Robert Silverberg Nach all den Jahrmilliarden

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11. August 2375

Irgendwo im Ultraraum


Lorie, ich weiß beim besten Willen nicht, wann dir dieser Hörbrief zu Ohren kommen wird. Wenn überhaupt jemals. Ich meine, ich könnte einfach zu dem Entschluß kommen, den Nachrichtenwürfel zu löschen, nachdem ich diese Aufzeichnung zu Ende gebracht habe. Oder vielleicht vergesse ich ganz einfach, ihn dir zu geben, wenn ich nach alledem nach Hause komme.

Es ist nicht nur einfach so, daß ich eine Art wankelmütiger Sonderling bin, was natürlich stimmt. Doch bis zu dem Zeitpunkt, da ich dir irgendeine Nachricht übergeben kann, werden ein paar Jahre vergehen, und was ich dir jetzt sagen möchte, mag dann nicht mehr wichtig oder interessant sein. Aber ich habe eben diese Nachrichtenwürfel. Und gerade jetzt scheint es eine gute Idee zu sein, alles für dich festzuhalten, eine Aufzeichnung dessen anzufertigen, was ich tue und hier draußen erlebe.

Ich glaube, am besten wäre es, wenn ich dich heute abend über das galaxisweite Telepathen-Verbindungsnetz anriefe und uns herzliche Glückwünsche zum Geburtstag übermittelte, uns beiden, die wir heute zweiundzwanzig Jahre alt geworden sind. (Hört sich das nicht uralt an? Wir werden zu Fossilien!) An ihrem Geburtstag sollte ein junger Bursche wie ich Verbindung aufnehmen mit seiner Zwillingsschwester, auch wenn sie daheim auf der Erde und er eine ganze Handvoll Lichtjahre entfernt ist.

Aber es würde so um eine Milliarde Krediteinheiten kosten, eine wirkliche und simultane Kopf-zu-Kopf-Verbindung herzustellen. Nun, vielleicht nicht ganz soviel. Aber was immer es auch kosten würde, es ist mehr Kohle, als ich auf meinem Daumenkonto habe. Und ein R-Gespräch wage ich nicht, auch wenn die Gebühren unserem Herrn und Meister nicht viel ausmachen würden. Wenn ich daran denke, wie die Dinge zwischen Vater und mir standen, als ich auf diese Tour ging, dann habe ich einfach nicht den Schneid, es zu versuchen.

Bist du also hiermit zufrieden? — Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, liebste Schwester, von deinem einzigartigen und unersetzlichen Bruder Tom, weit, weit entfernt. Via Nachrichtenwürfel und einige Jahre nach dem Ereignis sende ich dir einen bescheidenen und brüderlichen Kuß.

Wo ich jetzt bin, das ist genau die Frage, die alle beschäftigt. Nach Flugplan sollen wir in drei Erd-Standardtagen auf Higby V landen, und Higby V ist — was? Sechzig, achtzig oder neunzig Lichtjahre von der Erde entfernt? Doch wie du sicher weißt, gibt es keine Eins-zu-eins-Korrelation zwischen der Dauer des Fluges im Ultraraum und der zurückgelegten Distanz. Bei einer Reise über zehn Lichtjahre braucht das Raumschiff vielleicht, sagen wir: zwei Monate, um ein Viertel der Strecke zurückzulegen, und den Rest bewältigt es dann in anderthalb Stunden. Es hat etwas mit der Raum-Zeit-Krümmung zu tun. Als sie es uns Laien erklärten, sollten wir uns eine Nadel vorstellen, die durch ein zusammengeknülltes Blatt Papier sticht und dabei mehrere Schichten auf einmal durchdringt. Höhere Physik von dieser Art ist eigentlich nie ganz mein Fall gewesen, und ich werde auch jetzt nicht versuchen, mir den Kopf darüber zu zerbrechen. Ich liefe Gefahr, die nützlicheren Dinge der anderen Wissenschaften zu vergessen, jene Dinge, die ich zu erlernen versuche und die mehr mit Archäologie zu tun haben. Und die Archäologie geht vor.

Es ist so, wie der Assyrologe Professor Steuben zu sagen pflegte. Während des ganzen Semesters nannte er mich Mr. Barley[1], und ich interpretierte es als seine Art zu scherzen. Bis ich herausfand, daß er wirklich davon überzeugt war, dies sei mein Name. Ich sagte ihm also, ich hieße Rice[2], und am nächsten Tag nannte er mich Mr. Oats[3]. Erneut sagte ich ihm, ich hieße Rice. Daraufhin richtete er sich zu seiner ganzen Größe von drei Metern auf und erwiderte: „Mr. Rice, sind Sie sich darüber im klaren, daß ich jedesmal, wenn ich mir den Namen eines Studenten einpräge, ein unregelmäßiges Verb vergesse? Man muß Prioritäten setzen!“ Er kehrte zu seiner alten Gewohnheit zurück, mich Barley zu nennen, machte aus dem ‚e’ der letzten Silbe aber ein,a’, und so hatte ich nicht mehr allzuviel an ihm auszusetzen.

Professor Steuben sollte mich nun sehen, jetzt, da ich kurz davorstehe, mich durch die bedeutendste archäologische Fundstätte der Galaxis zu graben. Ich fühle mich, als ginge endlich der Vorhang für mich auf. Erinnerst du dich daran, wie wir darüber sprachen, daß das Aufwachsen eine Art Ouvertüre ist, ein musikalisches Vorspiel, und daß der erste Akt beginnt, wenn man selbständig geworden ist? Hier stehe ich also zwischen den Kulissen, lausche den letzten Akkorden der Ouvertüre und hoffe, ich bringe den Text meiner Rolle nicht durcheinander, wenn der große Augenblick kommt.

Ich will damit nicht andeuten, daß ich mein Licht über den Scheffel stelle. Ich weiß, und du weißt, und wir alle wissen, daß ich nur ein sehr kleiner Bestandteil dieser Expedition bin, daß ich mehr von ihr bekommen werde, als ich ihr möglicherweise an Hilfe geben kann, daß ich mich glücklich schätzen kann, hier zu sein, und daß ich kein großer Aktivposten des Unternehmens bin. Erfüllt das meine Bescheidenheitsquote für die kommende Zeit? Aber ich meine es wirklich so. Ich bin bescheiden angesichts dieser Exkursion, denn ich weiß, ich habe eine ganze Menge Gründe, bescheiden zu sein.

Zuerst werde ich dir die Daten der bisherigen Reise übermitteln, dann beschreibe ich dir die Eigenarten der Personen, so wie sie mir bis jetzt aufgefallen sind.

Die bisherige Reise: Null. Ich wünschte, Lorie, ich könnte dir über die Reise im Ultraraum ein aufregendes Bild in schillernden Farben malen, um es deiner Sammlung nachempfundener Erfahrungen hinzuzufügen. Vergiß das, und zwar vollständig. Die Tatsache, daß du niemals einen Flug durch den Ultraraum unternehmen wirst, ist absolut kein Grund, das zu bedauern. Das Raumschiff hat keine Fenster, keine Beobachtungsplatten, keine Bildschirme, keinen wie auch immer gearteten Zugang zur Umgebung draußen. Es gibt kein Gefühl von Bewegung. Die Temperatur schwankt nie, das Licht flackert nicht; weder regnet es hier drinnen, noch schneit es. Mit dieser Reise ist es so, als verbringe man einige Monate im Innern eines sehr langen und niedrigen Hotels, das in jeder Hinsicht fest verschlossen ist. Draußen, so haben sie mir gesagt, befindet sich grauer, konturloser Dunst, der überhaupt keinen Veränderungen unterworfen ist, niemals. Der Ultraraum ist ein Universum mit einem neblig-trüben Tag so lang wie die Ewigkeit. Aus diesem Grund bauten die Schiffskonstrukteure keine Fenster ein, um so das Risiko psychisch bedingter Erkrankungen zu vermeiden. Zur einzigen Aufregung während der Reise kam es am dritten Tag, als wir gerade aus dem Marsorbit heraus waren und vom Normalkontinuum in den Ultraraum wechselten. Etwa dreißig Sekunden lang fühlte ich mich, als hätte mir jemand die Hand in die Kehle gesteckt und stülpe mit einem schnellen, plötzlichen Ruck mein Innerstes nach außen. Das ist nicht gerade ein sehr angenehmes Gefühl. Aber es mag als Maßstab dafür gelten, wie langweilig seit diesem Zeitpunkt alles gewesen ist, daß ich es nun kaum noch erwarten kann, es noch einmal zu spüren, wenn uns die Phasenverschiebung morgen oder übermorgen aus dem Ultraraum herausbringt. Ich vermute, es wird das Gegenteil sein: die Rückgängigmachung einer Ausweidung.


Diese lange, stumme und sprachlose Stelle im Nachrichtenwürfel, Lorie, markiert die Zeitspanne, in der ich eine Weile aufgehört habe hineinzusprechen. Ich habe mir überlegt, ob ich zum Anfang der Aufzeichnung zurückgehen und das bisher Gesagte löschen sollte. Ich meine, der Teil über die Reise ist so langweilig, weil wir weder irgend etwas sehen oder tun noch unserer Gefangenschaft entfliehen können.

Es ist ein bißchen tolpatschig von mir, dir gegenüber darüber zu nörgeln. Wenn man die paar schauderhaften Monate, die ich am gleichen Fleck sitzend verbracht habe, mit den Dingen vergleicht, mit denen du dich praktisch dein ganzes Leben lang abzufinden hast, dann muß ich als völlig verrückt und launisch erscheinen. Nun gut, dann bin ich also ein Tolpatsch. Ich kann mir nicht vorstellen, wie du damit fertig wirst, Lorie. Außer vielleicht, daß es für einen Telepathen leichter ist, solche Dinge aus dem Bewußtsein zu verdrängen. Ich an deiner Stelle hätte schon den Verstand verloren, bevor ich aus den Windeln heraus gewesen wäre.

Nun, du bist du, und ich bin ich, und bitte sieh mir meine wirklich großen Fehler nach. Ich habe nicht deine Engelsgeduld — ich werde ganz einfach verrückt in diesem Raumschiff, und ich nehme mir die Freiheit, mich für meine geringe Toleranzschwelle Langeweile gegenüber zu verspotten.

Ich werde all dies im Würfel lassen. Ich möchte dir das ganze Bild zeigen, alles, was ich empfinde, wie ein Teufel, der sich als fromme Seele auszugeben versucht. Ich könnte dir ohnehin nichts vormachen.


Nun zu den Eigenarten der Personen, der Sonderlinge. Und ich meine wirklich Sonderlinge.

Elf Archäologen gehören dieser Expedition an. Drei von uns sind Lehrlinge, vor kurzem erst vom College gekommen, und sie werden eher aus Höflichkeit als aus tatsächlichem Verdienst Archäologen genannt. Unsere drei Chefs dagegen sind wirkliche Spitzenleute auf diesem Gebiet — jeder von ihnen gilt in Hinsicht auf die Erhabenen als große Kapazität, und natürlich hassen sie sich gegenseitig mit nachdrücklicher Hingabe. Die restlichen fünf sind durchschnittliche Typen, alles Profis, aber nicht spezialisiert, die Art von Handlangern, die man bei jedem Unternehmen findet. Sie sind herumgekommen, sie verstehen ihr Handwerk, sie tun, was man ihnen sagt. Aber sie sind ohne Begeisterung bei der Sache.

Wie du vielleicht vermutest, sind wir eine rassisch gemischte Mannschaft. Die Liberalen mußten ihren Willen durchsetzen. Und somit ist uns das Quotierungssystem auferlegt worden: Unsere Gruppe umfaßt sechs Terraner, einschließlich eines Androiden, und fünf ausgewählte Repräsentanten von fünf anderen intelligenten Spezies der Galaxis. Nun, du weißt, ich bin nicht voreingenommen. Mir ist es gleich, wie viele Augen, Tentakel, Eßöffnungen oder Fühler irgendein Lebewesen zufälligerweise sein eigen nennt — solange es seine Arbeit versteht. Es paßt mir nur nicht, jemanden dabeizuhaben, der fachlich unterqualifiziert ist und nur der rassischen Ausgewogenheit willen einer Expedition zugeteilt wird.

Nimm zum Beispiel unseren Androiden. Ihr Name ist Kelly Wachmann und ihr Fachgebiet Erdarbeiten mit Unterdruck-Bohrkernen.

Der Bottichnummer nach zu urteilen, die irgendwo um die fünfzehntausend liegt, ist Kelly etwa neunzig Jahre alt (inzwischen sind sie über eine Million hinaus, nicht wahr?). Aber da sie ein Android ist, altert sie überhaupt nicht, und sie sieht aus wie eine Neunzehnjährige. Eine sehr aufreizende Neunzehnjährige natürlich. Wenn man schon Kunstmenschen produziert, dann kann man auch gleich gutaussehende herstellen, meinen die Androidenhersteller, und ich bin ganz ihrer Meinung. Kelly ist äußerst attraktiv, und wenn sie im Schiff umherwandert, dann trägt sie eine Bekleidung, die einem Nichts sehr nahe kommt — und manchmal noch weniger. Da ein Android kein größeres Sexualleben hat als die Venus von Milo, macht sich Kelly nicht die Mühe, darüber nachzudenken, welche Auswirkungen all diese Kurven und Wölbungen auf normale Menschen männlichen Geschlechts haben könnten, die ihr in den Korridoren immer wieder in die Arme laufen. Auf mich übrigens nicht: Als sich Kelly zum ersten Mal auszog, stellte ich fest, daß sie keinen Nabel besitzt, und das brachte mich davon ab, sie mir als richtige Frau vorzustellen. Ich meine, es gibt keinen Grund, warum ein Android einen Nabel haben sollte, aber ich kann in ihr dennoch nichts anderes sehen als eine Art spazierengehende Gummipuppe. Und ich habe keinerlei romantisches Interesse an spazierengehenden Gummipuppen, ganz gleich, wie lebensecht und sinnlich sie aussehen mögen. Einige der anderen allerdings…

Nun, ich komme vom Thema ab, und vielleicht zeigen diese Vorurteile mein wahres Gesicht, denn eine Menge Leute halten Androiden für begehrenswert. Kern der Sache ist, daß sich Kelly Wachmann an Bord dieses Schiffes befindet, weil sie einer unterdrückten Minderheit angehört, und nicht deswegen, weil sie ein hervorragender Operateur von Unterdruck-Bohrköpfen ist.

Sie kann kein hervorragender Operateur von Unterdruck-Bohrköpfen sein. Es ist allgemein bekannt, daß das Nervensystem eines Androiden — so kompliziert es auch sein mag — dem eines wirklichen Menschen nicht ebenbürtig ist. Ein Android hat einfach nicht diesen Extrasinn, jene Fähigkeit zu wissen, daß er ein kostbares Artefakt beschädigt, wenn er einen Zehntelmillimeter weiterbohrt. Bei jeder von ihm erlernten Fähigkeit ist ein Android einhundert Prozent tüchtig. Die Sache ist die, daß Menschen, so wankelmütig wir auch sind, mit einer Tüchtigkeit von einhundertfünf Prozent aufwarten können, wenn die Situation es erfordert. Vielleicht sind wir nicht so beherrscht und mechanisch perfekt wie Androiden, aber wenn uns die Fetzen um die Ohren fliegen, können wir für eine kurze Zeitspanne übermenschlicher Leistungsfähigkeit über uns selbst hinauswachsen, und ein Android ist ganz einfach nicht darauf programmiert, so etwas zu bewerkstelligen. Androidische Genialität kann definitionsgemäß nicht existieren. Der bei archäologischen Ausgrabungen tätig werdende Operateur muß jedoch ein Genie sein. Ich bewundere Kelly dafür, die Gleichberechtigung und all das errungen zu haben, und dafür, eine schwierige Fertigkeit erlernt zu haben, und weil sie sich etwas so Abstraktem wie Archäologie widmet. Ich wünschte dennoch, wir hätten bei dieser Ausgrabung einen Menschen aus Fleisch und Blut, der den Unterdruck-Bohrkopf bedient, und ich glaube nicht, daß darin meine Voreingenommenheit zum Ausdruck kommt.

Unser anderer Graber gehört ebenfalls zur rassischen Quotierung, aber was ihn angeht, bin ich nicht ganz der gleichen Ansicht. Er heißt Mirrik, die Verkürzung eines Namens so lang wie mein Arm, und er kommt von Dinamon IX. Er ist unser Bulldozer.

Mirriks Art wird sehr groß. Hast du jemals Bilder des ausgestorbenen irdischen Säugetiers gesehen, das man Rhinozeros nannte? Es war ungefähr so groß wie ein mittlerer Lieferwagen — bestimmt hast du in deinen Kommunikationsverbindungen mit anderen Telepathen einmal einen Lieferwagen gesehen —, und zweimal so schwer. Mirrik ist fast so groß wie ein Rhinozeros. Er ist breiter in den Schultern als ich lang und eine ganze Ecke größer, als er breit ist, und er wiegt und ißt soviel, wie der Rest von uns zusammen. Er riecht auch ziemlich streng. Er hat blaue, runzlige Haut; seine Augen sind klein, und er hat flache Stoßzähne in seinem Unterkiefer. Aber er ist intelligent und gebildet. Er spricht Anglic ohne jeden Akzent; er kann die amerikanischen Präsidenten oder sumerischen Könige oder jede andere Persönlichkeit aus der irdischen Geschichte benennen, und mit einer Art bebenden und gurrenden Stimme trägt er Liebesgedichte vor. Er ist eine ziemlich bizarre Art von Sonderling. Darüber hinaus kennt er sich in archäologischen Techniken aus wie eine Koryphäe, und er kann Lasten heben, unter denen ein Traktor auseinanderbräche. Er wird unsere schweren Erdarbeiten ausführen, bevor Kelly mit ihrem Unterdruck-Bohrkopf an die Reihe kommt, und ich glaube, es ist großartig, einen Archäologen und eine Hochleistungsmaschine im gleichen Körper zu vereinen. Hauptsächlich gräbt er mit seinen Stoßzähnen, aber außer den vier Säulen, auf denen er steht, hat er auch ein Paar Extragliedmaßen, die ihm dazu dienlich sind. Ich mag ihn. Doch man muß auch auf ihn achtgeben. Meistens ist er äußerst zuvorkommend, aber er geht auch auf Zechtouren, bei denen er Blumen verzehrt, betrunken wird und sich wie toll aufführt. Ein Dutzend Geranien machen ihn so sternhagelvoll wie ein Liter Rum. Auf dem Oberdeck haben wir diesen hydroponischen Garten, und einmal in der Woche oder so bekommt Mirrik Heimweh, geht hinauf, knabbert an Blüten und beginnt dann, zechend durchs Schiff zu ziehen. Letzten Dienstag hätte er beinahe Dr. Horkkk als Fleck an die Wand geschmiert.

Dr. Horkkk ist einer unserer drei Chefs. Er stammt von Thhh, einem Planeten im Rigelsystem, und in der ganzen Galaxis ist er der führende Experte für die Sprache der Erhabenen. Das bedeutet nicht viel, wenn man berücksichtigt, daß wir nicht eine einzige Silbe ihrer Sprache verstehen können, aber Dr. Horkkk weiß mehr als irgend jemand anders.

Ich stelle mir gern vor, er sei Deutscher. Er erinnert mich an diesen verrückten Therapeuten, der jeden Mittwoch von Düsseldorf herüberzukommen pflegte, um dir das Gehen beizubringen. Dr. Schatz, erinnerst du dich? Auf eine exotische Art und Weise ist Dr. Horkkk genau wie er. Er ist sehr klein, sehr geschäftig, sehr gewissenhaft, sehr ernst und sehr selbstsicher. Und er scheint auch zu spucken, wenn er spricht. Ich vermute, unter dieser Schale ist er gutmütig, aber das kann man nicht genau sagen, weil er sich solche Mühe gibt, nach außen hin grimmig zu wirken. Er reicht mir gerade bis zur Hüfte, und wenn er sich zur Seite dreht, kann man ihn kaum erkennen, so dürr ist er. Er hat drei große, vorspringende Augen auf seinem Kopf und zwei Münder darunter, einen zum Sprechen und den anderen zum Essen. Sein Gehirn befindet sich dort, wo sein Bauch sein sollte, und wo sein Verdauungstrakt untergebracht ist, möchte ich mir nicht einmal vorzustellen versuchen. Er hat vier Arme und vier Beine, alle etwa zwei Finger dick, so daß er irgendwie spinnenartig aussieht. Als Mirrik neulich dahergestolpert kam und ihn fast zerquetscht hätte, ging Dr. Horkkk geradewegs die Wand hoch, was ziemlich schrecklich anzusehen war. Nachher hat er Mirrik in einem Dutzend verschiedener Sprachen, vielleicht auch in drei Dutzend, die Leviten gelesen, und in allen drei Dutzend Sprachen nannte er ihn einen „besoffenen Ochsen“. Aber Mirrik entschuldigte sich, und jetzt sind sie wieder gute Freunde.

Welcher Rasse er auch immer entstammte, Dr. Horkkk hätte in jedem Fall zu dieser Expedition gehören müssen. Steen Steen aber ist hier ganz eindeutig überflüssig. Ich brauche es dir kaum zu sagen: Steen ist Calamorianer, ein wirklich militanter noch dazu — als ob es überhaupt andere gäbe. Er/sie ist einer der anderen Lehrlinge und kam letztes Jahr von einer calamorianischen Universität: Die Gerüchte untertreiben noch; offenbar wird dort von morgens bis abends leeres Papier mit Promotionsbestätigungen bedruckt. Dieses Exemplar hat von nichts eine blasse Ahnung. Gelegentlich offenbaren Diskussionen, daß Steens Kenntnisse über die Theorie der Archäologie so umfassend sind wie mein Wissen über die Theorie der Neutrinos, und ich weiß überhaupt nichts über Neutrinos. Aber ich behaupte das auch nicht, während Steen vorgibt, promovierter Student in Archäologie zu sein. Du weißt natürlich, wie er/sie hierher gelangt ist. Die Calamorianer machen immer wieder einen Heidenlärm um ihren Status und drohen allen in ihrer Sichtweite einen Krieg an, wenn ihre intellektuellen Fähigkeiten nicht allgemein anerkannt und hochgeschätzt werden. Deshalb müssen wir uns also mit Steen herumplagen, um sein/ihr Volk zu beruhigen.

Zumindest sieht Steen gut aus: anmutig und zierlich, mit glänzender, smaragdgrüner Haut und langen, gewundenen Tentakeln. Jede Bewegung ähnelt der eines Ballettänzers. Niemand mag Steen mehr als Steen selbst, aber das ist vermutlich verständlich, wenn man bedenkt, daß die Calamorianer beide Geschlechter im gleichen Körper vereinen und den Verstand verlören, wenn sie sich nicht selbst liebten. Aber Steen ist dumm, und Steen ist hier nur Ballast, und deshalb ärgere ich mich über seine/ihre Anwesenheit.

Der dritte Lehrling ist auch keine Leuchte. Es ist eine Blondine namens Jan Mortenson, mit einem B.S. einem Bachelor of Science, der Stockholmer Universität. Sie hat eine reizende Figur und eine Menge großer, weißer Zähne. Sie scheint recht nett zu sein, aber nicht sonderlich gescheit. Ihr Vater ist irgendein hohes Tier in Zentralgalaxis, und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sie dieser Expedition zugeteilt wurde: Diese Diplomaten lassen immer ihre Beziehungen spielen, um solche Schiebungen zu bewerkstelligen. Bisher hatte ich aber nicht viel mit ihr zu tun: Sie hat ein Auge auf unseren Chronologen geworfen, Saul Shahmoon.

Saul hat kein Auge auf sie geworfen, aber das ist ihr Problem. Ich glaube nicht, daß Frauen ihn sonderlich interessieren. Er ist um die Vierzig, stammt aus Beirut und hat während der letzten fünf oder sechs Jahre für Fentnor U. auf der Venus gearbeitet. Klein, dunkel, knochig, alleinstehend und die Reputation für gute, aber begeisterungslose Arbeit. Seine größte Leidenschaft ist das Briefmarkensammeln. Er hat seine Sammlung mitgebracht, und sie beansprucht den größten Teil des Platzes in seiner Kabine, Album auf Album, bis hin zum neunzehnten Jahrhundert. Er hat uns alle mitgenommen und sie uns gezeigt. Erinnerst du dich daran, als wir Briefmarken gesammelt haben? Saul hat all die Exemplare, von denen wir nur träumen konnten: die Fünf-Krediteinheiten-Marsport mit dem ultravioletten Überdruck, den gezahnten und ungezahnten Luna-City-Souvenirblock, den Henry XII.-Krönungssatz — alles. Und all die galaktischen Marken, Exemplare von fünfzig oder hundert verschiedenen Planeten. Die Hälfte der Zeit ist Jan bei ihm und lauscht seinen Vorträgen über das Postwesen auf Beteigeuze V oder wo auch immer. Oder sie hilft ihm dabei, denebianische Marken mit Säure von ihren Briefumschlägen zu lösen, und Saul erzählt und erzählt und erzählt und versteht nicht einen einzigen Wink. Arme Jan!

Als nächstes haben wir Leroy Chang. Er ist außerordentlicher Professor für Paläoarchäologie an der Universität Harvard und sehr an Jan interessiert — oder Kelly oder jedem anderen weiblichen Wesen. Ich glaube, Leroy würde auch versuchen, ein Rendezvous mit Steen Steen zu vereinbaren, wenn seine Notlage groß genug wäre. Oder Mirrik. Leroy behauptet, Chinese zu sein, aber seine Gene sind natürlich genauso gemischt wie die aller anderen Menschen der Erde, und er sieht nicht chinesischer aus als ich. Er hat rotes Haar, eine Art kastanienbraune Haut und eine tiefe Stimme, und er hätte wahrscheinlich großen Erfolg bei Frauen, wenn er ihnen nicht immer so krampfhaft gierig entgegenträte. Man muß nicht eigens aus den Kinderschuhen herauszusein, um zu begreifen, wie lächerlich das Verhalten ist, das Leroy an den Tag legt. Er ist um die Vierzig und noch immer tölpelhaft. Fachlich gesehen, glaube ich, ist er so einigermaßen. Warum dieser Expedition so viele Blindgänger angehören, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Unser Chef Nummer eins ist kein Blindgänger. Es ist Dr. Milton Schein von der Marsport Universität, und wie du wahrscheinlich weißt, handelt es sich bei ihm um den Mann, der bei Syrtis Major die erste Fundstelle von Artefakten der Erhabenen ausgrub. Das macht ihn zum ersten tatsächlichen Paläoarchäologen — der erste Mensch überhaupt, der sich mit Fundstellen beschäftigte, die eine Milliarde Jahre alt sind. Und da er diese neue Wissenschaft praktisch begründete, ist es kaum möglich, etwas an ihm auszusetzen. Er ist hervorragend, obwohl auch ein wenig einschüchternd, wenn er zu fachsimpeln beginnt. Als Mensch ist er ein zuvorkommender, herzlicher, grauhaariger Typ und sehr liebenswert — es sei denn, sein berufliches Interesse erwacht. Er verabscheut Dr. Horkkk, und umgekehrt verhält es sich genauso, nehme ich an — deswegen, weil sie beide so hohes Ansehen auf diesem Gebiet genießen. Und mit gleichwertiger Hingabe verabscheuen sie unseren dritten Chef, Pilazinool von Shilamak, den bekannten Experten in intuitiver Analyse — was die Wissenschaft bedeutet, voreilige Schlüsse zu ziehen. Darin versteht er sein Handwerk.

Wie du weißt, haben die Shilamakka diese Angewohnheit, sich selbst Glied für Glied und Organ für Organ in Maschinen zu verwandeln. Zuerst sehen sie überraschend humanoid aus. Das bedeutet, sie verfügen über die richtige Anzahl von Köpfen, Armen, Beinen und so weiter. Ich glaube, sie haben eine andere Anordnung der Gelenke, mehr Finger, weniger Zehen und ein paar ähnliche Andersartigkeiten. Aber dann fangen sie damit an, an diesem Basismodell herumzubasteln. Ein Shilamakka betrachtet sich selbst als ein Nichts, verfügt er nicht zumindest über ein künstliches Glied, wenn er zum Jugendlichen wird. Eine Art Pubertätsritus. Und sie machen ihr ganzes Leben lang damit weiter, schneiden ihre Gliedmaßen ab und ersetzen sie durch hübsche Metalldinge. Je weniger vom ursprünglichen Körper übrigbleibt, desto höher der soziale Rang. Bei Pilazinool handelt es sich um einen sehr hochgestellten Shilamakka. Er verfügt über maximales Prestige, und ich vermute, er besteht zu neunzig Prozent aus Transplantaten, wobei nur kaum mehr als sein Hirn noch organisch sein kann. Neues Herz, neue Lungen, neues Verdauungssystem, neue Drüsen, alles neu. Er verbringt eine Menge Zeit damit, sich auf Hochglanz zu polieren. Er hat sehr viel Angst davor, daß Staub in seine Getriebe eindringt. Mir würde es vermutlich nicht anders ergehen. Er hat die Angewohnheit, sich einen Arm, eine Hand oder irgend etwas anderes abzuschrauben und damit herumzuspielen, wenn er nervös ist oder einfach nur konzentriert nachdenkt. Letzte Nacht hat er mit Dr. Horkkk im Gesellschaftsraum Komplex-Schach gespielt, und während eines spannenden Abschnitts löste Pilazinool beide Beine, seinen linken Radioempfänger und seine rechte Schulter. Neben ihm stapelte sich also dieser Haufen abgeschraubter Shilamakka-Teile. Dr. Horkkk hatte ihn mit einem direkt von der Seite heranfliegenden Turm in doppeltem Schach, doch Pilazinool fand einen sehr geschickten Ausweg aus dieser Lage, indem er seinen rechten hinteren Läufer hob, zwei Bauern damit schlug und dann seine Königin in einem der grandiosesten Gegenzüge heranbrachte, die ich jemals gesehen habe. Das Spiel endete remis. So ist Pilazinool: kühl, mehr Maschine als Lebewesen, aber auf Draht.

Das letzte Mitglied unserer Gruppe ist 408b von 1. Es tut mir leid, so heißt er — oder sie oder es. Es kommt von Bellatrix XIV, wo man alles mit Nummern zu benennen pflegt. „408b“ stellt Vor- und Familienname dar. Bei „1“ handelt es sich um die Bezeichnung des Planeten: Sie haben das ganze Universum numeriert, und ihre eigene Welt ist natürlich Nummer eins. Der gute 408b ist ein gelblich aussehender Sonderling von im Grunde genommen polypenartigem Äußeren: sackartiger Körper, fünf Greiftentakel, fünf Gehtentakel, ein Augenring, der den ganzen Kopf umschließt, und eine Art Papageienschnabel als Mund. Seine Spezialität ist Paläotechnik. Es versteht eine ganze Menge von der Maschinerie der Erhabenen, auch wenn es uns darüber noch nicht viel mitgeteilt hat. Im Gegensatz zu uns anderen mag es keine Sauerstoff-Stickstoff-Atmosphäre, obgleich es sie die meiste Zeit über atmet. Für drei Stunden an jedem Tag verschwindet es in einer Atemkammer, um in einer reinen Kohlendioxidatmosphäre ein wenig Luft zu schnappen. Mirrik glaubt, 408b müsse mit einer Art Pflanze in Symbiose leben. Vielleicht stimmt das.


Jetzt, da ich den Nachrichtenwürfel noch einmal abgehört habe, bin ich nicht ganz glücklich mit der Art und Weise, mit der ich alle runterzumachen scheine. Schließlich habe ich diese Leute bisher noch nicht richtig bei der Arbeit gesehen. Ich stütze mich auf Gerede aus zweiter Hand, erste Eindrücke und allgemeine Gehässigkeit. Vielleicht bildet diese Gruppe ein wirklich hervorragendes archäologisches Team, oder sie wird dazu, wenn sie zum Einsatz kommt. Es bleibt abzuwarten. Ich weiß nicht, warum ich heute abend so verdrießlich bin; vielleicht sind meine Synapsen durch die lange Zeit überreizt, die ich in diesem Schiff eingeschlossen bin.

Noch drei Tage, und der Vorhang hebt sich. Ich kann es nicht mehr abwarten.

Noch einmal herzliche Glückwünsche zum Geburtstag, Lorie. Für dich. Für mich. Für uns.

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