TEIL EINS. SENATOR

79 v.Chr.-70 v. Chr.


URBEM, URBEM, MI RUFE, COLE ET IN ISTA LUCE VIVA!

»Rom! Bleib in Rom, mein lieber Rufus, und lebe im Licht der Öffentlichkeit!«

Cicero in einem Brief an M. Caelius Rufus, 26.Juni 50 v. Chr.

KAPITEL I

Mein Name ist Tiro. Ich war sechsunddreißig Jahre lang Privatsekretär des römischen Staatsmannes Cicero - eine anfangs aufregende, dann überraschende, später mühsame und schließlich äußerst gefährliche Aufgabe. Ich glaube, dass Cicero während dieser Jahre mehr Zeit mit mir verbrachte als mit jedem anderen Menschen, seine Familie eingeschlossen. Ich war Zeuge privater Zusammenkünfte und Überbringer geheimer Botschaften. Ich brachte seine Reden zu Papier, schrieb seine Briefe und seine literarischen Arbeiten, sogar seine Gedichte. Um dem Strom seiner Worte Herr zu werden, musste ich eine allgemein als Kurzschrift bekannte Technik ersinnen, mit der noch immer die Beratungen des Senats protokolliert werden und für deren Erfindung mir kürzlich eine bescheidene Pension bewilligt wurde. Dieser Summe, einigen Erbschaften und mir wohlgesinnten Freunden verdanke ich meinen auskömmlichen Ruhestand. Ich brauche nicht viel. Die Alten leben von Luft, und ich bin sehr alt - fast hundert, heißt es.

In den Jahrzehnten nach seinem Tod bin ich immer wieder gefragt worden, gewöhnlich im Flüsterton, wie Cicero wirklich war. Aber ich habe stets geschwiegen. Wie sollte ich wissen, wer ein Regierungsspion war und wer nicht? Jeden Augenblick war ich auf meine Liquidierung gefasst. Da mein Leben nun fast vorüber ist und ich nichts mehr zu befürchten habe - nicht einmal Folter, würde ich doch in den Händen des Scharfrichters oder seiner Folterknechte kaum eine Sekunde durchhalten -, habe ich mich entschlossen, mit dem vorliegenden Bericht eine Antwort darauf zu geben. Ich werde mich auf meine Erinnerung und die meiner Obhut anvertrauten Dokumente stützen. Da die mir verbleibende Zeit zwangsläufig kurz ist, will ich mich beeilen. Ich werde den Bericht in meiner Kurzschrift verfassen, auf einigen Dutzend Rollen feinsten Papyrus - Hieratica, das Beste vom Besten -, die ich zu diesem Zweck schon seit Längerem gehortet habe. Im Voraus bitte ich um Vergebung für stilistische Mängel und Ungeschicklichkeiten. Auch bitte ich die Götter, dass sie mich zum Ende kommen lassen, bevor das Ende mich ereilt. In seinen letzten Worten bat Cicero mich, die Wahrheit über ihn zu erzählen, und darum will ich mich bemühen. Sollte er dabei nicht immer als Muster an Tugend erscheinen, sei's drum. Die Macht beschert einem Mann allerlei Annehmlichkeiten, zwei saubere Hände gehören allerdings nur selten dazu.

Und von Macht und dem Mann werde ich erzählen. Mit Macht meine ich die offizielle, die politische Macht - was wir in der lateinischen Sprache als Imperium bezeichnen -, die Macht über Leben und Tod, wie sie vom Staat auf ein Individuum übertragen wird. Hunderte von Männern haben nach dieser Macht gestrebt. Aber Cicero war einzigartig in der Geschichte der Römischen Republik, weil ihm beim Griff nach der Macht nichts als sein eigenes Talent zur Verfügung stand. Er entstammte nicht, wie Metellus oder Hortensius, einer der bedeutenden, seit Generationen in der Politik tätigen Adelsfamilien, von deren Reputation er am Wahltag profitieren konnte. Hinter ihm stand nicht, wie bei Pompeius oder Caesar, eine mächtige Armee, die seine Kandidatur unterstützte. Er verfügte nicht wie Crassus über ein gewaltiges Vermögen, das ihm den Weg ebnete. Er hatte nur eines - seine Stimme. Und mit der schieren Kraft seines Willens machte er aus dieser die berühmteste Stimme der Welt.

*

Ich war vierundzwanzig Jahre alt, als ich in Ciceros persönlichen Dienst eintrat, ein auf seinem Familiensitz nahe Arpinum geborener Haussklave, der Rom nie zuvor gesehen hatte. Er war ein junger Rechtsanwalt, der an nervösen Erschöpfungszuständen litt und sich mit jeder Menge natürlicher Gebrechen herumschlug. Kaum jemand hätte auf meine und auf seine Zukunftschancen besonders viel gegeben.

Zu jener Zeit war Ciceros Stimme nicht das Furcht einflößende Organ, zu dem es später wurde. Sie war schroff, und er neigte zum Stottern. Ich glaube, sein Problem war, dass die in seinem Kopf brodelnde Menge an Worten sich bei nervlicher Anspannung in seinem Hals staute, als ob sich zwei von der nachdrängenden Herde vorwärtsgeschobene Schafe gleichzeitig durch ein Gatter gequetscht hätten. Wie auch immer, der Inhalt seiner Reden war oft zu hochtrabend, als dass sein Publikum ihn verstanden hätte. »Der Gelehrte« oder »der Grieche« wurde er von seinen unaufmerksamen Zuhörern genannt - was keineswegs als Kompliment gemeint war. Obwohl niemand sein rhetorisches Talent anzweifelte, so war seine Konstitution doch zu schwächlich, als dass sie seinem Ehrgeiz ebenbürtig gewesen wäre. Mehrstündige Verteidigungsreden - zu jeder Jahreszeit, oft unter freiem Himmel -beanspruchten seine Stimmbänder derart, dass er nicht selten tagelang heiser und ohne Stimme war. Zudem litt er unter chronischer Schlaflosigkeit und einer schwachen Verdauung. Kurzum: Wollte er, wie es sein sehnlichster Wunsch war, politische Karriere machen, so benötigte er professionelle Hilfe. Also beschloss Cicero, Rom für einige Zeit zu verlassen und zu reisen. Erstens, um seine Kräfte aufzufrischen, und zweitens, um die führenden Lehrmeister der Rhetorik zu konsultieren, von denen die meisten in Griechenland und Kleinasien lebten.

Als Verantwortlicher für die kleine Bibliothek seines Vaters verfügte ich über eine passable Kenntnis des Griechischen, und deshalb bat Cicero seinen Vater - ganz so, als wollte er sich ein Buch aus dem Regal nehmen -, ob er mich ausleihen und mit in den Osten nehmen könne. Meine Aufgabe würde unter anderem darin bestehen, mich um seine Termine zu kümmern, Transportmittel anzuheuern und Lehrer zu bezahlen, wobei geplant war, dass ich nach einem Jahr wieder zu meinem alten Herrn zurückkehren sollte. Am Ende sollte ich, wie so manches nützliches Buch auch, nie zurückgegeben werden.

Am Tag, als wir in See stechen wollten, fanden wir uns im Hafen von Brundisium ein. Das war im sechshundertfünfundsiebzigsten Jahr nach der Gründung Roms, in der Zeit des Konsulats von Servilius Vatia und Claudius Pulcher. Damals war Cicero noch nicht die imposante Gestalt, zu der er später wurde und deren Züge so bekannt waren, dass er nicht mal durch die ruhigste Straße spazieren konnte, ohne erkannt zu werden. (Was, so frage ich mich, ist nur mit den Tausenden seiner Büsten und Porträts geschehen, die einst so viele Privathäuser und öffentliche Gebäude geschmückt haben? Sind sie wirklich alle zerstört und verbrannt worden?) Der junge Mann, der an jenem Frühlingsmorgen am Kai stand, war schmächtig, hatte einen Rundrücken und einen unnatürlich langen Hals, in dem ein Adamsapfel so groß wie eine Kinderfaust auf und ab hüpfte. Seine Haut war blass, er hatte vorstehende Augen und eingefallene Wangen; kurz, er war das Abbild eines kränklichen Mannes. Ich weiß noch, dass ich dachte: Halt dich ran, Tiro, mach das Beste aus der Reise, lange kann sie nicht dauern.

Zuerst führen wir nach Athen, wo er sich das Vergnügen gönnen wollte, an der Akademie Philosophie zu studieren. Als ich ihm zum ersten Mal die Tasche in den Vorlesungssaal getragen hatte und mich wieder entfernen wollte, rief er mich zurück und fragte, wohin ich denn vorhätte zu gehen.

»In den Schatten zu den anderen Sklaven«, antwortete ich. »Es sei denn, Ihr benötigt noch meine Dienste.«

»Und ob ich die benötige«, sagte er. »Ich habe eine äußerst anstrengende Aufgabe für dich. Ich will, dass du hierbleibst und dir ein klein wenig Philosophie aneignest. Dann habe ich auf unseren langen Reisen jemanden, mit dem ich mich unterhalten kann.«

Also blieb ich, und mir wurde die Ehre zuteil, persönlich Antiochos aus Askalon zu hören, der die drei Grundprinzipien des Stoizismus erklärte - dass nur die Tugend zur Glückseligkeit führe, dass nichts außer der Tugend gut sei und dass man den Gefühlen nicht trauen könne. Drei einfache Regeln, die, würde der Mensch sie befolgen, die meisten Probleme der Welt lösen könnten. Später diskutierten Cicero und ich oft über derartige Fragen, und in der Welt der Gedanken vergaßen wir immer die Unterschiede unserer gesellschaftlichen Stellung. Wir blieben sechs Monate bei Antiochos und zogen dann weiter, um uns dem eigentlichen Zweck unserer Reise zuzuwenden.

Die tonangebende Schule der Rhetorik zu jener Zeit war die sogenannte »asianische« Methode. Eine kunstvolle und blumige Art des Vortrags, voller pompöser Wendungen und klingender Versformen, auf und ab schreitend zelebriert, begleitet von ausladender Gestik. Ihr führender Vertreter in Rom war Quintus Hortensius Hortalus, der allgemein als der herausragende Redner seiner Zeit betrachtet wurde und dessen fantasievolle Beinarbeit ihm den Spitznamen »der Tanzmeister« eingebracht hatte. Um Hortensius' Methode zu ergründen, legte Cicero besonderen Wert darauf, all seine Lehrmeister aufzusuchen: Menippos aus Stratonikeia, Dionysios aus Magnesia, Aischylos aus Knidos, Xenokles aus Adramyttion - allein die Namen geben eine Ahnung von ihrem Stil. Mit jedem von ihnen verbrachte Cicero Wochen. Er studierte ihre Techniken so lange, bis er glaubte, sie begriffen zu haben.

»Tiro«, sagte er eines Abends, während er in dem gedünsteten Gemüse herumstocherte, das er jeden Tag aß, »ich habe genug von diesen gelackten Gockeln. Kümmere dich um ein Boot, das uns von Loryma nach Rhodos bringt.Wir versuchen etwas anderes, wir schreiben uns in der Schule von Apollonios Molon ein.«

Und so kam es, dass an einem Frühlingsmorgen kurz nach Sonnenaufgang, als das Karpathische Meer so milchig glatt wie eine Perle vor uns lag (man muss mir die gelegentlichen gedrechselten Wendungen verzeihen: Ich habe zu viel griechische Dichtung gelesen, als dass ich den nüchternen lateinischen Stil durchhalten könnte), ein Boot uns vom Fesdand zu jener altberühmten, zerklüfteten Insel brachte, wo am Landungssteg die stämmige Gestalt von Molon höchstpersönlich wartete.

Molon war ein Rechtsgelehrter, der aus Alabanda stammte und in den Gerichtssälen Roms brilliert hatte. Ihm war sogar die beispiellose Ehre zuteil geworden, im Senat eine Rede in griechischer Sprache halten zu dürfen. Danach hatte er sich nach Rhodos zurückgezogen und seine Rhetorikschule gegründet. Seine Theorie der Redekunst, die das genaue Gegenteil der »asianischen« darstellte, war einfach: Lauf nicht zu viel herum, halt den Kopf gerade, komm schnell zum Punkt, bring deine Zuhörer zum Lachen, bring sie zum Weinen, und wenn du ihre Sympathie gewonnen hast, dann setz dich wieder hin. »Denn nichts«, so Molon, »trocknet schneller als eine Träne.« Das war weit mehr nach Ciceros Geschmack, und so begab er sich ganz und gar in die Hand von Molon.

Molons erste Handlung an jenem Abend war, dass er Cicero eine Schüssel hart gekochter Eier mit Sardellensoße auftischte. Als Cicero fertig gegessen hatte - was nicht ohne Klagen abging -, servierte er ihm noch ein großes, über Holzkohle gebratenes Stück Fleisch und einen Becher Ziegenmilch. »Du brauchst Fleisch auf den Rippen, junger Mann«, sagte er und klopfte sich auf seinen breiten Brustkorb. »Aus einer schwächlichen Rohrflöte ist noch nie ein voller Ton gekommen.« Cicero schaute ihn wütend an, aß seinen Teller aber pflichtschuldigst bis auf den letzten Bissen leer. In jener Nacht schlief Cicero zum ersten Mal seit Monaten durch. (Ich weiß das, weil ich immer auf dem Boden neben seinem Bett schlief.)

Bei Tagesanbruch begannen die Leibesübungen. »Auf dem Forum zu sprechen«, sagte Molon, »ist wie ein Wettlauf. Es verlangt Durchhaltevermögen und Kraft.« Er täuschte einen Faustschlag auf Ciceros Brustkorb an, worauf dieser ein lautes Uff! ausstieß, zurückstolperte und fast gestürzt wäre. Molon ließ ihn mit gespreizten Beinen und durchgedrückten Knien Aufstellung nehmen und mit den Fingerspitzen zwanzig Mal den Boden vor jedem Fuß berühren. Dann musste er sich mit dem Rücken auf den Boden legen, die Hände hinter dem Kopf verschränken und, ohne die gestreckten Beine vom Boden zu heben, den Oberkörper aufrichten und wieder senken. Danach befahl er ihm, sich auf den Bauch zu drehen und den Körper ausschließlich mit der Kraft seiner Arme auf und ab zu hieven, wieder zwanzig Mal und auch hier, ohne die Knie zu beugen. Das war das Programm des ersten Tages.

An den folgenden Tagen kamen weitere Übungen hinzu, und die Dauer der Übungen wurde ausgedehnt. Cicero hatte einen guten Schlaf, und auch die Mahlzeiten verursachten keine Beschwerden mehr.

Zur eigentlichen Vortragsschulung verließ Molon mit seinem eifrigen Schüler den schattigen Innenhof, ließ ihn in der Mittagshitze ohne Pause einen steilen Hügel hinaufgehen und dabei Übungspassagen rezitieren - üblicherweise eine Gerichtsszene oder einen Monolog von Menander. Ciceros stampfende Schritte verscheuchten die Eidechsen, und die zirpenden Zikaden in den Olivenbäumen waren sein einziges Publikum, während er seine Lunge kräftigte und lernte, aus einem einzigen Atemzug das Maximum an Worten herauszuholen. »Halte die Tonhöhe im mittleren Bereich«, wies ihn Molon an. »Da sitzt die Kraft. Nicht zu hoch und nicht zu tief.« Nachmittags ging Molon mit ihm hinunter an den Kiesstrand, postierte sich achtzig Schritte von Cicero entfernt (die maximale Reichweite der menschlichen Stimme) und ließ ihn zur Ausbildung des Stimmvolumens gegen das Donnern und Brausen der Brandung anreden - das komme, so sagte er, dem Gemurmel von dreitausend Menschen unter freiem Himmel oder dem Hintergrundgeräusch von ein paar hundert schwatzenden Menschen im Senat am nächsten. An derlei störende Geräusche müsse Cicero sich gewöhnen.

»Und was ist mit dem Inhalt?«, fragte Cicero. »Soll nicht in erster Linie die Kraft meiner Argumente zum Zuhören zwingen?«

Molon zuckte mit den Achseln. »Inhalt geht mich nichts an. Denk an Demosthenes: >Bei der Redekunst zählen nur drei Dinge. Der Vortrag, der Vortrag und noch mal der Vortrags«

»Und mein Stottern?«

»Auch dein St-stottern intere-ressiert mich nicht«, erwiderte Molon grinsend und zwinkerte mit den Augen. »Nein, im Ernst, Stottern ist interessant, es vermittelt den Eindruck von Ehrlichkeit, das ist von Nutzen. Demosthenes hat selbst leicht gelispelt. Das Publikum identifiziert sich mit solchen Unzulänglichkeiten. Das einzig Öde ist Perfektion. Also, geh jetzt ein Stück den Strand hinunter, und lass hören, ob ich dich noch verstehen kann.«

Und so hatte ich die Ehre, von Anfang an miterleben zu dürfen, wie der eine Meister der Redekunst dem anderen seine Kunstgriffe beibrachte. »Möglichst nicht den Kopf neigen, das macht einen unmännlichen Eindruck. Nicht mit den Fingern schlenkern und immer die Schultern still halten. Wenn du für eine Geste deine Finger brauchst, dann versuch, den gekrümmten Mittelfinger auf die Daumenspitze zu legen und die drei restlichen Finger gerade auszustrecken -genau, so ist es gut. Natürlich muss der Blick immer den Bewegungen der Geste folgen, außer bei einer zurückweisenden Bemerkung: >Die Götter mögen uns von dieser Plage verschonen< oder ich glaube nicht, dass ich diese Ehre verdiene.<«

Alles Schriftliche war verboten. Kein Redner, der diesen Namen verdiente, würde im Traum daran denken, einen Text vorzulesen oder sich mit einem Stapel Notizen zu behelfen. Molon bevorzugte die Standardmethode, um eine Rede einzustudieren: die des imaginären Rundgangs durch das Haus des Redners. »Stell dir den ersten Punkt, den du vortragen willst, im Eingangsbereich vor, den zweiten im Atrium und so weiter. Du wanderst, wie du es gewohnt bist, durchs Haus und weist nicht nur jedem Raum, sondern jeder Nische und jeder Statue einen bestimmten Abschnitt der Rede zu. Achte darauf, dass jede dieser Stellen gut beleuchtet ist, klar umrissen und unterscheidbar. Sonst wirst du herumtappen wie ein Betrunkener, der nach einem Fest sein Bett sucht.«

Cicero war nicht Molons einziger Schüler in jenem Frühling und Sommer. Nach und nach stießen Ciceros jüngerer Bruder Quintus, sein Vetter Lucius und zwei seiner Freunde zu uns: Servius, ein penibler Rechtsanwalt, der Richter werden wollte, und Atticus - der elegante, charmante Titus Pomponius Atticus -, den die Redekunst nicht interessierte, da er in Athen lebte und ganz sicher keine politische Karriere anstrebte, sondern sich einfach gern in Ciceros Gesellschaft aufhielt. Alle staunten über die Veränderungen, die Ciceros Gesundheit und Auftreten erfahren hatten, und an ihrem letzten gemeinsamen Abend - es war inzwischen Herbst geworden und Zeit, nach Rom zurückzukehren - kamen sie zusammen, um mit eigenen Ohren zu hören, wie sich Molons Bemühungen auf Ciceros Redekunst ausgewirkt hatten.

Ich wünschte, ich könnte mich erinnern, worüber Cicero an jenem Abend nach Tisch gesprochen hat, aber ich furchte, ich bin der lebende Beweis für Demosthenes' zynische Behauptung, dass -verglichen mit der Art des Vortrags - der Inhalt nichts zählt. Ich stand diskret im Schatten, außer Sichtweite, und entsinne mich nur noch an die Motten, die wie Aschepartikel um die Fackeln herumwirbelten, an die glitzernden Sterne am Himmel über dem Innenhof und an die Cicero zugewandten, vom Feuerschein geröteten Gesichter der hingerissenen jungen Männer. Allerdings erinnere ich mich noch genau an die Worte Molons, nachdem sich sein Schüler mit einer abschließenden Verbeugung zur imaginären Geschworenenbank wieder gesetzt hatte. Nach langem Schweigen erhob er sich und sagte mit heiserer Stimme: »Ich gratuliere dir, Cicero, du hast mich in Staunen versetzt. Was ich bedauere, ist Griechenland, das Schicksal Griechenlands. Der uns einzig verbliebene Ruhm war der überlegene Rang unserer Rhetorik, und diesen hast du uns jetzt auch genommen. Geh zurück«, sagte er und deutete mit jenen drei ausgestreckten Fingern über die vom Fackelschein erleuchtete Terrasse in Richtung des fernen, dunklen Meeres. »Geh zurück, mein junger Freund, und erobere Rom.«

*

Na schön. Leicht gesagt. Aber wie stellt man das an? Wie erobert man Rom, wenn einem als einzige Waffe nur seine Stimme zur Verfügung steht? Der erste Schritt ist naheliegend: Man muss Senator werden.

Um in den Senat zu gelangen, musste man mindestens einunddreißig Jahre alt und Millionär sein. Genauer gesagt: Wenn alljährlich im Juli zwanzig neue Senatoren gewählt wurden, die die im abgelaufenen Jahr gestorbenen oder inzwischen zu arm gewordenen ersetzten, hatte man sogar nur für die Kandidatur den Behörden Vermögen im Wert von einer Million Sesterzen nachzuweisen. Aber woher sollte Cicero eine Million nehmen? Sein Vater jedenfalls hatte nicht so viel Geld: Das Anwesen der Familie war klein und mit hohen Hypotheken belastet. Ihm blieben deshalb nur die drei üblichen Optionen: sich die Million zu verdienen, was zu lange dauern würde; sie zu stehlen, was zu riskant war; oder sie zu heiraten, was Cicero kurz nach seiner Rückkehr aus Rhodos tat. Terentia war siebzehn, jungenhaft flachbrüstig, und ihren Kopf zierten kurze, dichte schwarze Locken. Ihre Halbschwester war eine Vesta-Priesterin, Beleg für die hohe gesellschaftliche Stellung ihrer Familie. Wichtiger war, dass ihr zwei Straßenzüge mit Mietwohnungen in den Elendsvierteln von Rom, einige Waldgebiete vor den Toren der Stadt und dazu ein Landgut gehörten. Gesamtwert: eineinviertel Millionen Sesterzen. (Ach ja, Terentia: schlicht, distinguiert und reich - was war sie doch für ein Früchtchen! Erst vor ein paar Monaten habe ich sie gesehen, auf der Küstenstraße nach Neapel. Sie saß in einer offenen Sänfte und kreischte ihre Träger an, dass sie sich etwas beeilen sollten. Ihr Haar war weiß und die Haut walnussfarben, aber ansonsten schien sie sich nicht verändert zu haben.)

Und so wurde Cicero zur gegebenen Zeit in den Senat gewählt - tatsächlich erzielte er, der inzwischen allgemein als zweitbester Rechtsanwalt Roms nach Hortensius betrachtet wurde, das beste Stimmenergebnis. Bevor er seinen Sitz im Senat einnehmen konnte, musste er das obligatorische Jahr Regierungsdienst außerhalb Roms ableisten, was in seinem Fall die Provinz Sizilien war. Sein offizieller Titel war der eines Quästors, der die unterste Stufe in der Ämterlaufbahn darstellte. Frauen war es verboten, ihre Ehemänner auf diesen Dienstreisen zu begleiten, sodass Terentia - sicher zur großen Erleichterung Ciceros - zu Hause blieb. Ich allerdings ging mit ihm, denn inzwischen war ich für ihn zu einer Art verlängertem Arm geworden, den er, ohne darüber nachzudenken, wie seinen eigenen benutzte. Ein Grund für meine Unverzichtbarkeit war, dass ich eine Technik entwickelt hatte, die es mir erlaubte, seine Worte so schnell niederzuschreiben, wie er sie aussprach. Aus kleinen Anfängen - ich kann in aller Bescheidenheit behaupten, das Et-Zeichen erfunden zu haben - schwoll mein System schließlich zu einem Handbuch mit etwa viertausend Symbolen an. Ich fand zum Beispiel heraus, dass Cicero bestimmte Wendungen immer wieder benutzte. Diese reduzierte ich auf einen Strich oder ein paar Pünktchen und erbrachte somit den Beweis für etwas, was die meisten Menschen ohnehin schon wissen - dass nämlich Politiker im Wesentlichen immer wieder das Gleiche sagen. Er diktierte mir, während er in der Badewanne oder auf dem Sofa lag, in einer schaukelnden Karosse oder auf Landspaziergängen. Ihm gingen nie die Worte aus, und mir fehlte es nie an Symbolen, um seine durch die Luft wirbelnden Worte einzufangen und festzuhalten. Wir waren wie füreinander geschaffen.

Doch zurück zu Sizilien. Keine Angst: Ich werde über unsere Arbeit jetzt nicht in allen Einzelheiten berichten. Wie so oft in der Politik war die Tätigkeit nicht nur im Rückblick, nach über siebzig Jahren, sondern auch schon damals langweilig. Der Erinnerung wert und von Bedeutung war die Rückreise nach Rom. Um sicherzugehen, dass er genau in den Senatsferien die Bucht von Neapel erreichte, wenn sich die versammelte Politprominenz in den Mineralbädern Puteolis vergnügte, verschob Cicero unsere Abreise extra um einen Monat, von März auf April. Er wies mich an, ein Boot mit zwölf Ruderern anzumieten, das prächtigste, das ich auftreiben könnte, damit er stilvoll - zum ersten Mal würde er die Toga mit dem purpurfarbenen Saum des Senators der Römischen Republik tragen - in den Hafen einlaufen konnte.

Cicero war davon überzeugt gewesen, in Sizilien derart erfolgreiche Arbeit geleistet zu haben, dass er zu Hause in Rom unausweichlich im Mittelpunkt allen Interesses stehen würde. Auf Hundert stickigen Marktplätzen, unter Tausend staubigen, von Wespen wimmelnden Platanen hatte er unparteiisch und würdevoll römisches Recht gesprochen. Er hatte eine einmalig große Menge Getreide zu einem einmalig niedrigen Preis gekauft und für das Wahlvolk nach Rom transportieren lassen. Seine Reden bei Regierungszeremonien waren Meisterwerke an Taktgefühl gewesen. Er hatte sogar Interesse an den Gesprächen der einheimischen Bevölkerung geheuchelt. Er wusste, dass er gute Arbeit geleistet hatte, und brüstete sich mit seinen Errungenschaften in einem Strom von Berichten an den Senat. Ich muss gestehen, dass ich den Tonfall seiner Berichte gelegendich etwas abmilderte, bevor ich sie dem offiziellen Boten übergab, und dass ich ihn darauf hinzuweisen versuchte, dass nicht jeder Sizilien für den Mittelpunkt der Welt hielt. Er nahm jedoch keine Notiz davon.

Ich sehe ihn noch vor mir, wie er bei unserer Rückkehr nach Italien am Bug stand und angestrengt zur Anlegestelle von Puteoli blickte.

Was hatte er erwartet? Eine Musikkapelle, die ihn an Land geleitete? Eine Abordnung der Konsuln, die ihm einen Lorbeerkranz überreichte? Sicher, an Land war eine Menschenmenge zu sehen, aber die war nicht seinetwegen gekommen. Hortensius, der schon das Konsulat ins Auge gefasst hatte, veranstaltete auf mehreren farbenprächtig geschmückten Vergnügungsschiffen, die ganz in der Nahe festgemacht hatten, ein Bankett. Die Menschen an der Anlegestelle waren seine Gäste, die darauf warteten, übergesetzt zu werden. Cicero ging an Land - unbeachtet. Verwirrt schaute er sich um, als einigen der Festgäste sein makellos leuchtendes Senatorengewand auffiel. Sie liefen auf ihn zu, und er straffte in freudiger Erwartung die Schultern.

»Senator«, rief einer. »Was gibt's Neues in Rom?«

Cicero schaffte es irgendwie, sein Lächeln zu bewahren. »Ich komme nicht aus Rom, guter Mann. Ich bin auf dem Rückweg aus meiner Provinz.«

Ein rothaariger, eindeutig schon betrunkener Mann sagte: »Hört, hört, guter Mann! Er ist auf dem Rückweg aus seiner Provinz ...«

Der Mann machte sich kaum die Mühe, sein Lachen im Zaum zu halten.

»Was ist so lustig daran?«, fragte ein Dritter, der die Wogen glätten wollte. »Hast du das etwa nicht gewusst? Der Senator kommt aus Afrika.«

Ciceros Lächeln war heldenhaft. »Nun ja, eigentlich aus Sizilien.«

Möglich, dass es noch eine Weile in diesem Tonfall weiterging. Ich kann mich nicht erinnern. Als die Leute merkten, dass es hier keine Klatschgeschichten aufzuschnappen gab, trollten sie sich wieder. Kurz darauf erschien Hortensius und geleitete die restlichen Gäste zu ihren Fährbooten. Er hatte zumindest die Höflichkeit, Cicero mit einem kurzen Nicken zu begrüßen, war aber eindeutig nicht gewillt, ihn ebenfalls zu seinem Fest zu bitten. Wir blieben allein zurück.

Ein unbedeutender Vorfall, könnte man meinen, doch Cicero selbst pflegte später zu sagen, dass dies der Augenblick war, in dem sein Ehrgeiz so hart wie Stein wurde. Er war gedemütigt worden -gedemütigt von seiner eigenen Eitelkeit - und hatte auf brutale Art erkennen müssen, wie gering seine Stellung in der Welt war. Lange Zeit blieb er am Ufer stehen, beobachtete das festliche Treiben von Hortensius und seinen Freunden und lauschte den heiteren Flötenklängen, die über das Wasser wehten. Als er sich schließlich abwandte, war er ein anderer Mensch. Ich übertreibe nicht, ich habe es in seinen Augen gesehen. Na schön, schien sein Gesichtsausdruck zu sagen, albert nur rum, ihr Idioten, ich werde mich an die Arbeit machen.

»Ich bin geneigt zu behaupten, meine Herren, dass diese Erfahrung von größerem Wert für mich war, als wenn man mich mit Beifallsstürmen begrüßt hätte. Fortan kümmerte ich mich nicht mehr darum, was die Welt wohl von mir zu hören bekäme: Seit jenem Tag achtete ich darauf, dass man mich täglich zu Gesicht bekam. Ich lebte im Licht der Öffentlichkeit. Ich ging regelmäßig zum Forum. Weder mein Türwächter noch mein Schlaf hinderten irgendwen daran, mich in meinem Haus zu besuchen und mit mir zu sprechen. Auch wenn ich nichts zu tun hatte, hieß das nicht, dass ich nichts tat. Zeit vollkommener Muße war etwas, das ich nicht kannte.«

Erst kürzlich stolperte ich bei der Lektüre einer seiner Reden über diese Passage, für deren Richtigkeit ich mich verbürge. Wie im Dämmerzustand verließ er den Hafen, ging bergauf durch Puteoli und hinaus auf die Überlandstraße, ohne sich noch einmal umzublicken. Ich hechelte hinter ihm her, wobei ich so viel Gepäck mitschleppte, wie ich konnte. Schritt er anfangs noch langsam und voller Gedanken dahin, so ging er nach und nach immer schneller, bis er schließlich mit so großen Schritten Pachtung Rom marschierte, dass ich kaum mithalten konnte.

Und damit endet meine erste Rolle und beginnt gleichzeitig die eigentliche Geschichte des Marcus Tullius Cicero.

KAPITEL II

Der Tag, der sich als Wendepunkt erweisen sollte, begann wie jeder andere damit, dass Cicero eine Stunde vor Tagesanbruch als Erster im Haus aufstand. Ich lauschte den dumpfen Schritten auf den Holzbohlen über mir, während er die Übungen absolvierte, die er bei unserem Aufenthalt in Rhodos vor sechs Jahren gelernt hatte. Ich blieb noch kurz im Dunkeln liegen, rollte dann meine Strohmatte zusammen und wusch mir das Gesicht. Es war der erste November, ein kalter Tag.

Cicero wohnte auf dem Esquilin in einem bescheidenen zweistöckigen Haus, das zwischen einem Tempel und einem Wohnblock erbaut worden war. Wenn man sich allerdings die Mühe machte, aufs Dach zu steigen, dann wurde man mit einem herrlichen Ausblick belohnt, der in westlicher Richtung über das dunstige Tal bis zu den großen Tempeln auf dem etwa eine halbe Meile entfernten Kapitolshügel reichte. Das Haus gehörte eigentlich seinem Vater, aber da der alte Herr nicht mehr der Gesündeste war und nur noch selten vom Land in die Stadt kam, hatte es Cicero ganz für sich -zusammen mit Terentia, seiner fünfjährigen

Tochter Tullia und zwölf Sklaven: mich, den mir unterstellten Schreibern Sositheus und Laurea, dem Hausverwalter Eros, Terentias geschäftlichem Berater und Privatsekretär Philotimus, zwei Hausmädchen, einem Kindermädchen, einem Koch, einem Diener und einem Türwächter. Dann gab es da noch einen alten blinden Philosophen, den Stoiker Diodotos, der sich gelegentlich aus seinem Zimmer heraustastete und Cicero, wenn es diesem nach einem Disput verlangte, beim Abendessen Gesellschaft leistete. Macht insgesamt fünfzehn Haushaltsmitglieder. Terentia beklagte sich zwar ständig über die beengten Verhältnisse, aber Cicero wollte nicht umziehen, weil er zu jener Zeit immer noch ganz in seiner »Mann-des-Volkes-Rolle« aufging und das Haus perfekt zu seinem Ruf passte.

Wie an jedem Tag, so streifte ich mir auch an jenem Morgen als Erstes eine Kordel über mein linkes Handgelenk, an der ein kleines, von mir selbst entworfenes Notizbuch hing. Es bestand nicht aus den üblichen ein oder zwei, sondern aus vier Wachstafeln in Buchenholzrahmen, die sehr dünn und auf beiden Seiten beschreibbar waren und über Scharniere verfügten, sodass ich das Notizbuch auf- und zuklappen konnte. So konnte ich während eines Diktats weitaus mehr Text aufnehmen als ein durchschnittlicher Sekretär, dennoch steckte ich mir angesichts Ciceros gewaltigen Redeflusses immer noch ein paar Notizbücher zur Reserve ein. Dann zog ich den Vorhang des Fensters in meinem winzigen Raum auf, ging durch den Innenhof ins Tablinum, zündete die Lampen an und überprüfte, ob alles an seinem Platz war. Auf dem einzigen Möbelstück im Raum, einer Anrichte, stand eine Schale mit Kichererbsen. (Ciceros Name war vom Wort cicer abgeleitet, was Kichererbse bedeutet, und da Cicero glaubte, dass in der Politik ein ungewöhnlicher Name von Vorteil sei, achtete er sehr darauf, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken.) Wenn alles zu meiner Zufriedenheit war, ging ich durch das Atrium in den Empfangsraum, wo der Türwächter auf mich wartete. Seine Hand lag schon auf dem großen eisernen Türriegel. Mit einem Blick durch ein schmales Fenster überprüfte ich, ob es schon hell genug war. Wenn ja, gab ich dem Türwächter mit einem Nicken das Zeichen zum Öffnen.

Draußen in der Kälte wartete schon die übliche Menge an Unglücksraben und Verzweifelten. Während sie eintraten, notierte ich mir die Namen. Die meisten waren mir bekannt. Fremde fragte ich nach dem Namen. Die üblichen Versager schickte ich wieder weg. Die unumstößliche Anweisung lautete: »Wenn er wählen darf, lass ihn rein.« Folglich füllte sich das Tablinum schnell mit nervösen Klienten, von denen jeder seinen Teil an des Senators Zeit beanspruchte. Ich blieb an der Tür stehen, bis ich glaubte, dass alle Wartenden hereingekommen waren, und machte gerade den ersten Schritt zurück ins Haus, als ein Mann in Trauerkleidung bedrohlich im Türrahmen auftauchte. Ich scheue mich nicht, zu gestehen, dass er mir mit seinem verstaubten Gewand, den zerzausten Haaren und seinem unrasierten Gesicht Angst einjagte.

»Tirol«, sagte er. »Den Göttern sei Dank!« Er sank erschöpft gegen den Türrahmen und schaute mich aus blassen, leblosen Augen an. Ich schätze, er muss damals so um die fünfzig gewesen sein. Im ersten Augenblick wusste ich nicht, wer er war, aber da es zu den Aufgaben eines politischen Sekretärs gehört, Gesichtern Namen zuordnen zu können, fugten sich vor meinem geistigen Auge trotz seines Zustandes nach und nach die Teile eines Bildes zusammen: ein großes Haus mit Blick aufs Meer, ein kunstvoll angelegter Garten, eine Sammlung Bronzestatuen, eine Stadt irgendwo in Sizilien, im Norden - richtig, Thermae.

»Sthenius aus Thermae«, sagte ich und streckte die Hand aus. »Herzlich willkommen.«

Es stand mir nicht zu, sein Äußeres zu kommentieren oder ihn danach zu fragen, was er Hunderte von Meilen entfernt von zu Hause zu tun habe, und das unter so offensichtlich üblen Umständen. Ich ließ ihn im Tablinum warten und ging in Ciceros Arbeitszimmer. Der Senator, der an jenem Morgen bei Gericht einen des Vatermordes angeklagten Jugendlichen zu verteidigen hatte und außerdem zur Nachmittagssitzung im Senat erwartet wurde, knetete zur Kräftigung seiner Fingermuskeln einen kleinen Lederball, während ihm sein Diener die Toga anlegte. Er hörte dem jungen Sositheus zu, der ihm einen Brief vorlas, und diktierte gleichzeitig Laurea, dem ich die Grundzüge meiner Kurzschrift beigebracht hatte, eine Botschaft. Als ich eintrat, warf er mir den Ball zu, den ich reflexartig auffing, und bedeutete mir, ihm die Besucherliste zu geben. Er las sie begierig durch, wie jeden Morgen. Wer war ihm über Nacht ins Netz gegangen? Irgendein prominenter Bürger aus einem nützlichen Wahlbezirk? Einer aus Sabatina vielleicht? Oder Pomptina? Oder ein Geschäftsmann, der so reich war, dass er bei den Konsulatswahlen zu den ersten stimmberechtigten Zenturien gehörte? Aber heute handelte es ich nur um die üblichen kleinen Fische, sodass sein Gesicht immer länger wurde, je näher er dem Ende der Liste kam.

»Sthenius?« Er unterbrach das Diktat. »Das ist doch dieser Sizilier, oder? Der Reiche mit den Bronzestatuen? Schätze, wir hören uns mal an, was er will.«

»Sizilier dürfen nicht wählen«, bemerkte ich.

»Pro bona«, sagte er mit unbewegtem Gesicht. »Außerdem hat er Bronzestatuen. Lass ihn als Ersten rein.«

Also holte ich Sthenius, dem Ciceros Standardbegrüßung zuteil wurde - ein Lächeln, das schon zu seinem Markenzeichen geworden war; der männlich kräftige Händedruck mit beiden Händen; der lange, ernste Blick in die Augen. Dann bat er ihn, Platz zu nehmen, und fragte, was ihn nach Rom führe. Nach und nach wurden meine Erinnerungen an Sthenius wieder wach. Zwei Mal, als Cicero zur Anhörung von Streitsachen nach Thermae gereist war, hatten wir in seinem Haus übernachtet. Er war einer der führenden Bürger der Provinz gewesen, doch von der Vitalität und dem Selbstvertrauen von damals war nichts mehr zu spüren. Er brauche Hilfe, sagte er. Er stehe vor dem Ruin. Sein Leben sei in ernster Gefahr. Man habe ihn ausgeraubt.

»Tatsächlich?«, sagte Cicero. Während er mit halbem Ohr zuhörte, schaute er auf eine Urkunde, die vor ihm auf dem Schreibpult lag. Elendsgeschichten wie diese waren für einen beschäftigten Anwalt nichts Besonderes. »Du hast mein Mitgefühl. Ausgeraubt von wem?«

»Vom Statthalter in Sizilien, Gaius Verres.«

Der Senator schaute augenblicklich auf.

Danach war Sthenius nicht mehr zu bremsen. Während es nur so aus ihm heraussprudelte, bedeutete mir Cicero mit einer unauffälligen Handbewegung, dass ich mitschreiben solle. Als Sthenius seinen Redefluss kurz unterbrechen musste, um Luft zu holen, bat Cicero ihn behutsam, doch ein bisschen zurückzugehen, etwa drei Monate, bis zu dem Tag, an dem er den ersten Brief von Verres erhalten habe. »Wie hast du darauf reagiert?«

»Ich war natürlich etwas beunruhigt. Er hat schließlich einen gewissen Ruf. Verres heißt ja Eber, und die Leute nennen ihn den Eber mit der blutverschmierten Schnauze. Ich konnte mich kaum widersetzen.«

»Hast du den Brief noch?«

»Ja.«

»Und in dem Brief hat Verres deine Kunstsammlung explizit erwähnt?«

»Ja, sicher. Er hat geschrieben, dass er davon gehört hätte und dass er sie sich gern anschauen würde.«

»Und wann ist er dann gekommen und hat sich bei dir eingenistet?«

»Schon bald, höchstens eine Woche später.«

»War er allein?«

»Nein, er war in Begleitung seiner Liktoren. Die mußte ich auch unterbringen. Leibwächter sind ja immer grobe Burschen, aber so üble Schläger wie die hatte ich noch nie gesehen. Ihr Anführer Sextius ist der offizielle Scharfrichter für ganz Sizilien. Er presst seinen Opfern Bestechungsgelder ab. Wenn sie nicht wollen, dass er pfuscht - sie also vor der Exekution übel zurichtet -, dann müssen sie ihn bestechen.« Sthenius schluckte und atmete schwer. Wir warteten.

»Lass dir ruhig Zeit«, sagte Cicero.

»Ich hatte gedacht, dass er nach der Reise vielleicht erst ein Bad nehmen wollte und dass wir danach zu Abend essen würden, aber keine Rede davon, er wollte auf der Stelle die Sammlung sehen.«

»Ich kann mich an einige außergewöhnliche Stücke erinnern.«

»Die Sammlung war mein Leben, Senator, ganz einfach. Dreißig Jahre Herumreisen und Feilschen. Korinthische und delische Bronzestatuen, Gemälde, Silberzeug - jedes einzelne Stück habe ich selbst begutachtet und ausgesucht. Ich hatte Myrons Diskuswerfer und den Speerträger von Polyklet. Und ein paar Silberbecher von Mentor. Verres hat mir geschmeichelt. Er hat gesagt, dass die Sammlung ein größeres Publikum verdient hätte, sie wäre so gut, dass man sie öffentlich ausstellen sollte. Ich habe mir nichts dabei gedacht, bis ich plötzlich, als wir zusammen auf der Terrasse beim Abendessen saßen, aus dem Innenhof Geräusche gehört habe. Mein Verwalter hat mir ins Ohr geflüstert, dass ein Ochsengespann gekommen sei und Verres' Liktoren dabei wären, alles aufzuladen.«

Sthenius verstummte. Es war nicht schwer, sich die Schmach für diesen so stolzen Mann vorzustellen: die in Tränen aufgelöste Frau, die verängstigte Familie, die Staubränder an den Stellen, wo einst die Statuen gestanden hatten. Das einzig hörbare Geräusch in Ciceros Arbeitszimmer war das meines kratzenden Griffels auf der Wachstafel.

»Und du hast keinen Einspruch erhoben?«, fragte Cicero.

»Bei wem denn? Beim Statthalter?« Sthenius lachte. »Nein, Senator. Ich war am Leben, oder? Wenn es dabei geblieben wäre, hätte ich den Schmerz über den Verlust heruntergeschluckt, und du hättest nie einen Muckser von mir gehört. Aber die Sammelleidenschaft kann sich zu einer Krankheit auswachsen, und eins kann ich dir sagen: Euren Statthalter Verres hat es schwer erwischt. Erinnerst du dich an die Statuen auf dem Stadtplatz?«

»Und ob ich mich erinnere. Drei exquisite Bronzestatuen. Willst du etwa behaupten, dass er die auch gestohlen hat?«

»Er hat es versucht. Das war am dritten Tag, als er mich gefragt hat, wem die gehören. Ich habe ihm gesagt, dass sie der Stadt gehörten, schon seit Jahrhunderten. Hast du gewusst, dass die Statuen vierhundert Jahre alt sind? Er hat gesagt, dass er gern die Erlaubnis hätte, sie mit in seinen Amtssitz nach Syrakus zu nehmen, natürlich ebenfalls als Leihgabe, und er hat mich gebeten, seinen Wunsch dem Stadtrat vorzutragen. Da habe ich gewusst, was für einen Menschen ich vor mir hatte. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm diesen Gefallen - bei aller Hochachtung - nicht tun könne. Er ist dann noch am selben Abend abgereist, und ein paar Tage später habe ich eine Vorladung für den fünften Oktober bekommen, weil ich der Fälschung beschuldigt worden sei.«

»Von wem kam die Anzeige?«

»Von einem meiner Feinde, Agathinus. Er ist ein Klient von Verres. Mein erster Gedanke war, dass ich das ausfechte. Was meine Ehre angeht, habe ich nichts zu befurchten. Nie in meinem Leben habe ich ein Dokument gefälscht. Aber dann habe ich gehört, dass Verres selbst der Richter sein würde und dass er die Strafe schon festgesetzt hätte. Für meine Dreistigkeit sollte ich vor den Augen der ganzen Stadt ausgepeitscht werden.«

»Und dann bist du geflohen.«

»Noch in derselben Nacht mit einem Boot an der Küste entlang nach Messana.«

Cicero stützte sein Kinn auf die Hand und schaute Sthenius nachdenklich an. Mir war diese Geste bekannt. Er taxierte die Glaubwürdigkeit des Zeugen. »Du sagst, dass die Verhandlung am fünften des letzten Monats war? Hast du in Erfahrung bringen können, was an dem Tag passiert ist?«

»Deshalb bin ich hier. Ich bin in Abwesenheit zu öffentlicher Auspeitschung und fünftausend Sesterzen Strafe verurteilt worden. Aber das ist nicht das Schlimmste. Bei der Verhandlung hat Verres behauptet, dass es neues Beweismaterial gegen mich gebe, diesmal wegen Spionage für die Rebellen in Spanien. Er hat für den ersten Dezember eine neue Verhandlung in Syrakus angesetzt.«

»Aber Spionage ist ein Kapitalverbrechen.«

»Du musst mir glauben, Senator, er will mich ans Kreuz schlagen lassen. Er posaunt das schon überall herum. Ich wäre ja nicht der Erste. Ich brauche Hilfe. Ich flehe dich an, bitte hilf mir!«

Ich hatte den Eindruck, er würde jeden Augenblick auf die Knie fallen und die Füße des Senators küssen. Die gleiche Ahnung hatte wohl auch Cicero, denn er stand hastig auf und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen. »Ich glaube, Sthenius, dein Fall hat zwei verschiedene Aspekte. Bei dem ersten, dem Diebstahl deines Eigentums, kann man ehrlich gesagt wohl nichts machen. Was glaubst du denn, warum Männer wie Verres den Statthalterposten anstreben? Weil sie wissen, dass sie sich im Rahmen gewisser Grenzen alles unter den Nagel reißen können, was sie wollen. Der zweite Aspekt, Missachtung des Rechtsweges, sieht da schon vielversprechender aus.

Ich kenne in Sizilien mehrere Männer mit exzellenten juristischen Fähigkeiten - richtig, einer lebt sogar in Syrakus. Ich werde ihm noch heute schreiben und ihn dringend bitten, mir zuliebe deinen Fall zu übernehmen. Ich werde ihm außerdem darlegen, was meiner Meinung nach zu tun ist. Er soll bei Gericht den Antrag stellen, die anstehende Klage für unwirksam zu erklären mit der Begründung, dass du dich nicht persönlich verteidigen kannst. Sollte das fehlschlagen und Verres das Verfahren durchziehen, soll dein Anwalt nach Rom kommen und die Verurteilung anfechten.«

Aber der Sizilier schüttelte den Kopf. »Wenn ich nur einen Anwalt in Syrakus brauchte, Senator, hätte ich nicht den weiten Weg bis nach Rom gemacht.«

Ich konnte sehen, dass Cicero nicht erfreut darüber war, in welche Richtung sich das Gespräch bewegte. Ein derartiger Fall könnte seine Praxis für

Tage lahmlegen, und Sizilier waren - worauf ich ihn hingewiesen hatte - in Rom nicht wahlberechtigt. Pro bono - wie wahr!

»Hör zu«, sagte er mit besänftigender Stimme. »Deine Erfolgsaussichten sind gut. Verres ist offensichtlich korrupt. Er missbraucht deine Gastfreundschaft, er stiehlt, er bringt falsche Beschuldigungen vor. Er plant einen Justizmord. Seine Position ist unhaltbar. Ein Anwalt in Syrakus wird damit leicht fertig - ganz sicher, glaub mir. Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest, auf mich warten jede Menge Klienten, außerdem habe ich in einer knappen Stunde einen Termin bei Gericht.«

Cicero nickte mir zu. Ich trat vor und legte eine Hand auf Sthenius' Arm, um ihn nach draußen zu geleiten. Der Sizilier schüttelte meine Hand ab. »Aber ich brauche dich«, sagte er hartnäckig.

»Warum?«

»Weil ich nur in Rom eine Aussicht auf Gerechtigkeit habe, nicht in Sizilien. Da kontrolliert Verres die Gerichte. Und alle Leute sagen, dass du, Marcus Tullius Cicero, der zweitbeste Anwalt Roms bist.«

»Ach ja, tun das die Leute?« Ciceros Stimme nahm einen sarkastischen Tonfall an. Er hasste dieses Attribut. »Wenn dem so ist, warum gibst du dich dann mit dem Zweitbesten zufrieden? Warum nimmst du nicht gleich Hortensius?«

»Das wollte ich ja«, sagte Sthenius arglos. »Aber er hat abgelehnt. Er vertritt Verres.«

Ich begleitete den Sizilier nach draußen und ging wieder in Ciceros Arbeitszimmer. Er war allein. Zurückgelehnt saß er auf seinem Stuhl, starrte an die Wand und warf den Lederball von einer Hand in die andere. Juristische Fachbücher lagen unordentlich auf seinem Schreibpult herum. Eins, das er aufgeschlagen hatte, hieß Juristische Verfahrensregeln und war von Hostilius. Ein anderes war Manilius' Kauf- und Verkaufsverträge.

»Erinnerst du dich an den Besoffenen am Pier von Puteoli? Den mit den roten Haaren? Als wir gerade aus Sizilien eingelaufen waren? >Hört, hört, guter Mann! Er ist auf dem Rückweg aus seiner Provinz ...

Ich nickte.

»Das war Verres.« Der Ball hüpfte von der linken in die rechte, von der rechten in die linke Hand. »Der Bursche bringt noch die gute alte Korruption in Verruf.«

»Mich überrascht, dass Hortensius sich mit ihm einlässt.«

»Das überrascht dich? Mich nicht.« Er hörte auf, mit dem Ball zu spielen. Nachdenklich betrachtete er die Lederkugel, die auf seiner ausgestreckten Hand lag. »Der Tanzmeister und der Eber ...« Eine Zeit lang brütete er vor sich hin. »Ein Mann in meiner Lage müsste verrückt sein, wenn er sich in ein Scharmützel mit dem Duo Hortensius/Verres einließe. Und das auch noch wegen eines Siziliers, der nicht mal Bürger Roms ist.«

»Wie wahr.«

»Wie wahr«, wiederholte er. Wegen der seltsam zögernden Art, wie er diese beiden Worte aussprach, frage ich mich allerdings noch heute manchmal, ob er nicht genau in dieser Sekunde eine Ahnung von der Tragweite des Falles bekommen hatte, von der außerordentlichen Palette an Möglichkeiten und daraus resultierenden Folgen, die sich plötzlich in seinem Kopf wie zu einem Mosaik zusammensetzten. Wenn ja, so habe ich es zumindest nie erfahren, denn in diesem Augenblick platzte noch im Nachthemd seine Tochter Tullia herein, um ihm eine ihrer kindlichen Zeichnungen zu zeigen. Sofort gehörte seine ganze Aufmerksamkeit ihr. Er hob sie hoch und setzte sie sich auf den Schoß. »Hast du das gezeichnet? Hast du das wirklich selbst gemacht ...?«

Ich ließ die beiden allein und ging ins Tablinum, um den Wartenden mitzuteilen, dass der Senator auf dem Weg ins Gericht sei und jetzt keine Zeit mehr habe. Der immer noch jämmerlich dreinblickende Sthenius fragte mich, wann er mit einer Antwort rechnen könne, worauf ich ihm nur sagen konnte, er müsse sich gedulden wie jeder andere auch. Kurz darauf erschien Cicero mit der kleinen Tullia an der Hand und begrüßte jeden mit Namen (»Die wichtigste Regel in der Politik, Tiro: Vergiss nie ein Gesicht!«). Wie immer war seine Erscheinung makellos: pomadisiertes, glatt zurückgekämmtes Haar, parfümierte Haut, die Toga frisch gewaschen und gebügelt, kein Staubkörnchen auf den rot glänzenden Lederschuhen, das Gesicht braun gebrannt vom jahrelangen Plädieren unter freiem Himmel. Gepflegt, schlank, fit. Kurz: ein glänzender Auftritt. Seine Gäste folgten ihm in den Flur, wo er sein kleines strahlendes Mädchen hochhob und den Anwesenden präsentierte. Dann drehte er Tullias Gesicht zu sich und küsste sie zum Abschied laut schmatzend auf die Lippen. Ein lang gezogenes »Ahh!«, vereinzeltes Klatschen war zu hören. Der Abschiedskuss war nicht nur Inszenierung - wenn er allein gewesen wäre, hätte er es nicht anders gemacht, denn sein Leben lang hat er nie jemanden mehr geliebt als seinen Liebling Tulliola. Aber er wusste auch, dass das römische Wahlvolk ein sentimentaler Haufen war, und wenn sich seine väterliche Hingabe herumsprach, würde ihm das jedenfalls nicht schaden.

Und so traten wir an diesem vielversprechenden Novembermorgen hinaus in die zum Leben erwachende Stadt. Cicero ging voraus, ich an seiner Seite, die Wachstafel einsatzbereit; hinter uns Sositheus und Laurea mit den Körben, die die Beweismittel für Ciceros Auftritt bei Gericht enthielten; und um uns herum ein bunt zusammengewürfelter Haufen von etwa zwei Dutzend Bittstellern und Anhängern, darunter Sthenius, die die Aufmerksamkeit des Senators zu erregen versuchten, aber auch schon damit zufrieden waren, sich nur in seiner Nähe aufhalten zu dürfen. Von den Höhen des schattigen, vornehmen Esquilin tauchten wir in den lärmenden, dunstigen Gestank von Subura ein. Die Mietshäuser waren so hoch, dass kein Sonnenstrahl den Boden erreichte, und die schiebenden Menschenmengen rissen immer wieder Lücken in die Schar unserer Begleiter, die es jedoch irgendwie schafften, nie den Anschluss zu verlieren. Cicero war ein bekannter Mann in diesem Viertel, er war ein Held für die Ladenbesitzer und Händler, deren Interessen er vertreten hatte und die ihn schon seit Jahren durch ihre Straßen gehen sahen. Nicht ein einziges Mal verlangsamte er seinen schnellen Schritt, und doch registrierten seine wachsamen blauen Augen jeden geneigten Kopf, jede grüßende Hand, und nie musste ich ihm einen Namen ins Ohr flüstern - er kannte seine Wähler weit besser als ich.

Ich weiß nicht, wie es heute ist, aber damals gab es sechs oder sieben Gerichtshöfe, die fast immer tagten, jeder in einem anderen Teil des Forums. Zur Stunde, wenn sie alle gleichzeitig ihre Sitzungen eröffneten, konnte man sich deshalb kaum rühren, so viele Anwälte und Gerichtsbedienstete eilten geschäftig herum. Das Gedränge wurde noch dadurch verschlimmert, dass dem Prätor jedes Gerichtshofes von seinem Wohnhaus bis zum Forum ein halbes Dutzend Liktoren voranging, die ihm den Weg bahnten, und so wollte es der Zufall, dass an jenem Tag unser kleines Gefolge genau zu jenem Zeitpunkt auf dem Forum einzog, als auch Hortensius, der damals selbst Prätor war, mit seinem Tross dem Senat zustrebte. Wir wurden von seinen Wachen zurückgehalten, damit der große Mann passieren konnte, und bis heute glaube ich nicht, dass Hortensius Cicero mit Vorsatz ignorierte, denn er war ein Mann mit kultivierten, fast femininen Umgangsformen. Ich glaube, er hat uns einfach nicht gesehen. Die Folge war jedoch, dass dem sogenannten zweitbesten Advokaten Roms der freundliche Gruß auf den Lippen erstarb und er dem sich entfernenden Rücken des sogenannten besten Advokaten mit derart tiefer Verachtung hinterherschaute, dass ich mich wunderte, warum Hortensius nicht den Arm hob und sich zwischen seinen Schulterblättern kratzte.

Unser Fall an diesem Morgen wurde vor dem obersten Strafgericht verhandelt, das vor der Basilica Aemilia zusammentrat. Der fünfzehnjährige Gaius Popillius Laenas war angeklagt, seinen Vater getötet zu haben, indem er ihm einen Schreibgriffel aus Metall ins Auge gerammt hatte. Das Podium wurde schon von einer großen Menschenmenge umringt. Ciceros Schlussrede für die Verteidigung stand auf der Tagesordnung. Das war Attraktion genug. Sollte Cicero es nicht schaffen, die Geschworenen zu überzeugen, würde Popillius als Vatermörder verurteilt. Man würde ihn nackt ausziehen, blutig peitschen und dann zusammen mit einem Hund, einem Hahn und einer Schlange in einen Sack einnähen und in den Tiber werfen. Ein Hauch Gier nach Blut hing in der Luft. Als die Zuschauer zur Seite traten, um uns durchzulassen, warf ich einen Blick auf den jungen Popillius, der berüchtigt war für seine Gewalttätigkeit. Seine Augenbrauen bildeten einen durchgehend dicken schwarzen Strich. Er saß neben seinem Onkel auf der Bank, die für die Verteidigung reserviert war, schaute finster und verächtlich in die Menge und spuckte jeden an, der ihm zu nahe kam. »Wir müssen ihn unbedingt freibekommen«, sagte Cicero zu mir. »Schon damit den armen Tieren die Tortur erspart bleibt, mit ihm in einen Sack gesteckt zu werden.« Er bestand immer darauf, dass es nicht Sache des Anwalts sei, sich den Kopf über Schuld oder Unschuld eines Mandanten zu zerbrechen: Das sei Sache des Gerichts. Seine Pflicht sei es lediglich, sein Bestes zu tun. Als Gegenleistung sähen sich die Popilii Laeni, die sich mit vier Konsuln in ihrem Stammbaum brüsten konnten, in der Pflicht, ihn zu unterstützen, wann immer er ein Öffentliches Amt anstrebte.

Sositheus und Laurea stellten die Körbe mit den Beweismitteln ab, und ich bückte mich gerade, um den ersten aufzuschnüren, als Cicero sagte: »Spar dir die Mühe.« Er tippte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe. »Die Rede ist hier gespeichert.« Er beugte sich zu seinem Mandanten vor und begrüßte ihn höflich: »Guten Morgen, Popillius. Das haben wir gleich erledigt, glaube mir.« Dann wandte er sich wieder mir zu und sagte leise: »Ich habe eine wichtigere Aufgabe für dich. Gib mir deine Wachstafel. Ich will, dass du zum Senat gehst, den Protokollführer auftreibst und vorfühlst, ob er das hier noch auf die Tagesordnung für heute Nachmittag setzen kann.« Er schrieb schnell. »Sag unserem Freund aus Sizilien noch nichts davon. Das ist nicht ganz ungefährlich. Wir müssen behutsam vorgehen, ein Schritt nach dem andern.«

Erst als ich das Gericht verlassen und das Forum auf dem Weg zum Senat schon halb durchquert hatte, wagte ich, einen Blick auf die Wachstafel zu werfen ... dass nach Auffassung dieses Hauses in den Provinzen die Strafverfolgung von Personen, die Kapitalverbrechen beschuldigt werden, in deren Abwesenheit verboten werden sollte. Ich spürte ein Ziehen in meinem Brustkorb, weil ich sofort erkannte, was das bedeutete. Schlau, behutsam und verdeckt traf Cicero Vorbereitungen, seinem großen Rivalen den Kampf anzusagen. Ich überbrachte eine Kriegserklärung.

*

Im November führte Gellius Publicola den Vorsitz im Senat. Er war ein ungehobelter, köstlich tumber Militärführer der alten Schule. Man behauptete, oder wenigstens behauptete es Cicero, dass sich Gellius, als er zwanzig Jahre zuvor mit seiner Armee in Athen gewesen war, als Schlichter im Streit der philosophischen Schulen angeboten hatte: Er würde eine Konferenz einberufen, auf der sie ein für alle Mal den Sinn des Lebens klären könnten, dann brauchten sie ihre Lebenszeit nicht mit weiteren sinnlosen Debatten zu vergeuden. Ich kannte Gellius' Sekretär ziemlich gut, und da sich die Agenda für den Nachmittag ungewöhnlich dürftig ausnahm - außer einem Bericht über die militärische Lage war nichts vorgesehen -, setzte er Ciceros Antrag auf die Tagesordnung. »Aber du solltest deinen Herrn vorwarnen«, sagte er. »Dem Konsul ist Ciceros kleine Bosheit über den Philosophenstreit zu Ohren gekommen. Er war nicht sehr begeistert.«

Als ich wieder im Gericht eintraf, war Ciceros Verteidigungsrede schon in vollem Gang. Die Rede gehörte nicht zu denen, die er von mir archivieren ließ, deshalb habe ich unglücklicherweise den Text nicht zur Hand. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass er den Prozess mit einem schlauen Schachzug gewann: Er versprach, dass Popillius im Fall eines Freispruchs den Rest seines Lebens dem Militärdienst widmen würde - ein Gelübde, das sowohl den Ankläger wie auch die Geschworenen und erst recht seinen Mandanten völlig überraschte. Aber der Kunstgriff funktionierte. Im Augenblick der Urteilsverkündung verschwendete Cicero keine einzige Sekunde mehr an Popillius, gönnte sich nicht einmal einen Bissen zu essen, sondern verabschiedete sich umgehend Richtung Senat, der sich im westlichen Teil des Forums befand - im Schlepptau die gleiche Ehrengarde aus Bewunderern wie am Morgen. Ihre Zahl hatte sich sogar vergrößert, da das Gerücht umging, der große Advokat wolle heute noch eine zweite Rede halten.

Cicero behauptete immer, dass die eigentlichen Geschäfte der Republik nicht im Senatssaal, sondern davor, auf dem Senaculum genannten Sammelplatz der Senatoren, betrieben würden, wo diese zu warten hatten, bis die Kammer beschlussfähig war. Diese tägliche Versammlung weiß gekleideter Gestalten, die eine Stunde oder länger dauern konnte, bot eines der faszinierenden Bilder der Stadt. Während Cicero sich unter die Senatoren mischte, gesellte ich mich zusammen mit Sthenius zu der gaffenden Menge auf der anderen Seite des Forums. (Der Sizilier, der Arme, hatte immer noch keine Ahnung, was hier vor sich ging.)

Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht alle Politiker es zu Rang und Namen bringen. Von den sechshundert Männern, die damals den Senat bildeten, konnten in jedem Jahr nur acht zum Prätor gewählt werden, und nur zwei konnten das höchste Imperium, das Konsulat, erreichen. Mit anderen Worten: Über die Hälfte derjenigen, die jetzt im Senaculum herumstanden, waren dazu verurteilt, nie in ein öffentliches Amt gewählt zu werden. Sie waren das, was die Aristokraten naserümpfend pedarii nannten: Männer, die mit den Füßen abstimmten, die bei jeder Stimmabgabe pflichtbewusst entweder zur einen oder anderen Seite des Raumes gingen. Und doch waren diese Bürger in gewisser Weise das Rückgrat der Republik: Bankiers, Geschäftsleute und Landbesitzer aus ganz Italien; wohlhabend, besonnen und patriotisch; misstrauisch gegenüber der Arroganz und dem Pomp der Aristokraten. Wie Cicero waren sie oft homines novi, neue Männer, die ersten in ihren Familien, die in den Senat gewählt worden waren. Das waren Ciceros Leute. Zu beobachten, wie er sich an jenem Nachmittag zwischen ihnen hindurchschlängelte, war, als beobachte man einen großen Künstler, einen Bildhauer an seinem Steinblock - dem einen legte er sanft die Hand auf den Ellbogen, dem anderen klopfte er kräftig auf die breiten Schultern; bei diesem Mann ein derber Scherz, bei jenem ein feierliches Wort der Anteilnahme, wobei er zur Bekräftigung seines Mitgefühls die verschränkten Hände gegen die eigene Brust drückte. Auch wenn ihn ein lästiger Schwätzer festnagelte, erweckte er den Eindruck, sich alle Zeit der Welt für dessen langweilige Geschichte zu nehmen. Plötzlich jedoch streckte er den Arm aus und hielt irgendeinen vorbeischlendernden Senator auf, entledigte sich der Klette anmutig wie ein Tänzer und ließ ihn mit dem sanftmütigsten Blick der Entschuldigung und des Bedauerns stehen, um den nächsten Kollegen zu bearbeiten. Gelegentlich deutete er in unsere Richtung, und dann blickte sein Gesprächspartner zu uns herüber und schüttelte vielleicht ungläubig den Kopf oder nickte bedächtig, um Cicero seiner Unterstützung zu versichern.

»Was erzählt er da über mich?«, fragte Sthenius. »Was geht hier vor?«

Da ich es selbst nicht wusste, konnte ich ihm diese Frage auch nicht beantworten.

Hortensius hatte inzwischen gemerkt, dass etwas in der Luft lag, aber er wusste nicht, was. Die Tagesordnung war an der üblichen Stelle neben dem Eingang zum Senat ausgehängt worden. Ich sah, wie Hortensius stehen blieb, las - in den Provinzen die Strafverfolgung von Personen, die Kapitalverbrechen beschuldigt werden, in deren Abwesenheit verboten werden sollte - und sich dann verwirrt abwandte. Umgeben von seinem Gefolge saß Gellius Publicola im Saaleingang auf seinem mit Elfenbeinschnitzereien verzierten Stuhl und wartete darauf, dass die Auguren nach Begutachtung der Eingeweide alles für ordnungsgemäß befanden, damit er die Senatoren auffordern konnte einzutreten. Hortensius ging auf ihn zu und breitete fragend die Arme aus. Gellius zuckte mit den Achseln und deutete gereizt auf Cicero. Hortensius drehte sich um und entdeckte seinen Rivalen inmitten einer Traube verschwörerisch tuschelnder Senatoren. Er runzelte die Stirn und gesellte sich zu seinen aristokratischen Freunden: den drei Metellus-Brüdern Quintus, Lucius und Marcus sowie den beiden älteren Exkonsuln Quintus Catulus, dessen Schwester mit Hortensius verheiratet war, und Publius Servilius Vatia Isauricus, der das Konsulat zweimal innegehabt hatte. Sogar beim Niederschreiben der Namen stellen sich mir nach all den Jahren noch die Nackenhaare auf, denn Männer dieses Kalibers - eisern, unnachgiebig, durchdrungen von den alten Idealen der Republik -gibt es heute nicht mehr. Hortensius musste ihnen von dem Antrag erzählt haben, denn langsam drehten sich alle fünf um und schauten zu Cicero. Unmittelbar danach ertönte das Trompetensignal, das den Beginn der Sitzung ankündigte, und die Senatoren begaben sich in den Saal.

Das alte Senatsgebäude war ein kühler, düsterer, höhlenartiger Regierungstempel, den ein breiter, in schwarzen und weißen Fliesen ausgelegter Mittelgang in zwei Hälften teilte. Auf beiden Seiten befanden sich jeweils sechs lange, einander zugewandte Reihen mit Holzbänken für die Senatoren. Auf einem Podium am Kopfende des Raumes standen die Stühle für die Konsuln. Das Licht an jenem Novembertag war fahl und bläulich. Es fiel durch die unverglasten Fenster, die sich direkt unterhalb der Dachbalken befanden, in schmalen Streifen in den Saal. Tauben gurrten auf den Gesimsen und flatterten durch den Raum, wobei sie kleine Federn und auch den einen oder anderen warmen Spritzer Exkremente auf die Senatoren herabfallen ließen. Manche behaupteten, dass es Glück brächte, wenn man während einer Rede vom Vogelkot getroffen würde, andere hielten es für ein schlechtes Omen, und einige wenige glaubten, dass das eine oder andere von der Farbe der Ausscheidungen abhinge. Die Spielarten des Aberglaubens waren so zahlreich wie deren Interpretationen. Cicero nahm davon keine Notiz. Er achtete weder auf die Lage von Schafsgedärm oder die Flugbahn eines Vogelschwarms noch darauf, ob es links oder rechts von ihm donnerte. Für ihn war das alles Unsinn - später allerdings bewarb er sich für einen Sitz im Kollegium der Auguren.

Nach den alten, damals noch befolgten Traditionen blieben die Türen während einer Senatssitzung geöffnet, damit das Volk die Debatten mithören konnte. Die Menschenmenge, darunter auch Sthenius und ich, drängte über das Forum bis zur Schwelle zum Senat, wo ihr ein einfaches Seil Einhalt gebot. Inzwischen hatte Gellius damit begonnen, die Kriegsberichte der Armeeführer vorzutragen. Die Nachrichten von allen drei Fronten waren gut. In Süditalien schlug der unermesslich reiche Marcus Crassus - der, der einmal getönt hatte, kein Mann könne sich reich nennen, wenn er nicht aus eigener Tasche eine Legion von fünftausend Mann unterhalten könne -mit äußerster Härte Spartacus' Sklavenaufstand nieder. In Spanien räumte Pompeius Magnus nach sechs Jahre andauernden Kämpfen mit den letzten Rebellenarmeen auf. Und in Kleinasien landete Lucius Lucullus einen ruhmreichen Sieg nach dem anderen über König Mithridates. Nach dem Verlesen der Berichte erhoben sich nacheinander Anhänger jedes einzelnen Heerführers, um dessen Taten zu rühmen und die seiner Rivalen auf subtile Weise herabzuwürdigen. Cicero hatte mir erklärt, was dahintersteckte, und ich gab mein Wissen in überlegenem Flüsterton an Sthenius weiter: »Crassus hasst Pompeius und ist fest entschlossen, Spartacus zu schlagen, bevor Pompeius mit seinen Legionen aus Spanien zurückkehrt und den ganzen Ruhm für sich einheimst. Pompeius hasst Crassus und will Spartacus selbst vernichten, weil er Crassus den Triumph nicht gönnt. Crassus und Pompeius hassen beide Lucullus, weil der das attraktivste Kommando hat.«

»Und wen hasst Lucullus?«

»Pompeius und Crassus natürlich, weil die beiden gegen ihn intrigieren.«

Ich freute mich wie ein kleines Kind, das soeben fehlerlos seine Lektion aufgesagt hatte. Damals war alles nur ein Spiel, und ich hatte keine Ahnung, dass wir jemals in die Sache hineingezogen werden könnten. Ohne besonderen Grund, denn es war keine Abstimmung erforderlich, schlief die Debatte plötzlich ein, und die Senatoren begannen miteinander zu reden. Gellius, der damals bereits hoch in den Sechzigern gewesen sein rnuss, hielt sich das Tagesordnungsprotokoll dicht vors Gesicht, las mit zusammengekniffenen Augen und ließ dann den Blick durch die Kammer schweifen auf der Suche nach Cicero, der als junger Senator seinen Platz auf den hinteren Bänken nahe der Tür hatte. Cicero stand schließlich auf, Gellius setzte sich, das Gemurmel erstarb, und ich zückte meinen Griffel.

Es herrschte Stille. Cicero stand stumm an seinem Platz, eine Methode, um die Spannung zu erhöhen. Als er so lange gewartet hatte, dass man glauben konnte, irgendetwas sei nicht in Ordnung, begann er zu sprechen - anfangs sehr leise und stockend, sodass die Anwesenden gezwungen waren, aufmerksam zuzuhören. Und obwohl sie die Worte kaum verstehen konnten, schlug der Rhythmus der Sprache sie in ihren Bann.

»Ehrenwerte Mitglieder des Senats, verglichen mit den soeben gehörten, aufwühlenden Nachrichten über unsere Soldaten im Feld mag euch das, was ich zu sagen habe, läppisch erscheinen.« Seine Stimme wurde jetzt lauter. »Wenn es aber so weit kommen sollte, dass dieses hohe Haus kein Ohr mehr hat für die Anliegen eines unschuldigen Mannes, dann sind all jene mutigen Taten wertlos, dann bluten unsere Soldaten vergeblich.« Von den neben ihm sitzenden Senatoren war zustimmendes Gemurmel zu hören. »So ein unschuldiger Mann suchte mich heute Morgen in meinem Haus auf. Er ist von einer Person aus unserer Mitte auf so schimpfliche, so ungeheuerliche, so grausame Weise behandelt worden, dass beim Anhören seiner Geschichte selbst den Göttern die Tränen gekommen wären. Ich spreche von dem ehrenwerten Sthenius aus Thermae, bis vor kurzem wohnhaft in unserer bedauernswerten, kläglich verwalteten und aufs Schändlichste ausgebeuteten Provinz Sizilien.«

Hortensius, der betont lässig in der vordersten Reihe neben dem Konsul saß, zuckte beim Wort »Sizilien« leicht zusammen. Ohne Cicero aus den Augen zu lassen, drehte er sich halb um und flüsterte Quintus, dem ältesten der Metellus-Brüder, etwas zu. Dieser wandte sich daraufhin Marcus zu, dem jüngsten der drei Brüder, und machte ihm ein Zeichen. Marcus ging in die Hocke, empfing seine Anweisungen und eilte, nachdem er sich knapp vor dem präsidierenden Konsul verneigt hatte, durch den Gang in meine Richtung. Einen Moment lang glaubte ich, dass es mir an den Kragen ginge - die Metellus-Brüder waren unangenehme, großmäulige Burschen -, aber er schaute mich nicht einmal an, sondern hob das Seil hoch, schlüpfte darunter hindurch und verschwand in der Menge.

Inzwischen war Cicero richtig in Fahrt gekommen. Nach unserer Rückkehr von Rhodos war ihm Molons Leitsatz der Vortrag, der Vortrag und noch mal der Vortrag nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Stundenlang hatte er im Theater die Methoden der Schauspieler studiert und ein außerordentliches Talent für Mimik und Mimikry entwickelt. Mit dem sparsamsten Einsatz von Stimme und Gestik konnte er - was er in diesem Augenblick tat - seine Reden mit den Charakteren bevölkern, die er ansprechen wollte. An jenem Nachmittag ließ er den Senat in den Genuss einer Sondervorstellung kommen: Verres' großmäuliger Arroganz stellte er Sthenius'' gelassene Würde gegenüber, dem langen Leiden der Sizilier die Schandtaten des amtlichen Scharfrichters Sextius. Sthenius konnte kaum glauben, was er da sah und hörte. Er war jetzt gerade seit einem Tag in der Stadt, und schon war er Gegenstand einer Debatte im römischen Senat. Währenddessen schaute Hortensius immer wieder zur Tür, und als Cicero dem Fazit seiner Rede entgegensteuerte - »Sthenius erbittet unseren Schutz, nicht vor irgendeinem Dieb, sondern vor genau dem Mann, der Dieben das Handwerk legen sollte!« -, sprang er schließlich auf. Gemäß den Regeln des Senats hatte ein amtierender Prätor immer Vorrang vor einem einfachen Mitglied aus den Reihen der pedarii, sodass Cicero keine andere Wahl hatte, als sich zu fügen und seine Rede zu unterbrechen.

»Senatoren«, rief Hortensius mit donnernder Stimme. »Wir haben uns das jetzt lange genug angehört! Das ist wohl eines der schamlosesten Beispiele an Opportunismus, das dieses hohe Haus je erlebt hat. Erst wird uns ein nebulöser Antrag präsentiert, und dann stellt sich heraus, dass es sich dabei um einen einzigen Mann handelt. Uns liegt kein einziges schriftliches Zeugnis vor, über das wir diskutieren könnten. Wir haben keinerlei Möglichkeit, über den Wahrheitsgehalt des Gehörten zu entscheiden. Ohne sich verteidigen zu können, wird Gaius Verres, ein verdientes Mitglied dieses Hauses, diffamiert. Ich beantrage, die Sitzung umgehend zu schließen.«

Unter lautem Getrampel der aristokratischen Senatsmitglieder setzte sich Hortensius. Cicero stand auf. Sein Gesicht war vollkommen regungslos.

»Anscheinend hat der Senator den Antrag nicht gelesen«, sagte er und spielte den Verblüfften. »Wo in meinem Antrag wird auch nur an einer Stelle der Name Gaius Verres erwähnt? Senatoren, ich ersuche dieses Haus nicht, über Gaius Verres abzustimmen. Es wäre unfair, in seiner Abwesenheit über ihn zu richten. Gaius Verres ist nicht hier, um sich zu verteidigen. Da wir somit dieses Prinzip für gültig befunden haben, möchte ich Hortensius bitten, dieses Prinzip auch auf meinen Mandanten anzuwenden und sich einverstanden zu erklären, dass auch gegen ihn in seiner Abwesenheit nicht verhandelt werden sollte. Oder wollen wir ein Gesetz für Aristokraten und ein anderes für den Rest von uns?«

Das heizte die Stimmung mächtig an und ließ die pedarii um Cicero und die Menge vor der Tür in Jubelgeschrei ausbrechen. Ich spürte Bewegung in meinem Rücken, schaute mich um und sah, wie sich Marcus Metellus grob einen Weg durch die Menge bahnte, den Saal betrat und durch den Mittelgang auf Hortensius zueilte. Cicero beobachtete ihn - erst schien er verwirrt zu sein, dann jedoch erkannte er, was vor sich ging. Schnell hob er die Hand, und es trat Ruhe ein. »Nun gut. Da Hortensius meinen Antrag für zu nebulös hält, mochte ich ihn präzisieren, damit jeder Zweifel ausgeräumt ist. Ich schlage folgende Ergänzung vor: Da Sthenius in seiner Abwesenheit angeklagt worden ist, wird festgestellt, dass in seiner Abwesenheit kein Prozess gegen ihn stattfinden darf und dass, sollte der Prozess schon stattgefunden haben, dieser für unwirksam erklärt wird. Und ich schlage vor: Lasst uns sofort darüber abstimmen. Lasst uns, gemäß den ehrwürdigsten Traditionen des römischen Senats, einen unschuldigen Mann vor der fürchterlichen Strafe der Kreuzigung bewahren.«

Unter Beifallswie Buhrufen setzte sich Cicero, und Gellius erhob sich. »Der Antrag ist hiermit gestellt«, erklärte der Konsul. »Möchte jemand das Wort?«

Hortensius, die Metellus-Brüder sowie einige andere ihrer Parteigänger - darunter Scribonius Curio, Sergius Catilina und Aemilius Alba - steckten vor der ersten Bank die Köpfe zusammen, und kurz hatte es den Anschein, als sollte das Haus unverzüglich zur Abstimmung schreiten, was Cicero am liebsten gewesen wäre. Doch als die Aristokraten wieder ihre Plätze einnahmen, blieb einer von ihnen - der dürre Catulus - stehen. »Ich werde sprechen«, sagte er. »Ich glaube, ich habe dazu etwas mitzuteilen.« Catulus war der Urururururenkel (ich glaube, das ist die korrekte Anzahl von Urs) jenes Catulus, der im Ersten Punischen Krieg über Hamilkar triumphiert hatte. Er war so hart und kalt wie Feuerstein, seine ätzend essigsaure Stimme klang wie die Essenz aus zweihundert Jahren Geschichte. »Ich werde sprechen«, wiederholte er, »und als Erstes sage ich, dass dieser junge Mann dort ...« Er deutete auf Cicero. »... nichts, aber auch gar nichts über die ehrwürdigsten Traditionen des römischen Senats< weiß. Denn wenn er etwas darüber wüsste, dann würde er auch wissen, dass kein Senator einen anderen Senator angreift - es sei denn von Angesicht zu Angesicht. Das offenbart lediglich schlechte Manieren. Ich schaue ihn mir an, wie er da auf seinem Platz sitzt, gerissen, beflissen, und wisst ihr, Senatoren, was mir dabei einfällt? Mir fallt ein altes, weises Sprichwort ein: >Ein Unze Abstammung ist so viel wert wie ein Pfund Verdiensten«

Jetzt waren es die Aristokraten, die es vor Lachen schüttelte. Catilina, zu dem ich später noch einiges mehr zu sagen habe, deutete auf Cicero und fuhr sich mit dem Finger über die Kehle. Cicero lief rot an, bewahrte aber Haltung. Er brachte sogar ein dürres Lächeln zustande. Catulus drehte sich lachend zu den Bänken hinter ihm um, sodass ich für eine Sekunde sein grinsendes, scharf geschnittenes Profil mit der Adlernase sah: wie der Kopf auf einer Münze. Er wandte sich wieder den Senatoren zu. »Als ich zum ersten Mal dieses Haus betrat«, sagte Catulus gerade, »zu Zeiten des Konsulats von Claudius Pulcher und Marcus Paperna .«

Ciceros und meine Blicke trafen sich. Er formte mit den Lippen ein Wort, schaute hinauf zu den Fenstern und deutete dann mit dem Kopf Richtung Tür. Ich verstand sofort. Als ich mich durch die Zuschauermenge aufs Forum drängelte, wurde mir klar, dass Metellus genau den gleichen Auftrag gehabt hatte. In jenen Tagen, als die Zeitmessung noch nicht so präzise war wie heute, begann die letzte Sitzungsstunde, wenn im Westen die Sonne hinter der Maenius-Säule verschwand. Ich schätzte, dass es ungefähr in diesem Moment so weit war, und tatsächlich begegnete ich dem für die Sonnenbeobachtung zuständigen Mann, der schon auf dem Weg war, um dem Konsul Bescheid zu geben. Es verstieß gegen das Gesetz, dass der Senat nach Sonnenuntergang tagte. Der Plan von Hortensius und seinen Freunden war klar: Sie wollten den Rest der Sitzung mit Reden füllen und so verhindern, dass über Ciceros Antrag abgestimmt werden konnte. Nachdem ich mich selbst vom Stand der Sonne überzeugt hatte, wieder über das Forum zurückgelaufen war und mich durch die Menschenmenge bis zur Schwelle zum Senatssaal durchgekämpft hatte, kam ich gerade noch rechtzeitig, um zu hören, wie Gellius das Wort ergriff. »Die letzte Stunde!«

Cicero sprang sofort auf, um einen Tagesordnungspunkt anzumelden, doch Gellius lehnte ab, sodass Catulus seine Rede fortsetzen konnte. Er redete und redete und erging sich -praktisch beginnend mit der Zeit der Säugung des Knaben Romulus durch die Wölfin - in einer endlosen Darlegung der Geschichte der Verwaltung der Provinzen. (Catulus' Vater, der auch Konsul gewesen war, hatte sich auf berühmt gewordene Weise das Leben genommen: Er hatte sich in einem luftdicht versiegelten Raum eingeschlossen, hatte ein Holzkohlenfeuer angezündet und war am Rauch erstickt. Cicero pflegte zu sagen, dass er das wohl getan habe, um nie wieder eine Rede seines Sohnes ertragen zu müssen.) Als Catulus schließlich zu einer Art Ende fand, übergab er das Wort umgehend an Quintus Metellus, sodass sich der gleich aufspringende Cicero wiederum dem Senioritätsprinzip beugen musste. Metellus war Prätor, und solange er das Wort nicht abgab, was er natürlich nicht tat, hatte Cicero kein Rederecht. Eine Zeit lang blieb er störrisch stehen, trotz lauter werdender Protestrufe. Schließlich jedoch zupften die Männer, die links und rechts von ihm saßen, an seiner Toga, sodass er letztendlich kapitulierte und sich wieder setzte. Einer dieser Senatoren war Servius, ein befreundeter Rechtsanwalt, dem Ciceros Wohlergehen am Herzen lag und der erkannte, dass er im Begriff war, sich lächerlich zu machen.

Es war verboten, in der Kammer eine Lampe oder eine Kohlenpfanne zu entzünden. Mit zunehmender Dunkelheit wurde es auch kühler, und die Ansammlung weiß gewandeter Gestalten, die regungslos im dämmernden Novemberlicht saß, glich einem Geisterparlament. Nachdem Metellus eine Ewigkeit schwadroniert hatte, übergab er das Wort an Hortensius - einen Mann, der sich stundenlang über jedes beliebige Thema auslassen konnte. Jedem war klar, dass die Debatte beendet war, und kurz darauf löste Gellius die Versammlung auf. Gefolgt von vier Liktoren, die seinen kurulischen Stuhl trugen, humpelte der alte Mann durch den Mittelgang seinem Abendessen entgegen. Als er durch die Tür verschwunden war, strömten auch die Senatoren aus dem Saal. Sthenius und ich entfernten uns etwas vom Eingang und warteten auf Cicero. Allmählich zerstreute sich die Menge. Der Sizilier löcherte mich mit Fragen, was hier eigentlich gespielt werde, doch ich hielt es für klüger, den Mund zu halten. Schweigend warteten wir. Ich stellte mir vor, wie Cicero allein auf seiner hinteren Bank saß, wie er abwartete, bis sich die Kammer geleert hatte, damit er beim Hinausgehen mit niemandem sprechen musste. Ich fürchtete, dass er einen schlimmen Gesichtsverlust erlitten hatte. Doch zu meiner Überraschung kam er, entspannt mit Hortensius und einem älteren, mir unbekannten Senator plaudernd, aus dem Saal spaziert. Sie blieben auf den Stufen des Senatsgebäudes stehen, unterhielten sich noch eine Weile und trennten sich dann.

»Weißt du, wer das war?«, fragte Cicero, als er zu uns herübergekommen war. Er schien bester Stimmung zu sein, alles andere als niedergeschlagen. »Das war Verres' Vater. Er hat mir versprochen, seinem Sohn zu schreiben und ihn dringend zu bitten, die Anklage fallen zu lassen, wenn wir uns einverstanden erklären, die Angelegenheit im Senat nicht wieder zur Sprache zu bringen.«

Der arme Sthenius war so erleichtert, dass ich glaubte, er würde gleich in Tränen ausbrechen vor Dankbarkeit. Er fiel auf die Knie und küsste Ciceros Hände. Cicero verzog das Gesicht und sagte, er solle aufstehen. »Mein lieber Sthenius, spar dir den Dank auf, bis ich wirklich etwas erreicht habe. Er hat nur versprochen, ihm zu schreiben. Das ist noch keine Garantie.«

»Aber du nimmst sein Angebot doch an, oder?«, fragte Sthenius.

Cicero zuckte mit den Achseln. »Habe ich eine Wahl? Selbst wenn ich den Antrag noch einmal einbringe, werden sie ihn mit ihrem Rederecht wieder scheitern lassen.«

Ich konnte nicht widerstehen zu fragen, warum Hortensius dann überhaupt so einen Handel anbot.

Cicero nickte bedächtig. »Tja, das ist eine gute Frage.« Vom Tiber stieg Nebel auf, und die Lampen in den Läden am Argiletum verströmten ein fahles gelbliches Licht. Cicero sog die feuchtkühle Luft ein. »Ich nehme an, dass ihn die Sache doch peinlich berührt hat. Was bei ihm schon einiges heißen will. Es scheint so, dass sogar ein Hortensius nicht mit einem derart schamlosen Kriminellen in Verbindung gebracht werden will. Also versucht er, die Angelegenheit geräuschlos beizulegen. Ich frage mich, wie viel er von Verres kassiert hat. Muss eine gewaltige Summe sein.«

»Hortensius war nicht der Einzige, der Verres zur Seite gesprungen ist«, warf ich ein.

»Das stimmt allerdings.« Cicero wandte sich um und schaute zum Senatsgebäude. Anscheinend war ihm gerade ein neuer Gedanke gekommen. »Die stecken da alle mit drin. Die Metellus-Brüder sind Aristokraten bis ins Mark. Die würden keinen Finger für jemanden außerhalb ihres Standes rühren, es sein denn für Geld. Was Catulus angeht, der tut für Gold alles. Das Kapitol sieht mehr nach einem Catulus-Schrein als nach einem für Jupiter aus, mit so vielen Gebäuden hat der Mann in den letzten zehn Jahren den Hügel bepflastert. Tja, Tiro, ich schätze, dass die, mit denen wir es heute Nachmittag zu tun hatten, etwa eine halbe Million Sesterzen schwer waren - und zwar an Bestechungsgeldern. Um sich Schutz solchen Kalibers zu kaufen, Sthenius - verzeih mir, wenn ich das so sage -, reichen ein paar delische Bronzestatuen nicht aus. Aber was führt Verres da unten in Sizilien im Schilde?« Plötzlich zog er seinen Siegelring vom Finger. »Lauf mit dem Ring rüber zum Staatsarchiv, Tiro. Zeig ihn einem der Sekretäre da und sag, du willst in meinem Namen Einsicht in alle offiziellen Abrechnungen zwischen Gaius Verres und dem Senat.«

Ich muss ziemlich entsetzt ausgesehen haben. »Aber im Staatsarchiv haben Catulus' Leute das Sagen. Er erfährt sicher davon.«

»Daran kann ich auch nichts ändern.«

»Aber wonach soll ich überhaupt suchen?«

»Nach allem, was irgendwie auffällig ist. Das merkst du dann schon. Los, lauf, solange es noch hell ist.« Er legte den Arm um Sthenius' Schultern. »Und du, Sthenius, du kommst doch heute Abend zum Essen zu uns, oder? Meine Frau wird sich bestimmt freuen.«

Das bezweifelte ich, aber natürlich stand es mir nicht zu, das auch zu sagen.

*

Mangels ebenbürtiger Gebäude dominierte das wuchtige Staatsarchiv, das damals erst seit sechs Jahren existierte, das Forum noch deutlicher als heute. Ich stieg die breite Treppe zur ersten Galerie hinauf und war, als ich schließlich einen Schreiber fand, schon völlig außer Atem. Ich zeigte ihm das Siegel und forderte im Namen von Senator Cicero Einsicht in Verres' Abrechnungen. Zunächst behauptete er, nie von einem Senator Cicero gehört zu haben, und außerdem würde das Gebäude gerade geschlossen. Ich deutete zum Carcer, dem Staatsgefängnis, und sagte mit fester Stimme, wenn er nicht wegen Behinderung von Amtsgeschäften einen Monat in Ketten verbringen wolle, solle er mir umgehend die Unterlagen herbeischaffen. (Eins der Dinge, die ich von Cicero gelernt hatte, war, keine Nerven zu zeigen.) Der Schreiber schaute mich finster an, dachte kurz nach und sagte dann, ich solle ihm folgen.

Das Staatsarchiv war Catulus' Reich, ein Tempel für ihn und seine Familie. Über den Bogenöffnungen stand die Inschrift Q. Lutatius Catulus, Sohn des Quintus, Enkel des Quintus, Konsul, per Senatsdekret mit der Erbauung des Staatsarchivs beauftragt und von diesem für gut befunden. Neben dem Eingang befand sich eine lebensgroße Statue von Catulus, die aber jugendlicher und heroischer aussah als der Mann an jenem Nachmittag im Senat. Die meisten Schreiber im Archiv waren Sklaven oder Freigelassene von Catulus, auf ihren Tuniken war sein Emblem, ein kleiner Hund, eingenäht. Eigentlich sollte ich jetzt erzählen, was für ein Mann Catulus war. Die Schuld am Selbstmord seines Vaters gab er dem Prätor Gratidianus - einem entfernten Verwandten Ciceros und Anhänger der Populären. Nach dem Sieg der Aristokraten im Bürgerkrieg zwischen Marius und Sulla nutzte er die Gelegenheit zur Rache. Sein junger Schützling Sergius Catilina prügelte auf sein Geheiß Gratidianus durch die Straßen Roms bis zu Catulus' Familiengruft. Dort wurden ihm die Arme und Beine gebrochen, die Nase und die Ohren abgeschnitten, die Zunge herausgerissen und die Augen ausgestochen. Derart grässlich verstümmelt, wurde ihm dann noch der Kopf abgehackt, den Catilina triumphierend durch die Stadt trug und dem auf dem Forum auf ihn wartenden Catulus übergab. Jetzt kann man sicherlich verstehen, weshalb ich so nervös war, während ich darauf wartete, ins Archiv eingelassen zu werden.

Die Dokumente des Senats wurden in brandsicheren Tresorräumen aufbewahrt, die in den Fels des Kapitols gehauen waren und denen kein Blitzschlag etwas anhaben konnte. Als die Sklaven die große Bronzetür öffneten, fiel mein Blick auf Tausende und Abertausende von Papyrusrollen, die sich im Dunkeln des heiligen Hügels stapelten. Fünfhundert Jahre Geschichte lagerten in diesem einen kleinen Gewölbe: ein halbes Millennium an Amtszeiten von Magistraten und Provinzstatthaltern, an Dekreten von Prokonsuln, an Rechtsverordnungen; von Lusitanien bis Makedonien, von Afrika bis Gallien; und in den meisten Dokumenten gaben wenige, immer gleiche Familien den Ton an - die Aemilii, Claudii, Cornelii, Lutatii, Metelli, Servilii. Aus dem, was hier vor mir lag, bezogen Catulus und seinesgleichen die Selbstgewissheit, um auf Ritter aus der Provinz wie Cicero herabblicken zu können.

Während sie nach Verres' Dokumenten suchten, ließen mich Catulus' Sklaven in einem Vorraum warten. Schließlich kehrten sie zurück und stellten mir einen einzigen Korb mit etwa einem Dutzend Papyrusrollen hin. An der Beschriftung der Rollen erkannte ich, dass die Abrechnungen alle aus seiner Zeit als Stadtprätor stammten - mit einer Ausnahme: ein mickeriges Stück Papyrus, das man kaum aufrollen musste, um dessen spärlichen Inhalt zu lesen. Es ging um seine Arbeit als Quästor zur Zeit des Krieges zwischen Sulla und Marius vor zwölf Jahren und umfasste nur drei Sätze: Ich erhielt 2 235 417 Sesterzen. Ich verausgabte für Löhne, Getreide, Zahlungen an Legate, Proquästoren, die Prätorianer-Kohorte 1 635 417 Sesterzen. In Ariminum verblieben 600 000 Sesterzen. Angesichts der Unmengen an Schriftrollen mit akribischen Berichten, die Ciceros Amtszeit auf Sizilien hervorgebracht hatte - die allesamt ich hatte niederschreiben müssen -, konnte ich nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken.

»Ist das alles?«

Sonst sei nichts da, versicherte mir der Sklave.

»Und die Berichte aus Sizilien?«

»Die liegen der Staatskasse noch nicht vor.«

»Liegen noch nicht vor? Verres ist schon seit fast zwei Jahren Statthalter in Sizilien.«

Der Mann schaute mich ausdruckslos an, und ich erkannte, dass es keinen Sinn hatte, noch mehr Zeit mit ihm zu verschwenden. Ich schrieb die drei Sätze ab und ging.

Während meines Aufenthalts im Staatsarchiv war es in Rom dunkel geworden. In Ciceros Haus hatte sich die Familie schon zum Abendessen versammelt. Cicero hatte jedoch dem Hausverwalter Eros strikte Anweisung gegeben, mich nach meiner Rückkehr sofort ins Esszimmer führen zu lassen. Cicero hatte sich neben Terentia auf einer Speiseliege ausgestreckt. Sein Bruder Quintus und dessen Frau Pomponia waren ebenfalls anwesend. Die dritte Liege wurde von Ciceros Vetter Lucius und dem unglückseligen Sthenius belegt, dem deutlich anzumerken war, dass er sich in seiner schmutzigen Trauerkleidung äußerst unbehaglich fühlte. Ich spürte sofort die Spannung im Raum, obwohl Cicero selbst bester Laune war. Er liebte gemeinsame Abendessen. Nicht wegen des Essens oder Trinkens, sondern wegen der Gesellschaft und der Gespräche. Quintus und Lucius waren neben Atticus die Männer, die er am meisten mochte.

»Nun?«, sagte er zu mir. Ich erzählte ihm, was passiert war, und zeigte ihm die Abschrift von Verres' Quästoren-Abrechnung. Er las sie durch, brummte etwas und warf die Wachstafel über den Tisch. »Schau dir das an, Quintus. Der Dreckskerl ist sogar zu faul, um einigermaßen glaubwürdig zu lügen. Sechshunderttausend - hübsche runde Summe, kein Sesterz zu wenig, keiner zu viel. Wohin sind die wohl verschwunden? Passenderweise hatten damals die Oppositionstruppen die Stadt besetzt, kein Problem, das denen in die Schuhe zu schieben. Und keine Abrechnungen aus Sizilien - seit zwei Jahren? Ich stehe in deiner Schuld, Sthenius, dass du mich auf diesen Schurken aufmerksam gemacht hast.«

»O ja, in tiefer Schuld«, flötete Terentia in zuckersüßem Zorn. »Immerhin stehen wir jetzt mit der Hälfte aller ehrbaren Familien in Rom auf Kriegsfuß. Aber dafür können wir unser gesellschaftliches Leben ja nach Sizilien verlegen. Woher genau kommst du noch gleich?«

»Aus Thermae, Gnädigste.«

»Thermae. Nie davon gehört, aber ich bin sicher, es ist reizend dort. Du kannst vor dem Stadtrat Reden halten, Cicero. Vielleicht wählen sie dich da unten sogar, in Rom hast du dir die Türen ja selbst verrammelt. Du kannst Konsul von Thermae werden - und ich die Konsulin.«

»Eine Rolle, die du sicher mit der dir eigenen Grazie ausfüllen wirst, meine Liebe«, sagte Cicero und tätschelte ihr den Arm.

Stundenlang konnten sie sich so mit Hohn überschütten. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass ihnen das sogar Spaß machte.

»Ich sehe immer noch nicht, was du dagegen machen willst«, sagte Quintus, der gerade seinen Militärdienst abgeleistet hatte. Er war vier Jahre jünger als sein Bruder und nicht halb so schlau. »Wenn du Verres' Machenschaften im Senat anprangern willst, dann lassen sie dich mit ihrem Rederecht auflaufen. Und wenn du ihn vor Gericht bringst, dann werden sie ihn freisprechen. Wenn du mich fragst, halt dich da raus.«

»Und was meinst du, Lucius?«

»Kein Ehrenmann im römischen Senat kann derartiger Korruption tatenlos zusehen. Du kennst jetzt die Tatsachen, also hast du die Pflicht, sie Öffentlich zu machen.«

»Bravo!«, sagte Terentia. »So spricht ein wahrer Philosoph, der sich nie in seinem Leben um ein öffentliches Amt beworben hat.«

Pomponia gähnte laut. »Können wir nicht über etwas anderes sprechen? Politik ist so öde.«

Pomponia war eine einschläfernde Person, die außer ihrer beachtlichen Oberweite nur noch den Vorzug hatte, dass sie Atticus' Schwester war. Ich sah, wie sich die Blicke der beiden Cicero-Brüder begegneten und mein Herr kaum merklich den Kopf schüttelte: einfach ignorieren, bedeutete sein Gesichtausdruck, hat keinen Sinn, mit ihr zu streiten. »Einverstanden«, sagte er. »Kein Wort mehr über Politik heute Abend. Ich bringe einen Trinkspruch aus.« Er hob seinen Becher, und die anderen folgten seinem Beispiel. »Auf unseren alten Freund Sthenius. Wenn wir auch heute nichts erreicht haben, so ist doch wenigstens der erste Schritt getan, um ihn wieder in seine alten Besitzrechte einzusetzen. Auf Sthenius!«

Tränen der Dankbarkeit standen dem Sizilier in den Augen.

»Auf Sthenius!«

»Und auf Thermae, Cicero«, fügte Terentia hinzu, deren kleine dunkle Xanthippe-Augen ihn über den Rand ihres Bechers boshaft anfunkelten. »Wir wollen doch Thermae nicht vergessen.«

*

Ich aß allein in der Küche und ging dann erschöpft in mein Zimmer. Ich zündete die Lampe an, um noch in einem Philosophiebuch zu lesen, war aber zu müde. (Mir stand es frei, jedes beliebige Buch aus der kleinen Hausbibliothek auszuleihen.) Später hörte ich, wie die Gäste das Haus verließen, die Türriegel vorgeschoben wurden und wie Cicero und Terentia wortlos die Treppe hinauf und oben in verschiedenen Richtungen weitergingen. Um nicht schon vor Sonnenaufgang geweckt zu werden, schlief Terentia schon seit langem in einem anderen Teil des Hauses. Ich hörte Ciceros Schritte über mir, dann blies ich die Lampe aus. Die auf und ab gehenden Schritte Ciceros waren die letzten Geräusche, die ich vor dem Einschlafen noch wahrnahm.

Sechs Wochen später erreichten uns Neuigkeiten aus Sizilien. Verres hatte die dringende Bitte seines Vaters ignoriert. In Syrakus hatte er am ersten Dezember wie angekündigt die Verhandlung in Sthenius' Abwesenheit eröffnet, hatte ihn der Spionage für schuldig befunden, zum Tod am Kreuz verurteilt und seine Beamten nach Rom entsandt, um ihn festnehmen und zur Hinrichtung zurückbringen zu lassen.

KAPITEL III

Cicero wurde von der niederträchtigen Kampfansage des Statthalters von Sizilien überrumpelt. Er war davon überzeugt gewesen, eine Übereinkunft auf Treu und Glauben getroffen zu haben, die das Leben seines Klienten schützen würde. »Aber auf wessen Treu und Glauben kann man sich heutzutage noch verlassen?«, beklagte er sich bitter. Wutschnaubend, was völlig untypisch für ihn war, tobte er durchs Haus. Er war aufs Kreuz gelegt worden! Sie hatten ihn lächerlich gemacht! Er würde runter in den Senat marschieren und ihnen auf der Stelle ihre schändlichen Lügen ins Gesicht schleudern! Ich wusste, dass er sich schon bald wieder beruhigen würde, denn ihm war nur zu bewusst, dass sein gesellschaftlicher Rang nicht ausreichte, um einfach eine Anhörung im Senat zu verlangen: Er würde Gefahr laufen, gedemütigt zu werden.

Allerdings lastete nun unausweichlich die drückende Verpflichtung auf ihm, seinem Klienten Schutz zu gewähren. Und so berief Cicero am Morgen, nachdem Sthenius von seinem Schicksal erfahren hatte, ein Treffen in seinem Arbeitszimmer ein, um eine Gegenstrategie festzulegen. Soweit ich mich erinnern kann, war dies das erste Mal, dass die üblichen Besucher allesamt abgewiesen wurden. Zu sechst drängten wir uns in das kleine Zimmer: Cicero, Quintus, Lucius, Sthenius, ich selbst (um mitzuschreiben) und Servius Sulpicius, der schon damals allgemein als der fähigste Rechtsgelehrte seiner Generation angesehen wurde. Cicero bat als Erstes Servius, uns seine Sicht der juristischen Lage zu erläutern.

»Theoretisch«, sagte Servius, »hat unser Freund das Recht, in Syrakus Berufung gegen das Urteil einzulegen. Aber nur beim Statthalter, und das ist Verres. Das ist also kein gangbarer Weg. Klage gegen Verres selbst einzureichen ist auch keine Option: Als amtierender Statthalter genießt er politische Immunität, außerdem ist Hortensius noch bis Januar Prätor des Gerichtshofes für Erpressungen. Und abgesehen von diesen beiden Aspekten, säßen auf der Geschworenenbank ausschließlich Senatoren, die nie einen der Ihren verurteilen würden. Du könntest einen Antrag im Senat einbringen, aber da du das schon erfolglos versucht hast, würde ein erneuter Vorstoß auch kein anderes Ergebnis bringen. Weiter offiziell in Rom zu leben ist auch keine Option für Sthenius. Da eine wegen eines Kapitalverbrechens verurteilte Person automatisch der Stadt verwiesen wird, kann er unmöglich hierbleiben. Solltest du ihn unter deinem Dach beherbergen, Cicero, setzt du dich sogar selbst der Strafverfolgung aus.«

»Wie lautet also dein Rat?«

»Selbstmord«, sagte Servius. Sthenius stöhnte grässlich auf. »Ernsthaft, Sthenius, ich fürchte, du musst das in Betracht ziehen, bevor sie dich in die Finger bekommen. Oder willst du die Qualen der Peitsche, der glühenden Eisen oder des Kreuzes erdulden?«

»Ich danke dir, Servius«, unterbrach ihn Cicero schnell, bevor der junge Rechtsgelehrte noch weiter ins Detail gehen konnte. »Tiro, wir müssen für Sthenius einen Unterschlupf finden. Er kann nicht bleiben, hier schauen sie als Erstes nach. Was die juristische Lage angeht, Servius, so stimme ich mit deiner Analyse voll und ganz überein. Verres ist ein primitives Tier, aber er ist auch schlau. Er hat sich stark genug gefühlt, den Prozess bis zum Schuldspruch durchzuziehen. Um es kurz es machen: Nachdem ich die Angelegenheit in der letzten Nacht von allen Seiten beleuchtet habe, haben wir meiner Meinung nach nur eine einzige, wenn auch geringe Chance.«

»Welche?«

»Wir gehen vors Volkstribunat.«

Die Reaktion auf den Vorschlag war allgemeines Unbehagen, denn die Volktribunen hatten in jener Zeit einen äußerst zweifelhaften Ruf. Von alters her hatten sie dem Willen des gemeinen Volkes Ausdruck verliehen und so eine Kontrollfunktion gegenüber der Macht des Senats ausgeübt. Vor zehn Jahren jedoch, nach dem Sieg Sullas über Marius, hatten die Aristokraten sie ihres Einflusses beraubt. Seitdem waren sie nicht mehr befügt, Volksversammlungen einzuberufen, Gesetze zu beantragen oder Figuren wie Verres wegen schwerer Verbrechen oder Amtsvergehen anzuklagen. Die endgültige Degradierung erfolgte dann, als jeder Senator, der Volkstribun wurde, automatisch von der höheren Ämterlaufbahn ausgeschlossen wurde. Er konnte weder zum Prätor noch zum Konsul gewählt werden. Mit anderen Worten. Das Amt des Volkstribuns war zu einer politischen Sackgasse umgestaltet worden, zur Abstellkammer für die Giftspritzer und Geiferer, für die Unfähigen und Unvermittelbaren, kurz: für den Ausschuss des Politikbetriebs. Kein Senator, gleich welchen Standes oder von welchem Ehrgeiz auch immer getrieben, würde an das Amt des Volkstribunen auch nur einen Gedanken verschwenden.

»Ich kenne eure Einwände«, sagte Cicero und bedeutete den Anwesenden mit einer Handbewegung, sich wieder zu beruhigen. »Eine kleine Einflussmöglichkeit ist den Volkstribunen aber dennoch geblieben. Oder, Servius?«

»Das stimmt«, sagte Servius. »Sie verfugen noch über ein Zipfelchen ihrer potestas auxilii ferendi.« Zufrieden schaute er in unsere verständnislosen Gesichter. »Darunter versteht man«, fügte er in pedantischem Tonfall hinzu, »dass ihnen das Recht zusteht, Privatpersonen, die Opfer ungerechter Entscheidungen von Amtspersonen werden, ihren Schutz anzubieten. Aber ich muss dich warnen, Cicero. In der Wertschätzung deiner Freunde, zu denen zu zählen auch ich nun schon lange die Ehre habe, wirst du deutlich verlieren, wenn du jetzt anfängst, in der Politik des Mobs mitzumischen. Selbstmord«, wiederholte er. »Was ist dagegen einzuwenden? Wir müssen alle mal sterben. Alles nur eine Frage der Zeit, für jeden von uns. Und auf diese Weise trittst du ehrenvoll ab.«

»Was die Gefahr angeht, wenn wir uns mit den Volkstribunen einlassen, stimme ich Servius zu«, sagte Quintus. (Wenn er von seinem älteren Bruder sprach, hieß das bei Quintus in der Regel »wir«.) »Die Macht in Rom liegt in diesen Tagen nun mal in den Händen des Senats und der Aristokraten, ob uns das gefällt oder nicht. Deshalb haben wir ja auch immer die Strategie verfolgt, deinen Ruhm ganz behutsam über deine Arbeit bei Gericht aufzubauen. Bei den wirklich wichtigen Leuten wird der Schaden irreparabel sein, falls sich herumsprechen sollte, dass du ebenfalls nur so ein Krawallmacher bist. Außerdem ... ich sage das nur ungern, Marcus ... aber hast du mal daran gedacht, wie Terentia das wohl auffassen würde, wenn du bei dieser Linie bleibst?«

Servius brach in schallendes Gelächter aus. »Wie willst du Rom erobern, Cicero, wenn du nicht einmal deine Frau im Zaum halten kannst?«

»Eins darfst du mir glauben, Servius, verglichen mit meiner Frau ist Rom ein Kinderspiel.«

Und so ging die Diskussion weiter. Lucius war dafür, sich sofort an die Volkstribunen zu wenden -egal, welche Folgen das haben würde. Sthenius hatten Elend und Angst so betäubt, dass er zu keiner verständlichen Aussage fähig war. Ganz zum Schluss fragte Cicero mich nach meiner Meinung. In anderer Gesellschaft hätte seine Frage vielleicht Aufsehen erregt, da in den Augen der meisten Römer die Meinung eines Sklaven nicht viel zählte. Diese Männer jedoch waren daran gewöhnt, dass Cicero mich hin und wieder um Rat fragte. Ich könne mir nicht vorstellen, begann ich vorsichtig, dass Hortensius sonderlich erfreut über Verres' Vorgehen sei und dass die Aussicht, der Fall könne sich zu einem Skandal auswachsen, ihn vielleicht nötige, seinen Klienten durch mehr Druck zur Vernunft zu bringen. Sich an die Volkstribunen zu wenden, sei nicht ungefährlich, aber unter Berücksichtigung aller Vor- und Nachteile das Risiko wert. Die Antwort gefiel Cicero.

»Manchmal«, sagte er und fasste die Diskussion mit Worten zusammen, die ich seitdem nie mehr vergessen habe. »Manchmal, wenn man in der Politik in einer Sackgasse steckt, muss man einen Kampf anzetteln, auch wenn man sich nicht sicher ist, ob man ihn gewinnen kann. Denn erst wenn der Kampf im Gang ist und alles in Bewegung gerät, ergibt sich manchmal eine Lösung. Ich danke euch, meine Freunde.« Und damit war das Treffen beendet.

*

Es durfte keine Zeit verschwendet werden, denn da die Nachricht aus Syrakus bereits Rom erreicht hatte, war anzunehmen, dass auch Verres' Männer nicht mehr weit waren. Noch während Cicero gesprochen hatte, hatte ich mir Gedanken über ein mögliches Versteck für Sthenius gemacht. Sofort nach Ende der Konferenz begab ich mich auf die Suche nach Terentias jungem Privatsekretär Philotimus. Er war ein feister, lüsterner Bursche, der sich gewöhnlich in der Küche herumdrückte, wo er eins der beiden Hausmädchen, am liebsten aber beide, mit seinen lüsternen Nachstellungen belästigte. Ich fragte ihn, ob in einer der Mietskasernen seiner Herrin gerade eine Wohnung frei sei, und als er dies bejahte, bearbeitete ich ihn so lange, bis er mir den Wohnungsschlüssel gab. Ich überzeugte mich davon, dass auf der Straße vor dem Haus keine verdächtigen Personen herumlungerten, sagte Sthenius, dass das Haus sicher sei, und brachte ihn dann in seine neue Unterkunft.

Sthenius befand sich im Zustand tiefster Depression. Sein Traum von der Rückkehr in die Heimat war zerstört, und ihn trieb die schreckliche Angst um, jeden Augenblick verhaftet zu werden. Als er das verwahrloste Gebäude in Subura zum ersten Mal sah und ich ihm sagte, von nun an werde er hier leben müssen, hat er wahrscheinlich geglaubt, dass auch wir ihn jetzt im Stich gelassen hätten. An den Wänden des düsteren Treppenhauses befanden sich frische Brandspuren. Über wackelige Stufen stiegen wir in den fünften Stock hinauf zu einem Zimmer, das mehr einer Zelle glich. Auf dem Fußboden lag eine Strohmatte, und durch das winzige Fenster war nur ein ähnliches Zimmer auf der anderen Seite der Gasse zu sehen, und zwar so nah, dass er seinen neuen Nachbarn per Handschlag hätte begrüßen können. Als Latrine diente ein Eimer. Wenn das Zimmer auch keinen Komfort bot, so bot es ihm wenigstens Sicherheit - für völlig Fremde in diesem labyrinthischen Elendsviertel war es fast unmöglich, ihn jemals zu finden. Mit wehleidiger Stimme bat er mich, noch eine Weile bei ihm zu bleiben, doch ich musste dringend zurück, um alle den Fall betreffenden Dokumente zusammenzusuchen, damit Cicero sie den Volkstribunen vorlegen konnte. Wir befänden uns in einem Wettlauf mit der Zeit, erklärte ich ihm, und war in der nächsten Sekunde wieder weg.

Das Hauptquartier der Volkstribunen befand sich gleich neben dem Senatsgebäude, in der alten Basilica Porcia. Auch wenn das Volkstribunat einem Skelett glich, dem man alles Fleisch der Macht von den Knochen genagt hatte, so pilgerten doch immer noch viele Menschen hierher. Für die Zornigen und Enteigneten, für die Hungrigen und Kämpferischen war die Basilika der Volkstribunen eine beliebte Anlaufstelle. Als Cicero und ich das Forum überquerten, sahen wir eine ziemlich große Menschenmenge, die sich auf den Stufen zusammendrängte, um das Geschehen im Inneren mitverfolgen zu können. Mit der Aktentasche in der Hand tat ich mein Bestes, um dem Senator einen Weg durch die Menge zu bahnen. Da diese Sorte Bürger nicht zu jener gehörte, die einem Träger der purpurgesäumten Toga allzu viel Sympathie entgegenbrachte, musste ich für meine Mühen den einen oder anderen Fluch und Fußtritt einstecken. Es gab zehn Volkstribunen, die jährlich vom Volk gewählt wurden. Sie saßen in dem eher kleinen Raum auf den immer gleichen langen Holzbänken unter einem Wandgemälde, auf dem die Niederlage der Karthager dargestellt war. Es war voll, es war laut, und es war warm - trotz der Dezemberkälte draußen. Ein junger Mann, der seltsamerweise barfuß war, hielt gerade eine flammende Rede an den Mob. Der Bursche hatte hässliche, grobe Züge und eine widerwärtige, krächzende Stimme. In der Basilica Porcia trieben sich immer jede Menge Spinner herum, und für einen solchen hielt ich den Kerl zunächst, da seine Rede sich ausschließlich darum zu drehen schien, warum man eine ganz bestimmte Säule unter gar keinen Umständen abreißen oder auch nur um einen Fuß versetzen dürfe, um mehr Raum für die Volkstribunen zu schaffen. Und dennoch schenkten ihm die Anwesenden unerfindlicherweise ihre Aufmerksamkeit. Auch Cicero hörte ihm interessiert zu und erkannte schließlich - vermutlich weil der Redner sich immer wieder auf »meinen Vorfahren« bezog -, dass es sich bei dieser sonderbaren Gestalt um niemand anderen als den Urenkel des berühmten Marcus Porcius Cato handelte, den Erbauer und Namensgeber der Basilika.

Ich erwähne diesen Vorfall, weil der junge Cato, der damals dreiundzwanzig Jahre alt war, später noch eine wichtige Rolle spielen sollte - sowohl im Leben Ciceros als auch beim Niedergang der Republik. Nicht dass irgendwer das damals auch nur geahnt hätte. Er machte vielmehr den Eindruck, als würde er unausweichlich in der Irrenanstalt landen. Er beendete seine Ansprache und drängte mit wirrem Tunnelblick zum Ausgang, wobei er mich fast über den Haufen rannte. Ich erinnere mich noch an seinen animalischen Körpergeruch, an die verfilzten, schweißnassen Haare und die tellergroßen Schwitzflecken unter den Achseln seiner Tunika. Aber er hatte sein Ziel erreicht: Solange das Gebäude stand - was beklagenswerterweise nicht mehr allzu viele Jahre waren -, blieb besagte Säule an ihrem Platz.

Alles in allem jedoch - um zu meiner Geschichte zurückzukehren - waren die Volktribunen ein ziemlich armseliger Haufen. Immerhin gab es aber einen darunter, dessen Talent und Energie hervorstachen, und das war Lollius Palicanus. Er war ein stolzer Mann, wenn auch von niedriger Abstammung, gebürtig aus Picenum in Norditalien, der Machtbasis von Pompeius Magnus. Man war allgemein davon ausgegangen, dass Pompeius nach seiner Rückkehr aus Spanien seinen Einfluss nutzen würde, um seinem Landsmann den Weg zum Amt des Prätors zu ebnen. Wie jedermann sonst war auch Cicero überrascht gewesen, als Palicanus im Sommer plötzlich seine Kandidatur für das Volkstribunat verkündet hatte. An jenem Morgen schien er sich äußerst wohlzufühlen. Da die Amtszeit für die neu gewählten Volkstribunen immer am zehnten Tag im Dezember begann, musste er sein Amt gerade erst angetreten haben. »Cicero!«, brüllte er, als er uns sah. »Ich habe mich schon gefragt, wann du hier auftauchst.«

Er sagte, dass er die Neuigkeiten aus Syrakus bereits gehört habe und dass er mit uns über Verres reden wolle - aber nicht hier, vor so vielen Leuten, erklärte er geheimnisvoll, schließlich stehe mehr auf dem Spiel als nur das Schicksal eines einzelnen Mannes. Er schlug vor, dass wir uns in einer Stunde in seinem Haus auf dem Aventin treffen sollten. Cicero war einverstanden, worauf Palicanus sofort einen seiner Leute als Begleiter für uns herbeiwinkte. Er würde spater nachkommen.

Das Haus befand sich an der Porta Laverna, gleich außerhalb der Stadtmauer, es war rustikal und schlicht. Es passte zu Palicanus. Woran ich mich vor allem erinnere, ist die überlebensgroße Pompeius-Statue, die, ausstaffiert mit dem Kopfputz und der Rüstung Alexanders des Großen, das Atrium beherrschte. »Nun ja«, sagte Cicero, nachdem er sie eine Zeit lang nachdenklich betrachtet hatte. »Ist doch mal was anderes als die ewigen Drei Grazien.« Das war exakt die Sorte drolliger, aber unpassender Bemerkungen, die sich dann ihren Weg durch die ganze Stadt bahnten und schließlich unweigerlich bei ihrem Opfer landeten. Glücklicherweise war ich in diesem Fall der einzige Zeuge, nahm aber die Gelegenheit wahr, Cicero zu berichten, was mir der Sekretär des Konsuls bezüglich seines Witzes über Gellius und dessen Vermittlungsversuch zwischen den Philosophen erzählt hatte. Cicero tat peinlich berührt und versprach, in Zukunft etwas mehr Umsicht walten zu lassen, schließlich wisse er, dass das Volk seine Staatsmänner lieber etwas weniger witzig hatte. Natürlich vergaß er diesen Vorsatz bald wieder.

»Die Rede, die du letzte Woche gehalten hast, die war wirklich gut«, waren Palicanus' erste Worte, als er sein Haus betrat. »Du verstehst dein Handwerk, Cicero, wirklich ... wenn ich das so sagen darf. Aber diese aristokratischen Bastarde haben dich über den Tisch gezogen, und jetzt sitzt du in der Scheiße. Was genau willst du dagegen tun?« (So oder so ähnlich drückte Palicanus sich aus - derbe Worte in derbem Tonfall. Die Aristokraten machten sich gewöhnlich nach Kräften lustig über seine Diktion.)

Ich öffnete meine Aktentasche, gab Cicero die Schriftstücke, und er setzte Palicanus in kurzen Worten Sthenius' Lage auseinander. Als er damit fertig war, fragte er, ob irgendeine Möglichkeit bestehe, dass die Volkstribunen ihm helfen könnten.

»Kommt drauf an«, sagte Palicanus grinsend und leckte sich die Lippen. »Machen wir es uns erst mal bequem, dann sehen wir weiter.«

Er führte uns in einen anderen Raum, dessen eine Seite vollkommen von einem riesigen Wandgemälde des lorbeerbekränzten Pompeius eingenommen wurde, der sich diesmal im Gewand des Jupiter präsentierte, einschließlich der aus den Fingern hervorzuckenden Blitze.

»Und, gefällt es dir?«, fragte Palicanus.

»Bemerkenswert«, antwortete Cicero.

»In der Tat«, sagte Palicanus nicht ohne Genugtuung.

Ich setzte mich auf einen Stuhl unter das Bildnis des Göttlichen aus Picenum, während Cicero, dessen Blick ich tunlichst auswich, sich ans aridere Ende des Sofas setzte, auf dem Palicanus Platz genommen hatte.

»Was ich dir zu sagen habe, Cicero, ist nicht für Ohren außerhalb dieses Raumes bestimmt. Pompeius Magnus ...« Er nickte in Richtung des Gemäldes, für den Fall, dass wir nicht wissen sollten, wen er meinte. »... wird nach sechs Jahren Abwesenheit wieder nach Rom zurückkehren. Und zwar bald. Und damit ihn seine adligen Freunde nicht mit irgendeiner raffinierten Taktik reinlegen, wird er mit seiner Armee kommen. Er will Konsul werden, und das wird er auch werden. Und zwar ohne auf Widerstand zu treffen.«

Gespannt beugte er sich vor und wartete auf eine schockierte oder überraschte Reaktion. Aber Cicero reagierte auf die sensationelle Nachricht so gleichmütig, als plaudere Palicanus über das Wetter.

»Du willst also als Gegenleistung für deine Hilfe in Sachen Sthenius meine in Sachen Pompeius.«

»Du bist ein schlauer Kopf, Cicero, du hast es wirklich drauf. Und, was sagst du?«

Cicero stützte das Kinn auf die Hand und schaute Palicanus an. »Nun ja, erst mal wird das Quintus Metellus gar nicht freuen. Du kennst doch das alte Gedicht: >Schicksal ist in diesem Staat, der Weg der Metelli ins Konsulat.< Das steht schon seit seiner Geburt fest, dass er im nächsten Sommer an der Reihe ist.«

»Ach ja, tatsächlich? Der kann mich mal. Wie viele Legionen hat denn dieser Quintus Metellus hinter sich?«

»Die Legionen hat Crassus«, sagte Cicero. »Und Lucullus.«

»Lucullus ist viel zu weit weg, außerdem hat er alle Hände voll zu tun. Und was Crassus angeht ... stimmt, er hasst Pompeius bis aufs Blut. Aber er ist kein Soldat, das ist der entscheidende Punkt. Er ist Geschäftsmann, und die sind immer für einen Handel gut.«

»Und dann ist da noch die Kleinigkeit, dass das ganze Vorhaben gegen das Gesetz verstößt. Um zum Konsul gewählt zu werden, muss man dreiundvierzig Jahre alt sein. Und Pompeius, wie alt ist der?«

»Vierunddreißig.«

»Exakt, fast ein Jahr jünger als ich. Außerdem muss man in den Senat gewählt worden sein und das Amt des Prätors innegehabt haben. Mit beidem kann Pompeius nicht dienen. Er hat in seinem ganzen Leben keine einzige politische Rede gehalten. Einfach ausgedrückt, Palicanus, selten war ein Mann weniger qualifiziert für den Posten des Konsuls als Pompeius.«

Palicanus machte eine wegwerfende Handbewegung. »Das mag ja alles stimmen, aber schauen wir uns doch mal die Tatsachen an. Pompeius hat jahrelang über ganze Länder geherrscht, noch dazu in seiner Eigenschaft als Prokonsul. Er ist schon Konsul, außer dem Namen nach. Sei realistisch, Cicero. Du kannst von einem Mann wie Pompeius nicht erwarten, dass er nach Rom zurückkehrt, als Hinterbänkler wieder ganz von unten anfängt und sich um das Amt des Quästors bewirbt. Wie stellst du dir das vor, wo bleibt da seine Würde?«

»Seine Gefühle in allen Ehren, aber du hast mich nach meiner Meinung gefragt, und ich sage dir: Die Aristokraten spielen da nicht mit. Zugegeben, sie haben vielleicht keine andere Wahl und lassen ihn Konsul werden, wenn Zehntausend von seinen Leuten vor der Stadt stehen, aber früher oder später gehen seine Soldaten nach Hause, und wie will er dann ...? Ohooo!« Cicero warf den Kopf zurück und fing an zu lachen. »Das ist schlau, das ist wirklich schlau.«

»Na, verstehst du jetzt?«, sagte Palicanus grinsend.

»Und ob.« Cicero nickte anerkennend. »Nicht schlecht.«

»Ich biete dir die Gelegenheit, dabei zu sein. Und noch was: Pompeius Magnus vergisst keinen Freund.«

Ich hatte nicht die geringste Ahnung, worum es ging. Erst später, auf dem Heimweg, als Cicero mir alles erklärte, begriff ich. Pompeius plante, sich für die umfassende Wiederherstellung der Machtbefugnisse der Volkstribunen einzusetzen und damit seine Wahl zum Konsul zu betreiben. Deshalb also Palicanus' überraschender Schritt, sich ins Volkstribunat wählen zu lassen. Die Strategie entsprang nicht Pompeius' altruistischem Verlangen, dem römischen Volk zu mehr Freiheit zu verhelfen, nein, es handelte sich um reinen Eigennutz - obwohl ich es durchaus für möglich halte, dass er zuweilen selbstzufrieden in seinem spanischen Badewasser planschte und sich als Streiter für die Rechte des Bürgers sah. Als guter General wusste Pompeius, dass durch diesen Schachzug die Aristokraten wie bei einer Zangenbewegung in der Falle saßen, eingeklemmt zwischen seinen vor den Toren Roms lagernden Soldaten und dem gemeinen Volk auf den Straßen der Stadt. Wollten sie nicht die eigene Auslöschung riskieren, würde Hortensius, Catulus, Metellus und ihresgleichen keine andere Wahl bleiben, als sowohl Pompeius' Konsulat wie auch ein wiedererstarktes Volkstribunat anzuerkennen. Sobald das der Fall war, konnte Pompeius seine Soldaten nach Hause schicken und regieren - wenn nötig unter Umgehung des Senats, indem er sich direkt ans Volk wandte. Er wäre unantastbar. Der Plan, so wie Cicero ihn mir beschrieb, war brillant. Und Cicero hatte ihn, während er auf Palicanus' Sofa saß, blitzartig erfasst.

»Welchen Nutzen hätte ich von der Sache?«, fragte Cicero.

»Die Begnadigung deines Klienten.«

»Das ist alles?«

»Wie gesagt, das kommt drauf an . auf die Qualität deiner Bemühungen. Definitive Zusagen kann ich dir nicht machen. Das muss warten, bis Pompeius in der Stadt ist.«

»Ein ziemlich schwaches Angebot, wenn du mir die Bemerkung gestattest, mein verehrter Palicanus.«

»Nun ja, du bist in einer ziemlich schwachen Position, wenn du mir die Bemerkung gestattest, mein verehrter Cicero.«

Cicero stand auf. Ich sah ihm an, dass er verärgert war. »Ich kann ja auch gehen«, sagte er.

»Und deinen Klienten im Stich lassen, damit ihn Verres an eins von seinen Kreuzen nageln kann?« Palicanus erhob sich ebenfalls. »Das bezweifle ich, Cicero. Ich bezweifle, dass du so hart sein kannst.« Er begleitete uns nach draußen, vorbei an Pompeius alias Alexander, vorbei an Pompeius alias Jupiter. »Ich sehe dich und deinen Klienten dann morgen früh in der Basilika«, sagte er und schüttelte Cicero an der Haustür die Hand. »Danach wirst du in unserer Schuld stehen - und wir werden dich beobachten.« Selbstsicher warf er die Tür zu.

Cicero machte auf dem Absatz kehrt und trat auf die Straße. »Wenn das die Art von Ausdrucksweise ist, der er sich in aller Öffentlichkeit bedient«, sagte er, »wie führt er sich dann erst in der Latrine auf? Und spar dir die Mühe, mich zu ermahnen, Tiro, das kann von mir aus jeder hören.«

Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und ging - den Kopf vorgebeugt, in Gedanken vertieft -vor mir durchs Stadttor. Natürlich hatte Palicanus Recht. Cicero hatte keine Wahl. Er konnte seinen Klienten nicht im Stich lassen. Ich bin mir sicher, dass er in diesem Augenblick die politischen Risiken abwog, die über ein einfaches Gesuch an die Tribunen hinaus in einer mit vollem Einsatz geführten Kampagne lägen, die die alten Rechte für die Volkstribunen zurückforderte. Das würde ihn die Unterstützung der Gemäßigten wie Servius kosten.

»Tja«, sagte er mit säuerlichem Lächeln, als wir zu Hause ankamen, »einen Kampf habe ich ja gewollt. Sieht ganz so aus, als hätte ich den jetzt.«

Er fragte den Hausverwalter Eros nach Terentia und schien erleichtert zu sein, als er hörte, dass sie in ihrem Zimmer war. Wenigstens blieben ihm so noch ein paar Stunden, bis er ihr die Neuigkeit mitteilen musste. Wir gingen in sein Arbeitszimmer, und er hatte gerade damit begonnen, mir seine Rede für die Tribunen zu diktieren - »Es ist mir eine Ehre, Tribunen, zum ersten Mal vor euch sprechen zu dürfen« -, als wir von der Haustür her laute Männerstimmen und einen dumpfen Schlag hörten. Cicero, der beim Denken immer auf und ab ging, lief aus dem Zimmer, um nachzusehen, was die Geräusche verursacht hatte. Ich folgte ihm. Sechs grob aussehende, mit Knüppeln herumfuchtelnde Männer drängten in den Hausflur. Eros krümmte sich auf dem Boden und hielt sich den Bauch. Seine Lippen waren blutig. Ein weiterer, uns unbekannter Mann, der keinen Knüppel, sondern ein anscheinend amtliches Schreiben in der Hand hielt, trat auf Cicero zu und verkündete, dass er befugt sei, das Haus zu durchsuchen.

»Befugt von wem?« Cicero war ganz ruhig -ruhiger, als ich an seiner Stelle gewesen wäre.

»Gaius Verres, Proprätor von Sizilien, hat am ersten Dezember diesen Haftbefehl verfügt.« Er hielt Cicero das Schriftstück für eine unverschämt kurze Zeit unter die Nase. »Ich suche den Verräter Sthenius.«

»Hier wirst du ihn nicht finden.«

»Das werde ich selbst feststellen.«

»Und wer bist du?«

»Timarchides, Freigelassener von Verres. Ich werde mich von dir nicht in ein Gespräch verwickeln lassen, und in der Zwischenzeit macht sich der Angeklagte aus dem Staub.« Er wandte sich an den Mann, der ihm am nächsten stand. »Du sicherst den Vordereingang. Ihr zwei schaut euch hinten um. Der Rest kommt mit mir. Wenn du keine Einwände hast, Senator, werden wir mit deinem Arbeitszimmer beginnen.«

Kurz darauf war der Lärm, den die Männer verursachten, im ganzen Haus zu hören - schwere Schritte auf Marmorfliesen und Holzdielen, Schreie von weiblichen Sklaven, rüde Männerstimmen, gelegentlich ein Krachen oder Splittern, wenn Gegenstände umfielen oder zerbrachen. Timarchides kippte einen Aktenbehälter nach dem andern aus und arbeitete sich langsam durch das Arbeitszimmer.

Cicero stand an der Tür und schaute ihm zu. »In einem von den Behältnissen wird er sich kaum verstecken«, sagte er. »So klein ist er nun auch wieder nicht.«

Nachdem sie im Arbeitszimmer nichts gefunden hatten, nahmen sie sich oben Ciceros spartanisch eingerichtetes Schlafzimmer und seinen Ankleideraum vor. »Eins kann ich dir versichern«, sagte Cicero, der sich nur noch mit Mühe im Zaum halten konnte, während er mit ansehen musste, wie man sein Bett umkippte. »Du und dein Herr werden dafür hundertfach bezahlen.«

»Wo ist das Schlafzimmer deiner Frau?«, fragte Timarchides.

»Tja«, antwortete Cicero. »Das würde ich an deiner Stelle besser nicht betreten.«

Aber Ticharmides war schon mächtig in Rage. Er hatte eine lange Reise hinter sich, er hatte noch nichts gefunden, und Ciceros Kommentare machten ihn nur noch nervöser. Er stürmte mit seinen drei Männern im Schlepptau durch den Flur und brüllte: »Sthenius! Wir wissen, dass du da drin bist!« Dann riss er die Tür zu Terentias Schlafzimmer auf. Das folgende Kreischen und die klatschende Ohrfeige, die der Eindringling hinnehmen musste, schallten durchs ganze Haus. Darauf folgte eine derart bildkräftige Flut an Unflat, in derart herrischem Tonfall und in derartiger Lautstärke, dass Terentias entfernter Verwandter, der anderthalb Jahrhunderte zuvor in Cannae die römischen Reihen gegen Hannibal befehligt hatte, sicher in die

Höhe geschossen war und jetzt aufrecht in seiner Gruft saß. »Sie kam über den erbarmungswürdigen Freigelassenen«, pflegte Cicero später zu sagen, »wie eine aus einem Baum herabstürzende Tigerin. Der Bursche hat mir fast leidgetan.« Timarchides musste wohl das Scheitern seiner Mission eingesehen haben, denn er blies die Sache ab. Zusammen mit seinen Rabauken trat er den schnellen Rückzug über die Treppe an - gefolgt von Terentia und der kleinen Tullia, die sich in den Falten von Terentias Gewand versteckte, gelegentlich daraus hervorlugte und wie ihre Mutter drohend die winzigen Fäuste schwang. Wir hörten, wie Timarchides seinen Männern etwas zurief, dann das Geräusch trampelnder Schritte und schließlich die zufallende Haustür. Abgesehen von einem Hausmädchen, das irgendwo leise wimmerte, herrschte nun wieder Stille in dem alten Gebäude.

Dann drehte sich Terentia um, holte tief Luft, wobei ihr flacher Busen sich schnell hob und senkte, und sagte zu Cicero, der oben am Treppenabsatz stand: »Und das alles nur wegen dieses langweiligen Siziliers, für den du im Senat Partei ergriffen hast?«

»Ich fürchte ja«, sagte Cicero betrübt. »Die wollen mir um jeden Preis Angst einjagen.«

»Das darfst du nicht zulassen, Marcus.« Sie ging die Treppe hinauf und umfasste mit beiden Händen -ohne jede Zärtlichkeit, sondern voller Leidenschaft -Ciceros Kopf und starrte ihm wütend in die Augen. »Du musst sie vernichten.«

Und als wir uns am nächsten Morgen auf den Weg zur Basilica Porcia machten, da ging Quintus links von Cicero und Lucius rechts, und hinter den Dreien, in einer eigens für diesen Anlass gemieteten Sänfte, folgte im feierlichen Gewand einer römischen Matrone Terentia. Es war das erste Mal, dass sie sich die Umstände machte, Cicero öffentlich reden zu hören. Ich schwöre, dass ihn die Aussicht, vor ihr zu sprechen, nervöser machte als der Auftritt vor den Tribunen. Vom Haus weg begleitete uns ein großes Gefolge an Klienten, das unterwegs immer größer wurde und nochmals anschwoll, nachdem wir auf halbem Weg das Argiletum hinunter Sthenius aus seinem Schlupfloch abgeholt hatten. Wir müssen mindestens hundert Personen gewesen sein, als wir über das Forum marschierten und schließlich in die Versammlungshalle der Tribunen einzogen. Mit etwas Abstand folgte uns Timarchides mit seiner Truppe. Angesichts unserer großen Zahl konnte er uns jedoch nichts anhaben, und in der Basilika, das wusste er genau, würde er nichts unternehmen können, ohne selbst in Stücke gerissen zu werden.

Die zehn Volkstribunen saßen auf ihrer Bank. Die Halle war voll. Palicanus erhob sich und verlas den Antrag, dass nach Meinung des Volkstribunats die Verfügung der Verbannung aus Rom auf Sthenius nicht anzuwenden sei. Dann trat Cicero vor die Tribunen. Sein Gesicht war weiß vor Anspannung. Im ersten Teil seiner Rede sagte er mehr oder weniger das Gleiche, was er schon im Senat gesagt hatte - mit dem einen Unterschied, dass er seinen Klienten diesmal nach vorn rufen und auf ihn zeigen konnte, wenn er es für angebracht hielt, an das Mitleid der Richter zu appellieren. Und zweifellos war noch nie ein vollkommeneres Abbild eines gebrochenen Opfers vor einem römischen Gericht aufgetreten als Sthenius an diesem Tag. Der Schluss von Ciceros Ausführungen hatte jedoch nichts mehr gemein mit seinen sonstigen Reden vor Gericht, er war etwas völlig Neues und bezeichnete eine entscheidende Verschiebung seines politischen Standorts. Als er diesen Punkt erreichte, war seine Nervosität verflogen und sein Vortrag voller Feuer.

»Die Händler in den Markthallen, ihr Tribunen, kennen ein altes Sprichwort: Der Fisch stinkt vom Kopf. Und wenn im Rom dieser Tage etwas stinkt -und wer würde das bezweifeln? -, dann sage ich euch, dieser Gestank kommt vom Kopf. Er kommt von oben, er kommt vom Senat.« Laute Beifallsrufe und trampelnde Füße. »Und es gibt nur eins, sagen die Händler, was man mit einem stinkenden, verrottenden Fischkopf machen kann: abschneiden. Man muss den Kopf abschneiden und auf den Müll werfen!« Noch mehr Beifall. »Aber für so einen Kopf braucht man ein scharfes Messer, das ist schließlich ein aristokratischer Kopf, und wie die sind, das wissen wir ja!« Gelächter. »Die sind aufgeschwollen vom Gift der Korruption, aufgedunsen von Hochmut und Arroganz. Und für so ein Messer braucht es eine kräftige Hand. Und Ausdauer, denn diese Aristokraten, die haben Köpfe aus Eisen, das kann ich euch sagen, Eisenköpfe, allesamt!« Gelächter. »Aber so ein Mann wird kommen. Er ist nicht mehr weit. Tribunen, eure Macht wird wiederhergestellt werden, das verspreche ich euch, egal, wie hart der Kampf auch sein wird.« Ein paar ganz Schlaue fingen an, Pompeius' Namen zu rufen. Cicero hob die Hand, wobei er drei Finger in die Luft streckte. »Ihr Tribunen müsst euch der gewaltigen Prüfung dieses Kampfes würdig erweisen. Zeigt Mut. Macht heute den ersten Schritt. Versetzt der Tyrannei einen Hieb. Befreit meinen Klienten. Und dann befreit Rom!«

Später war Cicero diese ausgesprochen demagogische Rede so peinlich, dass er mich anwies, die einzige Niederschrift zu vernichten. Ich muss also gestehen, dass ich sie hier aus dem Gedächtnis wiedergebe. Aber ich erinnere mich klar und deutlich an sie - an die Wucht der Worte; an die Leidenschaft des Vortrags; an die Erregung der von Cicero aufgepeitschten Menge; an Ciceros Augen, als er Palicanus beim Verlassen des Podiums zuzwinkerte; an die völlig regungslose Terentia, die starr geradeaus schaute, während um sie herum das gemeine Volk in Jubel ausbrach. Timarchides, der ganz hinten gestanden hatte, verschwand, noch bevor der Applaus sich gelegt hatte. Sicher machte er sich so schnell wie möglich auf den Rückweg nach Sizilien, um seinem Herrn zu berichten. Denn der Antrag, was wohl kaum noch der Erwähnung wert ist, wurde mit zehn zu null

Stimmen angenommen, und Sthenius' Sicherheit war für die Dauer seines Aufenthalts in Rom

KAPITEL IV

Eine andere von Ciceros Maximen lautete: Wenn du etwas Unpopuläres zu erledigen hast, dann erledige es gründlich, denn der Eindruck von Halbherzigkeit kommt deinem Ansehen sicher nicht zugute. Obwohl er sich vorher noch nie zu Pompeius oder den Volkstribunen geäußert hatte, gab es in den folgenden sechs Monaten niemanden, der sich mit mehr Begeisterung für deren Sache eingesetzt hätte. Die Pompeianer jedenfalls waren entzückt, in ihren Reihen einen derart fähigen Rekruten begrüßen zu dürfen. Der römische Winter in jenem Jahr war lang und kalt, vor allem für Terentia, nehme ich an. Ihr persönlicher Ehrenkodex verlangte es, dass sie ihrem Mann beistand gegen die Feinde, die in ihr Haus eingedrungen waren. Nicht nur, dass sie sich inmitten all dieser übel riechenden armen Menschen Ciceros Tiraden gegen ihre eigene Klasse hatte anhören müssen, jetzt belagerten seine neuen politischen Kumpane auch noch zu jeder Tageszeit ihren Salon und ihr Speisezimmer: Männer aus dem primitiven Norden, die mit abstoßendem Akzent sprachen, die Füße auf ihre Möbel legten und bis spät in die Nacht Ränke schmiedeten. Palicanus war ihr Wortführer. Bei seinem zweiten Besuch im Januar brachte er einen der neuen Prätoren mit, Lucius Afranius, einen Senatskollegen aus Pompeius' Heimat Picenum. Cicero bemühte sich mit besonderer Liebenswürdigkeit um ihn, und in früheren Jahren wäre es auch Terentia eine Ehre gewesen, einen Prätor in ihrem Haus begrüßen zu dürfen. Aber Afranius stammte weder aus einer ehrbaren Familie, noch verfügte er über jedwede Kinderstube. Er besaß doch tatsächlich die Unverschämtheit, sie zu fragen, ob sie gern tanze. Und als sie entsetzt zurückwich, erklärte er, dass er selbst nichts lieber täte. Dann zog er seine Toga hoch, entblößte seine Beine und wollte von ihr wissen, ob sie schon jemals ein stattlicheres Paar Waden gesehen habe.

Das waren Pompeius' Repräsentanten in Rom, und ihnen haftete immer etwas vom Geruch und den Manieren eines Feldlagers an. Sie waren ungeschlacht bis zur Brutalität - aber vielleicht musste man das sein, wenn man vorhatte, was sie vorhatten. Palicanus' Tochter Lollia - ein schlampiges junges Ding, eine Zumutung in Terentias Augen - begleitete die Gruppe gelegentlich, da sie mit Aulus Gabinius verheiratet war. Auch er gehörte zu Pompeius' Parteigängern aus Picenum und diente damals unter dem General in Spanien. Gabinius war das Verbindungsglied zu den Legionskommandeuren, die ihn mit Informationen über die Loyalität in der Truppe versorgten. Das war entscheidend, denn es hatte keinen Sinn, wie Afranius sich ausdrückte, zur Wiederherstellung der Macht des Volkstribunats eine ganze Armee nach Rom zu schaffen, nur um schließlich festzustellen, dass die Legionen freudig zu den Aristokraten überliefen, wenn nur die Höhe der Bestechungssumme stimmte.

Ende Januar traf Gabinius' Nachricht ein, dass die letzten Rebellenhochburgen in Uxama und Calagurris gefallen seien und Pompeius nun bereit sei, seine Armee in Richtung Heimat in Marsch zu setzen. Cicero hatte seit Wochen die pedarii unter den Senatoren bearbeitet, hatte sie in Senatspausen immer wieder beiseite genommen, um sie davon zu überzeugen, dass die aufständischen Sklaven im Norden Italiens eine zunehmende Gefahr für ihre Geschäfts- und Handelsinteressen darstellten. Seine Überzeugungsarbeit sollte sich lohnen. Als das Thema im Senat diskutiert wurde, stimmte das Haus trotz des erbitterten Widerstands der Aristokraten und der Anhänger Crassus' mit knapper Mehrheit dafür, Pompeius' spanische Armee nicht aufzulösen, sondern sie ins Mutterland zurückzubeordern, um Spartacus' Truppen im Norden zu zerschlagen. Mit diesem Votum hatte Pompeius das Konsulat so gut wie sicher, und Cicero kehrte am Abend jenes Tages mit einem Lächeln auf den Lippen nach Hause zurück. Gewiss, er war von den Aristokraten, die ihn inzwischen mehr verachteten als jeden anderen Mann in Rom, brüskiert worden. Der präsidierende Konsul, der unglaublich hochnäsige Publius Cornelius Lentulus Sura, hatte sogar seinen Versuch, sich zu Wort zu melden, absichtlich ignoriert. Aber was machte das schon? Er gehörte zum inneren Kreis von Pompeius Magnus, und jeder Idiot weiß, dass man in der Politik am schnellsten vorwärtskommt, wenn man sich in der Nähe des Mannes an der Spitze einnistet.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass wir in diesen hektischen Monaten Sthenius aus Thermae vernachlässigt haben. Oft tauchte er schon morgens auf und drückte sich in der Hoffnung auf eine Unterredung den ganzen Tag in der Nähe des Senators herum. Er wohnte immer noch in Terentias verwahrloster Mietskaserne, und er hatte nicht viel Geld. Rom konnte er nicht verlassen, da seine Immunität an den Stadtmauern endete. Seit Oktober hatte er sich nicht mehr rasiert, nicht mehr die Haare schneiden lassen und -nach seinem Geruch zu urteilen - auch nicht mehr die Kleidung gewechselt. Es war nicht direkt Wahnsinn, aber doch hochgradige Besessenheit, die er ausstrahlte, wenn er durch die Straßen wanderte, unablässig Papyrusfetzen zu kleinen Kügelchen zusammenknüllte, damit herumspielte und sie schließlich auf den Boden warf.

Cicero ließ sich immer neue Ausreden einfallen, um ihn nicht sprechen zu müssen. Zweifellos war er der Meinung, seiner Verpflichtung nachgekommen zu sein. Aber es war nicht nur das. Die Politik ist wie ein Hohlkopf vom Land: Sie kann sich jeweils nur auf eine Sache auf einmal konzentrieren. Der arme Sthenius war einfach unwichtig. Das im Augenblick einzig interessante Thema war die bevorstehende Auseinandersetzung zwischen Crassus und Pompeius. Im Spätfrühling hatte Crassus im Absatz Italiens die Hauptkräfte von Spartacus' Rebellen besiegt, Spartacus getötet und sechstausend Gefangene gemacht. Danach hatte er seine Truppen Richtung Rom in Marsch gesetzt. Kurz darauf überschritt Pompeius die Grenze und beendete den Sklavenaufstand im Norden. Er schickte einen Brief nach Rom, der im Senat verlesen wurde und in dem er CrassusM Leistung nur am Rande würdigte und stattdessen erklärte, dass allein ihm das Verdienst zukomme, den Sklavenaufstand »endgültig und vollständig« beendet zu haben. Das Signal an seine Anhänger hätte deutlicher nicht sein können: In diesem Jahr würde nur ein General im Triumph in Rom einziehen, und der würde nicht Marcus Crassus heißen. Und um auch noch den letzten Zweifel an seinen Absichten auszuräumen, schloss er seinen Brief mit der Ankündigung, dass auch er sich jetzt Richtung Rom in Bewegung setzen werde. Es ist kaum verwunderlich, dass bei all diesen aufregenden historischen Ereignissen niemand mehr an Sthenius dachte.

Es muss irgendwann im Mai gewesen sein, vielleicht auch Anfang Juni, das genaue Datum kann ich nicht mehr feststellen, als ein Kurier mit einem Brief an Ciceros Haustür klopfte. Der Mann übergab mir erst nach einigem Zögern das Schreiben und bestand darauf zu warten. Er habe strikten Befehl, nicht ohne Antwort zurückzukehren. Obwohl der Mann Zivilkleidung trug, war nicht zu überhören, dass er Soldat war. Ich brachte die Botschaft in Ciceros Arbeitszimmer. Während er sie las, verdüsterte sich sein Gesichtsausdruck. Er gab mir den Brief, und als ich die Anrede las, wusste ich den Grund für sein Stirnrunzeln. Marcus Licinius Crassus, Imperator, an Marcus Tullius Cicero. Sei gegrüßt... Nicht dass der Brief irgendeine Art Drohung enthielt. Er enthielt nur die Einladung, sich am nächsten Morgen an der Straße nach Rom, am Meilenstein achtzehn, in der Nähe der Stadt Lanuvium, mit dem siegreichen General zu treffen.

»Kann ich ablehnen?«, fragte Cicero und beantwortete die Frage gleich selbst. »Nein, kann ich nicht. Das würde er als tödliche Beleidigung auffassen.«

»Wahrscheinlich wird er Euch um Eure Unterstützung bitten.«

»Ach ja?«,sagte Cicero sarkastisch. »Wie kommst du denn darauf?«

»Könnt Ihr ihm nicht eine Art eingeschränkte Unterstützung anbieten, die sich nicht mit Euren Verpflichtungen gegenüber Pompeius überschneidet?«

»Nein, das ist genau das Problem. Pompeius war da unmissverständlich. Er erwartet absolute Loyalität. Crassus wird mich fragen: >Bist du für mich oder gegen mich?< Und dann wird für mich der übelste Albtraum eines jeden Politikers Wahrheit: Ich muss eine verbindliche Antwort geben.« Er seufzte. »Aber hingehen müssen wir natürlich.«

Am nächsten Tag machten wir uns kurz nach Sonnenaufgang in einer offenen zweirädrigen Kutsche auf den Weg. Ciceros Diener fuhr uns. Es war die beste Zeit des Tages zur besten Zeit des Jahres. Die Luft war schon warm genug für einen Besuch der öffentlichen Badeanstalt an der Porta Capena, aber gleichzeitig noch von erfrischender Kühle. Auf der Straße wirbelte nicht wie sonst der Staub auf. Die Blätter der Olivenbäume glänzten in einem frischen Grün. Sogar die Gräber, die auf diesem speziellen Wegstück gleich hinter der Stadtmauer dicht an dicht die Via Appia säumten, schimmerten hell und freundlich in der ersten Sonnenstunde des Tages. Normalerweise machte mich Cicero auf dieses oder jenes Monument aufmerksam und erklärte mir, was es damit auf sich hatte - auf die Statue des Scipio Africanus zum Beispiel oder auf das Grabmal der Horatia, die von ihrem Bruder ermordet worden war, weil sie den Tod ihres Liebhabers zu ausgiebig betrauert hatte. Doch an jenem Morgen war er alles andere als guter Laune. Seine Gedanken kreisten ausschließlich um Crassus.

»Halb Rom gehört ihm. Sollte mich nicht wundern, wenn ihm diese Grabmäler hier auch gehören. Da könnten ganze Familien drin wohnen! Warum eigentlich nicht? Crassus bringt das fertig! Hast du ihn mal in Aktion gesehen? Wenn er zum Beispiel hört, dass irgendwo ein Brand wütet und sich langsam durch ein ganzes Viertel frisst, dann lässt er seine Sklaven ausschwärmen und den Wohnungseigentümern lächerlich niedrige Kaufangebote machen. Und wenn die armen Burschen dann unterschrieben haben, dann schickt er Mannschaften mit Wasserwagen los, um die Brände zu löschen. Und das ist nur eine von seinen Methoden. Weißt du, wie Sicinius, der ja nun wirklich keiner ist, dem man mit irgendwas Angst einjagen kann, Crassus nennt? Er nennt ihn den gefährlichsten Bullen in der Herde.«

Das Kinn fiel ihm wieder auf die Brust, und bis zum Meilenstein acht, der sich schon weit im Landesinnern in der Nähe von Bovillae befand, sagte er kein Wort mehr. Hier lenkte er meine Aufmerksamkeit auf etwas Seltsames: auf Militärposten, die kleine Parzellen bewachten, die wie Holzlagerplätze aussahen. An vier oder fünf dieser Plätze, die in regelmäßigen Abständen von etwa einer halben Meile auftauchten, waren wir schon vorbeigekommen. Und auf jedem weiteren schien größere Betriebsamkeit zu herrschen als auf dem vorherigen. Es wurde gehämmert, gesägt, gegraben. Cicero sagte mir schließlich, worum es sich dabei handelte. Die Soldaten zimmerten Kreuze. Kurz darauf kam uns eine Kolonne von Crassus' Fußsoldaten entgegen, die Richtung Rom marschierte. Wir mussten am Straßenrand halten, um sie vorbeizulassen. Den Soldaten folgte eine lange Gefangenenprozession, Hunderte besiegter Rebellensklaven mit auf dem Rücken gefesselten Händen, eine ausgemergelte, graue Geisterarmee, die einem Schicksal entgegenstolperte, dessen Vorbereitungen wir gerade gesehen hatten, von dem sie selbst aber wahrscheinlich noch nichts wussten. Unser Kutscher murmelte einen Zauberspruch, um uns das Böse vom Leib zu halten, ließ die Peitsche über den Flanken der Pferde schnalzen, und in der nächsten Sekunde sprengten wir davon. Etwa eine Meile weiter begann das Töten; in kleinen Gruppen an beiden Straßenseiten wurden die Gefangenen an die Kreuze genagelt. Ich versuche die Bilder zu verdrängen, aber gelegentlich tauchen sie in meinen Träumen wieder auf. Vor allem ein Motiv sehe ich immer wieder vor mir: wenn die Soldaten das Holzkreuz mit dem angenagelten, schreienden Opfer mit Seilen in die Senkrechte hieven und dieses dann mit einem dumpfen Schlag in das dafür ausgehobene tiefe Loch fahrt. Außerdem erinnere ich mich an den Augenblick, als wir eine Hügelkuppe überquerten und in eine lange Allee aus Kreuzen blickten, die in der Hitze des Spätvormittags schimmerte und sich Meile um Meile schnurgerade dahinzog. Die Luft schien zu zittern von dem Stöhnen der Sterbenden, dem Brummen der Fliegen, dem Kreischen der kreisenden Krähen.

»Deshalb hat er mich also hier rausgelockt«, murmelte Cicero wütend. »Er will mich einschüchtern.« Sein Gesicht war schneeweiß. Wenn es um Schmerz und Tod ging, war Cicero sehr empfindlich, sogar bei Tieren, weshalb er es möglichst vermied, die Spiele zu besuchen. Ich nehme an, dass das auch der Grund für seine Abneigung gegen alles Militärische war. In seiner Jugend hatte er lediglich die Mindestzeit an Militärdienst abgeleistet und war kaum in der Lage, ein Schwert zu rühren oder eine Lanze zu schleudern. Während seiner ganzen Karriere musste er sich den höhnischen Vorwurf des Drückebergers gefallen lassen.

Bei Meilenstein achtzehn stießen wir auf das Kernstück von Crassus' Legionen. Wie bei jeder Armee im Feld wehte uns der Geruch von Staub, Schweiß und Leder entgegen. Das neben der Straße aufgeschlagene Lager war von einem Graben und Schutzwällen umgeben. Standarten flatterten über dem Tor, neben dem Crassus' Sohn Publius, damals noch ein forscher Jungoffizier, schon wartete, um uns zum Zelt des Generals zu geleiten. Dort verabschiedeten sich gerade ein paar andere Senatoren von dem unverwechselbaren Crassus. Der »alte Glatzkopf«, wie seine Soldaten ihn nannten, trug trotz der Hitze den scharlachroten Umhang des Befehlshabers. Er war die Leutseligkeit in Person, wünschte den scheidenden Besuchern eine sichere Heimreise und begrüßte uns ebenso freundlich - sogar mich, dessen Hand er so herzlich schüttelte, als sei ich selbst ein Senator und nicht irgendein Sklave, der unter anderen Umständen vielleicht schreiend an einem seiner Kreuze hinge. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, was genau mich damals an ihm so beunruhigt hatte, so war es vermutlich Folgendes: diese urteilslose und unvoreingenommene Freundlichkeit, mit der er dir selbst dann gegenübertreten würde, wenn er sich gerade entschlossen hätte, dich zu töten. Laut Cicero war er mindestens zweihundert Millionen Sesterzen schwer, aber er unterhielt sich mit jedermann so ungezwungen wie ein Bauer, der an seinem Weidezaun lehnte, und sein Haus in Rom war so bescheiden und schlicht wie sein Armeezelt.

Er bat uns hinein - mich auch, er bestand darauf und entschuldigte sich für das grausige Schauspiel an der Via Appia, das er aber für unumgänglich halte. Besonders stolz schien er auf die logistische Leistung zu sein, entlang dreihundertfünfzig Meilen Straße - vom Ort der siegreichen Schlacht bis vor die Tore Roms - sechstausend Männer gekreuzigt zu haben, ohne dass es, wie er sich ausdrückte, zu »gewalttätigen Zwischenfällen« gekommen sei. Siebzehn Kreuzigungen pro Meile, also alle einhundertsiebzehn Schritte ein Kreuz - er hatte ein phänomenales Gedächtnis für Zahlen. Das Kunststück dabei sei, keine Panik unter den Gefangenen aufkommen zu lassen, sonst hätte man gleich noch eine Schlacht am Hals. Man habe also jede Meile - manchmal auch alle zwei oder drei Meilen, um keinen Verdacht zu erregen - die entsprechende Zahl gefangener Sklaven anhalten lassen und dem Rest der Kolonne befohlen weiterzumarschieren, um erst, als diese außer Sichtweite gewesen sei, mit den Kreuzigungen zu beginnen. So habe man mit einem Minimum an Störungen - schließlich sei die Via Appia die meistbenutzte Straße in ganz Italien - den maximalen Abschreckungseffekt erzielt.

»Ich bezweifle, dass sich in Zukunft noch viele Sklaven gegen Rom erheben werden«, sagte Crassus und schaute mich lächelnd an. »Na, was glaubst du?«, fragte er mich. Als ich leidenschaftlich verneinte, zwickte er mich in die Backe und verstrubbelte mir das Haar. Als er mich berührte, glaubte ich, meine Haut würde verschrumpeln. »Ist er zu verkaufen?«, fragte er Cicero. »Gefällt mir, der Bursche, ich mache dir einen guten Preis. Mal sehen ...« Er nannte eine Summe, die mindestens das Zehnfache des normalen Preises betrug, und einen schrecklichen Augenblick lang fürchtete ich, Cicero würde annehmen und mich aus seinem Leben verbannen -ein Schicksal, das ich nicht ertragen hätte.

»Er ist nicht zu verkaufen, zu keinem Preis«, sagte Cicero. Die Fahrt hatte ihm zugesetzt, seine Stimme klang ein wenig heiser. »Und um jedes Missverständnis von vornherein auszuschließen, Imperator, ich habe meine Unterstützung Pompeius Magnus zugesichert.«

»Pompeius Magnus?«, frotzelte Crassus. »Pompeius der Große? Verglichen mit wem?«

»Darauf möchte ich lieber nicht antworten«, sagte Cicero. »Vergleiche können so ekelhaft sein.« Darauf zuckte sogar ein so unerbittlich leutseliger Mensch wie Crassus kaum merklich zurück.

Es gibt Politiker, die können es nicht ertragen, sich zusammen in ein und demselben Raum aufzuhalten, selbst wenn es im Interesse beider wäre, sich zu verständigen. Es wurde mir schnell klar, dass Cicero und Crassus zu dieser Sorte gehörten. Das ist eine Tatsache, die die Stoiker nicht begreifen, wenn sie behaupten, dass Vernunft und nicht Emotionen die Hauptrolle in menschlichen Beziehungen spielen sollten: Ich fürchte, dass das Gegenteil richtig ist und dass das auch immer so sein wird, sogar oder vielleicht gerade in der angeblich so kühl abwägenden Welt der Politik. Und wenn schon in der Politik keine Vernunft herrscht, wo soll man sie dann finden? Crassus hatte Cicero zu sich bestellt, um seine Freundschaft zu gewinnen. Und Cicero war mit dem Vorsatz gekommen, sich Crassus' Wohlwollen zu erhalten. Da jedoch beide ihre gegenseitige Abneigung nicht verbergen konnten, wurde das Treffen ein Desaster.

»Kommen wir gleich zur Sache, einverstanden?«, sagte Crassus, nachdem er Cicero gebeten hatte,

Platz zu nehmen. Er legte seinen Umhang ab, übergab ihn seinem Sohn und ließ sich auf dem Sofa nieder. »Zwei Dinge sind es, Cicero, um die ich dich bitten möchte. Das Erste ist die Unterstützung meiner Kandidatur für das Amt des Konsuls. Ich bin jetzt vierundvierzig, also mehr als alt genug, und ich glaube, dass ich in diesem Jahr an der Reihe bin. Das Zweite ist ein Triumph. Für beides bin ich bereit zu zahlen, egal, wie hoch dein Marktwert gerade ist. Wie du weißt, mache ich normalerweise nur Exklusivverträge, aber angesichts deiner schon eingegangenen Verpflichtungen werde ich mich wohl mit der Hälfte von dir begnügen müssen.« Dann verneigte er sich leicht und rügte hinzu: »Ein halber Cicero ist immer noch doppelt so viel wert wie bei den meisten anderen der ganze Mann.«

»Sehr schmeichelhaft, Imperator«, erwiderte Cicero, dem die Andeutung sauer aufstieß. »Vielen Dank. Meinen Sklaven kann man nicht kaufen, aber mich schon, meinst du das? Vielleicht erlaubst du mir, dass ich darüber nachdenke.«

»Was gibt es da nachzudenken? Bei den Konsulatswahlen hat jeder Bürger zwei Stimmen. Gib eine mir und die andere, wem immer du willst. Du brauchst nur dafür zu sorgen, dass deine Freunde ebenso handeln. Sag ihnen, dass Crassus nie vergisst, wer ihm gefällig war. Und genauso wenig, wer ihm nicht gefällig war.«

»Ich fürchte, ich werde dennoch Bedenkzeit brauchen.«

Wie ein Hecht durch klares Wasser huschte ein Schatten über Crassus' freundliches Gesicht. »Und der Triumph?«

»Ich persönlich bin zutiefst davon überzeugt, dass du diese Ehre verdient hast. Wie du aber sicher weißt, so ist Voraussetzung für einen Triumph, dass durch die betreffende militärische Aktion dem Staat neues Herrschaftsgebiet hinzugefügt wurde. Der Senat hat über ähnliche Fälle schon beraten. Offenbar reicht es nicht aus, lediglich zuvor verloren gegangenes Territorium zurückzugewinnen. Auch Fulvius hat man, nachdem Capua zu Hannibal übergelaufen war und er die Stadt zurückerobert hatte, keinen Triumph zugestanden.« Cicero erläuterte ihm all dies mit scheinbar tief empfundenem Bedauern.

»Das sind doch Formalitäten, meinst du nicht auch? Wenn Pompeius Konsul werden kann, ohne auch nur eine einzige der notwendigen Voraussetzungen zu erfüllen, warum kann man mir nicht wenigstens einen Triumph zugestehen? Ich weiß, dass dir die Schwierigkeiten eines militärischen Kommandos nicht geläufig sind. Oder auch die des Militärdienstes ganz allgemein«, fügte er hintersinnig hinzu. »Aber du wirst mir sicher darin zustimmen, dass ich alle anderen Voraussetzungen erfüllt habe. Ich habe im Feld fünftausend Feinde getötet, habe unter den Auspizien der Götter gekämpft, wurde von den Legionen zum Imperator ausgerufen, habe die Provinz befriedet und bin mit allen Truppen zurückgekehrt. Wenn jemand mit Einfluss, so wie du, einen Antrag im Senat einbringen würde, dann würde ich mich sehr großzügig zeigen.«

Es entstand eine lange Pause, in der ich mich fragte, wie Cicero sich aus diesem Dilemma befreien würde.

»Da draußen, Imperator, das ist dein Triumph!«, sagte er plötzlich und deutete in Richtung Via Appia. »Das ist das Monument für einen Mann wie dich! Solange Römer Zungen haben werden, um zu sprechen, werden sie sich an Crassus erinnern als den Mann, der über eine Strecke von dreihundertfünfzig Meilen, an Kreuzen im Abstand von einhundertsiebzehn Schritten, sechstausend Sklaven gekreuzigt hat. Kein anderer unserer großen Generäle wird jemals etwas Ähnliches vollbracht haben. Scipio Afficanus, Pompeius, Lucullus ...« Cicero machte eine verächtliche Handbewegung. »Keiner von denen wäre jemals nur auf die Idee gekommen.«

Cicero lehnte sich zurück und schaute Crassus lächelnd ins Gesicht. Crassus erwiderte das Lächeln. Die Zeit verstrich. Ich spürte, wie mir der Schweiß den Rücken hinunterlief. Die beiden fochten einen Wettbewerb aus: Wer würde als Erster aufhören zu lächeln? Schließlich stand Crassus auf und streckte Cicero die Hand hin. »Ich danke dir für deinen Besuch junger Freund«, sagte er.

Als der Senat wenige Tage später zusammenkam, um die Ehrungen festzulegen, stimmte Cicero mit der Mehrheit gegen einen Triumph für Crassus. Stattdessen musste sich der Bezwinger von Spartacus mit einer Ovation zufriedengeben, eine in jeder Beziehung zweitklassige Ehrung. Er zöge nicht in einem von vier Pferden gezogenen Triumphwagen in die Stadt ein, sondern würde zu Fuß gehen müssen; statt schmetternder Trompeten gäbe es trällernde Flöten, statt einem Kranz aus Lorbeer nur einen aus Myrte. »Wenn der Mann nur einen Funken Ehre im Leib hat«, sagte Cicero, »dann lehnt er ab.« Fast überflüssig zu erwähnen, dass Crassus' Zusage dem Senat kurze Zeit später vorlag.

Als man zu den Ehrungen für Pompeius kam, bediente sich Afranius eines schlauen Manövers. Er nutzte seinen Rang als Prätor, um schon zu Beginn der Debatte das Wort zu ergreifen und zu verkünden, dass Pompeius in Demut und Dankbarkeit jede Ehrung, die das Haus ihm gewähre, akzeptieren würde: Er träfe morgen mit zehntausend Mann vor den Toren der Stadt ein und hoffe, so vielen Senatoren wie möglich persönlich zu danken. Zehntausend Mann? Nach dieser Ankündigung erschien es den Aristokraten nicht mehr ratsam, den Eroberer Spaniens öffentlich zu brüskieren. Per einstimmigem Votum wurden die Konsuln angewiesen, Pompeius, so bald es diesem möglich sei, ihre Aufwartung zu machen und einen uneingeschränkten Triumph anzubieten.

Am nächsten Morgen kleidete sich Cicero mit noch größerer Sorgfalt als üblich und besprach sich dann mit Quintus und Lucius, wie weit er bei den bevorstehenden Unterredungen mit Pompeius gehen solle. Er entschied sich für die forsche Variante. Im nächsten Jahr würde er sechsunddreißig Jahre alt werden, das Mindestalter, um sich in Rom für das Amt eines der vier Ädilen zu bewerben, die jedes Jahr neu gewählt wurden. Der Aufgabenbereich des Amtes - Unterhalt der öffentlichen Gebäude, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, Ausrichtung von Spielen, Ausstellung von Handelslizenzen etc. - konnte Cicero dabei helfen, seine politische Gefolgschaft weiter auszubauen. Die drei Männer einigten sich darauf, dass Cicero Pompeius bitten würde, seine Kandidatur zum Ädil zu unterstützen. »Ich glaube, das habe ich mir verdient«, sagte Cicero.

Nachdem das erledigt war, mischten wir uns unter die riesige Menschenmenge, die Richtung Westen zum Marsfeld drängte. Es ging das Gerücht, dass Pompeius dort seine Legionen halten lassen wolle. (Es war Gesetz, zumindest in jenen Tagen, dass man innerhalb der heiligen Mauern Roms kein militärisches Imperium ausüben konnte. Wollten also Crassus und Pompeius das Kommando über ihre Armeen behalten, so waren sie genötigt, ihre Intrigen von außerhalb der Stadttore zu steuern.) Jeden interessierte brennend, wie der große Mann aussah. Seit fast sieben Jahren hatte der römische Alexander, wie seine Anhänger Pompeius nannten, auf fernen Schlachtfeldern gekämpft. Die einen fragten sich, wie sehr er sich wohl verändert hatte, die anderen - zu denen ich gehörte - hatten ihn überhaupt noch nie gesehen. Cicero hatte schon von Palicanus erfahren, dass Pompeius sein Hauptquartier in der Villa Publica aufzuschlagen gedenke, dem Gästehaus der Regierung gleich neben dem abgesperrten Gelände für die Stimmabgabe. Dorthin waren Cicero, Quintus, Lucius und ich unterwegs.

Die Villa wurde von einer doppelten Postenkette Soldaten abgeriegelt, und als wir uns schließlich durch die Menge bis zur äußeren Mauer durchgekämpft hatten, wurde uns gesagt, dass ohne Zugangsberechtigung niemand auf das Grundstück dürfe. Cicero war äußerst beleidigt, dass keiner der Wachposten je von ihm gehört hatte, und wir konnten von Glück sagen, dass zufällig Palicanus auftauchte, der seinen Schwiegersohn, den Legionskommandeur Gabinius, holen ließ, der dann für uns bürgte. Auf dem Gelände stellten wir fest, dass sich schon die Hälfte des offiziellen Roms unter den schattigen Kolonnaden drängte. Die Luft so nah' an der Macht knisterte vor Spannung. »Wie Wespen am Honigtopf«, sagte Cicero.

»Pompeius Magnus ist heute Nacht eingetroffen«, erklärte Palicanus und fügte in feierlichem Ton hinzu: »Die Konsuln sind gerade bei ihm.« Er versprach uns, Bescheid zu geben, sobald er mehr wüsste, und eilte dann wichtigtuerisch zwischen den Wachposten hindurch ins Haus.

Mehrere Stunden vergingen, ohne dass Palicanus wieder auftauchte. Wir sahen Kuriere ein und aus gehen, sahen mit knurrenden Mägen, wie Speisen geliefert wurden, sahen, wie die Konsuln die Villa verließen und die großen alten Männer Catulus und Isauricus eintrafen. Ebenfalls wartende Senatoren, die glaubten, Cicero als leidenschaftlicher Parteigänger Pompeius' gehöre zu dessen innerem Beraterkreis, fragten ihn immer wieder, was denn da vor sich gehe. »Alles zu seiner Zeit«, sagte Cicero. »Alles zu seiner Zeit.« Schließlich muss ihm diese floskelhafte Antwort wohl selbst peinlich gewesen sein, denn er schickte mich los, ihm einen Hocker zu besorgen. Als ich zurückkam, stellte er den Hocker an eine Säule, setzte sich, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Am Nachmittag traf Hortensius ein, der sich durch die von Soldaten zurückgehaltenen Gaffer drängte und sofort vorgelassen wurde. Als wenig später auch die drei Metellus-Brüder eingelassen wurden, konnte selbst Cicero nicht mehr umhin, dies als Demütigung aufzufassen. Sein Bruder Quintus eilte davon, um im Umkreis des Senatsgebäudes vielleicht das eine oder andere Gerücht aufzuschnappen. Währenddessen wanderte Cicero in den Kolonnaden nervös auf und ab und schickte mich zum zwanzigsten Mal los, um Palicanus oder Afranius oder Gabinius oder wen auch immer aufzutreiben, der ihm Zugang zu der Konferenz verschaffen könnte.

Ich ging vor dem umlagerten Eingang auf und ab und stellte mich gelegentlich auf die Zehenspitzen, um über das Gewirr aus Köpfen hinwegzusehen. Als ein Kurier die Villa verließ, sah ich durch die halb offene Tür weiß gekleidete Gestalten, die lachend und plaudernd um einen schweren Marmortisch herumstanden, der mit Schriftstücken übersät war. Dann wurde ich von einem Tumult auf der Straße abgelenkt. Menschen riefen »Heil Imperator!« Jubel brandete auf, das Tor wurde aufgerissen, und flankiert von seinen Leibwächtern erschien Crassus. Er nahm den mit Federn geschmückten Helm ab, gab ihn einem seiner Liktoren, wischte sich die Stirn ab und schaute sich um. Sein Blick fiel auf Cicero. Er neigte leicht den Kopf und lächelte ihn, wie es seine Art war, unbefangen an. Ich glaube, dass dies einer der seltenen Momente war, in denen ich Cicero vollkommen sprachlos sah. Dann warf sich Crassus - auf ziemlich majestätische Weise, muss ich zugeben - den scharlachroten Umhang über die Schulter und betrat mit festem Schritt die Villa Publica, während Cicero sich kraftlos auf seinen Hocker fallen ließ.

Immer wieder ist mir dieser merkwürdige Aspekt der Macht aufgefallen: Wenn man ihr körperlich am nächsten ist, weiß man oft am wenigsten, was sich gerade abspielt. Zum Beispiel habe ich erlebt, wie Senatoren sich genötigt sahen, den Senatssaal zu verlassen und ihre Sklaven auf den Gemüsemarkt zu schicken, um zu erfahren, was in der von ihnen vermeintlich regierten Stadt eigentlich vorging. Oder ich habe von Generälen gehört, die trotz zahlreicher Legaten und Kundschafter gezwungen waren, vorbeikommende Schäfer abzufangen, um sich das Neueste vom Schlachtfeld erzählen zu lassen. So erging es an jenem Nachmittag auch Cicero, der von dem Raum, in dem Rom tranchiert wurde wie ein Brathühnchen, keine zehn Schritte entfernt auf einem Hocker saß und sich von Quintus berichten lassen musste, was der von einem Beamten auf dem Forum erfahren und was dieser wiederum von einem Senatsschreiber gehört hatte.

»Sieht schlecht aus«, sagte Quintus, obwohl man das schon an seinem Gesichtsausdruck ablesen konnte. »Pompeius Konsul, die Rechte des Volkstribunats wiederhergestellt, kein Widerstand der Aristokratie. Als Gegenleistung - und jetzt pass auf - als Gegenleistung Hortensius und Quintus Metellus mit voller Rückendeckung durch Pompeius Konsuln im nächsten Jahr. Ablösung von Verres als Statthalter von Sizilien, neuer Statthalter Lucius Metellus - Lucius Metellus! Und jetzt der Gipfel: Crassus - Crassus! - zweiter Konsul neben Pompeius, Auflösung beider Armeen am Tag des Amtsantritts.«

»Aber ich hätte dabei sein müssen«, sagte Cicero und starrte tief bestürzt zur Villa. »Ich hätte dabei sein müssen!«

»Marcus«, sagte sein Bruder mit trauriger Stimme und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Keiner von denen wollte, dass du dabei bist.«

Wie betäubt war Cicero angesichts des Ausmaßes des Umschwungs - er selbst ausgeschlossen, seine Feinde belohnt, Crassus zum Konsul befördert. Doch dann schüttelte er sich, stand auf und ging wütend Richtung Tür. Vielleicht hätte einer von Pompeius' Wachsoldaten seiner politischen Karriere nur wenige Sekunden später durch das Schwert ein Ende gesetzt, denn ich glaube, in seiner Verzweiflung war er damals fest entschlossen, sich den Weg zum Verhandlungstisch zu erzwingen und seinen Anteil einzufordern. Doch es war schon zu spät. Die mächtigen Männer hatten ihren Handel besiegelt und verließen gerade die Villa. Ihre hektischen Berater kamen als Erste, dann die Wachen, die auf den Boden stampften, als ihre Herren durch die Tür traten. Crassus erschien als Nächster, dann trat Pompeius aus dem Halbdunkel. Alle wussten sofort, wen sie vor sich hatten. Nicht nur wegen der Aura der Macht, die die Luft bei jeder seiner Bewegungen aufzuladen schien, sondern auch wegen seiner Züge. Er hatte ein breites Gesicht mit weit auseinanderstehenden Backenknochen und dichtes, welliges Haar, das sich zu einer Tolle aufschwang, die an den Bug eines Schiffes erinnerte. Das Gesicht strahlte Gewicht und Führungskraft aus, es passte zu den breiten Schultern und dem kräftigen Brustkorb. Er hatte den Oberkörper eines Ringers. Mir war jetzt klar, warum man ihn in seiner Jugend, als er für seine Skrupellosigkeit berühmt war, den jungen Schlächter genannt hatte.

Und so defilierten sie an uns vorüber, der alte Glatzkopf und der junge Schlächter. Ohne ein Wort zu wechseln, ohne sich auch nur anzuschauen, gingen sie auf das Tor zu, das sich für sie öffnete. Sofort setzten sich die Senatoren in Bewegung und hefteten sich an ihre Fersen, und auch wir wurden mit der Menge auf den Platz vor der Villa Publica hinausgeschwemmt und prallten dort auf eine Wand aus Hitze und Lärm. Es waren sicher zwanzigtausend Menschen, die sich an jenem Nachmittag auf dem Marsfeld versammelt hatten und die jetzt in lautstarken Jubel ausbrachen. Soldaten, die sich an den Ellbogen untergehakt hatten und mit den Füßen in den Staub stemmten, hielten die Menge zurück und machten eine schmale Gasse frei. Sie war gerade breit genug, dass Pompeius und Crassus Seite an Seite durch sie hindurchgehen konnten. Da wir ganz hinten in der Prozession mitschwammen, konnte ich ihren Gesichtsausdruck nicht sehen und auch nicht, ob sie inzwischen miteinander sprachen. Langsam bewegten sie sich auf das Podium zu, auf dem sich am Wahltag nach altem Brauch die Würdenträger versammelten. Pompeius stieg unter erneut aufbrandendem Beifall als Erster auf das Podium, blieb dort eine Weile stehen, wandte sein breites, strahlendes Gesicht mal hierhin, mal dorthin und genoss den Jubel wie eine sich in der Sonne aalende Katze die Wärme. Dann beugte er sich nach unten und half Crassus aufs Podium. Bei dieser Demonstration der Einigkeit zwischen den beiden notorischen Rivalen brach die Menge erneut in Jubel aus, der sogar noch anschwoll, als Pompeius Crassus' Hand nahm und in die Höhe reckte.

»Was für ein ekelerregendes Schauspiel.« Cicero musste mir die Worte ins Ohr brüllen, damit ich ihn überhaupt verstand. »Ein Konsulat, das gefordert und unter Zwang bewilligt wurde. Wir sind Zeuge des Anfangs vom Ende der Republik, Tiro. Denk an meine Worte!« Unwillkürlich ging mir der Gedanke durch den Kopf, hätte er an der Konferenz teilgenommen und die gemeinsame Kandidatur mit eingefädelt, dann hätte er dieses Arrangement als meisterliche Staatskunst gepriesen.

Pompeius brachte die Menge mit einer Handbewegung zum Verstummen und begann mit seiner Exerzierplatzstimme zu sprechen. »Menschen von Rom, die Führer des Senats haben mir das großmütige Angebot unterbreitet, einen Triumph abzuhalten, ein Angebot, das ich mit Freuden annehme. Sie haben mir ebenfalls die Erlaubnis erteilt, mich für das Amt des Konsuls zu bewerben, eine Erlaubnis, die ich gleichfalls mit Freuden wahrnehmen werde. Was mich jedoch mit noch größerer Freude erfüllt, ist die Tatsache, dass mein alter Freund Marcus Licinius Crassus mich in das Amt begleiten wird.« Er schloss mit dem Versprechen, dass er im nächsten Jahr zu Ehren seiner Siege in Spanien große Spiele veranstalten und dass er diese Herkules weihen werde.

Tja, zweifellos gut gewählte Worte, allerdings viel zu schnell vorgetragen. Er vergaß die nötige Pause nach jedem Satz, was bedeutete, dass die wenigen, die seine Worte verstanden hatten, diese nicht für die hinter ihnen Stehenden, denen dies nicht möglich gewesen war, wiederholen konnten. Ich bezweifle, dass mehr als ein paar Hundert aus dieser riesigen Menschenmenge ihn überhaupt verstanden hatten. Wie auch immer, die Menge jubelte, und sie jubelte noch mehr, als Crassus, gerissen wie er war, Pompeius umgehend die Schau stahl.

»Hiermit gelobe ich feierlich«, sagte er mit der dröhnenden Stimme des geübten Redners, »dass ich zu Pompeius' Spielen ... am ersten Tag von Pompeius' Spielen ... ein Zehntel meines Vermögens ... ein Zehntel meines gesamten Vermögens ... zum Kauf für Essen und Trinken zugunsten der Menschen von Rom zur Verfügung stellen werde ... für jeden von euch freies Essen und Trinken für drei Monate ... und ein großes Bankett in den Straßen ... ein Bankett für jeden Bürger Roms ... ein Bankett zu Ehren von Herkules!«

Die Menge steigerte sich in einen Jubeltaumel. »Dieser Schurke«, sagte Cicero. »Ein Zehntel seines Vermögens, das sind zwanzig Millionen an Bestechungsgeld! Trotzdem ein günstiger Preis. Schau ihn dir an, Tiro, wie er seine schwache Position in eine starke verwandelt. Damit hast du wohl nicht gerechnet, was?«, rief er Palicanus entgegen, der sich vom Podium zu uns durchkämpfte. »Jetzt hat er sich schon auf eine Stufe mit Pompeius gestellt. Ihr hättet ihm nie diese Bühne bieten dürfen.«

»Der Imperator möchte dich sprechen«, sagte Palicanus mit atemloser Stimme. »Er will sich persönlich bei dir bedanken.« Ich spürte, dass Cicero mit sich rang, aber Palicanus ließ nicht locker, zupfte ihn beharrlich am Ärmel, und schließlich gab er nach. Wahrscheinlich wollte er wenigstens etwas von diesem Tag retten.

»Will er eine Rede halten?«, rief Cicero, als wir uns mit Palicanus zum Podium durchdrängelten.

»Er hält eigentlich nie Reden«, sagte Palicanus über die Schulter. »Jedenfalls noch nicht.«

»Das ist ein Fehler. Die Leute erwarten, dass er zu ihnen spricht.«

»Tja, dann werden sie wohl sehr enttäuscht sein.«

»Was für eine Verschwendung«, flüsterte mir Cicero ehrlich entrüstet zu. »Was würde ich für so ein Publikum nicht alles geben! Wie oft kommen schon so viele Wähler an einem einzigen Ort zusammen?«

Aber Pompeius hatte kaum Erfahrung als öffentlicher Redner. Außerdem war er es gewohnt, Männern zu befehlen, nicht, ihnen zu schmeicheln. Er winkte den Menschen ein letztes Mal zu und stieg dann vom Podium. Crassus folgte seinem Beispiel, und der Applaus verebbte allmählich. Es war deutlich spürbar, wie die Stimmung abkühlte. Die Leute standen da und wussten nicht recht, was sie tun sollten. »Was für eine Verschwendung«, wiederholte Cicero. »Was hätte ich ihnen für ein Spektakel geboten.«

Hinter dem Podium befand sich ein kleiner abgeschlossener Bereich, wo sich am Wahltag nach altem Brauch die Magistrate versammelten, bevor sie das Podium bestiegen, um ihres Amtes zu walten. Palicanus führte uns an den Wachen vorbei, und kurz darauf erschien Pompeius. Ein junger schwarzer Sklave reichte ihm ein Tuch, womit er sich den Schweiß von Gesicht und Nacken wischte. Ein Dutzend Senatoren standen schon bereit, um ihn zu begrüßen, und Palicanus schob Cicero unter die Wartenden und zog sich dann mit Quintus, Lucius und mir zurück. Pompeius, gefolgt von Afranius, der ihm die Namen zuflüsterte, schritt die Reihe ab und schüttelte jedem Senator die Hand. »Sehr erfreut«, sagte Pompeius. »Sehr erfreut. Sehr erfreut.« Als er näher kam, konnte ich ihn mir genauer ansehen. Er hatte edle Züge, keine Frage, gleichzeitig offenbarte das rundliche Gesicht aber eine abstoßende Eitelkeit, und seine pompöse, zerstreute Art verstärkte noch den Eindruck, dass es ihn augenscheinlich langweilte, all diese öden Zivilisten treffen zu müssen. Schnell hatte er Cicero erreicht.

»Marcus Cicero, Imperator«, sagte Afranius.

»Sehr erfreut.«

Er wollte schon weitergehen, als Afranius ihn am Ellbogen berührte und flüsterte: »Cicero ist einer der herausragenden Advokaten unserer Stadt, er war uns im Senat von großem Nutzen.«

»Tatsächlich? Nun, ich hoffe, du leistest auch weiterhin so gute Arbeit.«

»Das werde ich«, sagte Cicero schnell. »Ich hoffe, im nächsten Jahr das Amt des Ädils bekleiden zu können.«

»Ädil?« Bereits der Gedanke schien Pompeius zu belustigen. »Nein, nein, das glaube ich kaum. In dieser Richtung habe ich schon andere Pläne. Aber ich bin sicher, dass wir für einen fähigen Anwalt immer eine Verwendung finden.«

Und dann ging er tatsächlich weiter - Sehr erfreut... Sehr erfreut... - und ließ den starr geradeaus blickenden, schwer schluckenden Cicero einfach stehen.

KAPITEL V

Während all der Jahre in seinen Diensten erlebte ich in jener Nacht zum ersten und zum letzten Mal, dass Cicero zu viel trank. Ich hörte, wie er sich beim Abendessen mit Terentia stritt. Und das war keiner von den geistreichen, in eisiger Höflichkeit ausgetragenen Dispute wie sonst, sondern ein lärmendes Spektakel, das durch das ganze Haus hallte. Wie hatte er nur so dumm sein können, einem so offensichtlich ehrlosen Haufen sein Vertrauen zu schenken - Figuren aus Picenum, die nicht mal richtige Römer waren! »Aber du bist ja selbst kein richtiger Römer, was soll man da erwarten ...« Dieser Seitenhieb auf seine niedere ländliche Herkunft ging ihm nach wie vor unter die Haut. Es verhieß nichts Gutes, dass ich seine leise, offenbar bösartige Erwiderung darauf nicht verstand. Was immer er auch sagte, es muss verheerend gewesen sein, denn Terentia - keine Frau, die man leicht aus der Fassung bringen konnte - stürzte weinend aus dem Speisezimmer und verschwand nach oben.

Ich hielt es für das Beste, ihn in Ruhe zu lassen. Eine Stunde später jedoch hörte ich ein splitterndes Geräusch, lief ins Speisezimmer und sah, wie Cicero schwankend dastand und die Scherben eines zerbrochenen Tellers auf dem Boden anstarrte. Die Vorderseite seiner Tunika war mit Weinflecken besudelt. »Mir ist übel«, sagte er.

Ich nahm seinen Arm auf meine Schulter und half ihm nach oben - keine leichte Aufgabe, da er schwerer war als ich. Ich legte ihn aufs Bett und zog ihm die Schuhe aus. »Scheidung«, brummte er in sein Kissen. »Scheidung, das ist die einzige Lösung, Tiro, auch wenn ich dann aus dem Senat ausscheiden muss, weil ich es mir nicht mehr leisten kann. Was soll's? Kein Mensch wird mich vermissen. Halt noch ein homo novus, der es nicht geschafft hat. Ach, Tiro, mein lieber Tiro!« Mir gelang es gerade noch, ihm seinen Nachttopf unters Kinn zu halten, bevor er sich übergab. Mit herunterhängendem Kopf sprach er in sein Erbrochenes. »Wir gehen nach Athen, mein Freund, ziehen zu Atticus und studieren Philosophie. Kein Mensch wird uns hier vermissen ...« Die letzten Worte gingen in einem langen selbstmitleidigen Plappern aus vernuschelten Silben und zischenden Konsonanten unter, die ich mit keinem meiner Kurzschriftzeichen hätte wiedergeben können. Ich stellte den Topf neben das Bett, blies die Lampe aus, und noch bevor ich die Tür erreichte, hörte ich ihn schon schnarchen. Ich gestehe, dass ich mir Sorgen um ihn machte, als ich mich an jenem Abend schlafen legte.

Am nächsten Tag jedoch wurde ich wie üblich kurz vor Sonnenaufgang von den Geräuschen seiner Morgenübungen geweckt. Er bewegte sich vielleicht etwas langsamer als sonst, aber schließlich war es Hochsommer und furchtbar früh, und er hatte gerade mal ein paar Stunden geschlafen. Aber so war er: Fehlschläge befeuerten seinen Ehrgeiz. Nach jeder erlittenen Demütigung erlosch vorübergehend das Feuer in ihm, um dann umso heftiger wieder aufzulodern - ob in seinen frühen Tagen als Anwalt, wenn ihn sein Körper im Stich gelassen hatte, ob nach seiner Rückkehr aus Sizilien oder jetzt nach Pompeius' rüder Abfuhr.

»Ausdauer ist alles«, pflegte er zu sagen. »Mit Genialität kommt man nicht nach oben. Rom ist voll von verkannten Genies. Nur mit Ausdauer kommt man in dieser Welt vorwärts.« Ich hörte, wie er sich für einen weiteren Tag des Kampfes im römischen Senat vorbereitete, und spürte, wie sich der alte, vertraute Rhythmus im Haus wieder einstellte. Ich zog mich an, entzündete die Lampen, wies den Türwächter an, die Haustür zu öffnen, kontrollierte die Besucher. Dann ging ich in Ciceros Arbeitszimmer und übergab ihm die Namensliste. Weder da noch zu einem späteren Zeitpunkt fiel jemals wieder ein Wort über die Ereignisse vom Abend zuvor, und ich nehme an, dass uns das einander näherbrachte. Sicher, er sah ein bisschen grünlich aus und musste, als er die Namen durchging, die Augen zusammenkneifen, aber ansonsten machte er einen vollkommen normalen Eindruck. »Sthenius!«, stöhnte er auf, als er den Namen des Siziliers entdeckte, der sich wie üblich unter den Wartenden im Tablinum befand. »Mögen die Götter uns gnädig sein!«

»Er ist nicht allein«, warnte ich ihn. »Er hat noch zwei Landsleute mitgebracht.«

»Du meinst, jetzt vermehrt er sich schon?« Hustend räusperte er sich. »Also los, dann. Schick ihn als Ersten rein, damit wir ihn endlich ein für alle Mal loswerden.«

Wie in einem immer wiederkehrenden Traum, aus dem man nie erwacht, führte ich Sthenius aus Thermae einmal mehr in Ciceros Arbeitszimmer.

Seine Begleiter stellte er als Heraclius aus Syrakus und Epicrates aus Bidis vor. Es waren alte Männer, die wie Sthenius im dunklen Trauergewand und mit ungepflegten Haaren und Bärten erschienen.

»Ein für alle Mal, Sthenius«, sagte Cicero mit entschlossener Stimme, nachdem er dem grimmig dreinblickenden Trio die Hand geschüttelt hatte. »Das muss jetzt ein Ende haben.«

Aber Sthenius lebte schon in jenem fremdartigen, weit entfernten Königreich des obsessiv Prozessführenden, in das Geräusche von außen nur noch selten eindringen. »Vielen Dank, dass du mich empfängst, Senator. Ich bin jetzt im Besitz der Gerichtsakten aus Syrakus, sodass du dich selbst davon überzeugen kannst, was dieses Monster mir angetan hat.« Er zog ein Stück Papier aus seiner Ledertasche und drückte es Cicero in die Hand. »Das ist das Schriftstück, das vor dem Urteil der Volkstribunen ausgefertigt wurde. Und das hier«, sagte er und zog ein zweites Papier aus der Tasche, »ist das Schriftstück, das danach verfasst wurde.«

Seufzend hielt Cicero die beiden Dokumente nebeneinander und überflog sie mit zusammengekniffenen Augen. »Und, was soll das? Das ist das offizielle Urteil aus deinem Verratsprozess. Hier steht, dass du während der Verhandlung anwesend warst. Wir wissen beide, dass das Unsinn ist. Und das hier ...« Er sprach jetzt langsamer, weil ihm allmählich dämmerte, was das, was er da las, eigentlich bedeutete. »Und das hier stellt fest, dass du nicht anwesend warst.« Er hob den Kopf, und seine verhangenen Augen begannen sich aufzuklaren. »Verres hat also seine eigenen Prozessakten gefälscht, und dann hat er seine eigene Fälschung noch mal gefälscht.«

»Genau!«, schrie Sthenius. »Nachdem du mich dem Volkstribunat präsentiert hattest, da hat ganz Rom gewusst, dass ich nicht am ersten Dezember in Syrakus gewesen sein konnte. Also musste Verres den Beweis für seine Lüge vernichten. Aber das erste Schriftstück war schon auf dem Weg zu mir.«

»Gut, gut«, sagte Cicero. »Vielleicht macht er sich doch größere Sorgen, als wir annahmen. Und hier lese ich noch, dass du an jenem Tag von einem Verteidiger vertreten wurdest: >Gaius Claudius, Sohn des Gaius Claudius aus dem Wahlbezirk Palatina.< Du Glücklicher, du hattest da unten deinen eigenen römischen Rechtsanwalt. Wer ist dieser Gaius Claudius?«

»Er führt die Geschäfte von Verres.«

Cicero musterte Sthenius. »Was hast du da noch in deiner Tasche?«, fragte er.

Und dann ergoss sich an jenem heißen Sommermorgen der gesamte Inhalt von Sthenius' Tasche über den Boden von Ciceros Arbeitszimmer: Briefe, Namen, Ausschnitte aus offiziellen Akten, hingekritzelte Notizen über Gerüchte, Klatsch und Tratsch. Sieben Monate Arbeit von drei wütenden, verzweifelten Männern, denn es stellte sich heraus, dass Verres auch Heraclius und Epicrates um ihr Vermögen gebracht hatte - im Wert von sechzigtausend Sesterzen den einen, von dreißigtausend den anderen. In beiden Fällen hatte Verres sein Amt dazu missbraucht, mit falschen Vorwürfen unrechtmäßige Schuldsprüche zu erwirken. Heraclius und Epicrates waren ungefähr zur gleichen Zeit ausgeplündert worden wie Sthenius. Beide waren bis zu jener Zeit die fuhrenden Persönlichkeiten in ihren Gemeinden und mussten völlig mittellos von der Insel fliehen und Zuflucht in Rom suchen. Sie hatten von Sthenius' Auftritt vor den Volkstribunen erfahren, hatten ihn ausfindig gemacht und ihm vorgeschlagen, gemeinsam gegen Verres vorzugehen.

»Als Einzelopfer waren sie schwach«, sagte Cicero Jahre später, wenn er von dem Fall erzählte. »Aber nachdem sie sich zusammengetan hatten, merkten sie schnell, dass sie plötzlich über ein Netzwerk aus Kontakten verfügten, das sich über die gesamte Insel erstreckte: Thermae im Norden, Bidis im Süden, Syrakus im Osten. Diese Männer waren von Natur aus scharfsinnig, durch Erfahrung schlau und durch Bildung kultiviert. Ihre Landsleute offenbarten ihnen die Geheimnisse ihrer Leiden, was sie gegenüber einem römischen Senator nie getan hätten.«

Nach außen machte Cicero immer noch den Eindruck des gelassenen Advokaten. Als die Sonne schließlich aufgegangen war und ich die Lampen ausgeblasen hatte, schaute er sich die einzelnen Dokumente noch einmal an. Ich spürte seine wachsende Erregung. Hier hatte er die beeidigte Erklärung von Dio aus Halaesa, dem Verres für einen Freispruch zehntausend Sesterzen abgepresst, alle Pferde und Wandteppiche sowie alles Gold- und Silberzeug geraubt hatte. Dann die schriftlichen Aussagen von Priestern mit einer Liste der Objekte, die man aus ihren Tempeln gestohlen hatte: eine Bronzestatue von Apollo mit silberner Signatur des Bildhauers Myron, ein Geschenk von Scipio vor einhundertfünfzig Jahren, geraubt aus dem Tempel des Aeskulap in Agrigent; eine Statue der Ceres aus Catina, eine der Victoria aus Henna; der gesamte Inhalt des altertümlichen JunoTempels auf Malta. Hier die Aussagen von Bauern aus Herbita und Agyrium, die Verres' Agenten Schutzgeld gezahlt hatten, nachdem diese ihnen gedroht hatten, sie auszupeitschen. Dann die Geschichte des erbarmungswürdigen Sopater aus Tyndaris, den Verres' Liktoren mitten im Winter vor aller Augen nackt an eine Ritterstatue gefesselt hatten, bis er und seine Mitbürger sich bereit erklärten, Verres die wertvolle Bronzestatue des Merkur auszuhändigen, die der Gemeinde gehörte und im örtlichen gymnasium stand. »Das ist keine Provinz, die Verres da leitet«, murmelte Cicero, »das ist ein durchorganisierter Verbrecherstaat.«

Mit Einverständnis der drei Sizilier packte ich die Unterlagen zusammen und schloss sie in die Geldtruhe des Senators. »Es ist von entscheidender Bedeutung, dass kein Wort von all dem nach außen dringt«, schärfte Cicero ihnen ein. »Tragt auf jeden Fall weiter Aussagen und Beweise zusammen, aber geht bitte diskret vor. Verres hat schon oft zu Gewalt und Einschüchterung gegriffen, und wenn er sich schützen muss, wird er es sicher wieder tun. Wir müssen den Schurken überrumpeln.«

»Bedeutet das, dass du uns hilfst?«, fragte Sthenius, der das kaum zu hoffen gewagt hatte.

Cicero schaute ihn an, gab ihm aber keine Antwort.

*

Als der Senator am Nachmittag von seinen Gerichtsterminen wieder nach Hause kam, machte er sich daran, den Streit mit seiner Frau aus der Welt zu schaffen. Er schickte den jungen Sositheus zu dem alten Blumenmarkt, der sich vor dem Portunus-Tempel auf dem Forum Boarium befand, um einen süß duftenden Strauß Sommerblumen zu kaufen. Diesen gab er der kleinen Tullia und sagte ihr mit feierlicher Stimme, dass er einen wichtigen Auftrag für sie habe. Sie solle ihrer Mutter diesen Strauß bringen und sagen, dass er von einem ungehobelten Bewunderer aus der Provinz stamme. (»Hast du das verstanden, Tulliola? >Von einem ungehobelten Bewunderer aus der Provinz.<«) Stolz nahm sie den Strauß und verschwand in Terentias Zimmer. Die Blumen mussten wohl ihren Zweck erfüllt haben, denn an jenem Abend, als die Liegen -Cicero hatte darauf bestanden - aufs Dach getragen wurden und die Familie unter dem sternenklaren Sommerhimmel zu Abend aß, hatte der Strauß einen Ehrenplatz in der Mitte des Tisches.

Ich weiß das deshalb, weil Cicero mich nach dem Essen überraschend nach oben rufen ließ. Es war eine windstille Nacht, kein Lufthauch verwehte die Flammen der Kerzen, und der Duft der Blumen in der warmen Juniluft vermengte sich mit den Geräuschen des nächtlichen Roms unten im Tal -mit Musikfetzen und Stimmen, dem Rufen der Nachtwächter auf dem Argiletum, dem entfernten Bellen der Wachhunde auf dem Gelände des Tempels der Kapitolinischen Trias. Lucius und Quintus lachten gerade über einen Witz von Cicero, und sogar Terentia konnte nicht ganz verbergen, dass sie sich amüsierte, warf mit einer Serviette nach Cicero und ermahnte ihn scherzhaft, dass es jetzt aber genug sei. (Pomponia war glücklicherweise nicht anwesend, sie besuchte ihren Bruder in Athen.)

»Ah, da ist er ja«, sagte Cicero und drehte sich zu mir um. »Tiro, der gewiefteste Politiker von uns allen. Dann kann ich ja nun zur Verkündigung schreiten. Es ist nur recht und billig, wenn er das auch hört. Also: Ich habe mich entschieden, für das Amt des Ädils zu kandidieren.«

»Köstlich!«, rief Quintus lachend, der glaubte, das gehöre noch zu Ciceros Witz. Dann hörte er plötzlich auf zu lachen und sagte verwirrt: »Aber ... was soll daran lustig sein?«

»Gar nichts. Lustig wird's erst, wenn ich gewinne.«

»Aber du kannst nicht gewinnen. Du hast doch gehört, was Pompeius gesagt hat. Er will nicht, dass du kandidierst.«

»Wer kandidiert, hat Pompeius nicht zu bestimmen. Wir sind freie Bürger Roms, ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Und ich habe entschieden, mich um das Amt des Ädils zu bewerben.«

»Es hat aber keinen Sinn, anzutreten, Marcus, wenn man sicher verliert. Das ist doch bloß eine von diesen sinnlosen heroischen Gesten, die unser Lucius hier so mag.«

»Ein Hoch auf sinnlosen Heroismus«, sagte Lucius und hob seinen Becher.

»Aber gegen Pompeius' Widerstand sind wir chancenlos«, wiederholte Quintus. »Welchen Sinn hat es, sich Pompeius zum Feind zu machen?«

Worauf Terentia erwiderte: »Nach gestern wäre die richtigere Frage, welchen Sinn es hat, Pompeius zum Freund zu haben.«

»Terentia hat recht«, sagte Cicero. »Der Vorfall von gestern war mir eine Lehre. Angenommen, ich hänge die nächsten ein, zwei Jahre an Pompeius' Lippen und mache den Laufburschen für ihn, immer in der Hoffnung, dass er mir irgendwann mal seine Gunst erweist. Der Senat ist voll von solchen Männern - ohne Hoffnung, alt geworden beim Warten darauf, dass die halbherzig gegebenen Versprechen, die man ihnen gemacht hat, erfüllt werden. Ohne dass sie es überhaupt gemerkt haben, war ihre Chance irgendwann dahin, und sie hatten nichts mehr in der Hand. Eher würde ich mich auf der Stelle aus der Politik zurückziehen, als das zuzulassen. Wenn du Macht willst, dann musst du sie dir nehmen, wenn die Zeit dafür reif ist. Und für mich ist sie jetzt reif.«

»Aber wie willst du das schaffen?«

»Ich werde Gaius Verres wegen Erpressung vor Gericht bringen.«

Er hatte die Katze aus dem Sack gelassen. Seit dem frühen Morgen hatte ich gewusst, dass er es wagen würde - und er auch, da bin ich mir sicher. Aber er wollte sich noch etwas Zeit zum Nachdenken geben, wollte prüfen, ob seine Entscheidung die richtige war. Und er hatte befunden, dass sie absolut richtig war. Ich hatte ihn noch nie entschlossener gesehen. Er sah aus wie ein Mann, der davon überzeugt war, dass die Kraft der Geschichte in ihm wirkte. Keiner sagte ein Wort.

»Was ist los mit euch?«, fragte Cicero lächelnd. »Zieht nicht solche Gesichter. Noch habe ich nicht verloren. Und ich glaube auch nicht, dass ich verlieren werde. Heute Morgen waren die Sizilier da. Die haben erdrückendes Beweismaterial gegen Verres zusammengetragen. Fragt Tiro. Liegt alles unter Verschluss in meinem Arbeitszimmer. Stellt euch bloß vor, ich gewinne! Hortensius in offener Gerichtsschlacht geschlagen, der ganze Schwachsinn vom >zweitbesten Advokaten< ein für alle Mal erledigt. Angesichts der traditionellen Rechte, die dem siegreichen Ankläger zustehen, fällt mir der Rang des Verurteilten zu. Mit Verres' Schuldspruch genieße ich im Senat praktisch über Nacht den Rang eines Prätors - Schluss mit dem ewigen Aufspringen von der Senatsbank, Schluss mit dem Zittern, ob man auch das Wort bekommt. Ich werde mich den römischen Bürgern als so unnachgiebig präsentieren, dass meine Wahl zum Ädil außer Frage steht. Das Beste daran ist allerdings, dass ich, Cicero, das alles schaffen werde, ohne irgendwem etwas schuldig zu sein, am wenigsten Pompeius Magnus.«

»Und wenn wir verlieren?«, fragte Quintus, der schließlich die Sprache wiedergefunden hatte. »Wir sind Verteidiger, keine Ankläger. Du selbst hast das hundertmal gesagt: Freunde macht man sich als Verteidiger, als Ankläger macht man sich nur Feinde. Wenn du Verres nicht zu Fall bringst, dann hat er gute Chancen, schließlich sogar Konsul zu werden. Und dann wird er keine Ruhe mehr geben, bis er dich vernichtet hat.«

»Das ist wahr«, gab Cicero zu. »Wenn du einen gefährlichen wilden Eber töten willst, dann musst du es mit dem ersten Hieb schaffen. Aber wenn du es schaffst ... begreift ihr denn nicht? Auf diese Weise kann ich alles auf einmal erreichen. Stellung, Ruhm, Amt, Würde, Autorität, Unabhängigkeit, einen Grundstock an Klienten in Rom und in Sizilien. Dieser eine Hieb kann mir den direkten Weg zum Konsulat ebnen.«

Das war das erste Mal, dass ich ihn dieses große ehrgeizige Ziel habe aussprechen hören. Und dass er sich stark genug glaubte, dieses Wort auszusprechen, war für mich Maßstab seines wiedererwachten Selbstbewusstseins. Das Konsulat. Für jeden Mann, der im öffentlichen Leben stand, war das die Apotheose. Die Jahre selbst wurden mit den Namen der jeweils amtierenden Konsuln bezeichnet, sie standen auf allen offiziellen Dokumenten und allen Grundsteinen. Es war auf Erden das, was der Unsterblichkeit am nächsten kam. An wie vielen Tagen und in wie vielen Nächten seit seiner bäurischen Jugend musste er daran gedacht, davon geträumt, sich daran geklammert haben? Manchmal ist es töricht, ein ehrgeiziges Ziel zu früh zu äußern - es vor der Zeit dem Gelächter und dem Zweifel der Welt auszusetzen, kann es zerstören, noch bevor es richtig geboren ist. Doch manchmal geschieht auch das Gegenteil, und die bloße Erwähnung kann es plötzlich möglich, ja sogar glaubhaft erscheinen lassen. So war es an jenem Abend. Als Cicero das Wort »Konsulat« aussprach, rammte er es in den Boden wie ein Banner, das wir fortan alle anbeteten. Einen Augenblick lang sahen wir die Zukunft so hell erstrahlen wie er und erkannten, dass er recht hatte: Brachte er Verres zu Fall, dann hätte er eine Chance, dann könnte er es mit etwas Glück tatsächlich bis zum Gipfel schaffen.

*

In den folgenden Monaten gab es viel zu tun, und wie üblich blieb ein Großteil davon an mir hängen. Als Erstes zeichnete ich ein großes Schaubild der Wählerschaft für das Ädilat. Zu jener Zeit waren alle Bürger der Römischen Republik, die in fünfunddreißig Wahlbezirke aufgeteilt war, stimmberechtigt. Cicero gehörte zum Beispiel zum Bezirk Cornelia, Servius zu Lemonia, Pompeius zu Clustumina und Verres zu Romilia. Die Bürger stimmten auf dem Marsfeld als Mitglieder ihres Bezirks ab, und das Ergebnis jedes Bezirks wurde von den Magistraten verlesen. Die vier Kandidaten, für die die meisten Bezirke gestimmt hatten, wurden als Sieger ausgerufen.

In der Zusammensetzung der Wählerschaft für diese spezielle Wahl lagen für Cicero einige Vorteile. Zum einen zählte - anders als beim System für die Wahl der Prätoren und Konsuln -unabhängig vom Vermögen des Wählers jede Stimme gleich viel. Da Ciceros Anhängerschaft vor allem aus Geschäftsleuten und der großen Masse der armen Bevölkerung bestand, würde es den Aristokraten schwerer fallen, seine Wahl zu verhindern. Zum anderen war es relativ einfach, bei dieser Wählerschaft auf Stimmenfang zu gehen. Jeder Bezirk hatte innerhalb Roms ein eigenes Hauptquartier, ein Gebäude, das groß genug war, um darin eine Veranstaltung oder ein Abendessen zu organisieren. Ich durchforstete unsere Unterlagen und erstellte eine nach den jeweiligen Bezirken gegliederte Liste mit allen Männern, die Cicero in den letzten sechs Jahren vor Gericht verteidigt oder denen er sonst wie unter die Arme gegriffen hatte. Mit diesen Männern nahmen wir Kontakt auf und baten sie, dafür zu sorgen, dass man den Senator einlud, bei anstehenden Bezirksveranstaltungen eine Rede zu halten. Es ist erstaunlich, wie viele Gefälligkeiten man nach sechs Jahren unermüdlicher Anwalts- und Beratertätigkeit einfordern kann. Ciceros Wahlkampfkalender war bald mit Terminen überfüllt, und sein ohnehin langer Arbeitstag wurde noch länger. Nach getaner Arbeit bei Gericht oder im Senat eilte er nach Hause, nahm ein schnelles Bad, zog sich um und machte sich wieder davon, um eine seiner mitreißenden Reden zu halten. Ciceros Wahlspruch lautete: »Gerechtigkeit und Reformen«.

Quintus fungierte wie üblich als Ciceros Wahlkampfleiter, und Lucius wurde mit der Aufgabe betraut, die Klage gegen Verres zu koordinieren. Der Statthalter wurde Ende des Jahres aus Sizilien zurückerwartet, worauf er - im Augenblick, da er städtischen Boden betrat - sein imperium und damit auch seine Immunität vor Strafverfolgung verlieren würde. Cicero war entschlossen, bei erster Gelegenheit zuzuschlagen und ihm möglichst keine Zeit zu lassen, Beweismittel zu beseitigen oder Zeugen einzuschüchtern. Um keinerlei Verdacht aufkommen zu lassen, besuchten die Sizilier ihn nicht mehr in seinem Haus, sondern trafen sich heimlich an wechselnden Orten in der Stadt mit Lucius, der ab sofort als Kontaktmann zwischen Cicero und den Siziliern agierte. Das war die Zeit, in der ich Lucius besser kennenlernte, und je öfter wir uns trafen, desto mehr mochte ich ihn. In vielerlei Hinsicht war er Cicero sehr ähnlich. Er war fast genauso alt, er war intelligent und geistreich und ein begnadeter Philosoph. In Arpinum waren sie zusammen aufgewachsen, hatten in Rom gemeinsam ihre Ausbildung durchlaufen und waren zusammen in den Osten gereist. Doch in einem Punkt unterschieden sie sich beträchtlich: Lucius hatte keinerlei weltliche Ambitionen. Er lebte allein, in einem kleinen, mit Büchern vollgestopften Haus und tat den ganzen Tag nichts anderes als lesen und denken - eine für einen Mann höchst gefährliche Beschäftigung, denn sie führt nach meiner Erfahrung unweigerlich zu Verdauungsstörungen und Schwermut.

Merkwürdigerweise fand er, trotz seiner Neigung zum Einzelgängertum, schnell Gefallen daran, sein Arbeitszimmer jeden Tag zu verlassen. Er steigerte sich in eine so große Wut auf Verres' Niedertracht, dass sein Eifer, ihn vor Gericht zu bringen, den von Cicero sogar noch übertraf. »Am Ende machen wir doch noch einen Anwalt aus dir«, sagte Cicero voller Bewunderung, als Lucius wieder einmal eine ganze Serie von beeidigten Erklärungen mit erdrückender Beweiskraft besorgt hatte.

Gegen Ende Dezember ereignete sich etwas, das auf dramatische Weise all die verschiedenen Stränge in Ciceros Leben zu einem einzigen zusammenfuhren sollte. Als ich eines noch dunklen Morgens die Tür öffnete, stand an der Spitze der Warteschlange der Mann, den wir erst kürzlich in der Basilika der Volkstribunen als Verteidiger der Säule seines Urgroßvaters erlebt hatten - Marcus Porcius Cato. Er war allein gekommen, ohne einen dienstbaren Sklaven, und er sah aus, als hätte er die Nacht auf der Straße verbracht. (Wenn ich jetzt darüber nachdenke, vielleicht hatte er wirklich draußen geschlafen. Allerdings sah Cato immer ziemlich abgerissen aus, wie ein Wanderprediger oder ein Mystiker, sodass man sich wirklich nicht sicher sein konnte.) Natürlich war Cicero neugierig, warum ein Mann von derart vornehmer Abstammung an seine Tür klopfte. Immerhin gehörte Cato, so bizarr er auch war, zum Kern der alten republikanischen Aristokratie, war durch Blut und Heirat eng verwoben mit den Servilii, Lepidi und Aemilii. Tatsächlich war Cicero so erfreut über seinen hochgeborenen Besucher, dass er höchstpersönlich ins Tablinum hinausging, um ihn zu begrüßen und ins Arbeitszimmer zu bitten. Er hatte schon lange davon geträumt, dass eines Morgens einmal ein Klient diesen Ranges in seinem Netz zappelte.

Ich setzte mich in eine Ecke, um Notizen zu machen, und der junge Cato, der nie ein Freund von seichtem Geplauder gewesen war, kam sofort zur Sache. Er brauche einen guten Anwalt, sagte er, und Ciceros Auftritt vor den Volkstribunen habe ihm gefallen, denn auch er halte es für eine Ungeheuerlichkeit, wenn sich ein Mann wie Verres über die altehrwürdigen Gesetze stelle. Um es kurz zu machen: Er war mit seiner Cousine Aemilia Lepida verlobt, einem bezaubernden jungen Mädchen, dessen kurzes achtzehnjähriges Leben schon von Tragödien gezeichnet war. Als sie dreizehn war, ließ sie ihr damaliger Verlobter, der arrogante junge Aristokrat Scipio Nasica auf erniedrigende Weise sitzen. Als sie vierzehn war, starb ihre Mutter, als sie fünfzehn war, ihr Vater. Als ein Jahr später auch noch ihr Bruder starb, stand sie völlig allein da.

»Das arme Mädchen«, sagte Cicero. »Wenn sie deine Cousine ist, dann war ihr Vater Aemilius Lepidus Livianus, der vor sechs Jahren Konsul gewesen ist. Und der war der Bruder deiner kürzlich verstorbenen Mutter Livia, richtig?« (Wie viele Radikale verfügte auch Cicero über erstaunlich detaillierte Kenntnisse der Aristokratie.)

»Richtig.«

»Na dann, Cato, meinen Glückwunsch zu dieser ausgezeichneten Partie. Mit dem Blut dieser drei Familien in den Adern, die nächsten Verwandten allesamt tot, ist sie sicher die reichste Erbin von ganz Rom.«

»Das stimmt«, sagte Cato bitter. »Genau das ist das Problem. Ihr ehemaliger Freier, Scipio Nasica, ist gerade aus Spanien zurückgekommen, wo er in der Armee von Pompeius-dem-sogenannten-Großen gekämpft hat. Und als er gehört hat, dass ihr Vater und Bruder gestorben sind und wie reich sie auf einmal ist, hat er gleich seinen alten Anspruch geltend gemacht.«

»Naja, aber die Entscheidung liegt ja wohl bei der jungen Dame, oder?«

»Sicher«, stimmte Cato zu. »Sie war damit einverstanden.«

»Tja«, sagte Cicero und lehnte sich zurück. »Das ist natürlich ein Problem. Aber wenn deine Cousine mit fünfzehn zur Waise geworden ist, dann hat man doch sicher einen Vormund bestellt. Rede doch mit ihm. Kraft seines Amtes kann er die Heirat wahrscheinlich verbieten.Wer ist der Vormund?«

»Ich.«

»Du? Du bist der Vormund der Frau, die du heiraten willst?«

»Ja. Ich bin ihr nächster männlicher Verwandter.«

Cicero stützte das Kinn auf die Hand und musterte seinen künftigen Klienten - das wirre Haar, die nackten schmutzigen Füße, die Tunika, die er wahrscheinlich seit Wochen nicht mehr gewechselt hatte. »Und was soll ich jetzt für dich tun?«

»Ich will, dass du rechtliche Schritte gegen Scipio und, wenn nötig, auch gegen Lepida einleitest. Der Spuk muss ein Ende haben.«

»Diese rechtlichen Schritte ... willst du die in deiner Eigenschaft als zurückgewiesener Freier oder als Vormund des Mädchens eingeleitet wissen?«

»Egal.« Cato zuckte mit den Achseln. »Beides.«

Cicero kratzte sich am Ohr. »So grenzenlos auch mein Vertrauen in die Herrschaft des Rechts ist«, sagte er vorsichtig, »so begrenzt ist doch mein Erfahrungsschatz mit jungen Damen. Aber selbst ich, Cato, selbst ich habe meine Zweifel, ob man mit einem Prozess das Herz eines Mädchens gewinnen kann.«

»Das Herz eines Mädchens?«, wiederholte Cato. »Was hat das Herz eines Mädchens damit zu tun? Das ist eine Frage des Prinzips.«

Und des Geldes, hätte man hinzufugen können, wenn es sich um irgendeinen anderen Mann gehandelt hätte. Aber Cato genoss das luxuriöseste Privileg der sehr Reichen: Geld interessierte ihn nur wenig. Er hatte jede Menge geerbt und verschenkte es, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Nein: Immer war es das Prinzip gewesen, das Cato getrieben hatte - das nie nachlassende Bestreben, beim Prinzip keinen Kompromiss zu dulden.

»Wir müssten zum Gericht für Veruntreuungen gehen«, sagte Cicero, »und Klage wegen Bruchs des Eheversprechens einreichen. Wir müssten beweisen, dass du mit Lepida einen Vertrag hattest und dass folglich Lepida eine Betrügerin ist. Wir müssten beweisen, dass Scipio ein hinterhältiger, geldgieriger Schuft ist. Ich müsste beide in den Zeugenstand rufen und in Stücke reißen.«

»Dann tu es«, sagte Cato mit glänzenden Augen.

»Und am Ende würden wir wahrscheinlich trotzdem verlieren. Nichts lieben Geschworene mehr als unglücklich Verliebte und Waisenkinder -und mit beidem kann Lepidia dienen. Du würdest dich nur zum Gespött von ganz Rom machen, Cato.«

»Was kümmert mich das Geschwätz der Leute?«, sagte Cato verächtlich.

»Aber auch wenn wir gewinnen ... stell dir das einmal bildlich vor: Am Ende müsstest du die kreischende und um sich tretende Lepida durch ganz Rom schleifen, aus dem Gerichtssaal bis in ihr neues eheliches Heim. Das wäre der Skandal des Jahres.«

»Sind wir also schon so tief gesunken?«, fragte Cato mit bitterer Stimme. »Der Ehrenmann muss beiseitetreten, damit der Strauchdieb triumphieren kann? Soll das römische Gerechtigkeit sein?« Er sprang auf. »Ich brauche einen Anwalt mit Eisen in den Knochen. Und ich schwöre, wenn ich keinen finde, dann werde ich selbst Klage einreichen.«

»Setz dich, Cato«, sagte Cicero sanft. Als Cato sich nicht rührte, wiederholte Cicero noch einmal: »Setz dich, Cato, ich werde dir jetzt etwas über das Gesetz erzählen.« Cato zögerte, runzelte die Stirn und setzte sich wieder. Allerdings nur auf die Kante des Stuhls, sodass er sofort aufspringen konnte, sollte man ihn nötigen, auch nur um ein Jota von seinen Überzeugungen abzugehen. »Wenn du mir als Mann, der zehn Jahre älter ist als du, einen Rat gestattest. Du darfst nicht bei jeder Gelegenheit mit dem Kopf durch die Wand wollen. Sehr oft kommen die größten und bedeutendsten Fälle nie vor Gericht. Dein Fall scheint mir auch so einer zu sein. Ich werde sehen, was ich tun kann.«

»Und wenn du keinen Erfolg hast?«

»Dann kannst du immer noch so verfahren, wie du willst.«

Nachdem Cato gegangen war, sagte Cicero zu mir: »Der junge Mann ist so begierig darauf jedem seine Prinzipientreue vor Augen zu führen, wie ein Säufer auf eine Kneipenschlägerei aus ist.« Dennoch war Cato einverstanden gewesen, dass Cicero sich in seinem Namen an Scipio wandte. Ich sah Cicero an, dass die Gelegenheit, den Aristokraten persönlich unter die Lupe nehmen zu können, ganz nach seinem Geschmack war. Es gab buchstäblich keinen Mann in Rom, dessen Stammbaum imposanter war als der des Quintus Caecilius Metellus Pius Cornelianus Scipio Nasica -Nasica bedeutet »Spitznase«, die er im Übrigen sehr hoch trug. Er war nicht nur der leibliche Sohn eines Scipiio sondern auch der Adoptivsohn von Metellus Pius, dem nominellen Oberhaupt des Geschlechts der Metelli. Vater und Adoptivsohn waren erst kürzlich aus Spanien zurückgekehrt und hielten sich derzeit auf Pius' riesigem Landgut in Tibur auf. Man erwartete, dass sie bei Pompeius' Triumph am neunundzwanzigsten Dezember direkt hinter dem General in die Stadt reiten würden. Cicero beschloss, ein Treffen für den dreißigsten zu vereinbaren.

Der neunundzwanzigste Dezember kam. Was für ein Tag! Seit Sulla hatte Rom ein solches Schauspiel nicht mehr gesehen. Ich stand am Triumphbogen. Ganz Rom schien sich an diesem grauen Morgen entlang der Strecke eingefunden zu haben. Vom Marsfeld kommend, passierten als Erste sämtliche Mitglieder des Senats einschließlich Cicero den Bogen, zu Fuß, angeführt von den Konsuln und den anderen Magistraten. Dann kamen die Trompeter mit schallenden Fanfaren. Dann die Fuhrwerke und Tragen mit der Beute aus dem spanischen Krieg - Gold und Silber, gemünzt und ungemünzt, Waffen, Statuen, Gemälde, Vasen, Möbel, Edelsteine, Wandteppiche. Anschließend Holzmodelle der Städte, die Pompeius erobert und geplündert hatte, Tafeln mit deren Namen und mit den Namen aller berühmten Männer, die er im Kampf getötet hatte. Dann die von den Opferpriestern gesteuerten mächtigen weißen Bullen, an deren vergoldeten Hörnern Bänder und Blumengirlanden hingen und die schwerfällig ihrem Opfertod entgegentrotteten. Danach stampfende Elefanten - das Wappentier der Metelli - und rumpelnde Ochsenkarren mit Käfigen voller wilder Tiere aus den Bergen Spaniens, die brüllend und tobend an den Stäben zerrten. Dann die Waffen und Insignien der geschlagenen Rebellen und dann, in rasselnden Ketten, die Gefangenen selbst, die besiegten Anhänger von Sertorius und Perperna. Anschließend die Kronen und Ehrenbezeigungen der Verbündeten, getragen von den Gesandten von etwa zwanzig Staaten. Dann die zwölf Liktoren des Imperators, deren Rutenbündel und Beile mit Lorbeer bekränzt waren. Und dann, unter dem aufbrandenden Jubel der riesigen Menge, trotteten erst die vier weißen Pferde, die den Wagen des Imperators zogen, durch das Tor, bevor schließlich Pompeius selbst auftauchte - aufrecht stehend in dem wie eine Tonne geformten, über und über mit Juwelen bedeckten Triumphwagen. Er trug einen goldbestickten Umhang und eine mit einem Blumenmuster verzierte Tunika. In der rechten Hand hielt er einen Lorbeerzweig, in der linken ein Zepter. Den Kopf zierte ein Kranz aus delphischem Lorbeer, das attraktive Gesicht und der muskulöse Körper waren - zum Zeichen, dass er an diesem Tag wahrhaftig die Verkörperung Jupiters war - mit Zinnober rot eingefärbt. Neben ihm stand sein achtjähriger Sohn, der goldlockige Gnaeus, und hinter ihm ein Staatssklave, der ihm ins Ohr flüsterte, dass er nur ein Mensch und alles vergänglich sei. Dem Triumphwagen folgte der alte Metellus Pius, der auf einem schwarzen Streitross saß. Sein bandagiertes Bein zeugte von einer im Kampf erlittenen Verwundung. Neben ihm ritt sein Adoptivsohn Scipio - ein attraktiver junger Bursche von vierundzwanzig Jahren: kein Wunder, dachte ich mir, dass er Lepida lieber war als Cato. Es folgten die Legionskommandeure, darunter Aulus Gabinius, dann alle Ritter und die Reitertruppe, deren Rüstungen in der blassen Dezembersonne schimmerten. Und schließlich die Legionen von Pompeius' Fußsoldaten: Tausende und Abertausende sonnenverbrannter Veteranen in Marschordnung, deren trampelnde Schritte die Erde erzittern ließen, die aus vollem Hals »Io Triumphe!« schrien, die Hymnen an die Götter sangen und schweinische Lieder über ihren Oberbefehlshaber grölten, was in der Stunde des Ruhmes ihr traditionelles Recht war.

Es dauerte den halben Morgen, bis alle vorübergezogen waren. Die Prozession wand sich durch die Straßen Roms dem Forum entgegen, wo Pompeius die Stufen zum Kapitol hinaufschreiten würde, um vor dem Tempel des Jupiter ein Opfer zu zelebrieren, während traditionsgemäß zur gleichen Zeit seine berühmtesten Feinde in die Gewölbe des Staatsgefängnisses hinuntergeführt würden und durch das Würgeeisen den Tod fänden. Was konnte passender sein, als dass am Tag, an dem die militärische Befehlsgewalt des Eroberers ihr Ende fand, auch das Leben der Eroberten endete? Ich hörte das ferne Jubelgeschrei in der Stadtmitte, ersparte mir aber den Anblick und blieb am Triumphbogen stehen, um mir mit der geschrumpften Menge Crassus' Ovation anzuschauen. Er machte das Beste daraus und marschierte zusammen mit seinen Söhnen durch das Tor. Seine Handlanger bemühten sich zwar, die Menge aufzuputschen, aber nach dem glanzvollen Pomp von Pompeius' Festzug war die Darbietung dürftig. Ich bin mir sicher, dass Crassus ziemlich verärgert darüber war, sich einen Weg durch die Pferde- und Elefantenscheiße bahnen zu müssen, die ihm sein Konsulatskollege hinterlassen hatte.

Und da er fast alle Sklavenrebellen an der Via Appia ans Kreuz hatte nageln lassen, konnte der Arme für seine Parade nicht mal mit einer stattlichen Anzahl Gefangener aufwarten.

Am nächsten Tag machte sich Cicero auf den Weg zu Scipios Haus. Ich begleitete ihn mit einer Aktentasche - eine seiner bevorzugten Strategien, wenn er die gegnerische Partei einschüchtern wollte. Wir hatten keinerlei Beweise, ich hatte die Mappe mit alten Quittungen vollgestopft. Scipios Anwesen lag an der Via Sacra, in der sich ein Geschäft ans andere reihte. Allerdings handelte es sich dabei natürlich nicht um normale Geschäfte, sondern um exklusive Juwelierläden, die ihre Produkte hinter Eisengittern zur Schau stellten. Da Cicero uns angemeldet hatte, wurden wir von einem Haussklaven erwartet, der uns sofort in Scipios Atrium führte. Diesem eilte der Ruf voraus, »eines der Wunder Roms« zu sein, was es tatsächlich war, schon damals. Scipios Blutlinie reichte mindestens elf Generationen zurück, von denen neun Konsuln hervorgebracht hatten. Die Wachsmasken der Scipionen, von denen manche schon mehrere Jahrhunderte alt und von Rauch und Ruß vergilbt waren, bedeckten die Wände. (Nach Scipios Adoption durch Pius waren noch einmal sechs Masken von Konsuln hinzugekommen.) Sie verströmten den Geruch von ehrwürdigem Alter -jene feine, trockene Mischung aus Staub und Weihrauch. Cicero ging von einer zur anderen und studierte die Namensschildchen. Die älteste Maske war dreihundertfünfundzwanzig Jahre alt. Aber natürlich war es die von Scipio Africanus, dem Bezwinger von Hannibal, die ihn am meisten faszinierte. Lange stand er mit vorgebeugtem Kopf davor und betrachtete sie. Das edle, sensible Gesicht war glatt und faltenlos, es wirkte vergeistigt, mehr wie das Abbild einer Seele als aus Fleisch und Blut. »Angeklagt vom Urgroßvater unseres aktuellen Klienten«, sagte Cicero, während er sich wieder aufrichtete. »Aufsässigkeit liegt den Catos im Blut.«

Der Sklave kam zurück und führte uns ins Tablinum. Der junge Scipio räkelte sich lässig auf einem Sofa, das inmitten von wertvollen, wahllos herumstehenden Kunstobjekten stand - Statuen, Büsten, Antiquitäten, Teppichrollen und Ähnlichem. Er stand nicht auf, als Cicero eintrat (eine Beleidigung gegenüber einem Senator), und bot ihm auch keinen Platz an, sondern fragte mit schleppender Stimme nach dem Grund seines Besuchs. Bestimmt, aber höflich erklärte ihm Cicero, Cato sei sowohl mit der jungen Dame offiziell verlobt wie auch ihr Vormund, sie hätten es folglich mit einem juristisch wasserdichten Fall zu tun. Er deutete auf die Aktenmappe, die ich vor dem Bauch hielt wie ein Diener sein Tablett, listete die Präzedenzfälle auf und endete damit, dass Cato entschlossen sei, vor dem Gericht für Veruntreuungen Klage zu erheben und gleichzeitig einen Antrag auf obsignandi gratia einzureichen, der der jungen Dame jeden weiteren Kontakt mit für diesen Fall relevanten Personen untersage. Er sehe nur einen sicheren Weg, diese Demütigung zu vermeiden, und der sei der, dass Scipio sein Werben umgehend einstelle.

»Was für ein Spinner«, sagte Scipio gelangweilt, ließ sich in die Polster zurücksinken, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und betrachtete lächelnd das Deckengemälde.

»Sonst hast du nichts dazu zu sagen?«, fragte Cicero.

»Nein, das ist alles«, antwortete Scipio. »Lepida!« Daraufhin trat eine ernste junge Frau, die das Gespräch offenbar mitgehört hatte, hinter einem Wandschirm hervor und ging mit grazilen Bewegungen zum Sofa. Sie legte ihre Hand in die seine. »Das ist meine Frau. Wir haben gestern Abend geheiratet. Was du hier siehst, sind die Hochzeitsgeschenke unserer Freunde. Pompeius Magnus ist direkt nach der Opferzeremonie auf dem Kapitol zu uns gekommen, er war unser Trauzeuge.«

»Und wenn Jupiter höchstpersönlich Trauzeuge gewesen wäre«, erwiderte Cicero. »Das macht die Zeremonie noch lange nicht legal.« Trotzdem erkannte ich an seinen leicht herunterhängenden Schultern, dass Ciceros Kampfgeist deutlich gelitten hatte. Besitz, sagen die Juristen, bestimmt zu neun Zehnteln das Gesetz, und Scipio hatte nicht nur Besitz, er hatte auch die eindeutige Zustimmung seiner neuen Braut. »Nun«, sagte Cicero und ließ den Blick über die Hochzeitsgeschenke schweifen.

»Da bleibt mir nur, dir zu gratulieren, Scipio, wenn auch nicht im Namen meines Klienten, nehme ich an. Vielleicht darf ich dir als mein Geschenk anbieten, Cato davon zu überzeugen, sich der Realität zu beugen.«

»Das wäre sicher das außergewöhnlichste Geschenk auf Erden«, sagte Scipio.

»Mein Vetter ist im Grunde seines Herzens ein guter Mensch«, fügte Lepida hinzu. »Würdest du ihm meine besten Wünsche ausrichten und meine Hoffnung, dass wir uns eines Tages wieder versöhnen?«

»Natürlich«, sagte Cicero, verbeugte sich feierlich und drehte sich schon um, als er abrupt innehielt. »Das ist ja wirklich ein prachtvolles Stück.«

Er meinte eine etwa halb mannshohe Bronzestatue des nackten Apollo, der auf einer Leier spielte - eine mitten im Tanz eingefangene, erhabene Darstellung maskuliner Eleganz, bei der jedes einzelne Haar auf seinem Kopf, jede Saite des Instruments exakt nachgebildet war. In den Oberschenkel war in winzigen silbernen Lettern der Name des Bildhauers eingearbeitet: Myron.

»Ach, die Statue«, sagte Scipio beiläufig. »Die hat mein berühmter Vorfahr Scipio Africanus wohl mal irgendeinem Tempel geschenkt. Warum? Kennst du sie etwa?«

»Wenn ich mich nicht irre, stammt sie aus dem Tempel des Aeskulap in Agrigent.«

»Ja, richtig«, sagte Scipio. »Aus Sizilien. Verres hat sie von den Priestern da unten bekommen und sie mir gestern Abend zum Geschenk gemacht.«

*

Auf diese Weise erfuhr Cicero, dass Gaius Verres nach Rom zurückgekehrt war und schon seine korrupten Fühler ausstreckte. »Dieser Dreckskerl!«, rief Cicero aus, während wir den Berg hinuntergingen. Immer wieder ballte er in ohnmächtiger Wut die Fäuste. »Dieser verdammte Dreckskerl!« Er hatte allen Grund, beunruhigt zu sein. Wenn der junge Scipio von Verres einen Myron bekommen hatte, dann waren die Stücke, mit denen er Hortensius, die Metellus-Brüder und seine anderen prominenten Verbündeten im Senat bestochen hatte, noch fetter gewesen. Und das waren genau die Männer, aus denen man für einen Prozess die Geschworenen auswählen würde. Dass außerdem Pompeius Gast der gleichen Hochzeitsfeier gewesen war wie Verres und die führenden Aristokraten, war ein weiterer Schlag für Cicero. Pompeius hatte schon immer enge Verbindungen nach Sizilien gehabt - als junger General hatte er die Ordnung auf der Insel wiederhergestellt und sogar einmal unter Sthenius' Dach geschlafen. Cicero hatte, wenn schon nicht auf seine Unterstützung - diese Lektion hatte er gelernt -, so doch auf wohlwollende Neutralität gehofft. Jetzt musste er auf die schreckliche Möglichkeit gefasst sein, dass alle mächtigen Gruppen in Rom sich gegen ihn verbünden würden, sollte er den Prozess gegen Verres weiter vorantreiben.

Aber er hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken. Cato hatte mit Cicero vereinbart, dass er ihn nach dem Gespräch im Haus seiner Halbschwester Servilia erwarte, und das lag ebenfalls in der Via Sacra, nur ein paar Häuser von Scipios Anwesen entfernt. Als wir eintraten, kamen drei kleine Mädchen, von denen sicher keines älter als fünf war, ins Atrium gestürmt. Sofort danach erschien ihre Mutter. Das war, soweit ich mich erinnere, dass erste Zusammentreffen von Cicero und Servilia, die später unter den vielen imposanten Frauen Roms die imposanteste werden sollte. Sie war knapp dreißig, ansehnlich, aber beileibe nicht hübsch, und etwa fünf Jahre älter als Cato. Kurz vor dem Tod ihres ersten Ehemannes Marcus Brutus hatte sie als Fünfzehnjährige einen Jungen zur Welt gebracht; von ihrem zweiten Mann, dem schwächlichen Junius Silanus, hatte sie die drei Töchter bekommen. Cicero begrüßte sie, als beschwerte ihn nicht die geringste Sorge, ging in die Hocke und plauderte mit ihnen, während Servilia sie zufrieden betrachtete. Sie setzte für die Zukunft große Hoffnung in ihre Töchter und bestand darauf, dass sie jeden Besucher kennenlernten, damit sie sich an die kultivierten Umgangsformen der Erwachsenen gewöhnten.

Dann kam ein Kindermädchen und verließ mit den Kleinen das Atrium, während Servilia uns ins Tablinum führte, wo Cato schon auf uns wartete. Bei ihm war der Philosoph Athenodoros Kordylion aus Tarsos, ein Stoiker, der fast nie von Catos Seite wich. Wie nicht anders zu erwarten, reagierte Cato auf die Nachricht von Lepidas Vermählung übellaunig. Fluchend lief er im Raum umher, was mich an eine andere von Ciceros witzigen Bosheiten erinnerte - dass nämlich Cato nur so lange der vollendete Stoiker sei, wie ihm nichts gegen den Strich ginge.

»Beruhige dich, Cato«, sagte Servilia nach einer Weile. »Es ist doch offensichtlich, dass die Sache erledigt ist. Besser, du findest dich damit ab. Du hast sie nicht geliebt, du weißt doch gar nicht, was Liebe ist. Ihr Geld brauchst du auch nicht, du hast selbst jede Menge. Sie ist ein rührseliges kleines Ding, du findest hundert bessere.«

»Sie bat mich, dir die besten Wünsche auszurichten«, sagte Cicero, worauf Cato mit weiteren wüsten Beschimpfungen reagierte.

»Ich lasse das nicht auf mir sitzen!«, brüllte er.

»O doch, das wirst du«, sagte Servilia. Sie wandte sich an Athenodoros, der sie nur hasenherzig anschaute. »Sag es ihm, du bist der Philosoph. Mein Bruder glaubt, dass sein Intellekt all diese hehren Prinzipien ausgebrütet hat. Dabei sind sie nichts weiter als kindische Gefühlsduselei, die falsche Philosophen zur Mannesehre auftakeln.« Und dann, wieder an Cicero gewandt: »Wenn er mehr Erfahrung mit dem weiblichen Geschlecht hatte, dann würde er merken, wie idiotisch er sich auffuhrt. Du hast doch in deinem ganzen Leben noch keine Frau gehabt, stimmt's, Cato?«

Cicero war peinlich berührt. Was das Sexuelle anging, so war ihm immer die leichte Prüderie des Ritterstandes zu eigen gewesen. Die freizügige Art der Aristokraten war er nicht gewohnt.

»Geschlechtsverkehr schwächt die Essenz des Mannes, er trübt die Kraft des Gedankens«, sagte Cato trotzig, worauf seine Schwester in kreischendes Gelächter ausbrach und Cato so rot anlief, dass sein Gesicht aussah wie das Zinnoberrot von Pompeius gestern. Cato stampfte aus dem Raum, sein Stoiker folgte ihm auf dem Fuß.

»Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Servilia zu Cicero. »Manchmal glaube ich fast, dass er etwas schwer von Begriff ist. Andererseits: Wenn er sich in etwas verbissen hat, dann gibt er einfach nicht nach. Das ist ja auch eine Qualität, oder? Deine Verres-Rede vor den Volkstribunen hat er in höchsten Tönen gelobt. Nach dem, was er mir erzählt hat, musst du ein ganz gefährlicher Bursche sein. Ich mag gefährliche Burschen. Wir sollten uns wiedersehen.« Sie streckte Cicero zum Abschied die Hand hin. Er nahm sie, und es kam mir so vor, als drückte Servilia sie länger, als es die Höflichkeit erfordert hätte. »Würdest du von einer Frau einen Rat annehmen?«

»Von dir«, sagte Cicero, der seine Hand schließlich aus der ihren hatte lösen können, »von dir immer.«

»Mein anderer Bruder Caepio ... mein leiblicher Bruder ... der ist mit Hortensius' Tochter verlobt. Er hat mir berichtet, dass Hortensius gestern von dir gesprochen und dabei den Verdacht geäußert hätte, dass du planst, Verres vor Gericht zu zerren. Und er hat mir erzählt, dass Hortensius irgendetwas gegen dich im Schilde führe. Das ist alles, was ich weiß.«

»Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich Verres vor Gericht zerren wollte«, fragte Cicero lächelnd, »was würdest du mir da raten?«

»Ganz einfach«, antwortete Servilia und schaute ihn vollkommen ausdruckslos an. »Lass die Finger davon.«

KAPITEL VI

Der Besuch bei Scipio und das Gespräch mit Servilia schreckten Cicero nicht ab, sie brachten ihn vielmehr zu der Überzeugung, dass er noch schneller als geplant vorgehen müsse. Am ersten Tag des Januars im sechshundert-vierundachtzigsten Jahr seit der Gründung Roms traten Pompeius und Crassus ihre Ämter als Konsuln an. Ich begleitete Cicero zu den Amtseinführungszeremonien auf dem Kapitol und mischte mich dann im Säulengang unter die Zuschauermenge. Zu jener Zeit stand der Wiederaufbau des Jupiter-Tempels unter Federführung von Catulus kurz vor der Vollendung. Der Marmor für die neuen Säulen stammte vom Berg Olymp, das Dach aus vergoldeter Bronze schimmerte im kalten Sonnenlicht. Traditionsgemäß wurde mit den Opferfeuern Safran verbrannt. Die knisternden gelben Flammen, der Gewürzduft, die leuchtend klare Winterluft, die goldenen Altäre, die mit scharrenden Hufen auf ihre Opferung wartenden cremefarbenen Stiere, die weißen und purpurnen Roben der zuschauenden Senatoren - all das machte einen unvergesslichen Eindruck auf mich. Ich habe ihn zwar nicht gesehen, aber Cicero erzählte mir später, dass Verres auch da gewesen sei. Er habe neben Hortensius gestanden, und die beiden hätten gelegentlich zu ihm hinübergeschaut und dabei gelacht.

Es folgten mehrere Tage, an denen Cicero nichts unternehmen konnte. Der Senat trat zusammen und hörte eine holperige Rede von Pompeius, der nie zuvor einen Fuß in die Kammer gesetzt hatte und nur mithilfe eines Leitfadens für Protokollfragen dem folgen konnte, was sich da vor seinen Augen abspielte. Den Leitfaden hatte der berühmte Gelehrte Varro zusammengestellt, der in Spanien unter Pompeius gedient hatte. Wie immer erhielt Catulus als Erster das Wort, was er zu einer bemerkenswert staatstragenden Rede nutzte. Er räumte ein (obwohl er selbst dagegen sei), dass man sich der Forderung nach Wiederherstellung der Rechte des Volkstribunats nicht widersetzen könne und dass die alleinige Schuld an ihrer Unbeliebtheit die Aristokraten selbst trügen. (»Als er das gesagt hat, da hattest du die Gesichter von Hortensius und Verres sehen sollen«, berichtete mir Cicero später.) Danach zogen nach uraltem Brauch die neuen Konsuln in die Albaner Berge, um den vier Tage dauernden Feierlichkeiten des Festes der Latiner vorzusitzen. Darauf folgten zwei Tage mit religiösen Feiern, während derer die Gerichte geschlossen waren. Cicero war also gezwungen, bis zur zweiten Januarwoche zu warten, bevor er seinen Angriff endlich starten konnte.

Am Morgen, als Cicero sein Vorhaben bekannt machen wollte, waren die drei Sizilier Sthenius, Heraclius und Epicrates zum ersten Mal seit einem halben Jahr nicht heimlich zu Ciceros Haus gekommen. Zusammen mit Quintus und Lucius eskortierten sie Cicero den Hügel hinunter aufs Forum. In ihrem Gefolge befanden sich auch einige Funktionäre aus Wahlbezirken, vor allem aus den Bezirken Cornelia und Esquilina, die Cicero besonders stark unterstützten. Einige Passanten riefen, wo er denn mit diesen drei merkwürdigen Gestalten hin wolle, und er antwortete ihnen bestens gelaunt, sie sollten doch mitkommen, dann würden sie es sehen, sicher würden sie nicht enttäuscht werden. Je größer die Menge war, desto besser, das war schon immer Ciceros Devise gewesen, und auf diese Weise stellte er sicher, dass er bei Erreichen des Gerichtshofes für Erpressungen ein stattliches Gefolge hinter sich wusste.

Damals tagte das Gericht vor dem Tempel des Castor, der sich vom Senatsgebäude aus gesehen genau am gegenüberliegenden Ende des Forums befand. Der für dieses Gericht zuständige neue Prätor war Acilius Glabrio, von dem man nicht viel wusste, außer dass er Pompeius erstaunlich nahestand. Erstaunlich sage ich deshalb, weil der junge Glabrio von Diktator Sulla gezwungen worden war, sich von seiner damals schwangeren Frau scheiden zu lassen, damit Pompeius sie heiraten konnte. Als kurz darauf die unglückliche Frau, ihr Name war Aemilia, in Pompeius' Haus im Kindbett starb, schickte Pompeius das Neugeborene - einen Sohn - zu seinem leiblichen Vater zurück. Der Junge war inzwischen zwölf Jahre alt und Glabrios ganzer Stolz. Durch diese bizarre Begebenheit, so erzählte man sich, seien die beiden Männer nicht etwa Feinde, sondern Freunde geworden, und Cicero zerbrach sich den Kopf darüber, ob das seiner Sache nun zuträglich sei oder nicht, ohne allerdings zu einem Ergebnis zu kommen.

Glabrios Stuhl war gerade auf der Plattform aufgestellt worden, die etwa auf halb er Treppenhöhe entlang der Tempelvorderseite verlief, was bedeutete, dass das Gericht bereit war, die Arbeit aufzunehmen. Es muss sehr kalt gewesen sein, denn ich erinnere mich noch genau daran, dass Glabrio Fausthandschuhe trug und sich neben seinem Stuhl eine Holzkohlenpfanne befand. Seine Liktoren standen mit geschulterten Rutenbündeln und Beilen Seite an Seite ein paar Stufen weiter unten und stampften mit den Füßen auf. Es waren viele Menschen unterwegs, denn der Tempel des Castor beherbergte nicht nur den Gerichtshof für Erpressungen, sondern auch das Eichamt, wo Geschäftsleute ihre Gewichte und Waagen überprüfen lassen mussten. Gabrio schaute überrascht, als er Cicero mit seinen Anhängern im Schlepptau auf sich zukommen sah. Viele neugierige Passanten blieben stehen und verfolgten das Schauspiel. Der Prätor wies seine Liktoren mit einer Handbewegung an, den Senator durchzulassen. Ich öffnete die Aktentasche und gab Cicero das postutatus. An seinen Augen konnte ich Angst, aber auch Erleichterung darüber ablesen, dass die Zeit des Wartens endlich vorbei war. Er stieg die Stufen hinauf und drehte sich zu den Zuschauern um.

»Bürger Roms«, sagte er. »Ich bin heute hierher gekommen, um mein Leben in den Dienst am römischen Volk zu stellen. Ich verkünde hiermit, dass ich mich um das Amt des Ädils von Rom bewerbe. Das tue ich nicht, weil ich nach persönlichem Ruhm strebe, sondern weil der Zustand unserer Republik es erfordert, dass sich ehrenhafte Männer für die Gerechtigkeit einsetzen.

Ihr alle kennt mich. Ihr wisst, woran ich glaube. Ihr wisst, dass ich schon seit Längerem ein wachsames Auge auf das Treiben gewisser aristokratischer Herren im Senat habe!« Zustimmendes Gemurmel war zu hören. »Hier in meinen Händen halte ich einen Antrag auf Strafverfolgung, ein postutatus, wie wir Juristen das nennen. Hiermit verkünde ich meine Absicht, Gaius Verres für die schweren Verbrechen und Amtsvergehen, die er als Statthalter von Sizilien begangen hat, zur Rechenschaft zu ziehen.« Er streckte den Arm in die Luft und schwenkte das Schriftstück hin und her, was schließlich einige wenige zu einem gedämpften Bravo veranlasste. »Sollte er verurteilt werden, dann wird er nicht nur alles, was er gestohlen hat, ersetzen müssen, er wird auch alle seine Rechte als Bürger Roms verlieren. Exil oder Tod, zwischen nichts anderem wird er wählen müssen. Er wird kämpfen wie ein in die Enge getriebenes Tier. Macht euch keine falschen Hoffnungen, es wird ein langer, harter Kampf werden, und auf das Ergebnis setze ich alles, was ich habe - das Amt, um das ich mich bewerbe, die Hoffnungen auf meine Zukunft, meinen Ruf, den ich mir schon in jungen Jahren mit harter Arbeit erworben habe. Aber all das setze ich ein in der festen Überzeugung, dass das Recht sich durchsetzen wird.«

Dann drehte er sich um, ging die letzten Stufen zu dem höchst verwirrt dreinblickenden Glabrio hinauf und übergab ihm den Antrag auf Strafverfolgung. Der Prätor warf einen kurzen Blick auf das Papier und reichte es dann einem seiner Sekretäre. Er schüttelte Cicero die Hand, und damit war die Angelegenheit zu Ende. Die Menge zerstreute sich, und uns blieb nichts weiter zu tun, als wieder nach Hause zu gehen. Ich fürchte, dass der ganze Auftritt ein ziemlich peinlicher Reinfall gewesen ist. Das Problem bestand nämlich darin, dass in Rom immer irgendwer seine Absicht kundtat, für das eine oder andere Amt zu kandidieren - mindestens fünfzig gab es jedes Jahr neu zu besetzen -, und dass niemand Ciceros Ankündigung den historischen Stellenwert beimaß, den er ihr selbst beimaß. Was die Anklage betraf, so lag der erste Wirbel, den er wegen Verres veranstaltet hatte, schon über ein Jahr zurück. Und die Leute, wie er selbst immer wieder sagte, haben ein kurzes Gedächtnis: Was da mit diesem kriminellen Statthalter von Sizilien gewesen war, das hatten sie alle schon wieder vergessen. Ich sah Cicero an, dass er in ein tiefes Loch gefallen war, dass er schrecklich litt. Selbst Lucius, der es sonst eigentlich immer schaffte, ihn zum Lachen zu bringen, konnte ihn nicht aufmuntern.

Zu Hause versuchten Quintus und Lucius, Cicero auf andere Gedanken zu bringen, indem sie ihm Verres' und Hortensius' Reaktion auf die Klageerhebung vorspielten: Der Sklave kommt abgehetzt aus dem Forum angelaufen, erzählt die Neuigkeit, Verres wird leichenblass, beruft sofort eine Krisensitzung ein. Es half alles nichts.

Vermutlich musste Cicero immer an Servilias Warnung und an Hortensius' und Verres' Gelächter am Tag der Amtseinführung denken. »Sie wussten, was geschehen würde«, sagte er. »Sie haben schon einen Plan. Die Frage ist: Was für einen? Vielleicht wissen sie, dass unsere Beweise ziemlich dürftig sind. Vielleicht haben sie Glabrio bestochen. Was ist es?«

Noch vor Mittag hatte er die Antwort. Sie kam, zugestellt durch einen von Glabrios Liktoren, in Form einer Vorladung vom Gerichtshof für Erpressungen. Stirnrunzelnd nahm Cicero das Schreiben entgegen, brach das Siegel auf, überflog es und sagte dann leise: »Ah ...«

»Was ist?«, fragte Lucius.

»Das Gericht hat einen zweiten Antrag auf Strafverfolgung von Verres erhalten.«

»Das ist unmöglich«, sagte Quintus. »Wer sollte denn sonst noch Interesse daran haben?«

»Ein Senator«, antwortete Cicero, während er das Schreiben genauer studierte. »Caecilius Niger.«

»Den kenne ich«, sagte Sthenius mit piepsender Stimme. »In dem Jahr, bevor ich fliehen musste, war das Verres' Quästor. Es gingen Gerüchte um, dass er und Verres sich wegen Geld gestritten hätten.«

»Hortensius hat das Gericht davon unterrichtet, dass Verres keine Einwände habe gegen eine von Caecilius vertretene Anklage. Begründung: Caecilius wolle >Wiedergutmachung< erreichen, während ich anscheinend nur >das Licht der Öffentlichkeit suche.<«

Entsetzt schauten wir uns an. Die Arbeit von Monaten schien sich in Luft aufzulösen.

»Wirklich schlau«, sagte Cicero trübsinnig. »Das muss man Hortensius lassen. Ein wirklich schlauer Kerl, dieser Hortensius. Ich hätte eher damit gerechnet, dass er den ganzen Fall ohne Anhörung niederschlägt. Nie hätte ich gedacht, dass er stattdessen versuchen würde, außer der Verteidigung auch gleich noch die Anklage für sich zu beanspruchen.«

»Aber das kann er nicht!«, platzte es aus Quintus heraus. »Das römische Rechtssystem ist das gerechteste der Welt.«

»Quintus, mein Guter«, erwiderte darauf Cicero mit derart gönnerhaftem Sarkasmus, dass es mir fast wehtat. »Wo schnappst du bloß solche Sprüche auf? In Kinderbüchern? Glaubst du etwa, Hortensius beherrscht seit fast zwanzig Jahren Roms Gerichtssäle, weil er gerecht ist? Das hier ist eine Vorladung. Ich werde für morgen früh vor den Gerichtshof für Erpressungen zitiert, um meine Gründe darzulegen, warum man mir und nicht Caecilius die Anklagevertretung übertragen soll. Ich muss vor Glabrio und einer kompletten Geschworenenbank meine Eignung unter Beweis stellen. Dabei dürft ihr eins nicht vergessen: Von den zweiunddreißig Senatoren, die da als Geschworene fungieren, haben sicherlich nicht wenige erst kürzlich ein nettes Neujahrsgeschenk aus Bronze oder Marmor erhalten.«

»Aber die Opfer sind doch wir Sizilier!«, sagte Sthenius. »Wir entscheiden, wer uns als Anwalt vertritt.«

»Ganz und gar nicht. Der Ankläger wird vom Gericht offiziell ernannt und ist als solcher Repräsentant des römischen Volkes. Eure Meinung wird gehört, Sthenius, ist aber nicht ausschlaggebend.«

»Heißt das, dass wir erledigt sind?«, fragte Quintus mit kläglicher Stimme.

»Nein«, antwortete Cicero. »Wir sind nicht erledigt.« Ich merkte sofort, dass ein Teil vom alten Kampfgeist in ihm wieder erwacht war. Nichts bewirkte einen größeren Energieschub bei Cicero als der Gedanke, von Hortensius ausgetrickst zu werden. »Und selbst wenn wir erledigt sind, lasst uns wenigstens nicht kampflos untergehen. Ich kümmere mich jetzt sofort um meine Ansprache für morgen, und du, Quintus, du sorgst dafür, dass ich jede Menge Publikum habe. Fordere jede noch ausstehende Gefälligkeit ein. Und wie wär's, wenn du mit deinem Spruch vom gerechtesten Rechtssystem der Welt ein paar angesehene Senatoren dazu überredest, mich auf dem Weg zum Forum zu begleiten? Möglich, dass dir einige von ihnen diesen Spruch sogar abnehmen. Wenn ich morgen vor den Gerichtshof trete, will ich, dass Glabrio das Gefühl hat, ganz Rom schaut ihm auf die Finger.«

*

Niemand kann behaupten, etwas von Politik zu verstehen, wenn er sich nicht einmal eine ganze Nacht um die Ohren geschlagen hat, um eine Rede für den folgenden Tag zu schreiben. Während die Welt schläft, geht der Redner bei Kerzenlicht rastlos auf und ab und fragt sich, welcher Wahnsinn ihn nur in diesen Beruf getrieben hat. Argumente werden entwickelt und wieder verworfen. Entwürfe für Eröffnungspassagen, Mittelteile und Schlussbemerkungen liegen verstreut auf dem Boden herum. Der erschöpfte Geist verweigert schließlich jeden weiteren klaren Gedanken, sodass -gewöhnlich ein oder zwei Stunden nach Mitternacht -der Zeitpunkt gekommen ist, an dem nur noch eine einzige realistische Option infrage zu kommen scheint: die Sache abzusagen und sich unter Vortäuschung von Krankheit ins Bett zu verkriechen. Und plötzlich - getrieben von Panik, das Schreckbild der Demütigung schon vor Augen -fügen sich die Teile irgendwie zusammen, alles passt, und die Rede liegt fertig vor einem. Ein zweitrangiger Redner geht jetzt dankbar schlafen. Ein Cicero bleibt auf und fängt an, die Rede auswendig zu lernen.

So in etwa muss man sich den Arbeitsprozess an jenem Abend vorstellen. Nachdem Cicero -zwischendurch stärkte er sich immer wieder mit einem Bissen Obst oder Käse und mit einem mit Wasser verdünnten Schluck Wein - die einzelnen Teile der Rede festgelegt hatte, schickte er mich zu Bett. Allerdings glaube ich, dass er selbst noch mindestens eine Stunde aufblieb, bevor er sich auch schlafen legte. Im Morgengrauen wusch er sich zum Wachwerden mit eiskaltem Wasser und kleidete sich dann sorgfaltig an. Kurz bevor wir uns auf den Weg zum Gericht machten, ging ich in sein Zimmer, und da war er so nervös wie ein Preisboxer vor dem Kampf. Er machte Lockerungsübungen, dehnte die Schultern und wippte auf den Fußballen hin und her.

Quintus hatte gute Arbeit geleistet. Als ich die Tür öffnete, begrüßte uns eine lärmende Menge von Sympathisanten, die so groß war, dass auf der Straße vor dem Haus keine Durchkommen mehr war. Außer ganz normalen Bürgern hatten sich auch drei oder vier Senatoren mit einem besonderen Interesse für Sizilien eingefunden, die so ihre Unterstützung für Ciceros Sache bekundeten. Ich erinnere mich an den wortkargen Gnaeus Marcellinus, den rechtschaffenen Calpurnius Piso Frugi - der im selben Jahr wie Verres Prätor gewesen war und diesen verabscheute - und an mindestens ein Mitglied aus dem Geschlecht der Marcelli, den traditionellen Patronen Siziliens. Cicero winkte der Menge von der Tür aus zu, hob die kleine Tullia hoch in die Luft, zeigte sie seinen Anhängern und gab ihr einen schmatzenden Abschiedskuss. Dann überreichte er sie ihrer Mutter, die er nun - was er in der Öffentlichkeit nur sehr selten tat - in seine Arme schloss, bevor er durch eine Gasse, die Quintus, Lucius und ich ihm bahnten, ins Zentrum seiner Anhängerschar vordrang.

Ich wollte ihm noch Glück wünschen, doch er war, wie so oft vor einer großen Rede, schon nicht mehr ansprechbar. Er schaute die Menschen an, aber er nahm sie nicht wahr. Er war vollkommen fixiert darauf, endlich zu agieren. In seinem Innern spulte er das seit seiner Kindheit immer wieder geprobte Drama vom einsamen Patrioten ab, der mit seiner einzigen Waffe, seiner Stimme, allem entgegentrat, was in diesem Staat verabscheuungswürdig und korrupt war. Als spürte sie, welche Rolle ihr in diesem surrealen Festzug zufiel, schwoll die Menge immer mehr an, und als wir schließlich den Tempel des Castor erreichten, begleitete Cicero das frenetische Klatschen von zwei- oder dreihundert Menschen. Glabrio saß bereits auf seinem Platz zwischen den großen Tempelsäulen, ebenso sämtliche Geschworenen, unter denen ich das Schreckgespenst Catulus höchstpersönlich entdeckte. Auf der Bank, die für die Zuschauer aus den besseren Kreisen reserviert war, sah ich Hortensius, der seine makellos manikürten Hände betrachtete und so friedlich wirkte wie ein Sommermorgen. Auch der Mann, der neben ihm saß, gab sich sehr entspannt. Er war etwa Mitte vierzig, hatte rötliches, borstiges Haar und ein Gesicht voller Sommersprossen. Das musste Gaius Verres sein. Es war ein komisches Gefühl, dieses Monster, das unsere Gedanken so lange beschäftigt hatte, mit eigenen Augen zu sehen und festzustellen, dass er ziemlich gewöhnlich aussah -eigentlich mehr Fuchs als Eber.

Für die beiden konkurrierenden Ankläger waren zwei Stühle aufgestellt worden. Caecilius, der schon Platz genommen hatte, blickte nicht mal auf, als Cicero eintraf, so vertieft war er in die Notizen, die auf seinem Schoß lagen. Die Anwesenden wurden zur Ordnung gerufen, und Glabrio sagte zu Cicero, dass er beginnen müsse, da er seinen Antrag als Erster gestellt habe - ein entscheidender Nachteil. Cicero zuckte mit den Schultern und erhob sich. Er wartete, bis absolute Stille herrschte, dann begann er wie üblich sehr langsam zu sprechen. Er sagte, dass sich die Anwesenden sicher wunderten, ihn hier in dieser Rolle zu sehen, schließlich sei er vor Gericht noch nie als Ankläger aufgetreten. Er hätte dies auch in diesem Fall nicht vorgehabt, sondern hätte vielmehr im Vorfeld die Sizilier dringend darum gebeten, Caecilius die Anklagevertretung zu übertragen. (Fast hätte ich laut aufgestöhnt, als er dies sagte.) Aber in Wahrheit seien die Sizilier nicht der einzige Grund, warum er sich zu diesem Schritt entschlossen habe. »Ich stehe hier, weil mir das Wohl unseres Landes am Herzen liegt.« Dann ging er mit sorgfältig bemessenen Schritten zu der Bank, wo Verres saß, hob langsam den Arm und zeigte auf ihn. »Wir blicken hier auf ein menschliches Ungeheuer von beispielloser Gier, Dreistigkeit und Niedertracht. Sollte ich diesen Mann seiner Strafe zufuhren, wer könnte mir das zum Vorwurf machen? Welch größeren Dienst im Namen von Gerechtigkeit und Tugend könnte ich meinem Land in dieser Zeit erweisen?« Verres war nicht im Mindesten empört, kopfschüttelnd, mit einem Grinsen auf den Lippen, schaute er Cicero herausfordernd an. Cicero musterte ihn noch eine Zeit lang voller Verachtung und wandte sich dann den Geschworenen zu. »Die Anklage gegen Gaius Verres lautet, dass er über einen Zeitraum von drei Jahren die Provinz Sizilien verwüstet hat - dass er sizilische Kommunen geplündert, sizilische Häuser, sizilische Tempel ausgeraubt hat. Könnte Sizilien mit einer einzigen Stimme sprechen, es würde sagen: >Alles Gold und alles Silber, all die herrlichen Dinge, die einst meine Städte, meine Häuser und Tempel geschmückt haben, all das hast du, Verres, mir gestohlen; und aufgrund dessen verklage ich dich in Übereinstimmung mit den Gesetzen Roms auf Zahlung von einer Million Sesterzenn!< Das wären Siziliens Worte, wenn es mit einer Stimme sprechen könnte. Da es das aber nicht kann, hat es mich dazu bestimmt, seine Sache zu vertreten. Welch unglaubliche Dreistigkeit ist es dann, dass du ,..«,und damit wandte er sich schließlich Caecilius zu, »... es wagst, für Sizilien sprechen zu wollen, wenn dieses sich schon gegen dich ausgesprochen hat.«

Dann ging er gemächlich zu Caecilius, stellte sich hinter ihn und stieß einen übertrieben traurigen Seufzer aus. »Und jetzt, Caecilius, lass mich als Freund zu dir sprechen«, sagte er und klopfte Caecilius auf die Schultern, sodass sein Rivale sich auf seinem Stuhl umdrehen musste, was ziemlich linkisch wirkte und einige Heiterkeit im Publikum hervorrief. »Ich kann dir nur den ernsthaften Rat geben, noch mal in dich zu gehen. Besinne dich. Bedenke, wer du bist und wessen du fähig bist. Eine Anklagevertretung ist ein äußerst kniffeliges und mühsames Unterfangen. Ist deine Stimme, dein Erinnerungsvermögen dafür gerüstet? Verfügst du über die Intelligenz und das Stehvermögen, einer solchen Belastung standzuhalten? Selbst wenn du dich des Vorzugs außerordentlicher natürlicher Gaben erfreutest, selbst wenn du eine gründliche Ausbildung genossen hättest, könntest du darauf hoffen, den Druck auszuhalten? Nun, heute Morgen werden wir es erfahren. Solltest du Antworten auf meine Fragen haben, solltest du mit einer einzigen Erwiderung aufwarten können, die nicht schon in irgendeinem Lehrbuch mit anderer Leute Reden enthalten ist, dann besteht vielleicht die Möglichkeit, dass du dich in dem hier anhängigen Fall nicht als Versager erweist.«

Er ging jetzt in die Mitte des Gerichtsplatzes und richtete die nächsten Worte sowohl an die Menschen auf dem Forum wie auch an die Geschworenen. »Ihr werdet euch vielleicht sagen: >Da mag er ja durchaus recht haben, aber besitzt er denn selbst all diese Fähigkeiten?< Ich wollte, es wäre so. Aber immerhin habe ich mein Bestes gegeben und von Kindesbeinen hart daran gearbeitet, um sie mir, soweit mir das möglich war, anzueignen. Jedem ist bekannt, dass das Forum und die Gerichtshöfe Roms den Mittelpunkt meines Lebens bilden, dass nur wenige Männer meines Alters, wenn überhaupt, in so vielen Fällen als Verteidiger aufgetreten sind wie ich, dass ich jede freie Minute, in der ich nicht in den Angelegenheiten meiner Freunde tätig bin, hart arbeite und studiere, um den Erfordernissen meines Berufes gerecht zu werden und meine Fähigkeiten immer weiter zu verbessern. Und trotzdem bin ich jedes Mal, wenn ich an den entscheidenden Tag denke, an dem der Beschuldigte vor den Schranken des Gerichts erscheint und ich meine Verteidigungsrede halten muss, nicht nur nervös, sondern zittere von Kopf bis Fuß. Du, Caecilius, kennst keine solchen Ängste, keine solchen Gedanken, keine solche Nervosität. Du bildest dir ein, wenn du die eine oder andere Wendung aus irgendeiner alten Rede auswendig lernst, wenn du eine Floskel wie >Beim allmächtigen und barmherzigen Jupiter ...< oder >Ich würde mir wünschen, ihr Richter, dass es möglich wäre ...< parat hast, dass du dann schon aufs Beste für deinen Auftritt vor Gericht präpariert bist.

Du bist ein Nichts, Caecilius, und du kannst nichts. Hortensius wird dich vernichten! Aber mich wird er mit seiner Gerissenheit nicht erledigen. Mich wird er mit keiner seiner Finten in die Irre rühren. Seine gewaltigen Fähigkeiten verfangen bei mir nicht, sie können mich nicht schwächen, sie können mich nicht von meinen Standpunkt abbringen.« Er schaute zu Hortensius und verbeugte sich in gespielter Demut, worauf Hortensius sich erhob und ebenfalls verbeugte, was erneutes Gelächter hervorrief. »Die Angriffsmethoden und rhetorischen Kunststücke dieses Herrn sind mir bestens vertraut«, fuhr Cicero fort. »So beschlagend er auch sein mag, wenn er gegen mich antritt, wird er zu spüren bekommen, dass in diesem Verfahren neben anderen Dingen auch seine eigenen Fähigkeiten verhandelt werden. Sollte man mich mit dem Fall betrauen, so empfehle ich diesem Herrn schon vorab, seine Verteidigungsstrategie radikal zu ändern. Wenn nämlich ich die Anklage vertrete, dann wird er keinen Grund haben zu glauben, man könne das Gericht bestechen, ohne dass sehr viele Menschen in ernste Gefahr gerieten.«

Das Wort »bestechen« rief einige heftige Unmutsäußerungen hervor und ließ den ansonsten gleichmütigen Hortensius aufspringen. Cicero bedeutete ihm mit einer lässigen Handbewegung, er solle sich wieder setzen. Cicero redete und redete. Wie ein Schmied auf sein glühendes Eisen, so hieb er mit immer wieder neuen rhetorischen Attacken auf seine Gegner ein. Ich werde hier nicht alles wiedergeben. Die Rede, die mindestens eine Stunde dauerte, ist dokumentiert und kann von jedem Interessierten nachgelesen werden. Er attackierte Verres wegen seiner korrupten Machenschaften, Caecilius wegen seiner früheren Verbindungen zu Verres und Hortensius wegen seiner Bemühungen um einen zweitrangigen Widersacher. Zum Schluss richtete er einen Appell an die Senatoren auf der Geschworenenbank. Er trat vor sie hin, schaute jedem Einzelnen in die Augen und sagte: »Es liegt in eurer Hand, ehrwürdige Richter, den Mann auszuwählen, der euch aufgrund seiner Redlichkeit, seines Fleißes, seines Scharfsinns und seiner charakterlichen Eignung am besten geeignet erscheint, vor diesem hohen Gericht einen derart bedeutenden Fall durchzufechten. Solltet ihr Quintus Caecilius meiner Person vorziehen, so glaube ich nicht, dass ich dem besseren Mann unterlegen bin. Auch die Bürger Roms könnten glauben, dass ihr einen rechtschaffenen, strengen und energischen Ankläger wie mich gar nicht wollt, dass Senatoren einen solchen Ankläger überhaupt nie wollen.« Er machte eine Pause, und sein ruheloses Auge blieb schließlich an Catulus hängen, der seinen Blick standhaft erwiderte. Dann sagte Cicero leise: »Sorgt dafür, ehrwürdige Richter, dass es nicht dazu kommt.« Lauter Beifall brandete auf.

Nun war Caecilius an der Reihe. Er war aus bescheidensten Verhältnissen aufgestiegen, weitaus bescheideneren als denjenigen Ciceros, und hatte sich einige Verdienste erworben. Man könnte sogar sagen, dass einige Punkte für ihn als Ankläger sprachen. Besonders als er auszuführen begann, dass sein Vater ein Freigelassener aus Sizilien sei, er selbst in Sizilien geboren sei und dass er keinen Ort auf der Welt mehr liebe als diese Insel. Aber seine Rede quoll über vor Statistiken über die sinkende Agrarproduktion und Verres' System der Buchführung. Er klang gereizt, es fehlte die Leidenschaft. Schlimmer noch, er las alles vom Blatt ab, und das auch noch mit so monotoner Stimme, dass Cicero, als Caecilius sich nach einer Stunde schließlich dem Fazit näherte, seinen Oberkörper auf die Seite kippen ließ und so tat, als sei er eingeschlafen. Da Caecilius, der sich den Geschworenen zugewandt hatte, nicht sehen konnte, worüber alle lachten, verlor er völlig den Faden. Er verhaspelte sich mehrmals, ehe er zum Ende seiner Rede kam, und setzte sich dann mit vor Verlegenheit und Zorn hochrotem Kopf wieder auf seinen Platz.

Rhetorisch hatte Cicero einen Sieg von erdrutschartigen Ausmaßen errungen. Aber als die Abstimmungstäfelchen an die Geschworenen ausgegeben waren und der Gerichtsdiener mit seiner Urne darauf wartete, sie wieder einzusammeln, da war er davon überzeugt, erzählte mir Cicero später, dass er verloren hatte. Von den zweiunddreißig Senatoren zählte er mindestens ein Dutzend zu seinen entschiedenen Gegnern und nur halb so viele zu seinen Freunden. Die Unentschiedenen würden wie üblich den Ausschlag geben. Cicero sah, dass viele dieser Unentschlossenen zu Catulus schielten und auf ein Zeichen von ihm warteten, um sich seiner Entscheidung anzuschließen. Catulus markierte sein Täfelchen, zeigte es den links und rechts neben ihm sitzenden Männern und warf es dann in die Urne. Als jeder abgestimmt hatte, ging der Gerichtsdiener mit der Urne zum Richterstuhl, kippte sie vor ihm aus und begann vor aller Augen, die Tafeln auszuzählen. Hortensius ließ die Maske der Gelassenheit fallen und stand ebenso wie Verres auf, um besser sehen zu können. Cicero saß starr da wie eine Statue. Caecilius kauerte auf seinem Stuhl. Zuschauer, die regelmäßig zu den Verhandlungen kamen und das Prozedere so gut kannten wie jeder Pächter, horte ich flüstern, dass es knapp sei, dass sie noch mal nachzählten. Schließlich reichte der Gerichtsdiener Glabrio das Abstimmungsergebnis. Er stand auf und bat um Ruhe. Das Ergebnis laute, sagte er, vierzehn für Cicero - mir stockte der Atem, er hatte verloren! -, dreizehn für Caecilius, fünf Enthaltungen. Somit werde Marcus Tullius Cicero zum Sonderermittler (nominis delator) für den Fall Gaius Verres ernannt. Während die Zuschauer applaudierten und Hortensius und Verres sich wie betäubt wieder setzten, ließ Glabrio Cicero aufstehen, die rechte Hand heben und den traditionellen Schwur leisten, die Anklage nach bestem Wissen und Gewissen durchzuführen.

Sofort nach Ablegung des Eids stellte Cicero den Antrag auf Vertagung. Hortensius fuhr von seinem Stuhl auf und erhob Einspruch. Warum das nötig sei, wollte er wissen. Cicero sagte, er wolle nach Sizilien reisen, um Beweismittel sicherzustellen und Zeugen zu laden. Hortensius fiel ihm ins Wort, es sei eine Ungeheuerlichkeit, für sich das Recht auf Anklage einzufordern, um dann mit dem ersten Satz zu enthüllen, dass er dem Gericht gar keinen Fall präsentieren könne. Das war ein berechtigter Einwand. Zum ersten Mal wurde mir klar, wie groß Ciceros Zweifel an der Stärke seiner eigenen Position gewesen sein mussten. Glabrio schien Hortensius zustimmen zu wollen, als Cicero ins Feld führte, dass sich erst jetzt, nachdem Verres seine Provinz verlassen habe, die Opfer sicher genug fühlten, um frei zu sprechen. Glabrio dachte darüber nach, schaute auf den Kalender und verkündete dann widerstrebend, dass der Prozessbeginn um hundertzehn Tage verschoben werde. »Aber stell sicher, dass du sofort am ersten Tag nach der Sitzungspause im Frühling zur Klageerhebung bereit bist«, sagte er mit warnendem Unterton zu Cicero. Damit war das Gericht entlassen.

*

Später stellte Cicero überrascht fest, dass er den Sieg Catulus verdankte. Der harte und hochmütige alte Senator war trotz allem ein Patriot bis ins Mark, weshalb seine Ansichten hohes Ansehen genossen. Er war der Meinung, dass das Volk gemäß der altehrwürdigen Gesetze das Recht auf die härtestmögliche Strafverfolgung von Verres habe, auch wenn dieser ein Freund von ihm war.

Die familiären Bindungen zu seinem Schwager Hortensius ließen es natürlich nicht zu, dass er direkt für Cicero stimmte; stattdessen enthielt er sich der Stimme, worauf vier Unentschlossene sich ebenfalls enthielten.

Dankbar, dass er bei der Jagd auf den Eber, wie er es nannte, noch dabei war, und entzückt darüber, dass er Hortensius ausmanövriert hatte, stürzte sich Cicero in die Vorbereitungen für die Sizilienreise. Aufgrund einer Gerichtsverfugung nach den Bestimmungen des obsignandi gratia wurden Verres' Amtsunterlagen versiegelt. Cicero stellte im Senat den Antrag auf Herausgabe aller amtlichen Finanzdokumente der letzten drei Jahre durch den früheren Statthalter Siziliens, was dieser jedoch nie tat. An jede größere Stadt der Insel gingen Briefe mit der Bitte um Beweismaterial. Da wir in allen Orten der Provinz Unterkünfte benötigten, ging ich unsere Akten durch und notierte die Namen aller bedeutenden Bürger Siziliens, die Cicero während seiner Zeit als Quästor ihre Gastfreundschaft angeboten hatten. Cicero schrieb auch einen Höflichkeitsbrief an den amtierenden Statthalter Lucius Metellus, in dem er seinen Besuch ankündigte und um Kooperation von amtlicher Seite bat - ihm war zwar bewusst, dass er lediglich auf amtliche Schikane rechnen konnte, aber er dachte sich, dass ein schriftlicher Beleg darüber, es wenigstens versucht zu haben, nicht schaden konnte. Er beschloss, seinen nun schon seit sechs Monaten mit dem Fall vertrauten Vetter mit auf die Reise zu nehmen und seinen Bruder, der sich um die Organisation seines Wahlkampfes zu kümmern hatte, in Rom zurückzulassen. Ich würde ihn ebenfalls begleiten - zusammen mit meinen beiden Gehilfen Sositheus und Laurea, da es sicher jede Menge ab- und mitzuschreiben gäbe. Der frühere Prätor Calpurnius Piso Frugi bot Cicero die Dienste seines achtzehnjährigen Sohnes Gaius an, mit dem wir uns schnell anfreundeten, da er sich als äußerst intelligenter und liebenswürdiger Bursche erwies. Auf Quintus' dringenden Wunsch kauften wir noch vier kräftige und zuverlässige Sklaven, die uns zwar auch als Träger und Kutscher, aber vornehmlich als Leibwächter dienen sollten. Die Landstriche des Südens waren gesetzlos zu jener Zeit. Viele von Spartacus' Anhängern hielten sich noch immer in den Bergen versteckt, außerdem gab es Piraten, und wer konnte schon wissen, zu welchen Mitteln Verres greifen würde?

All das musste bezahlt werden, und obwohl Ciceros Anwaltspraxis inzwischen etwas einbrachte -nicht in Form direkter Zahlungen natürlich, die waren verboten, sondern in Form von Geschenken und Vermächtnissen dankbarer Klienten -, verfügte er nicht annähernd über die Menge an Bargeld, die für die Durchfuhrung einer angemessenen Ermittlung erforderlich war. Die meisten ehrgeizigen jungen Männer in seiner Lage hätten sich nun an Crassus gewandt, der an aufstrebende Politiker immer Darlehen zu großzügigen Konditionen ausgab. Doch so offen Crassus diejenigen belohnte, die ihn unterstützten, so sehr legte er auch Wert darauf, die Menschen wissen zu lassen, dass Widerstand gegen ihn Bestrafung nach sich zog. Seit Cicero abgelehnt hatte, sich auf seine Seite zu schlagen, hatte Crassus jede Gelegenheit genutzt, ihm seine Feindschaft zu demonstrieren. Er ignorierte ihn in der Öffentlichkeit völlig. Hinter seinem Rücken verleumdete er ihn.Wenn Cicero zu Kreuze gekrochen wäre, vielleicht hätte er sich dann herabgelassen, seine Meinung zu ändern: Was seine Prinzipien anging, kannte seine Geschmeidigkeit keine Grenzen. Aber, wie ich schon erwähnt habe, fiel es den beiden schwer, sich auch nur im selben Raum aufzuhalten.

Also blieb Cicero keine andere Wahl, als sich an Terentia zu wenden, was eine für mich peinliche Szene zur Folge hatte. Ich wurde nur deshalb in diese Angelegenheit verwickelt, weil Cicero auf die ziemlich feige Idee verfiel, mich vorzuschicken, um bei Terentias Privatsekretär Philotimus in Erfahrung zu bringen, wie schwierig es wohl wäre, aus ihrem Vermögen hunderttausend Sesterzen loszueisen. Missgünstig, wie Philotimus war, lief er gleich zu seiner Herrin und erstattete Bericht. Sie stürmte die Treppe hinunter in Ciceros Arbeitszimmer und stellte mich zur Rede, wie ich es wagen könne, meine Nase in ihre Angelegenheiten zu stecken. In diesem Augenblick betrat Cicero das Zimmer und war folglich genötigt, ihr zu erklären, wofür er das Geld brauchte.

»Und wie bekomme ich mein Geld zurück?«, wollte Terentia wissen.

»Von der Strafe, die Verres' nach seiner Verurteilung zahlen muss«, sagte Cicero.

»Und du bist sicher, dass er verurteilt wird?«

»Ganz sicher.«

»Wieso? Was hast du in der Hand? Lass hören.« Sie setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibpult und verschränkte die Arme. Cicero zögerte kurz. Da er seine Frau kannte und wusste, dass sie nicht so einfach ihre Meinung änderte, befahl er mir, die Beweise der Sizilier aus dem Tresor zu holen. Er ging mit ihr alles durch, Stück für Stück. Als sie fertig waren, schaute sie ihn aufrichtig bestürzt an. »Das reicht nie und nimmer, Marcus! Das da ist alles, worauf du setzt? Glaubst du im Ernst, senatorische Geschworene werden einen der ihren schuldig sprechen, nur weil er ein paar bedeutende Statuen aus irgendwelchen obskuren Provinznestern zurück nach Rom geschafft hat - wo sie ja wohl auch hingehören?«

»Gut möglich, dass du recht hast, mein Schatz«, gab Cicero zu. »Gerade deshalb muss ich ja nach Sizilien.«

Terentia betrachtete ihren Ehemann - der im Rom jener Tage unstrittig der größte Redner und klügste Senator war - mit einem Gesichtsausdruck, den eine ehrbare Dame ihrem Kind zeigt, wenn es auf dem Boden im Tablinum eine Pfütze gemacht hat. Ich bin sicher, dass sie etwas hinzugefugt hätte, wenn ihr nicht gerade noch rechtzeitig aufgefallen wäre, dass ich auch anwesend war. Wortlos erhob sie sich und verließ das Arbeitszimmer.

Am nächsten Tag übergab mir Philotimus eine kleine Geldschatulle mit zehntausend Sesterzen in bar und eine Vollmacht, bei Bedarf weitere vierzigtausend abzuheben.

»Genau die Hälfte von dem, was ich wollte«, sagte Cicero, als ich ihm die Schatulle brachte. »So, Tiro, taxiert also eine gewiefte Geschäftsfrau meine Chancen - nun ja, wer könnte es ihr verübeln?«

KAPITEL VII

Wir verließen Rom in den Iden des Januars, am letzten Tag des Festes der Nymphen. Cicero saß in einem überdachten Wagen, sodass er während der Fahrt arbeiten konnte. Ich selbst empfand bei dem Rattern, Quietschen und Schwanken der carruca schon den Versuch zu lesen, geschweige denn zu schreiben, als Qual. Die Reise war erbärmlich. Es war eiskalt, und in höheren Lagen gerieten wir sogar hin und wieder in kurze Schneeschauer. Die meisten Kreuze mit den hingerichteten Rebellensklaven an der Via Appia waren inzwischen entfernt worden. Manche hatte man jedoch zur Abschreckung stehen lassen. Die verwesten, stocksteifen Überreste der Leichen zeichneten sich gegen die weiße Landschaft ab. Bei ihrem Anblick stellte ich mir vor, wie Crassus' langer Arm von Rom aus nach mir griff und mir wieder in die Backe kniff.

Wegen der überhasteten Abreise war es uns unmöglich gewesen, schon im Voraus für jeden Abend eine Unterkunft zu besorgen, sodass wir an drei oder vier Tagen am Straßenrand übernachten mussten, weil wir keinen Gasthof fanden. Ich legte mich zusammen mit den anderen Sklaven rund ums Lagerfeuer, während Cicero, Lucius und der junge Frugi im Wagen schliefen. Wenn uns dieses Missgeschick in den Bergen traf, dann wachte ich im Morgengrauen mit steif gefrorener Kleidung auf. Als wir schließlich in Velia die Küste erreichten, entschied Cicero, dass wir schneller vorankämen, wenn wir ein Boot mieteten und an der Küste entlangsegelten - trotz des Risikos von Winterstürmen und Piraten und seiner ausgeprägten Abneigung gegen Seereisen, seit ihm eine Sibylle prophezeit hatte, dass sein Tod irgendwie in Zusammenhang mit dem Meer stehen würde.

Velia war ein Kurort mit einem bekannten Tempel zu Ehren von Apollo Oulius, einem damals sehr verehrten Gott der Heilkunst. Es war keine Saison, der gesamte Ort schien ausgestorben zu sein. Während wir hinunter zum Hafen führen, wo die Wellen der grauen See gegen die Kaimauer klatschten, bemerkte Cicero, dass er selten einen weniger verlockenden Urlaubsort als diesen besucht habe. Abgesehen von den üblichen Fischerbooten lag eine riesige Galeere im Hafen, ein Lastschiff von der Größe einer Trireme. Während wir mit den einheimischen Fischern über den Preis für unsere Reise verhandelten, fragte Cicero, wem das Schiff gehöre. Es sei, sagte man uns, ein Geschenk der Bürger der sizilischen Hafenstadt Messana an ihren früheren Statthalter Gaius Verres und läge hier seit etwa einem Monat vor Anker.

Die Aura der Bedrohung, die das große, tief im Wasser liegende Schiff umgab, war mit Händen zu greifen. Es war voll bemannt und konnte jederzeit in See stechen. Unser Auftauchen in dem verlassenen Hafen hatte an Bord unübersehbar große Unruhe ausgelöst. Als wir vorsichtig auf die Galeere zugingen, ertönten drei kurze Trompetensignale, die Ruder senkten sich ins Wasser, und langsam wie ein riesiger Wasserkäfer löste sich das Schiff von der Kaimauer. Es glitt ein kurzes Stück auf See hinaus und setzte den Anker. Als sich das Schiff in den Wind drehte, hüpften die grellen gelben Lampen an Bug und Heck im dunstigen Licht des Nachmittags auf und ab. Gestalten verteilten sich über das schwankende Deck. Cicero beriet sich mit Lucius und Frugi, was sie unternehmen sollten. Theoretisch gab ihnen die Vollmacht des Gerichtshofes für Erpressungen das Recht jedes Schiff zu durchsuchen, das möglicherweise mit dem Fall in Verbindung stand.

In der Praxis jedoch hatten sie nicht die Mittel, und bis Verstärkung eintreffen würde, wäre das Schiff längst auf und davon. Eins wusste Cicero jetzt zweifelsfrei: Die Dimensionen von Verres' Verbrechen sprengten alles, was er sich vorgestellt hatte. Er entschied, sofort aufzubrechen und mit doppelter Geschwindigkeit Richtung Süden zu reisen.

Ich schätze, von Velia bis Vibo, immer am Schienbein entlang bis zum Zeh Italiens, sind es etwa hundertzwanzig Meilen. Mit günstigen Winden und kräftiger Ruderarbeit schafften wir es in gerade mal zwei Tagen. Wir hielten uns immer in Sichtweite des Ufers, gingen für die eine Nacht an Land und schliefen am Strand. Aus Myrtesträuchern hackten wir Holz für ein Lagerfeuer, aus unseren Rudern und dem Segel bauten wir ein Zelt. Von Vibo reisten wir auf der Küstenstraße weiter bis Regium, und dort mieteten wir wieder ein Boot, um durch die schmale Meerenge nach Sizilien zu segeln. Es war neblig und nieselte stark, als wir frühmorgens aufbrachen. Wie ein trübseliger schwarzer Buckel tauchte die Insel in der Ferne aus dem Meer auf. Unglücklicherweise konnte man im Winter nur einen einzigen Hafen ansteuern, und das war Verres' Hochburg Messana. Die Loyalität ihrer Bewohner hatte sich Verres mit Steuerfreiheit für seine gesamte dreijährige Amtszeit als Statthalter erkauft. Messana war die einzige Stadt auf der Insel, die eine Zusammenarbeit mit Cicero abgelehnt hatte. Während wir auf den Leuchtturm zuliefen, erkannten wir, dass das, was wir für einen großen Masten am Hafeneingang gehalten hatten, kein Teil von einem Schiff, sondern ein Kreuz war, dessen Vorderseite der Meerenge und dem Festland zugewandt war.

»Das ist neu«, sagte Cicero mit gerunzelter Stirn und wischte sich das Regenwasser aus den Augen. »Zu meiner Zeit sind da nie Hinrichtungen durchgeführt worden.«

Wir hatten keine andere Wahl, als direkt daran vorbeizusegeln. Der Anblick legte sich wie ein Schatten auf unser vom Dauerregen beschwertes Gemüt.

Trotz der allgemein feindseligen Stimmung der Bevölkerung von Messana gegenüber dem Sonderermittler hatten sich zwei tapfere Bürger der Stadt - Basiliscus und Percennius - bereitgefunden, uns ihre Gastfreundschaft anzubieten. Sie erwarteten uns am Kai. Cicero war kaum an Land gegangen, da fragte er sie nach dem Kreuz. Sie würden seine Frage später gern beantworten, entschuldigten sie sich, aber zuerst möchten sie uns lieber von hier wegschaffen. Erst als wir uns alle innerhalb der Mauern von Basiliscus' Anwesen befanden, fühlten sie sich sicher genug, uns die Geschichte zu erzählen. Während seiner letzten Tage als Statthalter hätte sich Verres nur noch in Messana aufgehalten, damit er die Verladung seiner Diebesbeute auf das »Goldschiff« überwachen konnte, das ihm seine dankbare Stadt hätte bauen lassen. Vor etwa einem Monat sei zu seinen Ehren ein Fest veranstaltet worden, und quasi als Teil des Unterhaltungsprogramms habe man einen römischen Bürger aus dem Gefängnis geholt, auf dem Forum nackt ausgezogen, öffentlich ausgepeitscht, gefoltert und schließlich gekreuzigt.

»Einen römischen Bürger?«, wiederholte Cicero ungläubig. Er machte mir ein Zeichen, dass ich mitschreiben solle. »Es verstößt gegen das Gesetz, einen Bürger Roms ohne Prozess hinzurichten. Seid ihr sicher, dass es ein Römer war?«

»Er hat geschrien, dass er Publius Gavius heißt, dass er Kaufmann in Spanien ist und dass er Militärdienst in den Legionen geleistet hat. Während sie ihn ausgepeitscht haben, hat er nach jedem Schlag geschrien: >Ich bin ein Bürger Roms!< Nach jedem Schlag.«

»>lch bin ein Bürger Roms<«, wiederholte Cicero und ließ sich die Worte auf der Zunge zergehen. »>Ich bin ein Bürger Roms< ... Was hat man ihm vorgeworfen?«

»Spionage«, sagte unser Gastgeber. »Er wollte gerade auf ein Schiff Richtung Festland. Aber er hat einen Fehler gemacht: Er hat überall herumerzählt, dass er aus den Steinbrüchen von Syrakus geflohen sei und dass er jetzt auf direktem Weg nach Rom fahre und Verres' Verbrechen an die Öffentlichkeit bringen werde. Die Stadtväter von Messana haben ihn eingesperrt, bis Verres wieder in der Stadt war. Verres hat ihn auspeitschen, mit heißen Eisen foltern und ans Kreuz schlagen lassen - mit Blick auf Regium, damit er im Todeskampf das Festland sehen konnte. Stellt euch das vor, fünf Meilen vom sicheren Festland entfernt! Verres' Nachfolger haben das Kreuz stehen lassen, als Warnung für jeden, der versucht sein sollte, den Mund zu weit aufzumachen.«

»Gibt es Zeugen für die Kreuzigung?«

»Sicher. Hunderte.«

»Auch römische Bürger?«

»Ja.«

»Hast du welche erkannt?«

Er zögerte. »Gaius Numitorius, ein römischer Ritter aus Puteoli. Dann die Cottius-Brüder aus Tauromenium. Lucceius ... aus Regium. Es gibt sicher noch mehr.«

Ich notierte die Namen. Später nahm Cicero ein Bad, und wir saßen um die Wanne herum und besprachen die Entwicklung. »Vielleicht war dieser Gavius wirklich ein Spion«, sagte Lucius.

»Das würde ich eher glauben, wenn Verres gegen Sthenius nicht genau den gleichen Vorwurf erhoben hätte«, sagte Cicero. »Aber der ist genauso wenig ein Spion wie du oder ich. Nein, das ist einfach die bevorzugte Methode, nach der dieses Monster vorgeht: Er fingiert eine Anschuldigung, nutzt seine Stellung als oberster Richter der Provinz, um einen Prozess anzustrengen, und verkündet dann das Urteil. Die Frage ist: Warum gerade Gavius?«

Keiner wusste darauf eine Antwort. Und die Zeit, um in Messana zu bleiben und sie zu finden, hatte wir auch nicht. Wir mussten am nächsten Morgen in aller Frühe die Stadt verlassen, um in Tyndaris an der Nordküste der Insel unseren ersten offiziellen Termin wahrzunehmen. So wie dieser Besuch ablief, sollten noch viele andere ablaufen. Erst wurde Cicero vom Stadtrat mit allen Ehren empfangen, dann wurde er auf den Hauptplatz geführt. Man zeigte ihm die Standardversion der Verres-Statue, die die Bürger gezwungenermaßen auf ihre Kosten hatten aufstellen müssen und die jetzt zerstört im Staub lag. Dann hielt Cicero eine kurze Rede über die römische Rechtsprechung. Nachdem man einen Stuhl für ihn aufgestellt hatte, hörte er sich die Klagen der einheimischen Bevölkerung an und suchte die Fälle aus, die am aufsehenerregendsten oder am leichtesten zu beweisen waren - in Tyndaris war dies die Geschichte von Sopater, der so lange nackt an eine Statue gefesselt aushalten musste, bis die Stadt ihre Bronzestatute des Merkur herausgab. Der letzte Punkt war immer der, dass ich oder einer meiner beiden Assistenten die Aussagen aufnahmen und dann beglaubigen und unterschreiben ließen.

Von Tyndaris reisten wir nach Thermae, in die Heimatstadt von Sthenius, dessen Frau wir in seinem leeren Haus antrafen und die unter Tränen die Briefe ihres ins Exil gezwungenen Ehemannes entgegennahm. Zum Ende der Woche erreichten wir den Festungshafen Lilybaeum an der westlichsten Spitze der Insel. Cicero kannte die Stadt gut, während seiner Zeit als Quästor in Sizilien war dies sein Amtssitz gewesen. Wie früher schon des Öfteren wohnten wir im Haus seines alten Freundes Pamphilius. Am ersten Abend beim Essen bemerkte Cicero, dass der Tisch nicht wie sonst dekoriert war - der prächtige Krug und diverse Pokale, allesamt Familienerbstücke, fehlten. Als er fragte, was damit geschehen sei, sagte man ihm, dass Verres sie beschlagnahmt habe. Es stellte sich schnell heraus, dass den anderen Gästen Ähnliches widerfahren war. Dem jungen Gaius Cacurius war sein gesamtes Mobiliar abgepresst worden und Lutatius ein Tisch aus Zitrusholz, an dem Cicero regelmäßig gegessen hatte. Lyso war seine wertvolle Apollo-Statue und Diodorus ein Satz ziselierter Silberbecher von Mentor gestohlen worden. Die Liste war endlos, und ich muss es ja wissen, schließlich hatte Cicero mich beauftragt, alles festzuhalten. Nachdem ich die Aussagen aller Gäste und danach auch noch die ihrer Freunde aufgenommen hatte, beschlich mich der Gedanke, dass Cicero jetzt langsam nicht mehr recht bei Verstand sei. Wollte er etwa jeden Löffel und jedes Sahnetöpfchen, die man auf der Insel gestohlen hatte, katalogisieren? Aber natürlich war er, wie sich erweisen sollte, schlauer als ich.

Ein paar Tage später brachen wir wieder auf. Über unbefestigte Wege holperte unser Wagen von Lilybaeum zur Tempelstadt Agrigent und von dort in das gebirgige Inselinnere. Die Landschaft und der Himmel in diesem ungewöhnlich strengen Winter waren stahlgrau. Cicero hatte sich eine schlimme Erkältung eingefangen und saß eingewickelt in seinen Umhang hinten im Wagen. In Henna, einer Stadt, die sich an eine steile Felswand schmiegte und von Seen und Wäldern umgeben war, kamen uns die wehklagenden Priester zur Begrüßung entgegen. Sie waren in reich verzierte Gewänder gehüllt und trugen geweihte Zweige und führten uns gleich zum Tempel der Ceres, aus dem Verres die Statue der gleichnamigen Göttin geraubt hatte. Hier kam es zu ersten kleineren Reibereien zwischen unserer Eskorte und den Liktoren des neuen Statthalters Lucius Metellus. Diese brutalen Kerle mit ihren Ruten und Beilen standen auf der anderen Seite des Marktplatzes und brüllten Drohungen, dass jeder, der es wagen sollte, gegen Verres auszusagen, aufs Härteste bestraft würde. Trotzdem konnte Cicero drei prominente Bürger Hennas - Theodorus, Numenius und Nicasio - dazu überreden, die Reise nach Rom auf sich zu nehmen, um dort auszusagen.

Schließlich wandten wir uns wieder dem Meer zu und führen nach Südosten in die fruchtbaren Ebenen unterhalb des Aetna. Das Land dort befand sich in Staatsbesitz und wurde im Auftrag der römischen Staatskasse von einer Privatfirma verwaltet, die die Steuern eintrieb und dafür als Gegenleistung Pachtverträge an einheimische Bauern vergab. Bei Ciceros erstem Aufenthalt in Sizilien waren die Ebenen von Leontini die Kornkammer Roms gewesen. Jetzt führen wir an verlassenen Höfen und grauen, brachliegenden Feldern vorbei. Braune Rauchsäulen markierten die Stellen, wo ehemalige, jetzt obdachlose Pachtbauern unter freiem Himmel lebten. Verres und die mit ihm befreundeten Steuerpächter waren wie eine plündernde Armee über die gesamte Region ausgeschwärmt, hatten die Ernten und das Vieh für einen Bruchteil ihres Wertes requiriert und Pachtsätze erhoben, die die Grenze dessen, was die meisten zahlen konnten, weit überschritten. Ein Bauer, Nymphodorus aus Centuripae, hatte zu protestieren gewagt. Dafür wurde er von Apronius, der für Verres bei den Bauern den Zehnten eintrieb, auf dem Markplatz von Aetna an einem Olivenbaum aufgehängt. Solche Geschichten versetzten Cicero in Wut und ließen ihn nur noch hartnäckiger arbeiten. Ich denke immer noch gern an die Szene zurück, als dieser städtischste aller Stadtmenschen mit geraffter Toga, die feinen roten Schuhe in der einen, die Vollmacht in der anderen Hand, bei strömendem Regen mit zögerlichen Schritten durch ein schlammiges Feld stakste, um die Aussage eines pflügenden Bauern einzuholen. Als wir schließlich nach dreißig beschwerlichen Tagen, in denen wir quer durch die ganze Provinz gereist waren, in Syrakus eintrafen, hatten wir die Aussagen von fast zweihundert Zeugen.

Syrakus ist die bei weitem größte und angenehmste Stadt Siziliens. Eigentlich sind es vier Städte, die zu einer einzigen verschmolzen sind. Drei davon - Achradina, Tycha und Neapolis -gruppieren sich um den Hafen herum. Die vierte, der alte Königssitz, befindet sich mitten in der großen Bucht und wird einfach nur »die Insel« genannt. Sie ist mit den drei anderen Stadtteilen durch eine Brücke verbunden. In dieser Stadt in der Stadt, die von einer Mauer umschlossen ist und bei Nacht von Siziliern nicht betreten werden darf, befindet sich in unmittelbarer Nähe der großartigen Tempel der Diana und der Minerva der Palast des römischen Statthalters. Da es hieß, Syrakus rangiere in ihrer Loyalität zu Verres gleich hinter Massana und ihr Senat hätte ihm erst vor kurzem eine Lobpreisung gewidmet, hatten wir mit einem feindseligen Empfang gerechnet. Doch das Gegenteil war der Fall. Die Kunde von Ciceros Redlichkeit und Eifer war uns vorausgeeilt, und so wurden wir von einer jubelnden Menge durch das Agrigentinische Tor in die Stadt geleitet. (Ein Grund für Ciceros Popularität war, dass er während seiner Zeit als Quästor auf dem überwucherten städtischen Friedhof das seit einhundertdreißig Jahren verschollene Grab des Mathematikers Archimedes, des bedeutendsten Mannes in der Geschichte von Syrakus, ausfindig gemacht hatte. Er hatte irgendwo gelesen, dass das Grab mit einem Zylinder und einer Kugel gekennzeichnet sei. Als er es schließlich fand, hatte er aus eigener Tasche dafür gezahlt, dass das Unkraut und Gestrüpp entfernt wurde. Dann hatte er stundenlang neben dem Grab gesessen und über die Vergänglichkeit menschlichen Ruhmes sinniert. Seine Großzügigkeit und Rücksichtnahme waren von der einheimischen Bevölkerung nicht vergessen worden.)

Aber zurück zu unserer Geschichte: Wir nahmen Quartier im Haus eines römischen Ritters namens Lucius Flavius, eines alten Freundes von Cicero, der unserer ohnehin schon prallen Materialsammlung noch jede Menge neuer Berichte über Verres' korruptes und grausames Treiben hinzufugte. Etwa die Geschichte des Piratenkapitäns Heracleo, der es geschafft hatte, an der Spitze eines Geschwaders von vier kleinen Galeeren bis in den Hafen von Syrakus vorzudringen, die Lagerhäuser auszuräumen und wieder zu verschwinden, ohne auf den geringsten Widerstand zu treffen. Als man ihn ein paar Wochen später ein Stück weiter nördlich in Megara fasste, wurden weder er noch seine Männer als Gefangene präsentiert, was zu Gerüchten führte, dass man ihn gegen eine große Lösegeldsumme freigelassen hatte. Oder die Horrorgeschichte über den römischen Bankier aus Spanien, Lucius Herennius, den man eines Morgens aufs Forum von Syrakus geschleift, kurzerhand als Spion denunziert und auf Verres' Befehl geköpft hatte - trotz der flehentlichen Bitten von Freunden und Geschäftspartnern, die sofort zum Forum geeilt waren, als man ihnen davon erzählt hatte. Die Parallelen zwischen Herennius' Fall und dem von Gavius in Messana waren augenfällig: Beide waren Römer, beide aus Spanien, beide im Handelsgeschäft tätig, beide der Spionage beschuldigt und beide hingerichtet ohne Anhörung oder ordentlichen Prozess.

Nach dem Essen an jenem Abend brachte ein Kurier aus Rom einen Brief für Cicero. Er las ihn schnell durch, entschuldigte sich und nahm Lucius, den jungen Frugi und mich beiseite. Die Botschaft war von seinem Bruder Quintus und enthielt gewichtige Neuigkeiten. Es schien ganz so, als hatte Hortensius wieder in seine Trickkiste gegriffen. Der Gerichtshof für Erpressungen hat überraschend eine Klage gegen einen ehemaligen Statthalter von Achaea zugelassen. Der Ankläger Dasianus, ein allseits bekannter Verres-Intimus, war schon nach Griechenland abgereist und würde mit seinem Beweismaterial zwei Tage vor der für Ciceros Rückkehr festgesetzten Frist wieder in Rom sein. Quintus ersuchte seinen Bruder dringend, so schnell wie möglich nach Rom zurückzukehren, um die Situation zu retten.

»Das ist eine Falle«, sagte Lucius sofort. »Er will dich in Panik versetzen, damit du die Reise vorzeitig abbrichst.«

»Wahrscheinlich hast du recht«, stimmte Cicero zu. »Aber das Risiko kann ich nicht eingehen. Wenn das Gericht diesen anderen Fall vor unserem aufruft und Hortensius das Verfahren nach bewährter Manier in die Länge zieht, dann könnte unser Fall bis hinter den Wahltermin hinausgeschoben werden. Und dann sind Hortensius und Quintus Metellus die designierten Konsuln. Der jüngste von den Metellus-Brüdern ist der zukünftige Prätor, und der dritte ist immer noch Statthalter hier in Sizilien. Was glaubst du, wie es dann um unsere Chancen steht?«

»Also, was machen wir?«

»Wir haben schon viel zu viel Zeit mit den kleinen Fischen verschwendet«, sagte Cicero. »Wir müssen den Krieg ins Lager des Feindes tragen und denen die Zungen lockern, die wirklich wissen, was da gespielt wurde - den Römern selbst.«

»Du hast recht«, stimmte Lucius ihm zu. »Die Frage ist nur, wie?«

Cicero schaute sich vorsichtig um und sagte dann mit sehr leiser Stimme: »Wir veranstalten eine kleine Durchsuchung. Und zwar in den Geschäftsräumen der Steuerpächter.«

Lucius wurde ganz blass, als er das hörte. Außer dem Versuch, in den Palast des Statthalters zu marschieren und Metellus selbst zu verhaften, war das so ziemlich das Gewagteste an Provokation, was Cicero sich leisten konnte. Die Steuerpächter bildeten ein Syndikat aus Männern mit besten Verbindungen. Sie standen im Ritterrang, operierten unter dem Schutz des Gesetzes, und zu ihren Geldgebern gehörten einige der reichsten Senatoren Roms. Cicero selbst hatte sich als Spezialist in Handelsrecht ein Netzwerk aus Förderern aufgebaut, das exakt aus dieser Klasse von Geschäftsleuten stammte. Die Strategie war riskant, das wusste er. Trotzdem ließ er sich nicht davon abbringen. Er war davon überzeugt, dass das Zentrum von Verres' mörderischen

Machenschaften sich hier vor Ort befand. Noch in derselben Nacht schickte er den Kurier mit einem Brief zurück nach Rom, in dem er Quintus mitteilte, dass er nur noch eine einzige Sache zu erledigen habe und die Insel in den nächsten Tagen verlassen werde.

Cicero musste jetzt schnell und unter größter Geheimhaltung handeln. Den Termin für die Durchsuchung hatte er mit Bedacht ausgewählt: Sie würde in zwei Tagen zur am wenigsten erwarteten Stunde stattfinden, kurz vor Morgengrauen an Terminalia, einem bedeutenden öffentlichen Feiertag. Die Tatsache, dass dieser Tag Terminus geweiht ist, dem alten Gott der Grenzsteine und guten Nachbarschaft, machte ihn wegen seiner Symbolkraft in Ciceros Augen noch attraktiver. Unser Gastgeber Flavius erklärte sich bereit, uns zu den Geschäftsräumen der Steuerpächter zu führen. In der Zwischenzeit ging ich in den Hafen von Syrakus und machte den gleichen vertrauenswürdigen Bootsbesitzer ausfindig, den ich schon Vorjahren für jene unbedachte Rückreise Ciceros nach Italien angeheuert hatte. Von ihm mietete ich ein Schiff samt Mannschaft und wies ihn an, am Ende der Woche reisefertig zu sein. Die Beweismittel, die wir bislang gesammelt hatten, packten wir in Truhen und verstauten diese an Bord. Das Schiff wurde rund um die Uhr bewacht.

In der Nacht vor der Durchsuchung konnte keiner von uns gut schlafen. Es war noch dunkel, als wir mit unseren gemieteten Ochsenkarren beide Zufahrten in die Straße blockierten. Auf Ciceros Signal sprangen wir aus den Wagen. Der Senator hämmerte gegen die Tür, trat, ohne auf eine Antwort zu warten, zur Seite, und zwei unserer kräftigsten Helfer machten sich mit Äxten an die Arbeit. Als die Tür nachgab, quetschten wir uns hinein, stießen den nicht mehr ganz jungen Nachtwächter zur Seite und begannen die Unterlagen abzutransportieren. Wir bildeten eine Menschenkette - Cicero inklusive - und reichten die Körbe mit den Wachstafeln und Papyrusrollen von Hand zu Hand hinaus auf die Straße und warfen sie auf die Karren.

Ich lernte eine kostbare Lektion an diesem Morgen: Wenn man auf Popularität aus ist, dann funktioniert das am besten mit einer Durchsuchungsaktion bei einem Syndikat von Steuereintreibern. Als die Sonne aufging und sich im Viertel die Nachricht von unserer Aktion verbreitete, formierte sich um uns herum eine begeisterte Ehrenwache von Bürgern. Es waren so viele, dass der Direktor der Firma, Carpinatius, der mit einem von Lucius Metellus bereitgestellten Trupp Legionäre angerückt war, das Gebäude nicht wieder in Besitz nehmen konnte. Carpinatius und Cicero lieferten sich mitten auf der Straße ein hitziges Wortgefecht. Carpinatius brüllte, dass Steuerunterlagen der Provinzen per Gesetz vor Beschlagnahmung geschützt seien, worauf Cicero erwiderte, dass seine Vollmacht des Gerichtshofes für Erpressungen Vorrang habe vor derartigen Formalitäten. Tatsächlich, gestand Cicero hinterher ein, hatte Carpinatius Recht. »Aber«, fügte er hinzu, »wer die Straße kontrolliert, kontrolliert das Recht.« Und zumindest bei dieser Gelegenheit war es Cicero gewesen, der die Straße kontrolliert hatte.

Insgesamt hatten wir etwa vier Ochsenkarren voll Unterlagen zu Flavius' Haus transportiert. Wir verriegelten die Tore, postierten Wachen und machte uns dann an die beschwerliche Arbeit, die Akten zu durchforsten. Selbst heute noch, wenn ich an den schieren Umfang der Aufgabe zurückdenke, spüre ich, wie mir der Angstschweiß ausbricht. Die Unterlagen reichten Jahre zurück und umfassten nicht nur den gesamten staatlichen Grundbesitz in Sizilien, sondern listeten auch von jedem Bauern jedes Stück Weidevieh und dessen Qualität sowie jede Feldfrucht auf, die er jemals angebaut hatte, wie viel er angebaut hatte und welchen Ertrag die Ernte gebracht hatte. Hier fand sich alles im Detail: Pachtverträge, bezahlte Steuern, Briefwechsel. Schnell wurde klar, dass schon andere Hände diese Unmengen Material durchgegangen waren und dabei jede Spur von Verres getilgt hatten. Aus dem Palast des Statthalters traf eine Mitteilung ein, in der Cicero für morgen, wenn die Gerichte wieder tagten, zu Metellus zitiert wurde, um zu Carpinatius' Verfugung auf Rückgabe der Dokumente Stellung zu nehmen. Inzwischen hatte sich vor dem Haus wieder eine große Menschenmenge versammelt, die laut Ciceros Namen skandierte. Ich musste an Terentias Prophezeiung denken, dass sie und ihr Ehemann aus Rom verbannt würden und den Rest ihrer Tage als Konsul und sie als »Konsulin« von Thermae fristen müssten. Nie erschien mir eine Weissagung wahrscheinlicher als in diesem Augenblick. Nur Cicero behielt kühlen Kopf. Er hatte genügend zwielichtige Steuereintreiber vertreten und kannte die meisten ihrer Täuschungsmanöver. Als offensichtlich war, dass alle Akten mit Bezug auf Verres entfernt worden waren, grub er eine alte Namensliste mit allen höheren Angestellten aus und suchte so lange, bis er auf den Namen des Mannes stieß, der während Verres' Amtszeit auf Sizilien Finanzdirektor des Steuerpächtersyndikats gewesen war.

»Auf eins kann man sich immer verlassen, Tiro«, sagte er zu mir. »Ich habe noch keinen Finanzdirektor erlebt, der bei Übergabe der Geschäfte an seinen Nachfolger nicht ein paar ganz spezielle Unterlagen für sich behalten hätte. Nur um sicherzugehen, verstehst du?«

Und damit nahmen wir die zweite Durchsuchung an diesem Morgen in Angriff.

Unser Opfer war ein Mann namens Vibius, der gerade mit seinen Nachbarn Terminalia feierte. Er hatte in seinem Garten einen Altar aufgestellt, auf dem Weizenähren und Honigwaben lagen und ein Krug Wein stand. Vibius hatte gerade ein Ferkel geopfert. (»Sind alles fromme Menschen, diese kriminellen Buchhalter«, bemerkte Cicero.) Als Vibius erkannte, dass der Senator direkt auf ihn zusteuerte, sah er selbst ein bisschen wie ein Ferkel aus, und als er dann auch noch die Vollmacht, auf dem das Siegel des Prätors Glabrio prangte, gelesen hatte, war ihm klar, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als zu kooperieren. Er entschuldigte sich bei seinen verwirrten Gästen, bat uns ins Tablinum und öffnete seinen Tresor. Zwischen Eigentumsurkunden, Rechnungsbüchern und Schmuckstücken lag ein kleines Briefbündel mit der Aufschrift »Verres«. Als Cicero das Bündel aufschnürte, spiegelte sich blankes Entsetzen in Vibius' Gesicht. Ich schätze, dass ihm Freunde schon des Öfteren empfohlen hatten, die Briefe zu vernichten, aber er hatte es entweder vergessen oder gedacht, dass sich damit irgendwann noch etwas Geld verdienen ließe.

Auf den ersten Blick machten die Briefe nicht viel her - es schien sich lediglich um die Korrespondenz eines Steuerinspektors namens Lucius Canuleius zu handeln, der für die Erhebung von Exportzöllen auf alle Güter zuständig gewesen war, die den Hafen von Syrakus passiert hatten. In den Briefen war von einer bestimmten Schiffsladung die Rede, die Syrakus vor zwei Jahren verlassen und für die Verres keine Steuern bezahlt hatte. Die Ladeliste war angeheftet. Es hatte sich um vierhundert Fässer Honig, fünfzig Speisezimmerliegen, zweihundert Kronleuchter und neunzig Ballen Malteser Tuch gehandelt. Einem anderen Ankläger wäre das Besondere daran vielleicht nicht aufgefallen, Cicero bemerkte es sofort.

»Schau dir das mal an«, sagte er und gab mir die Liste. »Die Sachen stammen nicht von irgendwelchen bedauernswerten Einzelpersonen. Vierhundert Fässer Honig. Neunzig Ballen ausländisches Tuch.« Er drehte sich um und schaute den unseligen Vibius wütend an. »Das ist eine ganze Ladung, stimmt's? Dein Statthalter Verres hat ein ganzes Schiff gestohlen.«

Der arme Vibius hatte keine Chance. Er warf einen nervösen Blick in den Garten zu seinen bestürzten Gästen, die mit offenem Mund dastanden und in unsere Richtung schauten. Er bestätigte, dass es sich tatsächlich um eine komplette Schiffsladung gehandelt und dass man ihn angewiesen habe, nie wieder Steuern auf irgendwelche Exporte des Statthalters zu erheben.

»Wie viele solcher Lieferungen hat Verres noch abgewickelt?«, fragte Cicero.

»Das weiß ich nicht genau.«

»Ungefähr.«

»Zehn«, sagte Vibius ängstlich. »Vielleicht zwanzig.«

»Und bei keiner Ladung wurde Zoll bezahlt? Oder irgendetwas schriftlich festgehalten?«

»Nein.«

»Und woher hatte Verres die Ware?«, bohrte Cicero weiter.

Vibius war vor Angst einer Ohnmacht nahe. »Senator, bitte ...« »Ich werde dich festnehmen lassen«, sagte Cicero. »Ich werde dich in Ketten nach Rom schaffen lassen, im Zeugenstand auf dem Forum Romanum vor tausend Zuschauern in Stücke reißen und deine Überreste an die Hunde im Tempel der Kapitolinischen Trias verfüttern.«

»Von Schiffen, Senator«, sagte Vibius mit piepsender Stimme. »Die Güter stammten von Schiffen.«

»Was für Schiffen? Woher kamen die?«

»Von überall, Senator. Aus Asia, Syrien, Tyros, Alexandria.«

»Und was ist mit den Schiffen passiert? Hat Verres sie beschlagnahmen lassen?«

»Ja, Senator.«

»Mit welcher Begründung?«

»Spionage.«

»Spionage, natürlich, was sonst?«, sagte Cicero zu mir. »Hat wohl jemals ein Mann so viele Spione aufgestöbert wie unser wachsamer Statthalter Verres? Weiter«, sagte er und wandte sich wieder an Vibius. »Was ist aus den Mannschaften dieser Spionageschiffe geworden?«

»Man hat sie in die Steinbrüche gebracht, Senator.«

»Und was ist da mit ihnen passiert?«

Vibius antwortete nicht.

Die Steinbrüche waren das furchterregendste Gefängnis Siziliens, wahrscheinlich der ganzen Welt -jedenfalls habe ich von keinem schlimmeren gehört. Es war auf etwa einhundertachtzig Schritten Länge und sechzig Schritten Breite in den massiven Fels gehauen und befand sich nördlich von Syrakus auf der befestigten Hochebene von Epipolae, von der man die ganze Stadt überblicken konnte. In diesem Höllenloch, aus dem kein Schrei nach außen dringen konnte, der sengenden Sommerhitze und den kalten Winterschauern schutzlos ausgeliefert, litten Verres' Opfer sowohl unter der Grausamkeit der Wachen wie den niederen Instinkten ihrer Mitgefangenen und starben einen qualvollen Tod.

Wegen seiner allseits bekannten Abneigung gegen alles Militärische ist Cicero von seinen Feinden oft Feigheit vorgeworfen worden, und sicher hatte er nicht die stärksten Nerven und war etwas verzärtelt, aber an diesem Tag, dafür kann ich mich verbürgen, zeigte er Mut. Er ging zurück zu Flavius' Haus und holte Lucius ab, während Frugi dort blieb und weiter die Steuerunterlagen durchforstete. Dann machten wir uns auf den Weg nach Epipolae. Mit der uns inzwischen überallhin folgenden Menge Syrakuser Bürger und lediglich bewaffnet mit unseren Spazierstöcken und Glabrios Vollmacht, stiegen wir den steilen Pfad hinauf. Wie immer waren die Nachricht von Ciceros Anmarsch und der Grund seines Kommens uns schon vorausgeeilt. Cicero drohte dem Hauptmann der Wachmannschaft in einer vernichtenden Tirade die schrecklichsten Konsequenzen an, sollte er seinen Forderungen nicht nachkommen, worauf dieser das Festungstor öffnete und uns auf das Plateau ließ. Als wir erst mal drin waren, verlangte Cicero, die Steinbrüche persönlich zu inspizieren - trotz allen Warnungen unsererseits, dass dies zu gefährlich sei.

Der riesige Kerker war schon vor über dreihundert Jahren unter der Herrschaft von Dionysios, dem Tyrannen von Syrakus, erbaut worden. Wachmänner mit brennenden Fackeln schlossen ein Eisentor auf und führten uns in einen Tunnel. Schimmel wucherte an dem glänzenden, von Kalk zerfressenen Fels, Ratten huschten im Dunkel hin und her, es stank nach Tod und Verwesung, das Schreien und Stöhnen der verlorenen Seelen war zu hören - wahrhaftig, das war der Abstieg in die Unterwelt, in den Orcus. Schließlich kamen wir zu einer zweiten eisernen Tür, und als man auch diese aufgeschlossen und die Riegel zur Seite geschoben hatte, betraten wir das eigentliche Gefängnis. Was für ein Anblick! Es war, als hatte ein Riese Hunderte gefesselter Gestalten in einen Sack gestopft und diesen dann über einem Loch ausgeleert. Das Licht war trübe, fast wie unter Wasser. Gefangene, wohin man auch schaute. Manche schlurften herum, andere standen in kleinen Gruppen zusammen, die meisten jedoch, gelblich bleiche Gerippe, lagen einfach auf dem Boden. Die Toten, die jeden Tag anfielen, waren noch nicht abtransportiert worden, aber es war ohnehin kaum möglich, die lebenden Skelette von den Toten zu unterscheiden.

Wir gingen ziellos zwischen den Körpern umher -den toten wie denen, die noch auf ihr Ende warteten, aber von den Toten nicht zu unterscheiden waren. Gelegentlich blieb Cicero stehen und fragte einen Mann nach seinem Namen, wobei er sich bücken musste, da er sonst die geflüsterte Antwort nicht verstanden hätte. Wir fanden keinen einzigen Römer, nur Sizilier. »Wer von euch ist römischer Bürger?«, rief er laut. »Ist irgendwer hier, den man von einem Schiff hierher gebracht hat?« Keine Antwort. Er drehte sich um, rief den Hauptmann der Wachen zu sich und verlangte die Gefängnisunterlagen zu sehen. Wie Vibius war auch er zwischen der Angst vor Verres und der Angst vor dem Sondererermittler hinund hergerissen, gab aber dem Druck Ciceros schließlich doch nach.

In die Felswände waren separate Zellen und Stollen geschlagen, in denen gefoltert und hingerichtet wurde und wo die Wachen aßen und schliefen. (Wie wir später feststellten, war die bevorzugte Hinrichtungsart die mit dem Würgeeisen.) Hier war auch die Gefängnisverwaltung untergebracht, falls man die als solche bezeichnen wollte. Man brachte uns Körbe mit feuchten, vermoderten Papyrusrollen, auf denen die Namen der Gefangenen sowie die Daten für Anfang und Ende der Haftzeit verzeichnet waren. Manche Männer waren als entlassen aufgeführt, doch hinter den Namen der meisten stand das gekritzelte sizilische Wort edikaiothesan, was hieß: »Todesstrafe vollstreckt«.

»Ich will den Namen von jedem Zugang während der drei Jahre, als Verres Statthalter war«, sagte er zu mir. Und zum Hauptmann: »Und du wirst mir hinterher mit deiner Unterschrift die Korrektheit der Angaben bestätigen.«

Während ich mich mit meinen beiden Gehilfen an die Arbeit machte, suchten Cicero und Lucius in den Listen nach römischen Namen. Obwohl die meisten Gefangenen in den »Steinbrüchen« während Verres' Amtszeit offenbar Sizilier gewesen waren, fanden sich auch viele Namen von Männern, die aus anderen Regionen des Mittelmeerraumes stammten: aus Spanien, Ägypten, Syrien, Kilikien, Kreta, Dalmatien. Als Cicero nach dem Grund ihrer Einkerkerung fragte, hieß es, sie seien Piraten gewesen - Piraten und Spione. Alle waren als »zum Tode verurteilt« aufgeführt, darunter auch der berüchtigte Piratenkapitän Heraclio. Die römischen Bürger unter den Gefangenen jedoch waren als »entlassen« verzeichnet - auch die beiden Männer aus Spanien, Publius Gavius und Lucius Herennius, von deren Hinrichtungen man uns erzählt hatte.

»Diese Aufzeichnungen sind Unsinn«, sagte Cicero leise zu Lucius. »Sie können nur falsch sein. Kein Mensch hat gesehen, wie Heraclio hingerichtet worden ist, dabei ist die Kreuzigung eines Piraten ein Schauspiel, das sich niemand entgehen lässt. Die Hinrichtung der beiden Römer haben jede Menge Leute gesehen. Sieht ganz so aus, als hätte Verres die beiden einfach ausgetauscht - die Mannschaften der Schiffe hat er töten lassen und die Piraten gegen ein fettes Lösegeld freigelassen. Wenn Gavius und Herennius ihm auf die Schliche gekommen sind, dann würde das erklären, warum Verres es so eilig damit hatte, sie hinzurichten.«

Lucius sah aus, als müsste er sich gleich übergeben. Den Sprung vom Studium philosophischer Bücher im sonnigen Rom zum Studium von Todeslisten beim Schein tropfender Kerzen zwischen nassen Felswänden fünfundachtzig Fuß unter der Erde musste man erst einmal verkraften. Wir beendeten unsere Arbeit, so schnell wir konnten. Nie war ich erleichterter gewesen, einen Ort verlassen zu können, als in dem Augenblick, als wir durch den Tunnel nach oben stiegen und in die Welt der Menschen zurückkehrten. Ich erinnere mich an diesen Nachmittag, als wäre es gestern und nicht vor über einem halben Jahrhundert gewesen. Eine leichte, von See hereinwehende Brise war aufgekommen, und wir stellten uns instinktiv mit dem Gesicht zum Wind und atmeten dankbar die kühle, klare Luft ein.

»Eins musst du mir versprechen«, sagte Lucius. »Solltest du jemals das Imperium innehaben, nach dem du dich so sehnst, dann darfst du solche Unmenschlichkeit, solches Unrecht niemals zulassen.«

»Ich schwöre es«, erwiderte Cicero. »Und versprich du mir, mein lieber Lucius, solltest du dich jemals fragen, warum rechtschaffene Männer der Philosophie entsagen und nach Macht in der realen Welt streben, dass du dich immer daran erinnern wirst, was du in den Steinbrüchen von Syrakus gesehen hast.«

*

Zu dieser Zeit - es war später Nachmittag, als wir die Steinbrüche verließen - herrschte dank Ciceros Aktivitäten große Aufregung in Syrakus. Die Menschenmenge, die uns den steilen Weg hinauf zum Gefängnis gefolgt war, nahm uns vor den Mauern von Epiolae wieder in Empfang. Sie war sogar noch größer geworden, da sich ihr einige der angesehensten Bürger der Stadt angeschlossen hatten, darunder der Oberpriester des Jupiter, der eigens seine geweihte Robe angelegt hatte. Dieses hohe geistliche Amt, das traditionell dem ranghöchsten Bürger von Syrakus vorbehalten war, hatte zu jener Zeit niemand anderer als Ciceros Klient Heraclius inne, der aus eigenem Entschluss und unter beträchtlichem persönlichem Risiko aus Rom angereist war, um uns zu unterstützen. Er bat Cicero im Namen des städtischen Senats, ihn umgehend in die Stadt zu begleiten, damit ihn die Honoratioren förmlich willkommen heißen konnten.

Cicero wusste nicht recht, was er tun sollte. Er hatte noch viel Arbeit in viel zu kurzer Zeit zu erledigen, und außerdem verstieß es gegen das Protokoll, dass ein römischer Senator ohne die Erlaubnis des Statthalters vor einer örtlichen Kammer sprach. Andererseits eröffnete es ihm eine gute Möglichkeit, seine Nachforschungen voranzutreiben. Er zögerte kurz, erklärte sich dann einverstanden, und wenige Minuten später marschierten wir mit unserer vielköpfigen Eskorte aus ergebenen Siziliern Richtung Stadt.

Die Senat war überfüllt. Unter einer vergoldeten Statue von Verres stand der ranghöchste Senator, der ehrwürdige Diodorus, hieß Cicero in griechischer Sprache willkommen und entschuldigte sich dafür, dass sie ihm bislang noch keinen Beistand geleistet hätten: Bis zu den Ereignissen des heutigen Tages hätten sie nicht geglaubt, dass er es tatsächlich ernst meinte. Beflügelt von den Eindrücken und Erlebnissen des Tages, hielt Cicero -ebenfalls auf Griechisch - eine brillante Stegreifrede, in welcher er versprach, sein Leben ganz der Aufgabe zu widmen, das den Menschen von Sizilien zugefügte Unrecht wiedergutzumachen. Unmittelbar nach der Rede stimmten die Senatoren von Syrakus fast einstimmig dafür, ihre Lobpreisung auf Verres zu widerrufen (die ihnen, so schworen sie, von Metellus abgepresst worden sei). Unter allgemeinem Jubel schlangen mehrere junge Männer Seile um den Hals der Verres-Statue und rissen sie um. Andere präsentierten uns - was wichtiger war - aus ihrem eigenen Geheimarchiv eine Fülle an neuem Beweismaterial, das sie über Verres' Verbrechen gesammelt hatten. Dazu gehörten Ungeheuerlichkeiten wie der Diebstahl von siebenundzwanzig unschätzbaren Porträts aus dem Tempel der Minerva - sogar die üppig verzierten Türen des Heiligtums waren abtransportiert worden! - sowie ein detailliertes Verzeichnis der Bestechungsgelder, die Verres in seiner Eigenschaft als Richter für Freisprüche gefordert hatte.

Inzwischen hatte die Nachricht von der Versammlung und dass man die Verres-Statue umgestürzt hatte, den Palast des Statthalters erreicht. Als wir den Senat verlassen wollten, war das Gebäude umstellt von römischen Soldaten. Die Versammlung wurde auf Metellus' Befehl aufgelöst, Heraclius verhaftet und Cicero zum sofortigen Rapport zum Statthalter zitiert. In diesen Minuten fehlte nicht viel, und es wäre zu blutigen Unruhen gekommen. Cicero sprang jedoch auf die Ladefläche eines Fuhrwerks und forderte die Sizilier auf, Ruhe zu bewahren. Metellus würde es nicht wagen, sich an einem römischen Senator zu vergreifen, der im Auftrag eines römischen Prätors handle. Allerdings fügte er nicht nur zum Spaß hinzu, dass es vielleicht nicht falsch wäre, sollte er bei Einbruch der Nacht nicht wieder unter ihnen weilen, Nachforschungen nach seinem Aufenthaltsort anzustellen. Dann stieg er von dem Wagen herunter, und wir ließen uns widerstandslos über die Brücke auf die Insel führen.

Das Geschlecht der Metelli näherte sich zu jener Zeit dem Zenit seiner Macht. Besonders der Zweig mit den drei Brüdern Quintus, Lucius und Marcus, die damals alle in den Vierzigern waren, schien dafür ausersehen, die Geschicke Roms auf Jahre hinaus zu bestimmen. Das Trio war, wie Cicero zu sagen pflegte, ein dreiköpfiges Monster, dessen mittlerer Kopf - der zweite Bruder Lucius - in vielerlei Hinsicht der gefährlichste war. Lucius Metellus empfing uns unter Aufbietung aller Insignien seines imperium im Prunksaal des Statthalterpalastes - ein imposanter, gut aussehender Mann, der unter den marmornen Blicken eines Dutzends seiner Vorgänger auf seinem kurulischen Stuhl saß, flankiert von seinen Liktoren, hinter ihm sein Quästor und seine Sekretäre, neben der Tür eine bewaffnete Wache.

Ohne sich zu erheben und ohne ein Wort der Einleitung sagte er: »Die Anstiftung einer Rebellion in einer römischen Provinz ist Hochverrat.«

»Es ist ebenfalls Hochverrat«, erwiderte Cicero, »das Volk und den Senat Roms zu beleidigen, indem man deren offiziellen Repräsentanten daran hindert, seine Pflicht zu erfüllen.«

»Ach ja? Was ist das für ein Repräsentant Roms<, der vor einem griechischen Senat eine Rede in dessen Muttersprache hält? Du ziehst durch die Provinz und stiftest überall Unruhe. Das werde ich nicht dulden! Unsere Garnison ist zu klein, um bei so vielen Einheimischen die Ordnung aufrechtzuerhalten. Mit deiner verfluchten Agitation machst du die Insel unregierbar.«

»Ich versichere dir, dass sich der Unmut gegen Verres richtet, nicht gegen Rom.«

»Verres!« Metellus schlug mit der Faust auf die Armlehne seines Stuhls. »Warum interessierst du dich plötzlich für Verres? Ich sage dir, warum. Du benutzt ihn, weil du die Chance witterst, damit deine Karriere befördern zu können, du mieser kleiner Stänkerer.«

»Schreib das auf, Tiro«, sagte Cicero, ohne seinen Blick von Metellus abzuwenden. »Ich will einen wörtlichen Bericht von diesem Gespräch. Derartige Einschüchterungsversuche werden von jedem Gericht zur Verhandlung zugelassen.«

Doch ich hatte viel zu viel Angst, um auch nur einen Finger zu rühren. Bei Ciceros letzten Worten war nämlich Metellus aufgesprungen, und die anderen Männer machten lautstark ihrem Unmut Luft. »Ich befehle dir«, sagte Metellus, »die heute Morgen gestohlenen Dokumente zurückzugeben!«

»Und ich möchte den Statthalter mit allem gebotenen Respekt daran erinnern«, erwiderte Cicero gelassen, »dass er sich nicht auf dem Exerzierplatz befindet, dass er es mit einem freien römischen Bürger zu tun hat und dass ich die Aufgabe, mit der man mich betraut hat, erfüllen werde!«

Metellus hatte die Fäuste in die Hüften gestemmt und stand mit leicht vorgeneigtem Oberkörper und vorgerecktem Kinn vor Cicero. »Du kannst die Dokumente jetzt zurückgeben, ohne großes Aufsehen, oder das Gericht wird dich morgen vor den Augen von ganz Syrakus dazu zwingen.«

»Ich ziehe es vor, meine Sache vor Gericht auszutragen, wie immer«, sagte Cicero und neigte kaum merklich den Kopf. »Besonders, da ich weiß, welch unparteiischen und rechtschaffenen Richter ich mit dir, Lucius Metellus, würdiger Erbe des Verres, haben werde.«

Ich versichere, dass ich dieses Gespräch exakt wiedergebe, da Cicero und ich es sofort nach Verlassen des Raumes - was sehr bald nach dem letzten Wortwechsel geschah - zu rekonstruieren begannen für den Fall, dass er tatsächlich Gelegenheit erhielte, es vor Gericht verwenden zu können. (Die exakte Abschrift befindet sich bis zum heutigen Tag bei seinen Unterlagen.)

»Das ist ja prächtig gelaufen«, witzelte er, aber seine Hände und seine Stimme zitterten. Es war jetzt klar, dass die ganze Mission und vielleicht sogar seine persönliche Sicherheit in höchster Gefahr waren. »Aber wenn du die Macht willst«, sagte er halb zu sich selbst, »und wenn du ein homo novus bist, dann musst du es genau so anpacken. Keiner überreicht dir die Macht einfach so auf dem Silbertablett.«

Wir kehrten sofort zu Flavius' Haus zurück und arbeiteten beim schwachen Schein qualmender sizilischer Kerzen und flackernder Öllampen die ganze Nacht durch, um für den morgigen Auftritt vor Gericht vorbereitet zu sein. Ehrlich gesagt war mir nicht klar, was Cicero überhaupt erwarten durfte - außer einer Demütigung. Metellus würde nie zu seinen Gunsten entscheiden, und außerdem, wie Cicero unter vier Augen ja schon zugegeben hatte, war das Recht aufseiten der Steuerpächter. Aber den Tapferen hilft das Glück, wie schon der edle Terentius sagt, und in jener Nacht war es zweifelsohne mit Cicero. Es war der junge Frugi, der den Durchbruch schaffte. Ich habe Frugi in dieser Erzählung nicht so oft erwähnt, wie er es eigentlich verdient hätte. Hauptsächlich deshalb, weil er den ruhigen, anständigen Typ verkörperte, der nur selten Anlass für eine Bemerkung gibt und erst auffällt, wenn er nicht mehr da ist. Er hatte schon den ganzen Tag über den Unterlagen der Steuerpächter gesessen und wollte auch am Abend, obwohl er sich Ciceros Erkältung eingefangen hatte, keinesfalls ins Bett, sondern stürzte sich stattdessen auf die Beweismittel, die der Senat von Syrakus zusammengetragen hatte. Es muss schon weit nach Mitternacht gewesen sein, als er plötzlich laut »Na also« rief und uns zu seinem Tisch winkte. Vor ihm lag eine Reihe von Wachstafeln, auf denen die Geldbewegungen des Steuerpächtersyndikats verzeichnet waren. Für sich genommen, hatte die Auflistung der Namen, Datumsangaben und geliehenen Beträge keine Aussagekraft. Doch als Frugi sie mit der Liste verglichen hatte, die der Syrakuser Senat von den Leuten erstellt hatte, die Bestechungsgelder an Verres zahlen mussten, ergab sich eine exakte Übereinstimmung: um zahlen zu können, hatten sie sich das Geld geliehen. Noch deutlicher wurde der Sachverhalt, als Frugi eine dritte Serie Wachstafeln vor uns ausbreitete, nämlich die mit den Eingangsbelegen des Steuerpächtersyndikats. An den gleichen Tagen waren exakt die gleichen Beträge von einer Person namens »Gaius Verrucius« wieder beim Syndikat eingezahlt worden. Die Identität des Einzahlers war so primitiv gefälscht worden, dass wir alle lachen mussten. Offensichtlich hatte der ursprüngliche Name »Gaius Verres« gelautet. Man hatte einfach die letzten beiden Buchstaben weggekratzt und durch »ucius« ersetzt.

»Verres hat also eine bestimmte Bestechungssumme gefordert«, sagte Cicero, dem man die Erregung jetzt deutlich anmerkte, »und hat obendrein von seinem Opfer verlangt, dass er sich das nötige Bargeld bei Carpinatius leiht, und das sicher zu einem horrenden Zinssatz. Dann hat er das Geld bei seinen Steuerpächterfreunden reinvestiert. Damit war sein Kapital nicht nur geschützt, es hat auch noch Profit abgeworfen! Ein gerissener Schurke! Gerissen, gierig und dumm!« Er legte ein kleines Freudentänzchen hin, schlang dann die Arme um den verlegenen Frugi und küsste ihn herzhaft auf beide Wangen.

Ich kann versichern, dass von all seinen Triumphen im Gerichtssaal der am nächsten Tag gewiss zu seinen süßesten gehörte - vor allem, weil er juristisch gar kein Sieg, sondern eine Niederlage war. Er wählte die für Rom bestimmten Beweisstücke aus, die Lucius, Frugi, Sositheus, Laurea und ich in Körben hinunter aufs Forum von Syrakus trugen, wo Metellus seinen Richterstuhl hatte aufstellen lassen. Eine riesige Menge Einheimischer war zusammengeströmt. Carpinatius saß schon auf seinem Stuhl und wartete auf uns. Er hielt sich für einen ziemlich gewieften Anwalt und präsentierte seinen Fall, indem er alle relevanten, seine These stützenden Gesetzesbestimmungen und Präzedenzfälle zitierte, dass nämlich Steuerunterlagen einer Provinz nicht beschlagnahmt werden dürfen. Ganz allgemein versuchte er den Eindruck zu erwecken, er sei nichts weiter als das gedemütigte Opfer eines übermächtigen Senators geworden. Cicero stand mit gesenktem Kopf da und spielte den Niedergeschlagenen so herrlich, dass ich mir nur mit Mühe das Lachen verkneifen konnte. Als er sich schließlich erhob, entschuldigte er sich für seine Handlungsweise, gestand sein Unrecht vor dem Gesetz ein, bat den Statthalter um Vergebung und versprach freudig, die Unterlagen an Carpinatius zurückzugeben, wobei - und hier machte er eine kurze Pause - es da allerdings eine kleine Sache gebe, die er nicht ganz verstünde und für dessen Klärung er sehr dankbar wäre. Er nahm eine der Wachstafeln in die Hand und betrachtete sie mit verwirrtem Gesichtsausdruck. »Wer ist eigentlich Gaius Verrucius?«

Der bis dahin zufrieden lächelnde Carpinatius sah von einer Sekunde auf die andere aus, als hätte man ihm aus kürzester Entfernung einen Pfeil in die Brust geschossen. Cicero verwies nun - mit einem Ausdruck der Verblüffung, als hätte er es hier mit einem Rätsel zu tun, das seinen Verstand bei weitem übersteige - auf die zufällige Übereinstimmung von Namen, Daten und Beträgen in den Unterlagen des Steuerpächtersyndikats und der vom Syrakuser Senat geführten Liste mit den Bestechungsopfern.

»Und da ist noch ein Punkt«, sagte Cicero in freundlichem Tonfall zu Carpinatius. »Dieser Herr, mit dem du so rege Geschäftsbeziehungen gepflegt hast, taucht in deinen Unterlagen erst auf, als sein Fast-Namensvetter Gaius Verres in Sizilien eingetroffen war. Und er taucht gar nicht mehr auf, nachdem Gaius Verres die Insel wieder verlassen hatte. Aber in den drei Jahren von Verres' Amtszeit war er dein größter Kunde.« Er hielt die Abrechnungen in die Höhe und zeigte sie den Zuschauern. »Und es ist sicher ein dummer Zufall -hier, seht! -, dass dem Sklaven, der deine Berichte kopiert, immer der Schreibgriffel verrutscht ist, wenn er seinen Namen geschrieben hat. Naja, was soll's. Ich bin sicher, das hat nichts zu bedeuten. Aber vielleicht kannst du dem Gericht jetzt einfach mitteilen, wer dieser Verrucius ist und wo man ihn finden kann.«

Carpinatius schaute hilflos zu Metellus, als jemand aus der Zuschauermenge rief: »Den gibt's gar nicht!« Und ein anderer schrie: »Einen Verrucius hat's in Sizilien nie gegeben! Das ist Verres!« Und die Menge fing an zu skandieren: »Verres! Verres! Verres!«

Cicero hob eine Hand, und die Menge verstummte. »Carpinatius behauptet, dass ich keine Dokumente der Provinz beschlagnahmen darf. Ich gebe zu, nach dem Gesetz hat er recht. Aber an keiner Stelle in den Gesetzen steht, dass ich keine Abschriften machen kann, solange sie korrekt sind und ordnungsgemäß beglaubigt werden. Was ich brauche, ist Hilfe. Wer ist bereit, mir bei der Abschrift dieser Dokumente zu helfen, damit ich sie nach Rom bringen und dieses Schwein Verres für seine Verbrechen gegen das sizilische Volk zur Rechenschaft ziehen kann?«

Unzählige Hände schossen in die Höhe. Metellus versuchte für Ruhe zu sorgen, doch seine Worte gingen im Lärm der hilfswilligen Menge unter. Zusammen mit Flavius suchte Cicero die angesehensten Männer der Stadt aus - Sizilier wie Römer - und bat sie, nach vorn zu kommen, wo jeder Freiwillige ein Dokument sowie eine Wachstafel und einen Griffel ausgehändigt bekam. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Carpinatius verzweifelt versuchte, durch die Menge zu Metellus vorzudringen, und wie Melius selbst mit verschränkten Armen vor seinem erhöhten Sitzplatz stand und wütend auf das Chaos in seiner Gerichtsverhandlung hinunterblickte. Schließlich drehte er sich abrupt um, ging eilig die Stufen hinauf und verschwand in dem Tempel hinter ihm.

Und damit endete Ciceros Sizilienreise. Sicher hätte Metellus nichts lieber getan, als Cicero festzunehmen oder ihn zumindest am Abtransport der Beweismittel zu hindern. Aber Cicero hatte schon zu viele Menschen aus der römischen wie sizilischen Bürgerschaft auf seine Seite gezogen. Hätte Metellus ihn festgesetzt, hätte das einen Aufstand verursacht. Und er verfügte nicht, das hatte er selbst gesagt, über genügend Soldaten, um die gesamte Bevölkerung in Schach zu halten. Am Spätnachmittag waren die Abschriften der Dokumente beglaubigt und versiegelt und wurden auf unser bewachtes Schiff im Hafen gebracht, wo sie neben den schon verladenen Truhen mit den anderen Beweisstücken verstaut wurden. Cicero blieb noch eine Nacht auf der Insel, während der er an einer Aufstellung mit den Namen der Zeugen arbeitete, die er in Rom zu präsentieren gedachte. Lucius und Frugi hatten sich bereit erklärt, in Syrakus zu bleiben, um deren Reise vorzubereiten.

Am nächsten Morgen kamen die beiden an die Anlegestelle, um sich von Cicero zu verabschieden. Im Hafen drängelte sich schon eine jubelnde Menge, an die Cicero letzte Worte des Dankes richtete. »Ich bin mir bewusst, dass ich im Bauch dieses zerbrechlichen Schiffes die Hoffnungen der ganzen Provinz mit mir führe. Ich werde alles für euch tun, was in meiner Macht steht, ich werde euch nicht im Stich lassen.« Dann half ich ihm an Deck, wo er sich mit tränennassen Augen zu den Menschen umwandte. Ich wusste natürlich, dass er als der vollendete Schauspieler, der er war, jede Emotion nach Belieben abrufen konnte, aber an diesem Tag waren seine Gefühle echt, da bin ich mir sicher. Wenn ich jetzt an diesen Tag zurückdenke, frage ich mich, ob er ahnte, dass er die Insel nie mehr betreten würde. Die Ruder senkten sich ins Wasser, und das Schiff löste sich von der Kaimauer. Die Gesichter an der Anlegestelle verschwammen, die Gestalten wurden kleiner und verschwanden schließlich ganz. Langsam glitt das Schiff durch den den Hafen hinaus in die Meerenge.

KAPITEL VIII

Die Rückreise von Regium nach Rom - diesmal ganz auf dem Landweg - war angenehmer als die Hinreise. Der Frühling war inzwischen angebrochen, auf dem Festland war es mild und freundlich. Nicht dass wir viel Gelegenheit hatten, uns an den Vögeln und Blumen zu erfreuen, denn Cicero arbeitete praktisch ununterbrochen. Er saß hinten im Wagen, mit einem Polster im Rücken, und entwarf trotz des ständigen Geschaukels ein Gerüst für den Prozess gegen Verres. Wenn er Dokumente aus dem Gepäckwagen brauchte, holte ich sie ihm, und wenn er mir diktierte, trabte ich neben dem Wagen her, was ziemlich mühsam war. Falls ich es richtig verstand, hatte er vor, die Masse an Beweisen auf vier separate Anklagepunkte zu verteilen -Bestechlichkeit als Richter, Erpressung bei der Eintreibung von Steuern und offizieller Abgaben, Plünderung von privatem und städtischem Besitz und schließlich gesetzwidrige und tyrannische Bestrafungen. Entsprechend sortierte er Zeugenaussagen und Beweisstücke. Außerdem begann er schon mit der Abfassung ganzer Passagen seiner Eröffnungsrede. (All das erledigte er ungeachtet des ständig schaukelnden Wagens. Er hatte nämlich nicht nur seinen Körper dafür ausgebildet, dass er den Belastungen seines Ehrgeizes standhielt, er hatte es auch durch schiere Willensanstrengung geschafft, sich von seiner Reisekrankheit zu kurieren. Im Lauf der Jahre erledigte er Unmengen an Arbeit, während er kreuz und quer durch Italien reiste.) Auf diese Weise führen wir in knapp zwei Wochen von Sizilien nach Rom, ohne dass er unterwegs genau wusste, wo wir gerade waren. Wir erreichten Rom in den Iden des März, exakt zwei Monate nachdem wir die Stadt verlassen hatten.

Hortensius war in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen und hatte eine komplizierte Scheinanklage auf den Weg gebracht. Wie von Cicero vermutet, war das Unternehmen zum Teil als Versuch gedacht gewesen, Cicero so früh wie möglich aus Sizilien wegzulocken. Dasianus hatte sich nicht die Mühe gemacht, wegen irgendwelcher Beweissicherung nach Griechenland zu reisen. Er hatte Rom nie verlassen. Allerdings hatte ihn das nicht daran gehindert am Gerichtshof für Erpressungen Klage gegen den früheren Statthalter von Achaea einzureichen, und der Prätor Glabrio, der vor Ciceros Rückkehr nichts unternehmen konnte, hatte kaum eine andere Wahl gehabt, als Dasianus gewähren zu lassen. Und so schwadronierte der von Hortensius aus der Bedeutungslosigkeit hervorgeholte Nichtskönner Dasianus Tag für Tag vor gelangweilten Geschworenen vor sich hin. Und wenn Dasianus erschlaffte und sein Redeschwall verebbte, sprang der »Tanzmeister« auf seine elegante Art ein und drehte auf dem Gerichtsboden mittels eigener, ausschweifend vorgetragener Argumente ein paar Pirouetten.

Quintus, schon immer ein findiger Stabsoffizier, hatte für Ciceros Wahlkampf für jeden Tag einen Terminplan entworfen. Als Cicero nach zwei Monaten Abwesenheit wieder sein Haus betrat, steuerte er als Erstes sein Arbeitszimmer an, um sich den Plan anzusehen, und erkannte mit einem Blick, was Hortensius beabsichtigte. Festtage, an denen das Gericht nicht zusammentrat, waren mit roten Punkten markiert. Zog man diese ab, blieben nur noch zwanzig volle Arbeitstage bis zum Beginn der sitzungsfreien Zeit des Senats. Die dauerte weitere zwanzig Tage, worauf direkt im Anschluss das fünftägige Fest der Flora folgte. Dann kamen der Tag des Apollo, die Tarentinischen Spiele, das Fest des Mars und so weiter. Grob geschätzt kamen auf vier Tage ein Feiertag. »Einfach ausgedrückt«, sagte Quintus, »bedeutet das Folgendes: So wie das bis jetzt läuft, schafft es Hortensius problemlos, das Gericht bis kurz vor den Konsulatswahlen Ende Juli zu beschäftigen. Danach ist deine eigene Wahl zum Ädil Anfang August. Das früheste wahrscheinliche Datum, an dem wir vor Gericht ziehen können, ist der fünfte. Und dann fangen Mitte August Pompeius' Spiele an - und die sind auf volle fünfzehn Tage angesetzt. Und dann sind da natürlich noch die Römischen Spiele und die Plebejischen Spiele ...«

»Verdammt«, rief Cicero aus und schaute sich den Kalender an. »Tut eigentlich irgendwer in dieser erbärmlichen Stadt noch was anderes, als dabei zuzuschauen, wie sich Menschen und Tiere gegenseitig abschlachten?« Die Hochstimmung, in der er sich auf dem ganzen Weg von Syrakus nach Rom befunden hatte, schien in diesem Augenblick wie weggeblasen. Es war, als hätte man mit einer Nadel in eine Blase gestochen. Er war kampfbereit nach Hause gekommen und musste nun erkennen, dass Hortensius viel zu gerissen war, um ihm in offener Gerichtsschlacht gegenüberzutreten. Abblocken und zermürben, so sah dessen Taktik aus. Eine geschickte Taktik, wusste doch jeder, dass Ciceros finanzielle Mittel bescheiden waren. Je länger er brauchte, um den Fall vor Gericht zu bringen, desto mehr Geld würde ihn das kosten. In ein oder zwei Tagen würden unsere ersten Zeugen aus Sizilien eintreffen. Sie erwarteten natürlich, dass man ihnen Reise und Unterkunft bezahlte und außerdem für ihren Verdienstausfall aufkam. Obendrein musste Cicero seinen Wahlkampf für das Ädilat finanzieren. Und angenommen, er würde die Wahl gewinnen, dann müsste er auch noch das Geld auftreiben, das ihn das eine Jahr im Amt kosten würde. Schließlich waren öffentliche Gebäude zu unterhalten und zwei weitere offizielle Spiele zu veranstalten. Er konnte es sich nicht leisten, bei diesen Aufgaben zu knausern: Einem Geizkragen verziehen die Wähler nie.

Es blieb ihm also nichts anderes als eine weitere peinvolle Sitzung mit Terentia. Am Abend seiner Rückkehr aus Syrakus aßen sie zusammen. Im Lauf des Abends ließ Cicero mich ins Speisezimmer rufen und sagte, ich solle ihm den Entwurf seiner Eröffnungsrede bringen. Terentia lag steif auf ihrer Liege und stocherte gereizt in ihrem Essen herum, während Cicero seinen Teller nicht mal angerührt hatte. Ich gab ihm die Aktentasche und war froh, dass ich gleich wieder verschwinden konnte. Schon jetzt war die Rede so ausgeufert, dass er mindestens zwei Tage gebraucht hätte, um sie vorzutragen. Später hörte ich, wie er auf und ab ging und ihr daraus vorlas. Mir wurde plötzlich klar, dass sie ihm eine Art Generalprobe des Prozesses abverlangte, bevor sie ihm noch mehr Geld vorschoss. Anscheinend hatte ihr Ciceros Vorstellung gefallen, denn am nächsten Morgen sorgte Philotimus dafür, dass uns ein Kredit von weiteren fünfzigtausend Sesterzen eingeräumt wurde. Cicero empfand den Vorgang als Demütigung, jedenfalls beschäftigte er sich nach meiner Erinnerung seit jener Zeit zunehmend mit dem Thema Geld, einem Thema, das ihn davor nie auch nur im Geringsten interessiert hatte.

Ich bin jetzt schon bei meiner achten Rolle Hieratica und habe das Gefühl, dass ich Zeit vergeude. Ich muss meiner Geschichte etwas Beine machen, sonst werde ich entweder über meiner Arbeit sterben oder langweile den Leser zu Tode. Man sehe mir also nach, wenn ich die nächsten vier Monate im Eiltempo abhandle. Cicero war genötigt, noch harter als sonst zu arbeiten. Morgens musste er sich als Erstes um seine Klienten kümmern. (Natürlich waren durch die Sizilienreise eine Menge Fälle aufgelaufen, die jetzt abgearbeitet sein wollten.) Dann musste er sowohl vor Gericht wie auch im Senat erschienen, die beide tagten. Im Senat hielt er sich bedeckt, vor allem, weil er nicht in ein Gespräch mit Pompeius Magnus verwickelt werden wollte, in dessen Verlauf dieser ihn vielleicht bitten könnte, die Anklage gegen Verres wie auch seine Kandidatur für das Ädilatsamt fallen zu lassen, oder - noch schlimmer - ihm seine Hilfe anbieten könnte, wodurch er dem mächtigsten Mann Roms zu Dank verpflichtet wäre. Und das war eine Verpflichtung, die er unbedingt vermeiden wollte. Nur wenn an öffentlichen Feiertagen und während Sitzungspausen Gerichte und Senat nicht zusammentraten, konnte er sich ganz auf den Verres-Fall konzentrieren. Dann sichtete und straffte er Beweismaterial und instruierte Zeugen. Wir schafften nach und nach über einhundert Sizilier nach Rom, die fast alle zum ersten Mal in der Stadt waren und jemanden brauchten, der sie an die Hand nahm - was meine Aufgabe war. Ich wurde zu einer Art Einmannreiseunternehmer, der dauernd in der Stadt unterwegs war, damit seine Kunden nicht Verres' Spionen in die Fänge gerieten oder sich betranken oder in Schlägereien verwickelt wurden - ein heimwehkranker Sizilier, das darf man mir glauben, ist kein einfacher Kunde. Ich war erleichtert, als Frugi aus Syrakus eintraf und mir zur Hand gehen konnte. (Vetter Lucius blieb in Sizilien, damit der Nachschub an Beweisen und Zeugen nicht ins Stocken geriet.) Und schließlich nahm Cicero auch seine Besuche in den Hauptquartieren der Wahlbezirke wieder auf, um für seine Wahl zum Ädil zu trommeln, was er meist am frühen Abend in Begleitung von Quintus erledigte.

Hortensius war ebenfalls aktiv. Mittels seines Sprachrohrs Dasianus hielt er den Gerichtshof für Erpressungen mit seiner öden Anklage auf Trab. Sein Vorrat an Gerissenheit war wirklich unerschöpflich. Zum Beispiel kannte seine Freundlichkeit gegenüber Cicero keine Grenzen. Wann immer sie im Senaculum des Senats auf die Eröffnung der Sitzung warteten, begrüßte er ihn und nahm ihn für ein paar vertrauliche Worte über die allgemeine politische Lage beiseite. Anfangs fühlte Cicero sich geschmeichelt, doch dann erfuhr er, dass Hortensius und seine Anhänger das Gerücht streuten, die Geschworenen und Cicero hätten sich mit einer riesigen Summe dafür bestechen lassen, die Anklage absichtlich scheitern zu lassen - deshalb auch die Vertraulichkeiten in aller Öffentlichkeit. Als unseren überall in der Stadt in Mietskasernen eingepferchten Zeugen die Gerüchte zu Ohren kamen, gerieten sie in Panik wie Hühner, wenn der Fuchs um den Stall streicht. Cicero musste jeden einzelnen besuchen und beruhigen. Als Hortensius das nächste Mal mit ausgestreckter Hand auf ihn zuging, drehte er sich einfach um. Hortensius lächelte und zuckte mit den Achseln - was soll's, für ihn lief ohnehin alles nach Wunsch.

Ich sollte an dieser Stelle vielleicht noch etwas mehr über jenen bemerkenswerten Mann erzählen, den »König der Gerichtshöfe«, wie ihn seine Anhänger nannten, dessen Rivalität mit Cicero die römische Anwaltschaft eine Generation lang in Atem hielt. Die Grundlage seines Erfolgs war sein Gedächtnis. In seinen mehr als zwanzig Jahren als Anwalt hatte man nie erlebt, dass er Notizen nötig gehabt hatte. Es bereitete ihm keine Mühe, eine vierstündige Rede auswendig zu lernen und perfekt vorzutragen, ob im Senat oder auf dem Forum. Und dieses phänomenale Erinnerungsvermögen war nicht das Ergebnis nächtelangen, stumpfsinnigen Paukens, er konnte es jederzeit aus dem Stand demonstrieren. Er besaß die beängstigende Fähigkeit, sich an alles, was seine Gegner gesagt hatten - sei es bei einer Zeugenaussage oder einem Kreuzverhör -, erinnern zu können, und er konnte es ihnen, wann immer es ihm nötig erschien, wieder an den Kopf schleudern. Er glich einem doppelt bewaffneten Gladiator, dessen Arena der Gerichtssaal war. Er attackierte mit Schwert und Dreizack, er schützte sich mit Wurfnetz und Schild. In jenem Sommer war er vierundvierzig Jahre alt und lebte mit seiner Frau und seinen beiden halbwüchsigen Kindern, einem Sohn und einer Tochter, auf dem Palatin in einem exquisit eingerichteten Haus direkt neben seinem Schwager Catulus. Exquisit - das war das auf Hortensius zutreffende Wort: exquisite Umgangsformen, exquisit gekleidet, frisiert, parfümiert, exquisit in seinem Geschmack bei allen schönen Dingen. Nie kam ihm ein grobes Wort über die Lippen. Aber er hatte ein gewohnheitsmäßiges Laster, und das war seine Gier, die ungeheuerliche Ausmaße angenommen hatte: der Palast in der Bucht von Neapel; der Privatzoo; der Keller, in dem zehntausend Fässer mit erlesenen Weinen lagerten; das Gemälde von Cydias, das er für hundertfünfzigtausend Sesterzen gekauft hatte; die mit Juwelen behängten Aale in seinem Fischteich; die Bäume, die er mit Wein besprengen ließ; er war der Erste, der seinen Gästen Pfau servieren ließ -alle Welt kannte die Geschichten. Diese Extravaganz hatte ihn in die Verbindung mit Verres getrieben, der ihn seitdem mit gestohlenen Geschenken überschüttete - das bekannteste war eine unschätzbar wertvolle, aus einem einzigen Stück Elfenbein geschnitzte Sphinx - und der außerdem seinen Wahlkampf für das Konsulat finanzierte.

Die Konsulatswahl war für den siebenundzwanzigsten Juli festgesetzt worden. Am dreiundzwanzigsten sprachen die Geschworenen des Gerichtshofes für Erpressungen den ehemaligen Statthalter von Achaea von allen Anklagepunkten frei. Cicero, der sich von der Arbeit an seiner Eröffnungsrede losgerissen hatte und in den Senat geeilt war, um das Urteil der Geschworenen zu hören, registrierte teilnahmslos, dass Glabrio den Beginn der Anhörungen im Fall Verres auf den fünften August festsetzte. »Ich gehe davon aus, dass deine Ausruhrungen dann etwas knapper ausfallen werden«, sagte er zu Hortensius, der diese Bemerkung mit einem blasierten Grinsen quittierte. Jetzt mussten nur noch die Geschworenen ausgewählt werden, was am folgenden Tag erledigt wurde. Das Gesetz sah vor, dass zweiunddreißig durch das Los zu bestimmende Senatoren als Geschworene fungierten. Jede Seite war berechtigt, sechs davon abzulehnen. Doch selbst als Cicero sein Kontingent aufgebraucht hatte, sah er sich immer noch einer beängstigenden Anzahl feindseliger Geschworener gegenüber, zu denen einmal mehr Catulus und dessen Schützling Catilina gehörten wie auch der andere große alte Mann des Senats, Servilius Vatia Isauricus, und zu allem Überfluss Marcus Metellus. Außer diesen verknöcherten Aristokraten konnten wir auch Zyniker wie Aemilius Alba, Marcus Lucretius und Antonius Hybrida von vornherein abschreiben, da die ihre Stimme unweigerlich an den höchsten Bieter verscherbeln würden - und Verres war nach wie vor sehr freigebig. Ich glaube, erst an jenem Tag, als ich nach der Vereidigung der Geschworenen Hortensius' Gesicht gesehen habe, ist mir die wahre Bedeutung der alten Redensart »grinsen wie ein Honigkuchenpferd« aufgegangen. Ihm würde alles in den Schoß fallen: das Konsulat und obendrein - dessen war er sich nun auch sicher -der Freispruch für Verres.

Die folgenden Tage waren die nervenaufreibendsten, die Cicero als Person des öffentlichen Lebens je durchgemacht hatte. Am Morgen der Konsulatswahlen war er so mutlos, dass er sich kaum aufraffen konnte, zur Stimmabgabe aufs Marsfeld zu gehen. Aber natürlich musste er sich den Menschen als aktiver Bürger zeigen. Schon beim ersten Trompetenstoß und dem Hissen der rote Flagge über dem Janiculum-Hügel war es keine Frage, wer die Wahl gewinnen würde. Hortensius und Quintus Metellus wurden von Verres und seinem Gold, von den Aristokraten und von Pompeius' und Crassus' Anhängern unterstützt. Dennoch herrschte zu solchen Anlässen immer eine Art Renntagsatmosphäre. Im morgendlichen Sonnenschein strömten die Kandidaten und ihre Anhänger aus der Stadt zu den Wahlurnen, und die umtriebigen Ladenbesitzer bestückten ihre Verkaufsstände mit Wein und Würsten, Würfelspielen und Sonnenschirmen und was man sonst noch alles zu einem kurzweiligen Wahltag benötigte. Wie es uralter Brauch vorschrieb, stand der scheidende erste Konsul Pompeius mit einem Auguren an seiner Seite am Eingang des Zeltes für den Wahlleiter. Als alle Kandidaten für die Konsuln-und Prätorenämter, vielleicht zwanzig Senatoren, in ihren weißen Togen Aufstellung genommen hatten, stieg Pompeius auf das Podium und sprach das traditionelle Gebet. Danach begann die Abstimmung, und die Wähler hatten nun nichts mehr zu tun, als schwatzend herumzustehen, bis sie an die Reihe kamen.

Das war die alte Republik in Aktion. Alle Männer stimmten im Verbund ihrer Zenturien ab, wie in früheren Zeiten, als sie als Soldaten ihren Heerführer gewählt hatten. Jetzt, da das Ritual bedeutungslos geworden ist, kann man kaum noch vermitteln, wie bewegend dieses Schauspiel war, selbst für einen Sklaven wie mich, der kein Wahlrecht hatte. Es verkörperte etwas Wunderbares - einen plötzlichen Impuls des menschlichen Geistes, der vor einem halben Jahrtausend in den unbeugsamen Menschen aufflackerte, die inmitten der harten Felsen und dem weichen Marschland der Sieben Hügel gelebt hatten: ein Impuls, der zum Licht der Würde und Freiheit drängte, weg von der Dunkelheit viehischer Abhängigkeit. Und diesen Impuls haben wir verloren. Nicht dass es sich dabei um eine reine Demokratie gehandelt hätte, wie sie uns Aristoteles beschrieben hatte, ganz und gar nicht. Die Rangfolge unter den Zenturien, von denen es einhundertdreiundneunzig gab, wurde durch den Reichtum ihrer Mitglieder bestimmt. Die wohlhabendsten Schichten wählten stets zuerst und verkündeten immer das Ergebnis: ein entscheidender Vorteil. Diese Zenturien profitierten auch davon, dass sie nur wenige Mitglieder hatten, während es in den Zenturien der riesigen Elendsviertel wie zum Beispiel Subura vor Menschen wimmelte. Folglich zählte die Stimme eines Reichen mehr als die eines Armen. Trotzdem, es war die Freiheit, wie sie seit Hunderten von Jahren praktiziert wurde, und an jenem Tag auf dem Marsfeld wäre niemandem im Traum eingefallen, dass er es erleben würde, sie zu verlieren.

Zwei Stunden vor Vormittag, es begann langsam heiß zu werden, wurde Ciceros Zenturie aufgerufen. Sie war eine von zwölf Zenturien, deren Mitglieder ausschließlich dem Ritterstand angehörten. Er schlenderte mit seinen Kollegen in die mit Seilen abgesperrte Zone, bearbeitete aber die Menschen jenseits der Absperrung auf die ihm eigene Art und Weise weiter - mit einem Wort hier, einer Berührung des Ellbogens dort. Dann bildeten sie eine Schlange und gingen im Gänsemarsch an einem Tisch vorbei, wo Schreiber die Namen überprüften und die Abstimmungstafeln aushändigten. Wenn es zu Annäherungsversuchen kam, dann in der Regel hier, weil die Parteigänger der Kandidaten an dieser Stelle ganz nah an die Wähler herankamen und ihnen Versprechungen oder Drohungen zuflüstern konnten. Diesmal blieb jedoch alles ruhig. Ich sah, wie Cicero über die schmale Holzbrücke ging und hinter der Bretterwand verschwand, um seine Stimme abzugeben. Als er auf der anderen Seite wieder auftauchte, ging er an den unter einem Baldachin wartenden Kandidaten und deren Freunden vorbei, blieb kurz stehen, um mit Palicanus zu plaudern -der Exvolkstribun mit der etwas derberen Ausdrucksweise kandidierte für eines der Prätorenämter -, und verließ den abgesperrten Bereich, ohne Hortensius oder Metellus eines weiteren Blickes zu würdigen.

Wie alle Zenturien vor ihr stimmte auch Ciceros Zenturie für die offizielle Kandidatenliste: Hortensius und Metellus als Konsuln, Marcus Metellus und Palicanus als Prätoren. Jetzt ging es nur noch darum, so lange zu wählen, bis eine absolute Mehrheit erreicht war. Die Ärmeren wussten natürlich, dass ihre Stimme auf den Ausgang keinen Einfluss hatte. Aber die Würde des Wahlprivilegs ließ sie geduldig den ganzen Tag in der Sonne ausharren, bis sie an der Reihe waren, um über die Holzbrücke gehen und ihre Stimme abgeben zu können. Wir wanderten an den Schlangen entlang, wobei Cicero um Stimmen für seine Wahl zum Ädil warb. Es war beeindruckend, wie viele Menschen Cicero persönlich kannte - nicht nur die Wähler selbst, er kannte auch die Namen ihrer Frauen und wie viele Kinder und welchen Beruf sie hatten: und das alles, ohne dass ich sie ihm einflüstern musste. Gegen elf Uhr, als sich die Sonne gerade dem Janiculum-Hügel zuzuneigen begann, wurde die Wahl unterbrochen, und Pompeius verkündete die Sieger. Bei der Wahl zum Konsul hatte Hortensius vor Quintus Metellus gewonnen, für das Prätorenamt hatte Marcus Metellus die meisten Stimmen erhalten. Während die Sieger von ihren jubelnden Anhängern umringt wurden, konnten wir beobachten, wie zum ersten Mal an diesem Morgen der Rotschopf des Gaius Verres in der vordersten Reihe auftauchte. »Der Puppenspieler macht seine Aufwartung«, bemerkte Cicero. Die Aristokraten schüttelten ihm die Hand und klopften ihm auf die Schultern, man hätte meinen können, er wäre gerade zum Konsul gewählt worden. Scribonius Curio, ein ehemaliger Senator, umarmte Verres und sagte so laut, dass jeder es hören konnte: »Mit dem Ergebnis der Wahl steht wohl fest, dass dein Freispruch nur noch Formsache ist.«

Nur wenigen Kräften in der Politik kann man schwerer widerstehen als dem Gefühl, dass etwas unvermeidlich ist. Die Menschen sind nun mal Herdentiere, wie Schafe zieht es sie immer in die sichere Nähe des Stärksten, des Siegers. Wohin man auch hörte, alle waren einer Meinung: Cicero war erledigt, am Ende, die Aristokraten waren wieder obenauf, kein senatorischer Geschworener würde Gaius Verres je verurteilen. Aemilius Alba, der sich für einen geistreichen Kopf hielt, erzählte jedem, dem er über den Weg lief, dass er ganz verzweifelt sei: Der Kurs für Verres-Geschworene sei so tief gesunken, dass er für seine Stimme höchstens noch dreitausend Sesterzen rausholen könne. Die Aufmerksamkeit richtete sich nun auf die bevorstehenden Wahlen zum Ädilat, und es dauerte nicht lange, bis Cicero merkte, dass Verres hinter den Kulissen auch da mitmischte. Ranunculus, ein berufsmäßiger Wahlkampfleiter, der Cicero wohlgesinnt war und später von ihm angeheuert wurde, berichtete diesem, dass Verres alle wichtigen Stimmenkäufer zu einem nächtlichen Treffen in sein Haus eingeladen und für jeden, der seinen Wahlbezirk dazu bringe, Cicero nicht zu wählen, fünftausend Sesterzen ausgelobt hätte. Ich sah Cicero und seinem Bruder an, dass sie beunruhigt waren. Aber es kam noch schlimmer. Kurz darauf, am Vortag der Wahlen, trat der Senat unter Vorsitz von Crassus zusammen, um per Losentscheid zu bestimmen, welchen Gerichtshof jeder der designierten Prätoren nach seinem Amtsantritt im Januar übernehmen würde. Bei seiner Rückkehr aus der Kammer - ich hatte ihn nicht begleitet - sah Cicero blass und müde aus.

Das Unglaubliche war geschehen: Marcus Metellus, den das Los schon zum Geschworenen im Verres-Prozess bestimmt: hatte, war auch noch der Vorsitz des Gerichtshofes für Erpressungen zugelost worden.

Selbst in seinen schlimmsten Träumen hatte Cicero damit nicht gerechnet. Er war so schockiert, dass er fast kein Wort herausbrachte. »Du hättest den Aufschrei im Saal hören sollen«, sagte er flüsternd zu Quintus. »Crassus muss die Ziehung manipuliert haben. Jeder glaubt das, aber keiner weiß, wie. Dieser Kerl gibt keine Ruhe, bis er mich als gebrochenen und zahlungsunfähigen Mann ins Exil gejagt hat.« Er schleppte sich ins Arbeitszimmer und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Es war der dritte August, ein drückend heißer Tag. Man wusste kaum, wo man den Fuß hinsetzen sollte, überall auf dem staubigen Boden lagen Aktenstapel aus dem Verres-Fall herum: Steuerunterlagen, eidesstattliche Erklärungen, Zeugenaussagen. (Und das war nur ein Teil des Materials: Das meiste lagerte in verschlossenen Kisten im Keller.) Die Entwürfe für seine weitschweifige Eröffnungsrede, die immer wahnwitzigere Ausmaße annahm, bedeckte in wankenden Papyrusstapeln sein ganzes Schreibpult. Sie niederzuschreiben, hatte ich schon lange aufgegeben. Nur Cicero wusste, wie man sie noch zu einem logischen Ganzen zusammenfügen konnte, wenn überhaupt. Er saß da und massierte mit den Fingerspitzen seine Schläfen. Mit krächzender Stimme bat er mich um einen Schluck Wasser. Ich wollte das Zimmer gerade verlassen, als ich ein Stöhnen und dann einen dumpfen Schlag hörte. Ich drehte mich um und sah, wie er vornübergekippt auf seinem Stuhl saß, er hatte sich an der Pultkante den Kopf angeschlagen. Im nächsten Augenblick waren Quintus und ich bei ihm. Seine Backen waren leichenblass, leuchtend rotes Blut tropfte von seiner Nase, der schlaffe Mund stand offen.

Quintus geriet in Panik. »Los, hol Terentia«, rief er. »Schnell!«

Ich lief nach oben zu ihrem Zimmer, klopfte und sagte, dass es Cicero nicht gut gehe. Sie kam sofort heraus, lief nach unten und übernahm auf bewundernswerte Weise sogleich das Kommando. Inzwischen war Cicero wieder halbwegs bei Bewusstsein und saß mit dem Kopf zwischen den Knien auf dem Stuhl. Terentia kniete sich neben ihn auf den Boden, verlangte nach Wasser, zog dann einen Fächer aus dem Ärmel und fing an, ihm heftig Luft zuzufächeln. Quintus hatte inzwischen meine beiden Gehilfen losgeschickt, um irgendwo in der Nachbarschaft einen Arzt aufzutreiben. Kurze Zeit später tauchten beide mit je einem griechischen Arzt im Schlepptau wieder auf. Die elenden Quacksalber bekamen sich augenblicklich über die Frage in die Haare, was zu tun sei: Abführmittel oder Aderlass? Terentia warf beide aus dem Haus -nicht ohne sie vorher scharf zu ermahnen, kein Wort über das Gesehene verlauten zu lassen. Sie verwarf auch Quintus' Vorschlag, Cicero sofort ins Bett zu stecken. Sollte das bekannt werden, dann würde aus der schon jetzt weitverbreiteten Annahme, ihr Mann sei am Ende, schnell eine gesicherte Tatsache. Sie fasste ihn unter, half ihm aufzustehen und führte ihren unsicher einen Fuß vor den anderen setzenden Ehemann hinaus ins Atrium, wo die Luft nicht ganz so stickig war. Quintus und ich folgten ihnen. »Du bist nicht am Ende!«, hörte ich sie mit fester Stimme sagen. »Du hast einen Prozess zu führen, reiß dich zusammen!« Cicero brummte irgendeine Antwort.

»Das ist alles gut und schön, Terentia«, platzte es aus Quintus heraus. »Aber das Neueste weißt du ja noch gar nicht.« Und dann erzählte er ihr von Marcus Metellus' Ernennung zum Vorsitzenden des Gerichtshofes für Erpressungen und welche Konsequenzen das hätte. Mit Metellus als Pächter hätten sie nicht die geringste Chance auf einen Schuldspruch, was bedeutete, dass ihre einzige Hoffnung jetzt sei, die Anhörung bis Ende Dezember abzuschließen. Das aber sei angesichts von Hortensius' Geschick, jedes Verfahren endlos in die Länge zu ziehen, so gut wie unmöglich. Für die Menge an Beweisen reiche einfach die Zeit nicht. Sie hätten bis zum Beginn von Pompeius' Spielen gerade mal zehn Gerichtstage, und die würde schon fast Ciceros Eröffnungsrede beanspruchen. Er hätte also gerade mal seinen Fall skizziert, dann würde das Gericht für den größten Teil des Monats die Verhandlung aussetzen, und danach hätten die

Geschworenen Ciceros brillante Argumente schon wieder vergessen. »Nicht dass das eine große Rolle spielte«, setzte Quintus düster hinzu. »Die meisten stehen jetzt schon auf Verres' Lohnliste.«

»Er hat recht«, sagte Cicero. Als sei er in dieser Sekunde erst wieder zu sich gekommen und würde gerade feststellen, wo er sich überhaupt befand, schaute er sich verwirrt um. »Ich muss meine Kandidatur zurückziehen«, murmelte er. »Eine Niederlage wäre schon demütigend genug, aber zu gewinnen und dann nicht die Mittel zu haben, um seinen Amtspflichten nachzukommen, das wäre noch demütigender.«

»Jammerlappen«, sagte Terentia wütend und ließ ruckartig Ciceros Arm los. »Wenn du schon beim ersten Rückschlag klein beigibst, ohne dich auch nur zu wehren, dann hast du nicht verdient, gewählt zu werden.«

»Meine Liebe«, sagte Cicero in flehendem Tonfall und drückte die Hand gegen die Stirn. »Wenn du mir erklärst, wie ich die Zeit besiegen soll, dann werde ich mich auf der Stelle wehren. Was soll ich tun, wenn ich nur zehn Tage habe, um meine Anklage vorzutragen, und die Verhandlung dann wochenlang unterbrochen ist?«

Terentia beugte sich so weit zu ihm vor, dass ihr Gesicht nur wenige Zentimeter von seinem entfernt war. »Dann streich sie zusammen, deine Rede!«, zischte sie.

*

Nachdem sich seine Frau wieder in ihre Räume zurückgezogen hatte, ging der von seinem Nervenzusammenbruch immer noch geschwächte Cicero in sein Arbeitszimmer, setzte sich auf seinen Stuhl und starrte lange Zeit die Wand an. Wir ließen ihn allein. Kurz vor Sonnenuntergang kam Sthenius zu Besuch und erzählte, dass Quintus Metellus alle Zeugen aus Sizilien zu sich bestellt habe und dass ein paar von den Ängstlichen dumm genug gewesen seien zu gehorchen. Einer hatte Sthenius ausführlich berichtet, dass Metellus versucht habe, sie unter Druck zu setzen, damit sie ihre Aussagen zurückzögen. »Ich bin der designierte Konsul«, hatte er gewettert. »Einer meiner Brüder ist Statthalter von Sizilien, der andere wird den Vorsitz im Gerichtshof für Erpressungen übernehmen. Es sind schon zahlreiche Vorkehrungen getroffen worden, die verhindern werden, dass Verres zu Schaden kommt. Wir werden nicht vergessen, wer sich gegen uns gestellt hat.« Ich notierte mir den genauen Wortlaut auf einem Täfelchen und betrat vorsichtig Ciceros Arbeitszimmer. Er saß genau so da, wie ich ihn vor Stunden verlassen hatte. Ich las ihm vor, was Metellus gesagt hatte, doch er reagierte nicht.

Sein Zustand beunruhigte mich jetzt ernsthaft, und ich hätte wohl wieder seinen Bruder oder seine Frau geholt, wäre sein Geist aus den Sphären, in denen er geschwebt hatte, nicht plötzlich wieder zu uns zurückgekehrt. Ohne den starren Blick von der Wand zu wenden, sagte er in grimmigem Tonfall: »Geh zu Pompeius und melde mich für heute Abend bei ihm an.« Als ich nicht sofort reagierte, weil mir der Gedanke kam, dass dies nur ein neues Symptom seiner Unpässlichkeit sei, herrschte er mich an: »Na los!«

Es war nicht weit bis zu Pompeius, sein Haus lag im gleichen Viertel am Esquilin wie das von Cicero. Die Sonne war gerade untergegangen, aber es war immer noch hell und schwülheiß, und von Osten blies eine bleiern sanfte Brise - die im Hochsommer schlimmstmögliche Kombination, weil so der Gestank der verwesenden Leichen vom öffentlichen Friedhof von jenseits der Stadtmauer bis in unser Viertel drang. Ich glaube, das Problem ist heute nicht mehr so akut, aber damals war die Porta Esquilina der Ort, wo man alles ablud, was tot und keiner Beerdigung wert war - Katzen, Hunde, Pferde, Esel, Sklaven, arme Leute, Totgeburten. Alles lag durcheinander und verrottete zusammen mit dem Hausmüll. Der Gestank lockte immer große Schwärme kreischender Möwen an, und ich weiß noch, dass er an diesem Abend besonders stechend war, ein ranziger, alles durchdringender Geruch, den man nicht nur roch, sondern auch auf der Zunge schmeckte.

Pompeius' Haus war viel pompöser als das von Cicero. Vor der Eingangstür waren zwei Liktoren postiert, von der anderen Straßenseite gafften ein paar Schaulustige herüber. An der Hauswand stand ein halbes Dutzend überdachter Sänften, deren Träger auf dem Boden hockten und würfelten -Hinweis darauf, dass eine große Abendgesellschaft im Gang war. Ich übergab meine Nachricht dem Türwächter, der im Haus verschwand und kurze Zeit später mit Palicanus zurückkam. Der designierte Prätor wischte sich mit einer Serviette das fettige Kinn ab. Er erkannte mich, fragte, worum es ginge, und ich übermittelte ihm Ciceros Wunsch. »Na endlich«, sagte Palicanus auf seine direkte Art. »Sag ihm, dass der Konsul ihn sofort empfangen wird.«

Cicero muss gewusst haben, dass Pompeius ihn empfangen würde, denn als ich zurückkam, hatte er sich schon umgezogen und war startbereit. Er war immer noch sehr blass. Er wechselte einen letzten Blick mit Quintus, dann gingen wir. Wir sprachen unterwegs kein Wort, da Cicero, der es hasste, an den Tod erinnert zu werden, die ganze Zeit den Ärmel auf Mund und Nase presste, um nicht den Gestank vom Campus Esquilinus riechen zu müssen. »Warte hier«, sagte er, als wir Pompeius' Haus erreichten. Es sollte einige Stunden dauern, bis ich ihn wiedersah. Das Tageslicht verblasste, das kraftvolle Purpur des Zwielichts verwandelte sich in schwarze Nacht, und die Sterne erschienen über der Stadt. Hin und wieder ging die Tür auf, und ich hörte gedämpfte Stimmen und Gelächter, und der Duft von gebratenem Fleisch und Fisch stieg mir in die Nase. Allerdings hatte ich in jener widerlichen Nacht das Gefühl, dass alles nach Tod roch. Ich wunderte mich, dass Ciceros Magen das mitmachte, denn inzwischen war klar, dass Pompeius ihn zum Essen eingeladen haben musste.

Ich vertrat mir die Beine oder lehnte einfach an der Wand, versuchte mir neue Zeichen für mein hervorragendes Kurzschriftsystem auszudenken oder meinen Geist irgendwie anders zu beschäftigen, um mir die Wartezeit zu vertreiben. Schließlich machten sich die Gäste schwankend auf den Heimweg. Viele konnten kaum noch gerade stehen, so betrunken waren sie. Es handelte sich um die übliche picenische Landsmannschaft: den ehemaligen Prätor und begeisterten Tänzer Afranius, Palicanus und Gabinius, Palicanus' Schwiegersohn, dem man ebenfalls eine Vorliebe für Weib und Gesang nachsagte. Es hatte den Anschein, als sei Cicero da in ein wahrhaftiges Veteranentreffen geraten. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass er sich in dieser Gesellschaft sonderlich wohlgefuhlt hatte. Nur der ernste und gebildete Varro - der Mann, wie Cicero einmal scharf angemerkt hatte, ohne den Pompeius nicht mal den Weg zum Senatsgebäude gefunden hätte -konnte als einigermaßen geistesverwandter Gesprächspartner für Cicero in Betracht kommen, zumal er nüchtern das Haus verließ. Cicero erschien als Letzter. Er machte sich sofort auf den Heimweg, und ich heftete mich an seine Fersen. Er hielt sich wieder die Hand vor die Nase, da weder die Hitze noch der Geruch erträglicher geworden waren. Als Pompeius' Haus in sicherer Entfernung hinter uns lag, lehnte er sich in einer Gasse an eine Hauswand und übergab sich.

Ich fragte ihn, ob ich ihm irgendwie behilflich sein könne, doch er schüttelte nur den Kopf und antwortete: »Alles in Ordnung.« Das war alles, was er sagte, und das war auch alles, was er zu Quintus sagte, der uns schon ungeduldig erwartet hatte. »Alles in Ordnung.«

*

Im Morgengrauen des folgenden Tages gingen wir wieder zum zwei Meilen entfernten Marsfeld. Die zweite Wahlrunde stand an. Obwohl diese weniger prestigeträchtig war als die für das Konsulat und die Prätur, war sie ungleich spannender. Vierunddreißig Männer waren zu wählen (zwanzig Senatoren, zehn Volkstribunen und vier Ädile), was hieß, es gab einfach zu viele Kandidaten, als dass man die Abstimmung ohne Schwierigkeiten hätte manipulieren können. Außerdem zählte die Stimme eines Aristokraten ebenso viel wie die eines Bewohners der Elendsviertel, und somit war alles möglich. Die Leitung dieser zusätzlichen Wahlgänge oblag Crassus, dem zweiten Konsul. »So eine Wahl zu fälschen, das schafft wahrscheinlich nicht mal Crassus«, sagte Cicero düster, als er seine roten Lederschuhe anzog.

Er war schon geistesabwesend und gereizt aufgestanden. Was auch immer er am Vorabend mit Pompeius vereinbart hatte, es hatte seine Nachtruhe gestört. Seinen Diener blaffte er an, er hätte seine Schuhe nicht ordentlich geputzt. Cicero zog die gleiche blütenweiße Toga an, die er an jenem Tag vor sechs Jahren getragen hatte, als er zum ersten Mal in den Senat gewählt worden war, und bevor er das Haus verließ, holte er tief Luft, als machte er sich darauf gefasst, eine schwere Bürde zu schultern. Quintus hatte einmal mehr großartige Arbeit geleistet, denn vor dem Haus wartete eine ansehnliche Menschenmenge, die uns zu den Wahlurnen begleiten würde. Da an diesem Tag auch die Bürgerlisten auf den neuesten Stand gebracht wurden, waren Zehntausende in die Stadt geströmt, um sich registrieren zu lassen, sodass es auf dem Marsfeld bis hinunter zum Fluss vor Menschen wimmelte, als wir eintrafen. Es mussten Hunderte von Kandidaten sein, die sich für die vierunddreißig Posten bewarben, und diese zogen jetzt zusammen mit ihren Freunden und Anhängern kreuz und quer über das riesige Gelände, um vor Wahlbeginn auch noch die letzte Stimme für sich zu gewinnen. Auch Verres war schon da, sein Rotschopf war nicht zu übersehen. Begleitet von seinem Vater, seinem Sohn sowie dem Freigelassenen Timarchides - der Rohling, der in unser Haus eingedrungen war -, hetzte er zwischen den Wählern hin und her und machte jedem, der nicht für Cicero stimmen würde, die fantastischsten Versprechungen. Als Cicero das sah, schien seine üble Laune wie weggeblasen. Sofort mischte er sich unters Volk und ging auf Stimmenfang. Obwohl ich einige Male befürchtete, dass sich die Wege unserer beiden Gruppen kreuzen würden, kam es doch nie so weit. Die Menschenmenge war einfach zu groß. Nachdem der Augur sein Einverständnis erteilt hatte, trat Crassus aus dem geweihten Zelt, und die Kandidaten versammelten sich vor seinem Podium. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass einer von ihnen Julius Caesar war, der sich zum ersten Mal um einen Sitz im Senat bewarb und in diesem Moment mit Cicero plauderte. Beide Männer kannten sich schon lange, und Caesar, der sechs Jahre jünger als Cicero war, hatte auf dessen Empfehlung hin bei Apollonius Molon auf Rhodos Rhetorik studiert. Inzwischen verklären Caesars frühe Jahre ja alle möglichen Legenden. Das geht so weit, dass man glauben könnte, seine Zeitgenossen hätten schon im Säugling in der Wiege das Genie erkannt. Was aber nicht der Wahrheit entspricht. Wer ihn an jenem Morgen in seiner weißen Toga sah, wie er nervös an seinem schütteren Haar zupfte, der hätte sich schwergetan, in ihm etwas anderes zu sehen als in jedem anderen der gebildeten, jungen Kandidaten. Einen großen Unterscheid gab es allerdings: Wahrscheinlich waren nur wenige so arm wie er. Um zur Wahl antreten zu können, hatte er sich bestimmt hoch verschulden müssen, denn er lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen in Subura, in einem Frauenhaushalt, zusammen mit Mutter, Frau und Tochter. Den Caesar von damals stelle ich mir nicht als strahlenden Helden vor, der nur darauf wartet, Rom zu erobern. Eher als einen dreißigjährigen Mann, der vor lauter Straßenlärm in seinem Armenviertel nachts keinen Schlaf findet und bitteren Gedanken darüber nachhängt, warum er, Spross der ältesten Familie Roms, in solchen Verhältnissen dahinvegetieren muss. Deshalb war seine Abneigung gegen die Aristokraten für diese weit gefährlicher, als es die von Cicero jemals war. Cicero war ein Mann, der es aus eigener Kraft geschafft hatte, deshalb ärgerte er sich über die Aristokraten und beneidete sie gleichzeitig. Caesar jedoch, der sich als direkten Nachfahren der Venus sah, betrachtete sie mit Abscheu, er hielt sie für Eindringlinge.

Aber ich greife vor, außerdem begehe ich den gleichen Fehler wie die Hagiografen, die mit dem verzerrenden Licht der Zukunft in das Dunkel der Vergangenheit leuchten. Ich will an dieser Stelle einfach festhalten, dass diese beiden herausragenden Männer, die zwar sechs Lebensjahre trennten, aber hinsichtlich Verstand und Weltanschauung viel gemein hatten, freundlich miteinander plaudernd in der Sonne standen, während Crassus das Podium bestieg und das vertraute Gebet sprach: »Möge diese Angelegenheit für mich, für meine höchsten Ziele, für mein Amt und für die Menschen Roms zu einem guten und zufriedenstellenden Ende gelangen!« Damit war die Wahl eröffnet.

Traditionell stimmten die Wähler aus dem Wahlbezirk Subura als Erste ab. Trotz seiner jahrelangen Bemühungen um ihre Belange entschieden sie sich jedoch nicht für Cicero. Das muss ein harter Schlag für ihn gewesen sein, legte er doch nahe, dass Verres' Stimmenkäufer gute Arbeit für ihr Geld geleistet hatten. Aber Cicero zuckte nur mit den Achseln: Er wusste, dass die Augen vieler einflussreicher Männer, die ihre Stimme noch abgeben mussten, auf ihn gerichtet waren und es deshalb wichtig war, den Anschein von Zuversicht zu wahren. Danach waren die drei anderen Stadtbezirke an der Reihe: Esquilina, Collina und Palatina. Cicero erhielt die Mehrheit der beiden ersten, der dritte stimmte nicht für ihn. Was kaum verwunderte, da Palatina das Viertel Roms mit den meisten aristokratisch gesinnten Wählern war. Es stand also zwei zu zwei, ein weniger spannender Auftakt wäre ihm lieber gewesen. Dann folgten nacheinander die einunddreißig ländlichen Bezirke: zuerst Aemilia, Camilia, Fabia und Galeria ... Aus unseren Akten wusste ich bestens über sie Bescheid, ich kannte die Schlüsselpersonen, wusste, wer Cicero noch eine Gefälligkeit schuldete und wem er noch eine schuldig war. Drei der vier stimmten für Cicero. Quintus flüsterte Cicero etwas ins Ohr. Zum ersten Mal durfte sich Cicero etwas entspannen, da Verres' Geld für die Wähler vom Land offenbar keine so große Versuchung gewesen war wie für die städtischen. Horatia, Lemonia, Papiria und Menenia ... ein Bezirk nach dem anderen. Die Sonne brannte, die Luft war staubtrocken. Cicero saß auf einem Hocker, erhob sich aber jedes Mal, wenn die Wähler an ihm vorbeigingen, die gerade ihre Stimme abgegeben hatten, kramte aus seinem Gedächtnis ihre Namen hervor, bedankte sich bei ihnen und ließ ihren Familien die besten Grüße ausrichten. Sergia, Voltina, Pupina, Romilia ... Wie zu erwarten unterlag Cicero in Verres' Heimatbezirk Romilia, hatte aber am Nachmittag schon sechzehn Bezirke gewonnen, sodass ihm zum Sieg nur noch zwei fehlten. Verres gab sich jedoch noch nicht geschlagen. Ich konnte sehen, wie er zusammen mit seinem Sohn und Timarchides nach wie vor Wähler bearbeitete, die noch nicht abgestimmt hatten. Eine schrecklich lange Stunde hatte es den Anschein, als könnte das Ergebnis noch kippen. Die Sabitini stimmten nicht für Cicero, und auch Publilia ging verloren. Als Cicero in Scaptia die Mehrheit nur hauchdünn verfehlt hatte, war es schließlich der Bezirk Falerna aus dem nördlichen Kampanien, der ihm den entscheidenden Sieg brachte: Dreißig Bezirke hatten bis jetzt abgestimmt, achtzehn für Cicero, fünf mussten noch an die Urnen. Unwichtig, er hatte es geschafft. Verres war nicht mehr zu sehen. Wahrscheinlich hatte er sich schon still und leise davongeschlichen und zählte jetzt irgendwo seine Verluste zusammen. Caesar, dessen Sprung in den Senat gerade verkündet worden war, schüttelte Cicero als Erster die Hand. Ich sah, wie Quintus triumphierend die Fäuste in die Luft reckte, während Crassus wütend ins Leere starrte. Ich sah jubelnde Zuschauer, die ihre eigenen Strichlisten geführt hatten und sich über das Ergebnis augenscheinlich freuten. Sie gehörten zu jener fanatischen Spezies, die den Verlauf von Wahlen so leidenschaftlich verfolgten wie andere die Wagenrennen. Der Sieger selbst war wie betäubt von dem Erfolg, den ihm nun keiner mehr streitig machen konnte. Nicht mal Crassus, der in Kürze das Ergebnis verkünden musste, auch wenn er sich lieber die Zunge abgebissen hätte. Gegen alle Widerstände hatte es Marcus Cicero zum Ädil von Rom gebracht.

*

Eine große Menschenmenge - nach einem Sieg ist sie imner größer - begleitete Cicero den ganzen Weg vom Marsfeild bis vor seine Haustür, wo die Haussklaven Aufstellung genommen hatten und ihn mit Applaus über die Schwelle gleiteten. Selbst Diodotus, der blinde Philosoph, gab ein eltenes Gastspiel. Wir waren stolz darauf, einer solch bedeutenden Person zu gehören; sein Ruhm strahlte auf jedes Mitglied seines Haushalts ab; unser Wert und unsere Selbstachtung wuchsen mit seiner Stellung. Mit einem kreischenden »Papa!« schoss Tullia aus dem Atrium auf ihn zu und schlang ihre Arme um seine Beine; sogar Terentia ging ihm lächelnd entgegen und umarmte ihn. Das Bild der drei wird mir für immer im Gedächtnis bleiben - der brillante junge Redner, mit der Linken den Kopf seiner Tochter streichelnd, mit der Rechten die Schulter seiner glücklichen Frau umfassend. Wenigstens dieses Geschenk hält die Natur für diejenigen bereit, die nur selten lächeln: Wenn sie es doch einmal tun, dann verändert sich ihr Gesichtsausdruck völlig. Trotz allen Klagen, die Terentia über ihren Mann führte, genoss sie in diesem Augenblick seinen Erfolg und sonnte sich in seinem Glanz.

Zögernd löste sich Cicero aus ihrer Umarmung. »Ich danke euch allen«, verkündete er und blickte reihum in die Gesichter, die ihn voller Bewunderung anschauten. »Aber noch ist die Zeit zum Feiern nicht gekommen. Dazu haben wir erst Grund, wenn Verres besiegt ist. Nach langem Warten werde ich morgen auf dem Forum die Anklage erheben. Mögen die Götter uns beistehen, damit dieses Haus sich schon bald an frischem und noch größerem Lorbeer erfreuen kann. Worauf wartet ihr noch?« Er lächelte und klatschte in die Hände. »An die Arbeit!«

Cicero machte sich mit Quintus auf den Weg ins Arbeitszimmer und bedeutete mir mit dem Zeigefinger, auch mitzukommen. Mit einem Stoßseufzer der Erleichterung ließ er sich auf seinen Stuhl fallen und schleuderte die Schuhe in die Ecke. Zum ersten Mal seit einer Woche schien etwas von der Anspannung von ihm abzufallen. Ich nahm an, dass er sich nun sofort der dringlichen Aufgabe widmen wollte, seiner Rede den letzten Schliff zu geben. Doch er hatte eine andere Aufgabe für mich. Ich sollte mit Sositheus und Laurea zurück in die Stadt gehen. Wir sollten uns aufteilen und allen unseren sizilischen Zeugen von seiner Wahl berichten, kontrollieren, ob auch jeder bei seiner Aussage blieb, und für morgen früh alle ins Gericht bestellen.

»Alle?«, fragte ich verwundert. »Alle hundert?«

»Genau«, antwortete er. Seine Stimme hatte wieder die alte Entschlossenheit. »Und sag Eros, er soll ein Dutzend Träger anheuern, zuverlässige Männer, die sämtliche Kisten mit unseren Beweismitteln zum Gericht tragen - und zwar morgen früh, zur gleichen Zeit, wenn auch ich gehe.«

»Alle Zeugen ... ein Dutzend Träger ... sämtliche Kisten ...« Ich notierte mir alles. »Dafür brauche ich mindestens bis Mitternacht.« Ich war außerstande, meine Verwirrung zu verbergen.

»Armer Tiro, mach dir keine Sorgen. Schlafen können wir, wenn wir tot sind.«

»Ich mache mir keine Sorgen um meinen Schlaf, Senator«, sagte ich steif. »Ich frage mich nur, wann ich dann noch die Zeit finde, Euch bei Eurer Rede zu helfen.«

»Das wird nicht mehr nötig sein«, sagte er mit einem feinen Lächeln und legte einen Finger auf die Lippen, um mir zu sagen, dass das niemand wissen dürfe. Da ich nicht die geringste Ahnung hatte, was er überhaupt meinte, war die Gefahr eines Geheimnisverrats allerdings kaum gegeben. Nicht zum ersten Mal verließ ich ihn einigermaßen verwirrt.

KAPITEL IX

Und so geschah es, dass am fünften Tag im August, während des Konsulats des Gnaeus Pompeius Magnus und des Marcus Licinius Crassus, ein Jahr und neun Monate nach Sthenius' erstem Besuch bei Cicero, der Prozess gegen Gaius Verres begann.

Das sommerlich heiße Rom wimmelte wegen der Volkszählung, der Wahlen und der bevorstehenden Spiele des Pompeius ohnehin bereits von Menschen. Dazu kamen noch die vielen Opfer von Verres, die angereist waren, um zu erleben, wie ihr Peiniger vor seine Richter tritt. Und wenn man sich dann vorstellt, dass sich an diesem Tag die beiden größten Redner ihrer Zeit ein Duell Mann gegen Mann liefern würden (»Wahrhaftig ein Zweikampf von allererster Güte«, wie Cicero später anmerkte), dann kann man vielleicht erahnen, welche Atmosphäre an jenem Morgen im Gerichtshof für Erpressungen geherrscht hatte. Um sich einen guten Platz zu sichern, hatten Hunderte Zuschauer schon auf dem Forum übernachtet. Als die Sonne aufging, gab es bereits keinen Stehplatz im Schatten mehr, und eine Stunde später gab es überhaupt keinen Stehplatz mehr. In der Säulenhalle und auf den Stufen des Castor-Tempels, auf dem Forum selbst und ringsum in den Säulengängen, auf den Dächern und Balkonen der Häuser und an den Flanken der Hügel drängten sich die Bürger Roms - jede freie Lücke, in die man sich noch quetschen, jedes freie Plätzchen, auf das man sich noch setzen konnte, war besetzt.

Wie zwei Hirtenhunde hechelten Frugi und ich herum und trieben unsere Zeugen vor Gericht. Und was für ein exotisches, farbenprächtiges Bild sie abgaben, in heiligen Roben und traditionellen Gewändern ihrer Heimat, Opfer aus allen Phasen von Verres' Laufbahn, nach Rom gelockt von der Hoffnung auf Vergeltung - Priester der Juno und Ceres, die Mystagogen der syrakusischen Minerva und der heiligen Jungfrauen der Diana; griechische Edelleute, deren Abstammung auf Cecrops oder Eurysthenes oder die großen ionischen and minoischen Häuser zurückging; Phönizier, deren Vorfahren Priester des Melkart von Tyros gewesen waren oder die behaupteten, mit dem Messias aus Sidon verwandt zu sein; Scharen ungeduldiger, verarmter Erben in Begleitung ihrer Vormünder; bankrotte Bauern, Getreidehändler und Bootsbesitzer; wehklagende Väter, deren Kinder man in die Sklaverei verschleppt hatte; trauernde Kinder, deren Eltern in den Verliesen des Statthalters den Tod fanden; Abordnungen vom Fuß des Taurusgebirges, von den Ufern des Schwarzen Meeres, aus vielen Städten des griechischen Festlandes, von den Inseln der Ägäis und natürlich aus jeder Stadt und jedem Marktflecken Siziliens.

Ich war so damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass jeder Zeuge eingelassen und jede einzelne Kiste mit Beweismaterial an seinen Platz gelangte und gut bewacht wurde, dass ich erst nach und nach registrierte, welches Schauspiel Cicero hier inszenierte. Besagte Kisten, zum Beispiel, enthielten die in praktisch allen sizilischen Städten von den Gemeindeältesten zusammengetragenen Aussagen. Erst als die Geschworenen sich ihren Weg durch die Menschenmenge bahnten und auf ihren Bänken Platz nahmen, wurde mir klar, warum Cicero - begnadeter Selbstdarsteller, der er war -darauf bestanden hatte, alles auf einmal an Ort und Stelle zu schaffen. Das Gericht war überwältigt. Selbst den beinharten Alten wie Catulus und Isauricus war die Überraschung anzusehen. Glabrio, der im Schlepptau seiner Liktoren aus dem Tempel kam, blieb auf der obersten Stufe der Treppe abrupt stehen und wich schwankend sogar einen halben Schritt zurück, als er auf die Wand aus Gesichtern blickte.

Cicero, der sich bis zum letzten Augenblick am Rand des Forums aufgehalten hatte, drängte sich nun durch die Menge und stieg die Stufen zu der Bank für die Anklagevertretung hinauf. Plötzlich herrschte Ruhe, ein stummes erwartungsvolles Zittern lag in der reglosen Luft. Ohne auf die ermunternden Zurufe seiner Anhänger zu reagieren, drehte er sich um, hielt gegen die Sonne die Hand über die Augen, ließ den Blick langsam über die Menge schweifen und blinzelte rechts und links nach oben in den Himmel - so stelle ich mir einen General vor, der vor der Schlacht die allgemeine Lage und den Stand der Wolken überprüft. Dann setzte er sich, und ich postierte mich in seinem Rücken, sodass ich ihm auf Verlangen jedes gewünschte Dokument reichen konnte. Die Gerichtsdiener stellten Glabrios kurulischen Stuhl auf - das war das Zeichen, dass die Sitzung eröffnet war. Alles war bereit, nur Verres und Hortensius fehlten noch. Cicero war so gelassen, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Er lehnte sich zurück und flüsterte mir zu: »Der hat das hier gesehen und ist gleich wieder abgehauen, was meinst du?« Natürlich kam Verres dann doch noch - Glabrio schickte einen seiner Liktoren, um ihn zu holen. Aber Hortensius gab uns damit bereits einen Vorgeschmack auf seine Taktik, die da lautete, so viel Zeit wie möglich zu verschwenden. Schließlich, vielleicht eine Stunde zu spät, zwängte sich die makellos gekleidete Gestalt des designierten Konsuls unter ironischem Beifall durch die Zuschauermenge. Ihm folgten sein junger Anwaltskollege Scipio Nasica, Catos Nebenbuhler, dann Quintus Metellus und schließlich Verres selbst, dessen Gesicht wegen der Hitze röter als sonst aussah. Für jeden Mann mit einem letzten Rest an Anstand wäre der Anblick des gegen ihn aufmarschierten Opfer- und Klägerheers ein Albtraum aus der Hölle gewesen. Das Monster Verres beugte jedoch lediglich freundlich den Kopf, als begrüße er gute alte Bekannte.

Glabrio rief die Anwesenden zur Ordnung. Bevor Cicero mit seiner Rede beginnen konnte, stand Hortensius auf und kam ihm mit einer Stellungnahme zur Verfahrensordnung zuvor: Nach Cornelischem Recht, erklärte er, sei es einem Klagevertreter erlaubt, bis zu achtundvierzig Zeugen zu benennen. Der Ankläger in diesem Prozess aber habe, zum ausschließlichen Zweck der Einschüchterung, mehr als doppelt so viele mitgebracht. Und dann hob er zu einer einstudierten und geschliffenen Rede über die Wurzeln des Gerichtshofes für Erpressungen an, die eine gefühlte Stunde lang andauerte, bis Glabrio ihm schließlich das Wort entzog und erklärte, das Gesetz beschränke nicht die Zahl der vor Gericht anwesenden Zeugen, es lege lediglich eine Höchstzahl fest, wie viele in den Zeugenstand gerufen werden dürfen. Dann erteilte er wieder Cicero das Wort, doch Hortensius intervenierte mit einem weiteren Kommentar zur Verfahrensordnung. Das Publikum reagierte mit höhnischen Zwischenrufen, doch Hortensius ließ sich nicht beirren und wartete jedes Mal, wenn Cicero endlich mit seiner Rede beginnen wollte, mit einer neuen Verfahrensfrage auf. Und so gingen die ersten Stunden an ärgerliche juristische Spiegelfechtereien verloren.

Es war schon weit nach Mittag, als Cicero zum neunten oder zehnten Mal überdrüssig aufstand und Hortensius endlich sitzen blieb. Cicero schaute ihn an, wartete und breitete dann in gespielter Verblüffung die Arme aus. Gelächter brandete im Forum auf. Hortensius reagierte mit einer gönnerhaften Handbewegung in Richtung Cicero, als wolle er sagen: »Bitte, bitte, keine Ursache!« Cicero verbeugte sich höflich, trat vor und räusperte sich.

Der Zeitpunkt, um eine derart gewaltige Aufgabe in Angriff zu nehmen, hätte kaum ungünstiger sein können. Die Hitze war unerträglich, die Zuschauer waren inzwischen gelangweilt und unruhig, Hortensius blickte ihn mit affektiertem Grinsen an, und es blieben höchstens noch zwei Stunden, bevor das Gericht die Sitzung für heute schloss. Und doch sollten diese Minuten zu den entscheidendsten in der Geschichte der römischen Justiz gehören - ja, es sollte mich nicht wundern, wenn sie sich als maßgeblich erwiesen für die Geschichte der Justiz ganz allgemein.

»Ehrenwerte Richter«, sagte Cicero, worauf ich mich über meine Wachstafel beugte und seine Worte in Kurzschrift festhielt. Ich wartete darauf, dass er weitersprach. Bei seinen großen Reden war es fast noch nie vorgekommen, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, was er sagen würde. Ich wartete auf seine nächsten Worte, spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte, schaute schließlich nervös auf und sah, wie er sich von mir entfernte. Ich glaubte, er würde sich vor Verres aufbauen und ihn direkt ansprechen wollen, aber stattdessen ging er an ihm vorbei und blieb vor den Senatoren auf der Geschworenenbank stehen.

»Ehrwürdige Richter«, wiederholte er und schaute ihnen offen ins Gesicht. »In dieser schweren politischen Krise eröffnet sich euch die Gelegenheit -nicht durch menschliches Planen, sondern fast als göttliche Fügung -, genau das zu tun, was ihr jetzt am nötigsten habt; etwas, das euch mehr als alles andere dabei helfen wird, die Unbeliebtheit eures Standes und das Misstrauen gegenüber euren Gerichten zu mildern. Es hat sich nämlich eine Überzeugung eingenistet, die so schädlich für die Republik wie für euch selbst ist: Eure Gerichte, Senatoren, mit euch auf den Geschworenenbänken, werden niemals einen Mann verurteilen, und sei seine Schuld noch so offensichtlich, wenn er nur eins im Überfluss hat - Geld.«

Das letzte Wort betonte er auf eine wundervoll verächtliche Weise. »Ein wahres Wort!«, rief jemand aus der Zuschauermenge.

»Die Eigenschaften des von mir angeklagten Mannes«, fuhr Cicero fort, »erfüllen alle Voraussetzungen, dass ihr durch ihn euren eigenen guten Namen wiederherstellen könnt. Gaius Verres hat die Staatskasse geplündert und in seiner Provinz Sizilien gewütet wie ein Seeräuber und eine mörderische Pest. Ihr braucht diesen Mann nur schuldig zu sprechen, und mit vollem Recht werdet ihr euer Ansehen wieder zurückgewinnen. Solltet ihr das nicht tun, sollte sein ungeheurer Reichtum eure Ehre zerstören, dann werde ich zumindest eines erreicht haben. Die Nation wird zwar nicht glauben, dass Verres im Recht war und ich im Unrecht, aber sie wird dann ein für alle Mal wissen, was sie von einer mit römischen Senatoren besetzten Geschworenenbank zu halten hat.«

Das war kein schlechter Hieb für den Anfang. Wie eine Windbö, die rauschend in einen Wald fuhr, erhob sich zustimmendes Gemurmel in der Zuschauermenge. Auf eine merkwürdige Weise hatte sich der Brennpunkt des Prozesses schlagartig um zwanzig Schritte nach links verlagert. Plötzlich hatte es den Anschein, als wären die in der prallen Sonne schwitzenden, auf ihren Holzbänken nervös umherblickenden Senatoren die Angeklagten und die Masse der aus jedem Winkel des Mittelmeerraumes herbeigerufenen Zeugen die Geschworenen. Nie zuvor hatte Cicero sein Wort an eine so große Menschenmenge gerichtet. Molons Übungen am Strand kamen ihm nun, da er sich an das Forum wandte, zustatten. Seine Stimme war klar und deutlich.

»Hört euch an, welch unverschämter und wahnsinniger Plan in Verres' Kopf herumspukt. Über eines ist er sich vollkommen im Klaren: Ich werde so gut vorbereitet in diesen Prozess gehen, dass er, Verres, nicht nur vor diesem Gericht, sondern auch vor den Augen aller Welt als Räuber und Verbrecher entlarvt sein wird. Und trotzdem ist seine Meinung über die Aristokratie so gering, hält er die Senatorengerichte für so durch und durch verdorben und korrupt, dass er offen damit prahlt, nicht nur den sichersten Termin für seinen Prozess, sondern auch die Geschworenen selbst gekauft zu haben. Und um ganz sicherzugehen, hat er auch noch die Konsulatswahlen für seine beiden angesehenen Freunde gekauft, die zuvor versucht hatten, meine Zeugen einzuschüchtern.«

Das wollten die Leute hören, deshalb waren sie gekommen. Aus gemurmelter Zustimmung wurde stürmische Begeisterung. Metellus und Hortensius sprangen auf - ja, sogar Hortensius, dem sonst eine spöttische Bemerkung aus der Arena höchstens die Mühsal einer gelupften Augenbraue wert war. Wütend gestikulierten sie in Richtung Cicero.

»Was ist?«, sagte er und wandte sich den beiden zu. »Habt ihr etwa erwartet, dass ich mich zu einer derart ernsten Angelegenheit nicht äußern würde, dass ich mich, wenn das Land und mein eigener guter Ruf sich in so großer Gefahr befinden, von etwas anderem würde leiten lassen als von meiner Pflicht und meiner Ehre? Ich muss mich über dich wundern, Metellus. Du hast versucht Zeugen einzuschüchtern, und zwar die ohnehin schon verängstigten und vom Elend verfolgten Sizilier. Du hast an ihre Ehrfurcht vor dir als designiertem Konsul appelliert und an die Macht deiner beiden Brüder - wenn das keine Manipulation eines Prozesses ist, was dann! Was würdest du erst alles für einen unschuldigen Blutsverwandten tun, wenn du schon alles Pflicht- und Ehrgefühl fahren lässt für einen Lumpen, der nicht mit dir verwandt ist? Weißt du eigentlich, dass Verres überall herumerzählt, dass du nur wegen seiner Bemühungen Konsul geworden bist und dass ihm ab Januar beide Konsuln und der Vorsitzende dieses Gerichtshofes zu Diensten sein werden?«

An dieser Stelle musste ich meine Aufzeichnungen unterbrechen, weil der Lärm so laut geworden war, dass ich kein Wort mehr verstand. Metellus und Hortensius hielten die Hände wie Trichter vor ihre Münder und brüllten auf Cicero ein. Verres gestikulierte wütend, um Glabrio dazu zu bewegen, endlich einzuschreiten. Die Senatoren auf der Geschworenenbank saßen wie erstarrt da - die meisten, da bin ich mir sicher, wünschten sich, sonst wo zu sein, nur nicht hier. Einzelne Zuschauer mussten von den Liktoren daran gehindert werden, das Podium des Gerichts zu stürmen. Schließlich gelang es Glabrio, die Ordnung wiederherzustellen, und Cicero setzte seine Rede in deutlich gelassenerem Tonfall fort.

»Folgenden Plan haben sie sich zurechtgelegt. Heute sind wir erst spät am Nachmittag in die Verhandlung eingetreten - den Tag können sie also schon als erledigt abschreiben. Bis zu den Spielen von Pompeius Magnus bleiben noch zehn Tage. Diese dauern fünfzehn Tage, sofort darauf folgen die Römischen Spiele. Sie rechnen also mit einer Unterbrechung von fast vierzig Tagen, bevor sie auf meine Rede werden antworten müssen. Mithilfe langer Reden und verfahrenstechnischer Manöver hoffen sie dann, in der Lage zu sein, die Verhandlung bis zum Beginn der Spiele der Victoria zu verschleppen. Direkt im Anschluss folgen die Plebejischen Spiele, nach denen entweder nur noch sehr wenige oder gar keine Sitzungstage mehr bleiben. Auf diese Weise, so ihr Kalkül, wird die Anklage um ihre Kraft und Wirkung gebracht, und die Sache kommt praktisch als neuer Fall zur Verhandlung, wenn Marcus Metellus, der jetzt noch zu den Geschworenen gehört, diesem Gericht Vorsitzen wird.

Was also soll ich tun? Wenn ich die Zeit in Anspruch nehme, die mir für meine Anklagerede nach dem Gesetz zusteht, dann laufe ich höchste Gefahr, dass mir der Angeklagte entwischt. >Streich deine Rede zusammen!<, lautete der naheliegende Rat, den man mir erst vor wenigen Tagen gegeben hat. Ein guter Rat. Ich habe darüber nachgedacht, und dabei ist mir etwas noch Besseres eingefallen. Meine Herren, ich werde auf die Anklagerede ganz verzichten!«

Verblüfft hob ich den Kopf. Cicero schaute Hortensius an, und sein Rivale erwiderte den Blick mit herrlich versteinertem Gesichtsausdruck. Er sah aus wie ein Mann, der gerade noch fröhlich und unbeschwert durch den Wald spaziert ist, dann plötzlich das Knacken eines Zweiges hört und starr vor Angst stehen bleibt.

»Du hast richtig gehört, Hortensius«, sagte Cicero. »Ich spiele dein Spiel nicht mit. Ich werde die nächsten zehn Tage nicht mit der üblichen langen Anklagerede vergeuden und zulassen, dass sich der Fall bis in den Januar hineinzieht und du und Metellus als Konsuln eure Liktoren losschicken könnt, um sich meine Zeugen zu holen und ihnen so viel Angst einzujagen, dass sie den Mund nicht mehr aufmachen. Ich werde euch, ehrenwerte Pächter, nicht den Luxus von vierzig Ruhetagen gönnen, in denen ihr all meine Anklagepunkte wieder vergessen und euch dann samt eures Gewissens im Labyrinth von Hortensius' Rhetorik verlieren könnt. Ich werde es nicht zulassen, dass der Fall erst dann entschieden wird, wenn die Menschenmassen, die wegen der Volkszählung und der Spiele nach Rom gekommen sind, sich wieder in ihre Heimatorte in alle Winkel Italiens verabschiedet haben. Ich werde meine Zeugen jetzt sofort aufrufen und dabei folgendermaßen vorgehen: Ich verlese den jeweiligen Anklagepunkt, kommentiere ihn und ziehe meine Schlussfolgerungen. Dann werde ich meinen Zeugen für diesen Anklagepunkt aufrufen und befragen. Im Anschluss daran erhältst du, Hortensius, Gelegenheit für Kommentar und Kreuzverhör. Auf diese Weise werde ich den Fall binnen zehn Tagen abhandeln.«

Mein Leben lang habe ich nicht vergessen - und werde es auch für die kurze mir noch verbleibende Spanne meines Lebens nicht vergessen -, wie Hortensius, Verres, Metellus und Scipio Nasica auf diese Worte reagierten. Natürlich war Hortensius sofort auf den Beinen und erklärte dieses mit jeder Tradition brechende Vorgehen für in jeder Hinsicht illegal. Glabrio hatte nur daraufgewartet und wies Hortensius barsch zurecht, dass es allein Ciceros Sache sei, wie er seinen Fall vortrage; außerdem habe er schon an gleicher Stelle vor den Konsulatswahlen deutlich gemacht, dass er die endlosen Reden satthabe. Auf diese Bemerkung, die sich Glabrio offensichtlich schon im Vorhinein zurechtgelegt hatte, sprang Hortensius wieder auf und beschuldigte ihn geheimer Absprachen mit der Anklagevertretung. Worauf Glabrio, den als reizbaren Charakter zu beschreiben wohlwollend gewesen wäre, ihm schroff riet, er möge seine Zunge im Zaum halten, sonst ließe er ihn -designierter Konsul hin oder her - von seinen Liktoren aus dem Gericht entfernen. Hortensius setzte sich, verschränkte die Arme und schaute wütend auf den Boden, während Cicero sich wieder den Geschworenen zuwandte und seine einleitende Rede beendete.

»Auf uns schauen heute die Augen der Welt und wachen darüber, ob jeder Einzelne von uns sich so verhält, wie sein Gewissen und das Gesetz es befehlen. So wie ihr über den Angeklagten zu Gericht sitzt, so sitzt das Volk von Rom über euch zu Gericht. Weil alle Welt weiß, dass Verres sich durch nichts auszeichnet als durch seine monströsen Verbrechen und seinen gewaltigen Reichtum, entscheidet dieser Fall darüber, ob es möglich ist, dass ein aus Senatoren zusammengesetztes Gericht einen bis ins Mark schuldigen, aber auch steinreichen Mann verurteilen kann. Und deshalb könnten die Schlussfolgerungen, die aus einem Freispruch zu ziehen wären, nur die beschämendsten sein. Deshalb rate ich euch, ehrenwerte Pächter, es schon aus eigenem Interesse nicht dazu kommen zu lassen.« Nach diesen Worten wandte er den Geschworenen den Rücken zu. »Ich rufe meinen ersten Zeugen auf: Sthenius aus Thermae.«

Ich möchte stark bezweifeln, dass auch nur einer der Aristokraten auf der Geschworenenbank - ob Catulus, Isauricus, Metellus, Catilina, Lucretius, Aemilius oder einer der anderen - sich jemals derart anmaßende Worte hatte anhören müssen. Vor allem von einem homo novus, der in seinem Atrium nicht eine einzige Maske eines Vorfahren an der Wand hängen hatte. Wie groß muss ihr Hass gewesen sein, dass sie einfach so dasitzen und das über sich ergehen lassen mussten, und um wie viel größer muss er gewesen sein, als Cicero sich unter den geradezu ekstatischen Jubelstürmen der Menschen auf dem Forum wieder auf seinen Platz setzte. Hortensius konnte einem fast leidtun. Seine gesamte Karriere fußte auf der Fähigkeit, gewaltige Reden auswendig zu lernen und dann mit dem selbstsicheren Gestus eines Schauspielers vortragen zu können. Und nun hatte man ihm per Gesetz den Mund gestopft; noch schlimmer: Er sah zehn langen Tagen entgegen, an denen er auf Ciceros Zeugenbefragungen mit vierzig oder fünfzig Minireden würde antworten müssen. Und auf diese war er nicht einmal im Ansatz ausreichend vorbereitet, was auf grausame Weise offenbar wurde, als Sthenius in den Zeugenstand trat. Als Zeichen des Respekts vor dem Urheber des wahnwitzigen Unternehmens hatte Cicero ihn als Ersten aufgerufen. Und der Sizilier ließ ihn nicht im Stich. Er hatte so lange auf seinen Tag gewartet, dass er jetzt das Beste aus sich herausholte und auf herzzerreißende Weise schilderte, wie Verres seine Gastfreundschaft missbraucht und ihn ausgeplündert hatte, wie er Anschuldigungen gegen ihn erfunden und ihn mit Strafen überzogen hatte, wie er versucht hatte, ihn zu Tode peitschen zu lassen, wie er ihn in Abwesenheit zum Tode verurteilt und dann die Akten des Gerichts von Syrakus gefälscht hatte - Akten, die Cicero als Beweismittel präsentierte und auf der Geschworenenbank herumgehen ließ.

Als Glabrio Hortensius aufrief, den Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen, kam der »Tanzmeister« dieser Aufforderung verständlicherweise nur zögernd nach. Die goldene Regel des Kreuzverhörs ist nämlich die, niemals, unter keinen Umständen, eine Frage zu stellen, auf die der Fragende die Antwort nicht im Voraus kennt, und Hortensius hatte schlicht keine Ahnung, was Sthenius ihm antworten würde. Er blätterte ratlos in seinen Unterlagen, besprach sich im Flüsterton kurz mit Verres und ging dann zum Zeugenstand. Was sollte er tun? Nach ein paar ungeduldigen Fragen, die andeuten sollten, dass der Sizilier dem römischen Rechtssystem ganz generell feindlich gesinnt war, fragte er ihn, warum er angesichts der vielen infrage kommenden Anwälte direkt zu Cicero gegangen sei - einem Mann, dem man allgemein als Agitator für die Interessen der unteren Schichten kenne. Offenbar habe er mit seinen Anschuldigungen von Anfang an nichts weiter im Sinn gehabt, als Unruhe zu stiften.

»Aber ich bin nicht direkt zu Cicero gegangen«, antwortete Sthenius auf seine unnachahmliche Art. »Der erste Rechtsanwalt, den ich aufgesucht habe, warst du.«

Sogar einige der Geschworenen konnten sich ein Lachen nicht verkneifen.

Hortensius schluckte und versuchte es ebenfalls auf die heitere Art. »Ach ja, wirklich? Ich kann mich gar nicht an dich erinnern.«

»Das wundert mich nicht im Geringsten. Du bist ein beschäftigter Mann, Senator. Dafür erinnere ich mich umso genauer. Du hast gesagt, dass du schon Verres' Vertretung übernommen hättest. Und dass es dich nicht interessiere, wie viel er mir geraubt habe, kein Gericht würde einem Sizilier glauben, wenn sein Wort gegen das eines Römers stünde.«

Hortensius musste sich mit seiner Antwort gedulden, bis die über ihn hereinbrechenden Buhrufe und Pfiffe wieder verstummt waren. »Ich habe keine weiteren Fragen an den Zeugen«, sagte er mit verbissener Stimme, worauf die Verhandlung bis zum folgenden Tag unterbrochen wurde.

*

Ursprünglich hatte ich geplant, den Prozess gegen Gaius Verres in allen Einzelheiten zu schildern, sehe nun aber, da ich seinen Beginn zu Papier gebracht habe, keinen Sinn mehr darin. Nach Ciceros taktischem Geniestreich vom ersten Tag erschienen mir Verres und seine Anwälte wie die Opfer einer Belagerung: eingeschlossen in einer kleinen Festung, rundum von Feinden umgeben, tagtäglich unter Dauerbeschuss, die bröckelnden Mauern von Tunneln untergraben. Sie verfügten über keinerlei Waffen, um zurückzuschlagen. Ihre einzige Hoffnung bestand darin, dem Ansturm der restlichen neun Tage irgendwie zu widerstehen und sich während der folgenden, durch die Spiele des Pompeius erzwungenen Ruhephase wieder neu zu formieren. Ciceros Ziel lag ebenfalls klar auf der Hand: Verres' Verteidigung so vollkommen zu zerstören, dass nach Darlegung des gesamten Falles kein noch so korrupter senatorischer Geschworener es wagen würde, ihn freizusprechen.

Cicero nahm seine Mission mit der ihm eigenen Disziplin in Angriff. Die Mannschaft der Anklagevertretung kam jeden Morgen noch vor Sonnenaufgang zusammen. Während Cicero seine Leibesübungen machte, sich rasierte und ankleidete, las ich ihm die Aussagen der für den Tag vorgesehenen Zeugen vor und sah mit ihm die Beweismittel durch. Dann diktierte er mir in groben Zügen, was er vorzutragen gedachte. Die nächsten ein oder zwei Stunden ging er alle Punkte durch, legte sich dazu Anmerkungen zurecht und prägte sich diese genau ein, während Quintus, Frugi und ich dafür zu sorgen hatten, dass alle seine Zeugen und alle Kisten mit den Beweisstücken abmarschbereit waren. Und dann paradierten wir den Hügel hinunter aufs Forum - und was für Paraden das waren! In Rom herrschte nämlich allgemein die Meinung, dass Ciceros Gerichtsvorstellung die beste Veranstaltung in der Stadt war. Am zweiten und dritten Tag war die Zuschauermenge so groß wie am ersten, und die Auftritte der Zeugen, die bei der Schilderung ihrer Misshandlungen nicht selten in Tränen ausbrachen, waren oft herzzerreißend. In besonders guter Erinnerung sind mir Dio aus Halaesa, den man um zehntausend Sesterzen betrogen hatte, und zwei Brüder aus Agyrium, die ihr gesamtes Erbe in Höhe von viertausend Sesterzen abliefern mussten. Es hätte noch mehr Zeugen gegeben, aber Lucius Metellus hatte einige von ihnen am Verlassen der Insel gehindert, darunter auch Heraclius aus Syrakus - ein Frevel an der Gerechtigkeit, den Cicero elegant in einen Vorteil verwandelte. »Unsere Verbündeten«, donnerte Cicero, »haben nicht einmal das Recht, wegen ihres erlittenen Unrechts Klage zu führen!« Erstaunlicherweise sagte Hortensius kein einziges Wort zu all den Anschuldigungen. Jedes Mal, wenn Cicero die Befragung eines Zeugen beendete, gab Glabrio dem König der Gerichtshöfe Gelegenheit, den Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen, doch jedes Mal lehnte Ihre Majestät mit einem Kopfschütteln ab oder erklärte pompös: »Keine Fragen an den Zeugen.« Am vierten Tag stellte Verres den Antrag, aus Krankheitsgründen vom Erscheinen vor Gericht befreit zu werden, was Glabrio jedoch strikt ablehnte. Falls nötig, so Glabrio, werde man ihn samt seines Krankenlagers aufs Forum schaffen lassen.

Am Nachmittag des fünften Tages kehrte Ciceros Vetter Lucius nach getaner Arbeit von Sizilien nach Rom zurück. Als Cicero ihn nach Ende des Prozesstages in seinem Haus antraf, war er außer sich vor Freude. Unter Tränen schloss er ihn in die Arme. Ohne Lucius, der permanent für Nachschub an Zeugen und Beweismitteln von Sizilien aufs Festland gesorgt hatte, wäre Ciceros Fall nicht halb so solide gewesen. Allerdings hatte die siebenmonatige Strapaze bei Lucius, der noch nie einer der Widerstandsfähigsten gewesen war, seine Spuren hinterlassen. Er war auf bestürzende Weise abgemagert und litt an einem Husten, der ihm augenscheinlich große Schmerzen bereitete. Trotzdem war sein Einsatz für die Sache, Verres seiner gerechten Strafe zuzuführen, ungebrochen -und zwar so sehr, dass er auf die Genugtuung, den Beginn des Prozesses mitzuerleben, verzichtet und einen Umweg über Puteoli gemacht hatte, um noch zwei weitere Zeugen aufzuspüren: den römischen Ritter Gaius Numitorius, der die Kreuzigung von Gavius aus Messana gesehen hatte, und seinen Freund, den Kaufmann Marcus Annius, der in Syrakus gewesen war, als Verres den Justizmord an dem römischen Bankier Herennius hatte vollstrecken lassen.

»Und wo sind die beiden jetzt?«, fragte Cicero ungeduldig.

»Hier«, antwortete Lucius. »Im Tablinum. Aber ich muss dich gleich warnen. Sie wollen nicht aussagen.«

Cicero eilte ins Tablinum und sah sich zwei stattlichen Männern mittleren Alters gegenüber -»für meine Zwecke die perfekten Zeugen«, wie er später bemerkte. »Wohlhabend, seriös, sachlich und - das vor allem - keine Sizilier.« Wie Lucius ihm prophezeit hatte, sträubten sie sich auszusagen. Sie waren Geschäftsleute, die an mächtigen Feinden kein Interesse hatten und von der Aussicht auf Hauptrollen in Ciceros antiaristokratischem Schauspiel auf dem römischen Forum alles andere als begeistert waren. Aber er konnte sie schließlich überzeugen, denn sie waren schlau genug zu erkennen, dass bei einer Gewinn-und-Verlust-Rechnung unter dem Strich am meisten herausspringen würde, wenn sie sich auf die Seite der Sieger schlügen. »Wisst ihr, was Pompeius zu Sulla gesagt hat, als der alte Mann ihm an seinem sechsundzwanzigsten Geburtstag einen Triumph abschlagen wollte?«, fragte Cicero.

»Das hat er mir erst gestern Abend beim Essen erzählt: >Die meisten Menschen huldigen der aufgehenden, nicht der untergehenden Sonne.<« Die Mischung aus prominenten Namen und Appellen an Patriotismus wie Eigennutz wirkte und stimmte sie schließlich um. Als es Zeit zum gemeinsamen Abendessen mit Cicero und seiner Familie war, hatten sie ihm ihre Unterstützung zugesichert.

»Ich wusste, wenn du sie nur ein paar Minuten in die Finger bekommst, dann tun sie, was du willst«, flüsterte Lucius ihm zu.

Ich hatte damit gerechnet, dass Cicero sie gleich am nächsten Tag in den Zeugenstand rufen würde, aber er machte es raffinierter. »Eine Vorstellung muss immer mit einem Höhepunkt enden«, sagte er. Inzwischen hatte er den Zorn der Zuschauer mit jedem neuen Anklagepunkt zu neuen Höhen geführt - von korrupter Rechtsprechung über Erpressung und offenen Raub bis hin zu grausamen und unüblichen Methoden der Bestrafung. Am achten Verhandlungstag beschäftigte er sich mit den Aussagen zweier sizilischer Kapitäne, Phalacrus aus Centuripa und Onasus aus Segesta, die schilderten, wie sie und ihre Mannschaften nur durch Bestechung von Verres' Freigelassenem Timarchides der Auspeitschung und Hinrichtung entgingen. (Timarchides war, wie ich zu meiner Genugtuung sagen kann, im Gericht anwesend und musste die Demütigung persönlich miterleben.) Schlimmer noch: Den Familien derer, die nicht die finanziellen Mittel hatten, ihre Verwandten freizukaufen, wurde gesagt, dass sie dem amtlichen Scharfrichter Sextius trotzdem Geld zu zahlen hätten, um zu verhindern, dass dieser bei den Enthauptungen absichtlich grausam vorginge. »Stellt euch die unerträgliche Seelenpein der unglückseligen Eltern vor«, erklärte Cicero, »die nicht für das Überleben ihrer Kinder, sondern für deren schnellen Tod zu zahlen hatten.« Als die Senatoren auf der Geschworenenbank das hörten, schüttelten sie den Kopf und sprachen leise miteinander. Und wenn Glabrio Hortensius aufforderte, einen der Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen, und dieser nur ein ums andere Mal sagte: »Keine Fragen an den Zeugen«, stöhnten sie hörbar auf. Ihre Lage wurde zunehmend unerträglicher, und an jenem Abend gingen zum ersten Mal Gerüchte um, dass Verres schon dabei sei, seinen Hausstand zusammenzupacken und sich auf seine Flucht ins Exil vorzubereiten.

So standen die Dinge, als wir am neunten Prozesstag Annius und Numitorius als Zeugen aufriefen. Wenn das überhaupt möglich war, so war die Zuschauermenge an diesem Morgen, da nur noch zwei Tage bis zum Beginn von Pompeius' Spielen blieben, noch größer als sonst. Verres kam zu spät und war offensichtlich betrunken. Er stolperte, als er die Stufen vor dem Tempel zu seinem Platz hinaufging. Hortensius musste ihn stützen, während das Publikum in Gelächter ausbrach. Als er an Cicero vorbeiging, schaute er ihn an. In den roten Augen des geschlagenen Mannes standen Angst und Wut, es war der Blick eines gejagten, in die Enge getriebenen Tieres. Cicero ging sofort zur Tagesordnung über und rief den ersten Zeugen auf. Annius schilderte, wie er eines Morgens im Hafen von Syrakus gerade eine Ladung inspiziert habe, als ein Freund auf ihn zugelaufen sei und aufgeregt erzählt habe, dass sein in Ketten gelegter Geschäftspartner Herennius auf dem Forum um sein Leben bettele.

»Was hast du daraufhin gemacht?«

»Ich bin natürlich sofort zum Forum gelaufen.«

»Und was hast du da gesehen?«

»Da waren mindestens hundert Menschen, die haben alle gerufen, >Herennius ist ein Bürger Roms, ohne fairen Prozess darf man keinen Römer hinrichten<.«

»Woher haben die Menschen gewusst, dass er Römer ist? Er war doch ein Bankier, der aus Spanien nach Sizilien gekommen war.«

»Viele von uns haben ihn persönlich gekannt. Seine Geschäfte betrieb er zwar in Spanien, aber er war der Sohn einer römischen Familie aus Syrakus. Er ist da aufgewachsen.«

»Und was hat Verres dazu gesagt?«

»Er hat Befehl gegeben, Herennius auf der Stelle zu enthaupten.«

Einige Zuschauer schrien entsetzt auf.

»Wer hat die Hinrichtung durchgeführt?«

»Sextius, der amtliche Scharfrichter.«

»Und hat er seine Arbeit sauber erledigt?«

»Ich fürchte nein.«

»Was ein klarer Hinweis darauf ist«, sagte Cicero, während er sich zu den Geschworenen umdrehte, »dass er Verres und seiner Räuberbande nicht ausreichend bestochen hatte.«

Fast während des gesamten Prozesses hatte Verres zusammengesunken auf seinem Stuhl gesessen. An diesem Morgen jedoch, aufgeputscht durch den Alkohol, sprang er auf und brüllte herum, dass er nie Bestechungsgelder angenommen habe. Hortensius musste ihn wieder auf den Stuhl ziehen. Cicero ignorierte den Zwischenfall völlig und fuhr in aller Ruhe mit der Befragung des Zeugen fort.

»Das war doch eine ziemlich ungewöhnliche Situation, oder? Da verbürgen sich hundert Menschen dafür, dass der Mann römischer Bürger ist, und Verres hat nicht mal eine Stunde Zeit, um dessen Identität zu überprüfen. Wie erklärst du dir das?«

»Das ist ganz leicht zu erklären, Senator. Herennius war Passagier auf einem Schiff aus Spanien, das Verres' Handlanger mitsamt seiner Fracht beschlagnahmt hatten. Erst landete er mit allen anderen Männern, die an Bord waren, in den Steinbrüchen, und später wurde er aufs Forum geschafft, um öffentlich als Pirat hingerichtet zu werden. Was Verres nicht wusste, war, dass Herennius nicht aus Spanien stammte und dass ihn die Römer hier in Syrakus wiedererkennen würden. Als Verres seinen Fehler bemerkte, konnte er ihn aber nicht einfach freilassen, weil Herennius zu viel über die Geschichte wusste.«

»Entschuldigung, ich verstehe nicht«, fragte Cicero und spielte den Unwissenden. »Warum sollte Verres einen unschuldigen Passagier auf einem Frachtschiff als Piraten hinrichten lassen?«

»Weil er eine bestimmte Anzahl an öffentlichen Hinrichtungen brauchte.«

»Warum das?«

»Weil die echten Piraten ihn dafür bezahlt hatten, dass er sie laufen ließ.«

Verres sprang wieder auf und brüllte: »Lüge, alles Lüge«. Diesmal ignorierte Cicero ihn nicht, sondern ging eine paar Schritte auf ihn zu. »Lüge? Alles Lüge? Warum verzeichnen dann deine eigenen Gefängnisunterlagen, dass Herennius auf freien Fuß gesetzt wurde? Und warum verzeichnen sie außerdem, dass der berüchtigte Piratenkapitän Heracleo hingerichtet wurde, obwohl kein Mensch auf der ganzen Insel Zeuge seiner Enthauptung war? Ich sage dir, warum: weil du, der Statthalter Roms, der Verantwortliche für die Sicherheit der Meere, die ganze Zeit Bestechungsgelder von eben diesen Piraten kassiert hast!«

»Cicero, der große Anwalt, der Klügste unter der Sonne«, sagte Verres verbittert, wobei ihm die Worte wegen des Alkohols nur undeutlich über die Lippen kamen. »Der glaubt, dass er alles weiß! Dann erzähle ich euch mal was, das er nicht weiß. Heracleo steht unter meinem persönlichen Schutz, in meinem Haus hier in Rom, er kann euch selbst sagen, dass alles nur Lüge ist!«

Es ist im Nachhinein faszinierend, darüber nachzudenken, wie töricht ein Mann sein muss, der so etwas ausplaudert. Die Fakten jedenfalls sind eindeutig, sie finden sich hier in meinen Unterlagen. Trotz des losbrechenden Höllenlärms im Gericht hörte ich Ciceros Stimme, der Glabrio aufforderte, seine Liktoren zu Verres' Haus zu schicken und den berühmten Piraten »im Interesse der öffentlichen Sicherheit« sofort festnehmen zu lassen. Nachdem das in die Wege geleitet worden war, rief Cicero seinen zweiten Zeugen des Tages auf, Gaius Numitorius. Ich persönlich hielt das damals für etwas voreilig: Meiner Meinung nach hätte sich aus dem Geständnis über Heracleo noch mehr herausholen lassen. Aber der große Rechtsgelehrte hatte gespürt, dass der Augenblick für den Todesstoß gekommen war. Seit Monaten schon, seit wir auf Sizilien gelandet waren, hatte er gewusst, welche Waffe er dafür verwenden würde. Numitorius schwor, dass er die Wahrheit sagen würde, trat in den Zeugenstand und wurde von Cicero ziemlich schnell durch seine Aussage geleitet, die uns mit den wesentlichen Fakten über Publius Gavius vertraut machte: dass der Kaufmann per Schiff von Spanien nach Sizilien gereist war; dass man das Schiff beschlagnahmt und sämtliche Menschen an Bord in die Steinbrüche geworfen hatte, von wo Publius Gavius irgendwie hatte fliehen können; dass er sich nach Messana durchgeschlagen hatte, um von dort mit einem Schiff aufs Festland zu gelangen, beim Betreten des Schiffes aber festgenommen und Verres bei dessen nächstem Besuch in der Stadt übergeben worden war. Atemlose Stille lag über dem Forum.

»Schildert dem Gericht, was dann passiert ist.«

»Verres ließ auf dem Forum von Messana ein Tribunal zusammentreten«, sagte Numitorius. »Gavius wurde vor das Gericht gezerrt, und Verres verkündete, dass er ein Spion sei, für den es nur eine einzige gerechte Strafe gebe. Er befahl, ein Kreuz aufzurichten mit Blick über die Meeresenge nach Regium. Der Gefangene sollte im Moment des Todes auf Italien blicken. Dann ließ er ihm die Kleider vom Leib reißen, vor aller Augen auspeitschen, mit heißen Eisen foltern und schließlich ans Kreuz schlagen.«

»Hat Gavius etwas gesagt?«

»Nur am Anfang. Er schwor, dass er zu Unrecht beschuldigt werde. Er sei kein ausländischer Spion, sondern Bürger Roms. Er sei Stadtrat von Consa und habe früher unter dem Kommando von Lucius Raecius in der römischen Reitertruppe gedient.«

»Was hat Verres dazu gesagt?«

»Er hat ihn als Lügner beschimpft und befohlen, mit der Exekution zu beginnen.«

»Kannst du uns schildern, wie Gavius seinem schrecklichen Tod gegenübergetreten ist?«

»Äußerst tapfer, Senator.«

»Wie ein Römer?«

»Ja, wie ein Römer.«

»Hat er noch irgendetwas gesagt?« (Ich wusste, worauf Cicero hinauswollte.)

»Nur während er ausgepeitscht wurde, als er sehen konnte, wie schon die Eisen erhitzt wurden.« »Was hat er gesagt?«

»Bei jedem Schlag hat er gerufen: >Ich bin ein Bürger Roms.<«

»Würdest du das wiederholen, etwas lauter, bitte, damit jeder dich hören kann.« »Er hat gerufen: >Ich bin ein Bürger Roms.<« »Das war alles?«, fragte Cicero. »Damit ich dich auch richtig verstehe ... Ein Peitschenhieb trifft also auf seinen Körper ...« Cicero legte die Handgelenke aneinander, streckte sie hoch über seinen Kopf und stieß seine Körpermitte ruckartig nach vorn, so als ob ihn ein Hieb mit der Peitsche auf dem Rücken getroffen hätte. »Und dann sagt er mit zusammengebissenen Zähnen: >Ich bin ein Bürger Roms.< Der nächste Hieb .. .« Wieder stieß sein Körper nach vorn. »>Ich bin ein Bürger Roms.< Der nächste Hieb. >Ich bin ein Bürger Roms ... <«

Meine dürren Worte können nicht annähernd wiedergeben, wie Ciceros Vorstellung auf diejenigen wirkte, die sie mit eigenen Augen sahen. Die Stille im Gericht und unter den Zuschauern verstärkte die Wirkung seiner Worte. Es war, als würden wir alle zu Zeugen dieses monströsen Justizverbrechens. Einige Männer und Frauen, ich glaube, es waren Freunde von Gavius, fingen an zu schreien, und aus allen Winkeln des Forums waren wutentbrannte Zwischenrufe zu hören. Wieder befreite sich Verres aus Hortensius' Griff und sprang auf. »Er war ein mieser Spion!«, brüllte er. »Das hat er nur gerufen, weil er seiner gerechten Strafe entgehen wollte!«

»Aber er hat es gerufen!«, rief Cicero triumphierend, wandte sich um und deutete mit dem Finger auf Verres. »Du gibst also zu, dass er es gerufen hat! Deine eigenen Worte klagen dich an: Der Mann behauptet, ein Bürger Roms zu sein, und du hast keinen Finger gerührt! Er beruft sich auf sein Bürgerrecht, und trotzdem zögerst du keine Sekunde oder verschiebst auch nur für kurze Zeit die Vollstreckung der grausamen und abscheulichen Todesstrafe. Wenn man dich, Verres, in Persien oder im hintersten Winkel Indiens auf den Hinrichtungsplatz zerrte, was würdest du denn rufen, außer dass du ein Bürger Roms seist? Und Gavius, den du gar nicht schnell genug zum Tode befördern konntest? Hat ihm die Berufung auf sein Bürgerrecht auch nur eine Stunde oder einen Tag Aufschub beschert, damit man die Wahrheit seiner Behauptung überprüfe? Nein, nicht mit dir auf der Richterbank. Noch der ärmste Mann von niederster Abstammung, egal, in welch rückständigem Land er sich auch aufhielt, hatte bis zum heutigen Tag immer die Gewissheit, dass ihm der Satz >Ich bin ein Bürger Roms« als letzte Verteidigung, als letzte Zuflucht dienen würde. Es war nicht Gavius, nicht irgendein unbedeutender Mann, den du an dieses Kreuz der Qualen genagelt hast: Es war das allgemeingültige Prinzip, dass ein Römer ein freier Mensch ist.«

Der donnernde Beifallssturm, der nach den letzten Worten von Ciceros flammender Rede aufbrandete, war furchterregend. Und er ebbte nach wenigen Augenblicken nicht etwa ab, sondern er schaukelte sich immer weiter auf, wurde immer lauter und schriller. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich, dass die Menschenmenge an den Rändern des Forums in Bewegung geriet, dass sie sich auf uns zubewegte. Ich hörte ein krachendes Geräusch und sah, wie die Baldachine, unter denen viele Zuschauer Schutz vor der Sonne gesucht hatten, zusammenbrachen. Ein Mann fiel von einem Balkon und verschwand zwischen den Menschen, die darunter standen. Schreie waren zu hören. Ein wütender Mob stürmte die Stufen zum Podium des Gerichts hinauf. Hortensius und Verres sprangen in ihrer Panik so schnell auf, dass ihre Bank nach hinten umkippte. Ich hörte Glabrios kreischende Stimme. Er erklärte die Sitzung für geschlossen und eilte dann zusammen mit seinen Liktoren die restlichen Stufen zum Tempel hinauf. Dicht dahinter gaben der im Laufschritt folgende Angeklagte und sein vornehmer Anwalt ein wenig würdevolles Bild ab. Auch einige der Geschworenen suchten Schutz in den Mauern des heiligen Gebäudes. Nicht so Catulus: Ich erinnere mich noch genau an seine wie ein scharfkantiger Felsen aufragende Gestalt. Mit starrem Blick schaute er geradeaus, während sich der Menschenstrom vor ihm teilte und um ihn herumschwappte. Die schweren Bronzetüren des Tempels wurden verriegelt. Cicero unternahm einen Versuch, die Ordnung wiederherzustellen. Er stieg auf seinen Stuhl und gestikulierte beruhigend mit den Armen, wurde aber von vier oder fünf ziemlich verwegen aussehenden Burschen an den Beinen gepackt und hochgehoben. Ich fürchtete um meine wie um seine Sicherheit, doch er breitete nur die Arme aus, als wollte er die ganze Welt umarmen. Die Burschen drehten sich mit Cicero auf den Schultern um und präsentierten ihn der Menge. Der Jubelsturm blies uns ins Gesicht, als hätte man die Tür eines Ofens geöffnet. »Ci-ce-ro! Cice-ro! Ci-ce-ro!« Die Sprechchöre erfüllten den Himmel über Rom.

*

Das war das Ende von Gaius Verres. Wir erführen nie, was genau sich im Innern des Tempels abgespielte, nachdem Glabrio die Sitzung unterbrochen hatte. Cicero glaubte, dass Hortensius und Metellus ihrem Klienten klarmachten, dass eine Fortsetzung der Verteidigung sinnlos sei. Ihr eigenes Ansehen, ihre eigene Autorität hatten schwer gelitten: Sie mussten Verres loswerden, bevor er dem Ruf des Senats noch weiteren Schaden zufügen konnte. Es spielte keine Rolle mehr, mit welch irrwitzigen Summen er die Geschworenen bestochen hatte -keiner von ihnen würde es nach den gerade erlebten Szenen noch wagen, für einen Freispruch zu stimmen. Wie auch immer. Nachdem sich der Mob zerstreut hatte, stahl sich Verres aus dem Tempel und floh - manche sagen, als Frau verkleidet - bei Einbruch der Nacht aus der Stadt. Sein Ziel war Massilia im Süden Galliens, ein traditioneller Fluchtpunkt für die Exilanten aus Rom. Dort tauschten sie dann zu gegrillter Seebarbe ihre weinerlichen Geschichten aus und konnten sich vormachen, sie säßen in der Bucht von Neapel.

Jetzt blieb nur noch zu klären, wie hoch die Geldstrafe sein sollte, die man von Verres zu fordern gedachte. Als Cicero an diesem Tag nach Hause zurückkehrte, berief er eine Besprechung ein, um über die angemessene Summe zu diskutieren. Den genauen Wert dessen, was sich Verres während seiner Sizilien-Jahre ergaunert hat, wird man nie erfahren. Mir waren Schätzungen zu Ohren gekommen, die von vierzig Millionen Sesterzen sprachen. Lucius favorisierte wie immer den radikalsten Kurs: die Beschlagnahme von Verres' gesamtem Vermögen. Quintus hielt eine Summe von zehn Millionen für angebracht. Cicero war merkwürdig still für einen Mann, der gerade einen derart fulminanten Sieg errungen hatte. Er saß übellaunig vor seinem Schreibpult und spielte mit einem metallenen Griffel herum. Am frühen Nachmittag erhielten wir einen Brief von Hortensius, in dem er uns Verres' Angebot übermittelte, als Schadenersatz eine Million

Sesterzen an das Gericht zu zahlen. Vor allem Lucius war empört - »eine Beleidigung«, lautete sein einziger Kommentar. Cicero schickte den Boten auf der Stelle zurück: Er solle es nicht wagen, noch einmal mit so einem Angebot hier aufzutauchen. Ein Stunde später war er wieder da. Hortensius' neues Angebot - sein letztes, wie er hinzufügte -belief sich auf anderthalb Millionen. Diesmal bequemte sich Cicero zu einer schriftlichen Antwort:

Von: Marcus Tullius Cicero An: Quintus Hortensius Hortalus Sei gegrüßt!

Angesichts der lachhaft niedrigen Summe, die dein Klient als Schadenersatz für seine beispiellosen Schandtaten vorschlägt, werde ich Glabrio morgen bitten, mit der Verhandlung fortfahren zu dürfen, und mein Recht geltend machen, das Gericht über in Rede stehende Frage und noch andere Dinge in Kenntnis zu setzen.

»Mal sehen, was er von der Aussicht hält, dass wir ihm und seinen aristokratischen Freunden noch ein bisschen mehr von ihrem eigenen Dreck unter die Nase reiben«, sagte er zu mir. Ich versiegelte den Brief, übergab ihn dem wartenden Boten und ging zurück ins Arbeitszimmer, wo Cicero gleich damit begann, mir seine Rede für morgen zu diktieren: eine scharfe Attacke auf die Aristokraten, dass sie mit der Verteidigung solcher Lumpen wie Verres die erhabenen Namen ihrer Familien und Vorfahren besudelten. Vor allem Lucius war es, der ihn immer weiter anstachelte, seiner Abscheu freien Lauf zu lassen: »Wir sind uns sehr wohl der Tatsache bewusst, dass gewisse >edle Herren« die Verdienste und die Tatkraft der homines novi mit Missgunst und Abneigung betrachten; dass wir keine Sekunde die Augen schließen dürfen, um nicht in einen Hinterhalt gelockt zu werden; dass wir uns nicht den kleinsten Verdacht oder gar den Vorwurf eines Fehlverhaltens erlauben dürfen, ohne nicht auf der Stelle dafür büßen zu müssen; dass wir in unserer Aufmerksamkeit niemals nachlassen und uns niemals einen Tag der Erholung gönnen dürfen. Wir haben Feinde, treten wir ihnen entgegen; wir haben schwere Aufgaben zu bewältigen, erledigen wir sie. Und lasst uns dabei nie vergessen, dass ein Feind, der sich als solcher zu erkennen gibt, weniger furchteinflößend ist als einer, der sich versteckt und niemals das Wort erhebt.«

»Wieder tausend Stimmen weniger«, brummte Quintus.

Der Rest des Nachmittags verstrich, ohne dass eine weitere Nachricht von Hortensius eintraf. Kurz vor Einbruch der Dämmerung hörten wir von der Straße laute Stimmen, und Sekunden später platzte der Hausverwalter Eros in Ciceros Arbeitszimmer und meldete aufgeregt, dass Pompeius Magnus in der Vorhalle sei. Das war in der Tat eine Überraschung. Cicero und sein Bruder schauten sich an, und schon im nächsten Augenblick hörten wir die vertraute Exerzierplatzstimme durchs Haus dröhnen. »Wo ist er? Wo ist der größte Redner unserer Tage?«

Cicero stieß einen leisen Fluch aus und ging dann hinaus ins Tablinum. Quintus, Lucius und ich folgten ihm. In den bescheidenen Räumlichkeiten von Ciceros Haus wirkte die massige Gestalt des Konsuls noch größer als sonst. »Da ist er ja!«, rief er aus. »Der Mann, den dieser Tage jeder sehen will!« Er ging schnurstracks auf Cicero zu, schlang seine muskulösen Arme um ihn und klopfte ihm kräftig auf den Rücken. Ich stand direkt hinter Cicero und konnte sehen, wie Pompeius' listige graue Augen jeden einzelnen von uns taxierten. Als er den verlegenen Hausherrn aus seiner Umklammerung freigegeben hatte, bestand er darauf, jedem von uns vorgestellt zu werden -sogar mir. Der bescheidene Haussklave aus Arpinum kann sich also damit brüsten, im Alter von vierunddreißig Jahren beiden amtierenden Konsuln Roms die Hand geschüttelt zu haben.

Er hatte seine Leibwächter draußen auf der Straße gelassen und das Haus allein betreten, was als außergewöhnlicher Beweis von Vertrauen und Gunst zu deuten war. Als wie immer tadelloser Gastgeber wies Cicero Eros an, Terentia Bescheid zu geben, dass Pompeius Magnus im Haus sei, und mir befahl er, Wein einzuschenken.

»Nur einen kleinen Schluck«, sagte Pompeius und hielt seine große Hand über den Becher. »Wir haben nur kurz Zeit, wir sind auf dem Weg zu einer Abendgesellschaft. Aber wir wollten nicht am Haus unseres Nachbarn vorbeigehen, ohne kurz anzuklopfen und unsere Aufwartung zu machen. Wir haben deine Entwicklung in den vergangenen Tagen genau verfolgt, Cicero. Unser Freund Glabrio hat uns berichtet. Großartig, mein Kompliment. Lass uns auf dein Wohl trinken.« Er hob den Becher, nippte aber nicht einmal daran. »Nachdem du diese große Aufgabe erfolgreich abgeschlossen hast, hoffe ich doch, dass wir uns nun etwas öfter sehen können. Zumal ich ja in Kürze wieder Privatmann sein werde.«

Cicero verbeugte sich leicht. »Ich würde mich sehr freuen.«

»Übermorgen zum Beispiel, hast du da schon irgendwelche Pläne?«

»Das ist doch der Eröffnungstag deiner Spiele, da wird man dich sicher sehr beanspruchen. Vielleicht passt es ein andermal ...«

»Ach was. Ich lade dich ein, in unsere Loge. Schau dir die Eröffnung mit uns zusammen an, wird sicher nicht zu deinem Nachteil sein. Alle Welt soll sehen, dass wir Freunde sind«, fügte er pompös hinzu. »Du magst doch die Spiele, oder?«

Cicero zögerte. Ich konnte förmlich sehen, wie sein Gehirn die Folgen eines Jas oder eines Neins durchspielten. Aber eigentlich hatte er keine Wahl. »Die Spiele faszinieren mich«, antwortete er. »Ich wüsste nicht, was ich lieber täte.«

»Ausgezeichnet«, sagte Pompeius mit seiner dröhnenden Stimme. In diesem Augenblick betrat

Eros das Atrium und richtete aus, dass Terentia unpässlich sei, sie habe sich hingelegt und lasse sich entschuldigen. »Schade«, sagte Pompeius leicht verstimmt. »Naja, es wird sich sicher noch eine Gelegenheit finden.« Er gab mir seinen vollen Becher. »Wir müssen uns jetzt verabschieden. Du hast sicher noch viel zu tun. Da fällt mir ein ...«, sagte er und drehte sich auf der Schwelle des Atriums noch einmal um. »Habt ihr euch schon über die Höhe der Strafe geeinigt?«

»Noch nicht«, antwortete Cicero.

»Was haben sie dir angeboten?«

»Anderthalb Millionen.«

»Nimm das Angebot an«, sagte Pompeius. »Du hast die hohen Herren schon tief genug in die Scheiße geritten, zwing sie nicht auch noch, sie zu fressen. Es wäre mir persönlich unangenehm und der Stabilität des Staates abträglich, wenn sich dieser Prozess noch länger hinzieht. Wir verstehen uns?« Er nickte freundlich und verließ das Atrium. Wir hörten, wie die Haustür geöffnet wurde und der Kommandeur seine Leibwache strammstehen ließ. Dann wurde die Tür geschlossen. Eine Zeit lang sprach keiner ein Wort.

»So ein Dreckskerl«, sagte Cicero. »Bring mir noch was zu trinken.« Als ich mich umdrehte, um den Krug zu holen, sah ich, dass Lucius verärgert die Stirn runzelte.

»Was gibt ihm das Recht, so mit dir zu sprechen?«, fragte er. »Ein Höflichkeitsbesuch, von wegen.«

»Höflichkeitsbesuch? Ach, Lucius«, widersprach Cicero und fing an zu lachen. »Das war der Besuch vom Mieteintreiber.«

»Mieteintreiber? Was bist du ihm denn für Miete schuldig?« Lucius war vielleicht Philosoph, aber er war kein vollkommener Idiot. Er begriff jetzt, was geschehen war. »Ah, so ist das, jetzt verstehe ich.« Angewidert verzog er das Gesicht und drehte sich um.

»Verschon mich mit deiner Überheblichkeit«, sagte Cicero und fasste ihn am Arm. »Ich hatte keine Wahl. Marcus Metellus war gerade der Gerichtshof für Erpressungen zugelost worden. Die Geschworenen waren bestochen. Das Vorverfahren war eine abgekartete Sache. Ich war so nah dran ...« Er hielt seinem Vetter Daumen und Zeigefinger mit so geringem Abstand unter die Nase, dass die beiden Finger sich fast berührt hätten. »... dass ich die ganze Anklage fallen gelassen hätte. Und dann kommt Terentia und sagt, >Streich deine Rede zusammen!<«, und ich hab gewusst, das ist die Lösung. Fahr jedes einzelne Beweisstück auf, jeden einzelnen Zeugen, und das alles in zehn Tagen. Und stell sie an den Pranger! Das war der Punkt, Lucius, verstehst du? An den Pranger, vor ganz Rom, vor aller Augen, sodass sie gar keine andere Wahl hätten, als ihn schuldig zu sprechen.«

Als habe er ein Gericht mit nur einem Geschworenen vor ich, den es zu überzeugen gelte, redete Cicero unter Aufbietung seines ganzen rhetorischen Arsenals auf seinen Vetter Lucius ein.

Er las in dessen Gesicht und suchte nach Hinweisen für die passenden Worte und Argumente, um ihn auf eine Seite zu ziehen.

»Aber ausgerechnet Pompeius«, sagte Lucius verbittert. Nach allem, was er dir vorher angetan hat.«

»Ich habe nur eine einzige Sache gebraucht, Lucius, nur eine winzige Gefälligkeit, und das war die Zusicherung, dass ich den Prozess so durchziehen kann, wie ich das will, und die Zeugen sofort aufrufen kann. Da war keine Bestechung im Spiel, keine Korruption, nichts. Aber ich musste im Voraus wissen, dass Glabrio da mitspielt. Aber als Anklagevertreter konnte ich ja wohl kaum selbst auf den Prätor zugehen. Also habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, wer das für mich tun könnte.«

Quintus sagte: »Da kam in ganz Rom nur ein Einziger infrage, Lucius.«

»Genau«, rief Cicero. »Ein Mann, dem Glabrio moralisch so verpflichtet ist, dass er ihm sein Ohr nicht verweigern konnte. Und das ist der Mann, der ihm nach dem Tod seiner geschiedenen Frau seinen Sohn zurückgegeben hat - Pompeius.«

»Das war keine winzige Gefälligkeit«, sagte Lucius. »Das war ein schwerwiegender Eingriff, für den ein hoher Preis bezahlt werden muss - aber nicht von dir, sondern von den Bewohnern Siziliens.«

»Von den Bewohnern Siziliens?«, wiederholte Cicero, der langsam die Geduld verlor. »Die Bewohner Siziliens haben nie einen aufrichtigeren

Freund als mich gehabt. Ohne mich hätte es gar keinen Prozess gegeben. Ohne mich kein Angebot von anderthalb Millionen. Um Himmels willen, Lucius, ohne mich wäre Gaius Verres in spätestens zwei Jahren Konsul geworden. Du kannst mir nicht ernsthaft vorwerfen, dass ich die Bewohner Siziliens im Stich gelassen hätte.«

»Dann weigere dich, die Miete zu zahlen«, sagte Lucius und packte Ciceros Hand. »Zieh morgen vor Gericht und hol das Maximum an Entschädigung raus. Zur Hölle mit Pompeius. Ganz Rom steht auf deiner Seite. Die Geschworenen werden es nicht wagen, sich gegen dich zu stellen. Wer schert sich noch um Pompeius? Er hat es selbst gesagt, in fünf Monaten gibt es keinen Konsul Pompeius mehr. Los, versprich mir, dass du kämpfst.«

Cicero umfasste Lucius' Hand mit beiden Händen und schaute ihm tief in die Augen - die alte Doppelgriff-Masche, deren Zeuge ich in diesem Raum schon so oft geworden war. »Ich verspreche dir ...«, sagte er, »ich verspreche dir, dass ich darüber nachdenken werde.«

*

Vielleicht hat er darüber nachgedacht. Wer bin ich, dass ich mir ein Urteil erlauben dürfte? Aber ich möchte doch bezweifeln, dass ihn die Frage länger als eine Sekunde beschäftigte. Cicero war nie daran gelegen, sich an die Spitze eines Mobs zu setzen, der diesen Staat beseitigen wollte: Und nur das hätte ihm den Hals gerettet, hätten sich Pompeius und die Aristokraten gegen ihn gewandt. »Das Problem mit Lucius ist«, sagte er und legte, nachdem sein Vetter gegangen war, die Füße auf das Schreibpult, »dass er glaubt, Politik sei ein Kampf für Gerechtigkeit. Aber Politik ist ein Beruf.«

»Denkst du, dass Verres Pompeius bestochen hat, um die Summe im Rahmen zu halten?«, fragte Quintus und sprach damit exakt den Gedanken aus, der auch mir schon durch den Kopf gegangen war.

»Durchaus möglich. Aber ich glaube eher, dass er einfach vermeiden will, in einen Bürgerkrieg zwischen Volk und Senat zu geraten. Wenn es nach mir ginge, ich würde nichts Lieber tun, als Verres' gesamtes Vermögen einzuziehen. Von mir aus könnte der Lump für den Rest seines Lebens gallisches Gras fressen. Aber dazu wird es nicht kommen«, sagte er seufzend. »Also los, lasst uns mal überschlagen, wie weit wir mit den anderthalb Millionen Sesterzen kommen.«

Cicero, Quintus und ich verbrachten den Rest des Abends damit, eine Liste der Personen mit den höchsten Wiedergutmachungsansprüchen zusammenzustellen. Nachdem Cicero seine eigenen Kosten von knapp hunderttausend Sesterzen abgezogen hatte, kamen wir zu dem Ergebnis, dass er seinen Verpflichtungen so eben nachkommen konnte, zumindest gegenüber Sthenius und seinesgleichen sowie den Zeugen, die eigens die lange Reise nach Rom gemacht hatten. Aber was sollte man den Priestern sagen? Wie sollte man den Wert einer Tempelstatue schätzen, deren Edelsteine und wertvolle Metalle Verres' Goldschmiede schon vor langer Zeit herausgebrochen beziehungsweise eingeschmolzen hatten? Und mit welcher Summe konnte man die Familien und Freunde von Gavius, Herennius und all den anderen Ermordeten entschädigen? Diese Fragen gaben Cicero zum ersten Mal einen Geschmack davon, wie es war, wenn man Macht besaß - eine Macht, die einem, wenn es hart auf hart ging, gewöhnlich nur die Wahl ließ zwischen zwei gleichermaßen widerwärtigen Optionen.

Am nächsten Morgen war fast alles wie an allen anderen Prozesstagen zuvor: das übliche Gefolge, die übliche Menschenmenge, die uns an den üblichen Stellen erwartete. Nur zwei Dinge waren anderes. Verres war nicht da, und zwanzig oder dreißig Wachposten schirmten das Podium des Gerichts ab. Glabrio eröffnete die Sitzung und wies in einer kurzen Rede daraufhin, dass er Störungen wie die von gestern nicht noch einmal dulden werde. Dann erteilte er Hortensius das Wort.

»Aufgrund seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung ...«, begann Hortensius, wurde aber schon nach diesen ersten Worten von schallendem Gelächter unterbrochen. Es dauerte eine Zeit lang, bis er fortfahren konnte. »Aufgrund seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung«, wiederholte er, »hervorgerufen durch die Belastung der letzten Tage, und weil ihm daran gelegen ist, die Geschäfte des Staates nicht weiter zu beeinträchtigen, verzichtet mein Klient Gaius Verres auf die weitere Verteidigung gegen die durch den Sonderermittler vorgebrachten Beschuldigungen.«

Er setzte sich wieder. Im Gegensatz zu den Siziliern, die den Rückzug mit Beifall aufnahmen, zeigten die Zuschauer kaum eine Reaktion. Sie warteten darauf, dass Cicero wieder die Initiative ergriff. Er stand auf und bedankte sich bei Hortensius für dessen Erklärung - »ein klein bisschen kürzer, als wir sie in dieser Umgebung von dir gewöhnt sind« - und forderte die Höchststrafe nach Cornelischem Recht: die dauerhafte Aberkennung aller Bürgerrechte, »auf dass Gaius Verres weder für seine früheren Opfer noch für eine korrekte Verwaltung der römischen Republik je wieder zur Gefahr werden kann«. Zum ersten Mal an diesem Morgen brandete Jubel auf.

»Ich wünschte«, fuhr Cicero fort, »dass ich seine Verbrehen ungeschehen machen und Menschen wie Göttern all das ersetzen könnte, was er ihnen gestohlen hat. Ich wünschte, ich könnte den Schreinen der Juno auf Malta und Samos ihre Opfergaben und Schmuckstücke zurückgeben. Ich wünschte, Minerva könnte die Verzierungen ihres Tempels in Syrakus wiedersehen. Ich wünschte, ich könnte der Stadt Segesta ihre Statue der Diana und den Menschen von Tyndaris die ihre des Merkur zurückgeben. Ich wünschte, ich konnte das der Ceres zugefügte doppelte Unrecht ungeschehen machen, als man ihre Statuen sowohl aus Henna wie aus Catina geraubt hat. Aber der Schurke ist über alle Berge, zurückgelassen hat er nur die leeren Wände und nackten Böden seiner Häuser hier in Rom und auf dem Land. Nichts weiter kann beschlagnahmt und verkauft werden. Sein Anwalt taxiert den Wert auf anderthalb Millionen Sesterzen, und so kann ich als Wiedergutmachung für Verres' Verbrechen auch nur diese Summe fordern.«

Einige Zuschauer buhten, einer anderer rief: »Viel zu wenig!«

»Das ist zu wenig, ganz meine Meinung. Vielleicht sollen einige von denen, die heute hier zu Gericht sitzen und Verres früher, als er noch ein aufgehender Stern war, verteidigt haben, und einige von denen, die ihm für den Fall, dass sie zu den Geschworenen gehören sollten, ihre Unterstütung zugesagt haben, vielleicht sollten die einmal ihr Gewissen prüfen ... oder auch den Inhalt ihrer Villen!«

Hortensius sprang auf und legte Einspruch ein: Der Vertreter der Anklage spreche in Rätseln.

»Seltsam«, erwiderte Cicero schlagfertig. »Verres hat ihm doch eine Elfenbeinsphinx verehrt, da müsste unserem designierten Konsul das Lösen von Rätseln doch leicht von der Hand gehen.«

Das war kein geplanter Scherz, da Cicero nicht im Voraus wissen konnte, wie Hortensius auf seine Worte reagieren würde. Allerdings - nachdem ich den Satz niedergeschrieben habe und jetzt noch einmal darüber nachdenke - komme ich mir doch etwas blauäugig vor. Vielleicht gehörte die Antwort zu dem Fundus an geistreichen Spontanbemerkungen, die Cicero bei Kerzenlicht regelmäßig durchging, um sie bei passender Gelegenheit parat zu haben. Wie auch immer, die Episode beweist jedenfalls, wie wichtig Humor bei einem öffentlichen Auftritt sein kann. Das Einzige von diesem letzten Verhandlungstag, woran sich die Menschen noch erinnern, ist Ciceros Bemerkung über die Elfenbeinsphinx. Jetzt, im Nachhinein, weiß ich allerdings gar nicht mehr, was so besonders lustig daran war. Jedenfalls entfesselte der Satz Lachstürme und verwandelte eine unangenehme in eine weitere triumphale Rede. Setz dich schnell wieder hin! So hatte Molons Rat gelautet, wenn alles bestens lief, und genau das tat Cicero. Ich reichte ihm ein Handtuch, mit dem er sich unter dem Beifall der Menschen das Gesicht abtupfte und die Hände trocknete. Seine Arbeit im Fall Gaius Verres war damit beendet.

*

Bevor sich der Senat wegen der Spiele des Pompeius in eine fünfzehn tägige Sitzungspause verabschiedete, trat er an jenem Nachmittag zu einer letzten Sitzung zusammen. Da er noch einige Dinge mit den Siziliern zu klären hatte, eilten wir im Laufschritt vom Tempel des Castor über das Forum zum Senat, kamen aber dennoch zu spät.

Crassus als der in diesem Monat präsidierende Konsul hatte das Haus schon zur Ordnung gerufen und verlas gerade Lucullus' neuesten Kriegsbericht über die Fortschritte im Osten. Um nicht zu stören, blieb Cicero an der Schranke stehen, und von dort verfolgten wir Lucullus' Bericht. Der aristokratische General hatte nach eigener Aussage eine Serie triumphaler Siege errungen: Er war ins Königreich des Tigranes einmarschiert, hatte den König im Kampf bezwungen und Zehntausende seiner Soldaten hingeschlachtet, war daraufhin tiefer ins Land des Feindes vorgestoßen, hatte die Stadt Nisibis erobert und den König des Bruders als Geisel genommen.

»Wundert mich, dass es Crassus nicht übel wird dabei«, flüsterte Cicero mir fröhlich zu. »Sein einziger Trost dürfte sein, dass Pompeius noch mehr von Neid zerfressen wird.« Tatsächlich starrte Pompeius, der mit verschränkten Armen neben Crassus saß, düster und geistesabwesend vor sich hin.

Als Crassus fertig war, nutzte Cicero die plötzliche Stille und betrat den Saal. Alle Augen wandten sich zu ihm um. Es war ein heißer Tag, und die Lichtstreifen, die durch die schmalen Fenster unter dem Dach ins Innere fielen, verwandelten die winzigen Mücken in wirbelnde, glitzernde Punkte. Mit entschlossenem Schritt und erhobenem Kopf ging er an seinem alten, unauffälligen Platz neben der Tür vorbei und weiter durch den Mittelgang und blieb vor dem Podium der Konsuln stehen. Die Bank der Prätoren war voll besetzt, doch Cicero wartete geduldig auf seinen ihm nun rechtmäßig zustehenden Platz. Er wusste, und alle Mitglieder des Hauses wussten es auch, dass ihm als siegreichem Ankläger nach alter Überlieferung der Rang des von ihm besiegten Mannes zufiel. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie lange die Stille andauerte, aber sie kam mir ewig vor, und ich weiß noch, dass ich das Gurren der Tauben unter dem Dach hörte. Es war Afranius, der sich schließlich erhob und Cicero mit dem Finger bedeutete, sich neben ihn zu setzen. Grob stieß Afranius seinen Nebenmann zur Seite und schaffte auf der Holzbank Platz. Cicero stieg über ein halbes Dutzend ausgestreckter Beinpaare und quetschte sich dreist in die schmale Lücke. Er schaute nach links und nach rechts, sah jedem seiner Rivalen in die Augen und hielt jedem ihrer Blicke stand. Keiner sagte ein Wort. Schließlich stand jemand auf und sprach Lucullus und den siegreichen Legionen mit mürrischer Stimme seinen Dank aus. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, könnte das Pompeius gewesen sein. Allmählich machte sich im Saal wieder das übliche Gemurmel breit.

Ich schließe die Augen, sehe die Gesichter im goldenen Licht der Spätnachmittagssonne vor mir -Cicero, Crassus, Pompeius, Hortensius, Catulus, Catilina, die Metellus-Brüder - und kann es kaum glauben, dass sie alle, ihre ehrgeizigen Ziele und selbst das Gebäude, in dem sie damals saßen, heute nur noch Staub sind.

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