenden Schritten eilte Svenja den Pfad entlang. Der Mond, der in der rasch hereinbrechenden Dunkelheit hoch droben am Firmament hing, zauberte ein verschlungenes Muster aus Licht und Schatten auf den ausgetretenen Weg. Die kahlen Zweige der Krüppelkiefern wiegten sich lautlos in einer eisigen Brise, nichts rührte sich, und auch sonst lastete eine unnatürliche Stille über dem Moor – die jäh unterbrochen wurde, als plötzlich ein Schwärm Krähen, die in der verfilzten Krone einer alten Kastanie ihre Nester hatten, lauthals schimpfend von dem Baum aufstob und als wild flatternde schwarze Wolke vor der Dämmerung aufstieg.

Svenja zuckte erschrocken zusammen. Irgendetwas musste die Vögel aufgescheucht haben. Sie redete sich ein, dass sie selbst es gewesen war, doch dann mischte sich auf einmal ein anderes Geräusch unter das verärgerte Schnattern der Krähen, ein dumpfes, gutturales Grollen, und schlagartig wurde Svenja klar, dass es sehr wohl Grund zur Sorge gab. Denn was auch immer dort durchs Dickicht schlich und dieses Grollen und Rascheln verursachte, war mit Sicherheit kein Rattenbiber und auch kein Moorwaran; diese Tiere verursachten nicht solchen Lärm, sondern bewegten sich lautlos durchs Moor, und sie waren auch bei weitem nicht so groß wie das, was da im Unterholz lauerte ...

... und mir folgt, dachte Svenja, verzweifelt bemüht, ihre Panik zu unterdrücken. O lieber Gott, es folgt mir!

Wie zur Bestätigung kam das Rascheln näher, und für einen Moment glaubte die junge Torfstecherin, ein rhythmisches, irgendwie saugendes Geräusch zu vernehmen, als würde der Wind durch die verwinkelten Erker eines alten Gemäuers streichen. Im ersten Augenblick vermochte Svenja sich darauf keinen Reim zu machen, doch dann erkannte sie, was sie da hörte.

Atemgeräusche.

Das war zu viel für Svenja. Von einer Sekunde zur anderen verwandelte sich ihre Unruhe in Hysterie. Eigentlich war sie stets der Meinung gewesen, kein übermäßig ängstlicher Mensch zu sein – dafür hatte sie in ihrem Leben hier im Moor schon zu viel gesehen und erlebt –, doch jetzt packte die Furcht ihr Herz wie eine eiserne Klaue und drückte unbarmherzig zu, und auf einmal war in Svenjas Verstand nur noch Platz für einen einzigen Gedanken.

Weg hier – so schnell wie möglich weg!

Svenja fing an zu laufen. Das dumpfe Trampeln ihrer Stiefel auf dem Boden vermischte sich mit dem Keuchen ihres Atems und dem Pochen ihres Herzens. All ihre Sinne waren auf ihre Umgebung gerichtet, auf das Rascheln im Unterholz, das zunehmend lauter wurde, und vor ihrem inneren Auge flammte das Bild eines Schwarzbären auf, der auf allen vieren durchs Moor hetzte, die Augen vor Tollwut gerötet, blutigen Schaum vor dem Maul. Doch soweit Svenja wusste, gab es in der Gegend um Moorbruch schon seit drei Generationen keine Bären mehr ...

Sie schob den Gedanken beiseite und lief weiter, lief so schnell sie konnte, doch schon nach einem halben Kilometer schlug ihr das Herz bis zum Hals, und kurz darauf kam das Seitenstechen, erst leicht, dann schnell heftiger werdend. Svenja zwang sich, ruhiger zu atmen und den Schmerz zu ignorieren. Als sie dann in Panik über die Schulter blickte, sah sie, wie fünfzig Meter hinter ihr ein Schatten aus dem Unterholz brach, groß und bullig, beinahe so hoch wie sie selbst, mit einem wuchtigen, riesigen Schädel, der halb im Zwielicht verborgen lag, als hätte selbst der Mond Angst, zu viel von dieser ungeheuerlichen Kreatur zu enthüllen.

Bei den Alten Göttern, was war das für ein Wesen?

Svenja vermochte es nicht zu sagen. Sie hatte dergleichen noch nie zuvor gesehen. Doch eins stand zweifelsfrei fest: Es war hinter ihr her, hinter ihr allein, da gab es kein Vertun!

Dieser Gedanke trieb Svenja weiter vorwärts. Farnwedel und Nesseln peitschten gegen ihre Beine, als der Pfad ein Stück weiter vorn über eine kleine Anhöhe führte und dahinter abrupt schmaler wurde, sodass die Äste der Büsche und Sträucher halb auf den Weg ragten, während sich jenseits davon die schwarzbraune Fläche des Moores abzeichnete, die vom Schein des aufgehenden Mondes in ein stumpfes silbriges Licht getaucht wurde. Hier und da stiegen mit leisem Blubbern Luftblasen an die Oberfläche, wo Pflanzen im Brackwasser verrotteten, und aus den Augenwinkeln heraus sah Svenja, dass rechts von ihr der auffällig geformte Felsen aufragte, den die Menschen in dieser Gegend seit Jahr und Tag den „Teufelsfelsen“ nannten. Wind, Regen und der Zahn der Zeit hatten den gut zehn Meter hohen Felsen so bearbeitet, dass er mit ein wenig gutem Willen an einen Schädel erinnerte – mit tief eingefallenen Augenhöhlen, hervorstehender Nase und zwei Hörnern, die aus der fliehenden Stirn in den Nachthimmel ragten. Eine verkrüppelte Kiefer wuchs auf dem Teufelsfelsen, hatte ihre Wurzeln in das schwarze Gestein gekrallt, und Svenja wusste, dass von hinten her eine Art Pfad auf den Felsen und zur Kiefer führte. Die Alten in Moorbruch erzählten, dass die Dunkelelfen hier vor langer Zeit grausame heidnische Rituale durchgeführt hatten, um ihren schrecklichen Göttern zu huldigen. Trotzdem spendete der Anblick des Teufelsfelsens Svenja neue Kraft, denn der Felsen war allenfalls einen Kilometer vom östlichen Rand von Moorbruch entfernt, und das hieß, dass sie nur noch ein paar Minuten durchhalten musste, dann war sie in Sicherheit vor dem, was auch immer ihr da auf den Fersen war und mit jeder Sekunde näher kam ...

Der Pfad wand sich am Fuß des Teufelsfelsens vorbei nach Osten, wo Moorbruch lag. Svenja folgte dem Weg in den Schatten des Felsens, doch je schneller sie lief, desto unerträglicher wurde das Seitenstechen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie noch immer den Weidenkorb mit dem Torf auf dem Rücken trug, und ohne innezuhalten, streifte sie sich die Tragriemen von den Schultern und ließ den Korb achtlos zu Boden fallen. Torfbrocken rollten ihr zwischen die Füße und brachten sie ins Straucheln. Svenja drohte zu fallen und stolperte mit einem entsetzten Keuchen nach vorn. Der weit hervorstehende Ast einer Krüppelkiefer traf sie ins Gesicht und brachte ihr unmittelbar unter dem linken Auge eine kleine Wunde bei, doch Svenja spürte den Schmerz kaum. Im letzten Moment gelang es ihr, sich wieder zu fangen; sie stützte sich kurz am borkigen Stamm eines Baums ab und taumelte mehr, als dass sie lief, weiter. Sie merkte, wie ihre Kräfte mit jedem Schritt nachließen, und widerstand dem Drang, sich erneut nach dem Ding umzusehen, das sie durchs Moor jagte; das war auch überhaupt nicht nötig, denn ihre Ohren verrieten ihr auch so, dass ihr Verfolger noch da war – und unbarmherzig zu ihr aufschloss ...

Verfolgt vom Trappeln schneller, krallenbewehrter Pfoten, lief Svenja aus dem Schatten des Teufelsfelsens heraus und auf den Waldrand zu. Dahinter lagen die Hütten und Häuser von Moorbruch. Sie presste eine Hand fest in ihre Hüfte, um das Seitenstechen zu lindern, doch ohne Erfolg; die Pein, die sich bei jedem Schritt durch ihren Leib fraß, trieb ihr die Tränen in die Augen. Alles, woran sie denken konnte, war, dass sie leben wollte; sie wollte ihr kleines bescheidenes Leben im Kreise ihrer Familie führen, denn gleichgültig, wie armselig und hart das auch war, es war immerhin ein Leben und damit allemal besser als der Tod. Alles war besser als der Tod ...

Vor ihr tauchten aus dem Zwielicht der Abenddämmerung die Lichter von Moorbruch auf, verschwommene Flecken aus Helligkeit vor dem dunklen Hintergrund des Waldes. Nur noch vierhundert Meter, dann hatte sie es geschafft, bloß noch vierhundert Schritte ...

Hinter ihr wurde der rasselnde Atem ihres Verfolgers immer lauter. Jetzt war das Geräusch der trappelnden Pfoten dicht hinter ihr, und obwohl ihr Verstand ihr befahl, es nicht zu tun, warf die junge Frau beim Laufen einen flüchtigen Blick über die Schulter – genau in dem Moment, als sich der wuchtige, gedrungene Schatten des Dings hinter ihr vom Boden löste und einen riesigen Satz nach vorn machte. Plötzlich war die Kreatur nur noch zehn Schritte hinter ihr, beinahe so groß wie ein Bär, und als das Wesen erneut mit einem aggressiven Knurren zum Sprung ansetzte, wurde Svenja mit grauenvoller Klarheit bewusst, dass sie nicht entkommen würde, egal, wie schnell sie lief.

Sie hatte Recht.

Als die Lichter von Moorbruch noch dreihundert Schritte entfernt waren und sich am Rande des Orts bereits die Umrisse von Svenjas Heim aus dem Dämmerlicht schälten, schwoll das dumpfe Knurren der Kreatur zu einem lauten hungrigen Fauchen an. Svenja glaubte, einen warmen, nach altem Fleisch stinkenden Atemhauch im Nacken zu spüren. Dann nahm sie einen leichten Luftzug wahr, als das Ungetüm direkt hinter ihr auf dem Boden aufsetzte. Im nächsten Augenblick traf sie ein brutaler Hieb in den Rücken, der ihr schlagartig alle Luft aus ihren pfeifenden Lungen trieb. Sie hatte nicht einmal mehr Atem zu schreien, als sie wie eine Strohpuppe nach vorn geschleudert wurde.

Der Aufprall war hart. Ihr verschwitztes Antlitz presste sich schmerzhaft in die feuchte, stinkende Moorerde neben dem Pfad, und für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen. Benommen wälzte sich Svenja auf den Rücken, nur halb bei Sinnen. Torf und Kiefernnadeln klebten auf ihren schmutzigen Wangen, in die ihre Tränen weiße Bahnen des Kummers wuschen. Durch einen trüben roten Schleier starrte sie zum Himmel empor, und es dauerte eine Weile, bis sie wieder klar genug im Kopf war, um sich zu erinnern, was vorging, und gemeinsam mit der Erinnerung schwappte die Hysterie über sie hinweg wie eine dunkle, alles mit sich fortreißende Woge.

Panisch richtete sich Svenja auf und spähte in die Dunkelheit, während sie, noch halb am Boden liegend, auf allen vieren rückwärts krabbelte. Ihre weit aufgerissenen Augen glitten suchend hin und her; die Furcht zerriss den Nebel der Benommenheit und schärfte ihre Sinne, doch die Kreatur war nirgends zu sehen.

Der Pfad lag verlassen da.

Svenja ließ ängstlich den Blick schweifen, aber von dem Wesen, das sie eben angegriffen hatte, fehlte jede Spur. Zögernd fasste die junge Frau wieder Hoffnung. Vermutlich hatte die Nähe von Moorbruch das Geschöpf verjagt oder irgendetwas anderes, doch egal, was es gewesen sein mochte, Svenja war dankbar dafür.

Sie rappelte sich hastig auf, wandte sich um – und sah gerade noch, wie eine riesige Pranke auf sie zuschoss.

Es war das Letzte, was die junge Frau in ihrem Leben sah. Sie schaffte es nicht einmal zu schreien ...

Dafür erhob sich die Kreatur über ihrem Opfer, legte den massigen Schädel weit zurück in den Nacken und heulte den Mond an, ein schauerliches, düsteres Triumphgeheul, das wie ein unheilvolles Vorzeichen über das Land hallte und verkündete, dass der Tod nach Moorbruch gekommen war, um jene mit sich zu nehmen, die für Größeres bestimmt waren.

Der Winter der Bestie war angebrochen ...

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