Nur drei Menschen schlafen allein: ich, Madame Berthe und Chantal Prym.«
»Bieten Sie sich selber als Opfer an?«
»Alles zum Wohl des Ortes.«
Die ändern fünf waren erleichtert, merkten plötzlich, daß der Samstag sonnig war, daß ihr Vorhaben kein Verbrechen war, sondern nur ein Martyrium. Die Anspannung in der Sakristei verschwand wie durch Zauberhand, und die Wirtin hätte diesem Heiligen am liebsten die Füße geküßt.
»Bleibt nur eins«, fuhr der Priester fort, »nämlich die anderen davon zu überzeugen, daß es keine Todsünde ist, einen Gottesmann zu töten.«
»Erklären Sie das mal Bescos!« meinte der Bürgermeister aufgeregt, der bereits an die verschiedenen Veränderungen dachte, die er durchführen wollte, an die Werbung, die er in den regionalen Zeitungen schalten würde, wie er die Steuern senken und neue Investoren ködern, wie er den Tourismus ankurbeln und Umbauten im Hotel unterstützen wollte, mitsamt einem neuen Telefonkabel, das nicht mehr so störanfällig wäre.
»Ich kann's nicht tun«, sagte der Priester. »Die Märtyrer ließen es immer mit sich geschehen, wenn das Volk sie töten wollte.
Aber sie forderten niemals ihren eigenen Tod heraus, denn die Kirche hat immer gesagt, das Leben sei ein Geschenk Gottes.
Ihr müßt es ihnen klarmachen.«
»Niemand wird das glauben. Sie werden uns für ruchlose Mörder halten, weil wir für Geld einen heiligen Mann umbringen wollen, wie Judas es mit Christus getan hat.«
Der Priester zuckte mit den Schultern. Die Sonne hatte sich hinter einer Wolke versteckt, und in der Sakristei herrschte erneut eine angespannte Atmosphäre. »Dann bleibt eben nur noch Madame Berthe«, meinte der Ländereienbesitzer.
Nach längerem Schweigen ergriff der Priester das Wort.
»Diese Frau muß sich seit dem Tod ihres Mannes sehr allein fühlen. Sitzt jahraus, jahrein bei Wind und Wetter vor ihrer Tür und langweilt sich. Sie tut nichts, außer daß sie sich nach ihrem Mann sehnt. Auch kommt's mir so vor, als wäre die Arme allmählich nicht mehr richtig im Kopf, denn wenn ich da vorbeikam, habe ich sie schon öfter Selbstgespräche führen hören.«
Wieder ging ein Windstoß durch die Sakristei, und die dort Versammelten erschraken, denn die Fenster waren geschlossen.
»Sie hatte in den letzten Jahren ein sehr trauriges Leben«, meinte die Wirtin. »Ich glaube, sie würde viel darum geben, zu ihrem geliebten Mann zu kommen. Sie waren vierzig Jahre lang verheiratet, wußten Sie das?«
Alle wußten es, aber es tat nichts zur Sache.
»Eine alte Frau, die am Ende ihres Lebens steht«, fügte der Ländereienbesitzer hinzu. »Die einzige in diesem Ort, die nichts Wichtiges tut. Einmal habe ich sie gefragt, warum sie selbst im Winter immer vor dem Haus sitzt. Und wißt ihr, was sie geantwortet hat? Daß sie aufs Dorf achtgeben muß, damit sie merkt, wenn das Böse uns heimsucht.«
»Dabei hat sie allerdings gründlich versagt.«
»Ganz im Gegenteil«, entgegnete der Priester. »Ihrer Unterhaltung entnehme ich, daß derjenige, der das Böse hereingelassen hat, auch dafür sorgen muß, daß es wieder geht.«
Erneutes Schweigen, und allen war klar, daß das Opfer erwählt worden war.
»Es gibt da nur noch ein letztes Detail«, meinte die Bürgermeistersfrau. »Wir wissen bereits, wann das Opfer zum Wohl der Bevölkerung dargebracht werden wird. Wir wissen bereits, wer das Opfer ist. Durch dieses Opfer wird eine gute Seele in den Himmel aufsteigen und glücklich werden, anstatt auf dieser Erde zu leiden. Die Frage ist nur, wie gehen wir dabei vor?«
»Sehen Sie zu, daß Sie mit allen Männern in der Stadt sprechen«, sagte der Priester zum Bürgermeister. »Und berufen Sie für neun Uhr abends eine Versammlung auf dem Platz ein. Ich glaube, ich weiß, wie wir's machen. Kommen Sie kurz vor neun hier vorbei, dann können wir ungestört reden.«
Dann bat er die Wirtin und die Bürgermeistersfrau, während der Versammlung zu Berthe zu gehen und mit ihr zu reden. Obwohl die alte Frau abends nie das Haus verließ, war Vorsicht geboten.
Chantal kam pünktlich in die Bar. Es war niemand da.
»Auf dem Platz findet eine Versammlung statt«, meinte die Hotelbesitzerin. »Aber nur für die Männer.«
Mehr brauchte sie nicht zu sagen. Chantal wußte bereits, was dort geschah.
»Hast du das Gold wirklich gesehen?«
»Ja, aber Sie sollten den Fremden bitten, es hierherzubringen.
Es könnte ja sein, daß er sofort verschwindet, nachdem er bekommen hat, was er will.«
»Er ist doch nicht verrückt!«
»O doch.«
Die Wirtin hielt das für eine ausgezeichnete Idee. Sie ging hinauf zum Zimmer des Fremden und kam nach zehn Minuten wieder herunter.
»Er ist einverstanden. Er sagt, es sei im Wald versteckt und er werde es morgen holen.«
»Ich glaube, heute brauche ich nicht zu arbeiten.«
»Doch. Das ist Teil deines Vertrages.«
Sie wußte nicht, wie sie ansprechen sollte, was sie am Nachmittag diskutiert hatten, aber sie wollte sehen, wie die junge Frau reagierte. »Ich bin von all dem schockiert«, sagte sie. »Gleichzeitig ist mir klar, daß die Leute es sich zehnmal überlegen müssen, ehe sie etwas tun.«
»Sie können es zwanzig-, zweihundertmal überlegen und werden nicht den Mut dazu haben.«
»Mag sein«, räumte die Wirtin ein, »wenn sie's aber trotzdem beschließen, was würdest du dann machen?«
Die Wirtin wollte sie aushorchen, und Chantal merkte, daß der Fremde der Wahrheit näher war als sie, die schon so lange in Bescos lebte. Eine Versammlung auf dem Platz! Schade, daß der Galgen abgebaut worden war.
»Was würdest du tun?«
»Ich kann diese Frage nicht beantworten«, sagte sie, obwohl sie genau wußte, was sie täte. »Ich will dazu nur sagen, daß Böses nie Gutes bringt. Das habe ich heute nachmittag selber erlebt.«
Der Wirtin behagte es gar nicht, daß Chantal sich über ihre Anordnungen hinwegsetzen wollte, sie fand es jedoch ratsamer, sich nicht mit der jungen Frau anzulegen. Unter dem (angesichts des einzigen Hotelgastes reichlich lächerlichen) Vorwand, ihre Buchhaltung auf Vordermann bringen zu müssen, ging sie hinaus und ließ Chantal allein in der Bar zurück. Sie war beruhigt. Chantal Prym begehrte in keiner Weise auf, selbst nicht, als sie die Versammlung auf dem Platz erwähnt und ihr so gezeigt hatte, daß in Bescos etwas Ungewöhnliches passierte. Die junge Frau brauchte Geld, sie hatte das Leben noch vor sich und würde bestimmt ihren Jugendfreunden folgen und Bescos verlassen.
Und wenn sie schon nicht mitmachen wollte, so hatte sie doch offenbar auch nicht vor einzugreifen.
Priester nahm ein frugales Abendessen zu sich und setzte sich dann auf eine der Kirchenbänke. Der Bürgermeister würde in wenigen Minuten kommen.
Er betrachtete die weiß gekalkten Wände, den Altar, den kein wichtiges Kunstwerk zierte, sondern nur billige Kopien von Heiligen, die in grauer Vorzeit da gewohnt hatten. Das Volk von Bescos war nie sehr fromm gewesen, obwohl der heilige Savinus für die Blüte des Ortes eine große Rolle gespielt hatte.
Doch die Leute vergaßen Savinus und dachten lieber an Ahab, an die Kelten und an tausenderlei Bauernlegenden und begriffen nicht, daß sie, um erlöst zu werden, nur einfach Jesus als den einzigen Retter der Menschheit akzeptieren mußten.
Stunden zuvor hatte er sich selbst als Märtyrer zur Verfügung gestellt. Das war ein riskanter Spielzug gewesen, mit dem er auch ernst gemacht hätte, wenn die Leute nicht so oberflächlich, so leicht zu manipulieren gewesen wären.
>Stimmt nicht ganz. Oberflächlich schon, aber nicht so leicht zu manipulieren.< Schließlich hatten sie ihn durch ihr Schweigen und durch allerlei rhetorische Schliche so weit gebracht, daß er aussprach, was sie hören wollten: Das Opfer, das Erlösung bringt; das Opfer, das errettet; die Ruinen, aus denen neuer Glanz ersteht. Zugegeben, nach außen hin hatte er sich von ihnen für ihre Zwecke mißbrauchen lassen, doch im Grunde hatte er nur gesagt, was er selber glaubte.
Er war von früh an auf eine Priesterlaufbahn hin erzogen worden, und es war seine wahre Berufung. Mit 21 Jahren wurde er bereits zum Priester geweiht und beeindruckte alle durch seine Gabe des Wortes und durch die Fähigkeit, seine Gemeinde zu führen. Er betete jede Nacht, stand den Kranken bei, besuchte die Zuchthäuser, gab den Hungernden zu essen, genau wie es die Bibel verlangte. Allmählich verbreitete sich sein Ruf in der Region und kam dem Bischof zu Ohren, einem Mann, der für seine Weisheit und seinen Gerechtigkeitssinn bekannt war.
Dieser hatte ihn mit ein paar anderen jungen Priestern zu einem Abendessen eingeladen. Sie aßen, redeten über verschiedenes, und am Ende erhob sich der Bischof, der schon alt war und kaum noch gehen konnte, um allen reihum Wasser einzuschenken. Alle hatten abgelehnt, außer ihm, der das Glas randvoll gießen ließ. Einer der Priester flüsterte so laut, daß der Bischof ihn hören konnte: »Wir haben alle das Wasser abgelehnt, weil wir wissen, daß wir unwürdig sind, aus den Händen dieses heiligen Mannes zu empfangen. Nur einer hat das Opfer nicht begriffen, das unser Superior bringt, indem er mit der schweren Flasche herumgeht.«
Als er wieder an seinem Platz saß, sagte der Bischof:
»Ihr, die ihr mich für heilig haltet, hattet nicht die Demut, etwas zu empfangen, und ich hatte nicht die Freude, etwas zu geben.
Er hat nur geholfen, daß sich das Gute zeigen konnte.«
Daraufhin hatte ihn der Bischof umgehend in eine wichtigere Gemeinde berufen.
Die beiden blieben Freunde und sahen sich häufig. Immer wenn er Zweifel hatte, wandte er sich an den, den er seinen
»geistigen Vater« nannte, und war zumeist mit den Antworten zufrieden. Eines Nachmittags jedoch war er voller Zweifel zum Bischof gegangen, weil er nicht wußte, ob sein Leben und Trachten gottesfürchtig genug waren.
»Abraham nahm die Fremden auf, und Gott war es zufrieden«, war die Antwort gewesen. »Elias liebte die Fremden nicht, und Gott war es zufrieden. David war stolz auf das, was er tat, und Gott war es zufrieden. Der Zöllner vor dem Altar schämte sich dessen, was er tat, und Gott war es zufrieden. Johannes der Täufer ging in die Wüste, und Gott war es zufrieden. Paulus ging in die großen Städte des Römischen Reiches, und Gott war es zufrieden. Wie soll ich wissen, was dem Allmächtigen Freude bereitet? Tu, was dein Herz dir sagt, und Gott wird es zufrieden sein.«
Am Tag nach diesem Gespräch starb der Bischof, sein großer spiritueller Mentor, an einem heftigen Herzanfall. Der Priester deutete den Tod des Bischofs als Zeichen und folgte fortan, wie dieser empfohlen hatte, einzig seinem Herzen. Manchmal gab er ein Almosen, manchmal hieß er die Leute arbeiten gehen. Er hielt abwechselnd ernste Predigten und sang gemeinsam mit den Gläubigen. Sein neues Verhalten kam dem neuen Bischof zu Ohren, der ihn zu sich rief. Er war höchst überrascht, als er im Bischofspalast denjenigen vorfand, der ein paar Jahre zuvor die Bemerkung über das Wasser gemacht hatte.
»Ich weiß, Sie stehen heute einer wichtigen Gemeinde vor«, sagte der neue Bischof hämisch. »Und daß Sie in all diesen Jahren zu einem großen Freund meines Vorgängers geworden sind. Vielleicht sogar dieses Amt angestrebt haben.«
»Nein«, hatte er geantwortet. »Ich strebe Weisheit an.«
»Dann werden Sie jetzt ein sehr gebildeter Mann sein. Aber ich habe merkwürdige Geschichten über Sie gehört: Manchmal geben Sie Almosen, und manchmal verweigern Sie die Hilfe, die unsere Kirche geben muß.«
»Meine Hose hat zwei Taschen, in jeder steckt ein Blatt Papier, und ich stecke Geld nur in meine linke Tasche.«
Der neue Bischof war von dieser Geschichte verwirrt. Was stand auf den Papieren?
»Auf dem Papier in der rechten Tasche steht: Ich bin nichts ah Staub und Asche. Auf dem in der linken Tasche, in der ich auch mein Geld verwahre, steht: Ich bin einer, durch den Gott sich auf Erden offenbart. Wenn ich Elend und Ungerechtigkeit sehe, stecke ich meine Hand in die linke Tasche und helfe. Wenn ich Faulheit und Trägheit sehe, stecke ich die Hand in die rechte Tasche und stelle fest, daß ich nichts zu geben habe. So gelingt es mir, die materielle und die spirituelle Welt im Gleichgewicht zu halten.«
Der neue Bischof dankte für dieses schöne Bild der Barmherzigkeit und hieß ihn wieder in seine Gemeinde zurückkehren. Im übrigen habe er vor, die ganze Region neu zu strukturieren. Kurz darauf erhielt der Priester Nachricht von seiner Entsendung nach Bescos.
Er verstand die Botschaft sofort: Neid. Aber er hatte das Versprechen abgegeben, Gott wo auch immer zu dienen, und machte sich voller Demut und Eifer auf den Weg nach Bescos.
Dies war eine neue Herausforderung, der es gerecht zu werden galt. Ein Jahr verging. Und noch eines. Nach fünf Jahren war es ihm noch immer nicht gelungen, mehr Gläubige in die Kirche zu holen, sosehr er sich auch bemühte. In Bescos ging ein Gespenst mit Namen Ahab um, und der Priester konnte predigen, was und wie er wollte, er konnte gegen die alten Legenden nichts ausrichten.
Zehn Jahre vergingen. Am Ende des zehnten Jahres begriff er seinen Irrtum: Seine Suche nach Weisheit hatte sich in Arroganz verkehrt. Er war so überzeugt von der göttlichen Gerechtigkeit, daß er sie nicht mit der Kunst der Diplomatie zu vereinen wußte. Er vermeinte, in einer Welt zu leben, in der Gott allgegenwärtig ist, und hatte sich inmitten von Leuten wiedergefunden, die Ihn häufig nicht in ihre Herzen ließen.
Nach fünfzehn Jahre begriff er, daß er niemals von hier wegkommen würde: Der neue Bischof war inzwischen ein einflußreicher Kardinal im Vatikan, dem große Chancen nachgesagt wurden, dereinst zum Papst gewählt zu werden.
Konnte er sich da leisten, daß ein hinterwäldlerischer Priester daherkam und ausplauderte, daß er ihn einst aus Neid in die Provinz verbannt hatte?
Inzwischen hatte sich der Priester vom vollkommenen Fehlen von Anreizen bereits anstecken lassen - niemand widersteht so vielen Jahren der Gleichgültigkeit. Er dachte, er wäre Gott nützlicher gewesen, wenn er beizeiten das Priesteramt aufgegeben hätte. Aber er hatte diese Entscheidung immer wieder aufgeschoben, weil er stets glaubte, die Lage würde sich ändern, und jetzt war es zu spät, und er hatte den Kontakt zur Welt verloren.
Zwanzig Jahre später schreckte er eines Nachts völlig verzweifelt aus dem Schlaf hoch. Sein Leben war vollkommen nutzlos gewesen. Er wußte, wessen er alles fähig war und wie wenig er hatte umsetzen können. Er erinnerte sich an die beiden Blatt Papier, die er in seine Hosentaschen gesteckt hatte, und merkte, daß er seine Hand nur immer in die rechte Tasche steckte. Er hatte weise sein wollen, war dabei aber undiplomatisch vorgegangen. Er hatte gerecht sein wollen, und war nicht weise gewesen. Er hatte diplomatisch vorgehen wollen und darüber seinen Wagemut eingebüßt.
>Wo ist deine Großzügigkeit, Herr? Warum hast du mir angetan, was du Hiob angetan hast? Werde ich im Leben noch eine Chance bekommen? Gib mir doch eine zweite Chance!< Er war aufgestanden, hatte die Bibel an einer beliebigen Seite aufgeschlagen, wie immer, wenn er eine Antwort brauchte. Sie öffnete sich an der Stelle, an der es um das letzte Abendmahl Christi geht und Jesus den Verräter bittet, ihn den Soldaten zu übergeben, die ihn suchen.
Der Priester dachte stundenlang über das Gelesene nach: Warum bat Jesus den Verräter, eine Sünde zu begehen?
>Damit sich die Schrift erfüllt<, würden die Kirchenväter sagen.
Aber dennoch, weshalb stiftete Jesus einen Menschen zur Sünde an und bewirkte damit für ihn ewige Verdammnis?
Jesus würde dies niemals tun. In Wahrheit war der Verräter nur ein Opfer, so wie Er selber. Das Böse mußte sich zeigen und seine Rolle spielen, damit das Gute am Ende siegen konnte.
Ohne Verrat würde es das Kreuz nicht geben, die Schrift würde nicht erfüllt, das Opfer nicht als Beispiel dienen.
Tags darauf war ein Fremder in die Stadt gekommen, wie so viele andere, die kamen und gingen. Der Priester hatte dem keine Bedeutung beigemessen und ihn ebenso wenig mit der Bitte in Zusammenhang gebracht, die er an Jesus gerichtet, oder mit dem Satz, den er gelesen hatte. Als er die Geschichte über die Modelle gehört hatte, die Leonardo da Vinci benutzt hatte, um das >Abendmahl< zu malen, erinnerte er sich, daß er einen Text zum selben Thema in der Bibel gelesen hatte, tat es aber als Zufall ab.
Erst als Chantal Prym den Vorschlag unterbreitete, begriff er, daß seine Bitte erhört worden war.
Das Böse mußte sich zeigen, damit er endlich das Herz der Bewohner rühren konnte. Erstmals seit seiner Ankunft in Bescos war seine Kirche zum Bersten voll gewesen. Und erstmals waren die Honoratioren des Dorfes zu ihm in die Sakristei gekommen. >Das Böse mußte sich zeigen, um den Wert des Guten zu verstehen.< So wie dem Verräter in der Bibel, der nach vollbrachter Tat begriff, was er angerichtet hatte, würde es auch diesen Leuten ergehen. Sie würden ihre Tat so sehr bereuen, daß sie in der Kirche Zuflucht suchen und nach all den Jahren zu frommen, gottesfürchtigen Menschen würden.
Ihm war die Rolle zugedacht worden, ein Werkzeug des Bösen zu sein. Das war die tiefste Demut, die er Gott darbieten konnte.
Der Bürgermeister kam zur verabredeten Stunde. »Ich möchte wissen, was ich sagen soll.«
»Lassen Sie nur, ich selber werde die Versammlung leiten«, war die Antwort.
Der Bürgermeister zögerte. Schließlich war er die höchste Instanz in Bescos, und er sah es nicht gern, wenn ein Auswärtiger sich in wichtige lokale Angelegenheiten einmischte.
Obwohl der Priester bereits mehr als zwanzig Jahre im Ort lebte, war er nicht hier geboren, kannte er nicht alle Geschichten, floß in seinen Adern nicht Ahabs Blut.
»Ich denke, so schwerwiegende Dinge sollte ich selber direkt mit der Bevölkerung klären«, wandte er daher ein.
»Einverstanden. Um so besser, denn es kann schiefgehen, und ich möchte nicht, daß die Kirche darin verwickelt ist. Ich werde Ihnen meinen Plan erklären, und Sie übernehmen es, ihn publik zu machen.«
»Wenn ich es mir recht überlege, glaube ich, daß Sie Ihren Plan doch lieber selber vertreten sollten.«
>Immer die Angst<, dachte der Priester. >Um einen Menschen zu beherrschen, mußt du nur dafür sorgen, daß er Angst hat.< Die beiden Frauen kamen kurz vor neun Uhr bei Berthes Haus an und fanden sie in ihrem kleinen Wohnzimmer, wo sie in ihrem Sessel saß und strickte.
»Das Dorf ist heute abend so anders«, sagte die alte Frau. »Ich habe viele Menschen vorbeigehen hören, das Geräusch vieler Schritte. Ist die Bar nicht etwas zu klein für diesen großen Andrang?«
»Das waren die Männer«, antwortete die Wirtin. »Sie sind alle auf den Platz gegangen, um darüber zu diskutieren, was mit dem Fremden geschehen soll.«
»Ich verstehe. Ich glaube, da ist nicht viel zu diskutieren: Entweder nimmt man seinen Vorschlag an, oder man läßt ihn in zwei Tagen ziehen.«
»Es kommt nicht in Frage, daß wir sein Angebot annehmen«, empörte sich die Bürgermeistersfrau.
»Warum denn nicht? Mir wurde erzählt, daß der Priester heute eine hervorragende Predigt gehalten hat, in der er davon sprach, daß das Opfer eines einzigen Menschen die Menschheit errettet, daß auch Gott die Wette eines Dämons angenommen und am Ende seinen treuesten Diener bestraft hat. Was ist falsch daran, wenn die Bewohner von Bescos beschließen, den Vorschlag - sagen wir - als ein Geschäft zu betrachten?«
»Das meinen Sie doch nicht im Ernst?«
»Und ob ich das ernst meine. Ihr versucht doch alle nur, mich hinters Licht zu führen.«
Die beiden Frauen überlegten, ob sie aufstehen und gehen sollten. Aber das war riskant.
»Außerdem: Wem verdanke ich die Ehre dieses Besuches?
Das ist sonst noch nie vorgekommen.«
»Chantal Prym hat vor zwei Tagen den verfluchten Wolf heulen hören.«
»Wir wissen doch alle, daß der verfluchte Wolf eine dumme Ausrede des Schmieds war«, sagte die Wirtin. »Er wird mit irgendeiner Frau aus dem Nachbardorf in den Wald gegangen sein, und als er versuchte, sie aufs Kreuz zu legen, hat sie sich gewehrt, und da mußte er diese Geschichte aus dem Hut zaubern, um seine blauen Flecken zu erklären. Wie auch immer: Wir wollten schon immer einmal vorbeikommen, um nach dem Rechten zu sehen.« »Alles ist vollkommen in Ordnung. Ich stricke eine Decke, obschon ich nicht weiß, ob ich sie fertig kriege, wo ich doch schon morgen sterben kann.«
Peinliche Stille.
»Alte Menschen sterben oft ganz plötzlich«, fuhr Berthe fort.
Die beiden Besucherinnen seufzten erleichtert auf.
»Daran müssen Sie doch noch nicht denken.«
»Mag sein. Sehen wir, was der nächste Tag bringt. Dennoch hat mich das heute stark beschäftigt.«
»Gab es dazu einen Anlaß?«
»Brauche ich denn einen?«
>Schleunigst das Thema wechseln<, dachte die Wirtin, >so unauffällig wie möglich.< Inzwischen mußte die Versammlung auf dem Platz begonnen haben. Hoffentlich dauerte sie nicht zu lange. Laut sagte sie: »Ich glaube, je älter man wird, desto klarer sieht man, daß der Tod unausweichlich ist. Und wir müssen lernen, ihm gelassen, weise und demütig entgegenzusehen: Häufig erlöst er uns von unnötigem Leid.«
»Sie haben recht«, antwortete Berthe. »Genau das habe ich heute abend auch gedacht. Und wissen Sie, zu welcher Schlußfolgerung ich gekommen bin? Ich habe Angst, große Angst vor dem Sterben. Ich glaube, meine Stunde ist noch nicht gekommen.«
Die Atmosphäre wurde immer drückender, und die Bürgermeistersfrau mußte an die Diskussion in der Sakristei denken, als die Rede vom Friedhof war und doch alle in Wahrheit etwas anderes meinten. Sie hätte zu gern gewußt, wie sich die Versammlung auf dem Platz anließ, was der Priester vorhatte und wie die Männer von Bescos darauf reagieren würden. Wozu Berthe zu einem offeneren Gespräch animieren? Niemand läßt sich so mir nichts, dir nichts und ohne sich bis zum letzten zu wehren umbringen. Ja, wenn sie diese Frau töten wollten, mußte es möglichst kampflos abgehen und ohne Spuren, die im Fall einer Autopsie Verdacht erregen könnten. Verschwinden. Diese Alte mußte einfach verschwinden. Ihre Leiche durfte weder auf dem Friedhof landen noch im Wald verscharrt werden. Sobald der Fremde den Beweis für das von ihm verlangte Verbrechen hätte, mußten sie sie verbrennen und ihre Asche in den Bergen ausstreuen.
»Woran denken Sie?« unterbrach Berthe ihre Gedanken.
»An ein Feuer«, antwortete die Bürgermeistersfrau. »An ein schönes Feuer, das unsere Körper und unsere Herzen erwärmt.«
»Wie gut, daß wir nicht mehr im Mittelalter leben! Wußten Sie, daß so mancher im Dorf mich für eine Hexe hält?«
Das ließ sich nun nicht bestreiten, ohne daß die Alte mißtrauisch wurde. Die beiden Frauen nickten.
»Wären wir noch im Mittelalter, könnte man mich einfach verbrennen - einfach so, als Sündenbock für was weiß ich.«
>Was ist bloß in sie gefahren?< überlegte die Wirtin. >Hat uns jemand verraten? Ist die Bürgermeistersfrau etwa schon vorher hiergewesen und hat ihr alles erzählt? Hat der Priester etwa seinen Vorschlag bereut und einer Sünderin alles gebeichtet?<
»Na, dann danke ich euch für euren Besuch. Ich hoffe, ihr seid beruhigt: Mir geht es gut, ich bin quicklebendig und kerngesund, und wenn nötig opfere ich mich sogar und mache eine dieser idiotischen modernen Diäten zur Cholesterinsenkung. Mit anderen Worten: Ich lebe gern noch ein Weilchen.«
Berthe erhob sich, öffnete die Tür und verabschiedete sich von ihren Besucherinnen.
»Ich habe mich gefreut, daß ihr gekommen seid. Ich werde jetzt schlafen gehen, an der Decke kann ich morgen weiterstricken.
Und ehrlich gesagt glaube ich an den verfluchten Wolf. Also, paßt gut auf euch auf! Und bis bald!«
Und damit schloß sie die Tür.
»Sie weiß Bescheid!« flüsterte die Wirtin der Bürgermeistersfrau zu. »Jemand muß es ihr gesteckt haben!
Haben Sie nicht die Ironie in ihrer Stimme bemerkt? Sie hat genau gemerkt, daß wir nur hier waren, um ein Auge auf sie zu haben.«
»Das kann sie doch gar nicht«, flüsterte die Bürgermeistersfrau völlig verstört zurück. »Keiner wäre so verrückt, ihr alles zu sagen. Es sei denn...«
»Es sei denn was?«
»Es sei denn, sie ist tatsächlich eine Hexe. Erinnern Sie sich an den Wind in der Sakristei?«
»Ja, bei geschlossenen Fenstern.«
Den beiden Frauen wurde bang ums Herz, und jahrhundertealter Aberglaube kam wieder hoch. Wenn sie wirklich eine Hexe war, würde Berthes Tod den Ort nicht retten, sondern ihn am Ende vollkommen zerstören.
Das sagten die Legenden.
Berthe löschte das Licht und spähte durch einen Spalt in der Gardine hinaus zu den beiden Frauen. Sie wußte nicht, sollte sie lachen oder weinen oder sich nur einfach in ihr Schicksal schicken. Nur eines wußte sie ganz sicher: Sie war dazu erwählt, zu sterben.
Ihr Mann war ihr am späten Nachmittag erschienen, und zu ihrer Überraschung kam er in Begleitung von Chantal Pryms Großmutter. Im ersten Moment gab es Berthe einen Stich: Was hatte er mit dieser Frau zu schaffen? Aber dann sah sie die Sorge im Blick der beiden und wurde ganz verzweifelt, als die beiden ihr von dem Treffen in der Sakristei erzählten und sie inständig drängten, sofort zu fliehen.
»Ihr macht doch hoffentlich Witze«, wiegelte Berthe ab. »Wie soll ich denn fliehen? Meine Beine tragen mich ja schon kaum die hundert Meter bis zur Kirche, wie soll ich da davonrennen und mich irgendwo verstecken? Findet ihr bitte dort oben eine Lösung für mein Problem und beschützt mic h! Wozu habe ich ein Leben lang zu allen Heiligen gebetet?«
Die Situation sei komplizierter, als Berthe sie sich vorstelle, erklärten sie: Es gehe um einen Kampf zwischen Gut und Böse, in den niemand eingreifen könne. Engel und Dämonen lieferten sich eine ihrer periodischen Schlachten, die ganze Regionen für eine bestimmte Zeitspanne verdammen oder retten konnten.
»Das interessiert mich nicht. Ich weiß nicht, wie ich mich verteidigen soll. Dieser Kampf ist nicht meiner, ich will mich nicht daran beteiligen.«
Keiner hatte es gewollt. Alles hatte damit angefangen, daß ein Schutzengel durcheinandergeriet. Eine Frau war mit ihren beiden Töchtern entführt worden. Die Tage der Frau und ihrer älteren Tochter waren schon gezählt, aber die dreijährige Jüngste sollte gerettet werden, ihren Vater über den Verlust der Frauen hinwegtrösten und ihm ermöglichen, weiter ans Leben zu glauben. Er war ein rechtschaffener Mann und würde, obwohl er sich schrecklich grämte, gemäß Gottes unerforschlichem Ratschluß am Ende über die Tragödie hinwegkommen. Das Mädchen würde mit diesem Trauma aufwachsen und mit zwanzig ihre eigene Leidenserfahrung dazu verwenden, das Leid anderer zu lindern. Ihr wohltätiges Werk würde in die ganze Welt hinausgetragen.
Das war der ursprüngliche Plan. Und alles lief gut: Die Polizei stürmte das Versteck der Entführer, eröffnete das Feuer, und diejenigen, denen an diesem Tag zu sterben bestimmt war, kamen dabei zu Tode. In diesem Augenblick machte der Schutzengel des kleinen Mädchens - das wie alle Dreijährigen ständig mit seinem Schutzengel in Kontakt stand - diesem ein Zeichen, an die Wand zurückzuweichen. Doch das Mädchen deutete das Zeichen falsch und ging statt dessen auf ihn zu.
Zwei Schritte - dreißig Zentimeter - genügten, um tödlich getroffen zu werden. Von diesem Augenblick an nahm die Geschichte eine andere Wende. Was sich in eine schöne Geschichte der Erlösung verwandeln sollte, wurde zu einem Kampf ohne Atempause. Der Dämon trat auf den Plan, forderte die Seele des Vaters, die voll ohnmächtigem Haß und Rachegelüsten war. Die Engel wollten das nicht zulassen. Er war ein guter Mann und dazu auserwählt, seiner Tochter dabei zu helfen, vieles in der Welt zu verändern, auch wenn er von Berufs wegen nicht gerade dazu prädestiniert schien. Doch seine Ohren blieben taub gegen die Beschwörungen der Engel. Und ganz allmählich bemächtigte sich der Dämon seiner Seele, bis er sie fast ganz und gar beherrschte.
»Fast ganz und gar«, wiederholte Berthe. »Wieso fast?«
Ja, fast, denn ein kleiner Lichtschimmer blieb, weil einer der Engel sich weigerte, den Kampf aufzugeben. Ein Engel, der noch niemandem aufgefallen war, bis er sich in der vergangenen Nacht durch Chantal Prym ein wenig Gehör verschafft hatte.
Darum sei sie hier, erklärte Chantals Großmutter. Wenn überhaupt jemand helfen konnte, dann ihre Enkelin. Doch der Kampf sei grimmiger denn je und der Engel des Fremden erneut in Gefahr, von seinem Dämon unterdrückt zu werden.
Berthe versuchte die beiden zu beruhigen, die sehr nervös wirkten. Als Tote hätten sie schließlich nichts zu befürchten, ganz im Gegensatz zu ihr. Warum denn nicht sie Chantal helfen könnten, alles zu ändern?
Chantals Dämon sei gerade dabei, die Oberhand zu gewinnen, antworteten sie. Vorhin im Wald habe die Großmutter ihrer Enkelin den verfluchten Wolf geschickt - den gab es wirklich, und der Schmied sagte die Wahrheit. Sie wollte die Güte im Mann wecken, und es war ihr auch gelungen. Aber offensichtlich war das Gespräch zwischen den beiden nicht weiter gediehen. Beide waren zu starke Persönlichkeiten. Es blieb nur noch eine letzte Chance: Daß die junge Frau endlich sah, was sie sie sehen machen wollten. Oder vielmehr, da sie wußten, daß sie es bereits gesehen hatte: daß sie es verstand.
»Was denn?« fragte Berthe.
Das durften sie ihr nicht sagen. Der Kontakt mit den Lebenden hatte seine Grenzen, einige Dämonen paßten genau auf das auf, was sie sagten, und könnten alles zunichte machen, wenn sie den Plan schon vorher kannten. Es sei aber etwas ganz Einfaches, und Chantal, wenn sie so pfiffig war, wie ihre Großmutter behauptete, würde die Situation schon in den Griff bekommen. Berthe drang nicht weiter in sie. Es lag ihr fern, um eine Indiskretion zu bitten, die ihr das Leben kosten konnte, obwohl sie sehr gern Geheimnisse hörte. Dennoch fehlte da eine Erklärung, und sie wandte sich an ihren Mann:
»Du hast gesagt, ich soll hier all diese Jahre auf diesem Stuhl sitzen und auf den Ort achtgeben, weil das Böse hier hereinkommen könnte. Das war lange bevor der Engel ein mißverständliches Zeichen gab und das kleine Mädchen getötet wurde. Wieso?«
Ihr Ehemann antwortete, daß das Böse so oder so nach Bescos gekommen wäre, da es auf Erden seine Runde zu machen pflege und die Menschen gern unvorbereitet packe.
»Das überzeugt mich nicht.«
Das war Berthes Mann auch nicht. Trotzdem war es die Wahrheit. Das Duell zwischen Gut und Böse, sagte er, fände eben im Herzen eines jeden Menschen statt, dem eigentlichen Schlachtfeld aller Engel und Dämonen; dort kämpften sie seit Jahrtausenden um jede Handbreit Terrain, bis einer der Kontrahenten den anderen vollkommen vernichtet hätte.
Allerdings gebe es, obwohl er sich bereits auf der spirituellen Ebene befinde, immer noch viele Dinge, die er nicht wisse - viel mehr übrigens als auf Erden.
»Das ist überzeugender. Macht euch keine Sorgen. Wenn ich sterben soll, dann nur, weil meine Stunde gekommen ist.«
Unter dem Vorwand, sie müßten das Mädchen dazu bringen, richtig zu verstehen, was sie gesehen hatte, gingen die beiden davon. Berthe ließ ihren Mann ungern ziehen, zumal sie etwas eifersüchtig war auf seine Begleiterin, die einstmals eine der begehrtesten Frauen in Bescos gewesen war. Doch sie wußte, daß er auf sie aufpaßte und daß es sein größter Wunsch war, daß sie das Leben noch lange genießen konnte.
Als sie die Frauen draußen stehen sah, fand sie es trotz allem erstrebenswert, noch ein bißchen in diesem Tal zu verweilen, den Blick auf die Berge zu genießen, die ewigen Konflikte zwischen Männern und Frauen mitzubekommen, zwischen den Bäumen und dem Wind, den Engeln und den Dämonen. Noch ehe die Versammlung auf dem Platz beendet war, schlummerte Berthe bereits ein. Sie war zuversichtlich, daß Chantal Prym zu guter Letzt die Botschaft schon verstehen würde, obwohl sie nicht wie sie die Gabe hatte, mit den Seelen der Toten Zwiesprache zu halten.
>Morgen will ich unbedingt in einer anderen Farbe weiterstricken<, nahm sich Berthe vor, ehe sie einschlief.
In der Kirche, auf geheiligtem Boden, habe ich von der Notwendigkeit eines Opfers gesprochen«, sagte der Priester.
»Hier auf weltlichem Boden bitte ich euch, zum Martyrium bereit zu sein.«
Auf dem kleinen Platz mit seinem trüben Licht, das von einer einzigen Laterne herrührte (zu mehr hatte es, allen Wahlversprechungen des Bürgermeisters zum Trotz, bisher nicht gereicht), standen die Bauern und Hirten dicht gedrängt; sie sahen müde aus, denn sie waren gewohnt, mit der Sonne ins Bett zu gehen und mit ihr aufzustehen. Alles verharrte in respektvollem und angstvollem Schweigen. Der Priester hatte neben das Kreuz einen Stuhl gestellt, auf den er jetzt stieg, damit ihn alle sehen konnten.
»Jahrhundertelang wurde die Kirche angeklagt, ungerechte Kämpfe geführt zu haben, während sie in Wahrheit nur versuchte, die Anfeindungen zu überleben.«
»Wir sind nicht hergekommen, um etwas über die Kirche zu hören, Pater«, rief eine Stimme. »Wir wollen wissen, was mit Bescos los ist.«
»Ich brauche euch nicht zu sagen, daß Bescos davon bedroht ist, von der Landkarte zu verschwinden, samt euren Ackern und euren Herden. Ich bin auch nicht hier, um über die Kirche zu sprechen, aber eines muß ich doch sagen: Nur durch Opfer und Buße können wir errettet werden. Und bevor ihr mich weiter unterbrecht: Ich spreche von der Opferung von einem unter uns und der Buße aller und der Errettung der Stadt.«
»Wer sagt uns, daß er nicht lügt?« rief eine Stimme dazwischen. »Morgen wird uns der Fremde das Gold zeigen«, sagte der Bürgermeister zufrieden, weil er mehr wußte als der Priester.
»Chantal Prym will die Verantwortung nicht allein tragen, und die Wirtin hat ihn überredet, die Goldbarren herzubringen. Ohne diese Garantie tun wir nichts.«
Dann begann der Bürgermeister von all den Verbesserungen zu reden, die er in der Stadt durchführen wollte, dem Kinderspielplatz, der Steuersenkung, der Verteilung des Goldes unter die einzelnen Bürger.
»Zu gleichen Teilen«, sagte jemand.
Die Stunde war gekommen, in der er Farbe bekennen mußte.
Alle Augen waren auf ihn gerichtet und wirkten plötzlich hellwach.
»Zu gleichen Teilen«, bestätigte der Priester, ehe der Bürgermeister reagieren konnte. Sie hatten keine Wahl.
Entweder trugen alle die gleiche Verantwortung und erhielten alle die gleiche Belohnung, oder sonst würde über kurz oder lang jemand das Verbrechen anzeigen - aus Neid oder aus Rache. Beides hatte der Priester am eigenen Leib zu spüren bekommen.
»Wer wird sterben?«
Der Bürgermeister erklärte genau, wie die Wahl auf Berthe gefallen war. Ihr Mann war tot, und er fehlte ihr sehr, sie hatte keine Freunde, auch war sie alt, nicht mehr richtig im Kopf und saß von morgens bis abends tatenlos vor ihrem Haus. Ihr Erspartes hatte sie auf eine Bank in der Stadt gebracht, anstatt es in Ländereien oder Schafe in Bescos zu investieren; die einzigen, die etwas davon hatten, waren die Händler, die wie der Lieferwagen mit dem Brot wöchentlich im Ort erschienen, um ihre Produkte zu verkaufen.
Aus der Menge erhob sich keine einzige Gegenstimme. Der Bürgermeister war zufrieden. Seine Autorität blieb unangetastet. Der Priester wußte jedoch, daß dies ein gutes oder ein schlechtes Zeichen sein konnte, weil Schweigen nicht zwingend Zustimmung bedeutete, sondern oft nur die Unfähigkeit, sofort zu reagieren. Es war nicht ausgeschlossen, daß jemand dagegen war und sein stillschweigendes Einverständnis bald bereute. Nicht auszudenken, was dann geschehen konnte.
»Es müssen alle einverstanden sein«, sagte der Priester. »Ich möchte, daß ihr laut sagt, ob ihr einverstanden seid oder nicht, damit Gott es hört und weiß, daß es in Seinem Heer tapfere Männer gibt. Wenn ihr nicht an Gott glaubt, bitte ich euch dennoch, laut eure Stimme abzugeben, damit jeder genau weiß, was der andere denkt.«
Dem Bürgermeister gefiel die Art nicht, wie der Priester »ich möchte« gesagt hatte statt »wir möchten« oder »der Bürgermeister möchte«. Wenn diese Angelegenheit ausgestanden war, würde er seine Autorität auf Teufel komm raus zurückerobern. Jetzt ließ er als guter Politiker den Priester handeln und sich die Finger verbrennen.
»Ich will, daß ihr zustimmt.«
Das erste »Ja« kam vom Schmied. Der Bürgermeister stimmte, um seinen Mut zu zeigen, ebenfalls mit lauter Stimme zu. Einer nach dem anderen gaben die versammelten Männer ihr Einverständnis - bis alle sich verpflichtet hatten.
Einige hatten zugestimmt, weil sie dann schneller nach Hause gehen konnten; andere dachten an das Gold und wie sie so schnell wie möglich aus Bescos abhauen konnten; einige hatten vor, ihren Kindern Geld zu schicken, damit sie sich vor ihren Freunden in der Stadt nicht mehr zu schämen brauchten.
Keiner der Anwesenden glaubte indes, daß Bescos dank dem Gold seinen verlorenen Glanz wiedererlangen könnte, sie wollten nur den Reichtum haben, den sie immer verdient, aber nie bekommen hatten.
Keiner hatte den Mut, nein zu sagen.
»In dieser Stadt leben hundertacht Frauen und hundert-dreiundsiebzig Männer«, fuhr der Priester fort. »Jeder männliche Einwohner hat mindestens eine Waffe, denn schließlich will die Tradition des Ortes, daß jeder das Jagen erlernt. Nun, morgen früh werdet ihr diese Waffen mit jeweils einer Kugel in die Sakristei bringen. Ich bitte den Bürgermeister, der mehr als ein Gewehr im Haus hat, eins für mich mitzubringen.«
»Wir geben unsere Waffen niemals in fremde Hände«, rief ein Förster. »Sie sind heilig, launisch, persönlich.«
»Laßt mich ausreden und euch erklären, wie ein Erschießungskommando funktioniert: Sieben Soldaten wird befohlen, auf einen zum Tode Verurteilten zu schießen. Sieben Gewehre werden an die Soldaten ausgegeben - sechs davon sind mit echten Kugeln geladen, und eines enthält nur eine Platzpatrone. Das Pulver explodiert genau wie bei den anderen, der Lärm ist der gleiche, aber es ist kein Blei darin, das auf den Körper des Opfers abgefeuert wird. Keiner der Soldaten weiß, welches Gewehr mit der Platzpatrone geladen ist. So glaubt jeder, es wäre seines und daß die ändern für den Tod des Verurteilten verantwortlich sind, den sie nicht kannten, den sie aber töten mußten.«
»Alle halten sich für unschuldig«, sagte der Besitzer der Ländereien, der bislang geschwiegen hatte.
»Genau. Morgen werde ich aus 87 Patronen das Blei entfernen und in den anderen Gewehren die echte Munition belassen.
Wenn ihr dann schießt, könnt ihr nicht wissen, welche Waffen Projektile enthielten und welche nicht. So kann sich jeder von euch für unschuldig halten.«
Die müden Männer begrüßten den Vorschlag des Priesters mit einem Seufzer der Erleichterung. Alle strafften wie gestärkt ihre Schultern, und es war, als hätte die Geschichte ihre Tragik verloren und gelte nur noch der Jagd nach einem verborgenen Schatz. So konnte jeder sich in der Gewißheit wiegen, daß sein Gewehr nur eine Platzpatrone enthielt und er somit unschuldig war - aber mit denen solidarisch, die ihr Leben verändern und gemeinsam am gleichen Strick ziehen wollten. Bescos war eben trotz allem ein Ort, in dem ein neuer Wind wehen konnte.
»Ich für mich will nichts dem Zufall überlassen. Meine Waffe wird als einzige garantiert geladen sein. Ich verzichte auch auf meinen Anteil am Gold. Ich tue es aus anderen Gründen.« Dem Bürgermeister gefiel erneut nicht, was der Priester sagte.
Er schien den Bewohnern von Bescos suggerieren zu wollen, daß er ein mutiger Mann mit Führungsqualitäten war, großzügig und zu jedem Opfer bereit. Wenn die Bürgermeistersfrau dagewesen wäre, hätte sie gesagt, er spekuliere auf den Bürgermeisterposten.
>Warten wir den Montag ab<, dachte er. Er würde geeignete Maßnahmen ergreifen, um dem Priester das Leben in Bescos gründlich zu versauern.
»Und das Opfer?« fragte der Schmied.
»Es wird dasein«, antwortete der Priester. »Ich kümmere mich darum. Aber ich brauche drei Männer, die mir helfen.«
Da sich niemand freiwillig meldete, wählte der Priester drei kräftige Männer aus. Nur einer versuchte sich zu entziehen, doch ein Blick seiner Freunde, und er spurte sofort.
»Wo soll die Opferung stattfinden?« fragte der Ländereienbesitzer, indem er sich direkt an den Priester wandte. Der Bürgermeister, der seine Autorität erneut schwinden sah, fuhr dazwischen:
»Das entscheide ich«, blaffte er den Besitzer der Ländereien wütend an. »Der Boden von Bescos darf nicht mit Blut befleckt werden. Die Opferung findet morgen zur gleichen Zeit neben dem keltischen Monolithen statt. Bringt Taschenlampen, Laternen und Fackeln mit, damit alle gut sehen, wohin sie das Gewehr richten, und nicht danebenschießen.«
Der Priester stieg vom Stuhl herunter. Die Versammlung war beendet, und alle hatten es eilig, nach diesem gespenstischen Abend nach Hause zu kommen. Der Bürgermeister traf seine Frau, die ihm von dem Besuch bei Berthe erzählte und von der Angst, die diese gehabt habe. Im übrigen seien sie und die Wirtin sich einig, daß Berthe nichts wissen konnte und daß allein ihr Schuldgefühl sie habe Gespenster sehen lassen, wo keine waren, »wie der verfluchte Wolf«, meinte sie.
Der Priester kehrte in die Kirche zurück und verbrachte die ganze Nacht im Gebet. Frühstück mußte Chantal mit dem Brot vom Vortag vorliebnehmen, denn sonntags gab's keinen Brotdienst. Sie blickte aus dem Fenster und sah, wie die Bewohner von Bescos ihre Häuser verließen, alle mit einem Gewehr in der Hand. Sie bereitete sich darauf vor zu sterben, denn es war ja durchaus möglich, daß die Wahl auf sie gefallen war. Doch niemand klopfte an ihre Tür, und alle gingen an ihrem Haus vorbei und weiter zur Sakristei, aus der sie kurz darauf mit leeren Händen wieder herauskamen.
Chantal trabte hinüber zum Hotel, wo die Wirtin ihr erzählte, was in der Nacht geschehen war: von der Wahl des Opfers, dem Vorschlag des Priesters, den Vorbereitungen für die Opferung. Der feindselige Ton war wie weggeblasen, und die Dinge schienen sich zu Chantals Gunsten zu wenden.
»Da ist noch etwas, was ich sagen wollte. Irgendwann wird Bescos merken, was du alles für seine Bewohner getan hast.«
»Aber sind Sie sicher, daß der Fremde das Gold herausrückt?«
fragte Chantal.
»Ich zweifle nicht daran. Eben ist er mit leerem Rucksack aufgebrochen.«
Sie beschloß, nicht im Wald spazierenzugehen, denn dazu hätte sie am Haus von Berthe vorbeigehen müssen, der sie nicht mehr in die Augen zu blicken wagte. Statt dessen kehrte sie in ihr Zimmer zurück.
Vergangene Nacht hatte sie einen merkwürdigen Traum gehabt. Ein Engel hatte ihr elf Goldbarren überreicht und sie gebeten, sie bei sich aufzubewahren.
Chantal antwortete dem Engel, daß hierzu jemand getötet werden müsse. Er versicherte, daß dem nicht so sei. Ganz im Gegenteil, die Barren bewiesen, daß es das Gold an sich nicht gab. Daher hatte sie die Wirtin gebeten, mit dem Fremden zu reden. Sie hatte einen Plan. Aber da sie alle Kämpfe in ihrem Leben immer verloren hatte, hatte sie große Zweifel an seiner Durchführbarkeit.
Berthe schaute auf die Sonne, die hinter den Bergen unterging, als sie den Priester und drei weitere Männer daherkommen sah. Sie wurde sehr traurig: Zum einen, weil sie wußte, daß ihre Stunde gekommen war; weiter, weil ihr Mann nicht da war, um ihr beizustehen (vielleicht weil er sich schämte, daß er sie nicht retten konnte); und drittens, weil sie bereute, ihr Erspartes nicht mit vollen Händen ausgegeben zu haben, das nun den Aktionären der Bank zufiel.
Doch eine Freude blieb ihr trotzdem: Der letzte Tag ihres Lebens war fröstelig, aber sonnig und hell gewesen. Nicht jedem wird das Privileg zuteil, mit einer so schönen Erinnerung zu gehen.
Der Priester machte den Männern ein Zeichen, in einiger Entfernung zu warten, und kam allein heran.
Berthe begrüßte ihn mit den Worten: »Seht nur, wie groß Gott ist und was für eine wunderschöne Natur er geschaffen hat! Ihr werdet mich mitnehmen, aber ich werde alle Schuld der Welt hier zurücklassen.«
»Sie ahnen nicht, wie schön das Paradies ist«, antwortete der Priester, aber Berthe merkte, daß ihr Pfeil ihn getroffen hatte und er um seine Fassung rang.
»Ich weiß nicht, ob es so schön ist, ich weiß noch nicht einmal, ob es existiert. Waren Sie schon einmal dort?«
»Noch nicht. Aber ich habe die Hölle kennengelernt und weiß, daß sie schrecklich ist, obwohl sie von außen sehr anziehend wirkt.«
Ihr war klar, daß er Bescos meinte. »Sie irren sich, Pater. Sie waren im Paradies und haben es nicht bemerkt. So geht es im übrigen den meisten Menschen auf dieser Welt. Sie suchen das Leiden an den fröhlichsten Orten, weil sie glauben, sie hätten es nicht verdient, glücklich zu sein.«
»Es sieht so aus, als hätten die Jahre, die Sie hier verbracht haben, Sie weiser gemacht.«
»Früher ist nie jemand gekommen, um mit mir zu reden, und jetzt entdecken alle plötzlich, daß es mich gibt. Stellen Sie sich vor, gestern abend haben mich sogar die Wirtin und die Bürgermeistersfrau mit ihrem Besuch beehrt. Und heute kommt der Gemeindepfarrer vorbei. Sollte ich zu einer so wichtigen Person geworden sein?«
»Und ob!« sagte der Priester. »Zur wichtigsten im ganzen Dorf.«
»Habe ich eine Erbschaft gemacht?«
»Zehn Goldbarren. Männer, Frauen und Kinder werden Ihnen für alle zukünftigen Generationen dankbar sein und Ihnen, wer weiß, vielleicht sogar ein Denkmal errichten.«
»Ich hätte lieber einen Brunnen. Zum einen schmückt er den Platz, zum anderen stillt er den Durst der Wanderer und vertreibt die düsteren Gedanken.«
»Sie werden Ihren Brunnen bekommen. Sie haben mein Wort.«
Berthe fand, daß es nun Zeit war, mit dieser Farce aufzuhören und anzusprechen, worum es wirklich ging.
»Ich weiß bereits alles, Pater. Sie verurteilen eine unschuldige Frau, die um ihr Leben nicht kämpfen kann. Verflucht seien Sie, dieser Ort und all seine Bewohner.«
»Ja, ich will verflucht sein«, stimmte der Priester zu. »Mehr als zwanzig Jahre habe ich versucht, diesen Ort zu segnen, aber niemand hat mein Rufen gehört. In ebendiesen zwanzig Jahren habe ich versucht, das Gute in die Herzen der Menschen zu pflanzen, bis ich begriff, daß Gott mich dazu erwählt hat, sein linker Arm zu sein und ihnen das Böse zu zeigen, zu dem sie fähig sind. Vielleicht erschrecken sie so, daß sie sich bekehren lassen.«
Berthe hätte am liebsten geweint, aber sie hatte sich in der Gewalt.
»Schöne Worte, leere Worte, mit denen Sie eine grausame und ungerechte Tat erklären wollen.«
»Im Gegensatz zu den anderen tue ich dies nicht um des Geldes willen. Ich weiß, daß dieses Gold genau wie dieser Ort verflucht ist und niemandem Glück bringen wird. Ich tue es, weil Gott mich darum gebeten hat. Oder besser gesagt: es mir befohlen hat, mein Gebet erhört hat.« >Es ist sinnlos, sich zu streiten<, dachte Berthe, während der Priester die Hand in die Tasche steckte und ein paar Tabletten herausholte.
»Sie werden nichts spüren«, sagte er. »Gehen wir hinein.«
»Weder Sie noch sonst wer aus diesem Dorf wird mein Haus betreten, solange ich lebe. Vielleicht wird heute, am Ende der Nacht, die Tür offenstehen, aber jetzt nicht.«
Der Priester winkte einem der Männer, der mit einer Plastikflasche herankam.
»Nehmen Sie diese Tabletten. Sie werden damit in den nächsten Stunden schlafen können. Wenn Sie aufwachen, werden Sie im Himmel bei Ihrem Mann sein.«
»Ich war immer bei meinem Mann. Und ich habe niemals Schlaftabletten genommen, selbst wenn ich nicht schlafen konnte.«
»Um so besser. So werden sie sofort wirken.« Die Sonne war untergegangen, die Schatten begannen sich schnell über das Tal, die Kirche, den Ort zu legen. »Und wenn ich sie nicht nehme?« »Sie werden sie so oder so nehmen.« Sie sah zu den Männern hinüber, die ihn begleiteten, und begriff, daß der Priester die Wahrheit gesprochen hatte. Sie nahm die Tabletten, steckte sie in den Mund und trank die ganze Flasche leer. Wasser - ohne Geschmack, ohne Geruch, ohne Farbe und dennoch das Wichtigste auf der Welt. Genau wie sie in diesem Augenblick.
Sie schaute noch einmal auf die Berge, die jetzt im Schatten lagen. Sie sah, wie der erste Stern am Himmel erschien, und erinnerte sich daran, daß sie ein gutes Leben gehabt hatte: Sie war an einem Ort geboren, den sie liebte, und würde dort auch sterben - was wollte sie mehr? Wer liebt und dabei auf Gegenliebe hofft, der verliert nur seine Zeit. Sie war gesegnet gewesen. Sie hatte nie ein anderes Land kennengelernt, doch sie wußte, daß hier in Bescos die gleichen Dinge geschahen wie überall sonst. Sie hatte den Mann verloren, den sie liebte, aber Gott hatte ihr vergönnt, ihn auch nach seinem Tod weiterhin neben sich zu spüren. Sie hatte Bescos vor seinem endgültigen Niedergang gekannt und würde gehen, ehe es vollständig zerstört war. Sie hatte die Menschen mit ihren Fehlern und Tugenden kennengelernt und glaubte, daß am Ende - trotz allem, was ihr jetzt widerfuhr, und trotz der Kämpfe, die angeblich gerade im Jenseits ausgefochten wurden - das Gute im Menschen siegen würde.
Ihr taten der Priester leid, der Bürgermeister, Chantal Prym, der Fremde, jeder einzelne Bewohner von Bescos: Das Böse brachte nie das Gute hervor, auch wenn sie noch so fest daran glaubten. Wenn sie die Wahrheit entdeckten, würde es zu spät sein. Nur eines in ihrem Leben bereute sie: daß sie nie das Meer gesehen hatte. Sie wußte, daß es existierte, daß es riesig war, wild und still zugleich, aber sie hatte es nie dorthin geschafft, nie etwas von dem Salzwasser probiert, nie den Sand unter ihren nackten Füßen gespürt, war nie ins Wasser getaucht wie in den Leib der Großen Mutter, wie die Kelten zu sagen pflegten.
Sonst konnte sie sich nicht beklagen. Natürlich war sie traurig, sehr traurig, so gehen zu müssen, aber sie wollte sich nicht als Opfer fühlen. Ganz gewiß hatte Gott diese Rolle für sie ausgewählt, und sie war entschieden besser als die, die Er dem Priester zugedacht hatte.
»Noch ein Wort über das Gute und das Böse«, hörte sie den Priester sagen, während sie in den Händen und in den Füßen ein taubes Gefühl bekam.
»Nicht nötig. Sie kennen das Gute nicht. Sie wurden vom Bösen vergiftet, das man Ihnen angetan hat, und jetzt verbreiten Sie diese Seuche in unserem Ort. Sie sind kein bißchen anders als der Fremde, der uns heimgesucht hat und uns jetzt zerstört.«
Ihre letzten Worte hörte sie kaum noch. Sie schaute zum Stern und schloß die Augen.
Oben in seinem Zimmer ging der Fremde ins Bad, wusch sorgfältig einen Goldbarren nach dem ändern und steckte dann jeden einzeln zurück in seinen alten, abgewetzten Rucksack. Seit zwei Tagen hatte er die Bühne ganz verlassen und trat nun zum letzten Akt wieder auf.
Alles war genau geplant gewesen: von der Wahl des abgeschiedenen Ortes mit wenigen Einwohnern bis zur Wahl eines Komplizen, dem er die Sache notfalls in die Schuhe schieben würde, so daß ihn keiner der Anstiftung zum Mord bezichtigen konnte. Das Tonbandgerät, die Belohnung, die vorsichtigen Schritte; die erste Phase, in der er sich mit den Bewohnern angefreundet hatte; die zweite Phase, als er Schrecken und Verwirrung gestiftet hatte. Was Gott mit ihm getan hatte, würde er jetzt mit den anderen tun. Wie Gott ihm erst das Gute gegeben, ihn dann aber in den Abgrund gestoßen hatte, so würde er jetzt den ändern mitspielen.
Er hatte die winzigsten Details beachtet, nur eines nicht: Er hatte nie für möglich gehalten, daß sein Plan aufgehen könnte.
Er war davon ausgegangen, daß im entscheidenden Augenblick ein einfaches Nein den Lauf der Geschichte ändern würde: Einer würde sich bestimmt weigern mitzumachen, und es brauchte nur diesen Einen, damit nicht alles verloren war.
Wenn ein Mensch das Dorf rettete, wäre auch die Welt gerettet, dann gab es noch Hoffnung, dann war das Gute doch stärker; dann wußten die Terroristen
nicht, was sie Böses taten; dann würde ein Tag der Vergebung kommen, an dem alles Leid nur noch traurige Erinnerung wäre, und er könnte lernen, damit zu leben, und erneut das Glück suchen. Für dieses Nein, das er gern gehört hätte, würde das Dorf die elf Goldbarren erhalten - unabhängig von der Wette, die er mit der jungen Frau abgeschlossen hatte.
Aber sein Plan war fehlgeschlagen. Und jetzt war es zu spät, und er konnte nicht mehr zurück.
Es klopfte.
»Wir müssen gehen«, hörte er die Stimme der Wirtin. »Es ist Zeit.«
»Ich komme sofort runter.«
Er nahm seine Jacke, schlüpfte hinein und stieg hinunter in die Bar. »Ich habe das Gold dabei«, sagte er. »Aber um Mißverständnisse zu vermeiden, möchte ich, daß Sie wissen, daß ein paar Leute wissen, wo ich bin. Wenn Sie beschließen, das Opfer zu wechseln, wird mich die Polizei hier suchen. Sie haben ja gesehen, wie viele Telefongespräche ich geführt habe.«
Die Hotelbesitzerin nickte nur.
Der keltische Monolith lag eine halbe Stunde Fußmarsch von Bescos entfernt. Jahrhundertelang hatten die Menschen in ihm nur einen großen, von Regen und Eis polierten Stein gesehen, der von einem Blitz gefällt worden war. Ahab hatte dort den Ältestenrat versammelt, weil der Fels als natürlicher Tisch unter freiem Himmel diente.
Bis die Regierung ein Forschungsteam ins Tal schickte, das dort eine Erhebung über die Spuren der Kelten machen sollte, und jemand das Monument bemerkte. Daraufhin kamen die Archäologen in Scharen, maßen, rechneten, diskutierten, gruben und kamen zum Schluß, daß ein Keltenstamm den Ort einstmals als Kult- oder Opferstätte benutzt hatte, auch wenn unklar blieb, welche Rituale dort durchgeführt worden waren.
Einige vermuteten ein astronomisches Observatorium, andere sprachen von Fruchtbarkeitszeremonien zwischen Priestern und Jungfrauen. Die Wissenschaftler diskutierten eine Woche lang und brachen dann zu etwas Interessanterem auf, ohne über den Fund eine Einigung erzielt zu haben.
Als der Bürgermeister gewählt worden war, hatte er versucht, den Tourismus anzukurbeln, indem er eine regionale Zeitung dazu brachte, eine Reportage über das keltische Erbe von Bescos zu veröffentlichen. Doch die Pfade waren unwegsam, und die wenigen Abenteurer fanden am Ende nur einen umgefallenen Stein, während andere Dörfer im Tal Skulpturen, Inschriften und andere interessante Dinge zu bieten hatten. Aus der Touristenattraktion wurde nichts, und in kürzester Zeit wurde der Monolith wieder seiner alten Funktion zugeführt: Er diente den Bewohnern von Bescos am Wochenende als Picknicktisch. Am Nachmittag wurde in zahlreichen Häusern von Bescos wacker gestritten, und zwar immer aus dem gleichen Grund.
Die Ehemänner wollten allein gehen, die Frauen verlangten,
»am Ritual der Opferung« teilzunehmen, wie die Bewohner das anstehende Verbrechen inzwischen nannten. Die Ehemänner erklärten, es sei gefährlich und die Feuerwaffen unberechenbar, doch die Frauen ließen nicht locker, nannten die Männer verdammte Egoisten, die nicht wahrhaben wollten, daß die Welt sich verändert habe und daß sie gefälligst die Rechte der Frauen respektieren sollten. Am Ende gaben die Ehemänner nach.
Langsam und schwankend setzte sich die Prozession in Richtung des Waldes in Bewegung, eine Lichterkette aus 281 Menschen mit Laternen und Taschenlampen - den Fremden mitgerechnet, nicht aber Berthe, die auf einer improvisierten Bahre lag und schlief. In der Hand trug jeder Mann sein Gewehr, mit abgeknicktem Lauf, damit keines aus Versehen losging.
Zwei Holzfäller stöhnten unter Berthes Holzbahre. >Wie gut, daß wir dieses Gewicht nicht wieder zurücktragen müssen!< dachte der eine. >Mit all den Kugeln im Leib ist sie bestimmt dreimal so schwer.< Dem Mann wurde flau. Er durfte nicht weiter nachdenken, erst wieder am Montag.
Auf dem ganzen Weg sprach keiner ein Wort. Niemand schaute dem anderen in die Augen, wie in einem Alptraum, den es so schnell wie möglich zu vergessen galt. Als sie, weniger vor Anstrengung denn vor Anspannung, schwer atmend endlich auf der Lichtung ankamen, stellten sie sich im Halbkreis um den keltischen Monolithen.
Auf ein Zeichen des Bürgermeisters banden die Holzfäller Berthe los und legten sie auf den Stein.
»So geht das nicht«, meinte der Schmied, der sich an Kriegsfilme mit auf dem Boden robbenden Soldaten erinnerte.
»Es ist schwierig, jemand Liegenden zu treffen.«
Daraufhin nahmen die Holzfäller Berthe herunter und setzten sie mit dem Rücken gegen den Stein auf den Boden. Dies schien die ideale Stellung zu sein. Doch plötzlich hörte man eine Frau schluchzen.
»Sie schaut uns an«, sagte sie. »Sie sieht uns zu.«
Selbstverständlich sah Berthe überhaupt nichts, aber es war unerträglich, die gütige Frau anzusehen, die mit einem Lächeln auf den Lippen dalag und schlief und in Kürze schon von vielen kleinen Metallkugeln zerfetzt werden würde.
»Setzt sie mit dem Rücken zu uns hin«, befahl der Bürgermeister, der den Anblick ebenfalls nicht ertrug.
Grummelnd gingen die Holzfäller noch einmal zum Monolithen und drehten den Körper um, der nunmehr auf dem Boden kniete und mit Gesicht und Brust am Stein lehnte. Da Berthe unmöglich in dieser Position fixiert werden konnte, mußte ein Strick um ihre Handgelenke gebunden, über den Stein geführt und an der anderen Seite festgebunden werden.
Die Stellung war jetzt grotesk: eine kniende Frau, die ihnen den Rücken zugewandt und die Arme über den Stein gereckt hatte, als würde sie beten oder etwas erflehen. Jemand beschwerte sich abermals, aber der Bürgermeister sagte, es sei Zeit, die Sache zu Ende zu bringen.
Je schneller, desto besser, ohne viel Federlesens. Die Rechtfertigungen konnten bis morgen warten. Viele würden künftig den Dorfeingang meiden, wo bisher immer die alte Frau gesessen, zu den Bergen hinübergeblickt und Selbstgespräche geführt hatte. Doch der Ort hatte zum Glück noch zwei weitere Ausgänge, nebst einem kleinen Pfad, der über eine Art Treppe direkt zur darunter verlaufenden Landstraße führte.
»Laßt uns die Sache schnell hinter uns bringen«, schlug der Bürgermeister vor, der sich freute, weil der Priester nun nichts mehr sagte, und seine eigene Autorität wiederhergestellt sah.
»Jemand im Tal könnte die Lichter sehen und wissen wollen, was hier vorgeht. Legt die Gewehre an und schießt, und dann wollen wir gehen.«
Formlos, ohne jedes Zeremoniell. In Erfüllung ihrer Pflicht wie gute Soldaten, die ihren Ort verteidigen. Ohne zu zögern.
Befehl war Befehl. Da begriff der Bürgermeister plötzlich, was das Schweigen des Priesters zu bedeuten hatte und daß er in eine Falle gegangen war. Sollte die Geschichte eines Tages durchsickern, könnten alle sagen, was die Kriegsverbrecher auch immer sagten: Sie hätten nur ihre Pflicht getan. Was ging jetzt in den Herzen dieser Leute vor? War er für sie ein Schuft oder ein Retter?
Er durfte nicht schwach werden, nicht jetzt, da er hörte, wie die Gewehrläufe hochgeklappt wurden und einrasteten. Er stellte sich das Ballern der 174 Flinten vor und unmittelbar danach den überstürzten Rückzug mit den gelöschten Laternen und Lampen, wie er es für den Heimweg angeordnet hatte. Sie kannten den Weg wie ihre eigene Westentasche, und sie durften auf gar keinen Fall die Aufmerksamkeit der Nachbardörfer auf sich ziehen.
Instinktiv wichen die Frauen zurück, und die Männer zielten aus etwa fünfzig Metern auf den reglosen Körper. Sie würden treffen, denn sie hatten von klein auf gelernt, auf Tiere in Bewegung zu schießen.
Der Bürgermeister wollte gerade den Befehl zum Schießen geben, da rief eine Frauenstimme: »Halt!« Es war Chantal Prym.
»Und das Gold? Habt ihr das Gold gesehen?« Die Gewehre wurden gesenkt, blieben aber geladen. Nein, niemand hatte das Gold gesehen. Alle wandten sich dem Fremden zu.
Der trat langsam vor, bis er vor den Waffen stand. Er stellte den Rucksack auf den Boden und holte einen nach dem ändern die Goldbarren heraus.
»Da ist es«, sagte er und ging an seinen Platz am einen Ende des Halbkreises zurück.
Chantal Prym ging zu der Stelle, wo die Goldbarren lagen, und hob einen auf.
»Das ist Gold«, bestätigte sie. »Aber ich möchte, daß ihr es bezeugt. Neun Frauen sollen hierherkommen, und jede soll die Barren prüfen, die noch auf dem Boden liegen.« Der Bürgermeister wurde unruhig, weil sie so in die Schußlinie kamen; wie leicht konnte aus Versehen ein Schuß losgehen!
Aber neun Frauen - darunter auch seine eigene -gingen zu Chantal Prym und taten wie geheißen.
»Ja, das ist Gold«, bestätigte jetzt die Bürgermeistersfrau, die den Barren in der Hand wog und mit den wenigen Schmuckstücken verglich, die sie besaß. »Er trägt den Stempel der Regierung, eine Seriennummer, das Datum, an dem er gegossen wurde, und die Angabe des Gewichts. Wir werden nicht betrogen.«
»Behaltet sie in der Hand, und hört mir jetzt gut zu.«
»Jetzt ist nicht der Moment für Reden, Mademoiselle«, sagte der Bürgermeister. »Weg da jetzt, wir müssen unsere Aufgabe zu Ende bringen.«
»Halten Sie den Mund, Sie Idiot!«
Chantals Schrei ließ alle zusammenfahren. Keiner hätte sich je träumen lassen, daß in Bescos je solche Worte fallen würden.
»Sind Sie verrückt geworden?«
»Halten Sie den Mund!« schrie Chantal noch lauter. Sie zitterte am ganzen Leib, und ihre Augen sprühten vor Haß. »Sie sind verrückt, Sie sind in diese Falle gegangen, die uns zu Verurteilung und Tod führt! Sie sind verantwortungslos!«
Der Bürgermeister ging auf sie los, wurde aber von zwei Männern zurückgehalten.
»Ich will hören, was die junge Frau uns zu sagen hat!« schrie eine Stimme aus der Menge. »Zehn Minuten mehr oder weniger, darauf kommt's nicht an.«
Doch zehn - ja nur fünf - Minuten machen sehr viel aus, und alle, Männer wie Frauen, wußten das.
Je länger sie diese Szenerie vor Augen hatten, desto größer wurde ihre Angst, desto größer wurde das Schuldgefühl, desto mehr schämten sie sich. Sie würden händeringend nach einer Rechtfertigung suchen, nachdem sie sich, jeder für sich, den ganzen Hinweg eingeredet hatten, sie wären diejenigen, die eine Waffe mit Platzpatrone bekommen hätten, und es gelte, alles möglichst schnell hinter sich zu bringen. Jetzt aber hatten sie Angst, daß ihr Gewehr scharf geladen sein könnte und der Geist der alten Hexe nachts über sie kommen würde.
Oder daß jemand etwas ausplauderte. Oder daß der Priester sein Versprechen brach und daß alle Anwesenden schuldig wären.
»Fünf Minuten«, sagte der Bürgermeister, als hätte er noch das Sagen, obwohl in Wahrheit die junge Frau ihm ihre Regeln aufgezwungen hatte.
»Ich werde so lange reden, wie ich es für richtig halte«, sagte Chantal, die sich wieder gefaßt hatte. Sie würde keinen Zentimeter weichen. Sie sprach jetzt mit einer Autorität, die sie nicht an sich kannte. »Aber ich werde nicht lange brauchen. Es ist schon merkwürdig zu sehen, was hier geschieht, vor allem, wo wir doch alle wissen, daß zu Ahabs Zeiten Mä nner durch diesen Ort kamen, die behaupteten, einen Staub zu besitzen, der Blei in Gold verwandeln konnte. Sie nannten sich Alchimisten, und zumindest einer erbrachte den Beweis, daß er die Wahrheit sprach, als ihn Ahab mit dem Tode bedrohte.
Ihr wollt jetzt genau das gleiche tun: Ihr wollt Blei mit Blut vermischen, weil ihr sicher seid, daß es sich in das Gold verwandelt, das ihr in Händen haltet. Einerseits habt ihr natürlich recht. Andererseits wird das Gold, das so schnell in eure Finger gelangte, ebenso schnell wieder zwischen ihnen zerrinnen.«
Obschon der Fremde nicht verstand, was die junge Frau meinte, hoffte er inständig, Chantal würde weiterreden, denn er merkte, daß in einem dunklen Winkel seiner Seele das vergessene Licht wieder zu leuchten begann.
»Wir alle haben in der Schule die berühmte Geschichte vom König Midas gehört, die von einem Menschen handelt, dem Gott jeden Wunsch zu erfüllen verspricht. Midas war bereits sehr reich, aber er wollte noch reicher werden. Darum erbat er sich, daß alles, was er berührte, sich in Gold verwandle.
Ich will kurz euer Gedächtnis auffrischen: Erst verwandelte Midas seine Möbel in Gold, seinen Palast und alles drum herum. Er arbeitete einen ganzen Vormittag und hatte dann einen goldenen Garten, goldene Vögel, goldene Treppen.
Mittags verspürte er Hunger und wollte essen. Aber als er die saftige Lammkeule ergriff, die seine Diener ihm zubereitet hatten, wurde auch sie zu Gold. Er hob sein Weinglas, und auch der Wein wurde zu Gold. Verzweifelt lief er zu seiner Frau und bat sie um Hilfe, denn nun hatte er begriffen, daß er einen Fehler gemacht hatte. Als er ihren Arm berührte, wurde auch sie zu Gold.
Die Diener rannten aus Furcht, ihnen könnte das gleiche geschehen, davon. Noch vor Ablauf einer Woche war Midas, von Gold umgeben, an Hunger und Durst gestorben.«
»Warum erzählen Sie uns diese Geschichte?« fragte die Bürgermeistersfrau, die den Goldbarren sofort auf den Boden zurücklegte und neben ihren Mann trat. »Ist etwa ein Gott nach Bescos gekommen und hat uns diese Fähigkeit verliehen?«
»Wir können zwei Dinge tun: den Schmied bitten, diese Barren zu schmelzen und in zweihundertachtzig gleiche Teile zu teilen, und jeder geht in die Stadt und tauscht sein Stück ein. Das wird umgehend das Mißtrauen der Behörden wecken, denn in diesem Tal gibt es kein Gold. Sie werden nachfragen, und wir werden sagen, wir hätten einen keltischen Schatz gefunden.
Eine schnelle Untersuchung wird ergeben, daß dies erst kürzlich eingeschmolzenes Gold ist, daß hier bereits Ausgrabungen gemacht worden sind, daß die Kelten kein Gold in diesen Mengen hatten - sonst hätten sie eine große, prächtige Stadt an dieser Stelle errichtet.«
»Sie sind ein unwissendes junges Ding«, sagte der Besitzer der Ländereien. »Wir werden die Barren genauso lassen, wie sie sind, mit dem Regierungsstempel und allem. Wir gehen zur Bank, tauschen sie ein und teilen das Geld untereinander.«
»Das ist das zweite Problem. Der Bürgermeister nimmt die Barren, geht damit zur Bank und bittet, sie ihm in Geld einzutauschen. Der Kassierer der Bank wird keine Fragen stellen, wie er es mit uns täte, wenn wir kämen und einen Goldbarren eintauschen wollten. Da der Bürgermeister eine Respektsperson ist, würde er ihn nur um die Kaufpapiere für die Goldbarren bitten. Der Bürgermeister würde sagen, er habe sie nicht, aber - wie seine Frau gerade sagte - hier ist der Regierungsstempel, und er ist echt. Hier ist die Seriennummer.
Zu diesem Zeitpunkt ist der Mann, der uns das Gold gegeben hat, bereits über alle Berge. Der Kassierer würde um etwas Zeit bitten, denn obwohl er den Bürgermeister kennt und weiß, daß er ein ehrlicher Mann ist, braucht er eine Genehmigung, um so viel Geld auszuzahlen. Man wird anfangen zu fragen, woher das Gold stammt. Der Bürgermeister wird sagen, es sei das Geschenk eines Fremden. Schließlich ist unser Bürgermeister ein intelligenter Mann und hat auf alles eine Antwort.
Daraufhin wird der Kassierer mit dem Leiter der Zweigstelle der Bank sprechen und dieser, obwohl er keinerlei Mißtrauen hegt, die Zentrale anrufen. Hier kennt niemand den Bürgermeister, und jede Auszahlung eines größeren Betrages wird mit Argusaugen beobachtet. Man bittet ihn, zwei Tage zu warten, damit die Herkunft der Goldbarren geklärt werden kann. Und was könnten sie herausfinden? Daß dieses Gold als gestohlen gemeldet ist. Oder daß es von einem Konsortium gekauft wurde, von dem man annimmt, es stehe den Drogenbaronen nahe.«
Sie hielt inne. Die Angst, die sie gehabt hatte, als sie zum ersten Mal versuchte, ihren Goldbarren zu nehmen, war nun die Angst aller. Die Geschichte eines Menschen ist immer die Geschichte der ganzen Menschheit.
»Denn dieses Gold hat eine Seriennummer. Ein Datum. Dieses Gold kann leicht identifiziert werden.«
Alle sahen den Fremden an, der nur einfach reglos dastand.
»Es bringt nichts, ihn zu fragen«, meinte Chantal. »Wir müssen darauf vertrauen, daß er die Wahrheit sagt, aber ein Mann, der andere bittet, ein Verbrechen zu begehen, verdient kein Vertrauen.«
»Wir könnten ihn solange hier festhalten, bis das Metall zu Geld gemacht ist«, schlug der Schmied vor. Der Fremde blickte zur Wirtin hinüber und schüttelte stumm den Kopf.
»Er ist unberührbar. Wahrscheinlich hat er mächtige Freunde.
Er hat in meinem Beisein verschiedene Leute angerufen, Tickets reserviert. Wenn er verschwindet, würden sie wissen, daß er entführt wurde, und sie würden nach Bescos kommen, um ihn zu suchen.«
Chantal legte ihren Goldbarren auf den Boden und ging aus der Schußlinie. Die anderen Frauen taten es ihr gleich.
»Ihr könnt jetzt schießen, wenn ihr wollt. Aber ich weiß, daß dies nur eine Falle des Fremden ist, und weigere mich, etwas mit diesem Verbrechen zu tun zu haben.«
»Nichts wissen Sie«, sagte der Besitzer der Ländereien.
»Wenn ich recht habe, dann wird der Bürgermeister sehr bald schon hinter Schloß und Riegel sitzen, und die Leute werden nach Bescos kommen, um herauszufinden, wem er diesen Schatz gestohlen hat. Jemand wird es ihnen erklären müssen.
Ich werde es allerdings nicht sein.
Aber ich verspreche, den Mund zu halten. Ich werde nur sagen, daß ich nicht weiß, was geschehen ist. Ansonsten ist der Bürgermeister jemand, den wir kennen - anders als der Fremde, der Bescos morgen verlassen wird. Vielleicht nimmt er die Schuld ganz allein auf sich, sagt, daß er einen Mann beraubt hat, der in Bescos aufgetaucht ist und eine Woche hier verbracht hat. Er wird von uns allen als Held angesehen, das Verbrechen wird nie aufgedeckt werden, und wir leben unser Leben weiter - allerdings so oder so ohne das Gold.«
»Das werden wir gerade nicht tun«, sagte der Bürgermeister, zuversichtlich, daß keiner auf diese Verrückte hören würde.
Dennoch hörte man kurz darauf, wie der erste Gewehrlauf heruntergeklappt wurde.
»Habt Vertrauen in mich«, schrie der Bürgermeister.
Doch die Antwort war ein weiteres Klicken eines Gewehrlaufs, der abgeknickt wurde, und dann noch eins und noch eins, bis fast alle Gewehrläufe abgeknickt waren. Hatte man Politikern je vertrauen können? Nur die Gewehrläufe des Bürgermeisters und des Priesters waren noch schußbereit; einer wies auf Chantal Prym, der andere auf Berthe. Doch der Holzfäller, der eben noch ausgerechnet hatte, wie viele Geschosse den Leib der alten Frau durchbohren würden, entriß ihnen die Gewehre.
Chantal Prym hatte recht: Anderen glauben war immer riskant.
Plötzlich schienen das alle gemerkt zu haben, denn die Menge begann sich zu zerstreuen.
Schweigend stiegen sie, die Ältesten voran, die Jüngeren hinterher, den Hang hinunter und versuchten in ihre Alltagssorgen zurückzufinden: das Wetter, die Schafe, die geschoren, die Felder, die gepflügt werden mußten, die Jagd, die bald beginnen würde. Nichts war passiert, denn Bescos war ein gottverlassenes Nest, in dem ein Tag war wie der nächste.
Und jeder sagte sich, daß dieses Wochenende nur ein Traum gewesen war.
Oder ein Alptraum.
Nur zwei Laternen und drei Personen blieben auf der Lichtung zurück - und eine davon schlief an einen Stein gebunden.
»Hier ist das Gold für Ihr Dorf«, sagte der Fremde zu Chantal.
»Jetzt habe ich weder das Gold noch eine Antwort.«
»Das Gold für mein Dorf? Nein, es gehört mir. Wie auch der Goldbarren beim y-förmigen Fels. Und Sie werden es mit mir zusammen zu Geld machen. Ich vertraue keinem Ihrer Worte.«
»Sie wissen, daß ich nicht tun würde, was Sie gesagt haben.
Und Ihre Verachtung mir gegenüber gilt in Wirklichkeit Ihnen selbst. Sie sollten dankbar für alles sein, was geschehen ist. Als ich Ihnen das Gold gezeigt habe, gab ich Ihnen viel mehr als nur die Möglichkeit, reich zu werden. Ich habe Sie gezwungen, zu handeln und sich nicht mehr andauernd über alles zu beschweren. Ich habe Sie gezwungen, Stellung zu beziehen.«
»Sehr großzügig von Ihnen«, gab Chantal ironisch zurück und fuhr dann fort. »Vom ersten Augenblick an hätte ich etwas zur menschlichen Natur sagen können. Bescos mag ein sterbender Ort sein, aber er hatte eine ruhmreiche Vergangenheit voller Weisheit. Ich hätte Ihnen die Antwort geben können, die Sie suchten, wenn sie mir nur eingefallen wäre.«
Chantal ging zu Berthe, um sie loszubinden, und sah, daß sie sich die Stirn aufgeschürft hatte. Es war nicht weiter schlimm und rührte womöglich nur von der Stellung her, in der man ihren Kopf auf den Stein gelegt hatte. Das Problem war jetzt, daß sie bis zum Morgen hier warten mußten, bis sie aufwachte.
»Können Sie mir die Antwort jetzt geben?« fragte der Mann.
»Jemand wird Ihnen schon vom Zusammentreffen des heiligen Savinus und Ahab erzählt haben.«
»Natürlich. Der Heilige ist gekommen, hat ein wenig mit ihm gesprochen, und am Ende wurde der Araber bekehrt, weil er sah, daß der Mut des Heiligen größer war als sein eigener.«
»Genau. Allerdings hat Ahab schon von Anfang an und die ganze Zeit, in der sie miteinander redeten, seinen Dolch gewetzt, was Savinus nicht daran hinderte, selig einzuschlafen.
Ahab, der davon ausging, daß alle Welt wie er dachte, wollte Savinus provozieren und fragte ihn:
>Wenn jetzt die schönste Hure der Stadt hier hereinkäme, würde Sie es dann über sich bringen zu denken, sie sei weder schön noch verführerisch?<
>Nein. Aber es würde mir gelingen, mich zu beherrschen<, antwortete der Heilige.
>Und wenn ich Ihnen viele Goldstücke anbieten würde, damit Sie den Berg verlassen und sich uns anschließen, würden sie es über sich bringen, dieses Gold anzuschauen, als wären es Steine?<
>Nein. Aber es würde mir gelingen, mich zu beherrschen.<
>Und wenn zwei Brüder Sie aufsuchen würden, von denen der eine Sie verabscheut und der andere sieht, daß Sie ein Heiliger sind, würden Sie es über sich bringen, sie beide gleich zu behandeln?<
>Auch wenn es mich hart ankäme und ich darunter leiden müßte, würde es mir gelingen, mich zu beherrschen und beide gleich zu behandeln.<« Chantal machte eine Pause und fuhr fort: »Es heißt, dieses Gespräch hätte Ahab dazu bewogen, sich bekehren zu lassen.«
Der Fremde brauchte Chantals Erklärung nicht mehr. Savinus und Ahab hatten die gleichen Triebe - das Gute und das Böse kämpften um sie wie um alle Seelen auf der Erde. Als Ahab begriff, daß Savinus wie er war, begriff er zugleich, daß er war wie Savinus.
Es war alles nur eine Frage der Selbstkontrolle. Und eine Frage, wie man sich entschied.
Nichts weiter.
Chantal blickte ein letztes Mal auf das Tal, die Berge, die Wälder, durch die sie als Kind immer gewandert war, sie schmeckte in Gedanken das kristallklare Wasser, das frisch geerntete Gemüse, den selbstgekelterten Wein aus den besten Trauben der Gegend, der von den Bewohnern des Ortes eifersüchtig gehütet wurde - er war weder für die Touristen noch für den Export gedacht.
Sie war nur zurückgekommen, um sich von Berthe zu verabschieden. Sie trug die gleiche Kleidung wie immer, damit niemand herausfand, daß sie durch ihren kurzen Abstecher in die Stadt zu einer reichen Frau geworden war. Der Fremde hatte sich um alles gekümmert, die Papiere für die Überschreibung des Goldes unterzeichnet, dafür gesorgt, daß es verkauft und der Erlös auf das neueröffnete Konto von Chantal Prym überwiesen wurde. Der Kassierer der Bank stellte nur die für diese Art Transaktion unbedingt notwendigen Fragen, doch die Blicke, die er Chantal immer wieder zuwarf, sprachen Bände. Die junge Person war sic her die Geliebte des älteren Herrn, las sie in seinen Augen. Und Chantal genoß es, daß der Kassierer ihr offensichtlich zutraute, daß sie dem Fremden mit ihren Reizen soviel Geld abluchsen konnte.
Auf dem Weg war sie verschiedenen Bewohnern des Dorfes begegnet. Keiner wußte, daß sie fortgehen würde, und alle begrüßten sie, als wäre nichts geschehen, als hätte der Dämon den Ort nie heimgesucht. Sie erwiderte den Gruß und tat ebenfalls so, als wäre dieser Tag ein Tag wie jeder andere.
Sie wußte noch nicht, inwieweit sie sich durch all das verändert hatte, was sie über sich selbst herausgefunden hatte. Aber das hatte Zeit. Berthe saß vor ihrem Haus. Nun nicht mehr, um auf das Böse aufzupassen, sondern, weil sie nichts anderes zu tun hatte.
»Sie werden mir zu Ehren einen Brunnen bauen«, sagte sie.
»Als Preis für mein Schweigen. Auch wenn ich weiß, daß er nicht lange halten und auch nur wenigen Menschen den Durst stillen wird, da Bescos so oder so zum Sterben verurteilt ist: nicht wegen des Dämons, der hier erschienen ist, sondern aufgrund der Zeiten, in denen wir leben.«
Chantal fragte, wie dieser Brunnen aussehen werde. Berthe hatte sich ausgedacht, daß er aus einer Sonne bestehen sollte, aus der Wasser in den Mund einer Kröte floß. Die Sonne war sie selber, die Kröte der Priester.
»Ich stille euren Durst nach Licht«, hatte sie dem Bürgermeister gesagt, »und werde darum so lange unter euch weilen, wie es diesen Brunnen gibt.«
Der Bürgermeister hatte alles viel zu teuer gefunden, doch Berthe hörte nicht auf ihn. Er hatte keine andere Wahl. Die Arbeiten sollten in der kommenden Woche beginnen.
»Und du wirst endlich das tun, was ich dir geraten habe, mein Kind. Eins kann ich dir mit Gewißheit sagen: Das Leben kann, je nachdem, wie wir es leben, kurz oder lang sein.«
Chantal lächelte, umarmte sie und kehrte Bescos für immer den Rücken. Die Alte hatte recht: Sie hatte keine Zeit zu verlieren, auch wenn sie hoffte, ein langes Leben zu haben.