Eins

Die »Kindertotenlieder« werden normalerweise in ihrer Originalsprache Deutsch gesungen, doch die junge Mezzosopranistin Elizabeth Wulfstan befürchtete, daß dem englischen Publikum bei einem Konzert Wesentliches verlorengeht, weil die meisten Zuhörer den Inhalt nur anhand eines Programmhefts verstehen können. Da sie keine Übersetzung des Liederzyklus fand, die ihr gefiel, dichtete sie selbst eine, wobei sie nicht zögerte, hin und wieder auf ihr Yorkshire-Idiom zurückzugreifen.

Die Texte stammen ursprünglich von dem deutschen Dichter Friedrich Rückert (1788–1866), der nach dem Tod seines Sohnes über vierhundert Klagegedichte verfaßte – manche davon handeln speziell von seinem Schicksal, manche vom Tod allgemein. Gustav Mahler wählte fünf der Gedichte für seinen Liederzyklus aus. Sein Interesse bei der Bearbeitung galt in erster Linie der Kunst und Phantasie. Als er im Jahre 1901 damit begann, war er unverheiratet und kinderlos. Als er den Zyklus 1905 beendete, hatte er Alma Schindler geheiratet und zwei Kinder mit ihr. Nach ihrer Geburt konnte Alma seine fortwährende Besessenheit von den Rückert-Gedichten nicht verstehen, und abergläubisch sah sie darin eine leichtsinnige Versuchung des Schicksals. Der Tod ihrer ältesten Tochter durch Scharlach im Jahr 1907 schien ihre schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen.

I

Nun will die Sonn’ so hell aufgeh’n,


Als sei kein Unglück die Nacht gescheh’n.


Das Unglück geschah nur mir allein,


Die Sonne, sie scheinet allgemein.



Du mußt nicht die Nacht in dir verschränken,


Mußt sie ins ew’ge Licht versenken.


Ein Lämplein verlosch in meinem Zelt,


Heil sei dem Freudenlicht der Welt!

And now the sun will rise as bright


As though no horror had touched the night.


The horror affected me alone.


The sunlight illumines everyone.




You must not dam up that dark infernal,


But drown it deep in light eternal!


So deep in my heart a small flame died.


Hall to the joyous morningtide!

II

Nun seh’ ich wohl, warum so dunkle Flammen


Ihr sprühet mir in manchem Augenblicke,


O Augen!


Gleichsam um voll in einem Blicke


Zu drängen eure ganze Macht zusammen.


Doch ahnt’ ich nicht, weil Nebel mich umschwammen,


Gewoben von verblendendem Geschicke,


Daß sich der Strahl bereits zur Heimkehr schicke,


Dorthin, von wannen alle Strahlen stammen.



Ihr wolltet mir mit eurem Leuchten sagen:


Wir möchten nah dir bleiben gerne,


Doch ist uns das vom Schicksal abgeschlagen.


Sieh uns nur an, denn bald sind wir dir ferne!


Was dir nur Augen sind in diesen Tagen,


In künft’gen Nächten sind es dir nur Sterne.

At last I think I see the explanation


Of those dark flames in many glances burning.


Such glances!


As though in just one look so burning


You’d concentrate your whole soul’s conflagration.


I could not guess, lost in the obfuscation


Of blinding fate which hampered all descerning,


That even then your gaze was homeward turning,


Back to the source of all illumination.




You tried with all your might to speak this warning:


Though all our love is focused on you,


Yet our desires must bow to Fate’s strict bourning.


Look on us now for soon we must go from you.


These eyes that open brightly every morning


In nights to come as stars will shine upon you.

III

Wenn dein Mütterlein


Tritt zur Tür herein


Und den Kopf ich drehe,


Ihr entgegensehe,


Fällt auf ihr Gesicht


Erst der Blick mir nicht,


Sondern auf die Stelle


Näher nach der Schwelle,


Dort wo würde dein


Lieb Gesichtchen sein,


Wenn du freudenhelle


Trätest mir herein


Wie sonst, mein Töchterlein.



Wenn dein Mütterlein


Tritt zur Tür herein


Mit der Kerze Schimmer,


Ist es mir, als immer


Kämst du mit herein,


Huschtest hinterdrein


Als wie sonst ins Zimmer.


O du, des Vaters Zelle,


Ach zu schnelle


Erlosch’ner Freudenschein!

When your mother dear


to my door draws near,


And my thoughts all centre


there to see her enter


Not on her sweet face


first off falls my gaze


But a little past her seeking


something after


There where your own dear


features would appear


Lit with love and laughter


bringing up the rear


As once my daughter dear.




When your mother dear


to my door draws near,


Then I get the feeling


you are softly stealing


With the candle’s clear


gentle flame in here,


Dancing on my ceiling!


O light of love and laughter!


Too soon put out to leave


me dark and drear.

IV

Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen!


Bald werden sie wieder nach Hause gelangen!


Der Tag ist schön! O sei nicht bang!


Sie machen nur einen weiten Gang.



Jawohl, sie sind nur ausgegangen


Und werden jetzt nach Hause gelangen.


O sei nicht bang, der Tag ist schön!


Sie machen nur den Gang zu jenen Höh’n!



Sie sind nur vorausgegangen


Und werden nicht wieder nach Hause verlangen!


Wir holen sie ein auf jenen Höh’n im Sonnenschein!


Der Tag ist schön auf jenen Höh’n!

I often think they’ve only gone out walking


And soon they’ll come homewards all laughing and talking.


The weather’s bright! Don’t look so pale.


They’ve only gone for a hike updale.




Oh, yes, they’ve only gone out walking,


Returning now, all laughing and talking.


Don’t look so pale! The weather’s bright.


They’ve only gone to climb up Beulah Height.




Ahead of us they’ve gone out walking


But shan’t be returning all laughing and talking.


We’ll catch up with them on Beulah Height


In bright sunlight. The weather’s bright on Beulah Height.

V

In diesem Wetter, in diesem Braus,


Nie hätt’ ich gesendet die Kinder hinaus;


Man hat sie getragen hinaus,


Ich durfte nichts dazu sagen.



In diesem Wetter, in diesem Saus,


Nie hätt’ ich gelassen die Kinder hinaus;


Ich fürchtete, sie erkranken,


das sind nun eitle Gedanken.



In diesem Wetter, in diesem Graus,


Nie hätt’ ich gelassen die Kinder hinaus;


Ich sorgte, sie stürben morgen,


Das ist nun nicht zu besorgen.



In diesem Wetter, in diesem Braus,


Nie hätt’ ich gesendet die Kinder hinaus;


Man hat sie getragen hinaus,


Ich durfte nichts dazu sagen.



In diesem Wetter, in diesem Saus, in diesem Braus,


Sie ruh’n als wie in der Mutter Haus,


Von keinem Sturme erschrecket,


Von Gottes Hand bedecket.

In such foul weather, in such a gale,


I’d never have sent them to play up the dale!


They were dragged by force or fear.


Nought I said could keep them here.




In such foul weather, in sleet and hail,


I’d never have let them play out in the dale.


I was feart they’d take badly.


Now such fears I’d suffer gladly.




In such foul weather, in such a bale,


I’d never have let them play out in the dale


For fear they might die tomorrow.


That’s no more source of my sorrow.




In such foul weather, in such a bale,


I’d never have sent them to play up the dale.


They were dragged by force or fear.


Nought I said could keep them here.




In such foul weather, in such a gale, in sleet and hail,


They rest as if in their mother’s house,


By no foul storm confounded,


By God’s own hands surrounded,


They rest as their mother’s house.

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