DRITTES BUCH

1 Folgerungen

Carla Lemarchant blickte auf; sie sah abgespannt und traurig aus. Mit einer müden Geste das Haar aus der Stirn streichend, sagte sie: «Es ist alles so verwirrend.» Sie wies auf die Berichte. «Jeder sieht meine Mutter anders, aber die Tatsachen sind die gleichen, darin stimmen sie alle überein.»

«Die Lektüre hat Sie entmutigt?»

«Ja. Sie nicht auch?»

«Nein, ich finde diese Berichte sehr aufschlußreich», antwortete Poirot langsam und nachdenklich.

«Ich wünschte, ich hätte sie nie gelesen», erwiderte Carla. «Alle sind von Mutters Schuld überzeugt, außer Tante Angela, und ihre Aussage zählt nicht; sie hat ja keinen Beweis dafür. Sie ist ein treuer Mensch, der für einen andern durch dick und dünn geht. - Natürlich ist mir klar, daß, wenn meine Mutter es ncht getan hat, eine jener andern fünf Personen der Täter sein muß. Ich habe nachgedacht und mir auch schon einige Theorien zurechtgelegt, aber...»

«Das interessiert mich.»

«Ach, es sind nur Theorien. Zum Beispiel Philip Blake. Er ist Börsenmakler, und er war der beste Freund meines Vaters; wahrscheinlich hat Vater ihm vertraut. Künstler sind in Gelddingen meist sehr nachlässig - vielleicht war Blake in Schwierigkeiten und hatte Vaters Geld veruntreut. Vielleicht hatte er meinen Vater veranlaßt, einen Wechsel zu unterzeichnen. Dann drohte die Entdeckung, und die einzige Rettung für ihn war Vaters Tod. Das ist eine meiner Theorien.»

«Nicht schlecht. Und weiter?»

«Da ist Elsa. Philip Blake schreibt zwar, sie sei zu schlau, um sich durch Gift zu belasten, aber der Ansicht bin ich gar nicht. Angenommen, meine Mutter hätte ihr erklärt, sie werde unter keinen Umständen in eine Scheidung einwilligen. Sie können mir sagen, was Sie wollen, Monsieur Poirot, aber ich glaube, daß Elsa im Grunde ihres Herzens recht bürgerlich war; sie wollte richtig verheiratet sein. Nach dieser Unterredung hat sie vielleicht das Gift gestohlen, um meine Mutter bei Gelegenheit zu beseitigen. Das wäre ihr zuzutrauen. Und dann trank mein Vater infolge eines unglücklichen Versehens das Gift.»

«Auch nicht schlecht. Sonst noch ein Verdacht?»

«Also... vielleicht... Meredith!» antwortete Carla langsam. «Hm.. Meredith Blake?»

«Ja. Ich glaube, er wäre imstande, einen Menschen zu ermorden. Er ist der Trottel, über den die Leute lachen, und das kränkte ihn von jeher. Mein Vater heiratete das Mädchen, das er liebte. Mein Vater war reich und hatte großen Erfolg. Vielleicht braute Meredith diese Gifte nur, um eines Tages jemanden umzubringen. Er warnte vor dem Gift, um den Verdacht von sich abzulenken. Vielleicht wollte er meine Mutter am Galgen sehen, weil sie ihn vor Jahren abgewiesen hatte. All das, was er in seinem Bericht schreibt - daß Menschen fähig seien, Dinge zu tun, die gar nicht zu ihnen passen, klingt verdächtig. Vielleicht hat er sich selbst damit gemeint.»

«Zumindest haben Sie recht damit, daß man diese Berichte nicht als unumstößliche Wahrheit hinnehmen kann. Manches mag geschrieben worden sein, um uns in die Irre zu führen. Wer käme Ihrer Meinung nach sonst noch in Frage?»

«Ich habe über Miss Williams nachgedacht. Es war klar, daß sie ihre Stellung verlor, wenn Angela ins Internat kam. Wenn aber Amyas plötzlich starb, würde Angela wahrscheinlich nicht fortmüssen. Ich habe im Lexikon nachgeschaut und festgestellt, daß Koniin keine leicht erkennbaren Spuren hinterläßt; wahrscheinlich hätte man nie auf Mord geschlossen, wenn Meredith nicht das Gift vermißt hätte. Man hätte ja einen Sonnenstich annehmen können. Ich weiß, daß der Verlust einer Stellung nicht gerade das Motiv zu einem Mord ist, aber es sind schon Mord aus wesentlich geringfügigeren Motiven verübt worden. Eine ältere, vielleicht untüchtige Gouvernante könnte doch aus Angst um ihre Zukunft den Kopf verloren haben. Das dachte ich, bevor ich den Bericht von ihr las, aber Miss Williams scheint diesem Bild nicht zu entsprechen. Bestimmt ist sie nicht untüchtig.»

«Das kann man wohl sagen. Sie ist sehr tüchtig und gescheit.»

«Ich weiß, und was sie geschrieben hat, klingt absolut wahr. Das hat mich am meisten getroffen. Ich glaube, wir wissen nun die Wahrheit! Aber Miss Williams hat ganz recht, man muß die Wahrheit hinnehmen; es ist nicht gut, sein Leben auf einer Lüge aufzubauen. Ich werde also die Tatsache hinnehmen müssen, daß meine Mutter nicht unschuldig war. Sie schrieb mir diesen Brief; weil sie schwach und unglücklich war und meine Gefühle schonen wollte. Ich verurteile sie nicht. Vielleicht würde ich das gleiche tun - ich weiß nicht, wie weit Gefängnis einen Menschen beeinflußt; und ich kann ihr auch keinen Vorwurf daraus machen, daß sie über meinen Vater verzweifelt war. Sie konnte eben nicht anders. Doch auch meinen Vater verurteile ich nicht; er war so lebendig, er wollte alles vom Leben haben... er war nun einmal so geschaffen, und ich habe Verständnis für ihn. Außerdem war er ein genialer Maler, das entschuldigt vieles.»

«Sie glauben nun also an die Schuld Ihrer Mutter?» fragte Poirot.

«Was bleibt mir anderes übrig?» antwortete sie mit zitternder Stimme.

Poirot klopfte ihr väterlich auf die Schultern. «Sie geben den Kampf in dem Moment auf, da es sich am meisten lohnt, zu kämpfen - in dem Moment, da ich, Hercule Poirot, zu wissen glaube, was sich wirklich ereignet hat.»

Carla starrte ihn an. «Miss Williams liebte meine Mutter, und sie sah mit ihren eigenen Augen, wie sie dafür sorgte, daß die Fingerabdrücke meines Vaters auf der Flasche zu finden sein würden. Wenn Sie glauben, was sie schreibt...» Hercule Poirot stand auf und sagte: «Mademoiselle, gerade diese Erklärung von Cecilia Williams, daß sie sah, wie Ihre Mutter die Finger Ihres Vaters auf die Bierflasche - die Bierflasche, sage ich - preßte, ist für mich der Beweis, daß Ihre Mutter Ihren Vater nicht getötet hat!» Er nickte mehrmals und ging. Carla starrte ihm nach.

2 Poirot stellt fünf Fragen

«Womit kann ich Ihnen dienen, Monsieur Poirot?» fragte Philip Blake ärgerlich.

«Ich möchte Ihnen für Ihren ausgezeichneten und besonders klaren Bericht über die Crale-Tragödie danken», entgegnete Poirot.

Etwas verlegen murmelte Philip Blake: «Sehr liebenswürdig. Es hat mich selbst überrascht, an wieviel ich mich noch erinnerte.»

«Wie gesagt, der Bericht ist ausgezeichnet, aber es fehlt einiges.»

«Es fehlt einiges?» wiederholte Blake stirnrunzelnd. «Ihr Bericht ist nicht ganz aufrichtig.» Poirots Stimme wurde schärfer. «Ich habe erfahren, Mr. Blake, daß in jenem Sommer Mrs. Crale einmal gesehen wurde, wie sie zu einer kompromittierenden Zeit, am späten Abend, aus Ihrem Schlafzimmer kam.»

In dem Schweigen, das nun folgte, hörte man Blakes heftiges Atmen, schließlich fragte er: «Wer hat das gesagt?»

«Das spielt keine Rolle. Das Entscheidende ist, daß ich es weiß.»

Wieder folgte Schweigen. Dann entschloß sich Philip Blake zu sprechen. Er räusperte sich und sagte: «Durch Zufall scheinen Sie eine ganz private Angelegenheit erfahren zu haben. Ich gebe zu, daß es im Widerspruch zu meinem Bericht steht, aber nur scheinbar. Daher werde ich Ihnen jetzt die Wahrheit sagen. Ich habe stets etwas gegen Caroline Crale gehabt, doch gleichzeitig fühlte ich mich heftig zu ihr hingezogen. Vielleicht wurde meine Abneigung gerade durch meine Zuneigung hervorgerufen - ich war erbittert über die Macht, die sie über mich hatte, und versuchte meine Zuneigung zu unterdrücken, indem ich ständig das Schlechte bei ihr suchte. Ich habe sie nie gern gehabt, verstehen Sie? Aber sie hat stets einen starken erotischen Reiz auf mich ausgeübt; schon als junger Bursche war ich in sie verliebt. Sie beachtete mich nicht, und das konnte ich ihr nie vergessen. Meine Gelegenheit kam, als Amyas sich Hals über Kopf in Elsa Greer verliebte. Fast ohne es zu wollen, gestand ich nun Caroline meine Liebe, und sie antwortete gelassen: «Das habe ich schon immer gewußt. Eine Unverschämtheit!

Natürlich war mir klar, daß sie mich nicht liebte, aber sie war infolge von Amyas' Verhalten verstört und enttäuscht. Eine Frau in dieser Stimmung ist leicht zu erobern; sie versprach, in der Nacht zu mir zu kommen. Und sie kam.» Blake hielt inne, es fiel ihm sichtlich schwer, weiterzusprechen. «Sie kam in mein Zimmer. Und dann sagte sie mir, während ich sie schon in den Armen hielt, daß sie mich nicht haben wolle! Sie könne nur einen Mann lieben, und trotz allem, was Amyas ihr antue, gehöre sie nur ihm. Sie bat mich um Entschuldigung, aber sie könne nicht anders. Und sie ging fort. Sie ging fort! Wundert es Sie jetzt noch, Monsieur Poirot, daß mein Haß sich verhundertfachte? Wundert es Sie, daß ich ihr das nie verziehen habe? Sowohl diese Beschimpfung, die sie mir antat, wie die Ermordung meines besten Freundes!» Heftig zitternd schrie er: «Ich will nicht mehr darüber sprechen, hören Sie? Sie haben nun Ihre Antwort! Scheren Sie sich zum Teufel! Und sprechen Sie mir nie wieder davon!»

«Mr. Blake, ich möchte gerne wissen, in welcher Reihenfolge Ihre Gäste an jenem Tag das Laboratorium verlassen haben.» Meredith Blake entgegnete abwehrend: «Aber mein lieber Monsieur Poirot, wie soll ich das nach sechzehn Jahren noch wissen? Ich hatte Ihnen ja schon gesagt, daß Caroline als letzte herauskam.»

«Sind Sie ganz sicher?»

«Ja... wenigstens... ich glaube...»

«Gehen wir ins Laboratorium. Wir müssen das klarstellen.» Unwillig führte Meredith ihn zum Laboratorium, schloß die Tür auf und öffnete die Fensterläden.

Poirot trat ein und sagte in befehlendem Ton: «Also, lieber Freund, stellen Sie sich vor, daß Sie Ihren Gästen gerade Ihre interessanten Kräutersäfte gezeigt haben. Schließen Sie die Augen und denken Sie nach...»

Meredith Blake schloß gehorsam die Augen. Poirot nahm sein Taschentuch und schwenkte es vor Blakes Gesicht hin und her. Blake murmelte, leicht mit den Nasenflügeln zuckend: «Ja, ja... es ist erstaunlich, was einem alles wieder einfällt. Caroline hatte ein helles, kaffeefarbenes Kleid an.. Phil ärgerte sich sichtlich... er hielt mein Steckenpferd immer für Blödsinn.»

«Stellen Sie sich nun vor», befahl Poirot, «Sie verlassen mit Ihren Gästen den Raum und gehen in die Bibliothek, wo Sie die Beschreibung von Sokrates' Tod vorlesen. Wer verließ den Raum zuerst... Sie?»

«Elsa und ich.. Sie ging zuerst hinaus, ich direkt hinter ihr.

Vor der Tür blieben wir stehen und warteten auf die andern, dabei unterhielten wir uns. Philip... ja, Philip kam als nächster, dann Angela... sie fragte ihn gerade etwas über Stierzucht. Sie gingen durch die Halle, Amyas kam hinter ihnen. Ich blieb noch stehen und wartete... natürlich auf Caroline.»

«Sie sind also ganz sicher, daß Caroline zurückblieb? Sahen Sie, was sie tat?»

Blake schüttelte den Kopf. «Nein, ich stand mit dem Rücken zur Tür, verstehen Sie. Ich sprach mit Elsa - wahrscheinlich habe ich sie gelangweilt - und erklärte ihr, daß gewisse Pflanzen gemäß einem alten Aberglauben bei Vollmond gepflückt werden müßten. Schließlich kam Caroline, etwas hastig, und ich schloß die Tür ab.»

Er hielt inne und blickte Poirot an. Dann fuhr er fort: «Ich bin ganz sicher, daß die Reihenfolge so war: Elsa, ich, Philip, Angela und Caroline. Nützt Ihnen das etwas?»

«So dachte ich es mir», sagte Poirot. «Nun... ich möchte hier eine Zusammenkunft veranstalten, es dürfte nicht allzu schwierig sein...»

«Was gibt es denn?» Elsa stellte die Frage neugierig, wie ein Kind.

«Ich möchte Sie um eine Auskunft bitten, Madame.»

«Ja?»

«Nachdem alles vorbei war - ich meine die Verhandlung - hat Ihnen Meredith Blake da einen Heiratsantrag gemacht?» Elsa starrte ihn erstaunt an, dann entgegnete sie verächtlich: «Ja. Warum wollen Sie das wissen?»

«Waren Sie davon überrascht?»

«Das weiß ich nicht mehr.»

«Was haben Sie ihm geantwortet?»

Lachend sagte sie: «Nach Amyas Meredith? Das war doch lächerlich! Es war dumm von ihm, aber er war immer ein Dummkopf.» Sie lächelte. «Er wolle mich cbeschützen, für mich sorgen>... so hat er sich ausgedrückt. Er glaubte wie alle andern, daß die Verhandlung entsetzlich für mich gewesen wäre. Die Reporter! Die Menge, die mich beschimpfte! Und wie man mich mit Dreck bewarf...» Sie überlegte und sagte dann, wieder lachend: «Der arme Meredith! Dieser Trottel!»

Wieder spürte Hercule Poirot, wie ihn Miss Williams streng und prüfend betrachtete, und wieder kam er sich wie ein ängstlicher Schuljunge vor. Er möchte eine Frage stellen, sagte er. Miss Williams gestattete ihm, die Frage zu stellen. Poirot wählte sorgfältig seine Worte: «Angela Warren wurde als kleines Kind schwer verletzt. Ich wurde mehrmals darauf hingewiesen; einmal hieß es, daß Mrs. Crale dem Kind einen Briefbeschwerer an den Kopf geworfen habe; ein andermal wurde behauptet, sie sei mit einem Stemmeisen auf das Baby losgegangen. Welche Version ist richtig?»

Miss Williams erwiderte kurz: «Ich habe nie etwas von einem Stemmeisen gehört; es war ein Briefbeschwerer.»

«Von wem wissen Sie das?»

«Von Angela.»

«Was sagte sie Ihnen genau?»

«Sie faßte sich an ihre Wange und sagte: »

«Hat Mrs. Crale je mit Ihnen darüber gesprochen?»

«Nicht direkt, aber sie nahm an, daß ich Bescheid wüßte. Einmal sagte sie zu mir: Und ein anderes Mal sagte sie: »

«Ich danke Ihnen, Miss Williams; das ist alles, was ich wissen wollte.»

Angela Warren empfing Poirot freundlich und fragte fast neugierig: «Haben Sie etwas herausgefunden?» Poirot nickte würdevoll und antwortete: «Ich habe Fortschritte gemacht.»

«Philip Blake?» Es war ein Mittelding zwischen einer Frage und einer Feststellung.

«Mademoiselle, es ist noch nicht an der Zeit, darüber zu sprechen. Ich möchte Sie jedoch bitten, zu einer Zusammenkunft nach Handcross Manor zu kommen. Die andern haben bereits zugesagt.»

Leicht die Stirn runzelnd, fragte sie: «Was haben Sie vor? Wollen Sie die Geschehnisse von damals rekonstruieren?»

«Ich möchte sie klarstellen. Werden Sie kommen?»

«Ja. Es interessiert mich, all diese Leute wiederzusehen.»

«Und ich bitte Sie, den Brief mitzubringen, den Sie mir gezeigt haben».

«Der Brief ist mein Eigentum», entgegnete Angela unwillig. «Ich zeigte ihn Ihnen aus einem wichtigen Grund, ich bin jedoch nicht damit einverstanden, daß ihn fremde Menschen, die gegen Caroline sind, lesen.»

«Würden Sie es mir überlassen, ob der Brief gezeigt werden soll oder nicht?»

«Ich denke nicht daran. Ich bringe den Brief mit, aber ich werde selbst entscheiden, ob ich ihn jemand zeigen werde.»

3 Ausflug in die Vergangenheit

Die Nachmittagssonne schien in Meredith Blakes ehemaliges Laboratorium in Handcross Manor. Einige Stühle und ein Sessel waren in den Raum gestellt worden, was jedoch die Leere des Zimmers nur noch mehr betonte.

Leicht verlegen an seinem Schnurrbart zupfend, sprach Meredith Blake in seiner fasligen Art mit Carla. Er unterbrach sich und sagte dann: «Mein Kind, Sie gleichen Ihrer Frau Mutter sehr, und doch wieder nicht.»

«Wieso?» fragte Carla.

«Sie gleichen ihr mehr äußerlich. Sie haben ihren Gang, aber Sie sind... wie soll ich mich ausdrücken? Sie sind positiver als Ihre Mutter.»

Philip Blake trommelte stirnrunzelnd auf die Fensterscheiben und sagte: «Wozu das alles? An einem so schönen Samstagnachmittag... »

Poirot beeilte sich, Öl auf die Wellen zu gießen. «Ich bitte vielmals um Entschuldigung; ich weiß, es ist unverzeihlich. Sie am Golfspiel zu hindern. Immerhin, Mr. Blake, handelt es sich doch um die Tochter Ihres besten Freundes, und ihr können Sie doch ein kleines Opfer bringen, nicht wahr?»

Der Butler meldete: «Miss Warren.»

Meredith ging ihr entgegen und sagte: «Es ist sehr nett von Ihnen, Angela, daß Sie trotz Ihrer vielen Arbeit gekommen sind.»

Carla begrüßte sie herzlich und stellte ihr einen großen jungen Mann mit stetigen grauen Augen vor, der neben ihr stand. «Das ist John Rattery. Wir hoffen, daß wir einander heiraten können.»

Meredith empfing unterdessen den nächsten Gast. «Wie schön, Miss Williams, Sie nach so vielen Jahren wiederzusehen.» Dünn, schmächtig, aber energisch wie immer, trat die alte Gouvernante näher. Angela ging auf sie zu und sagte lächelnd: «Ich komme mir wieder wie ein Schulmädchen vor.»

«Ich bin sehr stolz auf Sie, mein liebes Kind», erwiderte Miss Williams. «Ich habe mit Ihnen Ehre eingelegt. Das ist wohl Carla, nicht wahr? Sie wird sich nicht mehr an mich erinnern, sie war damals noch zu jung...»

Philip Blake schnitt ihr gereizt das Wort ab: «Was heißt denn das alles? Ich hatte ja keine Ahnung...»

Poirot sagte: «Nennen wir es einen Ausflug in die Vergangenheit. Nehmen Sie doch bitte Platz, meine Herrschaften! Sowie der letzte Gast eintrifft, können wir mit unserer Geisterbeschwörung beginnen.»

«Was ist das für ein Unfug?» rief Philip Blake. «Sie wollen doch nicht etwa eine Séance abhalten?»

«Nein. Wir wollen nur einige Ereignisse erörtern, die sich vor vielen Jahren abgespielt haben. Was die Geister anbelangt, so werden sie nicht erscheinen, aber wer kann sagen, ob sie nicht hier bei uns sind, obwohl wir sie nicht sehen können? Wer kann sagen, ob nicht Amyas und Caroline Crale hier sind und uns zuhören?»

«So ein Blödsinn...» stieß Philip Blake hervor. In diesem Moment ging die Tür auf, und der Butler meldete Lady Dittisham. Sie trat mit der ihr eigenen leicht gelangweilten Arroganz ein, bedachte Meredith mit einem flüchtigen Lächeln, warf Angela und Philip einen kalten Blick zu und setzte sich auf einen Stuhl am Fenster, der etwas abseits von den andern stand. Sie nahm ihren kostbaren Pelz ab, blickte sich einige Sekunden lang im Raum um, dann musterte sie Carla, die ihren Blick ruhig erwiderte. Carla Lemarchant betrachtete nachdenklich die Frau, die das Leben ihrer Eltern vernichtet hatte. Aber es war keine Feindschaft in ihrem jungen, ernsten Gesicht, nur Neugierde. Schließlich sagte Elsa: «Entschuldigen Sie bitte meine Verspätung, Monsieur Poirot.»

«Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie gekommen sind, Madame. Ich möchte Ihnen, meine Herrschaften, nun erklären, warum ich Sie hierher gebeten habe.»

In kurzen Worten sprach er von Carlas Auftrag und übersah dabei geflissentlich die Empörung, die sich auf Philips Gesicht ausdrückte, und Merediths mißbilligende Überraschung. «Ich nahm den Auftrag an», fuhr er fort, «und machte mich daran, nach sechzehn Jahren die Wahrheit ans Licht zu bringen.»

«Wir wissen alle, was geschehen ist», sagte Philip Blake gereizt. «Etwas anderes zu behaupten, ist Schwindel. Sie ziehen diesem Mädchen nur das Geld aus der Tasche.» Ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen, erwiderte Poirot: «Sie sagen, wir alle wüßten, was geschehen ist. Sie reden, ohne nachzudenken. Es kommt darauf an, wie man Tatsachen auslegt. Zum Beispiel haßten Sie, Mr. Blake, Caroline Crale. Das nahm man als gegeben hin. Aber jeder, der nur etwas von Psychologie versteht, muß sofort erkennen, daß gerade das Gegenteil zutraf: Sie waren von Jugend an in Caroline Crale verliebt. Sie ärgerten sich aber darüber und versuchten, über diese Liebe hinwegzukommen, indem sie sich alle Schwächen von Caroline Crale vor Augen hielten. Mr. Meredith Blake liebte Caroline Crale ebenfalls seit vielen Jahren. In seinem Bericht über die Tragödie schreibt er, daß er Amyas Crale sein Verhalten ihretwegen verübelte, aber man braucht nur zwischen den Zeilen zu lesen, um festzustellen, daß diese lebenslängliche Ergebenheit sich in Liebe für die junge schöne Elsa Greer verwandelt hatte, die seine ganzen Gedanken und Sinne in Anspruch nahm.»

Meredith stieß einen unartikulierten Laut aus, und Lady Dittisham lächelte.

Poirot fuhr fort: «Ich erwähne diese Dinge nur als Beispiel, um zu zeigen, wie wichtig sie für die Ergründung der Wahrheit sein können.

Im Verlauf meiner Nachforschungen habe ich folgende interessante Tatsache festgestellt: Caroline Crale hat niemals ihre Unschuld beteuert - außer in dem Brief an ihre Tochter. Caroline Crale hat auf der Anklagebank keine Furcht gezeigt, sie hat sehr wenig Interesse für die Verhandlung bewiesen, sie hat sich kaum gegen die Anklage gewehrt. Im Gefängnis war sie ruhig, ja heiter. In einem Brief, den sie gleich nach ihrer Verurteilung ihrer Schwester schrieb, erklärte sie sich mit ihrem Schicksal einverstanden. Und alle, mit denen ich sprach - mit einer Ausnahme - hielten Caroline Crale für schuldig.» Philip Blake nickte heftig. «Natürlich war sie schuldig!» Ohne den Einwurf zu beachten, fuhr Poirot fort: «Ich durfte aber das Urteil anderer nicht einfach hinnehmen; meine Aufgabe war, mich selbst vom Tatbestand zu überzeugen. Und ich habe mich überzeugt. Zweifellos hatte Caroline Crale gute Gründe, das Verbrechen zu begehen. Sie liebte ihren Mann, aber er hatte vor Zeugen zugegeben, daß er sie um einer anderen Frau willen verlassen wolle, und sie selbst gab zu, daß sie sehr eifersüchtig war. Zu diesen Motiven kommen die Tatsachen, daß in ihrer Schlafzimmerkommode ein leeres Parfümfläschchen mit Giftspuren gefunden wurde, auf dem nur ihre Fingerabdrücke waren. Sie gestand der Polizei, daß sie das Gift aus diesem Raum hier genommen habe, daher mußte das Fläschchen ihre Fingerabdrücke aufweisen. Um ganz sicher zu sein, fragte ich Mr. Meredith Blake, in welcher Reihenfolge die fünf Personen an jenem Tag den Raum verließen, denn es schien mir unwahrscheinlich, daß jemand in Anwesenheit von fünf Menschen unbemerkt das Gift hätte stehlen können. Die Reihenfolge war: Elsa Greer, Meredith Blake, Angela Warren, Philip Blake, Amyas Crale und schließlich Caroline Crale. Mr. Meredith Blake stand mit dem Rücken zur Tür, so daß er nicht sehen konnte, was Mrs. Crale tat. Sie hatte also die Möglichkeit, das Koniin zu nehmen, und ich bin überzeugt davon, daß sie das getan hat.

Nun kommen wir zu dem Morgen des Unglückstages. Die Tatsachen stehen fest. Miss Greer hatte am Tag zuvor in Gegenwart von mehreren Zeugen überraschend erklärt, daß sie und Amyas Crale heiraten würden; Amyas Crale bestätigte es, und Caroline Crale war verzweifelt. Zwischen den beiden Gatten kommt es am nächsten Morgen zu einer heftigen Auseinandersetzung in der Bibliothek. Es wurde gehört, daß Caroline Crale erbittert rief: und hinzufügte: Philip Blake, der sich in der Halle befand, hörte es, ebenso Miss Greer, die auf der Terrasse saß. Miss Greer hörte außerdem, daß Mr. Crale seine Frau bat, vernünftig zu sein, worauf Mrs. Crale erwiderte: Kurz danach kommt Amyas Crale aus der Bibliothek und fordert Elsa Greer barsch auf, mit ihm zur Schanze zu gehen und ihm zu sitzen. Sie holt sich einen Pullover und verläßt mit ihm das Haus. Das alles ist vom psychologischen Standpunkt aus völlig glaubhaft, aber jetzt kommt etwas Merkwürdiges: Meredith Blake entdeckt das Fehlen des Koniins, ruft seinen Bruder an, sie treffen sich an der Landungsstelle und gehen unter der Schanze vorbei, wo gerade Caroline Crale eine Auseinandersetzung mit ihrem Mann hat - diesmal handelt es sich um Angela, die ins Internat soll. Das kommt mir höchst eigenartig vor. Die Gatten hatten eine furchtbare Szene, die damit endet, daß Caroline eine schwere Drohung ausstößt, und zwanzig Minuten später geht sie zu ihm hinunter und streitet mit ihm wegen einer verhältnismäßig unwichtigen häuslichen Angelegenheit.» Poirot wandte sich zu Meredith Blake. «Gemäß Ihrem Bericht hörten Sie, daß Crale sagte: «Es ist alles abgemacht... ich werde sogar für sie packen. > Stimmt das?»

«Ungefähr», antwortete Meredith Blake. «Sie haben das doch auch gehört?» fragte Poirot Philip Blake. Stirnrunzelnd entgegnete Philip: «Ich hatte gar nicht mehr daran gedacht, aber jetzt erinnere ich mich; es wurde vom Packen gesprochen.»

«War es Mr. Crale, der davon sprach?»

«Jawohl. Ich hörte Caroline darauf nur sagen, daß es sehr bitter für das Mädchen sei. Aber was soll das eigentlich? Wir wissen doch alle, daß Angela ins Internat gehen sollte.»

«Sie können meinen Gedanken nicht folgen», erwiderte Poirot. «Warum sollte Amyas Crale für das Mädchen packen? Das ist absurd. Da war doch Mrs. Crale, Miss Williams oder ein Dienstmädchen, die das hätten tun können. Schließlich ist es die Aufgabe einer Frau, zu packen, nicht die eines Mannes.» Ärgerlich warf Philip ein: «Wozu dies alles erwähnen? Das hat doch nichts mit dem Mord zu tun.»

«Das meinen Sie! Aber das war das erste, was mir verdächtig vorkam. Dann fand ich es merkwürdig, daß Mrs. Crale, eine verzweifelte Frau mit gebrochenem Herzen, die ihren Mann noch kurz vorher bedroht, die Selbstmord oder Mord im Sinne hat, nun höchst freundlich ihrem Mann eisgekühltes Bier bringt.»

Hier schaltete sich Meredith Blake ein und sagte langsam: «Das ist doch gar nicht so merkwürdig, wenn sie einen Mord plante. Das sollte doch als Täuschung dienen.»

«Glauben Sie? Sie hat also beschlossen, ihren Mann zu vergiften, sie hat sich bereits das Gift verschafft. Ihr Mann hat im Schuppen der Schanze einen größeren Biervorrat. Da müßte sie doch eigentlich darauf gekommen sein, das Gift in einem unbeobachteten Augenblick in eine dieser Flaschen zu schütten.»

«Das konnte sie nicht tun», widersprach Meredith, «jemand anderes hätte davon trinken können.»

«Ja, Elsa Greer. Aber Sie wollen mir doch nicht einreden, daß Caroline Crale, wenn sie sich entschlossen hatte, ihren Mann zu ermorden, Bedenken gehabt hätte, das Mädchen ebenfalls umzubringen? Aber darüber wollen wir nicht streiten; halten wir uns an die Tatsachen. Caroline Crale sagt, sie werde ihrem Mann eisgekühltes Bier hinunterschicken. Sie geht ins Haus, holt aus dem Eisschrank im Treibhaus eine Flasche und bringt sie ihm hinunter. Sie schenkt ihm das Bier ein, reicht ihm das Glas, er trinkt es aus und sagt:

Mrs. Crale geht ins Haus zurück. Beim Mittagessen benimmt sie sich ganz normal. Es wurde zwar gesagt, sie habe ein bißchen bekümmert und nachdenklich ausgesehen, aber das will nichts heißen, das wäre kein Beweis, daß sie einen Mord begangen hatte. Es gibt ruhige Mörder und aufgeregte Mörder. Nach dem Essen geht sie wieder hinunter zur Schanze. Sie entdeckt die Leiche ihres Mannes und verhält sich so, wie man es erwarten kann: sie ist im Moment von Schmerz überwältigt, und sie schickt die Gouvernante fort, damit sie telefonisch einen Arzt ruft. Und nun kommen wir zu einer Tatsache, die bisher unbekannt war.» Er blickte Miss Williams an. «Haben Sie etwas dagegen?»

Miss Williams, die erblaßt war, antwortete: «Ich habe Sie nicht zum Schweigen verpflichtet.» Ruhig berichtete Poirot, was die Gouvernante gesehen hatte.

Elsa Dittisham richtete sich auf, starrte die schmächtige Frau in dem großen Sessel an und fragte ungläubig: «Das haben Sie tatsächlich gesehen?»

Philip Blake sprang auf und rief: «Das ist doch der endgültige Beweis!»

Poirot blickte ihn an und entgegnete sanft: «Nicht unbedingt.» Angela Warren sagte scharf: «Das glaube ich nicht!» und bedachte ihre ehemalige Gouvernante mit einem feindseligen Blick.

Meredith Blake zupfte bestürzt an seinem Schnurrbart. Miss Williams zeigte sich von dem allem völlig unbeeindruckt.

Kerzengerade saß sie da und erklärte : «Das habe ich gesehen.»

«Natürlich haben wir nur Ihr Wort dafür...» sagte Poirot langsam.

«Ich bin nicht daran gewöhnt, Monsieur Poirot, daß an meinen Worten gezweifelt wird.»

Poirot machte eine leichte Verbeugung und entgegnete: «Ich zweifle nicht an Ihren Worten, Miss Williams. Was Sie sahen, wird sich genau so zugetragen haben, wie Sie es schilderten, und gerade das war der endgültige Beweis für mich, daß Caroline Crale nicht schuldig ist, nicht schuldig sein kann.» Zum erstenmal ergriff nun der junge John Rattery das Wort und fragte: «Ich möchte gerne wissen, wieso das ein Beweis für Sie ist, Monsieur Poirot.»

«Das will ich Ihnen sagen. Miss Williams sah, daß Caroline Crale sorgfältig und ängstlich Fingerabdrücke abwischte und dann die Hand ihres toten Mannes auf die Bierflasche preßte... auf die Bierflasche, wohlgemerkt. Aber die Giftspuren waren im Glas, nicht in der Flasche. Die Polizei hat keine Giftspuren in der Flasche gefunden - in der Flasche war also nie Koniin gewesen. Doch Caroline Crale wußte das nicht. Sie, die ihren Mann vergiftet haben sollte, wußte nicht, wie er vergiftet worden war. Sie dachte, das Gift wäre in der Flasche.» Meredith Blake wandte ein: «Aber warum...» Poirot unterbrach ihn sofort: «Ja, warum? Warum versuchte Caroline Crale so verzweifelt, diese Selbstmordtheorie aufzustellen? Weil sie wußte, wer ihren Mann vergiftet hatte, und weil sie alles tun wollte, alles erdulden wollte, damit dieser Mensch nicht verdächtigt würde. Wir brauchen nicht weit zu suchen. Wer konnte dieser Mensch sein? Hätte sie Philip Blake schützen wollen? Oder Meredith? Oder Elsa Greer? Oder Cecilia Williams? Nein. Es gibt nur einen Menschen, den sie um jeden Preis schützen wollte.» Er hielt inne und sagte dann: «Miss Warren, ich möchte gern den Brief Ihrer Schwester vorlesen.»

Angela Warren erwiderte: «Nein!»

«Aber Miss Warren..»

Angela stand auf und sagte mit eiskalter Stimme: «Ich weiß genau, was Sie behaupten wollen. Sie meinen doch, daß ich Amyas Crale umgebracht habe und daß meine Schwester es gewußt hat. Ich weise diese Behauptung energisch zurück.» Poirot erwiderte: «Der Brief..»

«Der Brief war nur für mich bestimmt.»

Poirot blickte zu den zwei jungen Menschen hinüber, die nebeneinander standen. Carla Lemarchant sagte: «Bitte, Tante Angela, tu das, worum Monsieur Poirot dich bittet.» Angela entgegnete bitter: «Aber Carla! Hast du überhaupt kein Gefühl für Anstand? Sie ist deine Mutter... du...» Mit fester Stimme rief Carla: «Jawohl, sie ist meine Mutter! Darum habe ich das Recht, es von dir zu verlangen. Ich spreche für sie. Ich verlange, daß der Brief vorgelesen wird!» Langsam zog Angela den Brief aus der Tasche, reichte ihn Poirot und sagte scharf: «Ich wünschte, ich hätte ihn Ihnen nie gezeigt.» Dann wandte sie sich ab und trat ans Fenster. Während Poirot den Brief vorlas, senkten sich die Schatten der Dämmerung auf den Raum. Carla hatte plötzlich das Gefühl, als nehme eine Gestalt Form an, als lausche die Gestalt, atme, warte. Sie dachte: Sie ist hier... meine Mutter ist hier... hier in diesem Raum!

Poirot bemerkte abschließend: «Sie werden zugeben, meine Herrschaften, daß das ein schöner Brief und gleichzeitig ein sehr bemerkenswerter Brief ist. Etwas geht deutlich daraus hervor: Caroline Crale beteuert darin nicht ihre Unschuld.» Angela sagte, ohne den Kopf zu wenden: «Das war überflüssig.»

«Jawohl, Miss Warren, es war überflüssig. Caroline Crale brauchte ihrer Schwester nicht zu sagen, daß sie unschuldig sei, denn sie glaubte, ihre Schwester wüßte das aus einem guten Grund. Caroline Crale ging es nur darum, Angela zu trösten und sie daran zu hindern, ein Geständnis abzulegen. Sie wiederholte wieder und wieder: »

«Begreifen Sie denn nicht», unterbrach ihn Angela, «daß sie mich trösten wollte, daß sie um mein Glück besorgt war?»

«Jawohl, sie war um Ihr Glück besorgt, das ist klar; es war ihre größte Sorge. Sie hat ein Kind, aber sie denkt nicht zuerst an das Kind, das kommt später. Nein, sie denkt nur an ihre Schwester. Ihre Schwester muß getröstet werden, muß ermutigt werden, sie soll ein glückliches, erfolgreiches Leben führen. Und damit die Schwester sich nicht zu schwere Gewissensbisse macht, fügt Caroline noch den aufschlußreichen Satz bei: Jeder muß seine Schulden zahlen. >

Dieser Satz erklärt alles. Er ist ein Hinweis auf die Gewissenslast, die Caroline seit vielen Jahren trug - seitdem sie in einem Wutanfall ihrer kleinen Schwester einen Briefbeschwerer an den Kopf warf und sie dadurch für immer entstellte. Nun erhält Caroline Gelegenheit, ihre Schuld abzutragen. Und Ihnen allen zum Trost sage ich, daß Caroline Crale in dem Bewußtsein, ihre Schuld getilgt zu haben, einen Frieden und eine Heiterkeit empfand, wie sie sie seit vielen Jahren nicht mehr empfunden hatte. Das ist der Grund, weshalb ihr die Verhandlung und die Verurteilung nichts ausmachten. Es ist seltsam, so etwas von einer zum Tode verurteilten Mörderin zu sagen: das Urteil machte sie glücklich. Diesen scheinbaren Widerspruch will ich Ihnen jetzt erklären, indem ich die Ereignisse von Carolines Gesichtspunkt aus erläutere.

Zunächst einmal geschieht am Vorabend des verhängnisvollen Tages etwas, was sie an ihre jugendliche Untat erinnert: Angela wirft einen Briefbeschwerer nach Amyas Crale. Dasselbe hatte sie, Caroline, vor vielen Jahren getan. Und Angela wünscht mit lauter Stimme Amyas den Tod. Am nächsten Morgen kommt Caroline in das Treibhaus und überrascht dort Angela, die an einer Bierflasche herumhantiert. Miss Williams sagte in ihrem Bericht: Miss Williams glaubte, sie habe ein schlechtes Gewissen, weil sie am Morgen durchgebrannt war, aber Caroline legte Angelas Schuldbewußtsein anders aus. Denken Sie daran, meine Herrschaften, daß Angela früher einmal Amyas etwas ins Bier geschüttet hatte. Es konnte ja leicht sein, daß sie das wiederholte.

Caroline nimmt die Flasche, die Angela ihr gibt, und bringt sie zur Schanze. Dort schenkt sie das Bier ein, gibt es Amyas, der es trinkt, eine Grimasse schneidet und die aufschlußreichen Worte sagt : Caroline schöpft natürlich keinen Verdacht. Doch als sie nach dem Essen zur Schanze kommt und ihren Mann tot vorfindet, zweifelt sie keinen Augenblick daran, daß er vergiftet worden ist. Sie hat es nicht getan. Wer dann? Die Gedanken stürmen auf sie ein: Angelas Drohung, Angelas schuldbewußtes' Gesicht, als sie mit der Bierflasche in der Hand überrascht wurde... schuldig... schuldig... Warum hat das Kind das getan? Aus Rache? Vielleicht wollte sie ihn gar nicht töten, sondern wollte nur, daß ihm übel würde. Oder hatte sie es nur für sie, für Caroline getan? War ihr klargeworden, daß Amyas ihre Schwester verlassen wollte? Caroline erinnert sich nur zu gut - wie gut! -an ihre eigenen Wutausbrüche, als sie in Angelas Alter war. Und sie ist nur von einem Gedanken beherrscht: wie kann sie Angela schützen? Angela hat die Flasche in der Hand gehabt, Angelas Fingerabdrücke werden darauf sein. Rasch wischt sie die Flasche ab. Es muß der Eindruck hervorgerufen werden, daß Amyas Selbstmord begangen habe, also dürfen nur Amyas' Fingerabdrücke darauf gefunden werden. Sie versucht verzweifelt, die Finger des toten Mannes auf die Flasche zu pressen, und lauscht dabei ängstlich, ob jemand kommt...

Wenn man das als gegeben annimmt, wird alles weitere klar. Ihr Verlangen, Angela fortzuschicken, ihre Furcht, daß Angela von der Polizei vernommen werden könnte, ihr eifriges Bestreben, sie vor Beginn der Verhandlung ins Ausland zu schicken. Denn sie lebt in der ständigen Angst, daß Angela...

4 Die Wahrheit

Langsam wandte sich Angela Warren um, blickte verächtlich die Anwesenden an und sagte: «Wie dumm ihr alle seid! Wenn ich es getan hätte, würde ich es auch gestanden haben. Ich hätte nie zugelassen, daß Caroline für meine Tat büßen mußte. Niemals!»

«Aber Sie hatten doch etwas mit der Flasche gemacht», warf Poirot ein. «Was?»

Poirot wandte sich zu Meredith Blake. «In Ihrem Bericht geben Sie an, daß Sie am Morgen des Unglückstages Geräusche aus dem Raum, der unter ihrem Schlafzimmer liegt, gehört haben.»

Blake nickte. «Aber es war eine Katze.»

«Wieso wissen Sie das?»

«Das kann ich Ihnen nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, aber es war eine Katze, ich bin ganz sicher. Das Fenster stand nur so weit offen, daß eine Katze durchschlüpfen konnte.»

«Aber das Fenster war nicht festgemacht, man konnte den Spalt erweitern, und ein Mensch hätte ohne weiteres hineinkommen können.»

«Das schon, aber ich weiß, daß es eine Katze war.»

«Haben Sie eine Katze gesehen?»

Blake blickte ihn verblüfft an und sagte zögernd: «Nein, ich habe sie nicht gesehen..» Stirnrunzelnd fuhr er fort: «Aber trotzdem weiß ich es.»

«Ich werde Ihnen sagen, warum Sie es wissen. Jemand hätte an dem Morgen in Ihr Laboratorium eindringen, etwas vom Regal nehmen und fortgehen können, ohne von Ihnen gesehen zu werden. Wenn es jemand aus Alderbury gewesen wäre, hätten es jedoch weder Philip Blake, noch Elsa Greer, noch Amyas Crale oder Caroline Crale sein können, denn wir wissen genau, was die Betreffenden den ganzen Morgen über getan haben. Es bleiben also nur Angela Warren und Miss Williams. Miss Williams war hier, Sie haben sie ja getroffen, als Sie fortgingen, und sie sagte Ihnen, daß sie Angela suche. Angela war angeblich früh schwimmen gegangen, aber Miss Williams hatte sie weder im Wasser noch am Strand gesehen. Natürlich hätte Angela leicht über die Bucht schwimmen können, was sie auch später an dem Morgen mit Philip Blake getan hat. Es wäre möglich gewesen, daß sie über die Bucht schwamm, zum Haus heraufkam, durch das Fenster kletterte und etwas vom Regal nahm.»

Angela erwiderte: «Aber ich habe es nicht getan.. wenigstens nicht...»

«Ah!» rief Poirot triumphierend aus. «Jetzt erinnern Sie sich. Sie haben mir doch selbst erzählt, daß Sie einmal, um Amyas Crale einen Streich zu spielen, einen Saft entwendet haben, den Sie als bezeichneten..» Meredith Blake unterbrach ihn: «Baldrian! Das ist doch klar!»

«Richtig. Darum sind Sie so sicher, daß eine Katze im Laboratorium gewesen war, denn Sie haben einen ausgeprägten Geruchssinn. Sie rochen den schwachen, unangenehmen Geruch von Baldrian, ohne sich darüber klarzuwerden, aber in Ihrem Unterbewußtsein erinnerte Sie das an eine Katze. Katzen lieben Baldrian. Baldrian hat einen widerlichen Geschmack, was Sie bei Ihrem Vortrag erwähnt hatten, und so kam die mutwillige Angela auf den Gedanken, einige Tropfen in das Bier ihres Schwagers zu tun. Amyas pflegte ja, wie sie wußte, das Glas stets in einem Zug zu leeren.»

«War das wirklich an dem Tag?» sagte Angela sinnend. «Daß ich Baldrian entwendet habe, weiß ich ganz genau. Ja, und ich erinnere mich auch, daß ich die Bierflasche aus dem Eisschrank genommen habe und daß Caroline kam und mich beinahe ertappte. Natürlich erinnere ich mich jetzt... Aber ich wußte nicht mehr, daß es am Mordtag gewesen war.»

«Das ist leicht verständlich, denn für Sie bestand ja keine Beziehung zwischen diesen zwei völlig verschiedenen Vorgängen. Das eine war ein mutwilliger Streich, das andere eine Tragödie, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam und bei Ihnen die Erinnerung an weniger wichtige Dinge verdrängte. Aber ich habe nicht vergessen, daß Sie mir sagten: Sie haben aber nicht gesagt, daß Sie es wirklich hineingetan haben.»

«Nein, denn ich habe es nie getan. Caroline kam gerade dazu, als ich die Flasche aufmachen wollte... Mein Gott! Und Caroline glaubte... sie glaubte, daß ich es getan hätte...» Sie hielt inne, blickte alle an und sagte in ihrem üblichen, gelassenen Ton: «Ich vermute, daß auch ihr das glaubt! Ich habe Amyas nicht getötet! Weder durch einen mutwilligen Streich noch sonstwie. Hätte ich es getan, würde ich es gestanden haben.»

Miss Williams sagte scharf: «Natürlich hätten Sie es gestanden, mein Kind.» Mit einem wütenden Blick auf Hercule Poirot fügte sie hinzu: «Nur ein Narr kann so etwas denken!» Freundlich erwiderte Poirot: «Ich bin kein Narr und denke es auch nicht. Ich weiß sehr genau, wer Amyas Crale getötet hat.» Er machte eine Pause. «Man nimmt immer zu leicht Tatsachen als gegeben hin, die es in keiner Weise sind. Betrachten wir einmal die Lage in Alderbury. Die alte Geschichte: zwei Frauen und ein Mann. Wir haben es als gegeben hingenommen, daß Amyas Crale seine Frau um einer anderen willen verlassen wollte. Aber ich behaupte, daß er das nie beabsichtigt hatte. Er hatte sich ja schon vorher häufig in Frauen verliebt, aber seine Verliebtheit hielt nie lange an. Die meisten Frauen, in die er sich verliebte, besaßen Erfahrung, sie erwarteten nicht zuviel von ihm. Aber diesmal war es anders. Die Frau, in die er sich diesmal verliebte, war keine erfahrene Frau, sie war ein Mädchen, sie war, wie Caroline Crale sich ausdrückte, erschreckend aufrichtig. Sie mag kaltschnäuzig und herausfordernd in ihrem Benehmen, in ihrer Sprache gewesen sein, aber die Liebe nahm sie erschreckend ernst. Da sie von einer tiefen Leidenschaft für Amyas erfüllt war, glaubte sie, daß er die gleiche Leidenschaft für sie empfinde. Sie nahm es als selbstverständlich an, daß es sich um eine Liebe für das ganze Leben handle, deshalb fragte sie ihn auch gar nicht, ob er seine Frau verlassen werde. Sie werden vielleicht einwenden, es sei unverständlich, daß Amyas Crale ihr nicht reinen Wein eingeschenkt habe. Ja, warum tat er es nicht?... Wegen des Bildes! Er wollte das Bild fertigmachen.

Das wird vielen unglaublich vorkommen, nicht aber Menschen, die Künstler kennen. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch die Unterhaltung zwischen Crale und Meredith Blake verständlicher. Crale ist verlegen, er klopft Blake auf die Schulter, versichert ihm, daß alles schon wieder in Ordnung kommen werde. Für Amyas Crale ist alles einfach. Er malt ein Bild, wird dabei leicht gestört durch - wie er sich ausdrückte - er will sich aber von keinem Menschen bei dem stören lassen, was für ihn das Wichtigste im Leben ist. Würde er Elsa die Wahrheit sagen, wäre es um das Bild geschehen. Vielleicht hatte er in der ersten Leidenschaft sogar davon gesprochen, Caroline zu verlassen; Männer sagen so etwas, wenn sie verliebt sind. Vielleicht ließ er sie auch in dem Glauben; er kümmert sich nicht viel darum, was Elsa glaubt - sie soll denken, was sie will. Für ihn ist die Hauptsache, daß sie noch ein, zwei Tage bei der Stange bleibt. Dann wird er ihr die Wahrheit sagen, wird ihr sagen, daß zwischen ihnen alles aus ist. Er belastete sich ja nie mit Skrupeln. Als er Elsa kennenlernte, wollte er sich nicht mit ihr einlassen, er warnte sie, sagte ihr, was für ein Mann er sei, aber sie wollte es nicht hören. Sie rannte in ihr Verhängnis. Für Crale waren Frauen Freiwild. Hätte man ihn zur Rede gestellt, würde er leichthin geantwortet haben, Elsa sei ein junges Mädchen und würde bald darüber hinwegkommen. Das war Amyas Crales Einstellung.

Der einzige Mensch, der ihm wirklich etwas bedeutete, war seine Frau; er nahm aber nicht viel Rücksicht auf sie. Im Falle Elsa Greer sollte sie nur noch ein paar Tage Geduld haben. Er war wütend, daß Elsa Caroline die Szene gemacht hatte, aber sorglos, wie er war, glaubte er, daß alles wieder in Ordnung kommen würde. Caroline würde ihm verzeihen, wie sie es schon so oft getan hatte, und Elsa müßte es eben . So einfach sind die Lebensprobleme für einen Menschen wie Amyas Crale.

Am letzten Tage machte er sich aber wirklich Sorgen - wegen Caroline, nicht wegen Elsa. Vielleicht war er in Carolines Schlafzimmer gegangen, und sie hatte sich geweigert, mit ihm zu sprechen. Jedenfalls nahm er sie nach dem Frühstück beiseite und sagte ihr die Wahrheit: er sei in Elsa verliebt gewesen, aber es sei vorbei; sowie das Bild fertig sei, werde er sie für immer fortschicken.

Und darauf rief Caroline empört aus: Mit diesen Worten stellte sie Elsa in eine Reihe mit all den andern, die er schon längst vergessen hatte. Und sie fügte entrüstet hinzu: Sie war wütend, empört über seine Gefühllosigkeit, über seine Grausamkeit dem Mädchen gegenüber. Die Worte, die Philip Blake sie in der Halle murmeln hörte - -bezogen sich auf Elsa.

Als Crale nach der Unterredung aus der Bibliothek kam, forderte er Elsa barsch auf, mit ihm zur Schanze zu kommen. Er wußte aber nicht, daß Elsa, unter dem Bibliotheksfenster sitzend, alles gehört hatte. Stellen Sie sich vor, was für ein Schlag es für sie gewesen sein muß, als sie die Wahrheit hörte, die brutale Wahrheit! Aber sie ließ sich nichts anmerken, und ihr Bericht über diese Unterhaltung entsprach nicht der Wahrheit.

Meredith Blake hat uns berichtet, daß er am vorhergehenden Nachmittag, als er auf Caroline wartete, mit dem Ricken zur Laboratoriumstür stand und sich mit Elsa unterhielt. Das heißt, daß Elsa ihm gegenüb erstand und daher über seine Schulter hinweg sehen konnte, was Caroline tat. Sie sah, daß Caroline das Gift nahm. Sie sagte niemand etwas davon, aber es fiel ihr wieder ein, als sie beim offenen Bibliotheksfenster saß. Als Crale sie aufforderte, mit ihm zur Schanze zu kommen, benutzte sie die Ausrede, daß sie einen Pullover holen wolle, um in Carolines Schlafzimmer zu gehen und nach dem Gift zu suchen. Frauen wissen, wo andere Frauen etwas zu verstecken pflegen. Sie fand das Gift, und vorsichtig, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen, füllte sie die Flüssigkeit in den Füller ihres Federhalters.

Dann ging sie mit Crale zur Schanze, wo sie ihm zweifellos ein Glas Bier einschenkte, das er in seiner üblichen Art hinunterleerte.

Inzwischen hatte sich Caroline Crale ernsthafte Gedanken gemacht. Als sie Elsa später ins Haus kommen sah - diesmal, um wirklich einen Pullover zu holen - eilte Caroline hinunter zur Schanze und machte ihrem Mann Vorhaltungen. Sie sagte ihm unter anderem, es sei eine Schande, wie er sich benehme, und sie werde das nicht dulden. Es sei grausam und hart für das Mädchen. Amyas, der über die Störung in seiner Arbeit wütend ist, erwidert, daß das Mädchen ihre Koffer packen müsse, sowie das Bild fertig sei.

Und dann hören sie die Brüder Blake kommen. Caroline geht hinaus und murmelt leicht verlegen etwas über Angela und das Internat, und sie habe noch viel zu tun. Durch eine verständliche Ideenassoziation glauben die beiden Herren, daß sich die Unterhaltung auf Angela bezogen habe, und aus dem , wird . Elsa, den Pullover in der Hand, kommt hinzu, kühllächelnd, und nimmt ihre Pose wieder ein. Sie hat zweifellos damit gerechnet, daß Caroline verdächtigt würde, daß das Koniinfläschchen in ihrem Schlafzimmer gefunden würde, aber nun gibt sich Caroline ihr völlig in die Hand: sie bringt ihrem Mann eine Flasche eisgekühltes Bier und gießt es ihm ein. Amyas schüttet es herunter und sagt:

Wie aufschlußreich ist diese Bemerkung! Alles schmeckt miserabel! Er hat also schon vor diesem Bier etwas zu sich genommen, das ihm schlecht schmeckte, und er hat diesen Geschmack noch immer im Mund. Noch etwas: Philip Blake berichtete, daß Crale leicht geschwankt habe und daß er, Philip, überlegt habe, . Aber dieses leichte Schwanken war das erste Zeichen der Wirkung des Giftes, was bedeutet, daß ihm das Gift schon einige Zeit, bevor Caroline das eisgekühlte Bier brachte, verabfolgt worden war. Elsa Greer saß auf der Brustwehr, und damit er keinen Verdacht schöpfen sollte, plauderte sie lustig und vergnügt mit ihm. Sie sah Meredith auf dem oberen Plateau sitzen, winkte ihm zu und spielte ihre Rolle auch seinetwegen. Amyas Crale, der Krankheit verabscheute und sich nicht gehen lassen wollte, malte verbissen weiter, bis die Glieder ihm den Dienst versagten, bis er kaum mehr sprechen konnte; er lag ausgestreckt auf der Bank, hilflos, aber geistig noch klar. Es läutete zum Mittagessen, und Meredith kam zur Schanze. Ich glaube, daß in diesem kurzen Moment Elsa zum Tisch lief und die letzten Tropfen Gift in das Glas mit dem Rest unvergifteten Bieres goß. Den Füller warf sie nachher unterwegs fort und zertrat ihn. Sie geht Meredith entgegen. Wenn man aus dem Schatten der Bäume auf die in Sonnenlicht gebadete Schanze kommt, ist man geblendet. Meredith konnte nicht deutlich sehen, er sah seinen Freund Crale in seiner üblichen Stellung auf der Bank liegen, sah, daß Crale böse blickte. Wieviel wußte oder vermutete Amyas? Was er bewußt empfand, können wir nicht sagen, aber seine Hand und seine Augen arbeiteten exakt.»

Hercule Poirot deutete auf das Bild an der Wand. «Ich hätte es sofort erkennen müssen, als ich das Bild zum ersten Male sah, denn es ist ein bemerkenswertes Bild: es ist das Bild einer Mörderin, die von ihrem Opfer gemalt wird; es ist das Bild einer Frau, die zusieht, wie ihr Geliebter stirbt...»

5 Nachlese

In dem Schweigen, das folgte, einem entsetzten, lastenden Schweigen, erlosch langsam das Sonnenlicht; die letzten Strahlen schwanden von der Gestalt der Frau, die unbeweglich am Fenster saß. Schließlich rührte sich Elsa Dittisham und sagte: «Meredith, gehen Sie mit allen hinaus und lassen Sie mich mit Monsieur Poirot allein.»

Regungslos blieb sie sitzen, bis sich die Tür hinter den Hinausgehenden schloß. Dann sagte sie: «Sie sind sehr klug, Monsieur Poirot.» Er schwieg.

«Was erwarten Sie von mir? Soll ich ein Geständnis ablegen?» Er schüttelte den Kopf.

«Ich denke nämlich nicht daran», fuhr sie fort. «Ich werde nichts zugeben. Was wir jetzt miteinander sprechen, spielt keine Rolle, es stünde nur Aussage gegen Aussage.»

«Richtig.»

«Ich möchte wissen, was Sie zu tun beabsichtigen.» Poirot antwortete: «Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um einen nachträglichen Freispruch für Caroline Crale zu erlangen.»

«Und was haben Sie mit mir vor?» fragte sie ironisch. «Ich werde die Ergebnisse meiner Untersuchung der zuständigen Stelle übermitteln. Wenn man glaubt, man könne gegen Sie vorgehen, soll man es tun. Meiner Ansicht nach genügt das Beweismaterial nicht; es sind nur Vermutungen, keine Tatsachen. Außerdem wird man sich nicht danach drängen, gegen eine Persönlichkeit wie Sie vorzugehen, wenn keine schlagenden Beweise vorhanden sind.»

«Das wäre mir egal», erwiderte Elsa. «Wenn ich auf der Anklagebank um mein Leben kämpfen müßte, wäre das etwas Aufregendes. Ich könnte es... genießen.»

«Ihr Mann aber nicht.»

Sie starrte ihn an. «Glauben Sie, daß ich mich im geringsten darum kümmere, was mein Mann empfinden würde?»

«Nein. Ich glaube nicht, daß Sie sich je in Ihrem Leben darum gekümmert haben, was Ihre Mitmenschen empfinden könnten. Wenn Sie es getan hätten, wären Sie glücklicher geworden.»

«Warum bedauern Sie mich?» fragte sie scharf. «Weil Sie noch soviel lernen müssen, meine Liebe.»

«Was soll ich lernen?»

«Alle Empfindungen erwachsener Menschen: Mitleid, Mitgefühl, Verständnis. Das einzige, was Sie in Ihrem Leben empfunden haben, sind Liebe und Haß.»

«Ich sah, wie Caroline das Gift nahm», sagte Elsa. «Ich glaubte, sie wolle sich umbringen - das hätte alles vereinfacht. Und dann, am nächsten Morgen, erfuhr ich die Wahrheit. Er sagte ihr, daß er sich nichts mehr aus mir mache, er sei ein bißchen verliebt gewesen, das sei aber vorbei. Sowie das Bild fertig sei, werde er mir sagen, ich solle meine Koffer packen. Sie brauche sich keine Sorgen mehr zu machen. Und sie - sie empfand Mitleid mit mir. Begreifen Sie, was das für mich bedeutete? Ich fand das Gift, ich schüttete es ihm ins Bier, und ich saß da und sah zu, wie er, starb. Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt, so voll Macht, habe noch nie innerlich so gejubelt. Ich sah zu, wie er starb...» Sie streckte die Arme aus. «Aber ich begriff nicht, daß ich mich tötete, nicht ihn! Nachher sah ich, wie sie in der Falle saß... aber auch das nützte mir nichts. Ich konnte ihr nicht weh tun... ihr war es gleich.. es berührte sie nicht... sie war gar nicht da. Sie und Amyas waren zusammen irgendwohin gegangen, wo ich sie nicht erreichen konnte. Nicht sie sind gestorben, ich bin gestorben.»

Sie stand auf, wandte sich zur Tür und wiederholte: «Ich bin gestorben...»

In der Halle ging sie an zwei jungen Menschen vorbei, deren gemeinsames Leben gerade begann.

Ein Chauffeur in Uniform hielt den Wagenschlag auf, Lady Dittisham stieg ein, und der Chauffeur legte ihr die Pelzdecke über die Knie.

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