68 v.Chr.-64 v.Chr.
NAM ELOQUENTIAM QUAE ADMIRATIONEM NON HABET NULLAM IUDICO.
»Redekunst, die nicht aufrüttelt, ist für mich keine Redekunst.«
Cicero in einem Brief an Brutus, 48 v. Chr.
Ich schlage vor, dass ich meinen Bericht zwei Jahre nach den Ereignissen am Ende der letzten Schriftrolle wieder aufnehme. Ich fürchte, dass diese Auslassung viel über die Natur des Menschen aussagt. Würde man mich nämlich fragen: »Warum, Tiro, überspringst du eine solch lange Periode in Ciceros Leben?«, dann käme ich nicht umhin zu antworten: »Weil das glückliche Jahre waren, mein Freund, und was ist langweiliger, als von glücklichen Zeiten zu erzählen?«
Sein Jahr als Ädil war für den Senator eine äußerst erfolgreiche Zeit. Seine Hauptverantwortung bestand darin, die Stadt mit billigem Getreide zu versorgen, und hierbei konnte Cicero die reiche Ernte seiner Anklage gegen Verres einfahren. Die Bauern und Getreidehändler Siziliens zeigten ihre Dankbarkeit für seinen Rechtsbeistand nicht nur, indem sie ihm mit günstigen Preisen entgegenkamen: Einmal überließen sie ihm eine gesamte Schiffsladung sogar ohne Bezahlung. Cicero war schlau genug, an der öffentlichen Anerkennung dafür auch andere teilhaben zu lassen. Vom Hauptquartier der Ädile, dem Tempel der Ceres, ließ er die großzügige Spende zur Weiterverteilung an diejenigen liefern, die eigentlich für das reibungslose Funktionieren der Stadt sorgten: die etwa hundert Vorsteher der Stadtbezirke. Aus Dankbarkeit wurden viele von ihnen zu seinen Klienten. Mit ihrer Hilfe baute sich Cicero in den folgenden Monaten eine Wahlkampfmaschine auf, die ihresgleichen suchte (Quintus pflegte zu tönen, dass er jederzeit binnen einer Stunde eine zweihundertköpfige Menschenmenge auf die Straße brächte). Fortan geschah kaum noch etwas in der Stadt, über das die Cicero-Brüder nicht Bescheid wussten. Wenn zum Beispiel ein Bauunternehmer oder ein Ladenbesitzer eine bestimmte Genehmigung oder einen Wasseranschluss benötigte oder besorgt war über den baulichen Zustand eines Tempels in der Nachbarschaft, dann erfuhren die beiden Brüder früher oder später davon. Neben seinem außergewöhnlichen Redetalent war es diese unermüdliche Konzentration auf die eintönige Kleinarbeit, die Cicero zu einem derart eindrucksvollen Politiker machte. Er veranstaltete sogar gute Spiele - oder vielmehr Quintus veranstaltete sie in seinem Namen. Als auf dem Höhepunkt des Festes der Ceres traditionsgemäß Füchse mit brennenden Fackeln auf dem Rücken in den Circus Maximus getrieben wurden, erhoben sich alle zweihunderttausend Zuschauer von ihren Sitzen, um Cicero in seiner offiziellen Loge zuzujubeln.
»Dass so viele Menschen so viel Vergnügen an einem derart abstoßenden Schauspiel haben können«, sagte Cicero zu mir, als wir an jenem Abend nach Hause zurückkehrten, »lässt einen fast an den grundlegenden Voraussetzungen der Demokratie zweifeln.« Trotzdem war er hocherfreut, dass ihn die Massen nun nicht mehr nur als »Gelehrten« und »Griechen«, sondern auch als Mann aus ihrer Mitte betrachteten.
Die Geschäfte seiner Anwaltspraxis entwickelten sich ebenso gut. Nach einem ereignislosen Jahr als Konsul verbrachte Hortensius zunehmend mehr Zeit in der Bucht von Neapel, wo er mit seinen juwelenbehängten Fischen und weinbesprengten Bäumen kommunizierte und die Hoheit über die Gerichtssäle Roms vollkommen Cicero überließ. Dieser wurde dermaßen von Geschenken und Vermächtnissen dankbarer Klienten überhäuft, dass er seinem Bruder sogar die obligatorische Million Sesterzen für den Einzug in den Senat vorstrecken konnte. Quintus hatte, obwohl er nur ein mäßiger Redner war, schließlich doch noch seine Begeisterung für eine politische Karriere entdeckt. Cicero selbst war allerdings der Meinung, dass das Soldatische dem Wesen seines Bruders mehr entsprach. Trotz wachsenden Wohlstands und Ansehens lehnte Cicero es ab, aus dem väterlichen Haus auszuziehen. Er fürchtete, es könnte seinem Ansehen als Fürsprecher des Volkes schaden, wenn er sich auf dem protzigen Palatin niederließe. Stattdessen nahm er ohne Rücksprache mit Terentia in Erwartung zukünftiger Einnahmen einen hohen Kredit auf und kaufte in den Albaner Bergen in der Nähe vonTusculum - dreizehn Meilen entfernt von den neugierigen Augen seiner städtischen Wähler - eine prachtvolle Villa. Als er Terentia den Landsitz zeigte, spielte sie die Verärgerte und behauptete, das Klima in den Bergen sei schlecht für ihr Rheuma. Aber ich sah ihr an, dass sie sich insgeheim freute über diesen noblen Zufluchtsort nur eine halbe Tagesreise von Rom entfernt. Das Nachbaranwesen gehörte Catulus, und auch Hortensius besaß ganz in der Nähe ein Haus. Und obwohl Cicero lange Sommertage lesend und schreibend in den kühlen Lichtungen der Pappelhaine seines Landsitzes verbrachte, saß die Feindschaft zwischen ihm und den Aristokraten doch so tief, dass sie ihn nicht ein einziges Mal zu sich zum Essen einluden. Cicero störte das nicht. Im Gegenteil, es belustigte ihn, denn das Haus hatte einst Sulla gehört, dem größten Helden der Aristokraten, und er wusste, wie sehr sie die Tatsache reizen musste, dass es sich jetzt im Besitz eines homo novus aus Arpinum befand. An der Villa waren über zehn Jahre lang keine Veränderungen vorgenommen worden, und als er sie erworben hatte, war eine ganze Wand von einem Gemälde bedeckt gewesen, das den Diktator bei einer militärischen Ehrung durch seine Truppen zeigte. Cicero sorgte dafür, dass alle seine Nachbarn erfuhren, was er in seiner Eigenschaft als neuer Besitzer als Erstes getan hatte: nämlich die gesamte Wand weiß überstreichen zu lassen.
Im Herbst seines neununddreißigsten Lebensjahres war Cicero ein glücklicher Mann: wohlhabend, populär, nach einem Sommer auf dem Land bestens erholt und gespannt den Wahlen im kommenden Juli entgegenblickend, wenn er das Alter erreicht haben würde, um sich der Wahl zum Prätor zu stellen - dem letzten Schritt auf dem Weg zum höchsten Lorbeer, dem Konsulat.
An diesem entscheidenden Punkt seines Schicksals, kurz bevor das Glück ihn im Stich ließ und sein Leben wieder spannend wurde, fahre ich mit meiner Erzählung fort.
*
Ende September feierte Pompeius seinen Geburtstag, und zum dritten Mal hintereinander erhielt Cicero die Einladung, an einer Abendgesellschaft zu dessen Ehren teilzunehmen. Seufzend öffnete Cicero die Botschaft, denn er wusste inzwischen, dass es nur wenige Segnungen im Leben gibt, die lästiger sind als die Freundschaft eines großen Mannes. Anfangs hatte er sich geschmeichelt gefühlt, in Pompeius' inneren Kreis aufgenommen zu werden. Doch schon bald waren ihm die immer gleichen militärischen Anekdoten auf die Nerven gegangen, zu deren Illustrierung bei Tisch gewöhnlich Bildtafeln und bemalte Karaffen herumgereicht wurden. Sie handelten davon, wie der junge General bei Auximum drei Armeen des Marius überlistet, im Alter von vierundzwanzig Jahren an einem einzigen Nachmittag siebzehntausend Numidier getötet oder bei Valencia die spanischen Rebellen endgültig besiegt hatte. Seit seinem siebzehnten Lebensjahr gab Pompeius Befehle, und vielleicht war das der Grund dafür, dass sich bei ihm nichts hatte ausbilden können, was Ciceros geschliffenem Intellekt vergleichbar war. Spontaner Witz, Klatschgeschichten, scharfe Beobachtungen, die sich sowohl in tiefgründige wie spintisierende Betrachtungen über das Wesen des menschlichen Zusammenlebens verlieren konnten -Konversation also, wie Cicero sie schätzte - waren Pompeius vollkommen fremd. Der General liebte es, sich vor respektvoll schweigenden Zuhörern in Plattheiten zu ergehen, um sich dann zurückzulehnen und an den Schmeicheleien seiner Gäste zu ergötzen. Cicero sagte des Öfteren, dass er sich lieber von einem volltrunkenen Barbier auf dem Forum Boarium alle Zähne ziehen lassen wolle, als sich noch ein weiteres Mal diese Tischmonologe anhören zu müssen.
Der Kern des Problems war der, dass Pompeius sich langweilte. Nach seinem Konsulat hatte er sich wie angekündigt mit seiner Frau, seinem kleinen Sohn und seiner Tochter, die noch ein Säugling war, ins Privatleben zurückgezogen. Aber was nun? Da er über keinerlei Redetalent verfügte, kamen die Gerichtshöfe für ihn nicht infrage. Literarische Arbeit interessierte ihn nicht. Er konnte nichts tun, als vor Neid kochend Lucullus' fortschreitenden Feldzug gegen Mithridates zu verfolgen. Mit den Worten eines alten Sprichworts: Mit vierzig hatte er seine Zukunft schon hinter sich. Gelegentlich verließ er seinen Landsitz zu einem Ausflug in den Senat, wo er jedoch nicht das Wort ergriff, sondern den Debatten nur zuhörte. Allerdings legte er Wert darauf, dass ihn bei diesen Ausflügen immer ein riesiger Tross aus Freunden und Klienten begleitete. Cicero fühlte sich verpflichtet, zumindest einen Teil des Weges mitzugehen. Pompeius kam ihm vor wie ein Elefant, der versuchte, in einem Ameisenhaufen heimisch zu werden.
Und trotzdem war er immer noch einer der einflussreichsten Männer der Welt. Er verfügte über eine gewaltige Anhängerschaft unter den Wählern, und es war nicht ratsam, ihm in die Quere zu kommen, zumal binnen Jahresfrist wieder Wahlen anstanden. Erst in diesem Sommer hatte er seinem Günstling Gabinius zu einem der Volkstribunenämter verholfen. Kurz: Er mischte in der Politik immer noch mit. Also ging Cicero wie üblich am dreißigsten September zu Pompeius' Geburtstagsfest und berichtete nach seiner Rückkehr Quintus, Lucius und mir von den Ereignissen. Über Geschenke freute sich Pompeius wie ein Kind. Cicero hatte ihm einen zweihundert Jahre alten und äußerst wertvollen Originalbrief von Zeno, dem Begründer des Stoizismus, mitgebracht, den ihm Atticus in Athen gesorgt hatte. Liebend gern hätte Cicero den Brief für seine eigene Bibliothek in Tusculum behalten, aber er hatte gehofft, mit seiner Gabe des Generals Interesse an Philosophie wecken zu können. Pompeius hatte jedoch nur einen flüchtigen Blick daraufgeworfen, ihn gleich beiseitegelegt und sich stattdessen mehr für Gabinius' Geschenk interessiert: ein versilbertes Rhinozeroshorn, das mit einem ägyptischen, aus Pavianexkrementen hergestellten Aphrodisiakum gefüllt war. »Wie gern hatte ich den Brief zurück!«, sagte Cicero seufzend, ließ sich auf das Sofa fallen und legte seine Hand auf die Stirn. »Wahrscheinlich zündet das Küchenmädchen gerade ihr Herdfeuer damit an.«
»Wer war sonst noch da?«, fragte Quintus neugierig. Er war erst vor ein paar Tagen aus Umbrien zurückgekehrt, wo er das Quästorenamt innegehabt hatte, und lechzte nach dem neuesten Klatsch.
»Nur die übliche Klientel. Unser frischgebackener Volkstribun natürlich, der ehrenwerte Gabinius; sein Schwiegervater Palicanus, die Koryphäe auf dem Gebiet der schönen Künste; Roms anmutigster Tänzer, Afranius; dann Baibus, dieses spanische Geschöpf von Pompeius' Gnaden; und Varro, das Universalgenie des pompeianischen Haushalts. Tja ... und Marcus Fonteius«, fügte Cicero beiläufig hinzu - allerdings nicht so beiläufig, dass Lucius nicht sofort bemerkt hätte, dass da etwas vorgefallen sein musste.
»Und worüber hast du mit Marcus Fonteius gesprochen?«, fragte Lucius. Sein eigener Versuch, beiläufig zu klingen, war nicht weniger durchsichtig.
»Über alles Mögliche.«
»Seinen Prozess?«
»Sicher, auch.«
»Und wer verteidigt den Schurken?«
Cicero machte eine Pause und sagte dann ruhig: »Ich.«
Für diejenigen, die mit dem Fall nicht vertraut sind, sollte ich hinzufügen, dass Fonteius fünf Jahre zuvor Statthalter der Provinz Narbonensis im südlichen Gallia Transalpina gewesen war. Er hatte Pompeius, als dieser in einem Winter beim Kampf gegen die Rebellen in Spanien besonders unter Druck stand, frischen Nachschub und Soldaten geschickt, wodurch der General bis in den Frühling hatte durchhalten können. Seit jener Zeit waren sie Freunde. Fonteius hatte es in den folgenden Jahren zu außerordentlichem Reichtum gebracht - und zwar nach Art des Verres, indem er die einheimische Bevölkerung mittels verschiedenster illegaler Steuern ausgepresst hatte. Die Gallier hatten zunächst klein beigegeben und sich damit getröstet, dass Raub und Ausbeutung seit jeher Begleiterscheinungen der Zivilisation seien. Nach Ciceros triumphaler Klage gegen den Statthalter von Sizilien war Indutiomarus, der Anfuhrer der in der Provinz Narbonensis ansässigen Gallier, nach Rom gereist und hatte den Senator gebeten, sie im Gerichtshof für Erpressungen zu vertreten. Lucius hatte das Anliegen nach Kräften unterstützt, tatsächlich war er es gewesen, der Indutioniarus an Cicero verwiesen hatte. Der Gallier hatte abenteuerlich ausgesehen, als er an jenem Morgen in seinem barbarischen Aufzug aus Jacke und Hose vor unserer Tür stand. Ich war richtiggehend schockiert gewesen. Cicero hat sein Anliegen aber höflich abgelehnt. Seitdem war ein Jahr vergangen, und die Gallier hatten in dem designierten Prätor Plaetorius und seinem jungen Mitarbeiter Marcus Fabius seriösen Rechtsbeistand gefunden. Der Fall würde in Kürze vor Gericht kommen.
»Das ist ja ungeheuerlich«, sagte Lucius empört. »Wie kannst du so einen Kerl verteidigen? Der ist genauso schuldig wie Verres.«
»Unsinn. Er hat niemanden getötet, und er hat niemanden unter falschen Anschuldigungen eingesperrt. Das Schlimmste, was man über ihn sagen kann, ist, dass er ein einziges Mal den Weinhändlern von Narbonne überhöhte Steuern und ein paar Einheimischen überhöhte Gebühren für die Reparatur ihrer Straßen abgeknöpft hat. Außerdem«, fügte Cicero schnell hinzu, bevor Lucius ihn auf seine etwas wohlwollende Interpretation von Fonteius' Aktivitäten festnageln konnte, »wer sind wir, dass wir ihn jetzt schon schuldig sprechen dürften? Das ist Sache des Gerichts, nicht unsere. Oder willst du etwa der Tyrannei das Wort reden und ihm den Rechtsbeistand verweigern?«
»Ich würde ihm deinen Rechtsbeistand verweigern«, erwiderte Lucius. »Du hast doch Indutioniarus gehört, er hat dir die Beweise vorgelegt. Zählen die etwa nichts, nur weil Fonteius ein Freund von Pompeius ist?«
»Das hat mit Pompeius nichts zu tun.«
»Womit dann?«
»Mit Politik«, antwortete Cicero, setzte sich ruckartig auf, schwang den Oberkörper herum und stellte die Füße auf den Boden. Er schaute Lucius fest in die Augen und sagte ernst: »Weißt du, was das Schlimmste ist, was einem Staatsmann passieren kann? Dass seine Landsleute ihn verdächtigen, und sei es auch nur für einen Augenblick, er könnte die Interessen von Ausländern über die seines eigenen Volkes stellen. Genau diese Lüge verbreiten nämlich meine Gegner, seit ich die Sizilier gegen Verres vertreten habe. Und diese Verleumdung kann ich im Keim ersticken, wenn ich jetzt Fonteius' Verteidigung übernehme.«
»Und die Gallier?«
»Die werden von Plaetorius bestens vertreten.«
»Nicht so gut wie von dir.«
»Aber du sagst doch selbst, dass Fonteius' Fall auf schwachen Beinen steht. Der mit dem schwächsten Fall soll den stärksten Anwalt bekommen. Was könnte gerechter sein?«
Cicero strahlte ihn mit seinem bezauberndsten Lächeln an, doch Lucius ließ sich diesmal nicht einwickeln. Ihm war wohl klar, dass er einer Niederlage in einem Streitgespräch gegen Cicero nur dadurch entgehen konnte, dass er das Gespräch einfach abbrach. Also stand er auf und humpelte wütend in Pachtung der Tür zum Atrium. Erst jetzt fiel mir auf, wie krank er noch aussah, wie dünn er war, wie gebückt er ging. Er hatte sich von den Strapazen seiner Arbeit in Sizilien nie richtig erholt. »Worte, nichts als Worte«, brummte er bitter. »Hört das denn nie auf mit diesen Praktiken, mit denen du die anderen nach deiner Pfeife tanzen lässt? Da bist du genau wie alle anderen, Marcus: Deine große Stärke ist auch deine Schwäche. Du tust mir leid, wirklich, es dauert nämlich nicht mehr lange, dann kannst du zwischen deinen Winkelzügen und der Wahrheit nicht mehr unterscheiden. Und dann bist du verloren.«
»>Die Wahrheit<«, sagte Cicero lachend. »Ziemlich schwammiger Begriff für einen Philosophen!« Aber seine Spitze ging ins Leere, denn Lucius hatte den Raum bereits verlassen.
»Er kommt schon zurück«, sagte Quintus.
Aber er kam nicht zurück, und in den folgenden Tagen erledigte Cicero die Vorbereitungen für seinen Prozess mit dem entschlossenen Gesichtsausdruck eines Mannes, der sich ergeben in eine unappetitliche, aber unumgängliche Arbeit vertieft. Und was seinen Mandanten betrifft: Fonteius hatte schon seit drei Jahren mit dieser Anklage gerechnet und die Zeit gut genutzt, indem er für seine Verteidigung Unmengen an Beweismaterial zusammengetragen hatte. Er hatte Zeugen aus Spanien und Gallien, darunter Offiziere aus Pompeius' Lager sowie gerissene und gierige Steuerpächter und Kaufleute - allesamt Mitglieder der römischen Gemeinde in Gallien, die geschworen hatten, dass Nacht Tag sei und Land Meer, Hauptsache der Preis stimmte. Es gab nur ein Problem, das Cicero klar vor Augen stand, als sein fertiger Schriftsatz vor ihm auf dem Schreibpult lag: Fonteius war hundertprozentig schuldig. Cicero saß lange in seinem Arbeitszimmer und starrte an die Wand, während ich mich auf Zehenspitzen um ihn herumschlich. Ich erzähle das, weil es notwendig ist zum Verständnis seines Charakters. Cicero versuchte nämlich nicht nur, wie das vielleicht ein zynischer oder zweitklassiger Anwalt getan hätte, sich irgendeine kluge Taktik auszudenken, mit der er den Ankläger aufs Kreuz legen konnte. Er versuchte etwas zu finden, an das er glauben konnte. Das war der Kern seiner Genialität, sowohl als Rechtsanwalt wie als Staatsmann. »Wenn man selbst überzeugt ist, überzeugt man auch andere«, pflegte er zu sagen. »Du musst an das Argument glauben, das du vorbringst, sonst bist du verloren. Mit keiner Beweisführung, und sei sie noch so logisch oder geschliffen oder brillant, gewinnst du den Prozess, wenn deine Zuhörer spüren, dass dir der Glaube fehlt.« Er brauchte nur einen einzigen Punkt, an den er glauben konnte. An ihm konnte er sich festklammern, konnte darauf aufbauen, konnte ihn ausschmücken und für den Zeitraum von ein oder zwei Stunden in das wichtigste Thema der Welt verwandeln und dieses mit einer Leidenschaft darbieten, die die fadenscheinige Rationalität seiner Widersacher zertrümmerte. Oft verschwand dieser Punkt nach der Rede vollkommen aus seinem Kopf. Und woran glaubte er nun im Fall von Marcus Fonteius? Stundenlang starrte er an die Wand und verfiel schließlich nur darauf: dass sein Mandant in seiner eigenen Stadt von Roms traditionellem Erzfeind, den Galliern, attackiert worden sei und dass dieser Umstand, ungeachtet aller Fragen von Recht oder Unrecht, eine Art Verrat sei.
Darauf konzentrierte er sich, als er einmal mehr in der vertrauten Umgebung des Gerichtshofes für Erpressungen vor dem Tempel des Castor auftrat. Der Prozess dauerte von Ende Oktober bis Mitte November. Es wurde hart gekämpft, bei jedem einzelnen Zeugen, bis zum allerletzten Tag, an dem Cicero seine abschließende Rede für die Verteidigung hielt. Von meinem Platz im Rücken des Senators hatte ich vom ersten Tag an Ausschau nach Lucius gehalten. Aber erst an diesem letzten Morgen bildete ich mir ein, ihn in der Zuschauermenge gesehen zu haben, einen blass aussehenden Mann, der ganz hinten an einem Pfeiler lehnte. Ich habe mich oft gefragt - falls er es tatsächlich gewesen ist, wessen ich mir nicht sicher bin -, was Lucius wohl von seinem Vetter gehalten haben mochte, als dieser die Beweise der Gallier zerfetzte und dabei mit dem Finger auf Indutiomarus zeigte. »Weiß er wirklich, was es bedeutet, eine Zeugenaussage vor diesem Gericht zu machen? Verdient es selbst der größte Anführer der Gallier, auf die gleiche Stufe gestellt zu werden wie der geringste Bürger Roms?« Ob er wirklich annehme, dass ein römisches Geschworenengericht dem Wort eines Mannes glaube, dessen Götter Menschenopfer forderten? »Schließlich weiß doch jeder, dass die Gallier bis zum heutigen Tag an dem ungeheuerlichen und barbarischen Brauch festhalten, Menschen zu opfern.« Was hätte Lucius zu Ciceros Darstellung der gallischen Zeugen gesagt, die »mit hochmütigem und unerschütterlichem Gesichtsausdruck auf dem Forum herumstolzieren und barbarische Drohungen ausstoßen«? Und was hätte er von Ciceros brillantem und überraschendem Kunstgriff gehalten, als er dem Gericht am Ende seiner Rede Fonteius' Schwester präsentierte, eine VestaPriester in, die von Kopf bis Fuß in ein fließendes weißes Gewand gehüllt und um deren Schultern ein weißer Leinenschal geschlungen war? Was hätte er davon gehalten, als diese ihren weißen Gesichtsschleier lüftete und den Geschworenen ihre Tränen zeigte, bei deren Anblick ihr Bruder ebenfalls in Tränen ausbrach, worauf Cicero seinem Mandanten besänftigend die Hand auf die Schulter legte?
»Ehrwürdige Richter, gewährt einem ritterlichen und untadeligen Bürger unserer Stadt euren Schutz. Zeigt der Welt, dass ihr dem Zeugnis eines Landsmannes mehr Vertrauen entgegenbringt als dem von Ausländern, dass ihr dem Wohlergehen unserer Bürger größere Beachtung schenkt als den Winkelzügen unserer Feinde, dass ihr dem Flehen derer, die über eure Opferstätten wachen, mehr Gewicht beimesst als den Unverschämtheiten derer, die überall auf der Welt Krieg führen gegen Opferstätten und Heiligtümer. Und abschließend, meine Herren, ein Punkt, der die Ehre des römischen Volkes in besonderer Weise berührt: Stellt unmissverständlich klar, dass die Bitten einer vestalischen Jungfrau schwerer wiegen als die Drohungen von Galliern.«
Diese Rede gab zweifellos den Ausschlag: sowohl für Fonteius, der freigesprochen wurde, als auch für Cicero, in dem man fortan nichts weniger als den glühendsten Patrioten Roms sah. Nachdem ich meine Aufzeichnungen abgeschlossen hatte, hob ich den Kopf. Es war unmöglich, noch einzelne Individuen auszumachen. Die Menge hatte sich in ein einziges, aufgeputschtes Wesen verwandelt, das sich ekstatisch jubelnd dem Rausch der nationalen Selbstglorifizierung hingab. Jedenfalls hoffe ich aufrichtig, dass Lucius nicht anwesend war. Eine begründete Hoffnung, denn nur wenige Stunden später wurde er tot in seinem Haus aufgefunden.
*
Cicero und Terentia saßen allein beim Abendessen, als die Meldung eintraf. Der Bote war einer von Lucius' Sklaven, noch ein halbes Kind, das völlig in Tränen aufgelöst war. Es fiel mir zu, dem Senator die Nachricht zu überbringen. Er schaute von seinem Teller auf, starrte mich ausdruckslos an und sagte: »Nein« - als hätte ich ihm bei Gericht ein falsches Schriftstück gereicht. Eine Zeit lang konnte er nichts anderes sagen als immer wieder: »Nein, nein, nein.« Er bewegte sich nicht, er blinzelte nicht mal mit den Augen. Es hatte den Anschein, als hätte sein Gehirn aufgehört zu arbeiten. Es war schließlich Terentia, die als Erste etwas sagte. Sie schlug in sanftem Ton vor, dass er zu Lucius' Haus gehen und herausfinden solle, was passiert sei, worauf er aufstand und wie in Trance nach seinen Schuhen suchte. »Pass auf ihn auf, Tiro«, flüsterte Terentia mir zu.
Trauer tötet jedes Zeitgefühl. Was mir von jenem Abend und den folgenden Tagen in Erinnerung geblieben ist, sind bruchstückhafte Szenen, die gespenstisch gleißenden Halluzinationen aus einem Fiebertraum gleichen. Ich erinnere mich an Lucius' dürre und ausgezehrte Gestalt, als wir ihn fanden; daran, dass er auf der rechten Seite lag, in seinen eigenen Exkrementen, die Knie hochgezogen, die linke Hand auf die Augen gedrückt. Ich sehe noch vor mir, wie Cicero sich über ihn beugte, ihm mit einer Kerze ins Gesicht leuchtete und immer wieder seinen Namen rief, als ob er ihn so ins Leben zurückholen könnte. »Was hat er gesehen?« Das sagte Cicero immer wieder. »Was hat er gesehen?« Wie ich schon berichtet habe, war Cicero kein abergläubischer Mensch, aber er konnte sich einfach den Gedanken nicht aus dem Kopf schlagen, dass Lucius vor seinem Ende eine beispiellos schauerliche Vision gehabt haben müsse, die ihn zu Tode erschreckt habe. Was die Ursache seines Todes betrifft, so muss ich gestehen, dass ich all die Jahre ein Geheimnis mit mir herumgetragen habe, von dessen Bürde ich mich hiermit nur zu gern befreie. In einer Ecke des kleinen Raumes lagen ein Mörser, ein Stößel und etwas, das Cicero - und zunächst auch ich - für einen Bund Fenchel hielt. Eine logische Annahme, da zu Lucius' zahlreichen chronischen Leiden auch Verdauungsbeschwerden gehörten, die er mit einer Fencheltinktur zu lindern suchte. Erst später, als ich das Zimmer ausräumte und ein paar der gefiederten Blätter mit dem Daumen auf meiner Handfläche zerrieb, stieg mir ein grässlicher Geruch nach Moder und toten Mäusen in die Nase: Schierling. Da wusste ich, dass Lucius aus welchen Gründen auch immer - Verzweiflung über die Ungerechtigkeit der Welt oder die Schmerzen, die ihm seine Krankheiten bereiteten - vom Leben genug gehabt und den gleichen Tod gewählt hatte wie sein Idol Sokrates. Obwohl ich vorgehabt hatte, Cicero und Quintus von meiner Entdeckung zu erzählen, brachte ich es in diesen Tagen der Trauer nicht über mich, und schließlich schien mir der passende Moment verstrichen zu sein, und ich hielt es für besser, die beiden im Glauben zu lassen, Lucius sei nicht freiwillig aus dem Leben geschieden. Ich entsinne mich auch noch daran, dass Cicero viel Geld für Blumen und Weihrauch ausgegeben hatte. Lucius lag in seiner besten Toga, gewaschen und gesalbt, die schmalen Füße Richtung Tür, auf der Totenbahre, und obwohl es ein grauer Novembertag war, duftete es wie in einem elysischen Wäldchen. Ich erinnere mich an die für einen Mann, der so zurückgezogen gelebt hatte, große Zahl an Freunden und Nachbarn, die ihm die letzte Ehre erwiesen und sich dem Leichenzug hinaus zum Campus Esquilinus anschlossen. Ich sehe noch den jungen Frugi vor mir, der nicht aufhören konnte zu weinen. Ich erinnere mich an die Klagelieder und die Musik, an die respektvollen Blicke der Bürger am Wegesrand -schließlich handelte es sich um einen Cicero, der nun auf dem Weg zu seinen Vorfahren war, und der Name galt inzwischen etwas in Rom. Auf dem gefrorenen Feld lag der Körper auf dem Scheiterhaufen, und der große Redner versuchte sich an einer kurzen Lobrede. Doch die Worte wollten ihm nicht gehorchen, und er verstummte. Er war nicht einmal in der Lage, das Holz zu entzünden. Er gab die Fackel an Quintus weiter, der das für ihn erledigte. Als die Flammen hoch aufloderten, streuten die Trauernden duftende Gewürze ins Feuer, und der parfümierte, von orangen Funken durchsetzte Rauch stieg hinauf zur Milchstraße. An jenem Abend diktierte mir der Senator in seinem Arbeitszimmer einen Brief an Atticus, und es ist sicher der Zuneigung geschuldet, die Lucius auch in dessen Herzen entfacht hatte, dass dies der erste von den Hunderten von Ciceros Briefen war, den Atticus aufbewahrte.
»Du kennst mich so gut, dass du besser als die meisten ermessen kannst, wie tief mich der Tod meines Vetters Lucius trifft, welchen Verlust er für mein öffentliches wie privates Leben bedeutet. All die Freude, die einem Menschen Freundlichkeit und Wärme bereiten können, habe ich von ihm empfangen.«
*
Obwohl Lucius viele Jahre in Rom gelebt hatte, war es immer sein Wunsch gewesen, dass seine Asche in der Familiengruft in Arpinum beigesetzt werden sollte. Also machten sich die Cicero-Brüder, die ihren Vater schon vorab über ihr Kommen informiert hatten, am Morgen nach der Einäscherung zusammen mit ihren Frauen auf die Dreitagesreise Richtung Osten. Trauerzeit hin oder her, Cicero konnte es sich nicht erlauben, seine anwaltschaftliche und politische Korrespondenz zu vernachlässigen, sodass ich mit nach Arpinum fuhr. Trotzdem war es das erste und, soweit ich mich erinnern kann, auch das einzige Mal in all unseren gemeinsamen Jahren, dass Cicero auf einer Reise keine offiziellen Geschäfte erledigte. Er saß, das Kinn auf die Hand gestützt, auf seinem Platz und tat nichts, als auf die vorüberziehende Landschaft zu starren. Er und Terentia führen in einer Kutsche, Quintus und Pomponia in einer anderen. Die beiden stritten pausenlos, sodass Cicero - wie ich einmal zufällig mitbekam - seinen Bruder beiseite nahm und ihn anflehte, er solle doch, und sei es nur um Atticus' willen, endlich seine Ehe in Ordnung bringen. »Wenn dir Atticus' Meinung so wichtig ist«, erwiderte Quintus mit einigem Recht, »dann heirate du sie doch.« Die erste Nacht verbrachten wir auf Ciceros Landsitz in Tusculum. Am nächsten Tag hatten wir auf der Via Latina gerade Ferentium erreicht, als ein Bote aus Arpinum den Brüdern die Nachricht überbrachte, dass ihr Vater gestern einen Kollaps erlitten habe und gestorben sei.
Angesichts der Tatsache, dass der Vater bereits über sechzig gewesen war und schon seit vielen Jahren gekränkelt hatte, war sein Tod ein geringerer Schock als der von Lucius (die Nachricht von dessen Tod hatte der fragilen Gesundheit des alten Mannes wohl den letzten Schlag versetzt). Trotzdem, das eine mit Pinien- und Zypressenzweigen geschmückte Trauerhaus zu verlassen, um wenige Tage später ein ebenso geschmücktes Haus zu betreten, bildete den Gipfel an Schwermut, die noch verschlimmert wurde durch den unglücklichen Zufall, dass wir in Arpinum am fünfundzwanzigsten November eintrafen, dem Tag, der Proserpina geweiht war, der Königin des Hades, die die Flüche des Menschen über die Seelen der Toten bringt.
Die Cicero-Villa lag drei Meilen außerhalb der Stadt, am Ende einer steinigen, gewundenen Straße, in einem von hohen Bergen gesäumten Tal. Es war kalt in dieser Höhenlage, die Gipfel ringsum steckten schon unter jungfräulichen Hauben aus Schnee, die sie bis in den Mai hinein tragen würden. Ich war seit zehn Jahren nicht mehr hier gewesen, und alles genau so vorzufinden, wie ich es in Erinnerung hatte, rief seltsame Gefühle in mir hervor. Anders als Cicero hatte ich das Leben auf dem Land dem in der Stadt immer vorgezogen. Ich war hier geboren, meine Mutter und mein Vater hatten hier gelebt und waren hier gestorben. Im ersten Vierteljahrhundert meines Lebens hatten diese sanft hügeligen Wiesen und kristallklaren Flüsse mit ihren hohen Pappeln und grünen Ufern die Grenzen meiner Welt markiert. Als Cicero sah, wie bewegt ich war, und weil er wusste, wie ergeben ich meinem alten Herrn gedient hatte, bot er mir an, ihn und Quintus zur Totenbahre zu begleiten, um Abschied zu nehmen. Auf gewisse Weise schuldete ich ihrem Vater genauso viel wie sie. Ich war ihm von klein auf sympathisch gewesen, er hatte mich unter seine Fittiche genommen und mir eine Ausbildung zukommen lassen, sodass ich ihm mit seinen Büchern helfen konnte. Und er hatte mir die Möglichkeit geboten, mit seinem Sohn auf Reisen gehen zu dürfen.
Als ich mich nach vorne beugte, um seine kalte Hand zu küssen, hatte ich das starke Gefühl, nach Hause zurückgekehrt zu sein, und mir kam der Gedanke, dass ich vielleicht ganz hierbleiben könnte, dass ich als Verwalter arbeiten, ein Mädchen meines Standes heiraten und Kinder haben könnte. Meine Eltern waren beide, obwohl sie Haussklaven und keine Arbeitssklaven auf dem Feld gewesen waren, schon mit Anfang vierzig gestorben. Ich musste damit rechnen, dass auch mir nur noch zehn Jahre blieben, höchstens. Die Vorstellung tat weh, dass ich diese Welt vielleicht ohne Nachkommen verlassen würde. Ich nahm mir vor, Cicero bei erstbester Gelegenheit darauf anzusprechen.
Und so kam es, dass ich ein ziemlich tiefgründiges Gespräch mit ihm führte. Am Tag nach unserer Ankunft wurde mein alter Herr in der Familiengruft beigesetzt, die Alabasterurne mit Lucius' Asche stellte man neben ihn, und zum Abschluss wurde, um diesen Ort zu weihen, ein Schwein geopfert. Am nächsten Morgen unternahm Cicero einen Rundgang über sein frisches Erbe. Ich begleitete ihn für den Fall, dass er mir etwas diktieren wollte, denn das Anwesen, das so hoch beliehen war, dass es fast keinen Wert mehr darstellte, war völlig heruntergekommen und bedurfte dringend der Renovierung. Cicero sagte, dass ursprünglich seine Mutter den Besitz verwaltet habe, dass sein Vater ein Träumer gewesen und den Gutsverwaltern oder Lieferanten nie gewachsen gewesen sei und dass deshalb nach dem Tod seiner Mutter alles nach und nach verrottet sei. Das war, glaube ich, nach zehn Jahren in seinen Diensten das erste Mal, dass er mir gegenüber seine Mutter erwähnte. Sie hatte Helvia geheißen und war schon vor zwanzig Jahren gestorben, etwa um die Zeit, als er als junger Mann zur Ausbildung nach Rom geschickt worden war. Ich selbst konnte mich kaum noch an sie erinnern außer daran, dass sie im Ruf stand, eine äußerst harte und bösartige Frau gewesen zu sein - die Art von Herrin, die die Krüge markierte, damit niemand etwas stahl, und die einen Sklaven, den sie des Diebstahls verdächtigte, mit dem größten Vergnügen auspeitschte.
»Nie kam ihr ein lobendes Wort über die Lippen, Tiro«, sagte er. »Weder für mich noch für meinen Bruder. Und trotzdem habe ich alles versucht, ihr zu gefallen.« Er blieb stehen und schaute wehmütig über die Felder zu dem schnell fließenden, eiskalten Fluss, der Fibrenus heißt und in dessen Mitte sich eine winzige Insel mit einem Wäldchen und einem kleinen, halb zerfallenen Pavillon befindet. »Da bin ich als Junge oft gewesen«, sagte er. »Wie viele Stunden ich da gesessen habe! Ich habe davon geträumt, ein zweiter Achilles zu werden, wenn auch im Gerichtshof, nicht auf dem Schlachtfeld. Du kennst ja deinen Homer: >Alle übertrumpfen, besser sein als alle anderen!<«
Er schwieg eine Zeit lang, sodass ich die Gelegenheit nutzte und ihm von meinem Plan erzählte. Ich plapperte einfach drauflos und sagte ihm, dass ich vielleicht hierbleiben und für ihn das Gut wieder auf Vordermann bringen könnte. Währenddessen starrte er weiter hinüber auf die Insel aus seinen Kindertagen. »Ich kann dich sehr gut verstehen«, sagte er seufzend, als ich fertig war. »Ich fühle ganz genauso. Dies ist für mich und meinen Bruder die wahre Heimat. Wir stammen hier aus der Gegend, aus einer sehr alten Familie. Hier sind die Wurzeln unserer Bräuche und unseres Geschlechts, vieles hier erinnert mich an meine Vorväter. Was soll ich dir noch sagen?« Er drehte sich um und schaute mich an. Mir fiel auf, wie klar und blau seine Augen waren, trotz der vielen Tränen, die er in den letzten Tagen vergossen hatte. »Aber bedenke, was wir in dieser Woche gesehen haben - die leeren, fühllosen Hüllen derer, die wir geliebt haben -, und bedenke die schreckliche Prüfung, die der Tod einem Menschen auferlegt.« Er verstummte und schüttelte plötzlich heftig den Kopf, als wolle er einen Albtraum verscheuchen, und wandte dann seine Aufmerksamkeit wieder der Landschaft zu. »Eins ist sicher, Tiro, ich für meinen Teil habe nicht vor zu sterben, ohne auch die letzte Unze meines Talents genutzt zu haben, ohne auch noch die letzte Meile marschiert zu sein, die die Kraft meiner Beine mir ermöglicht. Die Menschen werden sich an mich erinnern, Tiro - das ist meine Bestimmung, und nicht, hier herumzusitzen und zu träumen. Und deine Bestimmung, teurer Freund, ist es, mir dabei behilflich zu sein. Wo gibt es noch einen zweiten Sekretär, der meine Worte so schnell niederschreibt, wie ich sie ausspreche? Das ist eine Gabe, die man nicht mit Schafezählen in Arpinum vergeuden darf. Also, Schluss jetzt mit dem törichten Gerede.«
Und damit war mein pastorales Idyll zu Grabe getragen. Wir gingen zum Haus zurück, und später am Nachmittag - vielleicht war es aber auch erst am nächsten Tag: die Erinnerung spielt einem manchmal solche Streiche - hörten wir von der Straße, die in die Stadt führte, das schnell lauter werdende Geräusch von Pferdehufen. Es hatte angefangen zu regnen, daran kann ich mich noch erinnern, und wir waren alle gereizt, weil wir das Haus nicht verlassen konnten. Cicero las, Terentia nähte, Quintus machte Fechtübungen, und Pomponia hatte sich mit Kopfschmerzen auf das Sofa gelegt. (Sie behauptete hartnäckig, dass Politik »grässlich langweilig« sei, was Cicero in stumme Raserei versetzte. »Wie kann man bloß so einen Unsinn reden?«, sagte er einmal zu mir. »Politik und langweilig? Politik ist Geschichte in Aktion. Welcher andere Bereich des Lebens weckt so das Erhabenste wie das Niederträchtigste im Menschen? Oder ist so aufregend? Oder entblößt so anschaulich unsere Stärken und Schwächen? Langweilig! Genauso gut könnte man sagen, das Leben sei langweilig.«) Als das lärmende Hufgeklapper verstummte, ging ich in den Hof, und der Reiter übergab mir einen Brief, der das Siegel von Pompeius Magnus trug. Cicero öffnete das Schreiben und stieß einen überraschten Schrei aus. »Rom ist angegriffen worden!«, rief er laut, was sogar Pomponia dazu brachte, sich von ihrem Sofa zu erheben. Er las hastig weiter. Man habe die Kriegsflotte der Konsuln in ihrem Winterhafen in Ostia in Brand gesteckt. Zwei Prätoren, Sextilius und Bellinus, seien zusammen mit ihren Liktoren und ihrem Gefolge entfuhrt worden. Die Täter seien Seeräuber, die nichts anderes im Sinn hätten, als Angst und Schrecken zu verbreiten. In Rom herrsche Panik, das Volk rufe nach Gegenmaßnahmen. »Pompeius will, dass ich sofort zu ihm komme«, sagte Cicero. »Er hat für übermorgen auf seinem Landsitz einen Kriegsrat
Wir ließen die anderen in Arpinum zurück und fuhren in einer zweirädrigen Kutsche (Cicero setzte sich nur dann auf ein Pferd, wenn es sich nicht vermeiden ließ), so schnell wir konnten, zurück nach Tusculum und erreichten Ciceros Villa bei Sonnenuntergang des nächsten Tages. Pompeius' Anwesen lag nur fünf Meilen entfernt in südlicher Richtung auf der anderen Seite der Albaner Berge. Die faulen Haussklaven, die von der frühen Rückkehr ihres Herrn offensichtlich überrascht worden waren, stoben auseinander, um das Haus in Ordnung zu bringen. Cicero nahm ein Bad und ging sofort zu Bett. Allerdings glaube ich nicht, dass er besonders gut schlief, denn mitten in der Nacht bildete ich mir ein, Geräusche aus der Bibliothek zu hören, und tatsächlich fand ich am nächsten Morgen Aristoteles' Nikomachische Ethik halb entrollt auf seinem Schreibpult. Aber Politiker sind unverwüstlich. Als ich sein Zimmer betrat, war er schon angezogen, und es trieb ihn einzig die Frage um, was Pompeius vorhatte. Als es hell wurde, machten wir uns auf den Weg. Wir folgten der Straße, die um den Albaner See herumführte, und als die ersten violetten Sonnenstrahlen über die schneebedeckten Gipfel lugten, konnten wir die Silhouetten der Fischer sehen, die auf dem glitzernden See ihre Netze einholten. »Gibt es etwas Schöneres auf der Welt als Italien?«, murmelte Cicero und atmete tief ein. Er brauchte gar nicht auszusprechen, was er dachte, weil mir das Gleiche durch den Kopf ging: dass es eine Erleichterung war, der erdrückenden Schwermut Arpinunis entkommen zu sein und dass nichts die Lust am Leben so steigerte wie der Tod.
Wir bogen schließlich von der Straße ab und gelangten durch ein imposantes Tor auf eine lange, von Zypressen gesäumte Auffahrt aus weißem Kiesel. In den architektonischen Gärten zu beiden Seiten standen zahlreiche Marmorstatuen, die zweifellos Beutestücke des Generals aus seinen diversen Feldzügen waren. Gärtner rechten das Winterlaub auf und beschnitten die Buchsbaumhecken. Das Anwesen verströmte eine Atmosphäre unermesslichen, friedlichen und selbstbewussten Reichtums. Als Cicero mit festem Schritt das Haus betrat, flüsterte er mir zu, dass ich immer dicht bei ihm bleiben solle, und so schlüpfte ich, die Aktenmappe unter den Arm geklemmt, in seinem Schlepptau unauffällig mit ins Haus (nebenbei bemerkt, kann ich nur jedem raten, der nicht auffallen will, immer Schriftstücke mit sich zu führen: Sie machen den, der sie trägt, praktisch unsichtbar. Die Methode kann mit allem, was man aus der griechischen Mythologie kennt, locker mithalten.) Bei der Begrüßung seiner Gäste im Atrium gab Pompeius den vornehmen Landedelmann. Er war in Begleitung seiner dritten Frau Mucia, seines Sohnes Gnaeus, der damals etwa elf Jahre alt gewesen sein muss, und seiner Tochter Pompeia, die eben erst laufen gelernt hatte. Mucia war attraktiv, eine Frau wie eine Statue. Sie stammte aus dem Geschlecht der Metelli, war Ende zwanzig und augenscheinlich erneut schwanger. Wie ich später herausfand, war eine von Pompeius' Eigenheiten, dass er seine Frauen - mit welcher auch immer er gerade verheiratet war - wirklich zu lieben schien. Mucia lachte bei unserem Eintreten über irgendetwas, und als der Urheber der witzigen Bemerkung sich umdrehte, war es zu meiner Überraschung Caesar. Ziemlich sicher war auch Cicero sehr überrascht, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir nur das vertraute Trio aus Picenum zu Gesicht bekommen: Palicanus, Afranius und Gabinius. Außerdem war Caesar seit über einem Jahr Quästor in Spanien. Aber da stand er, geschmeidig und gut gebaut, die amüsierten braunen Augen blickten aus seinem hageren, intelligenten Gesicht, und die dünnen dunklen Haarsträhnen waren mit äußerster Sorgfalt quer über den sonnenverbrannten Schädel gekämmt. (Aber was mache ich mir die Mühe, ihn zu beschreiben? Alle Welt weiß, wie er aussah.)
Insgesamt acht Senatoren waren an diesem Morgen anwesend: Pompeius, Cicero und Caesar; das schon erwähnte Trio aus Picenum; Pompeius' Hausintellektueller Varro, der damals etwa fünfzig Jahre alt war; und Gaius Cornelius, der unter Pompeius als Quästor in Spanien gedient hatte und inzwischen wie Gabinius designierter Volkstribun war. Ich fiel nicht so auf, wie ich befürchtet hatte, denn viele der Hauptdarsteller hatten ebenfalls ihre Sekretäre oder Aktenträger mitgebracht; wir standen alle ehrerbietig in einer Ecke zusammen. Nachdem man Erfrischungen aufgetragen hatte, die Kindermädchen ihre Schützlinge abgeholt hatten und auch Mucia sich taktvoll von allen Gästen ihres Mannes - besonders ausgiebig von Caesar, wie mir auffiel - verabschiedet hatte, brachten die Haussklaven Stühle für die Senatoren herein. Ich wollte mich gerade mit den anderen Sekretären zurückziehen, als Cicero Pompeius vorschlug, ob ich als in Rom allseits bekannter Erfinder der neuen hervorragenden Kurzschriftmethode - exakt das waren seine Worte - nicht bleiben und Protokoll führen solle. Ich errötete, so verlegen war ich. Pompeius warf mir einen argwöhnischen Blick zu, und ich war darauf gefasst, dass er ablehnen würde, doch er zuckte nur mit den Achseln und sagte: »Na gut, das könnte ganz nützlich sein. Aber er soll nur eine einzige Abschrift machen, und die verbleibt in meinen Händen. Sind damit alle einverstanden?« Alle murmelten ihre Zustimmung, worauf ein Hocker geholt wurde und ich mich mit aufgeklapptem Notizbuch und gezücktem Griffel in der schweißnassen Hand in eine Ecke setzte.
Als alle auf den im Halbkreis aufgestellten Stühlen Platz genommen hatten, erhob sich Pompeius. Wie schon erwähnt, war Pompeius vor großem Publikum kein guter Redner. Doch in vertrauter Umgebung, vor Menschen, die er als seine Leutnants betrachtete, strahlte er Kraft und Autorität aus. Obwohl ich das wortgetreue Protokoll abgeben musste, kann ich mich an das meiste noch gut erinnern, da ich ja meine Kurzschriftnotizen immer in eine Endfassung zu übertragen hatte, wobei mir große Teile des Gesagten im Gedächtnis haften blieben. Pompeius begann seine Rede mit den neuesten Einzelheiten über den Überfall der Seeräuber auf Ostia: Neunzehn Triremen aus der Kriegsflotte der Konsuln waren zerstört, ein paar hundert Mann getötet, die Getreidelager abgefackelt, zwei Prätoren in ihren Amtsroben -einer hatte die Kornspeicher, der andere die Flotte inspiziert - samt Liktoren und deren symbolischen Rutenbündeln und Beilen verschleppt. Die Lösegeldforderung war gestern in Rom eingetroffen. »Ich für meinen Teil«, sagte Pompeius, »glaube nicht, dass wir mit solchen Leuten verhandeln sollten, das ermuntert sie nur in ihrem kriminellen Tun.« (Alle nickten zustimmend.) Der Überfall auf Ostia, fuhr er fort, sei ein Wendepunkt in Roms Geschichte. Man habe es hier nicht mit einem Einzelfall zu tun, sondern nur mit einer besonders dreisten Aktion in einer langen Reihe ähnlich empörender Vorfälle, wie zum Beispiel der Entführung der erlauchten Antonia aus ihrer Villa in Misenum (deren eigener Vater eine Strafexpedition gegen die Seeräuber angeführt habe!), der Plünderung der Tempelschätze von Croton und den Überraschungsangriffen auf Brundisium und Caieta. Wo würden sie das nächste Mal zuschlagen? Rom sehe sich einer Bedrohung gegenüber, die sich von der durch einen konventionellen Gegner deutlich unterscheide. Diese Seeräuber verkörperten einen neuen Typus von skrupellosem Feind, hinter dem keine Regierung stünde, dessen man mit keinem Vertrag Herr werden könne, dessen Stützpunkte sich nicht nur in einem einzigen Staat befänden. Sie hätten keinen zentralen Kommandostand. Sie seien eine weltumspannende Pest, eine parasitäre Plage, die ausgemerzt werden müsse, sonst könne Rom -trotz seiner überwältigenden militärischen Überlegenheit - nie wieder in Sicherheit und Frieden leben. Das bestehende nationale Sicherheitssystem, das Männern im Konsulrang für begrenzte Zeit nur ein Kommando für einen Kriegsschauplatz zuweise, sei der Herausforderung nicht mehr angemessen.
»Schon lange vor Ostia habe ich mich ausführlich mit diesem Problem befasst«, erklärte Pompeius. »Ich bin der festen Überzeugung, dass dieser einzigartige Feind nach einzigartigen Maßnahmen verlangt. Jetzt ist unsere Zeit gekommen.« Er klatschte in die Hände, und zwei Sklaven trugen ein Gestell mit einer großen Landkarte des Mittelmeerraumes herein, das sie neben Pompeius aufstellten. Seine Zuhörer beugten sich vor, um die geheimnisvollen senkrechten Linien, die über Land wie See verliefen, besser erkennen zu können. »Die Grundlage unserer Strategie muss lauten: Verknüpfung der militärischen und politischen Interessensphären. Wir attackieren sie mit allem, was wir haben.« Er nahm einen Zeigestock und klopfte damit auf die farbige Karte. »Ich schlage vor, den gesamten Mittelmeerraum in fünfzehn Zonen aufzuteilen, von den Säulen des Herkules im Westen, hier, bis zu den Gewässern Ägyptens und Syriens im Osten, hier. In jede Zone schicken wir einen Legaten, dessen Aufgabe es sein wird, sein Gebiet von Seeräubern zu säubern und dann mit den regionalen Herrschern Verträge abzuschließen, die sicherstellen sollen, dass nie wieder ein Seeräuberschiff in diese Gewässer eindringen kann. Jeder gefangene Seeräuber ist der römischen Rechtsprechung zu überantworten. Jeder regionale Herrscher, der die Zusammenarbeit verweigert, wird als Feind Roms betrachtet. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Alle fünfzehn Legaten sind einem einzigen Oberkommandierenden unterstellt, der von jeder Küste bis fünfzig Meilen ins Landesinnere über die absolute Befehlsgewalt verfugt. Und dieser Kommandierende werde ich sein.«
Lange herrschte Schweigen. Es war Cicero, der als Erster das Wort ergriff. »Das ist ohne Zweifel ein mutiger Plan, Pompeius, doch konnte ihn mancher -angesichts des Verlusts von neunzehn Triremen -für eine übertriebene Reaktion halten. Dir ist sicher bewusst, dass eine derartige Konzentration von Macht in den Händen eines einzigen Mannes ohne Beispiel in der gesamten Geschichte der Republik ist.«
»In der Tat, dessen bin ich mir durchaus bewusst«, erwiderte Pompeius. Er versuchte, Cicero mit regungslosem Gesicht anzuschauen, konnte dann aber doch nicht an sich halten und verfiel in ein breites Grinsen, worauf sofort alle anderen in Gelächter ausbrachen - bis auf Cicero, der aussah, als wäre seine Welt in die Brüche gegangen. Was in gewisser Weise auch zutraf, denn Pompeius' Plan, so erklärte mir Cicero später, bedeute nichts weniger als die Herrschaft eines Mannes über die Welt, und da habe er doch einige Bedenken anzumelden, wohin das führen könne. »Vielleicht hätte ich auf der Stelle aufstehen und gehen sollen«, sagte er auf der Heimreise nachdenklich zu mir. »Das hätte sicher der arme rechtschaffene Lucius von mir verlangt. Aber Pompeius hätte sich ohnehin nicht beirren lassen, ob ich nun für oder gegen ihn gewesen wäre, ich hätte mir nur seine Feindschaft eingehandelt und meine Chancen auf die Prätur ruiniert. Alles, was ich derzeit tue, muss sich auf diese Wahl ausrichten.«
Und so war er natürlich sitzen geblieben. In stundenlangem Palaver gelangte die Diskussion schließlich von der pompösen Strategie zur knallharten Politik. Der Plan sah vor, dass Gabinius nach seiner Amtseinführung ins Volkstribunat, was etwa in einer Woche sein würde, dem römischen Volk unverzüglich ein neues Gesetz zur Schaffung des Oberkommandos und dessen Übertragung auf Pompeius vorlegen sollte. Dann würden er und Cornelius versuchen, die anderen Volkstribunen einzuschüchtern, damit keiner ein Veto einlegte. (Man darf nicht vergessen, dass in den Tagen der Republik nur die Volksversammlung die Macht hatte, Gesetze zu erlassen. Die Stimme des Senats hatte Einfluss, war aber nicht die entscheidende. Der Senat hatte den Willen des Volkes auszuführen.)
»Was sagst du dazu, Cicero?«, fragte Pompeius. »Du hast die ganze Zeit über geschwiegen.«
»Rom kann sich wahrhaft glücklich schätzen, in der Stunde größter Gefahr einen Mann von deiner Erfahrung und Weitsicht zu Hilfe rufen zu können«, antwortete Cicero vorsichtig. »Aber wir müssen realistisch sein. Es wird großen Widerstand im Senat geben. Vor allem die Aristokraten werden behaupten, dass das Gesetz lediglich ein Vorwand sei, um unter dem Deckmantel der patriotischen Notlage nach der nackten Macht zu greifen.«
»Das ist eine bösartige Verleumdung«, sagte Pompeius.
»Nun ja, das kannst du behaupten, sooft du willst, aber du musst erst einmal das Gegenteil beweisen«, erwiderte Cicero. Er wusste, dass merkwürdigerweise der sicherste Weg, das Vertrauen eines bedeutenden Mannes zu gewinnen, harscher Widerspruch ist: Er vermittelt den Anschein uneigennütziger Aufrichtigkeit. »Sie werden außerdem behaupten, dass die Vollmacht zur Bekämpfung der Seeräuber nur ein Sprungbrett für dein wahres Ziel sei, nämlich Lucullus als Befehlshaber der Legionen im Osten abzulösen.« Darauf war vom bedeutenden General nur ein Brummen zu hören - was hätte er auch sagen sollen, das war ja tatsächlich sein wahres Ziel. »Und schließlich werden sie versuchen, den einen oder anderen Volkstribunen aufzutreiben, der gegen Gabinius' Gesetzesvorlage sein Veto einlegt.«
»Das klingt ganz so, Cicero, als wärst du hier fehl am Platz«, sagte Gabinius höhnisch. Er hatte etwas von einem Gecken. Das dichte, gewellte Haar hatte er wie sein Chef zu einer glatten Tolle aufgekämmt. »Um unser Ziel zu erreichen, werden wir Kühnheit, möglicherweise harte Fäuste benötigen, aber sicher nicht die Haarspaltereien gerissener Anwälte.«
»Du wirst Kühnheit, Fäuste und Anwälte benötigen, glaub mir, Gabinius«, erwiderte Cicero. »In dem Augenblick, da mit dem Ende deines Amtes als Volkstribun auch deine Immunität erlischt, werden dich die Aristokraten vor Gericht zerren, und du wirst um dein Leben kämpfen. Du wirst einen gerissenen Anwalt benötigen, Gabinius, wie sonst nichts auf der Welt. Und du auch, Cornelius.«
»Lasst uns fortfahren«, sagte Pompeius. »Die Probleme liegen also auf der Hand. Hast du uns auch Lösungen anzubieten?«
»Als Erstes«, antwortete Cicero, »empfehle ich dringend, dass in dem Gesetz für das neue Oberkommando nirgendwo dein Name auftaucht.«
»Aber das Ganze war meine Idee!«, protestierte Pompeius.
»Sicher, aber ich halte es dennoch für klüger, am Anfang keinen bestimmten Namen für den Oberkommandierenden zu nennen. Der Senat würde kochen vor Neid und Zorn. Selbst die Vernünftigen, auf deren Unterstützung wir normalerweise zählen können, würden davor zurückschrecken. Die Bekämpfung der Seeräuber muss das zentrale Thema sein, nicht die Zukunft von Pompeius Magnus. Jeder weiß doch, dass der Posten wie maßgeschneidert ist für dich, warum dann groß darüber reden?«
»Aber was soll ich dem Volk sagen, wenn ich das Gesetz einbringe?«, fragte Gabinius. »Dass jeder Idiot von der Straße für das Amt taugt?«
»Natürlich nicht«, erwiderte Cicero und gab sich alle Mühe, seine Ungeduld zu zügeln. »Streich den Namen >Pompeius< aus und setz stattdessen die Worte >Senator im Range eines Konsuls< ein. Das grenzt den Kreis der Anwärter auf fünfzehn oder zwanzig noch lebende Exkonsuln ein.«
»Wer sind dann die potenziellen Rivalen?«, fragte Afranius.
»Crassus«, antwortete Pompeius sofort. »Vielleicht Catulus. Dann Metellus Pius - der ist zwar alt, aber immer noch eine einflussreiche Größe. Hortensius hat auch noch viele Anhänger. Isauricus. Gellius. Cotta. Curio. Vielleicht noch die Lucullus-Brüder.«
»Nun ja«, sagte Cicero. »Wenn du dir so große Sorgen machst, dann könnten wir den Kreis noch weiter einschränken, auf einen Exkonsul, dessen Namen mit einem >P< beginnt.« Keiner reagierte darauf, und einen Augenblick lang glaubte ich, dass Cicero zu weit gegangen sei. Doch dann warf Caesar den Kopf in den Nacken und fing an zu lachen, worauf auch die anderen - als sie sahen, dass Pompeius gequält lächelte - in das Gelächter einstimmten. »Im Ernst, Pompeius«, fuhr Cicero fort. »Die meisten sind viel zu alt und träge, um dir noch gefährlich werden zu können. Der Gefährlichste ist Crassus, er ist reich, und er ist eifersüchtig auf dich. Aber wenn es zur Abstimmung kommt, wirst du ihn sicher haushoch schlagen, glaub mir.«
»Cicero hat recht«, stimmte Caesar zu. »Eins nach dem andern: Erst das Oberkommando im Allgemeinen, dann die Person.« Ich war beeindruckt von der Autorität, mit der er sich zu Wort meldete. Schließlich war er der Jüngste in der Runde.
»Einverstanden«, sagte Pompeius und nickte bedächtig. »So machen wir es. Das zentrale Thema ist die Bekämpfung der Seeräuber, nicht die Zukunft von Pompeius Magnus.« Und damit zog sich die Runde zum Essen zurück.
*
Kurz darauf wurde ich Zeuge eines erbärmlichen Vorfalls, der mir noch in der Erinnerung peinlich ist, den ich mich im Interesse der Geschichtsschreibung aber dennoch verpflichtet fühle wiederzugeben. Während die Senatoren zu Mittag aßen und sich danach im Garten die Beine vertraten, arbeitete ich mehrere Stunden lang an der Übertragung meiner Kurzschriftnotizen in ein korrektes Protokoll für Pompeius. Als ich damit fertig war, kam mir der Gedanke, Cicero noch einen Blick darauf werfen zu lassen. Vielleicht hätte er irgendwelche Einwände. Der Raum, in dem die Konferenz stattgefunden hatte, war leer, ebenso das Atrium. Aber ich hörte die unverwechselbare Stimme des Senators und ging in die Richtung, aus der sie kam. Ich durchquerte einen von Kolonnaden gesäumten Innenhof mit einem sprudelnden Springbrunnen und gelangte durch einen Säulengang in einen weiteren Innengarten. Die Stimme war inzwischen verstummt. Ich blieb stehen und lauschte angestrengt. Vogelgezwitscher und Wassergeplätscher waren die einzigen Geräusche. Plötzlich hörte ich ganz nah und so laut, dass ich zusammenfuhr, eine wie unter Schmerzen stöhnende Frau. Idiotischerweise drehte ich mich um, ging auf eine offene, nur ein paar Schritte entfernte Tür zu und blieb dann wie angewurzelt stehen, als ich Caesar und Pompeius' Frau Mucia erblickte. Mucia konnte mich nicht sehen. Sie stand vornübergebeugt vor einem Tisch, mit dem Gesicht nach unten, das Kleid bis zur Hlüfte hochgeschoben und umklammerte mit den Händen so fest die Tischkante, dass die Knöchel weiß hervortraten. Caesar allerdings sah mich sehr wohl. Er stand mit dem Gesicht zur Tür und stieß von hinten in sie hinein. Seine echte Hand umfasste ihren geschwollenen Bauch, die linke Hand lag lässig auf der Hüfte. Ich weiß nicht genau, wie lange wir uns anschauten, aber er blickte mir direkt in die Augen, amüsiert, unerschrocken, herausfordernd, mit jenen unergründlichen dunklen Augen, die in den folgenden Jahren noch so viel Rauch und Chaos sehen sollten. Ich machte mich davon.
Inzwischen hatten sich die Senatoren schon wieder im Konferenzraum versammelt. Cicero führte philosophische Gespräche mit Varro, dem renommiertesten Gelehrten Roms, dessen Werke über Philologie und Altertumskunde mir die größte Ehrfurcht einflößten. Bei jeder anderen Gelegenheit hätte ich mich geehrt gefühlt, ihm vorgestellt zu werden, doch mit meinen Gedanken war ich immer noch bei der Szene, deren Zeuge ich gerade geworden war, sodass ich mich an kein Wort aus Varros Mund erinnern kann. Ich übergab Cicero das Protokoll. Er überflog es kurz, griff nach dem Griffel in meiner Hand und nahm eine kleine Korrektur vor, ohne deshalb seine Unterhaltung mit Varro auch nur für eine Sekunde zu unterbrechen. Pompeius musste ihn dabei beobachtet haben, denn er gesellte sich breit grinsend zu uns, nahm Cicero das Protokoll aus der Hand und sagte, dass er da doch sicher gerade ein paar Zusagen in den Text eingeschmuggelt habe, die er nie und nimmer gemacht habe. »Naja, meine Stimme für die Prätur kriegst du trotzdem«, fuhr er lachend fort und klopfte ihm auf den Rücken. Noch vor wenigen Minuten hatte ich Pompeius als eine Art Gott unter Menschen betrachtet, einen vor Selbstbewusstsein strotzenden Kriegshelden, aber nun, mit meinem frischen Wissen, betrachtete ich ihn auch mit einem traurigen Auge. »Das ist wirklich beachtlich«, sagte er zu mir und fuhr mit seinem riesigen Daumen über die Wortkolonnen. »Du hast meinen Ton exakt getroffen. Wie viel willst du für ihn, Cicero?«
»Ich habe schon eine Riesensumme von Crassus ausgeschlagen«, antwortete Cicero.
»Wenn es aber doch einmal zur Versteigerung kommt, denkt an mich, ich bin dabei«, sagte Caesar mit seiner krächzenden Stimme und trat von hinten auf uns zu. »Ich würde Tiro liebend gern unter meine Fittiche nehmen.« Er brachte das auf so freundliche Art vor und schickte obendrein noch ein Zwinkern hinterher, dass niemandem der drohende Unterton auffiel - außer mir, der ich fast in Ohnmacht gefallen wäre vor Angst.
»Der Tag, an dem ich mich von Tiro trenne, ist der Tag, an dem ich mich aus dem Öffentlichen Leben zurückziehe«, sagte Cicero und sollte damit, wie sich herausstellte, recht behalten.
»Jetzt will ich ihn erst recht haben«, entgegnete Caesar, und Cicero fiel in das allgemeine Gelächter ein.
Nachdem man Stillschweigen und ein weiteres Treffen in wenigen Tagen in Rom vereinbart hatte, ging die Runde auseinander. Sobald wir das Tor passiert hatten und auf die Straße nach Tusculum eingebogen waren, ließ Cicero seiner aufgestauten Enttäuschung und Wut freien Lauf, stieß einen lauten Schrei aus und schlug mit der Faust gegen die Seitenwand der Kutsche. »Eine kriminelle Verschwörung!«, sagte er und schüttelte verzweifelt den Kopf. »Schlimmer: eine kriminelle und eine dumme Verschwörung! Das ist das Problem, Tiro, wenn Soldaten meinen, sie müssten in die Politik gehen. Sie bilden sich ein, sie brauchten nur einen Befehl zu erteilen, und schon springen alle. Sie werden nie begreifen, dass genau das, was sie populär macht - ihre Reputation als angeblich hehre Patrioten, die über den schmutzigen Niederungen der Politik schweben -, dass ihnen genau das letztlich zum Verhängnis wird: Weil sie entweder wirklich über den Niederungen der Politik schweben, dann erreichen sie gar nichts, oder sie gehen in die Politik und erweisen sich als genauso käuflich wie alle anderen.« Er schaute hinaus auf den See, der im matten Winterlicht dunkel schimmerte. »Was hältst du von Caesar?«, fragte er plötzlich, worauf ich mit ein paar unverbindlichen Floskeln über dessen anscheinend großen Ehrgeiz antwortete. »Natürlich ist er ehrgeizig. Ein paar Mal ist mir sogar der Gedanke durch den Kopf geschossen, dass sich nicht Pompeius diesen fantastischen Plan ausgedacht hat, sondern er. Das würde zumindest erklären, warum Caesar überhaupt anwesend war.«
Ich machte Cicero darauf aufmerksam, dass Pompeius den Plan als seinen eigenen bezeichnet hatte.
»Woran er sicher auch fest glaubt. Aber so ist der Mann nun mal. Erzähl ihm irgendwas, und es dauert nicht lange, dann kommt das eben Gesagte zu dir zurück, und zwar so, als hätte er es sich ausgedacht. >Das zentrale Thema ist die Bekämpfung der Seeräuber, nicht die Zukunft von Pompeius Magnus.< Manchmal habe ich, nur zu meinem Spaß, gegen meine eigene ursprüngliche Behauptung argumentiert, nur um zu sehen, wann mir auch noch mein eigenes Gegenargument um die Ohren fliegt.« Er runzelte die Stirn und nickte. »Ich bin sicher, dass ich richtigliege. Caesar ist schlau genug, um die Saat auszubringen und dann einfach abzuwarten, bis sie aufgeht. Ich frage mich, wie viel Zeit er mit Pompeius verbringt. Er scheint da schon ziemlich gut eingebunden zu sein.«
Es lag mir auf der Zunge, die Gartenszene, doch schließlich hielt ich den Mund: aus Angst vor Caesar, aus Schüchternheit und aus dem Gefühl heraus, dass es Cicero missfallen hätte, wenn ich mich als Spitzel entlarvt hätte, ich mich durch die Schilderung der schmutzigen Geschichte quasi selbst beschmutzt hätte. Erst viele Jahre später -nach Caesars Tod, als er mir nicht mehr schaden konnte und ich auch selbstbewusster war - erzählte ich ihm die Geschichte. Cicero, damals schon ein alter Mann, schwieg lange. »Ich verstehe deine Zurückhaltung«, sagte er schließlich. »Und in vielerlei Hinsicht stimme ich deiner Scheu ausdrücklich zu. Aber ich muss auch sagen, mein lieber Freund, dass ich wünschte, du hättest mich damals informiert. Vielleicht hätten sich die Dinge dann anders entwickelt. Zumindest wäre mir dann früher klar geworden, mit welch atemberaubend skrupellosem Menschen wir es zu tun hatten. Denn als ich es schließlich erkannt hatte, war es schon zu spät.«
*
Als wir einige Tage später nach Rom zurückkehrten, kamen wir in eine nervöse, von Gerüchten brodelnde Stadt. Das Feuer von Ostia war in ganz Rom als rotes Leuchten am wesdichen Nachthimmel deutlich sichtbar gewesen. Eine derartige Attacke auf die Hauptstadt war ohne Beispiel, und als Gabinius und Cornelius am zehnten Dezember ihr Volkstribunat antraten, hatten sie nichts Eiligeres zu tun, als die Nervosität zur Panik aufzustacheln. Sie veranlassten, dass an den Stadttoren zusätzliche Posten aufgestellt wurden. Wahllos wurden Fuhrwerke und Fußgänger, die in die Stadt wollten, auf Waffen durchsucht. An den Kaianlagen und Lagerhäusern am Fluss gingen Wachen Tag und Nacht Streife. Wer Getreide hamsterte, wurde mit harten Strafen bedroht, was unausweichlich dazu führte, dass auf den drei großen Lebensmittelmärkten, dem Emporium, Macellum ind Forum Boarium, sofort das Angebot knapp wurde. Die energischen neuen Volkstribunen zerrten den aus dem Amt scheidenden, glücklosen Konsul Marcius Rex vor die Volksversammlung und unterzogen ihn einem gnadenlosen Kreuzverhör über die Sicherheitsmängel, die zum Fiasco von Ostia geführt hatten. Man trieb weitere Zeugen auf, die die Bedrohung durch die Seeräuber schilderten, eine Bedrohung, die mit jeder weiteren Schilderung an Stärke zunahm. Sie hatten tausend Schiffe! Es handelte sich nicht um vereinzelte Plünderer, sondern um eine konspirative Organisation! Sie operierten in Flottenverbänden, hatten Admiräle und verfügten über furchterregende Waffen wie vergiftete Pfeile und Griechisches Feuer! Aus Angst, als unzuverlässig verschrien zu werden, wagte niemand im Senat zu widersprechen - auch dann nicht, als entlang der Straße zum Meer eine Serie von Leuchttürmen gebaut wurde, deren Signalfeuer angezündet werden sollten, falls auf die Mündung des Tiber zuhaltende Piratenschiffe gesichtet würden. »Das ist absurd«, sagte Cicero an jenem Morgen zu mir, als wir hinausfuhren, um uns diese sichtbarsten Symbole der nationalen Bedrohung anzuschauen. »Als ob ein Seeräuber mit Verstand auch nur im Traum daran dächte, zwanzig Meilen einen offenen Fluss hochzusegeln, um eine befestigte Stadt anzugreifen!« Bestürzt schüttelte er den Kopf darüber, wie mühelos skrupellose Politiker eine verängstigte Bevölkerung steuern konnten. Aber was konnte er tun? Seine Nähe zu Pompeius verurteilte ihn zum Schweigen.
Am siebzehnten Dezember begannen die Saturnalien, das Fest des Saturn, das eine Woche dauerte. Es war aus naheliegenden Gründen nicht der fröhlichste Feiertag, und obwohl die CiceroFamilie an den üblichen Ritualen festhielt, Geschenke verteilte, uns Sklaven sogar einen Tag freigab und ein gemeinsames Mahl mit uns einnahm, war doch keiner mit dem Herzen bei der Sache. Lucius war immer die Seele solcher Festtage gewesen, und er war jetzt nicht mehr unter uns. Ich glaube, Terentia hatte die Hoffnung gehegt, schwanger zu sein, was sich aber nicht bewahrheitet hatte, und sie machte sich ernstlich Sorgen darüber, dass sie keinen Sohn mehr bekommen würde. Pomponia nörgelte wie üblich an Quintus herum und ließ keinen Zweifel daran, dass sie ihn als Ehemann für einen hoffnungslosen Fall hielt. Sogar die kleine Tullia konnte die Stimmung nicht heben.
Cicero selbst verbrachte fast die ganzen Saturnalien in seinem Arbeitszimmer und brütete über Pompeius' ungeheurem Ehrgeiz und dessen Folgen für das Land und seine eigene politische Karriere. Bis zu den Wahlen für die Prätur waren es kaum noch acht Monate, und er hatte zusammen mit Quintus schon eine Liste mit den wahrscheinlichen Kandidaten zusammengestellt. Wer von diesen Männern auch immer gewählt werden würde, mit den gleichen Rivalen musste Cicero im Kampf ums Konsulat rechnen. Die beiden Brüder diskutierten stundenlang alle möglichen Varianten, und dabei gewann ich den Eindruck, den ich allerdings nicht zum Ausdruck brachte, dass sie die Weisheit ihres Vetters doch sehr vermissten. Cicero hatte zwar oft gewitzelt, er bäte Lucius schon deshalb gern um einen politisch klugen Ratschlag, um dann das genaue Gegenteil zu tun, aber Lucius war doch auch eine Art Fixstern gewesen, an dem sich Cicero hatte orientieren können. Jetzt hatten die beiden Brüder nur sich selbst, und trotz ihrer gegenseitigen Wertschätzung trafen sie zusammen nicht immer die klügsten Entscheidungen.
In dieser Atmosphäre - es war der achte oder neunte Januar, das Fest der Latiner war vorüber, und der ernsthafte Politikbetrieb kam wieder in Gang - stieg Gabinius schließlich auf die Rostra und forderte ein neues Oberkommando. Ich spreche hier, das sollte ich vielleicht erklären, von der alten Rostra der Republik, die sich sehr von dem erbärmlichen verzierten Fußschemel unterschied, der heute in Gebrauch ist. Diese uralte, inzwischen zerstörte Plattform war das Herz der römischen Demokratie: eine lange, geschwungene Rednerbühne, etwa zwölf Fuß hoch, voller Statuen von Helden aus dem Altertum. Von dieser Rostra sprachen die Volkstribunen und Konsuln zum Volk. Die Rückseite war dem Senatsgebäude zugewandt, die Vorderseite blickte kühn über die größte freie Fläche des Forums hinweg. Aus dem wuchtigen Mauerwerk ragten die Rammsporne oder »Schnäbel« von sechs Schiffen - jene rostra, die der Bühne ihren Namen gegeben hatten (die Schnäbel waren Beutestücke aus einer Seeschlacht gegen die Karthager vor dreihundert Jahren). Die gesamte Rückseite bildete eine Treppe. Wenn also ein Magistrat das Senatsgebäude oder das Hauptquartier der Volkstribunen verließ, ging er etwa fünfzig Schritte, stieg die Stufen hinauf und stand dann auf der Rostra vor Tausenden von Menschen, die links und rechts von den zwei großen Basiliken und dahinter vom Tempel des Castor eingerahmt wurden. An dieser Stelle stand an jenem Januarmorgen Gabinius und erklärte auf seine ruhige und selbstsichere Art, dass Rom einen starken Mann benötige, der das Kommando im Krieg gegen die Seeräuber übernehmen könne.
Trotz seiner Zweifel hatte Cicero mithilfe von Quintus sein Möglichstes getan, um für Gabinius eine stattliche Menschenmenge auf die Beine zu bringen. Auf Pompeius' Anhänger aus Picenum konnte man sich ebenfalls immer verlassen, wenn es galt, ein paar Hundert Veteranen zusammenzutrommeln. Wenn ich jetzt noch die übliche Anzahl Menschen hinzuzähle, die immer im Dunstkreis der Basilica Porcia zu finden sind, und die Bürger, die ihren normalen Geschäften in der Stadt nachgingen, dann konnte man sagen, dass fast tausend Menschen anwesend waren, die sich anhörten, was nach Gabinius' Auffassung nötig sei, um der Seeräuber Herr zu werden - nämlich ein Oberbefehlshaber im Konsulrang mit einem auf drei Jahre festgesetzten Imperium über ein Territorium, das von der Küste fünfzig Meilen ins Inland reichte, fünfzehn dem Oberbefehlshaber zuarbeitende Legaten im Rang eines Prätors, freier Zugriff auf Roms Staatskasse, fünfhundert Kriegsschiffe und das Recht, bis zu einhundertzwanzigtausend Fußsoldaten und fünftausend Reitersoldaten auszuheben. Die schwindelerregenden Zahlen und die ganze Erklärung sorgten für großes Aufsehen. Als Gabinius die erste Verlesung seines Gesetzesantrags beendet und das Dokument einem Sekretär übergeben hatte, damit dieser es außen an der Basilika der Volkstribunen anschlagen konnte, hatten Catulus und Hortensius schon von der Sache gehört, und sie eilten aufs Forum, um selbst herauszufinden, was da vorging. Pompeius war natürlich nirgendwo zu sehen. Die anderen Mitglieder der Gruppe der Sieben, wie sich die Senatoren um Pompeius selbst nannten, hatten sich wohlweislich über das ganze Forum verteilt, um erst gar keinen Verdacht aufkommen zu lassen, dass da eine abgekartete Sache im Gang war. Aber die Aristokraten ließen sich nicht für dumm verkaufen. »Wenn das dein Werk ist, Cicero«, sagte Catulus wutschnaubend, »dann kannst du deinem Herrn sagen, dass er sich gerade großen Ärger eingehandelt hat.«
Die Reaktion der Aristokraten sollte sich als noch heftiger herausstellen, als Cicero prophezeit hatte. Nach der ersten Verlesung eines Gesetzesantrags mussten drei der einmal wöchendich stattfindenden Markttage vergehen, bevor das Volk über ihn abstimmen konnte (die Frist sollte Landbewohnern die Zeit geben, in die Stadt zu kommen und sich über die Vorlage zu informieren). Die Aristokraten hatten also für die Organisation ihres Widerstands bis Anfang Februar Zeit, und sie verloren keine Sekunde. Schon zwei Tage später wurde der Senat einberufen, um über die lex Gabinia, wie das Gesetz inzwischen genannt wurde, zu beraten. Obwohl Cicero ihn davon abzubringen versucht hatte, hielt Pompeius es für seine Ehrenpflicht, zu der Sitzung zu erscheinen und seinen Anspruch auf den Posten anzumelden. Er bestand auf einer ansehnlichen Eskorte, die ihn zum Senat begleitete, und da die sieben Senatoren weitere Geheimniskrämerei für überflüssig hielten, bildeten sie die Ehrengarde. Quintus schloss sich ihnen in seiner brandneuen Senatorentoga an: Es war erst das dritte oder vierte Mal, dass er die Kammer aufsuchte. Wie üblich hielt ich mich dicht hinter Cicero. »Wir Dummköpfe«, lamentierte er nach der Sitzung. »Wir hätten wissen müssen, dass es Ärger gibt, da sich kein einziger der anderen Senatoren unserer Eskorte angeschlossen hat.«
Der Marsch den Esquilin hinunter zum Forum verlief nach Wunsch. Die Vorsteher der Stadtteile hatten ganze Arbeit geleistet und auf den Straßen für jede Menge Begeisterung gesorgt. Die Menschen forderten Pompeius lautstark auf, ihnen die Bedrohung durch die Seeräuber vom Hals zu schaffen. Er winkte ihnen zu wie ein Hausbesitzer seinen Mietern. Doch in dem Augenblick, als wir den Senat betraten, hagelte es von allen Seiten Hohn und Spott. Quer durch den Saal flog sogar eine faule Frucht, die auf Pompeius' Schulter zerplatzte und einen leuchtend braunen Fleck hinterließ. So etwas war dem großen General noch nie widerfahren. Er blieb abrupt stehen und schaute sich verblüfft und bestürzt um. Sofort schlossen Afranius, Palicanus und Gabinius die Reihen und stellten sich, so als seien sie wieder auf dem Schlachtfeld, schützend vor ihn. Ich sah, wie Cicero mit den Armen wedelte und alle vier zu ihren Plätzen scheuchte. Sicher dachte er, je schneller sie alle auf ihren Plätzen säßen, desto schneller wäre die Demonstration vorbei. Ich stand zusammen mit den anderen Schaulustigen hinter dem vertrauten Absperrseil, das am Saaleingang zwischen den beiden Türpfosten gespannt war. Natürlich waren wir alle Anhänger von Pompeius, und je mehr die Senatoren ihn verhöhnten, desto lauter bejubelten wir ihn. Es dauerte eine Zeit lang, bis der präsidierende Konsul für Ruhe gesorgt hatte.
Die neuen Konsuln in jenem Jahr waren Pompeius' alter Freund Glabrio und der Aristokrat Calpurnius Piso (nicht zu verwechseln mit dem anderen Senator gleichen Namens, der erst später eine tragende Rolle in unserer Geschichte spielen wird -falls mir die Götter die Kraft schenken, sie zu vollenden). Wie verzweifelt Pompeius' Lage war, konnte man daran erkennen, dass Glabrio es vorgezogen hatte, der Sitzung fernzubleiben, als sich in offenen Widerspruch zu dem Mann zu begeben, von dem er seinen Sohn zurückerhalten hatte. Also führte Piso den Vorsitz. Ich sah ihren Gesichtern an, dass Hortensius, Catulus, Isauricus, Marcus Lucullus - der Bruder des Befehlshabers über die Legionen im Osten - und alle anderen Mitglieder der patrizischen Fraktion angriffsbereit waren. Die Einzigen, die keinen Widerstand mehr leisten konnten, waren die drei Metellus-Brüder: Quintus diente als Statthalter auf Kreta, und seine beiden jüngeren Brüder waren - als wollte das Schicksal seine Gleichgültigkeit gegenüber dem kleinlichen Ehrgeiz des Menschen demonstrieren -kurz nach dem Verres-Prozess am Fieber gestorben.
Am beunruhigendsten war jedoch, dass sogar die pedarii - die anspruchslose, geduldige, schwerfällige Masse der Senatsmitglieder, auf deren Wohlwollen Cicero besondere Mühe verwendet hatte - auf Pompeius' Größenwahn feindselig oder im besten Fall mit trägem Desinteresse reagierten. Was Crassus anging, der lümmelte mit verschränkten Armen und lässig ausgestreckten Beinen gegenüber auf der Konsulnbank in der ersten Reihe und betrachtete Pompeius mit bedrohlich gelassenem Gesichtsausdruck. Der Grund für seine Kaltblütigkeit lag auf der Hand. Direkt hinter ihm saßen - wie zwei Preisbullen, die er gerade auf einer Auktion ersteigert hatte - zwei der in diesem Jahr amtierenden Volkstribunen, Roscius und Trebellius. Das war Crassus' Art, aller Welt zu zeigen, dass er mit seinem Geld nicht nur eine, sondern gleich zwei Vetostimmen eingekauft hatte, und dass die lex Gabinia, egal, wie sehr Pompeius und Cicero sich auch bemühen mochten, nie durchgehen würde.
Piso nahm sein Privileg, als Erster reden zu dürfen, in Anspruch. »Als Redner der behäbige, gelassene Typ«, wie ihn Cicero viele Jahre später gönnerhaft beschrieb. An jenem Tag klang er allerdings weder behäbig noch gelassen. »Wir wissen genau, was du im Schilde fuhrst!«, sagte er gegen Ende seiner flammenden Rede mit donnernder Stimme zu Pompeius. »Du setzt dich über deine Kollegen im Senat hinweg und inthronisierst dich als eine Art zweiter Romulus - du tötest den Bruder, um allein herrschen zu können. Aber du tätest gut daran, dich an Romulus' Schicksal zu erinnern, der seinerseits von seinen eigenen Senatoren ermordet wurde, die seinen Körper zerstückelten und die Leichenteile mit sich nach Hause trugen.« Die Aristokraten sprangen begeistert auf, und ich erwischte gerade noch einen Blick auf Pompeius' massiges Profil. Stocksteif schaute er geradeaus, offenbar unfähig zu begreifen, was da vor sich ging.
Als Nächster sprach Catulus, dann Isauricus. Der Übelste war allerdings Hortensius. Nach dem Ende seiner Amtszeit als Konsul vor knapp einem Jahr hatte er sich kaum noch auf dem Forum blicken lassen. Sein innig geliebter Schwiegersohn Caepio, Catos älterer Bruder, war vor kurzem im Militärdienst in Kleinasien verstorben und hatte Hortensius' Tochter als Witwe zurückgelassen. Es hieß, dass den »Tanzmeister« und seine Beine allmählich die Kräfte verließen. Jetzt erweckte er allerdings den Eindruck, als ob ihn Pompeius' übers Ziel hinausschießender Ehrgeiz wiederbelebt und in die Arena zurückgetrieben habe. Seine Rede erinnerte mich daran, wie grandios er bei einem sorgfältig geplanten Anlass wie diesem auftrumpfen konnte. Er drosch keine Phrasen und ließ sich auch nicht zu Pöbeleien hinreißen, sondern formulierte in wohlgesetzten Worten die alten Grundsätze der Republik: dass die Macht immer geteilt werden müsse, dass ihr Grenzen zu setzen seien und dass sie jährlich von Neuem durch Wahlen bestätigt werden müsse. Und obwohl er persönlich nichts gegen Pompeius habe, ihn im Gegenteil für das Amt eines Oberbefehlshabers befähigt erachte wie keinen anderen Mann im Staat, so werde durch die lex Gabinia doch ein gefährlicher, ganz und gar unrömischer Präzedenzfall geschaffen. Man könne nicht einfach uralte Freiheitsrechte vom Tisch fegen, nur weil irgendwelche Seeräuber vorübergehend Panik verbreiteten. Cicero rutschte nervös auf seinem Platz herum, und unwillkürlich ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass er, hätte er die Möglichkeit gehabt, seine Meinung frei zu äußern, exakt die gleiche Ansprache gehalten hätte.
Hortensius kam gerade zum Schluss seiner Rede, als sich im hinteren Teil des Saales - in der Nähe der Tür, wo einst auch Cicero unter all den anderen unbedeutenden Senatoren gesessen hatte - Caesar von seinem Platz erhob und Hortensius bat, das Wort ergreifen zu dürfen. Mit der respektvollen Stille, in der man dem großen Advokaten zugehört hatte, war es schlagartig vorbei. Man muss Caesar zugutehalten, dass Mut dazugehörte, es in dieser Atmosphäre mit Hortensius aufzunehmen. Caesar blieb eisern stehen, bis wieder Ruhe eingekehrt war, und begann dann auf seine klare, unwiderstehliche und rigorose Art zu sprechen. Seeräuber, den Abschaum der Meere, zurückschlagen zu wollen, sagte er, sei ganz und gar nicht unrömisch. Unrömisch sei, eine Sache beenden zu wollen, aber nicht die dafür nötigen Mittel bereitzustellen. »Wenn die Republik so perfekt funktioniert, wie Hortensius sagt, warum hat sie dann zugelassen, dass die Bedrohung so groß werden konnte? Und nun, da sie zu so monströser Größe angewachsen ist, wie soll man ihrer jetzt Herr werden?« Er selbst sei vor einigen Jahren auf dem Weg nach Kreta Seeräubern in die Hände gefallen und erst nach einer Lösegeldzahlung freigekommen. Bis zum letzten Mann habe er diesen Abschaum gejagt und zur Strecke gebracht, wie er es ihnen noch als ihr Gefangener prophezeit habe. Jeder Einzelne habe am Kreuz sein Ende gefunden! »Das, Hortensius, ist die römische Art, mit Seeräubern umzugehen. Und deshalb brauchen wir die lex Gabinia.«
Er beendete unter Buhrufen und Pfiffen seine Rede und setzte sich gerade mit einem unnachahmlichen Ausdruck von Verachtung im Gesicht wieder auf seinen Platz, als es am anderen Ende der Kammer zu Handgreiflichkeiten kam. Ich glaube, ein Senator verpasste Gabinius von hinten einen Faustschlag, worauf dieser herumfuhr, zurückschlug und sich daraufhin binnen Sekunden in höchsten Schwierigkeiten befand, weil sich nun auch andere Senatoren auf ihn stürzten. Krachend, untermalt von einigen Schreien, kippte eine der Bänke um. Ich verlor Cicero aus den Augen. Eine Stimme hinter mir kreischte, dass man Gabinius ermorde. Sofort wurde von hinten gedrängt und gestoßen, das Absperrseil schnalzte aus seinen Halterungen, und wir fielen vornüber in den Saal. Glücklicherweise konnte ich noch rechtzeitig auf die Seite robben, bevor mehrere Hundert von Pompeius' plebejischen Anhängern (ein zugegebenermaßen ziemlich grobschlächtiger Haufen) in den Gang stürzten, zum Podium der Konsuln liefen und Piso von seinem kurulischen Stuhl zerrten. Einer der Kerle packte den Konsul am Hals, und einen Augenblick lang sah es so, als würde tatsächlich noch ein Mord geschehen. Doch dann schaffte es Gabinius, sich zu befreien, und er kletterte auf eine Bank, sodass alle sehen konnten, dass er - wenn auch etwas angeschlagen - noch am Leben war. Er appellierte an die Demonstranten, Piso loszulassen, und nach einem kurzen Wortgefecht ließen diese widerwillig von ihm ab. Piso rieb sich den Hals und erklärte mit krächzender Stimme, dass die Sitzung ohne Abstimmung vertagt sei. Und so war das römische Gemeinwesen um Haaresbreite - zumindest für den Augenblick - der Anarchie entgangen.
*
Derartige Gewalttätigkeiten hatte man im Herzen von Roms Regierungsviertel seit mehr als vierzehn Jahren nicht mehr erlebt. Sie hinterließen tiefe Spuren bei Cicero, auch wenn er dem Gewühl fast ohne Knitterfalte auf seiner makellosen Toga hatte entkommen können. Gabinius tropfte das Blut von Nase und Lippe, sodass Cicero ihn aus der Kammer geleiten musste. Ein gutes Stück vor ihnen ging Pompeius, der starr geradeaus blickte und mit dem gemessenen Schritt eines Trauergastes den Saal verließ. Woran ich mich am besten erinnere, ist die Stille, als sich der bunte Haufen aus Senatoren und Plebejern teilte, um ihn durchzulassen. Es war, als ob die beiden Parteien erkannt hätten, dass sie sich am Rand des Abgrunds bekämpften und, im allerletzten Augenblick zur Besinnung gekommen, innehielten. Wir traten hinaus aufs Forum. Als Pompeius ohne ein weiteres Wort in die Argiletum-Straße einbog und sich auf den Heimweg machte, folgten ihm alle seine Anhänger - die meisten wohl einfach deshalb, weil sie nicht wussten, was sie sonst hätten tun sollen. Afranius, der neben Pompeius ging, gab die Order weiter, dass der General ein Treffen in seinem Haus wünsche. Ich fragte Cicero, ob er etwas brauche, und er antwortete mit einem bitteren Lächeln: »Ja, die Ruhe von Arpinum.«
Quintus stieß zu uns und sagte mit eindringlicher Stimme: »Pompeius muss zurückrudern, sonst wird er öffentlich gedemütigt!«
»Das hat er schon hinter sich«, erwiderte Cicero. »Und wir auch. Soldaten!«, sagte er angewidert zu mir. »Was habe ich dir gesagt? Im Traum würde es mir nicht einfallen, denen auf dem Schlachtfeld Ratschläge zu erteilen. Aber die glauben, dass sie sich in der Politik besser auskennen als ich.«
Wir gingen den Hügel hinauf zu Pompeius' Haus, traten ein und ließen die verstummte Anhängerschar draußen auf der Straße stehen. Seit der ersten Konferenz war ich als Protokollführer der Gruppe akzeptiert, sodass ich mich ganz selbstverständlich auf meinem gewohnten Platz in der Ecke niederließ. Die Senatoren setzten sich um einen großen Tisch, an dessen Kopfseite Pompeius Platz nahm. Aus der massigen Gestalt war jeder Stolz gewichen. Wie er da so zusammengesunken auf seinem Stuhl saß, erinnerte er mich eher an ein großes wildes Tier in der Arena - von kleineren Kreaturen gefangen und gefesselt, genarrt und verhöhnt. Er war pessimistisch und wiederholte ein ums andere Mal, dass alles vorbei sei - der Senat würde seine Berufung niemals befürworten, nur der Abschaum der Straße unterstütze ihn noch, die Crassus willfährigen Volkstribunen würden in jedem Fall ihr Veto gegen das Gesetz einlegen, der einzige Ausweg sei das Exil. Caesar widersprach vehement -Pompeius sei immer noch der populärste Mann der Republik, er solle sich aufmachen und in den ländlichen Gebieten Italiens die benötigten Legionen rekrutieren, mit seinen alten Kampfgefährten verfüge er über das Rückgrat für eine neue Armee, der Senat werde schon einlenken, wenn er erst mal die nötigen Truppen um sich geschart habe. »Wenn man beim ersten Wurf verliert, kann es nur eine Reaktion geben: den Einsatz verdoppeln und noch einmal würfeln. Kümmere dich nicht um die Aristokraten, wenn nötig, regierst du mithilfe des Volkes und der Armee.«
Ich sah Cicero an, dass er nur auf den passenden Augenblick wartete, um seine eigene Beurteilung vorzutragen, und in der, da war ich mir sicher, würde er weder dem einen noch dem anderen Extrem das Wort reden. Eine Konferenz mit zehn Leuten zu steuern, erfordert ebenso viel Geschick wie die Manipulation einer Versammlung mit hundert Leuten. Und so wartete Cicero, bis der Letzte am Tisch seine Meinung geäußert und die Diskussion sich erschöpft hatte, bevor er voller Kampfeslust das Wort ergriff. »Wie du weißt, Pompeius, hatte ich von Anbeginn einige Befürchtungen, was diese Operation betrifft. Nachdem ich jedoch Zeuge der heutigen Debatte im Senat gewesen bin, muss ich zugeben, dass diese verflogen sind. Es bleibt uns jetzt nichts anderes mehr übrig, als diesen Kampf zu gewinnen -zu deinem Besten, zu Roms Besten und für die Würde und Autorität von uns allen, die wir dich unterstützen. Es darf jetzt nicht den geringsten Gedanken an Kapitulation geben. Auf dem Schlachtfeld bist du berühmt für deinen löwenhaften Kampfesmut; du kannst jetzt nicht in Rom auftreten wie ein Mäuschen.«
»Achte auf deine Worte, advocatus«, sagte Afranius, doch Cicero beachtete ihn gar nicht.
»Kannst du dir vorstellen, was passiert, wenn du jetzt aufgibst? Die Gesetzesvorlage ist veröffentlicht. Falls du den Posten nicht annimmst, dann wird es jemand anderer tun, und ich kann dir schon jetzt sagen, wer das sein wird: Crassus. Du sagst selbst, dass er zwei willfährige Volkstribunen hat. Er wird dafür sorgen, dass das Gesetz angenommen wird, nur dass anstatt deines Namens seiner in der Vorlage stehen wird. Wie, Gabinius, willst du ihn daran hindern? Indem du ein Veto gegen deine eigene Vorlage einlegst? Unmöglich! Versteht ihr? Wir müssen uns dem Kampf jetzt stellen.«
Ein hervorragendes Argument, denn wenn es etwas gab, das Pompeius garantiert zum Kampf anstacheln würde, dann die Aussicht, Crassus den Ruhm streitig zu machen. Pompeius richtete sich auf, streckte das Kinn vor und starrte wütend in die Runde. Ich sah, wie Afranius und Palicanus ihm aufmunternd zunickten. »Wir haben in unseren Legionen Kundschafter, Cicero, die finden ihren Weg in schwierigstem Gelände«, sagte Pompeius. »Prachtvolle Burschen, die in Sumpfgebiete, Gebirge und Wälder vordringen, die seit Beginn der Zeit kein menschliches Wesen betreten hat. Die Politik jedoch stellt jedes Hindernis in den Schatten, das mir bis jetzt untergekommen ist. Wenn du mir einen Weg aus dem Chaos weisen kannst, Cicero, wirst du keinen treueren Freund mehr finden als mich.«
»Und du vertraust dich voll und ganz meiner Führung an?«
»Du bist der Kundschafter.«
»Also gut«, fuhr Cicero fort. »Morgen, Gabinius, wirst du Pompeius auf die Rostra rufen und ihn fragen, ob er gewillt ist, als Oberbefehlshaber zu dienen.«
»Gut«, sagte Pompeius angriffslustig und ballte eine seiner klobigen Fäuste. »Und ich werde >Ja< sagen.«
»Nein, nein«, widersprach Cicero. »Du wirst entschieden ablehnen. Du wirst sagen, dass du schon genug getan hast für Rom, dass du keinerlei Ambitionen mehr auf ein Öffentliches Amt hast und dass du dich auf deinen Landsitz zurückziehst.« Pompeius schaute ihn mit offenem Mund an. »Ich werde für dich die Rede ausarbeiten. Du wirst noch morgen Nachmittag die Stadt verlassen und nicht mehr zurückkommen. Je zögerlicher du erscheinst, desto verzweifelter werden die Leute nach deiner Rückkehr schreien. Du wirst unser Cincinnatus sein, den man von seinem Pflug losreißt, um das Land vor der Katastrophe zu bewahren. Das ist einer der wirksamsten Mythen in der Politik überhaupt, glaube mir.«
Einige der Anwesenden waren gegen eine derart theatralische Taktik, sie erschien ihnen zu riskant. Aber die Vorstellung vom bescheidenen Bauern schmeichelte Pompeius' Eitelkeit. Ist das nicht der Traum eines jeden stolzen und ehrgeizigen Mannes? Anstatt sich in den Schmutz werfen und um die Macht kämpfen zu müssen, würde das Volk angekrochen kommen und darum betteln, den Oberbefehl als Geschenk zu akzeptieren. Je mehr Pompeius darüber nachdachte, desto besser gefiel ihm der Plan. Seine Würde und Autorität bliebe unbefleckt, er hätte obendrein ein paar angenehme Wochen, und falls doch etwas schiefging, könnte man ihm nicht die Schuld geben.
»Hört sich ziemlich klug an«, sagte Gabinius und tupfte sich mit dem Finger auf die geplatzte Lippe.
»Aber du scheinst zu vergessen, Cicero, dass nicht das Volk das Problem ist, sondern der Senat.«
»Wenn der Senat erst mal begreift, welche Auswirkungen Pompeius' Rückzug hat, wird er sich schon wieder beruhigen. Die Senatoren werden sich vor die Wahl gestellt sehen, entweder gar nichts gegen die Seeräuber zu unternehmen oder das Oberkommando Crassus zu übertragen. Beides wäre für die große Mehrheit nicht akzeptabel. Wenn man sie ein bisschen schmiert, werden sie schon geschmeidig werden.«
»Schlau, sehr schlau«, sagte Pompeius bewundernd. »Ist er nicht klug, meine Freunde? Hab ich's nicht immer gesagt?«
»Ein Wort zu den fünfzehn Legaten«, sagte Cicero. »Ich schlage vor, wenigstens die Hälfte der Posten für die Mehrheitsbeschaffung im Senat abzuzweigen.« Palicanus und Afranius, die ihre lukrativen Ämter bedroht sahen, protestierten lautstark, wurden aber von Pompeius mit einer einzigen Handbewegung zum Schweigen gebracht. »Du bist ein Nationalheld«, fuhr Cicero fort. »Ein Patriot, der über dem kleinlichen politischen Gezänk und Intrigenspiel steht. Das Recht auf Ämterbesetzung solltest du nicht zur Versorgung von Freunden nutzen, sondern um die Gegnerschaft zu spalten. Nichts wird einen verheerenderen Keil in die aristokratische Fraktion treiben, als wenn man einige Patrizier dazu überreden könnte, unter dir zu dienen. Sie werden sich gegenseitig die Augen auskratzen.«
»Ganz meine Meinung«, sagte Caesar und nickte energisch. »Ciceros Plan ist besser als meiner. Hab Geduld, Afranius. Das ist ja nur der erste Schritt. Wir kassieren unseren Lohn später.«
»Außerdem sollte uns allen die Niederlage der Feinde Roms Lohn genug sein«, erklärte Pompeius scheinheilig. Ich sah ihm an, dass er sich im Geiste schon am Pflug bei der Feldarbeit sah.
Hinterher auf dem Nachhauseweg sagte Quintus: »Ich hoffe, du weißt, was du tust.«
»Das hoffe ich auch«, sagte Cicero.
»Das Kernproblem ist Crassus mit seinen beiden Volkstribunen«, sagte Quintus. »Mit denen kann er das Gesetz kippen. Was willst du dagegen machen?«
»Keine Ahnung. Wir können nur hoffen, dass von irgendwoher eine Lösung auftaucht. Meistens ergibt sich ja was.«
Da wurde mir klar, wie sehr er sich einfach nur auf sein altes Diktum verließ, dass man manchmal eben einen Kampf anzetteln muss, um währenddessen herauszufinden, wie man ihn gewinnen kann. Er verabschiedete sich von Quintus und ging allein weiter, den Kopf gesenkt, in Gedanken vertieft. Hatte er sich anfangs nur zögernd auf Pompeius' hochfliegende Pläne eingelassen, so war er nun zu seinem Cheforganisator aufgestiegen, und er wusste, dass ihn das in eine schwierige Lage brachte, nicht zuletzt bei seiner eigenen Frau. Nach meiner Erfahrung sind Frauen weit weniger bereit als Männer, Kränkungen aus der Vergangenheit zu vergessen. Für Terentia war es unbegreiflich, dass ihr Mann immer noch um den »Prinzen von Picenum«, wie sie Pompeius höhnisch nannte, herumscharwenzelte, vor allem nach jenen Vorfällen im Senat, die inzwischen Stadtgespräch waren. Als wir nach Hause kamen, wartete sie schon im Tablinum und ging sofort zum Angriff über. »Ich kann einfach nicht glauben, wie sich das alles derart zuspitzen konnte. Da ist der Senat auf der einen Seite und der Pöbel auf der anderen -und auf welche Seite schlägt sich mein Herr Gatte? Natürlich wie gehabt auf die des Pöbels! Ich hoffe doch wohl, dass du jetzt endlich die Verbindung zu diesem Menschen abbrichst?«
»Er wird morgen seinen Rückzug ins Privatleben bekannt geben«, sagte Cicero besänftigend.
»Was?«
»Du hast richtig gehört. Ich selbst werde noch heute Abend die Erklärung für ihn aufsetzen. Was bedeutet, dass ich wohl im Arbeitszimmer zu Abend essen werde. Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest.« Er drückte sich an ihr vorbei und ging ins Arbeitszimmer. Als er die Tür hinter uns geschlossen hatte, fragte er mich: »Meinst du, sie glaubt mir?«
»Nein«, sagte ich.
»Ich auch nicht«, sagte er kichernd. »Dafür sind wir schon zu lange verheiratet.«
Wenn er gewollt hätte, reich genug war er inzwischen, hätte er sich von ihr scheiden lassen können. Er hätte eine bessere Partie machen können, ganz sicher eine wesentlich schönere. Er war enttäuscht, dass Terentia ihm keinen Sohn geboren hatte. Doch trotz ihrer ewigen Streitereien blieb er bei ihr. Liebe ist nicht das passende Wort, das seine Beziehung zu ihr beschreibt - jedenfalls nicht in dem Sinn, in dem die Dichter es benutzen. Etwas Ungewöhnlicheres, Stärkeres hielt sie zusammen. Dazu gehörte, dass sie sein Zuchtmeister war: Sie war die Peitsche, die ihn auf Trab hielt. Jedenfalls störte Terentia uns den ganzen Abend nicht mehr, und Cicero diktierte mir Pompeius' Erklärung. Er hatte noch nie eine Rede für jemand anderen geschrieben, was eine eigenartige Erfahrung war. Heutzutage beschäftigen die meisten Senatoren ein oder zwei Sklaven, die ihnen ihre Reden ausarbeiten. Ich habe sogar von einigen Senatoren gehört, die überhaupt keine Ahnung haben, was sie sagen werden, bis man ihnen den Text hinlegt: Wie sich diese Burschen Staatsmänner nennen können, übersteigt meine Vorstellungskraft. Aber Cicero sagte, dass es ihm Spaß machte, für jemand anderen zu schreiben. Er fand den Gedanken amüsant, dass große Männer, solange sie nur etwas Hirn besaßen, das vortragen würden, was er sich ausgedacht hatte. In späteren Zeiten setzte er die Technik, Leuten seine Worte in den Mund zu legen, mit großem Erfolg in seinen Büchern ein. Er dachte sich sogar eine Wendung für Gabinius aus, die später ziemlich berühmt werden sollte: »Pompeius Magnus wurde nicht um seiner selbst willen geboren, sondern um Rom zu dienen.«
Wir hatten die Arbeit an der Erklärung, die mit Absicht kurz gehalten war, schon weit vor Mitternacht beendet und verließen früh am nächsten Morgen, nachdem Cicero seine Übungen gemacht und nur die wichtigsten Besucher empfangen hatte, das Haus und gingen zu Pompeius, um die Rede abzuliefern. Pompeius hatte sich über Nacht eine üble Erkältung eingefangen und machte jetzt seiner Sorge darüber Luft, ob das mit dem Rückzug aufs Land eine so gute Idee gewesen sei. Aber Cicero erkannte sofort, dass er einfach nervös war vor seinem Gang auf die Rostra, und als Pompeius den Redetext in Händen hielt, beruhigte er sich schnell wieder. Cicero gab auch Gabinius, der ebenfalls schon eingetroffen war, einige Zeilen, doch der Volkstribun ärgerte sich darüber, wie ein Schauspieler einen fremden Text aufsagen zu sollen, und fragte, ob er wirklich sagen solle, dass Pompeius geboren sei, um Rom zu dienen. »Warum nicht?«, stichelte Cicero. »Bist du etwa anderer Meinung?« Worauf Pompeius Gabinius anfuhr, er solle endlich mit dem Gejammer aufhören und den Text genau so vortragen, wie er da stehe. Gabinius entgegnete nichts mehr, bedachte aber Cicero mit einem wenig freundlichen Blick und war seit jener Zeit, so zumindest meine Vermutung, insgeheim Ciceros Feind - ein perfektes Beispiel dafür, wie der Senator mit seiner sorglosen Schlagfertigkeit jemanden vor den Kopf stoßen konnte.
Auf dem Forum hatte sich schon eine große Zuschauermenge eingefunden, die gespannt auf die Fortsetzung der gestrigen Vorstellung wartete. Wir hörten den Lärm, als wir von Pompeius' Haus kommend den Hügel hinuntergingen - dieses eigentümliche, furchteinflößend anschwellende Geräusch einer erregten Menschenmenge, das mich immer an eine riesige Welle erinnert, die gegen eine weit entfernte Küste brandet. Die Spannung ließ mein Herz höher schlagen. Fast der gesamte Senat war versammelt. Die Aristokraten hatte mehrere Hundert ihrer Anhänger mobilisiert, einerseits zu ihrem eigenen Schutz, andererseits um Pompeius niederzubrüllen, sobald er, wie sie erwarteten, seine Absicht erklärte, den Oberbefehl zu übernehmen. Wie gestern wurde der General von Cicero und den mit ihm verbündeten Senatoren begleitet. Er hielt sich am Rand des Forums und ging dann gleich zur Rückseite der Rostra. Dort marschierte er auf und ab, gähnte, blies auf seine kalten Finger und zeigte auch sonst alle Anzeichen von Nervosität, während der Lärm der Menge immer lauter wurde. Cicero wünschte ihm Glück, begab sich dann zur Vorderseite der Rostra und gesellte sich zu den anderen Mitgliedern des Senats, weil er deren Reaktion beobachten wollte. Die zehn Volkstribunen betraten nacheinander das Podium und setzten sich auf ihre Bank. Dann trat Gabinius vor und rief theatralisch: »Ich rufe vor das Volk ... Pompeius Magnus.«
Wie wichtig doch das Auftreten in der Politik ist und wie vorzüglich doch Pompeius von der Natur ausgestattet worden war, um den Anschein von Größe zu vermitteln. Als die breite und vertraute Gestalt mit schwerfälligen Schritten die Stufen emporstieg und ins Blickfeld der Menge trat, brachen Pompeius' Anhänger in frenetischen Jubel aus. Unerschütterlich wie ein Bulle, den wuchtigen Kopf auf den muskulösen Schultern leicht nach hinten geneigt, stand er da und schaute auf die ihm zugewandten Gesichter hinunter. Als atmete er den Applaus tief in die Lunge ein, hoben und senkten sich die Nasenflügel. Normalerweise nahmen es die Menschen übel, wenn ein Redner vom Blatt ablas, anstatt scheinbar aus dem Stegreif zu sprechen, doch bei diesem Anlass verstärkte die Art, wie Pompeius seinen kurzen Text entrollte und in die Höhe hielt, die gespannte Erwartung, dass das Gewicht der Worte dem des Mannes ebenbürtig sei -eines Mannes, der über den aalglatten rhetorischen Tricks von Justiz und Politik stand.
»Bürger Roms«, dröhnte es in die Stille. »Im Alter von siebzehn Jahren habe ich in der Armee meines Vaters Gnaeus Pompeius Strabo für die Einheit unseres Staates gekämpft. Mit dreiundzwanzig Jahren habe ich eine Truppe von fünfzehntausend Soldaten aufgestellt, habe die vereinigten Rebellenarmeen des Brutus, Caelius und Carrinas geschlagen und wurde auf dem Schlachtfeld als Imperator ausgerufen. Mit vierundzwanzig Jahren habe ich Sizilien erobert, mit fünfundzwanzig Afrika, und an meinem sechsundzwanzigsten Geburtstag wurde mir ein Triumph gewährt. Als ich dreißig und noch nicht einmal Senator war, übernahm ich, ausgestattet mit der Amtsgewalt eines Prokonsuls, das Kommando über unsere Streitkräfte in Spanien, bekämpfte sechs Jahre lang die Rebellen und besiegte sie. Mit sechsunddreißig kehrte ich nach Italien zurück, jagte die letzten Überreste von Spartacus' Sklavenarmee und siegte. Mit siebenunddreißig wurde ich zum Konsul gewählt, und mir wurde ein zweiter Triumph gewährt. Als Konsul setzte ich eure Volkstribunen wieder in ihre alten Rechte ein und ließ für euch Spiele durchfuhren. Wann immer dem Staat Gefahr drohte, habe ich ihm gedient. Mein ganzes Leben ist nichts anderes gewesen als ein einziges langes Sonderkommando. Und nun droht unserem Staat eine neue, nie da gewesene Gefahr. Um dieser Bedrohung begegnen zu können, wird zu Recht der Vorschlag unterbreitet, ein Amt mit neuen, nie da gewesenen Befugnissen zu schaffen. Wen immer ihr auswählt, diese Bürde zu schultern, er muss sich der Unterstützung aller Stände und aller Klassen sicher sein, denn es erfordert nahezu grenzenloses Vertrauen, einen einzigen Mann mit so großen Machtbefugnissen auszustatten. Seit der gestrigen Sitzung des Senats ist mir klar, dass ich dieses Vertrauen nicht besitze. Deshalb möchte ich euch sagen, dass ich, sosehr man mich auch bitten mag, einer Nominierung für dieses Amt nicht zustimmen und dieses, sollte ich dennoch nominiert werden, nicht annehmen werde. Ich habe in meinem Leben genug Sonderkommandos innegehabt. Ich gebe hiermit bekannt, dass ich auf jedes weitere öffentliche Amt verzichte und der Stadt den Rücken kehre, um wie meine Vorväter den heimatlichen Boden zu bestellen.«
Ein furchtbares Stöhnen der Enttäuschung ging durch die Menge, und sofort eilte Gabinius nach vorn zum unbewegt am Rand der Rednertribüne stehenden Pompeius.
»Das können wir nicht zulassen!«, rief Gabinius. »Pompeius Magnus wurde nicht um seiner selbst willen geboren, sondern um Rom zu dienen.«
Natürlich brach nach diesem Satz ein Jubelsturm ohnegleichen los, und die Sprechchöre, die unaufhörlich »Pompeius! Pompeius! Pompeius!« skandierten, hallten von den Mauern der Basiliken und Tempel wider, bis einem die Ohren schmerzten. Es dauerte eine Zeit lang, bis Pompeius sich wieder Gehör verschaffen konnte.
»Eure Freundlichkeit, meine Mitbürger, rührt mich zutiefst, doch mein weiterer Aufenthalt in der Stadt ist euren Beratungen nur hinderlich. Trefft eine kluge Wahl, ihr Bürger Roms, im Senat sitzen viele fähige Männer, die euch als Konsuln gedient haben. Und auch wenn ich Rom jetzt für immer verlasse, vergesst nie, dass mein Herz eure Häuser und Tempel nie verlassen wird. Lebt wohl!«
Wie einen Marschallsstab hob er die Papyrusrolle in die Höhe, salutierte vor der traurig johlenden Menge, drehte sich um und stapfte zur Rückseite der Plattform, wobei er unnachgiebig alles Bitten, noch zu bleiben, ignorierte. Den Volkstribunen stand die Verblüffung ins Gesicht geschrieben, als Pompeius die Stufen hinabstieg, wobei erst die Beine, dann der Oberkörper und schließlich der stattliche Kopf mit der Haartolle aus dem Blickfeld verschwanden. Einige Menschen, die in meiner Nähe standen, fingen an zu weinen und rissen an ihren Haaren und Kleidern. Und obwohl ich wusste, dass die ganze Vorstellung ein Täuschungsmanöver gewesen war, hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre selbst in Tränen ausgebrochen. Die versammelten Senatoren sahen aus, als hätte in ihrer Mitte ein Wurfgeschoss eingeschlagen - in den Gesichtern einiger weniger spiegelte sich Verachtung, viele waren erschüttert, die meisten aber einfach nur sprachlos. In der Erinnerung aller war Pompeius immer der herausragende Mann im Staat gewesen. Und jetzt verließ er einfach so die Stadt. Besonders Crassus' Gesicht bot ein Schauspiel widerstreitender Gemütsbewegungen, das kein Künstler jemals hätte einfangen können. Einerseits wusste er, dass jetzt er die besten Aussichten auf das Sonderkommando hatte; andererseits aber war er so klug zu erkennen, dass das Ganze nur eine Finte sein konnte und seiner Position irgendeine noch nicht absehbare Gefahr drohte.
Cicero blieb gerade so lange, um die Reaktion auf sein Werk abschätzen zu können, und eilte dann davon, um Bericht zu erstatten. Hinter der Rostra trieben sich Pompeius' Leute aus Picenum und die üblichen Klienten herum. Eine geschlossene Sänfte aus blauem und goldenem Brokat stand bereit, um den General, der gerade einsteigen wollte, zur Porta Capena zu bringen. Er war nicht anders als viele andere Männer, die ich erlebt habe, nachdem sie gerade eine große Rede gehalten hatten: arrogant in ihrer Hochstimmung und gleichzeitig gierig nach Bestätigung. »Das ist ja ganz hervorragend gelaufen«, sagte er. »Was meinst du?«
»Süperb«, antwortete Cicero. »Crassus' Gesichtsausdruck ist nicht von dieser Welt.«
»Wie hat dir das am Ende gefallen ... >dass mein Herz eure Häuser und Tempel nie verlassen wird«
»Das war das Sahnehäubchen.«
Pompeius grunzte höchst befriedigt und sank in die Kissen der Sänfte. Er ließ den Vorhang herunter, schob ihn jedoch gleich wieder zur Seite. »Und du bist sicher, dass das klappen wird?«
»Unsere Widersacher hat es jedenfalls ziemlich aufgeschreckt. Das ist ein Anfang.«
Der Vorhang fiel, ging aber sofort wieder auf.
»Wann wird über das Gesetz abgestimmt?«
»In fünfzehn Tagen.«
»Halte mich auf dem Laufenden. Wenigstens einmal täglich.«
Cicero trat zur Seite, als die Sänfte auf die Schultern seiner Träger gewuchtet wurde. Kräftige Burschen, die trotz Pompeius' Gewicht im Eilschritt am Senatsgebäude vorbeiliefen und kurz darauf das Forum verlassen hatten - im Schlepptau des Himmlischen der Kometenschweif seiner Klienten und Bewunderer. »>Wie hat dir das am Ende gefallen .. .?<«, äffte Cicero ihn nach und schüttelte den Kopf. »Klar, hat's mir gefallen, du Trampeltier, ich hab's ja geschrieben.« Ich schätze, dass es ziemlich schwer für ihn gewesen sein muss, so viel Energie an einen Gebieter zu verschwenden, den er nicht bewunderte, und an eine Sache, die er für höchst fragwürdig hielt. Die Reise in die Spitzenpositionen der Politik sperrt einen Mann oft mit widerwärtigen Mitreisenden zusammen und führt ihn durch seltsame Landschaften. Aber Cicero wusste auch, dass es jetzt kein Zurück mehr gab.
In den nächsten zwei Wochen gab es nur ein Thema in Rom - die Seeräuber. Gabinius und Cornelius »lebten auf der Rostra«, wie das zu jener Zeit genannt wurde - was heißt: Täglich bombardierten sie das Volk mit neuen Erklärungen und neuen Augenzeugen zum Thema Seeräubergefahr. Ihre Spezialität waren Horrorgeschichten. Zum Beispiel berichteten sie, dass die Piraten ihre Gefangenen verhöhnten, falls diese erklärten, sie seien Bürger Roms: Die Seeräuber gäben sich zu Tode erschrocken und bettelten um Vergebung, zögen ihren Gefangenen sogar eine Toga und Schuhe an und verbeugten sich jedes Mal, wenn sie an ihnen vorbeigingen. Dieses Spiel spielten sie, bis sie schließlich auf offener See seien, eine Leiter am Schiffsrumpf herunterließen und ihnen sagten, sie seien nun frei und könnten gehen, wohin sie wollten. Wenn ein Opfer sich weigerte, die Leiter hinunterzusteigen, warfen sie es einfach über Bord. Derartige Geschichten versetzten die Zuschauer auf dem Forum in Rage; sie waren daran gewohnt, dass die magische Formel »Ich bin ein Bürger Roms« überall auf der Welt Ehrerbietung garantierte.
Cicero selbst sprach nicht auf der Rostra. Seltsamerweise hatte er dort noch nie eine Rede gehalten. Er hatte schon früh entschieden, sich so lange zurückzuhalten, bis er den passenden Augenblick in seiner Karriere für gekommen sah, um die größtmögliche Wirkung zu erzielen. Er war natürlich versucht, bei diesem Thema sein Schweigen zu brechen, denn er hatte einiges dazu zu sagen und es würde einen idealen pompistischen Knüppel abgeben, um damit auf die Aristokraten einzudreschen. Schließlich jedoch entschied er sich dagegen mit dem Argument, dass die Gesetzesvorlage in den Straßen ohnehin schon überwältigenden Zuspruch fände und dass seine Dienste hinter den Kulissen - strategische Aufgaben und Beeinflussung der noch schwankenden Senatoren - wertvoller seien. So spielte er zur Abwechslung mal den Moderaten, Pausenlos streifte er auf seine altbekannte Art durchs Senaculum, hörte sich die Klagen der pedarii an, versprach, Bekundungen des Bedauerns und Bittgesuche an Pompeius weiterzuleiten, und machte Männern von Einfluss - allerdings nur gelegentlich - vage Hoffnung auf höhere Ämter. Jeden Tag traf ein Bote von Pompeius' Landsitz in den Albaner Bergen ein und überbrachte die neuesten Beschwerden, Nachfragen oder Anweisungen des Generals (»Die Feldarbeit scheint unseren neuen Cincinnatus ja nicht gerade auszulasten«, bemerkte Cicero mit gequältem Lächeln), und jeden Tag diktierte mir der Senator ein besänftigendes Antwortschreiben, worin er Pompeius häufig Namen von Männern nannte, die zu einem Gespräch einzuladen vielleicht ganz nützlich wäre. Das war eine heikle Angelegenheit, denn es musste unbedingt der Schein gewahrt werden, dass sich Pompeius nicht mehr in der Politik betätigte. Trotzdem trieb eine Mischung aus Gier, Anbiederung, Ehrgeiz, die Erkenntnis, dass man um die Schaffung eines wie auch immer gearteten Sonderkommandos nicht herumkomme, sowie die Angst, dass dieses dann Crassus zufallen könne, etwa ein halbes Dutzend Senatoren in Schlüsselstellungen in Pompeius' Lager. Der wichtigste war Lucius Manlius Torquatus, der gerade seine Amtszeit als Prätor beendet hatte und im nächsten Jahr mit Sicherheit für das Konsulat kandidieren würde.
Wie immer stellte Crassus die größte Gefahr für Ciceros Plane dar, und natürlich war er nicht untätig. Auch Crassus war unterwegs, machte Versprechungen für lukrative Posten und versuchte Anhänger zu gewinnen. Für den Liebhaber des politischen Geschäfts war es faszinierend, das Kopf-an Kopf-Rennen der Dauerrivalen Crassus und Pompeius zu beobachten. Beide hatten zwei Volkstribunen auf ihrer Seite, die jeweils mit ihrer Stimme das Gesetz zu Fall bringen konnten und die jeweils über eine Reihe geheimer Parteigänger im Senat verfügten. Crassus hatte gegenüber Pompeius den Vorteil, dass ihn die meisten Aristokraten unterstützten, weil sie Pompeius mehr fürchteten als jeden anderen in der Republik; Pompeius' Vorteil gegenüber Crassus war seine Popularität beim Mann auf der Straße. »Die beiden sind wie zwei Skorpione, die sich gegenseitig belauern«, sagte Cicero eines Morgens, als er sich auf dem Stuhl vor seinem Schreibpult zurücklehnte, nachdem er mir eine Botschaft an Pompeius diktiert hatte. »Keiner kann den anderen ganz ausschalten, und doch kann jeder den anderen töten.«
»Wie soll dann einer von beiden gewinnen?«
Er schaute mich an, schoss dann so plötzlich mit dem Oberkörper nach vorn und schlug mit der flachen Hand auf die Pultplatte, dass ich vor Schreck zusammenzuckte. »Nur durch einen Überraschungsangriff.«
Ab jenem Morgen blieben noch vier Tage, bis das Volk über die lex Gabinia abstimmte. Und bisher war Cicero nichts eingefallen, wie er Crassus' Veto umgehen könnte. Er war müde und mutlos und sinnierte wieder einmal darüber nach, ob wir uns nicht nach Athen zurückziehen und Philosophie studieren sollten. Der Tag verging, ebenso der nächste und übernächste, und noch immer war keine Lösung aufgetaucht. Am letzten Tag vor der Abstimmung stand ich wie üblich bei Morgengrauen auf und ließ Ciceros Klienten ein. Da allgemein bekannt war, wie nahe er Pompeius stand, hatte sich die Zahl der Besucher im Gegensatz zu früher verdoppelt. Sehr zu Terentias Ärger wimmelte es im Haus jetzt den ganzen Tag über von Bittstellern und Sympathisanten. Darunter waren durchaus bekannte Männer, wie zum Beispiel an jenem Morgen Antonius Hybrida. Er war der zweite Sohn des großen Redners und Konsuls Marcus Antonius Orator und hatte gerade eine Amtszeit als Volkstribun hinter sich: Er war ein Schwachkopf und Säufer, musste aber als Erster vorgelassen werden. Der Himmel war grau, und es regnete, sodass die Besucher den moderigen Geruch von klammen, muffigen Kleidern und feuchtem Haar mit ins Haus geschleppt hatten. Der schwarz-weiße Mosaikboden war dreckverschmiert, und ich überlegte gerade, ob ich einen der Haussklaven zum Aufwischen rufen sollte, als die Tür noch einmal aufging und Marcus Licinius Crassus höchstpersönlich vor mir stand. Ich war so verblüfft, dass mich sein Anblick nicht im Geringsten beunruhigte und ich ihn so selbstverständlich begrüßte wie jeden x-beliebigen Klienten, der wegen eines Empfehlungsschreibens vorsprach.
»Einen wunderschönen guten Morgen, Tiro«, sagte er. Er erinnerte sich an meinen Namen, obwohl er mich nur einmal gesehen hatte, was mir jetzt doch gehörige Angst einjagte. »Wäre es möglich, dass ich kurz mit deinem Herrn spreche?« Crassus war in Begleitung des Senators Quintus Arrius, der ihm wie ein Schatten überallhin folgte und dessen lachhaft blasierte Ausdrucksweise vom grausamsten aller Dichter, Catull, aufs Unvergesslichste parodiert werden sollte - Arrius fügte jedem Vokal am Wortanfang eine Aspirata hinzu, seinen eigenen Namen sprach er »Harrius« aus. Ich lief ins Arbeitszimmer, wo Cicero gerade seine beiden Schreiber auf die übliche Weise auf Trab hielt: Während er dem einen, Sositheus, einen Brief diktierte, zeichnete er gleichzeitig dem anderen, Laurea, Schriftstücke so schnell ab, wie der sie ihm vorlegen konnte.
»Ihr erratet nie, wer da ist!«, rief ich aufgeregt.
»Crassus«, sagte er, ohne auch nur den Kopf zu heben.
Ich war schlagartig ernüchtert. »Ihr seid nicht überrascht?«
»Nein«, sagte Cicero und unterzeichnete den nächsten Brief. »Er wird uns gleich ein großmütiges Angebot unterbreiten, das natürlich ganz und gar nicht großmütig ist, sondern nur dem Zweck dient, ihn in dem Augenblick in besserem Licht dastehen zu lassen, wenn bekannt wird, dass wir abgelehnt haben. Er hat allen Grund, Entgegenkommen zu zeigen, wir haben keinen einzigen. Egal, führ ihn am besten gleich rein, sonst besticht er mir noch alle meinen Klienten aus dem Haus. Und bleib dann im Zimmer und mach dir Notizen, nicht dass er mir das Wort im Mund umdreht.«
Ich ging, um Crassus zu holen. Und tatsächlich: Er arbeitete sich schon überschwänglich Hände schüttelnd durchs Tablinum, sehr zur Verwunderung der eingeschüchterten Betroffenen. Ich geleitete ihn ins Arbeitszimmer. Die beiden Schreiber verließen den Raum, sodass wir zu viert waren: Crassus, Arrius und Cicero saßen, ich stand zum Mitschreiben in einer Ecke.
»Du hast ein sehr schönes Haus«, sagte Crassus freundlich wie immer. »Klein, aber reizend. Wenn du mal ans Verkaufen denken solltest, gib mir Bescheid.«
»Falls es jemals in Flammen aufgehen sollte«, erwiderte Cicero, »bist du der Erste, der es erfährt.«
»Köstlich«, sagte Crassus, klatschte in die Hände und brach in launiges Gelächter aus. »Nein, im Ernst. Ein bedeutender Mann wie du sollte sich ein größeres Haus zulegen, in einer besseren Gegend.
Auf dem Palatin. Ich könnte das arrangieren. Nein, warte«, fügte er schnell hinzu, als Cicero mit dem Kopf schüttelte. »Lehn mein Angebot nicht gleich ab. Sicher, wir hatten unsere Differenzen, gerade deshalb liegt mir ja an einer Geste der Versöhnung.«
»Das ist wirklich sehr nobel von dir«, sagte Cicero. »Aber ich fürchte, die Interessen eines gewissen Herrn stehen zwischen uns.«
»Nicht unbedingt. Ich verfolge mit Bewunderung deine Karriere, Cicero. Du verdienst den Platz, den du dir in Rom erarbeitet hast. Meines Erachtens solltest du im Sommer zum Prätor und in zwei Jahren zum Konsul gewählt werden. Tja, jetzt ist es raus. Möglicherweise könntest du auf meine Unterstützung zahlen. Nun, was sagst du dazu?«
Das war wirklich ein fantastisches Angebot, und in jenem Augenblick lernte ich eine wichtige Lektion über kluge Geschäftsleute - dass nicht konsequente Hinterhältigkeit sie so erfolgreich macht (wie viele ganz selbstverständlich annehmen), sondern eher die Fähigkeit, wenn nötig eine überraschende ja verschwenderische Großzügigkeit an den Tag zu legen. Cicero geriet völlig aus dem Gleichgewicht. Man bot ihm praktisch auf dem Silbertablett das Konsulat an, seinen Lebenstraum, den offen auszusprechen er nicht mal Pompeius gegenüber gewagt hatte aus Angst, er könnte das Misstrauen des großen Mannes erregen.
»Du überwältigst mich, Crassus«, sagte er. Seine Gefühle hatten ihn so übermannt, dass er sich erst mal räuspern musste, bevor er weitersprechen konnte. »Aber das Schicksal hat uns einmal mehr Plätze in verschiedenen Lagern zugewiesen.«
»Nicht unbedingt«, wiederholte Crassus. »Der Tag vor der Abstimmung ist doch sicher der geeignete Zeitpunkt für einen Kompromiss, meinst du nicht auch? Ich erkenne an, dass das Oberkommando Pompeius' Idee ist. Aber warum sollten wir das Amt nicht aufteilen?«
»Ein aufgeteiltes Oberkommando ist ein Widerspruch in sich.«
»Pompeius und ich haben uns auch schon das Konsulat geteilt.«
»Sicher, aber das Konsulat ist ein gemeinsames Amt, das auf dem Prinzip der Teilung der Macht basiert. Einen Krieg zu führen, wie du selbst viel besser weißt als ich, ist etwas vollkommen anderes. Im Krieg ist schon die kleinste Uneinigkeit an der Spitze tödlich.«
»Das Kommando ist so riesig, da ist doch leicht Platz für zwei«, sagte Crassus aufgeräumt. »Pompeius bekommt den Osten, ich den Westen. Oder Pompeius das Meer und ich das Land. Oder umgekehrt, mir völlig egal. Der Punkt ist, dass wir zusammen die Welt beherrschen können, wenn wir dich, Cicero, als Verbindungsglied haben.«
Ich bin mir sicher, dass Cicero mit einem drohenden, aggressiven Crassus gerechnet hatte, also einer Taktik, mit der umzugehen er in seiner langen Tätigkeit in den Gerichtshöfen gelernt hatte. Die unerwartete Großzügigkeit dagegen brachte ihn völlig durcheinander, nicht zuletzt deshalb, weil Crassus' Vorschlag sowohl vernünftig wie auch patriotisch war. Zudem wäre er auch für Cicero die ideale Lösung, weil er sich so die Freundschaft aller Lager sichern könnte. »Ich werde ihm dein Angebot auf jeden Fall unterbreiten«, versprach Cicero. »Noch vor Einbruch der Dunkelheit wird er es in Händen halten.«
»Das bringt mir überhaupt nichts«, sagte Crassus gereizt. »Wenn ich nur einen Boten bräuchte, dann hätte ich auch Arrius in die Albaner Berge schicken können. Hab ich recht, Arrius?«
»Habsolut.«
»Nein, Cicero, du musst es ihm persönlich beibringen.« Er beugte sich vor und leckte sich mit der Zunge über die Lippen; wenn Crassus über Macht sprach, klang er immer irgendwie lüstern. »Ich bin ganz offen zu dir. Mein ganzes Herz hängt an einer militärischen Karriere. Ich habe alles Geld, das ein Mann sich nur wünschen kann, aber das kann immer nur Mittel sein, nie Zweck. Welche Nation hat einem Mann eine Statue errichtet, nur weil er reich war? Welches der zahllosen Völker auf dieser Erde hat jemals in seine Gebete den Namen eines schon lange toten Millionärs mit eingeschlossen, nur weil er irgendwann mal viele Häuser besessen hat? Den einzig dauerhaften Ruhm gibt es nur auf Papyrus oder auf dem Schlachtfeld - und ein Dichter bin ich ganz sicher nicht. Du siehst also, wenn aus unserem Geschäft etwas werden soll, dann musst du persönlich Pompeius' Einverständnis einholen.«
»Pompeius ist kein Maultier, das man so einfach zum Markt treibt«, wandte Cicero ein, dem ich ansah, dass ihn die grobe Plumpheit seines alten Feindes schon wieder abstieß. »Du kennst ihn doch.«
»Allerdings, nur zu gut. Aber du bist ein Überredungskünstler wie kein Zweiter. Du hast ihn dazu gebracht, Rom zu verlassen - versuch erst gar nicht, es abzustreiten. Und du kannst ihn auch dazu überreden, wieder zurückzukommen.«
»Er kommt als alleiniger Oberbefehlshaber zurück, oder er kommt gar nicht zurück. Das ist sein Standpunkt.«
»Dann wird Rom ihn nie wiedersehen«, blaffte Crassus, von dem die freundliche Schale abblätterte wie die billige Farbe von einem seiner feuchten Mietshäuser. »Du weißt ganz genau, was morgen passieren wird. Das ist so vorhersehbar wie ein Possenspiel im Theater. Gabinius wird euer Gesetz einbringen, und Trebellius wird in meinem Auftrag sein Veto einlegen. Dann wird Roscius, ebenfalls auf meine Anweisung, eine Ergänzung zu der Vorlage einbringen, die ein gemeinsames Kommando fordert, und nicht ein Volkstribun wird es wagen, dagegen sein Veto einzulegen. Sollte Pompeius sich dagegen sperren, dann wird er dastehen wie ein trotziges, gefräßiges Kind, das lieber den ganzen Kuchen zermatscht, als auch nur ein Stück abzugeben.«
»Da bin ich anderer Meinung. Das Volk liebt ihn.«
»Das Volk hat auch Tiberius Gracchus geliebt, und genutzt hat es ihm am Ende gar nichts. Das war ein schreckliches Schicksal für einen patriotischen Römer, du tätest gut daran, dies nicht zu vergessen.« Crassus stand auf. »Behalte deine eigenen Interessen im Auge, Cicero. Begreifst du denn nicht, dass du mit Pompeius im politischen Abseits landest? Noch nie hat es ein Mann gegen den geballten Widerstand der Aristokraten zum Konsul gebracht.« Cicero stand ebenfalls auf und nahm vorsichtig die Hand, die Crassus ihm hinhielt. Der Altere packte kräftig zu und zog Cicero nah zu sich heran. »Zwei Mal, Marcus Tullius Cicero, habe ich dir in Freundschaft die Hand gereicht«, sagte er sehr leise. »Ein drittes Mal wird es nicht geben.«
Und damit marschierte er aus dem Haus - und zwar in einem Tempo, dass ich es nicht mehr schaffte, ihn zur Haustür zu geleiten, geschweige sie ihm zu öffnen. Ich ging wieder ins Arbeitszimmer, wo Cicero genau an der Stelle stand, an der ich ihn zurückgelassen hatte. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er seine Hand. »Fühlt sich an, als ob man Schlangenhaut anfasst«, sagte er. »Noch mal, Tiro, hab ich ihn richtig verstanden, hat er wirklich angedeutet, dass Pompeius und ich das gleiche Schicksal wie Tiberius Gracchus erleiden könnten?«
»Ja: >ein schreckliches Schicksal für einen patriotischen Römer<«, las ich ihm aus meinen Notizen vor. »Was war das Schicksal von Tiberius Gracchus?«
»Die Aristokraten haben ihn in die Enge getrieben wie eine Tempelratte und dann ermordet - und das, während er ein vermeintlich unantastbarer Volkstribun war. Das ist mindestens sechzig Jahre her. Tiberius Gracchus!« Er ballte eine Hand zur Faust. »Einen Augenblick lang, Tiro, hatte er mich fast so weit, dass ich ihm geglaubt hätte. Aber ich schwöre dir, eher werde ich niemals Konsul, als dass ich es mit Crassus' Hilfe werde.«
»Ich glaube dir, Senator, Pompeius ist zehnmal so viel wert wie er.«
»Eher hundertmal - egal, wie viel Unsinn er redet.«
Ich räumte das Schreibpult auf und ging dann ins Tablinum, um die Besucherliste für heute Morgen zu holen. Als ich zurückkam, stand Cicero immer noch am selben Fleck, allerdings lag jetzt ein merkwürdiger Ausdruck auf seinem Gesicht. Ich gab ihm die Liste und erinnerte ihn daran, dass das ganze Haus voller Klienten sei, die er empfangen müsse, darunter auch ein Senator. Geistesabwesend suchte er ein paar Namen aus, zu denen auch Hybrida gehörte, aber dann sagte er plötzlich: »Hol Sositheus, er soll hier weitermachen. Für dich habe ich eine andere Aufgabe. Geh ins Staatsarchiv, und schau dir die Annalen für das Konsulatsjahr von Mucius Scaevola und Calpurnius Piso Frugi an. Schreib alles auf, was mit Tiberius Gracchus' Volkstribunat und seinem Ackergesetz in Zusammenhang steht. Sag keinem ein Wort. Wenn dich jemand fragt, erzähl ihm irgendwas. Alles klar?« Zum ersten Mal seit einer Woche lächelte er, dann fuchtelte er mit den Händen herum, dass ich endlich verschwinden solle. »Komm schon, setz dich in Bewegung!«
Nach so vielen Jahren in seinen Diensten hatte ich mich an diese Art verwirrender und herrischer Befehle gewöhnt. Ich vermummte mich gegen die Kälte und Nässe und lief den Hügel hinunter. Noch nie hatte ich die Stadt in einer derart schweren Krise erlebt - unter dunklen Wolken herrschte ein eiskalter Winter, Lebensmittel waren knapp, an jeder Ecke lief man Bettlern über den Weg, manchmal stolperte man sogar über die Leiche eines armes Teufels, der in der Nacht zuvor gestorben war. Ich hastete durch die trübseligen Straßen, dann über das Forum und schließlich die Stufen zum Staatsarchiv hinauf, in dem ich schon die spärlichen offiziellen Unterlagen über Gaius Verres aufgestöbert hatte. Seitdem hatten mich -vor allem während Ciceros Amtszeit als Ädil - viele Botengänge hierher geführt, sodass mein Gesicht den Angestellten dort vertraut war. Anstandslos brachten sie mir die Papyrusrolle, die ich haben wollte. Ich trug sie zu einem Lesetisch am Fenster und entrollte sie. Das Morgenlicht war trübe, und es zog so stark, dass ich meine Handschuhe anbehielt. Ich hatte keine Ahnung, wonach ich überhaupt suchte. Die Annalen lieferten - zumindest in den Zeiten, bevor Caesar sie in die Finger bekam -einen zuverlässigen und vollständigen Bericht über jedes Jahr. Sie verzeichneten die Namen der Magistrate, die neuen Gesetze, die Kriege und Hungersnöte, die Sonnen- und Mondfinsternisse sowie alle anderen Naturereignisse. Die Angaben folgten dem offiziellen Register, das der Pontifex maximus jedes Jahr erstellte und an eine weiße Tafel am Amtssitz des Priesterkollegiums anschlagen ließ.
Geschichte hat mich schon immer fasziniert. Cicero schrieb einmal: »Wer nicht weiß, was vor seiner Geburt geschehen ist, wird auf immer ein Kind bleiben. Was ist das menschliche Leben wert, wenn es nicht durch die Zeugnisse der Geschichte mit dem unserer Ahnen verwoben wird?« Ich spürte plötzlich die Kälte nicht mehr und hätte mich glücklich den ganzen Tag in die Ereignisse vertiefen können, die sich vor mehr als sechzig Jahren zugetragen hatten. Ich fand heraus, dass in jenem Jahr, dem sechshunderteinundzwanzigsten seit der Gründung Roms, König Attalos III. von Pergamon gestorben war und sein Reich den Römern vermacht hatte, dass Scipio Africanus der Jüngere die spanische Stadt Numantia zerstört und bis auf fünfzig, die in Ketten gelegt an seinem Triumph in Rom teilnehmen mussten, alle fünftausend Einwohner getötet hatte und dass Tiberius Gracchus, der berühmte reformerische Volkstribun, ein Gesetz eingebracht hatte, das die Verteilung von öffentlichem Land an gewöhnliche Bürger vorsah, die damals - wie immer - große Not gelitten hatten. Es ändert sich nie etwas, dachte ich. Gracchus' Gesetz versetzte die um ihre Besitzungen fürchtenden Aristokraten im Senat so in Wut, dass diese einen Volkstribun namens Marcus Octavius dazu überredeten oder mittels Bestechung dazu brachten, sein Veto gegen das Gesetz einzulegen. Da das Volk das Gesetz jedoch einmütig befürwortete, argumentierte Gracchus auf der Rostra, verletze Octavius seine heilige Pflicht, die Interessen des Volkes zu vertreten. Er forderte das Volk auf, Octavius abzuwählen - was das Volk sofort in die Tat umsetzte, Wahlbezirk für Wahlbezirk. Nachdem sich die ersten siebzehn der fünfunddreißig Bezirke mit überwältigender Mehrheit für Octavius' Amtsenthebung ausgesprochen hatten, unterbrach Gracchus die Abstimmung und forderte Octavius auf, sein Veto zurückzuziehen. Dieser lehnte ab, worauf Gracchus »die Götter als Zeugen anrief, dass es nicht seine Absicht gewesen sei, seinen Kollegen aus dem Amt zu entfernen«, dann den achtzehnten Bezirk abstimmen ließ und wieder die Mehrheit erzielte. Daraufhin wurde Octavius als Volkstribun abgesetzt (»... zurückgestuft auf den Status des Privatmannes, verschwand Octavius unbemerkt aus der Stadt ...«) und das Ackergesetz verabschiedet. Aber die Aristokraten nahmen wenige Monate später Rache - woran Crassus Cicero erinnert hatte. Gracchus wurde im Tempel der Fides umzingelt, mit Stöcken und Knüppeln zu Tode geprügelt und seine Leiche in den Tiber geworfen.
Ich löste die kleine, mit einer Kordel befestigte Wachstafel von meinem Handgelenk und zückte den Griffel. Ich weiß noch, dass ich mich umschaute, bevor ich anfing, die relevanten Stellen aus den Annalen abzuschreiben. Ich verstand jetzt, warum Cicero so viel Wert auf Geheimhaltung gelegt hatte, und wollte sichergehen, dass ich auch wirklich allein war. Meine Finger waren eiskalt, und das Wachs war hart; ich produzierte eine grässliche Kritzelei. Einmal stand plötzlich der Patron des Archivs, Catulus höchstpersönlich, in der Tür und schaute in meine Richtung. Im ersten Augenblick glaubte ich, mein rasendes Herz würde mir die Rippen zerbrechen. Aber dann fiel mir ein, dass der alte Mann kurzsichtig war und dass er ohnehin zu der Sorte Politiker gehörte, die jemanden wie mich nie wiedererkennen würde. Er sprach ein paar Minuten mit einem seiner Freigelassenen und ging dann wieder. Ich beendete meine Abschrift und musste mich zusammenreißen, das Gebäude normalen Schrittes zu verlassen. Ich stieg die vereisten Treppenstufen hinunter, überquerte das Forum und ging weiter in Richtung Ciceros Haus, wobei ich die ganze Zeit die Wachstafel fest an meine Brust drückte. Ich hatte das Gefühl, in meinem ganzen Leben noch keine wichtigere Arbeit erledigt zu haben.
Als ich wieder nach Hause kam, saß Cicero in seinem Arbeitszimmer noch gemütlich mit Antonius Hybrida zusammen, beendete allerdings das Gespräch, als er mich neben der Tür stehen sah.
Hybrida war einer jener gebildeten, feingliedrigen Burschen, die sich und ihr Aussehen mit Wein ruiniert hatten. Obwohl ich an der Tür stand, stieg mir sein Atem in die Nase: Er roch wie verfaultes Obst im Rinnstein. Man hatte ihn vor einigen Jahren aus dem Senat geworfen: weil er pleite gewesen war und wegen seiner lockeren Sitten, die sich im Wesentlichen in Korruption, Trunkenheit und dem Umstand niederschlugen, dass er eine wunderschöne junge Sklavin ersteigert hatte, die als seine Mätresse offen mit ihm zusammenlebte. Aber das Volk auf seine eigentümliche Art hatte einen Narren an seiner Liederlichkeit gefressen, und nachdem er ihm ein Jahr lang als Tribun gedient hatte, hatte er es wieder geschafft, in den Senat einzuziehen. Ich wartete, bis er gegangen war, bevor ich Cicero meine Aufzeichnungen gab. »Was hat er gewollt?«, fragte ich.
»Meine Unterstützung für seine Kandidatur zum Prätor.«
»Der hat vielleicht Nerven.«
»Kann man wohl sagen. Trotzdem habe ich ihm meine Hilfe zugesichert«, sagte er unbekümmert. Als er mein erstauntes Gesicht sah, fügte er hinzu: »Wenn er Prätor wird, habe ich jedenfalls einen Rivalen weniger fürs Konsulat.«
Er legte meine Notizen auf sein Schreibpult und las sie aufmerksam durch. Dann stützte er die Ellbogen auf, legte das Kinn auf die Hände, beugte sich vor und las sie ein zweites Mal. Ich stellte mir seine Gedanken als einen schnellen, schmalen Wasserstrom vor, der sich durch die Fugen eines gefliesten Bodens bewegte - erst vorwärts, dann nach links und rechts ausgreifend, an einem Punkt kurz innehaltend, in eine andere Richtung weiter vorstoßend, sich immer weiter ausbreitend und verzweigend und dabei in seiner schimmernden, flüssigen Bewegung all die kleinen Möglichkeiten, Konsequenzen und Wahrscheinlichkeiten bedenkend. Schließlich sagte er, halb zu sich selbst, halb zu mir: »Gracchus war der Erste, der es mit dieser Taktik versucht hat - und der Letzte. Kein Wunder. Was für eine Waffe in der Hand eines einzelnen Mannes! Egal, ob man damit durchkommt oder nicht, mit den Konsequenzen müsste man noch Jahre leben.« Er hob den Kopf und schaute mich an. »Ich weiß nicht, Tiro. Vielleicht wäre es besser, wenn du das gleich wieder vernichtest.« Aber als ich die Hand nach meinen Aufzeichnungen ausstreckte, sagte er schnell: »Vielleicht auch nicht.« Stattdessen trug er mir auf, Laurea und ein paar andere Sklaven zusammenzutrommeln, sie zu allen Senatoren aus Pompeius' innerem Kreis zu schicken und anfragen zu lassen, ob sie heute Nachmittag nach ihren Amtsgeschäften Zeit für ein Treffen hätten. »Aber nicht hier«, fugte er noch schnell hinzu. »In Pompeius' Stadthaus.« Dann schrieb er eigenhändig eine Botschaft und schickte einen Reiter mit der Anweisung, auf Antwort zu warten, zu Pompeius' Landsitz in die Albaner Berge. »Wenn Crassus den Geist von Gracchus heraufbeschwören will ...«, sagte er grimmig, »das kann er haben!«
Selbstredend waren die anderen ganz begierig darauf zu erfahren, warum Cicero sie zusammenrief. Kurz nachdem die Gerichte und Ämter ihre Pforten geschlossen hatten, tauchten sie nacheinander in Pompeius' Haus auf. Alle Plätze rund um den großen Tisch waren besetzt bis auf den thronartigen Stuhl des abwesenden Hausbesitzers, der aus Gründen der Ehrerbietung frei blieb. Es mag seltsam erscheinen, dass so intelligente und erfahrene Männer wie Caesar und Varro über die Taktik, die Gracchus als Volkstribun angewandt hatte, nicht genau Bescheid wussten. Aber man darf nicht vergessen, dass Gracchus damals schon seit dreiundsechzig Jahren tot war, dass es seitdem andere große geschichtliche Ereignisse gegeben hatte und dass man sich damals noch nicht so besessen mit der jüngeren Geschichte beschäftigte wie in den folgenden Jahrzehnten. Selbst Cicero hatte die Turbulenzen um Gracchus vergessen, bis er sich durch Crassus' Drohung wieder verschwommen daran erinnerte, dass er sich während seines Advokatenstudiums mal damit beschäftigt hatte. Solange er meine Auszüge aus den Annalen vortrug, war es still im Raum, aber sobald er seine Ausführungen beendet hatte, setzten sofort aufgeregte Diskussionen ein. Nur der weißhaarige Varro, der Alteste in der Runde, erinnerte sich aus Erzählungen seines Vaters an das Chaos von Gracchus' Volkstribunat und meldete Vorbehalte an. »Du würdest einen Präzedenzfall schaffen«, sagte er. »Jeder Demagoge, der glaubt, eine Mehrheit der Wahlbezirke hinter sich zu haben, könnte dann das Volk anrufen und damit drohen, einen seiner Kollegen absetzen zu lassen. Und warum eigentlich beim Volkstribun aufhören? Warum nicht auch einen Prätor, einen Konsul absetzen?«
»Das wäre kein Präzedenzfall«, widersprach Caesar ungehalten. »Das hat schon Gracchus für uns erledigt.«
»Genau«, sagte Cicero. »Auch wenn die Aristokraten ihn ermordet haben sollten, seine Gesetzgebung haben sie nicht für illegal erklärt. Ich weiß, was Varro meint, und bis zu einem gewissen Grad teile ich sein Unbehagen. Aber wir befinden uns in einem äußerst harten Kampf, wir müssen ein paar Risiken eingehen.«
Zustimmendes Gemurmel wurde laut, die entscheidenden Prostimmen waren aber die von Gabinius und Cornelius. Schließlich mussten sie sich vor das Volk stellen und die Gesetzgebung durchfechten, und folglich würden vor allem sie, sowohl physisch wie juristisch, die Vergeltung der Aristokraten zu spüren bekommen.
»Das Volk in seiner überwältigenden Mehrheit will dieses Oberkommando, und es will, dass Pompeius es bekommt«, erklärte Gabinius. »Die Tatsache, dass Crassus sich mit seinen tiefen Taschen zwei Volkstribune kaufen kann, darf nicht dazu führen, dass der Wille des Volkes blockiert wird.«
Afranius wollte wissen, ob Pompeius sich schon dazu geäußert habe.
»Hier ist die Botschaft, die ich ihm heute Morgen habe überbringen lassen«, sagte Cicero und hielt sie hoch. »Auf der Rückseite steht seine Antwort, die er mir sofort zurückgeschickt hat. Sie ist zur gleichen Zeit hier eingetroffen wie ihr alle.« Jeder konnte sehen, was Pompeius in seiner großen deutlichen Schrift auf die Rückseite gekritzelt hatte. Es war nur ein einziges Wort: Einverstanden. Damit war das Thema erledigt. Hinterher wies Cicero mich an, den Brief zu verbrennen.
*
Am Morgen der Volksversammlung war es bitterkalt. Der eisige Wind, der durch die Kolonnaden und zwischen den Tempeln hindurchpfiff, konnte die Menschen jedoch nicht davon abhalten, in Massen aufs Forum zu strömen. An größeren Abstimmungstagen wechselten die Volkstribunen von der Rostra zum Tempel des Castor, wo man mehr Platz für den Wahlvorgang hatte. Arbeiter hatten während der Nacht an den hölzernen Stegen gezimmert, über die die Bürger im Gänsemarsch zur Stimmabgabe gehen würden. Cicero verließ das Haus früh und ohne großes Gefolge - nur Quintus und ich begleiteten ihn. Er sei -so sagte er uns, als wir den Hügel hinuntergingen -nur der Inspizient der Aufführung, nicht einer der Hauptdarsteller. Er unterhielt sich kurz mit ein paar Funktionären aus verschiedenen Wahlbezirken, dann zog er sich mit mir in den Säulengang der Basilica Aemilia zurück, von wo er einen guten Überblick über das Geschehen hatte und wenn nötig Anweisungen geben konnte.
Vermutlich bin ich einer der wenigen noch Lebenden, die Zeuge dieses dramatischen Anblicks waren: Die zehn Volkstribunen saßen nebeneinander auf ihren Plätzen, darunter wie angeheuerte Gladiatoren die beiden gegnerischen Pärchen Gabinius und Cornelius (pro Pompeius) sowie Trebellius und Roscius (pro Crassus); auf den obersten Tempelstufen standen die Priester und Auguren; das orangefarbene Altarfeuer bildete einen flackernden Farbklecks auf diesem ansonsten grauen Bild; auf dem Forum verteilte sich die Masse der vor Kälte rotgesichtigen Wähler, die sich um die zehn Fuß hohen Fahnen ihres jeweiligen Bezirks scharten. Auf jeder Fahne prangte in großen Buchstaben ein Name, AEMILIA, CAMILIA, FABIA etc., sodass umherstreunende Männer immer wussten, wo ihr Platz war. Zwischen den Gruppen wurde gewitzelt und um Stimmen gefeilscht, bis die Trompete des Herolds sie zur Ordnung rief. Der amtliche Ausrufer absolvierte mit scharfer Stimme die zweite Lesung des Gesetzes, danach trat Gabinius vor und hielt eine kurze Rede. Er habe eine erfreuliche Nachricht, sagte er, eine Nachricht, für die das Volk Roms gebetet habe. Pompeius Magnus, tief berührt vom Leid der Nation, habe seine Position nochmals überdacht und sei gewillt, seinem Volk als Oberbefehlshaber zu dienen - aber nur, wenn es der einstimmige Wille von ihnen allen sei. »Ist das euer Wille?«, rief er laut, worauf ihm begeisterter Jubel entgegenschlug. Dank der Arbeit der Funktionäre aus den Wahlbezirken ging das noch eine Zeit lang so weiter. Wann immer Cicero den Eindruck hatte, dass die Lautstärke etwas abflaute, gab er einigen dieser Funktionäre ein diskretes Zeichen, das diese augenblicklich weiterleiteten, und sofort wurden wieder eifrig Fahnen geschwenkt, um den Applaus von Neuem anzufachen. Schließlich rief Gabinius sie mit einer Handbewegung zur Ruhe. »Dann lasst uns zur Wahl schreiten!«
Langsam - und man musste seinen Mut bewundern, dass er überhaupt aufstand angesichts so vieler tausend Menschen - erhob sich Trebellius von seinem Platz auf der Bank der Volkstribunen und trat vor - mit erhobener Hand, zum Zeichen seines Einspruchs. Gabinius betrachtete ihn voller Verachtung und brüllte dann in die Menge: »Bürger Roms, wollt ihr ihn sprechen lassen?«
»Nein!«, kreischte die Menge.
Worauf Trebellius mit vor Anspannung schriller Stimme rief: »Dann lege ich hiermit mein Veto ein!«
An jedem anderen Tag in den vergangenen vierhundert Jahren, außer im Jahr von Tiberius Gracchus' Volkstribunat, wäre mit diesem Satz das Gesetzgebungsverfahren beendet gewesen. An diesem schicksalhaften Morgen jedoch brachte Gabinius die höhnisch johlende Menge mit einer Handbewegung zum Schweigen und sagte: »Stimmt ihr Trebellius zu?«
»Nein!«, brüllten die Menschen. »Nein! Nein!«
»Gibt es irgendeinen unter euch, der ihm zustimmt?« Nur der Wind war zu hören. Selbst die Senatoren, die Trebellius unterstützten, wagten es nicht, ihre Stimme zu erheben; sie standen schutzlos inmitten der anderen Mitglieder ihres Wahlbezirks und fürchteten, dass der Mob über sie herfallen würde. »Dann beantrage ich gemäß dem von Tiberius Gracchus geschaffenen Präzedenzfall, dass Trebellius wegen Missachtung seines Amtseides, der ihn zur Vertretung der Interessen des Volkes verpflichtet, als Tribun abgesetzt wird, und beantrage weiter, dass sofort darüber abgestimmt wird.«
Cicero sah mich an. »Jetzt fängt das Schauspiel an«, sagte er.
Sekundenlang schauten sich die versammelten Bürger nur stumm an. Dann begannen sie zu nicken, begriffen allmählich, und die Erkenntnis äußerte sich in einem langsam ansteigenden Geräuschpegel. Es war die Erkenntnis - zumindest bin ich heute dieser Ansicht, da ich mit geschlossenen Augen in meinem kleinen Arbeitszimmer sitze und mich erinnere -, dass sie jetzt abstimmen konnten und die hohen Herren im Senat nicht die Macht hatten, sie daran zu hindern. Catulus, Hortensius und Crassus bahnten sich aufgeschreckt einen Weg nach vorn und forderten eine Anhörung, doch Gabinius hatte einige von Pompeius' Veteranen vor den untersten Tempelstufen postiert, die die protestierenden Senatoren aufhielten. Vor allem der sonst so beherrscht wirkende Crassus war außer sich. Mit vor Zorn rot angelaufenem und verzerrtem Gesicht versuchte er vergeblich, das Podium zu stürmen. Er entdeckte Cicero, zeigte auf ihn und brüllte etwas, doch er war zu weit weg und es war zu viel Lärm, als dass wir ihn hätten verstehen können. Cicero bedachte ihn mit einem freundlichen Lächeln. Der Ausrufer verlas Gabinius' Antrag - »... dass Trebellius nach dem Willen des Volkes als dessen Tribun abgesetzt werden soll ...« -, und die Wahlhelfer begaben sich zu ihren Arbeitsplätzen. Wie üblich stimmten die Bürger des Wahlbezirks Subura als Erste ab: In Zweierreihen bewegten sie sich den Holzsteg hinauf, gaben ihre Stimme ab und gingen die Steinstufen an der Seite des Tempels wieder hinunter aufs Forum. Ein Bezirk nach dem anderen schritt zur Wahl, und jeder stimmte dafür, Trebellius seines Amtes zu entheben. Dann kamen die ländlichen Bezirke an die Reihe. Das Prozedere beanspruchte mehrere Stunden, währenddessen sich Trebellius, dem die Angst ins graue Gesicht geschrieben stand, immer wieder mit seinem Leidensgenossen Roscius besprach. Einmal verschwand er vom Podium. Wohin, habe ich nicht gesehen, aber ich nehme an, dass Trebellius Crassus gebeten hat, ihn von seiner Verpflichtung zu entbinden. Überall auf dem Forum standen Senatoren nach der Stimmabgabe ihrer Bezirke in kleinen Gruppen zusammen. Ich sah, wie Catulus und Hortensius mit verbissenen Gesichtern von Gruppe zu Gruppe gingen. Während ich an meinem Platz blieb, tauchte auch Cicero in die Menge ein und drehte seine Runden. Er sprach mit den Senatoren, darunter Torquatus und sein alter Verbündeter Marcellinus, die er heimlich dazu überredet hatte, in Pompeius' Lager zu wechseln.
Als siebzehn Bezirke für Tribellius' Absetzung votiert hatten, ordnete Gabinius eine Unterbrechung der Abstimmung an. Er zitierte Trebellius an den vorderen Rand des Podiums und fragte ihn, ob er sich nun dem Willen des Volkes beugen und so sein Amt als Tribun retten wolle oder ob er den achtzehnten Wahlgang für nötig halte, der ihn mit Sicherheit das Amt kosten werde. Das war Trebellius' Gelegenheit, als heldenhafter Kämpfer für seine Sache in die Geschichte einzugehen, und ich habe mich oft gefragt, ob er später, als alter Mann, seine Entscheidung jemals bereut hat. Wahrscheinlich hat er sich noch Hoffnungen auf eine politische Karriere gemacht. Jedenfalls gab er nach kurzem Zögern seine Zustimmung und zog das Veto zurück. Ich brauche wohl kaum hinzufügen, dass er fortan von beiden Lagern mit Verachtung gestraft wurde und nie mehr in Erscheinung trat.
Alle Augen richteten sich nun auf Roscius, Crassus' zweiten Tribun. In diesem Augenblick, es war wohl am frühen Nachmittag, erschien Catulus ein zweites Mal an den Tempelstufen, wölbte die Hände vor dem Mund und rief laut zu Gabinius hinauf, dass er eine Anhörung verlange. Wie ich schon erwähnte, genoss Catulus wegen seines Patriotismus großen Respekt in der Bevölkerung. Gabinius konnte ihn nur schwerlich abweisen, nicht zuletzt deshalb, weil er der Ranghöchste der Exkonsuln im Senat war. Er machte den Veteranen ein Zeichen, Catulus durchzulassen, worauf dieser trotz seines hohen Alters wie eine Eidechse die Stufen hinaufschoss. »Das ist ein Fehler«, flüsterte mir Cicero zu.
Hinterher sagte Gabinius zu Cicero, dass er geglaubt habe, angesichts ihrer Niederlage seien die Aristokraten zum Wohle der nationalen Einheit zu Zugeständnissen bereit. Dem war aber ganz und gar nicht so. Catulus wetterte gegen die lex Gabinia und die illegalen Methoden, derer man sich bedient habe, um das Gesetz durchzupeitschen. Es sei Wahnsinn, erklärte er, die Sicherheit der Republik in die Hände eines einzigen Mannes zu legen. Krieg sei ein riskantes Geschäft, vor allem der zur See: Was geschähe mit dem Oberbefehl, wenn Pompeius getötet würde? Wer würde an seine Stelle treten? Ein Mann schrie »du!«, eine Reaktion, so schmeichelhaft sie auch gewesen sein mochte, die überhaupt nicht im Sinn von Catulus war. Er wusste sehr gut, dass er für den Krieg viel zu alt war. Was er eigentlich im Sinn hatte, war ein gemeinsames Kommando von Crassus und Pompeius. Obwohl er den Menschen Crassus verachtete, ging er doch davon aus, dass der reichste Mann Roms zumindest ein Gegengewicht zu Pompeius' Macht bilden würde. Inzwischen hatte Gabinius erkannt, dass es ein Fehler gewesen war, Catulus das Wort zu erteilen. Die Wintertage waren kurz, und der Wahlgang musste bis Sonnenuntergang abgeschlossen sein. Er schnitt dem ehemaligen Konsul rüde das Wort ab und sagte, er habe seinen Standpunkt klargemacht, und es sei nun an der Zeit, die Angelegenheit an der Wahlurne zu einem Ende zu bringen. Daraufhin sprang Roscius auf und versuchte den formalen Antrag zu stellen, das Oberkommando zu teilen. Das Volk war jedoch inzwischen so aufgebracht, dass es ihm die Anhörung verweigerte. Es entstand ein derart ohrenbetäubendes Geschrei, dass - so erzählte man sich später - ein gerade über das Forum fliegender Rabe tot vom Himmel fiel. Angesichts des Aufruhrs konnte Roscius nichts weiter tun, als mit zwei erhobenen Fingern sein Veto gegen das Gesetz einzulegen und gleichzeitig zum Ausdruck zu bringen, dass er zwei Oberbefehlshaber bevorzuge. Beim Versuch, per Abstimmung einen zweiten Volkstribun aus dem Amt jagen zu wollen, darüber war sich Gabinius im Klaren, würde ihm nicht nur das Sonnenlicht abhanden kommen, sondern auch die Möglichkeit, das Oberkommando noch heute beschließen zu lassen. Und wer konnte wissen, was die Aristokraten aus dem Hut zauberten, wenn man ihnen die Gelegenheit gab, ihre Kräfte über Nacht neu zu formieren? Also wandte er Roscius einfach den Rücken zu und gab die Gesetzesvorlage ungeachtet des Einspruchs zur Abstimmung frei.
»Das war's«, sagte Cicero zu mir, während die Wahlhelfer wieder zu ihren Plätzen zurückliefen. »Die Sache ist durch. Lauf zu Pompeius' Haus und sag Bescheid, dass sofort jemand zum General rausreiten soll. Und zwar mit folgender Botschaft, schreib auf: >Das Gesetz ist angenommen. Der Oberbefehl geht an dich. Sofortige Rückkehr nach Rom erforderlich, noch heute Abend. Zur Stabilisierung der Lage ist deine Anwesenheit unerlässlich. Gezeichnet, Cicero.<« Ich kontrollierte, ob ich auch alles richtig notiert hatte, und machte mich dann schleunigst auf den Weg, während Cicero sich erneut unter die Menschen mischte und ohne Zweifel wieder voll in seinem Element war. Er schmeichelte, floss über vor Liebenswürdigkeit, platzierte das eine oder andere mitfühlende Wort und gelegentlich wohl auch eine Drohung -entsprechend seiner Philosophie, dass es nichts gab, was man mit Worten nicht aus der Welt schaffen oder wieder ins Lot bringen konnte.
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Und so wurde mit der von allen Wahlbezirken einstimmig beschlossenen lex Gabinia ein Gesetz verabschiedet, das gewaltige Auswirkungen haben sollte - für alle persönlich Betroffenen, für Rom, für die Welt.
Mit Einbruch der Dunkelheit leerte sich das Forum, und die Kämpfer zogen sich in ihre jeweiligen Hauptquartiere zurück - der harte Kern der Aristokraten in Catulus' Haus auf der Kuppe des Palatin, die Anhänger von Crassus in dessen bescheidenere Behausung ein Stück weiter unten am selben Hügel, und die siegreichen Pompeianer in die Villa ihres Anführers auf dem Esquilin. Wie üblich hatte der Erfolg seine fruchtbare Zauberkraft entfaltet, und so drängelten sich nach meiner Schätzung mindestens zwanzig Senatoren in Pompeius' Tablinum, tranken seinen Wein und erwarteten seine siegreiche Rückkehr. Kandelaber tauchten den Raum in helles Licht. Alkohol, Schweiß, laute Männergespräche - es herrschte eine Atmosphäre wie so oft, wenn sich große Spannungen lösen. Caesar, Afranius, Palicanus, Varro, Gabinius und Cornelius hatten sich eingefunden, waren aber in der Minderzahl gegenüber den neuen Gesichtern. Ich kann mich nicht mehr an alle Namen erinnern. Lucius Torquatus und sein Vetter Aulus waren bestimmt anwesend, ebenso Metellus Nepos und Lentulus Marcellinus, zwei weitere angesehene junge Aristokraten. Cornelius Sisenna (der einer der leidenschaftlichsten Anhänger von Verres gewesen war), die Exkonsuln Lentulus Clodianus und Gellius Publicola (jener Gellius, der immer noch unter Ciceros Witz über die Athener Philosophenkonferenz litt) hatten die Füße hochgelegt und fühlten sich schon ganz wie zu Hause. Cicero selbst saß in einem angrenzenden Zimmer über der Dankesrede, die Pompeius morgen halten würde. Damals wunderte ich mich darüber, dass er so still war, aber im Nachhinein glaube ich, dass er vielleicht intuitiv spürte, dass sich ein Riss im Gefüge des Staates aufgetan hatte, den selbst er mit seinen Worten nur schwer würde kitten können. Alle paar Minuten schickte er mich in den Flur, um nachzusehen, ob Pompeius schon eingetroffen war.
Kurz vor Mitternacht erschien ein Bote mit der Nachricht, dass Pompeius auf der Via Latina Richtung Rom unterwegs sei. Für den Fall, dass seine Feinde eine letzte verzweifelte Aktion planten, standen etwa zwanzig von Pompeius' Veteranen an der Porta Capena bereit, um ihn mit Fackeln nach Hause zu geleiten. Eine überflüssige Vorsichtsmaßnahme, denn Quintus, der mit den Vorstehern der Stadtteile fast die ganze Nacht auf den Beinen gewesen war, berichtete seinem Bruder, dass es auf den Straßen ruhig sei. Schließlich kündigten Bravorufe seine Ankunft an, und im nächsten Augenblick stand Pompeius mitten unter uns - größer denn je, grinsend, Hände schüttelnd, Schultern klopfend; sogar ich bekam einen freundlichen Klaps ab. Die Senatoren forderten lautstark eine Ansprache, worauf Cicero eine Spur zu laut anmerkte: »Er kann noch nicht sprechen, ich habe die Rede noch nicht fertig.« Einen Augenblick lang verdunkelte sich Pompeius' Gesicht, aber wieder war es Caesar, der Cicero zu Hilfe eilte, indem er in brüllendes Gelächter ausbrach. Pompeius fing an zu grinsen und drohte Cicero gespielt vorwurfsvoll mit dem Finger, worauf sich die Atmosphäre augenblicklich entspannte und in die spöttelnde Stimmung einer Offiziersmesse verwandelte, wo der triumphierende Kommandeur gar nichts anderes erwartet, als auf den Arm genommen zu werden.
Bei dem Wort Imperium muss ich immer an Pompeius denken - an den Pompeius, der sich in jener Nacht über eine Karte des Mittelmeerraumes beugte und Herrschaftsbefugnisse über Land- wie Seegebiete so beiläufig verteilte, wie er seinen Wein ausschenkte (»Marcellinus, du kannst das Libysche Meer haben, und du, Torquatus, nimmst dann Ostspanien ...«); und an den Pompeius, der am nächsten Morgen zum Forum ging, um seine Beute einzufordern. Die Chronisten schätzten später, dass etwa zwanzigtausend Menschen ins Zentrum Roms geströmt waren, um seine Weihe zum Oberbefehlshaber der Welt mitzuerleben. Angesichts der riesigen Menge wagten nicht einmal Catulus und Hortensius eine letzte Aktion des Widerstands, obwohl sie, da bin ich mir sicher, gern noch einen weiteren Versuch unternommen hatten. Stattdessen waren sie und die anderen Senatoren genötigt, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Bezeichnenderweise war Crassus nicht einmal dazu in der Lage, er kam erst gar nicht. Pompeius sagte nicht viel, er begnügte sich mit einigen von Cicero formulierten Beteuerungen demütiger Dankbarkeit und einem Appell, die Einheit der Nation zu bewahren. Allerdings waren viele Worte auch nicht nötig: Allein seine Anwesenheit und das in ihn gesetzte Vertrauen hatten dafür gesorgt, dass der Getreidepreis auf den Märkten um die Hälfte gefallen war. Er beschloss seine Rede mit einigen herrlich theatralischen Sätzen, die nur Ciceros Geist entsprungen sein konnten: »Ich werde nun wieder jene Rüstung anlegen, die mir einst so teuer und vertraut gewesen ist, und den geweihten roten Umhang des römischen Befehlshabers im Felde. Und ich werde ihn erst wieder ablegen, wenn Rom siegreich aus diesem Krieg hervorgegangen ist -oder ich werde diesen Kampf nicht überleben!« Er hob seine Hand zum Gruß und verließ das Podium -wurde auf einer Woge stürmischen Beifalls vom Podium getragen, das trifft es wohl besser. Der Applaus war noch nicht verklungen, da tauchte seine Gestalt hinter der Rostra plötzlich wieder auf: Mit festen Schritten stieg er die Stufen zum Kapitol hinauf. Er trug das paludamentum, den leuchtend scharlachroten Umhang, der das Kennzeichen jedes römischen Prokonsuls im aktiven Dienst ist. Während die Menschen vor Begeisterung außer Rand und Band gerieten, schaute ich zu der Stelle, wo Cicero und Caesar standen. Cicero schien gleichzeitig belustigt wie angewidert zu sein, Caesar hingegen sah dem Treiben völlig verzückt zu, als täte er einen Blick in seine eigene Zukunft. Pompeius verschwand im Tempel der Kapitolinischen Trias, wo er Jupiter einen Bullen opferte, um danach sofort, ohne sich von Cicero oder sonst jemandem zu verabschieden, die Stadt zu verlassen. Es sollte sechs Jahre dauern, bis er nach Rom zurückkehrte.
Bei den jährlichen Wahlen für die Prätur in jenem Sommer hatte Cicero am besten abgeschnitten. Als Folge des Gezerres um die lex Gabinia war das Vertrauen der politischen Parteien untereinander völlig zerstört, sodass der Wahlkampf hässlich und rüpelhaft gewesen war. Ich habe Ciceros Brief an Atticus vor mir liegen, in dem er seinen Ekel über alle Aspekte des öffentlichen Lebens zum Ausdruck brachte: »Du würdest es nicht glauben, wie schnell und wie verwahrlost sie alle seit deiner Abreise geworden sind.« Zweimal hatten die Wahlen abgebrochen werden müssen, weil es auf dem Marsfeld zu wüsten Schlägereien gekommen war. Cicero hatte Crassus im Verdacht, Unruhestifter angeheuert zu haben, um die Wahlen zu sabotieren, konnte aber nichts beweisen. Was auch immer dahintersteckte, es dauerte jedenfalls bis September, bevor die acht gewählten Prätoren im Senat zusammenkamen, damit festgelegt werden konnte, wer im kommenden Jahr für welchen Gerichtshof den Vorsitz übernehmen würde. Die Entscheidung wurde wie üblich durch das Los getroffen.
Das begehrteste Amt war das des Stadtprätors, der in jenen Tagen die gesamte Gerichtsbarkeit unter sich hatte, hinter den beiden Konsuln der dritte Mann im Staat und außerdem für die Ausrichtung der Spiele des Apollo verantwortlich war. War das der Haupttreffer unter den zu verteilenden Posten, so war der Gerichtshof für Veruntreuungen der, den man unter allen Umständen vermeiden wollte: Er war geradezu niederschmetternd langweilig. »Natürlich wäre mir die Stadtprätur am liebsten«, vertraute mir Cicero auf dem Weg zum Senat an. »Ganz ehrlich, wenn ich bei >Veruntreuungen< ein Jahr lang Akten wälzen muss, dann hänge ich mich auf. Mit allem anderen kann ich leben.« Er war aufgeräumter Stimmung an jenem Morgen. Die Wahlen waren endlich vorbei, und er hatte die meisten Stimmen bekommen. Pompeius hatte nicht nur Rom, sondern inzwischen auch Italien verlassen, sodass Cicero von keinem mächtigen Mann mehr überragt wurde. Er war dem Konsulat jetzt sehr nah - so nah, dass er es fast berühren konnte.
Wenn Ämterverlosungen anstanden, sich also die hohe Politik mit dem Glücksspiel verband, war der Senat immer bis auf den letzten Platz besetzt. Als wir eintrafen, befand sich die Mehrheit der Senatoren schon im Saal. Cicero wurde ein lautstarker Empfang bereitet: Seine alten Anhänger unter den pedarii bejubelten ihn, die Aristokraten wurden ausfallend. Crassus, der wie üblich mit ausgestreckten Beinen auf der Konsulnbank in der ersten Reihe saß, beobachtete seinen Einzug mit halb geschlossenen Augen - wie eine große Katze, die sich schlafend stellt, während ein kleiner Vogel vorbeitrippelt. Die Wahl war im Großen und Ganzen so ausgegangen, wie Cicero erwartet hatte. Wenn ich nun die Namen der gewählten Prätoren nenne, so glaube ich, dass man dadurch einen guten Eindruck bekommt, wie es zu jener Zeit um die Politik bestellt war.
Neben Cicero gab es nur noch zwei Männer mit unbestrittenen Fähigkeiten, die gelassen daraufwarteten, ihr Los zu ziehen. Der bei weitem fähigste war Aquilius Gallus, der schon ein angesehener Richter war und den so mancher für einen noch besseren Rechtsanwalt als Cicero hielt. Tatsächlich war er eine Art Vorbild für Cicero -brillant, bescheiden, gerecht, freundlich, ein Mann von exquisitem Geschmack, der in einer prächtigen Villa auf dem Viminal lebte. Cicero spielte mit dem Gedanken, den Älteren zu fragen, ob er mit ihm zusammen für das Konsulat kandidieren wolle. Gleich nach Gallus, zumindest was Würde und Gesetztheit anging, kam Sulpicius Galba, der aus einer distinguierten Aristokratenfamilie stammte und in dessen Atrium die Masken von so vielen Konsuln hingen, dass er sicher einer von Ciceros Rivalen um das Konsulat sein würde. Aber so rechtschaffen und fähig er war, so schroff und arrogant war er auch, was sich bei einem knappen Rennen als Nachteil erweisen würde. Meiner Meinung nach der Viertbeste war Quintus Cornificius, auch wenn Cicero gelegentlich über seine Albernheiten lauthals lachte. Er war ein religiöser Fundamentalist, der sich endlos darüber auslassen konnte, dass man unbedingt etwas gegen den Sittenverfall in Rom unternehmen müsse - der »Kandidat der Götter«, wie Cicero ihn nannte. Was die Eignung der anderen betrifft, fürchte ich, ging es nun steil bergab: Bemerkenswerterweise waren die vier anderen gewählten Prätoren allesamt Männer, die man schon einmal aus dem Senat ausgeschlossen hatte, entweder wegen finanzieller oder moralischer Defizite. Der älteste war Varinius Glaber, einer jener schlauen, verbitterten Männer, die glauben, ein erfolgreiches Leben vor sich zu haben, und dann fassungslos vor dessen Trümmern stehen. Vor sieben Jahren war er schon einmal Prätor gewesen und hatte vom Senat das Kommando über eine Armee bekommen, um den Aufstand des Spartacus niederzuschlagen. Seine schwachen Legionen waren jedoch von den aufständischen Sklaven wiederholt besiegt worden, worauf er sich gedemütigt aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hatte. Dann war da der von einem großen Wählerverein unterstützte Gaius Orchivius -»jede Menge Tatendrang, null Talent«, wie Cicero ihn charakterisierte. Den siebten Platz in meiner Fähigkeitenrangliste nahm Cassius Longinus ein, »das Schmalzfass auf zwei Beinen« oder, wie manche behaupteten, der dickste Mensch Roms. Bleibt Nummer acht, der kein anderer war als Antonius Hybrida, der Säufer mit dem Sklavenmädchen, dem Cicero seine Hilfe bei den Wahlen mit dem Hintergedanken zugesagt hatte, dass er sich dann wenigstens um den Ehrgeiz dieses einen Prätors keine Sorgen mehr zu machen brauchte. »Weißt du, warum man ihn >Hybrida< nennt?«, fragte mich Cicero einmal. »Weil er halb Idiot, halb Mensch ist. Ich persönlich würde ihm nicht mal die eine Hälfte zubilligen.«
Die Götter jedoch, denen Cornificius so zugetan war, wissen solche Hybris zu strafen, und so ließen sie Cicero die ihm gebührende Strafe an jenem Tag zukommen. Die Lose lagen in einer antiken Urne, die schon seit Jahrhunderten für diesen Zweck benutzt wurde, und der präsidierende Konsul Glabrio rief die Kandidaten in alphabetischer Reihenfolge auf, was bedeutete, dass Antonius Hybrida als Erster das Los zog. Er steckte seine zitternde Hand in die Urne, nahm ein Täfelchen heraus, gab es Glabrio, der eine Augenbraue lupfte und dann sagte: »Stadtprätor.« Einen Augenblick lang herrschte Stille, doch dann brach ein derart brüllendes Gelächter los, dass die unter dem Dach hockenden Tauben in einer spritzenden Wolke aus Kot und Federn davonstoben. Hortensius und einige andere Aristokraten, die gewusst hatten, dass Cicero Hybrida unterstützt hatte, zeigten auf ihn und stießen sich gegenseitig höhnisch grinsend in die Rippen. Crassus wäre vor Wonne fast von seiner Bank gefallen, während Hybrida selbst - der nun bald der dritte Mann im Staat sein würde - in den Saal strahlte und das Hohngelächter fälschlicherweise als Freude über sein Losglück deutete.
Ich konnte Ciceros Gesicht nicht sehen, aber ich konnte mir denken, was ihm durch den Kopf ging: dass sein Pech nun sicher auch noch dadurch gekrönt würde, dass er »Veruntreuungen« erhielt. Gallus zog als Nächster und bekam das Gericht, das für das Wahlrecht zuständig war; Longinus, der Fette, zog Landesverrat, und als Götterkandidat Cornificius das Gericht für Strafsachen zufiel, sahen Ciceros Chancen allmählich ziemlich schlecht aus -und zwar dermaßen schlecht, dass ich nun mit dem Schlimmsten rechnete. Glücklicherweise erhielt der Nächste an der Urne, Orchivius, das Gericht für Veruntreuungen. Nachdem Galba mit der Prozessführung von Verbrechen gegen den Staat betraut worden war, blieben für Cicero nur noch zwei Möglichkeiten - das vertraute Terrain des Gerichtshofes für Erpressungen oder der Posten des Fremdenprätors, als der er im Grunde nichts weiter als Hybridas Stellvertreter wäre: ein bitteres Schicksal für den schlauesten Mann der Stadt. Als er auf das Podium stieg, um sein Los zu ziehen, schüttelte er kläglich den Kopf - da kannst du planen, was du willst, schien die Geste zu besagen, aber am Ende hängt in der Politik doch alles am Glück. Er griff in die Urne und zog - Erpressungen.
Es lag eine gewisse wohltuende Symmetrie darin, dass es Glabrio war, der frühere Vorsitzende ebenjenes Gerichtshofes, in dem Cicero sich seinen Namen gemacht hatte, der die Ernennung verlas. Das Amt des Fremdenprätors ging folglich an das Spartacus-Opfer Varinius. Damit war die Leitung der Gerichtshöfe für das kommende Jahr festgelegt und das vorläufige Starterfeld für das Rennen um das Konsulat abgesteckt.
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Im Trubel der politischen Ereignisse habe ich versäumt zu erwähnen, dass Pomponia im Frühjahr schwanger geworden war - ein Beweis, wie Cicero triumphierend anmerkte, als er Atticus die Neuigkeit in einem Brief mitteilte, dass die Ehe zwischen Pomponia und Quintus doch funktioniere. Kurz nach den Wahlen zur Prätur wurde das Kind geboren, ein gesunder Junge. Es erfüllte mich mit großem Stolz und war ein Zeichen für die wachsende Bedeutung meiner Stellung innerhalb der Familie, dass man mich zu den Feierlichkeiten am dies lustricus einlud, dem Tag der rituellen Waschung neun Tage nach der Geburt. Die Zeremonie fand direkt neben Ciceros Haus im Tempel der Tellus statt. Ich bezweifle, ob es jemals einen vernarrteren Onkel gegeben hat als Cicero, der als Geschenk zur Namensgebung seines Neffen einen Silberschmied mit der Anfertigung eines prächtigen Amuletts beauftragte. Erst nachdem der Priester den kleinen Quintus mit geweihtem Wasser gesegnet und Cicero den Säugling auf den Arm genommen hatte, wurde mir erst richtig bewusst, wie gern er selbst einen Sohn gehabt hätte. Ein Großteil seiner wie auch jedes anderen Mannes Motivation, das Konsulat anzustreben, hat sicher darin gelegen, dass dadurch sein Sohn, sein Enkel und alle weiteren Nachkommen bis in alle Ewigkeit das ius imaginum besaßen und nach seinem Tod sein Porträt im Atrium des Familiensitzes ausstellen konnten. Was hatte es für einen Sinn, ein ruhmreiches Geschlecht zu begründen, wenn es wieder ausstarb, bevor es sich richtig entfalten konnte? Ich warf einen kurzen Blick hinüber zu Terentia, und mir fiel auf, dass sie sehr genau beobachtete, wie Cicero mit dem Rücken seines kleinen Fingers die Wange des Säuglings streichelte. Da wusste ich, dass ihr genau die gleichen Gedanken durch den Kopf gingen.
Die Geburt eines Kindes führt oft zu einer gründlichen Neubewertung der Zukunft, und ich bin sicher, dass Cicero deshalb schon kurz nach der Geburt seines Neffen die Verlobung Tullias zu betreiben begann. Sie war jetzt zehn Jahre alt und nach wie vor sein ganzer Augenstern. Trotz aller Beanspruchung durch seine Arbeit als Anwalt und Politiker verging kaum ein Tag, an dem er sich nicht zumindest kurz freimachte, um ihr vorzulesen oder mit ihr irgendein Spiel zu spielen. Mit der für ihn typischen Mischung aus Zartgefühl und Gerissenheit besprach er seinen Plan zuerst mit ihr selbst und nicht mit Terentia. »Ich möchte dich was fragen, Tulla«, sagte er eines Morgens, als wir drei allein in seinem Arbeitszimmer waren. »Möchtest du eigentlich mal heiraten?« Als sie antwortete, dass sie sehr gern heiraten würde, fragte er, wen sie denn von allen Menschen auf der Welt am liebsten heiraten würde.
»Tiro!«, schrie sie und schlang mir die Arme um die Hüfte.
»Ich fürchte, Tiro hat gar keine Zeit für eine Frau, er muss mir doch dauernd helfen«, sagte er ernst. »Wen noch?«
Da sie nur über einen begrenzten Bekanntenkreis aus männlichen Erwachsenen verfügte, dauerte es nicht lange, und sie nannte Frugi, der seit der Verres-Geschichte so viel Zeit mit Cicero verbracht hatte, dass er fast schon zur Familie gehörte.
»Frugi!«, rief Cicero, als wäre ihm selbst der Gedanke noch nicht gekommen. »Eine wundervolle Idee! Und du bist dir ganz sicher, dass er der Richtige ist? Ehrlich? Also los, dann gehen wir gleich zur Mama und sagen es ihr.«
Und so fand sich Terentia auf ihrem ureigenen Terrain von ihrem eigenen Mann so kunstfertig ausgetrickst, als sei sie irgendein Aristokraten-Hohlkopf aus dem Senat. Nicht dass sie an Frugi etwas auszusetzen gehabt hätte, er war eine selbst nach ihren Maßstäben mehr als angemessene Partie - ein sanftmütiger und gewissenhafter junger Mann, einundzwanzig Jahre alt, aus äußerst vornehmer Familie. Aber sie war natürlich viel zu intelligent, um nicht zu erkennen, dass Cicero eben die zweitbeste Möglichkeit ergriff, wenn er schon keinen eigenen Sohn haben konnte - nämlich einen Ersatzmann auszubilden, dem er eine Karriere im öffentlichen Leben ebnen konnte. Diese Erkenntnis empfand sie zweifellos als Bedrohung, und Terentia war ein Mensch, der auf Bedrohungen immer sehr heftig reagierte. Die Verlobungszeremonie im November ging noch glatt über die Bühne: Unter den zustimmenden Blicken beider Familien und deren Haushaltsmitgliedern streifte der schüchterne Frugi seiner Verlobten, die er im Übrigen sehr mochte, den Ring über den Finger, und man legte fest, dass die Hochzeit in fünf Jahren stattfinden würde, wenn Tullia in die Pubertät käme. Aber noch am gleichen Abend lieferten sich Cicero und Terentia eines der heftigsten Wortgefechte ihrer Ehe. Es begann im Tablinum, und es fing so plötzlich an, dass ich mich nicht mehr rechtzeitig verdrücken konnte. Cicero hatte irgendeine harmlose Bemerkung darüber gemacht, wie herzlich die Frugis Tullia aufgenommen hätten, worauf die schon eine ganze Zeit lang bedrohlich schweigsame Terentia erwidert hatte, dass sie sich tatsächlich sehr gut benommen hätten - in Anbetracht der Umstände.
»In Anbetracht welcher Umstände?«, fragte Cicero verdrossen. Offensichtlich hatte er sich damit abgefunden, dass ein Streit mit Terentia so unausweichlich sei wie ein verdorbener Magen nach einer schlechten Auster und dass er die Angelegenheit am besten gleich heute Abend hinter sich brachte.
»In Anbetracht der Verbindungen, die sie hergestellt haben«, erwiderte sie und kam dann sehr schnell zu den Themen, über die sie sich am leidenschaftlichsten erregen konnte - die schändliche Art, wie sich Cicero Pompeius und seiner Provinzsippschaft an den Hals werfe, dass sich deshalb die Familie in Widerspruch zu den ehrenwertesten Familien im Staat befände, und die zunehmende Macht des Pöbels, die erst durch die gesetzwidrige Annahme der lex Gabinia möglich geworden sei. Ich kann mich zwar nicht mehr an alles erinnern, aber was spielt das schon für eine Rolle? Wie bei den meisten Ehestreitigkeiten ging es nicht um die Sache selbst, sondern um etwas völlig anderes - nämlich um ihr Versagen, keinen Sohn geboren zu haben, und die daraus resultierende, fast väterliche Zuneigung Ciceros zu Frugi. Allerdings entsinne ich mich an Ciceros schroffe Reaktion: dass Pompeius vielleicht nicht ohne Fehler, aber unbestritten ein herausragender Soldat sei und dass er, nachdem man ihm das Sonderkommando übertragen habe, eine Kriegsflotte aufgestellt und die Seeräubergefahr in nur neunundvierzig Tagen aus der Welt geschafft habe. Genauso gut erinnere ich mich aber auch an Terentias vernichtende Replik, dass, wenn man die Piraten tatsächlich in sieben Wochen völlig vernichtet habe, die Bedrohung vielleicht gar keine so große gewesen, sondern diese von Cicero und seinen Freunden nur aufgebauscht worden sei. An dieser Stelle schaffte ich es, unbemerkt aus dem Zimmer und in mein Kämmerchen zu schleichen, sodass ich über den Rest der Unterhaltung keine Auskunft geben kann. Allerdings blieb in den folgenden Tagen die Stimmung im Haus so zerbrechlich wie neapolitanisches Glas.
»Siehst du jetzt, unter was für einem Druck ich stehe?«, jammerte Cicero mir am nächsten Morgen vor und massierte sich mit den Handknöcheln die Stirn. »Nirgendwo lässt man mich in Ruhe, nicht in der Politik und in meiner Freizeit auch nicht.«
Was Terentia anging, so steigerte sie sich immer mehr in ihre vermeintliche Unfruchtbarkeit hinein. Sie ging jetzt täglich zum Beten in den Tempel der Bona Dea auf dem Aventin. Auf dem Gelände, dessen innerstes Heiligtum kein Mann betreten durfte, wimmelte es von harmlosen Schlangen, die die Fruchtbarkeit fordern sollten. Eins ihrer Mädchen erzählte mir, dass sie in ihrem Schlafzimmer einen kleinen Schrein für die Göttin Juno aufgestellt hatte.
Ich glaube, dass Cicero insgeheim Terentias Meinung über Pompeius teilte. So ruhmreich sein Sieg war, so verdächtig schnell lief die Operation ab (»am Ende des Winters organisiert«, wie Cicero formulierte, »Anfang Frühling begonnen, in der Mitte des Sommers abgeschlossen«). Man konnte sich schon fragen, ob ein auf dem üblichen Weg berufener Kriegsherr die Aufgabe nicht genauso gut erledigt hätte. Trotzdem gab es an Pompeius' Erfolg nichts zu rütteln. Die Piraten waren wie ein Teppich aufgerollt worden - aus den Gewässern zwischen Sizilien und Afrika Richtung Osten durch das Illyrische Meer bis nach Achaea. Dann wurden sie aus ganz Griechenland vertrieben und schließlich von Pompeius selbst in ihrer letzten großen Festung in Coracesium in Kilikien festgesetzt. In einer gewaltigen Schlacht zu Wasser und zu Land wurden zehntausend Piraten getötet, viertausend Schiffe zerstört und weitere zwanzigtausend Mann gefangen genommen. Allerdings ließ er diese nicht kreuzigen, wie es Crassus sicher getan hätte, sondern siedelte sie samt ihrer Frauen und Familien in den entvölkerten Städten im Landesinneren von Griechenland und Kleinasien wieder an. Mit der ihm eigenen Bescheidenheit benannte er eine der Städte in Pompeiopolis um. Nichts von all dem tat er in Absprache mit dem Senat.
Cicero verfolgte das fantastische Vorrücken seines Gönners mit gemischten Gefühlen (»Pompeiopolis! Bei allen Göttern, wie vulgär!«). Nicht zuletzt deshalb, weil er wusste, je aufgeblasener Pompeius durch seinen Erfolg wurde, desto länger wurde der Schatten, den er auf seine eigene Karriere warf. Akribische Planung und überwältigende zahlenmäßige Überlegenheit: Das waren die von Pompeius' bevorzugten Strategien auf dem Schlachtfeld wie in Rom, und sobald Phase eins seines Feldzugs - die Vernichtung der Seeräuber -abgeschlossen war, lief auf dem Forum Phase zwei an. Gabinius begann dafür zu agitieren, Lucullus das Kommando über die Legionen im Osten zu entziehen und Pompeius zu übertragen. Dabei griff er zum gleichen Trick wie schon für seine lex Gabinia. Er nutzte seine Vollmachten als Volkstribun und ließ auf der Rostra Zeugen aufmarschieren, die dem Volk ein erbärmliches Bild vom Krieg gegen Mithridates zeichneten. Einige Legionen, die schon seit Jahren nicht mehr bezahlt worden seien, hätten sich schlicht geweigert, aus ihrem Winterlager auszurücken. Der Armut der kämpfenden Truppe stellte Gabinius den gewaltigen Reichtum ihres aristokratischen Befehlshabers gegenüber, der so viel Kriegsbeute nach Rom habe schaffen lassen, dass er sich vor den Toren der Stadt einen ganzen Hügel habe kaufen können und dort jetzt einen großen Palast baue, dessen prunkvolle Gemächer nach den Göttern benannt seien. Gabinius ließ Lucullus' Architekten vorladen und zwang sie, auf der Rostra dem Volk alle Pläne und Modelle des Palastes zu zeigen. Seit jener Zeit ist Lucullus' Name ein Synonym für unverschämten Luxus. Die aufgebrachten Bürger verbrannten auf dem Forum eine Puppe von ihm.
Im Dezember schieden die Tribunen Gabinius und Cornelius aus ihren Ämtern aus, und eine neue Pompeius-Marionette, der designierte Volkstribun Gaius Manilius, wahrte von nun an dessen Interessen in den Volksversammlungen. Als Erstes brachte er ein Gesetz ein, das vorsah, Pompeius den Oberbefehl im Krieg gegen Mithridates sowie die Verwaltung der Provinzen Asia, Kilikien und Bithynien zu übertragen - die beiden letzteren wurden von Lucullus verwaltet. Sollte sich Cicero auch nur leise Hoffnungen gemacht haben, das Thema möge unbemerkt an ihm vorüberziehen, so wurden sie zerstört, als Gabinius ihn mit einer Botschaft von Pompeius aufsuchte. Darin brachte der General knapp seine besten Wünsche zum Ausdruck sowie die Hoffnung, dass er, Cicero, die lex Manilia »mit all ihren Bestimmungen« nicht nur hinter den Kulissen, sondern in aller Öffentlichkeit -auf der Rostra - unterstützen möge.
»Mit all ihren Bestimmungen«, wiederholte Gabinius und grinste hochnäsig. »Du weißt, was das bedeutet.«
»Ich nehme an, das schließt eine Verfügung ein, dir das Kommando über die Legionen am Euphrat zu übertragen, was wiederum bedeutet, dass du nach Ablauf deiner Amtszeit als Volkstribun Immunität vor jeglicher Strafverfolgung genießt.«
»In der Tat.« Gabinius streckte grinsend die Brust vor und lieferte mit schnaufender Stimme eine passable Pompeius-Imitation ab. »>Ist er nicht klug, meine Freunde? Hab ich's nicht immer gesagt?<«
»Reg dich wieder ab, Gabinius«, sagte Cicero verdrossen. »Du kannst sicher sein, dass ich mir niemanden vorstellen kann, den ich lieber am Euphrat sähe.«
Den Prügelknaben für einen großen Mann abzugeben ist in der Politik eine gefährliche Rolle. Aber genau die musste Cicero jetzt spielen.
Männer, die sich offen nie ausfällig oder kritisch gegenüber Pompeius äußern würden, konnten ungestraft auf sein Advokatensprachrohr eindreschen, und jeder würde wissen, wer gemeint war. Aber vor dem direkten Befehl eines Oberkommandierenden gab es kein Entkommen, und so erhielt Cicero zum ersten Mal Gelegenheit, auf der Rostra zu sprechen. Er gab sich enorm viel Mühe mit der Rede, diktierte sie mir schon mehrere Tage vorher und gab sie dann Quintus und Frugi zur Stellungnahme. Er war umsichtig genug, sie Terentia nicht zu zeigen, denn er wusste, dass er vorab eine Abschrift an Pompeius schicken und deshalb tief in den Honigtopf greifen musste. (Beispielsweise sehe ich anhand des vor mir liegenden Manuskripts, dass Pompeius' »überirdische Genialität als Heerführer« auf Quintus' Empfehlung hin in »überirdische und unglaubliche Genialität als Heerführer« abgeändert wurde.) Um Pompeius' Erfolgsbilanz auf den Punkt zu bringen, fiel ihm ein brillanter Slogan ein - »ein Gesetz, ein Mann, ein Jahr«. Mit dem Rest der Rede plagte er sich noch stundenlang herum. Wenn er auf der Rostra versagte, das wusste er sehr genau, bedeutete das einen Rückschlag für seine Karriere. Seine Feinde würden behaupten, ihm fehle einfach die Volkstümlichkeit, um das Herz des einfachen Mannes anzurühren. Am Morgen der Rede wurde ihm vor Aufregung schlecht. In der Latrine stand ich mit dem Handtuch neben ihm, während er sich ein ums andere Mal übergab. Er war so weiß und sah so zerschlagen aus, dass ich mich wirklich fragte, ob er es bis aufs Forum schaffen würde. Aber er glaubte fest daran, dass ein großer Redner vor dem Betreten der Bühne, und sei er noch so erfahren, immer Angst haben muss - »die Nerven müssen gespannt sein wie Bogensehnen, wenn die Pfeile fliegen sollen«. Als wir die Rückseite der Rostra erreichten, war er bereit. Selbstredend hatte er keine Notizen dabei. Wir hörten, wie Manilius ihn ankündigte und dann Applaus ertönte. Es war ein herrlich klarer und heller Morgen; die Menschenmenge war riesig. Er zupfte die Ärmel zurecht, richtete sich auf und stieg langsam hinauf in den Lärm und in das Licht.
Wieder waren es Catulus und Hortensius, die die Opposition gegen Pompeius anführten. Aber sie hatten keine anderen Argumente anzubieten als die schon gegen die lex Gabinia vorgebrachten, sodass Cicero sich ausgiebig über sie lustig machen konnte. »Was will uns Hortensius denn nun sagen?«, fragte er spöttisch. »Dass, wenn man nur einen Mann mit dem Oberkommando betraue, Pompeius genau der Richtige sei, dass man aber das Oberkommando nicht nur einem Mann übertragen dürfe? Diese Art Argumentation ist erledigt, sie ist widerlegt, und zwar nicht durch Worte, sondern durch die Ereignisse. Du warst es, Hortensius, der den mutigen Gabinius dafür gescholten hat, ein Gesetz eingebracht zu haben, das für den Kampf gegen die Piraten einen alleinigen Befehlshaber forderte. Und jetzt frage ich dich im Namen der Götter: Wenn das römische Volk damals deiner Meinung und nicht seinem eigenen Wohl und seinen wahren Interessen gefolgt wäre, könnten wir dann heute den gleichen Ruhm genießen, und könnten wir dann auch behaupten, die Herrscher über ein weltumspannendes Reich zu sein?« Und wenn Pompeius, so Cicero weiter, Gabinius zu einem seiner Legionskommandeure machen wolle, dann solle er es werden, denn kein Mann, außer Pompeius selbst, habe so viel zum Sieg über die Piraten beigetragen wie Gabinius. »Und was mich betrifft«, schloss er seine Rede, »so werde ich die mir zur Gebote stehende Hingabe, Weisheit, Tatkraft und Begabung sowie das ganze Gewicht meines Amtes als Prätor, das ihr mir übertragen habt, dafür einsetzen, dieses Gesetz zu unterstützen. Und ich rufe alle Götter als Zeugen an - vor allem die Hüter dieses geheiligten Ortes, die tief in die Herzen all derer blicken, die ins öffentliche Leben eintreten -, dass ich weder so handle, um Pompeius gefällig zu sein, noch in der Hoffnung, irgendwelche Gefälligkeiten von ihm zu erhalten, sondern ausschließlich, um meinem Land zu dienen.« Damit verließ er unter respektvollem Beifall die Rostra. Das Gesetz wurde angenommen, Lucullus seines Kommandos enthoben und Gabinius damit betraut. Was Cicero betraf, so hatte er zwar ein weiteres Hindernis auf dem Weg zum Konsulat genommen, war den Aristokraten aber nun noch verhasster als je zuvor.
In einem Brief an Cicero schilderte Varro Pompeius' Reaktion auf die Nachricht, dass er nun die vollständige Kontrolle über die römischen Streitkräfte im Osten habe. Als sich die Offiziere in seinem Hauptquartier in Ephesus um ihn drängten, um ihm zu gratulieren, verzog er das Gesicht, schlug sich auf die Oberschenkel und sagte (laut Varro »mit überdrüssiger Stimme«): »Eine Mühsal nach der anderen lädt man mir auf die Schultern. Und da soll man nicht schwermütig werden? Wenn einem gar keine Erholung vom Militärdienst vergönnt ist, wenn man nie dem Neid entfliehen und nie darauf hoffen kann, mit seiner Frau ein ruhiges Landleben zu führen, dann wäre ich lieber einer der vielen Menschen, die niemand kennt.« Seine Scheinheiligkeit war nur schwer zu ertragen, vor allem weil alle Welt wusste, wie begierig er auf das Kommando gewesen war.
*
Der gesellschaftliche Aufstieg, den das Amt des Prätors mit sich brachte, bedeutete auch, dass Cicero zu seinem Schutz jetzt sechs Liktoren hatte, die ihn auf jedem Weg begleiteten. Er machte sich nicht das Geringste aus ihnen. Liktoren waren grobschlächtige Kerle, man heuerte sie an, weil sie kräftig waren und ihnen Gewalttätigkeiten leicht von der Hand gingen: Wenn ein römischer Bürger zu einer Strafe verurteilt wurde, dann führten sie sie aus. Was Auspeitschungen und Enthauptungen anging, waren sie sehr geschickt. Weil sie fest angestellt waren, hatten sich manche von ihnen über die Jahre so an ihre Macht gewöhnt, dass sie auf die Magistrate, zu deren Schutz sie abgestellt waren, herabschauten - vorübergehende Erscheinungen, Politiker, heute noch wichtig, morgen schon nicht mehr. Cicero hasste es, wenn sie ihm rüde den Weg freimachten oder Männern befahlen, in Gegenwart eines Prätors die Kopfbedeckung abzunehmen oder vom Pferd zu steigen. Schließlich waren die so gedemütigten Leute allesamt Wähler. Er wies die Liktoren an, höflicher zu sein, was sie dann eine Zeit lang auch waren, um schon bald wieder in ihre alten Gewohnheiten zu verfallen. Ihr Anführer, der proximus lictor, der dazu verpflichtet war, nie von Ciceros Seite zu weichen, war besonders widerwärtig. Sein Name fällt mir gerade nicht ein, aber er erzählte Cicero immer den neuesten Klatsch über die anderen Prätoren und merkte gar nicht, dass ihn das in Ciceros Augen zutiefst verdächtig machte. Die Geschichten wurden ihm natürlich von seinen Kollegen hinterbracht, und Cicero wusste nur zu gut, dass Klatsch Handelsware war und das Zahlungsmittel dafür Berichte über seine eigene Person waren. »Diese Leute«, klagte Cicero eines Morgens mir gegenüber, »sind eine Warnung für jeden Staat, der einen festen Beamtenstab unterhält. Am Anfang sind sie unsere Diener, und am Ende bilden sie sich ein, sie seien unsere Herren.«
Mit Ciceros Status verbesserte sich auch meiner. Wenn man der bekannte Privatsekretär eines Prätors war, so stellte ich fest, legten die Leute, selbst wenn man Sklave war, eine ungewohnte Höflichkeit an den Tag. Cicero hatte mir schon im Voraus erzählt, dass Bittsteller mir sicher Geld anbieten würden, damit ich meinen Einfluss geltend machte. Als ich leidenschaftlich beteuerte, dass ich mich nie bestechen lassen würde, fiel er mir gleich ins Wort. »Du solltest ruhig etwas eigenes Geld haben, Tiro. Warum nicht? Ich bitte dich nur, mir zu erzählen, wer dir etwas bezahlt, und jedem, der dir etwas anbietet, klarzumachen, dass man mein Urteil nicht kaufen kann und ich meine Entscheidung immer aufgrund sachlicher Erwägungen fälle. Alles andere überlasse ich deinem Urteilsvermögen.« Diese Unterhaltung bedeutete mir sehr viel. Ich hatte immer gehofft, dass Cicero mich eines Tages in die Freiheit entlassen würde; dass er mir erlaubte, etwas eigenes Geld zu sparen, betrachtete ich als Vorbereitung auf diesen Tag. Die einlaufenden Beträge waren klein - fünfzig Sesterzen hier, hundert da. Als Gegenleistung erwartete man zum Beispiel von mir, dass ich dem Prätor ein bestimmtes Dokument zur Kenntnis brachte oder ein Empfehlungsschreiben aufsetzte und ihm zur Unterschrift vorlegte. Die Münzen wanderten in eine kleine Geldbörse, die ich hinter einem losen Stein in der Wand meiner Schlafkammer aufbewahrte.
Als Prätor wurde von Cicero erwartet, dass er vielversprechende Schüler aus guten Familien aufnahm, die bei ihm die Rechte studierten. Im Mai, nach der Sitzungspause des Senats, kam ein neuer Schüler ins Haus. Es war der sechzehnjährige Marcus Caelius Rufus aus Interamnia, der Sohn eines reichen Bankiers und prominenten Funktionärs des Wahlbezirks Velina. Politische Gefälligkeit, das war wohl der Hauptgrund, warum Cicero sich bereitfand, für zwei Jahre die Ausbildung des Jungen zu beaufsichtigen. Danach, so kam man überein, würde der junge Mann für den Rest seiner Lehrzeit in einen anderen Haushalt wechseln - und zwar, wie es der Zufall wollte, in den von Crassus, der ein Geschäftspartner von Caelius' Vater war. Der Bankier war sehr darauf bedacht, dass sein Sohn lernte, wie man ein großes Vermögen verwaltete. Der Vater war einer von diesen abscheulichen Geldverleihertypen, klein und verschlagen, der seinen Sohn anscheinend für eine Investition hielt, die keinen angemessenen Profit abwarf. »Er braucht regelmäßig seine Prügel«, verkündete er, kurz bevor er seinen Sohn in Ciceros Arbeitszimmer rief. »Intelligent ist er, aber auch widerspenstig und leichtlebig. Du hast meine Erlaubnis, ihn, sooft du willst, die Peitsche spüren zu lassen.« Cicero schaute den Bankier argwöhnisch an, in seinem ganzen Leben hatte er noch niemanden mit der Peitsche malträtiert.
Glücklicherweise stellte sich heraus, dass er gut auskam mit dem jungen Caelius, der seinem Vater nicht unähnlicher hätte sein können. Er war groß und attraktiv und stand allem, was mit Geld und Geschäften zu tun hatte, entschieden gleichgültig gegenüber. Cicero fand das komisch, ich weniger. Denn in der Regel blieben all die öden Arbeiten, die eigentlich Caelius hätte ausfuhren müssen, vor deren Erledigung er sich aber drückte, an mir hängen. Trotzdem, rückblickend muss ich zugeben, dass er ein liebenswürdiger Bursche war.
Ich werde mich nicht lange mit den Einzelheiten von Ciceros Prätur aufhalten. Schließlich ist das hier kein Lehrbuch für Juristen, und ich spüre schon, wie man förmlich danach giert, dass ich endlich zum Höhepunkt meiner Geschichte komme - der Konsulatswahl. Es genügt wohl, wenn ich sage, dass man Cicero für einen unparteiischen und rechtschaffenen Richter hielt und dass er der Aufgabe mit seinen Fähigkeiten mühelos gewachsen war. Stieß er doch einmal auf ein besonders sperriges Thema der Jurisprudenz und benötigte eine zweite Meinung, dann wandte er sich entweder an seinen alten Freund und Kommilitonen aus gemeinsamen Studientagen bei Molon, Servius Sulpicius, oder suchte den angesehenen Prätor des Gerichtshofes für Wahlrecht, Aquilius Gallus,in dessen Villa auf dem Viminal auf. Der größte Fall, dem er vorzusitzen hatte, war der von Gaius Licinius Macer, einem Verwandten und Parteigänger von Crassus, der wegen seiner Taten als Statthalter von Makedonien angeklagt war. Am Ende der Anhörung, die sich über mehrere Wochen erstreckt hatte, zog Cicero ein gerechtes Fazit, konnte sich aber eine witzige Bosheit nicht verkneifen. Der Kern der Anklage war, dass Macer sich widerrechtlich eine halbe Million Sesterzen in die Tasche gesteckt hatte. Anfangs leugnete Macer. Die Anklagevertretung konnte beweisen, dass exakt die gleiche Summe bei einer von Macer kontrollierten Kreditfirma eingezahlt worden war. Darauf änderte Macer seine Geschichte und behauptete, ja, er erinnere sich an die Geldzahlung, habe aber geglaubt, sie sei legal gewesen. »Nun, es mag ja sein«, sagte Cicero zu den Geschworenen, während er auf einige Beweispunkte hinwies, »dass der Angeklagte das geglaubt hat.« Er machte eine gerade so lange Pause, dass ein paar vereinzelte Lacher zu hören waren, worauf er ein gespielt strenges Gesicht aufsetzte. »Nein, nein, vielleicht hat er es geglaubt. In welchem Fall ...« Wieder eine kurze Pause. »... man allerdings mit einiger Logik folgern kann, dass er vielleicht für den Posten eines römischen Statthalters zu dumm war.« Ich hatte in genügend Gerichtssälen gesessen, um an dem stürmischen Gelächter sofort erkennen zu können, dass Cicero den Mann gerade so sicher verurteilt hatte, als wenn er selbst der Vertreter der Anklage gewesen wäre. Macer war keineswegs dumm, im Gegenteil, er war sogar sehr schlau, so schlau, dass er jeden anderen für einen Idioten hielt. Jedenfalls erkannte er die Gefahr nicht und ging tatsächlich, während die Geschworenen über das Urteil abstimmten, nach Hause, um sich für die fest eingeplante abendliche Siegesfeier umzuziehen und die Haare schneiden zu lassen. Während seiner Abwesenheit wurde er verurteilt, und er wollte gerade wieder ins Gericht zurückkehren, als Crassus ihn an der Haustür abfing und ihm erzählte, was geschehen war. Manche sagen, Macer sei so geschockt gewesen, dass er auf der Stelle tot umgefallen sei, andere behaupten, er sei sofort wieder ins Haus zurückgegangen und habe sich umgebracht, um seinem Sohn die Schande seines Exils zu ersparen. Wie auch immer, jedenfalls starb er, und Crassus hatte - als ob es dessen noch bedurft hätte - einen weiteren Grund, Cicero zu hassen.
*
Am 6. Juli, dem ersten Tag der Spiele des Apollo, begann traditionell der Wahlkampf, obwohl man in jener Zeit den Eindruck hatte, dass immer Wahlkampf herrschte. Kaum war einer zu Ende, fieberten die Kandidaten schon dem nächsten entgegen. Cicero witzelte, dass das eigentliche Regierungsgeschäft lediglich die Zeit zwischen den Wahltagen füllte. Vielleicht ist das einer der Gründe für den Niedergang der Republik gewesen: Sie hat mit den vielen Wählen die Bürger völlig überfordert, und die Republik hat sich letztendlich zu Tode gewählt. Wie auch immer, das öffentliche Unterhaltungsprogramm zu Ehren Apollos oblag dem Stadtprätor, und das war in jenem Jahr Antonius Hybrida.
Niemand hatte sich große beziehungsweise überhaupt irgendwelche Hoffnungen auf einigermaßen zufriedenstellende Spiele gemacht, denn jedermann wusste, dass Hybrida sein ganzes Geld versoffen und verspielt hatte. So war es eine große Überraschung, dass er nicht nur eine Serie wunderbarer Theateraufführungen auf die Beine stellte, sondern auch verschwenderische Spektakel im Circus Maximus, wobei zwölf Wagenrennen, athletische Wettkämpfe und eine Tierhetze mit Panthern und allen Arten von exotischen Tieren stattfanden. Ich selbst bin nicht dort gewesen, aber Cicero berichtete mir ausführlich, als er an jenem Abend nach Hause kam. Er ließ sich auf eine der Liegen im leeren Speisezimmer fallen - Terentia war mit Tullia aufs Land gefahren - und erzählte mir von der Parade in den Circus: von den Wagenlenkern und halb nackten Athleten (Boxer, Ringer, Läufer, Speer- und Diskuswerfer), den Flöten- und Leierspielern, den als Bacchanten und Satyren verkleideten Tänzern, den Weihrauchfässern, den Stieren, Ziegen und Färsen, die mit vergoldeten Hörnern ihrer Opferung entgegentrotteten, den Käfigen mit den wilden Tieren, den Gladiatoren ... Er schien noch ganz benebelt zu sein von dem Schauspiel. »Was das wohl alles gekostet hat? Die Frage hat mich die ganze Zeit nicht losgelassen. Anscheinend rechnet Hybrida fest damit, dass er das später in seiner Provinz alles wieder reinholen kann. Du hättest hören sollen, wie sie ihm zugejubelt haben beim Einzug und hinterher beim Auszug aus dem Circus. Ich kann an dem Ganzen nichts finden, Tiro.Tja, kaum zu fassen, aber es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als unsere Liste zu ergänzen. Los, komm mit.«
Zusammen gingen wir in sein Arbeitszimmer, wo ich die Geldtruhe öffnete und alle Unterlagen herausnahm, die in Zusammenhang mit Ciceros Wahlkampf für das Konsulat standen. Dazu gehörten jede Menge geheimer Listen - von Förderern und Geldgebern, von Sympathisanten, die er aber noch auf seine Seite ziehen musste, von Städten und Regionen, in denen er stark, und solchen, in denen er schwach war. Die Schlüsselliste war jedoch die, auf der die möglichen Rivalen einschließlich aller über sie bekannten Informationen - pro und contra - verzeichnet waren. Ganz oben stand Galba, als Nächster kam Gallus, dann Cornificius und schließlich Palicanus. Cicero nahm mir die Schreibfeder aus der Hand und schrieb in seiner akkuraten, winzigen Handschrift einen fünften Namen dazu, den ich nie auf dieser Liste erwartet hätte: Antonius Hybrida.
*
Und dann, ein paar Tage später, geschah etwas, das Ciceros Schicksal und die Zukunft des Staates in vollkommen neue Bahnen lenkte - obwohl Cicero das zu jener Zeit nicht erkannte. Dabei fällt mir die mitunter erzählte Geschichte von dem harmlos aussehenden Fleck ein, den ein Mann eines Morgens auf seiner Haut entdeckt, sich nichts weiter dabei denkt, der sich aber in den folgenden Monaten zu einem riesigen Tumor auswächst. In unserem Fall war der Fleck eine Botschaft, die aus heiterem Himmel ins Haus flatterte und in der Cicero aufgefordert wurde, beim Pontifex maximus Metellus Pius vorstellig zu werden. Pius war sehr alt (vierundsechzig, mindestens) und eine so hochstehende Persönlichkeit, dass er sich bislang noch nie dazu herabgelassen hatte, mit Cicero ein Wort zu wechseln, geschweige denn ihn zu einem Gespräch einzubestellen. Cicero war folglich äußerst neugierig, und so machten wir uns mit den Liktoren, die für freie Bahn sorgten, sofort auf den Weg.
In jenen Tagen befand sich der Amtssitz des Oberhaupts der Staatsreligion in der Via Sacra, neben dem Haus der Vestalinnen, und ich kann mich noch erinnern, wie erfreut Cicero war, dass die Leute ihn dort eintreten sahen. Das Gebäude war das geistliche Zentrum Roms, und nicht viele Menschen erhielten jemals die Chance, einen Fuß über dessen Schwelle zu setzen. Man führte uns eine Treppe hinauf und dann durch eine lange Galerie, von wo man in den Garten der Vestalinnen hinunterblicken konnte. Insgeheim hoffte ich, einen Blick auf eine jener sechs geheimnisvollen, in weißes Tuch gekleideten Jungfrauen werfen zu können, aber der Garten lag verlassen da. Stehen bleiben konnten wir auch nicht, denn am Ende der Galerie wartete schon der obeinige Pius auf uns, der, flankiert von mehreren Priestern, ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden stapfte. Er war sein Leben lang Soldat gewesen, und sein Gesicht hatte das rissige, aufgeraute Aussehen von Leder, das jahrelang bei Wind und Wetter vor der Tür gelegen hatte und erst kürzlich ins Trockene geholt worden war. Ohne Cicero die Hand anzubieten oder einen Stuhl, ohne jede Höflichkeitsfloskel kam er sofort zur Sache und sagte mit heiserer Stimme: »Prätor, ich muss mit dir über Sergius Catilina sprechen.«
Bei der bloßen Erwähnung des Namens versteifte sich Ciceros Körper. Catilina war der Mann, der seinen entfernten Vetter, den populären Politiker Gratidianus, zu Tode gefoltert hatte, indem er ihm die Knochen gebrochen, die Augen ausgestochen und die Zunge herausgerissen hatte. Catilina war, als wäre ihm ein gezackter Blitz ins Hirn gefahren, von einem gewalttätigen Wahnsinn besessen. Er war liebenswürdig, kultiviert und freundlich, dann machte jemand eine scheinbar harmlose Bemerkung oder warf ihm einen scheinbar respektlosen Blick zu, und schon verlor er jede Selbstbeherrschung. In der Zeit von Sullas Proskriptionen, als auf dem Forum Todeslisten aushingen, war Catilina unter den sogenannten percussores einer der geschicktesten Mörder mit Hammer und Messer gewesen und hatte aus den Gütern der von ihm Exekutierten jede Menge Geld herausgepresst. Zu den Opfern gehörte auch sein eigener Schwager. Allerdings verfügte Catilina zweifellos über Charisma. Auf jeden, den seine Barbarei anwiderte, kamen drei oder vier, die er mit seiner ebenso unmäßig zur Schau gestellten Freigebigkeit anzog. Außerdem führte er ein sexuell ausschweifendes Leben. Vor sieben Jahre hatte man Catilina wegen der sexuellen Beziehung zu einer vestalischen Jungfrau angeklagt, bei der es sich um niemand anderen als Terentias Halbschwester Fabia gehandelt hatte. Das war ein Kapitalverbrechen, nicht nur von ihm, auch von ihr, und wäre Fabia schuldig gesprochen worden, hätte sie die traditionelle Strafe für eine Vestalin, die ihr heiliges Keuschheitsgelübde brach, erleiden müssen: Man hätte sie in einer eigens dafür bestimmten winzigen Kammer neben der Porta Collina lebendig begraben. Doch die Aristokraten hatten sich unter Catulus' Führung um Catilina geschart und seinen Freispruch gesichert, sodass er seine politische Karriere nahtlos fortsetzen konnte. Vor zwei Jahren war er Prätor und danach Statthalter in der Provinz Afrika gewesen, sodass er den Aufruhr um die lex Gabinia nicht miterlebt hatte. Er war gerade erst nach Rom zurückgekehrt.
»Seit mein Vater vor fünfzig Jahren Statthalter von Afrika war«, sagte Pius, »sind die Mitglieder meiner Familie immer die wichtigsten Patrone der Provinz gewesen. Die Menschen dort wenden sich an mich, wenn sie Schutz suchen, und ich kann dir sagen, Prätor, dass kein Mann sie je so erzürnt hat wie Sergius Catilina. Er hat die Provinz vollkommen ausgeplündert - hat den Bürgern Steuern abgepresst, hat gemordet, hat die Tempelschätze geraubt, hat Frauen und Töchter vergewaltigt. Diese Sergii!«, rief er angeekelt, würgte einen großen gelben Schleimbatzen aus seinem Rachen nach oben und spuckte ihn auf den Boden. »Nennen sich protzig Nachfahren der Trojaner, aber seit zweihundert Jahren war kein Einziger mehr unter ihnen, der einen Funken Anstand im Leib hatte. Ich höre, du bist der verantwortliche Prätor, der solche Kreaturen zur Rechenschaft zieht.« Er musterte Cicero von Kopf bis Fuß. »Erstaunlich! Ich kann nicht behaupten, dass ich wüsste, wer du überhaupt bist. Aber gut, was gedenkst du also zu unternehmen?«
Cicero behielt immer die Ruhe, wenn jemand versuchte ihn zu beleidigen. Er sagte nur: »Haben die Afrikaner schon eine Anklage vorbereitet?«
»Ja. Eine Abordnung befindet sich bereits in Rom und sucht nach einem geeigneten Ankläger. An wen sollen sie sich wenden?«
»Ich kann dir da kaum weiterhelfen. Schließlich bin ich der Vorsitzende des Gerichts und habe unparteiisch zu bleiben.«
»Blabla. Erspar mir das Advokatengewäsch. Privat, von Mann zu Mann.« Pius winkte ihn mit dem Finger näher heran. Die meisten seiner Zähne waren auf diversen Schlachtfeldern geblieben, und er machte ein pfeifendes Geräusch, als er versuchte zu flüstern. »Du kennst dich in den Gerichtshöfen besser aus als ich. Wer ist der Richtige dafür?«
»Ehrlich gesagt, das wird nicht ganz leicht werden«, sagte Cicero. »Catilinas Gewalttätigkeit ist allgemein bekannt. Der Mann braucht Mut, der Klage gegen einen derart schamlosen Mörder einreicht. Und vermutlich wird Catilina sich im nächsten Jahr um das Konsulat bewerben. Da wächst ein mächtiger Feind heran.«
»Konsulat?« Pius schlug sich plötzlich heftig auf die Brust. Der dumpfe Schlag ließ seine priesterlichen Begleiter zusammenzucken. »Sergius Catilina wird nicht Konsul werden, nicht im nächsten und auch in keinem anderen Jahr, nicht solange noch ein Rest von Leben in diesen alten Knochen steckt. Es muss doch in dieser Stadt jemanden geben, der Manns genug ist, diesen Schurken vor seinen Richter zu bringen. Und wenn nicht ... nun, ich bin noch lange kein so seniler Trottel, als dass ich nicht mehr wüsste, wie man in dieser Stadt einen Kampf durchficht. Und du, Prätor, hast nichts weiter zu tun, als in deinem Kalender genügend Platz freizuhalten, damit dieser Fall zur Anhörung kommt.« Mit diesen Worten drehte er sich um und schlurfte mürrisch vor sich hinbrummelnd, mit seinen priesterlichen Adjutanten im Schlepptau, den Gang hinunter.
Während er ihm hinterherschaute, runzelte Cicero die Stirn und schüttelte den Kopf. Da ich nicht annähernd so viel von Politik verstand, wie ich nach dreizehn Jahren in seinen Diensten eigentlich hätte verstehen müssen, war mir vollkommen unbegreiflich, was an dieser Unterhaltung so beunruhigend gewesen sein sollte. Aber Cicero war ohne Frage erschüttert. Sobald wir wieder draußen auf der Via Sacra waren, zog er mich außer Hörweite der scharfen Ohren unseres proximus lictor und sagte: »Das ist eine Entwicklung, Tiro, die wirklich ernst ist. Ich hätte das kommen sehen müssen.« Als ich ihn fragte, was es ihn kümmere, ob man Catilina anklage oder nicht, antwortete er in vernichtendem Tonfall: »Weil es dir verboten ist, du Spatzenhirn, dich zu einer Wahl zu stellen, wenn gegen dich ein Verfahren läuft. Das heißt: Wenn die Afrikaner einen Fürsprecher finden und Anklage gegen Catilina erhoben wird und wenn sich der Fall bis in den nächsten Sommer hineinzieht, dann bleibt Catilina von der Teilnahme an der Konsulatswahl ausgeschlossen, bis der Fall entschieden ist. Was weiter heißt: Sollte Catilina durch irgendeinen Zufall freigesprochen werden, ist er mein Gegner in meinem Jahr.«
Ich bezweifle, ob irgendein anderer Senator in Rom versucht hätte, so weit in die Zukunft zu blicken - wer würde schon so viele Wenns aufeinanderschichten und dann daraus einen Grund ableiten, um in Panik auszubrechen. Quintus jedenfalls, nachdem Cicero ihm seine Ängste auseinandergesetzt hatte, lachte seinen Bruder aus: »Und wenn dich ein Blitz träfe, Marcus, und wenn Metellus Pius sich noch an den Wochentag erinnern würde ...« Aber Cicero machte sich weiter Sorgen und zog heimlich Erkundigungen darüber ein, wie die afrikanische Abordnung bei ihrer Suche nach einem glaubwürdigen Anwalt vorankam. Allerdings taten sie sich dabei so schwer, wie Cicero vermutet hatte - trotz der gewaltigen Menge an Beweisen, die sie über Catilinas Verfehlungen zusammengetragen hatten, und trotz der Tatsache, dass Pius eine Resolution durch den Senat gebracht hatte, in der dem früheren Statthalter eine Rüge erteilt wurde. Niemand lechzte danach, es mit einem derart gefährlichen Gegner aufzunehmen und das Risiko einzugehen, eines späten Abends mit dem Gesicht nach unten im Tiber zu treiben. Und so dümpelte die Anklage erst mal vor sich hin, und Cicero brauchte sich nicht weiter darum zu kümmern. Unglücklicherweise war ihm das nicht lange vergönnt.
Am Ende seiner Amtsperiode als Prätor hatte Cicero das Recht, außer Landes zu gehen und für ein Jahr eine Provinz zu regieren. Das war gängige Praxis in der Republik. Es gab einem Mann Gelegenheit, Erfahrungen in der Verwaltungsarbeit zu sammeln und außerdem seine wegen der Auslagen für das
Amt strapazierte Kasse wieder aufzufüllen. Nach der Rückkehr verschaffte man sich einen Eindruck von der politischen Stimmung, und wenn diese einem vielversprechend erschien, bewarb man sich im folgenden Sommer um das Konsulat. Antonius Hybrida, zum Beispiel, dem mit den Kosten für die Spiele des Apollo offensichtlich gewaltige Verbindlichkeiten entstanden waren, machte in Kappadokien Jagd auf Beute. Cicero schlug einen anderen Weg ein, er verzichtete auf sein Recht, eine Provinz zu verwalten. Zum einen wollte er von vornherein die Möglichkeit ausschließen, dass man ihm eine fingierte Anklage anhängte und sich ihm auf Monate ein Sonderermittler an die Fersen heftete. Zum anderen erinnerte er sich ungern an das Jahr, das er als Quästor auf Sizilien verbracht hatte. Seitdem hasste er es, Rom für länger als ein oder zwei Wochen verlassen zu müssen. Es hat wohl selten einen eingefleischteren Stadtmenschen als Cicero gegeben. Aus der Geschäftigkeit auf den Straßen und in den Gerichten, im Senat und auf dem Forum sog er seine Kraft. Die Aussicht auf ein Jahr öder Provinzgesellschaft in Kilikien oder Makedonien, und sei sie noch so lukrativ, war ihm ein Gräuel.
Außerdem hatte er jede Menge Arbeit als Anwalt. Als Erstes stand die Verteidigung von Pompeius' ehemaligem Volkstribunen Gaius Cornelius an, den die Aristokraten wegen Hochverrats angeklagt hatten. Nicht weniger als fünf bedeutende aristokratische Senatoren - Hortensius, Catulus, Lepidus, Marcus Lucullus und sogar der alte Metellus Pius - taten sich gegen Cornelius zusammen wegen der Rolle, die er zugunsten der Gesetze von Pompeius gespielt hatte. Sie warfen ihm vor, das Veto eines anderen Volkstribunen gesetzwidrig missachtet zu haben. Angesichts eines derart schwerwiegenden Vorwurfs war ich mir sicher, dass man Cornelius ins Exil schicken würde. Er war offenbar der gleichen Meinung, denn er hatte seinen Hausstand schon zusammengepackt und war bereit zur Abreise. Wie immer jedoch, wenn seine Gegner Hortensius und Catulus hießen, lief Cicero zu Hochform auf und hielt zum Abschluss seiner Verteidigung eine äußerst eindrucksvolle Rede. »Sollen wir uns tatsächlich über die traditionellen Rechte von Volkstribunen von fünf hochgestellten Senatoren belehren lassen«, fragte er, »die allesamt die Gesetze Sullas unterstützt haben, mit denen dieser eben jene Rechte abgeschafft hat? Ist einer von diesen illustren Senatoren aufgestanden und hat den tapferen Gnaeus Pompeius unterstützt, als dieser in seiner ersten Amtshandlung als Konsul das Vetorecht der Tribunen wiederhergestellt hat? Die entscheidende Frage lautet doch: Ist es wirklich die plötzliche Sorge um die Traditionen des Volkstribunats, die diese Senatoren dazu bewegt hat, die Fischteiche und Säulengänge ihrer Landsitze zu verlassen und vor Gericht zu ziehen? Oder sind es nicht vielmehr gewisse andere >Traditionen<, die ihnen viel mehr am Herzen liegen - nämlich ihr traditionelles Eigeninteresse und ihr traditionelles Verlangen nach Rache?«
In ähnlichem Ton ging es noch eine Zeit lang weiter, und als Cicero schließlich zum Ende kam, hatte es den Anschein, als seien die fünf berühmten Klageführer (die den Fehler gemacht hatten, nebeneinander Platz zu nehmen) auf die Hälfte ihrer Größe geschrumpft - vor allem Pius, der mit gewölbter Hand am Ohr auf seinem Platz hin und her rutschte und anscheinend Schwierigkeiten hatte, den Ausführungen seines umherwandernden Peinigers zu folgen. Dies sollte einer der letzten öffentlichen Auftritte des alten Soldaten gewesen sein, bevor sich die lange Dämmerung seiner Krankheit endgültig auf ihn herabsenkte. Nachdem die Geschworenen Cornelius von allen Anklagepunkten freigesprochen hatten, verließ Pius unter höhnischem Gelächter das Gericht. Dabei war sein Gesicht gezeichnet von seniler Verwirrung, welche heute, so fürchte ich, auch der naturgemäße Ausdruck meiner eigenen Züge ist. Als wir uns für den Heimweg fertig machten, sagte Cicero mit gewisser Befriedigung: »Jedenfalls wird er jetzt wohl wissen, wer ich bin.«
Ich werde nicht alle Prozesse erwähnen, die Cicero in dieser Zeit führte, denn es müssen Dutzende gewesen sein. Alle aber waren Teil seiner Strategie, sich möglichst viele einflussreiche Männer zur Unterstützung seiner Konsulatskandidatur zu verpflichten und dafür zu sorgen, dass sein Name in den Köpfen der Wähler immer präsent blieb. Seine Klienten suchte er natürlich sehr sorgfältig aus. Unter ihnen waren wenigstens vier Senatoren: Fundanius, der einen großen Wählerverein kontrollierte; Orchivius, der einer seiner Prätorenkollegen gewesen war; Gallius, der seine Kandidatur zum Prätor betrieb; und Mucius Orestinus, der sich Hoffnung auf den Posten eines Volkstribunen machte, aber im Augenblick noch des Raubes angeklagt war und dessen Fall unsere Kanzlei für viele Tage vollauf beschäftigte.
Ich glaube, dass nie zuvor irgendein Kandidat das Geschäft der Politik als genau das betrieben hat -als Geschäft nämlich. Jede Woche gab es eine Sitzung in Ciceros Arbeitszimmer, um den Verlauf des Wahlkampfs zu überwachen. Verschiedene Teilnehmer kamen und gingen, aber der harte Kern bestand aus den immer gleichen fünf Personen: Cicero, Quintus, Frugi, mir und Ciceros Lehrling Caelius Rufus, der, obwohl noch sehr jung (vielleicht aber auch gerade deswegen), ein Meister darin war, in der Stadt umlaufende Gerüchte aufzuspüren. Quintus fungierte einmal mehr als Wahlkampforganisator. Er bestand darauf, die Sitzungen zu leiten. Mit einem nachsichtigen Lächeln oder einer hochgezogenen Augenbraue deutete er gelegentlich an, dass Cicero, so genialisch er auch sein mochte, eben doch etwas von einem intellektuellen Luftikus an sich hatte, der den nüchternen und gesunden Menschenverstand seines Bruders benötigte, damit er nicht die Bodenhaftung verlor. Cicero machte dieses Spiel seines Bruders mehr oder weniger bereitwillig mit.
Falls mir in meinem Leben noch genügend Zeit dafür bliebe, dann wäre es eine interessante Aufgabe, eine Studie über Brüder in der Politik zu schreiben. Als Erstes böten sich natürlich Tiberius und Gaius Gracchus an, die mit ihren Ackergesetzen den Besitzlosen Eigentum verschaffen wollten und die dafür beide mit einem gewaltsamen Tod bezahlten. Aus meinen eigenen Lebzeiten sind Marcus und Lucius Lucullus zu nennen, Aristokraten, die ebenso wie eine Vielzahl von Brüdern aus dem Geschlecht der Metelli und der Marcelli in aufeinanderfolgenden Jahren Konsuln waren. In einem Milieu menschlichen Handelns, in dem Freundschaften flüchtig sind und Bündnisse nur geschlossen werden, um sie wieder zu brechen, muss das Wissen darum, dass ein anderer Mann durch seinen Namen auf immer mit einem verbunden bleibt, egal, wie das Schicksal einem auch mitspielt, ein starker Quell der Kraft sein. Die Beziehung der beiden Ciceros war - wie vermutlich bei den meisten Brüdern - geprägt von einer komplizierten Mischung aus Zuneigung und Feindseligkeit, Eifersucht und Treue. Ohne Cicero wäre aus Quintus erst ein guter und fähiger Offizier in der Armee und dann ein guter und fähiger Bauer in Arpinum geworden, während aus Cicero ohne Quintus der gleiche Cicero geworden wäre. Weil er das wusste und weil ihm bewusst war, dass auch sein Bruder das erkannt hatte, war Cicero um größtmögliche Harmonie bemüht und bot Quintus großzügig Platz unter dem glitzernden Mantel seines Ruhmes.
In jenem Winter verwandte Quintus viel Zeit darauf, ein Wahlhandbuch zusammenzustellen, ein Destillat seiner brüderlichen Ratschläge an Cicero, aus dem er bei jeder sich bietenden Gelegenheit zitierte, als sei es Platons Politeia. Es begann so: Vergiss nie, wer du bist, wo du bist und was du willst. Jeden Tag auf dem Weg zum Forum sage dir immer wieder: »Ich bin ein homo novus, ich bin in Rom, ich will das Konsulat.« An ein paar von diesen kleinen Moralpredigten kann ich mich noch immer erinnern. Überall lauern Betrug, Fußangeln, Verrat. Halte dich immer fest an den Ausspruch von Epicharmos, dass alle Weisheit auf einem Grundsatz fußt: »Vertraue niemals vorschnell.« Sorge dafür, dass jeder sieht, wie viele und vor allem wie viele unterschiedliche Freunde du hast. Ich werde penibel darauf achten, dass du immer von Menschen umgeben bist. Wenn dich jemand um etwas bittet, lehne nie ab, auch wenn du seinen Wunsch nicht erfüllen kannst. Sorge dafür, dass deine Kampagne gute Unterhaltung ist: Glanz, Pracht, Populismus; und sorge - falls machbar -auch dafür, dass über deine Widersacher skandalöse Geschichten über deren Verbrechen, Ausschweifungen und Bestechungen im Umlauf sind.
Quintus war sehr stolz auf sein Handbuch, und viele Jahre später veröffentlichte er es sogar. Zum Entsetzen von Cicero, der daran glaubte, politischer Erfolg hänge wie die Wirkung großer Kunst davon ab, dass die dahinterstehende Methode verborgen bliebe.
*
Im Frühjahr feierte Terentia ihren dreißigsten Geburtstag, und Cicero arrangierte zu ihren Ehren eine kleine Abendgesellschaft. Quintus und Pomponia waren eingeladen, Frugi mit seinen Eltern und der penible Servius Sulpicius mit seiner überraschend hübschen Frau Postumia. Sicher waren noch andere Gäste gekommen, aber der Strom der Zeit hat meine Erinnerung an sie fortgespült. Der Hausverwalter Eros hatte die Mitglieder des Haushalts kurz zusammengerufen, damit wir Terentia unsere Glückwünsche übermitteln konnten. Ich erinnere mich noch daran, dass sie mir an jenem Abend so gut aussehend und in so fröhlicher Stimmung wie noch nie zuvor erschienen war. Das kurze dunkle Lockenhaar glänzte, die Augen leuchteten, und die eigentlich magere Figur kam mir voller und weicher vor.
Nachdem Cicero und seine Frau die Gäste ins Speisezimmer geführt hatten, machte ich eine diesbezügliche Bemerkung zu Terentias Mädchen. Sie schaute sich nach allen Seiten um, ob uns auch niemand beobachtete, und machte dann vor dem Bauch mit verschränkten Händen eine kreisende Bewegung. Erst verstand ich nicht, worauf sie einen Kicheranfall bekam, und erst nachdem sie immer noch lachend die Treppe hinaufgelaufen war, begriff ich, was für ein Esel ich war - und nicht nur ich. Einem normalen Ehemann wären die Anzeichen sicher schon früher aufgefallen, aber Cicero war jeden Tag bei Sonnenaufgang auf den Beinen, kam erst wieder nach Hause, wenn es bereits dämmerte, und dann gab es immer noch eine Rede zu schreiben oder einen Brief zu diktieren - das Wunder war, dass er überhaupt die Zeit gefunden hatte, seinen ehelichen Pflichten nachzukommen. Wie auch immer, irgendwann ließen laute, erregte Stimmen und Applaus aus dem Speisezimmer vermuten, dass Terentia die feierliche Gelegenheit genutzt und ihre Schwangerschaft verkündet hatte.
Später am Abend betrat Cicero breit grinsend das Arbeitszimmer. Meinen Glückwunsch nahm er mit einer dankbaren Verbeugung entgegen. »Sie ist sicher, dass es ein Junge wird. Anscheinend hat die Bona Dea sie mittels bestimmter übernatürlicher Zeichen, die nur die Frauen verstehen, von dieser Tatsache unterrichtet.« Erwartungsfroh rieb er sich die Hände und konnte einfach nicht aufhören zu grinsen. »Ein neugeborenes Kind, Tiro, das ist in Wahlzeiten immer eine herrliche Zugabe - es steht für einen virilen Kandidaten und respektablen Familienmenschen. Sag Quintus Bescheid wegen der Wahlkampftermine für den Kleinen.« Er zeigte auf meine Wachstafel. »Das war ein Witz, du Trottel!«, lachte er, als er mein fassungsloses Gesicht sah, und tat so, als wolle er mir eine Ohrfeige verpassen. Ich bin mir nicht sicher, über wen von uns beiden das mehr aussagt, über ihn oder über mich, dass ich bis heute noch nicht vollkommen davon überzeugt bin, ob er damals wirklich nur Spaß gemacht hat.
Seit dieser Zeit hielt sich Terentia noch strikter an ihre religiösen Rituale. Am nächsten Tag bat sie Cicero, mit ihr auf das Kapitol zum Tempel der Juno zu gehen, wo sie ein Lamm kaufte, das sie zum Zeichen der Dankbarkeit für ihre Schwangerschaft und Ehe von den Priestern opfern ließ. Cicero begleitete sie mit Freuden, denn er war zutiefst beglückt von der Aussicht auf ein zweites Kind. Außerdem wusste er, wie begierig die Wähler derartige öffentliche Zurschaustellungen von Frömmigkeit aufnahmen.
*
Wohl oder übel muss ich mich jetzt wieder dem wuchernden Tumor namens Sergius Catilina zuwenden.
Ein paar Wochen nachdem Metellus Pius Cicero zu sich zitiert hatte, fanden die Konsulatswahlen jenes Jahres statt. Der Einsatz von Bestechungsgeldern seitens der Sieger war jedoch dermaßen schamlos, dass die Wahlen sofort annulliert und für Oktober neu angesetzt wurden. Catilina nutzte die Gelegenheit und meldete seine Kandidatur an. Der alte Kämpfer Pius machte jedoch Catilinas Hoffnungen in seiner wahrscheinlich letzten siegreichen Schlacht zunichte: Der Senat legte fest, dass nur die Kandidaten wieder antreten konnten, die auch schon bei der ersten Wahl zur Abstimmung gestanden hatten. Die Folge war einer von Catilinas berüchtigten Wutausbrüchen. Auf dem Forum stieß er zusammen mit seinen Schlägerfreunden die wüstesten Drohungen aus, die der Senat so ernst nahm, dass er den Konsuln eine bewaffnete Leibwache zur Seite stellte. Was die Klage der Afrikaner anging, so hatte - wie nicht anders zu erwarten - niemand den Mut gehabt, ihren Fall vor dem Gerichtshof für Erpressungen zu vertreten. Einmal deutete ich Cicero gegenüber an, ob das nicht etwas für ihn wäre, der Fall sei doch populär genug, um sich dafür einzusetzen -schließlich habe ihn der Sieg über Verres zum berühmtesten Anwalt der Welt gemacht. Doch Cicero schüttelte den Kopf. »Verglichen mit Catilina war Verres ein Kätzchen. Außerdem war Verres ein Mann, den kaum jemand mochte, während Catilina durchaus Anhänger hat.«
»Warum ist der nur so beliebt?«, fragte ich.
»Gefährliche Männer scharen immer Verehrer um sich, aber das ist es nicht, was mir Sorge macht. Wenn es nur um den Pöbel ginge, wäre er keine so große Gefahr. Sorge macht mir seine breite Anhängerschaft unter den Aristokraten - Catulus unterstützt ihn, was heißt, dass er wahrscheinlich auch Hortensius auf seiner Seite hat.«
»Hortensius und der primitive Catilina?«
»Wenn die Situation es erfordert, weiß Hortensius solch einen Straßenkämpfer sehr wohl für sich einzusetzen. So manch kultiviertes Haus leistet sich einen bissigen Wachhund. Außerdem ist Catilina auch ein Sergius, vergiss das nicht, sie akzeptieren ihn schon aus reinem Snobismus. Die Massen und die Aristokraten, in der Politik ist das eine einflussreiche Verbindung. Wir können nur hoffen, dass ihn bei den Konsulatswahlen im nächsten Sommer irgendwer aufhält. Ich bin schon dankbar, dass es bis jetzt nicht so aussieht, als ob das an mir hängen bleiben würde.«
Damals glaubte ich, dass derartige Bemerkungen nur die Götter verlockten, ihre Existenz nachzuweisen. Weil sie sich nämlich immer dann, wenn ihnen auf ihren himmlischen Bahnen derart selbstzufriedene Reden zu Ohren kommen, einen Spaß daraus machen, ihre Macht zu demonstrieren. Und tatsächlich hatte Caelius Rufus nicht lange nach dieser Unterhaltung beunruhigende Neuigkeiten für Cicero. Caelius war damals siebzehn und, wie sein Vater schon gesagt hatte, ziemlich unbotmäßig. Er war groß und gut aussehend und ging mit seiner tiefen Stimme und dem kleinen Spitzbart, der bei ihm und seinen eleganten Freunden gerade in Mode war, leicht als Mann von Anfang zwanzig durch. Abends, wenn Cicero noch über seiner Arbeit saß und alle anderen bereits schliefen, schlich er sich im Dunkeln aus dem Haus und kehrte oft genug erst kurz vor Morgengrauen wieder zurück. Er wusste, dass ich mir ein wenig Geld zusammengespart hatte, und versuchte dauernd, mich anzupumpen. Eines Abends, nachdem ich wieder einmal Nein gesagt hatte, ging ich in meine Kammer und stellte fest, dass er mein Versteck gefunden und ausgeplündert hatte. Nach einer elenden Nacht, in der ich kein Auge zugetan hatte, stellte ich ihn am nächsten Morgen zur Rede und drohte, alles Cicero zu erzählen. Da traten ihm die Tränen in die Augen, und er versprach, alles zurückzuzahlen, was er, das muss ich gerechterweise sagen, mit großzügigen Zinsen auch tat. Ich suchte mir daraufhin ein anderes Versteck für mein Geld und erzählte niemandem von diesem Vorfall.
Bei seinen nächtlichen Steifzügen zog Caelius saufend und hurend mit einer Gruppe übel beleumundeter junger Adliger durch die Stadt. Einer von ihnen war Gaius Curio, der einundzwanzigjährige Sohn eines ehemaligen Konsuls, der ein großer Förderer von Verres gewesen war. Ein anderer war Hybridas Neffe Marcus Antonius, der damals achtzehn Jahre alt gewesen sein muss. Der eigentliche Anführer der Bande, vor allem weil er der Älteste und Reichste unter ihnen war und die anderen zu Dummheiten verführte, die ihnen nicht einmal im Traum eingefallen waren, war Clodius Pulcher. Er war etwa Mitte zwanzig und hatte im Osten acht Jahre Militärdienst abgeleistet, wobei er in alle Arten von Schwierigkeiten geraten war - unter anderem hatte er eine Meuterei gegen Lucullus angezettelt, der zufällig sein Schwager war, und war dann von den Seeräubern, die er eigentlich bekämpfen sollte, gefangen genommen worden. Aber jetzt war er wieder in Rom, suchte nach einer Möglichkeit, sich einen Namen zu machen, und hatte eines Abends verkündet, dass er jetzt wisse, wie er das anstellen würde. Es sei eine verwegene und riskante, aber auch spaßige und unterhaltsame Unternehmung (das waren laut Caelius exakt seine Worte) - er würde die Klage gegen Catilina einreichen.
Als Caelius am nächsten Morgen in Ciceros Arbeitszimmer stürmte, um ihm die Geschichte zu erzählen, wollte der sie zunächst nicht glauben. Was er von Clodius wusste, war nur das überall umlaufende skandalöse Gerücht, dass er mit seiner eigenen Schwester geschlafen hatte. Allerdings hatte das Gerücht erst kürzlich dadurch Substanz erhalten, dass Lucullus selbst dies als einen der Gründe für die Scheidung von seiner Frau angeführt hatte. »Was hat so eine Kreatur in einem Gerichtssaal verloren«, höhnte Cicero, »außer als Angeklagter?« Worauf Caelius auf seine freche Art nur erwiderte, Cicero brauchte in den nächsten ein, zwei Stunden nur kurz beim Gericht vorbeizuschauen, dann hätte er den Beweis. Da würde nämlich Clodius seinen Antrag auf Klageerhebung vorlegen. Selbstredend konnte Cicero einem solchen Schauspiel nicht widerstehen. Sobald er seine wichtigeren Klienten empfangen hatte, eilten wir - Cicero, Caelius und ich - hinunter zu seinem alten Lieblingsspielplatz am Tempel des Castor.
Mysteriöserweise, wie es Dramatik verheißende Ereignisse so an sich haben, hatte sich die Neuigkeit schon verbreitet, sodass vor den Tempelstufen bereits mehr als hundert Schaulustige zusammengeströmt waren. Der amtierende Prätor, ein Mann namens Orbius, der später Statthalter von Asia wurde, hatte gerade auf seinem kurulischen Stuhl Platz genommen und schaute sich angesichts des Menschenauftriebs verwundert um, als sechs oder sieben hochnäsig grinsende junge Männer vom Palatin kommend völlig unbefangen auf ihn zuschlenderten. Unübersehbar legten sie Wert auf die neueste Mode, und ich vermute, dass sie mit ihren langen Haaren, den gestutzten Bärtchen und den breiten, bestickten Gürteln, die lässig auf ihren Hüften lagen, dieser auch entsprachen. »Was für ein Schauspiel!«, murmelte Cicero, während sie an uns vorbeigingen und uns in eine nach Kokosöl und Safranbalsam duftende Wolke einhüllten. »Sehen aus wie Frauen, die Burschen.« Einer löste sich aus der Gruppe und stieg die Treppe zum Prätor hinauf. Auf halber Höhe blieb er stehen und wandte sich zu der Menge um. Er war, wenn ich mich so gewöhnlich ausdrücken darf, »ein hübscher Junge« mit langen blonden Locken, vollen, feuchten Lippen und bronzefarbener Haut - eine Art junger Apollo. Als er jedoch anfing zu sprechen, klang seine Stimme überraschend hart und maskulin, nur dass sie verunstaltet wurde durch seinen pseudoplebejischen Akzent, in dem sich sein Familienname wie »Clodius« statt »Claudius« anhörte - was ebenfalls zu seinen modischen Geziertheiten gehörte.
»Mein Name ist Publius Clodius Pulcher, Sohn des Konsuls Appius Claudius Pulcher, Nachfahre von Konsuln in direkter Linie seit acht Generationen. Ich habe mich heute Morgen hier eingefunden, um vor diesem Gericht Klage einzureichen gegen Sergius Catilina wegen seiner in Afrika verübten Verbrechen.«
Bei der Erwähnung von Catilinas Namen waren vereinzelt murrende Stimmen und Pfiffe zu hören, und ein großer, grobschlächtiger Mann, der neben uns stand, rief: »Dann pass mal gut auf deinen Hintern auf, mein Schätzchen.«
Clodius schien das nicht im Geringsten zu irritieren. »Möge der Segen meiner Vorfahren und der Götter das Vorhaben begleiten und zu einem erfolgreichen Abschluss verhelfen.« Mit energischen Schritten ging er die restlichen Stufen hinauf und übergab Orbius unter lautem Beifall seiner Anhänger das sauber zusammengerollte, mit Siegel und rotem Band versehene postulatus. Zu den Klatschenden gehörte auch Caelius, bis Cicero ihn mit einem Blick zur Ordnung rief. »Los, such meinen Bruder«, befahl er ihm. »Sag ihm, was passiert ist und dass ich ihn sofort sprechen muss.«
»Das ist Sklavenarbeit«, erwiderte er beleidigt. Zweifellos befürchtete er, vor seinen Freunden das Gesicht zu verlieren. »Das kann doch auch Tiro machen, oder nicht?«
»Tu, was ich dir gesagt habe«, fuhr Cicero ihn an. »Und wenn du schon dabei bist, mach auch gleich noch Frugi ausfindig. Sei froh, dass ich deinem Vater noch nichts von deiner anrüchigen Gesellschaft erzählt habe.« Das überzeugte ihn, und er machte sich Richtung Tempel der Ceres davon, wo normalerweise um diese Stunde des Morgens die plebejischen Ädilen anzutreffen waren. »Ich habe ihn zu sehr verwöhnt«, sagte Cicero bekümmert, als wir den Hügel hinauf nach Hause gingen. »Und weißt du, warum? Weil er von angenehmer Wesensart ist. Das ist die verfluchteste von allen Eigenschaften, jemandem wie ihm lasse ich einfach alles durchgehen.«
Als Strafe und auch, weil er ihm nicht mehr vollkommen vertraute, schloss Cicero Caelius von der am gleichen Tag stattfindenden Wahlkampfsitzung aus und beauftragte ihn stattdessen mit der Abfassung eines Schriftsatzes. Er wartete, bis Caelius das Arbeitszimmer verlassen hatte, und berichtete dann Quintus und Frugi, was am Morgen geschehen war. Quintus neigte zu einer zuversichtlichen Einschätzung der Lage, während Cicero jetzt vollkommen davon überzeugt war, dass Catilina einer seiner Rivalen im Kampf um das Konsulat sein würde. »Ich habe mir den Terminkalender des Gerichtshofes für Erpressungen angeschaut - ihr wisst, wie das laufen kann. Und tatsächlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Fall bis Juli zur Anhörung kommt, ist gleich null. Also kann er in diesem Jahr nicht mehr fürs Konsulat kandidieren. Und deshalb rutscht er unausweichlich ins nächste Jahr, also in meins.« Plötzlich schlug er mit der Faust auf sein Schreibpult - ein Gefühlsausbruch, zu dem er sich nur selten hinreißen ließ. »Genau das habe ich vor einem Jahr prophezeit - Tiro ist meine Zeuge.«
»Vielleicht wird Catilina ja verurteilt und muss ins Exil?«, sagte Quintus.
»Mit diesem parfümierten Gockel als Ankläger? Von dem jeder Sklave in ganz Rom weiß, dass er der Liebhaber seiner eigenen Schwester war? Nein, nein, du hast ganz recht gehabt, Tiro. Ich hätte -als sich mir die Gelegenheit dazu auftat - Catilina vor Gericht in die Knie zwingen sollen. Das wäre einfacher gewesen, als ihn an der Wahlurne zu bezwingen.«
»Vielleicht ist es noch nicht zu spät«, sagte ich. »Vielleicht kann man ja Clodius dazu überreden, die Anklagevertretung an Euch abzutreten.«
»Das macht er nie«, widersprach Cicero. »Du hast ihn doch gesehen, er ist die Arroganz in Person, ein typischer Claudius. Hier bietet sich ihm die Aussicht auf Ruhm, und die lässt er sich nicht entgehen. Hol lieber die Liste mit den potenziellen Kandidaten, Tiro. Wir müssen unbedingt einen glaubwürdigen Mann finden, der mit mir zusammen ins Rennen geht - und zwar schnell.«
In jenen Tagen stellten sich Kandidaten für das Konsulat in der Regel als Pärchen dem Wähler. Man betrachtete es als gute Strategie, ein Bündnis mit einem Mann einzugehen, der im Wahlkampf die eigenen Stärken abrundete. Cicero brauchte als Partner einen Mann mit hochangesehenem Namen und großer Zugkraft innerhalb der Aristokratie, damit er auch die aristokratischen Wähler ansprechen konnte. Als Gegenleistung konnte Cicero seine Popularität unter den pedarii und den unteren Schichten bieten sowie die Unterstützung durch den Wahlkampfapparat, den er sich in Rom geschaffen hatte. Er hatte immer gedacht, dass zu gegebener Zeit der zweite Mann kein großes Problem darstellen würde. Als wir jedoch die Liste durchgingen, begriff ich, warum er so besorgt war. Palicanus würde Ciceros Bewerbung nichts Brauchbares hinzufügen. Cornificius war Gift an der Wahlurne, und Hybrida war nur halb zurechnungsfähig. Blieben nur Galba und Gallus. Galba war ein Aristokrat bis ins Mark, er würde sich unter keinen Umständen mit Cicero einlassen, und Gallus hatte trotz aller Bitten Ciceros definitiv erklärt, dass er nicht das geringste Interesse daran habe, Konsul zu werden.
»Ist das zu fassen?«, jammerte Cicero, während wir uns um sein Schreibpult drängten und die Liste der möglichen Mitkandidaten studierten. »Da biete ich Gallus den besten Posten der Welt an, und zum Dank dafür erklärt er sich dazu bereit, dass er mir vielleicht den einen oder anderen Tag beistehen würde. Er wolle sich lieber auf die Juristerei konzentrieren!« Cicero nahm seinen Stift, strich Gallus' Namen durch und setzte unten auf die Liste den von Catilina. Träge klopfte er mit dem Stift auf das Verzeichnis, unterstrich den Namen, machte einen Kreis darum, hob dann den Kopf und schaute uns der Reihe nach an. »Einen möglichen Partner, vom dem wir noch gar nicht gesprochen haben, gibt es natürlich noch.«
»Und der wäre?«, fragte Quintus.
»Catilina.«
»Marcus!«
»Das ist mein voller Ernst«, sagte Cicero. »Denken wir das einmal durch. Nur mal angenommen, ich würde, anstatt zu versuchen, Clodius die Anklage abzujagen, Catilina anbieten, seine Verteidigung zu übernehmen. Wenn ich einen Freispruch erreichen kann, dann wäre er verpflichtet, mich bei den Konsulatswahlen zu unterstützen. Falls er aber schuldig gesprochen wird und ins Exil gehen muss, dann ist das sein Ende. Also ... mit beidem könnte ich gut leben.«
»Du würdest tatsächlich Catilina verteidigen?« Quintus kannte seinen Bruder sehr gut. Der musste sich schon einiges leisten, bevor Quintus schockiert war. An diesem Tag aber war er fast sprachlos.
»Wenn er einen Anwalt nötig hätte, würde ich sogar den schwärzesten Dämon aus der Unterwelt verteidigen. Das ist der Kern unseres Rechtssystems.« Cicero runzelte die Stirn und schüttelte gereizt den Kopf. »Das haben wir doch alles schon durchgekaut, weißt du nicht mehr, kurz vor Lucius' Tod? Erspar mir bitte diesen vorwurfsvollen Blick, Bruderherz. Was steht in deinem schlauen Buch? Ich bin ein homo novus, ich bin in Rom, ich will das Konsulat. Genau die drei Punkte sagen doch alles. Ich bin ein homo novus, deshalb können nur ich selbst und ihr paar Freunde mir helfen. Wir sind in Rom und nicht an irgendeinem abstrakten Ort in einem philosophischen Werk. Rom ist eine ruhmreiche Stadt, die auf einem Haufen Dreck erbaut ist. Und ich will das Amt, das Unsterblichkeit bedeutet, das Konsulat. Gibt es einen besseren Grund zu kämpfen? Meine Antwort lautet: ja, ich werde Catilina verteidigen, wenn nötig, und dann werde ich so schnell wie möglich wieder mit ihm brechen. Und er wird genau das Gleiche machen. Das ist die Welt, in der wir leben.« Cicero lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und hob beide Hände. »Das ist Rom.« im.
Cicero unternahm nicht sofort etwas, er wollte abwarten, ob die Anklage gegen Catilina tatsächlich vorangetrieben wurde. Viele waren der Ansicht, dass Clodius sich nur wichtig machen oder von der Schande der Scheidung seiner Schwester ablenken wollte. Aber der Sommer brach an, und schwerfällig, wie die Justiz nun einmal war, durchlief das Verfahren seine verschiedenen Stadien, postulatio, divinatio, nominas dilatio, bis schließlich die Geschworenen ausgewählt wurden und der Beginn des Prozesses auf die letzte Juliwoche festgesetzt wurde. Damit gab es keine Möglichkeit mehr, dass Catilina den Prozess rechtzeitig bis zu den Konsulatswahlen überstehen würde. Die Frist für die Nominierungen wäre dann schon abgelaufen.
In diesem Stadium entschloss sich Cicero, Catilina wissen zu lassen, dass er an der Übernahme seiner Verteidigung interessiert sei. Er zerbrach sich ausgiebig den Kopf darüber, wie er ihm das Angebot zukommen lassen solle, denn erstens wollte er bei einer Ablehnung nicht sein Gesicht verlieren, und zweitens wollte er sich für den Fall, dass er im Senat unter Druck geriet, die Möglichkeit offenhalten, jede Kontaktaufnahme zu Catilina abzustreiten. Schließlich entschied er sich für ein Vorgehen, dessen Gewitztheit typisch für ihn war. Er ließ Caelius in sein Arbeitszimmer rufen, schwor ihn auf absolute Vertraulichkeit ein und eröffnete ihm dann seinen Plan, Catilina zu verteidigen: Was er davon halte? (»Aber zu niemandem ein Wort, verstanden?«) Das war genau die Art Klatsch, die Caelius so liebte. Natürlich konnte er der Versuchung nicht widerstehen und gab die vertraulichen Informationen an seine Freunde weiter - darunter auch Marcus Antonius, der nicht nur Hybridas Neffe, sondern auch der Adoptivsohn von Catilinas engem Freund Lentulus Sura war.
Ich schätze, es dauerte gerade mal anderthalb Tage, dann stand ein Bote mit einem Brief von Catilina vor der Tür. Er ließ anfragen, ob Cicero ihn nicht mal besuchen wolle, und schlug einen Termin nach Einbruch der Dunkelheit vor - wegen der Vertraulichkeit. »Der Fisch hat also angebissen«, sagte Cicero und zeigte mir den Brief. Er schickte den Sklaven mit der mündlichen Antwort zurück, dass er Catilina noch heute Abend in dessen Haus besuchen werde.
Terentia stand inzwischen kurz vor der Niederkunft und fand die Julihitze in Rom unerträglich. Sie lag unruhig stöhnend im stickigen Speisezimmer auf einer Liege, flankiert von Tullia, die ihr mit piepsender Stimme vorlas, und einem Hausmädchen, das ihr Luft zufächelte. Ihre Laune, die auch im günstigsten Fall immer unter leicht erhöhter Temperatur litt, bewegte sich in diesen Tagen permanent im Fieberbereich. Als bei Einbruch der Dunkelheit die Kandelaber angezündet wurden und Cicero sich zum Ausgehen fertig machte, wollte sie sofort wissen, wohin er ginge. Als er nur ausweichend antwortete, warf sie ihm unter Tränen vor, dass er sich eine Konkubine genommen habe - warum sonst sollte ein respektabler Mann um diese Stunde noch außer Haus gehen? Also erzählte er ihr widerwillig die Wahrheit, dass er auf dem Weg zu Catilina sei. Natürlich besänftigte sie das nicht im Mindesten, im Gegenteil, es brachte sie nur noch mehr in Rage. Wie könne er auch nur eine Sekunde die Gesellschaft dieses Monsters ertragen, das ihre eigene Schwester, eine vestalische Jungfrau, verführt habe, worauf Cicero nur spöttisch anmerkte, Fabia sei schon immer »mehr vestalisch als Jungfrau« gewesen. Terentia versuchte vergeblich, sich aufzusetzen, und so geleiteten den amüsiert lächelnden Cicero und mich nur ihre wütenden Beschimpfungen bis zur Haustür.
Die Nacht ähnelte sehr jener Nacht kurz vor den Ädilswahlen, als Cicero Pompeius besucht hatte: die gleiche drückende Hitze, der gleiche fiebrige Mondschein und die gleiche sanfte Brise, die den Verwesungsgestank vom Friedhof jenseits der Porta Esquilina über die ganze Stadt wehte. Wir gingen hinunter aufs Forum, wo Sklaven die Straßenlaternen anzündeten, vorbei an den stumm und dunkel daliegenden Tempeln und dann den Palatin hinauf, wo Catilinas Haus stand. Ich trug eine Aktentasche, wie immer, und Cicero hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und hing mit gesenktem Kopf seinen Gedanken nach. Damals war der Palatin noch nicht so dicht bebaut wie heute, die Häuser standen weiter auseinander. Ich hörte das Plätschern eines Baches und roch den Duft von Geißblatt und Heckenrosen. »Das ist der richtige Ort zum Leben, Tiro«, sagte Cicero und blieb auf der Treppe stehen. »Wenn es keine Wahlen mehr gibt, die ich gewinnen muss, und ich nicht mehr so darauf achten muss, was die Leute über mich denken, dann werden wir hier leben. Ein Haus mit einem Garten, wo ich lesen kann und -stell dir das bloß vor! - die Kinder spielen können.« Er drehte sich um und schaute in Richtung Esquilin. »Wenn das Kind endlich da ist, wird es für uns alle leichter werden. Es ist, als wartete man darauf, dass ein Sturm losbricht.«
Catilinas Haus war problemlos zu finden, denn es befand sich in unmittelbarer Nähe des Tempels der Luna, der nachts zu Ehren der Mondgöttin immer von Fackeln beleuchtet wurde. Vor der Tür wartete ein Sklave, der uns in die Vorhalle der Villa der Sergii führte, wo Cicero von einer wunderschönen Frau begrüßt wurde. Dabei handelte es sich um Catilinas Frau Aurelia Orestilla, deren Tochter Catilina zuerst verführt haben soll, bevor er sich dann an ihre Mutter herangemacht hatte, um deretwegen er danach, so das Gerücht, seinen Sohn aus erster Ehe ermordet hatte (der Junge hatte gedroht, eher würde er Aurelia töten, als eine derart berüchtigte Kurtisane als seine neue Mutter zu akzeptieren). Cicero wusste das alles und schnitt Aurelias überschwängliche Begrüßung schroff ab. »Ich bin gekommen«, sagte er, »um mit deinem Mann zu sprechen, nicht mit dir.« Sie biss sich auf die Lippen und verstummte. Das Haus war eines der ältesten von ganz Rom. Die Bodendielen knarrten unter unseren Schritten, während wir dem Sklaven ins Innere des Hauses folgten, das nach verstaubten alten Vorhängen und Weihrauch roch. Ich erinnere mich noch an den merkwürdigen Umstand, dass das Haus anscheinend erst kürzlich fast vollständig ausgeräumt worden war. An den Wänden zeichneten sich da, wo einmal Bilder gehangen hatten, rechteckige Umrisse ab, und auf dem Boden markierten Staubringe die Stellen, an denen vorher Statuen gestanden hatten. Im Atrium hingen nur noch die schäbigen, vom Rauch der Öllampen gelb eingefärbten Wachsmasken von Catilinas Ahnen an den Wänden. Hier erwartete uns Catilina. Er war überraschend groß, mindestens einen Kopf größer als Cicero. Die zweite Überraschung war, dass hinter ihm Clodius stand. Für Cicero muss das ein gewaltiger Schock gewesen sein, was er sich als disziplinierter Anwalt allerdings nicht anmerken ließ. Er schüttelte geistesgegenwärtig erst Catilina, dann Clodius die Hand. Nachdem er höflich den Wein, den man ihm anbot, abgelehnt hatte, kamen die drei Männer ohne Umschweife zur Sache.
Rückblickend fällt mir auf, wie ähnlich sich Catilina und Clodius waren. Es war das einzige Mal, dass ich sie zusammen in einem Raum gesehen habe, und mit ihrer schleppenden Sprechweise und der Art, wie sie so lässig nebeneinanderstanden, als gehörte ihnen ganz selbstverständlich die Welt, sahen sie aus wie Vater und Sohn. Das nennt man wohl »Zucht«. Ehen innerhalb der edelsten Familien Roms über vierhundert Jahre hinweg waren nötig gewesen, um diese beiden Schurken hervorzubringen, die so reinrassig waren wie Vollblutaraber und genauso schnell, eigensinnig und gefährlich.
»Unserer Meinung nach sollte die Sache so ablaufen«, sagte Catilina. »Unser junger Clodius hier hält eine brillante Rede für die Anklagevertretung, und jeder wird sagen, das ist der neue Cicero, jetzt ist Catilina fällig. Aber dann kommst du, Cicero, und konterst mit einer noch brillanteren Rede für die Verteidigung, sodass es anschließend keinen Menschen mehr überrascht, wenn ich freigesprochen werde. Das Ende der Geschichte ist, dass wir den Leuten ein gutes Spektakel geliefert haben und jeder von uns danach besser dasteht als vorher. Ich werde vor dem Volk Roms für unschuldig erklärt, Clodius bekommt seinen Lorbeer als der tapfere kommende Mann, und du hast einen weiteren fulminanten Sieg vor Gericht errungen, für einen Mandanten, der noch eine Spur nobler ist als deine übliche Klientel.«
»Und wenn die Geschworenen anders entscheiden?«
»Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen.« Catilina klopfte auf seine Tasche. »Um die Geschworenen habe ich mich gekümmert.«
»Das Recht ist ja so teuer heutzutage«, sagte Clodius lächelnd. »Der arme Catilina musste sogar seine Familienerbstücke versilbern, damit ihm Gerechtigkeit widerfährt. Das ist wirklich ein Skandal. Was macht da bloß das gemeine Volk?«
»Ich muss die Prozessakten einsehen«, sagte Cicero. »Wann beginnt die Anhörung?«
»In drei Tagen«, sagte Catilina und machte dem Sklaven, der an der Tür stand, ein Zeichen. »Reicht das, damit du dich ausreichend vorbereiten kannst?«
»Wenn man die Geschworenen schon überzeugt hat, dann reichen mir für meine Rede zwei kurze Sätze: >Das hier ist Catilina! Schickt ihn nach Hause.<«
»O nein, so kommst du mir nicht davon. Ich will die komplette ciceronische Aufführung!«, sagte Catilina. »Ich will von dir: >Dieser nnnoble Mmman ... das Bbblut von Jahrhunderten ... seht die Tränen seiner Fffrau und seiner Fffreunde ... <« Er wedelte mit seinem Arm überschwänglich in der Luft herum und machte auf primitive Weise Ciceros kaum noch hörbares Stottern nach. Clodius lachte. Beide waren schon leicht angetrunken. »Ich will Sprüche wie >Bbbarbaren aus Afrika bbbesudeln die Ehre dieses altehrwürdigen Gggerichts .. .< Ich will, dass du vor unseren Augen Karthago und Troja heraufbeschwörst, dass du Dido und Aeneas ...«
»Ja, ja, schon gut«, schnitt ihm Cicero kühl das Wort ab. »Du wirst professionelle Arbeit bekommen.« Der Sklave war inzwischen mit den Gerichtsunterlagen zurückgekehrt. Ich stopfte sie hastig in meine Dokumententasche, da ich spürte, dass die alkoholisierte Stimmung umzukippen drohte, und es mir angeraten schien, Cicero so schnell wie möglich von hier wegzuschaffen. »Wir müssen uns noch einmal treffen, um die Beweislage durchzusprechen«, fuhr Cicero in unverändert kühlem Tonfall fort. »Am besten gleich morgen, wenn dir das recht ist.«
»Absolut, ich habe nichts Besseres vor«, sagte Catilina. »Ich hatte eigentlich vor, wie dir natürlich bekannt sein dürfte, diesen Sommer zur Konsulatswahl anzutreten, bis dieser junge Übeltäter hier mir einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.«
Für einen Mann seiner Größe war Catilina unerhört behände. Er machte plötzlich einen Satz nach vorn, schlang seinen muskulösen rechten Arm um Clodius' Hals und drückte den Kopf des Jüngeren so weit nach unten, dass dieser wehrlos in seinem Klammergriff hing. Der arme Clodius -der, nebenbei bemerkt, auch kein Schwächling warstöhnte dumpf auf und krallte halbherzig seine Finger in Catilinas Arm. Catilina verfügte über erschreckende Kräfte. Heute frage ich mich, ob er nicht im nächsten Augenblick mit einer ruckartigen Aufwärtsbewegung seines Unterarms Clodius' Genick gebrochen hätte, wenn Cicero nicht mit ruhiger Stimme gesagt hätte: »Als dein Verteidiger, Catilina, erlaube ich mir den Hinweis, dass es ein schwerwiegender Fehler wäre, deinen Ankläger zu ermorden.«
Catilina wirbelte herum und starrte Cicero mit finsterem Blick an - als hätte er für einen Augenblick vergessen, wen er vor sich hatte. Dann fing er an zu lachen. Er fuhr durch Clodius' blondes Lockenhaar und gab ihn frei. Clodius stolperte hustend zurück und massierte seine Schläfen und seine Kehle. Er warf Catilina einen Blick zu, in dem die pure Mordlust stand, doch auch er fasste sich sofort wieder, fing an zu lachen und richtete sich auf. Sie umarmten sich, Catilina rief nach mehr Wein, und wir überließen sie ihrem Gelage. »Ein reizendes Pärchen«, sagte Cicero, als wir am Tempel der Luna vorbeigingen. »Mit ein bisschen Glück haben sie sich bis morgen früh gegenseitig umgebracht.«
Als wir Ciceros Haus erreichten, lag Terentia in den Wehen. Es gab keinen Zweifel. Ihre Schreie waren bis auf die Straße zu hören. Cicero stand im Atrium und war weiß vor Panik und Entsetzen. Bei Tullias Geburt war er nicht in Rom gewesen, und seine philosophischen Bücher hatten ihn nicht auf das vorbereitet, was sich da abspielte. »Allmächtiger Himmel, das hört sich an, als würde sie gefoltert. Terentia!« Er lief zur Treppe, wurde aber von einer der Hebammen aufgehalten.
Eine quälend lange Zeit warteten wir im Speisezimmer. Cicero bat mich, bei ihm zu bleiben, war aber zunächst zu nervös, um zu arbeiten. Er legte sich auf die Liege, auf der Terentia gelegen hatte, als wir zu Catilina gegangen waren, sprang aber immer wieder auf und lief unruhig hin und her, sobald er Terentias Schreie hörte. Die Luft war heiß und drückend, die schwarzen Rauchfäden der ruhig brennenden Kerzenflammen sahen aus wie Senkbleischnüre, die starr von der Decke hingen. Ich machte mich daran, die Gerichtsunterlagen, die mir der Sklave in Catilinas Haus gegeben hatte, auf dem Boden auszubreiten und nach bestimmten Kategorien zu ordnen - Anklagepunkte, Zusammenfassungen von Urkundenbeweisen, eidliche Aussagen. Um sich abzulenken, fing Cicero schließlich an zu lesen. Auf dem Bauch liegend hob er eine Papyrusrolle nach der anderen auf, hielt sie neben die Lampe, die ich ihm hingestellt hatte, und vertiefte sich in die Unterlagen. Immer wieder stöhnte er kurz auf, aber ich wusste nicht, ob das an dem nicht nachlassenden Schreien oder an den grauenhaften Anschuldigungen gegen Catilina lag. Die enthielten tatsächlich die entsetzlichsten Schilderungen von Brutalität und Vergewaltigung aus fast jeder Stadt in Afrika, von Urica bis Thaenae, von Thapsus bis Thelepte. Nach ein oder zwei Stunden warf er die Rollen angeekelt beiseite und bat mich, Papier zu holen, er wolle ein paar Briefe diktieren. Der erste war für Atticus. Er legte sich auf den Rücken, schloss die Augen und konzentrierte sich. Ich habe die Abschrift des Briefes hier vor mir liegen.
Es ist lange her, dass ich eine Zeile von dir in Händen hielt. Über meinen Wahlkampf habe ich dir schon ausführlich berichtet. Im Augenblick bereite ich die Verteidigung meines Mitkandidaten Catilina vor. Wir haben geneigte Geschworene, und die Anklagevertretung wird in jeder Hinsicht kooperieren. Im Fall eines Freispruchs sollte Catilina einer Zusammenarbeit mit mir im Wahlkampf wohlwollender gegenüberstehen. Das ist zumindest meine Hoffnung. Sollte es anders ausgehen, werde ich es philosophisch nehmen.
»Ha! Was bleibt mir auch übrig?« Er schloss die Augen.
Ich brauche dich hier, und zwar bald. Jeder scheint der festen Meinung zu sein, dass deine adeligen Freunde sich große Mühe geben werden, um meine Wahl zu verhindern ...«
An dieser Stelle bricht der Brief ab, denn von oben war anstatt eines weiteren Schreis nun ein ganz anderes Geräusch zu hören - nämlich das krähende Kreischen eines Neugeborenen. Cicero sprang auf und stürmte die Treppe hinauf. Als er kurze Zeit später wieder zurückkam, nahm er mir schweigend Brief und Stift aus den Händen und schrieb eigenhändig oben auf die Seite:
Ich habe die Ehre, dir mitteilen zu können, dass ich Vater eines Sohnes geworden bin. Terentia ist wohlauf.
*
Wie die Anwesenheit eines gesunden Neugeborenen ein Haus doch verwandelt. Ich glaube, das liegt daran, obwohl das nur selten zugegeben wird, dass es einen doppelten Segen darstellt. Die unausgesprochenen, alle Geburten begleitenden Ängste - die vor Schmerzen, Tod und Missbildungen -sind gebannt, und an ihre Stelle tritt das Wunder eines neuen Lebens. Erleichterung und Freude sind ineinander verflochten.
Natürlich war es mir nicht gestattet, Terentias Zimmer zu betreten, aber ein paar Stunden nach der Geburt brachte Cicero seinen Sohn nach unten und präsentierte ihn stolz den Mitgliedern des Haushalts und seinen Klienten. Viel zu sehen gab es nicht, um ehrlich zu sein, ein kleines rötlich wundes Gesicht und einen schwarzen Tupfer aus feinen Härchen. Er war eingewickelt in dieselben Wolltücher, die schon vor über vierzig Jahren bei Cicero ihren Dienst getan hatten. Aus seiner Zeit als Kleinkind hatte der Senator auch noch eine Silberrassel aufgehoben, die er jetzt über dem winzigen Gesicht hin und her wedelte. Vorsichtig trug er seinen Sohn ins Atrium und zeigte ihm die Stelle an der Wand, wo eines Tages, falls seine Träume sich bewahrheiteten, sein eigenes Bildnis als Konsul hängen würde. »Und dann«, flüsterte Cicero, »bist du Marcus Tullius Cicero, Sohn des Konsuls Marcus Tullius Cicero. Na, hört sich nicht schlecht an, was? Mit spöttischen Bemerkungen von wegen homo novus brauchst du dich nicht mehr herumzuärgern. Hier, Tiro, fühl mal, wie das ist, wenn man den Begründer einer neuen Politdynastie im Arm hält.« Er reichte mir das Bündel, und ich hielt es so linkisch in meinen Händen, wie es Kinderlose eben tun, wenn man ihnen ein Neugeborenes in den Arm drückt. Ich war erleichtert, als mir das Kindermädchen den Junior wieder abnahm.
Cicero betrachtete inzwischen wieder versonnen den leeren Fleck an der Atriumwand und schwelgte in einem seiner Tagträume. Ich frage mich, was er da wohl gesehen haben mochte: seine Totenmaske, die ihn wie ein Spiegelbild anstarrte? Als ich mich nach Terentias Befinden erkundigte, sagte er zerstreut: »Was, ja, ja, alles in Ordnung. Du weißt ja, sie ist eine starke Frau. Zumindest ist sie schon wieder so weit bei Kräften, um mich wegen meines Bündnisses mit Catilina zu nerven.« Widerwillig wandte er den Blick von der leeren Wand. »Also dann, Tiro«, sagte er seufzend. »Unser Schurke wartet, den Termin halten wir besser ein.«
Als wir an jenem Morgen bei Catilina eintrafen, war der ehemalige Statthalter von Afrika die Liebenswürdigkeit in Person. Später machte Cicero eine Aufstellung von Catilinas »widersprüchlichen Eigenschaften«, aus der ich hier zitieren möchte, da sie dessen Wesen gut beschreibt: ... viele Menschen mit seiner Freundschaft für sich einzunehmen und sie durch Treue an sich zu binden;. seinen Besitz mit allen zu teilen und in Notzeiten all seinen Freunden zu Diensten zu sein, mit Geld, Einfluss, harter Arbeit und - falls nötig - rücksichtslosen Verbrechen; ... die ihm eigenen Launen je nach Situation unter Kontrolle zu halten, sie mal in diese Richtung zu lenken, mal in jene; ... sich seriös zugeben bei den Strengen, nachsichtig bei den Freisinnigen, würdevoll bei den Alten, jovial bei den Jungen, dreist bei den Kriminellen, zügellos bei den Lasterhaften ... Und das war der Catilina, der uns an jenem Morgen empfing: Die Geburt von Ciceros Sohn hatte man ihm offenbar schon zugetragen, denn er schüttelte seinem Advokaten herzlich die Hand, zog eine wunderschöne Kassette aus Kalbleder hervor und bestand darauf, dass Cicero sie sofort öffnete. Zum Vorschein kam ein Amulett für ein Neugeborenes aus Silber, das Catilina aus Utica mitgebracht hatte. »Nur ein kleines Schmuckstück der Eingeborenen dort, es soll Krankheit und böse Geister abwehren«, sagte er. »Mit meinen besten Wünschen für deinen Jungen.«
»Das ist sehr großzügig von dir, Catilina«, sagte Cicero. Das Amulett zierte eine ziemlich erlesene Gravur und war sicher kein gewöhnliches billiges Schmuckstück. Als Cicero es gegen das Licht hielt, sah ich, dass darauf alle Arten sich gegenseitig jagender, exotischer wilder Tiere zu sehen waren, die von zahlreichen sich windenden Schlangen miteinander verbunden waren. Einen Augenblick lang drehte er es noch zwischen den Fingern und wog es auf der Handfläche, legte es dann jedoch zurück in die Kassette und gab es Catilina zurück. »Ich fürchte, das kann ich nicht annehmen.«
»Warum?«, fragte Catilina und lächelte verblüfft. »Weil du mein Anwalt bist, und Anwälte keine Bezahlung annehmen dürfen? Das nenne ich Integrität! Es ist doch bloß eine Kleinigkeit für ein Neugeborenes.«
»Nun«, erwiderte Cicero und atmete langsam ein. »Eigentlich bin ich nur gekommen, um dir mitzuteilen, dass ich den Fall nicht übernehmen werde.«
Ich war gerade damit beschäftigt gewesen, sämtliche Unterlagen auf dem kleinen Tisch, der zwischen den beiden Männern stand, auszubreiten, und hatte sie aus den Augenwinkeln im Blick behalten. Jetzt senkte ich schnell den Kopf und tat geschäftig. Nach einer Ewigkeit, wie mir schien, in der keiner von beiden etwas sagte, hörte ich Catilinas Stimme, die leise fragte: »Und warum nicht?«
»Ich will ganz ehrlich sein: Weil du einfach zu offensichtlich schuldig bist.«
Wieder herrschte Stille. Dann Catilinas Stimme, die immer noch sehr gelassen klang. »Auch Fonteius war der Erpressung der Gallier schuldig, und trotzdem hast du ihn verteidigt.«
»Ja. Aber es gibt verschiedene Stufen von Schuld. Fonteius war korrupt, aber harmlos. Du bist korrupt und noch etwas vollkommen anderes.«
»Das zu entscheiden, ist Sache des Gerichts.«
»Normalerweise würde ich dir zustimmen. Aber du hast das Urteil schon im Voraus gekauft, und bei dieser Posse möchte ich nicht mitspielen. Du hast es mir unmöglich gemacht, mich selbst davon zu überzeugen, dass mein Handeln ehrenhaft wäre. Und wenn ich mich selbst nicht überzeugen kann, dann kann ich auch niemand anderen überzeugen -nicht meine Frau, nicht meinen Bruder und - was mir vielleicht noch wichtiger ist - auch nicht meinen Sohn, wenn er mal alt genug sein wird, um das alles zu verstehen.«
In diesem Augenblick riskierte ich einen Blick auf Catilina. Er stand vollkommen regungslos da, die Arme hingen locker an ihm herunter. Er erinnerte mich an ein Tier, das plötzlich einem Rivalen begegnet, an die lauernde, kampfbereite Ruhe des Raubtiers kurz vor dem Sprung. Als er antwortete, kam mir die Beiläufigkeit seines Tonfalls etwas zu angestrengt vor. »Dir ist klar, dass diese Entscheidung für mich keine, für dich aber sehr wohl Folgen haben wird? Es spielt keine Rolle, wer mich vertritt. Für mich ändert sich gar nichts. Man wird mich freisprechen. Aber du wirst statt meiner Freundschaft meine Feindschaft haben.«
Cicero zuckte mit den Achseln. »Ich dränge mich nach keines Mannes Feindschaft. Sollte sie sich aber nicht vermeiden lassen, so werde ich sie ertragen.«
»Du hast noch nie eine Feindschaft wie die meine ertragen müssen, da kannst du sicher sein. Frag die Afrikaner.« Er grinste. »Frag Gratidianus.«
»Du hast ihm die Zunge herausgeschnitten, Catilina. Die Konversation dürfte sich schwierig gestalten.«
Catilina beugte sich leicht vor, und der Gedanke schoss mir durch den Kopf, er könnte Cicero antun, was er bei Clodius am Abend zuvor nur angedeutet hatte. Aber das wäre Wahnsinn gewesen, und Catilina war nie vollständig von Sinnen: wenn ja, wäre alles viel einfacher gewesen. Stattdessen beherrschte er sich und sagte: »Nun, dann muss ich dich wohl gehen lassen.«
Cicero nickte. »Das musst du wohl. Lass die Unterlagen hier, Tiro. Wir brauchen sie nicht mehr.«
Ich kann mich an kein weiteres Wort zwischen den beiden erinnern. Ich glaube, es fiel auch keins mehr. Catilina und Cicero wandten sich einfach den Rücken zu, die traditionelle Geste zur Besiegelung gegenseitiger Feindschaft, dann verließen wir die alte, leere, knarzende Villa und traten hinaus in die Hitze des römischen Sommers.
Es folgte ein höchst schwieriger und unruhiger Abschnitt in Ciceros Leben, in dem er sicher oft bereut hat, sich Catilina zu einem derart erbitterten Feind gemacht und sich nicht einfach mit irgendeiner Ausrede aus seiner Verpflichtung herausgewunden zu haben. Es kamen nämlich, wie er oft genug sagte, nur drei Ergebnisse für die anstehende Konsulatswahl infrage, und die waren alle drei nicht angenehm. Entweder er würde Konsul und Catilina nicht, dann wäre völlig offen, was sein geschlagener Rivale in seinem Groll unternehmen und wie weit er gehen würde. Oder Catilina würde Konsul und er nicht, dann würde er mit der ganzen Macht seines Amtes gegen ihn vorgehen. Oder - und das versetzte ihn meiner Meinung nach am meisten in Panik - er und Catilina würden gemeinsam Konsul, dann würde sein Traum vom höchsten Imperium zu einer einjährigen Dauerschlacht degenerieren, und die Staatsgeschäfte würden durch ihre erbitterte Feindschaft paralysiert.
Der erste Schock traf Cicero ein paar Tage später bei der Eröffnung des Prozesses gegen Catilina. Der leitende Anwalt der Verteidigung war nämlich kein anderer als einer der Konsuln, Lucius Manlius Torquatus, das Oberhaupt eines der ältesten und angesehensten Patriziergeschlechter Roms. Catilina wurde von der gesamten alten Aristokratengarde ins Gericht begleitet - darunter natürlich Catulus, aber auch Hortensius, Lepidus und Curio der Ältere. Trost fand Cicero nur darin, dass sich Catilinas Schuld ohne jeden Zweifel offenbarte und dass Clodius, der auf seinen eigenen Ruf achten musste, anständige Arbeit leistete und alles aus den Beweismitteln herausholte. Torquatus war zwar ein weltgewandter und präziser Anwalt, aber er konnte auch nichts anderes tun als den - um eine damals gebräuchliche, ziemlich rüde Wendung zu benutzen -Scheißhaufen mit Parfüm zu beträufeln. Die Geschworenen waren zwar bestochen worden, aber die Zeugnisse von Catilinas Verhalten in Afrika waren derart schockierend, dass die Richter ihn fast schuldig gesprochen hätten. Allerdings wurde er nur per infamiam freigesprochen - das heißt, er wurde vom Gericht unehrenhaft entlassen. Aus Angst vor der Rache Catilinas und seiner Anhänger verließ Clodius kurze Zeit später die Stadt und trat in die Dienste von Lucius Murena ein, dem neuen Statthalter der Provinz Narbonensis in Gallia Transalpina. »Hätte ich Catilina doch selbst verteidigt«, stöhnte Cicero. »Dann säße er jetzt mit Verres am Strand von Massilia.«Wenigstens hatte er die Schande vermieden, Catilina als Verteidiger dienstbar gewesen zu sein - was er übrigens zum großen Teil Terentia zugutehielt. Seitdem legte er deutlich mehr Wert auf ihren Rat.
Ciceros Wahlkampfstrategie sah vor, dass er Rom nun für vier Monate den Rücken kehrte und im Norden, bis hinauf zur Grenze Italiens mit Gallia Cisalpina, auf Stimmenfang ging. Soweit mir bekannt, hatte das noch kein Kandidat vor ihm getan, und obwohl Cicero die Stadt nur äußerst ungern für so lange Zeit verließ, war er davon überzeugt, dass es die Mühe wert war. Bei seiner Kandidatur für das Ädilat hatte es etwa vierhunderttausend registrierte Wähler gegeben. Inzwischen jedoch waren die Listen von den Zensoren aktualisiert und die Gebiete mit Wahlrecht bis zum Po ausgedehnt worden, sodass es nun fast eine Million Stimmberechtigte gab. Nur sehr wenige von diesen Bürgern würden jemals die weite Reise in Erwägung ziehen, um in Rom persönlich ihre Stimme ab zu geben. Wenn er es aber schaffte, so Ciceros Kalkulation, nur einen von zehn, mit denen er auf seiner Wahlkampfreise sprach, zu der Mühe überreden zu können, dann könnte ihm das auf dem Marsfeld den entscheidenden Vorteil bringen.
Er setzte die Abreise auf den Tag nach den Römischen Spielen fest, die in jenem Jahr wie üblich am fünften September begannen. Und da traf Cicero der zweite . nun ja, ich würde es nicht gerade Schock nennen, aber es war doch entschieden beunruhigender als eine simple Überraschung. Die Römischen Spiele wurden wie immer von den kurulischen Ädilen veranstaltet, von denen einer Caesar war. Wie bei Antonius Hybrida setzte man auch in ihn keinerlei Erwartungen, weil jeder wusste, dass er sich immer in finanziellen Engpässen befand. Aber Caesar riss das Spektakel gleich ganz an sich und verkündete auf seine arrogante Art, dass diese Spiele nicht nur zu Ehren Jupiters, sondern auch zu Ehren seines toten Vaters stattfänden. Schon Tage vorher errichteten seine Arbeiter auf dem Forum Kolonnaden, wo die Menschen flanieren und staunen konnten, welche wilden Tiere er importiert und welche Gladiatoren er eingekauft hatte - nicht weniger als dreihundertzwanzig Kampfpaare in Silberrüstungen: so viele wie nie zuvor bei öffentlichen Spielen. Er veranstaltete Bankette, hielt Umzüge ab, führte Theaterstücke auf, und am Morgen der eigentlichen Spiele erwachten die Bürger Roms und stellten fest, dass er auf dem Gelände des Kapitols über Nacht eine Statue von Marius, dem Helden der Populären, hatte aufstellen lassen - der großen Hassfigur der Aristokraten.
Catulus ließ daraufhin umgehend den Senat einberufen und stellte den Antrag auf sofortige Entfernung der Statue. Caesar war jedoch dermaßen populär in Rom, dass es der Senat nach seiner ätzenden Gegenrede nicht wagte, die Angelegenheit weiter zu verfolgen. Jedem war klar, dass es nur einen Mann gab, der Caesar das Geld für eine derartig verschwenderische Inszenierung hatte leihen können: Crassus. Ich weiß noch, dass Cicero nach den Römischen Spielen in genauso niedergeschlagener Stimmung nach Hause kam wie nach Hybridas Spielen des Apollo. Das lag nicht an Caesar, denn es war unwahrscheinlich, dass der sechs Jahre Jüngere jemals in einer Wahl gegen ihn antreten würde, sondern daran, dass Crassus eindeutig etwas im Schilde führte und Cicero keine Ahnung hatte, was das war. In jener Nacht schilderte mir Cicero eine Nummer des Unterhaltungsprogramms. »Ein bedauernswerter Bursche, irgendein Krimineller, wurde nackt in die Mitte der Arena geführt. Seine einzige Waffe war ein Holzschwert. Dann haben sie einen Panther und einen Löwen auf ihn losgelassen, die sicher seit Wochen kein Stück Fleisch mehr gesehen hatten. Der Bursche hat den Leuten wirklich eine anständige Vorstellung geboten. Er hat sich den einzigen Vorteil zunutze gemacht, den er hatte -seinen Verstand. Er ist hierhin gesaust, dahin gesaust, und eine Zeit lang hat es ganz so ausgesehen, als könnte er es schaffen, dass die beiden Raubtiere nicht ihm, sondern sich gegenseitig an die Gurgel gingen. Die Menge hat ihn angefeuert. Aber dann ist er ein einziges Mal gestolpert, und die beiden Bestien haben ihn in Stücke gerissen. Ich habe nach links geschaut, zu Hortensius und den anderen Aristokraten, alle haben gelacht und applaudiert, und dann nach rechts, wo nebeneinander Crassus und Caesar gesessen haben. Und ich habe mir gedacht: Tja, Cicero, der Mann da unten, das bist du.«
Seine persönlichen Beziehungen zu Caesar waren immer freundlich, nicht zuletzt deshalb, weil Caesar seine Witze mochte. Aber er hatte ihm nie vertraut, und jetzt, da er ihn verdächtigte, mit Crassus zu paktieren, begann er etwas mehr Abstand zu halten. Es gibt noch eine Geschichte über Caesar, die ich erwähnen sollte. Etwa um die gleiche Zeit wurde Palicanus bei Cicero mit dem Anliegen vorstellig, ihn bei seiner eigenen Bewerbung für das Konsulat zu unterstützen. Ach ja, der arme Palicanus! Er war ein warnendes Beispiel dafür, wie einem die Politik mitspielen kann, wenn man zu sehr von der Gunst eines bedeutenden Mannes abhängt. Er war erst Pompeius' treuer Volkstribun und dann sein treuer Prätor gewesen, hatte aber -nachdem Pompeius das Sonderkommando erhalten hatte - nie seinen Anteil an der Beute bekommen. Aus einem einfachen Grund: Es gab nichts mehr, was Palicanus dafür noch hätte anbieten können; er war einfach leer, ausgepresst. Ich stelle mir vor, dass er Tag für Tag in seinem Haus saß und seine monströse Pompeius-Büste anschaute oder allein vor seinem Wandgemälde von Pompeius als Jupiter zu Abend aß - im Ernst, seine Chancen auf das Konsulat waren ungefähr so groß wie meine. Aber Cicero wollte ihm die Abfuhr so freundlich wie möglich beibringen. Er sagte, er könne kein Wahlbündnis mit ihm eingehen, aber er würde versuchen, ihm in der Zukunft anderweitig behilflich zu sein (was er natürlich nie tat). Am Ende des Gesprächs, Palicanus hatte sich bereits erhoben, wollte Cicero noch eine freundliche Bemerkung machen und bat ihn, doch seine Tochter (die schlampige Lollia, die Frau von Gabinius) von ihm zu grüßen.
»Lass mich bloß mit dieser Hure in Ruhe!«, sagte er. »Du musst doch davon gehört haben? Die ganze Stadt redet schon darüber. Sie lässt sich jeden Tag von Caesar vögeln.«
Cicero versicherte ihm, dass er das nicht gewusst habe.
»Caesar«, sagte Palicanus bitter. »Dieser falsche Bastard. Ich bitte dich, genau dann mit der Frau eines Kameraden ins Bett zu gehen, wenn der tausend Meilen weit weg für sein Vaterland kämpft.«
»Eine Schande«, pflichtete Cicero ihm bei. »Nicht dass ich in solchen Dingen Experte wäre«, sagte er zu mir, nachdem Palicanus gegangen war. »Aber wenn man schon so was macht, dann ist das doch genau der richtige Zeitpunkt.« Er schüttelte den Kopf. »Allerdings ... da kommt man schon auf Gedanken. Wenn dir ein Mann deine Frau ausspannt, was würde er dir noch alles abknöpfen?«
Wieder einmal hätte ich ihm fast erzählt, was ich in Pompeius' Haus gesehen hatte. Und wieder besann ich mich eines vermeintlich Besseren.
An einem klaren Herbstmorgen verabschiedete sich Cicero unter Tränen von Terentia, Tullia und dem kleinen Marcus, und wir verließen die Stadt, um auf große Wahlkampfreise in den Norden zu gehen. Wie üblich blieb Quintus zurück und nahm sich der politischen Interessen seines Bruders an, während Frugi mit dem juristischen Tagesgeschäft betraut wurde. Der junge Caelius Rufus nahm die Abreise zum Anlass, Cicero endlich zu verlassen, um seine Ausbildung im Haushalt von Crassus zu vervollständigen.
Wir reisten in einer Kolonne aus drei vierrädrigen Kutschen, die von jeweils zwei Maultieren gezogen wurden - in einer schlief Cicero, eine andere war zum Arbeitszimmer umgebaut worden, und die dritte war bis unters Dach vollgestopft mit Gepäck und Unterlagen. Danach kamen kleinere Wagen, in denen das Gefolge des Senators untergebracht war: Sekretäre, Diener, Maultiertreiber, Köche und Wer-weiß-ich-noch-alles, darunter mehrere stämmige Männer, die als Leibwachen dienten. Niemand wünschte uns Lebewohl, als wir durch die Porta Fontinalis aus der Stadt hinausfuhren. In jenen Tagen waren die Hügel nördlich von Rom noch ganz mit Pinien bedeckt - abgesehen von dem einen, auf dem Lucullus gerade seinen berüchtigten Palast vollendete. Der patrizische General war inzwischen aus dem Osten zurückgekehrt, konnte die Stadt aber nicht betreten, ohne sein militärisches Imperium und damit auch sein Recht auf einen Triumph zu verwirken. Also wartete er hier draußen inmitten all seiner Kriegsbeute darauf, dass seine aristokratischen Kumpane eine Mehrheit im Senat zustande brächten, die dafür stimmte, dass er als Triumphator in Rom einziehen konnte -was aber Pompeius' Anhänger, darunter auch Cicero, nach wie vor verhinderten. Allerdings schaute Cicero kurz von seinen Briefen auf, um im Vorbeifahren einen Blick auf den gewaltigen Palast zu werfen, dessen Dach zwischen den Baumwipfeln hervorlugte. Insgeheim hoffte ich, dass wir vielleicht den großen Mann selbst zu Gesicht bekämen, aber natürlich war das nicht der Fall. (Nebenbei bemerkt: Auch der gerade aus Kreta zurückgekehrte Quintus Metellus, der einzige noch lebende der drei Metellus-Brüder, saß vor den Toren Roms fest und wartete auf die Bewilligung seines Triumphes, den ihm der ewig eifersüchtige Pompeius aber ebenso verweigerte. Lucullus' und Metellus' missliche Lage war für Cicero Quell ständigen Vergnügens: »Generäle im Verkehrsstau«, nannte er sie. »Beide wollen unbedingt durch den Triumphbogen nach Rom ziehen.«) An der Milvischen Brücke hielten wir an, und Cicero setzte schnell noch einen letzten Abschiedsgruß an Terentia auf. Dann überquerten wir den angeschwollenen Tiber und führen auf der Via Flaminia Richtung Norden.
An jenem ersten Tag kamen wir sehr gut voran und erreichten kurz vor Einbruch der Dunkelheit das etwa dreißig Meilen nördlich von Rom gelegene Ocriculum. Wir wurden von einem prominenten Bürger, der Cicero seine Gastfreundschaft angeboten hatte, empfangen, und am nächsten Morgen auf dem Forum eröffnete der Senator seinen Wahlfeldzug. Das Geheimnis eines effizienten Wahlkampfs liegt in der Qualität der Arbeit, die der Mitarbeiterstab des Kandidaten schon im Voraus geleistet hat. Cicero hatte das große Glück, zwei Könner auf diesem Gebiet angeheuert zu haben, Ranunculus und Filum, die ihm vorausreisten und dafür sorgten, dass er in jeder Stadt von einer ansehnlichen Anhängerschar erwartet wurde. Für die beiden Haudegen gab es keinen einzigen weißen Fleck auf der Wahlkreislandkarte Italiens. Sie wussten, wer von den lokalen Rittern es Cicero übel nähme, wenn er ihnen nicht seinen Respekt zollte, und wem man besser aus dem Weg ging; welche die bedeutendsten Wahlbezirke und Zenturien in jeder Region waren und welche höchstwahrscheinlich einmal wichtig werden könnten; welche Themen die Bürger am meisten bewegten und welche Zusagen sie als Gegenleistung für ihre Stimmen erwarteten. Obwohl sie kein anderes Gesprächsthema als Politik kannten, konnte Cicero mit ihnen bis spät in die Nacht hinein Fakten und Geschichten austauschen und war dabei so glücklich, als unterhielte er sich mit einem Philosophen oder sonst einem geistreichen Menschen.
Selbst wenn ich mich noch an alle Einzelheiten der Kampagne erinnerte, ich hätte nicht vor, sie hier aufzuzählen. Bei allen Göttern, ein Haufen Asche wäre alles, was bei näherer Betrachtung von den meisten politischen Karrieren übrig bliebe. Früher hätte ich die Namen aller Konsuln der letzten hundert und die der meisten Prätoren der letzten vierzig Jahre auswendig gewusst. Inzwischen haben sie sich fast alle aus meinem Gedächtnis verabschiedet, ausgelöscht wie die Lichter in der Bucht von Neapel um Mitternacht. Kein Wunder, dass die Städte und Menschenmengen aus Ciceros Wahlkampf zu einem einzigen allgemeinen Eindruck verschmolzen sind, der aus geschüttelten Händen, gehörten Geschichten, ertragenem Stumpfsinn, empfangenen Petitionen, erzählten Witzen, gegebenen Garantien sowie besänftigten und umschmeichelten Lokalgrößen besteht. Der Name Cicero war damals berühmt, sogar außerhalb Roms. Die Leute strömten in Massen herbei, um ihn zu sehen, besonders in den größeren Städten mit eigener Rechtsprechung, wo seine Anklagereden aus dem Fall Verres - selbst diejenigen, die er gar nicht gehalten hatte - in zahllosen Kopien im Umlauf waren. Er war ein Held für die unteren Schichten wie für die angesehenen Ritter, die ihn als einen Streiter gegen die Habgier und den Snobismus der Aristokratie betrachteten. Aus diesem Grund öffneten sich ihm auch nur sehr selten die Türen der großen patrizischen Familien. Wenn wir an deren Anwesen vorbeikamen, wurden wir oft verhöhnt und gelegentlich auch mit diversen Gegenständen beworfen.
Wir eilten weiter Richtung Norden, widmeten entlang der Via Flaminia jeweils einen Tag jeder etwas größeren Stadt - Narnia, Carsulae, Mevania, Fulginia und Tadinum - und erreichten etwa zwei Wochen nach unserer Abreise aus Rom schließlich die Adriatische Küste. Es lag schon einige Jahre zurück, dass ich das Meer zum letzten Mal gesehen hatte, und als hinter dem Staub und Gestrüpp das glitzernde Blau auftauchte, war ich so aufgeregt wie ein kleines Kind. Es war ein wolkenloser und milder Nachmittag, der verirrte Nachzügler eines schon lange verblassten Sommers. Spontan ließ Cicero anhalten, sodass wir alle an den Strand gehen konnten. Merkwürdig, welche Dinge einem unauslöschlich in Erinnerung bleiben. Während ich die politischen Details jener Reise fast alle vergessen habe, so erinnere ich mich immer noch genau an jede Einzelheit dieser einstündigen Rast -an den Geruch des Seegrases und den Geschmack der salzigen Gischt auf meinen Lippen; an die Wärme der Sonne auf meinen Wangen; an das Klackern der Kiesel, wenn die Wellen auf den Strand schlugen, und das Rauschen, wenn sie sich wieder zurückzogen; und an Ciceros Lachen, als er zu demonstrieren versuchte, wie Demosthenes angeblich seine Sprechtechnik verbessert haben soll, indem er nämlich seine Reden mit dem Mund voller Kieselsteine einstudierte.
Ein paar Tage später, in Ariminum, bogen wir auf die Via Aeinilia ein und wandten uns nach Westen, weg vom Meer in die Provinz Gallia Cisalpina. Ab jetzt spürten wir den schneidenden Wind des nahenden Winters. Zu unserer Linken ragten steil die schwarzpurpurnen Berge des Apennin auf, zu unserer Rechten erstreckte sich das Delta des Po grau und flach bis zum Horizont. Ich hatte das seltsame Gefühl, dass wir uns in der Ecke eines großen Raumes befanden und wie Insekten am Fuß einer Wand entlangkrabbelten. Das zu jener Zeit alles beherrschende politische Thema in Gallia Cisalpina war das Wahlrecht. Wer südlich des Po lebte, durfte wählen, wer nördlich davon lebte, nicht. Die von Pompeius und Caesar angeführten Populären waren dafür, das Bürgerrecht über den Fluss bis zu den Alpen auszudehnen; die Aristokraten und ihr Wortführer Catulus witterten eine Verschwörung, die ihre Macht weiter schmälern sollte, und waren dagegen. Cicero befürwortete natürlich eine Ausdehnung des Wahlrechts so weit wie möglich - das war seine zentrale Wahlkampfaussage.
Nie zuvor hatte man in dieser Gegend einen Wahlkämpfer fürs Konsulat gesehen. In jedem kleinen Ort kamen Hunderte von Menschen, um Cicero zu hören. Normalerweise stand er hinten auf einem unserer Wagen und sprach von dort zu den Leuten. Er hielt überall die gleiche Rede, sodass ich schon bald meine Lippen synchron mit seinen bewegen konnte. Er brandmarkte eine Logik als Unsinn, die behauptete, dass ein Mann, der auf einer Seite eines Wasserlaufes wohne, ein Römer sei, sein Vetter auf der anderen Seite aber ein Barbar, obwohl beide Latein sprächen. »Rom, das ist nicht nur eine Sache der Geografie«, rief er aus. »Rom wird nicht bestimmt durch Flüsse, Berge oder gar Meere; Rom ist keine Frage des Blutes, der Rasse oder Religion; Rom, das ist ein Ideal. Seit unsere Vorfahren vor zehntausend Jahren aus diesen Bergen hinunter in die Ebenen zogen und lernten, als Gemeinschaften unter der Herrschaft des Rechts zu leben, ist Rom die vollkommenste Verkörperung von Freiheit und Recht, die die Menschheit je gesehen hat.« Wenn also seine Zuhörer eine Stimme hätten, so schloss er, dann müssten sie sie zum Wohl derer verwenden, die keine hätten, denn das sei ihr Anteil an der Zivilisation, ihr besonderes Geschenk, das so wertvoll sei wie das Geheimnis des Feuers. Jeder Mann solle zumindest einmal in seinem Leben Rom gesehen haben. Und sie sollten gleich im nächsten Sommer, wenn das Reisen bequem sei, nach Rom kommen und auf dem Marsfeld ihre Stimme abgeben, und falls sie jemand fragte, warum sie die weite Reise auf sich genommen hätten, »dann antwortet, weil Marcus Cicero uns geschickt hat!«. Daraufhin sprang er vom Wagen, bahnte sich seinen Weg durch die applaudierende Menge und verteilte dabei aus einem Sack, den einer seiner Helfer trug, mit vollen Händen Kichererbsen, und ich folgte ihm wie ein Schatten, nahm seine Anweisungen entgegen und notierte Namen.
Während des Wahlkampfs lernte ich viel über Cicero. Trotz der vielen Jahre, die wir bereits zusammen verbracht hatten, behaupte ich sogar, dass ich in diesen Kleinstädten südlich des Po -Faventia etwa oder Claterna - sein Wesen erst richtig kennenlernte. In den Momenten, wenn die spätherbstliche Sonne langsam zu verblassen begann und ein kalter Wind von den Bergen herunterwehte, wenn die Lichter in den kleinen Läden entlang der Hauptsraße entzündet wurden und die Augen der einheimischen Bauern ehrfürchtig hinaufblickten zu dem berühmten Senator, der, die drei Finger ausgestreckt, auf seinem Wagen stand und von den Errungenschaften Roms erzählte, da erkannte ich, dass er trotz all seiner Kultiviertheit immer noch einer von ihnen war - ein Mann aus einer kleinen Provinzstadt mit einem idealisierten Traum von der Republik und davon, was es bedeutete, ein Bürger zu sein. Dieser Traum loderte umso heftiger in ihm, weil auch er ein Außenseiter war.
In den nächsten zwei Monaten widmete sich Cicero voll und ganz den Wählern in Gallia Cisalpina, vor allemjenen in der Gegend um die Provinzhauptstadt Placentia, die direkt am Po liegt und in der die Diskussion um das Bürgerrecht ganze Familien entzweite. Sein Wahlkampf wurde entschieden unterstützt vom Statthalter Piso -merkwürdigerweise jener Piso, der Pompeius das Schicksal von Romulus angedroht hatte, sollte er weiter seine Pläne nach dem alleinigen Oberbefehl verfolgen. Aber Piso war Pragmatiker, und außerdem hatte seine Familie wirtschaftliche Interessen jenseits des Po. Deshalb befürwortete er die Ausdehnung des Wahlrechts. Er stattete Cicero und sein Gefolge sogar mit besonderen Befugnissen aus, damit sie sich freier bewegen konnten. Die Saturnalien verbrachten wir in Pisos eingeschneitem Amtssitz. Der Statthalter fand mehr und mehr Gefallen an Ciceros Umgangsformen und Intelligenz, sodass er ihm eines Abends, als er schon ziemlich viel Wein getrunken hatte, auf die Schulter klopfte und verkündete: »Cicero, du bist ja doch ein ganz anständiger Bursche. Ein anständigerer Bursche und ein anständigerer Patriot, als ich geglaubt hätte. Wenn es nach mir ginge, hätte ich nichts gegen einen Konsul Cicero einzuwenden. Jammerschade, dass es nie dazu kommen wird.«
Cicero schaute ihn betroffen an. »Warum bist du dir da so sicher?«
»Weil die Aristokraten das nie zulassen werden, sie kontrollieren die Mehrheit der Wähler.«
»Sicher, ihr Einfluss ist groß«, räumte Cicero ein. »Aber ich habe die Unterstützung von Pompeius.«
Piso brach in brüllendes Gelächter aus. »Na, das wird dir ja viel nutzen! Der spielt am anderen Ende der Welt den großen Herrn. Außerdem: Ist dir noch nie aufgefallen, dass Pompeius außer für sich selbst für niemanden sonst die Hand rührt? Weißt du, auf wen ich an deiner Stelle ein Auge haben würde?«
»Auf Catilina?«
»Ja, auf den auch. Um wen ich mir allerdings wirklich Sorgen machen würde, das ist Antonius Hybrida.«
»Aber der Mann ist ein Schwachkopf.«
»Cicero jetzt enttäuschst du mich aber. Seit wann steht denn Dummheit einer politischen Karriere im Weg? Hör auf meinen Rat: Hybrida ist der Mann, um den sich die Aristokraten scharen werden, dann bleibt für dich und Catilina nichts weiter als der Kampf um den zweiten Platz. Und vergiss Pompeius, er wird dir keine Hilfe sein.«
Cicero lächelte und spielte den Unbekümmerten. Tatsächlich hatten ihn Pisos Worte ins Mark getroffen, und sobald Tauwetter einsetzte, brachen wir auf und reisten auf schnellstem Weg zurück nach Rom.
*
Wir kamen Mitte Januar an, und zunächst schien alles gut zu laufen. Cicero stürzte sich wieder in die Hektik seiner anwaltlichen Tätigkeit in den Gerichtshöfen, und der Wahlkampfstab traf sich wieder wöchentlich unter der Leitung von Quintus, der Cicero versicherte, dass seine Anhängerschaft nach wie vor fest zu ihm stehe. Der junge Caelius gehörte nicht mehr zum Kreis, wurde aber mehr als ersetzt von Ciceros ältestem und engstem Freund Atticus, der nach zwanzig Jahren in Griechenland nach Rom zurückgekehrt war.
Atticus, dessen Bedeutung für Ciceros Leben ich bislang nur gestreift habe, begann nun eine äußerst bedeutsame Rolle für ihn zu spielen. Ohnehin schon ein reicher Mann, hatte er erst kürzlich ein prächtiges Haus auf dem Quirinal plus zwanzig Millionen Sesterzen in bar geerbt, und zwar von seinem Onkel Quintus Caecilius, der einer der verhasstesten und menschenfeindlichsten Geldverleiher Roms gewesen war. Es sagt viel über Atticus, dass er der Einzige war, der mit dem widerwärtigen alten Mann bis zu dessen Tod einen einigermaßen normalen Umgang gepflegt hatte. Obwohl einige hinter diesem Verhalten Opportunismus zu erkennen glaubten, hatte es sich Atticus in Wahrheit aufgrund seiner Lebensphilosophie zum Prinzip gemacht, sich niemals mit einem Menschen zu streiten. Er war ein begeisterter Anhänger der Lehren von Epikur -»Anfang und Ende jeden glücklichen Lebens ist das Vergnügen« -, wobei ich anmerken möchte, dass er nicht zu der Sorte von Epikureern gehörte, die im Allgemeinen als Luxussüchtige missverstanden werden, sondern ein Anhänger der wahren Lehre war, die danach zu trachten sucht, was die Griechen ataraxia oder unerschütterliche Seelenruhe nennen. Er ging Streitigkeiten und unerfreulichen Dingen jeder Art konsequent aus dem Weg (selbstredend war er unverheiratet) und wollte nichts anderes vom Leben, als sich tagsüber mit Philosophie zu beschäftigen und abends zusammen mit seinen kultivierten Freunden zu speisen. Er glaubte, dass die gesamte Menschheit das anstreben sollte, und wunderte sich darüber, dass sie das nicht tat. Cicero erinnerte Atticus gelegentlich an eine Tatsache, die er gern vergaß: dass nämlich nicht jeder ein Vermögen geerbt hatte. Er zog nie auch nur eine Sekunde etwas so Enervierendes oder Gefährliches wie eine politische Karriere in Erwägung. Dennoch hatte er sich die Mühe gemacht, gleichsam als Versicherung gegen die Wechselfälle des Lebens, zu jedem Aristokraten, der jemals nach Athen gekommen war, freundschaftlichen Kontakt zu suchen - was im Lauf von zwei Jahrzehnten eine stattliche Anzahl gewesen war. Von jedem Besucher hatte er den Fanilienstammbaum aufgezeichnet, hatte diesen von seinen Sklaven mit herrlichen Illustrationen versehen lassen und hn dann als Geschenk überreicht. Außerdem konnte Attikus hervorragend mit Geld umgehen. Kurz: Es dürfte wohl nie jemanden gegeben haben, der sich mit so weltlichen Mitteln von allem Weltlichen zu lösen trachtete wie Titus Pomponius Atticus.
Er war drei Jahre älter als Cicero, der großen Respekt vor ihm hatte, nicht nur wegen seines Reichtums, sondern auch wegen seiner gesellschaftlichen Verbindungen. Denn wenn ss einen Mann gibt, dem man quasi automatisch Zugang zu den gut unterrichteten Kreisen gewährt, dann ist es jemand wie der vermögende und geistreiche Junggeselle von Mitte vierzig, der aufrichtiges Interesse an der Ahnentafel seines Gastgebers und seiner Gastgeberin bekundet. Das machte Atticus zur unschätzbaren Quelle politischer Informationen, und es waren seine Auskünfte, die Cicero allmählich vor Augen führten, wie ernst zu nehmend der Widerstand gegen seine Kandidatur war. Als Erstes erfuhr Atticus bei einem Tischgespräch von seiner berühmten Freundin Servilia, der Halbschwester Catos, dass Antonius Hybrida definitiv in den Wahlkampf einsteigen würde. Ein paar Wochen später berichtete er Cicero von einer Bemerkung, in der Hortensius (ebenfalls einer seiner Bekannten) angedeutet habe, dass Hybrida und Catilina planten, gemeinsam anzutreten. Das war ein herber Schlag. Obwohl Cicero so tat, als nähme er es auf die leichte Schulter - »ist doch bestens, ein doppelt so großes Ziel kann man auch doppelt so leicht treffen« -, spürte ich, dass er angeschlagen war. Er selbst hatte keinen Mitkandidaten, und im Augenblick gab es auch niemanden, der ernsthaft dafür infrage gekommen wäre.
Aber die wirklich schlechte Nachricht erreichte uns erst im späten Frühjahr nach der Sitzungspause des Senats. Atticus ließ den beiden Cicero-Brüdern eine Nachricht zukommen, dass er sie dringend sprechen müsse, und so machten wir drei uns nach Schließung der Gerichte sofort auf den Weg. Atticus' Haus, das auf einem Felsvorsprung neben dem Tempel des Salus stand, war die perfekte Junggesellenbehausung - nicht zu groß, aber mit dem herrlichsten Ausblick auf die Stadt, vor allem von der Bibliothek aus, die Atticus zum Herzstück des Hauses gestaltet hatte. Büsten der bedeutendsten Philosophen hingen an den Wänden, und es standen überall kleine gepolsterte Bänke herum, da Atticus es sich zur festen Regel gemacht hatte, nie ein Buch zu verleihen, aber jedem seiner Freunde erlaubte, ihn jederzeit zu besuchen und ein Buch vor Ort zu lesen oder sich sogar eine Abschrift davon zu machen. Als wir die Bibliothek an jenem Nachmittag betraten, lag Atticus in der weiten weißen Tunika eines Griechen unter dem Kopf von Aristoteles auf einer Liege und las, wenn ich mich recht erinnere, in einer Ausgabe von Kyriai doxai, der zentralen Lehre von Epikur.
Er kam sofort zur Sache. »Ich war gestern auf dem Palatin, zum Abendessen im Haus von Metellus Celer und seiner Frau Clodia. Einer von den anderen Gästen war ein ehemaliger Konsul, ein Aristokrat von feinstem Geblüt ...« Er blies auf einer imaginären Trompete. »Und zwar kein Geringerer als Publius Cornelius Lentulus Sura.«
»Himmel noch mal«, sagte Cicero lächelnd. »Mit wem du alles verkehrst.«
»Hast du gewusst, dass Lentulus noch einmal antreten will? Er will sich im Sommer zum Prätor wählen lassen.«
»Ach, tatsächlich?« Cicero schaute finster drein und rieb sich die Stirn. »Er ist ein Busenfreund von Catilina. Dann stecken beide wohl unter einer Decke. Allmählich finden sie alle zusammen, die Halunken.«
»Kann man wohl sagen, das ist eine ganz hübsche politische Bewegung - er, Catilina, Hybrida, und ich hatte den Eindruck, dass da noch andere dabei sind. Aber er hat sonst keine Namen genannt. Irgendwann hat er uns allen einen Papyrus mit der Prophezeiung eines Orakels unter die Nase gehalten, er würde der dritte Cornelier sein, der als Diktator über Rom herrschen würde.«
»Die alte Schnarchnase? Diktator? Du hast ihm hoffentlich ins Gesicht gelacht?«
»Nein, das habe ich nicht«, sagte Atticus. »Ich habe ihn sehr ernst genommen. Das solltest du zur Abwechslung auch mal versuchen, Cicero, anstatt nur immer deine vernichtenden Sticheleien abzuschießen, nach denen kein Mensch mehr den Mund aufmacht. Nein, ich habe ihn ermutigt, doch weiterzuerzählen, und er trank noch einen kleinen Becher von Celers exzellentem Wein, und ich hörte weiter zu. Und er trank und trank, bis er mich schließlich zur Verschwiegenheit verpflichtete und mir sein großes Geheimnis anvertraute.«
»Und das ist?«, fragte Cicero und beugte sich auf seinem Stuhl vor, denn Atticus hatte sie bestimmt deshalb hierher zitiert.
»Sie haben Crassus.«
Stille.
»Crassus' Stimme?«, fragte Cicero. Soweit ich mich erinnern kann, war dies das erste Mal, dass ich Cicero etwas derart Idiotisches habe sagen hören: Ich schreibe es dem Schock zu.
»Nein«, antwortete Atticus gereizt. »Er unterstützt sie. Du weißt, was ich meine. Er finanziert sie. Kauft ihnen einfach die komplette Wahl - sagt Lentulus.«
Vorübergehend schien Cicero seiner Sprache beraubt. Nach einer langen Pause war es Quintus, der als Erster wieder das Wort ergriff: »Das glaube ich nicht. Lentulus muss ganz schön gebechert haben, wenn er dermaßen lächerliche Sprüche von sich gibt. Was sollte Crassus für einen Grund haben, solche Leute an die Macht zu bringen?«
Cicero fand seine Stimme wieder. »Um mich fertigzumachen«, sagte er.
»Blödsinn!«, rief Quintus verärgert. (Warum war er so verärgert? Ich nehme an, weil er befürchtete, die Geschichte könnte stimmen. Dann würde er wie ein Idiot dastehen, vor allem weil er seinem Bruder immer wieder versichert hatte, dieser hätte die Wahl schon so gut wie gewonnen.) »Kompletter Blödsinn!«, rief er noch einmal, allerdings nun etwas weniger selbstsicher. »Wir wissen doch, dass Crassus bereits kräftig in Caesars Zukunft investiert. Zwei Konsulate plus eine Prätur zusätzlich, das kostet. Nicht nur eine Million Sesterzen, sondern vier oder fünf. Er hasst dich, Marcus, das weiß jeder. Aber ob er dich mehr hasst, als er sein Geld liebt? Da habe ich meine Zweifel.«
»Nein«, sagte Cicero mit fester Stimme. »Ich glaube, du liegst falsch, Quintus. Die Geschichte hört sich verdammt wahr an. Es ist meine Schuld, dass ich die Gefahr nicht früher erkannt habe.« Er war jetzt auf den Beinen und ging hin und her, wie immer, wenn er angestrengt über etwas nachdachte. »Angefangen hat alles mit Hybridas Spielen des Apollo - die muss schon Crassus bezahlt haben. Mit den Spielen ist Hybrida von den politischen Toten auferstanden. Und Catilina? Konnte der mit den paar Statuen und Bildern so viel Geld flüssig machen, um eine ganze Geschworenenbank zu bestechen? Bestimmt nicht. Und selbst wenn, wer bezahlt jetzt seinen Wahlkampf? Ich habe sein Haus von innen gesehen, und eins ist sicher: Der Mann ist bankrott.« Cicero fuhr herum, sein geistesabwesender Blick ging nach links, nach rechts, so schnell, wie in seinem Kopf die Gedanken aufblitzten. »Irgendwie habe ich immer gewusst, dass mit der Wahl irgendetwas nicht stimmt. instinktiv. Ich habe gespürt, dass da von Anfang eine unsichtbare Macht gegen mich am Werk ist. Hybrida und Catilina! Keine Wahl hat solche Kreaturen als Kandidaten verdient, geschweige denn als Spitzenkandidaten. Werkzeuge anderer Leute, nichts weiter.«
»Dann kämpfen wir also gegen Crassus?«, fragte Quintus. seine Stimme klang, als hätte er schon aufgegeben.
»Crassus, ja. Oder ist es in Wirklichkeit Caesar, der mit Crassus' Geld agiert? Jedes Mal, wenn ich mich umschaue, bilde ich mir ein, ich sähe gerade noch einen Zipfel von Caesars Umhang hinter einer Ecke verschwinden. Er glaubt, er ist klüger als alle anderen, und vielleicht ist er das ja auch. Aber nicht in diesem Fall. Atticus ...« Er blieb vor seinem Freund stehen und umfasste mit beiden Händen dessen Hände.». mein alter Freund, ich kann dir gar nicht genug danken.«
»Wofür? Ich habe bloß einen faden Schwätzer abgefüllt, und der hat mir dann etwas erzählt. Nicht der Rede wert.«
»Ganz im Gegenteil, um die Geschichten von faden Schwätzern zu ertragen, braucht man Stehvermögen. Und Stehvermögen ist ein elementarer Bestandteil von Politik. Es sind die Schwätzer, von denen man die wichtigen Sachen erfährt.« Cicero drückte Atticus herzlich die Hände und wandte sich dann an seinen Bruder. »Wir brauchen ein paar Beweise, Quintus. Ranunculus und Filum sind dafür genau die Richtigen, die stöbern schon was auf für uns. Es gibt wahrscheinlich nicht viel in diesen Wahlkampfzeiten, über das die beiden nicht Bescheid wissen.«
Quintus war seiner Meinung, und so endete schließlich das Schattenboxen im Vorfeld dieser Konsulatswahl, und der echte Kampf konnte beginnen.
Um herauszufinden, was da vor sich ging, dachte sich Cicero eine Falle aus. Anstatt sich einfach danach zu erkundigen, welche Pläne Crassus verfolge - was nicht nur zu nichts führen, sondern Ciceros Gegner obendrein darauf aufmerksam machen würde, dass er einen Verdacht hatte -, rief er Ranunculus und Filum zu sich. Er trug ihnen auf, in der Stadt das Angebot zu streuen, dass sie im Auftrag eines anonymen Senators, der seine Chancen bei den anstehenden Konsulatswahlen bedroht sehe jedem Wählerverein pro Stimme fünfzig Sesterzen zahlen würden.
Ranunculus war ein gnomenhaftes, irgendwie unfertig aussehendes Wesen, auf dessen schwächlichem Körper ein Kopf mit einem platten, runden Gesicht saß. Den Spitznamen »Kaulquappe« trug er zu Recht. Filum sah aus wie eine Riesenspindel, wie ein mit Leben erfüllter Holzstock.
Schon die Väter und Großväter der beiden waren Stimmenkäufer gewesen. Sie kannten das Spiel. Sie verschwanden in den Seitenstraßen und Weinschenken und konnten Cicero eine Woche später berichten, dass etwas sehr Seltsames im Gang war. Keiner der bekannten Stimmenkäufer war zur Zusammenarbeit bereit. »Was heißt«, wie es Ranunculus mit seiner piepsigen Stimme ausdrückte, »dass Rom zum ersten Mal seit dreihundert Jahren nur von ehrbaren Männern bevölkert ist oder dass alle Stimmen, die zu kaufen waren, schon aufgekauft worden sind.«
»Es muss doch einen geben, der umfällt«, sagte Cicero. Wir erhöhen den Preis! Macht euch wieder auf die Beine, bietet diesmal hundert.«
Also zogen sie erneut los, kamen aber nach einer weiteren Woche mit dem gleichen Ergebnis wieder zurück. Die anscheinend schon an die Stimmenkäufer ausbezahlte Summe musste so groß gewesen sein, dass sich keiner den geheimnisvollen Klienten zum Feind machen wollte. Es war keine einzige Stimme mehr auf dem Markt, und es lief nicht einmal die Andeutung eines Gerüchts um, wer dieser Klient sein könnte. Nun stellt sich die Frage, wie eine derart umfassende Operation, bei der es um Tausende von Stimmen ging, abgewickelt werden konnte, ohne dass auch nur das Geringste durchsickerte. Die Antwort lautet, dass alles sehr gut organisiert war, dass vielleicht nur ein Dutzend Vermittler - Interpreter, wie sie genannt wurden - eingeschaltet waren, die die Identität des Käufers kannten (ich muss gesehen, dass in der Vergangenheit auch Ranunculus und Fiulum als interpretes tätig gewesen waren). Diese Leute kontaktierten die Funktionäre des Wählervereins und handelten den Preis aus - die und die Summe für, sagen wir, fünfzig oder fünfhundert Stimmen, je nachdem wie groß der Verein war. Weil natürlich keiner in diesem Spiel dem anderen aber den Weg traute, wurde das Geld danach an den Sequester übergeben, eine weitere Mittelsperson, die das Bargeld zur Überprüfung durch die Stimmenkäufer aufbewahrte. Und schließlich gab es für die Auszahlung nach der Wahl eine dritte Spezies Dunkelmänner, die sogenannten divisores, die das Geld verteilten. Deshalb war die erfolgreiche Bekämpfung dieser Art von Korruption äußerst schwierig, denn selbst wenn man einen Mann bei der Übergabe von Bestechungsgeldern festnehmen konnte, war es gut möglich, dass der keine Ahnung hatte, wer der eigentliche Auftraggeber für den Stimmenkauf war. Und dennoch wollte Cicero einfach nicht hinnehmen, dass niemand das Schweigen brach. »Wir haben es hier nicht mit einem altehrwürdigen römischen Ritterorden zu tun«, brüllte er in einem seiner seltenen Wutanfälle. »Das sind Stimmenkäufer. Irgendwo sitzt einer, der sogar einen so gefährlichen Zahlmeister wie Crassus betrügt, wenn das Geld stimmt. Also los, findet den Kerl, und findet raus, wie hoch sein Preis ist - oder muss ich etwa alles selbst machen?«
Um diese Zeit - das muss in der zweiten Junihälfte gewesen sein, etwa einen Monat vor dem Wahltermin - wusste die ganze Stadt, dass etwas Seltsames vor sich ging. Es bahnte sich eine der denkwürdigsten und am härtesten umkämpften Wahlen der jüngeren Geschichte an, mit nicht weniger als sieben Kandidaten für das Konsulat, was hieß, dass sich in jenem Jahr viele Männer gute Chancen ausrechneten. Die Spitzenkandidaten, so die allgemeine Erwartung, würden Catilina, Hybrida und Cicero sein. Dahinter sah man den arroganten und schroffen Galba und den tiefreligiösen Cornificius. Für chancenlos hielt man den korpulenten Exprätor Cassius Longinius sowie Gaius Licinius Sacerdos, der noch vor Verres Statthalter von Sizilien gewesen und mindestens zehn Jahre älter als seine Rivalen war. (Sacerdos war einer jener irritierenden Kandidaten, die »keine persönlichen Ziele verfolgten«, wie sie gern sagten, sondern denen es ausschließlich um »Sachfragen« ging. Über solche Leute pflegte Cicero zu sagen: »Vor Männern, die behaupten, dass sie ein Amt nicht für sich selbst anstreben, muss man sich immer in Acht nehmen. Das sind die eitelsten von allen.«) Einige der Kandidaten, denen die ungewöhnliche Umtriebigkeit der Stimmenkäufer nicht verborgen geblieben war, konnten den Konsul Marcius Figulus dazu bewegen, im Senat einen scharfen Gesetzesentwurf gegen illegale Wahlkampfpraktiken einzubringen, der unter dem Namen lex Figula bekannt wurde. Es war einem Kandidaten schon vorher verboten gewesen, Bestechungsgeld anzubieten; das neue Gesetz stellte auch unter Strafe, wenn ein Wähler Bestechungsgeld annahm.
Am Tag der Senatsaussprache über den Gesetzesantrag bat der Konsul zuerst reihum die Kandidaten um ihre Meinung. Sacerdos, dem als ältesten Kandidaten das erste Rederecht zustand, sprach sich scheinheilig für das neue Gesetz aus; ich konnte sehen, wie Cicero sich vor Ärger wand angesichts der Phrasen, die Sacerdos von sich gab. Hybrida sprach sich natürlich dagegen aus, stümperhaft und geistlos, wie man es von ihm gewohnt war - niemand wäre auf den Gedanken gekommen, dass sein Vater einmal der begehrteste Anwalt Roms gewesen war. Der ohnehin chancenlose Galba nutzte die Gelegenheit, um seine Kandidatur zurückzuziehen und hochmütig zu erklären, dass die Teilnahme an einem derart erbärmlichen Schauspiel nur die Erinnerung an seine Vorfahren besudele. Catilina sprach sich aus naheliegenden Gründen ebenfalls gegen die lex Figula aus. Allerdings muss ich zugeben, dass er ein beeindruckendes Bild abgab, wie er seelenruhig und hoch aufragend zwischen seinen Banknachbarn stand. Als er zum Schluss seiner Ausführungen kam, deutete er auf Cicero und donnerte, dass die Einzigen, die von einem weiteren neuen Gesetz profitieren würden, die Anwälte seien, was die Aristokraten mit den üblichen Bravorufen quittierten. Als Cicero sich erhob, war ich gespannt, was er sagen würde. Er befand sich in einer heiklen Lage, denn er wollte natürlich nicht, dass das Gesetz scheiterte, aber so kurz vor dem wichtigsten Wahlgang seines Lebens wollte er genauso wenig bei den Wählervereinen anecken, die das Gesetz natürlich als Angriff auf ihre Ehre betrachteten. Er zog sich geschickt aus der Affäre.
»Im Prinzip befürworte ich das Gesetz«, sagte er. »Denn es kann nur den Schuldigen zur Last werden. Der ehrenhafte Bürger hat von einem Gesetz gegen die Bestechung nichts zu befürchten, und der unehrenhafte sollte daran erinnert werden, dass eine Stimme eine heilige Verpflichtung ist und kein Gutschein, den man einmal im Jahr zu Geld machen kann. Aber es gibt etwas, das nicht stimmt an diesem Gesetz: ein Ungleichgewicht, das ins Lot gebracht werden muss. Wollen wir wirklich, dass der arme Mann, der der Versuchung erliegt, schärfer zu verurteilen ist als der reiche Mann, der den Armen vorsätzlich dieser Versuchung ausgesetzt hat? Ich will das Gegenteil: Wenn das Gesetz gegen den einen vorgeht, dann müssen die Strafen für den anderen verschärft werden. Mit deiner Erlaubnis, Figulus, möchte ich deshalb eine Ergänzung zu deinem Gesetz vorschlagen: Jede Person, die einem Bürger gegen Geld dessen Wählerstimme abkauft, abzukaufen versucht oder deren Kauf veranlasst, soll mit zehn Jahren Exil bestraft werden.« Ein aufgeregtes und lang gezogenes »Oooh« schwappte durch die gesamte Kammer.
Von meinem Standpunkt aus konnte ich Crassus nicht sehen, aber Cicero versicherte mir hinterher entzückt, dass sein Gesicht knallrot angelaufen sei, denn die Wendung oder deren Kauf veranlasst war direkt auf ihn gemünzt, und jeder wusste das. Seelenruhig akzeptierte der Konsul den Zusatz und fragte, ob ein Mitglied des Hauses Einwände habe. Die Mehrheit der Senatsmitglieder war zu überrascht, um überhaupt reagieren zu können, und diejenigen, die am meisten zu verlieren hatten, wie Crassus, wagten es nicht, sich in aller Öffentlichkeit zu entlarven, indem sie dagegen Stellung bezogen. Folglich wurde der Zusatz ohne Gegenrede zugelassen, und als das Haus über das Gesetz abstimmte, wurde es mit großer Mehrheit angenommen. Angeführt von seinen Liktoren, verließ Figulus die Kammer. Die Senatoren marschierten hinter ihm hinaus auf das sonnenbeschienene Forum, wo Figulus die Stufen zur Rostra hinaufstieg und das Gesetz zur sofortigen ersten Lesung dem Herold überreichte. Ich sah, dass Hybrida sich Crassus zuwenden wollte, aber von Catilina am Arm festgehalten wurde. Crassus verließ überstürzt das Forum, um nicht zusammen mit seinen Kandidaten gesehen zu werden. Jetzt mussten wie üblich die drei einmal wöchentlich stattfindenden Markttage verstreichen, bevor über das Gesetz abgestimmt werden konnte, was bedeutete, dass das Volk unmittelbar vor den Konsulatswahlen sein Urteil fällte.
Cicero war hochzufrieden mit seinem Tagewerk. Sollte nämlich die lex Figula angenommen werden und er die Wahl wegen der Bestechungen verlieren, dann eröffnete ich ihm die Möglichkeit, Klage anzustrengen - und zwar nicht nur gegen Catilina und Hybrida, sondern auch noch gegen seinen Erzfeind Crassus höchstpersönlich. Immerhin war es erst zwei Jahre her, dass zwei designierte Konsuln wegen illegaler Wahlkampfpraktiken ihrer Ämter enthoben worden waren. Für eine solche Klage brauchte Cicero allerlings Beweise, und der Druck, diese aufzutreiben, wurde immer größer. Von morgens bis abends war er auf Stimmenfang, wobei er zwar immer mit einer großen Anhängerschar unterwegs war, aber nie mit einem nomendator, der ihm die Wählernamen einflüstern musste: Anders als seine Gegner war Cicero sehr stolz auf seine Fähigkeit, Tausende von Namen zu wissen. Und falls er, was selten genug vorkam, einmal einen Namen nicht parat hatte, schaffte er es immer, sich durch das Gespräch hindurchzumogeln.
Zu jener Zeit war meine Bewunderung für ihn riesengroß. Er hat sicher gewusst, dass die Aussichten ziemlich schlecht für ihn standen und er wahrscheinlich verlieren würde. Pisos Vorhersage bezüglich Pompeius hatte sich vollauf bestätigt. Der hohe Herr hatte keinen Finger gerührt, um Ciceros Wahlkampf zu unterstützen. Er hatte sich am Ostufer des Schwarzen Meeres eingerichtet, in Amisus - dem am weitesten von Rom entfernten Ort im ganzen Imperium -, und ließ sich dort wie ein orientalischer Potentat von nicht weniger als zwölf regionalen Königen huldigen. Syrien war dem Römischen Reich einverleibt worden, und Mithridates war Hals über Kopf geflohen. Pompeius' Haus auf dem Esquilin war mit den erbeuteten Rammspornen von fünfzig Piratentriremen dekoriert worden und wird heute domus rostra genannt - ein Schrein für seine Bewunderer aus ganz Italien. Was kümmerten Pompeius lächerliche Zivilistenscharmützel? Ciceros Briefe blieben unbeantwortet. Während Quintus sich über Pompeius' Undankbarkeit ereiferte, nahm Cicero es fatalistisch: »Wenn du Dankbarkeit willst, dann kauf dir einen Hund.«
*
Drei Tage vor den Konsulatswahlen, am Vorabend der Abstimmung über das Bestechungsgesetz, gab es endlich einen Durchbruch. Ranunculus stürzte mit der Nachricht in Ciceros Arbeitszimmer, dass er einen Stimmenkäufer namens Gaius Sarinator gefunden habe, der behaupte, er habe noch dreihundert Stimmen für einhundertzwanzig Sesterzen das Stück anzubieten. Er sei der Besitzer einer Weinschenke namens Bacchante in Subura und er, Ranunculus, habe für heute Abend ein Treffen vereinbart, um ihm den Namen des Kandidaten zu nennen, für den die bestochenen Wähler zu stimmen hätten, und um das Geld an einen der sequestres zu übergeben, dem beide vertrauten. Als Cicero das hörte, wurde er ganz aufgeregt und bestand darauf, Ranunculus zu begleiten - inkognito, mit einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze, um seine Identität zu verbergen. Quintus hielt das für zu gefährlich, doch Cicero ließ sich nicht beirren, er brauche unbedingt Beweise aus erster Hand. »Ranunculus und Tiro sind ja zu meinem Schutz dabei«, sagte er zu Quintus, was ich für einen seiner Scherze hielt. »Aber du kannst ja noch ein paar unserer Anhänger als anonyme Zecher hinschicken, nur für den Fall, dass wir doch mehr Hilfe brauchen.«
Um diese Zeit war ich fast vierzig, und nach einem ausschließlich mit Schreibarbeit verbrachten Leben waren meine Hände so weich wie die eines Mädchens. Wenn es wirklich Ärger geben sollte, dann würde der durch seine täglichen Übungen mit einer beeindruckenden Physis ausgestattete Cicero mich beschützen müssen. Nichts desto trotz öffnete ich die Geldtruhe in seinem Arbeitszimmer und zählte die benötigte Summe in Silbermünzen ab. (Er hatte eine von seinen Bewunderern gut gefüllte Wahlkampfkasse, aus der er etwa Ausgaben wie die für die Reise nach Gallia Cisalpina bestritt: Es handelte sich dabei nicht um Bestechungsgelder als solche, obwohl Ciceros Ruf, niemals einen Namen zu vergessen, für die Spender natürlich beruhigend war.) Die Silbermünzen wurden in einem Geldgürtel verstaut, den ich mir um die Hüfte schlingen musste, und bei Einbruch der Dunkelheit ging ich schweren Schrittes - in der doppelten Bedeutung der Wortes - zusammen mit Cicero in die Subura hinunter. Es war ein sehr warmer Abend, sodass er unter der Kapuze der Tunika, die er sich von einem seiner Sklaven ausgeliehen hatte, eine komische Figur abgab. Aber in den übervölkerten Elendsvierteln war absonderliche Kleidung ein ganz normaler Anblick.Wenn die Menschen jemanden mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze sahen, dann machten sie einen großen Bogen um ihn aus Angst, er könnte die Lepra haben oder irgendein anderes entstellendes Leiden, mit dem sie sich anstecken könnten. Wir folgten Ranunculus, der sich wie eine Kaulquappe durch das Labyrinth seines aus schmalen, verdreckten Gassen bestehenden Wohnviertels schlängelte, bis wir schließlich zu einem Haus kamen, vor dem neben dem Eingang ein paar Männer saßen und einen mit Wein gefüllten Krug kreisen ließen. Über ihren Köpfen prangte ein Wandgemälde von Bacchus, der sich mit vorgestreckter Leibesmitte erleichterte. Der Geruch in dem Laden passte zu dem Bild. Ranunculus ging vor, führte uns hinter die Theke und über eine schmale Holztreppe hinauf in einen niedrigen Raum unter dem Dach. Dort warteten Salinator und der Sequester, dessen Namen ich nie erfuhr.
Sie waren so gierig auf das Geld, dass sie den Kapuzenmann hinter mir kaum beachteten. Ich nahm den Gürtel ab und zeigte ihnen eine Handvoll Münzen, worauf der Sequester eine kleine Waage auspackte und anfing, die Silbermünzen zu wiegen. Salinator, eine schwabbelige Kreatur mit glatten Haaren und Schmerbauch, schaute sich das eine Zeit lang an und sagte dann zu Ranunculus: »Das reicht. Gib mir jetzt den Namen deines Klienten.«
»Ich bin sein Klient«, sagte Cicero und zog sich die Kapuze vom Kopf. Natürlich erkannte Salinator ihn sofort. Erschrocken wich er einen Schritt zurück und stieß dabei gegen den Sequester. Noch im Rückwärtsstolpern versuchte er verzweifelt, die Situation zu retten, verbeugte sich ein ums andere Mal und versicherte dem Senator, was für eine Ehre es sei, seinen Wahlkampf unterstützen zu dürfen und so weiter und so fort, bis ihm Cicero barsch über den Mund fuhr. »Von Lumpen wie dir brauche ich keine Hilfe. Was ich brauche, sind Informationen.«
Salinator hatte gerade mit seiner Jammerarie begonnen, dass er absolut nichts wisse, als der Sequester plötzlich die Waage fallen ließ und zur Treppe stürzte. Allerdings prallte er schon nach den ersten paar Stufen auf den muskulösen Quintus, der ihn oben und unten an seiner Tunika packte, ihn wieder zurückschleifte und einfach ins Zimmer warf Als ich hinter Quintus auch noch ein paar stämmige Burschen, die Cicero des Öfteren zu Diensten waren, die Treppe hinaufkommen sah, fiel mir ein Stein vom Herzen. Beim Anblick so vieler kräftiger Männer und eines der berühmtesten Anwälte Roms begann Salinators Widerstand zu bröckeln. Und als Cicero auch noch drohte, ihn Crassus zu übergeben, weil er versucht habe, die gleichen Stimmen zweimal zu verkaufen, brach er vollends zusammen. Die Aussicht, Crassus und seiner Rache ausgeliefert zu werden jagte ihm mehr Angst ein als alles andere. Mir fiel wieder ein, was Sicinius schon vor Jahren über den »alten Glatzkopf« gesagt hatte - Cicero hatte den Ausspruch mir gegenüber mehrfach wiederholt - »... der gefährlichste Bulle in der Herde«.
»Dann ist dein Klient also Crassus?«, fragte Cicero. »Denk gut nach, bevor du leugnest.«
Salinators Kinn zuckte leicht: Zu mehr als einem angedeuteten Nicken reichte sein Mut nicht.
»Die dreihundert Stimmen waren also für Hybrida und Catilina bestimmt, richtig?«
Wieder die Andeutung eines Nickens. »Ja«, sagte er. »Und für die anderen.«
»Die anderen? Wen meinst du? Lentulus Sura für die Prätur?«
»Ja, auch. Und für die anderen.«
»Die anderen, die anderen«, wiederholte Cicero gereizt. »Wer sind die anderen?«
»Halt den Mund!«,brüllte der Sequester, wofür ihm Quintus in den Magen trat. Stöhnend krümmte er sich zusammen.
»Hör nicht auf den«, sagte Cicero leutselig. »Ich kenne diese Typen, die stürzen dich nur ins Unglück. Also ...« Er drückte ihm ermunternd den Arm. »Wer sind die anderen?«
»Cosconius«, sagte Salinator und warf einen kurzen nervösen Blick auf die sich windende Gestalt auf dem Boden. Dann holte er Luft und sagte schnell: »Pomptinus, Baibus, Caecihus, Labienus, Faberius, Gutta, Bulbus, Calidius, Tudicius, Valgius und Rullus.«
Bei jedem neuen Namen schaute Cicero ein bisschen erstaunter. »Sind das alle?«, fragte er, als Salinator fertig war. »Du bist sicher, dass du keinen Senator vergessen hast?« Er blickte zu Quintus, der ebenso verblüfft war wie er selbst.
»Da geht's also nicht nur um zwei Kandidaten fürs Konsulat«, sagte Quintus. »Das sind noch drei für die Prätur und zehn fürs Volkstribunat. Crassus versucht sich eine ganze Regierung zu kaufen.«
Cicero war nicht der Mann, der gern zeigte, dass ihn etwas überraschen konnte. Doch an jenem Abend stand auch ihm die Verblüffung ins Gesicht geschrieben. »Aber das ist vollkommen absurd«, sagte er aufgebracht. »Was haben die einzelnen Stimmen gekostet?«
»Fünfhundert fürs Konsulat, zweihundert für die Prätur, hundert fürs Volkstribunat«, sagte Salinator, als handelte es sich um Schweine auf dem Viehmarkt.
»Du willst mir also tatsächlich weismachen«, fragte Cicero, während er mit gerunzelter Stirn die Gesamtsumme überschlug, »dass Crassus allein für die dreihundert Stimmen in deinem Wahl verein eine dreiviertel Million zahlen will?«
Salinator nickte, dieses Mal heftiger, ja sogar befriedigt, mit einem gewissen professionellen Stolz. »Das ist der grandioseste Wahlkampf seit Menschengedenken.«
Cicero drehte sich zu Ranunculus um, der am Fenster stand und auf verdächtige Bewegungen auf der Straße achtete. »Wie viele Stimmen hat Crassus deiner Meinung nach zu diesen Preisen gekauft?«
»Also, wenn er auf Nummer sicher gehen will«, sagte Ranunculus, dachte eine Zeit lang angestrengt nach und fuhr dann fort, »schätze ich, so sieben- bis achttausend.«
»Achttausend?«, wiederholte Cicero.
»Achttausend würden ihn zwanzig Millionen Sesterzen kosten. Ist dir so etwas schon mal untergekommen? Und am Ende hat er nicht einmal selbst einen Posten, sondern hat nur solche Trottel vie Hybrida und Lentulus Sura in Amt und Würden gebracht.« Er drehte sich wieder zu Salinator um. »Hat er dir gegenüber mal Andeutungen über die Gründe für diese Gewaltoperation gemacht?«
»Nein, Senator. Crassus ist nicht der Mann, der gern Fragen beantwortet.«
Quintus fluchte. »Jetzt wird er wohl ein paar Fragen beantworten müssen, der Schweinehund.« Und wie um seinem Ärger Luft zu verschaffen, trat er dem Sequester, der gerade dabei war, sich wieder aufzurichten, noch einmal in den Magen, worauf dieser erneut stöhnend zusammenklappte.
*
Quintus war unbedingt der Meinung, auch noch das letzte bisschen Information aus den beiden unglückseligen Kreaturen herauszuprügeln und sie dann entweder zu Crassus' Haus zu schaffen und den Halunken aufzufordern, seine Intrigen sofort einzustellen, oder sie vor den Senat zu zerren, ihre Geständnisse zu verlesen und die Verschiebung der Wahlen zu fordern. Cicero behielt einen kühleren Kopf. Mit regungslosem Gesicht dankte er Salinator für seine Ehrlichkeit, empfahl Quintus, sich einen Becher Wein einzuschenken und wieder abzuregen, und befahl mir, die Silbermünzen einzusammeln. Später saß er zu Hause im Arbeitszimmer, warf seinen kleinen Übungslederball von einer Hand in die andere, während Quintus sich nach wie vor darüber aufregte, was für ein Idiot sein Bruder gewesen sei, die beiden Stimmenkäufer einfach so gehen zu lassen, sie würden jetzt sicher Crassus alarmieren oder wären schon aus der Stadt verschwunden.
»Weder noch«, sagte Cicero. »Wenn sie Crassus alles erzählen, da könnten sie genauso gut ihr eigenes Todesurteil unterschreiben. Derart belastende Zeugen würde Crassus niemals am Leben lassen, und das wissen die beiden auch. Flucht liefe auf dasselbe hinaus, Crassus brauchte nur etwas länger, bis er sie zu fassen bekäme.« Hin und her flog der Ball, von links nach rechts, von rechts nach links. »Außerdem: Niemand hat ein Verbrechen begangen. Bestechung lässt sich sogar im günstigsten Fall nur schwer beweisen - wenn noch gar keine Stimme abgegeben worden ist, ist es völlig unmöglich. Crassus und der Senat würden uns auslachen. Nein, am besten lassen wir die beiden in Freiheit. Da wissen wir wenigstens, wo wir sie finden können, und wenn wir die Wahlen verlieren, können wir sie immer noch vorladen lassen.« Er warf den Ball hoch in die Luft und fing ihn mit einer schwungvollen Armbewegung wieder auf. »Aber eine Sache, Quintus, hast du völlig richtig eingeschätzt.«
»Ach ja, hab ich?«, sagte Quintus bitter. »Sehr freundlich, danke.«
»Crassus' Operation hat nichts mit seiner Feindschaft mir gegenüber zu tun. Er würde nicht zwanzig Millionen ausgeben, nur um meine Hoffnungen zu zerstören. Für zwanzig Millionen Sesterzen muss er etwas wirklich Gewaltiges im Auge haben. Aber was? Ich muss gestehen, dass auch ich da ratlos bin.« Er starrte eine Zeit lang die Wand an. »Tiro, du bist doch immer ganz gut mit Caelius Rufus ausgekommen, oder?«
Ich musste an die Aufgaben denken, vor denen er sich gedrückt hatte und die ich für ihn hatte erledigen müssen, an die Lügen, die ich erzählt hatte, um ihm Ärger zu ersparen, an den Tag, als er mir meine Ersparnisse gestohlen und mich beschwatzt hatte, Cicero nichts davon zu sagen. »So einigermaßen«, sagte ich vorsichtig.
»Besuche ihn morgen früh, und rede mit ihm. Aber behutsam. Vielleicht kannst du ihm irgendwelche Andeutungen darüber entlocken, was Crassus im Schilde führt. Schließlich lebt er in seinem Haus, irgendwas muss er doch wissen.«
In jener Nacht lag ich lange wach, und je mehr ich über die jüngsten Ereignisse nachdachte, desto besorgter wurde ich, was die Zukunft anging. Auch Cicero konnte nicht schlafen. Ich hörte, wie er im Zimmer über mir auf und ab ging, und hatte das Gefühl, als durchbohre die konzentrierte Kraft seiner Gedanken die Bodendielen. Ich fand schließlich doch noch ein wenig Schlaf, der jedoch unruhig und von bösen Vorahnungen erfüllt war.
Am nächsten Morgen beauftragte ich Laurea, sich um die zahlreichen Besucher Ciceros zu kümmern, und machte mich auf den Weg zu Crassus' Haus, das etwa eine Meile entfernt war. Selbst heute noch flüstere ich leise: »Aah, Wahlwetter!«, wenn keine Wolke am Himmel steht und die Julihitze schon vor Sonnenaufgang drückend auf dem Land lastet, und spüre sofort wieder die Aufregung, das vertraute Ziehen in der Magengegend. Vom Forum hörte ich das Hämmern und Sägen der Arbeiter, die die Rampen und Absperrgitter rund um den Tempel des Castor aufbauten, denn es war der Tag, an dem das Volk sein Urteil über das Bestechungsgesetz fällen würde. Ich nahm die Abkürzung, die an der Rückseite des Tempels entlangführte, und machte eine kurze Pause am Brunnen der Juturna-Quelle, um einen Schluck von dem lauwarmen Wasser zu trinken. Ich hatte keine Ahnung, worüber ich mich mit Caelius unterhalten sollte. Ich bin ein schlechter Lügner, war es immer gewesen, und mir fiel plötzlich ein, dass ich Cicero hatte fragen sollen, wie ich das Gespräch anfangen sollte. Jetzt war es zu spät. Ich ging den Weg zum Palatin hinauf, und als ich Crassus' Haus erreichte, sagte ich dem Türwächter, ich hätte eine dringende Nachricht für Caelius Rufus. Er bot mir an, im Haus zu warten, aber ich blieb lieber draußen. Während er im Haus verschwand, um Caelius zu holen, ging ich auf die andere Straßenseite und versuchte so wenig wie möglich aufzufallen.
Wie Crassus selbst, so gab sich auch sein Haus den Anschein von äußerster Bescheidenheit. Allerdings hatte ich gehört, dass der Eindruck täuschte; hatte man es erst einmal betreten, zeigte sich seine schier unendliche Größe. Die dunkle Tür war zwar niedrig und schmal, wirkte aber stabil. Links und rechts davon befanden sich kleine, vergitterte Fenster. Efeu rankte sich an der Außenwand empor, von der die ockergelbe Farbe abblätterte. Auch das Terrakotta dach war nicht mehr neu, die Ränder der oberhalb des Mauerwerks vorstehenden Dachziegel waren schon schwarz und bröckelig. Sie sahen aus wie eine verrottete Zahnreihe. Es hätte das Haus eines Bankiers sein können, der ein paar schlechte Geschäfte gemacht hatte, oder eines verarmten Patriziers vom Land, dessen Stadthaus nach und nach zerfiel. Crassus wollte auf diese Art wohl sagen: Seht her, ich bin so sagenhaft reich, ich hab's nicht nötig, auf schönen Schein zu achten. Aber natürlich machte er dadurch in dieser Straße der Millionäre erst recht auf seinen Reichtum aufmerksam, und der gewollte Mangel an Protz hatte schon wieder etwas Prahlerisches. Die dunkle kleine Tür war immer in Bewegung, ständig kamen und gingen Besucher; es war offensichtlich, dass im Innern geschäftiges Treiben herrschte: Ich musste an ein summendes Wespennest denken, das sich nur durch das winzige Loch in der Mauer zu erkennen gab. Julius Caesar war der Erste, den ich kannte. Er verließ das Haus, ohne mich zu bemerken, und ging, gefolgt von einem Sekretär mit Aktentasche, sofort die Straße hinunter Richtung Forum. Kurze Zeit später tauchte Caelius auf. Er blieb auf der Türschwelle stehen, hielt sich gegen die Sonne die Hand über die Augen und blinzelte in meine Richtung. Ich sah sofort, dass er wie üblich die ganze Nacht unterwegs gewesen und offensichtlich wenig erbaut davon war, dass man ihn geweckt hatte. Ein dichter Stoppelbart bedeckte sein gut geschnittenes Kinn. Ständig steckte er die Zunge heraus, schluckte und verzog das Gesicht, als wäre der Geschmack in seinem Mund so grässlich, dass er ihn nicht mehr lange aushalten würde. Mit vorsichtigen Schritten kam er zu mir herüber, und als er mich fragte, was um alles in der Welt ich denn wollte, stammelte ich, dass er mir unbedingt etwas Geld leihen müsse.
Er blinzelte mich ungläubig an. »Wofür?«
»Na ja, es gibt da ein Mädchen«, sagte ich linkisch. Das Gleiche hatte er mir immer geantwortet, wenn er mich um Geld angepumpt hatte, und mir fiel einfach nichts anderes ein. Ich fasste ihn am Arm und versuchte mit ihm ein Stück die Straße hinunterzugehen, weil ich befürchtete, Crassus könnte plötzlich in der Tür auftauchen und uns zusammen sehen. Aber er zog seinen Arm weg und blieb schwankend stehen, wo er war.
»Ein Mädchen?«, wiederholte er. »Du?« Dann fing er an zu lachen. Aber anscheinend bekam er solche Kopfschmerzen davon, dass er gleich wieder aufhörte und sich mit den Fingern über die Schläfen fuhr. »Wenn ich Geld hätte, Tiro, würde ich es dir sofort geben. Ich würde es dir sogar schenken, einfach weil ich dich zu gern mal mit einem anderen Lebewesen als mit Cicero sehen würde. Aber das wird wohl nie passieren, du bist nicht der Typ für Mädchen. Soweit ich das beurteilen kann, mein armer Tiro, bist du für gar nichts der richtige Typ.« Er schaute mich scharf an. »Wofür brauchst du das Geld wirklich?« Warmer Atem, der nach abgestandenem Wein roch, stieg mir in die Nase. Unwillkürlich schüttelte es mich, was er sofort als Geständnis missdeutete. »Du lügst«, sagte er. Langsam breitete sich ein Grinsen auf seinem Stoppelgesicht aus. »Cicero hat dich hergeschickt, weil er irgendwas wissen will.«
Wieder zupfte ich ihn am Ärmel, und diesmal ging er mit. Allerdings nur ein paar Schritte, denn die plötzliche Bewegung schien ihm nicht zu bekommen. Er blieb auf einmal stehen, wurde kalkweiß im Gesicht und hielt warnend einen Finger in die Luft. Dann traten ihm die Augen aus den Höhlen, der Hals schwoll an, und nach einem besorgniserregenden Würgen schoss ihm ein Schwall zähflüssigen Breis aus dem Mund, der mir sofort ein anderes Bild in Erinnerung rief: das von einem Zimmermädchen, das aus dem ersten Stock einen vollen Eimer auf die Straße leert. (Man möge mir die Einzelheiten verzeihen, aber diese Szene ist mir eben zum ersten Mal seit sechzig Jahren wieder eingefallen, und ich musste dermaßen lachen.) Jedenfalls schien Caelius das gut getan zu haben, denn die Farbe kehrte in sein Gesicht zurück, und er war gleich viel munterer und fragte, was Cicero denn nun von ihm wissen wolle.
»Das liegt doch auf der Hand«, erwiderte ich leicht gereizt.
»Ich wünschte, ich könnte euch helfen, Tiro«, sagte er und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. »Du weißt, dass ich euch helfen würde, wenn ich könnte. Bei Crassus ist es nicht halb so angenehm wie bei Cicero. Der alte Glatzkopf ist vielleicht ein Ekel - noch schlimmer als mein Vater. Buchführung von morgens bis abends, das ist so ziemlich das Langweiligste, was es gibt auf der Welt, bis auf Handelsrecht vielleicht, damit hat er mich den ganzen letzten Monat geknechtet. Aber was Politik angeht, die ich ja ganz unterhaltsam finde, da hält er mich von allem fern.«
Ich versuchte es noch mit ein paar Fragen, zum Beispiel über Caesars Besuch an jenem Morgen, aber es zeigte sich schnell, dass er über Crassus' Pläne nicht das Geringste wusste. (Natürlich kann er auch gelogen haben, aber angesichts seiner notorischen Geschwätzigkeit bezweifelte ich das.)
Nachdem ich mich dennoch bei ihm bedankt und schon "halb zum Gehen gewandt hatte, hielt er mich am Ellbogen fest. »Cicero muss wirklich verzweifelt sein, wenn er mich im Hilfe bittet«, sagte er und schaute mich mit ungewohnter Ernsthaftigkeit an. »Sag ihm, dass es mir leidtäte, wenn er in Schwierigkeiten stecken sollte. Er ist ein Dutzend Mal mehr wert als Crassus und mein Vater zusammen.«
*
Ich nahm nicht an, dass ich Caelius Rufus so bald wiedersehen würde. Den ganzen Tag, der vollkommen im Zeichen der Abstimmung über das Bestechungsgesetz stand, dachte ich nicht mehr an ihn. Cicero war auf dem Forum unermüdlich tätig. Mit seinem Gefolge ging er von einem Mitglied eines Wahlbezirks zum nächsten und setzte sich nachdrücklich für Figulas Gesetzesentwurf ein. Am meisten freute ihn, dass er unter der Flagge mit dem Namen VETURIA einige Hundert Bürger aus Gallia Cisalpina antraf, die als Reaktion auf seine Wahlkampfreise zum ersten Mal nach Rom gekommen waren, um ihre Stimme abzugeben. Lang und breit sprach er mit ihnen darüber, wie wichtig es sei, den Stimmenkauf bei Wahlen auszumerzen. Als er sich schließlich von ihnen verabschiedete, hatte er feuchte Augen. »Ein Jammer«, murmelte er. »Da reisen die armen Leute von so weit her an und müssen sich von Crassus und seinem Geld verhöhnen lassen. Aber wenn wir das Gesetz durchbekommen, dann habe ich vielleicht die Waffe in der Hand, mit der ich den Schurken zur Strecke bringen kann.«
Ich hatte den Eindruck, dass Ciceros Arbeit Früchte trug und die lex Figula angenommen werden würde, denn die Mehrheit der Wähler war nicht korrupt. Aber nur weil eine gesetzliche Maßnahme redlich und vernünftig ist, hat man noch keine Garantie, dass sie auch angenommen wird; nach meiner Erfahrung trifft sogar das Gegenteil zu. Am frühen Nachmittag trat der populäre Volkstribun Mucius Orestinus - der, des Raubes angeklagt, einmal Ciceros Klient gewesen war - an die Rampe der Rostra und verunglimpfte das Gesetz als Angriff der Aristokraten auf die Integrität des Volkes. Er hob sogar Cicero als Einzigen namentlich hervor und bezeichnete ihn als einen Mann, der - so seine Worte - »für das Amt des Konsulats ungeeignet« sei und sich als Freund des Volkes aufspiele, aber nie etwas für das Volk getan habe, es sei denn, er habe damit auch seine eigenen Interessen fördern können. Die eine Hälfte der Menge quittierte diese Äußerung mit Buhrufen und Hohngelächter, die andere - vermutlich die, die ihre Stimme regelmäßig verkaufte und das auch weiter so halten wollte - jubelte begeistert.
Das war zu viel für Cicero. Schließlich hatte er erst im Jahr zuvor einen Freispruch für Mucius erreicht. Wenn diese aalglatte Ratte jetzt sein sinkendes Schiff verließ, dann musste es jeden Augenblick auf den Meeresgrund aufschlagen. Cicero bahnte sich mit vor Zorn hochrotem Kopf einen Weg durch die Menge und forderte, antworten zu dürfen. »Was ist mit deiner Stimme, Mucius, wer hat die gekauft?«, brüllte er, doch Mucius stellte sich taub. Die Menschen um uns herum zeigten auf Cicero, stießen ihn nach vorn zu den Tempelstufen und riefen dem Volkstribun zu, er solle ihn sprechen lassen, aber das war augenscheinlich das Letzte, was Mucius wollte. Er wollte überhaupt nicht, dass über das Gesetz abgestimmt wurde, weil er fürchtete, dass es angenommen werden könnte. Er hob den Arm und verkündete, begleitet von tumultartigen Szenen und Handgreiflichkeiten zwischen den beiden rivalisierenden Fraktionen, mit feierlicher Stimme, dass er sein Veto gegen die Vorlage einlege. Damit war die lex Figula gestorben. Figulus erklärte daraufhin, dass er für den morgigen Tag eine Sitzung des Senats einberufe, damit über das weitere Vorgehen beraten werden könne.
Das war ein bitterer Augenblick für Cicero. Als wir wieder zu Hause waren und ich es schließlich geschafft hatte, die Tür vor der nachdrängenden Anhängerschar zu schließen, fürchtete ich, er würde wie damals am Tag vor den Wahlen zum Ädilat einen Zusammenbruch erleiden. Er war sogar zu erschöpft, um mit Tullia zu spielen. Und auch als Terentia ihm vorführte, wie der kleine Marcus seine ersten wackeligen Schritte ohne fremde Hilfe machte, hob er seinen Sohn nicht hoch, um ihn in die Luft zu werfen, wie er es sonst zur Begrüßung immer tat, sondern tätschelte ihm nur die Wange, zwickte ihn geistesabwesend am Ohr und ging dann gleich weiter Richtung Arbeitszimmer - auf dessen Schwelle er überrascht stehen blieb, weil da niemand anderer als Caelius Rufus vor seinem Schreibpult saß.
Laurea, der neben der Tür stand, entschuldigte sich bei Cicero. Er habe Caelius gesagt, dass er wie alle anderen Besucher im Tablinum warten solle, aber der habe sich nicht abweisen lassen; was er mitzuteilen habe, sei so vertraulich, dass er von Fremden lieber nicht gesehen werden wolle.
»Ist schon gut, Laurea. Unser junger Freund Rufus ist immer willkommen. Allerdings fürchte ich«, setzte Cicero hinzu, während er Caelius die Hand schüttelte, »dass ich nach dem langen und deprimierenden Tag heute einen ziemlich trübseligen Unterhalter abgebe.«
»Vielleicht muntern dich die Neuigkeiten, die ich habe, ja ein bisschen auf«, sagte Caelius und fing an zu grinsen.
»Ist etwa Crassus gestorben?«
»Ganz im Gegenteil«, erwiderte Caelius lachend. »Er ist sogar quicklebendig. Angesichts des zu erwartenden Triumphs bei den Wahlen hat er für heute Abend schon mal eine große Konferenz einberufen.«
»Ach, tatsächlich?«, sagte Cicero. Ich sah sofort, dass diese Information ihn wieder etwas belebte wie ein kurzer Nieselregen eine verwelkte Blume. »Und wer nimmt da teil, an dieser Konferenz?«
»Catilina, Hybrida, Caesar. Wer sonst noch kommt, weiß ich nicht. Als ich aus dem Haus bin, haben sie gerade die Stühle aufgestellt. Einer von Crassus' Sekretären, der in der Stadt unterwegs war, um die Einladungen zu überbringen, hat mir das erzählt. Da lief die Volksversammlung noch.«
»Interessant«, murmelte Cicero. »Was würde ich dafür geben, da Mäuschen spielen zu können.«
»Kein Problem«, sagte Caelius. »Das Treffen findet in dem Raum statt, in dem Crassus auch seine geschäftlichen Besprechungen abhält. Dabei hat er oft - aber nicht heute Abend, wie mir mein Informant versichert - einen Sekretär dabei, der Notizen von dem Gesprochenen macht, aber so, dass die andere Person nichts davon mitbekommt. Dafür hat er sich einen kleinen Horchposten einbauen lassen, ein Kämmerchen, das sich hinter einem Wandteppich befindet. Er hat mir das mal gezeigt, als er mir von seinen Tricks als Geschäftsmann erzählt hat.«
»Du willst sagen, dass Crassus sich selbst abhören lässt?«, fragte Cicero erstaunt. »Welcher Politiker macht denn so was?«
»>Wer glaubt, dass er keine Zeugen hat, macht schnell unüberlegte Versprechungen< - Crassus' Worte.«
»Du vermutest also, dass du dich da drin verstecken und mitschreiben kannst?«
»Ich nicht«, widersprach Caelius spöttisch. »Ich bin doch kein Sekretär. Ich hab an Tiro gedacht«, sagte er und klopfte mir auf die Schulter, »unseren Meister der Kurzschrift.«
*
Ich würde mich ja gern damit brüsten, dass ich mich, ohne zu zögern, zu diesem Selbstmordkommando bereit erklärt hätte. Aber dem war nicht so. Ganz im Gegenteil, ich habe mich mit allen praktischen Einwänden, die mir in den Sinn kamen, gegen Caelius' Plan ausgesprochen. Wie sollte ich unbemerkt in Crassus' Haus gelangen? Wie sollte ich es wieder verlassen? Wie sollte ich, verborgen hinter dem Wandteppich, bei dem Durcheinander an Stimmen erkennen, wer gerade sprach? Aber Caelius wusste auf alle meine Fragen eine Antwort. Ich fühlte eine panische Angst in mir hochsteigen. »Was, wenn man mich schnappt und foltert?«, fragte ich Cicero. Das war der Kern aller meiner Ängste. »Ich kann nicht beschwören, dass ich so mutig wäre, Euch nicht zu verraten.«
»Cicero kann einfach leugnen, dass er davon gewusst hat«, sagte Caelius - eine von meinem Standpunkt aus wenig hilfreiche Lösung. »Außerdem ist allgemein bekannt, dass unter Folter abgepresste Aussagen nicht verlässlich sind.«
»Ich glaube, ich falle in Ohnmacht«, witzelte ich matt.
»Reiß dich zusammen, Tiro«, ermahnte mich Cicero, der umso aufgeregter wurde, je länger er zuhörte. »Niemand wird dich foltern, und niemand wird dich vor Gericht zerren. Dafür werde ich schon sorgen. Wenn du entdeckt wirst, werde ich deine Freilassung aushandeln, ich werde jeden Preis zahlen, damit dir nichts zustößt.« Mit seinem charakteristischen Doppelgriff drückte er meine beiden Hände und schaute mir tief in die Augen. »Du bist mehr ein zweiter Bruder für mich als mein Sklave, Tiro. Schon seit wir damals vor vielen Jahren in Athen zusammen die Philosophen studiert haben - erinnerst du dich? Ich hätte bereits viel früher mit dir über das Thema Freilassung sprechen sollen, aber irgendwie ist immer eine neue Krise dazwischengekommen, die mich abgelenkt hat. Also sage ich dir jetzt, und Caelius ist mein Zeuge, dass es meine feste Absicht ist, dir die Freiheit zu schenken - und das einfache Leben auf dem Land, nach dem du dich schon immer gesehnt hast. Und ich sehe den Tag vor mir, wenn ich von meinem Haus zu deinem kleinen Gehöft hinüber reite und wir dann zusammen in deinem Garten sitzen und die über einem Olivenhain oder Weinberg untergehende Sonne beobachten und uns über all die Abenteuer unterhalten, die wir zusammen erlebt haben.« Cicero ließ meine Hände los, und ich sah die in der warmen Abendluft flirrende ländliche Idylle noch einen Augenblick vor mir, dann verblasste sie. »Und«, sagte er forsch, »das Angebot ist in keiner Weise daran gebunden, ob du diese Aufgabe nun übernimmst oder nicht, das möchte ich noch einmal deutlich betonen. Du hast es dir jetzt schon mehr als genug verdient. Ich würde dir nie befehlen, dich in Gefahr zu begeben. Du weißt, wie schlecht es im Augenblick um meine Sache bestellt ist. Du allein musst tun, was du für richtig hältst.«
Das waren fast genau seine Worte. Wie hätte ich sie auch jemals vergessen können?
Die Konferenz sollte bei Einbruch der Dunkelheit beginnen, was bedeutete, dass wir keine Zeit mehr zu verlieren hatten. Als die Sonne hinter dem Kapitolshügel versank und ich zum zweiten Mal an diesem Tag den Palatin hinaufging, hatte ich das beunruhigende Gefühl, in eine Falle zu tappen. Wie konnte ich mir oder in diesem Fall auch Cicero sich sicher sein, dass Caelius Rufus nicht die Seiten gewechselt hatte und seine Loyalität jetzt Crassus gehörte? War »Loyalität« nicht ohnehin ein absurdes Wort angesichts des auf wechselhafte, flüchtige Vergnügungen ausgerichteten Charakters meines jungen, launenhaften Begleiters? Jedenfalls konnte man jetzt sowieso nichts mehr ändern. Caelius bog gerade vor mir in einen schmalen Weg ein, der zur Rückseite von Crassus' Haus führte. Er drückte einen dichten Vorhang aus dicken, verschlungenen Efeuranken zur Seite, hinter dem eine winzige eisenbeschlagene Tür zum Vorschein kam, die vollkommen zugerostet aussah. Trotzdem schwang sie nach einem kurzen, kräftigen Stoß von Caelius' Schulter geräuschlos auf. Wir sprangen in einen leeren Kellerraum.
Wie Catilinas Haus war auch dieses sehr alt und im Lauf der Jahrhunderte immer wieder erweitert worden, sodass ich in den labyrinthischen Gängen schon nach kurzer Zeit die Orientierung verlor. Crassus war berühmt dafür, dass er viele äußerst gut ausgebildete Sklaven besaß, die er übrigens als eine Art Arbeitsvermittler auch außer Haus vermietete. Er hatte so viele Sklaven, dass es mir unmöglich erschien, unentdeckt bis in besagten Raum vorzudringen. Aber wenn Caelius in seinen Jahren der juristischen Ausbildung in Rom etwas gelernt hatte, dann war es, wie man irgendwo gesetzwidrig rein- und wieder rauskam. Wir durchquerten einen Innenhof, schlüpften kurz in ein Vorzimmer, um ein Hausmädchen vorbeizulassen, und betraten schließlich einen großen leeren Raum, der mit erlesenen Wandteppichen aus Babylon und Korinth geschmückt war. In der Mitte standen im Halbkreis etwa zwanzig vergoldete Stühle, darum herum zahlreiche schon entzündete Lampen und Kandelaber. Caelius nahm eine der Lampen, ging zügig zu einem schweren wollenen Wandteppich, auf dem Diana mit einem Speer einen Hirsch erlegte, und hob ihn am Rand an. Dahinter verbarg sich eine Nische wie für eine Statue, gerade hoch und tief genug für einen einzelnen Mann, mit einem kleinen, etwa in Mannshöhe vorstehenden Sims, auf den Caelius die Lampe stellte. Als ich laute Männerstimmen hörte, schlüpfte ich schleunigst in die Nische. Caelius legte den Finger an die Lippen, zwinkerte mir zu und hängte den Wandteppich wieder vor die Öffnung. Schnell verklangen seine Schritte, ich war allein.
Erst war ich vollkommen blind, doch allmählich gewöhnte ich mich an das schwache Licht der Öllampe, die direkt hinter meiner Schulter stand. Vor mir entdeckte ich mehrere winzige Gucklöcher, die man in das dicke Wollgewebe gebohrt hatte und durch die ich den ganzen Raum überblicken konnte. Ich hörte jetzt Schritte, die rasch näher kamen, und plötzlich schob sich vor meine Augen etwas Dunkles, das ich verschwommen als die Rückseite eines verrunzelten, rosafarbenen Glatzkopfes ausmachte. In der nächsten Sekunde dröhnte Crassus' Stimme so laut in meinen Ohren, dass ich fast nach vorn gestolpert wäre. Er bat seine Gäste mit freundlicher Stimme, doch einzutreten. Dann gab er meine Gucklöcher frei, und andere Männer gingen an mir vorbei und nahmen auf den Stühlen Platz: der behände Catilina, Hybrida mit seinem Säufergesicht, der geschniegelt und gleichgültig-arrogant wirkende Caesar, der untadelige Lentulus Sura, Mucius, der Held des Nachmittags, und zwei berüchtigte Stimmenkäufer. Außerdem erkannte ich einige Senatoren, die das Volktribunat anstrebten. Sie alle schienen bester Laune zu sein, waren zu Scherzen aufgelegt, und Crassus musste erst ein paar Mal in die Hände klatschen, um die Besprechung eröffnen zu können.
»Meine Herren, vielen Dank, dass ihr gekommen seid«, sagte er, wobei er mit dem Rücken zu mir stand. »Es gibt viel zu besprechen, und wir haben nicht viel Zeit. Also gleich zum ersten Punkt: Ägypten. Caesar?«
Crassus setzte sich, und Caesar stand auf. Mit dem Zeigefinger strich er sich eins seiner dünnen Haare hinter das Ohr. Vorsichtig, um ja kein Geräusch zu machen, zog ich mein Notizbuch und meinen Schreibgriffel hervor. Und als Caesar mit seiner unverwechselbar scharfen Stimme zu sprechen begann, begann ich zu schreiben.
*
Meine Kurzschrifttechnik ist - wenn ich mir an dieser Stelle diese unbescheidene Zwischenbemerkung erlauben darf - eine ganz wunderbare Erfindung. Auch wenn ich zugeben muss, dass Xenophon schon knapp vierhundert Jahre vor mir eine primitive Spielart davon entwickelt hatte, die aber mehr ein privates Hilfssystem zur Abfassung von Texten als eine richtige Kurzschrift war. Außerdem funktionierte sein System nur auf Griechisch, während meins die gesamte lateinische Sprache mit ihrem riesigen Wortschatz und ihrer komplexen Grammatik zu viertausend Symbolen verdichtete. Und das obendrein auf eine Weise, die es jedem willigen Schüler erlaubt, meine Kurzschrift zu erlernen. Theoretisch könnte sogar eine Frau Stenografin werden.
Wer das System beherrscht, weiß, dass in der Praxis kaum etwas so verheerende Folgen hat wie eine zitterige Hand. Angst macht aus geschickten Fingern lukanische Würste, und ich hatte befürchtet, dass ich an jenem Abend vor lauter Nervosität nicht schnell genug würde schreiben können. Aber als ich erst einmal mit meinen Notizen begonnen hatte, hatte das eine merkwürdig beruhigende Wirkung auf mich. Für einen Gedanken, was ich da überhaupt schrieb, blieb mir keine Zeit. Ägypten, Kolonisten, öffentliches Land, Regierungsbeauftragte - ich hörte die Worte, ohne ihre Bedeutung auch nur ansatzweise zu verstehen; mein einziger Ehrgeiz bestand darin, sie so schnell niederzuschreiben, wie sie ausgesprochen wurden. Eigentlich war die Hitze das größte Problem: Ich kam mir in meinem kleinen Gefängnis vor wie in einem Backofen. Der Schweiß lief mir von der Stirn und juckte in den Augen; meine Handflächen waren so feucht, dass es mir schwerfiel, den glitschigen Schreibgriffel richtig zu halten. Nur ab und zu, wenn ich mich vorbeugte und ein Auge an ein Guckloch in dem Teppichgewebe presste, um mich zu vergewissern, wer da gerade sprach, wurde ich mir des gewaltigen Risikos bewusst, das ich eingegangen war. Das Gefühl äußerster Verwundbarkeit wurde noch durch die Tatsache verstärkt, dass ich oft den Eindruck hatte, einer oder mehrere aus der Runde würden genau in meine Richtung blicken. Vor allem Catilina schien die Szene auf meinem Wandteppich zu faszinieren. Der schlimmste Augenblick kam ganz zum Schluss, als Crassus die Besprechung für beendet erklärte. »Wenn wir das nächste Mal zusammenkommen«, sagte er, »wird unser aller Schicksal und das von Rom auf immer eine neue Wendung genommen haben.« Als der Beifall verklungen war, stand Catilina auf und ging direkt auf mich zu. Ich schrak zurück, drückte mich gegen die Wand und sah, wie seine Finger höchstens eine Handbreit von meinem schweißnassen Gesicht entfernt über das Gewebe des Teppichs strichen. Die vor meinen Augen hin-und herwandernde Delle besitzt noch heute die Macht, mich mitten in der Nacht schreiend aus dem Schlaf hochfahren zu lassen. Aber Catilina hatte nichts weiter im Sinn, als Crassus ein paar Komplimente über die herrliche Handwerkskunst zu machen, worauf eine kurze Unterhaltung darüber folgte, wo Crassus den Teppich gekauft und -unausweichlich bei Crassus - was er für ihn bezahlt hatte. Dann verschwanden die beiden aus meinem Blickfeld.
Ich wartete. Als ich schließlich einen Blick durch eins der Gucklöcher wagte, war niemand mehr da. Nur die unordentlich herumstehenden Stühle wiesen daraufhin, dass überhaupt eine Besprechung stattgefunden hatte. Ich musste mich sehr beherrschen, um nicht einfach den Teppich zurückzuschlagen und zur Tür zu stürzen. Aber wir hatten vereinbart, dass ich in der Nische bliebe, bis Caelius mich holte. Also kauerte ich mit dem Rücken zur Wand und mit um die hochgezogenen Knie geschlungenen Armen in meinem engen Versteck und wartete. Ich habe keine Ahnung, wie lange die Konferenz gedauert hatte, doch da die vier Notizbücher, die ich mitgebracht hatte, fast vollgeschrieben waren, muss sie viel Zeit in Anspruch genommen haben. Ich weiß auch nicht mehr, wie lange ich auf Caelius wartete. Möglich, dass ich eingeschlafen war, denn als er endlich kam, war es vollkommen dunkel. Sämtliche Lampen und Kerzen, einschließlich meiner Öllampe, waren heruntergebrannt. Als er den Teppich zur Seite zog, zuckte ich zusammen; wortlos hielt er mir die Hand hin und half mir auf. Zusammen schlichen wir durch das schlafende Haus in den Kellerraum und krabbelten ins Freie. Als ich mit steifen Knochen in der Gasse stand, bedankte ich mich flüsternd.
»Keine Ursache«, flüsterte er zurück. Im schwachen Mondschein konnte ich das aufgeregte Leuchten in seinen Augen sehen - Augen, die so weit aufgerissen, so hell waren, dass mir klar wurde, das waren nicht nur die Worte eines törichten Großmauls, das war ernst gemeint, als er hinzufügte: »War mir ein Vergnügen.«
*
Es war weit nach Mitternacht, als ich schließlich wieder zu Hause war. Alle schliefen schon bis auf Cicero, der im Speisezimmer auf mich gewartet hatte. Nach den Büchern zu urteilen, die neben der Liege auf dem Boden herumlagen, musste er mich schon seit Stunden erwartet haben. »Und?«, sagte er. Als ich nickte und damit den Erfolg meiner Mission signalisierte, kniff er mir in die Wange und erklärte, dass ich der mutigste und schlaueste Sekretär sei, den je ein Staatsmann gehabt habe. Ich gab ihm die Notizbücher, er schlug das erste auf und hielt es ans Licht. »Klar, deine verdammten Hieroglyphen«, sagte er und zwinkerte mir zu. »Also los, setz dich hin, ich hol dir einen Becher Wein, und dann kannst du mir alles erzählen. Willst du was essen?« Er schaute sich unbeholfen um; die Rolle des Dieners war ihm nicht gerade angeboren. Kurz darauf saß ich ihm gegenüber, vor mir ein voller Becher Wein, ein Apfel und meine Notizbücher - wie ein Schuljunge, der seine Lektion aufsagen soll.
Die Wachstafeln selbst sind nicht mehr in meinem Besitz, aber Cicero hat die Abschriften, die er davon anfertigen ließ, zusammen mit seinen vertraulichsten Unterlagen aufgehoben. Während ich sie mir jetzt anschaue, wundert es mich nicht mehr, dass ich der Diskussion damals nicht hatte folgen können. Die Verschwörer hatten sich offenbar vorher schon mehrere Male getroffen, denn ihre Beratungen an jenem Abend setzten einiges an Vorwissen voraus. Es wurde viel über Gesetzgebungspläne, Ergänzungen zu Gesetzesentwürfen und Aufteilungen von Verantwortungsbereichen gesprochen. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass ich Cicero einfach meine Aufzeichnungen vorlas und wir damit alles verstanden hätten. Wir brüteten viele Stunden über rätselhaften Bemerkungen, die wir drehten und wendeten, bis wir uns schließlich ein klares Bild machen konnten. Immer wieder rief Cicero: »Diese durchtriebenen Schurken, schlau, verdammt schlau!«, stand dann auf, drehte ein paar Runden im Zimmer und setzte sich wieder. Kurz gesagt gliederte sich die Verschwörung, an der Caesar und Crassus seit vielen Monaten gezimmert haben mussten, in vier Teile. Als Erstes strebten sie die Kontrolle über den Staat an, und zwar mit Siegen in allen allgemeinen Wahlen, die ihnen nicht nur beide Konsulate, sondern auch alle zehn Volktribunate plus ein paar Präturen bescheren sollten; Angesichts der täglich schwindenden Unterstützung für Cicero, so die Stimmenkäufer, sei dieses Ziel mehr oder weniger eine vollendete Tatsache. Der zweite Schritt sah vor, dass die Volkstribunen im Dezember ein Gesetz für eine umfassende Landreform einbringen sollten, welches die Auflösung der großen staatlichen Ländereien beinhaltete - vor allem in den fruchtbaren Ebenen Kampaniens - sowie deren sofortige Verteilung als Ackerland an fünftausend städtische Plebejer. Im dritten Schritt sollten im März zehn von Crassus und Caesar angeführte Regierungsbeauftragte gewählt werden, die die Vollmacht erhielten, eroberte Gebiete im Ausland zu verkaufen und mit den daraus erzielten Erlösen per Zwangsenteignung weitere riesige Landgebiete in Italien zu erwerben, um damit ein noch größeres Besiedlungsprogramm zu starten. Als letzte Stufe stand für kommenden Sommer nichts Geringeres als die Annektierung Ägyptens auf dem Programm. Als Vorwand würde das umstrittene, vor etwa siebzehn Jahren verfasste Testament eines seiner toten Herrscher, König Ptolemaios des Soundsovielten, dienen, in dem er angeblich sein gesamtes Herrschaftsgebiet dem römischen Volk vermachte; die Profite auch daraus würden zu weiterem Landerwerb in Italien besagten Regierungsbeauftragten zur Verfügung stehen.
»Bei allen Göttern, das ist ein als Landreform getarnter Staatsstreich!«, rief Cicero erregt, nachdem wir meine Aufzeichnungen komplett durchgegangen waren. »Diese zehn Regierungsbeauftragen unter Crassus und Caesar, das sind dann die wahren Herren des Landes. Die Konsuln und die anderen Magistrate, degradiert zu Nullen. Mit den im Ausland erplünderten Geldern können sie ihre Herrschaft zu Hause auf unbegrenzte Zeit absichern.« Er lehnte sich zurück und saß mit verschränkten Armen, das Kinn auf der Brust, lange Zeit schweigend da.
Ich war erschöpft von den Strapazen und wollte nur noch schlafen. Wir hatten die ganze Nacht durchgearbeitet, und die ersten Sonnenstrahlen fielen ins Zimmer: Der letzte Tag vor den Wahlen war angebrochen. Draußen stimmten die Vögel ihr morgendliches Konzert an, und kurz darauf hörte ich, wie jemand die Treppe herunterkam. Es war Terentia. Sie trug noch ihr Nachthemd, um die schmalen Schultern hatte sie sich einen Schal geschlungen; die Haare waren ungekämmt, und sie schaute uns aus ihrem ungeschminkten Gesicht verschlafen an. Ich erhob mich respektvoll und blickte verlegen zur Seite. »Marcus!«, rief sie, ohne mich zu beachten. »Was um alles in der Welt machst du so früh hier unten?«
Er erklärte ihr missmutig, was passiert war. Wenn es um politische oder finanzielle Dinge ging, konnte man Terentia nichts vormachen - wäre sie keine Frau und schon einigermaßen wach gewesen, dann weiß ich nicht, wie sie reagiert hätte. Terentia war durch und durch Aristokratin, und als sie begriff, was er gerade gesagt hatte, war sie natürlich entsetzt. Der Gedanke, staatliches Land zu privatisieren und dem Volk zu überlassen, war für sie der erste Schritt zur Zerstörung Roms.
»Du musst an vorderster Stelle dagegen ankämpfen«, bedrängte sie Cicero. »Das kann dir den Wahlsieg bringen. Jeder ehrbare Mann wird sich dir anschließen.«
»Ach ja, tatsächlich?« Cicero nahm eins der Notizbücher vom Tisch. »Offener Widerstand dagegen könnte übel auf mich zurückfallen. Ein großer Block im Senat war schon immer für eine Annexion Ägyptens - die eine Hälfte aus patriotischen Gründen, die andere aus reiner Geldgier. Und da draußen auf den Straßen, da wird der Ruf >Kostenloses Land für alle!< Catilina und Hybrida wahrscheinlich mehr Stimmen einbringen als kosten. Nein, ich sitze in der Falle.« Er starrte das Konferenzprotokoll an und schüttelte langsam den Kopf wie ein Künstler, der trübsinnig über das Werk eines begabten Rivalen nachdenkt. »Das ist ein wahrhaft außerordentliches Komplott, ein politischer Geniestreich. Das kann sich nur Caesar ausgedacht haben. Und was Crassus angeht - für eine Anzahlung von gerade mal zwanzig Millionen Sesterzen kann er sich fast ganz Italien und Ägypten unter den Nagel reißen. Eine ziemlich lukrative Investition, das musst selbst du zugeben.«
»Aber du musst etwas dagegen unternehmen«, sagte Terentia. »Irgendwas.« Sie ließ nicht locker. »Du kannst das doch nicht einfach so zulassen.«
»Und was genau, schlägst du vor, soll ich unternehmen?«
»Und dich halten die Leute für den schlauesten Mann von ganz Rom?«, fragte sie wütend. »Das liegt doch auf der Hand. Du gehst als Erstes heute Morgen in den Senat und deckst das Komplott auf. Stell die Verschwörer an den Pranger!«
»Hervorragende Taktik«, erwiderte Cicero sarkastisch. (Ich begann mich in meiner Rolle als Zuhörer zunehmend unwohl zu fühlen.) »Ich enthülle die Existenz einer populären Gesetzesinitiative, und gleichzeitig verurteile ich sie auch noch. Du hörst mir nicht zu, Terentia: Die Menschen, die davon am meisten profitieren, sind meine Anhänger.«
»Nun ja, die Schuld, dass du von solchem Abschaum überhaupt abhängig bist, liegt ja wohl ganz allein bei dir. Das ist das Problem mit der Demagogie, Marcus - du denkst vielleicht, dass du den Pöbel kontrollieren kannst, aber am Ende ist es doch immer der Pöbel, der dich verschlingt. Hast du im Ernst geglaubt, du könntest es mit Männern wie Crassus und Catilina aufnehmen, wenn es darum geht, Prinzipien meistbietend zu verhökern?« Cicero brummte gereizt, hatte bemerkenswerterweise aber kein Gegenargument zur Hand. »Und sag mir doch bitte noch eins«, fuhr sie unbarmherzig fort. »Wenn dieses außergewöhnliche Komplott, wie du es nennst - ich würde es eher als >Kriminelles Unternehmen< bezeichnen -, wirklich so populär ist, wie du sagst, warum dann diese Heimlichtuerei mitten in der Nacht? Warum sagen sie es dann nicht ganz offen?«
»Weil, meine liebe Terentia, die Aristokraten alle so denken wie du. Die würden das niemals unterstützen. Erst sind es die großen Staatsgüter, die zerschlagen und verteilt werden, und dann nehmen sie sich die privaten Ländereien der Herren vor. Mit jedem Stück Land, das Caesar und Crassus unter die Leute bringen, haben sie einen Klienten mehr. Wenn den Patriziern erst mal die Kontrolle über das Land entgleitet, dann sind sie am Ende. Außerdem, was glaubst du wohl, wie Catulus oder Hortensius darauf reagieren würden, von einer Zehnerkommission herumkommandiert zu werden, die das Volk gewählt hat? Das Volk! Das wäre für die Herren gleichbedeutend mit Revolution -Tiberius Gracchus, das gleiche Spiel noch mal von vorn.« Cicero warf das Notizbuch wieder auf den Esstisch. »Nein, um den Status quo zu erhalten, würden die Aristokraten das tun, was sie schon immer getan haben - intrigieren, bestechen, meucheln.«
»Und zwar mit vollem Recht!« Terentia schaute ihn finster an. Ihre Fäuste waren geballt. Fast rechnete ich damit, dass sie ihn schlagen würde. »Sie hatten recht, als sie die Volkstribunen entmachtet haben, genauso wie es richtig war, zu versuchen, Pompeius, diesem Emporkömmling aus der Provinz, Einhalt zu gebieten. Und wenn du noch etwas Verstand hast, dann gehst du jetzt zu den Aristokraten und sagst: >Das hier sind Crassus' und Caesars Pläne - unterstützt mich, und ich werde dem ein Ende machen.<«
Cicero stöhnte wütend auf und ließ sich auf die Liege fallen. Eine Zeit lang schwieg er. Plötzlich hob er den Blick und schaute Terentia an. »Himmel, Terentia«, sagte er leise, »du bist tatsächlich ein schlaues Weib.« Er sprang auf und küsste sie auf die Wange. »Mein wunderbares, schlaues Weib - du hast völlig recht. Oder besser, halb recht, es ist gar nicht nötig, dass ich irgendetwas unternehme. Ich überlasse das einfach Hortensius. Tiro, wie lange brauchst du, um eine saubere Abschrift von deinem Protokoll anzufertigen - nicht vom ganzen Protokoll, nur von den wichtigsten Punkten, gerade so viel, dass Hortensius' Neugier geweckt wird?«
»Ein paar Stunden«, antwortete ich. Sein dramatischer Stimmungsumschwung verwirrte mich.
»Schnell, schnell!«, sagte er. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn jemals so überdreht gesehen zu haben. »Los, hol mir Feder und Papyrus!«
Ich holte ihm beides, er tauchte die Schreibfeder ins Tintenfass, dachte kurz nach und fing dann an zu schreiben, wobei Terentia und ich ihm über die Schulter schauten.
Von: Marcus Tullius Cicero An: Quintus Hortensius Hortalus Sei gegrüßt!
Meine patriotische Pflicht gebietet mir, dir vertraulich das Protokoll eines Treffens zukommen zu lassen, das am gestrigen Abend im Hause des M, Crassus stattgefunden hat, an dem neben dem Hausherrn. G. Caesar, L. Catilina, G. Hybrida, P. Sura und einige Kandidaten für das Volkstribunat teilgenommen haben, deren Namen dir allesamt bekannt sind. Ich werde heute im Senat das Wort ergreifen und einige dieser Personen zur Rede zu stellen. Solltest du an einer eingehenden Erörterung der Angelegenheit interessiert sein, so stehe ich dir hinterher im Haus unseres gemeinsamen Freundes T. Pomponius Atticus zur Verfügung.
Das sollte reichen«, sagte er und blies über die feuchte Tinte. »Und du, Tiro, machst jetzt eine so vollständige Kopie deiner Notizen, wie es dir in der kurzen Zeit möglich ist. Wichtig sind die Passagen, bei denen ihnen mit Sicherheit das Patrizierblut in den Adern gefriert. Bis spätestens eine Stunde vor Sitzungsbeginn bringst du deine Abschrift zusammen mit meinem Brief persönlich Hortensius -persönlich, ist das klar, keinem Sekretär. Und dann schick einen von deinen Burschen zu Atticus, und lass ihm ausrichten, dass ich ihn noch kurz sprechen möchte, bevor ich in den Senat gehe.« Er gab mir den Brief und eilte aus dem Zimmer.
»Soll Sositheus oder Laurea die Klienten einlassen?«, rief ich ihm hinterher, denn ich hörte schon Stimmen auf der Straße. »Und wann sollen die Türen geöffnet werden?«
»Keine Klienten heute Morgen!«, rief er zurück, als er schon halb die Treppe oben war. »Wenn sie wollen, können sie mich in den Senat begleiten. Du hast jetzt genug zu tun, und ich muss mich um meine Rede kümmern.«
Seine Schritte hallten durchs Haus, bis er in seinem Zimmer verschwunden war. Terentia berührte die Stelle auf ihrer Wange, wo Cicero sie geküsst hatte, und schaute mich verwirrt an. »Rede?«, sagte sie. »Welche Rede?«
Ich musste ihr gestehen, dass ich selbst keine Ahnung hatte und deshalb auch nicht für mich in Anspruch nehmen kann, bei diesem außergewöhnlichen Beispiel einer Schmährede, die heute unter dem Namen In toga candida aller Welt bekannt ist, meine Hände im Spiel oder gar schon vorher Kenntnis davon gehabt zu haben.
*
Ich schrieb so schnell und so akkurat, wie es mir angesichts meiner Müdigkeit möglich war. Ich verfasste das Protokoll in Form eines Dramas, notierte erst den Namen der Person und dann, was sie sagte. Vieles von dem, was ich für belanglos hielt, ließ ich weg, obwohl mich während der Arbeit öfter die Frage quälte, ob ich dafür überhaupt die nötige Urteilskraft besaß. Aus diesem Grund beschloss ich, die Notizbücher mitzunehmen, für den Fall, dass ich im Lauf des Tages auf sie zurückgreifen musste. Als ich fertig war, versiegelte ich das Schriftstück, schob es in eine Rolle und machte mich auf den Weg. Ich musste mich durch eine dichte Menschentraube aus Klienten und Sympathisanten drängeln, wobei ich mehrmals an meiner Tunika festgehalten und gefragt wurde, wo denn der Senator bleibe.
Hortensius' Villa auf dem Palatin wurde viele Jahre später von unserem teuren und geliebten Kaiser in Besitz genommen, woran man schon ersehen kann, wie prächtig sie war. Ich war noch nie dort gewesen und musste deshalb mehrmals nach dem Weg fragen. Das Haus stand genau auf der Hügelkuppe, von wo man in südwestlicher Pachtung auf den Tiber hinunterschauen konnte. Beim Anblick der dunkelgrünen Bäume, die die sanfte Biegung des silbrigen Flusses säumten, und der dahinterliegenden Felder hatte man glauben können, man befinde sich irgendwo auf dem Land anstatt mitten in der Stadt. Wie ich wohl schon an anderer Stelle erwähnt habe, gehörte Hortensius' Schwager Catulus das Nachbaranwesen. Das ganze, nach Geißblatt und Myrte duftende und bis auf das Zwitschern der Vögel vollkommen ruhige Viertel atmete den Geist von gutem Geschmack und altem Geld. Sogar Hortensius' Verwalter sah aus wie ein Aristokrat. Als ich ihm sagte, ich hätte für seinen Herrn eine persönliche Botschaft von Senator Cicero, da hätte man glauben können, ich hätte gefurzt, ein derart angewiderter Ausdruck bemächtigte sich seines hageren Gesichts. Als ich mich weigerte, ihm die Rolle zu geben, ließ er mich im Atrium warten, wo die leeren, toten Augen der Masken aller Konsuln aus Hortensius' Ahnenreihe auf mich herabstarrten. Auf einem dreibeinigen Tisch in der Ecke stand eine aus einem einzigen riesigen Stück Elfenbein geschnitzte Sphinx, die genau die Sphinx sein musste, die Verres vor so vielen Jahren seinem Anwalt geschenkt und über die Cicero sich lustig gemacht hatte. Ich beugte mich gerade vor, um sie mir genauer anzuschauen, als hinter mir Hortensius den Raum betrat.
»Wer hätte das gedacht?«, sagte er, während ich mich schuldbewusst aufrichtete. »Unter dem Dach meiner Vorfahren mal einen Abgesandten von Marcus Cicero begrüßen zu dürfen, damit hätte ich nicht gerechnet. Worum geht es?«
Offensichtlich machte er sich gerade fertig für die morgendliche Senatssitzung, denn er war schon mit seiner Senatorentoga bekleidet - allerdings noch ohne Schuhe, seine Füße steckten in gewöhnlichen Sandalen. Außerdem empfand ich es als seltsam, den alten Feind so ungeschützt außerhalb der Arena zu sehen. Ich gab ihm Ciceros Brief, den er sofort öffnete und in meiner Gegenwart las. Als er zu den Namen gelangte, warf er mir einen scharfen Blick zu. Ich spürte, dass er angebissen hatte, aber natürlich war er zu gut erzogen, um es sich anmerken zu lassen.
»Richte ihm aus, dass ich mir den Bericht anschaue, sobald es mir meine Zeit erlaubt«, sagte er und nahm die Rolle entgegen. Dann ging er, als hätte er in seinem ganzen Leben noch nichts in seinen manikürten Händen gehalten, was uninteressanter gewesen wäre, gemächlich auf dem gleichen Weg zurück, den er gekommen war. Allerdings bin ich mir sicher, dass er in der Sekunde, als ich ihn nicht mehr sehen konnte, in seine Bibliothek gerannt ist und das Siegel aufgerissen hat. Was mich betraf, so ging ich wieder hinaus an die frische Luft und nahm für den Rückweg in die Stadt die Caci-Treppe, da mir bis zum Sitzungsbeginn des Senats noch Zeit zur Verfügung stand und mich der andere Weg näher an Crassus' Haus vorbeiführte, als mir lieb war. Über die Treppe gelangte ich in die Gegend um die Via Etrusca, wo sich alle Parfüm- und Weihrauchgeschäfte befanden. Die Wohlgerüche versetzten meinen durch Schlafentzug geschwächten Körper fast in einen Rauschzustand. Meine Stimmung war seltsam losgelöst von der realen Welt und ihren Sorgen. Ich weiß noch, was mir damals durch den Kopf ging: Morgen um diese Zeit ist die Wahl auf dem Marsfeld schon in vollem Gange, und wahrscheinlich wissen wir auch schon, ob Cicero Konsul wird oder nicht, aber ob er es nun wird oder nicht, ändert nichts daran, dass die Sonne scheinen und dass es im Herbst wieder regnen wird. Ich trieb mich auf dem Forum Boarium herum und schaute den Leuten zu, die ihre Blumen und ihr Obst einkauften, und fragte mich, wie es wohl wäre, wenn man sich nicht im Geringsten für Politik interessierte, sondern - wie die Dichter sagen - »ein Leben im Schatten« genießt, vita umbratilis. Das genau hatte ich vor, wenn Cicero mir die Freiheit und einen Bauernhof schenkte. Ich würde die Früchte essen, die ich anbaute, und die Milch der Ziegen trinken, die ich aufzog; abends würde ich meine Tür zumachen und mich keinen Deut mehr um irgendeine Wahl scheren. Nie fühlte ich mich weiser als in diesen Augenblicken.
Als ich schließlich das Forum erreichte, hatten sich im Senaculum schon gut zweihundert Senatoren eingefunden, die von einer neugierigen Menschenmenge begafft wurden - nach ihrer bäuerlichen Kleidung zu urteilen Leute vom Land, die für die Wahlen nach Rom gekommen waren. Flankiert von den Auguren saß Figulus auf seinem Konsulsstuhl in der Eingangstür zum Senatsgebäude und wartete darauf, dass die zur Beschlussfähigkeit erforderliche Anzahl an Senatoren zusammenkam. Hin und wieder gab es einen kleineren Aufruhr, wenn ein Kandidat samt seiner Anhängerschaft auf dem Forum einzog. Ich sah Catilina kommen samt seiner wunderlich bunten Corona aus junger Aristokratie und Abschaum der Straße und später dann Hybrida, dessen lärmende Truppe aus Schuldnern und Spielern wie Sabidius und Panthera im Vergleich dazu noch einigermaßen respektabel aussah. Die Senatoren begaben sich nun in den Sitzungssaal, und ich fragte mich schon, ob Cicero etwas zugestoßen sei, als vom Argiletum her Getrommel und Flötenmusik zu hören war und zwei Kolonnen junger Männer, die frisch geschnittene Zweige in die Luft reckten und um die fröhlich aufgeregte Kinder herumtollten, auf das Forum einbogen. Dann zog eine von Atticus angeführte Gruppe angesehener römischer Ritter ein, auf die Quintus mit etwa einem Dutzend Hinterbänkler aus dem Senat folgte. Einige Mädchen liefen vor der Parade her und streuten Rosenblätter auf den Boden. Ciceros Einzug stellte den seiner Rivalen bei weitem in den Schatten, und von der Menge wurde er mit entsprechendem Applaus empfangen. Im Mittelpunkt des Trubels, wie im Auge eines Tornados, marschierte der Kandidat selbst, der in die leuchtende toga candida gehüllt war, die er schon bei seinen drei erfolgreichen Wahlen zuvor getragen hatte. Da ich ihn normalerweise immer begleitete, kam es nur selten vor, dass ich ihn aus der Distanz beobachten konnte, und so fiel mir heute zum ersten Mal auf, dass er der geborene Schauspieler war, der, wenn er sein Kostüm angelegt hatte, erst zu seinem wahren Charakter fand. Als die kräftige Gestalt mit festem Blick an mir vorbeischritt, erschien er mir wie die Verkörperung all der Werte, die das traditionelle Weiß seiner Toga symbolisieren sollten - Klarheit, Redlichkeit, Reinheit. An seinem Gang und abwesenden Gesichtsausdruck erkannte ich, dass er schon vollkommen auf seine Rede konzentriert war. Ich schloss mich der Prozession an, und als er die Kammer betrat, brandete der Jubel seiner Anhänger auf, auf den seine Gegner umgehend mit Buhrufen antworteten.
Man hielt uns zurück, bis der letzte Senator eingetreten war, dann ließ man uns bis zur Zuschauerschranke vor. Kaum hatte ich mir meinen guten Stammplatz am Türpfosten gesichert, als sich jemand zu mir vordrängelte. Es war Atticus, der vor Aufregung ganz bleich war. »Woher nimmt er bloß die Nerven, sich so was zu trauen?«, fragte er. Bevor ich antworten konnte, erhob sich Figulus und berichtete der Kammer über das Scheitern seines Gesetzesantrags in der Volksversammlung. Nachdem er eine Zeit lang auf seine leiernde Art gesprochen hatte, forderte er Mucius auf zu erklären, warum er gegen das vom Senat beschlossene Gesetz sein Veto eingelegt habe. Es herrschte eine drückende, nervöse Stimmung in der Kammer. Catilina und Hybrida saßen bei den Aristokraten, direkt vor ihnen auf der Konsulnbank saß Catulus, ein paar Plätze weiter Crassus und auf der gleichen Seite der Kammer, auf einem der für die ehemaligen Ädilen reservierten Plätze, Caesar. Mucius stand auf und erläuterte in würdevollen Worten, dass sein heiliges Amt von ihm verlange, den Interessen des Volkes zu dienen. Und Figulus' Gesetz sei weit davon entfernt, diesen Interessen zu dienen, es bedrohe vielmehr die Sicherheit des Volkes und beleidige dessen Ehre.
»Blödsinn«, tönte es von der anderen Seite des Ganges. Ich erkannte Ciceros Stimme sofort. »Die haben dich gekauft!«
Atticus packte meinen Arm. »Jetzt geht's los!«,flüsterte er.
»Mein Gewissen ...«, fuhr Mucius fort.
»Dein Gewissen hat damit gar nichts zu tun. Du bist ein Lügner, du hast dich verkauft wie eine Hure!«
Plötzlich erfüllte den Saal das dumpf grollende Geräusch, das entsteht, wenn ein paar Hundert Menschen gleichzeitig ihrem Nebenmann etwas zuflüstern. Cicero sprang auf und signalisierte mit ausgestrecktem Arm, dass er das Wort wünsche. In diesem Augenblick hörte ich hinter mir eine Stimme, die Durchlass verlangte. Wir drängten uns zur Seite, um dem unpünktlichen Senator Platz zu machen, der sich ein paar Sekunden später als Hortensius entpuppte. Er eilte den Gang hinunter, verbeugte sich vor dem Konsul und setzte sich auf seinen Platz neben Catulus, den er umgehend in eine geflüsterte Unterhaltung verstrickte. Inzwischen forderten Ciceros Anhänger unter den pedarii lautstark das Wort für ihren Fürsprecher, was ihm als ehemaligem Prätor und damit gegenüber Mucius Ranghöherem auch unbestreitbar zustand. Nur sehr zögernd ließ sich Mucius von den Senatoren neben ihm dazu bewegen, sich zu setzen. Cicero zeigte auf ihn - mit dem geraden, starr ausgestreckten Arm in der weißen Toga sah er aus wie eine Statue der rächenden Justitia - und erklärte: »Du bist eine Hure, Mucius, jawohl, und obendrein ein Verräter, denn erst gestern hast du vor der Volksversammlung erklärt, dass ich ungeeignet sei für das Konsulat, ich, der erste Mann, an den du dich gewandt hast, als man dich des Raubes anklagte! Gut genug für deine Verteidigung, Mucius, aber nicht gut genug, das römische Volk zu verteidigen, hast du das gemeint? Aber was soll ich mich um dein Gerede scheren, wenn doch die ganze Welt weiß, dass man dich für diese Verleumdung bezahlt hat?«
Mucius lief knallrot an. Er schüttelte die Faust und schleuderte Cicero Beleidigungen entgegen, die ich im allgemeinen Aufruhr nicht verstehen konnte. Cicero betrachtete ihn verächtlich und bat mit erhobener Hand um Ruhe. »Aber wer ist schon Mucius?«, sagte er geringschätzig und schnalzte dabei mit den Fingern. »Nichts weiter als eine einzelne Hure aus einer ganzen Horde von käuflichen Kreaturen. Und ihr Anführer ist ein Mann von adeliger Geburt, der sich die Bestechung zu seinem Instrument erwählt hat - und glaubt mir, Senatoren, darauf spielt er wie auf einer Flöte. Er besticht Geschworene, Wähler und Volkstribunen. Kein Wunder, dass er unser Gesetz gegen die Bestechung verabscheute und für ihn nur eine Methode in Betracht kam, es zu verhindern -Bestechung.« Er hielt inne und senkte die Stimme. »Ich möchte die Kammer über einige Dinge in Kenntnis setzen, die mir zu Ohren gekommen sind.« Es wurde jetzt sehr still. »Gestern Abend haben sich Antonius Hybrida, Sergius Catilina und einige andere Personen im Haus jenes Mannes von adeliger Geburt ...«
»Der Name!«, forderte eine laute Stimme, und einen Augenblick lang glaubte ich tatsächlich, Cicero würde ihn nennen. Stattdessen schaute er mit derart berechnender Intensität hinüber zu dem auf der anderen Seite des Ganges sitzenden Crassus, dass er genauso gut hätte hinübergehen und ihm die Hand auf die Schulter legen können, so deutlich war, wen er meinte. Crassus richtete den Oberkörper leicht auf und neigte ihn langsam nach vorn, ohne Cicero aus den Augen zu lassen: Er musste vor Spannung auf das, was jetzt kommen würde, fast platzen. Man merkte, wie jeder im Saal die Luft anhielt. Aber Cicero war auf andere Beute aus, und mit einer fast spürbaren Willensanstrengung wandte er den Blick von Crassus ab.
»Jener besagte Mann von adeliger Geburt hat sich also mittels Bestechung das Bestechungsgesetz vom Hals geschafft und heckt nun ein neues Komplott aus. Er plant, sich mittels Bestechung den Weg zum Konsulat zu bahnen. Allerdings nicht für sich selbst, sondern für seine beiden Marionetten Hybrida und Catilina.«
Wie vermutlich von Cicero eingeplant, sprangen die beiden Angesprochenen augenblicklich auf und protestierten. Da sie jedoch im Rang unter ihm standen, hatte Cicero das Recht, sie einfach stehen zu lassen. »Da haben wir sie also«, sagte er und drehte sich zu den Bänken hinter ihm um. »Die Besten, die man für Geld bekommen kann!« Er gab dem losbrechenden Gelächter genügend Zeit, sich aufzuschaukeln, um dann im genau richtigen Augenblick hinzuzufügen: »Wie wir Anwälte sagen -caveat emptor, der Käufer trägt das Risiko!«
Nichts ist der Würde und Autorität eines Politikers abträglicher als Hohn und Spott. Wenn es dazu kommt, ist es von entscheidender Bedeutung, sich vollkommen unbeteiligt zu geben. Die von allen Seiten mit Lachsalven bombardierten Hybrida und Catilina jedoch konnten sich nicht entscheiden, ob sie entweder trotzig stehen bleiben oder die Angelegenheit mit gespielter Gleichgültigkeit aussitzen sollten. Schließlich versuchten sie beides: Sie hüpften auf und ab und sahen dabei aus wie zwei Arbeiter an den beiden Enden eines Pumpenschwengels, was die allgemeine Heiterkeit natürlich noch steigerte. Vor allem Catilina wurde augenscheinlich immer übellauniger; wie viele arrogante Menschen konnte er es nicht ertragen, wenn man sich über ihn lustig machte. Caesar, der den beiden zu Hilfe kommen wollte, stand auf und fragte Cicero, worauf er eigentlich hinauswolle, doch Cicero ignorierte die Frage einfach, und der Konsul, der sich wie alle anderen prächtig amüsierte, weigerte sich, Cicero zur Ordnung zu rufen.
»Reden wir zuerst über den Geringeren der beiden«, fuhr Cicero fort, als seine Opfer zusammengesunken wieder auf ihren Plätzen saßen. »Du, Hybrida, hättest nie zum Prätor gewählt werden dürfen und wärst auch nie zum Prätor gewählt worden, hätte ich mich nicht aus Mitleid bei den Zenturien für dich eingesetzt. Du lebst offen mit einer Kurtisane zusammen, bringst in der Öffentlichkeit kein Wort heraus, du kannst dich ohne nomendator kaum an deinen eigenen Name erinnern. Unter Sulla warst du ein Dieb und danach ein Säufer. Du bist, kurz gesagt, ein Witz. Allerdings ein Witz von der übelsten Sorte, einer, der schon viel zu lange gedauert hat.«
Es war jetzt wieder deutlich ruhiger in der Kammer, denn mit derartigen Beleidigungen machte sich Cicero den Mann zwangsläufig zum Feind fürs Leben. Als Cicero sich Catilina zuwandte, spürte ich, wie sich Atticus' Hand in meinem Arm verkrallte. »Was deinen Fall betrifft, Catilina, ist es nicht Ausgeburt und Sinnbild schlimmer Zeiten, dass jemand wie du sich überhaupt Hoffnungen auf das Konsulat machen oder auch nur einen Gedanken darauf verwenden kann? Von wem willst du dieses Amt denn verlangen? Von den Häuptern des Staates, die es erst vor zwei Jahren abgelehnt haben, dich zur Kandidatur auch nur zuzulassen? Vom Ritterstand, den du abgeschlachtet hast? Vom Volk, das sich immer noch der monströsen Grausamkeit erinnert, mit der du seinen Anführer, meinen Blutsverwandten Gratidianus, niedergemetzelt und seinen noch atmenden Kopf durch die Straßen Roms zum Tempel des Apollo getragen hast? Oder von den Senatoren, die dir kraft ihrer Autorität fast deine Rechte als Bürger Roms aberkannt und in Ketten an die Afrikaner ausgeliefert hätten?«
»Ich bin freigesprochen worden!«, brüllte Catilina und sprang wieder auf.
»Freigesprochen!«, höhnte Cicero. »Du? Freigesprochen? Der sich mit jeder nur denkbaren sexuellen Perversion und Lasterhaftigkeit besudelt hat? An dessen Händen das Blut der niederträchtigsten Morde klebt? Der Verbündete ausgeplündert, Gesetze gebrochen und Gerichtshöfe geschändet hat? Der ehebrecherisch die Mutter der von ihm zuvor verführten Tochter geheiratet hat? Freigesprochen? Dann müssen römische Ritter gelogen haben und die Urkundenbeweise einer höchst angesehenen Stadt gefälscht gewesen sein; dann muss Quintus Metellus Pius, muss ganz Afrika Lügen erzählt haben. Freigesprochen! Was für ein Jammer, dass dir nicht aufgefallen ist, dass dieses Urteil gar kein Freispruch war, sondern nur ein Aufschub für ein Strafgericht, das ein klein wenig härter sein wird, mit Strafen, die ein klein wenig schrecklicher sein werden.«
Das wäre selbst für einen gleichmütigen Menschen zu viel gewesen, bei Catilina bewirkte es nichts weniger als einen Blutrausch. Mit animalischem Gebrüll stürzte er zwischen den vor ihm sitzenden Hortensius und Catulus hindurch in den Gang, um seinem Peiniger an die Kehle zu gehen. Das war natürlich genau die Reaktion, die Cicero beabsichtigt hatte. Er zuckte zwar zusammen, blieb aber aufrecht stehen, während sich Quintus und ein paar Veteranen schützend vor ihn stellten - was allerdings gar nicht nötig gewesen wäre, denn die Liktoren des Konsuls hatten ebenfalls sofort reagiert und Catilina trotz seiner Größe überwältigt. Seine Freunde, darunter auch Crassus und Caesar, packten den sich windenden, um sich tretenden und immer noch vor Wut brüllenden Catilina an den Armen und zerrten ihn zurück zu seinem Platz. Alle Senatoren waren aufgestanden, um das Schauspiel besser beobachten zu können. Figulus unterbrach die Sitzung, bis die Ordnung wiederhergestellt war.
Als endlich Ruhe eingekehrt war und alle Senatoren auf ihren Plätzen saßen, erhielten, wie es Brauch war, Hybrida und Catilina Gelegenheit zur Gegenrede. Zornbebend kippten sie unter dem pflichtgemäßen Jubel ihrer Anhänger kübelweise Beleidigungen über Cicero aus, wobei sie sich der gewohnten Stichworte bedienten - machtgierig, nicht vertrauenswürdig, intrigant, homo novus, Ausländer, sich vor dem Armeedienst gedrückt, Feigling. Allerdings reichte keiner von beiden an die Eleganz von Ciceros Verunglimpfungskünsten heran. Vor allem aber musste es selbst ihren treuesten Parteigängern unangenehm aufgefallen sein, dass sie keine Antwort auf Ciceros zentrale Anschuldigung hatten: dass sie nämlich ihre Kandidatur nur den korrupten Umtrieben einer mysteriösen dritten Person verdankten. Es fiel auf, dass Hortensius und sogar Catulus nur sehr halbherzig applaudierten. Was Cicero betrifft, der setzte seine professionelle Maske auf und ließ die schrillen Tiraden lächelnd und regungslos über sich ergehen - er schien in etwa so beeindruckt zu sein wie eine Ente von einem Regenschauer. Erst hinterher, nachdem Quintus und seine Veteranen ihn schnell aus der Kammer eskortiert hatten, um einer etwaigen weiteren Attacke Catilinas zuvorzukommen, und er in Atticus' Haus auf dem Quirinal in Sicherheit war, erst da schien ihm das Ausmaß dessen, was er gerade getan hatte, bewusst zu werden.
Cicero konnte jetzt nichts weiter tun, als Hortensius' Reaktion abzuwarten. Unter den Augen der großen Philosophen, umgeben von der Weisheit alter Zeiten, verbrachten wir die Stunden in der kühlen Stille von Atticus' Bibliothek, während draußen, jenseits der Terrasse, der Tag zur Neige ging und sich die heiße Stadtluft an diesem Spätnachmittag im Juli gelblich staubig einfärbte. Ich würde ja gern zu Protokoll geben, dass wir uns das eine oder andere Buch vornahmen und uns über Epikur, Zeno oder Aristoteles austauschten oder dass Cicero uns Profundes über die Demokratie mitteilte. Aber dem war nicht so.
Niemand war in der Stimmung für politische Theorie, am wenigsten Quintus, der für Cicero einen Auftritt in der geschäftigen Porticus Aemilia arrangiert hatte und sich darüber ärgerte, dass sein Bruder wertvolle Wahlkampfzeit verlor. Wir gingen noch einmal Ciceros dramatische Rede durch - »Ihr hättet Crassus' Gesicht sehen sollen, als er glaubte, ich würde seinen Namen nennen« - und überlegten, wie die Aristokraten wohl darauf reagieren würden. Wenn sie den Köder nicht schluckten, dann befände sich Cicero in einer höchst gefährlichen Lage. Immer wieder fragte er mich, ob ich auch sicher sei, dass Hortensius den Brief gelesen habe, und jedes Mal erwiderte ich, ja, ganz sicher, schließlich sei ich dabei gewesen, als er ihn gelesen habe. »Dann geben wir ihm noch eine Stunde«, sagte er dann und fing wieder an, unruhig hin und her zu laufen und Atticus mit bissigen Bemerkungen zu nerven: »Deine eleganten Freunde, haben die schon mal was von Pünktlichkeit gehört?« oder »Verstößt das eigentlich gegen eure gute Erziehung, wenn man mal ab und zu auf die Uhr schaut?«
Atticus' hervorragende Sonnenuhr zeigte die zehnte Stunde an, als schließlich einer seiner Sklaven in die Bibliothek kam und den Besuch von Hortensius' Verwalter meldete.
»Sollen wir jetzt etwa mit seinem Personal verhandeln?«, brummte Cicero. Aber er war so begierig auf Neuigkeiten, dass er höchstpersönlich hinaus ins Atrium eilte. Wir folgten ihm. Im Atrium wartete der gleiche dürre, hochnäsige Kerl, der mir am Morgen bei Hortensius die Tür geöffnet hatte. Er war jetzt auch nicht viel höflicher. Er erklärte, dass er mit Hortensius' Kutsche gekommen sei und Cicero zu einer Unterredung mit seinem Herrn abholen solle.
»Ich fahre mit«, sagte Quintus bestimmt.
»Meine Anweisungen lauten, nur Senator Cicero abzuholen«, widersprach der Verwalter. »Das Treffen ist höchst sensibel und vertraulich. Nur eine zusätzliche Person ist vonnöten - der Sekretär des Senators, der mit der flotten Schreibhand.«
Ich war genauso wenig erbaut wie Quintus - ich, weil ich zu feige war, um mir ein Kreuzverhör durch Hortensius zu wünschen; er, weil er sich brüskiert fühlte und vielleicht auch weil er sich - die wohlwollendere Variante - Sorgen um die Sicherheit seines Bruders machte. »Was, wenn das eine Falle ist?«, fragte er, »Was, wenn Catilina da auf dich wartet oder dich auf dem Weg überfällt?«
»Senator Hortensius bürgt für deine Sicherheit, Senator«, sagte der Verwalter steif. »Ich gebe dir stellvertretend vor allen Zeugen hier mein Ehrenwort.«
»Es geschieht mir schon nichts, Quintus«, sagte Cicero und legte seinem Bruder beruhigend die Hand auf den Arm. »Es ist doch gar nicht in Hortensius' Interesse, dass mir etwas zustößt. Außerdem«, fügte er lächelnd hinzu, »bin ich ein Freund von Atticus, eine bessere Sicherheit kann es doch gar nicht geben. Komm, Tiro. Hören wir uns an, was Hortensius uns zu sagen hat.«
Aus der relativen Sicherheit der Bibliothek begaben wir uns hinaus auf die Straße, wo ein elegantes carpentum wartete, an dessen Seite Hortensius' Wappen prangte. Der Verwalter setzte sich vorne neben den Kutscher, Cicero und ich stiegen hinten ein, und im nächsten Augenblick schlingerten wir schon den Hügel hinunter. Allerdings fuhren wir nicht wie erwartet nach Süden zum Palatin, sondern in nördlicher Richtung zur Porta Fontinalis. Wir reihten uns in den Verkehrsstrom ein, der zum Ende des Tages die Stadt verließ. Cicero verbarg sein Gesicht in den Falten seiner weißen Toga. Was ihn scheinbar vor den Staubwolken schützte, die die Wagenräder aufwirbelten, sollte ihn tatsächlich vor den Blicken seiner Wähler schützen - immerhin saß er in einer Kutsche von Hortensius. Als wir jedoch jenseits der Stadtgrenze waren, zog er seine Faltenhaube herunter. Er war sichtlich nicht glücklich darüber, dass wir das Stadtgebiet verließen, denn trotz seiner mutigen Worte wusste er genau, dass es ein Leichtes war, hier draußen einen tödlichen Unfall zu arrangieren. Die Straße war von wuchtigen Familiengruften gesäumt, hinter denen gerade die Sonne unterging. Die langen pechschwarzen Schatten, die die Pappeln auf den Weg warfen, sahen wie Felsspalten aus. Wir wurden kurz von einem langsamen Ochsenfuhrwerk aufgehalten, aber als der Kutscher seine Peitsche schnalzen ließ, zogen wir rasch daran vorbei und konnten gerade noch rechtzeitig vor einem schnell der Stadt zustrebenden, vierrädrigen Wagen wieder einscheren. Inzwischen wussten wir, wohin wir fuhren. Cicero zog sich erneut die Toga über den gesenkten Kopf und verschränkte die Arme. Welche Gedanken schossen ihm wohl durch den Kopf? Schließlich verließen wir die Straße und rumpelten über einen frisch gekiesten Weg einen steilen Hügel hinauf. Der gewundene Weg führte uns über plätschernde Bäche und durch düstere, duftende Pinienwäldchen. Tauben gurrten in der Abenddämmerung. Durch ein riesiges offenes Tor führen wir in einen Park und hielten vor einer unermesslich großen Villa, in der ich das Modell wiedererkannte, das Gabinius auf dem Forum dem neidischen Pöbel präsentiert hatte: Wir standen vor dem Palast des Lucullus.
*
Noch viele Jahre später musste ich bei dem Geruch von frischem Zement und nasser Farbe immer an Lucullus und sein hallendes Mausoleum denken, das er vor den Toren Roms für sich erbaut hatte. Was für eine herausragende, melancholische Gestalt -der vielleicht größte Heerführer, den die Aristokraten seit fünfzig Jahren hervorgebracht hatten. Von Pompeius' um den endgültigen Sieg im Osten gebracht, von den politischen Intrigen seiner Feinde, zu denen auch Cicero gehörte, zu jahrelanger Untätigkeit vor den Toren Roms verurteilt, von allen Ehrungen, ja sogar den Senatssitzungen ausgeschlossen, weil er die Stadtgrenzen nicht überschreiten durfte, ohne sein Recht auf einen Triumph zu verwirken. Weil er immer noch über das militärische imperium verfügte, hatte er auch noch militärische Wachposten, und in der Halle warteten mürrische Liktoren mit Rutenbündeln und Beilen - und zwar so viele Liktoren, wie Cicero auffiel, dass nach seiner Rechnung noch ein zweiter General im aktiven Dienst auf dem Gelände sein musste. »Hältst du es für möglich, dass Quintus Metellus hier ist?«, fragte er mich flüsternd, als Hortensius' Verwalter uns in das höhlenartige Innere des Palastes führte. »Bei allen Göttern, ich glaube, er ist tatsächlich da.«
Wir gingen durch verschiedene mit Kriegsbeute vollgestopfte Räume, bis wir schließlich in den großen Raum eintraten, der als Saal des Apollo bekannt ist. Unter einem Wandgemälde, auf dem Apollo mit einem goldenen Bogen einen Feuerpfeil abschießt, saßen sechs ins Gespräch vertiefte Männer. Beim Geräusch unserer Schritte auf dem Marmorboden verstummten sie, schauten uns an und schwiegen hörbar. Quintus Metellus war tatsächlich da - stämmiger, grauer und verwitterter nach seinem jahrelangen Kommando auf Kreta, aber immer noch unverkennbar der Mann, der versucht hatte, die Sizilier dazu zu nötigen, ihre Klage gegen Verres fallen zu lassen. Neben Metellus saß auf einer Seite sein Verbündeter aus alten Gerichtstagen, Hortensius, dessen kühles, fein geschnittenes Gesicht keinerlei Regung zeigte, und auf der anderen Seite Catulus, dünn und scharf wie die Klinge eines Messers. Isauricus, der große alte Mann des Senats, war ebenfalls anwesend -um die siebzig muss er an jenem Juliabend gewesen sein, was man ihm allerdings nicht ansah (er war einer von diesen Menschen, denen man ihr Alter nie ansah: Er sollte neunzig Jahre alt werden und die Trauerfeiern fast aller Anwesenden erleben). Mir fiel auf, dass er die Abschrift in Händen hielt, die ich Hortensius überbracht hatte. Die beiden Lucullus-Brüder komplettierten das Sextett. Den jüngeren, Marcus, kannte ich aus dem Senat, er war ein bekanntes Gesicht aus der vordersten Bank. Lucius, den berühmten General, hatte ich noch nie zuvor gesehen, er hatte achtzehn der letzten dreiundzwanzig Jahre im Militärdienst außerhalb von Rom verbracht. Er war etwa Mitte fünfzig, und mir wurde schnell klar, warum Pompeius so leidenschaftlich eifersüchtig auf ihn war - in Galatien bei der Übergabe des Oberbefehls für den Osten war es sogar zu Handgreiflichkeiten zwischen den beiden gekommen. Lucullus verströmte eine kühle Grandezza, die sogar Catulus etwas gewöhnlich aussehen ließ.
Es war schließlich Hortensius, der das peinliche Schweigen beendete. Er stand auf und stellte Cicero dem General vor. Cicero streckte die Hand aus, und einen Augenblick lang glaubte ich, dass Lucullus den Handschlag verweigern würde, denn dieser kannte Cicero ja nur als Parteigänger von Pompeius und als einen jener populären Politiker, die bei seiner Abberufung die Finger im Spiel gehabt hatten. Aber schließlich nahm er seine Hand doch - allerdings so vorsichtig, wie man einen schmutzigen Schwamm in einer Latrine anfasst. »Imperator«, sagte Cicero und verneigte sich höflich. Dann nickte er auch Metellus zu: »Imperator.«
»Und wer ist das?«, fragte Isauricus und zeigte auf mich.
»Tiro, mein Sekretär«, antwortete Cicero. »Er hat das Treffen in Crassus' Haus protokolliert.«
»Nun, was mich angeht, ich glaube kein Wort davon«, sagte Isauricus und stieß mit dem Schriftstück in meine Richtung. »Niemand kann eine derart ausführliche Besprechung Wort für Wort aufzeichnen. Kein Mensch kann das.«
»Tiro hat sein eigenes Kurzschriftsystem entwickelt«, erläuterte Cicero. »Zeig ihm die Aufzeichnungen, Tiro, so wie du sie gestern Nacht gemacht hast.«
Ich zog die Notizbücher aus der Tasche und verteilte sie an die Runde.
»Bemerkenswert«, sagte Hortensius, während er sich meine Notizen ansah. »Diese Symbole, stehen die für Laute oder für ganze Wörter?«
»Die meisten für Wörter und für allgemeine Redewendungen«, antwortete ich.
»Das will ich sehen«, sagte Catulus aggressiv. »Schreib mit, was ich sage.« Er sprach gleich weiter, sodass mir kaum Zeit blieb, ein frisches Notizbuch und meinen Schreibgriffel hervorzuholen. »Wenn das stimmt, was ich hier lese, dann steuert der Staat als Folge einer kriminellen Verschwörung auf einen Bürgerkrieg zu. Stimmt es nicht, dann handelt es sich um die hinterhältigste Fälschung in der Geschichte Roms. Ich persönlich betrachte dieses Schriftstück als Fälschung, und zwar weil ich es für unmöglich halte, dass ein menschliches Wesen ein derartiges Protokoll anfertigen kann. Dass Catilina ein Hitzkopf ist, das wissen wir schon lange, aber er ist ein wahrer und ehrenhafter Römer, kein verschlagener, von Ehrgeiz zerfressener Außenseiter. Sein Wort gilt mir mehr als das eines homo novus - und das wird auch immer so bleiben! Was willst du von uns, Cicero? Nach allem, was zwischen uns vorgefallen ist, kannst du nicht ernsthaft annehmen, dass ich deinen Griff nach dem Konsulat unterstütze. Also, was willst du?«
»Nichts«, erwiderte Cicero freundlich. »Mir sind Informationen in die Hände gefallen, von denen ich annahm, sie konnten euch interessieren. Deshalb habe ich sie an Hortensius weitergeleitet, das ist alles. Ihr habt mich doch an diesen Ort bringen lassen, oder nicht? Ich habe nicht darum gebeten. Vielmehr hätte ich guten Grund zu fragen: Was wollt ihr? Wollt ihr zwischen die Mühlsteine geraten, die euch nach und nach die Luft aus dem Leib pressen? Zwischen Pompeius und seinen Armeen im Osten auf der einen und Crassus, Caesar und dem städtischen Pöbel hier in Italien auf der anderen Seite? Wollt ihr euch auf den Schutz durch die beiden Männer verlassen, deren Kandidatur für das Konsulat ihr unterstützt? Einen Idioten und einen Wahnsinnigen, die nicht einmal ihre eigenen Häuser führen können, geschweige denn die Geschäfte des Staates? Ist es das, was ihr wollt? Nun gut. Ich für meinen Teil habe wenigstens ein ruhiges Gewissen. Obwohl ihr nie meine Freunde gewesen seid, habe ich meiner patriotischen Pflicht genügt und euch darüber informiert, was vorgeht. Und mein Auftritt heute im Senat hat euch wohl hinreichend bewiesen, dass ich willens bin, mich diesen Kriminellen in den Weg zu stellen. Ich habe sie mir damit zu Feinden gemacht, und euch habe ich gezeigt, wer sie wirklich sind. Kein anderer Kandidat für das Konsulat hat das getan oder wird es in Zukunft tun. Und trotzdem will ich nichts von dir, Catulus, von keinem von euch. Wenn ihr aber nichts weiter im Sinn habt, als mich zu beleidigen, dann kann ich euch nur einen guten Abend wünschen.«
Und damit drehte er sich um und ging Richtung Tür und ich mit ihm. Ich schätze, die wenigen Schritte müssen ihm vorgekommen sein wie der längste Weg, den er jemals zurückgelegt hat, denn wir hatten schon fast das dunkle Vorzimmer erreicht - und damit unweigerlich das schwarze Loch politischer Bedeutungslosigkeit -, als eine laute Stimme (es war die von Lucullus) rief: »Lies vor!« Cicero blieb stehen, dann drehten wir uns beide um. »Lies vor«, wiederholte Lucullus, »was Catulus gerade gesagt hat.«
Cicero nickte mir zu, und ich kramte mein Notizbuch hervor. »>Wenn das stimmt, was ich hier lese, dann steuert der Staat als Folge einer kriminellen Verschwörung auf einen Bürgerkrieg zu.<« Meine Stimme klang immer merkwürdig ausdruckslos, wenn ich meine stenografierten Notizen vorlas. »»Stimmt es nicht, dann handelt es sich um die hinterhältigste Fälschung in der Geschichte Roms. Ich persönlich betrachte dieses Schriftstück als Fälschung, und zwar weil ich es für unmöglich halte, dass ein menschliches Wesen ein derartiges Protokoll anfertigen kann ...<«
»Das kann er sich auch gemerkt haben«, wandte Catulus ein. »Das ist doch nichts weiter als ein billiger Trick. Solche Zauberstückchen kriegt man auf dem Forum dauernd zu sehen.«
»Das Ende«, sagte Lucullus, der es jetzt wissen wollte. »Lies die letzten Sätze vor, die dein Herr gesagt hat.«
Ich fuhr mit dem Finger nach unten. >»Und mein Auftritt heute im Senat hat euch wohl hinreichend bewiesen, dass ich willens bin, mich diesen Kriminellen in den Weg zu stellen. Ich habe sie mir damit zu Feinden gemacht, und euch habe ich gezeigt, wer sie wirklich sind. Kein anderer Kandidat für das Konsulat hat das getan oder wird es in Zukunft tun. Und trotzdem will ich nichts von dir, Catulus, von keinem von euch. Wenn ihr aber nichts weiter im Sinn habt, als mich zu beleidigen, dann kann ich euch nur einen guten Abend wünschen.<«
Isauricus pfiff durch die Zähne. Hortensius nickte und sagte etwas in der Art von »Ich hab's euch ja gesagt« oder »Hab ich euch nicht gewarnt?« -genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Jedenfalls sagte Metellus: »Tja, was mich angeht, mir reicht das als Beweis.« Catulus starrte mich nur wütend an.
»Komm zurück, Cicero«, sagte Lucullus und winkte mit dem Zeigefinger. »Du hast mich überzeugt. Das Protokoll ist echt. Lassen wir die Frage, wer wen am meisten braucht, vorerst beiseite, und unterhalten wir uns auf der Grundlage, dass jeder von uns den anderen braucht.«
»Ich bin immer noch nicht überzeugt«, brummte Catulus.
»Dann lasst es mich mit einem einzigen Wort versuchen, vielleicht überzeugt dich das«, sagte Hortensius gereizt. »Das Wort lautet Caesar. Caesar - mit Crassus' Gold, mit zwei Konsuln und mit zehn Volkstribunen im Rücken!«
»Dann müssen wir uns also tatsächlich mit solchen Leuten einlassen?«, seufzte Catulus. »Cicero, na gut ...«, sagte er schließlich, »aber dich brauchen wir ganz sicher nicht«, schnauzte er und zeigte auf mich, als ich wie gewohnt meinem Herrn folgte. »Ich weigere mich, mit diesem Etwas und seinen Zauberkunststücken auch nur in ein und denselbem Raum zu sein. Ich will nicht, dass er uns zuhört und alles aufschreibt. Ich traue ihm nicht, kein Wort darf diesen Raum verlassen.«
Cicero zögerte. »In Ordnung«, stimmte er widerwillig zu und schaute mich entschuldigend an. »Warte draußen, Tiro.«
Es stand mir nicht zu, gekränkt zu sein. Schließlich war ich nur ein Sklave: eine Arbeitskraft, ein Werkzeug - ein »Etwas«, wie Catulus sich ausgedrückt hatte. Trotzdem traf mich die Demütigung tief. Ich klappte mein Notizbuch zu, zog mich ins Vorzimmer zurück, ging durch ein hallendes, mit frischem Stuck verziertes Prunkzimmer nach dem anderen - Venus, Merkur, Mars, Jupiter. Ständig begegnete ich Sklaven, die Sandalen mit gepolsterten Sohlen trugen und die sich mit glimmenden Wachskerzen geräuschlos zwischen den Göttern hin- und herbewegten und die Lampen und Kandelaber anzündeten. Ich ging hinaus in den Park, wo in der seidigwarmen Abenddämmerung die Zikaden zirpten und ich aus Gründen, die ich bis heute nicht in Worte fassen kann, anfing zu weinen. Vielleicht war ich einfach übermüdet.
*
Fröstelnd vom Tau wachte ich kurz vor Morgengrauen auf. Mir taten die Knochen weh. Einen Augenblick lang wusste ich nicht, wo ich war, aber dann fiel mir wieder ein, dass ich mich am Abend zuvor auf eine Steinbank vor dem Haus gelegt hatte. Anscheinend hatte Cicero mich geweckt, denn ich schaute in sein grimmiges Gesicht. »Wir sind fertig«, sagte er. »Steh auf, wir müssen sofort in die Stadt zurück.« Er warf einen Blick zu Hortensius' Verwalter, der schon wartend neben dem Wagen stand, und legte einen Finger auf die Lippen, damit ich den Mund hielt. Also kletterten wir schweigend in das carpentum. Ich weiß noch, dass ich mich noch einmal umdrehte, als wir den Park verließen, und einen letzten Blick auf die große Villa warf. An der Terrasse brannten noch die Fackeln, deren scharfe Umrisse jedoch im bleichen Licht der Morgensonne allmählich verschwammen. Von Ciceros Gastgebern war nichts zu sehen. In gut zwei Stunden musste Cicero schon wieder das Haus verlassen, um rechtzeitig zu den Wahlen auf dem Marsfeld zu sein. Also trieb er den Kutscher zu äußerster Eile an, was der zum Anlass nahm, den bedauernswerten Pferden fast pausenlos die Peitsche zu geben. Glücklicherweise waren die Straßen frei. Wir sahen nur ein paar Männer, wahrscheinlich Wähler, die sich schon in aller Frühe auf den Fußmarsch Richtung Marsfeld gemacht hatten. Wir näherten uns rasend schnell der Stadt, erreichten die Porta Fontinalis genau in dem Augenblick, als sie geöffnet wurde, und klapperten dann schneller als der schnellste Läufer den gepflasterten Weg zum Esquilin hinauf. Kurz vor dem Tempel der Tellus ließ Cicero den Kutscher halten, und wir stiegen aus, um die letzten Schritte zu Fuß zurückzulegen - was mich wunderte, bis ich begriff, dass Cicero seinen Anhängern aus dem Weg gehen wollte, die schon vor dem Haus zusammenströmten. In seiner typischen Haltung, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, ging er vor mir her. Er hatte immer noch kein Wort über die Unterredung der vergangenen Nacht verloren. Mir fielen die Schmutzflecken auf seiner Toga auf, die bei unserer Abfahrt noch strahlend weiß gewesen war. Wir gingen um das Haus herum zu der kleinen Hintertür für die Dienerschaft, wo wir Terentias Privatsekretär, dem widerlichen Philotimus, über den Weg liefen, der anscheinend von einem nächtlichen Schäferstündchen mit einem der Sklavenmädchen zurückkehrte. Cicero schien ihn gar nicht zu bemerken, so sehr waren seine Gedanken beschäftigt mit dem, was geschehen war und was noch kommen würde. Er hatte müde rote Augen, seine Haare und sein Gesicht waren staubig von der Fahrt. Er sagte, ich solle die Leute ins Haus lassen, dann ging er nach oben.
Einer der Ersten, die über die Schwelle traten, war Quintus, der natürlich wissen wollte, was sich zugetragen hatte. Er war gleichzeitig wütend und besorgt. Fast bis Mitternacht hatte er mit den anderen in Atticus' Bibliothek auf uns gewartet. Das brachte mich in eine peinliche Lage, und ich stammelte nur, dass es mir lieber wäre, er würde seinen Bruder selbst fragen. Ehrlich gesagt, kam mir das Treffen zwischen Cicero und seinen erbittertsten Feinden, und das auch noch an diesem speziellen Ort, inzwischen so unwirklich vor, dass ich fast geneigt war, das Ganze als Traum abzutun. Quintus gab sich mit meiner Antwort nicht zufrieden, aber glücklicherweise ersparte mir die schiere Masse der ins Haus drängenden Besucher weitere Verlegenheiten. Ich stahl mich mit der Ausrede davon, dass ich im Tablinum nach dem Rechten sehen müsse. Von dort schlüpfte ich in meine kleine Kammer und wusch mir mit lauwarmem Wasser aus meiner Waschschüssel Hals und Gesicht ab.
Als ich Cicero das nächste Mal sah, etwa eine Stunde später, fiel mir einmal mehr seine bemerkenswerte Fähigkeit zur schnellen Regeneration auf, eine Eigenschaft, die alle erfolgreichen Politiker kennzeichnet. Als er die Treppe herunterkam, in einer frischen weißen Toga, das Gesicht gewaschen und rasiert, die Haare gekämmt und parfümiert, da hätte niemand ahnen können, dass er in den letzten beiden Nächten keine Minute geschlafen hatte. Auf seiner Schulter thronte sein Sohn Marcus, der heute ein Jahr alt wurde. Im Haus wimmelte es von seinen Anhängern, und als diese die beiden sahen, brach ein derartiges Jubelgeschrei los, dass es mich nicht überrascht hätte, wenn durch die Erschütterung ein paar Ziegel vom Dach geflogen wären: Kein Wunder, dass der Kleine anfing zu weinen. Cicero hob den Jungen schnell von der Schulter, damit niemand auf die Idee kam, dies als schlechtes Omen zu deuten, und übergab ihn Terentia, die hinter ihm auf der Treppe stand. Lächelnd sagte er etwas zu ihr, was ich aber nicht verstehen konnte. In diesem Augenblick wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie nahe die beiden sich im Lauf der Jahre gekommen waren: Aus der Zweckheirat war inzwischen eine außergewöhnliche Partnerschaft geworden.
So viele Menschen drängten sich im Haus, dass Cicero Mühe hatte, sich seinen Weg vom Tablinum ins Atrium zu bahnen, wo Quintus, Frugi und Atticus mit einer ansehnlichen Zahl von Senatoren auf ihn warteten. Zu denen, die ihre Unterstützung für Cicero demonstrieren wollten, gehörten sein alter Freund Servius Sulpicius; der namhafte Rechtsgelehrte Gallus, der eine eigene Kandidatur abgelehnt hatte; der ältere Frugi, dem er natürlich auch familiär verbunden war; Marcellinus, der ihn seit dem Verres-Prozess immer unterstützt hatte; sowie viele Senatoren, die er vor Gericht vertreten hatte: Cornelius, Fundanius, Orchivius und auch Fonteius, der korrupte Exstatthalter von Gallien. Während ich mich im Schlepptau Ciceros durch die überfüllten Räume kämpfte, wurde ich immer wieder an Ereignisse aus den vergangenen zehn Jahren erinnert, so viele Protagonisten aus schon fast vergessenen Gerichtssaalschlachten liefen mir über den Weg. Sogar Popillius Laenas, dessen Neffen Cicero am Tag von Sthenius' Ankunft in Rom vor einem Schuldspruch wegen Vatermordes bewahrt hatte, war gekommen. Die Atmosphäre glich eher einem Familientreffen als einer Wahlveranstaltung, und Cicero war wie immer bei solchen Anlässen in seinem Element: Ich bezweifle, dass es auch nur einen Sympathisanten gab, dem er nicht die Hand schüttelte und mit dem er nicht einen zumindest so ausführlichen Plausch hielt, dass hinterher jeder das Gefühl hatte, eine spezielle persönliche Behandlung erfahren zu haben.
Kurz bevor wir das Haus verließen, nahm Quintus seinen Bruder beiseite und fragte ihn - ziemlich verärgert, wenn ich mich recht erinnere -, wo um alles in der Welt er die ganze Nacht gewesen sei, es hätte nicht viel gefehlt und er hätte ihn suchen lassen. Angesichts der vielen Leute sagte Cicero leise, dass er ihm später alles erzählen würde. Das kränkte Quintus nur noch mehr. »Was glaubst du, wer ich bin?«, fragte er. »Dein Dienstmädchen? Erzähl's mir sofort!« Und so berichtete ihm Cicero in kurzen Worten über den Ausflug zu Lucullus' Palast und sein Gespräch mit Metellus, Catulus, Hortensius und Isauricus.
»Die ganze Patrizierbande«, murmelte Quintus aufgeregt. Seine Gereiztheit war schlagartig verflogen. »Bei allen Göttern, wer hätte je so was gedacht? Und bekommen wir ihre Unterstützung?«
»Stundenlang haben wir diskutiert, aber am Ende wollten sie sich nicht festlegen, bevor sie nicht mit den anderen großen Familien gesprochen hätten«, sagte Cicero, der sich immer wieder nervös umschaute, ob auch niemand sie belauschte. Aber es herrschte so viel Trubel, dass seine Sorge unbegründet war. »Ich glaube, Hortensius hätte sofort Ja gesagt. Catulus war instinktiv dagegen. Die anderen werden schließlich das tun, was ihnen am nützlichsten erscheint. Wir müssen einfach abwarten.«
Atticus, der sich zu uns gesellt und alles mitgehört hatte, sagte: »Aber die Echtheit des Protokolls haben sie nicht angezweifelt, oder?«
»Nein, ich glaube nicht. Das haben wir Tiro zu verdanken. Wir reden später weiter. Jetzt will ich eure zuversichtlichsten Gesichter sehen, schließlich haben wir eine Wahl zu gewinnen.« Und dann drückte er jedem von uns der Reihe nach die Hand.
Wohl selten hat ein Kandidat ein grandioseres Spektakel geboten als Cicero an jenem Tag auf dem Fußmarsch zum Marsfeld. Das größte Verdienst daran gebührte zweifellos Quintus. Unsere Parade umfasste drei- bis vierhundert Personen: Musiker, junge Burschen, die mit Bändern geschmückte Zweige trugen, Mädchen, die Rosenblätter streuten, Ciceros Schauspielerfreunde, Senatoren, Ritter, Geschäftsinhaber, Standbesitzer von den Märkten, regelmäßige Zuschauer aus den Gerichtshöfen, Vertreter der Zünfte, Gerichtsschreiber, Repräsentanten von römischen Gemeinden aus Sizilien und Gallia Cisalpina. Beim Einzug auf das Marsfeld veranstalteten wir einen Höllenlärm, wir johlten und pfiffen, und sofort strömte uns eine riesige Menge an Wählern entgegen. Nach meiner Erfahrung wird jede gerade anstehende Wahl als die bedeutendste aller Zeiten bezeichnet - immer. An jenem Tag zumindest konnte man das mit einigem Grund behaupten -mit dem zusätzlichen Reiz, dass ihr Ausgang angesichts der umtriebigen Stimmenkäufer, der schieren Anzahl an Kandidaten und der Feindschaft zwischen ihnen - nach Ciceros Senatsattacke auf Catilina und Hybrida - völlig offen war.
Wir waren auf Ärger gefasst, weshalb Quintus vorsichtshalber einige unserer kräftigeren Helfer direkt vor und hinter seinem Bruder postiert hatte. Als wir uns dem Wahlgelände näherten und ich weiter vorn Catilina und seine Anhänger neben dem Zelt des Wahlleiters stehen sah, wurde ich nervös. Ein paar von Catilinas Schlägern stießen höhnische Bemerkungen aus, als wir die Absperrung erreichten, aber Catilina selbst warf uns nur einen kurzen, geringschätzigen Blick zu und setzte dann sein Gespräch mit Hybrida fort. Erstaunt fragte ich den jungen Frugi im Flüsterton, ob es ihn nicht auch wundere, dass Catilina nicht wenigstens ein paar einschüchternde Drohungen für uns übrig habe, schließlich habe das schon immer zu seiner Taktik gehört, worauf Frugi erwiderte: »Wahrscheinlich glaubt er, dass er das nicht nötig hat. Er ist sich sicher, dass er gewinnt.« Seine Antwort trug nicht gerade zu meiner Beruhigung bei.
Doch dann geschah etwas höchst Ungewöhnliches. Cicero und die anderen Senatoren, insgesamt etwa zwei Dutzend Männer, die sich um das Konsulat oder die Prätur bewarben, standen, von ihren Anhängern durch einen niedrigen Holzzaun getrennt, innerhalb einer kleinen für sie reservierten Zone. Der präsidierende Konsul unterhielt sich gerade mit dem Auguren, um sich zu vergewissern, dass die für den Beginn der Abstimmung erforderlichen Zeichen günstig standen, als mit einem Gefolge von etwa zwanzig Mann Hortensius auftauchte. Die Menge teilte sich, um ihn durchzulassen. Er trat an den Zaun und rief Cicero, der seine Unterhaltung mit einem der anderen Kandidaten - ich glaube, es war Cornificius -unterbrach und zu ihm ging. Allein das überraschte die Leute, denn jeder wusste um die gegenseitige Abneigung der beiden alten Rivalen. Unter den Zuschauern kam Unruhe auf. Auch Catilina und Hybrida drehten sich um und starrten herüber. Einen Augenblick lang schauten sich Cicero und Hortensius an, dann nickten sie sich in der gleichen Sekunde zu, streckten die Hände über den Zaun, und jeder schüttelte langsam die Hand des anderen. Kein einziges Wort wurde gesprochen. Dann, die Hände der beiden hielten sich noch fest umschlossen, drehte Hortensius sich halb zu der Menge um und hob Ciceros Arm in die Höhe. Donnernder Applaus, in dem nur einige Buhs und Unmutsäußerungen zu hören waren, brach unter den Menschen los, denn es gab keinen Zweifel daran, was diese Geste bedeutete. Nie und nimmer hätte ich damit gerechnet: Die Aristokraten unterstützten Cicero! Sofort drehten sich Hortensius' Begleiter um und verschwanden in alle Richtungen in der Menschenmenge - wahrscheinlich, um den Zenturien mitzuteilen, dass sie ihr Abstimmungsverhalten zu ändern hätten. Ich riskierte einen Blick zu Catilina und sah auf seinem Gesicht nichts als Verblüffung. Der Vorfall war einerseits von so offensichtlicher Bedeutung gewesen, dass die Menschen immer noch darüber redeten, hatte sich aber andererseits mit einer Beiläufigkeit abgespielt, dass Minuten später Hortensius schon wieder verschwunden war. Kurz darauf forderte Figulus die Kandidaten auf, ihm zum Podium zu folgen, damit er die Abstimmung eröffnen könne.
*
Einen Idioten erkennt man sofort. Es ist der Mann, der immer genau weiß, wie eine Wahl ausgeht. Aber eine Wahl ist ein lebendiges Wesen - man könnte fast sagen, sie ist das vitalste Lebewesen überhaupt: mit Abertausenden von Gehirnen, Gliedmaßen und Augen, mit Abertausenden von Gedanken und Sehnsüchten; es windet und wendet sich und schlägt unvorhersehbare Richtungen ein, und das manchmal nur spaßeshalber, um den Schlaubergern zu zeigen, wie falsch sie liegen. Das jedenfalls habe ich gelernt, während an jenem Tag auf dem Marsfeld das Prozedere der Wahl seinen Lauf nahm. Die Eingeweide wurden untersucht, der Vogelflug am Himmel auf verdächtige Bewegungen beobachtet und der Segen der Götter erfleht; Epileptiker wurden aufgefordert, das Marsfeld zu verlassen (in jenen Tagen hatte ein epileptischer Anfall - morbus comitialis - zur Folge, dass die Wahl automatisch für ungültig erklärt werden musste); eine Legion wurde in Marsch gesetzt, um die Zufahrtsstraßen nach Rom gegen einen Überraschungsangriff zu sichern; die Kandidatenliste wurde verlesen, das Trompetensignal ertönte, über dem Janiculum-Hügel wurde die rote Flagge gehisst, und dann schritt das römische Volk zur Wahl.
Das Los entschied über die Ehre, welche der einhundertdreiundneunzig Zenturien als erste ihre Stimme abgeben durfte. Mitglied dieser sogenannten centuria praerogativa zu sein wurde als seltene Gnade betrachtet, denn ihre Entscheidung gab oft die Richtung für die gesamten Wahlen vor. Nur die reichsten Zenturien waren berechtigt, an der Auslosung teilzunehmen. Ich weiß noch, wie die damaligen Gewinner, eine Ansammlung strammer Kaufleute und Bankiers, wichtigtuerisch über die Holzbrücke schritten und hinter den Abtrennwänden verschwanden. Ihre Stimmen waren schnell ausgezählt, Figulus trat an die Rampe des Podiums und verkündete, dass sie für Cicero an erster und Catilina an zweiter Stelle gestimmt hatten. Erstaunte Rufe wurden laut, denn all die Idioten, von denen ich eben gesprochen habe, hatten Catilina als Sieger und Hybrida als Zweiten vorhergesagt. Als Ciceros Anhänger begriffen, was geschehen war, wurden die erstaunten Rufe schnell von Jubelgebrüll übertönt, das sich über das ganze Marsfeld ausbreitete. Cicero stand unter dem Baldachin, den man vor dem Podium des Konsuls aufgespannt hatte. Er gestattete sich nur den Hauch eines flüchtigen Lächelns und setzte dann - Schauspieler, der er war -eine Miene voller Würde und Autorität auf, die auch einem römischen Konsul gut zu Gesicht gestanden hätte. Getrennt durch alle anderen Kandidaten, so weit weg von ihm wie nur möglich, stand Catilina. Er sah aus, als hätte man ihm ins Gesicht geschlagen. Nur Hybridas Gesichtsausdruck war nichtssagend - ob das daran lag, dass er wie üblich betrunken war, oder an seiner Dummheit, die ihm verwehrte, das gerade Geschehene zu begreifen, kann ich nicht sagen. Crassus und Caesar hatten lässig miteinander plaudernd an der Stelle gestanden, wo die Wähler nach der Stimmabgabe hinter der Absperrwand hervortraten. Als ich jetzt ihre Gesichter sah, hätte ich am liebsten laut gelacht, so entgeistert schauten sie sich an. Sie besprachen sich kurz, dann machte sich jeder in höchster Eile in eine andere Richtung davon -zweifellos, um nachzuforschen, wie es geschehen konnte, dass zwanzig Millionen Sesterzen nicht ausgereicht hatten, um die centuria praerogativa einzukaufen.
Wenn Crassus tatsächlich die von Ranunculus geschätzten achttausend Stimmen gekauft hatte, hätte das normalerweise genügen müssen, um die Wahl zu seinen Gunsten zu entscheiden. Allerdings war die Wahlbeteiligung dank des großen Interesses in ganz Italien in diesem Jahr außergewöhnlich hoch. Während die Abstimmung voranschritt, wurde immer klarer, dass der Oberbefehlshaber der Stimmeneinkäufer sein Ziel knapp verfehlen würde. Fest zu Cicero hatten immer der Ritterstand, die Pompeianer und die unteren Schichten gestanden. Mit den aristokratisch kontrollierten Stimmenblöcken, die Hortensius, Catulus, Metellus, Isauricus und die Lucullus-Brüder beisteuerten, bekam er von jeder Zenturie, ob als erste oder zweite Präferenz, eine Stimme. Schon bald ging es nur noch darum, wer Ciceros Amtskollege werden würde. Am Vormittag sprach noch alles für Catilina. Meinen Notizen zufolge (die ich erst gestern wiedergefunden habe) lautete der Zwischenstand um zwölf Uhr mittags folgendermaßen:
Cicero .............. 81 Zenturien
Catilina ............. 34 Zenturien
Hybrida ............ 29 Zenturien
Sacerdos ............ 9 Zenturien
Longinus............. 5 Zenturien
Cornificius........... 2 Zenturien
Doch dann stimmten die sex suffragia ab, die sechs Zenturien die sich ausschließlich aus Aristokraten zusammensetzten. Sie rammten Catilina endgültig das Messer in den Leib. Wenn mir ein Bild von diesem denkwürdigen Tag immer im Gedächtnis bleiben wird, dann ist es das der Patrizier, wie sie nach der Stimmabgabe an den Kandidaten vorbeigingen. Da das Marsfeld außerhalb der Stadtgrenzen lag, konnte niemand Lucius Lucullus und Quintus Metellus, die beide ihre scharlachroten Umhänge und Rüstungen trugen, daran hindern, ihre Stimme abzugeben. Ihr Auftritt erregte großes Aufsehen, das allerdings noch übertreffen wurde durch die Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses ihrer Zenturie - Erster Cicero, Zweiter Hybrida. Dann kamen Isauricus, Curio der Altere, Aemilius Alba, Claudius Pulcherjunius Servilius (der Ehemann von Catos Schwester Servilia), der alte und kranke Pontifex maximus Metellus Pius (der in einer Sänfte getragen wurde), dessen Adoptivsohn Scipio Nasica ... Und jedes Mal war das Ergebnis das gleiche: Cicero Erster, Hybrida Zweiter; Cicero Erster, Hybrida Zweiter; Cicero Erster ... Als schließlich Hortensius und Catulus an den Kandidaten vorbeischritten, konnte jeder sehen, dass es keiner der beiden Männer über sich brachte, Catilina in die Augen zu schauen. Und als bekannt gegeben worden war, dass auch deren Zenturie für Cicero und Hybrida gestimmt hatte, musste Catilina bewusst gewesen sein, dass er keine Chance mehr hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Cicero die Stimmen von siebenundachtzig Zenturien, Hybrida von fünfunddreißig und Catilina von vierunddreißig - zum ersten Mal an diesem Tag hatte sich Hybrida an seinem Mitkandidaten vorbeigeschoben. Was aber noch wichtiger war: Die Aristokraten hatten sich offen gegen einen der ihren gestellt, und das mit schonungsloser Brutalität. Danach war Catilinas Kandidatur praktisch gestorben. Allerdings muss man ihm zugutehalten, dass er die Niederlage tadellos hinnahm. Ich hatte erwartet, dass er sich wutentbrannt entfernen oder Cicero an die Kehle gehen würde, um ihn eigenhändig umzubringen. Stattdessen ertrug er den langen, heißen Tag, die Prozession der an ihm vorüberziehenden Bürger und die mit der untergehenden Sonne immer mehr schwindenden Hoffnungen auf das Konsulat mit unerschütterlicher Gelassenheit, die er sogar dann noch zur Schau trug, als Figulus zum letzten Mal vortrat und das Endergebnis der Wahl verkündete:
Cicero ............. 193 Zenturien
Hybrida ........... 102 Zenturien
Catilina ............. 65 Zenturien
Sacerdos .......... 12 Zenturien
Longinus............. 9 Zenturien
Cornificius........... 5 Zenturien
Wir jubelten, bis uns der Hals wehtat. Cicero selbst machte einen völlig geistesabwesenden Eindruck. Das machte mich nervös. Hatte er nicht gerade sein Lebensziel erreicht? Von jetzt an trug er permanent das zur Schau, was ich später sein »Konsulgesicht« nannte: das Kinn leicht angehoben, der Mund ein entschlossener Strich, den Blick scheinbar auf ein weit entferntes, glorreiches Ziel gerichtet. Hybrida streckte Catilina die Hand hin, die dieser jedoch ignorierte. Stattdessen stieg er wie in Trance vom Podium herunter. Er war ruiniert, bankrott -höchstens noch ein oder zwei Jahre, dann würden sie ihn auch aus dem Senat werfen. Ich schaute mich nach Crassus und Caesar um. Nichts. Wahrscheinlich waren sie schon vor Stunden gegangen, als Cicero die für den Sieg erforderliche Anzahl an Zenturien beisammengehabt hatte. Ebenso die Aristokraten, die in der gleichen Sekunde nach Hause gegangen waren, als sie Catilina sicher aus dem Weg geräumt wussten. Wie Männer, die gezwungenermaßen eine unangenehme Pflicht zu erfüllen hatten - zum Beispiel den tollwütigen Lieblingsjagdhund töten zu müssen -und jetzt so schnell wie möglich wieder in die stille Behaglichkeit ihres Heims zurückwollten.
*
Und so gewann Marcus Tullius Cicero im Alter von zweiundvierzig Jahren, dem jüngsten erlaubten Alter, das höchste Imperium, das römische Konsulat - gewann es, unglaublicherweise, durch das einstimmige Votum aller Zenturien, als homo novus, ohne einflussreiche Familie, ohne Vermögen und ohne die Macht von Waffen: ein Kunststück, das noch nie zuvor gelungen war und nie mehr gelingen sollte. Nachdem wir an jenem Abend vom Marsfeld in sein bescheidenes Heim zurückgekehrt waren, dankte er seinen Anhängern und nahm die Glückwünsche seiner Sklaven entgegen und ließ dann die Liegen aus dem Speisezimmer auf das Dach hinauftragen, und wir aßen unter freiem Himmel zu Abend. Genau wie an jenem Abend, der schon so lange zurückzuliegen schien, als er zum ersten Mal von seinem ehrgeizigen Ziel gesprochen hatte, Konsul zu werden. Mir wurde die Ehre zuteil, mich der Familienrunde anschließen zu dürfen, denn Cicero betonte ausdrücklich, dass er ohne mich sein Ziel nie erreicht hätte. Einen rauschhaften Augenblick lang glaubte ich, das er mir hier und jetzt die Freiheit und den Bauernhof schenken würde, doch er sagte kein Wort davon, und mir erschienen weder Zeitpunkt noch Anlass geeignet, das Thema anzusprechen. Er war zusammen mit Terentia auf einer Liege, Quintus lag neben Pomponia, Tullia neben ihrem Verlobten Frugi, und ich neben Atticus. In meinem hohen Alter lässt mich mein Gedächtnis bei gewissen Einzelheiten gelegentlich im Stich. So weiß ich nicht mehr, was wir aßen oder tranken, erinnere mich allerdings noch genau daran, dass jeder von uns zum Besten gab, was bei ihm einen besonderen Eindruck hinterlassen hatte - wobei es vor allem um das ungewöhnliche Spektakel der Aristokraten ging, als sie in Massen für Cicero stimmten.
»Wie hast du es bloß geschafft, Marcus, sie zu überreden?«, fragte Atticus, der ganz weltlich gesinnt sein konnte, wenn er erst mal genügend guten Wein konsumiert hatte. »Auch wenn du im Umgang mit Worten ein Genie bist, diese Leute haben dich immer verachtet, sie haben praktisch alles verabscheut, was du jemals gesagt hast oder wofür du eingetreten bist. Was hast du ihnen angeboten, außer dass du Catilina aus dem Weg räumst?«
»Es liegt auf der Hand«, antwortete Cicero, »dass sie mir ein Versprechen abgenommen haben: Wenn Crassus, Caesar und die Volkstribunen ihr Gesetz für die Landreform einbringen werden, dann ist es meine Aufgabe, den Widerstand dagegen zu organisieren.«
»Keine kleine Aufgabe«, sagte Quintus.
»Das ist alles?«, fragte Atticus. (Rückblickend bin ich der festen Überzeugung, dass Atticus damals die Rolle des Anwalts im Kreuzverhör spielte und er die Antwort auf seine Frage bereits gekannt hat, wahrscheinlich von seinem Freund Hortensius.) »Sonst hast du keine Zusagen gemacht? Du hast immerhin mehrere Stunden mit ihnen gesprochen.«
Cicero zuckte leicht mit den Augen. »Nun ja, ich musste mich bereit erklären«, sagte er zögernd, »als Konsul dem Senat vorzuschlagen, Lucullus und Quintus Metellus ihren Triumph zu bewilligen.«
Jetzt begriff ich endlich, warum Cicero am Morgen nach der Konferenz mit den Aristokraten so grimmig und geistesabwesend gewesen war. Quintus stellte seinen Teller ab und schaute ihn mit unverhohlen angeekeltem Gesichtsausdruck an. »Erst sollst du also das Volk gegen dich aufbringen, indem du die Landreform verhinderst, und dann sollst du dir auch noch Pompeius zum Feind machen, indem du seinen schärfsten Rivalen den Triumph gewährst?«
»Ich fürchte, Bruderherz«, erwiderte Cicero verdrossen, »dass die Aristokraten kaum zu solchem Reichtum gekommen wären, wenn sie nicht beinharte Verhandler wären. Ich habe mich so lange gewehrt, wie es ging.«
»Aber warum hast du mitgespielt?«
»Weil ich gewinnen musste.«
»Aber was gewinnen, was genau?«
Cicero schwieg.
»Es ist doch alles bestens«, mischte sich Terentia ein und tätschelte ihrem Ehemann das Knie. »Ich denke, alle diese Maßnahmen sind in Ordnung.«
»Dass dir das gefällt, glaube ich«, sagte Quintus erregt. »Aber nach ein paar Wochen im Amt ist Marcus alle seine Anhänger los. Das Volk wird ihm Verrat vorwerfen. Die Pompeianer auch. Und die Aristokraten lassen ihn sofort fallen, wenn er seinen Zweck erfüllt hat. Wer bleibt dann noch, der ihn verteidigt?«
»Ich«, sagte Tullia. »Ich werde ihn verteidigen.« Diesmal lachte niemand über ihr kindliches Treuebekenntnis. Sogar Cicero konnte sich nur ein mattes Lächeln abringen. Doch dann fing er sich wieder.
»Also wirklich, Quintus«, sagte er. »Du verdirbst uns den ganzen Abend. Zwischen zwei Extremen findet sich immer auch ein dritter Weg. Crassus und Caesar müssen aufgehalten werden: Das schaffe ich. Und was Lucullus angeht, wird jeder akzeptieren, dass er für seine Verdienste im Krieg gegen Mithridates den Triumph hundertmal verdient hat.«
»Und was ist mit Metellus?«, fiel ihm Quintus ins Wort.
»Sicher lässt sich auch an Metellus etwas Lobenswertes finden. Du musst mir nur etwas Zeit lassen.«
»Und Pompeius?«
»Wie wir alle wissen, ist Pompeius lediglich ein ergebener Diener dieser Republik«, erwiderte Cicero mit einer lässigen Handbewegung. »Und was noch wichtiger ist«, fügte er trocken hinzu, »er ist nicht da.«
Kurz herrschte Stille, dann fing Quintus zögernd an zu lachen. »Er ist nicht da«, wiederholte er. »Das ist allerdings wahr.« Und Sekunden später lachten wir alle; wir konnten einfach nicht an uns halten.
»So gefällt mir das schon besser«, sagte Cicero lächelnd. »Die Kunst des Lebens besteht darin, sich mit Problemen erst dann zu beschäftigen, wenn sie auftauchen, und seine Lebenslust nicht dadurch zu ruinieren, dass man sich schon weit im Voraus darüber den Kopf zerbricht. Vor allem nicht heute Abend.« Und dann glänzte plötzlich eine Träne in einem seiner Augenwinkel. »Wisst ihr, auf wen wir trinken sollten? Wir sollten einen Trinkspruch ausbringen zum Gedenken an unseren geliebten Vetter Lucius. Er war hier mit uns auf dem Dach, als ich zum ersten Mal über das Konsulat gesprochen habe, und er hätte den heutigen Tag sicher gern erlebt.« Er erhob seinen Becher, und auch wir erhoben unsere Becher, und ich musste unwillkürlich an die letzten Worte denken, die Lucius an Cicero gerichtet hatte: »Worte, nichts als Worte. Hört das denn nie auf mit diesen Praktiken, mit denen du die anderen nach deiner Pfeife tanzen lässt?«
Später, als alle anderen schon nach Hause oder zu Bett gegangen waren, lag Cicero auf dem Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, auf einer der Liegen und schaute hinauf zu den Sternen. Ich saß auf der Liege gegenüber und hielt mein Notizbuch bereit für den Fall, dass er mir noch etwas diktieren wollte. Krampfhaft versuchte ich, die Augen offen zu halten. Ich war fast ohnmächtig vor Müdigkeit. Als mir zum vierten oder fünften Mal das Kinn auf die Brust fiel, hob er den Kopf, schaute zu mir herüber und sagte, ich solle mich schlafen legen. »Du musst ausgeruht sein, du bist jetzt der Privatsekretär des designierten Konsuls von Rom. Dein Verstand wird in Zukunft so scharf sein müssen wie dein Stift.« Als ich aufstand, lehnte er sich zurück und widmete sich wieder der Betrachtung des Himmels. »Wie wird die Nachwelt wohl über uns urteilen, Tiro?«, sinnierte er. »Das ist für einen Staatsmann die einzige Frage. Bevor jedoch die Nachwelt ihr Urteil sprechen kann, muss sie erst mal wissen, wer wir überhaupt waren.« Ich wartete noch eine Zeit lang, aber es kam nichts mehr. Er schien vergessen zu haben, dass ich noch da war. Also ging ich und überließ ihn seinen Gedanken.