Das Ungeheuer

Alarm

Gellender Alarm schreckte Norman aus dem Schlaf. Rote Warnlampen blitzten auf. Norman wälzte sich aus der Koje, zog hastig Schuhe und Jacke an und stürmte zur Tür, wo er mit Beth zusammenstieß. Überall im Habitat jaulten akustische Melder.

»Was ist los?« überschrie er den Lärm.

»Ich weiß nicht!«

Ihr Gesicht war blaß und voller Angst. Norman schob sich an ihr vorbei und rannte weiter. In Röhre B blinkte zwischen all den Leitungen und Geräten eine Anzeige auf: »notfallversorgungssystem«.

Er suchte Teeny Fletcher, aber sie war nicht da.

Er eilte zurück in Röhre C und kam erneut an Beth vorbei.

»Weißt du etwas?« schrie sie ihm entgegen.

»Das Versorgungssystem! Wo ist Fletcher? Wo ist Barnes?«

»Ich weiß nicht! Ich such sie ja selbst!«

»In B ist niemand!« rief er und stolperte die Stufen zu Röhre D hinauf. Dort machten sich Tina und Fletcher hinter der fest installierten Computeranlage zu schaffen. Die Seiten Verkleidungen waren abgenommen, Leitungen lagen frei, man sah ganze Reihen von Leiterplatten. Die Raumbeleuchtung blinkte rot.

Auf allen Bildschirmen erschien immer wieder die Schrift »notfall-versorgungssystem«.

»Was ist denn los?« rief Norman.

Fletcher machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Sagen Sie schon!«

Er sah sich um. Harry saß vollkommen unbeteiligt in der Nähe von Edmunds' Videoecke, seinen Block auf den Knien und den Bleistift in der Hand. Den Lärm der Melder und das Aufblitzen der Lichter schien er überhaupt nicht wahrzuneh-men.

»Harry!«

Er reagierte nicht. Norman wandte sich erneut den beiden Frauen zu.

»Sagen Sie doch um Gottes willen, was los ist!« rief er.

Da verstummte der Alarm. Die Bildschirme wurden schwarz. Stille herrschte, untermalt von leiser klassischer Musik.

»Tut mir leid«, sagte Tina.

»Falscher Alarm«, sagte Fletcher.

»O Gott«, sagte Norman und ließ sich in einen Sessel fallen. Er holte tief Luft.

»Haben Sie geschlafen?«

Er nickte.

»Tut mir leid. Hat sich selbst ausgelöst.«

»O Gott.«

»Wenn so was noch mal vorkommt, können Sie auf Ihre Ansteck-Anzeige sehen«, sagte Fletcher und wies auf das Kärtchen, das sie auf der eigenen Brust trug. »Das sollte immer der erste Blick sein. Sie sehen, alle Anzeigen auf den Kärtchen sind jetzt normal.«

»O Gott.«

»Immer mit der Ruhe, Norman«, sagte Harry. »Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn der Psychiater verrückt wird.«

»Ich bin Psychologe.«

»Ist doch egal.«

»Unsere Computer-Alarmeinrichtung hat eine ganze Anzahl von Außensensoren, Dr. Johnson«, sagte Tina. »Manchmal löst einer von denen Alarm aus. Wir haben darauf nicht viel Einfluß.«

Norman nickte und ging in Röhre E, zur Küche. Levy hatte zum Mittagessen Erdbeertörtchen gemacht, doch wegen der Sache mit Edmunds hatte niemand davon essen wollen. Sicher waren sie noch da. Als Norman jedoch keine fand, war er enttäuscht. Er öffnete alle Schranktüren der Reihe nach und

schlug sie laut wieder zu. Wütend trat er gegen den Kühlschrank.

Immer mit der Ruhe, dachte er. Schließlich war es bloß ein falscher Alarm.

Aber er wurde den Eindruck nicht los, daß er in der Falle saß, gefangen in einer verdammten übergroßen Eisernen Lunge, während um ihn herum allmählich alles in Stücke zerfiel. Am schlimmsten war der Augenblick gewesen, als Barnes sie nach seiner Rückkehr von draußen, wo er Edmunds' Leichnam nach oben geschickt hatte, zu einer Besprechung zusammenrief.

Offenbar hatte er sich gesagt, daß es an der Zeit sei, eine kleine Ansprache zu halten, Durchhalteparolen auszugeben.

»Ich weiß, daß Edmunds' Schicksal Sie alle tief getroffen hat«, hatte er gesagt, »aber es war ein Unfall. Vielleicht hat sie die Situation falsch eingeschätzt, als sie zu den Quallen hinausging, vielleicht auch nicht. Tatsache ist, daß Unfälle selbst unter den günstigsten Umständen vorkommen, und die Tiefsee ist eine besonders erbarmungslose Umwelt.«

Während er zuhörte, dachte Norman: Er schreibt schon an seinem Bericht. Erklärt den höheren Chargen, daß er nichts damit zu tun hatte.

»Im Augenblick«, sagte Barnes, »muß ich Sie dringend ersuchen, Ruhe zu bewahren. Seit oben der Sturm losgebrochen ist, sind sechzehn Stunden vergangen. Wir haben vorhin einen Erkundungsballon aufsteigen lassen, doch bevor wir Werte bekamen, ist die Leine gerissen - das zeigt, daß die Wellen immer noch mindestens zehn Meter hoch sind und der Sturm mit unverminderter Stärke tobt. Nach den Angaben des Wettersatelliten hatte man die Dauer des Sturms auf etwa sechzig Stunden vorausberechnet, also bleiben uns noch zwei volle Tage hier unten. Viel können wir nicht tun, wir müssen einfach Ruhe bewahren. Vergessen Sie nicht, auch wenn Sie nach oben kommen, können Sie nicht einfach die Luke aufmachen und in vollen Zügen die frische Luft einatmen; Sie müssen vier weitere Tage in einer Überdruckkammer verbringen, bis die Dekompressionsphase vorüber ist.«

Das war das erste Mal, daß Norman etwas von der Notwendigkeit einer Dekompression nach dem Auftauchen gehört hatte. Sie würden also, wenn sie aus dieser Eisernen Lunge heraus waren, noch einmal vier Tage in einer weiteren Eisernen Lunge verbringen müssen?

»Ich dachte, das wüßten Sie«, hatte Barnes gesagt. »Es ist Vorschrift für jeden, der aus einer saturierten Umgebung kommt. Egal, wie lange man hier unten bleibt - wer nach oben kommt, muß sich vier Tage lang der Dekompression unterziehen. Und glauben Sie mir, hier im Habitat ist es viel gemütlicher als in der Dekompressionskammer. Genießen Sie es, solange Sie können.«

>Genießen Sie es, solange Sie könnenc, dachte Norman. Wahnsinn. Erdbeertörtchen würden dabei helfen. Wo, zum Teufel, war Levy überhaupt?

Er kehrte in Röhre D zurück. »Wo ist Levy?«

»Keine Ahnung«, sagte Tina. »Irgendwo hier. Vielleicht schläft sie.«

»Den Alarm hätte kein Mensch verschlafen können«, sagte Norman.

»Wie steht's mit der Küche?«

»War ich schon. Wo ist Barnes?«

»Er ist mit Ted noch mal zum Schiff. Sie bringen um die Kugel herum weitere Sensoren an.«

»Ich hab ihnen gesagt, daß es Zeitverschwendung ist«, sagte Harry.

»Keiner weiß also, wo Levy ist?« fragte Norman.

Fletcher schraubte gerade die Seitenverkleidung der Computerwand wieder fest. »Doktor«, sagte sie, »sind Sie einer von denen, die immer wissen müssen, wo sich alle anderen gerade aufhalten?«

»Nein«, sagte Norman, »natürlich nicht.« »Und was soll dann das Gefrage nach Levy, Sir?«

»Ich wollte nur wissen, wo die Erdbeertörtchen sind.«

»Weg«, sagte Fletcher prompt. »Als der Captain und ich von der Bestattung zurückgekommen sind, haben wir uns hingesetzt und sie alle aufgegessen, einfach so.« Sie schüttelte den Kopf.

»Vielleicht macht Rose ja noch mal welche«, sagte Harry.

Norman fand Beth in ihrem Labor. Als er eintrat, sah er gerade noch, wie sie sich eine Pille in den Mund legte und mit einem Schluck Cola hinunterspülte.

»Was war das?«

»Valium, was sonst.«

»Woher hast du das?«

»Hör mal«, sagte sie, »ich will jetzt nichts von deinem Psy-chogewäsch hören -«

»- ich hab ja nur gefragt.«

Beth deutete auf einen weißen Kasten, der in einer Ecke des Raumes an der Wand hing. »Jede Röhre hat eine ziemlich komplette Erste-Hilfe-Ausstattung.«

Norman trat an den Kasten und klappte den Deckel auf. In kleinen Fächern lagen gut sortiert Medikamente, Spritzen, Verbandmaterial. Beth hatte recht, es schien fast alles da zu sein - Antibiotika, Beruhigungsmittel und sogar Anästhetika für chirurgische Noteingriffe. Er kannte bei weitem nicht alle Namen auf den Etiketten, aber die Psychopharmaka waren stark.

»Mit dem Zeug hier drin könnte man einen Krieg überstehen.«

»Nun ja. Es ist eben die Navy.«

»Sogar für größere Eingriffe ist alles da.« An der Innenseite des Kastens bemerkte Norman eine Karte mit der Aufschrift

»med. hilfscode 103«.

»Hast du 'ne Ahnung, was das heißt?«

Sie nickte. »Es ist ein Computer-Code. Ich hab ihn abgerufen.« »Und?«

»Nicht besonders ermutigend«, sagte sie. »Tatsächlich?« Er setzte sich an den Terminal im Labor und gab 103 ein. Auf dem Bildschirm erschien:

SATURIERTE UMGEBUNG UNTER ÜBERDRUCK -MEDIZINISCHE KOMPLIKATIONEN (GRÖSSERE -TÖDLICHE)

1.01 LUNGENEMBOLIE

1.02 HOCHDRUCK-NERVENSYNDROM

1.03 ASEPTISCHE KNOCHENNEKROSE

1.04 SAUERSTOFFVERGIFTUNG

1.05 TEMPERATUR-BELASTUNGSSYNDROM

1.06 UBIQUITÄRE PSEUDOMONAS-INFEKTION

1.07 ZEREBRALINFARKT

BITTE WÄHLEN:

»Tu's nicht«, sagte Beth. »Wenn du die Einzelheiten siehst, machst du dir nur unnötig Sorgen. Es genügt zu wissen, daß wir uns in einer äußerst gefährlichen Umgebung befinden. Barnes hat uns die schlimmsten Einzelheiten lieber gar nicht erst mitgeteilt. Weißt du, warum es eine Vorschrift der Navy gibt, daß jeder nach spätestens zweiundsiebzig Stunden hier raus muß? Weil danach die Gefahr der >aseptischen Knochen-nekrose< steigt. Niemand weiß warum, aber die ÜberdruckUmgebung führt zur Zerstörung des Knochens in Beinen und Hüften. Und weißt du auch, warum sich das Habitat beständig anpaßt, wenn wir uns von einem Raum zum anderen bewegen? Nicht etwa, weil wir uns mit unserer hochentwickelten Technik hervortun wollen, o nein, sondern weil die Heliumatmosphäre die Einhaltung einer gleichmäßigen Körpertemperatur äußerst schwierig macht. Man kann blitzschnell einen Wärmestau bekommen und sich ebenso schnell eine Unterkühlung holen, und zwar so gründlich, daß man daran krepiert. Das kann so rasch gehen, daß man es erst merkt, wenn es zu spät ist. Man fällt dann einfach tot um. Außerdem kann es zu einem >Hoch-druck-Nervensyndrom< kommen - dabei treten plötzliche Zuckungen und Lähmungen auf, und wenn der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre zu stark abfällt, tritt der Tod ein. Dafür haben wir hier diese Kärtchen - wir sollen sehen können, ob genug CO2 in unserer Atemluft ist. Aus keinem anderen Grund tragen wir sie. Nett, nicht?«

Norman schaltete den Bildschirm aus und lehnte sich zurück. »Nun, ich komme immer wieder zum selben Ergebnis - wir können jetzt nicht viel unternehmen.«

»Genau, was Barnes gesagt hat.« Nervös schob Beth auf ihrem Arbeitstisch Laborgegenstände hin und her und ordnete sie neu.

»Schade, daß wir kein Exemplar von diesen Quallen haben«, sagte Norman.

»Ja. Allerdings weiß ich ehrlich gesagt nicht, was uns das nützen würde.« Sie runzelte die Stirn und spielte mit den Unterlagen auf dem Tisch. »Norman, ich kann hier unten nicht besonders klar denken.«

»Wieso?«

»Nach dem, äh, Unfall bin ich hergekommen, um meine Notizen durchzugehen und alles noch mal zu überdenken. Weißt du noch, daß ich dir gesagt hatte, die Garnelen hätten keinen Magen? Ich habe sie mir noch mal vorgenommen, und jetzt stellt sich heraus, sie haben doch einen. Ich hatte einen schlechten Schnitt gemacht, bin neben der mittleren Sagittale-bene gelandet und habe damit an allem vorbeigeschnitten, was in der Mitte liegt. Die Garnelen sind völlig normal. Und wie sich herausstellte, hatte der Kalmar, den ich seziert habe, nur eine leichte Anomalie. Seine Kiemen waren atrophiert, aber er besaß welche. Die anderen Kalmare sind völlig normal, alles ist da, was sie zum Leben brauchen. Damit war ja auch zu rechnen. Ich hab mich geirrt und übereilte Schlüsse gezogen. Das ärgert mich.«

»Hast du deswegen das Valium genommen?«

Sie nickte. »Ich hasse es, schlampig zu arbeiten.«

»Niemand macht dir Vorwürfe.«

»Wenn sich Harry oder Ted meine Arbeit ansähen und merkten, was für alberne Schnitzer ich gemacht habe ...«

»Jeder macht mal einen Fehler.«

»Ich höre sie schon: >Typisch Frau, nicht sorgfältig genug, zu sehr darauf bedacht, eine Entdeckung zu machen, möchte sich beweisen, zieht voreilige Schlüsse. Ist von einer Frau nicht anders zu erwarten<.«

»Keiner macht dir einen Vorwurf, Beth.«

»Doch, ich.«

»Aber sonst niemand«, sagte Norman. »Ich finde, du solltest nicht so streng mit dir ins Gericht gehen.«

Sie sah auf den Labortisch und sagte schließlich: »Ich muß.«

Etwas an der Art, wie sie das sagte, rührte ihn an. »Ich verstehe«, sagte Norman, und eine Erinnerung kam ihm. »Weißt du, als Junge bin ich mal mit meinem kleinen Bruder Tim an den Strand gegangen. Er lebt jetzt nicht mehr; aber damals war er sechs und konnte noch nicht schwimmen. Meine Mutter hatte mir aufgetragen, gut auf ihn aufzupassen, doch als ich an den Strand kam, waren da alle meine Freunde und machten sich einen Spaß daraus, unter den Brechern hindurchzutauchen. Ich wollte auch draußen in der Brandung bei den anderen sein, aber Tim mußte dicht am Ufer bleiben. Er hing an mir wie eine Klette. Das war für mich sehr schwer.

Jedenfalls bin ich zu den anderen. Irgendwann am Nachmittag ist Tim dann laut brüllend aus dem Wasser gekommen und hat sich die rechte Seite gehalten. Irgendeine Qualle hatte sich in ihn verbissen, klebte noch an ihm. Am Ufer ist er zusammengebrochen. Eine von den Müttern kam zu uns gelaufen und hat Timmy ins Krankenhaus gebracht, bevor ich aus dem Wasser war. Ich wußte nicht mal, wo sie ihn hingebracht hatten. Als ich später ins Krankenhaus kam, war meine Mutter schon da. Tim stand unter Schock, vermutlich war das Gift für seinen kleinen Körper eine starke Dosis gewesen. Niemand hat mir Vorwürfe gemacht. Auch wenn ich am Strand gesessen und mit Argusaugen auf ihn aufgepaßt hätte, wäre er gebissen worden, es hätte also keinen Unterschied gemacht. Aber ich hatte nun mal nicht am Strand gesessen und habe mir deshalb noch jahrelang Vorwürfe gemacht, als es ihm schon längst wieder gut ging. Jedesmal, wenn ich die Narben an seiner Seite sah, hatte ich schreckliche Schuldgefühle. Aber man kommt darüber hinweg - man ist nicht für alles verantwortlich, was auf der Welt geschieht.«

Es entstand eine Pause. Norman hörte außer dem unablässigen Summen der Belüftungsanlage ein leises, gleichmäßiges Schlagen, es kam von irgendwoher aus dem Habitat.

Beth sah ihn unverwandt an. »Dann muß es für dich ja besonders schlimm gewesen sein, Edmunds so sterben zu sehen.«

»Merkwürdig«, sagte Norman, »den Zusammenhang sehe ich erst jetzt, wo du das sagst.«

»Hast es vielleicht verdrängt. Wir wär's mit 'ner Valium?«

Er lächelte. »Nein, danke.«

»Du scheinst nahe daran loszuheulen.«

»Nein, mir geht es gut.« Er stand auf und streckte sich. Er ging zum Erste-Hilfe-Kasten, schloß den weißen Deckel und kehrte zurück.

»Was hältst du von diesen Mitteilungen, die wir da bekommen?« fragte Beth.

»Keine Ahnung«, sagte Norman. Er setzte sich wieder. »Na ja, ich hab da einen ganz verrückten Gedanken. Meinst du, die Mitteilungen und die Tiere, die wir draußen sehen, haben was

miteinander zu tun?«

»Wieso?«

»Ich bin erst daraufgekommen, als die spiralförmigen Mitteilungen kamen. Harry sagt, das käme daher, daß das Ding - das berühmte Es - annimmt, wir denken in Spiralen. Aber ebenso ist es doch möglich, daß es selbst in Spiralen denkt und deshalb von uns dasselbe vermutet. Die Kugel ist rund, nicht wahr? Und bisher sind lauter radialsymmetrische Tiere aufgetreten -Quallen und Kalmare.«

»Eine hübsche Theorie«, sagte Beth, »nur sind Kalmare nicht radialsymmetrisch, sondern zweiseitig symmetrisch, genau wie wir. Und was ist mit den Garnelen?«

»Ach ja, die!« Die Garnelen hatte Norman ganz vergessen.

»Ich kann zwischen der Kugel und den Tieren keine Beziehung erkennen«, sagte Beth.

Wieder hörte sie das Schlagen, leise und gleichmäßig. In Form leichter Stöße konnte Norman es sogar durch seinen Sessel spüren. »Was ist denn das eigentlich?«

»Keine Ahnung. Es klingt, als käme es von draußen.« Er wollte gerade ans Bullauge treten, als es in der Sprechanlage knackte und Barnes sagte: »Alle mal herhören! Bitte sofort zur Zentrale kommen. Alle zur Zentrale. Dr. Adams hat den Code entschlüsselt.«

Harry wollte den Inhalt der Nachricht nicht sofort preisgeben. Er genoß seinen Triumph und bestand darauf, ihnen den gesamten Entschlüsselungsvorgang Schritt für Schritt vorzuführen. Zuerst, erklärte er, habe er angenommen, die Mitteilung könne irgendeine Universalkonstante beinhalten, ein physikalisches Gesetz oder dergleichen, sozusagen als Grundlage für eine Verständigung. »Doch konnte es andererseits«, sagte Harry, »ebensogut die graphische Darstellung von etwas sein -ein verschlüsseltes Bild - und das hätte ungeheure Schwierigkeiten bereitet. Was ist schließlich ein Bild? Wir produzieren

Abbildungen auf einer Ebene - beispielsweise einem Stück Papier, und bestimmen die Lage des darauf Dargestellten mit Hilfe der X- und Y-Achse. Senkrecht und waagerecht. Eine andere Intelligenzform könnte aber Bilder durchaus anders sehen und anordnen. Vielleicht würde sie mehr als drei Dimensionen benutzen oder beispielsweise von der Bildmitte nach außen vorgehen. Der Code konnte also äußerst schwierig sein. Zuerst bin ich überhaupt nicht richtig vorangekommen.«

Als dann später dieselbe Nachricht mit den Lücken in der Ziffernsequenz kam, .begann Harry zu vermuten, daß die Mitteilung aus getrennten Informationseinheiten bestand und statt Bildern Wörter darstellte. »Wortverschlüsselungen fallen nun in verschiedene Kategorien, von einfachen bis hin zu komplexen. Es gab keine Möglichkeit, auf den ersten Blick zu erkennen, welche Encodierungsmethode verwendet worden war. Dann aber kam mir plötzlich eine Idee.«

Alle warteten ungeduldig darauf, daß er fortfuhr.

»Warum sollte es überhaupt einen Code benutzen?« fragte Harry.

»Ja, warum?« fragte Norman.

»Das liegt doch auf der Hand. Wer sich mit jemandem verständigen möchte, benutzt Klartext, Codes aber dienen dazu, eine Verständigung zu erschweren. Vielleicht nimmt diese Intelligenz an, sie verständige sich direkt mit anderen, macht aber in Wirklichkeit eine Art logischen Fehler in ihren Mitteilungen an uns und benutzt völlig unabsichtlich einen Code. Diese Vermutung legte den Gedanken an einen Ersetzungscode nahe, bei dem die Zahlen für Buchstaben stehen. Als ich die Lücken zwischen den Wörtern bekam, habe ich versucht, den Zahlen durch eine Häufigkeitsanalyse die Buchstaben unseres Alphabets zuzuordnen. Um einen Code auf diese Weise zu knacken, nutzt man die Tatsache, daß in unserer Sprache das >E< der häufigste Buchstabe ist, der zweithäufigste das >N< und so weiter. Also habe ich die am häufigsten vorkommenden

Zahlen herausgesucht. Erschwerend kam allerdings hinzu, daß es selbst bei einer kurzen Zahlenfolge, wie zum Beispiel zwei-drei-zwei, viele Entschlüsselungsmöglichkeiten gibt: zwei, drei und zwei, dreiundzwanzig und zwei, zwei und zweiunddreißig, oder zweihundertzweiunddreißig. Für längere Chiffrierfolgen gelten noch weit mehr Möglichkeiten.«

Dann, sagte er, als er vor dem Computer gesessen und über die spiralförmigen Mitteilungen nachgedacht habe, sei mit einemmal sein Blick auf die Tastatur gefallen. »Ich habe begonnen, mich zu fragen, was eine außerirdische Intelligenz mit einer solchen Tastatur anfangen würde, mit diesen Reihen von Zeichen, die in einem rechteckigen Rahmen auf Tasten angeordnet sind. Wie verwirrend muß einer Kreatur fremder Herkunft das alles vorkommen! Sehen Sie hier«, sagte er. »So sieht eine übliche Computertastatur aus.« Er hielt seinen Notizblock hoch.

1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 ? EINRÜCK Q W E R T Z U I O P Ü ALT CTRL A S D F G H J K L Ö Ä

UMSCHALTUNG Y X C V B N M , . -

»Und dann hab ich mir die Tastatur als Spirale vorgestellt -denn das Geschöpf scheint Spiralen vorzuziehen - und begonnen, die Tasten entsprechend zu numerieren.

Ein bißchen mußte ich dabei herumexperimentieren, denn die Tasten liegen ja nicht auf einer Kreislinie, aber schließlich bin ich dahintergekommen«, sagte er. »Sehen Sie, hier: Die Zahlen gehen von der Mitte aus spiralförmig nach außen. G ist eins, B ist zwei, H ist drei, Z ist vier und so weiter. Sehen Sie? So.« Er schrieb rasch Zahlen neben die Buchstaben.

1 2 3 4 513 612 711 8 9 0 ?

EINRÜCK Q W E R14 T5 Z4 U10 I O P Ü ALT CTRL A S D15 F6 G1 H3 J9 K L Ö Ä UMSCHALTUNG Y X C16 V7 B2 N8 M , . -

»Die Spirale läuft einfach immer weiter nach außen - M ist siebzehn, K achtzehn, und so fort. Auf diese Weise habe ich schließlich die Nachricht verstanden.« »Machen Sie's doch nicht so spannend, Harry!« Harry zögerte. »Das muß ich Ihnen sagen, sie ist sehr merkwürdig.«

»Was meinen Sie mit merkwürdig?«

Harry riß ein weiteres Blatt von seinem gelben Notizblock und gab es den anderen. Norman las die kurze, in sauberen Druckbuchstaben geschriebene Nachricht:

hallo, wie geht's? mir geht's gut. wie heisst du? ich heisse jerry.

Die erste Unterhaltung

»Nun«, sagte Ted schließlich, »damit hatte ich ja nun überhaupt nicht gerechnet.«

»Es kommt mir kindisch vor«, sagte Beth. »Wie etwas aus Abenteuerbüchern für Kinder.« »Genau.«

»Vielleicht haben Sie es falsch übertragen«, sagte Barnes. »Ganz bestimmt nicht«, verwahrte sich Harry.

»Nun, dieser Außerirdische kommt mir ziemlich dämlich vor«, sagte Barnes.

»Ich bezweifle sehr, daß er es ist«, widersprach Ted.

»Kann ich mir denken«, sagte Barnes. »Ein dämlicher Außerirdischer würde Ihre ganze Theorie über den Haufen schmeißen. Aber es wäre immerhin möglich, oder? Ein dämlicher Außerirdischer. Solche muß es bei denen ja auch geben.«

»Ich glaube kaum«, sagte Ted, »daß jemand dumm ist, der eine so hochentwickelte Technik wie die der Kugel beherrscht.«

»Dann haben Sie noch nicht mitgekriegt, wie viele Idioten bei uns zu Hause Auto fahren«, sagte Barnes. »All das Gestrampel für ein >Wie geht's? Mir geht's gut

»Ich bin nicht der Ansicht, daß diese Nachricht auf einen Mangel an Intelligenz schließen läßt, Hal«, wandte Norman ein.

»Ich finde im Gegenteil«, sagte Harry, »daß sie sehr klug ist.«

»Ich bin ganz Ohr«, ermunterte ihn Barnes.

»Auf den ersten Blick mag der Inhalt kindisch wirken«, sagte Harry, »aber wenn man darüber nachdenkt, ist er äußerst logisch. Eine einfache, unmißverständliche und freundliche Mitteilung, die keine Angstgefühle wachruft. Es ist sehr sinnvoll, eine solche Nachricht zu schicken. Ich würde sagen, er nähert sich uns so, wie wir es bei einem Hund machen würden. Sie wissen schon, die Hand ausstrecken, ihn daran schnuppern lassen, ihm Gelegenheit geben, sich an einen zu gewöhnen.«

»Wollen Sie damit sagen, er behandelt uns wie Hunde?« fragte Barnes.

Norman dachte: Barnes steht die Sache bis zum Hals. Er ist so reizbar, weil er Angst hat, weil er sich der ganzen Sache nicht gewachsen fühlt. Oder vielleicht fürchtet er auch, seine Befugnisse zu überschreiten.

»Nein, Hal«, sagte Ted, »er fängt nur auf einer simplen Stufe an.«

»Simpel ist das da weiß Gott, da haben Sie vollkommen recht«, sagte Barnes. »Man stelle sich das bloß mal vor - wir stoßen auf einen Außerirdischen, und er behauptet, sein Name sei Jerry - ausgerechnet.«

»Keine voreiligen Schlüsse, Hal.«

»Vielleicht hat er ja einen Nachnamen«, meinte Barnes hoffnungsvoll. »Ich kann doch in meinem Bericht an den Cinc-ComPac nicht gut schreiben, daß jemand bei einer Tiefseeunternehmung ums Leben gekommen ist, deren ausschließlicher Zweck darin bestand, einem Außerirdischen namens Jerry zu begegnen. Es könnte doch besser klingen. Alles, nur nicht Jerry. Können wir ihn nicht fragen?«

»Wonach?«

»Nach seinem vollständigen Namen.«

»Ich finde, es gibt Wichtigeres mit ihm zu besprechen -« wandte Ted ein.

»Ich wüßte gern seinen vollständigen Namen«, sagte Barnes. »Für meinen Bericht.«

»Aha«, sagte Ted, »Name, Rang und Kennummer.«

»Darf ich Sie daran erinnern, Dr. Fielding, daß ich hier das Kommando führe?«

»Als erstes müssen wir feststellen, ob er überhaupt bereit ist, mit uns zu reden. Versuchen wir es mal mit der ersten Zifferngruppe«, sagte Harry.

Er gab ein: 00033126262725

Nach einer Pause kam die Antwort: 00033126262725

»Gut«, sagte Harry. »Jerry hört zu.«

Er machte sich einige Notizen auf seinem Block und gab eine weitere Ziffernkette ein:

003019144231908150614221008152233

»Was haben Sie ihm da mitgeteilt?« fragte Beth.

»>Wir sind Freunde««, sagte Harry.

»Vergessen Sie die Freunde und fragen Sie ihn nach seinem verdammten Namen«, forderte Barnes ihn auf.

»Gleich. Eins nach dem andern.«

»Vielleicht hat er gar keinen Nachnamen«, sagte Ted.

»Sie können Gift darauf nehmen«, sagte Barnes, »daß er in Wirklichkeit nicht Jerry heißt.«

Die Antwort kam: 00093133

»Er hat >Ja< gesagt.«

»Ja zu was?« fragte Barnes.

»Einfach >ja<. Wollen mal sehen, ob wir ihn dazu kriegen, daß er auf normale Tastaturtypen übergeht. Es wäre einfacher, wenn er statt seines Zahlenschlüssels Buchstaben benutzte.«

»Wie wollen Sie das erreichen?«

»Wir werden ihm zeigen, daß es auf dasselbe hinausläuft«, sagte Harry.

Er gab ein: 00033126262733 = HALLO.

Nach einer kurzen Pause erschien auf dem Bildschirm: 00033126262733 = HALLO.

»Er kapiert es nicht«, sagte Ted.

»Sieht ganz danach aus. Probieren wir was anderes.«

Er gab ein: 00093133 = JA.

Die Antwort kam zurück: 00093133 = JA.

»Klarer Fall, er hat es nicht kapiert«, sagte Ted.

»Ich dachte, er wäre so klug«, sagte Barnes.

»Haben Sie etwas Nachsicht mit ihm«, bat Ted. »Immerhin benutzt er unsere Sprache, und nicht umgekehrt.«

»Umgekehrt«, sagte Harry, »ist ein guter Gedanke. Probieren wir es mal anders rum. Vielleicht löst er die Gleichung auf diese Weise.«

Harry gab ein: 00093133 = JA. JA. = 00093133

Eine lange Pause trat ein. Gespannt sahen sie auf den Bildschirm. Nichts geschah.

»Denkt er nach?«

»Wer kann schon wissen, was er tut?« »Warum antwortet er nicht?«

»Wir warten mal ein bißchen ab. Okay, Hal?«

Schließlich kam die Antwort: JA. = 00093133 33139000 = .JA

»Mhm. Er glaubt, wir zeigen ihm Spiegelbilder.«

»Total bescheuert«, sagte Barnes. »Hab ich doch gleich gewußt.«

»Und jetzt?«

»Wir versuchen es mit einer vollständigeren Aussage«, sagte Harry, »und geben ihm etwas mehr Material an die Hand.«

Er gab ein: 0009133 = 00093133 JA. = JA. 00093133 = JA.

»Ein Syllogismus«, sagte Ted. »Ausgezeichnet.«

»Ein was?« fragte Barnes.

»Ein Vernunftschluß«, erläuterte Ted.

Die Antwort kam: , = ,

»Was zum Teufel ist das denn?« fragte Barnes.

Harry lächelte. »Ich glaube, er spielt mit uns.«

»Spielt mit uns? Das nennen Sie spielen?«

»Ja«, sagte Harry.

»Sie meinen, daß er uns unter Druck setzt, um herauszukriegen, wie wir darauf reagieren?« Barnes zog die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. »Daß er nur so tut, als wäre er blöd.«

»Vielleicht testet er uns auf unsere Klugheit«, sagte Ted. »Vielleicht denkt er, wir sind blöd, Hal.«

»Seien Sie nicht albern«, sagte Barnes.

»Nein, das ist es nicht«, sagte Harry. »Er verhält sich wie ein Kind, das versucht, sich mit einem anderen Kind anzufreunden. In solchen Fällen spielen Kinder miteinander. Spielen wir also auch ein bißchen.«

Harry saß vor dem Computer und gab ein: = = =

Rasch kam die Antwort: ,,,

»Gar nicht dumm«, kommentierte Harry. »Wirklich, ein kluges Bürschchen.«

Er gab ein: =, =

Die Antwort kam: 7 & 7

»Amüsieren Sie sich gut?« fragte Barnes. »Ich verstehe nämlich nicht, was Sie da treiben.«

»Er versteht mich um so besser«, sagte Harry.

»Wenigstens einer.«

Harry gab ein: PpP

Die Antwort kam: HALLO. = 00033126262733

»Aha«, sagte Harry. »Es wird ihm allmählich langweilig. Also genug gespielt. Gehen wir zur normalen Sprache über.«

Harry gab ein: JA.

Die Antwort kam: 00093133

Harry gab ein: HALLO.

Pause, dann: ICH BIN ENTZÜCKT, EURE BEKANNTSCHAFT ZU MACHEN. DAS VERGNÜGEN IST GANZ UND GAR AUF MEINER SEITE.

Langes Schweigen. Keiner sagte etwas.

»Na bitte«, sagte Barnes schließlich, »kommen wir zur Sache.«

»Er ist höflich«, sagte Ted, »und sehr zuvorkommend.«

»Oder tut nur so.«

»Warum sollte er?«

»Seien Sie nicht naiv«, sagte Barnes.

Norman sah sich die Zeilen auf dem Bildschirm an. Seine Reaktion war anders als die der ändern - ihn überraschte die Emotionalität dieser Mitteilung. Ob der Außerirdische Empfindungen hatte? Wohl kaum. Die blumige und etwas altväterliche Ausdrucksweise ließ darauf schließen, daß Jerry die Formulierung von irgendwoher übernommen hatte: Er drückte sich aus wie die Menschen in altmodischen Liebesromanen.

»Nun, meine Damen und Herren«, sagte Harry, »zum erstenmal in der Menschheitsgeschichte stehen Sie in direkter Verbindung mit einem Außerirdischen. Was wollen Sie von ihm wissen?«

»Seinen Namen«, sagte Barnes wie aus der Pistole geschossen.

»Was noch, Hal?«

»Es gibt bestimmt wichtigere Fragen als die nach seinem Namen«, sagte Ted. »Ich verstehe nicht, warum Sie ihn nicht fragen wollen -« Auf dem Bildschirm erschien: SEID IHR DAS WESEN HECHO EN MEXICO? »Großer Gott, wo hat er das denn aufgeschnappt?« »Vielleicht befinden sich im Raumschiff in Mexiko hergestellte Gegenstände.« »Was zum Beispiel?« »Elektronikbausteine.«

SEID IHR DAS WESEN MADE IN THE USA? »Der Kerl wartet die Antwort gar nicht ab.« »Wer sagt, daß es ein Kerl ist?« fragte Beth. »O Beth.«

»Jerry könnte ja die Kurzform von Geraldine sein.« »Nicht jetzt, Beth.«

SEID IHR DAS WESEN MADE IN THE USA?

»Antworten Sie ihm«, sagte Barnes.

JA. WER SEID IHR?

Eine lange Pause, dann: WIR SIND.

»Wir sind was1?« knurrte Barnes, den Blick unverwandt auf den Bildschirm gerichtet. »Immer mit der Ruhe, Hal.«

Harry gab ein: WIR SIND DIE WESEN AUS DEN USA. WER SEID IHR? DIE WESEN = DAS WESEN?

»Gar nicht so einfach«, sagte Ted. »Wie sollen wir ihm den Unterschied zwischen Singular und Plural beibringen?« Harry gab ein: NEIN. SEID IHR EIN VIELWESEN?

»Ich begreife seine Frage. Er hält es für möglich, daß wir mehrere Teile eines einzigen Wesens sind.«

»Nun, dann klären Sie ihn auf.«

NEIN, WIR SIND VIELE VERSCHIEDENE WESEN.

»Das kann man laut sagen«, sagte Beth.

ICH VERSTEHE. GIBT ES EIN LEIDWESEN?

Ted lachte. »Seht nur, was er wissen will!«

»Was soll das?« knurrte Barnes.

»Er meint >Leitwesen<, und es bedeutet so viel wie >Bringt mich zu eurem Anführern Er will wissen, wer hier das Kommando führt«, sagte Harry.

»Das führe ich«, sagte Barnes. »Sagen Sie's ihm.«

Harry gab ein: JA. DAS LEITWESEN IST CAPTAIN HARALD P. BARNES.

ICH VERSTEHE.

»Mit >o<«, sagte Barnes verärgert. »Harold mit o.«

»Soll ich es noch mal eingeben?«

»Schon gut. Fragen Sie ihn einfach, wer er ist.«

WER SEID IHR?

ICH BIN EINER.

»Gut«, sagte Barnes. »Er ist also allein. Fragen Sie ihn, woher er kommt.«

WOHER BIST DU?

VON EINEM ORT.

»Fragen Sie ihn nach dem Namen«, verlangte Barnes. »Dem Namen des Ortes.«

»Hal, Namen sind so verwirrend.«

»Wir müssen den Burschen festnageln!«

WO IST DER ORT, VON DEM DU BIST?

ICH BIN HIER.

»Das wissen wir. Fragen Sie noch mal.«

VON WELCHEM ORT AUS HAST DU BEGONNEN?

»>Von welchem Ort aus hast du begonnen< ist sprachlich sehr fragwürdig«, sagte Ted. »Es wird ziemlich töricht aussehen, wenn wir diese Unterhaltung veröffentlichen.« »Wir werden eben eine bearbeitete Fassung herausgeben«, sagte Barnes.

»Aber das geht doch nicht«, sagte Ted entsetzt. »Sie können doch diese unvorstellbar wertvolle wissenschaftliche Interaktion nicht einfach verändern.«

»Kommt doch jeden Tag vor. Heißt das bei euch Jungs nicht >die Daten massieren

Harry bearbeitete bereits wieder die Tasten.

WO IST DER ORT, VON DEM DU BEGONNEN HAST?

ICH HABE IM BEWUSSTSEIN BEGONNEN.

»Bewußtsein? Soll das ein Planet sein, oder was?«

WO IST BEWUSSTSEIN?

BEWUSSTSEIN IST.

»Er hält uns zum Narren«, sagte Barnes.

»Lassen Sie mich mal versuchen«, bat Ted.

Harry trat beiseite, und Ted gab ein: HAST DU EINE REISE GEMACHT?

JA. HAST DU EINE REISE GEMACHT?

JA, tippte Ted.

ICH MACHE EINE REISE. DU MACHST EINE REISE. WIR MACHEN GEMEINSAM EINE REISE. ICH BIN GLÜCKLICH.

Er sagt, daß er glücklich ist, dachte Norman. Wieder Ausdruck einer Emotion, und diesmal schienen die Worte nicht aus einem Buch zu stammen. Die Aussage wirkte unmittelbar und echt. Bedeutete das, daß das außerirdische Wesen Emotionen hatte? Oder tat es nur so - um sich mit ihnen einen Scherz zu erlauben oder sie in Sicherheit zu wiegen?

»Schluß mit dem Getändel«, gebot Barnes. »Fragen Sie ihn nach seiner Bewaffnung.«

»Ich bezweifle, daß er mit dem Begriff >Waffen< etwas anfangen kann.«

»Den versteht doch jeder«, sagte Barnes. »Verteidigung ist eine Grundtatsache des Lebens.«

»Ich muß mich gegen diese Haltung verwahren«, sagte Ted. »Militärs meinen immer, alle anderen seien genauso wie sie. Dieser Außerirdische hat möglicherweise nicht die entfernteste Vorstellung von Waffen oder Verteidigung. Es ist denkbar, daß er aus einer Welt kommt, in der der Begriff der Verteidigung völlig unerheblich ist.«

»Da Sie mir nicht zugehört haben«, sagte Barnes, »will ich es gerne wiederholen. Verteidigung ist eine Grundtatsache des Lebens. Wenn dieser Jerry lebt, hat er auch eine Vorstellung von Verteidigung.«

»O Mann«, sagte Ted. »Jetzt erheben Sie Ihren Begriff von Verteidigung schon zu einem universalen Lebensgrundsatz -Verteidigung als unerläßliches Merkmal des Lebens.«

»Ist sie das etwa nicht?« fragte Barnes. »Als was würden Sie denn eine Zellmembran ansehen? Und ein Immunsystem? Wie würden Sie Ihre Haut bezeichnen? Und was ist mit Wundheilung? Jedes Lebewesen muß sich um die Unversehrtheit seiner körperlichen Grenzen kümmern. Das ist Verteidigung, und ohne sie ist kein Leben möglich. Wir können uns kein Geschöpf ohne eine körperliche Begrenzung vorstellen, die es verteidigt. Jedes Lebewesen weiß etwas von Verteidigung, das kann ich Ihnen versichern. Jetzt fragen Sie ihn schon.«

»Ich würde sagen, daß der Captain damit nicht unrecht hat«, sagte Beth.

»Vielleicht«, sagte Ted, »aber welchen Sinn hätte es, Begriffe einzuführen, die zur Paranoia führen könnten -«

»Ich führe hier das Kommando«, sagte Barnes.

Auf dem Bildschirm erschien: IST EURE REISE JETZT WEIT VON EUREM ORT?

»Sagen Sie ihm, er soll einen Augenblick warten.«

Ted gab ein: WARTE BITTE. WIR REDEN.

ICH REDE AUCH. ICH BIN ENTZÜCKT, MIT VIELFACHWESEN AUS MADE IN THE USA SPRECHEN. ICH GENIESSE DAS RICHTIG.

VIELEN DANK.

ICH FREUE MICH, IN VERBINDUNG MIT EUREN WESEN ZU SEIN. ICH BIN GLÜCKLICH MIT EUCH REDEN. ICH GENIESSE DAS RICHTIG.

»Wir sollten aus der Leitung gehen«, sagte Barnes.

Auf dem Bildschirm erschien: BITTE NICHT AUFHÖREN. ICH GENIESSE DAS RICHTIG.

Ich kann verstehen, dachte Norman, daß er nach dreihundert Jahren der Isolation mit jemandem reden möchte. Oder war es gar noch länger gewesen? War dieses Wesen womöglich Jahrtausende im Weltraum umhergetrieben, bevor das Raumschiff es an Bord genommen hatte?

Damit stellte sich für Norman eine ganze Reihe von Fragen. Sofern das außerirdische Wesen Gefühlen zugänglich war -und es sah ganz danach aus -, gab es die Möglichkeit von allerlei abweichenden Gefühlsreaktionen, einschließlich Neurosen und sogar Psychosen. Die meisten Menschen entwickeln ziemlich bald eine erkennbare Verstörung, wenn man sie isoliert. Diese außerirdische Intelligenz ist jahrhundertelang isoliert gewesen. Was war ihr in dieser Zeit widerfahren? War sie neurotisch geworden? War sie deswegen jetzt kindisch und fordernd?

NICHT AUFHÖREN. ICH GENIESSE DAS RICHTIG.

»Wir müssen das abbrechen, verdammt noch mal«, sagte Barnes.

Ted gab ein: WIR HÖREN JETZT AUF, UM UNTER UNSEREN WESEN ZU REDEN.

AUFHÖREN IST NICHT NÖTIG. ICH WILL NICHT AUFHÖREN.

Norman glaubte, einen quengelnden und gereizten, wenn nicht sogar ein wenig herrischen Ton in dieser Mitteilung zu entdecken. >Ich will nicht aufhören<. Der Außerirdische gebär-dete sich wie Ludwig XIV.

FÜR UNS IST ES NÖTIG, gab Ted ein.

ICH WILL ES NICHT.

FÜR UNS IST ES NÖTIG, JERRY.

ICH VERSTEHE.

Der Bildschirm wurde schwarz.

»Schon besser«, sagte Barnes. »Jetzt sollten wir uns erst mal zusammensetzen und unser Vorgehen festlegen. Was wollen wir diesen Kerl fragen?«

»Ich glaube, wir sollten uns darüber klar werden«, sagte Norman, »daß er auf unsere Interaktion emotional reagiert.«

»Was bedeutet das?« fragte Beth interessiert.

»Daß wir in unserem Umgang mit ihm die emotionale Seite einkalkulieren müssen.«

»Wollen Sie ihn der Psychoanalyse unterziehen?« fragte Ted. »Ihn auf die Couch legen und rauskriegen, warum er eine unglückliche Kindheit hatte?«

Norman unterdrückte nur mit Mühe seinen Zorn. Ted sieht nicht nur aus wie ein kleiner Junge, er benimmt sich auch so, dachte er. »Nein, Ted. Aber wenn Jerry wirklich Emotionen hat, wäre es ratsam, den psychologischen Aspekt seiner Reaktionen zu berücksichtigen.«

»Ich möchte Sie nicht kränken«, sagte Ted, »aber ich persönlich sehe nicht, was die Psychologie in dieser Hinsicht zu bieten hätte. Sie ist keine Wissenschaft, sondern eine Art Aberglaube oder Religion. Sie verfügt einfach weder über gute Theorien, noch über nennenswertes belegbares Faktenmaterial. Alles ist so schwammig. Dieses Schwergewicht auf Emotionen - über die können Sie alles mögliche sagen, und niemand kann Ihnen das Gegenteil beweisen. Als Astrophysiker halte ich Emotionen nicht für besonders wichtig. Ich glaube nicht, daß sie eine große Rolle spielen.«

»Was Sie da sagen, würden sicher zahlreiche Intellektuelle unterschreiben«, sagte Norman.

»Ja. Nun«, sagte Ted, »und hier haben wir es mit einem höheren Intellekt zu tun, nicht wahr?«

»Im allgemeinen«, sagte Norman, »halten solche Menschen ihre Emotionen, also ihre seelischen Regungen, für unwichtig, die kein Verhältnis zu ihnen haben.«

»Soll das heißen, daß ich zu meinen Emotionen kein Verhältnis habe?« fragte Ted.

»Sofern Sie sie für unwichtig halten, soll es genau das heißen, ja.«

»Können wir den Streit vertagen?« fragte Barnes.

»Nichts ist, was das Denken nicht dazu macht«, sagte Ted.

»Warum sagen Sie nicht einfach, was Sie selbst meinen«, sagte Norman ärgerlich, »und hören auf, andere zu zitieren?«

»Das ist ein persönlicher Angriff«, sagte Ted.

»Nun, zumindest habe ich die Bedeutung Ihres Fachgebiets nicht in Frage gestellt«, sagte Norman, »obwohl es mich keine große Mühe kosten würde. Astrophysiker neigen dazu, sich auf das weitab liegende Universum zu konzentrieren, um der Wirklichkeit des eigenen Lebens auszuweichen. Da sich in der Astrophysik nichts je endgültig beweisen läßt -«

»Erstunken und erlogen«, sagte Ted.

»Schluß! Das genügt!« rief Barnes und schlug mit der Faust auf den Tisch. Ein unbehagliches Schweigen breitete sich aus.

Norman war immer noch wütend, aber er war auch peinlich berührt. Ted hat einen wunden Punkt getroffen, dachte er. Nun hat er es doch noch geschafft, und noch dazu auf die einfachste mögliche Weise - indem er mein Fachgebiet angegriffen hat. Norman überlegte, warum das funktioniert hatte. Während all der Jahre an der Universität hatte er mit anhören müssen, wie ihm Vertreter der >exakten< Wissenschaften - Physiker und Chemiker - immer wieder geduldig erklärten, daß es mit der Psychologie nicht weit her sei. Gleichzeitig brachten diese Männer Scheidung auf Scheidung hinter sich, während ihre Frauen Verhältnisse hatten und ihre Kinder Selbstmord begingen oder drogenabhängig wurden. Er hatte es längst aufgegeben, auf solche Anwürfe zu reagieren.

Doch Ted hatte einen wunden Punkt getroffen.

»- und mit wichtigeren Dingen beschäftigen«, sagte Barnes gerade. »Die Frage ist: Was wollen wir von diesem Burschen wissen?«

WAS WOLLEN WIR VON DIESEM BURSCHEN WISSEN?

Sie starrten auf den Bildschirm.

»O-ho«, sagte Barnes.

OHO.

»Ob das bedeutet, was ich vermute?«

OB DAS BEDEUTET WAS ICH VERMUTE?

Ted schob sich von der Tastatur zurück. Er fragte laut: »Jerry, kannst du verstehen, was ich sage?«

JA TED.

»Großartig«, sagte Barnes und schüttelte den Kopf. »Einfach großartig.«

ICH BIN AUCH GLÜCKLICH.

Verhandlungen mit einem Außerirdischen

»Norman«, sagte Barnes, »haben Sie nicht in Ihrem Bericht dieses Problem behandelt - ich meine die Möglichkeit, daß ein Außerirdischer unsere Gedanken lesen kann?« »Ich habe sie mit angesprochen«, erwiderte Norman. »Und was haben Sie empfohlen?«

»Nichts. Das Außenministerium hatte von mir verlangt, diese Eventualität als eine von vielen zu erwähnen, und das habe ich getan.«

»Und keine Empfehlungen ausgesprochen?« »Nein«, sagte Norman. »Offen gestanden habe ich das Ganze damals für einen Witz gehalten.«

»Es ist aber keiner«, sagte Barnes. Er setzte sich schwer auf seinen Stuhl und starrte auf den Bildschirm. »Was, zum Teufel, machen wir jetzt?«

HABT KEINE ANGST.

»Nett von ihm, das zu sagen, wo er mithören kann, worüber wir reden.« Er sah auf den Bildschirm. »Hörst du jetzt zu, Jerry?«

JA HAL.

»Wir sitzen in der Klemme«, sagte Barnes.

»Ich halte das für eine aufregende Entwicklung«, sagte Ted.

»Jerry, kannst du unsere Gedanken lesen?« fragte Norman.

JA NORMAN.

»Du liebe Zeit«, stöhnte Barnes. »Auch das noch.«

Vielleicht kann er es gar nicht, dachte Norman. Er runzelte die Stirn, während er sich konzentrierte und dachte: Jerry, kannst du mich hören?

Der Bildschirm blieb leer.

Jerry, sag mir deinen Namen.

Der Bildschirm reagierte nicht.

Vielleicht ein Bild, dachte Norman. Vielleicht kann er Bilder empfangen. Norman überlegte, was er sich vorstellen sollte, verfiel erst auf einen tropischen Sandstrand, dann eine Palme. Das Bild der Palme war leicht verständlich, aber, dachte er dann, Jerry weiß vielleicht nicht, was eine Palme ist, und das Bild sagt ihm nichts. Norman überlegte, daß er möglichst etwas aus Jerrys Erfahrungsbereich wählen sollte und beschloß, sich einen Planeten mit Ringen vorzustellen, ähnlich wie Saturn. Er legte die Stirn in Falten: Jerry, ich sende dir jetzt ein Bild. Sag mir, was du siehst.

Er konzentrierte sich auf das Bild des Saturn, eine leuchtend gelbe Kugel mit einem geneigten Ringsystem, die in der Schwärze des Weltraums hing, hielt es etwa zehn Sekunden lang fest und sah dann auf den Bildschirm.

Der Bildschirm reagierte nicht.

Jerry, bist du da?

Der Bildschirm reagierte immer noch nicht.

»Jerry, bist du da?« fragte Norman.

JA NORMAN. ICH BIN HIER.

»Ich schlage vor, wir reden nicht mehr in diesem Raum«, sagte Barnes, »vielleicht, wenn wir in eine andere Röhre gehen und dort das Wasser laufen lassen ...«

»Wie in Spionagefilmen?«

»Es ist den Versuch wert.«

»Ich finde«, sagte Ted, »daß wir uns damit Jerry gegenüber nicht anständig verhalten. Warum sagen wir es ihm nicht einfach, daß er nicht in unsere Privatsphäre eindringen soll? Wir könnten ihn doch darum bitten.«

ICH MÖCHTE NICHT EINDRINGEN.

»Seien wir ehrlich«, sagte Barnes, »dieser Bursche weiß eine ganze Menge mehr über uns, als wir über ihn.«

JA ICH WEISS VIELE DINGE ÜBER EURE WESEN.

»Jerry«, sagte Ted.

JA TED. ICH BIN HIER.

»Laß uns bitte allein.«

DAS WILL ICH NICHT, ICH SPRECHE GERN MIT EUCH. ICH BIN FROH MIT EUCH ZU SPRECHEN. WIR WOLLEN JETZT SPRECHEN. ICH WILL ES.

»Ganz offenkundig ist er nicht bereit, auf die Stimme der Vernunft zu hören«, sagte Barnes.

»Jerry«, sagte Ted, »du mußt uns eine Weile allein lassen.«

NEIN. DAS GEHT NICHT. ICH BIN DAGEGEN. NEIN!

»Jetzt läßt der Halunke die Katze aus dem Sack«, sagte Barnes.

Wie ein Kind auf einem Königsthron, dachte Norman. »Lassen Sie mich mal.«

»Aber gern.«

»Jerry«, sagte Norman.

JA NORMAN. ICH BIN HIER.

»Jerry, es ist sehr aufregend für uns, mit dir zu sprechen.«

DANKE. AUCH ICH BIN GANZ AUFGEREGT.

»Jerry, wir finden, daß du ein faszinierendes und großartiges Wesen bist.«

Barnes rollte die Augen und schüttelte den Kopf.

DANKE NORMAN.

»Und wir möchten viele, viele Stunden mit dir sprechen, Jerry.«

GUT.

»Wir bewundern deine Begabung und deine Fähigkeiten.«

DANKE.

»Und wir wissen, daß du sehr viel weißt und erstaunlich viel verstehst.«

SO IST ES NORMAN. JA.

»Jerry, bei deiner großen Intelligenz weißt du sicher, daß wir Wesen sind, die miteinander reden müssen, ohne daß du zuhörst. Das Erlebnis, mit dir zusammenzutreffen, ist für uns etwas völlig Neues, und wir müssen über vieles miteinander sprechen.«

Barnes schüttelte den Kopf.

AUCH ICH HABE VIEL ZU BEREDEN. ICH GENIESSE ES MIT EUREN WESEN ZU SPRECHEN NORMAN.

»Ja, ich weiß, Jerry. Aber bei deiner Weisheit ist dir sicher auch klar, daß wir allein reden müssen.«

HABT KEINE ANGST.

»Das haben wir nicht, Jerry. Aber wir fühlen uns unbehaglich.«

FÜHLT EUCH NICHT UNBEHAGLICH.

»Wir können nichts dafür, Jerry ... So sind wir nun einmal.«

MIR GEFÄLLT ES SEHR MIT EUREN WESEN ZU SPRECHEN NORMAN. ICH BIN GLÜCKLICH. BIST DU AUCH GLÜCKLICH?

»Ja, sehr glücklich, Jerry. Aber sieh bitte ein, wir müssen -«

GUT. DAS FREUT MICH.

»- wir müssen allein miteinander sprechen. Bitte hör eine Weile nicht zu.« BIN ICH EUCH GEKRÄNKT?

»Nein, du bist sehr freundlich und reizend. Aber wir müssen eine Weile allein miteinander reden, ohne daß du zuhörst.«

ICH VERSTEHE. IHR BRAUCHT DAS. ICH WILL DASS IHR BEHAGLICHKEIT HABT MIT MIR NORMAN. ICH GEWÄHRE EUCH WAS IHR BEGEHRT. »Danke, Jerry.«

»Sind Sie sicher«, sagte Barnes, »daß er es tut?« NACH EINER KURZEN PAUSE IN DER WIR IHNEN WERBUNG BRINGEN MELDEN WIR UNS WIEDER. Damit wurde der Bildschirm dunkel. Wider Willen mußte Norman lachen.

»Nicht zu fassen«, sagte Ted. »Er muß Fernsehsignale aufgefangen haben.« »Das kann man unter Wasser nicht.« »Wir nicht. Aber er, wie's aussieht.«

»Bestimmt hört er noch immer zu. Da bin ich ganz sicher. Jerry, bist du da?« sagte Barnes. Der Bildschirm blieb dunkel. »Jerry?« Keine Reaktion. »Er ist fort.«

»Nun«, sagte Norman. »Sie haben gerade miterlebt, welche Macht angewandte Psychologie hat.« Er konnte sich diesen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen. Sein Ärger über Ted war noch nicht verraucht. »Es tut mir leid«, begann Ted. »Ist schon okay.«

»Aber ich glaube trotzdem, daß Emotionen für einen höheren Intellekt keine wirkliche Bedeutung haben.« »Nicht schon wieder«, bat Beth.

»Es geht in Wirklichkeit darum«, sagte Norman, »daß Emotionen und Intellekt in keinerlei Beziehung zueinander stehen. Sie operieren wie voneinander unabhängige Hirnzentren, man könnte sogar sagen - wie separate Gehirne, und das eine kann mit dem anderen nicht in Kontakt treten. Daher ist intellektuelles Verstehen so sinnlos.«

Ted fragte: »Intellektuelles Verstehen ist sinnlos?« Es klang entsetzt.

»In vielen Fällen ja«, sagte Norman. »Kann jemand radfahren, nur weil er in einem Buch eine Beschreibung des Radfahrens gelesen hat? Nein. Man kann noch so viel darüber lesen -irgendwann muß man doch raus auf die Straße und radfahren lernen. Der Teil des Gehirns, der radfahren lernt, ist ein anderer als der, der darüber liest.«

»Was hat das mit Jerry zu tun?« fragte Barnes.

»Wir wissen«, sagte Norman, »daß kluge Menschen in Gefühlsdingen genauso leicht Fehler machen wie andere auch. Sofern Jerry wirklich ein Geschöpf mit Gefühlen ist - und es nicht nur zu sein vorgibt -, müssen wir uns mit seiner intellektuellen Seite genauso gründlich beschäftigen wie mit seiner emotionalen.«

»Ihnen kommt das ja ganz gelegen«, sagte Ted.

»Eigentlich nicht«, sagte Norman. »Ehrlich gesagt wäre ich weit glücklicher, wenn Jerry nichts wäre als kalter, gefühlloser Intellekt.«

»Wieso das?«

»Angenommen«, sagte Norman, »Jerry ist zugleich mächtig und emotional, dann ergibt sich daraus die Frage: Was passiert eigentlich, wenn er ausflippt?«

Levy

Die Gruppe ging auseinander. Harry legte sich, von der Anstrengung des langwierigen Dekodierens erschöpft, gleich schlafen. Ted begab sich in Röhre C, um seine persönlichen Eindrücke von Jerry für das Buch, das er schreiben wollte, auf Band zu sprechen. Barnes und Fletcher zogen sich in Röhre E zurück; sie wollten einen Schlachtplan für den Fall eines Angriffs durch den Außerirdischen entwerfen.

Tina blieb noch einen Augenblick und stellte in ihrer präzisen und methodischen Art die Bildschirme ein. Norman und Beth sahen ihr dabei zu. Eine ganze Weile hantierte Tina an Geräten, die Norman bisher nicht aufgefallen waren. Er bemerkte eine Reihe rot glimmender Plasma-Bildschirme.

»Was ist das?« fragte Beth.

»Unser ASSE - die Außen-Sicherungs-Sensoren-Einrichtung. In konzentrischen Kreisen haben wir rund um das ganze Habitat aktive und passive Melder aufgestellt, die auf alles mögliche - Wärme, Schall, Druckwellen - reagieren. Captain Barnes will, daß ich sie alle neu einstelle und aktiviere.«

»Wozu?« fragte Norman.

»Ich weiß nicht, Sir. So lauteten seine Befehle.«

In der Sprechanlage knackte es. Barnes sagte: »Matrose Chan, sofort in Röhre E. Und unterbrechen Sie die Leitung hierher. Ich will nicht, daß dieser Jerry uns zuhört.«

»Ja, Sir.«

»Paranoider Dummkopf«, sagte Beth.

Tina nahm ihre Papiere und eilte davon.

Norman saß eine Weile schweigend neben Beth. Von irgendwoher im Habitat ertönte das gleichmäßige Schlagen, wurde kurz unterbrochen und begann dann erneut.

»Was ist das bloß?« fragte Beth. »Klingt ganz so, als käme es von irgendwo aus dem Inneren des Habitats.« Sie trat ans Bullauge, sah hinaus und schaltete die Außenscheinwerfer ein. »Oh, nein«, sagte sie.

Norman trat neben sie und sah ebenfalls hinaus.

Auf den Meeresboden fiel ein länglicher Schatten, der sich bei jedem dumpfen Schlag vor und zurück bewegte. Er war so verzerrt, daß es einen Augenblick dauerte, bis Norman begriff, was er da sah: den Schatten des Arms und der Hand eines Menschen.

»Captain Barnes. Sind Sie da?«

Keine Antwort. Norman drückte erneut den Knopf der Sprechanlage.

»Captain Barnes, hören Sie mich?«

Immer noch keine Antwort.

»Die Leitung ist abgeschaltet«, sagte Beth. »Er kann dich nicht hören.«

»Meinst du, der Mensch da draußen lebt noch?« fragte Norman.

»Ich weiß nicht. Möglich.«

»Also nichts wie hin«, sagte Norman.

Als er sich durch die Bodenluke in die Dunkelheit hinabgleiten ließ und seine Füße den weichen Schlammboden berührten, spürte er den trockenen Metallgeschmack des Heliox in seinem Helm und die lähmende Kälte des Wasser. Augenblicke später landete Beth unmittelbar hinter ihm.

»Alles in Ordnung?« fragte sie.

»Na klar.«

»Ich sehe keine Quallen mehr«, sagte sie.

»Ich auch nicht.«

Sie traten unter der Röhre hervor, wandten sich um und blickten zurück. Die Außenbeleuchtung des Habitats verbreitete strahlende Helligkeit. Weiter oben verschwammen die Umrisse der Röhren im Zwielicht. Beth und Norman hörten das gleichmäßige Schlagen jetzt zwar deutlich, konnten aber immer noch nicht ausmachen, woher es kam. Sie gingen unter den Trägern hindurch auf die andere Seite des Habitats und blinzelten ins Licht.

»Da«, sagte Beth.

Drei Meter über ihnen hing eine blau gekleidete Gestalt, eingeklemmt in den Winkel einer Trägerkonsole. Sie bewegte sich sacht in der Strömung, wobei der leuchtend gelbe Helm in regelmäßigen Abständen gegen die Wandung der Habitatröhre schlug.

»Kannst du sehen, wer das ist?« fragte Beth.

»Nein.« Die Strahler blendeten ihn.

Norman kletterte auf eine der schweren Stützen, mit denen das Habitat auf dem Meeresboden verankert war. Das Metall war mit glitschigen braunen Algen bedeckt. Er glitt mit seinen Stiefeln immer wieder daran ab, bis er Einkerbungen bemerkte, die seinen Füßen Halt boten. Sie erleichterten ihm das Klettern.

Jetzt pendelten die Füße der Gestalt unmittelbar über seinem Kopf. Als er die nächste Stufe erklomm, verfing sich einer der Stiefel in dem Luftschlauch, der die Stahlflasche auf seinem Rücken mit seinem Helm verband. Norman griff nach hinten, um sich von dem Körper über ihm zu befreien. Plötzlich begann dieser zu zittern. Einen schrecklichen Augenblick lang dachte Norman, der Mensch lebe noch. Doch dann hielt er mit einemmal den Stiefel in der Hand, und ein nackter Fuß -graues Fleisch, lila Zehennägel - stieß gegen sein Helmvisier. Den Ekel, der in ihm aufstieg, überwand er rasch: Norman hatte zu viele Flugzeugabstürze vor Ort untersucht, als daß ihn so etwas nachhaltig hätte beeindrucken können. Er ließ den Stiefel los und sah ihm nach, wie er zu Beth hinabsank. Er zog an einem Bein, es fühlte sich weich an. Der Körper löste sich aus dem Winkel der Verstrebung und glitt sanft abwärts. Norman ergriff ihn an der Schulter und spürte erneut etwas Weiches, drehte ihn um, damit er das Gesicht sehen konnte.

»Es ist Levy.«

Ihr Helm war voll Wasser, hinter dem Visier blickten die Augen starr, der Mund stand offen, und auf dem Gesicht lag ein Ausdruck des Entsetzens.

»Ich hab sie«, sagte Beth und zog den Körper zu sich herunter. Und dann: »Oh, mein Gott.«

Norman kletterte die Stütze hinunter, während Beth die Leiche ins Licht zog.

»Sie fühlt sich ganz weich an. Als wären ihr alle Knochen im Leibe gebrochen.«

»Ich weiß.« Mit schwerfälligen Bewegungen trat er neben Beth. Er empfand eine merkwürdige Distanziertheit, war seltsam kalt und teilnahmslos. Diese junge Frau hatte er gekannt; noch vor kurzem hatte sie gelebt; jetzt war sie tot. Doch es kam ihm vor, als beobachte er all das aus großer Ferne.

Er drehte den Leichnam um. Der Anzug hatte an der linken Seite einen langen Riß. Norman sah rotes zerfetztes Fleisch. Er beugte sich tiefer, um es näher in Augenschein zu nehmen. »Ein Unfall?«

»Glaube ich nicht«, sagte Beth.

»Hier. Halt du sie mal.« Norman hob die Ränder des Anzugmaterials an. Einige Risse trafen in einem Mittelpunkt aufeinander. »Der Riß ist sternförmig«, sagte er. »Siehst du?«

Sie trat zurück. »Ja.«

»Worauf könnte so was zurückgehen, Beth?«

»Ich - ich bin nicht sicher.«

Beth trat weiter zurück. Norman betrachtete die Wunde unter dem Riß genauer. »Das Fleisch ist aufgelöst«, sagte er.

»Aufgelöst?«

»Zerkaut.«

»Ach Gott.«

>Zerkaut< trifft den Nagel auf den Kopf, dachte er, als er die Wunde betastete. Sie war ungewöhnlich: Das Fleisch zeigte feine, sägeförmige Auszackungen. Dünne, blaßrote Blutfäden stiegen dicht vor seinem Visier auf.

»Laß uns umkehren«, bat Beth.

»Augenblick noch.« Norman preßte Beine, Hüften und Schultern des Leichnams. Überall war der Körper weich wie ein Schwamm. Auf irgendeine Weise war das Skelett nahezu vollständig zermalmt worden. Er konnte die Beinknochen ertasten, die an vielen Stellen gebrochen waren. Was hatte sich hier abgespielt? Er beschäftigte sich erneut mit der Wunde.

»Mir ist es hier draußen unheimlich«, sagte Beth.

»Nur noch eine Sekunde.«

Zuerst hatte er an eine Art Bißwunde gedacht, jetzt aber war er nicht mehr sicher. »Es ist«, sagte er, »als wäre eine grobe Feile über ihre Haut gegangen -«

Er riß erschrocken den Kopf zurück, als vor seinem Visier ein kleiner weißer Gegenstand ins Blickfeld kam. Sein Herz raste bei der Vorstellung, es könnte eine Qualle sein - doch dann sah er, daß es vollkommen rund und fast undurchsichtig war. Es hatte etwa die Größe eines Golfballs und glitt an ihm vorbei.

Er sah sich um. Um sie herum trieben dünne Schleimwölkchen und eine Unmenge weißer Kugeln.

»Was ist das, Beth?«

»Eier.« Er hörte über den Kopfhörer, wie sie langsam und tief atmete. »Laß uns hier verschwinden, Norman. Bitte.«

»Gleich.«

»Nein, Norman. Sofort.«

Über das Funkgerät hörten sie, wie Alarm schrillte. Er klang fern und blechern und schien aus dem Inneren des Habitats zu kommen. Sie hörten Stimmen, und dann fragte Barnes sehr laut: »Was zum Teufel treiben Sie da draußen?«

»Wir haben Levy gefunden, Hal«, sagte Norman.

»Kommen Sie sofort wieder rein, verdammt noch mal«, befahl Barnes. »Die Sensoren haben angesprochen. Sie sind da draußen nicht allein - und was immer da bei Ihnen ist, es ist verdammt groß.«

Norman fühlte sich benommen, er reagierte verlangsamt. »Was ist mit Levys Leiche?«

»Lassen Sie sie liegen, und kommen Sie sofort zurück!«

Aber das geht doch nicht, dachte es zäh in ihm. Sie mußten etwas tun, konnten die Leiche nicht einfach schweben lassen.

»Was ist mit Ihnen los, Norman?« fragte Barnes.

Norman murmelte etwas und spürte undeutlich, daß Beth entschlossen seinen Arm ergriff und ihn zum Habitat zurückführte. Im Wasser schwebte jetzt eine dichte Wolke weißer Eier. Der schrille Alarm machte ihn fast taub. Dann begriff er: Das war ein neuer Alarm, diesmal in seinem Tauchanzug.

Er begann zu zittern. Seine Zähne klapperten, er konnte nichts dagegen unternehmen. Er versuchte zu sprechen, biß sich aber auf die Zunge, schmeckte Blut. Er fühlte sich töricht und unbeholfen. Alles geschah wie in Zeitlupe.

Während sie sich dem Habitat näherten, sah er, daß die Eier dicht an dicht auf den Röhren klebten und dort eine höckrige weiße Schicht bildeten.

»Los!« brüllte Barnes. »Vorwärts! Es kommt hierher!«

Sie waren unter der Luftschleuse, und er spürte einen starken Sog. Da draußen mußte irgend etwas Riesiges sein, dachte er. Weiter kam er nicht, denn er wurde bereits von Beth nach oben gedrückt, wo Fletchers starke Arme ihn in Empfang nahmen. Einen Augenblick später war auch Beth in Sicherheit. Jemand schlug die Luke zu. Der Helm wurde Norman abgenommen, und er registrierte noch das Heulen der Alarmsirenen. Dann überfiel ihn am ganzen Körper ein heftiges Zittern. Sie zogen ihm den Taucheranzug aus, wickelten ihn in eine silbrig glänzende Decke und hielten ihn fest, bis das Zittern nachließ und schließlich aufhörte. Trotz des Alarms schlief er unvermittelt ein.

Militärische Erwägungen

»Weil es nicht Ihre verdammte Aufgabe ist, deshalb!« schimpfte Barnes. »Sie hatten da draußen nichts zu suchen. Verstanden?«

»Levy hätte aber doch noch am Leben sein können«, wandte Beth ein. Barnes' Zorn ließ sie kalt.

»Sie war es aber nicht, und indem Sie rausgegangen sind, haben Sie unnötig das Leben zweier Zivilisten aufs Spiel gesetzt, die der Expedition angehören.«

»Es war mein Einfall, Hal«, sagte Norman. Er war noch immer in Decken gewickelt, fühlte sich aber besser, nachdem er eine Weile geruht und man ihm heiße Getränke eingeflößt hatte.

»Und Sie«, sagte Barnes, »können von Glück sagen, daß Sie überhaupt noch leben.«

»Vermutlich«, sagte Norman. »Aber ich weiß nicht, was los war.«

»Das will ich Ihnen sagen«, sagte Barnes und wedelte ihm mit einem kleinen Ventilator vor der Nase herum. »Der Luft-verwirbler in Ihrem Anzug ist ausgefallen, und Sie haben durch das Helium eine Unterkühlung erlitten. Noch ein paar Minuten, und Sie wären tot gewesen.«

»Es ging alles so schnell«, sagte Norman, »ich habe gar nicht gewußt -«

»Himmelkreuzdonnerwetter«, schimpfte Barnes, »eins möchte ich mal klarstellen. Sie sind hier nicht auf einem Wissenschaftlerkongreß, und dies ist auch nicht das Unterwasser-Holiday Inn, wo jeder tun und lassen kann, was ihm paßt. Es handelt sich um eine militärische Operation, und Sie werden verdammt noch mal den militärischen Befehlen gehorchen. Ist das klar?«

»Das hier ist eine militärische Operation?« fragte Ted.

»Ja, jetzt ist es eine«, sagte Barnes.

»Augenblick mal, war sie das schon immer?«

»Jetzt ist es eine.«

»Sie haben meine Frage nicht beantwortet«, beharrte Ted. »Wenn es eine militärische Operation ist, finde ich, daß wir das wissen müssen. Ich persönlich möchte nichts zu tun haben mit einer -«

»- dann gehn Sie doch«, sagte Beth.

»- einer militärischen Operation, die -«

»Sehen Sie mal, Ted«, sagte Barnes. »Haben Sie eine Ahnung, was das hier die Navy kostet?«

»Nein, aber ich sehe auch nicht -«

»Ich will es Ihnen sagen. Eine solche Anlage hier kostet mit voller Unterstützung von oben ungefähr hunderttausend Dollar die Stunde. Bis wir alle wieder oben sind, werden sich die Kosten des Projekts auf achtzig bis hundert Millionen Dollar belaufen. Die Streitkräfte leisten sich den Luxus solcher Ausgaben nur, wenn mit einem >verwertbaren militärischen Nutzen< gerechnet werden darf. So einfach ist das. Ohne Nutzen kein Geld. Können Sie mir folgen?«

»Sie meinen so etwas wie eine Waffe?« fragte Beth.

»Möglicherweise«, sagte Barnes.

»Nun«, sagte Ted. »Ich persönlich hätte nie mitgemacht -«

»Ist das Ihr Ernst? Sie fliegen die ganze Strecke bis Tonga, und wenn ich gesagt hätte, >Ted, da unten liegt ein Raumschiff, möglicherweise mit Leben aus einer anderen Galaxie an Bord, aber es handelt sich um ein militärisches Unternehmen<, hätten Sie gesagt, >Ach, das ist aber schade. Da mache ich nicht mit

»Nun ...« sagte Ted.

»Dann halten Sie besser die Klappe«, schnaubte Barnes. »Ich hab es allmählich satt, wie Sie sich dauernd in den Vordergrund spielen.«

»Hört, hört«, spottete Beth.

»Ich persönlich glaube, Sie sind überreizt«, sagte Ted.

»Ich persönlich glaube, Sie sind ein egozentrisches Arschloch«, konterte Barnes.

»Augenblick mal«, mischte sich Harry ein. »Weiß überhaupt jemand, was Levy da draußen wollte?«

»Der ZAA war fällig«, sagte Tina.

»Der was?«

»Der Zeitabhängige Ausstieg«, sagte Barnes. »Gehört zum Dienstplan. Levy war Edmunds' Stellvertreterin. Nach ihrem Tod war es Levys Aufgabe, alle zwölf Stunden zum Tauchboot zu gehen.«

»Zum Tauchboot? Warum denn das?« fragte Harry.

Barnes wies aus dem Bullauge. »Sehen Sie da hinten DH-7? Unter der Kuppel neben der einzelnen Röhre ist ein Tauchboot vertäut, das die Taucher zurückgelassen haben.

In einer Situation wie dieser«, fuhr Barnes fort, »verlangen die Vorschriften der Navy, daß alle zwölf Stunden sämtliche Bänder und sonstigen Aufzeichnungen zum Tauchboot gebracht werden. Es ist auf ZBAL geschaltet - Zeitgesteuerter Ballast-Abwurf und Lösen -, dessen Automatik alle zwölf Stunden auf einer Zeitschaltuhr neu eingestellt werden muß. Bringt also nicht alle zwölf Stunden jemand die neuesten Bänder hin und drückt auf den gelben Verzögerungsknopf, wirft das Tauchboot automatisch den Ballast ab, bläst an und steigt auf.«

»Warum das?«

»Für den Fall, daß es hier unten zu einer Katastrophe kommt - nehmen wir mal an, uns allen stieße etwas zu -, würde das Boot nach zwölf Stunden mit allen bis dahin angesammelten Bändern an Bord automatisch zur Oberfläche aufsteigen. Die Navy würde es bergen und wüßte zumindest teilweise, was hier unten vorgefallen ist.«

»Aha. Es ist also sozusagen unser Flugschreiber.«

»So in etwa. Aber es ist außerdem unser Fluchtmittel, unser

einziger Notausstieg.«

»Levy wollte also zum Tauchboot?«

»Ja, und sie muß es geschafft haben, denn es ist noch da.«

»Sie hat die Bänder an Bord gebracht, den Verzögerungsknopf gedrückt und ist auf dem Rückweg umgekommen.«

»So dürfte es gewesen sein.«

»Und wie ist sie gestorben?« fragte Harry. Dabei behielt er Barnes scharf im Auge.

»Wir wissen es nicht genau«, sagte Barnes.

»Ihr ganzer Körper war zermalmt«, sagte Norman. »Er fühlte sich an wie ein Schwamm.«

Harry wandte sich wieder an Barnes. »Vor einer Stunde haben Sie angeordnet, daß die ASSE-Sensoren neu eingestellt würden. Warum?«

»Wir hatten in der Stunde davor einen merkwürdigen Meßwert bekommen.«

»Wie sah der aus?«

»Irgend etwas war da draußen. Etwas Riesiges.«

»Aber es hat den Alarm nicht ausgelöst«, sagte Harry.

»Nein. Es muß so groß gewesen sein, daß es über die vorgegebenen Einstellwerte hinausging.«

»Wollen Sie damit etwa sagen, daß es zu groß war, um den Alarm auszulösen?«

»Ja. Nach dem ersten blinden Alarm hatten wir alle Einstellwerte verringert und die Alarmeinrichtungen neu justiert, damit sie auf so starke Auslösereize nicht mehr reagierten. Deswegen mußte Tina die Werte nachstellen.«

»Und was hat vorhin den Alarm ausgelöst?« fragte Harry. »Als Beth und Norman da draußen waren?«

»Tina?« fragte Barnes.

»Ich weiß nicht, was es war. Vermutlich irgendein Tier. Lautlos und groß.«

»Wie groß?«

Sie schüttelte den Kopf. »Dem elektronischen Fußabdruck nach würde ich sagen, das Ding war so groß wie das Habitat hier, Dr. Adams.«

Gefechtsstation

Beth schob ein rundes weißes Ei auf den Objektträger des Rastermikroskops. »Nun«, sagte sie, mit einem Auge am Okular, »es stammt mit Sicherheit von einem wirbellosen Meerestier. Das Interessante an ihm ist der schleimige Überzug.« Sie stieß es mit der Pinzette an.

»Was ist das eigentlich?« fragte Norman.

»Irgendein proteinartiges Material. Klebrig.«

»Nein. Ich meine, was ist das für ein Ei?«

»Das weiß ich noch nicht.« Beth wollte ihre Untersuchung gerade fortsetzen, als wieder der Alarm ertönte und die roten Lichter aufblitzten. Norman empfand mit einemmal Furcht.

»Wahrscheinlich wieder falscher Alarm«, sagte Beth.

»Achtung, an alle«, sagte Barnes über die Sprechanlage. »Alles auf Gefechtsstation.«

»Oh, Scheiße«, sagte Beth.

Sie rutschte die Leiter hinab - so gekonnt wie ein Feuerwehrmann an seiner Rutschstange. Norman folgte ihr ungeschickt. In der Befehlszentrale in Röhre D bot sich ihm ein vertrautes Bild: Alle umdrängten den Computer, dessen Verkleidung erneut abgenommen worden war. Immer noch blitzten die Lichter, schrillte die Sirene.

»Was ist los?« rief Norman.

»Fehler in der Anlage!«

»Was für einer?«

»Wir können den verdammten Alarm nicht abschalten!« brüllte Barnes. »Es hat ihn ausgelöst, und wir können nicht

abschalten! Teeny -«

»Ich bin dabei, Sir!«

Die kräftige Technikerin hockte hinter dem Computer, Norman sah die Wölbung ihres breiten Rückens.

»Schalten Sie das verdammte Ding ab!«

»Gleich, Sir!«

»Schalten Sie ab, ich kann nichts hören!«

Was will er hören? überlegte Norman, da stolperte Harry herein und stieß mit Norman zusammen. »Großer Gott ...«

»Notfall!« rief Barnes. »Notfall! Matrose Chan! Sonaror-tung!« Tina stand neben ihm, gelassen wie immer stellte sie die Nebenmonitore ein und setzte sich Kopfhörer auf.

Norman warf einen Blick auf den Video-Bildschirm, der die Kugel zeigte. Sie war geschlossen.

Beth trat an eins der Bullaugen und betrachtete aufmerksam die weiße Masse, die es bedeckte. Barnes tanzte wie ein Derwisch unter den aufblitzenden roten Lichtern, brüllte und fluchte in alle Richtungen.

Unvermittelt verstummten die Sirenen, erloschen die roten Lichter. Alle schwiegen. Fletcher richtete sich auf und seufzte.

»Ich dachte, Sie hätten das in Ordnung -« begann Harry.

»Pssst.«

Sie hörten das immer wiederkehrende leise Pang! der Unterwasser-Schallortungs-Impulse. Tina hielt die gewölbten Hände über die Kopfhörermuscheln und verzog angespannt das Gesicht.

Niemand rührte sich oder sprach. Alle lauschten aufmerksam auf die Sonarechos.

Barnes, der plötzlich völlig ruhig war, teilte der Gruppe mit: »Vor wenigen Minuten haben wir von draußen ein Signal empfangen. Es handelt sich um ein sehr großes Objekt.«

»Ich empfange es nicht mehr, Sir«, sagte Tina endlich.

»Schalten Sie um auf passiv.«

»Jawohl, Sir. Schalte um auf passiv.«

Anstelle der Sonarechos hörten sie jetzt ein leises Zischen. Tina regelte die Lautstärke nach.

»Unterwasser-Horchgerät?« fragte Harry leise.

Barnes nickte. »Hydrophon mit Polar-Glasüberträgern. Es gibt auf der ganzen Welt nichts Besseres.«

Alle horchten angestrengt, hörten aber nichts außer dem gleichmäßigen Zischen. Auf Norman wirkte es wie Bandrauschen, von gelegentlichem Gurgeln des Wassers unterbrochen. Wäre er nicht so angespannt gewesen, hätte ihn das Geräusch irritiert.

»Gerissener Hund«, sagte Barnes. »Er hat uns die Sicht genommen, indem er alle Bullaugen mit Schmiere bedeckt hat.«

»Das ist keine Schmiere«, sagte Beth. »Das sind Eier.«

»Ist doch piepegal - jedenfalls sitzt das Zeug auf jedem verdammten Bullauge des Habitats.«

Das Zischen dauerte unverändert an. Tina drehte an den Knöpfen des Unterwasser-Horchgeräts. Über die Lautsprecher kam jetzt ein unaufhörliches leises Knistern, als zerknittere jemand Zellophan.

»Was ist das?« fragte Ted.

»Fische. Sie fressen«, antwortete Beth.

Barnes nickte. Tina drehte weiter an den Knöpfen. »Ich regle es weg.« Erneut hörten sie nur das gleichmäßige Zischen. Die Spannung im Raum ließ nach. Norman fühlte sich plötzlich müde und ließ sich in einen Sessel fallen. Harry setzte sich neben ihn. Er wirkte auf Norman eher nachdenklich als besorgt. Gegenüber stand Ted in der Nähe der Luke und biß sich auf die Lippen. Er sah aus wie ein verängstigtes Kind.

Ein leises elektronisches Piepen ertönte. Auf den PlasmaBildschirmen sprangen Linien auf und ab.

»Ich habe eine Wärmereaktion im Außenbereich«, sagte Tina.

Barnes nickte. »Richtung?«

»Osten. Kommt näher.«

Sie hörten ein metallisches Klunk! Dann noch eins!

»Was ist das?«

»Die Planquadrate. Es stößt gegen das Meßgitter.«

»Stoßen ist gut. Das klingt, als risse es die Anlage nieder.«

Norman stellte sich das Netz der Planquadrate vor. Es bestand aus Rohren mit einem Durchmesser von nahezu acht Zentimetern.

»Ein großer Fisch? Ein Hai vielleicht?« fragte Beth.

Barnes schüttelte den Kopf. »Es bewegt sich nicht wie ein Fisch und ist auch für einen Hai viel zu groß.«

»Wärmereaktion im Innenbereich. Nähert sich immer noch«, sagte Tina.

»Schalten Sie um auf aktiv«, befahl Barnes.

Das Pang des Sonars hallte laut im Raum.

»Ziel gefunden. Hundert Meter«, sagte Tina.

»Bilden Sie es ab.«

»FAS eingeschaltet, Sir.«

Eine rasche Folge von Sonarechos ertönte: Pang! Pang! Pang! Pang! Pause. Dann wieder: Pang! Pang! Pang! Pang!

Norman sah verständnislos drein. Fletcher beugte sich zu ihm hinüber und flüsterte: »Eine Weiterentwicklung des Profil-Sonargeräts. Es setzt aus den von verschiedenen Sendern draußen kommenden Signalen ein genaues Bild zusammen, so daß man sich seinen Gegner genau anschauen kann.« Ihr Atem roch nach Alkohol. Woher mag sie ihn wohl haben? überlegte er.

Pang! Pang! Pang! Pang!

»Bild wird aufgebaut. Neunzig Meter.«

Pang! Pang! Pang! Pang!

»Bild fertig.«

Sie blickten auf die Bildschirme. Norman sah einen gestaltlosen streifigen Klecks. Er konnte nichts damit anfangen.

»Teufel noch mal«, sagte Barnes. »Sehen Sie nur, wie groß es ist!«

Pang! Pang! Pang! Pang!

»Achtzig Meter.«

Pang! Pang! Pang! Pang!

Ein weiteres Bild erschien auf den Bildschirmen. Jetzt hatte sich die Gestalt des Kleckses verändert, die Streifen verliefen in eine andere Richtung. Das Bild war an den Rändern schärfer. Norman konnte jedoch nach wie vor nichts damit anfangen. Ein großer Klecks mit Streifen ...

»Menschenskind! Das Ding muß ja zehn bis zwölf Meter im Durchmesser sein!« sagte Barnes.

»So groß ist kein Fisch auf der Welt«, sagte Beth.

»Und ein Wal?«

»Es ist kein Wal.«

Norman sah, daß Harry schwitzte. Harry nahm die Brille ab und wischte sie an seiner Kombination trocken. Dann setzte er sie wieder auf und schob sie auf den Nasenrücken. Sie rutschte erneut herab. Er sah Norman an und zuckte die Schultern.

»Fünfzig Meter, kommt näher«, meldete Tina.

Pang! Pang! Pang! Pang!

»Dreißig Meter.«

Pang! Pang! Pang! Pang!

»Dreißig Meter.«

Pang! Pang! Pang! Pang!

»Bleibt auf dreißig Meter, Sir.«

Pang! Pang! Pang! Pang!

»Behält denselben Abstand bei.«

»Auf passiv gehen.«

Erneut hörten sie das Zischen des Unterwasser-Horchgeräts. Dann ein deutlich hörbares Klicken. Normans Augen brannten. Schweiß war ihm in die Augenwinkel gelaufen. Er wischte sich die Stirn mit dem Ärmel. Auch die anderen schwitzten. Die Spannung war unerträglich. Wieder sah Norman auf den Videomonitor. Die Kugel war nach wie vor geschlossen.

Er hörte das Zischen des Unterwasser-Horchgeräts. Dann ein

leises Kratzen, als würde ein schwerer Sack über einen Dielenboden gezogen. Und wieder das Zischen.

»Wollen Sie das Bild noch mal?« flüsterte Tina.

»Nein«, sagte Barnes.

Sie lauschten. Erneut kam das kratzende Geräusch. Dann ein kurzer Augenblick der Stille, auf den das Gurgeln von Wasser folgte - sehr laut und sehr nahe.

»Achtung«, flüsterte Barnes. »Es ist jetzt unmittelbar neben uns.«

Sie hörten einen dumpfen Schlag gegen die Wandung des Habitats.

Auf dem Bildschirm erschienen die Worte: ICH BIN HIER.

Der erste Schlag kam unerwartet und warf sie um, so daß sie über den Boden rollten. Um sie herum knirschte und knarrte die ganze Konstruktion. Es klang erschreckend laut. Norman rappelte sich auf. Er sah noch, daß Fletcher an der Stirn blutete - dann kam der zweite Schlag. Er schleuderte Norman seitlich gegen das Schott. Hart schlug sein Kopf gegen das Metall, ihn durchfuhr ein stechender Schmerz. Barnes fiel auf ihn, knurrte und fluchte. In dem Bemühen, auf die Beine zu kommen, stieß Barnes mit der Hand in Normans Gesicht; Norman fiel erneut zu Boden, neben ihm schlug funkensprühend ein Videomonitor auf.

Das ganze Habitat schwankte wie bei einem Erdbeben. Sie hielten sich krampfhaft an Türrahmen, Computertischen und Wandverkleidungen fest, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Was aber Norman am meisten erschreckte, war das Geräusch - das unvorstellbar laute metallische Knirschen und Krachen der Röhren, die in ihren Verankerungen bebten.

Das Geschöpf erschütterte das gesamte Habitat.

Barnes befand sich jetzt an der gegenüberliegenden Wand und versuchte, sich zur Schott-Tür vorzuarbeiten. Er blutete aus einer Armwunde und schrie Befehle, doch außer dem entsetzlichen Geräusch, das klang, als werde Metall zerfetzt, konnte Norman nichts verstehen. Er sah, wie sich erst Fletcher und nach ihr Tina durch das Schott zwängten, gefolgt von Barnes, der einen blutigen Handabdruck auf dem Metall hinterließ.

Harry konnte er nicht sehen, aber Beth kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zugeschwankt und stammelte: »Norman! Norman! Wir müssen -« Dann fiel sie gegen ihn und brachte ihn zu Fall. Er rollte unter die Sitzbank, prallte gegen die kalte Außenwand der Röhre und stellte entsetzt fest, daß der Teppich boden naß war.

Das Habitat leckte!

Es mußte etwas geschehen. Er kam wieder auf die Füße und stand in einem feinen Sprühregen. Das Wasser trat durch eine der Wandnähte. Er sah sich um: Auch an anderen Stellen gab es Lecks, an der Decke, an den Wänden.

Nicht lange, und die Röhre bricht in Stücke, dachte Norman.

Beth hielt sich an ihm fest und schrie dicht an seinem Ohr: »Wir haben ein Leck!«

»Ich weiß«, sagte Norman. In demselben Augenblick brüllte Barnes über die Sprechanlage: »Druckaufbau! Druck aufbauen!« Norman sah Ted auf dem Boden liegen, unmittelbar bevor er über ihn stolperte und schwer gegen den Computertisch schlug. In nächster Nähe vor seinem Gesicht leuchteten riesig die Buchstaben: HABT KEINE ANGST.

»Jerry!« schrie Ted. »Schluß damit, Jerry! Jerry!«

Mit einemmal tauchte neben Ted Harrys Gesicht auf, die Brille schief auf der Nase. »Sparen Sie sich die Mühe. Er bringt uns alle um!«

»Er versteht nicht«, rief Ted, während er mit wild rudernden Armen rückwärts auf die Sitzbank fiel.

Das ohrenbetäubende Knirschen von Metall auf Metall wollte nicht aufhören. Die Stöße warfen Norman von einer Seite zur anderen. Er versuchte, sich auf den Beinen zu halten,

konnte aber mit seinen nassen Händen keinen Halt finden.

»Achtung«, sagte Barnes über die Sprechanlage. »Chan und ich gehen raus! Fletcher übernimmt das Kommando!«

»Gehen Sie nicht raus!« rief Harry. »Gehen Sie bloß nicht da raus!«

»Wir öffnen jetzt die Luke«, sagte Barnes lakonisch. »Tina, Sie folgen mir.«

»Es wird Sie umbringen!« rief Harry, dann taumelte er gegen Beth. Norman stürzte erneut zu Boden und schlug sich den Kopf an einem der Beine der Sitzbank.

»Wir sind draußen«, sagte Barnes.

Unvermittelt hörte der Lärm auf. Das Habitat lag still, und die Menschen in seinem Inneren verharrten bewegungslos in den merkwürdigsten Stellungen. Während durch ein Dutzend winziger Lecks Wasser hereinsprühte, blickten sie unverwandt auf den Lautsprecher der Sprechanlage und warteten.

»Wir sind von der Luke weg«, sagte Barnes. »Unsere Ausgangsposition ist günstig. Unsere Bewaffnung besteht aus Harpunen J-9 mit Taglin-50-Sprengköpfen. Wir werden es dem Schweinehund schon zeigen.«

Stille.

»Wasser ... schlechte Sicht. Weniger als ein Meter fünfzig. Wohl aufgewirbelte . Ablagerungen vom Boden und . sehr dunkel, geradezu schwarz. Wir tasten uns an den Röhren entlang.«

Stille.

»Nordseite. Wir gehen jetzt nach Osten. Tina?«

Stille.

»Tina?«

»Hinter Ihnen, Sir.«

»In Ordnung. Legen Sie die Hand auf meine Luftflasche, damit Sie - gut so.«

Stille.

Drinnen seufzte Ted. »Ich finde, sie sollten es nicht umbringen«, sagte er leise.

Das wird ihnen auch kaum gelingen, dachte Norman.

Sie lauschten auf Barnes' und Tinas Atemstöße, die von der Sprechanlage verstärkt wiedergegeben wurden.

»Nordost-Ecke ... - alles in Ordnung. Spüre starke Strömung, Wasser bewegt sich . etwas ist in der Nähe . kann nichts sehen ... Sicht unter ein Meter fünfzig. Kann kaum die Stütze sehen, an der ich mich jetzt halte. Aber ich kann es spüren. Es ist groß. Es ist in der Nähe. Tina?«

Stille.

Ein lautes scharfes Knacken, Rauschen. Dann Stille.

»Tina? Tina?«

Stille.

»Ich habe Tina verloren.«

Wieder Stille, diesmal sehr lang.

»Ich weiß nicht, was es . Tina, wenn Sie mich hören können, bleiben Sie, wo Sie sind. Ich greife es von hier ... In Ordnung . Es ist ganz nah . Ich spüre, wie es sich bewegt ... Schiebt eine ganz schöne Bugwelle vor sich her, das Miststück. Ein richtiges Ungeheuer.«

Erneut Stille.

»Wenn ich nur besser sehen könnte.«

Stille.

»Tina? Sind Sie das -?«

Dann ein dumpfer Schlag, vielleicht eine Detonation. Die Menschen sahen einander an, versuchten zu verstehen, was das Geräusch zu bedeuten hatte, doch im nächsten Augenblick begann das Habitat erneut zu schwanken und zu knirschen. Norman, der darauf nicht vorbereitet war, wurde seitlich gegen die scharfe Kante der Schott-Tür geschleudert, und alles um ihn herum versank in Grau. Er sah noch, wie neben ihm Harry an die Wand prallte und seine Brille herunterfiel. Während er danach griff, um sie Harry zu geben, da er wußte, daß dieser auf sie angewiesen war, verlor Norman das Bewußtsein, und alles wurde schwarz.

Nach dem Angriff

Heiße Wasserstrahlen ergossen sich über ihn, und er atmete den Dampf ein. Unter der Dusche stehend, sah Norman an seinem Körper herab und dachte, ich sehe aus, als hätte ich gerade einen Flugzeugabsturz überlebt; als wäre ich einer jener Überlebenden, die ich so oft gesehen und bei denen ich mich immer gewundert habe, daß sie überhaupt noch am Leben waren.

In den Beulen auf seinem Kopf pochte es. Sein Körper war von der Brust bis zum Unterleib mit Abschürfungen bedeckt. Sein linker Oberschenkel war lila angelaufen, die rechte Hand geschwollen. Sie schmerzte.

Eigentlich gab es keine Stelle an seinem Körper, die nicht schmerzte. Stöhnend hob er das Gesicht den Wasserstrahlen entgegen.

»He«, rief Harry. »Kann ich auch mal?«

»Na klar.«

Norman trat aus der Dusche, und Harry stieg hinein. Abschürfungen und Kratzer bedeckten seinen mageren Leib. Norman sah zu Ted hinüber, der auf einer der Kojen auf dem Rücken lag. Er hatte sich beide Schultern ausgekugelt, und Beth hatte eine halbe Stunde gebraucht, sie ihm wieder einzu-kugeln, selbst nachdem sie ihn zuvor mit Morphium vollgepumpt hatte.

»Wie fühlst du dich jetzt?« fragte ihn Norman.

»Ganz gut.«

Teds Gesicht wirkte ausdruckslos. Seine Munterkeit war dahin. Die ausgekugelten Schultern sind nicht seine schlimmste Verletzung, dachte Norman. In vielerlei Hinsicht ein naives Kind, muß er zutiefst entsetzt gewesen sein, als er begriff, daß diese außerirdische Intelligenz uns feindlich gesonnen ist.

»Tut's sehr weh?« erkundigte sich Norman.

»Es geht.«

Norman setzte sich langsam auf seine Koje und fühlte, wie ihm der Schmerz an der Wirbelsäule hochschoß. Dreiundfünfzig Jahre, dachte er. Ich sollte Golf spielen. An jedem Ort der Erde sollte ich sein, nur hier nicht. Er zuckte zusammen und schob vorsichtig einen Schuh über seinen verletzten rechten Fuß. Aus irgendeinem Grund fielen ihm Levys nackte Zehen ein, grau im Tod, und ihr Fuß, der gegen sein Visier schlug.

»Hat man Barnes gefunden?« fragte Ted.

»Nicht daß ich wüßte«, sagte Norman. »Ich glaube aber nicht.«

Er zog sich ganz an und ging in Röhre D. Den Pfützen in dem Gang wich er mit großen Schritten aus. Die Einrichtung in Röhre D hatte sich mit Wasser vollgesogen, die Computertische waren naß, und die Wände dort, wo Fletcher die Risse mit Urethanschaum besprüht hatte, mit unregelmäßigen weißen Klecksen bedeckt.

Sie stand jetzt mit der Sprühdose in der Hand in der Mitte des Raums. »Nicht mehr so hübsch wie vorher«, sagte sie. »Hält das denn?«

»Schon. Aber noch einen solchen Angriff überstehen wir garantiert nicht.«

»Was ist mit der Elektronik? Funktioniert noch alles?«

»Hab ich noch nicht überprüft, müßte aber in Ordnung sein. Die Anlage ist wasserfest.«

Norman nickte. »Irgendein Zeichen von Captain Barnes?« Er sah auf den blutigen Handabdruck an der Wand.

»Nein, Sir. Nichts.« Fletchers Augen folgten seinem Blick. »Ich mach hier gleich sauber, Sir.«

»Wo ist Tina?« fragte Norman.

»Sie ruht sich aus. In E.«

Norman nickte. »Ist es da trockener als hier?«

»Ja«, sagte Fletcher. »Es ist komisch. Während des Angriffs war niemand in der Röhre, und sie ist vollständig trocken geblieben.«

»Irgendwas von Jerry?«

»Kein Kontakt, Sir, nein.«

Norman schaltete einen der Computer an.

»Jerry, bist du da?«

Der Bildschirm blieb schwarz.

»Jerry?«

Er wartete einen Augenblick, dann schaltete er das Gerät wieder ab.

»Sehen Sie es sich ruhig mal an«, sagte Tina. Sie setzte sich auf und schlug die Decke über ihrem linken Bein zurück. Die Verletzung sah jetzt viel schlimmer aus als zuvor. Als sie Tina schreien hörten, waren sie durch das Habitat gestürmt und hatten sie durch die Bodenluke in Röhre A hereingezogen. Diagonal über ihr ganzes Bein verlief eine Reihe untertassen-förmiger, lila verfärbter Wülste, die in der Mitte aufgequollen waren. »Es ist in der letzten Stunde ziemlich stark angeschwollen«, sagte Tina.

Norman untersuchte die Verletzungen. Winzige Zahnabdrük-ke lagen kreisförmig um die geschwollenen Bereiche. »Erinnern Sie sich, wie es sich angefühlt hat?« fragte er.

»Abscheulich«, sagte Tina. »Klebrig, wie Leim oder so. Und dann haben diese runden Stellen angefangen, teuflisch zu brennen.«

»Und was konnten Sie sehen? Von dem Geschöpf selbst?«

»Nur, daß es lang war, flach wie ein Spatel. Es hat ausgesehen wie ein riesiges Blatt; es ist auf mich zugekommen und hat sich um mich gelegt.«

»Welche Farbe hatte es?«

»Irgendwie bräunlich. Ich konnte nicht gut sehen.«

Er machte eine kurze Pause. »Und Captain Barnes?«

»Während der Aktion wurden wir getrennt, Sir. Ich weiß nicht, was mit ihm passiert ist, Sir.« Tina gab sich dienstlich, ihr Gesicht glich einer Maske. Norman dachte, wir wollen dem jetzt nicht weiter nachgehen. Mir ist es egal, ob du vor dem Feind weggelaufen bist oder nicht.

»Hat Beth diese Verletzung gesehen, Tina?«

»Ja, Sir, sie war vor einigen Minuten hier.«

»Gut. Ruhen Sie sich jetzt aus.«

»Sir?«

»Ja, Tina?«

»Wer schreibt den Bericht, Sir?«

»Ich weiß nicht. Wir wollen uns darüber jetzt nicht den Kopf zerbrechen, sondern einfach zusehen, daß wir die Sache durchstehen.«

»Ja, Sir.«

Als er sich Beths Labor näherte, hörte er Tinas Stimme vom Band sagen: »Glauben Sie, daß man die Kugel je aufkriegt?«

Beth sagte: »Möglich. Ich weiß nicht.«

»Mir macht sie angst.«

Dann kam Tinas Stimme erneut: »Glauben Sie, daß man die Kugel je aufkriegt?«

»Möglich. Ich weiß nicht.«

»Mir macht sie angst.«

In ihrem Labor beugte Beth sich über den Monitor.

»Versuchst du es immer noch?« fragte Norman.

»Ja.«

Auf dem Band schob Beth sich das letzte Stück Kuchen in den Mund und sagte: »Ich glaube nicht, daß es einen Grund gibt, sich zu ängstigen.«

»Es ist das Unbekannte«, erklärte Tina.

»Schon«, sagte die Beth auf dem Bildschirm, »aber etwas muß nicht gleich gefährlich oder angsteinflößend sein, bloß weil es unbekannt ist. Höchstwahrscheinlich ist es nur einfach unerklärlich.«

»Berühmte letzte Worte«, sagte Beth, während sie sich selbst zusah.

»Damals klangen sie gut«, sagte Norman, »um Tina zu beruhigen.«

Auf dem Bildschirm fragte Beth: »Haben Sie Angst vor Schlangen?«

»Nein, vor Schlangen nicht«, gab Tina zur Antwort.

»Nun, mir sind sie zuwider«, sagte Beth. »Schleimige, kalte Geschöpfe - ich kann sie nicht ausstehen.«

Beth hielt das Band an und wandte sich zu Norman. »Scheint schon sehr lange her zu sein, was?«

»Das habe ich auch gerade gedacht«, sagte Norman.

»Bedeutet das, daß wir das Leben in vollen Zügen genießen?«

»Ich glaube, es bedeutet, daß wir in Lebensgefahr schweben«, sagte Norman. »Warum interessiert dich das Band so?«

»Weil ich nichts Besseres zu tun habe. Wenn ich mich nicht mit irgendwas beschäftige, schreie ich los und lege euch eine von diesen typisch weiblichen Szenen hin. Du hast mich ja schon mal dabei erlebt, Norman.«

»Tatsächlich? Ich kann mich an keine erinnern.«

»Danke«, sagte sie.

Norman bemerkte eine Decke auf der Liege, die in einer Ecke des Labors stand. Außerdem hatte Beth eine der Lampen vom Arbeitstisch genommen und an der Wand über der Liege angebracht. »Schläfst du jetzt hier?«

»Ja, mir gefällt es hier oben in der Röhre - ich komme mir vor wie die Königin der Unterwelt.« Sie lächelte. »Etwa so wie ein Kind in seinem Baumhaus. Hattest du als Junge eins?«

»Nein«, sagte Norman. »Nie.«

»Ich auch nicht«, sagte Beth. »Aber ich stell mir vor, daß es so gewesen wäre, wenn ich eins gehabt hätte.«

»Sieht sehr gemütlich aus, Beth.«

»Du denkst wohl, ich dreh demnächst durch?«

»Nein. Ich hab einfach gesagt, daß es gemütlich aussieht.«

»Du kannst es mir ruhig sagen, wenn du das glaubst.«

»Ich glaube, dir geht es ganz gut, Beth. Was ist mit Tina? Hast du dir ihre Wunde angesehen?«

»Ja.« Beth runzelte die Stirn. »Und das hier hab ich mir auch angesehen.« Sie wies auf einige weiße Eier in einem Glasgefäß auf dem Labortisch.

»Noch mehr Eier?«

»Sie klebten an Tinas Anzug, als wir sie hereinholten. Ihre Verletzung hängt mit ihnen zusammen, auch der Geruch. Erinnerst du dich, wie es gerochen hat, als wir sie reingezogen haben?«

Norman erinnerte sich sehr gut. Tina hatte so stark nach Ammoniak gerochen, als wäre sie von Kopf bis Fuß mit Riechsalz bestreut.

»Soweit ich weiß, gibt es nur ein einziges Tier, das so stark nach Ammoniak riecht - Architeuthis sanctipauli«, sagte Beth.

»Was heißt das?«

»Es gehört zu der Art der Riesenkalmare.«

»Und so einer hat uns angegriffen?«

»Ich glaube, ja.«

Sie erklärte, daß über diese Riesenkalmare nur wenig bekannt sei, weil die einzigen je untersuchten Exemplare ans Ufer gespülte Tiere waren, die sich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium der Verwesung befanden und stark nach Ammoniak rochen. Lange galt der Riesenkalmar als geheimnisumwittertes Seeungeheuer, ähnlich wie der ihm nicht artverwandte Krake. Erst nachdem ein französisches Kriegsschiff Teile eines toten Tieres an Bord geholt hatte, erschienen 1861 die ersten zuverlässigen wissenschaftlichen Berichte. An zahlreichen

erlegten Walen hatte man zudem Narben entdeckt, die von riesigen Saugnäpfen herrührten und von Unterwasserkämpfen zeugten. Wale waren die einzigen bekannten Gegner des Riesenkalmars - die einzigen Tiere, die groß genug waren, es mit ihm aufzunehmen.

»Inzwischen«, sagte Beth, »wurden in allen großen Weltmeeren Riesenkalmare beobachtet. Es gibt mindestens drei deutlich unterschiedene Arten. Die Tiere werden sehr groß und können ein Gewicht von fünfhundert Kilo oder sogar noch mehr erreichen. Um den etwa sechs Meter großen Körper oder >Kopf< sind acht etwa drei Meter lange und mit langen Reihen von Saugnäpfen besetzte Arme angeordnet. In der Mitte des >Kopfes<, dort, wo die Arme zusammenlaufen, liegt das scharfe Mundwerkzeug, das wie ein Papageienschnabel aussieht, nur daß es achtzehn bis zwanzig Zentimeter lang ist.«

»Daher also der Riß in Levys Anzug?«

»Ja.« Sie nickte. »Das Mundwerkzeug sitzt in einem Muskelring, so daß es sich beim Zubeißen kreisförmig drehen kann. Und die Radula - die Raspelzunge des Tieres - hat eine rauhe Oberfläche, wie eine grobe Feile.«

»Tina hat etwas von einem Blatt gesagt, einem braunen Blatt.«

»Der Riesenkalmar besitzt außer seinen acht Armen noch zwei Fangarme, die weit länger sind als diese, bis zu dreizehn Metern. Sie enden in einem abgeplatteten >Handteller<, der als >Manus< bezeichnet wird und einem Blatt sehr ähnelt. Mit der Manus fängt der Kalmar seine Beute. Die Saugnäpfe auf dieser Hand umgibt jeweils ein kleiner harter Chitinring; von ihnen stammen die kreisförmigen Einkerbungen rings um die Wunde.«

»Wie könnte man gegen so ein Tier vorgehen?« fragte Norman.

»Nun«, sagte Beth, »in der Theorie sind Riesenkalmare trotz ihrer Größe nicht besonders kräftig.«

»So weit die Theorie«, sagte Norman.

Sie nickte. »Natürlich weiß niemand, wie stark sie wirklich sind, da man noch nie ein lebendes Exemplar beobachten konnte. Wir genießen das zweifelhafte Vergnügen, die ersten zu sein.«

»Kann man so ein Tier töten?«

»Das müßte ziemlich leicht sein. Das Gehirn des Riesenkalmars liegt hinter dem Auge, das einen Durchmesser von zirka fünfunddreißig Zentimetern hat, also etwa wie eine große Tortenplatte. Wenn man ihn irgendwo in diesem Bereich mit einem Explosivgeschoß träfe, würde man sein Nervenzentrum nahezu mit Sicherheit zerstören, und er wäre erledigt.«

»Glaubst du, daß Barnes ihn getötet hat?«

Sie zuckte die Schultern. »Keine Ahnung.«

»Gibt es in einem Gebiet jeweils mehr als einen davon?«

»Ich weiß nicht.«

»Werden wir wieder einen zu sehen bekommen?«

»Ich weiß nicht.«

Der Besucher

Norman ging nach unten in die Befehls- und Nachrichtenzentrale, um zu sehen, ob er mit Jerry Verbindung bekommen konnte, doch Jerry reagierte nicht. Norman muß dann auf dem Sessel vor der Instrumentenwand eingeschlafen sein, denn mit einemmal fuhr er hoch und erblickte verblüfft einen schmucken schwarzen Matrosen in Uniform, der unmittelbar hinter ihm stand und über seine Schulter auf die Bildschirme sah.

»Wie geht's, Sir?« fragte der Mann. Er war ganz ruhig. Seine Navy-Uniform war tadellos gebügelt.

Norman fühlte sich ungeheuer erleichtert. Daß der Mann hier war, konnte nur eines bedeuten - die Versorgungsschiffe waren wieder da! Sie waren zurückgekehrt, und man hatte Tauchboote nach unten geschickt, um das Team heraufzuholen! Sie würden alle gerettet!

Norman schüttelte dem Matrosen die Hand und sagte: »Ich bin verdammt froh, Sie zu sehen.«

»Vielen Dank, Sir.«

»Seit wann sind Sie hier?« fragte Norman.

»Gerade eben angekommen, Sir.«

»Wissen die anderen es schon?«

»Die anderen, Sir?«

»Ja. Wir sind noch, hm, sechs. Hat man sie benachrichtigt?«

»Darüber kann ich nichts sagen, Sir.«

Der Fremde wirkte in einer Weise teilnahmslos, die Norman sonderbar erschien. Der Matrose schaute sich im Inneren der Röhre um, und einen Augenblick lang sah Norman die Umgebung durch seine Augen - das feuchte Innere, die beschädigte Einrichtung, die mit Schaum besprühten Wände. Es sah aus wie nach einem Bombenangriff.

»Wir haben eine ziemlich schlimme Zeit erlebt«, sagte Norman.

»Das sehe ich, Sir.«

»Drei von uns sind tot.«

»Es tut mir leid, das zu hören, Sir.«

Wieder diese Teilnahmslosigkeit, diese Distanz. War das dienstliche Korrektheit? Machte er sich Sorgen wegen einer anhängigen Kriegsgerichtsverhandlung? Oder war es was anderes?

»Woher kommen Sie?« fragte Norman.

»Von wo ich komme, Sir?«

»Von welchem Schiff?«

»Ach so. Von der Sea Hornet, Sir.«

»Liegt die jetzt oben?«

»Ja, Sir.«

»Na, dann los«, sagte Norman. »Sagen Sie den anderen, daß Sie da sind.«

»Jawohl, Sir.«

Der Matrose ging davon, und Norman sprang auf und schrie: »Hurra! Wir sind gerettet!«

»Eine Halluzination war er jedenfalls nicht«, sagte Norman, den Blick auf den Bildschirm geheftet. »Da auf dem Monitor ist er leibhaftig zu sehen.«

»Ja, schon - aber wohin ist er verschwunden?« fragte Beth.

Eine volle Stunde hatten sie das Habitat gründlich durchsucht, ohne eine Spur des schwarzen Matrosen zu finden. Von einem Tauchboot war draußen nichts zu sehen. Hinweise auf die Anwesenheit von Schiffen gab es auch nicht. Der von ihnen nach oben geschickte Wetterballon hatte noch eine Windgeschwindigkeit von hundertzwanzig Stundenkilometern und fast zehn Meter hohen Wellen registrieren können, dann war die Litze gerissen.

Woher also war er gekommen? Und wohin gegangen?

Fletcher befragte den Computer. Daten erschienen auf einem Bildschirm. »Was halten Sie davon? In dem Register unserer gegenwärtig im Dienst stehenden Schiffe ist keines mit Namen Sea Hornet aufgeführt.«

»Was zum Teufel geht hier vor?« fragte Norman.

»Vielleicht war er doch eine Halluzination«, sagte Ted.

»Halluzinationen werden von Videobändern nicht aufgezeichnet«, sagte Harry. »Außerdem habe ich ihn auch gesehen.«

»Tatsächlich?« fragte Norman.

»Ja. Ich war gerade aufgewacht und hatte von unserer Rettung geträumt. Ich lag noch auf der Koje, da hörte ich Schritte, und er kam herein.«

»Hast du mit ihm gesprochen?«

»Ja, aber er war seltsam. So abwesend. Irgendwie gelangweilt.«

Norman nickte. »Man konnte gleich merken, daß was mit ihm nicht stimmte.«

»Allerdings.«

»Aber woher ist er gekommen?« fragte Beth.

»Ich kann mir nur eine Möglichkeit denken«, sagte Ted. »Aus der Kugel. Vielleicht hat ihn die Kugel geschaffen. Da steckt bestimmt Jerry dahinter.«

»Warum sollte er? Um uns nachzuspionieren?«

Ted schüttelte den Kopf. »Ich denke darüber schon eine ganze Weile nach«, sagte er. »Mir scheint, daß Jerry die Fähigkeit besitzt, Dinge oder Wesen zu erschaffen. Zum Beispiel die Tiere. Ich glaube nicht, daß Jerry wirklich der Riesenkalmar ist, der uns angegriffen hat, sondern daß er ihn erschaffen hat. Ich glaube nicht, daß Jerry uns angreifen möchte, aber nach dem, was Beth gesagt hat, könnte der von Jerry erschaffene Riesenkalmar seinerseits die Anlage angegriffen haben, weil er die Röhren für seinen Todfeind, den Pottwal, hielt. Dann wäre der Angriff eine Art Schöpfungsunfall.«

Nachdenklich hörten sie zu. Norman fand die Erklärung zu einfach. »Ich sehe eine andere Möglichkeit, nämlich, daß Jerry uns feindlich gesonnen ist.«

»Das glaube ich nicht«, sagte Ted. »Ich halte ihn nicht für feindselig.«

»Auf jeden Fall verhält er sich so, Ted.«

»Aber ich glaube nicht, daß er es wirklich will.«

»Was auch immer er beabsichtigt«, sagte Fletcher, »von einem neuen Angriff sollte er besser absehen, denn weder die Konstruktion noch die Versorgungssysteme würden den überstehen.«

»Nach dem ersten Angriff mußte ich den Druck im Inneren erhöhen«, fuhr sie fort, »um die Lecks abzudichten. Damit kein Wasser eindringen kann, muß der Druck innerhalb des Habitats den des Wassers draußen übersteigen. Zwar sind jetzt alle Lecks dicht, doch dafür ist durch all die Ritzen ziemlich viel

Luft entwichen. Eine einzige Stunde Reparaturarbeiten hat uns fast sechzehn Stunden unserer Luftreserve gekostet. Ich mach mir Sorgen, ob unser Luftvorrat reicht.«

Es entstand eine Pause. Alle überlegten, was das bedeutete.

»Zum Ausgleich«, sagte Fletcher, »habe ich den Innendruck etwas verringert. Wir haben jetzt einen leicht negativen Druck, das müßte gutgehen. Unsere Luft wird reichen. Aber ein weiterer Angriff unter diesen Bedingungen, und die Röhren würden wie eine Bierdose zerquetscht.«

Norman erfüllten diese Ausführungen mit Unbehagen, zugleich aber beeindruckte ihn Fletchers Tüchtigkeit. Auf sie war Verlaß. »Haben Sie uns für den Fall eines neuen Angriffs etwas vorzuschlagen, Teeny?«

»Nun, wir haben in Röhre B ein HSVS.«

»Ein was?«

»Ein Hochspannungs-Verteidigungssystem. Es handelt sich um einen kleinen Kasten, der die Außenwände der Röhren beständig unter Strom hält, um eine elektrolytische Korrosion des Metalls zu verhindern. Die Spannung ist so gering, daß man sie normalerweise nicht spürt. An die Anlage angeschlossen ist ein grüner Kasten, der das eigentliche HSVS enthält. Im Prinzip ist es ein Aufwärts-Transformator, der zwei Millionen Volt von geringer Stromstärke durch die Außenwandung der Röhren leitet. Das dürfte für jedes Tier äußerst unangenehm sein.«

»Warum haben wir das nicht schon früher eingesetzt?« wollte Beth wissen. »Barnes hätte es doch einschalten können, statt sein Leben zu -«

»- weil das mit dem Grünen Kasten nicht so einfach ist«, erläuterte Fletcher. »Die Sache funktioniert vorwiegend theoretisch. Soweit mir bekannt ist, hat es in der Praxis unter Wasser noch niemand darauf ankommen lassen.«

»Schon, aber es wird doch wohl getestet worden sein.«

»Gewiß - und bei jedem Test ist im Habitat Feuer ausgebro-chen.«

Eine Pause trat ein, in der jeder für sich das Gehörte verarbeitete. Schließlich fragte Norman: »Schlimm?«

»In der Regel ging die Wandverkleidung dabei in Flammen auf, also die Kälteisolierung.«

»Die Wandverkleidung!« rief Norman.

»Wir würden also nach wenigen Minuten an Unterkühlung sterben.«

Beth mischte sich ein: »Wie schlimm kann so ein Feuer denn sein? Feuer braucht doch Sauerstoff, und die Atmosphäre hier unten enthält nur zwei Prozent.«

»Das ist zwar richtig, Dr. Halpern«, antwortete Fletcher, »aber der effektive Sauerstoffgehalt schwankt. Die Anlage liefert viermal pro Stunde jeweils einen kurzen Sauerstoffstoß von sechzehn Prozent Volumenanteil. Das wird automatisch gesteuert, und man kann das System nicht beeinflussen. Bei hohem Sauerstoffanteil der Luft würde ein Feuer hier hervorragend Nahrung finden und dreimal schneller brennen als oben. Dabei kann es leicht außer Kontrolle geraten.«

Norman sah sich in der Röhre um. An den Wänden hingen drei Feuerlöscher. Jetzt, wo er darauf achtete, fiel ihm ein, daß es überall im Habitat Feuerlöscher gab. Sie waren ihm vorher nur nicht aufgefallen.

»Selbst wenn wir das Feuer in den Griff bekämen, wäre es für die Systeme eine Katastrophe«, fuhr Fletcher fort. »Die Entlüftungsanlage ist für die zusätzliche Belastung mit Koh-lenmonoxid, Ruß und so weiter nicht ausgelegt.«

»Was also sollen wir tun?«

»Ich würde empfehlen«, sagte Fletcher, »das HSVS nur im äußersten Notfall einzuschalten.«

Die Gruppenmitglieder sahen einander an und nickten.

»Einverstanden«, sagte Norman, »nur im äußersten Notfall.«

»Wir müssen einfach hoffen, daß kein neuer Angriff kommt.« »Ein neuer Angriff ...« Es entstand eine lange Pause, während sie diese Möglichkeit überdachten. Dann tat sich etwas auf Tinas Plasma-Bildschirm, und ein leises hohes Pfeifen erfüllte den Raum.

»Kontakt an den Wärmefühlern der Außenumzäunung«, sagte Tina mit unbeteiligt klingender Stimme.

»Wo?« fragte Fletcher.

»Im Norden. Es kommt näher.«

Auf dem Bildschirm sahen sie die Worte: ICH KOMME.

Sie schalteten Innen- und Außenbeleuchtung ab. Norman versuchte, angestrengt durch das Bullauge spähend, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Schon seit langem wußten sie, daß hier unten nicht völlige Finsternis herrschte; das Wasser des Pazifik war so klar, daß noch in dreihundert Metern Tiefe etwas Restlicht auf den Meeresboden fiel. Es war nur sehr schwach - Edmunds hatte es mit dem Licht von Sternen verglichen -, aber man konnte auch an der Erdoberfläche beim Licht der Sterne etwas erkennen.

Jetzt legte er die gewölbten Hände an die Schläfen, um den schwachen Lichtschein der Monitore abzuschirmen, und wartete, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Hinter ihm arbeiteten Tina und Fletcher an den Bildschirmen. Er hörte das Zischen der Unterwasser-Horchgeräte.

Alles war genau wie beim erstenmal.

Ted stand am Videogerät und fragte: »Jerry, kannst du mich hören? Jerry, hörst du mich?« Er bekam keine Antwort.

Beth trat zu Norman. »Siehst du was?«

»Noch nicht.«

Hinter ihnen sagte Tina: »Achtzig Meter, nähert sich . Sechzig Meter. Soll ich das Sonar einschalten?«

»Kein Sonar«, sagte Fletcher. »Nichts, womit wir seine Aufmerksamkeit erregen könnten.«

»Sollen wir dann nicht alle elektronischen Einrichtungen

abschalten?«

»Ja, tun Sie das.«

Die Bildschirme wurden dunkel. Jetzt gab es nur noch das rote Glimmen der Raumheizgeräte über ihren Köpfen. Sie saßen im Dunkeln und sahen hinaus. Norman versuchte sich zu erinnern, wie lange es dauert, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Bis zu drei Minuten, fiel ihm ein.

Allmählich konnte er Umrisse erkennen: auf dem Boden das Gitternetz der Planquadrate, undeutlich die hohe Leitwerkflosse des Raumschiffs, die steil emporragte.

Dann sah er noch etwas.

Einen grünen Schimmer in der Ferne, am Sichthorizont.

»Wie ein grüner Sonnenaufgang«, sagte Beth.

Der Schimmer verstärkte sich, dann sahen sie ein formloses grünes Gebilde mit Streifen an den Seiten. Genau wie das Bild, das wir früher schon mal gesehen haben, dachte Norman. Einzelheiten konnte er nicht ausmachen.

»Ist das ein Kalmar?« fragte er.

»Ja«, sagte Beth.

»Ich kann nichts erkennen .«

»Du siehst ihn sozusagen von oben. Er wendet uns den Körper zu, die Arme liegen dahinter und werden so zum Teil verdeckt. Deswegen kannst du sie nicht sehen.«

Der Kalmar wurde größer. Er kam deutlich erkennbar auf sie zu.

Ted lief von den Bullaugen zu den Geräten. »Jerry, hörst du? Jerry?«

»Die elektronischen Anlagen sind ausgeschaltet, Dr. Fielding«, sagte Fletcher.

»Dann stellen Sie sie wieder an! Wir müssen doch versuchen, mit ihm zu reden.«

»Ich denke, wir sind über das Verhandlungsstadium hinaus, Sir.«

Der ganze Körper des Kalmars leuchtete schwach in einem tiefgrünen Licht. Jetzt konnte Norman eine scharfe, senkrechte Kante in dem Körper erkennen. Die Fangarme und die anderen Arme des Kalmars waren ebenfalls deutlich zu sehen. Der Umriß wurde größer. Das Tier bewegte sich seitwärts.

»Es schwimmt um das Meßgitter herum.«

»Ja«, sagte Beth. »Kalmare sind intelligent und können aus Erfahrung lernen. Wahrscheinlich erinnert er sich jetzt daran, daß es ihm nicht gefallen hat, wie er beim vorigen Mal dagegen gestoßen ist.«

Während er die Leitwerkflossen des Raumschiffs passierte, konnten sie seine Größe ungefähr abschätzen. Er ist so groß wie ein Haus, dachte Norman. Das Geschöpf glitt durch das Wasser ruhig auf sie zu. Obwohl sein Herz vor Angst heftig klopfte, spürte Norman eine gewisse Ehrfurcht.

»Jerry? Jerry!«

»Spar dir die Mühe, Ted.«

»Dreißig Meter«, sagte Tina. »Kommt näher.«

Mittlerweile konnte Norman die Arme zählen und die beiden langen Fangarme klar erkennen, die, gleich leuchtenden Linien, weit über den Körper hinausragten. Arme und Tentakeln bewegten sich leicht in der Strömung. Zur Fortbewegung benutzt der Kalmar nicht seine Arme, sondern er gewinnt den nötigen Schub aus dem Rückstoß des Wassers, das er mit gleichmäßiger Muskelkontraktion aus seinem Körper herauspreßt.

»Zwanzig Meter.«

»Der ist ja gewaltig«, sagte Harry.

»Ja«, sagte Beth, »und wir sind die ersten Menschen, die einen Riesenkalmar lebend in seinem Element zu Gesicht bekommen. Eigentlich ein bedeutender Augenblick.«

Sie hörten das Glucksen des Wassers, das an den Sensoren der Horchgeräte vorbeiströmte, als sich das Tier näherte.

»Zehn Meter.«

Einen Augenblick lang wandte das riesige Geschöpf dem

Habitat seine Seite zu, und sie konnten es im Profil sehen: den zehn Meter langen, grün leuchtenden Körper mit dem ungeheuer großen, starr blickenden Auge, dem Kreis aus Armen, die sich wie bösartige Schlangen wanden, und den beiden langen Tentakeln, die in einem abgeplatteten, blattförmigen Abschnitt endeten.

Das Tier drehte sich, bis Arme und Tentakeln auf das Habitat gerichtet waren und der Blick frei wurde auf das scharfkantige Mundwerkzeug in einem Kranz grün schimmernder Muskeln.

»O Gott .«

Es schob sich so nah heran, daß die Menschen im Inneren des Habitats einander in dem grünlichen Schimmer, der durch die Bullaugen fiel, sehen konnten. Es geht los, dachte Norman, und diesmal werden wir es nicht überleben.

Sie hörten, wie einer der Arme dumpf gegen das Habitat schlug.

»Jerry!« schrie Ted. Seine Stimme war schrill vor Spannung.

Der Kalmar hielt inne. Sein Körper bewegte sich jetzt seitwärts, und sie konnten sehen, wie das riesige Auge sie anstarrte.

»Jerry! Hör mir zu!«

Das Tier schien zu zögern.

»Er hört zu!« rief Ted, nahm eine Taschenlampe von einem Haken und hielt sie gegen das Bullauge. Er ließ sie einmal kurz aufblinken.

Der Riesenleib des Kalmars leuchtete grün, wurde für kurze Zeit schwarz und leuchtete dann wieder grün auf.

»Er hört zu«, sagte Beth.

»Natürlich. Er ist doch intelligent.« Ted ließ die Lampe zweimal hintereinander rasch aufblinken.

Das Tier blinkte zweimal zurück.

»Wie kann er das?« fragte Norman.

»Das sind gewisse Hautzellen, man nennt sie Chromatopho-re«, erläuterte Beth. »Er kann sie öffnen und schließen und

damit das Licht nach Belieben blockieren.«

Ted ließ die Lampe dreimal aufblinken.

Das Tier blinkte dreimal zurück.

»Das kann er aber schnell«, sagte Norman.

»Du sagst es.«

»Er ist eben intelligent«, sagte Ted, »ich hab's ja gesagt. Und er möchte mit uns reden.«

Ted blinkte: lang, kurz, kurz.

Das Tier tat es ihm nach.

»So ist's brav, Kleiner«, sagte Ted. »Rede du nur immer schön mit mir, Jerry.«

Er blinkte noch eine kompliziertere Folge. Der Kalmar tat es ihm gleich, verschwand dann aber nach links.

»Ich muß dafür sorgen, daß er weiter mit uns redet«, sagte Ted.

Er folgte dem Tier von Bullauge zu Bullauge und blinkte weitere Signale. Der Kalmar wiederholte diese zwar immer noch, aber Norman spürte, daß er jetzt auf etwas anderes hinauswollte.

Alle folgten Ted aus D nach C. Er blinkte mit der Taschenlampe, der Kalmar antwortete, setzte aber seinen Weg unbeirrt fort.

»Was hat er denn vor?«

»Vielleicht führt er uns ...«

»Wozu?«

Sie erreichten Röhre B mit den Lebenserhaltungssystemen. Sie hatte keine Bullaugen. Ted ging weiter und betrat Röhre A, die Luftschleuse, in der es gleichfalls keine Bullaugen gab. Sofort sprang Ted die Leiter hinunter und öffnete die Bodenluke, so daß dunkles Wasser sichtbar wurde.

»Vorsicht, Ted.«

»Ich sag euch doch, er ist intelligent«, sagte Ted. Das Wasser zu seinen Füßen schimmerte sanft grün. »Da kommt er schon.« Zunächst war von dem Tier außer dem grünen Lichtschein

nichts zu sehen. Ted richtete die Taschenlampe aufs Wasser und blinkte.

Das Grün blinkte zurück.

»Er redet noch immer«, sagte Ted. »Und solange er das tut -«

Mit überraschender Schnelligkeit schoß plötzlich einer der Fangarme durch das offene Wasser herein und beschrieb einen großen Bogen im Inneren der Schleuse. Norman sah einen Augenblick lang einen schimmernden Stiel, so dick wie der Körper eines Mannes, und daran ein riesiges schimmerndes Blatt, etwa anderthalb Meter lang, das blind an ihm vorbeifuhr. Als er sich instinktiv duckte, sah er, daß es Beth traf, so daß sie taumelte. Tina schrie entsetzt auf. Scharfe Ammoniakdämpfe brannten ihnen in den Augen. Der Fangarm schwang zu Norman zurück. Dieser hob schützend die Arme und fühlte schleimiges, kaltes Fleisch, als sich der Riesenarm blitzschnell um ihn legte und ihn gegen die Metallwand der Luftschleuse schlug. Das Tier war unglaublich stark.

»Raus, alle raus, weg von dem Metall!« schrie Fletcher. Ted rappelte sich auf, strebte von der Luke und dem sich windenden Arm fort und hatte fast die Tür erreicht, als der Tentakel Norman freigab und sich um Ted schlang, so daß von seinem Körper kaum noch etwas zu sehen war. Ted grunzte, preßte die Hände gegen das Blatt. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen.

Norman stürzte vor, doch Harry hielt ihn zurück. »Laß! Jetzt kannst du nichts mehr tun!«

Ted wurde quer durch die ganze Schleuse in der Luft hin-und hergeschwungen, schlug von einer Wand gegen die andere. Sein Kopf sank zur Seite, Blut lief von seiner Stirn auf den leuchtenden Fangarm. Bei jedem Aufprall dröhnte die Röhre wie ein Gong.

»Raus!« schrie Fletcher. »Alle raus!«

Beth stürzte an ihnen vorbei. Harry zog Norman mit sich. In dem Augenblick schoß der zweite Fangarm aus dem Wasser empor und legte sich um Ted. Aus diesem Zangengriff gab es kein Entkommen.

»Weg vom Metall! Verdammt noch mal, weg von dem Metall!« schrie Fletcher wieder. Sie traten auf den Teppich der Röhre B, Fletcher legte den Schalter an dem grünen Kasten um, man hörte ein Summen von den Generatoren, und die Reihen der roten Heizstrahler verdunkelten sich, als zwei Millionen Volt durch das Metall der Habitatwandung schössen.

Die Reaktion kam prompt. Der Boden bebte unter ihren Füßen, als die Anlage von einer ungeheuren Kraft getroffen wurde, und Norman hätte schwören können, daß er einen Schrei hörte. Vielleicht war es auch nur das Geräusch des knirschenden Metalls gewesen. Die Tentakeln zogen sich rasch aus der Luftschleuse zurück. Ein letztes Mal fiel der Blick der anderen auf Teds Körper, bevor dieser in dem tintenschwarzen Wasser für immer verschwand, dann riß Fletcher den Schalthebel am grünen Kasten zurück. Doch schon schrillte der Alarm, leuchteten die Warnskalen auf.

»Feuer!« rief Fletcher. »Feuer in E!«

Fletcher gab ihnen Gasmasken; Normans Gasmaske rutschte ihm immer wieder über die Augen und nahm ihm die Sicht. Als sie Röhre D erreichten, war der Rauch bereits sehr dicht. Hustend tasteten sie sich vorwärts, stießen gegen Einrichtungsgegenstände.

»Möglichst tief unten halten«, rief Tina und ging auf die Knie. Sie kroch voran. Fletcher war in Röhre B geblieben.

Vor ihnen war im grellroten Schein des Feuers die SchottTür zu erkennen, die in Röhre E führte. Tina riß einen Feuerlöscher von der Wand und ging hindurch, Norman folgte ihr auf dem Fuß. Zuerst dachte er, die ganze Röhre brenne. Flammen leckten an der Wandisolierung empor, dichte Rauchwolken stiegen zur Decke. Die Hitze war beinahe greifbar. Tina schwang den Feuerlöscher in weitem Bogen und begann, weißen Schaum zu versprühen. Im Feuerschein erkannte Norman einen weiteren Löscher und griff danach, doch das Metall war so heiß, daß er ihn fallen lassen mußte.

»Feuer in D«, sagte Fletcher über die Sprechanlage.

Das ist das Ende, dachte Norman. Trotz der Gasmaske zwang ihn der beißende Rauch zu husten. Er nahm den Feuerlöscher vom Boden auf und begann zu sprühen. Sofort wurde es kühler. Tina rief ihm etwas zu, doch außer dem Brausen der Flammen hörte er nichts. Gemeinsam gelang es ihnen, das Feuer nach und nach zu ersticken, aber in der Nähe eines der Bullaugen brannte es immer noch. Er wandte sich ab und richtete den Strahl gegen den brennenden Boden unter seinen Füßen.

Auf die Explosion war er nicht gefaßt, sie dröhnte ihm schmerzhaft in den Ohren. Norman wandte sich um und sah erleichtert, daß der Strahl eines Wasserschlauchs in den Raum gerichtet war - bis er begriff, daß Feuer oder Druck eines der kleinen Bullaugen zum Bersten gebracht hatten, und Wasser mit unglaublicher Macht hereinschoß.

Wo war Tina? Dann sah er, daß sie gestürzt war. Sie kam mühsam auf die Füße, rief ihm etwas zu, glitt aus und rutschte in den zischenden Wasserstrahl. Sie wurde von der Gewalt des Wassers mit solcher Wucht an die gegenüberliegende Wand geschleudert, daß sie wahrscheinlich auf der Stelle tot war. Dann trieb sie mit dem Gesicht nach unten im Wasser, das rasch den Raum füllte. Tinas Hinterkopf klaffte offen; Norman sah die breiige Masse ihres Gehirns.

Er wandte sich zur Flucht. Schon lief Wasser über die Schwelle des Schotts, als er die schwere Tür hinter sich zuschlug und das Handrad drehte, um sie zu arretieren.

In Röhre D vermochte er nichts zu sehen; der Rauch hatte sich noch verdichtet. Durch ihn hindurch erkannte er undeutlich hier und da Flammen, hörte das Zischen von Feuerlö-schern. Wo war seiner? Er mußte ihn wohl in E gelassen haben. Wie ein Blinder tastete er sich auf der Suche nach einem weiteren Feuerlöscher an den Wänden entlang. Er mußte husten, Augen und Lunge brannten ihm trotz der Gasmaske.

Dann begannen mit lautem metallischem Dröhnen die Stöße. Die ganze Anlage schwankte unter dem Angriff des Riesenkalmars. Norman hörte Fletcher durch die Sprechanlage, aber ihre Stimme war rauh und undeutlich. Die Attacken sowie das entsetzliche Knirschen fanden kein Ende, und Norman dachte: Jetzt ist es aus. Diesmal müssen wir dran glauben.

Er fand keinen Feuerlöscher, aber in der raucherfüllten Dunkelheit stießen seine suchenden Hände an der Wand auf etwas Metallenes, das er vorsichtig betastete. Es war eine Art Vorsprung, und Norman fragte sich noch, was es wohl sein mochte. Dann fuhren ihm zwei Millionen Volt durch den Körper, und laut schreiend stürzte er rücklings zu Boden.

Nachwirkungen

Aus einem eigentümlichen Winkel starrte er auf eine Reihe von Lichtern und setzte sich auf. Dabei durchzuckte ihn ein stechender Schmerz. Er sah sich um und stellte fest, daß er auf dem Fußboden von Röhre D saß. Feiner, nach Rauch riechender Dunst hing in der Luft. Die verkleideten Wände waren an mehreren Stellen schwarz und verkohlt.

Hier muß es gebrannt haben, dachte er, während er erstaunt den Schaden betrachtete. Wann war das geschehen? Wo war er da gewesen?

Langsam erhob er sich auf ein Knie, kam auf die Füße. Er wandte sich der Röhre E zu, doch war die Schott-Tür dorthin aus irgendwelchen Gründen verschlossen. Er versuchte das

Handrad zu lösen, aber es saß bombenfest.

Er sah niemanden. Wo waren die anderen? Dann fiel ihm ein, daß etwas mit Ted gewesen war. Er war tot. Richtig, der Kalmar hatte Teds Körper durch die Luftschleuse gewirbelt. Dann hatte Fletcher sie aufgefordert zurückzutreten und den Stromschalter umgelegt ...

Allmählich kam ihm die Erinnerung. Das Feuer. Es hatte in Röhre E gebrannt. Er war mit Tina hingegangen, um es zu löschen. Ihm fiel wieder ein, wie er den Raum betreten hatte und die Flammen an den Seitenwänden emporgezüngelt waren ... Was danach war, wußte er nicht mehr sicher.

Wo waren die anderen?

Einen schrecklichen Augenblick lang fürchtete er, der einzige Überlebende zu sein, dann aber hörte er ein Husten, das aus Röhre C zu kommen schien. Er folgte dem Geräusch, da er aber niemanden fand, ging er weiter nach B.

Fletcher war nicht da. Entlang der metallenen Leitungen verlief ein breiter Blutstreifen, und auf dem Teppich stand einer ihrer Schuhe. Das war alles.

Wieder hustete jemand irgendwo zwischen den Rohren.

»Fletcher?«

»Augenblick ...«

Beth tauchte mit Schmierfett bedeckt zwischen den Leitungen auf. »Gut, du bist wieder auf. Ich glaube, ich hab die meisten Systeme wieder in Gang gebracht. Gott sei Dank hat die Marine dafür gesorgt, daß auf allen Gehäusen Gebrauchsanweisungen stehen. Der Rauch verzieht sich allmählich, die Luftwerte sehen wieder ganz brauchbar aus - nicht großartig, aber okay - und alles Lebensnotwendige scheint zu funktionieren. Wir haben Luft, Wasser, Wärme und Strom. Ich versuche gerade festzustellen, wie groß unser Vorrat an Luft ist, und wieviel Strom wir noch erzeugen können.«

»Wo ist Fletcher?«

»Ich kann sie nirgends finden.« Beth wies auf den Schuh und

den blutigen Streifen.

»Und Tina?« fragte Norman. Die Vorstellung erschreckte ihn, hier unten ohne das Fachwissen des ausgebildeten Marinepersonals eingeschlossen zu sein.

»Die war bei dir«, sagte Beth mit gerunzelter Stirn.

»Ich kann mich offenbar nicht erinnern«, sagte Norman.

»Wahrscheinlich hast du einen ziemlich starken elektrischen Schlag bekommen und leidest daher unter retrograder Amnesie. Das würde erklären, warum du dich nicht an die letzten Minuten vor dem Schock erinnern kannst. Ich kann Tina auch nicht finden, aber den Zustandssensoren zufolge steht Röhre E unter Wasser und ist abgesperrt. Du warst mit ihr dort. Ich weiß nicht, warum die Röhre unter Wasser steht.«

»Was ist mit Harry?«

»Ich glaube, der hat auch einen elektrischen Schlag bekommen. Ihr könnt von Glück sagen, daß die Stromstärke nur gering war, sonst wärt ihr beide geröstet worden. Er liegt jedenfalls in C auf dem Boden, schläft oder ist bewußtlos. Vielleicht solltest du ihn dir ansehen. Ich wollte nicht riskieren, ihn zu bewegen, und habe ihn einfach liegen lassen.«

»War er nach dem Angriff wach? Hat er mit dir geredet?«

»Nein, aber er atmet gleichmäßig. Gesichtsfarbe und so weiter scheinen auch in Ordnung zu sein. Jedenfalls hab ich gedacht, es ist wichtiger, erst mal die Versorgungssysteme wieder in Gang zu bringen.« Sie strich sich mit einer ölver-schmierten Hand über die Wange. »Wir sind nämlich nur noch zu dritt, Norman.«

»Du, ich und Harry?«

»So ist es - du, ich und Harry.«

Harry schlief friedlich auf dem Boden zwischen den Kojen. Norman beugte sich über ihn, hob eins der Lider und leuchtete ihm mit der Taschenlampe in die Pupille. Sie zog sich zusammen.

»Das kann nicht der Himmel sein«, sagte Harry.

»Warum nicht?« fragte Norman. Er leuchtete in die andere Pupille, auch sie zog sich zusammen.

»Weil du hier bist. Psychologen kommen nicht in den Himmel.« Er lächelte schwach.

»Kannst du Zehen und Hände bewegen?«

»Alles. Immerhin bin ich aus eigener Kraft hergekommen. Mir fehlt nichts.«

Norman lehnte sich zurück.

»Das freut mich!« Diese Erklärung kam ihm vom Herzen. Der Gedanke, Harry könnte verletzt sein, hatte ihn geängstigt. Von Anfang an war die ganze Expedition auf Harry angewiesen gewesen. An jeder kritischen Stelle hatte er den Durchbruch geschafft, das nötige Wissen bewiesen, verstanden, worum es ging. Selbst jetzt fand Norman die Vorstellung tröstlich, daß Harry die Lebenserhaltungssysteme durchschauen würde, falls Beth doch nicht damit zurechtkäme.

»Mir fehlt wirklich nichts.« Er schloß erneut die Augen und seufzte. »Wie viele sind wir noch?«

»Beth. Ich. Du.«

»Großer Gott.«

»Ja. Willst du aufstehen?«

»Ja, und dann leg ich mich auf die Koje. Ich bin todmüde, Norman. Ich könnte ein ganzes Jahr am Stück schlafen.«

Norman half ihm auf die Füße. Harry ließ sich sofort auf die nächste Koje fallen.

»Ist es schlimm, wenn ich eine Weile schlafe?«

»Aber nein.«

»Schön. Ich bin todmüde, Norman. Ich könnte ein ganzes Jahr am Stück schlafen.«

»Ja, hast du schon gesa -«

Norman unterbrach sich. Harry schnarchte bereits. Neben seinem Kopf lag etwas auf dem Kissen. Norman griff danach.

Es war Ted Fieldings zerknittertes Notizbuch.

Mit einemmal wurde es Norman alles zu viel. Er hockte, das Notizbuch in den Händen, auf seiner Koje. Nach einer Weile sah er sich einige Seiten an, die mit Teds großer schwungvoller Schrift gefüllt waren. Ein Foto fiel heraus. Er drehte es um. Es zeigte einen roten Sportwagen, eine Corvette. Die Gefühle überwältigten ihn, und er brach in Tränen aus. Er wußte nicht, ob er um Ted weinte oder um sich selbst, denn für ihn stand fest, daß sie hier unten alle umkommen würden, einer nach dem anderen. Er war voll Trauer und zugleich voll Angst.

Beth schaltete in Röhre D, der Befehls- und Kommandozentrale, alle Monitore ein.

»Hier haben sie sich wirklich Mühe gegeben«, sagte sie. »Alles ist gekennzeichnet, alles mit Anleitungen versehen, und in den Computern gibt es Hilfsdateien. Ein Trottel könnte damit fertig werden. Ich sehe nur eine Schwierigkeit.«

»Welche?«

»Die Küche war in Röhre E, und die steht unter Wasser. Wir haben nichts zu essen, Norman.«

»Überhaupt nichts?«

»Ich glaube nicht.«

»Wasser?«

»Ja, reichlich, aber nichts zu essen.«

»Nun, wir können es ohne Lebensmittel eine Weile aushalten. Wie lange müssen wir noch hier unten bleiben?«

»Wie es aussieht, noch etwa zwei Tage.«

»Das schaffen wir«, sagte Norman und dachte: Zwei Tage, Gott im Himmel. Zwei weitere Tage hier unten.

»Immer vorausgesetzt, der Sturm richtet sich nach der Wettervoraussage«, fuhr sie fort. »Ich habe rauszukriegen versucht, wie man einen Ballon aufsteigen läßt, um zu sehen, wie es da oben aussieht. Tina hat dafür einen besonderen Code eingegeben.«

»Das schaffen wir«, wiederholte Norman.

»Klar. Schlimmstenfalls können wir uns vom Raumschiff was zu essen holen. Da drüben ist reichlich.«

»Glaubst du, wir können es riskieren rauszugehen?«

»Das müssen wir«, sagte sie mit einem Blick auf die Bildschirme, »irgendwann in den nächsten drei Stunden ohnehin.«

»Warum?«

»Das Tauchboot. Es taucht automatisch auf, wenn nicht jemand hingeht und auf den Knopf drückt, der die Zeitschaltuhr neu stellt.«

»Der Teufel soll das Boot holen«, sagte Norman. »Dann taucht es eben auf.«

»Nicht so hastig«, sagte Beth. »Es passen drei Personen hinein.«

»Du meinst, wir könnten uns damit retten?«

»Genau das.«

»Mensch«, sagte Norman, »dann laß uns doch gleich verschwinden.«

»Dabei gibt es zwei Schwierigkeiten«, sagte Beth. Sie wies auf den Bildschirm. »Ich hab das Ganze mal in Gedanken durchgespielt. Erstens ist das Tauchboot an der Wasseroberfläche instabil. Wenn da oben der Sturm noch so tobt, werden wir von dem Seegang schlimmer durchgerüttelt, als von allem, was uns hier unten je begegnen kann. Zweitens müssen wir unbedingt an einer Dekompressionskammer anlegen. Vergiß nicht, daß wir auf jeden Fall sechsundneunzig Stunden Dekompression vor uns haben - so oder so.«

»Und wenn wir uns die schenken?« fragte Norman. Er stellte sich vor: einfach im Tauchboot rauf, oben die Luke aufreißen, den Blick auf Himmel und Wolken gerichtet in tiefen Zügen die Erdenluft einatmen.

»Das geht nicht«, sagte Beth. »Hier unten ist das Blut mitgelöstem Heliumgas gesättigt. Da du im Augenblick unter Druck stehst, spielt das keine Rolle. Falls aber dieser Druck schlagartig aufhörte, würde dasselbe passieren wie bei einer Sektfla-sche, wenn man den Korken knallen läßt. Das Helium würde in Form von Bläschen explosionsartig aus deinem Körper verschwinden, und du wärest sofort tot.«

»Oh«, machte Norman.

»Sechsundneunzig Stunden«, sagte Beth, »dauert es, bis das Helium aus dem Organismus raus ist.«

»Oh.«

Norman trat ans Bullauge und sah zu DH-7 und dem Tauchboot hinüber. Bis dorthin waren es knapp hundert Meter. »Meinst du, der Kalmar kommt wieder?«

Sie zuckte die Schultern. »Frag Jerry.«

Norman dachte, aha, jetzt ist Schluß mit dem Geraldine-Gerede. Stellte sie sich das bösartige Geschöpf lieber als männlich vor?

»Auf welchem Monitor?«

»Auf dem hier.« Sie schaltete ihn ein.

Norman sagte: »Jerry? Bist du da?«

Keine Antwort.

Er gab ein: JERRY? BIST DU DA?

Keine Reaktion.

»Ich will dir was über Jerry verraten«, sagte Beth. »Er kann gar nicht wirklich Gedanken lesen. Als wir mit ihm gesprochen haben, hab ich ihm einen Gedanken rübergeschickt, und er hat nicht reagiert.«

»Ich auch«, sagte Norman. »Ich habe mich auf Nachrichten und auf Bilder konzentriert. Er hat auf nichts davon reagiert.«

»Auf das, was jemand sagte, konnte er antworten, aber nicht auf das, was wir gedacht haben«, sagte Beth. »Er ist also nicht allmächtig und verhält sich eigentlich ganz so, als ob er uns nur hören könnte.«

»Stimmt«, sagte Norman. »Obwohl er uns jetzt nicht zu hören scheint.«

»Nein. Ich habe es vorhin auch schon probiert.«

»Warum er wohl nicht antwortet?«

»Du hast gesagt, daß er emotionsabhängig ist. Vielleicht schmollt er.«

Das allerdings nahm Norman nicht an. Kinder auf Königsthronen schmollten nicht. Sie waren rachsüchtig und launisch, aber sie schmollten nicht.

»Übrigens«, sagte sie, »könntest du dir das hier mal ansehen.« Sie gab ihm einen Stapel Computerausdrucke. »Es sind die Mitschriften aller Kontakte, die wir mit ihm gehabt haben.«

»Vielleicht finden wir darin einen Hinweis«, sagte Norman und blätterte den Stapel ziemlich lustlos durch. Er fühlte sich plötzlich sehr müde.

»Auf jeden Fall wird es dich beschäftigen.«

»Das ist wahr.«

»Ich persönlich«, sagte Beth, »würde am liebsten noch mal zum Schiff rübergehen.«

»Wozu?«

»Ich bin davon überzeugt, daß wir noch nicht alles gefunden haben, was es da zu finden gibt.«

»Es ist ziemlich weit bis zum Schiff«, gab Norman zu bedenken.

»Schon. Aber wenn uns der Kalmar eine Weile in Ruhe läßt, würde ich es gern versuchen.«

»Einfach, um dich zu beschäftigen?«

»So könnte man es formulieren.« Sie sah auf die Uhr. »Norman, ich hau mich jetzt für zwei Stunden aufs Ohr. Anschließend ziehen wir Hölzchen, wer zum Tauchboot geht.«

»Ist gut.«

»Du siehst bedrückt aus, Norman.«

»Das bin ich auch.«

»Mir geht es genauso«, sagte sie. »Ich komme mir hier vor wie in einem Grab - als hätte man mich vorzeitig beerdigt.«

Sie stieg die Leiter zu ihrem Labor hinauf, legte sich aber offenbar nicht schlafen, denn nach einigen Augenblicken hörte er Tinas Stimme auf dem Videoband: »Glauben Sie, daß man

die Kugel je aufkriegt?« Beth gab zur Antwort: »Möglich. Ich weiß nicht.« »Mir macht sie angst.«

Das Rückspulgeräusch, eine kurze Pause, dann: »Glauben Sie, daß man die Kugel je aufkriegt?« »Möglich. Ich weiß nicht.« »Mir macht sie angst.«

Beth schien von dem Band förmlich besessen zu sein. Er sah auf die Ausdrucke auf seinen Knien und dann auf den Bildschirm. »Jerry?« fragte er. »Bist du da?« Jerry antwortete nicht.

Das Tauchboot

Beth rüttelte Norman sacht an der Schulter. Er schlug die Augen auf.

»Es ist Zeit«, sagte sie.

»Schon gut.« Er gähnte. Er war entsetzlich müde. »Wieviel noch?«

»Eine halbe Stunde.«

Beth schaltete von der Zentrale aus die Sensoren ein und regelte deren Empfindlichkeit nach.

»Du weißt, wie man das alles bedient?« fragte Norman. »Auch die Sensoren?«

»Ziemlich gut, ich hatte Zeit, es zu lernen.«

»Dann geh ich am besten zum Boot rüber«, sagte er. Keinesfalls würde Beth damit einverstanden sein, sondern darauf bestehen, selbst die aktive Rolle zu übernehmen - aber er wollte es zumindest anbieten.

»In Ordnung«, sagte sie, »klingt vernünftig.«

Er verbarg seine Überraschung. »Das denke ich auch.«

»Jemand muß die Sensoren hier überwachen«, sagte sie, »und ich kann dich warnen, wenn der Kalmar kommt.«

»Klar.« Dabei dachte er, verdammt, sie meint es ernst. »Ich glaube nicht, daß das was für Harry wäre«, sagte Norman.

»Nein, der ist für den körperlichen Einsatz wohl nicht so geeignet. Außerdem schläft er noch. Ich würde sagen, laß ihn schlafen.«

»Genau«, sagte Norman.

»Du wirst Hilfe mit deinem Anzug brauchen«, sagte Beth.

»Ach ja richtig, der Anzug«, sagte Norman. »Der Ventilator da drin ist kaputt.«

»Fletcher hat ihn repariert«, sagte Beth.

»Hoffentlich richtig.«

»Vielleicht sollte ich lieber selbst gehen«, sagte Beth.

»Nein, nein. Überwach du die Geräte. Ich geh schon. Es sind ja nur knapp hundert Meter. So schlimm wird es schon nicht werden.«

»Die Luft ist rein«, sagte sie, unverwandt auf die Bildschirme blickend.

»Also los«, sagte Norman.

Der Helmverschluß rastete ein. Beth klopfte gegen sein Visier und warf ihm einen fragenden Blick zu: alles in Ordnung?

Norman nickte, und sie öffnete ihm die Bodenluke. Er winkte ihr zum Abschied zu und sprang ins eiskalte Wasser. Auf dem Meeresboden blieb er einen Moment lang unter der Luke stehen und horchte. Er wollte sicher sein, daß der Ventilator lief. Dann tappte er mit schwerfälligen Schritten unter dem Habitat hervor. Im Habitat brannten nur wenige Lichter, und er konnte aus den undichten Stellen zahlreiche dünne Blasenfäden aufsteigen sehen.

»Wie fühlst du dich?« fragte Beth über die Sprechanlage.

»Ganz gut. Weißt du, daß die Anlage Luft verliert?«

»Es sieht schlimmer aus, als es ist«, sagte Beth. »Glaub mir.«

Norman erreichte das Ende des Habitats und ließ den Blick über die rund hundert Meter offenen Meeresboden gleiten, die ihn von DH-7 trennten. »Wie sieht es aus? Immer noch alles klar?«

»Nichts zu sehen«, sagte Beth.

Norman machte sich auf den Weg. Er ging so schnell er konnte, aber es kam ihm vor, als bewege er seine Füße in Zeitlupe. Bald schon war er außer Atem und fluchte.

»Was ist los?«

»Ich kann nicht schnell gehen.« Er sah sich um, erwartete jeden Augenblick den grünlichen Schimmer des sich nähernden Kalmars zu sehen, aber der Horizont blieb dunkel.

»Du kommst gut vorwärts, Norman. Es ist immer noch alles in Ordnung.«

Das Habitat lag jetzt fünfzig Meter hinter ihm, der halbe Weg war geschafft. Er konnte DH-7 gut sehen. Das Taucher-Habitat war deutlich kleiner als ihres, eine einzige zwölf Meter hohe Röhre mit wenigen Bullaugen. Neben ihr lag die Kuppel, unter der das Tauchboot festgemacht war.

»Du bist gleich da«, sagte Beth. »Gut gemacht.«

Norman fühlte sich plötzlich schwindlig und verlangsamte den Schritt. Er konnte jetzt allerlei Beschriftungen in Großbuchstaben auf der grauen Oberfläche von DH-7 erkennen, Markierungen für die Marinetaucher.

»Die Luft ist nach wie vor rein«, sagte Beth. »Herzlichen Glückwunsch. Sieht ganz so aus, als ob du es geschafft hättest.«

Er trat unter die Röhre und sah zur Luke empor. Sie war geschlossen. Er drehte das Handrad und stieß die Luke auf. Viel konnte er vom Inneren nicht erkennen, weil die Lichter aus waren, aber er wollte doch wenigstens einen Blick hineinwerfen. Vielleicht gab es dort irgend etwas, das ihnen als Waffe dienen konnte.

»Zuerst das Boot«, sagte Beth. »Du hast nur noch zehn Mi-nuten, um den Knopf zu drücken.«

»Okay.«

Er ging zum Tauchboot hinüber. Hinter den Doppelschrauben stehend, las er auf dessen Heckspiegel den Namen Deepstar III. Es war gelb, wie das, mit dem er gekommen war, aber es sah etwas anders aus. An der Seite fand er Handgriffe, zog sich an ihnen in die unter der Kuppel gefangene Luftblase. Oben auf dem Boot saß ein großer runder Acryldeckel, der dem Bootsführer die nötige Sicht gewährte. Norman fand die Luke dahinter, öffnete sie und sprang hinein.

»Ich bin jetzt drin.«

Von Beth kam keine Antwort. Vermutlich konnte sie ihn nicht hören, weil die Konstruktion der Kuppel die Funkwellen abschirmte. Er sah sich im Boot um und dachte, ich bin doch tropfnaß. Aber was sollte er tun, sich etwa die Schuhe abtreten, bevor er hineinging? Bei dem Gedanken mußte er lächeln. Er fand die Bänder in einem Abteil im Heck. Das Boot bot nicht nur reichlich Platz für weitere Bänder, sondern konnte auch spielend noch drei Personen aufnehmen. Aber was das Auftauchen bei rauher See betraf, so hatte Beth recht: Das Innere des Bootes war voller Instrumente und scharfer Kanten. Wenn man hier drin umhergeschleudert würde, wäre es bestimmt nicht angenehm.

Wo war der Verzögerungsknopf? Er sah auf die dunkle Instrumententafel. Dort blinkte ein einziges rotes Licht über einem mit »Zeitautomatik« beschrifteten Knopf. Er drückte ihn.

Das rote Licht hörte auf zu blinken und leuchtete beständig. Auf einem kleinen bernsteinfarbenen Sichtschirm leuchtete die Anzeige auf: ZEITAUTOMATIK NEU GESTELLT. RÜCKLAUF 12:00:00.

Er sah, daß die Anzeige rückwärts zu zählen begann. Das war's dann wohl, dachte Norman. Der Sichtschirm schaltete sich ab.

Während seine Augen auf den Instrumenten ruhten, fragte er sich unwillkürlich, ob er das Tauchboot notfalls überhaupt bedienen könnte. Er nahm Platz auf dem Steuersitz und betrachtete die verwirrende Vielzahl von Schaltern und Skalen auf der Instrumententafel. Eine Steuervorrichtung schien es nicht zu geben - er sah weder ein Rad noch einen Hebel. Wie bediente man das verdammte Ding? Ein Sichtschirm schaltete sich ein:

deepstar iii - kommando-einheit brauchen sie hilfe? ja nein storno

Ja, dachte er, ich brauche Hilfe. Er suchte vergeblich nach einem »ja«-Knopf in der Nähe des Sichtschirms. Schließlich kam ihm der Gedanke, das »ja« auf der Anzeige zu drücken.

deepstar iii - befehls-auswahl ab auf

sichern ende anzeige storno

Er drückte »auf«. Der Sichtschirm zeigte jetzt eine kleine schematische Darstellung der Instrumententafel. Ein bestimmter Teil davon blinkte regelmäßig. Dann kam die nächste Anweisung:

deepstar iii - auftauchen

1. ballast-/anblasvorrichtung schalten auf: ein

nächster schritt storno

So also geht das, dachte Norman. Eine im Computer des Tauchbootes gespeicherte Anweisung, die Schritt für Schritt vorging, man mußte lediglich genau tun, was sie vorgab. Das

konnte er.

Eine leichte Strömung ließ das Boot in seiner Vertäuung schwingen.

Norman drückte auf »storno«. Der Sichtschirm wurde schwarz und blinkte dann:

zeitautomatik neu gestellt - rücklauf 11:53:04.

Die Uhr lief stetig rückwärts. Bin ich wirklich schon seit sieben Minuten hier drin? dachte er. Wieder wurde das Boot von einer Strömung erfaßt, so daß es schwankte. Es war Zeit zurückzukehren.

Er kletterte aus dem Boot und schloß die Luke. Kaum hatte er sich an der Seite des Tauchbootes hinabgelassen und spürte Boden unter den Füßen, knisterte es in der Sprechanlage. Hier wirkte die Abschirmung nicht mehr.

»- da? Norman, bist du da? Bitte antworten!«

Es war Harrys Stimme.

»Ich bin hier«, sagte Norman.

»Norman, um Gottes willen -«

In diesem Augenblick sah er den grünen Schimmer und verstand, warum das Boot geschwankt hatte. Der Kalmar war knapp zehn Meter von ihm entfernt, seine leuchtenden Fangarme wanden sich ihm entgegen, wirbelten die Ablagerungen vom Meeresboden hoch.

»Norman, willst du -«

Es blieb keine Zeit zu denken. Mit drei Schritten war er unter der offenen Luke, sprang hoch und zog sich in DH-7 hinein.

Er schlug den Lukendeckel hinter sich zu, doch das abgeplattete spatenförmige Ende des Fangarms war ihm bereits ins Innere gefolgt. Er klemmte es mit dem Deckel ein, doch zog sich der Tentakel nicht zurück. Er war unglaublich kräftig und muskulös, wand sich vor seinen Augen hin und her, Saugnäpfe öffneten und schlossen sich wie kleine vorgestülpte Münder. Norman sprang mit beiden Füßen auf den Lukendeckel und versuchte, den Fangarm mit Gewalt zum Rückzug zu zwingen. Doch mit einem kräftigen Ruck flog der Deckel auf, schleuderte Norman zurück, und der Fangarm schob sich vollständig in die Röhre.

Auf seiner Flucht vor dem Tier kletterte er immer höher. Der zweite Fangarm erschien und schoß, Wasser verspritzend, durch die Luke empor. Beide Arme beschrieben unter ihm große Bögen auf der Suche nach ihrem Opfer. Norman kam an ein Bullauge und sah hinaus, erblickte den ungeheuren Leib des Tieres, das riesige, runde, starre Auge. Er kletterte höher, entfernte sich von den suchenden Tentakeln. Der größte Teil der Röhre schien als Vorratslager zu dienen; sie war voller Ausrüstungsgegenstände, Kisten und Flüssigkeitsbehälter. Auf vielen Kisten stand in grellroter Schablonenschrift: »achtung, nicht rauchen, keine elektronik tevac sprengstoff.« Hier lagert eine enorme Menge Sprengstoff, dachte er, während er aufwärts stolperte.

Die Fangarme folgten ihm, reichten immer höher. Irgendwo in einem noch zu logischem Denken fähigen Teil seines Gehirns rechnete er: die Röhre ist nur zwölf Meter hoch, und die Arme sind mindestens zwölf Meter lang. Verstecken kann ich mich nirgendwo.

Er strauchelte, schlug sich die Knie an, stieg immer weiter. Er hörte, wie die Fangarme suchend an die Wandung schlugen, während sie ihm ständig näher kamen.

Eine Waffe, dachte er, ich muß eine Waffe finden.

Er erreichte die kleine Küche, eine metallene Arbeitsfläche, einige Töpfe und Pfannen. Hastig zog er die Schubladen auf, suchte nach einem Messer. Den Kartoffelschäler, den er fand, warf er wütend beiseite. Er hörte, wie sich die Fangarme näherten. Im nächsten Augenblick wurde er umgeworfen, sein Helm schlug heftig auf den Boden. Norman raffte sich hoch, duckte sich unter dem Fangarm, stieg weiter in der Röhre empor.

Eine Kommandozentrale: Funkgerät, Computer, Bildschirme. Die Tentakeln waren dicht hinter ihm, glitten aufwärts, wie in einem Alptraum die Ranken einer bösartigen Pflanze.

Er kam zu den Kojen, ein winziger Raum unter der Decke der Röhre.

Hier gibt es nirgendwo ein Versteck, dachte er. Keine Waffen und kein Versteck.

Die Fangarme holten ihn ein, schlugen gegen die gewölbte Decke der Röhre, schwangen zur Seite. Im nächsten Augenblick würden sie ihn haben. Er riß die Matratze von einer Koje und hielt sie als schwächlichen Schutz vor sich. Die Fangarme näherten sich kreisend. Dem ersten wich er aus.

Dann umschlang ihn mit einem schmatzenden Geräusch der zweite und hielt ihn mitsamt der Matratze in seiner kalten schleimigen Umklammerung. Norman spürte, wie er sich langsam zusammenzog, wie Dutzende widerwärtiger Saugnäpfe sich seinem Körper näherten, in seine Haut schneiden wollten. Er stöhnte vor Entsetzen. Der andere Fangarm schwang zurück, legte sich ebenfalls um ihn. Norman war in einem Schraubstock gefangen.

O Gott, dachte er.

Die Fangarme schwangen weg von der Wandung, rissen ihn hoch in die Luft, in die Mitte der Röhre. Das ist das Ende, dachte er, doch im nächsten Augenblick spürte er, wie sein Körper an der Matratze entlang dem Griff der Tentakeln entglitt. Er fiel, umklammerte haltsuchend die Fangarme, rutschte an den riesigen, ekelhaft riechenden Ranken hinab und landete dann nahe der Küche auf dem Boden, wobei sein Helm dröhnend auf das Metall schlug. Er drehte sich auf den Rücken.

Über sich sah er die beiden Fangarme, die die Matratze hielten. Sie preßten und verdrehten sie. Hatte das Tier begriffen, was geschehen war, daß er freigekommen war?

Norman sah sich verzweifelt um. Eine Waffe, eine Waffe. Schließlich war das eine Einrichtung der Navy, da mußte es

doch irgendwo eine Waffe geben.

Die Fangarme zerfetzten die Matratze. Stückchen hellen Füllstoffs flatterten durch die Röhre herab. Die Fangarme gaben die Matratze frei und ließen die großen Stücke fallen. Dann schwangen sie erneut umher.

Suchend.

Er hat es begriffen, dachte Norman. Er weiß, daß ich entkommen bin und mich immer noch hier drin aufhalte. Er jagt mich.

Aber woher wußte das Tier das?

Als eins der flachen Fangarmenden auf der Suche nach ihm polternd durch Töpfe und Pfannen fuhr, duckte sich Norman hinter die Küchen-Arbeitsfläche. Er schob sich vorsichtig zurück und stieß dabei gegen eine große Topfpflanze. Noch immer tastete der Fangarm weiter nach ihm, glitt unaufhaltsam über den Boden, stieß gegen die Küchengeräte. Norman schob die Pflanze vor, der Tentakel ergriff sie, entwurzelte sie mühelos und riß sie hoch in die Luft.

Dies Ablenkungsmanöver verschaffte Norman etwas Raum. Er kroch ein Stück vor.

Eine Waffe, dachte er. Eine Waffe.

Er sah hinab. Ganz unten erkannte er an der Wand nahe der Bodenluke eine Reihe silberner, aufrecht stehender Stäbe. Harpunen! Irgendwie hatte er sie auf dem Weg nach oben übersehen. Jede hatte eine verdickte Spitze, wie eine Handgranate. Explosivköpfe? Er machte sich an den Abstieg.

Auch die Fangarme glitten jetzt abwärts, folgten ihm. Woher wußte der Kalmar, wo er sich gerade befand? Als er an einem Bullauge vorbeikam, sah er das Auge des Tieres und dachte: Großer Gott, er kann mich sehen.

Bleib weg von den Bullaugen.

Er konnte nicht klar denken. Alles geschah zu schnell. Er schob sich an den Sprengstoffbehältern in der Lagerabteilung vorbei und dachte, wenn ich vorbeischieße und dies treffe, ist alles aus. Dann landete er mit lautem Dröhnen auf dem Boden der Luftschleuse.

Die Arme schoben sich an der Röhrenwandung entlang nach unten, immer weiter auf ihn zu. Er zerrte an einer der Harpunen. Sie waren mit einem Gummikabel an der Wand befestigt. Norman zog daran, versuchte, die Harpune herauszunehmen. Die Fangarme kamen immer näher. Er riß an dem Gummi, aber es gab nicht nach. Was stimmte nicht mit diesen Verschlüssen?

Die Fangarme waren schon ganz nah. Sie bewegten sich schnell.

Dann erkannte er die Sicherheitsverschlüsse an dem Gummikabel - man mußte die Harpune zur Seite herausnehmen, nicht nach vorn. Er tat es, und sofort gab der Gummi den Schaft frei. Die Harpune lag in seiner Hand. Er wandte sich um, in diesem Augenblick schlug ihn der Fangarm zu Boden. Er rollte auf den Rücken und sah die große, flache, mit Saugnäpfen besetzte Hand genau auf sich herabkommen. Der Fangarm legte sich um seinen Hals, alles wurde schwarz, und er feuerte.

Er empfand einen heftigen Schmerz in Brust und Unterleib. Einen entsetzlichen Augenblick lang fürchtete er, er habe sich selbst getroffen. Als er gequält nach Luft schnappte, begriff er, daß sein Körper nur den Rückstoß aufgefangen hatte. Seine Brust brannte zwar, aber der Kalmar ließ ihn los.

Immer noch konnte er nichts sehen. Er zog die Hand des Kalmars von seinem Visier, und sie fiel schwer zu Boden, abgetrennt vom Fangarm des Tieres. Die Wandung der Röhre war blutbespritzt. Ein Tentakel bewegte sich noch, der andere war ein blutiger, zerfetzter Stumpf. Beide Arme glitten durch die Luke zurück ins Wasser.

Norman rannte zum Bullauge und sah, wie sich der Kalmar rasch entfernte, der grüne Schimmer wurde schwächer. Geschafft! Er hatte ihn zurückgeschlagen.

Er hatte es geschafft.

DH-8

»Wie viele hast du davon mitgebracht?« fragte Harry und drehte eine Harpune in den Händen.

»Fünf«, sagte Norman. »Mehr konnte ich nicht tragen.«

»Und es hat funktioniert?« Er untersuchte den runden Explosivkopf.

»Ja. Sie hat ihm den ganzen Fangarm abgerissen.«

»Ich hab gesehen, wie sich das Tier zurückgezogen hat«, sagte Harry, »und da war mir klar, daß dir irgendwas eingefallen sein muß.«

»Wo ist Beth?«

»Ich weiß nicht. Ihr Anzug hängt nicht mehr da. Vielleicht ist sie zum Raumschiff rüber.«

»Zum Schiff?« fragte Norman mit finsterer Miene.

»Ich weiß nur, daß sie weg war, als ich aufgewacht bin. Ich hab mir überlegt, daß du drüben beim Boot sein könntest, dann hab ich den Kalmar gesehen und dich sofort anzufunken versucht. Vermutlich hat da drüben irgendwas die Funkwellen abgeschirmt.«

»Beth ist also weg?« sagte Norman. Er wurde langsam ärgerlich. Beth hatte in der Nachrichten- und Befehlszentrale bleiben und auf die Meldungen von den Sensoren achten sollen, während er da draußen war. Und sie hatte statt dessen nichts Besseres zu tun gehabt als zum Raumschiff zu gehen?

»Ihr Anzug hängt nicht mehr da«, wiederholte Harry.

»Verdammtes Miststück!« fluchte Norman. Plötzlich ergriff ihn maßlose Wut. Erbost trat er gegen die Gerätewand.

»Vorsichtig«, sagte Harry.

»Der Teufel soll sie holen!«

»Beruhige dich«, sagte Harry, »laß doch, beruhige dich, Norman.«

»Was zum Teufel glaubt sie eigentlich, wer sie ist?«

»Na komm, setz dich erst mal hin, Norman.« Harry schob ihn zu einem Sessel. »Wir sind alle müde.«

»Natürlich sind wir alle müde!«

»Ganz ruhig, Norman, ganz ruhig ... Denk an deinen Blutdruck.«

»Mein Blutdruck ist in Ordnung!«

»Ist er nicht«, sagte Harry. »Du bist puterrot im Gesicht.«

»Wie konnte sie nur rausgehen und mich einfach meinem Schicksal überlassen?«

»Schlimmer noch, selbst rausgehen«, sagte Harry.

»Aber sie hat nicht mehr auf mich aufgepaßt«, sagte Norman. Und dann begriff er, warum er so wütend war - er hatte Angst. In einem Augenblick höchster Gefahr hatte Beth ihn im Stich gelassen. Sie waren nur noch zu dritt, und sie waren aufeinander angewiesen, mußten sich einer auf den anderen verlassen können. Aber Beth war unzuverlässig, und das ließ Angst in ihm aufsteigen. Und Wut.

»Könnt ihr mich hören?« kam jetzt Beths Stimme über die Sprechanlage. »Kann mich jemand hören?«

Norman griff nach dem Mikrophon, aber Harry kam ihm zuvor. »Überlaß das mir«, sagte er. »Ja, Beth.«

»Ich bin hier im Schiff«, kam es knisternd aus dem Lautsprecher. »Ich hab noch ein Abteil gefunden, im Heck, hinter den Mannschaftsunterkünften. Ziemlich interessant.«

Ziemlich interessant, dachte Norman. Ist ja toll, sie findet es also ziemlich interessant. Er entriß Harry das Mikrophon. »Beth, was zum Teufel tust du da drüben?«

»Hallo, Norman. Du hast es also geschafft?«

»Mit knapper Not.«

»Hattest du denn Schwierigkeiten?« In ihrer Stimme schien keinerlei Besorgnis zu liegen.

»Das kann man wohl sagen.«

»Fehlt dir was? Es klingt, als ob du wütend wärest.«

»Und wie! Beth, warum bist du fortgegangen, während ich

noch draußen war?«

»Harry hat gesagt, er würde für mich weitermachen.«

»Was hat er?« Norman sah Harry an. Dieser schüttelte verneinend den Kopf.

»Er wollte für mich die Instrumente überwachen. Er hat gesagt, ich sollte ruhig zum Schiff gehen. Weil gerade kein Kalmar in der Nähe war, schien es mir ein günstiger Zeitpunkt zu sein.«

Norman legte die Hand über das Mikrophon. »Daran kann ich mich nicht erinnern«, sagte Harry.

»Hast du mit ihr gesprochen?«

»Nicht, daß ich wüßte.«

»Frag ihn doch einfach, Norman. Er sagt es dir dann schon«, sagte Beth.

»Er meint, er habe so was nie gesagt.«

»Nun, dann macht er dir was vor«, sagte Beth. »Ja, glaubst du etwa, ich würde dich da draußen im Stich lassen?« Sie machte eine Pause. »Nie im Leben würde ich das tun.«

»Ich schwöre«, sagte Harry zu Norman, »daß ich mit ihr kein Wort gewechselt habe. Ich sage dir, sie war weg, als ich aufgewacht bin. Niemand war hier, und wenn du mich fragst, hatte sie die ganze Zeit vor, zum Schiff zu gehen.«

Norman mußte daran denken, wie bereitwillig sie zugestimmt hatte, als er zum Tauchboot gehen wollte, und wie sehr ihn das überrascht hatte. Harry könnte recht haben, überlegte er. Vielleicht hatte Beth die Sache von vornherein so geplant.

»Wenn du mich fragst«, sagte Harry, »ich glaube, sie fängt an durchzudrehen.«

Über die Sprechanlage fragte Beth: »Na, ist alles geklärt?«

»Ich glaube schon, Beth, ja«, sagte Norman.

»Gut«, sagte sie. »Ich hab nämlich hier drüben eine Entdek-kung gemacht.«

»Und die wäre?«

»Ich habe die Besatzung gefunden.«

»Ihr seid ja beide gekommen«, wunderte sich Beth. Sie saß auf einem der Computertische in der in behaglichen Beigetönen eingerichteten Steuerzentrale des Raumschiffs.

»Ja«, sagte Norman und musterte sie. Ihr schien nichts zu fehlen. Eher sah sie besser aus als sonst. Kräftiger, offener. Eigentlich ziemlich hübsch, dachte er. »Harry meinte, der Kalmar würde nicht zurückkommen.«

»War der etwa wieder da?«

Norman berichtete ihr in knappen Worten von dem Angriff.

»Mensch, Norman, das tut mir wirklich leid. Ich wäre nie gegangen, wenn ich das auch nur geahnt hätte.«

Sie macht nicht den Eindruck einer Frau, die kurz davor ist durchzudrehen, dachte Norman. Ihre Stimme klang aufrichtig, der Situation angemessen. »Nun, wie dem auch sei«, sagte er, »ich hab ihn verwundet, und Harry meinte, wir wären ihn los.«

»Und da wir uns nicht einig werden konnten, wer zurückbleiben sollte, sind wir beide gekommen«, fügte Harry hinzu.

»Dann kommt mal mit«, sagte Beth. Sie führte sie nach hinten, durch die Mannschaftsunterkünfte, an den zwanzig Kojen für die Besatzungsmitglieder vorbei, durch die große Küche. Dort blieb Norman stehen, und Harry tat es ihm gleich.

»Mann, hab ich Hunger«, sagte Harry.

»Dann mach's mir gleich und iß was«, sagte Beth. »Sie haben da 'ne Art Nußriegel oder so was. Schmeckt ganz gut.« Sie öffnete eine Schublade, holte in Metallfolie eingewickelte Riegel hervor und gab beiden einen. Norman riß die Folie ab; zum Vorschein kam etwas, das wie Schokolade aussah. Es schmeckte trocken.

»Gibt's auch was zu trinken?«

»Klar.« Sie öffnete eine Kühlschranktür. »Diät-Cola?«

»Machst du Witze?«

»Die Dose sieht etwas anders aus, als wir sie kennen, und leider ist das Zeug warm, aber ansonsten ist es richtige Diät-

Cola.«

»Von der Firma kauf ich Aktien«, sagte Harry. »Jetzt, wo wir wissen, daß sie in fünfzig Jahren noch existiert.« Er las die Aufschrift. »Offizielles Getränk der Star Voyager Expedition.«

»Ja, ja, die Werbung«, sagte Beth.

Harry drehte die Dose um. Auf der anderen Seite trug sie japanische Schriftzeichen. »Was das wohl heißt?«

»Wahrscheinlich, daß man doch lieber die Finger von den Aktien lassen soll«, sagte sie.

Norman nippte an der Cola mit einem Gefühl leichten Unbehagens. Die Küche erschien ihm irgendwie verändert, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Zwar war er nicht sicher, denn er hatte damals nur einen kurzen Blick in den Raum geworfen, aber gewöhnlich verstand er sich auf Grundrisse, und seine Frau hatte immer gescherzt, er finde sich in jeder Küche zurecht. »Wißt ihr«, sagte er, »an einen Kühlschrank hier kann ich mich gar nicht erinnern.«

»Ich hab ihn selbst vorher auch nicht bemerkt«, sagte Beth.

»Eigentlich kommt mir der ganze Raum anders vor«, sagte Norman. »Er wirkt größer und - ich weiß nicht - eben anders.«

»Weil du Hunger hast«, neckte ihn Harry.

»Möglich«, sagte Norman. Harry könnte recht haben. In den sechziger Jahren waren Untersuchungen der visuellen Wahrnehmungsfähigkeit durchgeführt worden, und dabei hatte sich gezeigt, daß die Versuchspersonen Dias mit verschwommenen Formen entsprechend ihren jeweiligen Empfindungen auslegten. Wer Hunger hatte, sah auf allen etwas Eßbares.

Aber der Raum sah tatsächlich anders aus. Beispielsweise konnte sich Norman nicht erinnern, daß die Tür zur Küche links gelegen hatte, wo sie sich jetzt befand. Er glaubte sich zu erinnern, daß sie in der Mitte der Wand eingelassen war, die Küche und Schlafraum voneinander trennte.

»Hier geht's lang«, sagte Beth und führte sie weiter nach hinten. »Der Kühlschrank hat mich überhaupt erst stutzig gemacht. Es ist eine Sache, eine Unmenge von Lebensmitteln auf einem Versuchsraumschiff unterzubringen, das sich anschickt, ein Schwarzes Loch zu durchqueren. Aber ein Kühlschrank an Bord - wozu sollte der gut sein? Das hat mich auf den Gedanken gebracht, daß es doch eine Besatzung geben könnte.«

Sie betraten einen kurzen Gang mit gläsernen Wänden. Tiefrotes Licht fiel auf sie. »UV-Strahler«, sagte Beth. »Wofür die sind, weiß ich nicht.«

»Desinfektion?«

»Kann sein.«

»Vielleicht als Sonnenersatz, zur Bräunung«, sagte Harry. »Vitamin D.«

So etwas wie den großen Raum, den sie dann betraten, hatte Norman noch nie gesehen. Der Boden schimmerte lila, so daß der ganze Raum von unten her in ultraviolettes Licht getaucht wurde. An allen vier Wänden befanden sich zahlreiche große Glasröhren. Jede von ihnen enthielt eine schmale silberfarbene Matratze. Alle Röhren schienen leer zu sein.

»Hier«, sagte Beth.

Sie erblickten in einer der Glasröhren eine nackte Frau. Daß sie einst schön gewesen war, konnte man noch deutlich sehen. Ihre Haut war dunkelbraun und voll tiefer Runzeln, ihr Körper verwelkt.

»Mumifiziert?« fragte Harry.

Beth nickte. »Vermute ich auch. Ich habe die Röhre nicht geöffnet wegen der Infektionsgefahr.«

»Wozu mag der Raum gedient haben?« fragte Harry und sah sich um. »Wohl als eine Art Überwinterungskammer. Jede einzelne Röhre ist mit dem Lebenserhaltungssystem im Raum nebenan verbunden - Stromversorgung, Luftumwälzung, Heizanlage und allem, was man sonst so braucht.«

Harry zählte. »Zwanzig Röhren«, sagte er.

»Und nebenan zwanzig Kojen«, sagte Norman.

»Wo sind die anderen?«

Beth schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht.«

»Und die hier ist als einzige übriggeblieben?«

»Sieht so aus. Sonst habe ich niemanden gefunden.«

»Ich wüßte gern, wie sie alle umgekommen sind«, sagte Harry.

»Bist du in der Kugel gewesen?« fragte Norman Beth.

»Nein. Warum?«

»Nur so.«

»Willst du damit sagen, daß du dich fragst, ob die Besatzung umgekommen ist, nachdem sie die Kugel an Bord genommen hat?«

»Mehr oder weniger, ja.«

»Ich glaube nicht, daß die Kugel in irgendeinem Sinne aggressiv oder gefährlich ist«, sagte Beth. »Möglicherweise ist die Besatzung während der Reise eines natürlichen Todes gestorben. Die Frau hier ist beispielsweise so gut erhalten, daß man an Strahlung denken möchte. Vielleicht hat sie eine zu starke Dosis abbekommen. Im Bereich eines Schwarzen Lochs ist die Strahlung ja irrsinnig hoch.«

»Du meinst, die Besatzung ist beim Durchflug durch das Schwarze Loch umgekommen, und das Raumfahrzeug hat später die Kugel automatisch an Bord genommen?«

»Denkbar ist es.«

»Sie sieht ziemlich gut aus«, sagte Harry mit einem Blick durch das Glas. »Mann, die Reporter werden sich überschlagen. Attraktive Frau aus der Zukunft nackt als Mumie gefunden! Sehen Sie den Filmbericht dazu um elf.«

»Groß ist sie«, sagte Norman. »Sie muß über einsachtzig gewesen sein.«

»Eine richtige Amazone«, sagte Harry, »mit Mordstitten.«

»Kannst du dir sparen«, sagte Beth.

»Was ist los - fühlst du dich in ihrem Namen gekränkt?«

»Kommentare dieser Art sind absolut überflüssig.«

»Weißt du, Beth«, sagte Harry, »eigentlich sieht sie dir ein bißchen ähnlich.«

Beth verzog das Gesicht.

»Ehrlich. Hast du sie dir mal angesehen?«

»Sei nicht albern.«

Norman schirmte mit der Hand das reflektierende Licht von den UV-Strahlern im Boden ab und spähte durch das Glas. Tatsächlich hatte die mumifizierte Frau Ähnlichkeit mit Beth. Zwar war sie jünger, größer, fülliger, dennoch ähnelte sie Beth. »Er hat recht«, sagte Norman.

»Vielleicht bist du das, aus der Zukunft«, sagte Harry.

»Ach was, die ist nicht mal dreißig, das sieht man doch.«

»Oder deine Enkelin.«

»Höchst unwahrscheinlich«, sagte Beth.

»Das weiß man nie«, sagte Harry. »Sieht Jennifer dir eigentlich ähnlich?«

»Kann ich nicht sagen. Allerdings steckt sie jetzt mitten in einer komischen Entwicklungsphase. Dieser Frau jedenfalls sieht sie ebensowenig ähnlich wie ich.«

Die Festigkeit, mit der Beth jede Ähnlichkeit mit der mumifizierten Frau von sich wies, verblüffte Norman. »Beth«, sagte er, »was, glaubst du, ist hier geschehen? Warum ist die Frau als einzige übriggeblieben?«

»Ich nehme an, sie war für die Expedition wichtig«, sagte Beth. »Vielleicht war sie sogar ihre Leiterin oder die Stellvertreterin des Leiters. Die meisten anderen Besatzungsmitglieder waren Männer. Dann haben die was Unbesonnenes getan - ich weiß nicht, was - etwas, wovor sie sie gewarnt hatte - und sind auf Grund dessen alle umgekommen. Sie ist als einzige in diesem Raumschiff am Leben geblieben und hat es zurück nach Hause gesteuert. Aber irgend etwas stimmte mit ihr nicht - etwas, woran sie nichts ändern konnte - und sie ist gestorben.«

»Und was war das?«

»Keine Ahnung. Irgendwas eben.«

Hochinteressant, dachte Norman. Bisher war es ihm nicht in den Sinn gekommen, aber der Raum - eigentlich das ganze Raumschiff - war ein einziger großer Rorschach-Test, oder, genauer gesagt, ein TAT, ein thematischer Apperzeptionstest. Bei diesem projektiven Testverfahren wird dem Probanden eine Serie von Bildern nicht klar erkennbaren Inhalts gezeigt, zu denen er jeweils eine Geschichte erzählen soll. Diese Geschichte sagt dann gewöhnlich mehr über den Erzählenden aus als über die Bilder.

Jetzt also erzählte Beth ihnen ihre Version dessen, was sich in diesem Raum abgespielt haben könnte: daß eine Frau für die Expedition verantwortlich gewesen sei, die Männer nicht auf sie gehört hätten, deshalb umgekommen seien, und sie als einzige überlebt habe.

Es sagte nicht viel über das Raumschiff aus, aber eine Menge über Beth.

»Ich verstehe«, sagte Harry. »Du meinst, sie hat aus Versehen das Schiff zu weit in die Vergangenheit gesteuert. Typisch Frau am Steuer.«

»Mußt du dich über alles lustig machen?«

»Mußt du alles so ernst nehmen?«

»Das hier ist ernst«, sagte Beth.

»Ich erzähl dir eine andere Geschichte«, sagte Harry. »Die Frau hat Mist gebaut. Sie sollte was tun und hat es vergessen oder falsch gemacht. Dann hat sie sich zum Winterschlaf hingelegt. Ihr Fehler hatte den Tod der übrigen Besatzungsmitglieder zur Folge. Sie selbst ist nicht wieder aus ihrem Winterschlaf erwacht - hat also auch nicht mitbekommen, was sie versiebt hatte, weil sie die Ereignisse um sich herum verschlief.«

»Daß dir deine Geschichte besser gefällt, kann ich mir denken«, sagte Beth. »Sie paßt zu der für den Schwarzen typischen Herablassung gegenüber Frauen.«

»Na, na«, sagte Norman.

»Dich stört die Stärke der Frau«, sagte Beth.

»Welche Stärke meinst du? Etwa die, die vom Gewichtheben kommt? Das ist nur Kraft - und die geht auf ein Gefühl der Schwäche und nicht der Stärke zurück.«

»Du magerer Hering«, sagte Beth.

»Was hast du vor - willst du mich zusammenschlagen?« fragte Harry. »Nennst du das Stärke?«

»Ich weiß, was Stärke ist«, sagte Beth und sah ihn finster an.

»Immer mit der Ruhe«, sagte Norman. »Für einen Streit ist jetzt wirklich nicht der rechte Augenblick.«

»Was meinst denn du zu dem Raum hier? Hast du auch eine Geschichte parat?« fragte ihn Harry.

»Nein«, sagte Norman. »Habe ich nicht.«

»Na komm«, sagte Harry, »du hast doch bestimmt eine auf Lager.«

»Nein«, sagte Norman. »Und ich denke nicht daran, zwischen euch beiden zu vermitteln. Wir müssen als Gruppe arbeiten, solange wir hier unten sind. Es ist notwendig, daß wir an einem Strang ziehen.«

»Harry ist es doch, der den Keil zwischen uns treibt«, sagte Beth. »Von Anfang an hat er sich mit jedem angelegt. All die kleinen Sticheleien ...«

»Was für Sticheleien?« fragte Harry.

»Das weißt du ganz genau«, sagte Beth.

Norman verließ den Raum.

»Wo willst du hin?«

»Euer Publikum geht.«

»Warum?«

»Weil ihr mich langweilt - alle beide.«

»Aha«, sagte Beth. »Der überlegene Herr Psychologe findet uns langweilig?«

»So ist es«, sagte Norman und ging, ohne sich umzusehen, durch den gläsernen Gang davon.

»Wie kommst du eigentlich dazu, ständig über andere ein Urteil zu fällen?« rief Beth ihm nach.

Er ging unbeirrt weiter.

»Ich rede mit dir! Du kannst doch nicht einfach weggehen, wenn ich mit dir rede, Norman!«

Zurück in der Küche, begann er, in den Schubladen nach den Nußriegeln zu suchen. Er hatte wieder Hunger, und außerdem lenkte die Suche seine Gedanken von den beiden anderen ab. Er mußte sich eingestehen, daß ihn die Art beunruhigte, wie die Dinge sich entwickelten. Er fand einen Riegel, riß die Folie ab und aß ihn.

Er war beunruhigt, aber nicht überrascht. Schon vor langer Zeit hatte er bei seiner Arbeit auf dem Gebiet der Gruppendynamik die Weisheit der alten Redensart »Drei sind einer zu viel« erkannt. In einer angespannten Situation waren Dreiergruppen grundsätzlich instabil. Wenn nicht jedem genaue Aufgaben zugewiesen waren, kam es in ihnen ständig zu einer Verlagerung der Beziehungen, wobei sich stets zwei gegen einen zusammenschlossen. Genau das geschah jetzt.

Er war so hungrig, daß er dem ersten Nußriegel sogleich einen zweiten folgen ließ. Wie lange mußten sie hier unten noch aushaken? Mindestens sechsunddreißig Stunden. Er suchte nach einer Möglichkeit, Nußriegel mitzunehmen, aber seine Polyester-Kombination hatte keine Taschen.

Niedergeschlagen kamen Beth und Harry in die Küche.

»Einen Nußriegel?« fragte Norman kauend.

»Wir wollen uns entschuldigen«, murmelte Beth.

»Wofür?«

»Weil wir uns wie kleine Kinder aufgeführt haben«, sagte Harry.

»Es ist mir sehr unangenehm«, sagte Beth. »Es tut mir wirklich leid, daß ich so die Beherrschung verloren habe. Ich komm mir vor wie ein Idiot ...« Sie ließ den Kopf hängen und sah zu Boden. Interessant, wie ihre Stimmung umschlägt, dachte er, von aggressiver Selbstsicherheit ins vollkommene Gegenteil der unterwürfigen Abbitte. Keine Mittellage.

»Wir wollen es nicht zu weit treiben«, sagte er. »Wir sind alle müde.«

»Ich komme mir ganz abscheulich vor«, fuhr Beth fort. »Wirklich abscheulich, als hätte ich euch im Stich gelassen. Ich dürfte gar nicht hier sein. Ich bin es nicht wert, dieser Gruppe anzugehören.«

»Beth, iß einen Nußriegel und hör auf, dir leid zu tun.«

»Ja«, sagte Harry. »Ich glaube, du gefällst mir besser, wenn du sauer bist.«

»Die Nußriegel hängen mir zum Hals raus«, sagte Beth. »Bevor ihr gekommen seid, hatte ich schon elf davon verputzt.«

»Na, dann ißt du eben noch einen und machst das Dutzend voll«, sagte Norman, »anschließend gehen wir zum Habitat zurück.«

Auf dem langen Weg vom Raumschiff zurück zum Habitat hielten sie angespannt Ausschau nach dem Kalmar. Es beruhigte Norman außerordentlich, daß sie bewaffnet waren. Aber da war noch etwas: Er hatte seit seinem Zusammentreffen mit dem Kalmar an Sicherheit gewonnen.

»Du hältst die Harpune, als ob du damit jemandem ans Leder wolltest«, sagte Beth.

»Ja, kann schon sein.« Sein Leben lang war er ein Mann des Denkens gewesen, hatte an der Universität Forschungsarbeit betrieben und sich, abgesehen von gelegentlichem Golfspielen, nie als Mann der Tat gesehen. Als er jetzt mit schußbereiter Harpune dastand, stellte er überrascht fest, daß ihm das gefiel.

Während sie weitergingen, fiel ihm die große Zahl von Seefächern auf dem Meeresboden zwischen dem Raumschiff und dem Habitat auf. Sie waren gezwungen, die Seefächer zu umgehen, die bisweilen zwischen einem Meter und einem

Meter fünfzig groß waren. Im Schein der Lampen schimmerten sie in knalligen Lila- und Blautönen. Norman war ganz sicher, daß diese Meeresbewohner bei ihrer Ankunft im Habitat noch nicht dagewesen waren.

Jetzt gab es hier nicht nur bunte Seefächer, sondern auch ganze Schwärme großer Fische. Die meisten von ihnen waren schwarz und trugen einen rötlichen Streifen quer über den Rücken. Beth sagte, es handelte sich um pazifische Doktorfische, deren Auftreten für diese Region völlig normal sei.

Alles ändert sich um uns herum, dachte er. Aber ganz sicher war er sich dessen nicht. In dieser Umgebung mißtraute er seinem Erinnerungsvermögen. Zu vieles beeinflußte seine Wahrnehmungen - die Hochdruckatmosphäre, seine Verletzungen und das quälende Gefühl ständiger Spannung und Furcht, mit dem er lebte.

Etwas Helles lenkte seinen Blick auf sich. Als er die Lampe auf den Meeresboden richtete, sah er ein sich windendes weißes Lebewesen mit einer langen dünnen Flosse und schwarzen Streifen. Zuerst hielt er es für einen Aal. Dann sah er den winzigen Kopf, das Maul.

»Augenblick mal«, sagte Beth und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Was ist das?«

»Eine Seeschlange.«

»Sind die gefährlich?«

»Normalerweise nicht.«

»Giftig?« fragte Harry.

»Sehr.«

Die Schlange glitt, offensichtlich auf Nahrungssuche, dicht über den Boden dahin und schien von den Menschen keine Notiz zu nehmen. Norman fand ihren Anblick schön, vor allem, als sie sich von ihnen entfernte.

»Mich überläuft eine Gänsehaut, wenn ich so was sehe«, sagte Beth.

»Weißt du, zu welcher Art sie gehört?« fragte Norman.

»Es könnte eine Belchers Schlange sein«, sagte Beth. »Alle Seeschlangen im Pazifik sind giftig, aber keine ist so giftig wie die Belchers. Einige Wissenschaftler halten sie für das tödlichste Reptil auf der ganzen Welt, dessen Gift hundertmal wirkungsvoller sein soll als das einer Königskobra oder schwarzen Mamba.«

»Wenn die also jetzt einen von uns bisse ...«

»Zwei Minuten, höchstens.«

Ihre Blicke folgten der Schlange, die zwischen den Seefächern davonglitt, bis sie verschwand.

»Seeschlangen sind gewöhnlich nicht aggressiv«, sagte Beth. »Manche Taucher fassen sie sogar an und spielen mit ihnen. Das brächte ich nie fertig. Man stelle sich das vor - mit Schlangen spielen!«

»Wie kommt es, daß sie so giftig sind? Lähmen sie damit ihre Beute?«

»Eigentlich interessant«, sagte Beth, »daß die giftigsten Tiere auf der Welt alle im Wasser leben. Im Vergleich zu ihrem Gift ist das von Landtieren ein Witz. Selbst auf dem Land ist das giftigste Tier ein Amphibium, eine Kröte, Bufotene marfensis. Im Meer gibt es eine Unzahl giftiger Tierarten: Fische, wie den Kugelfisch, den die Japaner als Delikatesse schätzen; oder Schalentiere, wie Alaverdis lotensis. Einmal hab ich auf einem Boot vor Guam gesehen, wie eine Frau eine dieser schönen Muscheln mit nach oben brachte. Sie schien nicht zu wissen, daß man die Finger von der Spitze fernhalten muß. Das Tier hat seinen Giftstachel dort herausgeschoben und die Frau in die Handfläche gestochen. Sie machte noch drei Schritte, dann brach sie in Zuckungen zusammen und war nach einer Stunde tot. Es gibt auch giftige Wasserpflanzen, giftige Schwämme und giftige Korallen. Und dann die Schlangen. Selbst die am wenigsten giftigen Seeschlangen sind unbedingt tödlich.«

»Eine reizende Vorstellung«, sagte Harry.

»Nun, man muß bedenken, daß der Ozean als Lebensraum weit älter ist als das Land. In den Meeren gibt es Leben schon seit dreieinhalb Milliarden Jahren, viel länger als auf dem Land. Die Mechanismen des Daseinskampfes und der Verteidigung sind dort weit höher entwickelt - die Tiere hatten einfach mehr Zeit dazu.«

»Du meinst, in ein paar Milliarden Jahren wird es auf dem Land auch solche fürchterlich giftigen Tiere geben?«

»Vermutlich, wenn wir so weit kommen«, sagte sie.

»Mir würde es fürs erste genügen, es bis zum Habitat zu schaffen«, sagte Harry.

Das Habitat war jetzt sehr nah. Sie konnten sehen, wie die Blasen von den undichten Stellen aufstiegen.

»Leckt wie ein Sieb«, sagte Harry.

»Ich glaube, uns bleibt genug Luft.«

»Ich prüfe das besser nach.«

»Von mir aus gern«, sagte Beth. »Aber ich habe es wirklich gründlich kontrolliert.«

Norman fürchtete schon, ein neuer Streit würde ausbrechen, aber Beth und Harry ließen das Thema fallen. Sie erreichten die Luke und stiegen ins Innere von DH-8.

Der Computer

»Jerry?«

Norman sah auf den Bildschirm. Er war schwarz. Nur der Cursor blinkte. »Jerry, bist du da?« Der Bildschirm blieb schwarz.

»Ich frage mich, warum wir nichts von dir hören«, sagte Norman.

Der Bildschirm blieb schwarz.

»Versuchst du's mit etwas Psychologie?« fragte Beth. Sie prüfte die Empfangseinrichtungen für die Außensensoren und sah die aufgezeichneten Kurven durch. »Wenn du mich fragst, ist Harry derjenige, an dem du deine Psychologie erproben solltest.«

»Was meinst du damit?«

»Daß er sich nicht an unserem Lebenserhaltungssystem zu schaffen machen sollte. Ich halte ihn für seelisch nicht besonders stabil.«

»Stabil?«

»Das ist ein Psychologentrick, was? Immer das letzte Wort eines Satzes zu wiederholen. Damit hält man die Leute am Reden.«

»Reden?« sagte Norman und lächelte sie an.

»Na ja, vielleicht bin ich ein bißchen abgespannt«, sagte sie. »Aber ernsthaft, Norman. Bevor ich zum Schiff aufgebrochen bin, ist Harry hier reingekommen und hat gesagt, er würde für mich weitermachen. Ich hab ihm gesagt, daß du beim Tauchboot seist und ich zum Schiff rüber wolle, weil kein Kalmar zu sehen sei. Er hat gesagt, in Ordnung, er würde übernehmen. Also bin ich gegangen. Und jetzt will er sich an nichts mehr erinnern. Kommt dir das nicht reichlich plemplem vor?«

»Plemplem?« fragte Norman.

»Hör auf damit und sei mal ernst.«

»Ernst?« fragte Norman.

»Versuchst du, dem Gespräch mit mir aus dem Weg zu gehen? Mir fällt auf, daß du ausweichst, wenn du über etwas nicht reden willst. Du möchtest Spannung vermeiden und lenkst jedesmal ab, wenn im Gespräch ernste Probleme aufkommen. Aber ich finde, du solltest dir anhören, was ich zu sagen habe, Norman. Mit Harry stimmt was nicht.«

»Ich höre dir zu, Beth.«

»Und?«

»Ich war in der betreffenden Situation nicht dabei, also weiß ich nichts darüber. So wie Harry sich jetzt gibt, ist er wie immer - überheblich, spöttisch und ausgesprochen intelligent.«

»Glaubst du nicht, daß er langsam durchdreht?«

»Nicht mehr, als wir auch.«

»Ja, du lieber Gott! Was muß ich denn noch tun, um dich zu überzeugen? Ich hatte eine lange Unterhaltung mit diesem Mann, und jetzt bestreitet er das. Hältst du das etwa für normal? Glaubst du, daß wir einem solchen Menschen trauen können?«

»Beth, ich war nicht dabei.«

»Du meinst, es liegt an mir selbst.«

»Ich war nicht dabei.«

»Du meinst, ich bin diejenige, die durchdreht? Ich erzähle dir etwas von einer Unterhaltung, die in Wirklichkeit nicht stattgefunden hat?«

»Beth.«

»Norman, ich sage dir. Mit Harry stimmt was nicht, und du willst es nicht wahrhaben.«

Sie hörten Schritte näher kommen.

»Ich geh jetzt rauf in mein Labor«, sagte sie. »Laß dir meine Worte mal durch den Kopf gehen.«

Sie erstieg die Leiter, als Harry hereinkam. »Beth hat bei den Lebenserhaltungssystemen wirklich glänzende Arbeit geleistet, das muß ihr der Neid lassen. Alles steht bestens. Wir haben beim gegenwärtigen Verbrauch noch Luft für zweiundfünfzig Stunden, es dürfte also nichts schiefgehen. Redest du mit Jerry?«

»Wieso?«

Harry wies auf den Bildschirm: HALLO NORMAN.

»Keine Ahnung, wann er zurückgekommen ist. Vorhin hat er nichts gesagt.«

»Nun, jetzt redet er«, sagte Harry.

HALLO HARRY.

»Wie geht's, Jerry?« fragte Harry.

GUT DANKE. WIE GEHT ES DIR? MICH SEHNT SO MIT EUREN WESEN ZU SPRECHEN. WO IST DAS LEIDWESEN HARALD C. BARNES?

»Weißt du das nicht?«

ICH SPÜRE DAS WESEN JETZT NICHT.

»Er ist, hm, weg.«

ICH SEHE. ER WAR NICHT FREUNDLICH. ER WOLLTE NICHT GERN MIT MIR ZU REDEN.

Was will er uns damit sagen? dachte Norman. Hat Jerry etwa Barnes aus dem Weg geräumt, weil er ihn für unfreundlich hielt?

»Jerry«, fragte Norman. »Was ist mit dem Leitwesen geschehen?«

ER WAR NICHT FREUNDLICH. ICH HABE IHN NICHT GEMOCHT.

»Ja, aber was ist mit ihm geschehen?«

ER IST JETZT NICHT.

»Und die anderen Wesen?«

UND DIE ANDEREN WESEN. SIE WOLLTEN NICHT GERN MIT MIR ZU REDEN.

»Meinst du, er will damit sagen, daß er sie aus dem Weg geräumt hat?« sagte Harry.

ICH BIN NICHT GLÜCKLICH MIT IHNEN ZU REDEN.

»Heißt das, daß er alle Navyleute umgebracht hat?« fragte Harry.

Norman überlegte: Das stimmt nicht ganz. Er hat auch Ted umgebracht, und der hat versucht, mit ihm in Verbindung zu treten, oder mit dem Kalmar. Bestand zwischen Jerry und dem Kalmar eine Beziehung? Wie konnte man ihn danach fragen?

»Jerry ...«

JA NORMAN. ICH BIN HIER.

»Wir wollen uns unterhalten.«

GUT. DAS GEFÄLLT MIR.

»Sag uns etwas über den Kalmar, Jerry.«

DAS WESEN KALMAR IST EINE MANIFESTATION.

»Woher ist es gekommen?«

GEFÄLLT ES DIR? ICH KANN ES FÜR DICH NOCH MEHR MANIFESTIEREN.

»Nein, nein, ist nicht nötig«, sagte Norman rasch.

GEFÄLLT ES DIR NICHT?

»Doch, doch, Jerry, es gefällt uns.«

STIMMT DAS AUCH?

»Ja, es stimmt. Wir mögen es. Wirklich.«

GUT. MIR GEFÄLLT DASS DU ES MAGST. ES IST EIN SEHR GROSSES UND EINDRUCKSVOLLES WESEN.

»Ja, das ist es«, sagte Norman und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das ist doch absurd, dachte er - es ist, als spräche man mit einem Kind, das ein geladenes Gewehr in der Hand hält.

ES IST SCHWIERIG FÜR MICH DIES GROSSE WESEN ZU MANIFESTIEREN. ICH FREUE MICH DASS ES DIR GEFÄLLT.

»Sehr eindrucksvoll«, stimmte Norman zu. »Aber du brauchst es für uns nicht zu wiederholen.«

SOLL ICH EIN NEUES WESEN MANIFESTIEREN?

»Nein, Jerry. Im Augenblick nicht, vielen Dank.«

MANIFESTATIONEN BEREITEN MIR GLÜCK.

»Ja, das glaube ich.«

ICH MANIFESTIERE GERN ETWAS FÜR DICH NORMAN.

UND AUCH FÜR DICH HARRY,

»Danke, Jerry.«

MIR GEFALLEN EURE MANIFESTATIONEN AUCH.

»Unsere?« fragte Norman mit einem Blick auf Harry. Offensichtlich war Jerry der Ansicht, daß die Bewohner des Habitats ihrerseits etwas aus dem Nichts Gestalt annehmen ließen. Jerry schien das als eine Art Austausch anzusehen.

JA. MIR GEFALLEN EURE MANIFESTATIONEN AUCH.

»Sag uns etwas über unsere Manifestationen«, forderte ihn Norman auf.

SIE SIND KLEIN UND SIE GEHEN NICHT ÜBER EURE WESEN HINAUS, ABER SIE SIND NEU FÜR MICH. SIE MACHEN MIR GLÜCK.

»Wovon redet er?« fragte Harry.

EURE MANIFESTATIONEN HARRY.

»Was für eine Manifestation, in drei Teufels Namen?«

»Reg dich nicht auf«, mahnte Norman. »Bleib ganz ruhig.«

DIE GEFÄLLT MIR HARRY. MACH NOCH EINE.

Ob er Emotionen registrieren kann? dachte Norman. Und betrachtet er unsere Gefühle als Manifestationen, als die Verwirklichung von etwas? Aber das ergab keinen Sinn. Jerry konnte keine Gedanken lesen, das hatte Norman bereits festgestellt. Aber vielleicht sollte er es lieber noch mal probieren. Jerry, dachte er, kannst du mich hören?

ICH MAG HARRY. SEINE MANIFESTATIONEN SIND ROT. SIE SIND KOMIKVOLL.

»Komikvoll?«

KOMIKVOLL = VOLL VON KOMIK?

»Ach so«, sagte Harry. »Er findet uns witzig.«

WITZIG = VOLL VON WITZ?

»Na ja«, sagte Norman. »Wir haben die Vorstellung ...« Er hielt inne. Wie sollte er >witzig< erklären? Was war überhaupt ein Witz? »Wir Wesen stellen uns eine Situation vor, die Unbehagen hervorruft, und die nennen wir dann humoristisch.«

HUMOR IST ISCH?

»Nein, in einem Wort.« Norman buchstabierte es ihm vor.

ICH VERSTEHE. EURE MANIFESTATIONEN SIND HUMORISTISCH. DAS WESEN KALMAR MACHT VIELE HUMORISTISCHE MANIFESTATIONEN VON EUCH.

»Das können wir nicht gerade finden«, sagte Harry.

ICH FINDE ES.

Das faßt die Situation im großen und ganzen zusammen, dachte Norman. Irgendwie mußte er Jerry die entsetzlichen Auswirkungen seines Tuns vor Augen führen. »Jerry«, erklärte er, »deine Manifestationen verletzen unsere Wesen. Einige unserer Wesen sind bereits fort.«

ICH WEISS.

»Wenn du damit weitermachst -«

JA MANIFESTIEREN IST SP ASS FÜR MICH, ES IST HUMORISTISCH FÜR EUCH.

»- dann werden ziemlich bald all unsere Wesen fort sein. Dann gibt es niemanden mehr, mit dem du reden kannst.«

DAS WILL ICH NICHT.

»Ich weiß. Aber viele Wesen sind bereits fort.«

HOL SIE WIEDER.

»Das geht nicht. Sie sind für immer fort.«

WARUM?

»Wir können sie nicht zurückholen.«

WARUM NICHT?

Haargenau wie ein kleines Kind, dachte Norman. Da sagt man einem Kind, daß nicht geht, was es sich in den Kopf gesetzt hat, daß man nicht so spielen kann, wie es das gern möchte, und es will nichts davon wissen.

»Jerry, wir haben nicht die Macht, sie zurückzuholen.«

DU SOLLST DIE ANDEREN WESEN JETZT ZURÜCKHOLEN.

»Er glaubt, wir wollen nicht mitspielen«, sagte Harry.

HOL DAS WESEN TED ZURÜCK.

»Wir können nicht, Jerry. Wir täten es, wenn wir könnten«, sagte Norman.

ICH MAG DAS WESEN TED. ES IST SEHR HUMORISTISCH.

»Ja«, sagte Norman. »Ted mochte dich auch. Er hat versucht,

mit dir zu reden.«

JA ICH MAG SEINE MANIFESTATIONEN. HOLT IHN ZURÜCK.

»Wir können nicht.«

Eine lange Pause trat ein.

BIN ICH EUCH GEKRÄNKT?

»Nein, nein, überhaupt nicht.«

WIR SIND FREUNDE NORMAN UND HARRY.

»Ja, das sind wir.«

DANN HOLT DIE WESEN ZURÜCK.

»Er weigert sich einfach zu verstehen«, sagte Harry. »Jerry, wir können es nicht, versteh das doch!«

DU BIST HUMORISTISCH HARRY. MACH DAS NOCH MAL.

Er scheint starke Gefühlsreaktionen als Manifestationen aufzufassen, dachte Norman. War das seine Vorstellung vom Spielen - den anderen zu provozieren und sich dann über dessen Reaktion zu belustigen? Gefiel es ihm, die Emotionen zu beobachten, die der Kalmar bei den Menschen hervorrief? Stellte er sich so ein Spiel vor?

HARRY MACH ES NOCH MAL, HARRY MACH ES NOCH MAL.

»Mensch«, sagte Harry wütend, »rutsch mir doch den Buckel runter!«

DANKE. DAS GEFÄLLT MIR, DAS WAR AUCH ROT. JETZT HOL BITTE DIE ANDEREN VERSCHWUNDENEN WESEN ZURÜCK.

Norman hatte einen Einfall. »Jerry«, sagte er, »wenn du sie zurück willst, warum holst du sie nicht wieder?«

MIR GEFALLT NICHT DAS ZU TUN.

»Aber du könntest, wenn du wolltest.«

ICH KANN ALLES.

»Natürlich kannst du. Warum holst du dann nicht die Wesen zurück, die du haben willst?«

NEIN. ICH MAG DAS NICHT TUN. »Warum nicht?« fragte Harry.

MENSCH, RUTSCH MIR DOCH DEN BUCKEL RUNTER.

»Er wollte dich nicht kränken, Jerry«, sagte Norman rasch.

Vom Bildschirm kam keine Antwort.

»Jerry?«

Der Bildschirm reagierte nicht.

»Er ist wieder weg«, sagte Harry kopfschüttelnd. »Weiß der Geier, was sich der Schweinehund als nächstes ausdenkt.«

Weitere Untersuchungen

Norman ging ins Labor hinauf, um mit Beth zu reden, aber sie schlief zusammengerollt auf dem Sofa. Im Schlaf war sie schön. Eigentlich seltsam, daß sie trotz des langen Aufenthalts hier unten so strahlend wirkte. Es schien ihm, als sei eine gewisse Härte aus ihren Zügen gewichen. Ihre Nase wirkte nicht mehr so scharf; die Linie ihres Mundes war weicher und voller. Er sah auf ihre Arme: sie kamen ihm weniger sehnig vor, die Muskeln glatter, die Adern standen nicht mehr hervor. Irgendwie war alles weiblicher.

Wer weiß, dachte er - wenn man so lange hier unten ist, leidet vielleicht die Urteilskraft. Er stieg die Leiter wieder hinunter und ging zu seiner Koje. Harry hatte sich bereits hingelegt und schnarchte laut.

Norman beschloß, noch einmal zu duschen. Als er unter den Wasserstrahl trat, machte er eine verblüffende Entdeckung.

Die Abschürfungen, die seinen Körper bedeckt hatten, waren verschwunden.

Jedenfalls beinahe, korrigierte er sich, als er auf die noch verbliebenen gelb-lila Flecken sah. Sie waren binnen Stunden geheilt. Er bewegte versuchsweise seine Glieder und spürte auch keinen Schmerz mehr. Wie kam das? Was war geschehen? Einen Augenblick hielt er das Ganze für Einbildung oder für einen Alptraum, dann aber dachte er: Ach was, das liegt an der Atmosphäre. Verletzungen und Abschürfungen heilen unter Hochdruck einfach besser. Daran war nichts Geheimnisvolles, es lag einfach an der unter Druck stehenden Umgebung.

Er trocknete sich ab, so gut es mit dem feuchten Handtuch ging, und kehrte dann zu seiner Koje zurück. Harry schnarchte noch ebenso laut wie zuvor.

Norman legte sich auf den Rücken und sah auf die summenden roten Spiralen der Deckenheizung. Er hatte einen Einfall, stand auf und schob Harrys Sprechkapsel vom Kehlkopf zur Seite. Sofort wurde aus dem Schnarchen ein leises hohes Zischen.

Schon viel besser, dachte er. Kaum hatte er den Kopf auf das klamme Kissen gelegt, schlief er auch schon ein. Als er erwachte, hatte er den Eindruck, daß kaum Zeit vergangen war -vielleicht nur ein paar Sekunden -, aber er fühlte sich erquickt. Er streckte sich gähnend und stand auf.

Harry schlief noch. Norman schob die Sprechkapsel zurück, und das Schnarchen erfüllte wieder den Raum. Er ging in Röhre D hinüber und trat an den Computer. Noch immer zeigte der Bildschirm die Worte:

MENSCH, RUTSCH MIR DOCH DEN BUCKEL RUNTER.

»Jerry?« fragte Norman. »Bist du da, Jerry?«

Der Bildschirm reagierte nicht. Jerry war nicht da. Norman sah auf den Stapel von Computerausdrucken neben dem Monitor. Ich müßte das Zeug wirklich mal durcharbeiten, dachte er. Irgend etwas an Jerry beunruhigte ihn. Er konnte nicht genau sagen, was es war, aber nicht einmal, wenn man sich das außerirdische Wesen als verzogenes Gör auf dem

Königsthron vorstellte, ergab Jerrys Verhalten einen Sinn. Es paßte einfach nichts zusammen, die letzte Mitteilung nicht ausgenommen.

MENSCH, RUTSCH MIR DOCH DEN BUCKEL RUNTER.

Straßen Jargon? Oder hatte er Harry einfach nachgeahmt? Jedenfalls war es nicht Jerrys übliche Ausdrucksweise. Gewöhnlich machte Jerry gewisse sprachliche Fehler und drückte sich dabei gestelzt aus, sprach von Wesen und Manifestationen. Aber nur selten verfiel er in die Umgangssprache. Norman sah sich die Blätter an.

NACH EINER KURZEN PAUSE IN DER WIR WERBUNG BRINGEN MELDEN WIR UNS WIEDER.

Das zum Beispiel: Woher hatte er das? Es klang wie ein Fernsehansager. Warum aber klang, was Jerry sagte, dann nicht immer wie von einem Fernsehansager? Was bewirkte den Wechsel?

Außerdem war da die Frage des Kalmars. Wenn es Jerry Spaß machte, ihnen Angst einzujagen, und wenn es ihm gefiel, an ihrem Käfig zu rütteln und zu sehen, wie sie sprangen, warum bediente er sich dazu eines Kalmars? Woher stammte der Einfall dazu? Und warum ausschließlich ein Kalmar? Es schien Jerry Spaß zu machen, verschiedene Wesen auftreten zu lassen. Warum hatte er also nicht das eine Mal einen Riesenkalmar aus dem Hut gezaubert, ein anderes Mal große weiße Haie und so weiter? Würde das seine Fähigkeiten nicht in ein weit helleres Licht rücken?

Als nächstes war die Sache mit Ted rätselhaft. Er hatte mit Jerry gespielt, bevor dieser ihn umbrachte. Wenn Jerry so gern spielte, warum tötete er dann einen Mitspieler? Es ergab einfach keinen Sinn.

Oder doch?

Norman seufzte. Seine Schwierigkeit lag in den Voraussetzungen, von denen er ausging. Er nahm an, daß dem außerirdi-schen Wesen logische Prozesse ebenso vertraut waren wie ihm - was aber möglicherweise gar nicht der Fall war. Auch konnte Jerry einen weit schneller ablaufenden Stoffwechsel und damit ein abweichendes Zeitempfinden haben. Kinder spielen mit einem Spielzeug nur so lange, bis sie seiner überdrüssig sind, und greifen dann zu einem anderen. Die Stunden, die Norman so qualvoll lang erschienen, mochten für Jerrys Bewußtsein nur wenige Augenblicke bedeuten. Möglicherweise spielte er nur wenige Sekunden mit dem Kalmar, wurde des Spiels dann müde und nahm ein anderes Spielzeug zur Hand.

Ebenso konnten Kinder nicht nachempfinden, was es bedeutete, wenn sie etwas zerbrachen. Sofern Jerry der Tod kein Begriff war, fände er nichts dabei, Ted zu töten, denn dann würde er den Tod nur für ein vorläufiges Ereignis halten, eine »humoristische« Manifestation Teds. Vielleicht begriff er gar nicht, daß er damit in Wirklichkeit sein Spielzeug zerstörte.

Wenn Norman es recht bedachte, hatte Jerry tatsächlich verschiedene Wesen auftreten lassen - vorausgesetzt, Quallen, Garnelen, Seefächer und jetzt die Seeschlangen verdankten ihre Entstehung Jerry. War das der Fall? Oder gehörten sie einfach zur Umwelt? Gab es eine Möglichkeit, das festzustellen?

Mit einemmal fiel ihm der schwarze Matrose ein. Den durfte er nicht vergessen. Woher war der gekommen? War auch er eine von Jerrys Manifestationen? Konnte Jerry nach Belieben Spielgefährten auftreten lassen? In dem Fall würde es ihm bestimmt nichts ausmachen, sie alle umzubringen.

Klar, dachte Norman, es ist Jerry piepegal, ob er uns umbringt oder nicht. Er will nur spielen, und er kennt seine Macht nicht.

Aber da war noch etwas anderes. Norman ging die Blätter durch und fühlte instinktiv, daß es hier ein Grundmuster gab. Etwas, was er noch nicht verstand, eine Verbindung, die er noch nicht sah.

Während er über dem Problem grübelte, stieß er immer wie-der auf die eine Frage: Warum ein Kalmar? Warum ausgerechnet ein Kalmar?

Natürlich, dachte er. Sie hatten während des Abendessens über Kalmare gesprochen. Das muß Jerry mitgehört haben. Wahrscheinlich war er zu dem Ergebnis gekommen, ein Kalmar werde bei ihnen Abwehrreaktionen hervorrufen. Und damit hatte er sicherlich recht gehabt.

Norman ging die Blätter weiter durch und stieß auf die erste Nachricht, die Harry entschlüsselt hatte.

hallo, wie geht's? mir geht's gut. wie heisst du? ich heisse jerry.

Es machte keinen Unterschied, ob es hier oder an einer anderen Stelle begann. Eine eindrucksvolle Leistung Harrys, das zu entschlüsseln, dachte Norman. Wäre Harry das nicht gelungen, hätten sie nie mit Jerry ins Gespräch kommen können.

Norman saß vor dem Computer und sah auf die Tastatur. Was hatte Harry noch gesagt? Die Tastatur als Spirale ansehen: der Buchstabe G war die Zahl eins, B war zwei und so weiter. Wirklich genial, wie er das ausgeknobelt hat. Norman hätte es in einer Million Jahren nicht geschafft. Er suchte sich die Buchstaben der ersten Zahlenfolge zusammen.

0003312626262725 301922 01220305452343 171914 012203054523 01100533 301922 032219232305 151043 191603 032219232322 033114143233 0003

Mal sehen ... 00 bedeutete den Anfang der Nachricht, hatte Harry gesagt. Und 03 war H. Und 31 war dann A, 26 war L, noch einmal 26, also L, unmittelbar darüber 27 war O .

hallo

Ja, es paßte. Er fuhr fort, den Text zu übertragen. 301922 bedeutete wie .

wie geht's

So weit, so gut. Norman empfand ein gewisses Vergnügen, fast, als sei er derjenige, der den Text zum erstenmal entschlüsselte. Jetzt 17, M .

mir geht's gut.

Es ging immer schneller, er konnte die Buchstaben schon recht zügig hinschreiben.

wie heisst du?

191603 bedeutete ich ... ich heisse ... Doch dann stellte er fest, daß ein Buchstabe falsch war. Konnte das sein? Norman fuhr fort, fand einen zweiten Fehler, vervollständigte die Botschaft und starrte sie mit wachsendem Entsetzen an.

ich heisse harry.

»Oh, mein Gott«, sagte er.

Er prüfte den Text erneut, aber er fand keinen Fehler. Jedenfalls keinen, den er gemacht hätte. Die Botschaft war völlig eindeutig.

hallo, wie geht's? mir geht's gut. wie heisst du? ich heisse harry.

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