Jakob ließ den seinen auch fallen.
»Den hätten wir«, sagte er zu dem Detektiv. »Bleiben Sie noch einen Moment hier und passen Sie auf diesen Kerl auf, dem Mami die Mädchenkleider verpaßt hat, ich will sehen, daß uns Jerry nicht entwischt. Komm, George!« Die beiden Freunde eilten in die überfüllte Halle. Lift Nummer II kam eben heruntergeglitten. Als er sich öffnete, trat der untadelig gekleidete Anwalt Jerry Stark heraus. Im nächsten Moment war er umringt von sechs freundlichen Herren, die ihn aus der Halle hinaus und in einen der Wagen geleiteten.
Jakob eilte zurück, entbot dem kleinen Manager mit den kleinen Pornoheften einen schönen guten Abend und verließ dann mit dem letzten Detektiv das INDIAN HEAD HOTEL. Die Leute auf der Straße waren noch besoffener als die im Haus. Die Wagen hatten Mühe, wegzukommen.
Der Anwalt saß jetzt neben Jakob im Fond des Lincoln Continental. Sein Gesicht war weiß wie ein frisches Bettlaken.
Jakob betrachtete ihn staunend.
»Sie arbeiten doch in einer so gutgehenden Kanzlei. Warum machen Sie solche Sachen, Stark?«
»Wenn man Ihnen so viel Geld bieten würde …«
Ja, ich glaube, George hat recht, dachte Jakob, es gibt keine Demokratie, kein Recht, keine Völker und Staaten mehr, sondern nur noch Business und Geld, Geld, Geld …
»Aber dafür gehen Sie jetzt in den Knast«, sagte Jakob äußerlich ganz ruhig, aber innerlich voller Unruhe, denn er mußte an Worte denken, die vor vielen Jahren der Major der Roten Armee Jelena Wanderowa in Berlin-Karlshorst zu ihm gesprochen hatte – über die Zukunft des Westens (und er über die Zukunft des Ostens). »Man wird Anklage gegen Sie erheben …«
»… wegen des Vorwurfs der Mitwirkung an einem Verbrechen, wegen der unterlassenen Anzeige eines Verbrechens, wegen Mißachtung der bestehenden Gesetze des Staates California, wegen Anstiftung zu einem Verbrechen in Verbindung mit konspirativer Tätigkeit, wegen …«
»Ich sehe schon, Sie wissen Bescheid, Jerry«, sagte Jakob, indessen sie wieder nach San Bernardino hinunterkurvten – nun war es schon lange dunkel – und fuhr fort: »Und man wird auch Ihren Klienten Corbett einsperren und den Gewerkschaftsvertreter, den Sie im Auftrag Corbetts gekauft haben, und Corbett dürfte damit am Ende sein – so wie Sie, Stark, und wie der Mann von der Gewerkschaft und …« Etwas war Jakob eingefallen. Er flüsterte mit Misaras, der vor ihm saß. Dieser nickte und flüsterte mit dem Detektiv am Steuer. Der nickte auch.
Also brachten sie den Anwalt zunächst auf das für ihn zuständige Polizeirevier in der Normandie Avenue. Dort wurde Anzeige gegen ihn erstattet und er sodann ins Untersuchungsgefängnis überstellt (in welchem zu dieser Zeit Jakobs Rivale, Mister John Albert Corbett, bereits saß). Anschließend fuhren Jakob, Misaras und zwei Detektive hinaus zu dem vornehmen Stadtteil Beverly Hills. Corbett besaß da eine Villa, die ein Filmstar ihm verkauft hatte. Die Adresse lautete 1065 Coldwater Canion Drive. Jakob kannte sich hier aus, er war schon einmal dagewesen, um sich den Prunk- und Protzbau seines Fertighaus-Feindes anzuschauen. Er hatte ein Fahrrad benutzt, weil er sich ein wenig erholen wollte von der Hetzerei, in der er nun schon so lange steckte (er fuhr bekanntlich, wo immer es nur ging, mit dem Rad), und er war denn auch gleich von Polizisten angehalten und in ein sehr höfliches, aber bestimmtes Gespräch verwickelt worden. In Beverly Hills passierte das jedem, der zu Fuß ging oder mit dem Fahrrad auftauchte und Häuser betrachtete. Man möge daraus ermessen, welch feine Gegend Beverly Hills ist.
Diesmal kamen sie durch, ohne angehalten zu werden. Jakob war eingefallen, daß Corbett eine Freundin hatte. Was war das für eine? Wie weit war die in Corbetts Machenschaften eingeweiht? Was würde die schnellstens noch an Belastungsmaterial gegen ihren Geliebten verschwinden lassen? Das hatte er Misaras auf der Rückfahrt von Puma Point zugeflüstert.
Nun glitten sie in ihrem Wagen also durch diese feinste aller feinen Gegenden von Los Angeles, erreichten Corbetts Palast, wurden von einem verschreckten Pförtner, der sein Häuschen neben dem Eingang hatte, eingelassen und fuhren durch einen Palmenhain auf das Schloß in kitschig maurischem Stil zu.
Ein Diener. Noch ein Diener. Ein Butler.
Die gnädige Frau werde sogleich kommen, verhieß der Butler, der aussah wie drei englische Hocharistokraten zusammen. Er verhieß es in einer Marmorhalle, von der eine herrlich geschwungene Treppe in den ersten Stock emporführte. Unmittelbar darauf kam eine herrlich geschwungene junge Frau in einem rotseidenen Hausmantel die Treppe herabgeschritten, sich leicht in den Hüften wiegend, brünett, grünäugig, mit Schmuck behängt wie ein Weihnachtsbaum mit Glitzerzeug. Diese Dame, dachte Jakob, während er sie mit aufgerissenen Augen anstierte, hat den schönsten Busen, den süßesten Popo und die längsten Augenwimpern, die ich jemals bei einer Frau gesehen habe. (Wir aber wissen, daß Jakob bei Begegnungen mit hübschen oder gar schönen Frauen gern in Superlativen dachte – oft freilich mit Recht.) Die hohen Backenknochen – leicht slawisch sieht diese Dame aus. Und grüne Augen … grüne Augen, die in meinem Leben doch schon solche Verheerungen verursacht haben! dachte Jakob bebend.
Misaras betrachtete den Freund tief besorgt. Jetzt geht das wieder los, dachte er.
Die Detektive wiesen sich aus und erklärten den Grund ihres Besuchs. Die Traumfrau bewegte hilflos (oder war es Wurschtigkeit?) die Schultern und verzog die vollen Lippen zu einem bitteren Lächeln. Die Detektive machten sich sofort daran, den maurischen Palast zu durchsuchen. Plötzlich standen Jakob und Misaras mit der Traumfrau allein. Sie musterte beide durch halbgeschlossene Augen, eine Hand in der Hüfte, eine überlange Spitze mit Zigarette in der anderen. Jakob fühlte, wie es ihm heiß in die Lenden schoß.
»Sie müssen Mister Formann sein!« Ihre Stimme klang rauchig, tief.
»Stimmt«, sagte unser Freund mühsam.
Ich bin ja schlimmer als der Wenzel mit seinen Rothaarigen, dachte er, indessen seine Schläfennarbe zu zucken und die Hasenpfote, nein, das war ja gar nicht die Pfote – verflucht, immer diese Peinlichkeit, und die Dame schaut genau hin! – lebendig wurde.
»Ich bin Natascha Ashley«, erklärte die Dame.
Er verneigte sich und küßte ihre Hand, wie die Edle es ihm beigebracht hatte. Ohne Schwierigkeiten, denn Natascha Ashley hob ihre weiße Hand seinem Mund zart entgegen. Jakob staunte darüber, wußte er doch, daß Amerikanerinnen einen Handkuß nicht gewohnt sind und deshalb diesen, beziehungsweise den die Hand Küssenden, besonders gern mögen. Misaras hingegen fluchte stumm. Als Jakob sich aufrichtete, traf ihn etwas schmerzhaft am Kopf. Das Etwas war ein enormer tropfenförmiger Smaragd, der Natascha Ashley, an einer Platinkette, vor dem Prachtbusen baumelte. Dem Zusammenstoß, den Jakob mit seinem bekannt charmanten Lächeln parierte, folgten blitzschnell zwei Jakob-Gedanken.
Erster Gedanke: Allmächtiger im Himmel, das Ding hat mindestens neunzig Karat, wahrscheinlich hundert. Lupenrein. Inzwischen versteht Jakob Formann sich auf so was. Kostet? Also, drei Millionen Dollar sicherlich. Mindestens! Das Ding zieht die Lady ja richtig zu Boden! Die steht so herausfordernd aufrecht ja nur, damit der Klunker sie nicht umschmeißt! Zweiter Gedanke: Ich, Jakob Formann, meiner Zeit immer um zwei Schritte voraus, stehe hier vor der Geliebten dieses Lumpen Corbett, dieser Göttin mit dem phantastischen Busen und dem phantastischen Popo und den längsten Augenwimpern, die ich jemals gesehen habe, und meine Hasenpfote, die gar nicht meine Hasenpfote ist, meint es auch: Diese Göttin muß ich haben, und wenn’s mich das Leben kostet! Na, nicht gerade das Leben. Aber wenigstens einen Smaragd, der noch größer ist als dieser Brummer da.
16
Um einen Brummer zu bekommen, der noch größer war als der, den Natascha schon hatte, mußte Jakob, der wegen der Verhandlungen und Verhöre, die nun folgten, Los Angeles nicht verlassen konnte, den Chef der New Yorker Filiale von ›Cartier‹ per Flugzeug holen lassen. Der New Yorker Direktor hatte mit Paris telefoniert, und dort gab es das Trumm, das Jakob wünschte. Es kam über den Ozean und mit dem New Yorker Direktor von ›Cartier‹ nach Los Angeles. So einen Smaragd gab es kein zweites Mal in der Welt. Dafür kostete er auch dreieinhalb Millionen Dollar. (Und Jakob bekam bei ›Cartier‹ schon ›Special Prices‹!) Mit dem kleinen Angebinde suchte unser Freund die schöne Natascha auf und überreichte es ihr mit der geistvollen Bemerkung, er hoffe, sie damit ein wenig in ihrem Schmerz um den eingesperrten Lebensgefährten Corbett trösten zu können.
»Das kann ich auf keinen Fall annehmen, mein Herr«, sagte Natascha.
»Aber warum denn nicht?«
»Es ist nicht meine Art, Mister Formann. Meine Vorfahren – besonders die meiner armen Mutter – würden sich in ihren Gräbern umdrehen, wenn ich es täte.«
»Die Vorfahren Ihrer armen Mutter …«
Natascha nickte ernst.
»Meine Mutter war eine russische Aristokratin. Direkt verwandt mit den Romanoffs. 1918 verließ sie Rußland und gelangte nach langen Irrfahrten nach Graz. Das ist eine Stadt im Westen des Landes Österreich, wissen Sie. Österreich liegt südlich von Bayern und ist …«
»Ich bin Österreicher, Miß Ashley.«
»Oh, was für eine angenehme Überraschung. Dann wissen Sie also, wo Graz liegt.«
»Hrm … rrrmm …« (Gott, gib mir Kraft und Stärke!) »… ja, gewiß doch, verehrte Miß Ashley, weiß ich, wo Graz liegt. Ich war schon oft dort.«
»How charming. Sehen Sie, und mein Vater war da Offizier und Leiter der Niederlassung einer großen britischen Firma. Aus einer ganz alten englischen Adelsfamilie. Meine Mutter und er lernten einander kennen und lieben und …«
»Russisches und britisches Adelsblut also, Miß Ashley!«
»So ist es, Mister Formann.« Nataschas Busen wogte. Die Hasenpfote, die gar nicht die Hasenpfote war, desgleichen. »Und da haben Sie die Kühnheit, mir das da …« Sie wies mit einer Kinnbewegung auf den Fünfundneunzigkaräter. »… ins Haus zu bringen? Wo ist Ihre Erziehung, Mister Formann? Oder wollen Sie mich absichtlich beleidigen? Das wäre infam … Eine schutzlose Frau …« Der Busen wogte noch heftiger.
»Aber ich bitte Sie, verehrteste Miß Ashley, nichts lag mir ferner.«
»Dann nehmen Sie das Ding hier weg. Sofort! Ich will es nicht sehen.«
»Es sollte doch nur ein ganz kleiner Beweis meiner Verehrung für Sie …« Das ging so eine halbe Stunde.
Dann hatte Natascha einen Weg gefunden, Jakob in seiner Not zu helfen. »… Gott, ich will Sie schließlich auch nicht beleidigen, Mister Formann. Dieser Mensch, dieser Corbett, dem ich mich anvertraut habe, weil ich immer an die Ehrenhaftigkeit von Männern glaubte, die sich mir näherten – die sich mir zu nähern wagten –, dieser Mensch hat mich entsetzlich verletzt durch seine Untat. Und es ist ja auch sehr rührend von Ihnen, daß Sie mir diesen kleinen Trost bringen wollen. Der natürlich nie einer sein kann …«
»Natürlich nicht, Miß Ashley …« Zum ersten Mal in seinem Leben ließ Jakob Formann einen Idioten aus sich machen und merkte es gar nicht.
»… aber um Ihnen eine Freude zu bereiten, und weil Sie es doch gut gemeint haben – nun, also, ich nehme das Geschenk an.«
»Danke! Ich danke, ich danke, Miß Ashley.«
»Sie dürfen Natascha zu mir sagen.«
»Natascha …« Er fühlte heiße Erregung in sich aufsteigen – nicht die ihm schon bekannte in Gefahrensituationen (leider nicht die!). Nein, eine ganz andere, wilde, wüste und hitzige Erregung war das. Er preßte Natascha an sich und wollte sie küssen. Im nächsten Moment hatte er eine Ohrfeige weg.
»Sie sind wohl vollkommen verrückt geworden, Mister Formann«, sprach die russisch-englische Aristokratin mit eisiger Stimme.
»Verrückt, ja«, lallte er blödsinnig, »verrückt nach Ihnen, Natascha …«
»Wenn Sie noch einmal so etwas tun, müssen Sie gehen, Mister Formann!«
»Um Gottes willen … Ich will es ganz gewiß nicht mehr tun! Nur lassen Sie mich in Ihrer Nähe bleiben, Natascha, ich bitte Sie, ich bitte Sie flehentlich …«
»Es sei«, sagte die Dame.
»Und … und … und …«
»Na!«
»… und würden Sie Jake zu mir sagen?«
»Wenn es Sie glücklich macht, meinetwegen. Sie dürfen meine Hand küssen, Jake.« Er stürzte sich auf die Hand. Er preßte seine Lippen auf die Hand. Natascha entzog sie ihm sofort wieder. »Genug«, sagte sie.
(Genug für 3,5 Millionen Dollar! Und damals, 1961, stand der Dollar noch nicht so miserabel wie heute, da wir diese Zeilen schreiben. In seinem ganzen bisherigen Leben hätte Jakob einem weiblichen Wesen, das ihn so behandelte, eine geknallt und es aufs Kreuz gelegt. Mit Natascha schien ein neues Leben für Jakob begonnen zu haben. Diese Göttin … Wie konnte er es wagen zu erwarten, sie mit schnödem Mammon, plump und brutal noch dazu, zu kirren? Das war eine schwere Krise für Jakob, die da begonnen hatte. Jeder Mann kennt so etwas. Jeder Mann hat sich schon ähnlich idiotisch verhalten. Jeder.)
Jakob sah und hörte, wie Natascha, die Unirdische, mit zartem Ächzen in eine Recamière sank.
»Was haben Sie, um Himmels willen, verehrteste Natascha?«
»Luft …«, stöhnte diese, eine Hand an der Gurgel. »Luft! Ich ersticke! Ich kann hier nicht mehr atmen …«
Jakob rannte los und riß ein Fenster auf.
»So habe ich es nicht gemeint, Jake …«
»Wie denn?«
»Ich kann in diesem Hause nicht mehr atmen! Ich bekomme im Hause dieses Schuftes, der mich so betrogen hat, keine Luft mehr …«
»Na, mich hat der Schuft doch auch betrogen …«
»Er hat uns beide betrogen, Jake. Könnten Sie jetzt in diesem Hause noch leben?«
Jakob war erschüttert.
»Nein!« rief er. »Niemals! Und ich verstehe, was für eine Qual es für Sie sein muß, Natascha!«
»Sie verstehen es. Sie haben Verständnis. Das macht mich glücklich.«
»Wenn Sie glücklich sind, bin ich es …«
»Ach, Jake …«, flüsterte Natascha.
»Natascha?« flüsterte Jake, kniend, ihren Arm streichelnd.
»Sie sind so verständnisvoll, Jake …«
»Natascha! Natascha! Was haben Sie jetzt? Warum weinen Sie?«
»Elevado Avenue«, kam es, kaum hörbar, über ihre schönen Lippen.
»Wie bitte?« Er starrte sie an.
»Nummer siebenfünfzwo.«
»Nummer siebenfünfzwo was?«
»Ist zu verkaufen. Schon lange. Ein wunderbarer Besitz. In Beverly Hills. Gar nicht weit von hier. Das Haus doppelt so groß … Der Park doppelt so groß … Der Swimmingpool dreimal so groß … Das alles gehörte dem genialen Regisseur …« Sie nannte einen Namen, den Jakob noch nie gehört hatte. (Aber das bedeutet nichts, dachte er erschauernd, ich bin eben ein ungebildeter Bauer, immer noch.) »Wenn mir jemand helfen würde, hier fort- und dort hinzukommen … Dieser Schuft Corbett hat mir das Haus da überschrieben … Es gehört mir … Man müßte es verkaufen … Aber ich bin ja so hilflos, Jake, ich weiß ja nicht, was Geld ist, was man damit anfängt, was es bedeutet, ein ganz kleines, dummes Mädchen bin ich …«
Drei Tage später hatte Jakob Formann den Palast 752 Elevado Avenue mit Park, Swimmingpool, einfach allem, auch der kostbaren Einrichtung und den herrlichen Kunstschätzen erworben. Um lächerliche sechsundzwanzig Millionen Dollar. Natascha zog um. Sie fühlte sich etwas besser, aber natürlich war sie noch immer sehr deprimiert und schwach. Jakob durfte sie auf den Mund küssen. Kurz! Ein guter Freund halt …
»Sie sind ein Gentleman, Jake. Eine Kreatur wie Corbett hätte vielleicht die Situation ausgenützt … mehr gefordert … Sie nicht, ich weiß, Sie würden das niemals tun!«
»Niemals, Natascha«, stammelte der glückselige Trottel Jakob Formann (der bislang nie im Leben ein Trottel gewesen war), »niemals würde ich auch nur das geringste fordern, was Sie mir nicht freiwillig zu geben bereit sind … Ich liebe Sie! Das kann mir keiner verbieten! Und es wird die Zeit kommen, Natascha, glauben Sie mir, es wird eine Zeit kommen, da werden auch Sie mich lieben!«
»Ach, Jake, bitte, nicht weiter!« Sie preßte die Finger an die Schläfen.
»Ich schweige schon, Natascha. Ich kann warten. Ich kann ein Leben lang warten …«
»Sie sind so gut, Jake.«
»Ach nein, aber ich möchte es gerne sein, Natascha.«
Gleich nachdem dann die hundert roten Rosen, die Jakob bestellt hatte, abgegeben worden waren, ging er. Es war ihm blendend klar, daß er Natascha durch seine Geschenke doch immer wieder nur in Verlegenheit brachte. Und das wollte er nicht!
In den folgenden Tagen versuchte er dann, die Corbett-Villa loszuwerden. Sie war derart mit Hypotheken belastet, daß er sie lieber gleich den Banken überließ.
17
»… Corbett hat fünf Jahre bekommen, der Funktionär von der Gewerkschaft vier, die Corbett-Fabriken in El Segundo haben sie öffentlich versteigert, und damit so etwas nicht noch einmal passiert, habe ich alle erworben mit deiner Dauervollmacht, und so bleibt mir nur noch festzustellen, daß du das größte und hirnverbrannteste Arschloch bist, das mir je begegnet ist«, schloß George Misaras ungefähr ein Jahr später, am 5. Juli 1962, seinen Bericht über alles, was passiert war. Er hatte lange gesprochen, immer so lange, bis er absolut keine Luft mehr bekam. Dann holte er, wie eben jetzt, röchelnd Atem. Und schlug vor Wut auf den Tisch dabei.
»Wieso bin ich das größte und hirnverbrannteste …«, begann Jakob empört, aber George ließ ihn gar nicht zu Ende reden. »Weil du sehr bald dein ganzes Geld an diese Mistbiene verloren haben wirst, darum!« rief er lauthals.
»Georgie-Boy, du weißt, wie gerne ich dich habe, aber wenn du dieses widerliche Wort im Zusammenhang mit jenem Traumwesen noch einmal gebrauchst, vergesse ich mich!« rief Jakob.
»Traumwesen, daß ich nicht lache! Russisch-englische Aristokratin, daß ich nicht an freudlosem Gelächter ersticke!« tobte Misaras wieder los. »Ich habe mich erkundigt! Die Mutter von diesem Früchtchen war adelig und ist irgendwann einmal abgehauen, wann, weiß keiner so genau. In Graz hat sie dann rumgehurt auf Teufel komm raus – eben auch mit einem britischen Offizier, der weiß Gott kein Firmenchef und schon gar kein Aristokrat gewesen ist. Nur daß er sie angebufft hat. Und sie haben’s nicht mehr wegmachen können, es war schon zu spät. Der Papa ist übrigens abgehauen, noch vor der Geburt! Das hat sie dir nicht erzählt, dein Traumwesen, was?«
»N-nein … Und das ist auch eine gemeine Lüge!«
»Das ist keine Lüge! Der Chef unserer englischen Niederlassung ist ein Freund von mir, der hat drei Agenturen angesetzt auf die englischen Aristokraten! Aus dem Kohlenpott ist der! Nichts gegen den Kohlenpott, um Himmels willen, du weißt, ich bin ein Linker! Aber da siehst du, wie dich dein Traumwesen vom ersten Moment an belogen hat, das Biest!«
»George, sag das noch mal, und ich knall’ dir eine!«
George sagte es noch einmal.
Jakob knallte ihm eine.
»Trottel«, sagte Misaras und hielt sich die Backe, denn Jakob hatte ordentlich hingehauen, »siehst du denn nicht, wie die dir das Geld aus der Tasche zieht? Millionen und Abermillionen! Seit einem Jahr bist du jetzt mit ihr zusammen! Unzertrennlich, wie?«
»Bitte, George!«
»Was, ›bitte, George‹? Hast ihn doch Tag und Nacht drinnen bei der! Ich weiß, du warst immer ein munterer Hahn, aber jetzt rammelst du dich noch zu Tode in der Blüte deiner Jahre!«
Dann hatte er wieder eine weg. Diesmal schlug er zurück. Jakob setzte sich überrascht auf den Fußboden in Misaras’ schönem Haus an der Rossmoyne Street. Es lagen da überall herrliche Teppiche herum. Ausgerechnet dort, wo Jakob sich setzte, lag keiner. Der Schmerz schoß ihm vom Steißbein ins Hirn.
»Einen Dreck rammle ich!« ächzte Jakob. »Nimm das Wort im Zusammenhang mit diesem Gottesgeschenk nie mehr in den Mund! Glaubst du, dieser Engel ist käuflich? Ab und zu ein scheuer Kuß auf den Mund, das ist alles, was sie sich vergibt!«
Misaras sah aus wie ein sprachloser Kretin.
»Mach’s Maul zu!«
Misaras befolgte die Aufforderung nicht, sondern stammelte fassungslos: »In Jugoslawien bist du mit ihr gewesen! In Rußland! In Deutschland! In Japan! In Polen! Bei all den Plastik-Werken! Überallhin hast du sie mitgeschleift auf deiner Raserei durch die Welt! Nach Südamerika, zu unserer Niederlassung in Buenos Aires! Nach Mexiko! Nach Peking! Weil du dort auch baust! OKAY hat dauernd Fotos von ihr gebracht, und so ein armer Hund hat sich immer wieder Hymnen dazu einfallen lassen müssen!«
»Der wird dafür bezahlt, der Schreiber!« brüllte Jakob.
»In Kairo warst du mit ihr! In Indien! In Portugal! In Spanien! In Italien! Überall, wo du deine Geschäfte machst! Allen deinen Partnern und deinen Gegnern hast du sie präsentiert wie das Huhn, das goldene Eier legt! Jawohl, Gegnern habe ich gesagt! Du hast eine Menge, und es werden immer mehr, je erfolgreicher du wirst! Richtige Feinde hast du! Die warten nur darauf, dir das Messer in die Rippen zu rennen! Gib dir nur Blößen! Gib nur, gib nur! Renn selber in ihr Messer! Du glaubst, du bist der einzige reiche Mann auf der Welt? Trottel, verfluchter! Dein Riesenimperium ist bisher so geschmiert gelaufen, weil du immer über genügend Bargeld verfügt hast und alle anderen schnellstens austricksen konntest!«
»Das kann ich immer noch!«
»Wer’s glaubt, wird selig! Mann, diese Natascha, die melkt dich vielleicht!«
»Ich verbitte mir diesen ekelhaften Ausdruck!«
Misaras nahm einen Zettel, setzte eine Brille auf (keiner wird jünger) und las vor: »In England einen Bentley! In Polen nur eine kleine Privatjagd samt Forellenzucht, lächerliche fünfhundert Hektar! Einen Privatjet in Deutschland! Schmuck für – ich habe dich überwachen lassen, lüg nicht, die Summe stimmt! – für siebenundzwanzig Millionen Dollar!«
»Na und, sind’s deine Millionen?«
»Ein Chalet in Gstaad! Unterbrich mich nicht! Eine Lebensversicherung, nur auf sie! Ein Bankkonto, ich weiß, was draufliegt, ich sage es nicht, sonst kotze ich noch, mir wird schon totenübel, wenn ich bloß dran denke, daß sie allein zeichnungsberechtigt ist! Goldbarren die Hülle und die Fülle! Gingen gerade noch rein in einen großen Safe der Bank in der Züricher Bahnhofstraße!«
»Eine Frau braucht Sicherheit, George! Wenn mir etwas zustößt …«
»Ja, ja, Sicherheit braucht sie natürlich, die verfluchte Schneppe!«
Dann hatte er wieder eine weg. Er schlug wieder zurück. Jakob setzte sich wieder auf den Boden. Diesmal milderte ein Smyrna den Aufprall. »Sie ist keine verfluchte was du gesagt hast!«
»Klar ist sie eine was ich gesagt habe! Die hat doch schon den armen Corbett ausgenommen wie eine Weihnachtsgans!«
»Hast du armer Corbett gesagt?«
»Habe ich, ja!«
»Und warum, bitte? Dieser Lump, der uns ruinieren wollte, bestreiken ließ, die Buden abbrennen wollte und uns fast den Hals gebrochen hat?«
»Ihretwegen doch, Mensch!« Misaras haute auf den Tisch. »Doch alles nur ihretwegen! Die hat ihn genauso ausgenommen, wie sie jetzt dich ausnimmt! Der hat doch die Hypotheken auf seine Villa nicht zum Spaß gebraucht! Und auch diese Streikgeschichte war ein Verzweiflungsakt! Corbett mußte einfach mehr, viel mehr verkaufen, um seine Schulden zahlen zu können! Das ist ein ganz ausgekochtes Luder, deine Natascha! Sie ist schuld an allem, was Corbett getan hat!«
»Tut der Corbett dir vielleicht auch noch leid?«
»Von Herzen, Jake, von Herzen! Der ist ein Opfer dieser Natascha! Du wirst auch ein Opfer dieser Natascha werden! Die hat das von der Frau Mama gelernt! Die Frau Mama war nämlich nach Graz ganz groß in West-Berlin im Geschäft, habe ich eruiert!«
»Lüge!«
Misaras konsultierte nur seinen Zettel.
»Ein Chalet in Gstaad hast du gekauft! Eine Villa in Beverly Hills! Ein Schloß am Starnberger See hast du schon! Warum hast du dem Miststück in Gstaad und Beverly Hills Häuser gekauft, Mensch? Warum braucht sie zwei Luxuswohnsitze?«
»Die habe ich nicht ihr gekauft, sondern mir!«
»Ja, aber sie wohnt drin! Sie hat dich gezwungen, die Häuser zu kaufen!«
»Überhaupt nicht gezwungen! Ich habe es ganz von selbst getan!«
»Willst du mir dann bitte um alles in der Welt erklären, warum du derart viele Protz-Häuser brauchst!«
»Weil ich«, belehrte ihn Jakob (so sehr hatte er sich inzwischen dank Nataschas ständigen Lobpreisungen geändert, daß er ihre ewigen Redereien zu seinen eigenen gemacht hatte und auch noch glaubte, was er sagte), »ein großer Mann bin, ein ganz großer Mann.« Er sagte es sehr ernst. »Ich habe natürlich ein halbes Dutzend Wohnungen in der Welt. Ich habe Jahresappartements in den besten Hotels von London, Tokio, New York, Rio de Janeiro und London! Jetzt ist mein Besitz auf Cap d’Antibes fertig geworden. Schau mich nicht so an!« Jakob wurde tragisch. »Da schuftet man und schuftet, da gibt man Tausenden und Abertausenden Heim und Arbeit, da ist man einer der wirklich großen Wirtschaftsführer dieser Zeit und tut Gutes, Gutes, Gutes, wo und wie man nur kann – und selbst darf man sich gar nichts gönnen, wie, nur zu Tode schuften darf man sich, was? Einsam ist man und allein.« Jakob zerfloß in Selbstmitleid. Ach, unerbittlich geht das Leben mit Multimillionären um! Unseres Freundes ganzer Jammer brach aus ihm heraus. »Du, ausgerechnet du, der du mein Freund sein willst, machst mir Vorwürfe? Das hätte ich niemals von dir erwartet!«
Misaras wurde rasend vor Zorn.
»Du hast wohl völlig vergessen, wie das war, als du damals zu diesem blöden Fliegerhorst in Hörsching gekommen bist, was? Nix zu fressen! Nix zum Anziehen! Gut, du hast Glück gehabt …«
»Glück hat nur der Tüchtige«, erklärte Jakob feierlich.
»Ach, leck mich doch … Wie viele Tüchtige haben kein Glück! Glück, Glück, Glück hast du gehabt, und ich und der Wenzel und der Karl und wir alle. Aber damit kann jeden Moment Schluß sein! Oder glaubst du, daß das ewig so weitergeht?«
»Warum soll es denn nicht so weitergehen?« fragte Jakob, ehrlich erstaunt. Der Gedanke, daß es einmal einen Rückschlag geben könnte, war ihm noch nie gekommen.
»Jake, du weißt, wie gerne ich dich habe! Eben darum mache ich mir doch solche Sorgen um dich!«
»Um mich muß sich keiner Sorgen machen«, äußerte Jakob.
Das brachte Misaras erneut in Wut. »Quatsch! Um jeden Menschen muß man sich Sorgen machen! Und bei dir am meisten wegen diesem Luder! Die Mama in Berlin eine Luxusnutte, das Töchterchen natürlich im Internat!«
»Gott sei Dank im Internat«, sagte Jakob Formann, »und Gott sei Dank in einem hervorragenden. Natascha spricht vier Sprachen fließend, sie hat Manieren – dir gewünscht, mir auch! –, überallhin kann ich sie mitnehmen!«
Misaras zerrte an seinem Brillenbügel und las mit bebender Stimme wieder von seinem Zettel ab: »Drei Nerzmäntel für die Dame mit den vier Sprachen und den glänzenden Manieren, dir und mir gewünscht, ja? Zwei Chinchillas! Einen Ozelot! Drei Breitschwänze! Einen Jaguar! Mann, dich sollte man ja unter Kuratel stellen! Aktien von den größten internationalen Industrieunternehmen, damit die Lady nur noch mit dem kleinen Scherchen die kleinen Couponchen abschneiden muß immer, wenn die Zeit gekommen ist, sich für die Zettelchen Geld geben zu las …«
»George!«
»Ich bin noch nicht fertig!«
»Doch, du bist fertig. Ich weiß selber sehr gut, was ich diesem Himmelswesen geschenkt habe. Du hältst das Maul, verstanden?«
Jakob sprach gepreßt, und sein Gesichtsausdruck war so erschreckend, daß Misaras ihn stumm anstarrte. Mit unserem armen Freund war etwas passiert in diesem letzten halben Jahr, das Misaras nicht wußte, das niemand wußte: Er hatte erlebt, was er noch nie zuvor erlebt hatte, nämlich daß eine Frau sich ihm nicht sofort liebend hingab!
Das hatte ihn seelisch umgehauen! Und er hatte sich in diese Haltung verrannt: Ich habe noch jede ins Bett gekriegt, die ich wollte! Das soll doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich diese Natascha nicht auch ins Bett kriege! Doch es dauert eben ein bißchen! Ja – das ist ein ebenso irritierendes wie kribbelndes Gefühl. Geld! Was ist schon Geld? Ich habe es massig! Aber wir wollen doch einmal sehen, ob ich diese Natascha nicht zu einer Schlittenfahrt, zu einer Chinesischen, bekomme, verflucht und zugenäht!
»Ich meine ja bloß!« jammerte Misaras. »Ich will doch nur dein Bestes, Jake! Wir alle sind voller Sorge, ich und der Wenzel und der Jurij, ja, da staunst du, wie? Der hat mir geschrieben, wie viele Pelzmäntel du in der Sowjetunion für diese Natascha gekauft hast. Hast du denn die Scheiße vergessen, in der du nach dem Krieg gesteckt hast? Kannst du dich nicht mehr erinnern daran, wie schwer du hast schuften müssen, um das alles aufzubauen, was dir heute gehört? Soll es in Bruch gehen wegen einer kleinen dreckigen …«
»George!« Jakob schoß hoch.
Misaras winkte ab.
»Schon gut, schon gut, ich sehe, dir ist nicht zu helfen. Du hast den Verstand verloren.«
»Ich habe überhaupt nichts verloren«, sprach Jakob voll Würde und Gefühl, »aber du, George, weißt nicht, was das ist: Liebe!«
»Allmächtiger Vater im Himmel!« Misaras vergrub den Kopf in den Händen.
18
Jakob Formann kniete vor drei mal dreizehn brennenden Kerzen, die Hände über der Brust gefaltet, angetan mit einem weithin wallenden schwarzen Umhang, der nichts vom blendenden Weiß der zum Frack gehörenden Weste nebst Hemd, Kragen (oh!) und Fliege ahnen ließ. Vor ihm stand, in silbern schimmerndem Gewand, darüber ein leuchtend purpurroter Mantel, die Sehr Edle und Sehr Mächtige Frau Baronin von Lardiac, Edle Frau und Gerichtsherrin von Valtentante, erbliche Palastdame am Hofe von Jerusalem zufolge des Privilegs, verliehen der sehr ruhmreichen Familie Lardiac durch Kaiser Friedrich den Zweiten, späterhin König von Jerusalem.
Die Edle ließ gerade die flache Klinge eines mächtigen Schwertes auf Jakobs linke Schulter knallen.
»Aua!« sagte Jakob.
Die Edle sah ihn strafend an, schlug ihm auf die rechte Schulter und aufs gebeugte Haupt. Dann sprach sie: »Hiermit schlagen Wir dich, Jakob Formann, in Unserer Eigenschaft als Groß- und Heermeisterin des Hohen Christlichen Ritterordens ›Signum Fidëi‹, das heißt ›Zeichen der Treue‹, zum Ritter und zum Ordensmarschall. Erhebe dich, Ritter Jakob!« Ritter Jakob, nunmehr Marschall dieses Hohen Ordens, erhob sich. Die Edle sprach weiter: »Und verleihen dir nunmehr den Großen Silbernen Stern mit Schärpe, die Krone zum Kreuz und die Goldene Medaille für besondere Verdienste um den Hohen Ritterorden.« Die Edle steckte einen Haufen Blech an Jakobs nachthemdähnliche schwarze Oberbekleidung und setzte ihm tatsächlich eine ziemlich schwere Krone (aus [dünn] vergoldetem Zink) auf den Kopf.
Musik erklang. Irgend etwas ganz Feierliches, das Jakob natürlich nicht kannte. (Vielleicht Vivaldi?) Da muß einer hinter all diesen Vorhängen einen Plattenspieler in Gang gesetzt haben, dachte er, während er die Hand der Edlen küßte, die diese ihm fordernd entgegenstreckte. Fast rutschte ihm dabei die Krone vom Kopf.
Solcherlei geschah am 21. Juli 1962 im Großen Saal von Jakobs Schloß am Starnberger See, unweit der Haupt- und Residenzstadt München, Freistaat Bayern, um 9 Uhr 22 MEZ.
Und hatte natürlich seine Vorgeschichte.
Diese Vorgeschichte hatte sich fünf Tage zuvor abgespielt: am 16. Juli 1962, an der französischen Riviera, präziser: auf Cap d’Antibes, ganz präzise: in Jakobs Super-Prunk- und Pracht-Villa daselbst. Immerhin viereinhalb Jahre hatte es gedauert, bis sie dastand – aber es war nicht Schuld der Architekten, Handwerker und Techniker.
Es war Schuld der französischen Administration.
Administrationen pflegen im allgemeinen nicht sehr schnell zu funktionieren. Die französische Administration funktioniert in geradezu grauenerregender Weise langsam. Fast zweieinhalb Jahre waren vergangen, bevor die nicht wenigen in solchem Fall zuständigen Behörden unserem Jakob, einem Ausländer, die Genehmigung erteilt hatten, einen Kaufvertrag mit dem Besitzer, gleichfalls einem Ausländer, über den Erwerb von französischem Grund und Boden und einem Gebäude (das zu entfernen war) abzuschließen. Als erschwerend kam hinzu, daß man bei allen Ämtern in allen diesbezüglichen Akten den Namen des Eigentümers ändern mußte – um später beim richtigen Mann Lokalsteuer, Luxussteuer und sieben andere Arten von Steuern fordern zu können. Zudem verfügten Frankreichs Behörden über die Namen aller Grund- und Bodenbesitzer des Landes – also auch jener an der Côte d’Azur –, gespeichert in einem Computer der Dritten Generation.
Dieser Computer auch für die Côte d’Azur befand sich nun leider nach einem der unerschöpflichen zahllosen und stets unerfindlichen Ratschlüsse der Bürokratie nicht etwa im Süden des Landes, auch nicht in der Mitte, wunderbarerweise auch nicht in Paris, sondern im Norden, und zwar sehr hoch oben im Norden, in der Stadt Rouen, welchselbe in dem Departement Seine-Maritime liegt. Derlei geographische Pikanterien verzögerten die unbedingt nötige Änderung des Namens erheblich, vor allem deshalb, weil es sich bei Computern der Dritten Generation um äußerst sensible Gebilde handelt. Der Computer in Rouen neigte zu neurotischen Phasen, und in solchen wurde er im Laufe eines Dreivierteljahres zwar viermal mit den richtigen Daten gefüttert, verdaute diese jedoch schlecht und spie falsche aus.
Die Herren Beamten bedauerten.
Bestechungen akzeptierte man zwar freudig und mit dem Versprechen, selbstverständlich den administrativen Vorgang zu beschleunigen. Indessen waren die Herren Bestochenen, wie der Zufall so spielte, gleich nach Jakobs Geldzuwendungen in andere Departements versetzt worden, und ihre Nachfolger wußten von nichts, so daß Jakob auch die Nachfolger zu bestechen hatte. Und auch die Nachfolger waren in andere Departements versetzt worden. Frankreich besteht aus knapp hundert Departements. Jakob sah ein, daß da ein Scheißspiel mit ihm gespielt wurde.
So sehr ihm der entsetzliche Abend bei Sir Alexander auf Saint-Jean-Cap-Ferrat Löcher in die empfindsame Seele gebrannt hatte, so sehr alles in ihm nach Rache, Rache! Genugtuung, Genugtuung! schrie – es half nichts, er mußte sich gedulden. Aber die Geduld hatte sich dann gelohnt. Was da jetzt auf Cap d’Antibes stand, gab es vermutlich nicht noch einmal auf der Welt! Es war das absolute Phantasie-Schloß! Verglichen mit diesem Palast (Kosten – Grund und Boden, Bau und Installationen – insgesamt: 86 Millionen Francs) war die Klitsche des Sir Alexander da auf Saint-Jean-Cap-Ferrat nicht einmal Bewohnern von verfallenen H. L. M. ( = Sozialer Wohnungsbau)-Häusern als Heimstatt zuzumuten. Sogar einen nicht eben kleinen Hafen gab es. Und daselbst ankerte Jakobs in diesen Jahren erworbene Hochseejacht, die es wohl mit den Jachten der Herren Onassis, Niarchos et cetera aufnehmen konnte. Natascha, das Zauberwesen, hatte vollkommen recht gehabt, als sie Jakob darauf aufmerksam machte, ein Mann wie er müsse unter allen Umständen eine Jacht wie jene Reeder haben.
Es gab da eine Werft für derartige Statussymbole. Die Lieferzeiten waren natürlich lang. Die Jacht, die Natascha einzig und allein als für eines Jakob würdig befand, hatte ein arabischer Scheich bestellt.
Die Herren der Werft bedauerten, diese Jacht könne Jakob nicht kaufen. Ja, denen zeigte er es aber!
Diese Jacht könne er nicht kaufen?
Jakob kaufte die ganze Werft, feuerte die widerborstigen Herren und nahm sich danach die Jacht des arabischen Scheichs, dem er den knappen Bescheid zukommen ließ, daß der Herr noch zwei Jahre auf sein Schiff warten müsse. Was denn, was denn? Jakob hatte andere Sorgen, als sich wegen solcher Lappalien zu ärgern! Sagte auch Natascha.
Die Riesenjacht lag also jetzt, selbstverständlich auf den Namen NATASCHA getauft, in dem nicht eben kleinen Hafen vor Jakobs Superschloß auf Cap d’Antibes. Sie lag da und lag da und lag da. In See stach sie nie. Die Besatzung wurde langsam rammdösig, weil Jakob seine herrliche NATASCHA niemals benutzte, Offiziere und Matrosen aber immer an Bord hielt. Er mußte jeden Moment auslaufen können, darum! Sagte Natascha. Jakob lief nur nie aus.
So grandios war sein Schloß, daß selbst Natascha erschauerte, als sie es zum erstenmal sah. Sie sagte atemlos: »Jake, du bist wundervoll. Noch nie habe ich einen solchen Mann getroffen.« Und sah ihn mit halb geschlossenen Augen an.
Er reagierte richtig.
»Darf ich dir dein Schlafzimmer zeigen, liebste Natascha?« fragte Jakob, heiser vor Erregung. Nun ist es soweit, ich habe es ja gewußt. Genauso habe ich es erwartet!
»Du darfst, Jake«, sagte die Dame Natascha.
Und dann war es auch soweit. Allerdings nicht gerade genauso, wie Jakob es erwartet hatte. Nataschas Schlafgemach mußte auf ihren Wunsch zunächst von Jakob verdunkelt werden. Absolut alle Fenster dicht! Mein Gott, dachte er erschauernd, natürlich will sich dieses Zauberwesen nicht nackt vor mir zeigen. Herrlich! So etwas habe ich noch nie gehabt! Ich bin begeistert.
Er war dann schon weniger begeistert, als er sich, nach eigener Entkleidung, durch die Finsternis auf das unsichtbare Bett vortastete, in welchem Natascha bereits ruhte, und sich dabei mehrmals schmerzhaft an Möbeln stieß, einmal an einer als besonders empfindlich bekannten Stelle. Auch sonst gestaltete sich dieses erste Treffen anders, als Jakob erhofft hatte.
»Was soll denn das?« fragte die Dame seines Herzens eisig, als er zu einer Chinesischen Schlittenfahrt ansetzte. »Geh sofort weg da!«
»Verzeih, Geliebte …« Er kroch wieder auf gleiche Höhe und küßte sie zart. Natascha küßte ihn noch zarter.
Sie flüsterte: »Bitte, tu mir nicht weh. Sei ganz vorsichtig, Jake. Und ganz zärtlich.«
Das erschütterte unseren Jakob.
Natascha hatte also überhaupt noch keine Erfahrung! Mit Corbett war niemals etwas Intimes gewesen, hatte sie ihm geschworen. Und ansonsten gab es nur zwei Jugendlieben. Also mußte er natürlich zärtlich sein und ganz, ganz vorsichtig, klar! Er war es.
Der Traum von einer Frau lag in der Finsternis da wie eine Marmorstatue, gab keinen Laut von sich, fragte jedoch schon nach recht kurzer Zeit: »Würdest du dich beeilen, Liebling?«
Also beeilte er sich.
Und stellte anschließend gramvoll fest: »Aber du kannst doch nichts davon gehabt haben!«
»Das macht nichts, Liebster. Wenn es nur dir gutgetan hat«, antwortete die Göttin.
Mit einem Wort: eine versaute Nummer.
Aber das dachte Jakob natürlich nicht. Der dachte: Diese schlummernde Schönheit muß ich halt erst zu wahrer Leidenschaft und wilder Gier erwecken …
Der Bau war von der lieben Claudia Contessa della Cattacasa, dem braven Mädel, überwacht worden. Die hatte da wirklich etwas geleistet und sich halb zu Tode geschuftet in diesen Jahren, da sie unablässig hinter allen Arbeitern her sein mußte, denn diese zeigten eine Neigung, nicht zum vereinbarten Termin zu erscheinen, in Bistros zu verschwinden oder andere Arbeiten nebenbei anzunehmen.
Claudia und Natascha haßten sich natürlich auf Anhieb. Sie ließen deshalb keine Begegnung (und wenn es zehnmal am Tag geschah) verstreichen, ohne sich zu umarmen, auf die Wangen zu küssen und einander ›Darling‹, ›Chérie‹ oder ›Bellissima‹ zu nennen.
Schlichten Sinnes und eben in seiner Irrsinns-Phase fragte Jakob beide Damen auch noch einzeln, was sie von der anderen hielten. Er bekam nur höchst Erbauliches zu hören. Das freute ihn. Er hatte gehofft, daß die beiden Damen sich verstehen würden. Er sah gerne glückliche Menschen um sich, die lachten und zärtlich miteinander waren. Das alles präsentierte sich nun seinen Blicken. Daß die Damen keinen heftigeren Drang verspürten, als einander umzubringen – das entging unserem Freund.
An einen strammen Dreier mit Natascha war nicht zu denken – das hätte der verliebte Jakob niemals gewagt vorzuschlagen, ach, auch nur anzudeuten! Seine wundervolle Prinzessin wußte sicherlich überhaupt nicht, was so eine richtige Partouze war, und hätte sich sogleich mit Abscheu von dannen gemacht. Gerade jetzt, wo sie Jakob immerhin schon gestattete, sie hie und da – leider schlummerte ihre Leidenschaft noch immer! – zu flirten, wenn er gerade wieder einmal ein paar Millionen für sie ausgegeben hatte.
Ich erwecke sie, ich erwecke sie! dachte Jakob in diesen Monaten immer öfter frohgemut (indessen sein Barvermögen dahinschmolz), und wenn ich erst einmal eine richtige Chinesische Schlittenfahrt mit Natascha gemacht haben werde … hei!
Am 16. Juli 1962 saß er mit Claudia – Natascha war mit der Jacht (zum erstenmal kam die aus dem Hafen raus, hipp, hipp, hurra!) nach Korsika gefahren – im Prunksaal der Prunkvilla. Jetzt konnte das Fest steigen! Das Fest der Feste! Das Fest, welches das Ende aller Feste hier an der Côte sein würde! Die Erfüllung des Schwurs war da, den er nach dem Desaster bei Sir Alexander in der Nacht des 25. Juni 1957 in einer Kneipe der Altstadt von Nizza vor seinem Freund und Kriegskameraden, Chauffeur und Vertrauten Otto Radtke getan hatte: »Und ich sage dir, Otto, hier baue ich denen jetzt ein Ding hin, da wird ihnen das Lachen über mich vergehen! Die Augen aus dem Kopf werden ihnen fallen, den Lackaffen und ihren angemalten Weibern! Betteln, mit erhobenen Händen werden sie flehen, einmal eingeladen zu werden von mir, Otto!«
Nun, Claudia, das brave Mädel, hatte es tatsächlich so weit gebracht, daß so manch einer wirklich um eine Einladung zu dem großen Fest bettelte, das Jakob am 2. August 1962 zu geben entschlossen war.
Einhundertzwanzig Gäste standen auf der Liste, die er nun mit Claudia studierte. Da wimmelte es nur so von Ministern, Aristokraten, Wirtschaftskapitänen, Konzernmagnaten, Wissenschaftlern, Schriftstellern (aber nur feinen!), weltberühmten Namen! Jakobs Unterlippe bebte vor Ergriffenheit, als er las, wer da alles kam. Mein Gott, wirklich die GANZ, GANZ GROSSEN dieser Erde!
»Savarallo mit Gemahlin … Wer ist das, liebste Claudia?«
»Der Fleischkönig Südamerikas, Jakob. Ach ja, ehe ich es vergesse. Das ganze Personal ist von mir getestet und engagiert worden. Ich habe einen griechischen Chefkoch genommen.«
»Ausgezeichnet, ich danke dir, Claudia. Mit einem französischen Koch kann man ja nicht leben … Giorgio Terulli und Gemahlin … Wer sind die?«
»Er ist Chef der italienischen Historischen Sammlungen …«
»Und hier … Sir Derrick Blossom mit Gemahlin?«
»Einer von den Big Five.«
»Von den Big was?«
»Weißt du nicht, wer die Big Five sind?«
»Nein. Oder ja, natürlich. Es fällt mir nur eben nicht ein. Wer sind die Big Feif?«
»Die fünf größten Bankiers Englands. Sir Derrick ist einer von ihnen.«
»Oh … Und er kommt wirklich?«
»Er hat sogar herzlich gebeten, eingeladen zu werden, das heißt, seine Frau hat das getan, er konnte ja schlecht, nicht wahr? Ich habe übrigens eine ganz genaue Tischordnung gemacht.«
»Sehr schön.«
»Ich kenne doch alle diese Leute. Du kannst ganz beruhigt sein: Jeder von den hundertundzwanzig sitzt richtig! Das hat mich allein eine Woche Zeit zum Hin- und Herdenken gekostet!«
»Claudia! Laß dich umarmen! Laß dich küssen, meine Süße!« Er war ein weng erstaunt, als sie sich nicht ließ.
»Was ist denn? Hast du was gegen mich?«
»Überhaupt nichts. Es ist nur wegen Natascha …«
»Was, Natascha?«
»Du liebst sie, diese wunderbare Frau«, sagte die Contessa ironisch, doch Ironie war zu allen Zeiten an unseren Jakob verschwendet. »Du liebst sie doch so sehr. Da darfst du doch keine andere küssen!«
»Ach, du bist aber eine so alte Freundin …«
»Wahre Liebe verträgt keine Kompromisse, Jakob.«
»Hrm … gewiß … Du hast natürlich recht, Claudia«, sagte Jakob ergriffen. Dann zog er eine Grimasse.
»Was hast du? Zahnweh?«
Jakob wurde verlegen. »Das hast du alles großartig gemacht, Claudia! Nie werde ich dir genug danken können! Jeden Wunsch erfülle ich dir …«
»Kannst du dir das denn noch leisten?«
»Was soll denn das heißen?«
»Na ja, ich meine, du hast größere Ausgaben in letzter Zeit gehabt …« Er lachte herzlich.
»Ach, Claudia! Das hat dir der Misaras erzählt, was? Der macht sich Sorgen, daß ich pleite gehe bloß wegen der paar kleinen Geschenke für Natascha, der Trottel, der liebe!«
Und sanft rauschte der Wind in den Palmen, in den Eukalyptus-, Zitronen- und Orangenbäumen und in den Kiefern vor dem offenen Fenster …
»Dann bin ich ja beruhigt. Ich werde mir schon noch etwas wünschen, Jakob. Und was wünschst du dir noch?«
»Ich … ja … aber du darfst nicht lachen … Ich habe einen Wunsch, einen ganz großen …«
»Welchen denn? So sag doch, Jakob!«
»Den Violetten«, sagte er.
»Wen?«
»Diesen Vetter von der Edlen! Wir haben ihn im Vatikan getroffen. Ich möchte unbedingt, daß er auch zu meinem Fest kommt.«
»Du meinst: ein Bischof?«
»Was weiß ich, was er ist, jedenfalls kein Bischof, aber ein Violetter. Diese Violetten, das sind ganz hohe Tiere, habe ich gehört. Gleich neben dem Stuhl vom Heiligen Vater. Warte mal – so ähnlich wie Notar war der Titel … Claudia, die Krönung meines Lebens wäre es, wenn dieser Violette käme!«
»Jetzt dämmert’s mir. Du meinst den Protonotar, den Wirklichen Apostolischen Protonotar, den Vetter der Baronin. Um Himmels willen, wozu brauchst du den, Jakob?«
»Weil … aber, bitte, nicht lachen … Weil ich möchte, daß so ein hoher Kathole dieses Haus hier einweiht …«
»Einsegnet!«
»Oder einsegnet, ich kenne mich in diesen Fachausdrücken nicht aus!«
Claudia zog die Stirn in Falten.
»Weißt du, Jakob, so einen Violetten, den kann man nicht einfach so mieten! Diese Violetten sind selten und machen sich rar. Bist du überhaupt katholisch?«
»Technisch gesprochen.«
»Was heißt technisch gesprochen?«
»Na ja, ich bin katholisch getauft. Ich habe nie Gebrauch davon gemacht, soll das heißen, ich bin – jetzt tut’s mir wirklich leid – nie in die Kirche gegangen und habe nie gebeichtet und all das Zeug. Aber hör mal, wenn der Violette, den ich meine, doch ein Vetter von der Edlen ist, und wenn die Edle ihn nun bitten würde, zu meinem Fest zu kommen – die Edle ist natürlich auch eingeladen! –, dann besteht doch vielleicht eine Chance …«
»Die Edle wird dir was«, sagte die Contessa della Cattacasa. »Die hast du rausgeschmissen! Auf den Seychellen, als du und BAMBI gerade mitten dabei wart und wir euch gestört haben. Da hast du sie fristlos gefeuert, damals!«
»Ach du liebes Gottchen …« Jakob war erschüttert. »Und sie ist mir noch sehr böse?«
»Vermutlich, mein Lieber.«
»Wo lebt sie denn? Geht es ihr dreckig? Hoffentlich! Wenn so etwas mit Geld gutzumachen ist, an mir soll es nicht liegen!«
»Leben tut die Edle in München«, sagte Claudia. »Und dreckig gehen tut es ihr keinesfalls. Im Gegenteil. Also, so einfach mit Geld wird das nicht sein …«
19
»… höchstens mit sehr viel Geld«, sagte die Edle drei Tage später, am 20. Juli 1962, in ihrer luxuriösen Villa im Münchner Prominentenviertel Bogenhausen. Sie saß Jakob gegenüber in einem antik eingerichteten Salon und betrachtete ihren ehemaligen Zögling mit verächtlichem Gesichtsausdruck. »Ich gehöre nicht zu den obszönen Typen, die sagen, daß man Schmach, die einem angetan worden ist, nicht mit Geld abwaschen kann. Natürlich kann man, Herr Formann, natürlich, aber mit viel Geld! Für viel Geld werde ich Sie zum Ordensmarschall des Hohen Christlichen Ritterordens ›Signum Fidei‹ – das heißt auf deutsch ›Zeichen der Treue‹, ich weiß, Sie verstehen es lateinisch nicht – schlagen, dazu bin ich berechtigt. Und ich werde Ihnen auch noch das Großkreuz mit Cordon oder besser den Silbernen Stern, die Krone zum Kreuz und die Verdienstmedaille geben. Sie zum Ritter und Marschall schlagen, und Sie werden sich ›Exzellenz‹ nennen dürfen.«
»Das will ich gar nicht, Baronin! Wir haben uns da falsch verstanden! Was ich will, ist, daß Sie Ihren Herrn Vetter da in Rom bitten …«
»Das habe ich sehr gut verstanden, Herr Formann«, sprach die Edle schmallippig. »Eines nach dem andern. Erst der Ritter- und Marschallschlag, dann die Auszeichnungen des Ordens …«
»Aber ich habe doch gar keine Verdienste um den Orden …«, gab Jakob zu bedenken.
»Bevor wir miteinander fertig sind, werden Sie welche haben, Herr Formann. Und was für welche! Sonst wäre die Sache ja obszön! Wir müssen uns gleich über das Geschäftliche unterhalten. Sie bezahlen … hm … nach Vereinbarung, so wollen wir es nennen und die Summe geheimhalten, mit der Sie die mir angetane Schmach tilgen und dafür sorgen, daß ich Ihnen meinen Vetter aus Rom hole zu Ihrem Fest – das kostet Sie einiges, glauben Sie mir, sonst wäre es ein Sakrileg. Sie sind natürlich einverstanden?«
»Was bleibt mir anderes übrig?« fragte Jakob hoffnungsvoll.
»Eben«, sagte die Edle. »Und sonst geht’s gut?«
»Ich kann nicht klagen. Sie auch nicht, sehe ich, Baronin!«
»Sie dürfen Groß- und Heermeisterin zu mir sagen und Exzellenz, Herr Formann.«
»Wie sind Sie denn auf diesen Quatsch mit dem Orden und den Rittern … um Gottes willen, stellen Sie das Ding hin, ich flehe Sie an! Wie sind Sie denn Groß- und Heermeisterin und Exzellenz geworden und dazu gekommen, Leute zum Ritter zu schlagen, wollte ich sagen?«
Die Edle stellte die schwere Bronzevase, die sie auf Jakobs Kopf hatte fallen lassen wollen, mit dessen Hilfe wieder an ihren Platz.
»Ich habe mir unsere Ahnentafeln und unsere Familiengeschichte noch einmal ganz genau angesehen, Herr Formann, und dabei bin ich auf Gerardus den Enthaltsamen gestoßen, dem es Anno 1192 gefallen hat, während des Dritten Kreuzzugs einen eigenen Hausorden zu stiften – eben diesen.«
»Aha. Aber wie kommen Sie dazu …«
»Nicht unterbrechen, bitte. Die Tradition, die von jenem Gerardus dem Enthaltsamen bis zu mir führt, ist an keiner einzigen Stelle unterbrochen.«
»Inwiefern Tradition? Nicht böse werden, Exzellenz Großmeisterin! Ich glaub’s ja, es möchte mich halt nur interessieren.«
»Wohlan denn«, sprach die Edle und gab huldvoll eine Erklärung.
Der Erklärung zufolge saß der wirklich allerletzte Adelige, der sich als Nachfahre jenes Kreuzzug-Enthaltsamen bezeichnen konnte, in Mexiko …
»… und zwar so tief im Dschungel dort, daß der Postbote jedesmal einen Fluß durchschwimmen muß«, sagte die Edle.
»Na servas!«
»Er ist Bischof einer Urwaldsekte. Hier, sehen Sie!« Die Edle entrollte eine vergilbte Pergamentrolle. Jakob las oben auf dem Pergament groß: DIPLOMA. Der Text darunter war in deutscher und spanischer Sprache geschrieben. Jakob entnahm dem deutschen Text, daß der Urwald-Bischof einem Oberstleutnant a.D. Karl-Heinz Stühlchen zu Duisburg-Ruhrort 1931 den Rang eines ›Groß- und Heermeisters der Ordensprovinz Germania superior‹ verliehen hatte mit der Berechtigung, Orden, Stern, Band und Krone zu tragen, Ritter in den Hohen Orden zu erheben et cetera et cetera.
»Der arme Stühlchen ist vor einigen Jahren gestorben«, sprach die Edle.
»Er war mit mir verwandt. So erhielt ich das DIPLOMA. Und so bin ich für den in Gott Verblichenen in die Bresche gesprungen, um nunmehr Deutschlands Prominenz im Orden fest zusammenzuschließen. Wir stehen – das möchte ich ausdrücklich betonen – den Maltesern und Johannitern gleich und verfügen über sehr weitreichenden Einfluß.«
»Donnerwetter«, staunte Jakob. »Wie weit geht der denn, der Einfluß?«
»Bis zu der Berechtigung, Vorschläge bei der Besetzung von Konsulnstellen zu machen, Herr Formann.«
»Das ist ja ungeheuer! Also fast schon hohe Politik!«
»Hm. Nun ja. Wir sind ja auch nicht eben billig.«
»Das sehe ich«, sagte Jakob, sich umblickend.
»Sie wird es natürlich, aber da waren wir schon, besonders teuer zu stehen kommen. Ist ihnen das klar, Herr Formann?«
»Es ist mir klar, Baronin.«
»Sie sollen Großmeisterin oder Exzellenz zu mir sagen, Formann!«
»Es ist mir klar, Großmeisterin Exzellenz«, sagte Jakob und dachte: Ich sage dir, was du nur wünschst, ich will doch den Violetten haben!
»In den Aufnahmebedingungen jenes Gerardus des Enthaltsamen heißt es, daß in den Orden in Anerkennung caritativer Verdienste jeder erhoben werden kann, der des Lesens und Schreibens kundig ist. Ich darf voraussetzen, daß Sie das sind, Herr Formann?«
»Sie dürfen, Eure Exzellenz … Großmeisterin … Baronin.« Des Lesens und Schreibens kundig, dachte Jakob, gegen seinen Willen ergriffen. Heute klingt das natürlich blödsinnig. Zwölfhundertungerade hat das gewiß gar nicht blödsinnig geklungen. Wie viele Leute haben denn da wirklich schon lesen und schreiben können?
»In Anerkennung der Verdienste der Ordensprovinz um das deutsche Ansehen in der Welt«, sprach die Edle voll Würde, ach, soviel Würde, »ist den Rittern des Ordens nach dem neuen Ordensgesetz der Bundesrepublik Deutschland das Recht bestätigt worden, die Insignien des Grades vom Ritterkreuz über das Komturskreuz mit Krone bis zum Großen Silbernen Stern mit Cordon öffentlich zu tragen. Das kriegen Sie.«
»Was kriege ich, bitte?«
»Die zweithöchste Stufe nächst mir. Die Stufe des Ordensmarschalls. Weil sie am teuersten ist.«
»Ich verstehe. Aber dafür bringen Sie mir bestimmt den Violetten nach Cap d’Antibes?«
»Ich bringe Ihnen dafür bestimmt meinen Vetter nach Cap d’Antibes. Bei meiner Arbeitsüberlastung. Aber bitte! Wenn Sie eine entsprechende Summe bezahlen, über die wir uns gewiß einigen werden.«
»Sicherlich, Großmeisterin Baronin«, sagte Jakob. (Ich muß so einen Violetten einfach haben! Dann platzen sämtliche Geldsäcke der Welt vor Neid, nicht nur die Säcke an der Côte!) »Arbeitsüberlastung, sagen Sie, Exzellenz. Das Geschäft blüht also?«
»Ich komme kaum nach. Sehen Sie, Herr Formann, viele deutsche Menschen von Würde, Rang und Bedeutung nennen zwar längst alle Beweismittel gehobenen Lebensstandards ihr eigen, entraten jedoch immer noch der sozialen Wertung, als Leute von Welt zu gelten. Dem schaffe ich Abhilfe bis zur Erschöpfung – da auch weit über Deutschlands Grenzen hinaus. Soweit ich sie selber nicht zum Ritter – oder zur Ritterin! – schlagen kann, weil die Herrschaften keine Zeit haben, erlauben die Regeln auch die Zusendung von Urkunde, Ordensmantel und Insignien. Ein solcher Ritterschlag per Bundespost trifft nun schon einen globalen Zusammenschluß christlich integrer Prominenz der gegenwärtig hochgestellten Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. Allein zwölf Staatsmänner habe ich zum Ritter geschlagen«, bekannte die Edle schlicht, aber ihrer Sendung wohl bewußt. »Leider sind sie schon ermordet oder abgesetzt worden.«
»Wer denn zum Beispiel?« fragte Jakob neugierig.
»Nun, die Staatspräsidenten von Guatemala, Kuba, Panama, Chile, Venezuela, Haiti, Ägypten – Nasser-Vorgänger Nagib –, Peru, Argentinien – Ex-Regierungschef Perron –, und von Nicaragua gleich zwei Staatspräsidenten. Der große Markt liegt natürlich in Deutschland. Die deutsche Elite braucht Ritterkreuze!«
»Wahrhaftig, Baronin Großmeisterin!«
»Setzen Sie sich endlich, Sie machen mich ganz nervös.«
Jakob plumpste auf seinen Sessel zurück.
»Damit Sie vollkommen im Bilde sind, Herr Formann«, sprach die Edle.
»Wir – also ich – verleihen (auch gegen Ratenzahlung!) den Titel ›Ritter‹ mit dem Recht, das Ritterkreuz öffentlich zu tragen. Kostet dreitausend Mark. Den Ordenskomtur mit Kreuz am Band um den Hals zu tragen. Kostet neuntausend Mark. Den Ordensgeneral mit Großkreuz an der Schärpe. Und den Ordensmarschall, dazu noch den Silbernen Stern – mit der Anrede ›Exzellenz‹ – und, bei weiteren caritativen Zahlungen an mich, die Krone zum Kreuz und die Verdienstmedaille des Ordens. Hier liegt der Kostenpunkt nach Vereinbarung. Das werden Sie kriegen.«
»Was Kleineres würde auch genügen, Großmeisterin …«
»Ich denke, Sie wollen meinen Vetter aus Rom, um Ihr Haus einsegnen zu lassen, Herr Formann!«
»Ach so, ja! Natürlich! Entschuldigen Sie! Das hatte ich momentan vergessen. Also das Teuerste … nach Vereinbarung. Ich weiß, das wird mich eine Stange Geld kosten …«
»Da können Sie Ihr Leben drauf wetten.«
»… nach allem, was vorgefallen ist, aber ich bin bereit.«
»Es kommt übrigens noch eine Siegelgebühr in Höhe von zweitausend Mark für die Anfertigung des Diploms, der persönlichen Ordensinsignien und des Ordensmantels hinzu, Herr Formann.«
»Na, darüber wollen wir uns doch nicht streiten, Großmeisterin! Wann können Sie die Verleihung vornehmen? Ich meine: Wie schnell könnte es gehen, ich bin nämlich in Eile.«
»Wann soll Ihr Fest stattfinden?«
»Am zweiten August, Großmeisterin.«
»Dann ist höchste Eile geboten, Herr Formann. Ach ja, Sie können sich doch noch immer nicht anständig benehmen.« Jakob senkte beschämt das Haupt. »Darum sage ich Ihnen das Wichtigste: Mein Vetter ist mit ›Hochwürdigste Exzellenz‹ anzureden!«
»Hochwürdigste Exzellenz, jawohl …«
»Im allgemeinen genügt auch ›Exzellenz‹.«
»Jawohl, Exzellenz«, wiederholte Jakob im Tonfall eines leicht Verblödeten.
»Und wenn Sie sich von Seiner Exzellenz verabschieden, dann sagen Sie um alles in der Welt, ich flehe Sie an, nicht: Und einen Handkuß an die werte Frau Gemahlin!«
»An die werte Frau …« Der Groschen fiel, Jakob fuhr zusammen. »Niemals, Großmeisterin, niemals werde ich das tun!«
»Gut. Zahlung in bar. Schecks werden nicht angenommen.«
»Ja, ich weiß nicht, ob ich soviel bar dabei habe … Wenn wir jetzt doch auch noch persönlich vereinbaren müssen …«
»Dann also werde ich Ihnen die Weihen morgen zuteil werden lassen«, sagte die Edle. »Da können Sie inzwischen zur Bank gehen. Und nun zu der persönlichen Vereinbarung. Sie haben mir die schwerste Kränkung meines Lebens bereitet, Herr Formann …«
»Ich weiß. Und es tut mir auch unendlich leid, Großmeisterin …«
»›In unsrer Welt kann Unrecht man mit vergoldeter Hand beiseite schieben‹, sagt Hamlet.«
»Wie heißt der Herr?«
»Hamlet, Sie Unverbesserlicher! Von dem unsterblichen William Shakespeare!«
»Da kommt mir eine großartige Idee, Baronin Großmeisterin!« gab Jakob bekannt. »Könnten wir nicht auch den Herrn Shakespeare einladen, wenn er so berühmt ist!«
Die Edle lief purpurn an, beherrschte sich mit aller Kraft und gab gepreßt eine Erklärung ab.
»Ach so ist das«, murmelte Jakob danach. »Ich habe ja auch nur daran gedacht, den Herrn Shakespeare einzuladen, weil Sie gesagt haben, er ist unsterblich. Jetzt sagen Sie mir, der arme Herr ist schon sechzehnhundertsechzehn gestorben. Da dürfen Sie doch nicht sagen: unsterblich. Das bringt einen natürlich ganz durcheinander.«
»Herr Formann!«
Jakob winkte ab.
»Jajaja, ist ja schon gut. Also, dann lassen Sie uns mal beiseite schieben mit vergoldeter Hand, Großmeisterin …«
20
»Z … Zwei … Zweiter August neunzehnhundertzweiundsechzig … D … Das Fest des Ja … Jahrzehnts ha … hat begonnen«, sprach Klaus Mario Schreiber, sanft besoffen, in ein Mikrofon. Das Tonbandgerät, das dazugehörte, hing an einem Riemen über seiner Schulter und wog knappe drei Kilo. Vor dreizehn Jahren, am Ende der Blockade Berlins, hatte Schreiber noch einen Tonbandkoffer benützt, der seine zweiundzwanzig Kilogramm gewogen hatte. Vollaufen lassen hatte er sich damals noch mit ›Johnnie Walker‹-Whisky. Jetzt, dreizehn Jahre später, besoff er sich mit ›Chivas Regal‹, und im Glase befand sich sogenanntes ›Polareis‹, das scheußlich schmeckte, dafür aber sehr teuer und infolgedessen der letzte Schrei der ganz feinen Leute war. Es kam von dorther, was der Name vermuten ließ. Beim Auftauen knisterte es dauernd. Aus diesen beiden Veränderungen mag man wohl den Fortschritt der Menschheit erkennen.
Schreiber trug einen Smoking. Seine Akne war fast verschwunden, nur noch wenige Pickel verunstalteten das Gesicht. Jakob hatte ihn, den Starfotografen Senkmann, drei weitere Reporter von OKAY und drei weitere Fotografen einfliegen lassen. Sie alle wieselten nun hier herum, denn OKAY sollte ganz groß über Jakobs Fest im CHÂTEAU NATASCHA auf Cap d’Antibes berichten.
»… es ist ein … einfach phan … phantastisch, wa … was hier vor sich ge … geht«, sprach Schreiber, auf dem Sockel einer Marmorgestalt von Überlebensgröße hockend, sanft und scheu in sein Mikrofon. Er nahm einem vorbeieilenden livrierten Diener ein neues Glas Whisky von dem Silbertablett, auf dem er das leere abgestellt hatte, genehmigte sich einen großen Schluck und fuhr fort: »B … Blöd … Blödsinnige Angeberei, neureiche, besch … beschissene! Kö … Könige im Exil … Thronprä … prätendenten, … die erste Ga … Garnitur von Hollywoods Schauspieler … spielern und R … Regisseuren … die berühmtesten Sänger und Sänge … Sängerinnen der Me … Me … Met. Ma … Maler von Welt … Weltruf. T … Tänzer un … unseres Jahr … hunderts … Da, im Ge … Gespräch, l … lachend und g … gelöst … Liz Taylor und Ri … Richard Burton … mein Go … Gott, sie vergöttert ihn, er ver … vergöttert sie … Nie … Niemals we … werden die … diese bei … beiden wu … wunderbaren Menschen auseinandergehen! Nie … Niemals! … Und da … die größten Re … Reeder der Welt, die mäch … mächtigsten Ban … Bankiers, Ko … Ko … Konzernherren, die be … berühmtesten Wiss … Wissenschaftler … die Häup … Häupter der ä … ältesten A … A … Adelsgeschlechter Eu … Europas …« Wieder ein Schluck. »Ein Theater ist das! Z … Zum Kotzen! … Die … Die be … bewundertsten Frauen d … dieser Erde … Phi … Philosophen … fünf Nobelpreisträger … ach, Scheiße, i … ich habe ja die G … Gästeliste … I … Ich muß m … mich auf das Ge … Geschehen ko … ko … konzentrieren, m … mit die … diesen Leuten re … reden … Sta … Statements b … brauche i … ich … und gute F … Fotos … S … Senkmann! S … Senkmann, ko … komm he … her, du Arschloch! Jetzt m … mußt du m … mich m … mit den He … Herrschaften fo … fotografieren! U … Und rei … reiß di … dich zu … zusammen, Mensch, da … daß das an … anständige Auf … Aufnahmen we … werden! Die K … Ko … Ko … Konkurrenz schlä … schläft nicht!«
Da … Das stim … stimmte –
Verzeihung, Damen und Herren. Aber wenn man längere Zeit so schreibt, wie Schreiber sprach, kann einem so etwas schon passieren.
Also noch einmal: Das stimmte! Die Konkurrenz schlief weiß Gott nicht. Wort- und Bildreporter aus dem In- und Ausland waren da und ackerten schwer – einundzwanzig insgesamt. Das Zweite Deutsche Fernsehen in Zusammenarbeit mit dem O.R.T.F., dem französischen Staatsfernsehen, ließ riesige Scheinwerfer die Szene erhellen. Die Scheinwerfer standen auf hohen Stativen. Es gab Podeste für die schweren Mitchell-Kameras, und es gab Männer mit Schulter-Aufnahmegeräten, die sich durch das Gewühl drängten, einen Lichtträger mit Akkutasche hinter sich. Kabel lagen überall herum. Ein paar Damen und Herren bester Qualität waren schon über sie gestolpert, eine dicke Fürstin aus dem Morgenlande war lang hingeschlagen. Aber niemand zeigte sich böse oder verärgert. Alle, alle hatten nur einen Wunsch: auch fotografiert zu werden!
Schreiber hörte, saufend, ins Mikrofon reportierend, mit Senkmann vorwärtsstapfend, einen amerikanischen Kollegen zu einem anderen Fotografen sagen: »Mensch, der Marlon ist ganz unruhig, weil ich ihn nicht schieße. Ich merk’ schon die ganze Zeit, wie der Brando wartet, daß ich zu ihm komme. Aber den lass’ ich heute am ausgestreckten Arm verhungern. Kein Wort. Kein Bild. Der Marlon kann nicht erwarten, daß wir ununterbrochen was von ihm bringen!«
Der Kollege sinnierte: »Wenn wir nicht wären, gäb’ es die da alle und das ganze Fest überhaupt nicht.«
»Da hast du recht«, sprach sein Freund. »Kein Mensch wüßte ja etwas davon!«
Es war ein heißer Tag gewesen, es war eine heiße Nacht – die Scheinwerfer machten sie noch heißer. Glänzend von Schweiß, Perlen und edlem Gestein, eingepfercht in der Menge, so durchlitten die Großen dieser Erde diese Nacht der Nächte.
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»Was ist das für eine Sauerei? Wieso ist der Violette noch nicht da?« flüsterte Jakob Formann der Contessa della Cattacasa zu, die schräg hinter ihm stand. Neben ihm stand, grell angestrahlt, Natascha Ashley, welche die Dame des Hauses spielte. Alle drei posierten – wie einstens Sir Alexander – auf einer Terrasse vor dem CHÂTEAU NATASCHA und begrüßten ununterbrochen neue Gäste, deren Namen eine sehr saure Claudia dem Hausherrn Jakob zeitgerecht ins Ohr flüsterte. Sie war sehr sauer und hatte verheulte Augen, weil die schwierige Tischordnung, die sie eine Woche harte Arbeit gekostet hatte, von ihrer Intimfeindin Natascha nicht akzeptiert worden war. Dieselbe hatte in letzter Minute alles umgeschmissen und eine völlig neue Tischordnung (mit kleinen Täfelchen vor jedem Platz) aufgestellt. Wenn nun auch alles nicht mehr so harmonisch zueinander paßte, wie Claudia es sich ausgerechnet hatte – Natascha saß an der Tête der mittleren der drei Tafeln, und das war die Hauptsache. Für sie!
Da steht diese aufgetakelte Nutte, die Jakob sein ganzes Geld abnimmt, und das ist also der Dank, den ich kriege, dachte die Contessa erbittert. »Ich habe etwas gefragt, Claudia!« flüsterte Jakob gereizt über die Schulter. »Wo steckt der Violette?«
»Die ›Mirage‹ ist noch im Anflug auf Nizza … Achtung, Graf und Gräfin Hunzlinga …«
»Küß d’Hand, liebste Gräfin, meine Verehrung, Graf«, sprach Jakob. Natascha neigte nur hoheitsvoll lächelnd den Kopf und ließ sich die Hand abschlecken von den Herren. Claudia machte das wütend. Jakob empfand es als Zeichen von unvergleichlichem Format.
»… die Maschine mußte eine Gewitterfront durchfliegen und bekam dadurch Zeitverlust … Achtung, Jakob, Lord und Lady Crossham …«
»Lady Crossham … Lord Crossham … Thank you ever so much for coming …«
»… aber sie muß in einer Viertelstunde in Nizza landen. Von dort kommt dann Tantchen mit dem Hochwürdigen Protonotar in einem Hubschrauber direkt hier herüber, hat mir der Nizza-Tower eben am Telefon gesagt. Der Hubschrauber wird da drüben auf der großen Wiese landen … Achtung, Seine Exzellenz, Botschafter Agrippolus und Gemahlin …«
»Your Excellency … dearest Madam … Thank you ever so much for coming …«
Jakob trug einen weißen Smoking, ein blaues Seidenhemd und eine rote Fliege. Das Jackenrevers reichte für die Ordensspangen, die er besaß, nun nicht mehr aus. Die Spangen und Sterne bedeckten die linke Brustseite. Noch ein paar mehr und er hätte wie ein sowjetischer General gewirkt. Das Große Bundesverdienstkreuz trug er schon gar nicht mehr. Dafür, weil es prächtiger war, die breite feuerrote Schärpe zum Großen Silbernen Stern des Ordensmarschalls ›Signum Fidëi‹, jenes Sterns, den er der Edlen für sündhaft teures Geld abgekauft hatte im Verlauf einer brutalen Erpressung: Titel und Orden gegen einen Violetten aus Rom. Er hatte sie mit seiner ›Mirage‹ losgeschickt. Die normalen ›Mirages‹ waren französische Düsenjagdflugzeuge. Jakob hatte es geschafft, daß man ihm eine ›Mirage‹ für den zivilen Gebrauch gebaut und verkauft hatte.
»Professor Doktor Heidesheim und Gemahlin …«, flüsterte die saure Claudia, die immer saurer wurde, je länger sich Natascha im Scheinwerferlicht fotografieren ließ.
»Küß d’Hand, Gnädigste, guten Abend, verehrter Herr Professor. Ich danke Ihnen herzlich dafür, daß Sie gekommen sind …«
Natascha trug ein Grün-Gold-Lamé-Kleid, grün eingefärbte Straußenfedern um den tiefen Ausschnitt sowie hinten an der Schleppe des Kleides und grüne Seidenschuhe. Grün alles deshalb, weil Natascha nur Smaragdschmuck zeigte – Ring, Ohrringe, Bracelet und Armband. Aber das waren Dinger! Das gab es alles nur einmal auf der Welt, hatte man Jakob bei ›Cartier‹ gesagt. Den Preis gab es auch nur einmal …
»Dear Madam, dear Mister Secretary of State, thank you ever so much for coming …«
Gewitterfront durchflogen. Scheibenkleister! Faule Ausrede! Die Edle ist einfach unpünktlich gewesen. Weiß Gott, wo sie herumgeschlampt hat. Und der Violette sollte als erster da sein. Das Haus einsegnen. Das habe ich mir so schön vorgestellt. Jetzt saufen sie schon und verdrecken mir alles und wandern durchs Haus, wie soll’s da noch gesegnet werden? Das wird eine schmutzige Segnerei! Bei dem Geld, das ich für den Violetten ausgegeben habe! Eine Gemeinheit so etwas! Die blonde, rosige Claudia mit den verheulten Kulleraugen und den Brustwarzen, die einfach überall durchstachen, trug ein türkisfarbenes Paillettenkleid und herrlichen Türkisschmuck. Habe ich ihr auch gekauft, dachte Jakob, während er immer wütender wurde über die Verspätung des Violetten. (Aber wie es da drinnen aussieht, geht niemanden was an. Lächeln, lächeln, immer weiter nur lächeln!)
Claudia flüsterte wieder: »Sir Derrick Blossom und Gemahlin. Lady Cordine …«
»Good evening, Sir Derrick, thank you ever so much for coming, you too, dear Lady Cordine …« Jakob stockte der Atem.
»Hallo, Jake«, sagte Lady Cordine.
»Oh, ihr kennt euch?« fragte Sir Derrick lächelnd.
»Es ist schon lange her, aber ich habe dich nie vergessen, Jake«, behauptete Lady Cordine. »Du mich doch auch nicht, Jake, wie?«
»Wie hätte ich dich jemals vergessen können!« stammelte Jakob. Erde, tu dich auf und verschlinge mich!
Die Erde tat sich nicht auf und verschlang ihn nicht.
»Gleich nach dem Krieg haben wir einander kennengelernt, weißt du, Derrick«, plauderte Lady Cordine.
»Oh …«
»Ich sehe, es ist dir wohl ergangen seitdem«, sprach Lady Cordine. Lady Cordine aber war niemand anderes als der Werwolf, präziser: die Werwölfin aus Wien, richtiger Name: Hilde Korn, mit der Jakob (damals Jerome Howard Fletcher, liebender Ehegemahl von Laureen Fletcher) später dann in Paris gewesen war und daselbst und in Belgien das Ding mit dem impotenten Devisenschieber Rouvier gedreht hatte, bis er Werwolf, sprich Werwölfin, sprich Hilde, sprich Laureen dann, ogottogottogott, schmählich im HÔTEL DES CINQ CONTINENTS nach einer Chinesischen Schlittenfahrt verlassen hatte, heimlich, still und leise. Das war sie also, die Werwölfin, die ihm ewige Rache geschworen hatte, damals, 1947. Ewige Rache! Und der Herr Gemahl der Werwölfin a.D. ist also einer der fünf größten Bankiers von England. Der Abend fängt lustig an, dachte Jakob Formann. Sehr lustig …
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Ach, er sollte noch viel lustiger werden!
Obwohl alles mit so viel Umsicht geplant war von der guten und treuen Claudia, die nun buchstäblich im Schatten der strahlenden Schönheit Natascha Ashley stand. Dieser Natascha, die von Journalisten der ganzen Welt bereits seit langem als Jakob Formanns ›ständige Begleiterin‹ bezeichnet und von Fotografen in der ganzen Welt Hunderte Male abgelichtet worden war.
Die brave Claudia hatte für eine Sicherheitstruppe gesorgt – zwanzig als Einzelkämpfer ausgebildete Gentlemen, bei deren Anblick keiner auf die Idee kam, daß sie, wenn nötig, jeden Augenblick aus der Hüfte schießen konnten. Jakob hatte Claudia eigens darum gebeten: »Es müssen die besten sein, die du kriegen kannst! Lauter Nullnullsieben! Ich für mich brauche keinen einzigen Nullnullsieben und werde niemals einen brauchen, aber meine Gäste müssen absolut geschützt sein …«
Außer der 007-Truppe sorgten für die Sicherheit rund um das Cap noch sechs Boote der französischen Wasserpolizei. Ruhig lagen sie da. Nur ab und zu blinkten Lichtzeichen auf. Die riesigen alten Bäume waren von hinten mit Scheinwerfern angeleuchtet, einerseits des märchenhaften Effektes wegen, andererseits um zu verhindern, daß Neugierige dort hinaufkletterten. Eine weise Maßnahme – vier Kerle hatten die 007-Herren schon vor Beginn der Feierlichkeiten aus Palmenkronen heruntergeholt und sie direkt der Polizei übergeben, da man, obwohl alle vier es natürlich beteuerten, nicht mit Gewißheit glauben durfte, daß sie wirklich nur neugierig und sonst nichts waren. Vieles sprach dafür, denn außerhalb des hohen Parkzaunes drängten sich die Menschen. Der ganze Zaun war mit großen Bastmatten abgedeckt worden. Aber von den Leuten draußen hatten viele sich Leitern mitgebracht und sie an den Zaun gelegt, um über die Bastmatten hinweg einen Blick auf das Fest des Jahrzehnts zu haben. Polizei war gerufen worden und hatte die Leute vertrieben, das gemeine Volk, das hier nichts zu suchen hatte! Seither standen Polizisten rund um das Gelände Wache. Sie gehörten wahrlich nicht zu den Großen dieser Erde, und sie machten vermutlich so ihre bösen Bemerkungen, wenngleich der idealistisch soziale Sozialdemokrat Jakob Formann (verschüttet und fast vergraben war er das noch geblieben!) Diener mit kalten Platten, Freßkörben und vielen Rotweinflaschen zu ihnen hinausgeschickt hatte.
Bei Sir Alexanders Fest hatte es eine Tanzfläche gegeben.
Haha!
Jakob hatte deren drei!
Drei, jede so groß wie die eine bei Sir Alexander!
Und auf einer jeden von ihnen spielte – abwechselnd natürlich, nicht alle auf einmal! – eine berühmte Band: Modern Jazz die erste, Rhythm and Soul die zweite (aber auch Operetten und Musical-Hits bis Gershwin, Cole Porter und Roger and Hammerstein), mexikanische Weisen die dritte. Jakob hatte die Kapellen einfliegen lassen – jede halt so an die fünfzehn Mann. Im Augenblick waren die Rhythm & Soul-Boys dran mit ›Smoke get’s in your eyes …‹
Um hundertprozentig vorzubeugen, hatte Jakob alle drei Orchesterchefs darauf vereidigt, ein einziges, ganz bestimmtes Lied unter keinen Umständen und in keiner Arrangierung erklingen zu lassen.
Am hinteren Rand des mittleren Podiums wehten von hohen weißen Masten achtundzwanzig angestrahlte Fahnen – so viele Nationen, beziehungsweise ihre bedeutendsten Vertreter, waren Jakobs Gäste. Er hatte sie alle entweder mit eigenen Maschinen oder mit LUFTHANSA-Flugzeugen herbeigeholt. Ausnahmslos LUFTHANSA-Maschinen waren es, das hübsche, charmante und freundliche Fräulein Brigitte Hartmann vom LUFTHANSA-Schalter im Flughafen Nizza hatte sämtliche Buchungen gemacht und dafür gesorgt, daß alles reibungslos ging. Jakob hatte allen seinen Mitarbeitern Anweisung gegeben, auf ihren Reisen nur noch LUFTHANSA-Maschinen zu benutzen, denn, so sagte er bei einer Zusammenkunft seiner engsten Freunde in Frankfurt: »Etwas Besseres als die LUFTHANSA gibt es nicht. Die Freundlichkeit, die menschliche Wärme, das vorzügliche Service an Bord, die Liebenswürdigkeit der Stewards und der hübschen Stewardessen, die fliegerische Sicherheit und Pünktlichkeit – das macht der LUFTHANSA wohl keine andere Gesellschaft nach.«
Um seine mehr als einhundertzwanzig Gäste standesgemäß unterzubringen, hatte Jakob im HÔTEL DU CAP auf Eden Roc Zimmer gemietet – einen Katzensprung entfernt. Damit auch alle die schönsten Zimmer und den besten Service bekamen, hatte er das Hotel einfach für die ganze Saison gemietet …
›Lady, be good‹, spielte das zweite Orchester nun.
»Signore Giorgio Terulli und Signora Maria«, flüsterte Claudia Jakob ins Ohr.
Ein gutaussehender, glutäugiger Italiener (Chef der italienischen Historischen Sammlungen, erinnerte Jakob sich) stand vor ihm und zeigte sein prachtvolles Gebiß in einem freundlichen Lächeln.
»Good evening, Sir, good evening, Madam«, sagte Jakob zum vierundneunzigsten Mal, dem Hübschen die Hand schüttelnd, »thank you ever so much for coming.« Dann wandte er sich seitlich, um Signora Terulli die Hand zu küssen, und wieder einmal begann die Narbe an seiner Schläfe stürmisch zu pochen.
Nein!
Nein und nein und nein!
Das gibt es nicht. Das ist unmöglich. Das kann nicht wahr sein.
Jakob kannte auch die Signora Maria Terulli! Er kannte sie in- und auswendig, und inwendig sozusagen besonders gut. Es handelte sich – Schreck, laß nach! – um niemand anderen als um das Woditschka Reserl, das unter dem Namen Gloria Cadillac im Brüsseler Nachtlokal ›Chatte noire‹ vor fünfzehn Jahren gestrippt hatte in einer Weise, daß der Schieber Rouvier fast einen Herzanfall bekam jedesmal, wenn sie am Ende ihrer Darbietung für Sekundenbruchteile, bevor das Licht auf der Bühne erlosch, alles zeigte.
Das Woditschka Reserl aus Wien …
Die mit dem ungeheuerlichen Dialekt.
Die mit dem ungeheuerlichen Sex-Appetit.
Die mit dem unglaublichen Ottakring-Amerikanisch. (»Schur, sanny-boi, schur …«)
Die hat den Chef der italienischen Historischen Sammlungen geheiratet? dachte Jakob, sie bebend betrachtend. Dieses kleine, süße Ferkel? Die war damals aber doch rothaarig? Jetzt ist sie erblondet. Sehr stark erblondet. Die Haare trägt sie wie eine Madonna. Schlicht, voll größter Würde und Einfachheit ist sie gekleidet, die Woditschka-Reserl-Madonna.
Um alles in der Welt, was ist da wieder passiert?
Damals in Brüssel habe ich aber doch ganz anders geheißen? Wenn das Reserl das jetzt sagt! Wenn die sich jetzt an damals erinnert – an alles, was wir getrieben haben in der Rue du Canal, bevor sie nach Rom abgefahren ist. Wenn …
Aus. Alles ist aus. Gleich wird das Reserl sagen: »Jessesmarandjosef, halt’s mi fest, i scheiß mi an, des is ja der Miguel … der Sennjohr Miguel Santiago Cortez!«
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»Guten Abend«, sagte das Woditschka Reserl alias Gloria Cadillac, nunmehr Signora Maria Terulli, in feinstem Hochdeutsch. »Ich bin glücklich, hier sein zu dürfen, liebe gnädige Frau, lieber Herr Formann. Möge Gott der Allmächtige Sie behüten und beschützen in Ihrem neuen Heim und mit Ihnen sein auf allen Ihren Wegen. Ja, ja, mein Mann und ich sprechen deutsch!« Sie redete feierlich, und da war kein Falsch, kein Ich-verrat-dich-schon-nicht-Blick in ihren Augen. Klar und fest sah sie Jakob an. Der dachte: Die kann doch nicht alles vergessen haben, das gibt es doch nicht.
Das Reserl hatte alles vergessen, so etwas gibt es eben doch.
Ihr fast allzu schöner Mann sprach, ebenfalls in bestem Deutsch: »Meine geliebte Maria empfiehlt alle Menschen der Gnade und Güte Gottes. Bevor ich sie kennenlernte, war sie Schauspielerin. Doch dann erschien dieser Beruf ihr hohl und leer. Sie wollte ihrem Leben einen Sinn geben.«
»Sinn geben …«, lallte Jakob blödsinnig.
»Gewiß, Herr Formann«, sagte die Woditschka-Reserl-Madonna ernst. »Ich habe mich schon immer für Religions- und Glaubensfragen interessiert. So legte ich denn in Rom nach langem Studium die Prüfung als Religionslehrerin ab …« Jetzt trifft mich der Schlag, dachte Jakob und sein Schädel schmerzte, so sehr pochte die Narbe. Religionslehrerin ist sie geworden, dieses muntere Vögelein! »… und gebe seither Unterricht. Sie können sich nicht vorstellen, welch innerer Friede, welche Ausgeglichenheit, welch göttliche Ruhe mir das schenkt, Herr Formann, wenn ich …« Ihre weiteren Worte waren nicht mehr zu verstehen, denn rapide schwoll das Dröhnen eines Hubschrauber-Rotors an, der sich aus dem Nachthimmel herabsenkte.
Scheinwerfer flammten auf. Taghell erleuchteten sie ein großes Stück der riesigen Wiese. Die Kameras aller Fotografen und Fernsehteams waren jetzt auf dieses Stück Wiese gerichtet, wo langsam, sicher und federnd ein Hubschrauber landete. Der Pilot kletterte ins Freie. Er half einer Dame, die Jakob gut kannte (es handelte sich um die Edle) und einem beleibten Herrn in violettem Gewand, der einen flachen Hut auf dem Kopf trug.
»Ein Bischof …? Ein hoher Prälat …?« hörte Jakob ringsum flüstern. Der Rotor stand. Plötzlich herrschte Totenstille.
Der Violette war gekommen.
Er tat drei unsichere Schritte im blendenden Licht der Scheinwerfer. Dann krachte er auf die Nase.
Aufschrei!
Der Violette war über einen kindkopfgroßen Globus aus Marmor gestolpert, der da als besondere Attraktion mitten auf der Wiese stand. Kontinente und Weltmeere waren in diesen Globus gemeißelt, er ruhte auf einem niedrigen Sockel und drehte sich langsam. Zu ihm gehörte ein Läutwerk, das in regelmäßigen Abständen einen Bimmelton hören ließ. Auf den vier Seiten des Sockels stand in vier Sprachen:
JEDESMAL, WENN DIESE GLOCKE ERTÖNT,
WIRD IRGENDWO AUF DIESER WELT
EIN KIND GEBOREN!
Dort, wo das auf Russisch stand, war der Violette zu Fall gekommen. Jakob raste über die Wiese. Von allen Seiten eilten Gäste herbei.
Jakob versuchte den Violetten aufzurichten. Es ging nicht. Er schaffte es – so sportgestählt er auch war – nicht allein. Der Violette war ein sehr korpulenter Herr. Mit Hilfe eines Lords, eines Botschafters und eines Nobelpreisträgers brachte Jakob seinen prominentesten Gast wieder auf die Beine. Er stammelte in Panik: »Hochwürdigste Exzellenz … Exzellenz … Haben Exzellenz sich verletzt? Ich bin untröstlich, Exzellenz! Tut etwas weh? Ist etwas verstaucht? Dieser verfluch … Pardon, dieser dumme Globus! Ich werde sofort einen Arzt …«
»Das erübrigt sich, mein Sohn«, sprach der Violette und wischte Wiesenerde von der Soutane. »Alles ist in Ordnung.« Er hob die Hand. Jakob neigte sich tief über die Hand, er ging dabei halb in die Knie. Er zitterte vor Aufregung am ganzen Leib, als er stammelte: »Gott zum Gruß, Hochwürdigste Exzellenz, Gott zum Gruß! Ich danke für die unendliche Ehre, die Exzellenz mir mit Ihrem Erscheinen erweisen …«
Von weitem sah Klaus Mario Schreiber der Akrobatik seines Chefs zu, hielt sich an seinem Whiskyglas fest und murmelte erschüttert: »Ge … gelobt sei Jesus Christus …«
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»Herr Jesus, in Demut treten wir in dieses Haus. Laßt mit uns kommen ewiges Glück, göttlichen Segen, lichte Freude, fruchtbare Liebe und immerwährendes Heil …«
Also sprach der Violette in der Marmorhalle des CHÂTEAU NATASCHA, dieses einzigartigen Bauwerks an der Côte d’Azur, zwischen Menton und Marseille gab es nicht seinesgleichen.
Vor dem Violetten stand ein mit einer Damastdecke bedeckter Tisch, darauf befanden sich ein Kreuz und zwei Leuchter mit Kerzen, ferner ein Weihwasserkessel. Diese Gegenstände hatte der Violette mit Jakobs ›Mirage‹ aus Rom mitgebracht. Normalerweise, dachte Jakob, ist so ein Violetter immer von einer ganzen Horde Helfern umgeben. Bei mir ist er ganz allein. Nicht mal zwei kleine Minestronen hat er dabei. Alles macht er allein. Eine ganz besondere Ehre für mich. Nun schwenkte der Violette den Kessel, während er salbungsvoll weitersprach …
»… aller Andrang böser Geister bleibe diesem Orte fern. Engel des Friedens seien zugegen, und alle Zwietracht verlasse dieses Haus …«
Bei jenen Worten sah Claudia besonders giftig zu Natascha hinüber und murmelte leise ein paar Worte. Die Halle war gestopft voller Gäste. Tausende von Kerzen brannten an riesigen Lüstern. Manche der Großen dieser Erde beteten mit. Am inbrünstigsten betete die kniende Signora Maria Terulli mit, vordem Stripperin Gloria Cadillac, vordem Woditschka Reserl aus Wien-Ottakring.
»… laß mächtig sein, o Herr, Deinen heiligen Namen über uns und segne unser Tun …«
Sehr viele, die in der Halle keinen Platz mehr gefunden hatten, standen draußen auf der Terrasse im Freien, manche unten im Park. Es war entsetzlich heiß, nun klickten die Verschlüsse der Fotoapparate, nun surrten die Fernseh-Kameras, nun blendeten Scheinwerfer hier.
Das Woditschka Reserl ist gutmütig, dachte Jakob. Aber diese Lady Cordine, einstmals Hilde Korn, später dann Laureen Fletcher und weiß Gott wie viele weitere Namen noch, diese damals so gar nicht wölfische Werwölfin, mit der zusammen ich dann den großen Beschiß in Devisen gemacht habe, diese Bestie Lady Cordine, nunmehr Gattin eines der fünf größten Bankiers Großbritanniens, die sieht mich immer weiter mit ihrem Eiszapfenblick an, das halte ich nicht aus, das habe ich nicht verdient! Oder habe ich doch? Ach was, ich schau einfach nicht mehr hin!
»… heilige unseren demütigen Eingang«, sprach der nette, fette Violette, den Kessel schwingend. (Die Hitze hier und dieser Geruch nach Weihrauch – hoffentlich übergibt sich keiner! dachte Jakob. Er setzt einem schon zu, der Geruch. Mir nicht. Ich habe einen Magen, der kann alles vertragen. Aber da sehe ich ein paar Damen, die sind so komisch blaß, manche grünlich. Ob die Einsegnung noch lange dauert? Das ist ja alles ganz phantastisch, und keiner von den Säcken hier hat sich noch einen Violetten zum Segnen seines Hauses geholt, aber wenn da jetzt eine [oder mehrere] loszureihern beginnen – dem Marmorboden macht’s ja nichts. Nur stehen wir so gedrängt. Und da kriegen es die anderen dann womöglich ins Genick. Nun mach schon, Exzellenz, mach zu!)
»… der Du heilig und gütig bist und mit dem Vater und dem Heiligen Geiste bleibest von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen …«
Na Gott sei Dank, dachte Jakob, ist ja unerträglich hier. Das Hemd, durchgeschwitzt, klebt mir am Leibe. Jetzt ist aber Schluß.
Falsch gedacht!
Der Violette fuhr (ihm lief auch der Schweiß über das freundliche, runde, rosige Antlitz) mit erhobener Stimme fort: »Lasset uns beten und flehen zu unserem Herrn Jesus Christus …«
Na ja, klar, wegen ein paar Minuten Kesselschwingen allein ist der nicht aus Rom heraufgeflogen, das geht noch weiter, eieiei …
»… Er möge mit der Fülle Seines Segens segnen dieses Haus und alle, die in ihm wohnen, ihnen seine guten Engel zu Schützern geben und in Gnaden wirken, daß sie Ihm dienen und die Wunder Seines Gesetzes beherzigen …«
Verflucht, warum macht der Violette nicht endlich Schluß? dachte Jakob. Hört das denn nie auf? Will der uns hier umbringen mit seiner Segenspenderei? Vielleicht war es doch keine so gute Idee, die ich da gehabt habe, die mit dem Violetten …
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»Noch mehr Kaviar, Eure Exzellenz? Ich bitte Sie, nehmen Sie doch, nehmen Sie doch«, bat Jakob eine halbe Stunde später.
»Vergelt’s Gott«, sprach der Violette und schaufelte noch ein paar Löffel Kaviar aus der kristallenen Schale, die der servierende Kellner ihm hinhielt.
Sie waren, nach der schweißtreibenden Einsegnung, inzwischen alle wieder getrocknet, und saßen beim Essen an drei langen Tafeln unter einem sternenbesäten Nachthimmel. Jakob hatte zuvor noch einen Riesenkrach mit den drei Orchesterchefs gehabt, weil keine Kapelle ein Harmonium besaß. Ungeheuerlich, so etwas! Wollten die Kerls dem Violetten vielleicht ›La Cuccaracca‹ oder ›It’s awful nice‹ vorspielen? Wenn man nicht an alles denkt!
Der Violette hatte ihn beruhigt. »Ich bitte Sie, lieber Herr Formann, ich bitte Sie! Ich liebe Jazz. Wirklich! Die Kirche geht mit der Zeit. Das muß sie doch …«
»Ja, wirklich? Ach, da bin ich erleichtert. Was hören Hochwürdigste Exzellenz denn am liebsten?«
»Nun, mein Sohn, am liebsten höre ich Lieder von Frank Sinatra«, war die Antwort des Violetten gewesen. Wie meine Hühner, hatte Jakob erstaunt gedacht und entsprechende Anweisungen gegeben. Der Violette bekam so viele Sinatra-Lieder zu hören, wie die Rhythm & Soul-Kapelle nur kannte, und sie kannte eine Menge. Leider sang nicht Frankie-Boy persönlich, sondern nur ein sehr berühmter europäischer Star.
»Wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, Exzellenz, wenn ich die geringste Ahnung gehabt hätte … natürlich stünde jetzt Frank Sinatra da droben auf dem Podium«, sagte Jakob.
»Ich bitte Sie, mein Sohn«, sagte der Violette, Kaviar löffelnd, »dieser Signore ist doch auch hervorragend.« Ein großer Schluck ›Dom Perignon‹. »Entschuldigen Sie, liebe Tochter, Sie haben mir noch nicht alles erzählt. Fahren Sie fort, ich bitte, fahren Sie fort!« Der Violette, an der Spitze eines Tisches, hatte sich dem so fromm gewordenen Woditschka Reserl – Pardon, der Signora Maria Terulli – zugewandt, Gattin des Chefs der italienischen Historischen Sammlungen. Sie saß infolge der von der lieben Natascha umgeschmissenen Tischordnung Jakob gegenüber, auf der anderen Seite des Violetten, und hatte diesem bereits eine Menge über ihre Tätigkeit als Religionslehrerin erzählt.
Es ist nicht zu fassen, dachte Jakob, nein, nein, nein, es ist einfach nicht zu fassen, was diese Stripperin, die in Brüssel allabendlich die ihre gezeigt hat, nun dem Violetten anvertraut, indem sie züchtig den Blick senkt.
»Nun ja, Hochwürdigste Exzellenz, dieser neue Beruf füllt mich vollkommen aus …« Da in Brüssel habe ich dich vollkommen ausgefüllt, dachte der entgeisterte Jakob, nicht mehr richtig laufen hast du können am Morgen danach! Und jetzt …
»… und er bereitet mir unendlich viel Freude!«
»Unterrichten Sie in Schulen, liebe Tochter?«
»Nein, Hochwürdigste Exzellenz. Das wollte ich zuerst. Doch dann lernte ich eine gleichgesinnte Gruppe von Frauen kennen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, anderen Menschen mit Gottes Hilfe beizustehen und Nächstenliebe zu üben. Diesen Frauen schloß ich mich an …«
»Ich beglückwünsche Sie, liebe Tochter. Ja, bitte, gießen Sie mein Glas voll, mein Sohn«, sprach der Violette zu einem Kellner. »Ausgezeichnet, dieser ›Dom Perignon‹. Wie nötig sind Menschen gleich Ihnen in dieser Zeit, liebe Tochter. Ah, das schmeckt! Zum Wohle, lieber Sohn …«
Der Gute hat einen Zug – es ist eine wahre Pracht! dachte Jakob und winkte dem Kellner, der das Glas des Violetten sogleich nachfüllte. Jakob selber trank, gewohnheitsmäßig und sicherheitshalber, nur ›Perrier‹. Er prostete dem so veränderten Woditschka Reserl und dem Violetten zu. Das Reserl (hat die mich wirklich total vergessen, oder will sie einfach nicht, daß von ihrer Vergangenheit gesprochen wird? grübelte Jakob. Sie wird’s wohl nicht wollen. Gott sei Dank!) fuhr inbrünstig fort: »Endlich, Hochwürdigste Exzellenz, habe ich eine Tätigkeit gefunden, die mir zutiefst sinnvoll erscheint und der ich meine ganze Kraft und Zeit widme.«
»Sie kümmern sich um Einzelpersonen, Arme, Elende, Verzweifelte, liebe Tochter?«
»So ist es, Hochwürdigste Exzellenz. Nicht eine Sekunde bereue ich, daß ich meinen Schauspielerberuf aufgegeben habe. Anderen Menschen zu helfen, sie Gott dem Allmächtigen näherzubringen, ist viele Male wichtiger als Karriere und Ruhm. Nur für das, was mich jetzt erfüllt, lohnt es sich zu leben. Es gibt ja so entsetzlich viel Elend auf der Welt …«
»Das ist leider wahr«, sagte der Violette, indessen ein zweiter Kellner seine Teller wechselte und ein dritter ihm eine überbackene Languste servierte. »Wieviel mehr könnten wir tun, wenn wir mehr Geld hätten! Dabei gibt es so viele sehr reiche Leute, für die es eine Kleinigkeit wäre, zu spenden, große Summen meine ich …«
Ojwehkrach, jetzt kommt’s, dachte Jakob. Der Violette ist wirklich keine gute Idee von mir gewesen.
»Sie, zum Beispiel, Signore Formann …«
»Ich, bitte, Exzellenz?«
»Wie steht es mit Ihnen? Spenden Sie reichlich?«
»Exzellenz, ich spende reichlich, jawohl«, sagte Jakob und sah zu Natascha hinüber.
»Nun«, sprach der Violette, den Mund halb voll mit überbackener Languste, »und ich bin sicher, Sie tun es fröhlichen Herzens, mein Sohn.«
»Fröhlichen Herzens, Exzellenz!« Ich weiß nicht, auf einmal schmeckt mir meine überbackene Languste überhaupt nicht mehr. Was ist denn das?
»Sie fliegen dauernd um die Welt, Signore Formann. Sie reisen von Stadt zu Stadt. Kennen Sie Rom, mein Sohn? Natürlich kennen Sie Rom! Und den Pincio? Natürlich kennen Sie den Monte Pincio.«
»Natürlich. Warum, Exzellenz?«
»Es ist die wohl vornehmste und schönste Gegend der Heiligen Stadt, mein Sohn. Wie mir eben einfällt, hat der Vatikan vor Jahren da auf dem Pincio-Hügel einen Palazzo erworben, um einem gläubigen, rechtschaffenen Mann zu helfen, der finanzielles Unglück hatte und vor dem Ruin stand.« Jakob bekam einen Hustenanfall. »Was ist, mein Sohn? Ein Stückchen Langustenschale in die falsche Kehle?«
»Ein Stückchen Langustenschale in die … ja, Exzellenz.«
»Ein Stückchen Brot und ein Schlückchen Champagner … Warten Sie, ich klopfe Ihnen auf den Rücken … Da! Es geht wieder, mein Sohn, ja?«
»Es geht wieder, Exzellenz.«
»Sehr schön. Um auf den Palazzo zurückzukommen … Sie haben hier ein so wunderbares Haus, mein Sohn. Sie sind oft in Rom. Haben Sie in Rom ein Haus?«
»Nein, Exzellenz. Nur ein Jahresappartement im BERNINI-BRISTOL.«
»Hotel! Das ist doch nichts für einen Mann Ihrer Position! Kaufen Sie den Palazzo, mein Sohn! Der allein ist Ihnen standesgemäß! Beinahe so groß wie das Haus hier! Und voll wertvollster Gemälde, Möbel, Antiquitäten! Eine einmalige Okkasion! Ich werde mich gleich nach meiner Rückkehr persönlich darum kümmern, daß die entsprechende Stelle des Vatikans mit Ihnen in Verbindung tritt!«
»Wissen Sie, Exzellenz … hrm …, eigentlich brauche ich … hrm, hrm … gar keinen Palazzo in Rom«, sagte Jakob, aber schon mit schwacher Stimme. Na schön, dachte er gottergeben, wieder ein paar Millionen D-Mark im Eimer. Wie diese Woditschka mich anschaut! Ich muß einfach das Ding da auf dem Pincio kaufen. Sonst kriegt das Reserl mir noch einen Schreikrampf.
»Ich danke herzlichst, Exzellenz«, würgte Jakob hervor, indessen er den Teller mit der überbackenen Languste beiseite schob (das Zeug war ja geradezu ungenießbar!). »Wenn ich damit den Armen helfen kann …«
»Vergelt’s Gott, mein Sohn! Natürlich ist der Palazzo nicht billig, hahaha!«
»Hahaha, natürlich nicht!« krächzte Jakob.
Der Violette brach plötzlich in Gesang aus.
»But when you’re smiling, when you’re smiling, the whole world smiles with you!« sang er, im Duett mit dem Show-Star auf dem Podium. Die Kapelle spielte gerade diesen Schlager. »Mein Lieblingslied von Frankie-Boy«, sagte der Violette. »Salute, mein Sohn!« Und abermals hob er sein Champagnerglas.
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»Du Miststück«, sagte Lady Cordine, Gattin des Sir Derrick Blossom, sich zärtlich an Jakob schmiegend, eine halbe Stunde später. Sie tanzten. Viele Paare tanzten zwischen den Gängen des Festmahls. »Du Miststück, du elendes, hängen solltest du für das, was du mir damals in Paris angetan hast.«
»Leise, bitte, leise!« flehte Jakob. Tanzen hatte er mittlerweile gelernt. ›In the mood‹, spielte die Kapelle gerade.
»Ja, jetzt geht dir der Arsch mit Grundeis, was?« sagte, leiser, Lady Cordine Blossom, ehemals Werwölfin Hilde Korn, ehemals Laureen Fletcher mit ehemals noch so an die zwanzig anderen Namen.
»Ich bitte dich, Laureen … äh … Lady Cordine … sprechen Sie so nicht mit mir! Sie wissen nicht … ach was, du weißt nicht, was ich damals alles zu tun gehabt habe! Ich mußte einfach nach Deutschland zurück! Und es hat mir fast das Herz gebrochen, daß ich dich deshalb allein lassen mußte. Darum, nur darum bin ich zum Bahnhof gesaust, während du geschlafen hast! Mein Gott, Laureen, sei doch ein Mensch! Du hast doch wirklich Karriere gemacht in all den Jahren!«
»Du doch auch, du Schweinehund!« Und noch zärtlicher an Jakob gepreßt!
»Ich auch, ich Schwei … Ich auch, gewiß …« Jakob sprach bereits mit Mühe. Ihm war schlecht. Die Languste konnte das nicht sein! Das Fest, das Fest war es, das ihn schaffte! Diesem Fest war er einfach nicht gewachsen. Er hatte sich doch alles so ganz anders vorgestellt. »Du willst mich jetzt zugrunde richten? Das kannst du doch gar nicht, ohne dich selber zugrunde zu richten … ich meine gesellschaftlich! Weiß denn dein lieber Mann etwas von der Laureen- oder von der Werwolf-Zeit in deinem Leben?«
»Natürlich nicht.«
Augenblicks fühlte unser Jakob sich besser.
»Das könnte man dann ja ändern, Laureen … äh, Lady Cordine.« Er machte einen eleganten Wechselschritt.
»Ändern? Wie?«
»Nun, man könnte Sir Derrick aufklären, mein liebes Kind. Damit er weiß, was er geehelicht hat.«
»Du bist noch immer die alte Kanalratte, die du damals warst«, sagte seine Partnerin. Und machte auch einen eleganten Wechselschritt. »Von mir wird Derrick niemals etwas über dich erfahren, Jake! Ich … ich … gottverflucht noch einmal, ich liebe dich doch noch genauso wie damals! Trotz der vielen Jahre! Trotz der grünen Natascha-Nutte, die da drüben mit Rex Harrison tanzt! Darum habe ich Derrick doch gebeten, deine Einladung anzunehmen! Um dich wiederzusehen … um dich wiederzuhören … um dich …« Hier preßte Lady Cordine sich lebensgefährlich fest an Jakob. »… zu spüren! Die Chinesische Schlittenfahrt! Weißt du noch? Natürlich weißt du noch? Mit wie vielen Weibern hast du sie inzwischen gemacht?«
»Ach, mit ganz wenigen nur«, log Jakob.
»Und sie sind dir alle verfallen, wie? Welche Frau verfällt einem Mann nicht bis ans Ende ihrer Tage, wenn sie die Chinesische Schlittenfahrt erlebt hat? Wer liebt dich nicht bis ans Ende seiner Tage, du Schuft?«
»Du … hrm … liebst mich bis ans Ende deiner Tage?« forschte Jakob unsicher.
»Sage ich doch, du Mistkerl! Was kann ich anderes tun?«
»Tja, das weiß ich allerdings auch nicht«, meinte er, schon wieder ganz obenauf, der alte Jakob.
»Du, du könntest etwas tun! Aber wenn du jemals sagst, daß ich dich darum gebeten habe, bringe ich dich um, ich schwöre es dir, mit meinen eigenen Händen bringe ich dich um, und wenn ich dich noch so liebe!«
»Worum handelt es sich denn?«
»Du bist doch einer von den ganz Großen!«
»Hm … ja … ich denke …«
»Verbaust Milliarden! Dem armen Derrick geht es nicht mehr so, wie es ihm einmal gegangen ist.«
»Was heißt das? Hat er Sorgen?«
»Mächtige, ja! Ganz England hat mächtige Sorgen! Du könntest – aber du darfst mich niemals verraten, ich warne dich –, du könntest Derrick unter die Arme greifen!«
»Unter die Arme …?«
»Schau mal, die Big Five gibt es eigentlich gar nicht mehr. Die waren einmal die großen Fünf. Jetzt krebsen sie bloß noch so herum. Wenn du Derrick helfen würdest …«
»Braucht dein Mann etwa Geld?« Also eine Erpressung, dachte Jakob erleichtert.
»Geld? Wo denkst du hin? Er braucht Leute, die bei ihm Kredite aufnehmen! Millionenkredite! Wie du sie doch sicher auch bei Banken aufnimmst. Nimmst du doch, wie?«
»Natürlich. Meinst du, so ein Kombinat in China kann ich aus der hohlen Hand …«
»Sehr gut. In welche Höhen gehen denn deine Kredite? Ich frage, weil Derrick bei hohen Krediten natürlich viel mehr verdienen würde als bei niedrigen.«
»Na ja, so zweihundert, dreihundert Millionen D-Mark …«
»Könnten es ausnahmsweise auch einmal vierhundert Millionen sein? Hast du mich denn nicht auch noch ein bißchen lieb? Und wenn nicht, könntest du es nicht aus nostalgischer Erinnerung an unsere schöne Zeit im Elend tun?«
»Gewiß könnte ich das, mein liebes Kind. Wenn ich deinem Mann damit helfe …«
»Du wirst also bei Derrick einen Kredit über vierhundert Millionen aufnehmen? Versprochen?«
»Versprochen«, sagte Jakob.
Lady Cordine atmete heftig, ihr Busen hob und senkte sich.
»Gott, bist du wundervoll! Gott, bist du süß! Ich liebe dich noch genauso wie damals in Paris! Schnell, führ mich zu meinem Platz zurück, sonst fange ich gleich hier auf dem Podium mit dir an …«
27
»… jetzt f … fressen sie den N … Nachtisch … Ba … Bananen … ei … eistorte mit A … Armagnac …«, sprach Klaus Mario Schreiber in das Mikro seines Kassettenrecorders. Auf a … allen drei Po … Podiums wird getanzt … Senk … Senkmann hält drauf wie ve … verrückt … Der Ch … Chef tanzt mit seiner neuen Flamme, dieser N … Natascha! K … Kann ihn verstehen … Senk … Senkmann schießt sie jetzt … und wieder … und wieder … und w … wieder … Die K … Kameraden auch! Also bei dieser N … Natascha, da würde ich auch nicht n … nein s … sagen. W … Wenn sich der Che … Chef bloß nicht ga … ganz ruiniert bei der S … Sau! Die n … nimmt ihn doch aus n … nach Strich … Strich und F … Faden … Hoffentlich über … übersteht er da … das! Die fühlt sich bereits wie …«
»… seine angetraute Gemahlin«, sagte eine weibliche Stimme. Schreiber, der auf dem Kopf einer Putte saß, fuhr zusammen.
»W … Was ist?«
Hinter ihm trat Claudia Contessa della Cattacasa aus dem Schatten eines Eukalyptusbaumes. Sie lächelte Schreiber an. Der rutschte von der Putte, stoppte das Bandgerät und forschte: »Sie … Sie h … haben mich belauscht?«
»Ja«, sagte die Contessa und lächelte breiter.
»Hö … Hören Sie, d … das ist aber n … nicht fair. We … Wenn je … jemand erfährt, was ich da eben ge … gesagt habe, bi … bin ich meinen Jo … Job los!«
»Aber ich bitte Sie, liebster Herr Schreiber, kein Mensch erfährt etwas von mir. Diese Natascha ist wirklich eine Sau, da haben Sie völlig recht. Ich mache mir auch sehr große Sorgen um Herrn Formann.«
»Sie … Sie au … auch? Wi … Wieso kennen Sie m … meinen Namen, Mademoiselle … Ma … Madame … gnä … gnädige Frau?«
»Ihren Namen kenne ich seit vielen Jahren, lieber Herr Schreiber.«
Claudia trat zwei Schritte vor.
Klaus Mario trat zwei Schritte zurück.
»Warum treten Sie zurück? Haben Sie Angst vor mir?«
»Da … Das nicht. A … Aber Sie sind so w … wunderschön. U … Und ich mi … mit meinem Gestotter …«
»Gestotter! Als ob das nicht vollkommen gleichgültig wäre! Auch Demosthenes hat gestottert!«
»U … Und besoffen bi … bin ich auch …«
»Was, glauben Sie, hat Goethe getrunken?«
Klaus Mario Schreiber musterte die türkisgewandete Contessa erfreut.
»Da … Das ist wahr. A … Aber wieso ke … kennen Sie wirklich meinen Na … Namen?«
»Herr Schreiber, jeder Mensch kennt Ihren Namen, seit Sie ES MUSS NICHT IMMER HUMMER SEIN geschrieben haben!«
Der Trunkenbold belebte sich.
»Ist da … das wirklich so, Ma … Mademoiselle …«
»Contessa della Cattacasa. Bitte sagen Sie Claudia zu mir.«
»N … N … Nur wenn Sie M … M … Ma … Mario zu mir sagen!« Schreiber geriet in Erregung. »Sie ha … haben de … den HUMMER g … gelesen, Claudia?«
»Gelesen?« Sie funkelte ihn an. »Verschlungen! Und mich halbtot gelacht! Die ganze Welt wird sich halbtot lachen, wenn das erst als Buch herauskommt!«
»Die … Dieser Mi … Mist als Buch? Ich w … weiß nicht! Ich ha … habe andere, ernste B … Bücher geschrieben, die alle n … nicht ge … gegangen sind. Z … Zum Beispiel …«
»Ich brauche keine Beispiele, Mario«, sagte Claudia, und jetzt stand sie so nahe vor ihm, daß er ihren Atem spürte. »Ich habe alle Ihre Bücher gelesen. Ich habe sie alle großartig gefunden. Sie heißen nicht nur Schreiber. Sie sind wirklich ein Schreiber, ein unerhört begabter Schreiber. Aber die Leute wollen lachen in dieser miesen Zeit, glauben Sie’s mir. Und darum prophezeie ich Ihnen, daß Sie mit dem HUMMER Ihren Durchbruch haben werden! In zwanzig, in fünfundzwanzig Sprachen wird der übersetzt werden!«
Schreiber mußte dreimal ansetzen, bevor er überhaupt einen Ton herausbrachte. »D … Da … Das glauben Sie w … wirklich?«
»Davon bin ich felsenfest überzeugt!«
»Cl … Clau … Claudia, Sie sind m … mir so sy … sympathisch!«
Der Mensch ist komisch. In einer einzigen Sekunde kippte Claudias Wut über Jakob und Natascha in Liebe für den stotternden, verpickelten und besoffenen Klaus Mario Schreiber um.
»Küß mich«, stöhnte die Contessa della Cattacasa, die es bisher eigentlich stets lieber mit Frauen trieb. »Küß mich! Beiß mich! Küß mich, Mario! Bitte! Ich bin verrückt nach dir! Na, nun tu’s schon!«
»W … Wenn’s weiter nichts ist«, sagte Klaus Mario Schreiber und tat es. Mit Lullerchen …
In dem Moment, da sie stöhnend ihre Körper aneinander zu reiben begannen, erloschen alle Lichter.
28
Und im nächsten Moment setzte wüste Musik ein!
Und im übernächsten kam die Plattform des mittleren Podiums schnell emporgefahren. Scheinwerfer, angebracht auf dem Dach des CHÂTEAU NATASCHA, flammten auf, ihre Strahlen irrten durch die Dunkelheit, sammelten sich schließlich allesamt auf dem hochgefahrenen Podium.
Ein wilder Schrei aus fünfzehn Mädchenstimmen erscholl. Die Mädchen hatten schwarzes, blondes und rotes Haar. Es wäre falsch, zu sagen, daß sie splitternackt waren. Das ›splitter‹ gehört weg. Sie hatten an einer bestimmten Stelle Herzchen angeklebt. Und sie begannen sich in atemberaubender, unfaßbar erotischer Weise zu winden, zu krümmen, zu drehen.
Es war ganz still geworden unter Jakobs Gästen.
Verflucht, dachte unser Freund. Stundenlang habe ich mit Claudia gestritten. Sie hat mir eine Tempeltänzerinnentruppe aus Bali samt der Hohepriesterin angeboten, ich habe unbedingt die ›Crazy Horse‹-Girls haben wollen. Ich habe mich durchgesetzt. Da sind nun meine Girls. Nein, das habe ich aber nicht gewußt, daß die sich so aufführen werden! Das ist ja entsetzlich! Das ist ja eine Katastrophe! Hätte ich doch bloß auf die liebe Claudia gehört und die Tempeltänzerinnen aus Bali samt Hohepriesterin genommen!
An einem der Tische war die Edle aufgesprungen.
»Das ist obszön!« schrie sie.
Kaum jemand hörte es, die Musik war zu laut. Jemand zog die Edle auf ihren Sessel zurück. Wenige Augenblicke danach starrte sie plötzlich fasziniert zum Podium hin, auf dem fünfzehn Girls, eines schöner als das andere, tanzten, allein, miteinander, sich räkelten, streckten, einander liebkosten, umarmten.
Maria Terulli, einstmals das Woditschka Reserl aus Wien-Ottakring und späterhin Belgiens Stripperin Nr. 1, nunmehr Religionslehrerin, die ihren Frieden in Gott gefunden hatte, saß mit offenem Mund da. Sie sagte, und nacktes Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben, zu Jakob: »Sind Sie denn wahnsinnig geworden, Herr Formann? Das ist ja ekelerregend! Das ist ja die reine Pornographie! Und so etwas wagen Sie in Anwesenheit Seiner Hochwürdigsten Exzellenz …«
Jakob zitterte in den Schuhen.
»Kommen Sie, Hochwürdigste Exzellenz, ich bitte Sie für Herrn Formann um Verzeihung. Vergeben Sie ihm, wenn Sie können. Und möge auch der Allmächtige ihm vergeben.« Das Reserl erhob sich und nahm eine Hand des Violetten. »Ich führe Sie zum Hubschrauber, Hochwür …«
Aus. Alles aus, dachte Jakob wieder einmal, und spürte angenehme Wärme in sich aufsteigen.
Dann erlebte er eine Überraschung.
Der Violette strich sanft über die Hand der frommen Ex-Stripperin, indessen die fünfzehn ›Crazy Horse‹-Girls in einer Reihe, Unterleib vorgestemmt, über die Podiumsfläche auf das Publikum zumarschiert kamen. »Nicht doch, liebe Tochter«, sagte der Violette, sich behaglich in seinen Sessel zurücklehnend. (Schmatzte der? grübelte Jakob fasziniert.) »Setzen Sie sich wieder. Das ist wirklich eine gelungene Überraschung, lieber Sohn.« Und er tätschelte Jakobs Hand. »Sie haben ein großes Herz! Die Villa auf dem Pincio wird Ihnen gefallen. Und was soll Ihre Erregung, liebe Tochter? Dem Reinen ist alles rein!«
29
Eine halbe Stunde später, nachdem die ›Crazy Horse‹-Girls unter dem donnernden Applaus aller Anwesenden (auch des Violetten) in der Tiefe versunken waren, begann dann das Feuerwerk.
Es wurde das größte Feuerwerk, das es jemals an der Côte d’Azur gegeben hatte. Die Raketen wurden abgeschossen von kleinen Spezialschiffen, die auf dem Meer vor dem Hafen lagen. Der Anblick war überwältigend, und die ›Aaaahhhs!‹ und ›Ooooohhhs!‹ der Gäste fanden kein Ende. Immer neue Feuerbilder zauberten die Pyrotechniker an den blauschwarzen Himmel.
In einem Gebüsch, nahe der Putte, war Klaus Mario Schreiber beim wechselnden Schein der Leuchtfarben sehr glücklich mit Claudia Contessa della Cattacasa, und sie war es mit ihm. So einen Mann, sagte sie, habe sie noch nie erlebt. Sie war nun wieder Männern zugetan. Und dieser Schreiber, der war, wenn man wollte, sofort auch eine süße kleine Lesbierin!
Und Orchideen an den Himmel gezaubert! Und Blumenarrangements! Und Sternenregen! Und Feuergarben! Und pfeifende Lichtpunkte, die hoch, hoch oben explodierten und riesige farbige Leuchtpunktgebilde schufen, welche langsam ins Meer rieselten. Und …
Eine Hand legte sich auf Jakobs Schulter.
Verärgert fuhr er herum.
Einer der Maîtres de Maison stand hinter ihm, neigte sich – das Feuerwerk machte gerade einen Riesenkrach – dicht an Jakobs Ohr und schrie: »Ich bitte um Verzeihung, Monsieur Formann, Sie werden ganz dringend am Telefon verlangt!«
Automatisch betrachtete Jakob sein Hosentürl. Er hatte da so seine Erinnerungen. Und wenn ihn nun jemand hereinlegen wollte …
Nein, alles in Ordnung mit dem Hosentürl.
»Wer will mich sprechen?«
»Eine Madame Herta Jaschke aus Murnau, Monsieur …«
Jakob fuhr auf und raste, ohne sich bei seinem illustren violetten Nachbarn zu entschuldigen, ins Haus.
Jaschke! Jaschke! Die Herta ist dem Jaschke seine Frau! Was ist passiert, um Himmels willen?
Er erreichte einen Salon, sah dort einen Hörer neben dem Telefon liegen und riß ihn ans Ohr.
»Hier Jakob! Was ist los, Herta?«
Durch ein Fenster sah er das Feuerwerk. Grün. Blau. Rot.
Eine schluchzende Stimme ertönte: »Gott sei Dank, daß ich dich erreiche, Jakob! Sie haben es in den Abendnachrichten im Fernsehen durchgegeben …«
»Was? Was haben sie durchgegeben?« Und Gold. Und Silber. Und Weiß.
»In Karania ist die Regierung des Präsidenten Ora N’Bomba gestürzt worden! Von Aufständischen! N’Bomba haben sie sofort erschossen! Es hat viele Tote gegeben! Und alle Ausländer im Land sind verhaftet worden! Verhaftet, Jakob!«
»Verhaftet, Herta.« Und Purpurn und Violett und Honigfarben.
»Mein Gott, Jakob, der Karl ist doch da unten wegen der Fertigbauhäuser! Den haben sie jetzt auch eingelocht! Sie wollen Geiseln, haben sie gesagt! Wenn dem Karl was zustößt!«
Jakob dachte: Da wollten wir also einmal ordentlich unseren Rebbach machen mit den Negern und sie aufs Kreuz legen, und jetzt haben sie den armen Karl eingesperrt. Hoffentlich lebt er noch. Herrgott, ist das eine Sauerei! »Sofort kümmere ich mich darum, Herta!« sagte Jakob.
Und Rot! Und Grün! Und Gold! Und Weiß!
Also auf nach Karania!
Nicht einen einzigen Abend lang hat man Ruhe …
30
»Also, ich kann dir nur sagen, die Edle, die du mir da vor Jahren angehängt hast, die hat nicht die geringste Ahnung von Literatur gehabt«, erklärte Jakob Formann seinem Freund Karl Jaschke in der Nacht vom 3. zum 4. August 1962, tief in Schwarzafrika und daselbst irgendwo in der Republik Karania, wo, das wußte er nicht.
»Was willst du damit sagen, Jakob?« fragte der Ingenieur Karl Jaschke, der hier unten seit langer Zeit (natürlich mit regelmäßigem Erholungsurlaub in der deutschen Heimat) Fertighäuser und Fertighausfabriken gebaut hatte. Jetzt sah Jaschke erschöpft aus und war es auch. Schließlich saß er nun schon fast eine Woche hinter Schloß und Riegel. (Jakob hingegen erst zehn Minuten; seine Bemerkung hatte er gleich nach der Begrüßung gemacht, nachdem er Jaschke um den Hals gefallen war und ihn geküßt hatte.)
»Na, also weißt du«, antwortete er jetzt, »was zuviel ist, ist zuviel! Da hat die Edle mich doch gezwungen, dem Kafka seine Romane ›Das Schloß‹ und ›Der Prozeß‹ und all das andere Zeug zu lesen, und ich habe natürlich kein Wort kapiert, und da hat die blöde Kuh gesagt, das wundert sie gar nicht, indem daß ich nämlich ein schwersterziehbarer Neureicher bin, der von Tuten und Blasen – haha! – keine Ahnung hat, und daß dieser Kafka eben mystisch-symbolisch geschrieben hat, was ein Vieh wie ich natürlich niemals kapieren kann!«
»Und?« fragte der Ingenieur Jaschke (der mit der hübschen Freundin in dem einigermaßen weit entfernten Garmisch-Partenkirchen, Karl Jaschke, dem es auch nicht an der Wiege gesungen worden war, daß er, in Niesky, Oberlausitz, geboren und aufgewachsen, sein Leben einmal als Gefangener einer Neger-Militärjunta in Schwarzafrika verbringen sollte). »Was ist mit diesem Kafka?«
»Dieser Kafka«, regte Jakob, soeben eingetroffen, verschwitzt und dreckig, sich auf, »der hat mystisch-symbolisch geschrieben? Haha!« Der Schweiß rann Jakob in Strömen vom Körper, er hatte nur Hemd, Hose und Schuhe an, Jaschke nur eine Unterhose. Es war wirklich sehr heiß da, wohin immer man sie gebracht hatte. »Haha!« fuhr Jakob fort, sich in seine Erregung hineinsteigernd. »Damit ich dir bloß einmal sage, wie ich hergekommen bin, Karl. Mein Düsenflugzeug haben syrische Jäger abgefangen und in Damaskus zur Landung gezwungen. Da steht die Maschine nun, da haben sie die Besatzung eingesperrt. Mich haben dann Kerle, die sich nicht einmal vorgestellt haben, mit Maschinenpistolen in ein anderes Flugzeug gescheucht, das dann auch gleich losgeflogen ist. Und diese Kiste hat überhaupt kein Hoheitszeichen gehabt! Vor der Landung haben sie mir die Augen verbunden und mich behandelt halb wie einen Regierungschef, der zu einem Staatsbesuch kommt, halb wie einen Raubmörder, den sie zur Hinrichtung bringen! Nach der Landung haben sie mich – ich weiß nicht mal, wer, ich habe doch nichts sehen können, Mensch! – in einen Militär-Lkw geschmissen. Da haben sie mir dann die Augenbinde abgenommen. Aber ich habe immer noch nichts als einen Dreck sehen können, denn alle Fenster sind schwarz angemalt gewesen! Wie die Irren sind sie dann mit mir durch die Wüste gerast, was weiß ich, wie lange, zwei Stunden, fünf Stunden, ich war schon ganz durchgedreht, und zuletzt hat der Wagen gehalten, so heftig, daß ich auch noch auf die Schnauze gefallen bin, und dann haben sie mich hierhergebracht, in dieses prächtige Gebäude, und da erst haben sie mir die Binde von den Augen genommen. Und was ist das erste, was ich sehe? Das bist du, in deiner Unterhose, auf dem Steinboden, unrasiert, verdreckt und verschwitzt wie ich. Und gesprochen hat keiner von den Schwarzen die ganze Zeit auch nur ein einziges Wort.«
»Mit mir haben sie auch nicht gesprochen«, sagte der Karl Jaschke. »Aber willst du mir vielleicht endlich sagen, was das alles mit diesem Kafka zu tun hat?«
»Na, Mensch, dieser Kafka ist doch nie im Leben ein mystisch-symbolischer Dichter gewesen!« ereiferte sich Jakob. »Nach allem, was mir gerade passiert ist, kann ich nur sagen: Kafka war der realistischste Dichter, den es je gegeben hat! Na, die Edle soll mir noch mal unter die Augen kommen. Ach ja, herzlichste Grüße von deiner Frau. Und von deiner Freundin. Mit der habe ich auch noch telefoniert.«
»Das war lieb von dir, Jakob. Und ich freue mich ja auch sehr, daß du sofort gekommen bist, als du erfahren hast, was hier passiert ist.«
»Das war doch selbstverständlich! Ich muß doch meine Freunde aus der Scheiße holen!« sagte Jakob, ein Mann mit einem Herzen treu wie Gold.
»Glaubst du, du schaffst es?«
»Schaffe was?«
»Mich hier rauszuholen. Uns alle! Die Arbeiter auch!«
»Natürlich schaffe ich es«, sagte Jakob, und es wurde ihm noch ein wenig (auf die schon häufig beschriebene Weise) wärmer, »wär ja gelacht! Wo sind wir überhaupt?«
»In Karania, Jakob. Das hier, das ist einer von den Palästen, in denen sich der Herr Premierminister Ora N’Bomba zu erholen pflegte. Unsere Arbeiter haben sie irgendwo anders eingesperrt, keine Ahnung, wo.«
»Sauerei! Und dem Kerl habe ich neunzig Millionen gegeben, damit er die Fertighausfabriken bauen kann! Na, dem werde ich jetzt aber was er …« Jakob litt häufig unter Spätzündungen. »Eiwei. Den haben sie doch erschossen, hat deine liebe Frau mir am Telefon gesagt, wie?«
»Mhm.«
»Das ist natürlich böse.« Jakob verfiel in Trauer. Nur kurz. Dann war er wieder auf des Messers Schneide, auf dem Rasierklingenpfad seines Lebens. »Schön, dann werde ich also mit den Kerlen Tacheles reden, die ihn erschossen haben!«
»Jakob, sei bloß vorsichtig. Das war ein Militärputsch! Die Armee regiert! Mach dich nicht unglücklich! Sei realistisch wie dein Kafka, wenn die jetzt mit dir reden, sonst knallen sie auch uns über den Haufen!«
»Ich werde«, versprach Jakob Formann und schlug mit einer Hand eine große Spinne tot, die ihm über den Nacken kroch, »milde sein wie der Beischlaf eines Kommandierenden Generals.«
31
»Was stehen Sie denn dauernd stramm vor mir, Mister Formann? Das macht mich noch ganz nervös! Was ist denn los mit Ihnen?« fragte drei Tage später der riesige Neger in der farbenprächtigen Uniform mit den ungeheuer vielen Ordensspangen auf der linken und der rechten Brust (der hat noch mehr als ich, dachte Jakob).
Dieser riesige Neger hatte gleich zur Begrüßung gesagt: »Mein Name ist Gamba M’Gamba. Ich bin Feldmarschall der ruhmreichen karanianischen Armee und Chef der Militärregierung. Sie dürfen mich mit ›Exzellenz‹ anreden!«
Drei Tage hatte kein Mensch mit Jakob und seinem Freund Jaschke gesprochen, drei Tage hatte sich kein Mensch sehen lassen. Essen wurde ihnen durch die Schiebetür eines Speisenaufzugs serviert. Das Gegenteil mußten sie auf dem Fußboden erledigen. Es war gerade so weit gewesen, daß der Jaschke Selbstmordabsichten geäußert hatte, als ungeheuerlich bewaffnete und grimmig dreinschauende schwarze Soldaten erschienen waren und die Freunde abholten.
Auch die Soldaten sprachen kein einziges Wort. In einem amerikanischen Jeep, eskortiert von zwei anderen Jeeps voller schwarzer Krieger, rasten sie mit Jakob und Jaschke durch Wüste, Staub und Hitze zu einem Militärlager, das mit Stacheldraht eingezäunt war.
Jakob bewunderte, was er sah. Er sah im Camp amerikanische Fahrzeuge, sowjetische Waffen, britische Uniformen und ein Jaschkesches Fertighaus, vollgefüllt mit französischem Rotwein und davor ein Doppelposten unter Gewehr. Hier haben, sinnierte unser Freund, während sein Jeep auf kreischenden Pneus um immer neue Fertighäuser Nieskyer Bauart bog, also die Großen dieser Erde Wirtschaftshilfe für ein Krisen- und Elendsgebiet geleistet. Auch ich habe mein Scherflein dazu beigetragen, kann man wohl sagen!
Jakob war indessen nicht lange deprimiert. Was denn, dachte er sogleich, die Großen haben noch viel mehr Wirtschaftshilfe geleistet und sind dabei auch auf die Schnauze gefallen! So was soll man eben – üb immer Treu und Redlichkeit – nicht machen, es geht sicherlich ins Auge, bis an dein kühles Grab … Pfui Teufel, daran will ich gar nicht denken, ich will hier wieder raus mit allen meinen Leuten, also weiche ich keinen Fingerbreit mehr und so weiter und krieche diesen verrückt gewordenen Militärs in Afrika (denen in Europa und Amerika und Rußland bin ich schon!) immer rein in den Arsch.
Das war denn auch der Grund, warum unser Freund stramm, die Hände an der Hosennaht (gelernt ist gelernt!), immer weiter vor dem Schreibtisch des glänzend-schwarzen Feldmarschalls Gamba M’Gamba mit der bunten Ordensgalerie stehen blieb, obwohl dieser ihn schon mehrfach aufgefordert hatte, sich zu setzen, und bereits ganz nervös war.
»Exzellenz«, antwortete Jakob Formann, »es gebietet mir die Ehrfurcht, daß ich stehen bleiben muß.«
»Wissen Sie, daß Sie ein weißes Schwein sind?« fragte der Chef der Militärregierung.
»Jawohl, Exzellenz, melde gehorsamst, ich weiß«, sprach Jakob und fügte sicherheitshalber hinzu: »Und von dem Karl Jaschke weiß ich es auch, und er weiß es auch, daß er ein weißes Schwein ist.«
»Weißes Schwein Formann, setzen Sie sich augenblicklich!« sagte der hochdekorierte Negerfeldmarschall. »Das ist ein Befehl, verstanden?«
»Jawoll, Exzellenz, melde gehorsamst, habe verstanden, das ist ein Be …«
Weiter kam Jakob nicht, denn zwei noch riesenhaftere (wenn auch nicht so wunderschön geschmückte) andere Neger, die mit schußbereiten Maschinenpistolen (Made in Czechoslovakian Socialistic Republic – Jakob sah’s auf den ersten Blick) den Chef der Militärregierung bewachten, hatten ihn bereits hochgehoben, über einen Sessel gehalten und fallen gelassen. Es tat verdammt weh.
Ihr verfluchten Hunde, dachte Jakob und sagte freundlich: »Ich danke auch herzlich, meine Herren!«
In gepflegter englischer Sprache erklärte nunmehr der Feldmarschall Gamba M’Gamba: »So, Sie sitzen. Gut. Ruhen Sie sich noch ein wenig aus. Nach drei Uhr nachmittags werden Sie für immer Zeit haben, sich auszuruhen.« Der Herr Feldmarschall mußte über seine Worte herzlich lachen. Die beiden Herren mit den Maschinenpistolen mußten auch lachen.
»Wieso nach drei Uhr nachmittags, Exzellenz?« forschte Jakob. »Sie sprechen übrigens ein phantastisches Englisch!« fügte er schmeichelnd hinzu.
»Ich habe in Oxford studiert.«
»Ah, Oxford«, sagte Jakob und dachte: Dieser N’Bomba ist auch in Oxford erzogen worden. Ich bin nicht in Oxford erzogen worden. Mir scheint, ich irre ab. Er räusperte sich. »Wieso ab drei Uhr nachmittags, Eure Eminenz … äh, Eure Exzellenz …«
»Weil Sie heute nachmittag um drei Uhr standrechtlich erschossen werden«, antwortete der Feldmarschall, der noch vor Lachen gluckste. »Und dieser Kerl, den Sie uns geschickt haben, dieser Jak …«
»Jaschke, Eure Exzellenz, Karl Jaschke«, stellte der sich vor, indem er sich mühsam hochrappelte. Jaschke war bereits fix und fertig.
»Und dieser Karl Jaschke – setzen! – auch. Und alle Ihre Fachkräfte auch. Unsere Revolution will Blut, braucht Blut, muß Blut haben!«
»Ja, muß sie?« fragte Jakob. Wieder eine Spätzündung. »Erschossen? Ich? Der Jaschke? Die Arbeiter?« Jakob sprang wieder auf. Schweiß brach ihm aus, die Narbe an der Schläfe zuckte, er griff nach der Hasenpfote in seiner Hosentasche.
»Hand weg!« knurrte einer der MP-Gorillas.
»Alle, jawohl«, sagte Gamba M’Gamba. »Mit Ihnen fangen wir an. Dann kommen jeden Tag andere dran, die wir hier als Geiseln festhalten.«
»Aber warum, Exzellenz?«
»Setzen, habe ich gesagt! Weil Sie und alle die anderen sich in verbrecherischer Weise an dem ruhmreichen karanianischen Volk bereichern wollten!« (Wieso ruhmreich? überlegte Jakob angestrengt. Bloß, weil sie uns jetzt zusammenknallen? Und was für andere? Ach, natürlich haben da auch andere Entwicklungshilfe geleistet. Schön vertrottelt. Also nie im Leben rühr’ ich auch nur noch einen Finger für Entwicklungshilfe. Obwohl, natürlich, die Exzellenz hat ganz recht, meinen Rebbach habe ich ja wirklich machen wollen mit dem ruhmreichen karanianischen Volk. Genauso wie die andern vermutlich.)
»Weil Sie«, donnerte der Feldmarschall weiter, »Fremdgeld in unser heiliges Vaterland gepumpt haben, um uns weiter ausbeuten zu können – wie die Weißen vor Ihnen!«
»Entschuldigen Sie, Exzellenz, davon kann keine Rede sein! Der Herr Premierminister N’Bomba ist zu uns nach Bonn gekommen und hat um Geld gebeten, und wir haben es ihm gegeben, um dem ruhmreichen Volk von Karania zu helfen und …«
»Schweigen Sie!« Die Faust des Militärregierungschefs krachte auf den Tisch. Jakob hüpfte ein wenig durch die Erschütterung des Bodens. »N’Bomba war ein Schakal, eine Hyäne, ein Verbrecher! N’Bomba hat mit dem Schicksal des karanianischen Volkes gespielt wie mit einem Ball! Er hat Geld geliehen und damit in unvorstellbarem Luxus gelebt! Wem gehörten die drei Maschinen der KARANIAN AIRLINES? Wem gehörten die zahlreichen Schlösser und Landsitze, die er sich mit dem Geld der Entwicklungshilfe bauen ließ? Sie haben ja selber in einem solchen Palast drei Tage zugebracht, Mister Formann. Ich frage Sie: Stinkt das nicht zum Himmel?«
Ja, also wenn ich an das Palastzimmer denke, wo sie uns drei Tage lang nicht rausgelassen haben und wo wir alle unsere Geschäfte auf Smyrna-Teppichen haben erledigen müssen, dann will ich dir recht geben, dachte Jakob und sagte: »Exzellenz, wie konnten wir denn ahnen, daß dieser N’Bomba …«
»Der seinen Tod tausendfach verdient hat!« donnerte der Feldmarschall.
»… der wo seinen Tod tausendfach verdient hat, weil er so mit den ihm anvertrauten Geldern …«
»Tun Sie nicht so scheinheilig, Mister Formann! Wer hat sich denn vierzig Prozent der Produktionskapazität an Fertigbauhäusern ausbedungen, na?«
»Ja, natürlich, wenn Sie es so sehen …«
»Natürlich sehe ich es so! Sie haben gemeinsame Sache gemacht mit dem Verräter N’Bomba! Wie alle anderen, die ihm Geld gegeben haben, auch!«
»Nein, nicht ›auch‹! Wir haben doch weiter Fertigbauhäuser für das arme Afrika bauen wollen, hier in Karania!« protestierte Jaschke. »Wir haben geglaubt, das ist gerecht so!«
»Der Glaube, Mister Jaschke, ist nicht der Anfang, sondern das Ende von allem Wissen, wie einer Ihrer großen Dichter gesagt hat.«
»Welcher denn?« interessierte sich Jakob.
»Johann Wolfgang von Goethe! Das kannten Sie nicht? Unfaß … na, egal! Um drei sind Sie ohnehin tot …« Wann sagt der Kerl endlich: »Wenn nicht«, überlegte Jakob, da sagte der Kerl schon: »… wenn Sie nicht augenblicklich eine Erklärung abgeben, und zwar schriftlich, daß die Fertighausfabriken dem karanianischen Volke gehören, daß Sie nichts mehr damit zu tun haben, also auch keinen Anteil an der Produktion, und wenn Sie nicht erklären, keinerlei Forderungen mehr an die Regierung von Karania zu stellen …« Der eine MP-Gorilla sagte dem Feldmarschall etwas ins Ohr. »… ach ja, und ferner, daß Sie mit größter Höflichkeit und bestens behandelt worden sind!«
»Also, das ist doch eine glatte Erpress …«, begann der Jaschke, aber Jakob hielt ihm schleunigst den Mund zu und lächelte den Lametta-Feldmarschall Gamba M’Gamba gewinnend an. »Kleiner Scherz, Exzellenz. Natürlich können Sie jederzeit eine solche Erklärung von uns bekommen. Stand uns doch nach nichts anderem der Sinn, als den Völkern der Dritten Welt zu helfen.« (Da bin ich also mächtig auf den Arsch gefallen. Neunzig Millionen im Eimer! Das kommt davon, Jakob, mein Lieber, siehst du, wenn man ein unredliches Geschäft machen will. Wer hat es sich ausgedacht? Der Arnusch Franzl, der Haderlump! Daß der ein Haderlump ist, habe ich aber schon immer gewußt. Außerdem: Habe ich nicht sofort jubelnd mitgemacht und dem Franzl fünfundsiebzig Millionen Schilling zur Gründung einer Bank in Wien geschenkt für seine Idee? Klar unterschreibe ich, bevor ich mich erschießen lasse um drei Uhr nachmittags. Ich möchte sagen, es gibt nichts, was ich nicht unterschreiben würde, damit sie mich nicht erschießen um drei Uhr nachmittags! Das Geschäft hier können wir also vergessen. Ich muß mehr aufpassen! Viele solche Geschäfte kann ich mir nicht leisten …)
»Es steht«, sagte indessen der Feldmarschall, »natürlich keinem, der hierher Geld verschoben hat, anderes im Sinn, als den Völkern der Dritten Welt zu helfen. Die Herren unterschreiben alle, bloß damit sie wieder rauskommen. Die Herren, die die Straßen und Schulen finanziert haben, den Regierungspalast, das Gefängnis, die Eisenbahnlinien, die neuen Kupfergruben und so weiter und so weiter … Nun, und weil ich große Achtung vor Ihrer Intelligenz habe – wenn auch nicht vor Ihrem Charakter, Mister Formann –, habe ich die entsprechenden Dokumente bereits schreiben lassen. Hier wären sie. Wenn Sie das einmal durchlesen wollten!«
Feldmarschall Gamba M’Gamba gab einem seiner MP-Bullen einige Blätter Papier, der gab sie weiter an Jakob und Karl Jaschke. Die beiden lasen. Ach, dachte Jakob, was wird da schon drinstehen? Daß sie uns – na also! – hier behandelt haben wie im HÔTEL DE PARIS in Monte Carlo; daß wir Staatsgäste gewesen sind, die dem großen und stolzen Volk von Karania einen Besuch abgestattet haben, um zu sehen, wie hier der demokratische Fortschritt beim Bau der von uns geschenkten Fertighausfabriken blüht und gedeiht; und daß wir dankbar sind für die Freundschaft des großen, ruhmreichen Volkes von Karania, das sich selbst hundertprozentig im Besitz seiner Produktionsmittel befindet und unabhängig von jedem Ausländer ist und stets bleiben wird.
Was tut man nicht alles, um nicht erschossen zu werden?
Jakob unterschrieb eilends. Jaschke unterschrieb eilends. Es werden wohl, dachte Jakob, alle Herren, die in diesem Sauland Geld investiert haben, eilends unterschrieben haben oder noch unterschreiben. Neger müßte man sein!
Kaum hatte Feldmarschall Gamba M’Gamba die signierten Dokumente wieder in Händen, da verwandelte er sich jählings in einen völlig anderen Menschen: Er bat Jakob und Jaschke, doch ein Bad zu nehmen, sich zu rasieren, sich die Haare schneiden und waschen zu lassen und ihm dann die Ehre zu geben, sie zu einem bescheidenen Imbiß einzuladen.
Der bescheidene Imbiß bestand aus acht Gängen und wurde in einem Lokal der Hauptstadt eingenommen, mit dem verglichen, ach, dachte Jakob verträumt, die ›Sheherazade‹ in Paris ein Dreck gewesen ist. Schwarze Herren, vollendete Kavaliere, ganz in Weiß, mit weißen Handschuhen, servierten. (Und zu Jakobs grenzenloser Beruhigung gab es persischen Kaviar die Hülle und die Fülle, jedoch keine Austern. Was angesichts der geographischen Lage Karanias und der Temperaturen dort ja eigentlich auch nicht zu erwarten gewesen war.)
»Ein wunderschönes Restaurant haben Sie hier, Exzellenz«, sagte Jakob. Gamba M’Gamba nickte verträumt.
»Einer Ihrer Landsleute.«
»Was, einer meiner Landsleute?«
»Hat es gebaut. Er hat noch vier andere solche Restaurants in Karania gebaut. Und jetzt hat er sie – genau wie Sie Ihre Fertighausfabriken – dem großen, ruhmreichen karanianischen Volk zum Geschenk gemacht.«
»Hut ab«, sagte Jakob. Also haben sie den auch erwischt, dachte er.
»Früher, unter dem verbrecherischen Regime des räudigen Hundes Ora N’Bomba«, erläuterte der Feldmarschall und Chef der Militärregierung, »haben in diesen Lokalen nur die Huren und Speichellecker des Schurken und seine Bonzen prassen dürfen. Jetzt, nachdem wir das Vaterland befreit haben, kann in unserer Demokratie jedermann aus dem Volk hier essen, soviel und so reichlich er will!«
»Entschuldigen Sie tausendmal, Exzellenz«, sagte Jakob. »Aber ist das nicht ein wenig unrealistisch?«
»Unrealistisch, wieso?« grollte Gamba M’Gamba.
»Na ja«, sagte Jakob freundlich, »ich könnt’ mir halt vorstellen, daß das Essen und Trinken hier herinnen ganz schön teuer ist und daß also so ein Wasserträger oder Ziegelschupfer oder Melonenverkäufer nicht genug Geld hat, in diesen schönen Lokalen zu essen, soviel und so reichlich er will.«
»Das ist eine vollkommen andere Sache«, sagte der Befreier des vorher so unterdrückten Volkes von Karania böse. »Schweigen Sie, weißes Schwein! Wissen Sie, was Sie sind? Ich habe es gleich gewußt! Ein Demagoge, das sind Sie!« (Was ist ein Demagoge, was hat, um Gottes willen, ein Demagoge mit Demokratie zu tun? grübelte Jakob verwirrt. Diese dämliche Edle hat mir aber auch gar nichts beigebracht.) »Sie wollen sich über Minderheiten lustig machen!«
»Das wollen wir auf keinen Fall!« beeilte sich Jaschke zu versichern.
»Und auf gar keinen Fall wollen wir uns über Mehrheiten lustig machen«, sagte Jakob eifrig.
»Bei uns«, erklärte der Feldmarschall, »sind jetzt alle Menschen gleich, verstanden?«
»Jawoll, Exzellenz, melde gehorsamst, wir haben verstanden«, antwortete Jakob zuvorkommend.
Nach dem bescheidenen Imbiß wollte es sich Seine Exzellenz nicht nehmen lassen, Jakob, Jaschke und alle Arbeiter der Fertighausfabriken zum Flughafen zu bringen und mit einer Maschine der KARANIAN AIRLINES bis Damaskus fliegen zu lassen, wo Jakobs Jet wartete. Unser Freund erlitt einen heftigen Schreck, als er aus dem Lokal hinaus in die glühende Sonne trat.
Vor dem Lokal stand ein großer Mercedes. Diesen Mercedes kannte Jakob. Den hatte er schon einmal vor der Villa des Arnusch Franzl zu Bonn am Rhein stehen sehen! Da hatte der Mercedes noch dem inzwischen erschossenen Premierminister Ora N’Bomba gehört. Der Chauffeur war ein Weißer in einer Phantasieuniform.
»Jessas, der Herr Stößlgasser!« rief Jakob, schlug die Hände zusammen und betrachtete ergriffen den stämmigen Bayern, der, die Mütze in der Hand, die Schlagtüren geöffnet hatte. »Das ist aber gelungen! Daß wir uns hier wiedersehen! Darf ich bekannt machen? Mein Mitarbeiter, Herr Jaschke – Herr Stößlgasser aus … aus …«
»Aus Ruhpolding, Herr Formann«, sagte der stämmige Bayer mit kehligen Urlauten und schüttelte Hände. Seine Exzellenz lächelte sanft.
»Daß Sie noch leben!« staunte Jakob.
»Warum soll ich denn nicht mehr leben, Herr Formann?«
»Ich meine nur … Entschuldigen Sie, das war taktlos … Aber weil Sie doch der Chauffeur von diesem … diesem …«
»Dieser Verrätersau Ora N’Bomba, meinen Herr Formann?«
»Ja, von dem sind Sie doch Chauffeur gewesen! Und ihn hat man als Feind des Volkes erschossen.«
»Vollkommen gerechterweise«, sagte der Bayer. »Das ist ein sehr böser Mensch gewesen.«
»Sehr böser Mensch gewesen«, echote Jakob. »Und … Sie selber … Sie sind dabei nicht zu Schaden gekommen …«
»In keiner Weise! Seine Exzellenz, der Herr Feldmarschall, hat mich gleich gefragt, ob ich jetzt sein Fahrer sein will. Ja, hab’ ich gesagt. No, und jetzt bin ich’s und fühl’ mich sauwohl.«
»Sau … und Sie haben kein Heimweh? Ich meine: Sie möchten nicht zurück in das schöne Ruhpolding?« erkundigte sich Jakob.
»Nicht ums Verrecken, Herr Formann.« Stößlgasser schüttelte den Quadratschädel. »Mir gefällt es hier. Hier hab’ ich meine Freiheit. Die Landschaft … die herrliche Natur … das gesunde Klima … der soziale Fortschritt! Also, ich bin ein ganz anderer Mensch, seit ich in Karania bin, Herr Formann!«
»Und niemand tut Ihnen was?«
»Was soll mir denn einer tun? Ich bin der beste Fahrer, den wo sie haben in Karania! Hier bin ich mein eigener Herr! In Ruhpolding, da hab’ ich mich totschuften müssen und den Deppen machen mit Seppelhosen und Gamsbart und Schuhplatteln und Jodeln für die saubläden Preißn. Das hier ist eine uralte Kulturnation, Herr Formann. Also, für mich gibt es nichts anderes mehr!«
»Die Zeit drängt«, mahnte Seine Exzellenz sanft.
»Entschuldigen Sie, wir kennen uns nämlich und haben …«
»Ich verstehe auch Deutsch, Mister Formann. Bitte, steigen Sie ein. Sie gleichfalls, Mister Jaschke. Wir fahren zum Flughafen, lieber Mister Stößlgasser.«
»Is’ scho’ recht«, sagte dieser.
»Ihre Fabriken liegen übrigens an der Straße zum Airport«, sagte der Feldmarschall. »Sie werden sie sehen können.«
Jakob kam fast der herrliche Kaviar aus dem Kaiserreich Iran hoch, aber er nickte erfreut.
Die Straße zum Flughafen war ganz neu. (Entwicklungshilfe, dachte Jakob. Da sind auch ein paar Idioten, wie ich einer bin, am Werk gewesen.) Die Straße lief ein Stück durch heißen Wüstensand. Dann sah Jakob sie – seine Fertighausfabriken! Sechs Stück hatte der Jaschke da hingebaut, eine neben der anderen. Und da ratterte und klopfte es, da wurde gebaut, daß es eine Lust war.
»Auch das alles gehört jetzt dem Volk von Karania«, sagte der Feldmarschall. »Erhebt es Ihnen nicht das Herz, wenn Sie diese Fabriken sehen, Mister Formann?«
»Es erhebt mein Herz, Exzellenz, wenn ich Ihre Fabriken sehe«, sagte Jakob. Danach versagte ihm die Stimme vor Kummer und Leid. Er bemerkte, daß der Jaschke die Augen geschlossen hielt, bis die Fabriken außer Sicht waren. Dem geht das auch mächtig nahe, dachte Jakob, belebte sich etwas und sagte: »Also bekommt das ruhmreiche karanianische Volk jetzt endlich schöne Häuser!«
»Im Moment noch nicht«, erwiderte Seine Exzellenz Feldmarschall Gamba M’Gamba freundlich. »Im Moment exportieren wir alle Fertighäuser in Krisengebiete und in die verelendeten benachbarten Staaten. Aber die Zeit wird kommen …«
»Jajaja, ganz bestimmt wird die Zeit kommen, Exzellenz«, unterbrach ihn Jakob und dachte: Es ist also überall auf der Welt dasselbe …
Auf dem modernen Flughafen von Karania herrschte reges Treiben. Drei Maschinen der KARANIAN AIRLINES standen vor dem Tower. Jakob sah viele Passagiere der unterschiedlichsten Nationalitäten – lauter Fachleute, die nach dem Militärputsch als Geiseln festgenommen worden waren und jetzt, da das befreite Karania sich ebenso demokratisch wie hundertprozentig in den Besitz seiner Produktionsmittel gesetzt hatte, ausgeflogen wurden.
Jubelnd wurde Jakob von seinen Mitarbeitern begrüßt. Sie bildeten gleichsam eine Euphorie-Kommune – wie einer der Herren es ausdrückte: »Scheißegal, wem hier jetzt was gehört – Hauptsache, wir kommen nach Hause!«
Mit größter Höflichkeit wurden sie dann alle zu den Flugzeugen geleitet. Der Feldmarschall schüttelte Jakob und Jaschke die Hand, sah ihnen fest in die Augen und sagte: »Bona causa triumphat! Oder, um es Ihnen, lieber Mister Formann, der Sie so schlecht Latein können, wie mein Geheimdienst mir mitteilte, zu übersetzen: ›Zuletzt siegt immer die gute Sache!‹«
»Das haben Sie sehr schön gesagt, Exzellenz«, antwortete Jakob artig und verneigte sich tief. Wollen mal sehen, wie lange es dauert, bis du bei der nächsten Revolution erschossen wirst, dachte er. Dem Stößlgasser, dem wird nichts passieren. Gute Fahrer erschießt man nicht. Gute Fahrer werden immer gebraucht.
Dann flogen sie.
Jakob saß an seinem Fenster, Jaschke neben ihm. Lange sprachen sie kein Wort. Nach einer Stunde ging der Pilot mit seiner Maschine tiefer, denn er hatte ein Rudel Elefanten ausgemacht und wollte seinen Gästen etwas bieten. Die Elefanten stürmten vor dem lautlos über die Steppe jagenden Schatten der Maschine davon.
Jakob seufzte tief.
»Was hast du denn, Jakob?« fragte Jaschke.
»Ach, weißt du, Karl«, sagte dieser. »Mir ist gerade was eingefallen.«
»Und zwar was, Jakob?«
»Vor Jahren, da habe ich einmal in einer Zeitung eine Kritik über ein Buch gelesen, das hat geheißen – warte, ich habe ein Gedächtnis wie ein Elefant – ›Die Wurzeln des Himmels‹ hat es geheißen, was sagst du jetzt?«
»Donnerwetter, schon toll, dein Gedächtnis.«
»Nicht wahr?«
»Ja, und?«
»Und was? Ach so! Und in diesem Buch hat einer über Afrika und Elefanten geschrieben … Da hast du es, die Gedankenverbindung!«
»Sehr schön. Und?«
»Und was noch? Ach ja! Damals habe ich mir fest vorgenommen, daß ich auch einmal nach Afrika fliege und meinen Elefanten schieße auf einer Safari.« Jakob sah still zu den lieben Tieren hinab. »Aber«, sagte er versonnen, »jetzt möcht’ ich das eigentlich gar nicht mehr. Nein, nein, ich glaub’, ich werd’ nie im Leben freiwillig auf eine Safari nach Afrika gehen!«
32
»So etwas ist mir noch nie passiert«, brummte Jakob.
»Obwohl es jeder hätte voraussehen können, der seine fünf Sinne beisammen hat. Weißt du, Darling – du bist mir nicht böse, nein? –, weißt du, zu deinen Geschäften fehlt dir, wie ich immer wieder gesagt habe, eben ein bißchen Intelligenz.«
»Verflucht, ja! Wie ein Idiot habe ich mich benommen«, sagte Jakob gramvoll. Es kam ihm überhaupt nicht zu Bewußtsein, was sich Natascha da herausnahm. Kein Weib hatte bislang so zu ihm gesprochen, hatte so zu sprechen gewagt. Natascha schon. Die erlaubte sich bei Jakob einfach alles. Und er schluckte einfach alles, denn seine fixe Idee, Nataschas Sinnlichkeit zu wecken, hatte ihn jeder klaren Betrachtungsweise beraubt.
Die Dame lag nackt auf dem Bauch und ließ sich von dem nackten Jakob den Rücken eincremen, denn man schrieb den 8. August 1962, und im August sind die Tage heiß da unten an der Côte d’Azur. Gar leicht holt man sich einen Sonnenbrand. Die Herrschaften befanden sich auf der Dachterrasse des CHÂTEAU NATASCHA auf Cap d’Antibes. Dieser Rücken … Jakob fühlte eine Spannung in sich und an sich, die wuchs und wuchs und so unerträglich wurde, daß er stöhnte.
»Weshalb stöhnst du so, Jake?« erkundigte sich Natascha.
»Weil ich … Aua, jetzt habe ich ihn eingeklemmt! … Weil ich … weil ich …«
»Fester die Schultern! Und mehr Creme! Weshalb stotterst du denn jetzt auch noch?«
»Was heißt auch noch?«
»Na, du sagst doch selber, so eine Idiotie wie dieses Afrikageschäft ist dir noch nie passiert. Mit allem fängt es einmal an. Mit geschäftlichem Versagen. Mit Stottern … Mit …«
»Natascha!«
»Den Rücken weiter runter … und fest …«
Jakob war in Schweiß gebadet. Sein Herz raste. Sein … na ja, schon gut.
»Natascha!«
»Jake?«
»Ich glühe … Ich verbrenne … vor Sehnsucht nach dir …«, behauptete er. (Sein Freund Misaras hätte ihm ob solcher Worte und ob solch entwürdigenden Verhaltens ein paar ins Zahnfleisch gelangt. Ach, aber sein Freund Misaras war so weit weg, in Los Angeles!)
»Laß mich … laß mich … jetzt gleich!«
Also ließ sie ihn jetzt gleich.
An dieser Stelle wäre allerdings noch etwas nachzutragen.
Vor langer Zeit, als Jakob zum erstenmal eine Chinesische Schlittenfahrt gewagt hatte, war er von Natascha sogleich zurückgestoßen worden.
»Bist du irre?«
»Überhaupt nicht. Das ist … da kriegst du … du wirst schon sehen … wo ich dich doch so liebe, Natascha …«
»Ich liebe dich auch, Darling«, hatte die Göttin erwidert. »Aber nicht so! Nicht, wenn du das machst. Nicht, wenn du deiner Perversität freien Lauf läßt.«
»Ich lasse meiner Perversität freien …« Jakob war verblüfft gewesen.
Natascha hatte sich mütterlich geäußert: »Ich sagte ja, du sollst mir nicht böse sein. Ich bin ganz offen: Anscheinend ist es dir nicht leicht möglich, den Beischlaf normal zu vollziehen, deshalb hilfst du dir mit Perversität. Damit du leichter kannst. Aber nicht bei mir, Darling, bitte, nicht bei mir. Ich hasse Perversitäten …«
Wie immer, so ließ Natascha auch diesmal seine Bemühungen träge und unbeteiligt über sich ergehen.
Na, es wird schon noch, es wird schon noch, dachte Jakob zuversichtlich. Sie ist eben ein besonders unschuldiges, besonders unerwecktes Geschöpf. Aber ein bißchen traurig machte ihn dieser Zustand.
Und golden glänzte das Mittelmeer …
»Darling«, sprach Natascha zärtlich, »ich weiß wohl, was in dir vorgeht. Ich bin eine Frau, die weiß, was in jedem Mann vorgeht, der mich sieht. Ich höre alles, ich bemerke alles, ich sehe alles. Aber eine Dame spricht nicht über derlei. Eine Frau, eine wirkliche Frau, weiß Bescheid über die geheimsten Gefühle eines Mannes – doch sie schweigt über sie … wie über ihre eigenen …« (Hier hätte Natascha vermutlich von Misaras eine hinter die hübschen Ohren bekommen!)
Jakob war ergriffen.
»Soll das heißen, daß du doch …«
»Sehnsucht ist mehr als Erfüllung. Mußt du immer alles durch Worte zerstören? So etwas fühlt man. Oder man fühlt es nicht. Das Wort ist der Tod des Gefühls. Noch ein bißchen mehr Sonnenöl auf den Popo, bitte.«
Jakob war zutiefst erschüttert. Eine Göttin eben! Die Göttin meines Lebens!
»Auch blinde Eile zerstört alles«, sprach die Göttin. »Du darfst nicht blindlings eilig sein, Jake. Niemals. Versprich es mir.«
»Ich verspreche es, Natascha … Und verzeih mir.«
»Natürlich verzeihe ich dir. Aber zerstöre bitte nie unsere wunderbare Zweisamkeit durch perverse Sinnenlust, die du nicht bezähmen kannst. Bezähme sie, wie ich es tue. Versprich mir das.«
»Ich … verspreche es dir, Natascha!«
»Du hast gesagt, du mußt heute nachmittag nach Bonn fliegen, um mit Herrn Arnusch zu sprechen, geschäftlich …«
»Ja, dringend. Warum?«
»Du bist ein so Süßer! Du hast deiner kleinen Natascha doch immer noch jeden Wunsch von den Augen abgelesen …«
»Ja, das stimmt. Hrrm … Wünschst du dir wieder was, Natascha? Sag’ es! So sag’ es doch! Du mußt verzeihen, aber seit dem Pech, wo ich mit den Negern gehabt habe, bin ich ein bissel nervös …«
»Das kann ich nur zu gut verstehen, Liebster. Auf unserer großen Gala, da hattest du doch auch den Prinzen Karl-Heinz von Heydersburg eingeladen, nicht wahr?«
»Den aus der Schwerindustrie, den Multimillionär, ja, warum?«
»Während du in Afrika warst, hat er angerufen. Er wollte dich und mich einladen …«
»Wozu?«
»Zu einer Weltreise. Er hat doch diese herrliche Jacht …«
»Ich habe auch eine herrliche Jacht!« protestierte Jakob.
»Natürlich. Eine herrlichere sogar. Aber du hast doch nie Zeit! Bitte, jetzt mußt du wieder nach Bonn … Deine herrliche Jacht liegt und liegt und liegt. Der Prinz will mit seiner um die Welt reisen. Vier Monate lang. Ich weiß, ich weiß, soviel Zeit hast du nie für mich! Deine Arbeit! Aber ich, Jake, ich bin so oft allein und langweile mich. Und Karl-Heinz … äh, der Prinz hat eine so lustige Gesellschaft eingeladen, dreißig Leute alles zusammen, und wir hätten so viel Spaß, und wenn ich dann wiederkomme, Liebster, dann wird meine Sehnsucht nach dir ganz groß geworden sein …«
Jakob war so aufgeregt, daß er versehentlich den Inhalt eines Fläschchens Sonnenöl auf sein kostbarstes Gut goß.
»Natürlich«, sprach die Göttin, »brauche ich neue Kleider. Ich habe nichts anzuziehen. Die alten Sachen kennt jeder, nicht wahr? Auch meinen Schmuck kennt schon jeder. Da! Ich habe doch gesagt, ich kann alles, was ein Mann in meiner Gegenwart denkt, von seinen Augen ablesen! Ich weiß genau, du wolltest gerade sagen, daß ich neue Kleider und ein bißchen Schmuck brauche! Habe ich recht, Jake?«
»Voll …« Er mußte sich wieder räuspern. »Vollkommen, mein Herz. Du weißt selber am besten, was du brauchst, ich bin nur ein gehetzter, von seinen Geschäften terrorisierter Mann. Du hast doch Vollmacht über mein Konto bei der Chase Manhattan …«
Der Blick ihrer Augen ging ins Leere.
»Natascha!« Keine Antwort. »Natascha! Woran denkst du?«
Das Himmelswesen sprach: »An das Leben, Geliebter.«
»Was ›an das Leben‹?«
»Wie flüchtig es ist … und wie tragisch …«
»Wieso tragisch?«
»Ach, Jake«, seufzte sie. »Denke an Dante …«
»War der auch auf meinem Fest?«
»O Gott. An die ›Göttliche Komödie‹!«
Jessasmariandjosef, jetzt wird die mir auch noch intellell, dachte Jakob entsetzt und fuhr zurück.
»Was für eine Komödie?«
»Die Göttliche. Die hat Dante geschrieben, Alighieri. Dante Alighieri. Der größte römische Dichter. Sein Hauptwerk ist ein Epos in Terzinen« (Allmächtiger, ein was in was? dachte Jakob), »nämlich die ›Divina Commedia‹ – die ›Göttliche Komödie‹. An sie mußte ich eben jetzt denken. An einen bestimmten Gesang daraus.«
»Einen bestimmten wie bitte?«
»Gesang.«
»Hat der denn auch Lieder gemacht, der Dante?«
»Jake!«
»Entschuldige, aber wenn du sagst ›Gesang‹ …«
»Es ist kein richtiger Gesang«, sprach die Barbusige mit einem Blick des Mitleids (auf Jakob sowohl wie auf einen Teil von Jakob, der sich ebenfalls sehr erschrocken zurückgezogen hatte), »es ist ein … das hat doch bei dir alles keinen Sinn … Ich habe an Dante denken müssen, weil mir die Vergänglichkeit alles Wesens gerade so stark zu Bewußtsein gekommen ist … Ich spreche ihn dir vor, diesen Gesang.«
Und Natascha rezitierte:
»Gerade in der Mitte meiner Lebensreise
Befand ich mich in einem dunklen Walde,
Weil ich den rechten Weg verloren hatte.
Wie er gewesen, wäre schwer zu sagen.
Der wilde Wald, der harte und gedrängte,
Der in Gedanken noch die Angst erneuert,
Fast gleichet seine Bitternis dem Tode …«
Stille.
Absolute Stille.
Eine Träne quoll aus dem linken Auge der göttlichen Göttin Natascha.
»Ist das nicht wunderbar?« flüsterte sie.
»Wunderbar«, flüsterte Jakob und küßte ihre entzückenden Fingerspitzen.
Na ja, Hopfen und Malz verloren …
33
»Halt bloß die Goschen, du Trottel«, sprach der fette Arnusch Franzl in der Prachthalle seiner Bonner Residenz verärgert am Abend dieses 8. August 1962, »und untersteh’ dich, mir noch eine Minute lang weiter Vorwürfe zu machen, daß ich schuld bin an dieser Neger-Schweinerei!« (Jakob hatte ihm bereits vier Minuten Vorwürfe gemacht.) »Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!« fuhr der Arnusch Franzl böse fort. »Das, was da in Karania passiert ist, das hätte auch der Einstein nicht voraussehen können.« (Wer ist Einstein? Haben sie den auch reingelegt, die Neger? grübelte Jakob.) »Da rackert man sich ab seit Jahren und zerbricht sich den Kopf und schläft nicht vor Sorgen und Überlegungen hin und her, und alles für dich, und das ist der Dank! Na ja, wie es eben so geht im menschlichen Leben.«
»Herrgott, sei doch nicht gleich so empfindlich!«
»Ich bin sehr empfindlich auf diesem Gebiet, mein Guter«, sagte der Arnusch Franzl. »Ich habe dir geholfen, dein Imperium aufzubauen …«
»Aber das bestreitet doch niemand, mein Bester!«
»… und es zu erhalten …«
»Dafür danke ich dir ja auch, aber man wird doch noch reden dürfen!«
»… was weiß Gott immer schwieriger wird in dieser Zeit.«
»Was heißt: In dieser Zeit? Unsere Betriebe laufen doch so phantastisch wie noch nie!«
»Ja, und wir zahlen auch Steuern so phantastisch wie noch nie. Das heißt«, sagte der Franzl, »wir würden Steuern zahlen so phantastisch wie noch nie, wenn der Arnusch Franzl nicht achtgeben und sich immer wieder was Neues einfallen lassen würde. Du, du bist ja vollauf mit deiner Natascha beschäftigt, du …«
»Franzl, mein Bester?«
»Jakob, mein Guter?«
»Halt sofort das Maul, Franzl, sonst knall’ ich dir eine, über Natascha hast du kein Wort zu verlieren, verstanden?«
»Ach, leck mich doch …«
»Wie ist das mit den Steuern? Was hast du da ausgeheckt?« Jakob lenkte eilig ab und schmierte dem Arnusch Franzl Honig um dessen Mündchen. Der fiel prompt darauf herein. Oder er tat so, als falle er darauf herein.
»Es gibt immer neue Wege«, dozierte er, aus einer riesigen Bonbonniere Konfekt fressend, mit halbvollem Mund. »Man muß am Ball bleiben. Wie es so geht im menschlichen Leben. Die Steuerfahnder schlafen nicht. Willst du nicht auch?« Er hob die Bonbonniere.
»M-m.«
»Nougat mit Nuß. Das Beste!«
»Nein, danke, wirklich nicht.«
»Na schön, dann nicht. Auch Marzipan wäre da. Aber wie es so geht im menschlichen Leben … Also zum Beispiel Provisionen …«
»Was ›also zum Beispiel Provisionen‹?«
»Daß ich es dir erkläre, was ich gemacht habe«, sagte der Arnusch Franzl und erklärte es …
34
Nämlich:
Jakob machte doch riesenhafte Geschäfte mit der ganzen Welt, nicht wahr? Millionengeschäfte! Geschäfte mit vielen Millionen! (So ein Plastikwerk in China oder Rumänien oder Rußland oder Japan, das kostet schon seine paar hundert Millionen, na was denn!)
Selbstverständlich kam man aus all diesen Ländern und bat Jakob – wie wir es geschildert haben –, derartige Werke dort zu bauen. Der Arnusch Franzl fand, daß das gar nicht so selbstverständlich war. Die meisten dieser Monster-Geschäfte werden normalerweise über einen Vermittler abgewickelt. Der Vermittler bekommt eine saftige Provision. Bei ein paar hundert Millionen ist so eine Provision dann schon ganz schön saftig, wie es so geht im menschlichen Leben.
Um ganz sicher zu sein, hatte der Arnusch Franzl einen Experten für deutsches Steuerrecht aufgesucht und ihm Fragen gestellt.
»Wenn«, hatte der Experte gesagt, »ein Vermittler da ist, und er bekommt von einer Gesellschaft oder einer Firma Provision für ein durch ihn zustande gekommenes Geschäft, dann kann diese Firma oder diese Gesellschaft die Provision von der Steuer absetzen; sie erklärt dann, daß sie Herrn Soundso soundsoviel Mark für die Vermittlung eines Geschäfts gegeben hat.«
»Das ist mir klar«, hatte der Arnusch Franzl zu dem Experten gesagt. »Was ich wissen möchte, ist: Muß so eine Gesellschaft oder Firma auch genau Namen und Adresse des Vermittlers angeben?«
»Nein. Angegeben werden muß nur, auf welche Bank die Provisionssumme überwiesen worden ist. Und die Firma oder Gesellschaft selber muß nachweisen, daß das Geld von einem ihrer Konten abgebucht wurde.«
»Das ist alles?«
»Das ist alles. Natürlich muß der Empfänger der Provision auch seine Steuern zahlen. Aber das geht Sie nichts mehr an, dafür haben Sie keine Verantwortung.«
»Ich danke für die Auskunft«, hatte der Arnusch Franzl höflich gesagt und sich ans Werk gemacht.
Von Stund an gab es bei sämtlichen Großunternehmen des Wirtschaftsimperiums Jakob Formann Vermittler, und diese Vermittler bekamen natürlich die ihnen zustehenden Provisionen. Als Chef des Rechnungswesens hatte der Franzl selbstredend Vollmacht über Jakobs Konten. Das ging alles ungeheuer ordentlich zu bei ihm! Auch bei den Provisionszahlungen.
Der Franzl hob die anfallenden Millionenbeträge ab und überwies sie den Vermittlern. Wie es sich traf, war bei den drei, die er sich zuletzt als Chefvermittler aussuchte, der Sitz ihres Geschäfts in Liechtenstein. Liechtenstein ist ein sehr kleines und sehr schönes Land. Das schönste an Liechtenstein sind die Kanzleien der Anwälte, die es in diesem kleinen Land gibt. So ein Anwalt vertritt zweihundertfünfzig bis dreihundert Klienten, sprich Firmen oder Einzelpersonen. Mit Leichtigkeit! Das geht wie’s Brötchenbacken.
Der Franzl suchte sich unter den Liechtensteiner Anwälten einen aus, der ihm besonders vertrauenswürdig erschien, und an den überwies er dann, auf ein Liechtensteiner Konto, die Provisionen für seine drei Chefvermittler. Der deutschen Steuer gab er die Überweisungen gesetzestreu bekannt. Der Anwalt in Liechtenstein, der dem Franzl besonders vertrauenswürdig erschienen war, überwies die eintreffenden Beträge – nach Abzug seiner Gebühren – prompt weiter auf ein schwarzes Konto in Amerika, wo Jakob ja auch einen großen Ableger seines Imperiums installiert hatte.
All das erklärte der Arnusch Franzl dem staunenden Jakob am Abend des 8. August 1962 in seiner schönen Villa in Bonn.
»Wie lange machst du das schon, Franzl?«
»Na, seit drei Jahren.«
»Und … und was ist denn so alles in allem nach Liechtenstein und dann nach Amerika überwiesen worden?«
»Ich sage ja, diese Natascha ruiniert dich noch! Du kümmerst dich nicht ums Geschäft! Du weißt nicht, was auf deinen Konten liegt! Du …« Der Franzl schob die Faust beiseite, die Jakob ihm unter die Nase hielt. »Du bist mit Blindheit geschlagen. Wie es so geht im menschlichen Leben. Etwa zweihundertzweiunddreißig Millionen.«
»Was?«
»Sind nach Liechtenstein und dann nach Amerika überwiesen worden bisher.«
»Und keiner von den Vermittlern ist der Steuer aufgefallen dadurch, daß er keine Steuern bezahlt hat?«
»Keiner, mein Bester.«
»Aber wieso denn nicht?« wunderte sich Jakob.
»Jakob, mein Guter, manchmal bist du wirklich so blöd, daß man dich mit einem nassen Fetzen erschlagen müßte«, äußerte der Franzl und lutschte genüßlich an einer Kognakkirsche, was seine Aussprache etwas undeutlich werden ließ.
»Wieso bin ich so blöd?«
»Na, es gibt doch überhaupt keine Vermittler«, sagte der Franzl.
»Es gibt keine …« Jakob saß mit offenem Mund da.
»Natürlich nicht. Sonst wäre das doch nie ein Geschäft für uns, du Trottel! Und außerdem: Brauchen wir vielleicht Vermittler? Das mache ich alles selber!«
»Du bist dein eigener Vermittler?« fragte Jakob überwältigt.
»Siehst du, es wirkt schon, mein Bester!« Der Arnusch Franzl rieb sich die fetten Hände und begann danach, in Pistazienstückchen zu wühlen. »Übrigens mußt du morgen nach Zürich fliegen. Und zwar mit einem von deinen Flugzeugen.«
»Warum?«
»Weil, mein Guter«, sagte der Arnusch Franzl, verzeihend und milde wie ein Lehrer zu einem idiotischen Kind, »es praktisch ist, ein Flugzeug zu nehmen, wenn man zweiundzwanzig Millionen D-Mark in Scheinen zu transportieren hat. Und Nougat ist doch das Beste!«
»Was sind denn das für zweiundzwanzig Millionen?« fragte Jakob.
Der verfressene und von sich selbst begeisterte Arnusch Franzl erwiderte heiter: »Na, du hast da in der Schweiz doch einen Haufen Patente gekauft – für deine Kunststoffe und Fertighäuser und Hühnerfarmen!«
35
»Du hast da in der Schweiz natürlich nicht einen Haufen Patente gekauft – für deine Kunststoffe und Fertighäuser und Hühnerfarmen«, sagte der Franzl ungeduldig, nachdem er das Glas voll Wasser gebracht hatte, um das ihn Jakob mit schwacher Stimme gebeten hatte. Er sprach, während unser Freund trank: »Du hast nicht eine einzige müde Mark jemals für den Erwerb von Patenten ausgegeben – in der Schweiz oder irgendwo sonst, klar?«
»Vollkommen klar«, sagte Jakob und umklammerte das Wasserglas. »Und darum, weil ich nicht eine einzige müde Mark in der Schweiz für den Ankauf von Patenten ausgegeben habe, muß ich jetzt hinfliegen und – wieviel hast du gesagt …?«
»Zweiundzwanzig Millionen, mein Guter.«
»… und zweiundzwanzig Millionen abholen. Klar, völlig klar.«
Jakob hielt sich den Kopf. »Das ist ja wohl selbstverständlich, daß ich zweiundzwanzig Millionen verdiene damit, daß ich keine einzige Mark ausgebe und kein einziges Patent kaufe.«
»Du bist leider ein ganz großer Trottel, Jakob, mein Bester«, sagte der Arnusch Franzl, der immer munterer wurde. »Ich möchte bloß wissen, was du ohne mich gemacht hättest in all den Jahren. Natürlich hast du doch Patente in der Schweiz gekauft!«
»Natürlich habe ich doch Patente in der Schweiz gekauft«, wiederholte Jakob, um den sich bereits alles drehte.
»Das haben wir jedenfalls dem Finanzamt gesagt.«
»Das hast du jedenfalls dem Finanzamt gesagt, ich nicht!«
»Krümelkackerei – aber schön, ich habe es gesagt. Als dein Generalbevollmächtigter! Paß auf, du Trottel, daß ich es dir erkläre: Du hast in den ganzen Jahren Patente in der Schweiz gekauft, für deine verschiedenen Betriebe.«
»Aha.«
»Und die Patente, die haben natürlich Geld gekostet. So ein Erfinder muß schließlich auch leben. Nur daß es so einen Erfinder gar nicht gibt.«
»Aha«, sagte Jakob zum zweitenmal. Der zitternde Ton in seiner Stimme entging dem munteren Arnusch Franzl, der weiterdozierte: »Das Geld für die Patente von den Erfindern, die es gar nicht gibt, hast du auf verschiedene Bankkonten in Zürich überwiesen, und bei den Steuererklärungen haben wir dann jedesmal angegeben, wieviel wir überwiesen haben. Diese Beträge sind natürlich nicht versteuert worden. In Wirklichkeit habe ich dir diese Konten eingerichtet …« Der Franzl schmatzte vor Selbstgefälligkeit und Schokolade. »… und da ist das Geld dann draufgeblieben. Alles klar, mein Guter?«
»Alles klar«, sagte Jakob gottergeben.
»Jetzt ist die Zeit gekommen, wo man das Geld beruhigt wieder abziehen kann, weißt du? Darum habe ich dich herkommen lassen – weil du sofort das ganze Geld in bar mit einem Flugzeug abholen und zurückbringen mußt.«
»Wohin zurückbringen?«
»Na, zurück in die Heimat, mein Bester. Ich habe alle wichtigen Leute geschmiert. Du wirst nicht kontrolliert werden. Die Maschine auch nicht. Heim ins Reich, haha! Der Steuer haben wir es auf diese Weise entzogen, und nun können wir mit diesen zweiundzwanzig Millionen in Ruhe weiterarbeiten. Ist jetzt alles klar?«
»Jetzt«, sagte Jakob, beinahe flüsternd, »ist alles klar. Aber erlaube mir eine Frage. Erlaubst du mir eine Frage?«
»Natürlich. Also bittschön?«
»Wieviel Prozente hast du denn bei all diesen Transaktionen für dich behalten, mein Guter?«
»Lächerliche zwanzig Prozent«, antwortete der Arnusch Franzl freundlich. »Du kennst mich doch … und meine Bescheidenheit, nicht wahr, mein Bester?«
»Lächerliche zwanzig Prozent?«
»War doch geschenktes Geld, nicht?« sagte der Arnusch Franzl. Danach erschrak er über Jakobs Gesichtsausdruck.
»Was hast du denn?«
»Was ich habe, du Drecksau, du verfluchte?« Jakob erhob sich, nahm die große Bonbonniere und schlug sie dem Arnusch Franzl um die Ohren, daß die Pralinen nur so durchs Zimmer flogen.
36
»Hör auf! Hör auf! Gott im Himmel, bist du wahnsinnig geworden?« schrie der Arnusch Franzl, seinen Kopf mit den Händen schützend, so gut es ging. Jakob gab ihm einen Tritt in den mächtigen Bauch, und der Franzl krachte auf die breite Couch.
»Ich bin nicht wahnsinnig geworden«, sagte Jakob sanft, »ich bin absolut normal. Ich hab’ alles begriffen. Du, mein Generalbevollmächtigter, hast unter schwerstem Mißbrauch meines guten Namens betrogen und belogen und beschissen!«
»Na und? Hast du das bei dem Afrikageschäft, das leider, leider in die Hosen gegangen ist, nicht etwa mit Freuden auch getan?«
»Das«, sprach Jakob Formann voll Würde, »war etwas ganz anderes. Ich habe nicht gesagt, daß Jakob Formann überhaupt nicht bescheißt. Aber Jakob Formann bescheißt nicht so, daß er plötzlich die deutsche Steuerfahndung auf dem Hals hat. Die Steuerfahndung, jawohl, du Hund! Und Jakob Formann läßt sich nicht einfach zwanzig Prozent von seinem Generalbevollmächtigten klauen!«
»Aber …«
»Kusch! Die Schiebereien hätte ich auch allein machen können! Aber ich hätte sie so gemacht, daß die Steuer mir niemals an den Karren hätte fahren können, und nicht so wie du, du Arsch von einem Arsch! In Gefahr gebracht hast du mein Lebenswerk durch deine blödsinnigen Sauereien! Und beklaut hast du mich auch noch! Mein Schulfreund und alter Spezi beklaut mich! Um zwanzig Prozent nur! In seiner Bescheidenheit, in seiner wunderbaren!«
»Hör mal, Jakob, als dein Generalbevollmächtigter habe ich dir unzählige Dienste erwiesen, und das ist der Dank?«
»Dank? Bist du wahnsinnig geworden? Die Fahndung, du Hornochse! Verantwortlich bin immer und immer ich, nicht irgendein Generalbevollmächtigter!« Mehr und mehr regte Jakob sich auf. »Und deshalb habe ich ab sofort keinen Generalbevollmächtigten mehr!«
»Aber du hast doch mich …«
»Gehabt! Du bist nämlich soeben gefeuert worden, kapiert? Zwanzig Prozent … Und wenn jetzt die Fahndung kommt … Mensch, ich könnte dich umbringen, du Drecksau! Bis morgen früh bist du hier raus, verstanden? Raus mit dir! Jakob Formann ist seiner Zeit immer um zwei Schritte voraus! Jakob Formann weiß, was ein guter Name und eine weiße Weste in zwei Jahren wert sein werden! Scher dich weg! Von Stund an kenne ich dich nicht mehr! Und wenn du morgen früh nicht verschwunden bist oder irgendwelchen Wirbel machst, zeige ich dich an. Und von alldem, was du Mistvieh da angerichtet hast, habe ich überhaupt nichts gewußt!«
37
Aufrecht, bieder, ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, so schritt Jakob durch den Garten vor der Villa des Arnusch Franzl auf die Straße hinaus, wo der gute alte Otto Radtke mit einem Rolls-Royce wartete und nun den Schlag aufriß. Otto bemerkte sofort, daß etwas nicht stimmte. Er fragte erschrocken: »Ist was passiert, Jakob?«
»Das kann man wohl sagen«, antwortete Jakob, auf den Sitz neben Radtke fallend. Otto rannte um den Wagen, kletterte hinter das Steuer und fragte: »Was denn, um Himmels willen? Jakob! Du siehst ja aus wie der Tod!«
»Ganz in der Nähe von dem bin ich auch«, sagte Jakob schwach. »Ich habe die größte Enttäuschung meines Lebens hinter mir. Mich hat’s grauenhaft erwischt. Fahr in den BREIDENBACHER HOF nach Düsseldorf …« Er zuckte zusammen. »Nein, nicht Düsseldorf! Auf keinen Fall Düsseldorf! Fahr nach Köln, ins DOM-HOTEL!«
»Ich habe gedacht, wir bleiben eine Weile in Bonn, Jakob, und du schläfst beim Herrn Arnusch.«
»Nenne diesen Namen nie mehr, ich bitte dich herzlich«, sagte Jakob.
»Diesen Mann gibt es nicht mehr für uns. Dieser Mann ist für uns gestorben!«
»Aber was hat er denn angestellt?«
Jakob erzählte seinem Kriegskameraden und Freund Otto Radtke auf der Fahrt nach Köln, was der Arnusch angestellt hatte. Als er fertig war, sagte Otto gedankenvoll: »Na ja, ich weiß aber gar nicht, was du hast, Jakob. Das waren doch prima Ideen!«
»Otto!« Jakob sah seinen Freund entsetzt an. »Hast du denn keinen Funken Verstand mehr?«
»Wieso Verstand?«
»Mensch, der Arnusch Franzl, der Hund, der hat das alles doch vollkommen idiotisch angefangen!« Jakobs Schläfennarbe pochte heftiger und heftiger. »Der bringt mich um Kopf und Kragen! Der bringt mich ins Loch! Wenn da jetzt die Fahndung auf was draufkommt, ist es aus mit mir! Denn ich, Otto, ich bin immer noch der Verantwortliche! Ein Generalbevollmächtigter tut ja nichts gegen den Willen des Chefs! Weiß Gott, was der Arnusch noch gemacht hat! Und zwanzig Prozent für sich!« Jakob stöhnte, preßte eine Hand gegen das Herz, denn da hatte er einen Stich verspürt. Er dachte scharf nach.
Also seit drei Jahren hat der Franzl diesen Beschiß gemacht und noch weiß Gott wie viele andere dazu. Bevor die Fahndung draufkommt, muß ich mich wenigstens halbwegs schützen. Am besten durch Selbstanzeige! Nehmen wir an, die Steuer ist – ganz niedrig gegriffen – nur um fünfundachtzig Millionen beschissen worden. Dann sind das in drei Jahren …
Zweihundertfünfundfünfzig Millionen!
Großer Gott im Himmel!
Bei einer Selbstanzeige kriege ich die Fahndung auf jeden Fall und dabei kommen dann die ganzen Geschichten raus, die ich angestellt habe … dazu Zinsen und Strafe, das macht gut und gerne … Vierhundert Millionen, gut und gerne.
Gut und gerne?
Das kann ich mir ja nie im Leben leisten! Das bringt mich ja um! Mit meinen Häusern und meinen Flugzeugen und meinen Autos und meinem Aufwand und mit meiner Natascha, die jetzt neuen Schmuck kauft! Herrgott, da muß ich ja Bankdarlehen aufnehmen, um meine Steuern nachzuzahlen! Und mein Ruf in der Branche wäre hin! Also, so geht das nicht! Also …
Also kann ich mich gar nicht selber anzeigen! Sondern muß mit dem ewigen Schrecken leben, daß sie mir von selber draufkommen! Entsetzlich! Unfaßbar, was dieser Schuft, dieser Verbrecher, dieser Arnusch Franzl mir da angetan hat.
Der Schmerz in der Herzgegend wurde stärker und stärker. Und das Atmen fiel Jakob schwerer und schwerer. Er ächzte. Er stöhnte. Er wand sich. Überall brach ihm Schweiß aus. Er konnte gerade noch denken: Jetzt hat der Franzl mir meinen ganzen schönen Krieg versaut.
Nachdem er das gedacht hatte, wurde ihm schwarz vor den Augen, und er kippte gegen Ottos Schulter. Aber das wußte er schon nicht mehr.
38
Mit einem Schrei fuhr Jakob auf. Er lag in einem fremden Bett in einem fremden Zimmer und vor ihm stand ein fremder Mann in einem weißen Mantel. In diesem Zimmer war alles weiß.
»Hilfe!« schrie Jakob Formann.
»Jajaja«, sagte der Mann in Weiß und drückte ihn ganz sanft auf das Kissen zurück. »Ist ja schon gut. Endlich ausgeschlafen?«
»Wer sind Sie?«
Jakob war so sterbenselend zumute wie noch nie.
»Ich bin«, sagte der im weißen Kittel, »Professor Klappke, Arzt vom Dienst auf Ihrer persönlichen Privatstation.«
»Privatstation von was?«
»Von Ihrem Berliner Großklinikum, Herr Formann.«
»Sie … Sie kennen mich?«
»Natürlich kenne ich Sie.«
»Ogottogottogott …«
»Aber was haben Sie bloß?«
»Einen Herzinfarkt natürlich!«
»Keine Spur, Herr Formann!«
»Ich habe einen Herzinfarkt!« regte Jakob sich auf.
»Herr Formann, Sie sind sofort nach der Einlieferung untersucht worden. Gründlichst. Besonders das Herz. Ich wiederhole: Sie haben keinen Herzinfarkt!«
»Und ich bestehe darauf, ich habe einen!«
»Sie haben einen … verzeihen Sie … hysterischen Herzanfall erlitten und …«
»Hysterisch? Sie haben hysterisch gesagt?«
»Ja. Das war nicht bös gemeint. Sie hatten wahrscheinlich große Aufregungen. Da passiert so etwas schon einmal.«
»Aber die Schmerzen in der Herzgegend … die Atemnot … meine Ohnmacht … Jetzt erinnere ich mich wieder …«
»Und ich kann nur wiederholen: Sie haben keinen Herzinfarkt, Herr Formann.« Der Arzt mußte mächtig an sich halten. »So glauben Sie mir doch endlich!«
»Wer sind Sie überhaupt?«
»Professor Klappke, wie ich schon sagte, Herr Formann. Oberarzt bei Professor Weidenhaus, Herr Formann. Professor Weidenhaus ist mehr als überlastet. Ich halte hier seit sechs Tagen Wache. Umschichtig natürlich. Mit Professor Johannsen. Es geschieht alles für Sie! Wenn Sie wieder zu sich kommen, soll ich Professor Weidenhaus sofort verständigen …«
»Was heißt ›zu mir kommen‹?«
»Wir haben Ihnen ein paar Spritzen geben müssen, Herr Formann.«
»Spritzen? O Gott! Warum Spritzen?«
»Um Sie zu beruhigen. Damit Sie schlafen. Sie waren überarbeitet. Sie hatten einen kleinen Zusammenbruch.«
»Zusammenbruch?« jaulte Jakob auf. »Jakob Formann ist zusammengebrochen? Was schreiben die Zeitungen? Was sagt das Fernsehen?«
»Ihre kleine Unpäßlichkeit ist geheimgehalten worden.«
»Kleine Unpäßlichkeit?« Jakob empörte sich. »Mann, gefällt es Ihnen hier nicht mehr? Wollen Sie kündigen? Fristlos vielleicht?«
»Herr Formann … Herr Formann … Ich bitte Sie!«
»Bitten mich … bitten mich!« brauste Jakob noch mehr auf. »Da hat man in Berlin ein Großklinikum aus dem Boden gestampft, und wenn man dann selber eingeliefert wird, dann hat man eine kleine Unpäßlichkeit? Unverschämtheit so etwas! Sie werden von mir bezahlt, vergessen Sie das nicht! Ihr alle hier werdet von mir bezahlt, verflucht noch mal! Und dann muß ich mir so was anhören! Kleine Unpäßlichkeit! Wie bin ich überhaupt hierhergekommen? Mir fehlen ja sechs Tage!«
»Mit einem Flugzeug der PAN AMERICAN WORLD AIRWAYS, Herr Formann«, sagte der Professor, der sich entsetzlich zusammennehmen mußte, um Jakob nicht eine zu schmieren. »Ihre eigenen Maschinen dürfen ja nicht durch die Luftkorridore nach Berlin.«
»Wie bin ich in die PAN AM gekommen?«
»Sie … hrm … haben Ihren Zusammenbruch auf der Fahrt nach Köln erlitten …«
»Zusammenbruch, hahaha! Meinen Herzinfarkt!«
»… und Ihr Chauffeur, Herr Radtke, brachte Sie sofort zum Flughafen. Sie tragen doch eine goldene Plakette um den Hals, auf der steht, daß Sie im Krankheitsfall unter allen Umständen sofort hierher in Ihr Berliner Klinikum gebracht zu werden wünschen!«
»Krankheitsfall! Jetzt haben Sie sich verraten! Herzinfarkt! Ich hab’s doch gesagt! Herzinfarkt! Was fehlt mir noch?«
»Ihnen fehlt gar nichts, Herr Formann. Wie gesagt: Überarbeitung und …«
»Schweigen Sie! Schweigen Sie augenblicklich! Und bringen Sie mir den Klinikchef! Her mit ihm! Aber sofort, verstanden?«
39
Es gibt Sachen, die darf sich selbst ein so großer Mann wie Jakob Formann nicht erlauben. Mit solchen Sachen bringt er seine Umwelt auf die Palme.
Es gelang dem großen Jakob Formann in den nächsten zwei Stunden, sieben Ärzte von Rang und Namen, ja von Weltruf auf die Palme zu bringen. Es gelang ihm ganz einfach. Nämlich so: Er zieh sie der Unfähigkeit. Er erklärte, jeden Moment sterben zu können. Er bestand auf einer Untersuchung seines Herzens.
Einer Untersuchung seines Herzens?
Auf allen Untersuchungen, die es überhaupt gab!
Wozu hatte sein Großklinikum phantastische Geräte, Apparate und sonstiges diagnostisches Inventar? Bloß, um ausgerechnet ihn nicht damit zu untersuchen?
»Wir werden Sie also untersuchen, lieber Herr Formann«, sagte der Klinikchef Professor Dr. Eberhard Weidenhaus mit gefrorenem Lächeln. Er stand vor Jakobs Bett. Neben ihm standen sechs andere Professoren der verschiedensten Fachgebiete.
»Aber von Kopf bis Fuß!« sagte Jakob Formann, mit zuckender Narbe an der Schläfe.
»Von Kopf bis Fuß«, sagte Professor Dr. Eberhard Weidenhaus gepreßt höflich. »Seien Sie ganz ohne Sorge.« Die versammelten Ärzte wechselten Blicke. Sie besagten nichts Gutes, diese Blicke. Sie hatten nichts Gutes vor, die sieben Ärzte. Sie hatten allerdings auch nicht mit einem Charakter wie Jakob Formann gerechnet …
Sie fingen harmlos an.
Also wieder das Herz. Mit allen Ableitungen, die es gab und noch ein paar dazu, die es nicht gab, damit mehr bunte Kabel mit Saugnäpfen auf Jakobs Brust befestigt werden konnten. Dann nahmen sie Jakob Blut ab. Für ein differenziertes Blutbild und vielerlei andere Tests. Dann Urin. Eine Probe genügte ihnen nicht. Einen ganzen Tag lang wurde jedes Tröpfchen Harn gesammelt. Und damit noch nicht genug. Am frühen Morgen mußte er eine Riesenkanne voll scheußlich schmeckendem Tee hintereinanderweg austrinken und dann jedesmal, wenn er mußte, in ein anderes Glas pinkeln. Sie machten ein Elektroenzephalogramm. Sein Gehirn arbeitete normal.
Sie spritzten ihm eine blaue Flüssigkeit ein, um zu sehen, was mit seiner Leber los war. Eine halbe Stunde nach dem Einspritzen wurde es Jakob totenübel. Sein (tadellos funktionierendes, er hatte es einsehen müssen!) Herz klopfte wild. Na also, dachte er, Leberkrebs. Es war kein Leberkrebs. Die Leber war völlig in Ordnung. Bei solchen Untersuchungsmethoden wird vielen Patienten schlecht. Das sagte ihm – in ihrer Unschuld – vertraulich eine bildhübsche Schwester mit Namen Kirsten.
Prompt begann Jakob abermals vor dem Professor zu lärmen: »Warum haben Sie keine Untersuchungsmethoden, bei denen einem nicht schlecht wird?«
»Sie wollten doch einen kompletten Check-up, Herr Formann!«
»Jawohl, den will ich! Das ist das wenigste, was Jakob Formann in seinem eigenen Großklinikum erwarten darf! Weiter, meine Herren, weiter!«
Also klemmten sie ihm die Nase zu und setzten ihm eine Maske aufs Gesicht und bestimmten seinen Grundumsatz. Völlig normal. Überhaupt alles: o.B., und das heißt: ›ohne Befund‹ und also völlig normal.
»Das gibt es nicht! Ich bin krank! Weiteruntersuchen!« befahl Jakob.
Also machten sie eine hübsche kleine Gastroskopie mit ihm. Da mußte er einen langen Schlauch schlucken. Während er es tat, hatte er Lustgefühle bei dem Gedanken, daß er jeden Moment ersticken würde. Noch größere Lustgefühle überkamen ihn anläßlich der folgenden Rektoskopie. Da wurde ihm so ein Schlauch hinten reingesteckt, um zu sehen, ob mit seinem Darm alles in Ordnung war. Es war alles in Ordnung mit seinem Darm.
»Weiter!« befahl Jakob. »Ich bin krank! Sie haben die Pflicht, die Krankheit festzustellen! Ihre beschworene Pflicht ist das! Das wissen Sie genau! Sie haben schließlich den Eid von diesem Hip … von diesem Hip … den Eid von diesem Dingsda geleistet! Vorwärts! Weiter! Wahrscheinlich sind es die Lungen!«
Also durchleuchteten sie ihn. Machten Röntgenaufnahmen der Lungen. Machten Schichtaufnahmen.
Es kam nichts dabei heraus.
»Dann ist es die Prostata!« zürnte Jakob.
Also untersuchten sie seine Prostata. Das ist eine nicht eben angenehme Untersuchung. Da wird einem eine lange Sonde in das kostbarste Gut geschoben und – na ja, und so weiter. Jakob genoß die Untersuchung. Beleidigt war er, als man ihm erklärte, auch mit seiner Prostata sei alles in Ordnung.
»Dann habe ich einen Tumor«, erklärte er grimmig. »Los, aufmachen den Schädel!«
»Aber das EEG war doch völlig normal …«
»Na und? Was ist schon so ein Scheiß-EEG? Haben wir in Jakob Formanns Großklinikum nichts Besseres?«
»Wir könnten eine kalte Operation machen …«
»Was ist das?« forschte Jakob mit lustbetonten Zügen. »Schichtaufnahmen des ganzen Schädels mit Röntgenstrahlen.« Jakob war begeistert.
»Na los, los, los, meine Herren! Worauf warten Sie noch? Ein bißchen Beeilung, wenn ich bitten darf!«
Also Schichtaufnahmen des ganzen Schädels.
Kein Tumor. Jakob war beleidigt.
»Kann man auch Schichtaufnahmen vom ganzen Körper machen? Von allen Organen?«
»Ja, das kann man natürlich, aber wirklich, Herr Formann …«
»Nichts ›aber wirklich, Herr Formann‹! Geht es hier um Ihr Leben oder um das meine?«
Das trieb er eine Woche so weiter.
Heraus kam: Jakob war kerngesund.
Als man ihm das sagte, begann er zu toben.
»Kerngesund! Daß ich nicht lache! Sie finden meine Krankheit nicht! Scharlatane sind Sie! Und so was bezahlt Jakob Formann! Ungeheuerlich! Weiteruntersuchen!«
Sie untersuchten ihn weiter. Der erste, der zusammenklappte, war Professor Klappke. (Dem Namen nach hatte er das größte Recht dazu!) Andere Herren folgten.
Jakob forderte neue Untersuchungen und amerikanische Spezialisten an, die eingeflogen wurden. Er schaffte auch die amerikanischen Spezialisten. Zuletzt war das Funktionieren der Anstalt gefährdet – immer mehr Ärzte verloren ihr seelisches Gleichgewicht.
Professor Dr. Eberhard Weidenhaus berief einen Großen Krisenstab ein. Man bedachte stundenlang, was man mit Jakob Formann tun könne, damit dieser nicht Gesundheit und Leben aller Ärzte des Großklinikums gefährde. Weidenhaus hatte die erlösende Idee.
»Abführmittel! So viel Abführmittel, wie in den Kerl reingehen!« Ein Jubelruf aller Anwesenden!
»Aber kein Mensch sagt auch nur ein einziges Wort von Abführmitteln! Kein einziges Wort!«
Eine Viertelstunde später bekam Jakob dann die erste große Portion Abführmittel. Zwei Stunden später die nächste. Zwei Stunden später saß er dann auf dem Klo.
Er saß – mit kleinen Unterbrechungen – fünf Tage lang auf dem Klo und verlor in dieser Zeit elf Kilogramm Gewicht. Sein Gesicht war totenbleich, die Hände zitterten, die Beine schlotterten, er konnte sich nur an der Wand entlang zwischen Bett und Klo hin und her bewegen, und wenn er im Bett lag, schlief er sofort ein. Abführmittel in hohen Dosen machen nämlich auch noch ungemein müde.
Sie machten Jakob eine ganze Woche lang ungemein müde. Danach fühlte er sich so wie ein nasses Handtuch, wenn ein nasses Handtuch sich wie ein nasses Handtuch fühlen könnte. Jetzt war ihm nicht mehr schlecht. Jetzt war er nur ungeheuer traurig, denn er hatte einsehen müssen, daß er kerngesund war.
Diese Trauer dauerte an bis zum 21. August 1962. Am Abend des 21. August 1962 kam die bildhübsche Schwester Kirsten in sein Zimmer, lächelte verführerisch und meldete einen Besuch an.
40
»Tag, Chef«, sagte Klaus Mario Schreiber. Er schüttelte dem entgeisterten Jakob kräftig die Hand. Schreibers Akne war verschwunden, nur noch kleine Narben erinnerten an sie. Er hatte eine gesunde Gesichtsfarbe, ein freundliches Gebaren, und er trug einen Morgenmantel über dem Pyjama.
Unser Freund holte röchelnd Luft.
»Schreiber!« ächzte er überwältigt. »Wie kommen Sie hierher? Meinetwegen?«
»Nicht direkt.«
»Was heißt ›nicht direkt‹?«
»Na ja«, sagte Schreiber, »ich liege auch hier drin in diesem Großklinikum.«
»Sie auch? Seit wann?«
»So acht Wochen werden es wohl sein. Ich stehe vor der Entlassung.« Schreiber setzte sich und schlug die Beine übereinander.
»Entlassung?« Jakob war entsetzt. »Sind Sie krank gewesen?«
»Ziemlich, Chef.«
»Der … Entschuldigen Sie, Schreiber … der Suff, was? Der Suff hat Sie endlich geschafft, wie?«
»Ja, Chef. Mitten in der Arbeit, an einem neuen Roman noch dazu. BIS ZUM LETZTEN TROPFEN heißt er. Jetzt werde ich ihn fertigschreiben. Aber beim LETZTEN TROPFEN, da ist es von einer Sekunde zur anderen gekommen! Ich habe immer gesagt, solange ich schreiben kann, kann ich auch saufen. Wenn ich nicht mehr schreiben kann, höre ich einfach mit dem Saufen auf. Habe ich gesagt. Und gedacht. War nur nicht so. Die meisten Sachen im Leben kommen ganz anders, als man sie sich vorstellt. Beim Schreiben bin ich umgekippt. Einfach umgekippt! Na ja, und weil Sie doch angeordnet haben, daß alle Ihre Mitarbeiter hierher nach Berlin gebracht werden, wenn sie krank sind, in Ihr Großklinikum, haben sie auch mich hergebracht – in einem Flugzeug, höre ich. Ich weiß nichts davon. In meinem Leben fehlen vier Tage.«
»Bei mir sind es sechs, Schreiber«, sagte Jakob erschüttert. »Was war’s denn bei Ihnen? Delirium?«
»Fast, Chef. Fast. Es ist dann bei Halluzinationen geblieben. Akustischen. Dauernd habe ich Stimmen gehört. Unangenehme Sachen haben die gesagt. Die Stimme vom Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Ärmchen. Von Frau Doktor Malthus. Von meinen letzten vier Freundinnen.«
»Sie haben vier Freundinnen in letzter Zeit gehabt?«
»Nicht in letzter Zeit, Chef. Alle auf einmal. Darum war da ja auch alles so unangenehm, was ich zu hören glaubte. Na, lassen wir das. Es ist vorbei. Ich brauche noch eine Weile Psychotherapie, dann bin ich wieder okay. Ich habe ein Riesenschwein gehabt, Chef. Der Arzt, der mich in der Psychiatrischen Abteilung behandelt hat, ist wirklich der beste Psychiater, den es gibt!«
»Jakob Formann hat nur die besten Ärzte, Schreiber.«
»Ja, ja, schon. Aber der Arzt, der mich wieder hingekriegt hat, das ist wirklich ein Genie! Der hat eine ganz große Zukunft vor sich. Wissen Sie, was das tollste ist? Wir sind zusammen in die gleiche Schule gegangen! Haben uns dann nie mehr gesehen. Erst wieder hier. Das ist vielleicht ein Kerl, Chef. Der hat mich übern Berg gebracht – für immer.«
»Hoffentlich«, murmelte Jakob. »Ich will Sie nicht erschrecken, aber die Rückfallquote bei Alkoholikern ist …«
»… sehr hoch, ich weiß. Und ich würde ja auch bestimmt rückfällig werden, sagt der Cornel – so heißt dieser Psychiater mit dem Vornamen, wissen Sie, Chef –, wenn ich nicht ein so feiges Schwein wäre.«
»Sie sind doch kein feiges …«
»Haben Sie eine Ahnung, was für eines, Chef! Wenn ich nicht so feige wäre, hätte ich doch mein Leben lang nie so schreiben können! Die Mutigen, das sind die, die keine Phantasie haben, die sich nicht vorstellen können, was möglich wäre. Besonders die Helden – also das sind die größten Idioten! Aber ich, ich habe mir immer alles vorstellen können, das Verrückteste, Abenteuerlichste, Schlimmste.«
»Und es aufgeschrieben.«
»Und es aufgeschrieben. Und da sagt jetzt der Cornel, mein Schulfreund: Klar würdest du sofort wieder saufen, wenn du nicht ein so feiges Schwein wärst und dir jetzt in Erinnerung an deine Halluzinationen und all das andere Unangenehme beständig in die Hosen scheißen würdest. Vielleicht wirst du noch haschen oder koksen oder fixen oder LSD nehmen – aber niemals im Leben mehr Whisky. Denn vor dem hast du jetzt eine viel zu große Angst! Toller Kerl, wie?« Schreiber schüttelte den Kopf. »Ich quatsche dauernd von mir. Deshalb bin ich nicht zu Besuch gekommen, Chef.«
»Na, ich freue mich aber doch, Schreiber! Nur eines ist mir unheimlich. Sind Sie wirklich der Schreiber? Haben Sie keinen Zwillingsbruder?«
»Nein, warum, Chef?«
»Der Schreiber, den ich gekannt habe, der alte Saufaus, der hat immer gestottert, aber wie!«
»Das war ich, Chef! Ich!«
»Sie? Und jetzt … jetzt reden Sie ganz fließend?«
»So ist es, Chef. Nach der Entwöhnungskur war es mit der Stotterei vorbei. Weiß ich, warum! Zuerst habe ich auch einen mächtigen Schreck gekriegt und gedacht, ich bin nicht mehr der alte und werde nie mehr schreiben können ohne Saufen und Stottern, aber das hat mir der Cornel dann ausgeredet.«
»Unglaublich! Meinen herzlichsten Glückwunsch!«
Schreiber wurde ernst.
»Sie haben einen hübschen kleinen Zusammenbruch gehabt, höre ich.«
»Habe ich auch. Die Idioten hier sagen zwar, ich bin vollkommen gesund, aber ich fühle mich nicht so«, bekannte Jakob. »Ich fühle mich beschissen! Kommen Sie mal näher, Schreiber. Noch näher, ich muß es Ihnen ins Ohr sagen, es darf kein anderer hören …«
»Um was handelt es sich denn?«
»Ich habe solche entsetzlichen Schuldgefühle!«
»Weshalb?«
»Wegen einer Steuergeschichte!«
»Was für eine Steuergeschichte?«
Jakob flüsterte in Schreibers Ohr …
41
»Jetzt hören Sie mir mal gut zu, Chef«, sagte Schreiber sechs Minuten später. »Da muß ich Ihnen sofort etwas Lustiges erzählen. Mir hat es der Cornel erzählt. Also: Vater und Mutter kommen zum Psychiater. Vollkommen verzweifelt. Warum sind Sie so verzweifelt? fragt der Psychiater. Wegen unserem Sohn, Herr Doktor. Was fehlt denn dem Herrn Sohn? Er pischt jede Nacht ins Bett, Herr Doktor. Na ja, na ja, sagt der Doktor, das tun viele. Wie alt ist denn Ihr Sohn? Fünfzehn, Herr Doktor. Hm, hm, hm, sagt der Psychiater. Da ist er schon ein bißchen zu alt dafür – eigentlich! Das ist es ja, heult die arme Mutter los. Deshalb hat der Bub ja auch so entsetzliche Schuldgefühle! Daraufhin sagt der Psychiater: Also, passen Sie auf, wir werden das schon in Ordnung bringen. Schicken Sie mir Ihren Herrn Sohn her, sagen wir morgen um vier. Danke, Herr Doktor, sagt der Vater. Und am nächsten Tag um vier kommt der Sohn zum Psychiater. Große Zeitblende! Ein dreiviertel Jahr später trifft der Psychiater den Vater auf der Straße. Hallo, ruft er. Wie geht’s? Ausgezeichnet, strahlt der Vater. Und wie geht es dem Herrn Sohn, den ich behandelt habe? Auch ausgezeichnet, lieber Herr Doktor, wir werden Ihnen nie genug danken können!
Ah, sagt der Psychiater mit stolzer Bescheidenheit, meine Behandlung hat also hingehauen? Und wie! jubelt der Vater. Und wie, Herr Doktor! Also, der Herr Sohn pischt nicht mehr ins Bett? fragt der Arzt. Schaut ihn der Vater groß an und sagt: Aber natürlich pischt er noch ins Bett, Herr Doktor. Nacht für Nacht! Wie früher! Aber jetzt ist er stolz drauf! Und Schuldgefühle hat er überhaupt keine mehr!« Schreiber verschluckte sich bei seinem Heiterkeitsausbruch. »Gut, was? Schuldgefühle hat er überhaupt keine mehr!«
Jakob lag ganz still.
»Was ist denn? Hat Ihnen der Witz nicht gefallen?«
»Nein, Schreiber«, sagte Jakob.
»Wieso nicht?«
»Sie wollten mich trösten, das war lieb von Ihnen. Aber sehen Sie, wenn Sie diese Geschichte da erzählt haben, um den Herrn Sohn mit mir zu vergleichen – dann stimmt das nicht! Ich habe nie ins Bett gepischt, und trotzdem habe ich Schuldgefühle, das ist ja das Entsetzliche!«
»Nie ins Bett … Ah, Sie meinen, Sie haben nie die Steuer beschissen!«
»So ist es. Das hat doch der Arnusch Franzl gemacht!«
»Na, den haben Sie doch aber rausgefeuert, Chef!«
»Stimmt. Aber ich kann das, was er ins Bett ge … äh, was er gegen die Steuer verbrochen hat, nicht mehr gutmachen. Sonst bin ich pleite.« Schreiber schlug auf die Bettkante.
»Jetzt übertreiben Sie aber, Chef! Jetzt machen Sie Theater, jetzt reden Sie sich in was hinein!« Klaus Mario Schreiber neigte sich über Jakob. »Chef, Sie müssen raus aus diesem Teufelskreis! Ich, ich habe ja inzwischen auch ein bißchen Psychiatrie gelernt – nicht freiwillig. Sie reden sich da in einen Schuldkomplex hinein! Mehr und mehr! Das dürfen Sie nicht tun! Sie gehen mir ja sonst noch zugrunde! Die Steuer hat der Arnusch beschissen und nicht Sie! Das müssen Sie sich hundertmal am Tag sagen! Und auch das: Ich habe es nicht gewußt. Mich trifft daran keine Schuld. Als ich es wußte, habe ich den Kerl sofort rausgeschmissen. Daß ich den Schaden nicht mehr gutmachen kann, ist auch nicht meine Schuld, das liegt an der Zeitentwicklung, an den Umständen … So müssen Sie denken, Chef! Sie sind doch ein großer Mann! Der größte, den ich kenne! Und das wollen Sie doch noch lange bleiben – oder?«
»Eigentlich schon«, sagte Jakob nach gründlichem Überlegen.
»Eben. Übrigens komme ich gerade deshalb zu Ihnen!«
»Weshalb?«
»Ich muß mit Ihnen reden. Grundsätzlich. Ich werde mein Leben ändern. Sie müssen auch manches in Ihrem Leben ändern. Die Zeiten sind nicht mehr so, wie sie waren. Oder vielleicht sind sie es noch, aber sie werden es nicht mehr lange bleiben.«
Jakob fuhr hoch.
»Sie meinen, es wird einen wirtschaftlichen Rückschlag geben?«
»Wird?« Schreiber schüttelte den Kopf. »Muß, Chef, muß! Oder meinen Sie, mit unserem Schlaraffenparadies geht das immer so weiter und weiter?«
»Hm …« Jakob sah Schreiber grübelnd an. »Ich kann es noch immer nicht fassen, daß Sie nicht mehr saufen und nicht mehr stottern«, sagte er.
»Es wird bald eine Zeit kommen, in der viele vieles nicht fassen können, Chef! Schauen Sie: Wir überreißen einfach alles. Wir glauben hier in Deutschland, uns ist keiner gewachsen, wir können immer und immer so weitermachen! Das ist der große Irrtum! Bei Ihren vielen anderen Geschäften, da kenne ich mich nicht aus. Aber bei OKAY schon!«
»Die Auflage von OKAY ist so hoch wie noch nie!«
»Eben drum.«
»Was ›eben drum‹?«
»Eben drum müssen Sie OKAY verkaufen«, sagte Klaus Mario Schreiber.
42
»Verkaufen?« echote Jakob Formann.
»Und zwar gleich! Jetzt, wo Sie noch am meisten dafür kriegen! Jeder Auflage sind Grenzen gesetzt. Bei OKAY ist diese Grenze erreicht, wenn nicht schon überschritten. Die Auflage kann nur noch fallen – und wenn wir noch so gut sind! Gute Illustrierte werden bald schon nicht mehr gefragt sein, Chef! Die Zeiten haben sich auch hier geändert! Alles hat sich geändert, Chef, alles!«
»Zum Beispiel was, Schreiber?«
Schreiber sagte (in fließender Sprache und mit melodiöser Stimme), was sich zum Beispiel geändert hatte, obwohl es den Deutschen noch wie Gold ging …
Also zum Beispiel:
In der Stahlindustrie wurden Massenentlassungen für das übernächste Jahr erwogen.
Bonns jüngstes Volksaktien-Papier VEBA war auf dem besten Wege, unter die Ausgabequote zu sinken.
Das Bundeswirtschaftsministerium sagte für die Bundesrepublik Deutschland voraus, daß die Wachstumsrate von noch 4,4 Prozent auf 3,4 Prozent zurückgehen würde.
Im Jahresbericht der Industrie- und Handelskammer Dortmund hieß es, daß zwar noch alles in Ordnung sei, daß indessen schon das Jahr 1966 ›erstmalig eine echte Krise‹ bringen könne. Das Investitionsklima sei schon merklich abgekühlt, außerdem müsse mit scharfen Arbeitskämpfen gerechnet werden …
»… und so weiter und so weiter«, sprach Klaus Mario Schreiber. »Diese Warnsignale für die nahe Zukunft – ich interessiere mich sehr für Wirtschaft, wissen Sie, Chef – werden sehr bald eine Wohlstandsgesellschaft beunruhigen, für die der Konsum längst nicht mehr nur der Abwehr materieller Not dient!«
Jakob war nachdenklich geworden.
»Erinnern Sie sich, Chef!« bat Schreiber. »1947 haben sich die Menschen noch mit Tonseife den Dreck vom Körper geschabt. Im nächsten Jahr, so die Voraussage, werden sie eintausendundzweiunddreißig Millionen Mark für Körperpflegemittel ausgeben. Das geht überall so! Erich Kuby, dieser prima Kerl und gescheite Autor, hat über ›die Plage mit dem Wohlstand‹ geschrieben, und daß ihretwegen die ›Zeit der schönen Not‹ vergessen worden ist! Die Alten unter den Wunderkindern sind ohnedies der Ansicht, daß das alles auf die Dauer nicht so weitergehen kann! Die erinnern sich noch an die Zeit, in der in Frankfurt Vitaminpillen verteilt worden sind und ein Göttinger Universitätsprofessor der Bevölkerung geraten hat: ›Schlaft mehr und geht früher ins Bett, denn dadurch spart ihr Kalorien!‹«
Jakob schüttelte den Kopf.
»Schreiber, Sie gefallen mir nicht. Ihnen fehlt der Whisky. Besoffen waren Sie immer so lustig und optimistisch. Jetzt, nüchtern, sind Sie ein altes Klageweib, das mir Angst machen will!«
»Ich will Ihnen keine Angst machen, Chef. Ich habe Sie sehr, sehr gerne. Sie waren immer gut zu mir. Ich will Sie warnen und beschützen.«
»Das ist lieb von Ihnen, aber Sie übertreiben!«
»Ich übertreibe gar nicht!« Schreiber regte sich auf. »Erinnern Sie sich! 1947, im Hochsommer, hat man in Deutschland – einmalig in der Welt! – ein sogenanntes ›Speisekammergesetz‹ erlassen! Den letzten Brotkrümel hat man deklarieren müssen! Die feinsten Leute haben in städtischen Parks Brennholz gestohlen. Und haben eine ›Kochhexe‹ gehabt – ein abgeschnittenes Ofenrohr! Und darauf haben sie sich aus Grieß, Zwiebeln und, so sie hatten, etwas Fett in zerbeulten Töpfen die sogenannte ›falsche Leberwurst‹ gemacht! Die haben sie dann auf Soja- oder auf Maisbrot gepappt! Heute? Schauen Sie sich die anderen Großen im Land an! In zehn Jahren haben wir vierhundertfünfzig Millionen Tonnen Beton verbaut! Das würde ausreichen, eine zwei Meter hohe Mauer zweimal rund um die Erde zu ziehen! Jedermann braucht heute sein Eigenheim! Seinen Grill im Garten! Sein Auto – aber immer das neueste und teuerste!«
Jakob sah Schreiber unfreundlich an.
»Und was ist da falsch dran?«
»Daran ist noch gar nichts falsch, Chef! Aber bei uns ist die alte Volkskrankheit wieder ausgebrochen: Wir sind maßlos geworden!«
»Nun übertreiben Sie aber, Schreiber!«
»Übertreiben? Ich untertreibe, Chef! In keinem Land der Welt – außerhalb der USA und Kanadas – wird heute kürzer gearbeitet! 1952 noch achtundvierzig Stunden in der Woche! Jetzt blasen die Gewerkschaften bereits zum Sturm auf die Fünfunddreißig-Stunden-Arbeitswoche!«
»Wirklich, Schreiber, nüchtern sind Sie kaum zu ertragen!«
»Mir hat’s in diesem Land besoffen auch besser gefallen, Chef! Aber ich habe einfach aufhören müssen! Und da sehe ich jetzt zu meinem Kummer: Wir sind zu frech, wir sind zu fett, wir sind zu unverschämt geworden! Und das hat Folgen! Die Aktienkurse sinken bereits! Unser Außenhandel saust runter, daß es eine wahre Pracht ist! Stahl- und Bauwirtschaft gelten nicht mehr als impulsgebende Industrien!«
»Schreiber, jetzt hören Sie aber endlich auf, alles mies zu machen! Es geht uns so blendend wie nie zuvor«, sagte Jakob streng.
»Noch, Chef, noch! Noch haben wir genügend Gold- und Devisenreserven! Noch kommen wir mit denen auch durch eine große und lange Flaute! Nur zu lange darf die nicht dauern!«
Jakob war plötzlich nachdenklich geworden.
»Na ja«, sagte er, »das ist natürlich alles wahnsinnig übertrieben, was Sie da von sich gegeben haben, Schreiber, aber ein bißchen zu wild fahren tun wir schon. Ich muß mich auf einige große Projekte konzentrieren. Ich darf mich nicht zersplittern. Sie haben recht: Ich muß OKAY verkaufen, solange die Auflage noch so hoch ist und ich am meisten bekomme. Aber was machen Sie dann? Ich meine – entschuldigen Sie –, von Ihren Büchern können Sie doch immer noch nicht leben!«