Zwei Tage später wurde ihr der Besuch eines anderen Anwalts gemeldet. Diesmal aus einer anderen Kanzlei, die die beste Konkurrentin ihrer jetzt ehemaligen Kollegen war.

Mari lebte auf. Vielleicht wußte er, daß sie frei war und eine neue Stelle suchte, die ihr die Chance bot, ihren Platz in der Welt wieder einzunehmen.

Der Anwalt trat in das Besuchszimmer, setzte sich, fragte lächelnd nach ihrem Befinden und zog verschiedene Papiere aus der Aktentasche.

»Ich bin wegen Ihres Mannes hier«, sagte er. »Hier ist sein Scheidungsantrag. Selbstverständlich übernimmt er alle Krankenhauskosten für die Dauer Ihres Aufenthalts.«

Diesmal wehrte sich Mari nicht. Sie unterzeichnete alles, obwohl sie als Anwältin wußte, daß sie diesen Rechtsstreit unendlich verlängern könnte. Anschließend ging sie zu Dr.

Igor und sagte ihm, ihre Symptome seien zurückgekehrt.

Dr. Igor wußte, daß sie log, doch er verlängerte ihre Internierung auf unbestimmte Zeit.

Veronika beschloß, ins Bett zu gehen, doch Eduard blieb neben dem Klavier stehen.

»Ich bin müde, Eduard. Ich brauche Schlaf.«

Sie hätte gern für ihn weitergespielt, alle Sonaten, Requiems, Adagios, die sie kannte, aus ihrem betäubten Geist wieder hervorgeholt, weil seine Bewunderung nicht fordernd war. Doch ihr Körper machte nicht mehr mit.

Er war ein so gutaussehender Mann! Wenn er doch nur ein bißchen aus seiner Welt herauskäme und in ihr die Frau sähe, dann könnten ihre letzten Nächte auf dieser Erde die schönsten ihres Lebens werden, denn Eduard war als einziger imstande, sie als Künstlerin zu begreifen. Mit ihm war sie über die Musik eine Verbindung eingegangen wie noch nie zuvor mit jemandem.

Eduard war der ideale Mann. Sensibel, gebildet, hatte er eine uninteressante Welt zerstört, um sie in seinem Kopf neu erstehen zu lassen, dieses Mal mit neuen Farben, Personen, Geschichten. Und diese neue Welt schloß eine Frau, ein Klavier und einen zunehmenden Mond mit ein.

»Ich könnte mich jetzt verlieben, dir alles geben, was ich habe«, sagte sie, weil sie wußte, daß er sie nicht verstehen konnte. »Du bittest mich immer nur um Musik, doch ich bin viel mehr, als ich dachte, und würde gern andere Dinge mit jemandem teilen, die ich jetzt verstehe.«

Eduard lächelte. Hatte er sie verstanden? Veronika bekam einen Schreck, denn im Handbuch des guten Benehmens hieß es, daß man nicht auf so direkte Weise über Liebe sprach und schon gar nicht mit einem Mann, den man erst wenige Male gesehen hatte. Doch sie beschloß, sich nicht beirren zu lassen, weil sie nichts zu verlieren hatte.


»Du bist der einzige Mann auf dieser Erde, in den ich mich verlieben kann, Eduard. Einfach, weil du mich nicht vermissen wirst, wenn ich sterbe. Ich weiß nicht, was ein Schizophrener fühlt, aber ganz bestimmt nicht Sehnsucht nach jemandem.

Vielleicht wirst du dich anfangs wundern, wenn nachts keine Musik mehr erklingt. Doch der Mond wird immer wieder aufgehen, und immer wieder einmal wird jemand Lust haben, Sonaten für dich zu spielen, vor allem hier, in einer psychiatrischen Anstalt, denn schließlich sind wir doch alle mondsüchtig.«

Sie wußte nicht, welche Verbindung es zwischen den Verrückten und dem Mond gab, doch wenn Geisteskrankheit als Mondsüchtigkeit beschrieben wurde, mußte sie sehr stark sein.

»Und ich werde dich auch nicht vermissen, Eduard, denn ich werde tot sein, fern von hier. Und da ich keine Angst habe, dich zu verlieren, ist es mir gleichgültig, was du über mich denkst, und heute habe ich für dich wie eine verliebte Frau gespielt. Das war schön. Es war der schönste Augenblick in meinem Leben.«

Sie sah zu Mari nach draußen. Sie erinnerte sich an deren Worte. Und sah wieder den jungen Mann an, der vor ihr stand.

Veronika zog ihren Pullover aus und näherte sich Eduard. Wenn sie es tun wollte, dann war jetzt der Moment dafür.

Mari würde die Kälte dort draußen nicht lange aushaken und bald wieder hereinkommen.

Eduard wich zurück. Die Frage in seinen Augen war: Wann würde sie ans Klavier zurückkehren? Wann würde sie eine andere Musik spielen, um seine Seele mit den Schmerzen, den Freuden jener verrückten Komponisten zu füllen, die die Generationen mit ihren Werken überdauert hatten?

»Die Frau da draußen hat mir gesagt: >Befriedige dich selbst. Erfahre, wohin du gelangen kannst.< Sollte ich wirklich weiter kommen als je zuvor?«

Und sie nahm ihn bei der Hand und wollte ihn zum Sofa führen, doch Eduard entzog sich höflich. Er blieb lieber stehen und wartete geduldig, daß sie wieder spielte.

Veronika war verwirrt, doch dann war ihr wieder klar, daß sie nichts zu verlieren hatte. Sie war tot, warum sollte sie weiter Ängste und Vorurteile hegen, mit denen ihr Leben immer eingegrenzt worden war? Sie zog die Bluse aus, die Hose, den BH, den Slip und stand nackt vor ihm.

Eduard lachte. Sie wußte nicht worüber, stellte einfach fest, daß er gelacht hatte. Vorsichtig nahm sie seine Hand und legte sie auf ihr Geschlecht. Die Hand blieb dort reglos liegen. Veronika überlegte es sich anders und schob die Hand wieder weg.

Etwas erregte sie viel mehr, als wenn sie körperlichen Kontakt mit dem Mann gehabt hätte. Die Tatsache, daß sie machen konnte, was sie wollte, daß es keine Grenzen gab; außer der Frau, die jeden Moment hereinkommen konnte, war um diese Zeit wahrscheinlich niemand mehr wach. Ihr Blut floß schneller, und das Frösteln, das sie empfunden hatte, als sie sich auszog, verschwand wieder. Die beiden standen voreinander, sie war nackt, er vollständig angezogen. Veronika ließ die Hand herunter zu ihrem Geschlecht gleiten und begann sich selbst zu befriedigen. Sie hatte das schon früher getan, allein oder mit einigen Partnern, doch nie in einer Situation wie dieser, wo der Mann nicht das geringste Interesse an dem zeigte, was gerade geschah.

Und das war erregend. Sehr erregend. Breitbeinig stehend berührte Veronika ihr Geschlecht, ihre Brüste, ihr Haar und gab sich hin, wie sie sich nie zuvor hingegeben hatte, weniger um zu sehen, ob sie diesen Jungen aus seiner fernen Welt herausholen konnte, sondern weil sie so etwas noch nie erlebt hatte.

Sie begann zu reden, undenkbare Dinge zu sagen, die ihre Eltern, ihre Freunde, ihre Vorfahren für den größten Schmutz auf Erden gehalten hätten. Der erste Orgasmus kam, und sie biß sich auf die Lippen, um nicht zu schreien.

Eduard blickte sie an. In seinen Augen war jetzt ein anderes Leuchten, als verstünde er etwas, auch wenn er möglicherweise nur die Energie, den Schweiß, den Geruch, die Hitze wahrnahm, die ihr Körper ausstrahlte. Veronika war noch nicht befriedigt. Sie kniete nieder und begann sich wieder selbst zu befriedigen.

Sie wollte sterben, während sie der bis heute verbotenen Lust frönte: Sie flehte den Mann an, sie zu berühren, sie zu unterwerfen, sie zu allem zu benutzten, wozu er Lust hatte.

Wollte, daß auch Zedka da wäre, weil eine Frau besser als jeder Mann weiß, wie sie den Körper einer anderen Frau berühren mußte, da sie all dessen Geheimnisse kannte.

Sie kniete vor Eduard nieder. Ihr war, als würde er sie besitzen und berühren, und sie gebrauchte obszöne Worte, um zu beschreiben, was sie von ihm wollte. Ein neuer Orgasmus kam, stärker als der letzte, als würde alles um sie herum gleich explodieren. Sie erinnerte sich an den Herzanfall, den sie am Morgen gehabt hatte, doch das war jetzt unwichtig, sie würde voller Lust sterben, explodieren. Sie fühlte sich versucht, Eduards Geschlecht zu packen, das sich direkt vor ihrem Gesicht befand, doch sie wollte nicht Gefahr laufen, diesen Augenblick zu zerstören. Sie ging weit, viel weiter, genau wie Mari gesagt hatte.

Sie stellte sich vor, Königin und Sklavin zu sein, Beherrscherin und Beherrschte. In ihrer Phantasie machte sie Liebe mit Weißen, Schwarzen, Gelben, Homosexuellen, Bettlern.

Sie gehörte allen, und alle konnten alles mit ihr machen. Sie hatte nacheinander einen, zwei, drei Orgasmen. Sie phantasierte sich, was sie sich nie zuvor vorgestellt hatte — und gab sich dem Gemeinsten und Reinsten hin, das es gab. Am Ende konnte sie sich nicht mehr beherrschen und schrie laut, vor Lust, vor Schmerz, wegen der aufeinanderfolgenden Orgasmen, wegen der vielen Männer und Frauen, die ihren Körper besessen hatten, indem sie sich ihres Geistes bemächtigten.

Dann legte sie sich auf den Boden und blieb dort schweißbedeckt, friedlich liegen. Sie hatte ihre innersten Wünsche vor sich selbst verborgen, ohne zu wissen, wieso. Und sie brauchte keine Antwort. Es reichte, daß sie getan hatte, was sie tat: sich hinzugeben. Ganz allmählich kehrte das Universum an seinen Platz zurück, und Veronika erhob sich. Eduard hatte die ganze Zeit reglos dagestanden, doch etwas schien sich in ihm verändert zu haben: Seine Blicke zeigten Zärtlichkeit, eine sehr irdische Zärtlichkeit.

>Es war so gut, daß ich jetzt überall Liebe entdecken kann. Sogar in den Augen eines Schizophrenen.< Sie zog ihre Kleider wieder an und bemerkte, daß noch jemand im Raum war: Mari.

Veronika wußte nicht, wann sie hereingekommen war oder ob sie etwas gesehen hatte, doch sie fühlte weder Scham noch Angst. Sie blickte sie nur mit der gleichen Distanz an, mit der man einen Menschen ansieht, der einem zu nahe getreten ist.

»Ich habe gemacht, was du mir vorgeschlagen hast«, sagte Veronika, »und ich bin sehr weit gekommen.«

Mari schwieg. Sie hatte gerade sehr wichtige Augenblicke in ihrem Leben Revue passieren lassen und fühlte sich nicht recht wohl. Vielleicht war der Augenblick gekommen, in die Welt zurückzukehren, sich den Dingen draußen zu stellen, zu sagen, daß alle Mitglieder einer großen >Bruderschaft< sein könnten, ohne je eine psychiatrische Anstalt von innen gesehen zu haben.

Wie diese junge Frau beispielsweise, deren einziger Grund, in Villete zu sein, ein Selbstmordversuch war. Sie hatte nie Panik erlebt, Depressionen, mystische Visionen, Psychosen, die Grenzen, an die der menschliche Geist stoßen kann. Obwohl sie viele Männer gehabt hatte, hatte sie ihre geheimsten Wünsche nie ausgelebt — mit dem Ergebnis, daß ihr ein Großteil ihrer selbst verborgen geblieben war. Ach, könnten doch alle Menschen ihre innere Verrücktheit kennenlernen und mit ihr leben! Wäre die Welt deswegen schlechter? Nein, die Menschen wären gerechter und glücklicher.

»Warum habe ich das nicht vorher gemacht?«

»Er möchte, daß du ihm noch mehr vorspielst«, sagte Mari und sah Eduard dabei an. »Ich glaube, er hat es verdient.«

»Gleich. Doch sag mir: Warum habe ich dies noch nie gemacht?

Wenn ich frei bin, wenn ich alles denken darf, was ich möchte, warum habe ich es immer vermieden, mir Verbotenes vorzustellen?«

»Verbotenes? Hör mal, ich war Anwältin und kenne die Gesetze. Ich war auch einmal katholisch und kannte einen Großteil der Bibel auswendig. Was verstehst du unter verboten

Mari trat auf sie zu und half ihr in den Pullover.

»Schau mir in die Augen und merke dir gut, was ich dir jetzt sagen werde. Es gibt nur zwei verbotene Dinge, das eine, weil es das Gesetz des Menschen verbietet, das andere, weil Gottes Gesetz es verbietet: Das eine ist, jemanden zu einer sexuellen Beziehung zu zwingen — das ist Vergewaltigung.

Das andere ist Sex mit Kindern — das ist die größte aller Sünden. Alles andere ist erlaubt. Du bist frei. Es gibt immer jemanden, der genau das möchte, was du auch möchtest.«

Mari hatte keine Lust, jemandem wichtige Dinge beizubringen, der bald sterben würde. Sie lächelte, sagte gute Nacht und ging.

Eduard bewegte sich nicht, wartete auf seine Musik. Veronika mußte ihn für die ungeheure Lust entschädigen, die er ihr nur dadurch gegeben hatte, daß er vor ihr stehengeblieben war und ihrem Wahnsinn ohne Angst oder Abscheu zugesehen hatte. Sie setzte sich ans Klavier und fing wieder an zu spielen.

Ihre Seele war leicht, und selbst die Angst vor dem Tod quälte sie nicht mehr. Sie hatte Wünsche ausgelebt, die sie immer verdrängt hatte. Sie hatte die Lust einer Jungfrau und einer Prostituierten, einer Sklavin und einer Königin erfahren

— mehr die einer Sklavin als die einer Königin.


In jener Nacht fielen ihr wie durch ein Wunder alle Stücke wieder ein, die sie kannte, und sie machte Eduard damit fast so glücklich wie sich selbst.

Als er im Warteraum das Licht einschaltete, stand zu Dr.

Igors Überraschung die junge Frau vor ihm.

»Es ist noch zu früh. Und außerdem bin ich heute ausgebucht.«

»Ich weiß, daß es zu früh ist«, sagte sie. »Und der Tag hat noch nicht einmal angefangen. Ich muß Ihnen etwas sagen.

Ich brauche Hilfe.«

Sie hatte Ringe unter den Augen, und ihr Haar war stumpf und glanzlos, ein untrügliches Zeichen für eine durchwachte Nacht.

Dr. Igor beschloß, sie hereinzubitten.

Er bat sie, sich zu setzen, machte auch im Sprechzimmer Licht und zog die Vorhänge auf. In weniger als einer Stunde wurde es hell, und dann konnte er Strom sparen. Die Aktionäre sparten an allem und jedem.

Er warf einen kurzen Blick auf seinen Terminkalender: Zedka hatte schon ihren letzten Insulinschock bekommen und gut darauf reagiert, oder besser gesagt, hatte es geschafft, die unmenschliche Behandlung zu überleben. Wie gut, daß Dr. Igor vom Aufsichtsrat des Krankenhauses verlangt hatte, daß sie eine Erklärung unterzeichneten, durch die sie die Verantwortung für mögliche Folgen übernahmen.

Er sah die Berichte durch. Zwei oder drei Patienten hatten sich in der Nacht aggressiv verhalten, berichteten die Krankenpfleger. Darunter auch Eduard, der um vier Uhr morgens in seine Station zurückgekehrt war und sich geweigert hatte, die Schlaftabletten zu schlucken. Dr. Igor mußte etwas unternehmen. Denn so liberal Villete drinnen war, so mußte doch nach außen der Schein einer konservativen, strengen Institution gewahrt werden.

»Ich muß Sie um etwas Wichtiges bitten«, sagte die junge Frau.

Doch Dr. Igor beachtete sie nicht. Er nahm ein Stethoskop, begann ihre Lunge und ihr Herz abzuhören. Prüfte ihre Reflexe und untersuchte den Augengrund mit einer Taschenlampe. Er sah, daß sie kaum noch Zeichen einer Vitriolvergiftung oder Vergiftung durch Bitterkeit aufwies, wie alle es lieber nannten.

Dann ging er zum Telefon und bat die Krankenschwester, ein Medikament mit kompliziertem Namen zu bringen.

»Mir scheint, Sie haben gestern abend Ihre Spritze nicht erhalten.«

»Aber ich fühle mich doch besser.«

»Man braucht Sie nur anzusehen: Augenringe, Müdigkeit, Fehlen unmittelbarer Reflexe. Wenn Sie die Zeit nutzen wollen, die Ihnen noch verbleibt, tun Sie bitte, was ich Ihnen sage.«

»Genau deswegen bin ich hier. Ich möchte das bißchen Zeit, was mir noch bleibt, nutzen, aber auf meine Art. Wieviel Zeit bleibt mir noch?«

Dr. Igor blickte sie über den Brillenrand an.

»Antworten Sie mir, bitte«, forderte Veronika. »Ich habe jetzt keine Angst mehr, bin nicht mehr gleichgültig. Ich möchte leben, doch ich weiß, daß Wünschen nichts bewirken wird, und ergebe mich in mein Schicksal.« »Und was wollen Sie dann?«

Die Krankenschwester kam mit der Spritze herein. Dr.

Igor machte ein Zeichen mit dem Kopf. Vorsichtig schob sie den Ärmel von Veronikas Pullover hoch.

»Wieviel Zeit habe ich noch?« wiederholte Veronika, während ihr die Krankenschwester die Spritze gab.

»Vierundzwanzig Stunden. Vielleicht weniger.«

Sie senkte den Blick und biß sich auf die Lippe. Doch sie behielt die Fassung.

»Ich möchte Sie um zwei Gefallen bitten. Erstens, daß Sie mir ein Medikament, eine Spritze, was auch immer geben, damit ich wach bleibe und jede Minute, die mir noch zu leben bleibt, auskosten kann. Ich bin sehr müde, doch ich will nicht schlafen, ich habe noch viel zu tun. Dinge, die ich immer aufgeschoben habe, weil ich dachte, das Leben würde ewig währen. Dinge, an denen ich das Interesse verlor, als ich zu glauben begann, es lohne sich nicht zu leben.«

»Und Ihre zweite Bitte?«

»Hier herauszukommen und draußen zu sterben. Ich muß auf die Burg von Ljubljana hinaufsteigen. Sie stand immer da, und ich habe sie mir aus mangelndem Interesse nie angesehen. Ich muß mit der Frau reden, die im Winter Kastanien und im Frühjahr Blumen verkauft: Wir sind uns so häufig begegnet, und ich habe sie nie gefragt, wie es ihr geht. Ich möchte ohne Mantel im Schnee gehen, die eisige Kälte spüren, ich, die immer warm angezogen war, Angst hatte, mich zu erkälten.

Ich muß den Regen auf meinem Gesicht spüren, Dr. Igor, die Männer anlächeln, die mich interessieren, alle Einladungen zu einer Tasse Kaffee annehmen. Ich muß meine Mutter küssen, ihr sagen, daß ich sie liebe, in ihren Schoß weinen, ohne mich meiner Gefühle zu schämen, denn sie waren immer da, und ich habe sie nur geleugnet.

Vielleicht werde ich auch in eine Kirche gehen, diese Bilder ansehen, die mir bislang nie etwas gesagt haben. Vielleicht sagen sie mir jetzt etwas. Wenn mich ein interessanter Mann in eine Bar einlädt, werde ich die Einladung annehmen und die ganze Nacht bis zum Umfallen tanzen. Anschließend werde ich mit ihm ins Bett gehen — nicht wie früher, als ich immer versuchte, die Kontrolle zu behalten, oder Gefühle vortäuschte, die ich nicht empfand. Ich möchte mich einem Mann hingeben, der Stadt, dem Leben und am Ende dem Tod.«

Es herrschte bedrücktes Schweigen. Arzt und Patientin sahen einander gedankenverloren an. Vielleicht dachten sie über die vielen Möglichkeiten nach, die vierundzwanzig Stunden einem bieten konnten.

»Ich kann Ihnen ein Aufputschmittel geben, doch ich rate Ihnen davon ab«, sagte schließlich Dr. Igor. »Es wird Ihnen die Müdigkeit, aber auch den inneren Frieden nehmen, den sie brauchen, um all das zu erleben.«

Veronika wurde es schlecht: Immer wenn sie diese Spitze bekam, geschah etwas Schlimmes in ihrem Körper.

»Sie werden immer blasser. Vielleicht sollten Sie besser ins Bett gehen, und wir reden morgen wieder miteinander.«

Sie hätte am liebsten geweint, doch sie konnte sich beherrschen.

»Es wird kein Morgen geben, und das wissen Sie genau.

Ich bin müde, Dr. Igor, unglaublich müde. Deshalb habe ich um die Tabletten gebeten. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, zwischen Verzweiflung und Resignation geschwankt.

Ich hätte wieder einen hysterischen Angstanfall wie gestern bekommen können, doch was hätte das schon geändert? Da mir noch vierundzwanzig Stunden zu leben bleiben und ich noch so viel vorhabe, dachte ich mir, es wäre besser, die Verzweiflung außen vor zu lassen.

Bitte lassen sie mich die wenige Zeit, die mir noch bleibt, leben, Dr. Igor. Denn wir wissen beide, daß es morgen schon zu spät sein kann.«

»Gehen Sie schlafen«, sagte der Arzt ernst. »Und kommen Sie heute mittag wieder. Dann reden wir weiter.«

Veronika sah, daß nichts zu machen war.

»Ich gehe schlafen und komme wieder. Haben Sie noch ein paar Minuten für mich?«

»Ja, Minuten schon. Aber ich habe viel zu tun.«

»Ich will nicht um den heißen Brei herumreden. Gestern nacht habe ich mich zum ersten Mal ganz frei selbst befriedigt.

Ich habe Dinge gedacht, die ich zuvor nie zu denken gewagt hatte, empfand Lust bei Dingen, die mich früher erschreckt oder abgestoßen haben.«

Dr. Igor versuchte, so professionell wie möglich dazusitzen.

Er wußte nicht, wohin dieses Gespräch führen würde, und wollte keine Probleme mit seinen Vorgesetzten bekommen.

»Ich habe herausgefunden, daß ich verdorben bin, Herr Doktor. Ich hätte gern gewußt, ob das dazu beigetragen hat, daß ich mich umbringen wollte. Es gibt so vieles in mir, was ich nicht kannte.«

>Nun, das ist nur eine Antwort<, dachte er. >Ich brauche die Krankenschwester nicht zu rufen, damit sie Zeugin unseres Gesprächs wird und ich so einen künftigen Prozeß wegen sexuellen Mißbrauchs vermeiden

»Alle wollen wir andere Dinge tun«, antwortete er. »Und unsere Partner auch. Was ist daran verkehrt?«

»Antworten Sie doch auf meine Frage!«

»Alles ist verkehrt. Weil, wenn alle träumen und nur einige ihre Träume umsetzen, alle Welt sich feige fühlt.«

»Auch wenn diese wenigen recht haben?«

»Wer recht hat, ist der Stärkere. In diesem Fall sind paradoxerweise die Feigen mutiger, und es gelingt ihnen, ihre Ideen durchzusetzen.«

Dr. Igor wollte das nicht weiter ausführen.

»Ruhen Sie sich bitte ein wenig aus. Ich habe noch andere Patienten, um die ich mich kümmern muß. Wenn Sie mitziehen, werde ich sehen, was ich in bezug auf ihre zweite Bitte tun kann.«

Die junge Frau ging hinaus. Seine nächste Patientin war Zedka, die entlassen werden sollte. Doch Dr. Igor bat sie, sich einen Augenblick zu gedulden. Er mußte sich ein paar Notizen über das Gespräch machen, das er gerade geführt hatte.

Er mußte in seiner wissenschaftlichen Abhandlung über das Vitriol ein ausführliches Kapitel über Sex einbauen, der für einen Großteil der Neurosen und Psychosen verantwortlich war: Ihm zufolge waren sexuelle Phantasien elektrische Impulse im Gehirn, die, wenn sie nicht umgesetzt wurden, ihre Energie in anderen Bereichen entluden.

Während seines Medizinstudiums hatte Dr. Igor ein interessantes Buch über sexuelle Minderheiten gelesen: Sadismus, Masochismus, Homosexualität, Kropophagie, Voyeurismus, den Drang, unanständige Wörter zu sagen. Anfangs fand er, daß dies nur die abweichende Haltung einiger gestörter Menschen sei, die nicht in der Lage waren, eine gesunde Beziehung zum Partner zu haben.

Inzwischen hatte er mit seiner Berufserfahrung als Psychiater und durch die Befragungen seiner Patienten bemerkt, daß alle eine besondere Geschichte zu erzählen hatten.

Alle setzten sich in den bequemen Sessel in seinem Büro, blickten zu Boden und hielten lange Vorträge über das, was sie »Krankheiten« nannten (als wäre nicht er der Arzt) oder

»Perversionen« (als wäre es an ihnen und nicht an ihm als Psychiater, darüber zu urteilen, was pervers war und was nicht).

Und diese »normalen« Leute beschrieben einer nach dem ändern die Phantasien, die im berühmten Buch über sexuelle Minderheiten standen, einem Buch, das im übrigen das Recht eines jeden vertrat, den Orgasmus zu haben, den er oder sie sich wünschte, allerdings nur unter der Bedingung, daß er oder sie dabei die Rechte ihres Partners nicht verletzten.

Frauen, die in Nonnenschulen erzogen worden waren, träumten davon, erniedrigt zu werden: Männer, in Anzug und Krawatte, hohe öffentliche Beamte erzählten, daß sie ein Vermögen für rumänische Prostituierte ausgaben, nur damit sie denen die Füße lecken konnten. Junge Männer verliebten sich in junge Männer, Mädchen verliebten sich in ihre Klassenkameradinnen. Ehemänner wollten zuschauen, wenn ihre Frauen von anderen besessen wurden, Frauen masturbierten beim kleinsten Hinweis auf einen Seitensprung ihrer Männer, brave Mütter mußten an sich halten, um sich nicht dem erstbesten Lieferanten hinzugeben, Familienväter erzählten von geheimen Abenteuern mit den wenigen Transvestiten, denen es gelang, durch die strenge Kontrolle an der Grenze zu kommen.

Und Orgien. Es schien so, als hätten alle den Wunsch, mindestens einmal im Leben an einer Orgie teilzunehmen.

Dr. Igor legte den Kugelschreiber einen Moment lang ab und dachte über sich selber nach: er auch? Ja, er würde es auch gern tun. Die Orgie, die er sich vorstellte, wäre vollkommen anarchisch, fröhlich, es würde keine Besitzansprüche mehr geben — nur Lust und Chaos.

War dies einer der Hauptgründe dafür, daß so viele Menschen von der Bitterkeit vergiftet wurden? Ehen, die wie von einer erzwungenen Monogamie eingeengt waren und aus denen (wie Untersuchungen belegten, die Dr. Igor sorgfältig in seiner medizinischen Bibliothek verwahrte) der Wunsch nach Sexualität im dritten oder vierten Ehejahr verschwand. Dann fühlte die Frau sich abgelehnt, der Mann als ein Sklave der Ehe — und das Vitriol, die Bitterkeit begann alles zu zerstören.

Die Menschen äußerten sich einem Psychiater gegenüber offener als gegenüber einem Priester, weil der Arzt nicht mit der Hölle drohen konnte. Während seines langen Berufslebens als Psychiater hatten die Patienten Dr. Igor praktisch alles erzählt, was man sich nur vorstellen konnte.

Erzählt. Selten getan. Sogar nach einigen Jahren Berufserfahrung fragte er sich noch, warum alle so große Angst davor hatten, sich anders als gewohnt zu verhalten. Wenn er es von ihnen wissen wollte, war die Antwort, die er am häufigsten hörte: »Mein Mann wird mich für eine Hure halten.« Wenn ein Mann vor ihm saß, sagte der:

»Meine Frau verdient Achtung.«

Und da endete zumeist die Unterhaltung. Es führte zu nichts, zu sagen, daß jeder Mensch sein eigenes sexuelles Profil hatte, das genauso einzigartig war wie seine Fingerabdrücke.

Das wollte niemand glauben. Es war riskant, im Bett frei zu sein, weil der andere womöglich immer noch Sklave seiner Vorurteile war.

>Ich werde die Welt nicht ändern können<, dachte er resigniert und bat die Krankenschwester, die ehemalige Depressive, Zedka, eintreten zu lassen. >Aber in meinem Buch werde ich wenigstens sagen können, was ich denke.< Eduard sah Veronika aus Dr. Igors Sprechzimmer kommen, und er machte sich auf den Weg zur Krankenstation. Er hätte ihr gern seine Geheimnisse anvertraut, ihr mit der gleichen Ehrlichkeit und Freiheit die Seele geöffnet wie sie in der Nacht zuvor ihren Körper.

Es war dies eine seiner schwersten Prüfungen gewesen, seit er als Schizophrener in Villete eingeliefert worden war.

Doch er hatte widerstanden und war zufrieden — auch wenn er sich immer quälender bewußt wurde, daß er eigentlich in die Welt zurückkehren wollte.

>Alle wissen, daß diese junge Frau nicht mehr bis zum Ende dieser Woche durchhält. Es bringt nichts.< Oder vielleicht war es gerade deswegen gut, die eigene Geschichte mit ihr zu teilen. Seit drei Jahren sprach er nur mit Mari, aber er war sich nicht sicher, ob sie ihn ganz verstand. Als Mutter dachte sie vielleicht, daß seine Eltern recht hatten, daß sie nur sein Bestes wollten, daß die Visionen des Paradieses nur der alberne Traum eines Jugendlichen waren und ganz außerhalb der realen Welt lagen.

Visionen vom Paradies. Genau das hatte ihn in die Hölle, zu den endlosen Streitigkeiten mit seiner Familie, zu diesem Schuldgefühl geführt, das so stark war, daß es ihn lahmte und zwang, sich in eine andere Welt zu flüchten. Hätte es Mari nicht gegeben, würde er noch immer in dieser anderen Realität leben.

Doch Mari war gekommen, hatte sich um ihn gekümmert, ihm wieder das Gefühl gegeben, geliebt zu werden.

Dank Mari war er noch fähig, an seiner Umwelt teilzuhaben.

Vor einigen Tagen war eine junge Frau in seinem Alter gekommen und hatte sich ans Klavier gesetzt, um die

>Mondscheinsonate< zu spielen. Eduard wußte nicht, ob es an der Musik oder an dem Mädchen oder am Mond oder an der Zeit gelegen hatte, die er schon in Villete war, aber die Visionen vom Paradies begannen ihn wieder heimzusuchen.

Er folgte ihr bis zur Frauenstation, wo sich ihm ein Krankenpfleger in den Weg stellte.

»Hier kannst du nicht rein, Eduard. Geh wieder in den Garten. Es wird hell, und der Tag wird schön.«

Veronika blickte sich um.

»Ich werde ein bißchen schlafen«, sagte sie zu ihm. »Wir reden nachher miteinander.«

Veronika wußte nicht, weshalb, aber dieser Junge gehörte jetzt zu ihrer Welt — oder zumindest zu dem Wenigen, das noch von dieser Welt übrig war. Sie war sich sicher, daß Eduard fähig war, ihre Musik zu verstehen, ihr Talent zu würdigen. Auch wenn er kein Wort herausbrachte, seine Augen sagten alles.

Wie in diesem Augenblick an der Tür zur Station, als sie Dinge sagten, von denen sie nichts wissen wollte.

Zärtlichkeit. Liebe.

>Dieses Zusammenleben mit den Geisteskranken hat mich schnell verrückt werden lassen. Schizophrene empfinden so etwas nicht — jedenfalls nicht für Wesen von dieser Welt.< Veronika war drauf und dran, auf ihn zuzugehen und ihm einen Kuß zu geben, doch sie hielt sich zurück. Der Krankenpfleger könnte es sehen und Dr. Igor erzählen, und der Arzt würde einer Frau, die Schizophrene küßte, bestimmt nicht erlauben, Villete zu verlassen.

Eduard starrte den Krankenpfleger an. Er fühlte sich stärker zu der jungen Frau hingezogen, als er geglaubt hatte, doch er mußte sich jetzt in der Gewalt haben. Er würde mit Mari beratschlagen, dem einzigen Menschen, mit dem er seine Geheimnisse teilte. Sie würde ihm bestimmt sagen, daß das, was er wollte — Liebe -, in so einem Fall gefährlich und nutzlos sei. Mari würde Eduard bitten, den Unsinn zu lassen und wieder ein normaler Schizophrener zu sein (dann würde sie lachen, denn dieser Satz machte keinen Sinn).

Er gesellte sich zu den ändern im Speisesaal, aß, was man ihm vorsetzte, und ging zum Pflichtspaziergang hinaus in den Garten. Während des »Sonnenbades« (auch heute wieder bei unter null Grad) versuchte er sich Mari zu nähern.

Doch sie sah aus, als wollte sie allein sein. Sie brauchte nichts zu sagen, denn Eduard kannte die Einsamkeit gut genug, um zu wissen, wann man sie bei anderen respektieren mußte.

Ein neuer Insasse kam zu Eduard. Er kannte die Leute wohl noch nicht.

»Gott hat die Menschheit gestraft«, sagte er. »Und er hat sie mit der Seuche bestraft. Doch ich habe Ihn in meinen Träumen gesehen. Er hat mir aufgetragen, Slowenien zu retten.«

Eduard entfernte sich, während der Mann brüllte:

»Glaubst du, ich bin verrückt? Dann lies die Evangelien!

Gott hat Seinen Sohn gesandt, und Sein Sohn kommt jetzt zurück!«

Doch Eduard hörte ihn nicht mehr. Er blickte auf die Berge draußen und fragte sich, was mit ihm bloß los war.

Warum verspürte er den Wunsch, hier herauszukommen, wo er doch hier endlich den Frieden gefunden hatte, den er so sehr suchte? Warum sollte er seine Eltern erneut der Gefahr aussetzen, sich zu blamieren, wo doch die Familienprobleme gerade gelöst waren? Er wurde unruhig, ging auf und ab, während er darauf wartete, daß Mari aus ihrem Schweigen heraustrat und sie miteinander reden konnten.

Doch sie wirkte abwesender denn je.

Er wußte, wie man aus Villete fliehen konnte. Auch wenn die Sicherheitsvorkehrungen sehr streng zu sein schienen, gab es doch viele Mängel. Schlicht und einfach deswegen, weil die Leute, wenn sie einmal hier drinnen waren, nur wenig Lust hatten, wieder herauszukommen. Es gab nach Osten hin eine Mauer, über die man ohne größere Schwierigkeiten klettern konnte, weil sie an vielen Stellen beschädigt war.

Hatte man sie überwunden, stand man auf freiem Feld, und fünf Minuten später befand man sich auf der Straße, die nach Osten, nach Kroatien, führte. Der Krieg war zu Ende, die Brüder waren wieder Brüder, die Grenzen nicht mehr so scharf bewacht. Mit ein bißchen Glück konnte man in sechs Stunden in Zagreb sein.

Eduard war schon mehrfach auf dieser Straße gewesen, hatte jedoch jedesmal beschlossen umzukehren, weil er noch nicht das Zeichen bekommen hatte voranzuschreiten.

Jetzt war alles anders: Das Zeichen war in Gestalt einer jungen Frau mit grünen Augen, braunem Haar und der entschlossenen Miene eines Menschen erschienen, der zu wissen meint, was er will.

Eduard überlegte, ob er sich direkt zur Mauer begeben, hinausgehen und aus Slowenien verschwinden sollte. Doch das Mädchen schlief, und er mußte sich wenigstens von ihr verabschieden.

Als sich nach dem »Sonnenbad« die Bruderschaft im Aufenthaltsraum versammelte, gesellte sich Eduard zu ihnen.

»Was will denn dieser Verrückte hier?« fragte der Älteste der Gruppe.

»Laß ihn«, sagte Mari. »Wir sind doch auch verrückt.« Alle lachten, und sie begannen, sich über den gestrigen Vortrag zu unterhalten. Die Frage war, ob die Sufi-Medita-tion tatsächlich die Welt verändern könne. Es wurden Theorien, Art und Weise der Anwendung, gegenteilige Ideen, Kritik am Vortragenden, Vorschläge vorgebracht, wie zu verbessern wäre, was seit Jahrhunderten probiert worden war.

Eduard hatte diese Art von Diskussionen satt. Die Leute schlössen sich in einer Irrenanstalt ein und verbrachten die Zeit damit, die Welt zu retten, ohne irgendein Risiko einzugehen, denn sie wußten, daß die Leute draußen sie lächerlich nennen würden, auch wenn sie ganz konkrete Ideen hatten.

Jeder einzelne hatte seine spezielle Theorie zu allem und glaubte, seine Wahrheit sei die einzig wichtige. Sie verbrachten Tage, Nächte, Wochen und Jahre mit Reden, ohne je die einzige Realität anzunehmen, die es hinter jeder Idee gibt: Sei sie nun gut oder schlecht, es gibt sie erst, wenn jemand sie in die Tat umsetzt.

Was war nun Sufi-Meditation? Was war Gott? Was war die Erlösung, und mußte die Welt überhaupt erlöst werden?

Nein. Wenn alle hier und dort draußen ihr Leben leben würden und die anderen das gleiche täten, wäre Gott in jedem Augenblick, in jedem Senfkorn, im Wolkenfetzen, der entsteht und sich im nächsten Augenblick wieder auflöst.

Gott war dort, und dennoch glaubten die Menschen, daß sie immer weiter suchen mußten, weil es zu einfach erschien zu akzeptieren, daß das Leben ein Akt des Glaubens war.

Er erinnerte sich an die unspektakuläre, einfache Übung, die der Sufi-Meister gelehrt hatte, als er darauf gewartet hatte, daß Veronika wieder ans Klavier ging: eine Rose anschauen.

Mehr nicht.

Dennoch saßen jetzt diese Leute, nachdem sie die Erfahrung tiefster Meditation gemacht hatten, nachdem sie den Visionen des Paradieses so nahe gewesen waren, da und stritten, diskutierten, kritisierten, stellten Theorien auf.

Seine Blicke kreuzten die von Mari. Sie mied ihn, doch Eduard war entschlossen, dieser Situation ein für allemal ein Ende zu bereiten. Er ging zu ihr und packte sie am Arm.

»Lass das, Eduard!«

Er hätte sagen können: >Komm mit mir!< Doch nicht vor all den Leuten, denn die hätten sich bestimmt über seine feste Stimme gewundert. Lieber kniete er vor ihr nieder und blickte sie einfach flehend an.

Alle lachten.

»Du bist eine Heilige für ihn geworden, Mari«, meinte jemand. »Das war die Meditation von gestern.«

Doch das jahrelange Schweigen hatte Eduard gelehrt, mit den Blicken zu sprechen. Er konnte seine ganze Energie in sie hineinlegen. Daher war er auch sicher, daß Veronika seine Zärtlichkeit und seine Liebe verstanden hatte. Er wußte, daß Mari seine Verzweiflung verstehen würde und warum er sie so sehr brauchte.

Sie zögerte noch ein wenig. Endlich stand sie auf und nahm ihn bei der Hand.

»Laß uns einen Spaziergang machen«, sagte sie. »Du bist ja ganz aufgeregt.«

Zusammen gingen sie in den Garten hinaus. Kaum waren sie außer Hörweite, fing Eduard zu sprechen an.

»Ich bin nun schon jahrelang hier in Villete. Ich habe aufgehört, meine Eltern zu blamieren, habe meine Ambitionen aufgegeben, doch die Visionen des Paradieses sind geblieben.

« »Das weiß ich«, sagte Mari. »Wir haben schon häufig darüber geredet. Und ich weiß auch, worauf du hinauswillst: Es ist Zeit für dich zu gehen.«

Eduard blickte in den Himmel. Sollte sie das gleiche fühlen?

»Und es ist wegen der jungen Frau«, fuhr Mari fort. »Wir haben schon viele Menschen hier drinnen sterben sehen, immer dann, wenn sie es am wenigsten erwarteten, und im allgemeinen dann, wenn sie das Leben aufgegeben hatten.

Doch dieses Mal passiert es zum ersten Mal mit einem jungen, hübschen, gesunden Mädchen, das noch so viel vor sich hat.

Veronika ist die einzige, die nicht immer in Villete bleiben wollte. Und das läßt uns die Frage stellen: Wie sieht es mit uns aus? Was suchen wir hier?«

Er nickte.

»Gestern abend habe ich mich das auch gefragt. Und ich kam zum Schluß, daß es viel interessanter wäre, auf dem Platz zu sein, auf den Drei Brücken, auf dem Markt vor dem Theater Äpfel zu kaufen und über das Wetter zu reden.

Natürlich würde ich mich mit längst vergessenen Dingen herumschlagen müssen, wie Rechnungen bezahlen, Nachbarn beschwichtigen, den ironischen Blick der Leute aushalten, die mich nicht verstehen, die Einsamkeit, die Klagen meiner Kinder. Doch ich denke, daß dies alles zum Leben gehört und daß der Preis, sich mit diesen kleinen Problemen auseinandersetzen zu müssen, viel geringer ist als der Preis, sie nicht als die unsrigen anzuerkennen.

Ich gedenke heute zu meinem Ex-Mann zu gehen, nur um ihm danke zu sagen. Was hältst du davon?«

»Nichts. Muß ich auch zu meinen Eltern gehen?« »Möglicherweise. Im Grunde liegt die Schuld an allem, was in unserem Leben geschieht, bei uns. Viele Menschen haben die gleichen Schwierigkeiten durchgemacht wie wir, doch sie haben anders reagiert. Wir haben den einfachsten Weg gewählt: eine abgetrennte Realität.«

Eduard wußte, daß Mari recht hatte.

»Ich möchte noch einmal anfangen zu leben, Eduard.

Möchte die Fehler begehen, die ich immer schon machen wollte, aber aus Feigheit nie begangen habe. Mich der Panik stellen, die wiederkommen kann, doch mich nur müde macht, denn ich werde ihretwegen weder sterben noch das Bewußtsein verlieren, das weiß ich genau. Ich kann neue Freunde finden und ihnen beibringen, verrückt zu sein, damit sie weise werden. Ich werde ihnen sagen, daß sie nicht die Anstandsregeln befolgen, sondern ihr eigenes Leben, Wünsche, Abenteuer entdecken und LEBEN sollen! Ich werde für die Katholiken aus den Sprüchen des Predigers Salomo zitieren, für die Moslems aus dem Koran, für die Juden aus der Thora, für die Atheisten aus den Texten des Aristoteles.

Ich will nie wieder Anwältin sein, doch ich kann meine Erfahrung nutzen und Vorträge über Menschen halten, die die Wahrheit dieses Lebens kennengelernt haben und deren Schriften in einem einzigen Wort zusammengefaßt werden können: >Lebe! Wenn du lebst, wird Gott mit dir leben.

Wenn du dich weigerst, Seine Risiken einzugehen, wird Er in den fernen Himmel zurückkehren und nur noch das Thema für philosophische Spekulationen sein!< Jeder weiß das, doch niemand tut den ersten Schritt. Vielleicht aus Angst davor, daß man ihn für verrückt hält. Und diese Angst haben wir zumindest nicht mehr, Eduard. Wir haben Villete hinter uns.«

»Wir können nur nicht für den Posten eines Präsidenten der Republik kandidieren. Die Opposition würde unsere Vergangenheit ausschlachten.«

Mari lachte und stimmte ihm zu.

»Ich habe das Leben hier satt. Ich weiß nicht, ob ich meine Angst überwinden kann, aber ich habe die >Bruderschaft< satt, diesen Garten, Villete, ich habe es satt, so zu tun, als wäre ich verrückt.«

»Und wenn ich's tue, tust du's dann auch?«

»Du wirst es nicht tun.«

»Ich habe es vor ein paar Minuten beinahe getan.«

»Ich weiß nicht. Ich habe dies alles so satt, aber ich bin es gewöhnt.«

»Als ich hier mit der Diagnose Schizophrenie eingeliefert wurde, hast du dich tagelang, monatelang um mich gekümmert und mich immer wie ein menschliches Wesen behandelt. Ich habe mich auch an das Leben gewöhnt, das ich zu leben beschlossen hatte, an die andere Realität, die ich geschaffen habe, doch du hast es nicht zugelassen. Ich habe dich schon manchmal dafür gehaßt, doch heute liebe ich dich dafür. Ich möchte, daß du Villete verläßt, Mari, so wie ich aus meiner abgetrennten Welt herausgekommen bin.«

Mari entfernte sich wortlos.

In der kleinen, nie besuchten Bibliothek von Villete fand Eduard weder den Koran noch Aristoteles noch die anderen Philosophen, die Mari erwähnt hatte. Doch da war der Text eines Dichters: Daher sagte ich zu mir: Das Schicksal des Unvernünftigen wird auch meines sein.

Geh, iß dein Brot in Freuden

Und genieße deinen Wein,

Denn Gott hat deine Werke angenommen.

Laß stets weiß sein deine Kleider, Und laß es auch auf deinem Kopf an Parfüm nicht mangeln.

Genieße das Leben mit der geliebten Frau An allen den eitlen Tagen, die Gott dir Unter der Sonne zugesteht.

Denn dies ist dein Anteil am Leben Und an der Arbeit, die du unter der Sonne tust. Folge den Wegen deines Herzens Und dem Wunsch deiner Augen, Und wisse, daß Gott am Ende mit dir abrechnen wird.

»Gott wird am Ende mit dir abrechnen«, sagte Eduard laut.

Und ich werde sagen: Eine Zeitlang habe ich dem Wind zugeschaut und habe vergessen zu säen, ich habe meine Tage nicht genossen, nicht einmal den Wein getrunken, der mir angeboten wurde. Doch eines Tages hielt ich die Stunde für gekommen, um zu meiner Arbeit zurückzukehren. Ich habe den Menschen von meinen Visionen des Paradieses erzählt, wie vor mir Bosch, Van Gogh, Wagner, Beethoven, Einstein und andere Verrückte. Gut. Er wird sagen, daß ich die Anstalt verlassen habe, weil ich nicht zusehen wollte, wie ein Mädchen starb. Doch sie wird dort im Himmel sein und für mich eintreten.«

»Was sagen Sie da?« unterbrach ihn die Bibliothekarin. »Ich will Villete jetzt verlassen«, antwortete Eduard lauter als gewöhnlich. »Ich habe zu tun.«

Die Angestellte drückte auf eine Klingel, und kurz darauf erschienen die Krankenpfleger.

»Ich will raus«, wiederholte Eduard erregt. »Es geht mir gut, lassen Sie mich mit Dr. Igor reden.«

Doch die beiden Männer hatten ihn schon gepackt, jeder an einem Arm. Eduard versuchte sich loszureißen, obwohl er von vornherein wußte, daß es zwecklos war.

Trotzdem begann er sich zu wehren.

»Lassen Sie mich mit Dr. Igor sprechen. Ich habe ihm viel zu sagen, ich bin sicher, er wird mich anhören.«

»Sie haben eine Krise, beruhigen Sie sich«, sagte einer.

»Wir kümmern uns darum.«

»Lassen Sie mich los!« schrie er. »Lassen Sie mich nur eine Minute mit ihm reden.«

Der Weg in die Krankenstation führte mitten durch den Aufenthaltsraum. Als der um sich schlagende Eduard an den versammelten Patienten vorbeigeführt wurde, kam Unruhe auf.

»Laßt ihn los! Er ist verrückt.«

Einige lachten, anderen schlugen mit den Händen auf Tische und Stühle.

»Das hier ist ein Irrenhaus! Niemand hier muß sich so aufführen wie ihr!«

»Wir müssen ihnen einen Schrecken einjagen, sonst gerät die Lage völlig aus dem Ruder«, flüsterte der eine Pfleger dem anderen zu.

»Da gibt es nur eins.«

»Dr. Igor wird das gar nicht gefallen.« »Es wird ihm noch weniger gefallen, wenn die Irren ihm seine geliebte Anstalt kurz und klein schlagen.«

Veronika schreckte schweiß gebadet hoch. Draußen herrschte großer Lärm, und sie brauchte Stille, um weiterzuschla-fen.

Doch der Radau ging weiter.

Sie stand etwas wacklig auf, ging zum Aufenthaltsraum und sah gerade noch, wie Eduard weggeschleppt wurde, während noch mehr Krankenpfleger eilig mit fertig aufgezogenen Spritzen angelaufen kamen.

»Was machen Sie da?« rief sie.

»Veronika!«

Der Schizophrene hatte mit ihr gesprochen! Er hatte ihren Namen gesagt! Halb verwirrt, halb überrascht versuchte sie sich zu nähern, doch einer der Krankenpfleger hinderte sie daran.

»Was soll das? Ich bin nicht hier, weil ich verrückt bin!

Sie dürfen mich nicht so behandeln!«

Sie stieß den Krankenpfleger weg, während die anderen Insassen schrien und ein solches Tohuwabohu aufführten, daß ihr angst und bange wurde.

»Veronika!«

Er hatte ihren Namen noch einmal gesagt. Mit übermenschlicher Anstrengung gelang es Eduard, sich von den zwei Männern zu befreien. Anstatt wegzulaufen, blieb er stehen, genau wie in der vorangegangenen Nacht. Wie durch Zauberhand waren alle plötzlich still und warteten auf das, was nun geschehen würde.

Einer der Krankenpfleger kam wieder auf ihn zu, doch Eduard blickte ihn bloß an. »Ich komme mit Ihnen. Ich weiß, wohin Sie mich bringen wollen, und auch, daß Sie wollen, daß alle es wissen.

Warten Sie einen Moment.«

Der Krankenpfleger entschied, daß es lohnte, das Risiko einzugehen. Schließlich schien alles wieder normal zu sein.

»Ich glaube, daß du ... ich glaube, daß du wichtig für mich bist«, sagte Eduard zu Veronika.

»Du kannst nicht sprechen. Du lebst nicht in dieser Welt, du weißt nicht, daß ich Veronika heiße. Du warst gestern nacht nicht bei mir, bitte sag, daß du es nicht warst!«

»Und wie ich da war!«

Sie nahm seine Hand. Die Verrückten schrien, applaudierten, brüllten Obszönitäten.

»Wohin bringen sie dich?«

»Zu einer Behandlung.«

»Ich gehe mit dir.«

»Besser nicht. Es wird dich erschrecken. Auch wenn ich dir versichere, daß es nicht weh tut, man spürt überhaupt nichts. Es ist viel besser als Beruhigungsmittel, weil der Verstand schnell wieder klar wird.«

Veronika wußte nicht, wovon er redete. Sie bereute es, seine Hand gepackt zu haben, wollte so schnell wie möglich gehen, ihr Gefühl der Scham verbergen, diesen Mann nie wiedersehen, der ihre niedrigsten Regungen erlebt hatte und sie dennoch voller Zärtlichkeit behandelte.

Sie erinnerte sich wieder an Maris Worte: Sie brauchte über ihr Leben keine Rechenschaft abzugeben, auch nicht dem jungen Mann vor ihr. »Ich gehe mit dir.«

Die Krankenpfleger fanden, daß das womöglich auch besser war, denn so mußten sie den Schizophrenen nicht mehr zwingen. Er ging freiwillig mit.

Als sie im Schlafsaal ankamen, legte sich Eduard aus freien Stücken aufs Bett. Zwei Männer warteten schon mit einer merkwürdigen Maschine und einer Tasche mit Stoffbahnen auf ihn.

Eduard wandte sich an Veronika und bat sie, sich auf das Nebenbett zu setzen.

»In ein paar Minuten wird die Geschichte in ganz Villete die Runde machen. Und die Leute werden sich beruhigen, weil selbst in der größten Verrücktheit immer noch ein bißchen Angst schlummert. Nur wer dies schon durchgemacht hat, weiß, daß es so schlimm nun auch wieder nicht ist.«

Die Krankenpfleger trauten ihren Ohren kaum. Es mußte wahnsinnig weh tun — doch niemand konnte wissen, was im Kopf eines Verrückten vor sich ging. Das einzig Vernünftige, was der Junge gesagt hatte, betraf die Angst.

Die Geschichte würde in ganz Villete die Runde machen, und es würde schnell wieder Ruhe einkehren.

»Sie haben sich zu früh hingelegt«, sagte einer von ihnen.

Eduard stand wieder auf, und sie legten eine Art Gummidecke aus. »Jetzt können Sie sich wieder hinlegen.«

Er gehorchte. Er war ruhig, als wäre das nur eine Routineangelegenheit.


Die Krankenpfleger zurrten die Stoffbahnen um Eduards Körper fest und steckten ihm einen Gegenstand aus Gummi in den Mund. »Das ist, damit er sich nicht aus Versehen in die Zunge beißt«, erklärte einer der Männer Veronika, sichtlich zufrieden, die Warnung mit einer technischen Information verbinden zu können.

Sie stellten die merkwürdige Maschine, die nicht viel größer war als ein Schuhkarton, mit ein paar Knöpfen und drei Zifferblättern mit Zeigern auf den Stuhl neben das Bett.

Zwei Drähte kamen aus dem oberen Teil heraus und endeten in etwas Kopfhörerähnlichem.

Einer der Krankenpfleger setzte die Kopfhörer auf Eduards Schläfen. Der andere schien den Mechanismus zu regulieren, indem er erst ein paar Knöpfe nach rechts, dann nach links drehte. Obwohl Eduard wegen des Gummigegenstandes nicht sprechen konnte, sah er Veronika in die Augen und schien zu sagen: »Mach dir keine Sorgen, erschrick nicht.«

»Ist auf 130 Volt und 0,3 Sekunden eingestellt«, sagte der Krankenpfleger, der sich um die Maschine kümmerte.

»Los!«

Er drückte auf einen Knopf, und die Maschine summte. In diesem Augenblick wurden Eduards Augen glasig, sein Körper bäumte sich im Bett so heftig auf, daß Eduard, wenn er nicht mit den Stoffbahnen festgebunden gewesen wäre, die Wirbelsäule hätte brechen können.

»Hört auf damit!« schrie Veronika.

»Wir haben ja schon aufgehört«, antwortete der Krankenpfleger, während er Eduard die Kopfhörer abnahm. Dennoch wand sich der Körper immer noch, und der Kopf schaukelte so heftig von einer Seite zur anderen, daß einer der Männer ihn schließlich festhielt. Der andere steckte den Apparat in eine Tasche und setzte sich hin, um eine Zigarette zu rauchen.

Diese Szene hatte ein paar Minuten gedauert. Der Körper kehrte wieder zur Normalität zurück, und dann begannen die Krämpfe wieder, während einer der Krankenpfleger sich doppelt anstrengte, um Eduards Kopf festzuhalten.

Ganz allmählich nahmen die Kontraktionen ab, bis sie schließlich ganz aufhörten. Eduard hatte die Augen geöffnet, und einer der Männer schloß sie wie bei einem Toten.

Dann zog er den Gummigegenstand aus dem Mund des jungen Mannes, band ihn los und steckte die Stoffbahnen in die Tasche, in der sich schon der Apparat befand.

»Der Elektroschock wirkt eine Stunde«, sagte er zum Mädchen, das nun nicht mehr schrie und von dem, was sie sah, wie hypnotisiert war. »Es ist alles in Ordnung, er kommt gleich wieder zu sich und wird dann ruhiger sein.«

Als ihn der Elektroschock erreichte, fühlte Eduard, was er schon die Male zuvor erlebt hatte: Das Gesichtsfeld engte sich ein, als würde ein Vorhang geschlossen, bis alles ganz verschwand. Es gab weder Schmerz noch Leiden, doch er hatte schon zugesehen, wenn andere Verrückte mit Elektroschocks behandelt wurden, und wußte, wie grauenhaft es wirkte.

Eduard spürte jetzt Frieden. Wenn er Augenblicke zuvor eine Art neues Gefühl in seinem Herzen gespürt hatte, wenn er zu begreifen begann, daß Liebe nicht nur war, was ihm seine Eltern gaben, dann würde der Elektroschock -


oder die Elektrokonvulsive Therapie — ihn ganz gewiß wieder in die Normalität zurückkehren lassen.

Die Wirkung des Elektroschocks lag hauptsächlich darin, daß er vergessen ließ, was sich im Kurzzeitgedächtnis befand.

Eduard konnte keine unmöglichen Träume hegen. Er konnte nicht in eine nicht vorhandene Zukunft blicken.

Seine Gedanken mußten sich auf die Vergangenheit richten, sonst würde er am Ende wieder zurück ins Leben wollen.

Um ein Uhr mittags kam Zedka in die beinahe menschenleere Krankenstation. Es war nur das Bett belegt, in dem der junge Mann lag. Und auf einem Stuhl saß die junge Frau.

Als sie näher kam, sah sie, daß die junge Frau sich erneut übergeben hatte und ihr Kopf nach unten hing und hinund herpendelte.

Zedka wollte schon Hilfe holen, doch Veronika hob den Kopf.

»Es ist nichts«, sagte sie. »Ich hatte wieder einen Anfall, doch er ist schon vorbei.«

Zedka führte sie liebevoll ins Bad.

»Das ist das Bad für die Männer«, sagte das Mädchen.

»Es ist niemand da, mach dir keine Sorgen.«

Sie zog ihr den nassen Pullover aus, wusch ihn und legte ihn auf die Heizung. Dann zog sie ihre Wollbluse aus und gab sie Veronika.

»Behalte sie. Ich war gekommen, um mich zu verabschieden.«

Das Mädchen schien geistesabwesend zu sein, als würde sie nichts mehr interessieren. Zedka führte sie wieder zu dem Stuhl, auf dem sie gesessen hatte.

»Eduard wird bald wieder aufwachen. Vielleicht wird es ihm schwerfallen, sich an das zu erinnern, was geschehen ist, doch das Gedächtnis wird schnell wieder zurückkehren.

Erschrick nicht, wenn er dich im ersten Augenblick nicht erkennt.«

»Tu ich nicht«, antwortete Veronika. »Denn ich erkenne mich selber nicht mehr.«

Zedka zog einen Stuhl heran, setzte sich neben sie. Sie war so lange in Villete gewesen, daß es nun auch nichts mehr ausmachte, wenn sie ein paar Minuten bei diesem Mädchen blieb.

»Erinnerst du dich an unsere erste Begegnung? Damals habe ich dir eine Geschichte erzählt, um dir zu erklären, daß die Welt genauso ist, wie wir sie sehen. Alle fanden, daß der König verrückt war, weil er eine Ordnung wollte, die in den Köpfen seiner Untertanen nicht mehr vorhanden war.

Es gibt allerdings Dinge im Leben, die bleiben dieselben, wie auch immer wir sie betrachten. Und das gilt für alle Menschen. Wie beispielsweise die Liebe.«

Zedka bemerkte, daß sich Veronikas Blick verändert hatte. Sie beschloß fortzufahren.

»Ich würde sagen, wenn einem Menschen nur wenig Zeit zum Leben bleibt und er beschließt, den Rest seines Lebens an einem Bett zu sitzen und einen schlafenden Mann anzuschauen, dann ist Liebe im Spiel. Ich würde noch mehr sagen: Wenn dieser Mensch dabei einen Herzanfall hat und nichts sagt, nur damit er diesen Mann nicht verlassen muß, dann zeigt das, daß diese Liebe noch viel größer werden kann.«

»Es könnte auch Verzweiflung sein«, sagte Veronika,

»der Versuch zu beweisen, daß es letztlich keinen Grund gibt, unter der Sonne weiterzukämpfen. Ich kann nicht in einen Mann verliebt sein, der in einer anderen Welt lebt.«

»Ein jeder von uns lebt in seiner eigenen Welt. Doch wenn du in den gestirnten Himmel blickst, dann siehst du, daß all diese verschiedenen Welten sich zu Konstellationen, Sonnensystemen, Galaxien verbinden.«

Veronika stand auf und trat ans Kopfende von Eduards Bett. Zärtlich strich sie ihm durchs Haar. Sie war glücklich, daß sie jemanden hatte, mit dem sie reden konnte.

»Vor vielen Jahren, als ich noch ein Kind war, hat mich meine Mutter gezwungen, Klavierspielen zu lernen. Ich sagte mir, daß ich das nur können würde, wenn ich verliebt wäre. Gestern nacht habe ich das erste Mal in meinem Leben gespürt, wie die Töne aus meinen Fingern kamen, als hätte ich keine Kontrolle über das, was ich tat.

Mich leitete eine Kraft, formte Melodien und Akkorde, von denen ich nie geglaubt hatte, daß ich sie einmal würde spielen können. Ich habe mich dem Klavierspiel hingegeben, wie ich mich zuvor diesem Mann hingegeben habe, ohne daß er auch nur ein Haar von mir berührt hätte. Gestern war ich nicht ich selber, weder als ich mich dem Sex hingegeben, noch als ich Klavier gespielt habe. Und dennoch denke ich, daß ich ich selber war.

Nichts, was ich da sage, macht einen Sinn«, meinte Veronika kopfschüttelnd.

Zedka erinnerte sich an all die Wesen, denen sie im Raum begegnet war und die in anderen Dimensionen schwebten.

Sie wollte Veronika davon erzählen, doch dann fürchtete sie, sie noch mehr durcheinanderzubringen.

»Bevor du noch einmal sagst, daß du sterben wirst, möchte ich dir etwas sagen: Es gibt Menschen, die verbringen ihr ganzes Leben mit der Suche nach einem Augenblick wie dem, den du gestern erlebt hast, und erreichen ihn nicht.

Deshalb sterbe, wenn du denn sterben mußt, mit einem Herzen voller Liebe.«

Zedka stand auf.

»Du hast nichts zu verlieren. Viele Menschen erlauben sich gerade aus diesem Grund, nicht zu lieben, weil zu viel, viel Zukunft und Vergangenheit auf dem Spiel stehen. In deinem Fall gibt es nur die Gegenwart.«

Sie kam näher und gab Veronika einen Kuß.

»Wenn ich noch länger hierbleibe, dann gehe ich überhaupt nicht mehr weg. Ich bin zwar von meiner Depression geheilt, aber ich habe in mir andere Formen von Verrücktheit entdeckt. Ich will sie mit mir nehmen und beginnen, das Leben mit meinen eigenen Augen zu sehen.

Als ich hierherkam, war ich eine depressive Frau. Heute bin ich verrückt und stolz darauf. Draußen werde ich mich genauso verhalten wie die anderen. Ich werde im Supermarkt einkaufen, mit meinen Freundinnen tratschen, eine Menge Zeit vor dem Fernseher vertrödeln. Doch ich weiß, daß meine Seele frei ist, und ich kann von anderen Welten träumen und mit ihnen sprechen, von denen ich, bevor ich hierherkam, keine Ahnung hatte.

Ich werde mir die eine oder andere Dummheit leisten, nur damit die Leute sagen: Die war in Villete! Doch ich weiß, daß meine Seele vollständig sein wird, weil mein Leben einen Sinn hat. Ich kann einen Sonnenuntergang anschauen und daran glauben, daß Gott dahintersteht. Wenn jemand mir zu sehr auf die Nerven geht, werde ich irgend etwas Unmögliches sagen und mich nicht darum scheren, was die anderen denken, denn alle werden ja sagen: Die war in Villete!

Ich werde die Männer auf der Straße ansehen, ihnen in die Augen blicken und mich nicht schämen, wenn ich mich von ihnen begehrt fühle. Doch dann werde ich in einen Laden mit Importgütern gehen und die besten Weine kaufen, die mein Geldbeutel mir erlaubt, und werde sie mit einem Ehemann trinken, den ich liebe und mit dem ich wieder lachen will.

Und er wird lachend zu mir sagen: Du bist verrückt! Und ich werde antworten: Na klar, ich war in Villete! Und die Verrücktheit hat mich befreit. Jetzt, mein geliebter Mann, wirst du jedes Jahr Urlaub nehmen und mit mir in irgendwelche gefährlichen Berge fahren, denn ich muß das Risiko spüren, am Leben zu sein.

Die Leute werden sagen: Die war in Villete und macht jetzt auch noch ihren Mann verrückt! Und er wird begreifen, daß die Leute recht haben, und Gott dafür danken, daß unsere Ehe jetzt beginnt und wir verrückt sind.«

Zedka ging hinaus und trällerte dabei eine Melodie, die Veronika zuvor noch nie gehört hatte. Der Tag war zwar anstrengend gewesen, aber es hatte sich gelohnt. Dr. Igor versuchte gelassen zu bleiben, wie es sich für einen Wissenschaftler gehörte, doch er konnte seine Begeisterung kaum für sich behalten: Die Tests für die Heilung der Vitriolvergiftung lieferten überraschende Ergebnisse.

»Sie haben heute keinen Termin«, sagte er zu Mari, die ohne anzuklopfen eingetreten war.

»Es geht ganz schnell. Eigentlich wollte ich Sie nur kurz um Ihre Meinung fragen.«

>Heute scheinen alle nur kurz etwas von mir wissen zu wollen<, sagte er sich und mußte an die junge Frau und ihre Frage zum Sex denken.

»Eduard hat gerade einen Elektroschock erhalten.«

»Elektrokonvulsive Therapie. EKT. Nennen Sie es bitte beim korrekten Namen, sonst könnte man meinen, wir seien ein Verein von Barbaren.« Dr. Igor konnte seine Überraschung fürs erste überspielen, doch anschließend würde er nachfragen, wer das angeordnet hatte. »Und wenn Sie meine Meinung dazu wissen wollen, dann muß ich Sie dahin gehend aufklären, daß die EKT heute nicht mehr so wie früher angewendet wird.«

»Aber es ist doch gefährlich.«

»Es war gefährlich, früher, als weder die genaue Voltzahl bekannt war noch die Stellen, an denen die Elektroden angesetzt werden müssen. Viele Menschen sind während der Behandlung an Gehirnblutung gestorben. Doch heute ist das anders: Die EKT wird wieder angewandt, unter besseren technischen Voraussetzungen, und hat zudem den Vorteil, umgehend eine Amnesie hervorzurufen und die Vergiftung durch langfristige Medikamenteneinnahme zu vermeiden.

Sie können das in psychiatrischen Fachzeitschriften nachlesen.

Und verwechseln Sie bitte die EKT nicht mit den Elektroschocks der südamerikanischen Folterer!

So. Sie haben meine Meinung erfahren. Jetzt muß ich mich wieder an meine Arbeit machen.«

»Das wollte ich überhaupt nicht wissen. Eigentlich wollte ich wissen, ob ich die Anstalt verlassen darf.«

»Sie können sie verlassen, wann Sie wollen, und zurückkehren, wann Sie wollen, weil Ihr Mann noch genügend Geld hat, um Ihnen den Aufenthalt an einem Ort wie diesem zu finanzieren. Vielleicht sollten Sie mich besser fragen: Bin ich geheilt? Und meine Antwort wird dann sein: Wovon geheilt?

Sie werden sagen: von meiner Angst, von meinem Paniksyndrom.

Und ich werde antworten: Liebe Mari, das sind Sie schon seit drei Jahren.«

»Dann bin ich also geheilt?«

»Selbstverständlich nicht. Denn das ist überhaupt nicht Ihr Leiden. In dem Aufsatz, an dem ich gerade arbeite und den ich der Akademie der Wissenschaften Sloweniens vorlegen möchte (Dr. Igor wollte jetzt nichts Genaueres über das Vitriol sagen), versuche ich das sogenannte >normale< menschliche Verhalten zu untersuchen. Viele Ärzte vor mir haben diese Untersuchung bereits gemacht und sind zum Schluß gekommen, daß die Normalität nur eine Frage des Konsenses ist. Oder besser gesagt, wenn viele Menschen glauben, daß etwas richtig ist, dann wird es richtig.

Es gibt Dinge, die vom gesunden Menschenverstand bestimmt werden: Daß man die Knöpfe an einem Hemd vorn anbringt, ist eine Frage der Logik, denn es wäre sehr viel schwieriger, es seitlich oder gar auf dem Rücken zuzuknöpfen.

Andere Dinge jedoch setzen sich durch, weil immer mehr Menschen glauben, sie müßten so sein. Ich werde Ihnen zwei Beispiele nennen: Haben Sie sich jemals gefragt, warum die Buchstaben auf den Tasten einer Schreibmaschine in der bekannten Ordnung verteilt wurden?«

»Nein.«

»Wir können die Tastatur QWERTY nennen, denn die Buchstaben in der ersten Reihe sind so angeordnet. Ich habe mich gefragt, warum das so ist, und die Anwort gefunden: Die erste Maschine wurde 1873 von Christopher Scholes erfunden, damit die Leute schöner schreiben konnten. Doch dabei gab es ein Problem. Wenn man sehr schnell auf der Maschine schrieb, verhedderten sich die Typen und blokkierten die Maschine. Da entwarf Scholes die QWERTY-Tastatur, eine Tastatur, die die Schreiber zwang, langsam zu schreiben.

»Das glaube ich nicht.«

»Es stimmt trotzdem. Die Firma Remington, die damals Nähmaschinen produzierte, benutzte die QWERTY-Tastatur für die ersten Schreibmaschinen.

Wollten die Leute mit der Maschine schreiben, mußten sie sich an dieses System gewöhnen. Als später andere Firmen Maschinen mit dieser Tastatur herstellten, wurde sie zur Normtastatur. Ich wiederhole: Die Tastatur der Maschinen und der Computer wurde entworfen, damit man langsamer schrieb und nicht schneller, verstehen Sie? Versuchen Sie einmal, die Buchstaben anders anzuordnen, und Sie werden keinen Käufer für Ihr Produkt finden.«

Als Mari zum ersten Mal eine Tastatur gesehen hatte, hatte sie sich zwar gefragt, warum die Buchstaben nicht alphabetisch angeordnet waren. Doch sie hatte nie nach dem Grund gefragt, weil sie glaubte, daß dies die beste Anordnung war, um schnell schreiben zu können.

»Waren Sie schon einmal in Florenz?« fragte Dr. Igor.

»Nein.«

»Da sollten Sie einmal hinfahren, es ist nicht weit, und dort befindet sich mein zweites Beispiel. In der Kirche Santa Maria del Fiore in Florenz gibt es eine wunderschöne Uhr, die Paolo Uccello 1443 entworfen hat. Allerdings hat es mit dieser Uhr eine besondere Bewandtnis: Sie zeigt wie alle anderen Uhren auch die Stunden an, doch ihre Zeiger bewegen sich gegen unseren Uhrzeigersinn.«

»Und was hat das mit meiner Krankheit zu tun?«

»Dazu komme ich gleich. Paolo Uccello wollte nicht originell sein, als er diese Uhr schuf. Es gab damals solche Uhren und andere, deren Zeiger sich in unserem heutigen Uhrzeigersinn bewegten. Aus einem unbekannten Grund, möglicherweise, weil der Herzog eine Uhr besaß, deren Zeiger sich nach rechts bewegten wie bei unseren heutigen Uhren, hat diese sich durchgesetzt, und Uccellos Uhr wurde zu einer Abweichung, einer Verrücktheit.«

Dr. Igor hielt inne. Doch er wußte, daß Mari seinem Gedankengang folgte. »Nun zu Ihrer Krankheit. Jeder Mensch ist einmalig und einzigartig, mit seinen Eigenschaften, Trieben, Begierden und Abenteuern. Doch die Gesellschaft zwingt ihm ein kollektives Verhaltensmuster auf, und die Menschen fragen sich immer wieder, wieso sie sich so und nicht anders verhalten sollen. Doch letztlich nehmen sie es genauso hin wie die Daktylographen die QWERTY-Tastatur. Ist Ihnen jemals jemand begegnet, der Sie gefragt hätte, warum die Uhrzeiger sich in die eine und nicht in die andere Richtung bewegen?«

»Nein.«

»Sie würden jemanden, der Sie das fragt, wahrscheinlich für verrückt halten, ihn mit irgendeiner Antwort abspeisen und anschließend das Thema wechseln.

Nun zu Ihrer Frage. Stellen Sie sie noch einmal!«

»Bin ich geheilt?«

»Nein. Sie sind jemand, der anders ist und den anderen gleichen möchte. Das ist meiner Meinung nach eine schwere Krankheit.«

»Ist es schlimm, anders zu sein?«

»Es ist schlimm, sich zu zwingen, wie die anderen zu sein. Das führt zu Neurosen, Psychosen, Paranoia. Es ist schlimm, wie die anderen sein zu wollen, weil das bedeutet, der Natur Gewalt anzutun, den Gesetzen Gottes zuwiderzuhandeln, der in allen Wäldern der Welt kein Blatt geschaffen hat, das dem anderen gleicht. Doch Sie finden, daß es Wahnsinn ist, anders zu sein, und haben deshalb Villete ausgesucht, um zu leben. Weil hier alle anders sind und Sie daher so sind wie die anderen. Haben Sie mich verstanden?«

Mari nickte. »Weil sie nicht den Mut haben, anders zu sein, handeln Menschen gegen ihre Natur, und der Körper beginnt Vitriol zu produzieren — oder Bitterkeit, wie dieses Gift gemeinhin genannt wird.«

»Was ist Vitriol?«

Dr. Igor merkte, daß er sich zu sehr hatte mitreißen lassen, und beschloß, das Thema zu wechseln.

»Was Vitriol ist, tut hier nichts zur Sache. Was ich damit sagen wollte, ist folgendes: Alles weist darauf hin, daß Sie nicht geheilt sind.«

Mari konnte auf eine jahrelange Gerichtserfahrung zurückblicken und fand, daß der Augenblick gekommen war, sie anzuwenden. Die erste Taktik bestand darin, daß man so tat, als stimme man seinem Gegner zu, um ihn anschließend mit einem anderen Gedankengang zu übertölpeln.

»Ich bin ganz Ihrer Meinung. Ich bin aus einem ganz konkreten Grund hierhergekommen — dem Paniksyndrom — und aus einem sehr abstrakten Grund geblieben: der Unfähigkeit, ein anderes Leben ohne Arbeit und ohne Ehemann in Angriff zu nehmen. Ich bin ganz Ihrer Meinung: Ich hatte die Lust daran verloren, ein neues Leben zu beginnen, an das ich mich hätte gewöhnen müssen. Und ich gehe noch weiter: Ich finde, daß eine psychiatrische Anstalt auch mit Elektroschocks — Verzeihung, EKT, wie Sie es zu nennen belieben -, mit ihren festen Zeiten, den hysterischen Anfällen einiger Insassen, den Regeln leichter zu ertragen ist als die Welt mit ihren Gesetzen, die, wie Sie sagen, alles tun, um Gleichheit zu erzeugen.

Nun habe ich gestern nacht eine Frau Klavier spielen hören. Sie spielte meisterhaft. So habe ich selten jemanden spielen hören. Während ich die Stücke anhörte, dachte ich an alle, die gelitten haben, um diese Sonaten, Preludien, Adagios zu komponieren, daran, wie sie ausgelacht wurden, wenn sie ihre Stücke — die anders waren — denen vorspielten, die in der Musikwelt das Sagen hatten. An die Schwierigkeiten und die Erniedrigungen, um jemanden zu finden, der ein Orchester finanzierte. An die Buhrufe, die sie von einem Publikum erhielten, das derartige Harmonien noch nicht gewohnt war.

Die Komponisten mögen es schwergehabt haben, doch diese junge Frau hat noch mehr gelitten, denn sie wußte, daß sie sehr bald sterben würde. Und ich, werde ich nicht auch sterben? Wo habe ich meine Seele gelassen, um die Musik meines Lebens mit der gleichen Begeisterung zu spielen?«

Dr. Igor hörte ihr schweigend zu. Was er gedacht hatte, schien aufzugehen. Doch es war noch zu früh, um Gewißheit zu haben.

»Wo ist meine Seele geblieben?« fragte Mari. »In meiner Vergangenheit. In der Vorstellung von dem, was ich als mein Leben ansah. Meine Seele war in dem Augenblick gefangen, als ich ein Haus, einen Ehemann, eine Anstellung hatte, von der ich mich befreien wollte, jedoch nie den Mut hatte, es zu tun.

Meine Seele befand sich in der Vergangenheit. Doch heute ist sie hier angelangt, und ich fühle sie wieder voller Begeisterung in meinem Körper. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Ich weiß nur, daß ich drei Jahre gebraucht habe, um zu begreifen, daß das Leben mich auf einen anderen Weg drängte, den ich nicht gehen wollte.« »Ich glaube, ich sehe Anzeichen einer Besserung«, sagte Dr. Igor.

»Ich hätte nicht darum bitten müssen, Villete zu verlassen.

Ich hätte einfach nur durch das Tor hinausgehen und nie wieder kommen können. Ich mußte es aber jemandem sagen, und darum sage ich's Ihnen: Der Tod dieses Mädchens hat mich mein Leben begreifen lassen.«

»Mir scheint, diese Anzeichen einer Besserung verwandeln sich in eine Wunderheilung«, lachte Dr. Igor. »Und was wollen Sie nun tun?«

»Nach El Salvador gehen und mich um die Straßenkinder kümmern.«

»Sie brauchen nicht so weit weg zu gehen, weniger als zweihundert Kilometer entfernt liegt Sarajewo. Der Krieg ist zu Ende, doch die Probleme gehen weiter.«

»Dann gehe ich nach Sarajewo.«


Dr. Igor holte ein Formular aus der Schublade, füllte es sorgfältig aus. Dann erhob er sich und geleitete Mari zur Tür.

»Gehen Sie mit Gott«, sagte er, kehrte in sein Arbeitszimmer zurück und schloß sogleich die Tür. Es mißfiel ihm, wenn er seine Patienten liebgewann, doch verhindern konnte er es nie. Mari würde in Villete fehlen.

Als Eduard die Augen öffnete, war die junge Frau noch da.

Während seiner ersten Elektroschocks hatte er anschließend immer viel Zeit damit verbracht zu versuchen, sich an das zu erinnern, was vorher geschehen war. Darin lag ja auch gerade der erwünschte therapeutische Effekt, nämlich eine partielle Amnesie zu erzeugen, damit der Kranke das Problem vergaß, das ihn bedrängte, und er sich beruhigte.

Doch je häufiger er Elektroschocks bekam, desto kürzer hielt die Wirkung an. Er erkannte die junge Frau sofort.

»Du hast von den Visionen des Paradieses gesprochen, während du geschlafen hast«, sagte sie und strich ihm übers Haar.

Visionen des Paradieses? Ja, Visionen des Paradieses.

Eduard blickte sie an. Er wollte ihr alles erzählen.

In diesem Augenblick kam jedoch eine Krankenschwester mit einer Spritze herein.

»Die ist für Sie«, sagte sie zu Veronika. »Anweisungen von Dr. Igor.«

»Ich habe aber heute schon eine gehabt, ich will keine zweite«, antwortete sie. »Ich bin auch nicht daran interessiert, hier rauszugehen. Ich werde keine Anordnung, keine Regel befolgen, nicht tun, wozu Sie mich zwingen.«

Die Krankenschwester schien diese Art Reaktion gewohnt zu sein

»Dann müssen wir Ihnen leider ein Beruhigungsmittel geben.«

»Ich muß mit dir reden«, sagte Eduard. »Laß dir die Spritze geben.«

Veronika schob den Pulloverärmel hoch, und die Krankenschwester spritzte ihr das Mittel.

»Braves Mädchen«, sagte sie. »Hier ist es so düster.

Warum gehen Sie nicht draußen etwas spazieren?«

»Schämst du dich noch wegen gestern abend?« fragte Eduard, während sie durch den Garten gingen.

»Erst habe ich mich geschämt. Jetzt bin ich stolz darauf.

Ich möchte etwas über die Visionen des Paradieses wissen.

Warum war ich kurz davor, eine zu sehen?«

»Dazu muß ich weit über die Gebäude von Villete hinweg in die Vergangenheit zurückschauen.«

»Tu das!«

Eduard blickte nicht auf die Mauern der Krankenstation oder in den Garten, in dem die Insassen schweigend herumspazierten, sondern zurück in die Vergangenheit zu einer Straße auf einem anderen Kontinent zu einem Ort, an dem es entweder viel regnete oder überhaupt nicht.

Eduard konnte den erdigen Geruch seiner früheren Heimat förmlich riechen — es war Trockenzeit, und der Staub drang in seine Nase, und er freute sich, weil der Geruch ihn belebte.

Er war wieder siebzehn Jahre alt und mit seinem importierten Fahrrad auf dem Heimweg von der Amerikanischen Schule, die auch alle anderen Diplomatenkinder in Brasilia besuchten.

Er haßte Brasilia, doch er liebte die Brasilianer. Sein Vater war zwei Jahre zuvor zum Botschafter Jugoslawiens ernannt worden, zu einer Zeit, als niemand an die blutige Teilung des Landes dachte. Milosevic war noch an der Macht. Die Menschen lebten mit ihren Gegensätzen und versuchten, jenseits der regionalen Konflikte das Zusammenleben harmonisch zu gestalten.

Der erste Posten seines Vaters war ausgerechnet Brasilia.

Eduard hatte von Stranden, von Karneval, Fußballspielen, Musik geträumt, doch er landete in dieser Hauptstadt fern der Küste, die nur für Politiker, Bürokraten, Diplomaten und deren Familien geschaffen worden war, die sich dort etwas verloren vorkamen.

Eduard haßte das Leben dort. Er vergrub sich ins Lernen, versuchte erfolglos, Freundschaft mit seinen Klassenkameraden zu schließen. Versuchte ebenso erfolglos, sich für Autos, Markenturnschuhe, Designerklamotten zu interessieren, die einzigen Gesprächsthemen unter den Jugendlichen.

Hin und wieder gab es Parties, bei denen sich die Jungen auf der einen Seite des Raumes betranken und die Mädchen auf der anderen Seite so taten, als wären sie Luft. Drogen waren immer in Umlauf, und Eduard hatte praktisch alle schon ausprobiert. Doch keine hatte ihm zugesagt. Entweder wurde er davon zu aufgedreht oder zu schläfrig und verlor das Interesse an dem, was um ihn herum geschah.

Seine Eltern machten sich Sorgen. So konnte es nicht weitergehen, schließlich sollte Eduard in die Fußstapfen seines Vaters treten und ebenfalls Diplomat werden. Doch obwohl Eduard fast alle dazu notwendigen Talente besaß — Lerneifer, guten künstlerischen Geschmack, Sprachbegabung, Interesse an Politik -, fehlte ihm die unabdingbare Grundbegabung eines zukünftigen Diplomaten, nämlich Kontaktfreudigkeit.

Seine Eltern nahmen ihn mit zu festlichen Anlässen, ihr Haus stand seinen Schulkameraden offen, er erhielt ein gutes Taschengeld. Dennoch brachte Eduard selten jemanden mit.

Eines Tages fragte seine Mutter ihn, weshalb er nie Freunde zum Essen mitbrachte.

»Ich kenne alle Turnschuhmarken, die Namen aller Mädchen, die man leicht ins Bett kriegt. Weiter haben wir uns nichts zu sagen.«

Bis diese Brasilianerin auftauchte. Der Botschafter und seine Frau waren beruhigt, als ihr Sohn anfing auszugehen, spät nach Hause zu kommen. Niemand wußte genau, woher sie gekommen war, doch eines Abends brachte sie Eduard zum Essen mit. Das Mädchen war wohlerzogen, und sie waren zufrieden. Ihr Junge schien endlich kontaktfreudiger zu werden. Außerdem enthob sie dieses Mädchen einer unausgesprochenen großen Sorge: Eduard war nicht homosexuell.

Sie nahmen Maria mit offenen Armen auf, wie künftige Schwiegereltern, obgleich sie wußten, daß Eduards Vater in zwei Jahren versetzt würde, und obwohl eine Schwiegertochter aus einem so exotischen Land für sie nicht in Frage kam. Ihrer Vorstellung nach sollte ihr Sohn ein Mädchen aus einer guten Familie in Frankreich oder Deutschland finden, die würdig die glänzende Diplomatenkarriere begleitete, für die der Vater ihm den Weg ebnete.

Eduard hingegen wirkte immer verliebter. Seine Mutter wandte sich besorgt an ihren Mann.

»Die Kunst der Diplomatie besteht darin, den Gegner hinzuhalten«, sagte der Botschafter. »Über die erste Liebe kommen viele nie hinweg, doch von Dauer ist sie trotzdem nie.«


Aber Eduard war wie verwandelt. Er brachte merkwürdige Bücher mit nach Hause, baute in seinem Zimmer eine Pyramide auf und brannte zusammen mit Maria jede Nacht Räucherstäbchen ab und saß mit ihr versunken vor einer an die Wand gehefteten merkwürdigen Zeichnung. Eduards schulische Leistungen wurden immer schlechter.

Seine Mutter verstand zwar kein Portugiesisch, sah jedoch die Bucheinbände: Kreuz, Feuer, aufgehängte Hexen, exotische Symbole.

»Unser Sohn liest gefährliche Sachen.«

»Gefährlich ist, was auf dem Balkan geschieht«, entgegnete der Botschafter. »Es gibt Gerüchte, daß die Provinz Slowenien die Unabhängigkeit will, und das kann uns in den Krieg führen.« Die Mutter maß jedoch der Politik nicht die geringste Bedeutung zu. Sie wollte wissen, was mit ihrem Sohn los war.

»Warum verbrennen die immer Räucherstäbchen?«

»Um den Marihuanageruch zu überdecken«, sagte der Botschafter. »Unser Sohn hat gute Schulen besucht, er wird nicht glauben, daß diese parfümierten Stäbchen Geister anziehen.«

»Mein Sohn nimmt Drogen!«

»Das kommt vor. Ich habe auch Marihuana geraucht, als ich jung war, und irgendwann hat man genug davon, so wie auch ich irgendwann genug hatte.«

Die Frau war beruhigt und stolz: Ihr Mann hatte Erfahrung, er war im Drogenmilieu gewesen und war unversehrt wieder herausgekommen. Ein Mann mit so viel Willenskraft meisterte jede Situation.

Eines schönen Tages hatte Eduard einen besonderen Wunsch: Er wollte ein Fahrrad haben.

»Wir haben einen Fahrer und einen Mercedes. Wozu brauchst du ein Fahrrad?«

»Um näher an der Natur zu sein. Maria und ich werden zehn Tage wegfahren«, sagte er. »Es gibt hier in der Nähe eine Stelle mit unglaublichen Kristallvorkommen, und Maria meint, sie würden gute Energie übertragen.«

Vater und Mutter waren im Kommunismus erzogen worden.

Kristalle waren nur Mineralien und gehorchten einer bestimmten Art der Anordnung von Atomen. Irgendeine wie auch immer geartete positive oder negative Energie strahlten sie nicht aus. Die Eltern hörten sich um und erfuhren, daß diese Ideen von »Kristallschwingungen« gerade in Mode kamen.

Wenn ihr Sohn bei einem ihrer offiziellen Empfänge dieses Thema anschnitt, könnten die anderen das lächerlich finden.

Zum ersten Mal wurde dem Botschafter klar, daß die Lage sich zuspitzte. Brasilia war eine Stadt, die vom Klatsch lebte, und bald würden alle wissen, daß Eduard irgendwelchem primitiven Aberglauben anhing, und die Botschafterkollegen könnten meinen, er habe dies von seinen Eltern. Und Diplomatie war schließlich nicht allein die Kunst des Hinhaltens, sondern auch der Wahrung von Normalität um jeden Preis.

»Mein Sohn, so kann das nicht weitergehen«, sagte der Vater. »Ich habe in Jugoslawien Freunde im Außenministerium.

Du hast eine brillante Diplomatenlaufbahn vor dir und mußt lernen, dich der Realität zu stellen.«

Eduard verließ das Haus und kam an dem Abend nicht wieder. Seine Eltern riefen bei Maria, in den Leichenhallen und Krankenhäusern an. Niemand wußte etwas. Die Mutter verlor das Vertrauen in die Qualitäten ihres Mannes als Familienoberhaupt. Sein hervorragendes Verhandlungsgeschick hatte hier offensichtlich nicht funktioniert. Am nächsten Tag tauchte Eduard hungrig und übernächtigt wieder auf. Er aß und ging auf sein Zimmer, steckte seine Räucherstäbchen an, betete seine Mantras, schlief den Rest des Nachmittags und die ganze Nacht. Als er aufwachte, wartete ein nagelneues Fahrrad auf ihn.

»Geh zu deinen Kristallen«, sagte die Mutter. »Ich werde das deinem Vater schon erklären.« Und so machte sich Eduard an diesem trockenen, staubigen Nachmittag zu Marias Wohnung auf. Die Stadt war so perfekt entworfen (fanden die Architekten) oder so mißlungen (fand Eduard), daß es fast keine Ecken gab. Er fuhr rechts auf einem Fahrstreifen für hohe Geschwindigkeiten, blickte in den Himmel voller Wolken, die keinen Regen brachten, als er bemerkte, daß er mit ungeheurer Geschwindigkeit in diesen Himmel hinaufraste, um gleich darauf wieder herunterzusausen und sich auf dem Asphalt wiederzufinden.

KRACH!

>Ich hatte einen Unfall.<

Er wollte sich umdrehen, weil sein Gesicht in den Asphalt gepreßt war, doch er merkte, daß er keine Kontrolle über seinen Körper hatte. Er hörte Bremsen quietschen, schreiende Menschen. Jemand kam und versuchte ihn zu berühren. Dann hörte er sofort den Ruf: »Den Verunglückten nicht anfassen! Wenn jemand ihn bewegt, kann er für den Rest seines Lebens zum Krüppel werden!«

Die Sekunden vergingen langsam, und Angst kroch in Eduard hoch. Im Gegensatz zu seinen Eltern glaubte er an Gott und an ein Leben nach dem Tod, trotzdem fand er es ungerecht, mit 17 Jahren in einem Land zu sterben, das nicht sein eigenes war, und dabei den Asphalt anzuschauen.

»Geht es Ihnen gut?« hörte er eine Stimme fragen.

Nein, es ging ihm nicht gut, er konnte sich weder bewegen noch etwas sagen. Das schlimmste war, daß er das Bewußtsein nicht verlor, genau wußte, was passierte. Warum wurde er nicht ohnmächtig? Hatte denn Gott kein Erbarmen mit ihm, gerade in einem Augenblick, da er Ihn allen Widrigkeiten zum Trotz und mit ganzer Seele suchte? »Die Ärzte kommen jeden Augenblick«, flüsterte jemand und ergriff seine Hand. »Ich weiß nicht, ob Sie mich hören können, aber seien Sie ganz beruhigt. Es ist nichts Schlimmes.«

Ja, er konnte es hören, er hätte gern gewollt, daß dieser Mensch — es war ein Mann — weiterredete, ihm versicherte, daß es nichts Schlimmes war, obwohl er erwachsen genug war, um zu wissen, daß sie das immer sagten, wenn es besonders schlecht stand. Er dachte an Maria, an die Kristallberge voller positiver Energie — im Gegensatz zu Brasilia, das er in seinen Meditationen stets als die höchste Konzentration negativer Energie erfahren hatte.

Aus Sekunden wurden Minuten, Leute versuchten ihn zu trösten, und zum ersten Mal, seit er gestürzt war, spürte er Schmerzen. Einen heftigen Schmerz, der aus dem Zentrum seines Kopfes in seinen ganzen Körper ausstrahlte.

»Sie sind da«, sagte der Mann, der seine Hand hielt.

»Morgen fahren Sie wieder Rad.«


Doch am nächsten Tag lag Eduard im Krankenhaus. Beide Beine und ein Arm waren eingegipst, und er mußte einen ganzen Monat so liegenbleiben und zuhören, wie seine Mutter den ganzen Tag lang schluchzte, sein Vater aufgeregte Telefonate führte, während die Ärzte nicht müde wurden zu wiederholen, daß die entscheidenden 24 Stunden überstanden seien und keine Gehirnverletzung vorliege.

Die Eltern riefen bei der amerikanischen Botschaft an, die, weil sie kein Vertrauen in die staatlichen Krankenhäuser hatte, über einen eigenen High-Tech-Unfalldienst sowie eine Liste brasilianischer Ärzte verfügte, die amerikanische Diplomaten behandeln durften. Hin und wieder stellten die Amerikaner diese Dienste auch ihren Kollegen zur Verfügung.

Die Amerikaner brachten ihre Geräte, die auf dem allerneuesten Stand waren, machten zehnmal so viele Untersuchungen und neue Tests, die letztlich wie immer die Diagnosen und Therapien der staatlichen Krankenhausärzte bestätigten.

Die Ärzte des staatlichen Krankenhauses mochten gut sein, doch die brasilianischen Fernsehprogramme waren genauso schlecht wie anderswo auf der Welt, und Eduard langweilte sich. Maria kam immer seltener ins Krankenhaus — vielleicht hatte sie einen anderen Gefährten gefunden, der mit ihr zu den Kristallbergen fuhr.

Im Gegensatz zu seiner Freundin besuchten der Botschafter und seine Frau ihn täglich, doch sie weigerten sich, ihm seine portugiesischen Bücher mitzubringen, mit dem Argument, sie würden sowieso bald versetzt und er werde diese Sprache bald nicht mehr brauchen. Daher gab sich Eduard damit zufrieden, mit den anderen Kranken zu reden, mit den Krankenpflegern über Fußball zu debattieren und die eine oder andere Zeitschrift zu lesen, die ihm in die Hände fiel.

Bis ihm einer der Krankenpfleger ein Buch mitbrachte, das er geschenkt bekommen hatte, aber zu dick fand, um es zu lesen. Von diesem Augenblick an führte das Leben Eduard auf einen merkwürdigen Weg, der ihn am Ende nach Villete brachte, zur Abkehr von der Realität und vom Leben anderer junger Männer in seinem Alter. Das Buch handelte von Visionären, die die Welt erschütterten, von Leuten, die eine eigene Vorstellung vom irdischen Paradies besaßen und ihr Leben der Aufgabe gewidmet hatten, sie mit ändern zu teilen. Es handelte von Jesus Christus, doch auch von Darwin mit seiner Theorie, daß der Mensch vom Affen abstammt; von Freud, der versicherte, daß Träume wichtig seien; von Kolumbus, der das Geschmeide der Königin verpfändete, um einen neuen Kontinent zu suchen; von Marx mit seiner Vorstellung, daß alle die gleiche Chance verdienten.

Und da kamen Heilige vor wie Ignatius von Loyola, ein Baske, der mit allen Frauen geschlafen hatte, mit denen er hatte schlafen können, der in unzähligen Schlachten mehrere Feinde getötet hatte, bis er in Pamplona verwundet wurde und von seinem Krankenlager aus die Welt begriff; und Teresa von Avila, die den Weg Gottes unbedingt finden wollte und der dies erst gelang, als sie durch einen Korridor ging und unwillkürlich vor einem Bild stehenblieb.

Antonius, der das Leben, das er führte, satt hatte und zehn Jahre lang mit den Dämonen in der Wüste lebte und jede Art von Versuchung durchstand; Franz von Assisi, ein junger Mann wie er, der entschlossen war, mit den Vögeln zu reden und das Leben hinter sich zu lassen, das seine Eltern für ihn vorgesehen hatten.

Eduard begann noch am selben Nachmittag, dieses »dicke Buch« zu lesen, weil er nichts anderes hatte, um sich zu zerstreuen. Mitten in der Nacht kam eine Krankenschwester herein und fragte ihn, ob er Hilfe brauche, da nur noch in seinem Zimmer Licht brannte. Eduard schickte sie mit einer Handbewegung weg, ohne vom Buch aufzuschauen.

Männer und Frauen, die die Welt erschüttert hatten. Ganz gewöhnliche Männer und Frauen wie er, sein Vater oder seine Freundin, von der er wußte, daß er sie verlieren würde, Menschen mit den gleichen Zweifeln und Sorgen wie alle anderen in ihrem vorprogrammierten Alltag. Menschen, die kein besonderes Interesse an Religion, Gott, Ausweitung des Geistes oder einem neuen Bewußtsein hatten, bis sie eines Tages beschlossen, alles zu verändern. Das Buch war besonders interessant, weil es erzählte, daß es in jedem dieser Leben einen magischen Augenblick gegeben hatte, der die Menschen auf die Suche nach ihrer eigenen Version des Paradieses aufbrechen ließ.

Menschen, die kein leeres Leben führen wollten und die, um das zu erreichen, was sie wollten, gebettelt oder Könige hofiert, Gesetzeswerke zerrissen oder den Zorn der Mächtigen ihrer Zeit herausgefordert hatten; Menschen, die mit Gewalt oder Diplomatie jede Schwierigkeit überwunden, genutzt und nie aufgegeben hatten.

Am nächsten Tag gab Eduard dem Krankenpfleger, der ihm das Buch geschenkt hatte, seine Golduhr und bat ihn, er möge sie verkaufen und ihm vom Erlös alle Bücher zu diesem Thema besorgen. Es gab keine. Er versuchte, die Biographien einiger dieser Menschen zu lesen, doch die beschrieben den Mann oder die Frau stets als einen erwählten, erleuchteten und nicht als einen gewöhnlichen Menschen, der wie jeder andere darum kämpfen mußte, das zu sagen, was er dachte.

Eduard war so beeindruckt von dem Gelesenen, daß er ernsthaft erwog, ein Heiliger zu werden und den Unfall zu nutzen, um seinem Leben eine andere Richtung zu geben.

Allein, seine beiden Beine waren gebrochen, und er hatte im Krankenhaus keine Vision, kam nicht an einem Bild vorbei, das seine Seele erschütterte, hatte keine Freunde, um mit ihnen auf der brasilianischen Hochebene eine Kapelle zu bauen, und die Wüsten waren weit weg und voll politischer Probleme. Dennoch konnte er etwas tun: malen lernen und versuchen, der Welt die Visionen zu zeigen, die jene Menschen gehabt hatten.

Nachdem man ihm den Gips abgenommen hatte und er in die Botschaft zurückgekehrt war, wo er von anderen Diplomaten seinem Rang als Botschafterssohn entsprechend verwöhnt und umsorgt wurde, bat er seine Mutter, ihn in einen Malkurs einzuschreiben.

Sie meinte, daß er in der Amerikanischen Schule schon viel zuviel versäumt habe und sich jetzt daran machen müsse, die verlorene Zeit aufzuholen. Eduard weigerte sich.

Er hatte nicht die geringste Lust, Geographie und andere Naturwissenschaften zu lernen.

Er wollte Maler werden. In einem unbedachten Augenblick sagte er den Grund:

»Ich muß die Visionen des Paradieses malen.«


Die Mutter sagte nichts und versprach, mit ihren Freundinnen zu sprechen, um herauszufinden, welches der beste Malkurs der Stadt war.

Als der Botschafter an jenem Abend von der Arbeit nach Hause kam, fand er sie weinend in ihrem Zimmer. »Unser Sohn ist verrückt«, sagte sie, und Tränen liefen ihr übers Gesicht. »Der Unfall hat sein Gehirn angegriffen.«

»Unmöglich«, entgegnete empört der Botschafter. »Die Vertrauensärzte der Amerikaner haben ihn doch untersucht.«

Die Frau erzählte, was sie gehört hatte.

»Das ist ganz normales jugendliches Aufbegehren. Wart's nur ab, alles wird wieder gut.«

Dieses Mal führte das Warten zu nichts, denn Eduard hatte es eilig, mit dem Leben zu beginnen. Zwei Tage später schrieb er sich, nachdem er keine Lust mehr hatte, auf eine Entscheidung der Freundinnen seiner Mutter zu warten, selbst in einen Malkurs ein. Begann Farbund Perspektivlehre zu studieren, begann aber auch mit Leuten zusammen zu sein, die nie über Turnschuhmarken und Automodelle redeten.

»Er ist mit Künstlern zusammen!« jammerte die Mutter dem Botschafter vor.

»Laß den Jungen«, antwortete der Botschafter. »Irgendwann hat er genug davon, wie von seiner Freundin, den Kristallen, den Pyramiden, den Räucherstäbchen und dem Marihuana.«

Doch die Zeit verging, und Eduards Zimmer verwandelte sich in ein improvisiertes Atelier mit Bildern, die seinen Eltern überhaupt nichts sagten: Es waren Kreise, exotische Farbkombinationen, primitive Symbole vermischt mit betenden Gestalten.

Eduard, der einsame Junge, der in den zwei Jahren in Brasilia nie Freunde heimgebracht hatte, füllte nun das Haus mit merkwürdigen, schlecht gekleideten Leuten mit zerzausten Haaren, die scheußliche Platten in voller Lautstärke hörten, haltlos rauchten und tranken und schlechte Manieren an den Tag legten. Eines Tages bestellte die Direktorin der Amerikanischen Schule die Botschaftergattin zu einem Gespräch.

»Ihr Sohn muß mit Drogen in Kontakt gekommen sein«, sagte sie. »Seine schulischen Leistungen sind miserabel, und wenn er so weitermacht, können wir ihn nicht auf der Schule behalten.«

Die Frau begab sich sofort ins Büro des Botschafters und berichtete, was sie gerade gehört hatte.

»Du sagst die ganze Zeit, daß alles wieder gut wird!«

schrie sie hysterisch. »Dein Sohn ist drogensüchtig, verrückt, hat einen schweren Hirnschaden, während du dich nur um Cocktails und Empfänge kümmerst.«

»Leiser, bitte«, bat er.

»Ich rede überhaupt nicht leiser, nie mehr in meinem Leben, solange du deine Haltung nicht änderst! Dieser Junge braucht Hilfe, verstehst du? Ärztliche Hilfe! Tu endlich was!«

Aus Angst, der Aufstand seiner Frau könnte ihn bei seinen Angestellten in ein schlechtes Licht rücken, aber auch weil ihm Eduards Malfimmel zu weit ging, überlegte sich der Botschafter als praktischer und gewiefter Mensch eine Strategie, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Zuerst rief er seinen amerikanischen Kollegen an und bat ihn, erneut die medizinischen Dienste der Botschaft beanspruchen zu dürfen. Der Bitte wurde entsprochen.

Er ging zu den bei der amerikanischen Botschaft akkreditierten Ärzten, erklärte ihnen die Lage und bat darum, die Ergebnisse der damals gemachten Untersuchungen noch einmal durchzusehen. Die Ärzte, die befürchteten, es könnte ihnen ein Prozeß gemacht werden, erfüllten seinen Wunsch und kamen zum Schluß, daß alles normal war. Bevor der Botschafter ging, ließen ihn die Ärzte ein Dokument unterzeichnen, wonach er die amerikanische Botschaft nicht dafür haftbar machte, ihn an ihre Vertrauensärzte verwiesen zu haben.

Anschließend begab sich der Botschafter ins Krankenhaus, in dem Eduard behandelt worden war. Er sprach mit dem Direktor, setzte ihm das Problem seines Sohnes auseinander und bat, Eduard unter dem Vorwand eines Routine-Check-ups einem Drogentest zu unterziehen.

Das geschah. Keine Spur von einer Droge.

Jetzt blieb noch der dritte Teil der Strategie: mit Eduard reden und herausfinden, was los war. Nur wenn er alle Informationen hatte, konnte der Botschafter eine angemessene Entscheidung treffen.

Vater und Sohn nahmen im Wohnzimmer Platz.

»Du machst deiner Mutter Sorgen«, sagte der Botschafter.

»Deine Noten sind schlechter geworden, es besteht die Gefahr, daß du von der Schule gehen mußt.«

»Meine Malnoten werden dafür immer besser, Vater.« »Ich finde dein Interesse an der Kunst zwar sehr schön, doch du hast noch das ganze Leben vor dir, um malen zu können. Im Augenblick geht es darum, die Oberstufe abzuschließen, damit ich dich in die diplomatische Laufbahn bringe.

Eduard dachte lange nach, bevor er etwas sagte. Er ließ den Unfall noch einmal vor seinem inneren Auge ablaufen, dachte an das Buch über die Visionäre, das im Grunde nur ein Vorwand gewesen war, seine wahre Berufung zu finden, er dachte an Maria, von der er nie wieder gehört hatte. Er zögerte lange, doch dann antwortete er:

»Vater, ich möchte nicht Diplomat werden, sondern Maler.«

Der Vater war auf diese Antwort schon vorbereitet und wußte, wie er sie umgehen konnte.

»Du wirst Maler werden, aber vorher mach die Schule zu Ende. Wir werden in Belgrad, Zagreb, Ljubljana und Sarajewo Ausstellungen organisieren. Mit meinen Beziehungen kann ich dir helfen, aber vorher mußt du deine Ausbildung abschließen.«

»Wenn ich das tue, wähle ich den einfacheren Weg, Vater.

Ich gehe auf irgendeine Uni, studiere, was mich nicht interessiert, was mir aber Geld einbringt. Dann wird die Malerei in den Hintergrund, an die zweite Stelle rücken, und ich werde meine Berufung allmählich vergessen. Ich muß lernen, mit der Malerei Geld zu verdienen.«

Der Botschafter wurde allmählich böse.

»Du hast alles, mein Sohn: Eltern, die dich lieben, ein Haus, Geld, gesellschaftliche Stellung. Aber du weißt, daß unser Land augenblicklich schwierige Zeiten durchmacht.

Es kursieren Gerüchte, daß es einen Bürgerkrieg geben könnte. Vielleicht kann ich dir morgen schon nicht mehr helfen.«


»Ich werde mir schon selber zu helfen wissen, Vater. Vertraue mir. Eines Tages werde ich eine Serie mit dem Titel

>Visionen des Paradieses< malen. Es wird die Geschichte dessen darstellen, was Männer und Frauen bisher nur in ihren Herzen erlebt haben.«

Der Botschafter lobte die Entschlossenheit seines Sohnes, beendete das Gespräch mit einem Lächeln und beschloß, ihm eine Frist von einem Monat zu geben — schließlich war ja die Diplomatie auch die Kunst, Entscheidungen aufzuschieben, bis die Probleme sich von selbst erledigen.

Der Monat verging. Und Eduard widmete weiter seine ganze Zeit der Malerei, den merkwürdigen Freunden und der Musik, die darauf angelegt zu sein schien, das seelische Gleichgewicht zu zerstören. Was die Sache noch schlimmer machte, war, daß er von der Amerikanischen Schule flog, weil er mit der Lehrerin über die Existenz der Heiligen gestritten hatte.

Da eine Entscheidung nicht mehr aufgeschoben werden konnte, bestellte der Botschafter den Sohn in einem letzten Versuch zu einem Gespräch unter Männern.

»Eduard, du bist alt genug, um die Verantwortung für dein Leben zu übernehmen. Wir haben alles, solange es ging, ertragen, doch jetzt ist der Augenblick gekommen, wo Schluß mit diesem Blödsinn ist, daß du Maler werden willst, und Zeit, deine Karriere zu planen.«

»Aber Vater, Maler werden ist doch auch eine Karriere.« »Du siehst offensichtlich unsere Liebe, unsere Bemühungen nicht, dir eine gute Ausbildung zu geben. Da du früher nicht so warst, kann ich das nur auf den Unfall zurückführen.«

»Verstehe doch bitte, daß ich euch beide mehr als sonst jemanden auf der Welt oder in meinem Leben liebe!«

Der Botschafter räusperte sich. Er war so direkte Gefühlsäußerungen nicht gewohnt.

»Dann tue im Namen dieser Liebe, die du für uns empfindest, was deine Mutter von dir möchte. Laß eine Zeitlang diese Geschichte mit der Malerei, such dir Freunde, die deiner gesellschaftlichen Position entsprechen, und geh wieder zur Schule.«

»Du liebst mich doch, Vater. Das kannst du nicht von mir verlangen, denn du bist mir immer ein Beispiel dafür gewesen, daß man um das, was man will, kämpfen muß. Du kannst nicht von mir wollen, daß ich ein Mann ohne eigenen Willen bin.«

»Ich sagte: im Namen der Liebe. Ich habe das nie zuvor gesagt, mein Sohn, aber ich bitte dich jetzt. Um der Liebe willen, die du für uns empfindest, um der Liebe willen, die wir für dich empfinden, komm nach Hause zurück, nicht nur im physischen Sinne, sondern ganz real. Du machst dir etwas vor, fliehst vor der Realität.

Seit deiner Geburt haben wir unsere ganzen Hoffnungen in dich gesetzt. Du bist alles für uns, unsere Zukunft und unsere Vergangenheit. Deine Großeltern waren Beamte, und ich mußte wie ein Stier kämpfen, um die diplomatische Laufbahn einzuschlagen und dort Karriere zu machen. Das alles nur, um dir den Weg freizumachen, dir die Dinge zu erleichtern. Ich besitze noch den Füllfederhalter, mit dem ich mein erstes Dokument als Botschafter unterzeichnete, und habe ihn voller Zärtlichkeit verwahrt, um ihn dir an dem Tag zu vermachen, an dem du das gleiche tust.


Enttäusche uns nicht, mein Sohn. Wir haben nicht mehr viel Zeit zu leben, wir wollen ruhig sterben im Wissen, daß du deinen Weg im Leben machst.

Wenn du uns wirklich liebst, tu, um was ich dich bitte.

Wenn du uns nicht liebst, mach so weiter wie bisher.«

Eduard blickte viele Stunden lang in den Himmel von Brasilia, schaute den Wolken nach, die wunderschön durch das Blau schwebten, doch keinen einzigen Regentropfen für den trockenen Boden der zentralen Hochebene mit sich führten.

Er war leer wie sie.

Würde er an seiner Wahl festhalten, würde seine Mutter am Leid zugrunde gehen, sein Vater würde die Begeisterung für seinen Beruf verlieren, beide würden sich die Schuld daran geben, bei der Erziehung ihres geliebten Sohnes versagt zu haben. Würde er die Malerei aufgeben, würden die Visionen des Paradieses nie entstehen, und nichts mehr auf dieser Welt würde in ihm Begeisterung oder Freude auslösen können.

Er blickte um sich, sah seine Bilder, erinnerte sich an die Liebe und den Sinn in jedem Pinselstrich und fand sie alle mittelmäßig. Er war ein Betrüger, er wollte etwas, für das er nie erwählt worden war, und der Preis dafür war die Enttäuschung seiner Eltern.

Die Visionen des Paradieses, das war etwas für die erwählten Menschen, die, die in Büchern als Helden und Märtyrer des Glaubens erwähnt werden. Menschen, die schon von Kindesbeinen an wußten, daß die Welt ihrer bedurfte.

Was in dem Buch stand, war pure Erfindung.

Beim Abendessen sagte er seinen Eltern, daß sie recht hätten. Alles wäre nur ein Jugendtraum gewesen, und seine Begeisterung für die Malerei sei auch vorbei. Die Eltern waren zufrieden, die Mutter weinte vor Freude und umarmte den Sohn. Die Normalität war wieder eingekehrt.

Nachts feierte der Botschafter heimlich seinen Sieg mit einer Flasche Champagner, die er allein austrank. Als er ins Schlafzimmer kam, schlief seine Frau schon tief und fest, das erste Mal seit vielen Monaten.

Am nächsten Tag fanden sie Eduards Zimmer verwüstet vor, die Bilder waren mit einem scharfen Gegenstand zerstört worden, und der Junge saß in einer Ecke und blickte in den Himmel. Die Mutter umarmte ihn und sagte, daß sie ihn liebe, doch Eduard antwortete nicht.

Er wollte von Liebe nichts mehr wissen, davon hatte er genug. Er dachte, daß er seinen Traum aufgeben und den Rat seines Vaters befolgen könnte, doch er war in seiner Arbeit schon zu weit fortgeschritten: Er hatte die Schlucht, die den Menschen von seinem Traum trennt, bereits überwunden und konnte jetzt nicht wieder zurück.

Er konnte weder vorannoch zurückgehen. Da war es einfacher, von der Bühne abzutreten.

Eduard blieb noch fünf Monate in Brasilien, wurde von Spezialisten behandelt, die eine seltene, möglicherweise von dem Fahrradunfall herrührende Form der Schizophrenie diagnostizierten. Als in Jugoslawien der Bürgerkrieg ausbrach, wurde der Botschafter umgehend in sein Land zurückgerufen; die Probleme häuften sich derart, daß die Eltern sich nicht um Eduard kümmern konnten. Der einzige Ausweg war, ihn in dem kürzlich eröffneten Sanatorium Villete unterzubringen.

ALS Eduard seine Geschichte zu Ende erzählt hatte, war es dunkel geworden, und beide zitterten vor Kälte.

»Laß uns hineingehen«, sagte er. »Das Abendessen steht schon auf dem Tisch.«

»Als Kind habe ich immer, wenn wir meine Großmutter besuchten, ein Bild an ihrer Wand betrachtet. Es stellte eine Frau dar — die Heilige Jungfrau, wie die Katholiken sie nennen -, die über der Welt schwebte und die Arme zur Erde hin ausgebreitet hatte; aus ihren Fingerspitzen kamen Strahlen.

Am meisten beeindruckt hat mich an dem Bild, daß diese Frau den Fuß auf eine lebende Schlange gesetzt hatte. Ich fragte meine Großmutter: >Hat sie keine Angst vor der Schlange? Fürchtet sie nicht, daß sie sie in den Fuß beißen und sie mit ihrem Gift töten könnte?< Meine Großmutter sagte: >Die Schlange hat Gut und Böse auf die Welt gebracht, wie es in der Bibel heißt. Und die Heilige Jungfrau lenkt Gut und Böse mit ihrer Liebe.<«

»Was hat das mit meiner Geschichte zu tun?«

»Da ich dich erst seit einer Woche kenne, ist es zu früh zu sagen, ich liebe dich. Da ich diese Nacht nicht überleben werde, ist es viel zu spät, es dir zu sagen. Doch die große Verrücktheit von Mann und Frau ist eben gerade diese: die Liebe.

Du hast mir die Geschichte einer Liebe erzählt. Ich glaube ganz ehrlich, daß deine Eltern das Beste für dich wollten, aber diese Liebe hat dein Leben beinahe zerstört.

Wenn die Heilige Jungfrau auf dem Bild meiner Großmutter den Fuß auf die Schlange gesetzt hatte, dann bedeutete das, daß die Liebe zwei Gesichter hat.«

»Ich verstehe, was du damit sagen willst«, sagte Eduard.

»Ich habe den Elektroschock extra herbeigeführt, weil du mich verwirrst. Ich weiß nicht, was ich fühle, und Liebe hat mich schon einmal zerstört.«

»Hab keine Angst. Heute habe ich Dr. Igor gebeten, mich hier heraus zu lassen, damit ich mir einen Platz aussuche, an dem ich meine Augen für immer schließe. Doch als ich sah, wie dich die Krankenpfleger packten, begriff ich, was ich sehen wollte, wenn ich diese Welt verließ: dein Gesicht. Und ich beschloß, nicht wegzugehen.

Als du wegen des Elektroschocks schliefst, hatte ich einen weiteren Herzanfall und dachte, meine Stunde sei gekommen. Ich sah dein Gesicht an, versuchte deine Geschichte zu erraten und bereitete mich darauf vor, glücklich zu sterben. Doch der Tod kam nicht — mein Herz hielt wieder einmal stand, wahrscheinlich, weil ich so jung bin.«

Er senkte den Kopf.

»Schäme dich nicht, weil du geliebt wirst. Ich will nichts von dir. Nur, daß du mir erlaubst, dich zu lieben und, falls meine Kräfte es zulassen, noch eine Nacht für dich Klavier zu spielen.

Um eines möchte ich dich dennoch bitten: Wenn du jemanden sagen hörst, daß ich im Sterben liege, komm in die Krankenstation. Erfülle mir nur diesen einen Wunsch.«

Eduard schwieg eine geraume Weile, und Veronika dachte, er sei in seine Welt zurückgekehrt und würde sie so schnell nicht wieder verlassen. Doch er blickte auf die Berge jenseits der Mauern von Villete und sagte dann:

»Wenn du hinaus willst, bringe ich dich hinaus. Lass mich nur unsere Mäntel und etwas Geld holen. Dann gehen wir beide zusammen weg.«


»Es wird nicht lange dauern, Eduard. Das weißt du.«

Eduard antwortete nicht. Er ging ins Haus und kam kurz darauf mit den Mänteln zurück.

»Es wird eine Ewigkeit lang dauern, Veronika. Länger als alle die gleichförmigen Tage und Nächte, die ich hier verbracht habe, während ich versuchte, die Visionen des Paradieses für immer zu vergessen. Ich hatte sie fast vergessen, aber mir scheint, sie kehren zurück.

Laß uns gehen, Verrückte machen verrückte Dinge.«

An jenem Abend bemerkten die Insassen, als sie sich zum Essen an den Tisch setzten, daß vier von ihnen fehlten.

Zedka, von der alle wußten, daß sie nach einer langen Behandlung entlassen worden war. Mari, die wahrscheinlich ins Kino gegangen war, was sie häufiger machte. Eduard, der sich möglicherweise noch nicht von seinem Elektroschock erholt hatte — bei diesem Gedanken bekamen alle Insassen Angst und begannen schweigend zu essen.

Aber es fehlte auch noch die junge Frau mit den grünen Augen und dem braunen Haar. Die, von der alle wußten, daß sie das Ende der Woche nicht mehr erleben würde.

Niemand in Villete sprach offen über den Tod. Doch Abwesenheit wurde bemerkt, auch wenn alle versuchten, sich so zu verhalten, als sei nichts geschehen. Ein Gerücht ging von Tisch zu Tisch. Einige weinten, weil sie allen so quicklebendig vorgekommen war und jetzt womöglich in der kleinen Leichenhalle hinter dem Sanatorium lag. Selbst am Tage, wenn alles hell war, wagten sich nur die Mutigsten dorthin. Drei Marmortische standen dort, und nicht selten lag dort auch ein mit einem Laken bedeckter Leichnam.

Alle wußten, daß Veronika an diesem Abend dort war.

Die echten Geisteskranken hatten längst vergessen, daß in dieser Woche ein neuer Gast im Sanatorium war, der den Schlaf so mancher mit Klavierspiel gestört hatte. Einige wenige waren irgendwie traurig, als die Nachricht die Runde machte, vor allem die Krankenschwestern der Intensivstation.

Doch die Angestellten sollten ja keine zu engen Beziehungen mit den Kranken aufbauen, denn die einen verließen die Anstalt, andere starben, und den meisten ging es ständig schlechter. Die Krankenschwestern und Pfleger waren etwas länger traurig, doch dann ging auch das vorbei.

Der größte Teil der Insassen, die davon erfahren hatten, war entsetzt und traurig, aber auch erleichtert. Denn der Engel des Todes war wieder einmal durch Villete gegangen und hatte sie verschont.

ALS die >Bruderschaft< sich nach dem Abendessen versammelte, brachte ein Mitglied die Neuigkeit mit: Mari war nicht im Kino, sie war endgültig weggegangen und hatte ihm eine Nachricht hinterlassen.

Niemand schien sich darüber zu wundern: Sie war immer anders gewesen, zu verrückt, unfähig, sich der idealen Situation anzupassen, in der sie hier alle lebten.

»Mari hat nie begriffen, wie glücklich wir hier sind«, sagte einer von ihnen. »Wir haben Freunde mit gemeinsamen Neigungen, ein geregeltes Leben, hin und wieder nehmen wir draußen an einer Veranstaltung teil, laden Leute ein, die uns über wichtige Dinge Vorträge halten, diskutieren deren Vorstellungen. Unser Leben befindet sich in vollkommenem Gleichgewicht. Draußen gibt es viele, die von einem solchen Leben nur träumen können.«

»Einmal ganz davon abgesehen, daß wir in Villete vor der Arbeitslosigkeit, vor den Auswirkungen des Bosnienkrieges, den Wirtschaftsproblemen, der Gewalt geschützt sind«, meinte ein anderer. »Wir haben die Harmonie gefunden.«

»Mari hat mir einen Brief dagelassen«, sagte der, der die Nachricht überbracht hatte, und zeigte einen verschlossenen Umschlag. »Sie hat mich gebeten, ihn als eine Art Abschied laut vorzulesen.«

Der Älteste von allen öffnete den Umschlag und kam Maris Wunsch nach. Als er bei der Hälfte angelangt war, wollte er aufhören, doch dazu war es zu spät, und so las er bis zum Ende.

Als ich noch eine junge Anwältin war, habe ich bei einem englischen Dichter einen Satz gelesen, der mich nachhaltig geprägt hat: »Sei wie der überfließende Brunnen und nicht wie die Schale, die immer gleich viel Wasser enthält.« Ich dachte immer, daß der Dichter irrte, weil es gefährlich war überzuströmen, weil wir Bereiche überschwemmen könnten, in denen geliebte Menschen leben, und sie mit unserer Liebe und unserer Begeisterung ertränken. Daher versuchte ich, mich mein ganzes Leben lang wie die Schale zu verhalten, niemals die Grenzen meiner inneren Wände zu überwinden.

Dann erlebte ich aus Gründen, die ich nie verstehen werde, Panikattacken. Ich verwandelte mich genau in das, was zu sein ich immer vermeiden wollte: eine Quelle, die überlief und alles um mich herum überschwemmte.

Das Ergebnis war meine Einlieferung in Villete.

Nachdem ich geheilt war, wurde ich wieder zur Schale, und dann traf ich Euch. Habt Dank für Eure Freundschaft, Eure Liebe und für so viele glückliche Augenblicke. Wir haben wie die Fische in einem Aquarium zusammengelebt, glücklich, weil jemand uns pünktlich das Futter hineinstreute. Und wir konnten, wann immer wir wollten, die Welt draußen durch die Scheibe betrachten.

Doch gestern wegen eines Klaviers und wegen einer Frau, die sicher heute schon tot ist, habe ich etwas sehr Wichtiges herausgefunden: Das Leben hier drinnen ist genauso wie das Leben draußen. Dort wie hier finden sich die Menschen in Gruppen zusammen, richten ihre Mauern auf und lassen nicht zu, daß etwas Fremdes ihr mittelmäßiges Leben stört. Sie machen Dinge aus Gewohnheit, gehen nutzlosen Problemen auf den Grund und amüsieren sich, weil sie verpflichtet sind, sich zu amüsieren, und was den Rest der Welt betrifft, so soll er zum Teufel gehen und sehen, wie er klarkommt. Allerhöchstem sehen sie sich, wie wir es auch getan haben, die Nachrichten im Fernsehen an, nur damit sie merken, wie glücklich sie in einer Welt voller Probleme und Ungerechtigkeit sein können.

Oder anders gesagt: Das Leben in der >Bruderschaft< ist genau wie das Leben in der Welt dort draußen.

Alle vermeiden zu wissen, was sich jenseits ihrer Aquariumswände abspielt. Lange Zeit hindurch war dies tröstlich und gut. Doch man ändert sich, und jetzt bin ich auf der Suche nach dem Abenteuer. Auch wenn ich schon 65 Jahre alt bin und weiß, welche Beschränkungen mir das Alter auferlegt. Ich werde nach Bosnien gehen. Dort gibt es Menschen, die auf mich warten, obwohl sie mich nicht kennen und auch ich sie nicht kenne. Doch ich weiß, daß ich nützlich sein kann, und das Risiko eines Abenteuers ist mehr wert als tausend Tage Wohlleben und Bequemlichkeit. Im Anschluß an die Verlesung des Briefes gingen die Mitglieder der >Bruderschaft< in ihre Zimmer oder Krankenstationen und sagten sich, daß Mari endgültig verrückt geworden sei.

Eduard und Veronika suchten sich das teuerste Restaurant in Ljubljana aus, bestellten die besten Gerichte, betranken sich mit drei Flaschen Wein Jahrgang 88, einem Jahrhunderttropfen.

Während des Abendessens erwähnten sie weder Villete noch die Vergangenheit, noch die Zukunft.

»Mir hat die Geschichte mit der Schlange gefallen«, sagte er und füllte sein Glas zum x-ten Mal. »Aber deine Großmutter war sehr alt, sie wußte nicht, wie man die Geschichte richtig interpretiert.«

»Nichts gegen meine Großmutter«, rief Veronika, die schon betrunken war, und alle drehten sich nach ihr um.

»Ein Hoch auf die Großmutter dieser jungen Frau!« sagte Eduard und erhob sich. »Ein Hoch auf die Großmutter dieser Verrückten hier, die wahrscheinlich aus Villete abgehauen ist.«

Die Leute wandten sich wieder ihren Tellern zu und taten so, als hätten sie nichts bemerkt.

»Ein Hoch auf meine Großmutter!« setzte Veronika nach.

Der Restaurantbesitzer trat an ihren Tisch.

»Bitte, benehmen Sie sich anständig.«

Sie beruhigten sich einen Moment lang, fingen dann jedoch wieder an, laut zu reden, sinnloses Zeug zu schwätzen, sich unmöglich aufzuführen. Der Besitzer des Restaurants kam wieder an ihren Tisch und sagte, sie brauchten nicht zu zahlen, wenn sie augenblicklich das Restaurant verließen. »Wir bekommen den sündhaft teuren Wein umsonst!«

prostete Eduard. »Wir sollten verschwinden, bevor es sich der Mann anders überlegt.«

Doch der Mann überlegte es sich nicht anders. Er zog bereits mit gespielter Höflichkeit an Veronikas Stuhl, damit sie sich schnell erhob.

Sie gingen mitten auf den kleinen Platz im Stadtzentrum.

Veronika blickte zu ihrem Zimmer im Kloster hinauf und wurde sofort wieder nüchtern. Ihr fiel wieder ein, daß sie bald sterben würde.

»Kauf doch noch eine Flasche Wein«, bat sie Eduard.

Es gab eine Bar in der Nähe. Eduard brachte zwei Flaschen mit, und sie tranken weiter.

»Was war denn falsch an der Deutung meiner Großmutter?

« fragte Veronika.

Eduard war so betrunken, daß er große Mühe hatte, sich an das zu erinnern, was er im Restaurant gesagt hatte.

»Deine Großmutter hat gesagt, daß die Frau den Fuß auf die Schlange setzte, weil die Liebe Gut und Böse lenken muß. Das ist eine schöne, romantische Interpretation, doch darum geht es hier nicht. Ich habe dieses Bild schon gesehen, und es ist eine der Visionen des Paradieses, die ich einmal malen wollte. Ich hatte mich schon damals gefragt, warum die Heilige Jungfrau immer so dargestellt wurde.«

»Und warum?«

»Weil die Heilige Jungfrau, die weibliche Energie, die große Beherrscherin der Schlange ist, die die Weisheit darstellt.

Wenn du auf den Ring von Dr. Igor achtest, wirst du feststellen, daß das Symbol der Ärzte darin eingraviert ist: zwei Schlangen, die sich um einen Stab winden. Die Liebe steht über der Weisheit wie die Heilige Jungfrau über der Schlange. Für sie ist alles Inspiration. Sie richtet nicht über Gut und Böse.«

»Weißt du was?« fragte Veronika. »Die Heilige Jungfrau hat sich nie darum gekümmert, was die anderen dachten.

Stell dir vor, was es heißt, allen die Geschichte mit dem Heiligen Geist zu erklären! Sie hat überhaupt nichts erklärt. Sie hat einfach nur gesagt: >Es ist so geschehen.< Weißt du, was die anderen wahrscheinlich gesagt haben?«

»Na klar. Die haben gesagt, sie ist verrückt.«

Die beiden lachten. Veronika hob ihr Glas.

»Herzlichen Glückwunsch! Du solltest diese Visionen des Paradieses malen, statt darüber zu reden!«

»Ich fange erst mal mit dir an«, antwortete Eduard.

Neben dem kleinen Platz erhebt sich ein kleiner Hügel, und auf dem Hügel steht eine kleine Burg. Veronika und Eduard gingen den steilen Weg hinauf, fluchten und lachten, während sie auf dem Eis ausrutschten und meinten, nicht mehr weiter zu können.

Neben der Burg steht ein riesiger gelber Kran. Wer zum ersten Mal nach Ljubljana kommt, wird annehmen, daß die Burg restauriert wird und die Arbeiten bald abgeschlossen sein werden. Die Bewohner Ljubljanas wissen jedoch, daß dieser Kran schon seit Jahren dort steht, obwohl niemand den wahren Grund dafür kennt. Veronika erzählte Eduard, daß die Kinder im Kindergarten, wenn man ihnen sagt, sie sollen die Burg von Ljubljana malen, immer auch den Kran malen. »Im übrigen ist der Kran besser erhalten als die Burg.«

Eduard lachte.

»Eigentlich müßtest du längst tot sein«, sagte er leicht lallend, doch mit einem Anflug von Angst in der Stimme.

»Dein Herz hätte diesen Aufstieg nicht ausgehalten.«

Veronika gab ihm einen langen Kuß.

»Schau mein Gesicht genau an«, sagte sie. »Schau es dir mit den Augen deiner Seele an, damit du es eines Tages zeichnen kannst. Wenn du möchtest, fang erst mal mit mir an, aber fang wieder an zu malen. Das ist mein letzter Wunsch. Glaubst du übrigens an Gott?«

»Ja, schon.«

»Dann schwöre mir im Namen des Gottes, an den du glaubst, daß du mich malen wirst.«

»Ich schwöre es.«

»Und daß du, nachdem du mich gemalt hast, weitermalen wirst.«

»Ich weiß nicht, ob ich das schwören kann.«

»Das kannst du. Und ich möchte dir noch etwas sagen.

Danke, daß du meinem Leben einen Sinn gegeben hast. Ich bin auf diese Welt gekommen, um alles durchzumachen, was ich durchgemacht habe: Ich habe versucht, mich umzubringen, mein Herz zu zerstören. Ich habe dich getroffen, und wir sind zur Burg hinaufgestiegen. Der wahre Sinn meines Lebens aber ist, dich auf den Weg zurückzuführen, den du aufgegeben hattest. Laß nun mein Leben nicht seinen Sinn verlieren, gibt mir nicht das Gefühl, daß es nutzlos war.«

»Vielleicht ist es zu früh oder zu spät, aber ich möchte dir auch etwas sagen, genau wie du es getan hast: Ich liebe dich.

Du brauchst es nicht zu glauben, vielleicht ist es ja dumm, etwas, das ich mir einbilde.«

Veronika umarmte Eduard und bat Gott, an den sie nicht glaubte, sie in diesem Augenblick zu sich zu nehmen.

Sie schloß die Augen, fühlte, daß auch Eduard die Augen schloß. Und der Schlaf überfiel sie, tief und traumlos. Der Tod war süß. Er kam als junger Mann, der nach Wein roch und ihr Haar liebkoste.

Eduard spürte, wie jemand ihm auf die Schulter tippte. Als er die Augen öffnete, begann es zu tagen.

»Sie können bei der Stadtverwaltung um eine Unterkunft bitten«, sagte der Polizist. »Wenn sie hierbleiben, erfrieren Sie noch.«

In Sekundenbruchteilen erinnerte er sich an das, was in der vorangegangenen Nacht geschehen war. In seinen Armen lag zusammengekrümmt eine Frau.

»Sie... sie ist tot.«

Doch die Frau bewegte sich und öffnete die Augen.

»Was ist geschehen?« fragte Veronika.

»Nichts«, antwortete Eduard und zog sie hoch. »Oder besser gesagt, ein Wunder: noch ein Tag, an dem du lebst.«

Kaum war Dr. Igor in sein Sprechzimmer getreten und hatte das Licht angemacht — es wurde immer noch erst sehr spät hell, dieser Winter dauerte länger als nötig -, da klopfte ein Krankenpfleger an die Tür.

>Das fängt aber früh an heute<, sagte er sich.

Wegen des Gesprächs mit der jungen Frau würde dies ein komplizierter Tag werden. Er hatte sich während der ganzen Woche darauf vorbereitet und in der Nacht kaum geschlafen.

»Ich habe zwei beunruhigende Neuigkeiten«, sagte der Pfleger. »Zwei Patienten sind geflohen: der Sohn des Botschafters und das Mädchen mit den Herzproblemen.«

»Ihr seid einfach unfähig. Die Sicherheit in diesem Krankenhaus läßt sehr zu wünschen übrig.«

»Bislang hat noch niemand versucht zu fliehen«, entgegnete der Krankenpfleger erschreckt. »Wir wußten nicht, daß das möglich ist.«

»Raus hier. Ich muß einen Bericht für die Besitzer verfassen, die Polizei benachrichtigen, eine Reihe von Maßnahmen einleiten. Und sagen Sie bitte allen, daß ich in den nächsten paar Stunden nicht gestört werden möchte.«

Der Krankenpfleger verließ bleich den Raum, denn er wußte, daß ein Teil dieses Problems wieder auf seinen Schultern landen würde, weil die Mächtigen mit den Schwächeren immer so umgehen. Ganz gewiß würde er noch vor Tagesende gefeuert werden.

Dr. Igor griff nach einem Block, legte ihn auf den Tisch und wollte gerade mit seinen Aufzeichnungen beginnen, als ihm etwas anderes einfiel.

Er löschte das Licht und blieb in dem von der eben aufgehenden Sonne erst schwach beleuchteten Zimmer sitzen und lächelte. Er hatte es geschafft.

Gleich würde er die notwendigen Aufzeichnungen machen, über die einzig bekannte Heilmethode für eine Vitriolvergiftung berichten: das Bewußtsein des Lebens. Und er würde erklären, welches das Medikament war, das er bei seinem ersten großen Versuch an einem Patienten gebraucht hatte: das Bewußtsein des Todes.

Vielleicht gab es andere Medikamente, doch Dr. Igor beschloß, seine These auf das einzige zu konzentrieren, was er dank einer jungen Frau wissenschaftlich untersucht hatte, die, ohne es zu wollen, in sein Leben getreten war. Sie hatte fast eine Woche lang zwischen Leben und Tod geschwebt, gerade lange genug, um ihm die glänzende Idee für sein Experiment einzugeben.

Alles hing nur von einem ab: von der Überlebensfähigkeit der jungen Frau.

Und sie hatte es geschafft.

Ohne ernsthafte Folgen oder unumkehrbare Schädigungen: Wenn sie sich um ihre Gesundheit kümmerte, würde sie mindestens so lange leben wie er, wenn nicht noch länger.

Doch das wußte nur Dr. Igor, aber auch, daß Selbstmörder, deren erster Versuch zu sterben fehlgeschlagen ist, früher oder später einen weiteren Versuch unternehmen, wußte er.

Warum sollte er sie da nicht als Versuchskaninchen benutzen und ausprobieren, ob sich das Vitriol — oder die Bitterkeit — aus ihrem Körper eliminieren ließ?

Und Dr. Igor machte einen Plan.

Indem er Veronika ein Medikament namens Fenotal gab, konnte er die Symptome eines Herzanfalls simulieren. Eine Woche lang wurde ihr dieses Medikament gespritzt, und sie mußte einen großen Schreck bekommen haben, weil sie Zeit hatte, über den Tod nachzudenken und ihr Leben noch einmal an sich vorbeiziehen zu lassen. Dieser Schreck hatte dazu geführt, daß die junge Frau — entsprechend der These von Dr.

Igor — das Vitriol vollständig aus ihrem Körper ausschied und vermutlich keinen zweiten Selbstmordversuch unternehmen würde. (Das letzte Kapitel von Dr. Igors Buch würde den Titel tragen: >Das Bewußtsein des Todes läßt uns das Leben intensiver leben<.)

Heute wollte er eigentlich mit ihr sprechen, um ihr zu sagen, daß es ihm dank der Spritzen gelungen sei, die Herzattacken auszuschalten. Veronikas Flucht ersparte ihm weitere unangenehme Lügen.

Womit Dr. Igor nicht gerechnet hatte, war die ansteckende Wirkung der Heilung einer Vitriolvergiftung. Viele Patienten in Villete hatte das Bewußtsein eines langsamen unaufhaltsamen Todes erschreckt. Alle mußten an das denken, was ihnen entging, und waren gezwungen, ihr eigenes Leben zu überdenken.

Mari hatte um ihre Entlassung gebeten. Andere Kranke baten um die Neubewertung ihrer Fälle. Die Lage des Botschafterssohnes bereitete ihm die meisten Sorgen, weil er einfach verschwunden war und ganz gewiß Veronika bei ihrer Flucht geholfen hatte.

>Vielleicht sind sie ja zusammen<, dachte er.

Auf jeden Fall kannte der Botschafterssohn ja die Adresse von Villete, für den Fall, daß er wieder zurückkommen wollte. Dr. Igor war zu begeistert von den Ergebnissen, als daß er sich um solche Nichtigkeiten kümmerte.

Doch ein anderer Zweifel befiel ihn plötzlich: Früher oder später würde Veronika merken, daß sie nicht an ihrem Herzen sterben würde. Sie würde bestimmt einen Spezialisten aufsuchen, und der würde ihr sagen, daß sie vollkommen gesund sei. Dann würde sie den Arzt, der sie in Villete behandelt hatte, für einen Versager halten. Doch alle Menschen, die es wagen, Verbotenes zu erforschen, brauchen eine gewisse Portion Mut und müssen ertragen, nicht verstanden zu werden.

Doch was würde während der vielen Tage geschehen, die sie mit dem Tod vor Augen leben müßte?

Dr. Igor machte sich lange Gedanken über das Für und das Wider und kam dann zum Schluß: Es war nicht weiter schlimm. Sie würde jeden Tag wie ein Wunder empfinden — was er ja letztlich auch war, wenn man alle Unwägbarkeiten unseres zerbrechlichen Lebens mit in Betracht zieht.

Er bemerkte, daß die Sonnenstrahlen stärker wurden: Das bedeutete Frühstückszeit für die Patienten. Bald würden sie sein Wartezimmer füllen und ihm die gewohnten Probleme vortragen. Da war es höchste Zeit, mit den Aufzeichnungen für sein Buch zu beginnen. Peinlich genau schrieb er den Fall Veronika nieder. Den Bericht über die Sicherheitsmängel hob er sich für später auf.


Tag der heiligen Bernadette, 18. Februar 1998

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