WAECHTER DER NACHT

Der vorliegende Text ist der Sache des Lichts dienlich und zur Verbreitung zugelassen.

Die Nachtwache

Der vorliegende Text ist der Sache des Dunkels dienlich und zur Verbreitung zugelassen.

Die Tagwache

Erste Geschichte Das eigene Schicksal

Prolog

Langsam und ächzend kroch die Rolltreppe nach oben. Kein Wunder, so alt wie die Station war. Dafür fegte der Wind durch die ganze Betonröhre, zerzauste ihm das Haar, zerrte an der Kapuze, schlängelte sich unter den Schal und drückte Jegor nach unten.

Der Wind wollte nicht, dass er hinauf fuhr.

Der Wind bat ihn umzukehren.

Sonderbar - anscheinend spürte niemand sonst den Wind. Es waren nur wenige Menschen unterwegs, gegen Mitternacht wirkte die Metro-Station immer wie ausgestorben. Ein paar Leute kamen Jegor auf der anderen Rolltreppe entgegen, auf seiner fuhr außer ihm kaum noch jemand hinauf: ein Mann vor ihm, zwei oder drei Leute hinter ihm. Das war’s auch schon.

Bis auf den Wind vielleicht.

Jegor steckte die Hände in die Taschen und blickte über die Schulter zurück. Seit er vor zwei Minuten aus dem Zug gestiegen war, hatte er das Gefühl, ein fremder Blick ruhe auf ihm. Das jagte ihm jedoch keine Angst ein, sondern hatte eher etwas Hypnotisierendes, etwas Stechendes, als pike ihn jemand mit einer Spritze.

Ganz unten auf der Rolltreppe stand ein großer Mann in Uniform. Kein Milizionär, sondern ein Soldat. Dann war da eine Frau mit einem Jungen an der Hand, dem ständig die Augen zufielen. Schließlich noch ein jüngerer Mann mit einem MD-Player, der eine grelle orangefarbene Jacke anhatte. Er schien ebenfalls im Stehen zu schlafen.

Nichts Verdächtiges. Nicht einmal für einen kleinen Jungen, der reichlich spät nach Hause ging. Jegor schaute erneut nach oben. Dort stand ein Milizionär, der sich gegen das glänzende Absperrgitter lehnte und verdrossen nach leichter Beute unter den wenigen Fahrgästen Ausschau hielt.

Nichts, wovor Jegor Angst haben müsste.

Der Wind drückte ein letztes Mal gegen ihn und legte sich dann, so als gebe er Ruhe, als habe er eingesehen, dass sein Kampf aussichtslos war. Der Junge blickte noch einmal nach hinten und hastete dann die nach oben gleitenden Stufen hoch. Er musste sich beeilen. Warum, wusste er nicht, er musste es einfach. Da war auch wieder dieses komische und beunruhigende Piken, während über seinen Rücken ein eisiger Schauder lief.

Ist doch bloß der Wind.

Jegor stürzte durch die halb offene Tür hinaus. Die durchdringende Kälte schlug mit aller Wucht über ihm zusammen. Seine Haare waren nach dem Schwimmen noch nass - der Föhn hatte mal wieder nicht funktioniert - und gefroren im Handumdrehen. Jegor zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht und lief, ohne an einer der Buden stehen zu bleiben, schnell auf die Unterführung zu. Obwohl auf der Straße viel mehr Menschen unterwegs waren, verließ ihn das mulmige Gefühl nicht. Deshalb drehte er sich im vollen Lauf sogar noch einmal um, doch niemand folgte ihm. Die Frau mit dem Kind ging zur Straßenbahnhaltestelle, der Mann mit dem MD-Player war an einer Bude stehen geblieben, um das Angebot an Flaschen zu studieren, der Soldat noch gar nicht aus dem Bahnhofsgebäude herausgekommen.

Mit immer schnelleren Schritten ging der Junge durch die Unterführung. Von irgendwoher drang Musik an sein Ohr, eine leise, kaum wahrnehmbare, aber unglaublich schöne Musik. Die zarten Klänge einer Flöte, umschmeichelt von einer Gitarre, begleitet vom Klimpern eines Xylophons. Die Musik rief ihn, trieb ihn an. Jegor wich ein paar ausgelassenen Leuten aus, die ihm entgegengerannt kamen, und überholte einen leicht torkelnden, angeheiterten Mann. Jeder klare Gedanke schien sich aus seinem Kopf verflüchtigt zu haben. Er rannte jetzt fast.

Die Musik rief ihn.

Es mischten sich nun auch Worte hinein - noch zusammenhanglose, viel zu leise, aber sehr betörende Worte. Jegor spurtete aus der Unterführung, um dann kurz hechelnd in der kalten Luft stehen zu bleiben. Gerade kam der Oberleitungsbus. Wenn er eine Station fahren würde, wäre er fast zu Hause…

Langsam, als seien ihm die Beine plötzlich eingeschlafen, ging der Junge auf den Obus zu. Der wartete ein paar Sekunden mit offenen Türen an der Haltestelle, dann schlossen sie sich, und der Bus fuhr ab. Während Jegor ihm mit leerem Blick nachsah, wurde die Musik immer lauter, bis sie den ganzen Raum zwischen dem Halbrund des vielstöckigen Hotels und der in der Nähe liegenden»Schachtel auf Beinen«, seinem Zuhause, ausfüllte. Die Musik lud ihn ein, zu Fuß zu gehen. Den hell erleuchteten Prospekt entlang, der selbst um diese Zeit noch recht belebt war. Überhaupt, bis zu seiner Haustür waren es ja nur fünf Minuten.

Bis zur Musik noch weniger…

Nach hundert Metern bot das Hotel Jegor keinen

Schutz mehr gegen den Wind. Eisige Kälte biss ihm ins Gesicht und erstickte beinah die Melodie, die ihn rief. Der Junge geriet ins Stolpern und machte Halt. Der Zauber verflog, dafür glaubte er jetzt von Neuem den fremden Blick auf sich zu spüren. Und diesmal mischte sich ganz eindeutig Angst in dieses Gefühl. Er drehte sich um - gerade kam wieder ein Oberleitungsbus. Außerdem schimmerte die grelle orangefarbene Jacke im Licht der Straßenlaterne auf. Der Mann, der mit ihm die Rolltreppe heraufgekommen war, folgte ihm. Die Augen hielt er zwar noch immer halb geschlossen, dennoch bewegte er sich erstaunlich schnell und setzte Jegor so zielsicher nach, als habe er ihn fest im Blick.

Der Junge rannte los.

Die Musik ertönte mit neuer Kraft und zerriss den Vorhang, den der Wind bildete. Er konnte bereits einzelne Worte unterscheiden - hätte es gekonnt, wenn er gewollt hätte.

Am klügsten wäre es, wenn er sich jetzt dicht an den geschlossenen, aber hell erleuchteten Geschäften hielte, wenn er in der Nähe der Fußgänger bliebe, die noch so spät unterwegs waren, in Sichtweite der vorbeirasenden Autos.

Stattdessen trat Jegor in einen Tordurchgang, der in der Häuserfront aufklaffte. Die Musik rief ihn dorthin.

Stockfinster war es hier, lediglich an der einen Wand rührten sich zwei Schatten. Jegor sah sie wie durch einen Nebel, der von einem leblosen bläulichen Licht erleuchtet schien. Ein Mann und eine Frau, beide noch sehr jung und so leicht angezogen, als herrschten keine zwanzig Grad minus.

Die Musik schwoll zu einem letzten triumphierenden Fortissimo an. Dann verstummte sie. Der Junge spürte, wie alle Kraft aus seinem Körper wich. Er war in Schweiß gebadet, die Knie wurden ihm weich, und er hatte nur noch den Wunsch, sich auf das glitschige, von überfrorenem Dreck bedeckte Pflaster zu setzen.

»Mein Kleiner…«, brachte die Frau leise hervor. Sie hatte ein mageres Gesicht, hohle Wangen und blasse Haut. Nur ihre Augen wirkten lebendig: große, schwarze, faszinierende Augen.

»Lass was übrig… wenigstens ein bisschen«, sagte der Mann. Er lächelte. Die beiden glichen einander wie Bruder und Schwester, nicht von den Gesichtszügen her, sondern aufgrund von etwas kaum Greifbarem, das sie einzuhüllen schien wie staubiger, halb durchsichtiger Tüll.

»Für dich?«Die Frau wandte den Blick kurz von Jegor ab. Die Starre wich daraufhin ein wenig von ihm, dafür packte ihn jetzt Angst. Der Junge öffnete den Mund, doch kaum fing er den Blick des Mannes auf, blieb ihm der Schrei in der Kehle stecken - als zöge sich eine kalte Gummihaut eng um ihn zusammen.

»Ja. Halt ihn fest!«

Die Frau schnaubte höhnisch. Als sie Jegor wieder anblickte, spitzte sie die Lippen, als wolle sie ihm einen Kuss zuhauchen. Leise sprach sie die bereits vertrauten Worte, die Worte, die sich unter die betörende Musik gemischt hatten.»Komm her… komm zu mir…«

Jegor blieb reglos stehen. Zum Weglaufen fehlte ihm die Kraft - trotz seines Entsetzens, trotz des Schreis, der ihm immer noch in der Kehle steckte. Das Einzige, was er zustande brachte, war, einfach stehen zu bleiben.

Am Tordurchgang kam eine Frau mit zwei großen Schäferhunden an der Leine vorbei. Langsam, irgendwie abgebremst, als bewege sie sich unter Wasser oder schleppe sich durch einen Albtraum. Als Jegor aus den Augenwinkeln heraus sah, wie die Hunde sie zerrten, sie in den Durchgang zogen, flammte irrsinnige Hoffnung in ihm auf. Die Schäferhunde knurrten zwar, aber irgendwie unsicher, voller Hass und Angst zugleich. Ihre Besitzerin blieb kurz stehen und spähte argwöhnisch den Gang entlang. Jegor fing ihren Blick auf - gleichgültig, als blicke sie ins Leere.

»Kommt weiter!«Sie zog an der Leine, und die Hunde kamen bereitwillig bei Fuß.

Der junge Mann lachte leise.

Die Hundebesitzerin beschleunigte den Schritt, bis sie nicht mehr zu sehen war.

»Der kommt nicht!«, quengelte die junge Frau.»Guck dir das an, der kommt einfach nicht!«

»Streng dich an«, sagte der Mann bloß. Er schaute finster drein.»Du musst es lernen!«

»Komm! Komm zu mir!«, verlangte die Frau energisch. Jegor stand nur zwei Meter von ihr entfernt, doch sie legte offensichtlich größten Wert darauf, dass er von sich aus weiter auf sie zuging.

Und dann merkte Jegor, dass er keine Kraft mehr hatte, sich ihr zu widersetzen. Der Blick der Frau hielt ihn gefangen, band ihn an eine unsichtbare Gummileine, die Worte riefen ihn - und er konnte nichts dagegen tun. Obwohl er wusste, dass er sich nicht bewegen durfte, machte er einen Schritt. Die Frau lächelte, und ihre ebenmäßigen weißen Zähne blitzten auf.»Bind deinen Schal ab«, sagte sie.

Er schaffte es nicht mehr, sich dagegen zu wehren. Mit zitternden Händen schob er die Kapuze nach hinten und zog den lose umgebundenen Schal weg. Er ging auf die schwarzen Augen zu, die ihn riefen.

Etwas geschah mit dem Gesicht der Frau. Der Unterkiefer hing plötzlich herunter, die Zähne erbebten, krümmten sich. Lange Eckzähne blitzten auf, die nichts Menschliches mehr an sich hatten.

Jegor machte noch einen Schritt.

Eins

Die Nacht ließ sich schlecht an.

Als ich aufwachte, dunkelte es bereits. Vom Bett aus beobachtete ich, wie sich die letzten Lichtstrahlen durch die Ritzen der Jalousien verkrochen, und dachte nach. Die fünfte Nacht auf Jagd - und null Erfolg. Kaum anzunehmen, dass ich heute mehr Glück haben würde.

Die Wohnung war kalt, die Heizung höchstens lauwarm. Am Winter mag ich überhaupt nur eins: dass es früh dunkel wird und nur wenige Leute auf den Straßen sind. Ansonsten… ansonsten hätte ich schon längst alles hingeschmissen, hätte Moskau verlassen und wäre nach Jalta oder Sotschi gefahren. Irgendwohin ans Schwarze Meer, bloß nicht auf eine dieser fernen Inseln in fremden warmen Ozeanen - ich mag es nun mal, wenn man um mich herum Russisch spricht.

Das sind dumme Träume, na klar.

Ist nämlich noch ein bisschen früh für mich, um mich irgendwo in warmen Gefilden zur Ruhe zu setzen.

Das hab ich mir noch nicht verdient.

Das Telefon schien förmlich darauf gewartet zu haben, dass ich wach werde, und läutete jetzt energisch, geradezu widerlich. Ich griff nach dem Hörer und presste ihn ans Ohr, schweigend, ohne ein Wort zu sagen.

»Anton, melde dich!«

Ich schwieg. Larissas Stimme klang sachlich, konzentriert, aber auch müde. Bestimmt hatte sie den ganzen Tag nicht geschlafen.»Anton, soll ich dir den Chef geben?«

»Nicht nötig«, brummte ich.

»He, he. Bist du überhaupt schon wach?«

»Hm.«

»Jeden Tag das Gleiche mit dir.«

»Gibt’s was Neues?«

»Nein, nichts.«

»Hast du was zum Frühstück da?«

»Werd schon was finden.«

»Gut. Viel Erfolg.«

Der Wunsch kam ohne rechte Überzeugung, ohne Anteilnahme. Larissa glaubte nicht an mich. Der Chef vermutlich auch nicht.

»Vielen Dank auch«, sagte ich zu den rasch aufeinander folgenden Pieptönen des Telefons. Ich stand auf und begab mich auf eine Exkursion in Klo und Bad. Ich wollte mir schon Zahnpasta auf die Bürste drücken, begriff dann aber, dass ich den zweiten Schritt vor dem ersten machte, und legte die Bürste auf den Rand des Waschbeckens.

Obwohl es in der Küche stockdunkel war, knipste ich das Licht natürlich nicht an. Ich öffnete den Kühlschrank, in dem das herausgeschraubte Lämpchen zwischen den Lebensmitteln vor sich hin fror. Mein Blick fiel auf eine Kasserolle, in der ein Sieb hing. Darin lag ein Stück halb aufgetautes Fleisch. Ich nahm das Sieb heraus, setzte den Topf an die Lippen und trank einen Schluck.

Falls irgendjemand glaubt, Schweineblut schmecke lecker, irrt er gewaltig.

Nachdem ich die Kasserolle mit dem restlichen, be-

reits aus dem Fleisch getropften Blut zurückgestellt hatte, ging ich wieder ins Bad. Die trübe blaue Lampe kam kaum gegen die Dunkelheit an. Ausgiebig und verbissen putzte ich mir die Zähne, hielt es aber schließlich doch nicht mehr aus und wanderte noch einmal in die Küche, um eine Flasche aus dem Froster zu nehmen und daraus einen Schluck eisgekühlten Wodkas zu trinken. Danach strömte nicht einfach Wärme durch meinen Bauch, sondern glühende Hitze. Was für ein wunderbares Bouquet aus Empfindungen: die Kälte an den Zähnen und die Glut im Bauch.

»Hol dich doch…«, setzte ich in Gedanken an meinen Chef an, konnte mich aber noch rechtzeitig bremsen. Bei ihm musste man damit rechnen, dass er sogar halb ausgesprochene Flüche spürte. Ich tigerte eine Weile durchs Zimmer und fing an, meine überall verstreuten Kleidungsstücke einzusammeln. Die Hose lag unter dem Bett, die Socken auf dem Fensterbrett, und das Hemd hing aus irgendeinem Grund über der Maske des Choyong.

Missbilligend sah der alte koreanische Herrscher mich an.

»Pass halt besser auf«, brummte ich. In dem Moment schrillte abermals das Telefon. Ich sprang im Zimmer umher, bis ich es endlich fand.

»Anton, wolltest du mir etwas sagen?«, erkundigte sich mein unsichtbarer Gesprächspartner.

»Nein. Nichts«, sagte ich verdrossen.

»Na, na. Wo bleibt das Ich schätze mich glücklich, Euch zu Diensten zu sein, Euer Wohlgeboren?«

»Ich bin nicht glücklich. Tut mir Leid… Euer Wohlgeboren.«

Der Chef schwieg einen Moment.

»Anton, ich bitte dich trotzdem, die Entwicklung der Lage mit etwas mehr Ernst zu betrachten. Abgemacht? Morgen früh erwarte ich deinen Bericht, so oder so. Und… viel Glück.«

Verlegen wurde ich deswegen nicht. Aber immerhin regte ich mich etwas ab. Nachdem ich mein Handy in die Jackentasche gesteckt hatte, öffnete ich den Schrank in der Diele. Einen Augenblick lang überlegte ich, ob ich meine Montur irgendwie aufpeppen sollte. Ich hatte ein paar neue Klamotten, die mir Freunde in der letzten Woche geschenkt hatten. Am Ende beließ ich es jedoch bei der gewöhnlichen Kluft, die recht vielseitig und ziemlich kompakt war.

Fehlte noch der MD-Player. Die Musik bräuchte ich gar nicht, aber Langeweile ist ein unerbittlicher Feind.

An der Wohnungstür spähte ich lange durch den Spion ins Treppenhaus hinaus. Niemand da.

Eine weitere Nacht begann.

Sechs Stunden lang fuhr ich mit der Metro, wechselte ohne irgendein Prinzip die Linien, döste immer mal wieder ein, damit sich mein Bewusstsein erholen und meine Sinne frei werden konnten. Alles war ruhig. Nun ja, das eine oder andere Interessante sah ich schon, aber alle diese Fälle hatten weiter nichts Besonderes an sich, sie waren etwas für Neulinge. Erst gegen elf, als die Metro sich merklich leerte, änderte sich die Situation.

Mit geschlossenen Augen saß ich da und hörte schon zum dritten Mal an diesem Abend die fünfte Symphonie von Manfredini. Die Mini-Disc im Player war absolut verrückt, meine höchstpersönliche Zusammenstellung, bei der sich das italienische Mittelalter und Bach mit den Rockgruppen Alissa und Piknik oder Ritchie Blackmore ablösten.

Es war immer spannend, welche Melodie mit welchem Ereignis zusammentraf. Heute untermalte Manfredini mein Glück.

Etwas presste mich zusammen, ein Krampf, der von den Zehen bis zu den Haarwurzeln alles erfasste. Ich zischte sogar unwillkürlich irgendwas, als ich die Augen öffnete und den Blick durch den Waggon schweifen ließ.

Sofort entdeckte ich die Frau.

Eine junge und sehr sympathische Frau. In einem eleganten Pelz, mit einer Handtasche und einem Buch in Händen.

Und mit einem derart gewaltigen schwarzen Wirbelwind über dem Kopf, wie ich ihn seit bestimmt drei Jahren nicht mehr gesehen hatte!

Vermutlich guckte ich wie ein Wahnsinniger drein. Was die Frau spürte, denn sie sah zu mir herüber, wandte den Blick aber gleich wieder ab.

Du solltest lieber nach oben schauen!

Nein, sie war natürlich nicht imstande, den Strudel zu sehen. Bestenfalls konnte sie etwas spüren, eine leichte Unruhe. Und nur ganz vage, nur aus den Augenwinkeln heraus, vermochte sie ein Flirren über ihrem Kopf wahrzunehmen - als schwirrten Fliegen über ihr, als flimmerte an einem heißen Tag die Luft über dem Asphalt…

Doch sehen konnte sie nichts. Nichts. Sie würde noch einen oder zwei Tage leben, bevor sie auf Glatteis ausrutschte, und zwar so, dass sie eine tödliche Kopfverletzung davontrug. Oder sie würde unter ein Auto geraten. Oder im Hauseingang ins Messer eines Verbrechers laufen - der nicht die geringste Ahnung hatte, warum er diese Frau umbrachte. Und alle Welt würde sagen:»Sie war so jung, das ganze Leben lag noch vor ihr, alle haben sie gern gehabt…«

Ja. Ganz bestimmt. Das glaube ich, zu gut und zu freundlich ist ihr Gesicht. Müdigkeit zeichnet sich in ihm ab, aber keine Verbitterung. Neben einer solchen Frau fühlst du dich nicht so mies, wie du eigentlich bist. Du versuchst, besser zu sein, auch wenn es dir schwer fällt. Mit solchen Frauen möchte man gern befreundet sein, ein wenig flirten, Geheimnisse teilen. In solche Frauen verliebt man sich selten, doch lieben tun alle sie.

Bis auf den einen, der den Dunklen Magier bezahlt hat.

Ein schwarzer Strudel ist im Grunde eine völlig alltägliche Erscheinung. Als ich mich umsah, konnte ich noch weitere fünf oder sechs entdecken, die über den Köpfen der Fahrgäste hingen. Doch sie alle wirkten verwischt, trübe und drehten sich kaum. Resultate eines absolut durchschnittlichen, unprofessionellen Fluchs. Jemand wirft einem anderen ein»Verrecken sollst du, Dreckskerl!«hinterher. Ein anderer drückt es schlichter, weniger hart aus:»Hol dich doch der Kuckuck!«Und von der Dunklen Seite rankt sich ein kleiner Wirbelsturm herüber, der das Glück aus einem herauspresst, der die Kräfte aussaugt.

Doch ein gewöhnlicher Fluch, ein dilettantischer und unausgegorener Fluch, hält bloß ein, zwei Stunden, maximal einen Tag an. Seine Folgen sind zwar unangenehm, aber auf gar keinen Fall tödlich. Der schwarze Strudel über der Frau war von einem anderen Kaliber, stabil, geschaffen von einem erfahrenen Magier. Ohne dass die Frau es wusste, war sie bereits tot.

Automatisch fuhr meine Hand zu meiner Tasche, dann machte ich mir jedoch klar, wo ich war, und verzog das Gesicht. Warum funktionieren Handys in der Metro bloß nicht? Fahren ihre Besitzer etwa nicht mit der Untergrundbahn?

Nun zerrten an mir sowohl meine eigentliche Aufgabe, die ich erfüllen musste, auch wenn kaum Aussicht auf Erfolg bestand, wie auch die Sorge um die mit dem Fluch belegte Frau. Mir war unklar, ob für sie nicht jede Hilfe zu spät kam, doch auf alle Fälle musste ich denjenigen finden, der hinter dem Strudel steckte.

In dem Moment traf mich ein zweiter Schlag. Diesmal anders. Ohne Krampf, ohne Schmerz, nur die Kehle trocknete mir aus, mein Zahnfleisch ertaubte, das Blut pulsierte mir in den Schläfen, die Fingerspitzen fingen zu jucken an.

Treffer!

Aber warum ausgerechnet jetzt?

Ich erhob mich. Der Zug bremste bereits vor der nächsten Station ab. Ich ging an der Frau vorbei und spürte ihren Blick. Sie sah mir nach. Ängstlich. Auch wenn sie den schwarzen Wirbel nicht wahrnahm, machte er sie anscheinend nervös, zwang sie, die Leute in ihrer Nähe im Auge zu behalten.

Vielleicht war sie überhaupt nur deshalb noch am Leben?

Möglichst ohne in ihre Richtung zu blicken, steckte ich die Hand in die Tasche. Ertastete das Amulett, einen kalten, aus Onyx geschnitzten Stab. Eine Sekunde zögerte ich und versuchte, mir etwas anderes einfallen zu lassen.

Nein, es gab keine andere Möglichkeit.

Fest packte ich den Stab. Ein stechendes Kribbeln durchschoss meine Finger, dann wurde der Stein wärmer und gab die gespeicherte Energie ab. Dieser Eindruck stimmte, obwohl diese Wärme nicht mit dem Thermometer zu messen ist. Es war, als würde ich ein kleines Kohlestück aus einem Lagerfeuer zusammenpressen - ein Stück Kohle, das mit kalter Asche überzogen war, im Innern jedoch glühte.

Nachdem ich die Kraft des Amuletts völlig in mich eingesogen hatte, warf ich einen Blick auf die Frau. Der schwarze Strudel vibrierte und neigte sich leicht in meine Richtung. So stark, wie der Wirbel war, musste er in Ansätzen sogar über eine gewisse Intelligenz verfügen.

Ich schlug zu.

Wenn im Waggon - doch was heißt im Waggon -, wenn im ganzen Zug nur ein weiterer Anderer gewesen wäre, hätte er einen grellen Blitz gesehen, der mit gleicher Leichtigkeit durch Metall wie durch Beton schlug.

Nie zuvor hatte ich auf einen schwarzen Wirbel von derart komplizierter Struktur eingeschlagen. Und nie zuvor hatte ich das Amulett eingesetzt, wenn es derart aufgeladen war.

Die Wirkung übertraf absolut alles. Die schwächeren Flüche, die über anderen Leuten hingen, lösten sich in nichts auf. Eine ältere Frau, die sich müde die Stirn rieb, blickte verwundert auf ihre Hand: Ihre schwere Migräne war mit einem Mal wie weggeblasen. Ein junger Mann, der stumpfsinnig durch die Scheibe starrte, zuckte zusammen, seine Miene entspannte sich - und die dumpfe Schwermut wich aus seinem Blick.

Der schwarze Wirbel über der Frau schrumpfte um fünf Meter und schlingerte sogar zur Hälfte aus dem Waggon. Seine Struktur verlor er jedoch nicht, und im Zickzack fand er den Weg zurück zu seinem Opfer.

Was für eine Kraft!

Was für eine Zielsicherheit!

Es heißt - wobei ich zugeben muss, dass ich so etwas noch nie gesehen habe -, ein Wirbel verliere, sobald er auch nur um zwei, drei Meter gekappt wird, die Orientierung und hänge sich an den nächstbesten Menschen an. Auch kein Zuckerschlecken, aber fremde Flüche sind viel schwächer, womit das neue Opfer alle Chancen hat zu überleben.

Dieser Wirbel jedoch kam hartnäckig zurück wie ein treuer Hund zu seinem in Not geratenen Herrn!

Die Metro hielt. Ich betrachtete ein letztes Mal den Wirbel, der jetzt wieder über der Frau hing und sich sogar noch schneller drehte. Und es gab nichts, absolut nichts, was ich hätte tun können. Irgendwo hier auf diesem Bahnsteig, in greifbarer Nähe, befand sich das Ziel, das ich eine Woche lang in ganz Moskau gesucht hatte. Es jetzt laufen lassen, um der Frau zu folgen, das konnte ich einfach nicht. Der Chef würde mich in der Luft zerreißen - möglicherweise nicht nur im übertragenen Sinne.

Als die Türen mit einem Zischen auseinander gingen, warf ich einen allerletzten Blick auf die Frau und prägte mir rasch ihre Aura ein. Die Chancen, sie in dieser

Riesenstadt wiederzufinden, standen nicht gerade günstig. Trotzdem musste ich es versuchen.

Aber nicht jetzt.

Ich sprang aus dem Waggon und schaute mich um. Im Außendienst fehlte mir in der Tat jede Erfahrung, da hatte der Chef absolut Recht. Trotzdem gefielen mir seine Ausbildungsmethoden nicht im Geringsten.

Wie um alles in der Welt sollte ich mein Ziel finden?

Wenn ich die Leute mit meinem gewöhnlichen Blick ansah, wirkte auch nicht einer von ihnen verdächtig. Selbst jetzt wimmelte es hier nur so von Menschen - immerhin war das die Kurskaja, eine Station mitten auf der Ringlinie, mit Übergang zum Kursker Bahnhof, auf dem Reisende ankamen und Händler in alle Himmelsrichtungen abfuhren, zudem eine Station, wo auch etliche Moskauer umstiegen, um zu der Linie zu hetzen, die sie in ihre Schlafbezirke brachte. Sobald ich die Augen schloss, bot sich mir freilich ein weitaus faszinierenderes Bild: die wie üblich zum Abend hin verblassten Auren. Mittendrin loderte als greller, purpurroter Fleck die Bosheit von jemandem auf, leuchtete in kräftigem Orange ein Pärchen, das es offenbar kaum erwarten konnte, miteinander ins Bett zu steigen, während die Auren der Betrunkenen in verwaschenen braungrauen Streifen zerflossen.

Und nirgends eine Spur. Bloß diese trockene Kehle, dieses Jucken im Zahnfleisch und ein wie irrsinnig hämmerndes Herz. Dieser Beigeschmack von Blut auf den Lippen. Die wachsende Anspannung.

Alles nur indirekte Hinweise - und doch zu eindeutig, als dass ich sie hätte ignorieren können.

Wer konnte es sein? Wer?

Hinter mir setzte sich der Zug in Bewegung. Das Gefühl, ganz in der Nähe meines Ziels zu sein, ließ nicht nach, es musste also hier irgendwo sein. Auf dem gegenüberliegenden Gleis fuhr ein Zug ein. Ich spürte, wie das Ziel sich regte und auf ihn zuging.

Vorwärts!

Ich überquerte den Bahnsteig, schlängelte mich zwischen den auf die Anzeigetafeln glotzenden Leuten hindurch, steuerte auf das Ende des Zugs zu - und spürte mein Ziel nicht mehr so deutlich. Sofort rannte ich zum ersten Waggon… ja… ich kam ihm wieder näher…

Heiß, kalt - wie in dem Kinderspiel.

Die Leute stiegen in die Wagen ein. Ich rannte am Zug entlang, spürte, wie sich glibberiger Speichel in meinem Mund sammelte, meine Zähne anfingen wehzutun, meine Finger sich verkrampften. In meinen Kopfhörern dröhnte die Musik.

In the shadow of the moon,

She danced in the starlight Whispering a haunting tune

To the night…

Was für ein passender Song! Erstaunlich passend sogar…

Was nichts Gutes verhieß.

Ich sprang zwischen den sich schließenden Türen hindurch, erstarrte, lauschte in mich hinein. Getroffen oder nicht? Denn visuell hatte ich mein Ziel nach wie vor nicht ausgemacht.

Doch, getroffen.

Die Metro jagte den Ring entlang, während meine alarmierten Instinkte schrien:»Hier! Ganz nah!«

Hatte ich vielleicht sogar den richtigen Waggon erwischt?

Heimlich musterte ich die anderen Fahrgäste, musste mich dann aber von dieser Hoffnung verabschieden. Hier gab es niemanden, der von besonderem Interesse gewesen wäre.

Gut, ich kann warten.

Feel no sorrow, feel no pain,

Feel no hurt, there’s nothing gained…

Only love will then remain,

She would say.

An der Station Prospekt Mira spürte ich, dass sich mein Ziel entfernte. Ich sprang aus dem Waggon und folgte denen, die hier umstiegen. Nah, ganz nah…

Auf dem Bahnsteig der Nord-Süd-Strecke nahm ich mein Ziel in fast schmerzhafter Weise wahr. Ein paar Kandidaten hatte ich bereits ins Auge gefasst: zwei junge Frauen, einen jungen Mann, einen Jungen. Sie alle kamen in Frage, doch wer von ihnen war es?

Mein Quartett stieg in denselben Waggon ein. Immerhin etwas. Ich folgte den vieren und wartete ab.

Eine der beiden Frauen stieg an der Rishskaja aus.

Ich spürte das Ziel genauso stark wie zuvor.

Der junge Mann stieg an der Alexejewskaja aus.

Sehr schön. Die andere Frau oder der Junge? Wer von den beiden?

Ich gestattete mir einen verstohlenen Blick auf sie. Die Frau war füllig, rosawangig und in die Lektüre des Moskowski Komsomolez vertieft. Sie schien in keiner Weise nervös. Der Junge, ihr genaues Gegenteil, nämlich mager und zerbrechlich, stand an der Tür und fuhr mit dem Finger über die Scheibe.

Meiner Ansicht nach war die Frau ungleich… appetitlicher. Zwei zu eins, dass sie es ist.

Doch im Allgemeinen gibt die Frage des Geschlechts den Ausschlag.

Allmählich konnte ich den Ruf hören. Noch ohne Worte, sondern nur als zarte, getragene Melodie. Die Töne aus meinen Kopfhörern drangen bereits nicht mehr zu mir durch, denn der Ruf erstickte die Musik ohne weiteres.

Weder die Frau noch der Junge wurden unruhig. Entweder konnten sie sehr viel ertragen - oder sie hatten sich sofort ergeben.

Der Zug fuhr in die Station Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft ein. Der Junge nahm die Hand von der Scheibe, stieg aus und ging schnellen Schrittes auf den alten Ausgang zu. Die Frau blieb im Waggon.

Verflucht!

Beide waren noch so nah, dass ich nicht auszumachen vermochte, wen von ihnen ich spürte.

Und plötzlich schwang sich die Melodie des Rufs jubelnd auf, und es schlich sich eine Stimme in sie ein.

Eine weibliche!

Ich sprang zwischen den sich schließenden Türen nach draußen und eilte dem Jungen nach.

Sehr schön. Die Jagd näherte sich dem Ende.

Bloß - wie sollte ich in dieser Situation mit einem entladenen Amulett zurechtkommen? Ich hatte keinen blassen Schimmer…

Es waren kaum Leute ausgestiegen, auf der Rolltreppe standen insgesamt nur vier Menschen. Zuoberst der Junge, dann eine Frau mit Kind, schließlich ich und hinter mir ein zerknitterter älterer Oberst. Die Aura des Offiziers war sehr schön, strahlte hell und setzte sich aus funkelnden stahlgrauen und hellblauen Tönen zusammen. Amüsiert und müde dachte ich bei mir, dass ich ihn ja zu Hilfe rufen könnte. Männer wie er glauben noch heute an den Begriff der Offiziersehre.

Nur, dass mir der alte Oberst weniger nutzen würde als eine Fliegenklatsche bei der Elefantenjagd.

Ohne weiter über solchen Unsinn nachzudenken, richtete ich den Blick wieder auf den Jungen. Mit geschlossenen Augen scannte ich seine Aura.

Das Ergebnis war entmutigend.

Ein schillerndes, halb durchsichtiges Leuchten hüllte ihn ein. Ab und an färbte es sich rot, dann ging es wieder in tiefes Grün über, um schließlich als dunkelblaues Licht aufzulodern.

Ein seltener Fall. Ein Schicksal, das noch nicht besiegelt war. Ein diffuses Potenzial. Der Junge konnte zu einem elenden Schuft heranwachsen, konnte sich zu einem guten und gerechten Menschen entwickeln oder sich als ein Niemand herausstellen, als leere Stelle, wie im Grunde die meisten Menschen auf dieser Welt. Alles war noch offen, wie es so schön heißt. Eine solche Aura umgibt in der Regel Kinder unter zwei, drei Jahren, während sie bei älteren kaum noch anzutreffen ist.

Womit klar war, weshalb der Ruf gerade ihm galt. Ein Leckerbissen, zweifelsohne.

Ich merkte, wie mir das Wasser im Munde zusammenlief.

Zu lange dauerte das alles schon, zu lange… Ich sah den Jungen an, blickte auf den dünnen Hals unter dem Schal und verwünschte den Chef, die Traditionen und Rituale - all das, was meine Arbeit ausmachte. Mein Zahnfleisch juckte, meine Kehle war ausgedörrt.

Blut hat einen bitteren, salzigen Geschmack, doch es allein vermag diesen Hunger zu stillen.

Verflucht!

Der Junge sprang von der Rolltreppe, rannte durch die Bahnhofshalle und verschwand durch die Glastür. Einen Augenblick lang fühlte ich mich besser. Mit etwas langsameren Schritten folgte ich ihm und beobachtete aus den Augenwinkeln heraus jede seiner Bewegungen: Der Junge tauchte in die Unterführung ab. Rannte schon, denn der Ruf zog ihn an, lockte ihn.

Schneller!

Ich sprintete zu einer Bude und knallte dem Verkäufer zwei Münzen hin.»Für sechs Rubel, mit Ringverschluss«, verlangte ich, möglichst ohne meine Zähne zu zeigen.

Der pickelige Verkäufer schlief fast ein - offenbar kippte er sich selbst den einen oder anderen während der Arbeit hinter die Binde -, als er mir mein Viertelliterchen reichte.»Hab schon besseren Wodka getrunken«, warnte er mich aufrichtig.»Ist zwar kein pures Gift, keine Dorochowskaja, aber trotzdem…«

»Die Gesundheit geht vor«, unterbrach ich ihn. Das Zeug hatte wirklich mit Wodka kaum was zu tun, tat’s im Moment aber. Mit einer Hand zog ich an dem Drahtring, sodass der Verschluss abging, mit der anderen kramte ich das Handy hervor und schaltete den Standardruf ein. Dem Verkäufer gingen die Augen über. Im Gehen nahm ich einen Schluck - der Wodka stank wie Kerosin und schmeckte noch schlimmer, die reinste Plörre, irgendwo heimlich zusammengepanscht - und rannte auf die Unterführung zu.

»Hallo?«

Larissa war schon nicht mehr da. Nachts schiebt in der Regel Pawel Dienst.

»Anton hier. Hotel Kosmos, irgendwo in der Nähe, in einem der Höfe. Ich folge ihm.«

»Eine Brigade?«In seiner Stimme schwang Interesse mit.

»Ja. Ich habe das Amulett schon entladen.«

»Was ist passiert?«

Ein Obdachloser, der in der Mitte der Unterführung vor sich hin döste, streckte die Hand aus, als hoffe er, ich würde ihm die angenuckelte Pulle überlassen. Ich raste an ihm vorbei.

»Da ist noch was anderes… Beeil dich, Pawel.«

»Die Jungs sind schon unterwegs.«

Plötzlich spürte ich im Kiefer einen Schmerz, als stieße jemand eine glühende Nadel in ihn hinein. Verdammte Scheiße aber auch…

»Pascha, ich kann nicht mehr für das garantieren, was ich tu«, sagte ich noch rasch, bevor ich die Verbindung unterbrach. Und vor zwei Milizionären auf Streife stehen blieb.

Ist doch immer dasselbe!

Warum müssen die Ordnungshüter der Menschen immer im unpassenden Moment erscheinen?

»Sergeant Kaminski«, rasselte der junge Milizionär herunter.»Ihre Papiere…«

Was sie mir wohl anhängen wollen? Trunkenheit in der Öffentlichkeit? Vermutlich.

Ich steckte die Hand in die Tasche und berührte das Amulett. Es strahlte kaum noch Wärme aus. Viel war hier jedoch auch nicht nötig.

»Mich gibt’s nicht«, sagte ich.

Zwei Augenpaare wanderten über mich, die schmackhafte Beute - bevor sie erloschen und das letzte Fünkchen Verständnis aus ihnen wich.

»Es gibt Sie in der Tat nicht«, echoten sie im Chor.

Die Zeit, sie richtig zu programmieren, fehlte mir. Deshalb platzte ich mit dem Erstbesten heraus, das mir in den Sinn kam:»Kauft euch einen Wodka und lasst es euch gut gehen. Sofort! Abmarsch!«

Offensichtlich traf der Befehl auf fruchtbaren Boden. Indem sie sich wie zwei Jungen beim Spaziergang an den Händen fassten zogen die Milizionäre durch die Unterführung in Richtung der Kioske ab. Leichte Gewissensbisse befielen mich, als ich mir die Folgen meines Befehls ausmalte, aber ich hatte einfach nicht die Zeit, noch etwas zu korrigieren.

Aus der Unterführung stürmte ich in der sicheren Überzeugung, dass bereits alles zu spät war. Doch der Junge, so seltsam das auch sein mochte, war noch nicht sehr weit gekommen. Leicht schwankend stand er da, etwa hundert Meter vor mir. Was für eine Widerstandskraft! Der Ruf hallte mit einer solchen Kraft, dass ich mich fragte, warum die wenigen Fußgänger nicht anfingen, das Tanzbein zu schwingen, warum die Oberleitungsbusse nicht vom Prospekt abbogen, nicht in diesen Tordurchgang drängten, dem süßen Schicksal entgegen…

Der Junge drehte sich um. Erblickte mich offenbar. Rasch ging er weiter.

Das war’s, er kapitulierte.

Während ich ihm folgte, überlegte ich fieberhaft, was ich tun sollte. Am klügsten wäre es, auf die Brigade zu warten - sie würde nur zehn Minuten brauchen, höchstens.

Inzwischen konnte jedoch allerlei passieren, konnte dem Jungen allerlei passieren.

Mitleid ist eine gefährliche Sache. Zum zweiten Mal fiel ich heute schon darauf rein. Erst in der Metro, als ich mein Amulett bei dem missglückten Versuch, den schwarzen Wirbel zu zerstören, entladen hatte. Und jetzt wieder, indem ich dem Jungen nachging.

Vor vielen Jahren habe ich mal einen Satz gehört, dem ich nie zustimmen wollte. Bis heute habe ich das auch nicht getan, obwohl ich mich schon oft genug davon überzeugen musste, dass er wahr ist.

Das Wohl der Allgemeinheit und das Wohl des Einzelnen gehen selten miteinander einher.

Stimmt, das sehe ich ein. Das ist die Wahrheit.

Aber gewiss gibt es eine Wahrheit, die schlimmer als die Lüge ist.

Ich rannte dem Ruf entgegen. Wahrscheinlich vernahm ich ihn nicht auf die Weise wie der Junge. Für ihn fügten sich die Töne zu einem betörenden Flehen, einer bezaubernden Melodie, die ihm seinen Willen und seine Kraft raubte. Für mich war es das genaue Gegenteil: ein das Blut aufwühlender Alarm.

Das Blut aufwühlend…

Der Körper, mit dem ich eine Woche lang Schindluder getrieben hatte, streikte jetzt. Ich wollte etwas trinken, aber kein Wasser - obwohl ich ohne irgendeinen Schaden meinen Durst mit dem dreckigen Schnee der Stadt hätte stillen können. Und auch keinen Alkohol - da hätte ich nur zu dem Fläschchen mit diesem ungenießbaren Fusel greifen müssen, der mir auch nicht geschadet hätte. Ich wollte Blut.

Und zwar weder von einem Schwein noch von einer Kuh, sondern von einem Menschen.

Verflucht sei diese Jagd…

»Du musst da durch«, hatte der Chef gesagt.»Fünf Jahre in der analytischen Abteilung sind eine lange Zeit, findest du nicht?«Ich weiß nicht, vielleicht ist das eine lange Zeit, aber mir gefällt es da. Außerdem gab sich der Chef selbst auch seit mehr als hundert Jahren nicht mehr mit operativer Arbeit ab.

Ich rannte an den erleuchteten Schaufenstern vorbei, in denen sich nachgemachte weißblaue Gsheler Keramik oder Lebensmittel aus Plastik türmten. Autos rasten vorbei, hier und da waren noch ein paar Leute unterwegs. Doch auch das war eine Fälschung, eine Illusion, war nur eine der Seiten der Welt - und die einzige, die Menschen zugänglich ist. Wie gut, dass ich kein Mensch bin.

In vollem Lauf rief ich das Zwielicht herbei.

Die Welt seufzte auf und trat zur Seite. Als würden mir die Scheinwerfer einer Startbahn in den Rücken knallen, grub sich plötzlich vor mir ein langer dünner Schatten in den Boden. Der Schatten wölkte auf und gewann Volumen, der Schatten zog sich in sich selbst zurück, in den Raum, in dem es keine Schatten mehr gibt. Riss sich vom schmutzigen Asphalt los, erhob sich, federnd, gleich einer Säule aus dichtem Rauch. Der Schatten lief vor mir her…

Während ich immer schneller rannte, zerschlug ich die graue Silhouette und trat ins Zwielicht ein. Die Farben der Welt verblassten, die Autos auf dem Prospekt schienen langsamer zu fahren, stecken zu bleiben.

Ich näherte mich dem Ort meiner Bestimmung.

Als ich in den Tordurchgang trat, war ich darauf gefasst, nur noch das Schlussbild zu sehen: den unbeweglichen, ausgelaugten, leer getrunkenen Körper des Jungen und die im Verschwinden begriffenen Vampire.

Doch ich kam rechtzeitig.

Der Junge stand vor der Vampirin, deren lange Eckzähne aufblitzten, und zog langsam den Schal weg. In diesem Moment hatte er bestimmt keine Angst - der Ruf erstickte das Bewusstsein absolut. Wahrscheinlich sehnte er sich sogar danach, dass die spitzen, funkelnden Eckzähne ihn berührten.

Neben den beiden stand ein Vampir. Intuitiv erfasste ich sofort, dass er das Sagen hatte: Er hatte die Frau initiiert, er hatte sie ans Blut gebracht. Und das Widerlichste von allem: Er hatte eine Moskauer Registriermarke. Dieses Schwein!

Immerhin erhöhte das meine Erfolgsaussichten.

Die Vampire drehten sich mir zu, waren jedoch verwirrt und begriffen nicht gleich, was hier vor sich ging. Der Junge stand in ihrem Zwielicht, sodass ich ihn nicht hätte sehen können, nicht hätte sehen dürfen. Wie sie selbst auch nicht.

Nach und nach entspannte sich das Gesicht des jungen Vampirs, er lächelte sogar, freundlich und ruhig.

»Hallo.«

Er hielt mich für einen von seinesgleichen. Was ihm nicht vorzuwerfen war: Im Moment war ich wirklich einer von ihnen. Fast. Die Woche Vorbereitung war nicht umsonst gewesen: Ich fing an, sie zu spüren - wäre dafür aber beinah selbst auf der Dunklen Seite gelandet.

»Nachtwache«, sagte ich. Ich streckte die Hand mit dem Amulett vor. Es war zwar entladen, aber das war auf die Entfernung nicht so leicht mitzukriegen.»Tretet aus dem Zwielicht heraus!«

Der Mann hätte womöglich gehorcht. In der Hoffnung, dass ich nichts von der Blutspur wusste, die er hinter sich herzog, und das Ganze als»Versuch der unerlaubten Interaktion mit einem Menschen«abgetan wurde. Doch die Frau verfügte nicht über seine Selbstbeherrschung und vermochte ihre Lage nicht einzuschätzen.

»Aaaah!!!«Heulend stürzte sie sich auf mich. Immerhin schlug sie ihre Zähne dann nicht dem Jungen ins Fleisch. Sie war jetzt absolut unzurechnungsfähig, wie eine Drogensüchtige auf Turkey, der man die Spritze, die sie sich gerade setzt, aus den Adern reißt, wie eine Nymphomanin, aus der man sich kurz vor dem Höhepunkt zurückzieht.

Für einen Menschen kam die Attacke zu schnell, niemand hätte sie parieren können.

Doch ich befand mich in derselben Realitätsschicht wie die Vampirin. Ich riss die Hand hoch und spritzte ihr etwas von dem Fusel direkt in das durch die Transformation entstellte Gesicht.

Warum vertragen Vampire Alkohol so schlecht?

Das bedrohliche Geschrei ging in ein leises Wimmern über. Die Vampirin drehte sich um sich selbst und hämmerte mit den Händen auf ihr Gesicht ein, von dem die Haut und das gräuliche Fleisch schichtweise abblätterten. Der Vampir aber wirbelte herum und wollte wegrennen.

Alles lief schon fast zu glatt. Ein registrierter Vampir ist kein zufälliger Gast, mit dem man einen fairen Kampf ausfechten müsste. Ich schleuderte den Flachmann gegen die Vampirin, streckte die Hand aus und erwischte die Schnur der Registriermarke, die sich gehorsam abrollte. Aufstöhnend fasste sich der Vampir an den Hals.

»Komm aus dem Zwielicht raus!«, schrie ich.

Anscheinend begriff er, dass er richtig in der Klemme saß. Indem er sich auf mich stürzte, versuchte er, der gespannten Schnur den Druck zu nehmen. Aus der Bewegung heraus ließ er die Eckzähne hervortreten und begann seine Transformation.

Wenn das Amulett voll geladen gewesen wäre, hätte ich ihn einfach betäubt.

So aber musste ich ihn umbringen.

Die Marke - ein leicht glänzendes, hellblaues Siegel auf der Brust des Vampirs - knirschte, als ich einen lautlosen Befehl aussandte. Die Energie, die von jemandem stammte, der weitaus fähiger war als ich, ergoss sich in den toten Körper. Der Vampir rannte noch. Er war satt, stark, und noch nährte fremdes Leben das tote Fleisch. Doch einen Schlag von dieser Kraft vermochte er nicht auszuhalten: Die Haut trocknete ein, legte sich wie Pergament über die Knochen, die Gallerte sickerte aus den Augenhöhlen. Dann brach die Wirbelsäule auseinander, und das zuckende Gerippe krachte vor meinen Füßen zusammen.

Ich drehte mich zurück - die Vampirin hatte das Bewusstsein schon zurückerlangt. Gefahr ging von ihr jedoch keine mehr aus. Mit riesigen Sprüngen hastete sie über den Hof davon. Noch immer war sie nicht aus dem Zwielicht herausgetreten, sodass dieses frappierende Schauspiel nur ich zu sehen vermochte. Und die Hunde natürlich. Von irgendwoher erklang das hysterische Gebell einer kleinen Töle, die Hass und Angst gleichermaßen gefangen hielten - und all die Gefühle, die die Hunderasse seit Urzeiten für diese lebenden Toten hegt.

Die Vampirin zu verfolgen fehlte mir die Kraft. Ich reckte mich und nahm einen Abdruck ihrer Aura, einer ausgetrockneten, grauen, muffigen Aura. Sie würde uns nicht entkommen.

Doch wo steckte der Junge?

Nachdem er aus dem von den Vampiren geschaffenen Zwielicht herausgetreten war, konnte er entweder in Ohnmacht oder in völlige Erstarrung gefallen sein. Im Tordurchgang war er jedoch nicht zu sehen. An mir vorbeigelaufen sein konnte er auch nicht… Ich stürmte aus dem Durchgang in den Hof, wo ich den Jungen tatsächlich entdeckte. Er hatte sich womöglich noch schneller davongemacht als die Vampirin. Tapferer kleiner Kerl! Ein echtes Wunder. Meine Hilfe brauchte er gewiss nicht. Bloß dumm, dass er sich an alles erinnerte - aber wer würde schon einem kleinen Jungen glauben? Bis morgen früh würde die Erinnerung verblasst sein, sich verwischt, sich in einen irrealen Albtraum verwandelt haben.

Oder sollte ich dem Jungen trotzdem nach?

»Anton!«

Vom Prospekt her kamen Igor und Garik angerannt, unser Einsatzteam im Doppelpack.

»Die Frau ist entkommen!«, rief ich.

Garik kickte im vollen Lauf gegen die vertrocknete Leiche des Vampirs, worauf eine Wolke modrigen Gestanks in die eisige Luft aufstieg.»Den Abdruck!«, schrie er.

Ich übermittelte ihm den Abdruck der geflohenen Vampirin. Garik verzog das Gesicht und legte einen Zahn zu. Die Fahnder nahmen die Verfolgung auf.»Kümmer dich um den Müll!«, brüllte Igor mir noch zu.

Mit einem Nicken - als ob sie eine Antwort erwarteten - trat ich aus meinem Zwielicht heraus. Die Welt gewann an Farbe. Die Silhouetten der beiden Jungs aus der operativen Abteilung zerschmolzen, selbst der Schnee, der in der Menschenwelt lag, wurde nicht länger von unsichtbaren Füßen platt getreten.

Aufseufzend ging ich zu dem am Straßenrand geparkten grauen Volvo. Auf der Rückbank lagen ein paar banale Dinge, die ich gut gebrauchen konnte: ein stabiler Plastiksack, eine Schaufel und ein Besen. In fünf Minuten hatte ich die Reste des Vampirs, die kaum etwas wogen, zusammengefegt und den Sack im

Kofferraum verstaut. Aus dem kümmerlichen Schneehaufen, den der schlampige Hausmeister liegen gelassen hatte, holte ich etwas schmutzigen Schnee, den ich im Durchgang verteilte und feststampfte, um die Moderreste tief unter dem Dreck zu begraben. Eine menschliche Bestattung bekommst du nicht, denn du bist kein Mensch…

Das war’s dann.

Ich ging zum Auto zurück, setzte mich hinters Steuer und machte meine Jacke auf. Es ging mir gut. Sogar sehr gut. Der Anführer der beiden Vampire war tot, seine Freundin würden unsere Leute einfangen, der Junge lebte.

Der Chef würde zufrieden sein!

Zwei

»Pfusch!«

Ich versuchte etwas einzuwenden, doch der nächste Ausruf, der knallend wie eine Ohrfeige kam, verschloss mir den Mund.

»Schlamperei!«

»Aber…«

»Ist dir wenigstens klar, was du alles falsch gemacht hast?«

Der Chef hörte sich nicht mehr ganz so aufgebracht an, sodass ich es wagte, den Blick zu heben.»Im Großen und Ganzen…«, brachte ich vorsichtig hervor.

Ich halte mich gern im Zimmer des Chefs auf. Irgendetwas Kindliches wird in mir angesprochen, wenn ich all die komischen Sachen sehe, die in Vitrinen hinter Panzerglas stehen, an den Wänden hängen, in wüstem Durcheinander auf dem Tisch herumliegen und sich mit Disketten und Geschäftsunterlagen zu einem Ganzen fügen. Angefangen bei dem alten japanischen Fächer bis hin zu jenem verbogenen Stück Metall mit dem aufgesetzten Elch, dem Emblem eines Autoherstellers, gibt es zu jedem Stück eine Geschichte. Wenn der Chef bei Laune ist, weiß er die kuriosesten Dinge zu erzählen.

Nur dass ich ihn selten in dieser Stimmung erwische.

»Gut.«Der Chef hörte auf, durchs Zimmer zu tigern, nahm in einem Ledersessel Platz und zündete sich eine Zigarette an.»Dann fang mal an.«

Seine Stimme hatte einen sachlichen Ton angenommen, passend zu seiner äußeren Erscheinung. Für ein menschliches Auge wirkte er wie ein Vierzigjähriger und gehörte jener schmalen Mittelschicht von Geschäftsleuten an, auf die die Regierung so gern ihre Hoffnungen setzt.

»Womit?«, fragte ich, wobei ich es riskierte, mir eine weitere klug abgewogene Beurteilung meiner Person einzufangen.

»Mit der Auflistung der Fehler. Deiner Fehler.«

Das heißt also… Gut.»Mein erster Fehler, Boris Ignatjewitsch«, fing ich mit Unschuldsmiene an,»bestand darin, dass ich meine Aufgabe falsch verstanden habe.«

»Ah ja?«, hakte der Chef nach.

»Nun, ich habe gedacht, dass ich den Vampir ausfindig machen sollte, der seit kurzem in Moskau auf Jagd ging. Ihn ausfindig und… äh… unschädlich machen.«

»Nur weiter…«, spornte der Chef mich an.

»Eigentlich sollte mit der Aufgabe aber meine Eignung für die operative Arbeit und den Außendienst getestet werden. Da ich von einer falschen Einschätzung meiner Aufgabe ausging, genauer gesagt, da ich nach dem Prinzip abgrenzen und schützen handelte…«

Der Chef seufzte und nickte. Jemand, der ihn nicht so gut kannte wie ich, hätte vermutlich gedacht, er sei verlegen.

»Hast du dieses Prinzip denn verletzt?«

»Nein. Und deshalb habe ich das Ganze ja vermasselt.«

»Und wie?«

»Gleich am Anfang…«Mein Blick streifte eine ausgestopfte Schnee-Eule, die in einer Vitrine stand. Hatte sie gerade den Kopf bewegt oder nicht?»Gleich am Anfang habe ich mein Amulett bei dem missglückten Versuch, einen schwarzen Strudel zu neutralisieren, entladen…«

Boris Ignatjewitsch verzog das Gesicht. Er strich sich das Haar glatt.»Gut, fangen wir damit an. Ich habe mir die Form genau angeschaut, und wenn du nicht übertrieben hast…«

Empört schüttelte ich den Kopf.

»Ich glaube dir ja. Also, gegen einen derartigen Strudel kommt man mit einem Amulett nicht an. Kannst du dich noch an die Klassifikation erinnern?«

Mist! Warum hatte ich mir bloß nicht noch einmal die alten Unterlagen vorgenommen?

»Ich bin mir sicher, dass du sie nicht im Kopf hast. Das spielt aber keine Rolle, denn dieser Strudel fällt völlig aus dem Schema heraus. So oder so wäre es dir nicht gelungen, mit ihm fertig zu werden…«Der Chef beugte sich über den Tisch zu mir herüber und sagte in verschwörerischem Flüsterton:»Und weißt du was…«

Ich horchte auf.

»Mir auch nicht, Anton.«

Dieses Geständnis kam unerwartet, und ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Zwar sprach niemand laut die Ansicht aus, der Chef bringe absolut alles fertig, dennoch hegten alle Mitarbeiter des Büros diese Überzeugung.

»Anton, einen Strudel von solcher Kraft… kann nur der Urheber vernichten.«

»Dann müssen wir ihn finden…«, bemerkte ich unsicher.»Nicht auszudenken, wenn der Frau…«

»Um sie geht es gar nicht. Zumindest nicht um sie allein.«

»Wieso denn nicht?«, platzte ich heraus und schob rasch hinterher:»Müssen wir einem Dunklen Magier das Handwerk legen?«

Der Chef seufzte.»Womöglich hat er eine Lizenz. Womöglich hat er das Recht, sie mit dem Fluch zu belegen… Doch es geht noch nicht einmal um den Magier. Ein schwarzer Strudel von derartiger Kraft… Erinnerst du dich noch an den Flugzeugabsturz im letzten Winter?«

Ich erschauerte. Nachlässigkeit brauchten wir uns nicht vorzuwerfen, das Unglück ließ sich wohl eher auf eine Gesetzeslücke zurückführen: Der Pilot, der mit dem Fluch belegt worden war, hatte die Kontrolle über das Flugzeug verloren, das dann über der Stadt abgestürzt war. Hunderte von unschuldigen Menschenleben…

»Solche Strudel können nicht gezielt eingesetzt werden. Die Frau ist dem Tode geweiht, aber ihr wird kein Dachziegel auf den Kopf fallen. Eher stürzt das ganze Haus ein, bricht eine Epidemie aus, wird zufälligerweise eine Atombombe über Moskau abgeworfen. Darin besteht das Unglück, Anton.«

Der Chef drehte sich plötzlich um und warf einen vernichtenden Blick auf die Eule. Rasch legte sie die Flügel an, während das Funkeln in den Glasaugen erlosch.

»Boris Ignatjewitsch…«, sagte ich entsetzt.»Das ist meine Schuld…«

»Sicher ist es das. Dich rettet nur noch eins, Anton.«Der Chef räusperte sich.»Indem du Mitleid gezeigt hast, hast du genau das Richtige getan. Das Amulett konnte den Wirbel nicht vollständig zerschlagen, hat aber den Ausbruch des Infernos noch einmal hinausgezögert. Damit haben wir einen Tag gewonnen… vielleicht sogar zwei. Ich war schon immer der Ansicht, dass unüberlegtes, doch gut gemeintes Handeln mehr Nutzen bringt als überlegtes, aber grausames. Hättest du das Amulett nicht eingesetzt, läge bereits halb Moskau in Schutt und Asche.«

»Und was machen wir jetzt?«

»Dieses arme Mädchen suchen. Es beschützen… so weit es in unseren Kräften steht. Wir können den Wirbel noch ein-, zweimal destabilisieren. In dieser Zeit müssen wir den Magier finden, der für den Fluch verantwortlich ist, und ihn zwingen, den Wirbel aufzulösen.«

Ich nickte.

»An der Suche werden sich alle beteiligen«, sagte der Chef wie nebenbei.»Ich habe unsere Leute aus dem Urlaub zurückgerufen. Gegen Morgen treffen Ilja und Semjon aus Ceylon ein, gegen Mittag die übrigen. Das Wetter in Europa ist schlecht, ich habe die Kollegen aus dem Europabüro um Hilfe gebeten, aber noch sind sie dabei, die Wolken auseinander zu treiben…«

»Gegen Morgen?«Ich sah auf die Uhr.»Das ist noch einen Tag hin.«

»Nein, heute Morgen«, erwiderte der Chef, ohne sich um die mittägliche Sonne zu scheren, die durchs Fenster schien.»Du wirst dich auch auf die Suche machen. Vielleicht gelingt es dir noch einmal… Wollen wir jetzt deine anderen Fehler durchgehen?«

»Lohnt denn diese Zeitverschwendung?«, fragte ich schüchtern.

»Keine Angst, wir verschwenden keine Zeit.«Der Chef erhob sich, ging zu der Vitrine, entnahm ihr die ausgestopfte Eule und pflanzte sie auf den Tisch. Aus der Nähe betrachtet, konnte kein Zweifel mehr daran bestehen, dass sie tatsächlich ausgestopft war, dass in ihr nicht mehr Leben steckte als in einem Pelzkragen…»Kommen wir zu den Vampiren und ihrem Opfer.«

»Die Vampirin ist mir entwischt. Und unsere Leute haben sie nicht mehr geschnappt«, gab ich zerknirscht zu.

»In dieser Hinsicht hast du dir nichts vorzuwerfen. Du hast dich wacker geschlagen. Das Problem ist das Opfer…«

»Stimmt, der Junge kann sich an alles erinnern. Aber er ist einfach abgehauen…«

»Anton! Ich bitte dich! Der Junge folgte einem Ruf, der aus einer Entfernung von einigen Kilometern kam! Als er in den Tordurchgang trat, hätte er hilflos wie eine Marionette sein müssen! Und als sich das Zwielicht auflöste, hätte er in Ohnmacht fallen müssen! Anton, wenn er nach alldem noch in der Lage war, sich zu bewegen, schlummert in ihm ein phänomenales magisches Potenzial.«

Der Chef schwieg.

»Ich Idiot!«

»Nicht doch. Du hockst einfach schon zu lange in deinem Labor. Anton, dieser Junge hat das Zeug, mächtiger zu werden als ich!«

»Das ist doch…«

»Sehen wir den Tatsachen ins Auge…«

Das Telefon auf dem Tisch klingelte. Offenbar musste es etwas Wichtiges sein, denn kaum jemand kannte die Durchwahl des Chefs. Ich zum Beispiel kenne sie nicht.

»Ruhe!«, befahl der Chef dem unschuldigen Apparat, der daraufhin verstummte.»Anton, wir müssen diesen Jungen finden. Die geflohene Vampirin stellt an und für sich keine Gefahr dar. Entweder erwischen Igor und Garik sie doch noch, oder sie läuft einer unserer Streifen in die Arme. Doch wenn sie den Jungen aussaugt - oder, was noch schlimmer wäre, ihn initiiert… Dir ist nicht klar, was es mit einem richtigen Vampir auf sich hat. Die von heute - das sind doch nur Mücken verglichen mit irgend so einem Nosferatu. Dabei war er noch nicht einmal einer der größten, auch wenn er sich noch so sehr aufgespielt hat… Daher muss der Junge gefunden, untersucht und, wenn möglich, in die Wache aufgenommen werden. Wir dürfen ihn nicht der Dunklen Seite überlassen, denn dann würde das Gleichgewicht in Moskau endgültig zusammenbrechen.«

»Was ist das? Ein Befehl?«

»Eine Lizenz«, sagte der Chef düster.»Ich habe das Recht, Anweisungen dieser Art zu erlassen, wie du weißt.«

»Ja«, erwiderte ich leise.»Womit soll ich anfangen? Besser gesagt, mit wem?«

»Wie du willst. Vielleicht trotz allem mit der Frau. Versuch aber auch, den Jungen zu finden.«

»Ich gehe dann jetzt?«

»Schlaf dich erst mal aus.«

»Ich hab genug geschlafen, Boris Ignatjewitsch…«

»Das glaube ich nicht. Ich würde dir raten, dich noch ein Stündchen aufs Ohr zu legen.«

Ich verstand gar nichts mehr. Um elf war ich heute aufgestanden und sofort ins Büro gerast, fühlte mich frisch und voller Kraft.

»Und das ist deine Assistentin.«Der Chef schnipste mit den Fingern gegen die ausgestopfte Eule. Der Vogel breitete die Flügel aus und schrie empört auf.

Ich schluckte.»Wer ist das?«, traute ich mich zu fragen.»Oder besser, was ist das?«

»Wozu willst du das wissen?«, entgegnete der Chef, während er der Eule fest in die Augen sah.

»Um entscheiden zu können, ob ich mit ihm zusammenarbeiten möchte!«

Die Eule sah zu mir herüber und fauchte wie eine wütende Katze.

»Du hast die Frage falsch formuliert.«Der Chef schüttelte den Kopf.»Ob sie mit dir zusammenarbeiten möchte - darum geht es.«

Die Eule schrie erneut auf.

»Ja«, sagte der Chef, bereits nicht mehr an mich gewandt, sondern an den Vogel.»Du hast in vielem Recht. Aber hatte nicht Jemand darum gebeten, erneut Berufung einzulegen?«

Der Vogel erstarrte.

»Ich verspreche dir, dass ich mich hinter die Sache klemme. Und diesmal haben wir gute Chancen.«

»Boris Ignatjewitsch, meiner Meinung nach…«, setzte ich an.

»Entschuldige, Anton, aber deine Meinung kümmert

mich nicht…«Der Chef streckte den Arm aus, und die Eule wackelte unsicher auf ihren pludrigen Beinen heran, um sich auf seiner Hand niederzulassen.»Dir ist gar nicht klar, was du für ein Glück hast.«

Ich schwieg. Der Chef ging zum Fenster, riss es auf und hielt den Arm hinaus. Die Eule schlug mit den Flügeln und sauste im Sturzflug davon. Von wegen ausgestopft!

»Wohin fliegt… es?«

»Zu dir. Ihr werdet im Team arbeiten…«Der Chef rieb sich die Nasenwurzel.»Gut! Sie heißt Olga, merk dir das.«

»Die Eule?«

»Ja. Du wirst sie füttern, dich um sie kümmern - dann wird alles klappen. Und jetzt… schläfst du noch ein bisschen, bevor du aufstehst. Ins Büro brauchst du gar nicht erst zu kommen, du wartest auf Olga, und ihr macht euch gleich an die Arbeit. Überprüfe die Ringlinie der Metro, zum Beispiel…«

»Wie, noch ein bisschen schlafen…?«, setzte ich an. Doch die Welt um mich herum verblasste, verlosch bereits, löste sich auf. Schmerzhaft bohrte sich mir ein Zipfel von einem Kissen in die Wange.

Ich lag in meinem eigenen Bett.

Mein Kopf war schwer, meine Augen verklebt. Meine Kehle war ausgetrocknet und tat weh.

»Ah…«, stöhnte ich heiser auf und drehte mich auf den Rücken. Durch die schweren Gardinen war nicht zu erkennen, ob es noch Nacht war oder schon längst heller Tag. Mit zusammengekniffenen Augen sah ich auf die Uhr: Die Leuchtziffern zeigten acht Uhr an.

Zum ersten Mal hatte mir der Chef eine Audienz im Traum gewährt.

Das ist keine angenehme Sache, vor allem für den Chef nicht, der sich in mein Bewusstsein hineinzwängen musste.

Offenbar lief uns wirklich die Zeit davon, wenn er es für notwendig hielt, mir meine Anweisungen in der Welt der Träume zu erteilen. Dabei - wie real sie gewirkt hatten! Das hätte ich nie für möglich gehalten. Die Analyse meines Auftrags, diese idiotische Eule…

Plötzlich fuhr ich zusammen - irgendetwas klopfte ans Fenster. Ein feines Geräusch, immer wieder, als trommle jemand mit Krallen gegen die Scheibe. Ein gedämpfter Vogelschrei drang zu mir ins Zimmer.

Was hatte ich denn erwartet?

Mit einem Satz war ich aus dem Bett, zog mir unbeholfen die Unterhose zurecht und rannte zum Fenster. Der ganze Mist, den ich zur Vorbereitung auf die Jagd in mich hineingekippt hatte, wirkte noch, und ich konnte jeden Gegenstand klar erkennen.

Mit einem Ruck riss ich die Gardinen zur Seite. Zog die Jalousie hoch.

Die Eule saß auf dem Fensterbrett. Sie blinzelte leicht - immerhin war es schon aufgeklart und damit für sie zu hell. Von der Straße aus dürfte natürlich nur mit Mühe zu erkennen gewesen sein, was für ein Vogel da vor dem Fenster im neunten Stock saß. Dafür wären meine Nachbarn, wenn sie denn herausgeschaut hätten, ziemlich von den Socken gewesen. Eine Schnee-Eule mitten im Zentrum von Moskau!

»Was um alles…«, sagte ich leise.

Ich hätte mich gern einer kräftigeren Ausdrucksweise bedient. Doch diese Gewohnheit hatte man mir gleich zu Beginn meiner Arbeit in der Wache abgewöhnt. Genauer gesagt, ich hatte sie mir selbst abgewöhnt. Wenn du ein-, zweimal einen dunklen Wirbelsturm über jemandem siehst, den du gerade in Grund und Boden geschimpft hast, fängst du sofort an, deine Zunge in Zaum zu halten.

Die Eule sah mich an. Sie wartete.

Überall spektakelten Vögel. Ein Schwarm Spatzen hatte sich etwas weiter weg in einem Baum niedergelassen und tschilpte in einem fort. Die Raben erfrechten sich schon stärker. Sie hatten den Balkon nebenan und die Bäume in der Nähe mit Beschlag belegt. Sie krächzten ohne Unterlass und sprangen immer mal wieder von den Zweigen und zogen ihre Kreise vorm Fenster. Ihr Instinkt sagte ihnen, dass sie fürderhin von einem derart ungewöhnlichen Nachbarn nichts Gutes zu erwarten hatten.

Die Eule zeigte jedoch keinerlei Reaktion. Sie pfiff sowohl auf die Spatzen als auch auf die Raben - genauer, sie hätte es, wenn sie gekonnt hätte.

»Was bist du denn für eine?«, murmelte ich, während ich das Fenster öffnete und dabei erbarmungslos das Papier zerriss, das im Winter gegen Zugluft über die Rahmen geklebt war. Der Chef hat seltsame Vorstellungen von meinem Partner… meiner Partnerin…

Mit einem Flügelschlag kam die Eule ins Zimmer geflogen, setzte sich auf den Kleiderschrank und schloss die Augen bis auf einen Spalt. Als ob sie schon ein Jahrhundert hier gelebt hätte. Ob sie sich unterwegs verkühlt hatte? Wohl kaum, schließlich war sie eine Schnee-Eule.

Während ich mich daran machte, das Fenster wieder zu schließen, dachte ich darüber nach, was ich als Nächstes tun sollte. Wie sollte ich mit ihr kommunizieren, wie sie füttern, und wie, bitte schön, sollte dieses gefiederte Wesen in der Lage sein, mir zu helfen?

»Du heißt also Olga?«, fragte ich, nachdem ich mit dem Fenster fertig war. Durch die Ritzen zog es zwar noch, doch das konnte warten.»He, Vogel!«

Die Eule öffnete das eine Auge ein wenig weiter. Sie scherte sich um mich fast genauso wenig wie um die wuseligen Spatzen.

Mit jedem Augenblick kam ich mir blöder vor. Erstens kriegte ich hier einen Partner präsentiert, mit dem ich nicht kommunizieren konnte. Und zweitens war es ja eine Frau!

Wenn auch eine Eule.

Ob ich mir Hosen anziehen sollte? Ich stand vor ihr, mit nichts weiter an als meinen verknautschten Unterhosen, unrasiert, verschlafen…

Ich kam mir wie der letzte Idiot vor, als ich meine Sachen zusammensuchte und aus dem Zimmer stolperte.»Entschuldigen Sie, ich bin gleich wieder da«, rief ich der Eule beim Hinausstürzen zu - der Pinselstrich, der mein Porträt vollendete.

Wenn dieser Vogel tatsächlich das war, was ich vermutete, hatte ich nicht gerade den besten Eindruck gemacht.

Eigentlich wollte ich unbedingt duschen, doch eine solche Zeitverschwendung durfte ich mir nicht leisten. Es musste reichen, wenn ich mich rasierte und mir den dröhnenden Schädel unter kaltes Wasser hielt. Auf einem Regal fand ich zwischen diversen Shampoos und

Deos etwas Eau de Cologne, das ich normalerweise nicht benutze.

»Olga?«, rief ich, während ich den Flur hinunterblickte.

Ich entdeckte die Eule in der Küche, auf dem Kühlschrank. Wie tot saß sie da, ein ausgestopfter Vogel, der hier zum Scherz aufgestellt worden war. Fast wie beim Chef in der Vitrine.

»Lebst du?«, fragte ich.

Missmutig sah mich ein bernsteingelbes Auge an.

»Schon gut.«Ich breitete die Arme aus.»Fangen wir von vorn an? Mir ist völlig klar, dass ich keine sonderlich gute Figur abgegeben habe. Und ich gestehe es ein: Das ist bei mir chronisch.«

Die Eule horchte auf.

»Ich weiß nicht, wer du bist.«Ich schnappte mir einen Hocker und setzte mich vor den Kühlschrank.»Und du kannst es mir auch nicht sagen. Immerhin kann ich mich dir vorstellen. Ich bin Anton. Vor fünf Jahren hat sich herausgestellt, dass ich ein Anderer bin.«

Der Laut, den die Eule von sich gab, erinnerte noch am ehesten an ein unterdrücktes Lachen.

»Ja«, bekräftigte ich.»Erst vor fünf Jahren. Doch so was kommt vor. Ich hatte ungeheure Schwellenangst. Wollte die Zwielicht-Welt einfach nicht sehen. Und habe sie auch nicht gesehen. Zumindest so lange nicht, bis mir der Chef über den Weg gelaufen ist.«

Offenbar interessierte die Eule das schon mehr.

»Damals führte er eine praktische Übung durch. Er hat den Außendienstarbeitern beigebracht, wie man unerkannte Andere ausfindig macht. Dabei bin ich ihm über den Weg gelaufen…«Bei der Erinnerung musste ich grinsen.»Natürlich hat er meine Abschirmung durchbrochen. Alles andere war dann das reinste Kinderspiel… Ich habe den Adaptionskurs absolviert und danach in der analytischen Abteilung angefangen. Wobei… es eigentlich keine nennenswerten Änderungen in meinem Leben gab. Ich wurde ein Anderer, ohne es selbst zu merken. Dem Chef hat das zwar nicht gepasst, aber er hat keinen Ton gesagt. Meine Arbeit mache ich gut - und alles andere geht ihn nichts an. Aber vor einer Woche ist ein verrückter Vampir in Moskau aufgetaucht. Und ausgerechnet ich erhielt den Auftrag, ihn unschädlich zu machen. Angeblich, weil alle Fahnder anderweitig beschäftigt waren. In Wahrheit aber, damit ich auch mal Pulver roch. Vielleicht ist das ja sogar der richtige Weg. Aber in dieser Woche sind drei weitere Menschen gestorben. Ein echter Profi hätte dieses Pärchen innerhalb von vierundzwanzig Stunden geschnappt…«

Ich hätte zu gern gewusst, wie Olga darüber dachte. Doch die Eule gab keinen Laut von sich.

»Was ist also wichtiger, um das Gleichgewicht zu wahren?«, fragte ich sie dennoch.»Mich in der operativen Arbeit fortzubilden oder das Leben von drei absolut unschuldigen Menschen zu retten?«

Die Eule schwieg.

»Mit meinen normalen Möglichkeiten konnte ich Vampire nicht spüren«, fuhr ich fort.»Ich musste mich erst in Resonanz versetzen. Menschenblut habe ich aber nicht getrunken. Schweineblut musste reichen. Und all diese Präparate - du weißt ja, was ich meine…«

Während ich über die Präparate sprach, stand ich auf, öffnete den Schrank über dem Herd und holte ein fest verkorktes Glas heraus. Von dem klumpigen braunen Pulver klebte nur noch ein letzter Rest am Boden, sodass es sich nicht lohnte, es in unserer Materialausgabe vorbeizubringen. Ich schüttete das Pulver ins Spülbecken und stellte das Wasser an, woraufhin ein würziger benebelnder Geruch die Küche erfüllte. Das Glas wusch ich aus und schmiss es dann in den Mülleimer.

»Ich bin schon fast nicht mehr ich selbst gewesen«, bemerkte ich.»Und zwar im buchstäblichen Sinne. Als ich gestern Morgen von der Jagd zurückkam… ist mir vor dem Haus meine Nachbarin begegnet. Ich habe mich noch nicht mal getraut, sie zu begrüßen, weil die langen Eckzähne schon anfingen hervorzukommen. Und heute Nacht, als ich den Ruf vernommen habe, der dem Jungen galt… hat nicht viel gefehlt, und ich hätte mit den Vampiren gemeinsame Sache gemacht.«

Die Eule sah mir in die Augen.

»Glaubst du, dass mich der Chef deshalb ausgesucht hat?«

Ein ausgestopfter Vogel. Ein paar Federn über einem Wattekern.

»Damit ich sie mit ihren Augen sehe?«

Im Flur ertönte die Klingel. Ich seufzte und breitete die Arme aus: Was soll ich machen, bist selber schuld, jeder x-beliebige Gesprächspartner ist besser als dieser langweilige Vogel. Auf dem Weg zur Tür schaltete ich das Licht ein, bevor ich öffnete.

Vor mir stand ein Vampir.

»Komm rein«, sagte ich.»Komm rein, Kostja.«

Verlegen trat er von einem Bein aufs andere, kam dann aber doch herein. Als er sich das Haar glatt strich, merkte ich, dass seine Hände schweißnass waren und sein Blick unruhig umherirrte.

Kostja war erst siebzehn. Er war von Geburt an Vampir, ein ganz gewöhnlicher, normaler Stadtvampir. Eine verdammt unangenehme Situation: Mit Vampiren als Eltern hat ein Kind kaum eine Chance, als Mensch aufzuwachsen.

»Ich bringe die CDs«, brummelte Kostja.»Hier.«

Ich nahm ihm den Stapel CDs ab, ohne mich darüber zu wundern, dass es so viele waren. Normalerweise muss man Kostja ewig hinterherrennen, bis er die Scheiben zurückgibt - er ist vergesslich bis zum Geht-nichtmehr.

»Hast du schon alle gehört?«, fragte ich.»Und gebrannt?«

»Hm… Dann geh ich mal wieder…«

»Warte!«Ich packte ihn bei der Schulter und manövrierte ihn ins Zimmer.»Was ist los?«

Er schwieg.

»Du hast es schon gehört?«, vermutete ich.

»Wir sind nur sehr wenige, Anton.«Kostja sah mir in die Augen.»Wenn einer von uns stirbt, spüren wir das sofort.«

»Verstehe. Zieh die Schuhe aus und lass uns in die Küche sehen. Reden wir in Ruhe über alles.«

Kostja widersprach nicht. Fieberhaft überlegte ich, was ich machen sollte. Vor fünf Jahren, als ich ein Anderer geworden war und die Welt mir ihre ZwielichtSeite offenbart hatte, sah ich mich mit etlichen verblüffenden Entdeckungen konfrontiert. Doch dass direkt über mir eine Vampirfamilie wohnte, war wohl eine der schockierendsten.

Ich erinnere mich noch daran, als sei es gestern gewesen. Ich kam vom Unterricht nach Hause, völlig gewöhnlichem Unterricht, der mich an mein Institut denken ließ, das ich vor gar nicht so langer Zeit absolviert hatte. Drei Doppelstunden, ein Dozent, die Hitze, die die weißen Kittel am Körper kleben ließ: Wir hatten einen Hörsaal im Institut für Medizin angemietet. Ich ging nach Hause und trödelte ein wenig herum, verschwand mal im Zwielicht - nur kurz, mehr brachte ich noch nicht zustande -, mal sondierte ich die anderen Fußgänger. Und dann begegnete ich vor der Haustür meinen Nachbarn.

Sehr nette Menschen. Als ich mir einmal bei ihnen einen Drillbohrer leihen wollte, kam Kostjas Vater Gennadi, von Beruf Bauarbeiter, prompt mit zu mir, um mir im Kampf gegen die Betonwände beizustehen, als sei das nichts - und gab mir anschaulich zu verstehen, dass ein Intelligenzler ohne das Proletariat erledigt ist.

Und mit einem Mal sah ich, dass sie überhaupt keine Menschen waren.

Es war schrecklich. Eine braun-graue Aura, eine erdrückende Last. Wie gebannt blieb ich stehen und schaute sie voller Entsetzen an. Polina, Kostjas Mutter, entglitten leicht die Gesichtszüge, der Junge erstarrte und drehte sich weg. Das Familienoberhaupt dagegen kam auf mich zu, mit jedem Schritt weiter ins Zwielicht eindringend, kam mit jenem graziösen Gang auf

mich zu, der nur ihnen gegeben ist, den Vampiren, die zugleich lebendig und tot sind. Für sie ist das Zwielicht die ganz natürliche Umwelt.

Die Welt um uns herum war grau und tot. Ich selbst hatte gar nicht bemerkt, wie ich in seinem Sog ins Zwielicht abgetaucht war.

»Ich wusste immer, dass du eines Tages diese Barriere überschreiten würdest«, meinte er.»Das ist völlig in Ordnung.«

Ich trat einen Schritt zurück - und Gennadis Gesicht erzitterte.

»Da ist wirklich nichts dabei«, versicherte er. Er krempelte den Ärmel seines Hemds auf, sodass ich das Registrierungssiegel sehen konnte, einen hellblauen Abdruck auf grauer Haut.»Wir sind alle registriert. Polina! Kostja!«

Seine Frau trat ebenfalls ins Zwielicht und knöpfte die Bluse auf. Der Kleine bewegte sich nicht und zeigte das Siegel erst auf einen gestrengen Blick seines Vaters hin.

»Ich muss das überprüfen«, flüsterte ich. Meine Handbewegungen wollten mir nicht gelingen, zweimal vertat ich mich und musste von vorn anfangen. Geduldig ließ Gennadi alles über sich ergehen. Endlich reagierte das Siegel. Permanente Registrierung, keine Ordnungswidrigkeiten…

»Alles einwandfrei?«, fragte Gennadi.»Können wir gehen?«

»Ich…«

»Schon gut. Wir wussten, dass du irgendwann ein Anderer wirst.«

»Geht«, sagte ich. Das entsprach zwar nicht den Vorschriften, aber nach denen stand mir jetzt nicht der Sinn.

»Ja…«Bevor Gennadi aus dem Zwielicht trat, zögerte er kurz.»Ich war in deinem Hause… Fühl dich nicht länger an deine Einladung gebunden, Anton.«

Alles war völlig korrekt.

Nachdem sie gegangen waren, setzte ich mich auf eine Bank, neben eine alte Frau, die sich im zarten Sonnenschein wärmte. Bei einer Zigarette versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen. Die Frau sah mich an.

»Nette Leute, nicht wahr, Arkaschenka?«, tat sie ihre Meinung kund.

Nie konnte sie sich meinen Namen merken. Sie hatte noch höchstens zwei, drei Monate zu leben, das erkannte ich jetzt ganz deutlich.

»Nicht ganz…«, sagte ich. Drei Zigaretten später trottete ich nach Hause. Vor der Tür blieb ich kurz stehen, um zu sehen, wie der graue Weg, der»Vampirpfad«, erlosch. Erst am selben Tage hatte ich gelernt, ihn zu sehen…

Bis zum Abend trödelte ich herum. Blätterte in meinen Aufzeichnungen, wofür ich ins Zwielicht eintreten musste. In der normalen Welt waren diese dicken Hefte jungfräulich weiß. Zu gern hätte ich meinen Gruppenbetreuer angerufen - oder den Chef, denn der hatte mich unter seine Fittiche genommen. Doch ich ahnte, dass ich diese Entscheidung allein treffen musste.

Am Abend hielt ich es nicht mehr aus. Ich ging einen Stock höher und klingelte. Kostja öffnete. Er zuckte zusammen. In der Realität wirkt er - wie seine gesamte Familie - völlig durchschnittlich…

»Ruf deine Eltern«, bat ich.

»Wozu?«, brummte er.

»Ich möchte euch zum Tee einladen.«

Gennadi tauchte hinter seinem Sohn auf, tauchte aus dem Nichts auf, denn er war weit fähiger als ich, der frisch gebackene Adept des Lichts.

»Bist du dir sicher, Anton?«, fragte er zweifelnd.»Das ist keineswegs nötig. Alles ist völlig in Ordnung so.«

»Ich bin mir sicher.«

Er schwieg. Dann zuckte er mit den Schultern.»Wir kommen morgen. Wenn du uns denn einlädst. Überstürze nichts!«

Gegen Mitternacht war ich wahnsinnig froh, dass sie abgelehnt hatten. Gegen drei Uhr nachts versuchte ich einzuschlafen, beruhigt von dem Wissen, dass sie nicht in mein Haus kommen konnten. Niemals.

Am Morgen - ich hatte kein Auge zugetan - stand ich am Fenster und schaute auf die Stadt. Es gibt nur wenig Vampire. Sehr wenig. Im Umkreis von zwei, drei Kilometern keinen weiteren.

Was heißt das - ausgestoßen zu sein? Bestraft nicht für ein Verbrechen, sondern für die theoretische Möglichkeit, eins zu begehen? Und wie soll so einer leben - nun, nicht leben, man bräuchte hier ein anderes Wort -, Tür an Tür mit seinem Aufpasser?

Nach dem Unterricht kaufte ich auf dem Heimweg eine kleine Torte zum Tee.

Und jetzt saß Kostja, ein netter und kluger Kerl, der an der Moskauer Staatlichen Universität Physik studierte

und der das Unglück hatte, als lebender Toter geboren worden zu sein, neben mir und rührte mit dem Teelöffel in der Zuckerdose, als wüsste er nicht, ob er sich welchen nehmen sollte. Woher kam nur diese Verlegenheit?

Am Anfang hatte er fast jeden Tag auf einen Sprung hereingeschaut. Ich war sein direkter Gegenspieler, ich stand auf der Lichten Seite. Doch ich ließ ihn ins Haus, vor mir brauchte er keine Geheimnisse zu haben. Wir konnten einfach miteinander quatschen, ins Zwielicht abtauchen und mit unseren Fähigkeiten angeben.»Anton, ich habe eine Transformation geschafft.«

»Und mir wachsen gerade Eckzähne, rrr!«

Das Seltsamste war jedoch, dass das alles völlig normal war. Lachend beobachtete ich den jungen Vampir, der gerade versuchte, sich in eine Fledermaus zu verwandeln: Das ist eine Aufgabe für einen Vampir der Spitzenklasse, der Kostja nicht war und, so das Licht will, nie sein würde. Manchmal schimpfte ich dann mit ihm:»Kostja… Das darfst du niemals machen. Verstehst du?«Und auch das war völlig normal.

»Kostja, ich habe nur meine Arbeit gemacht.«

»Quatsch.«

»Sie haben gegen das Gesetz verstoßen. Verstehst du? Nicht unser Gesetz, um das klarzustellen. Nicht nur die Lichten haben das angenommen, sondern alle Anderen. Dieser junge Vampir…«

»Ich kannte ihn«, sagte Kostja überraschend.»Er war ein lustiger Kerl.«

Teufel auch…

»Hat er gelitten?«

»Nein.«Ich schüttelte den Kopf.»Das Siegel vernichtet einen auf der Stelle.«

Kostja zuckte zusammen und schielte kurz auf seine Brust. Wenn man ins Zwielicht übertritt, sieht man das Siegel auch durch die Kleidung hindurch, außerhalb aber überhaupt nicht. Anscheinend war er nicht übergewechselt. Aber woher sollte ich wissen, wie Vampire ein Siegel spüren.

»Was hätte ich denn tun sollen?«, fragte ich.»Er hat gemordet. Unschuldige Menschen ermordet. Die sich absolut nicht gegen ihn verteidigen konnten. Eine junge Frau hat er initiiert - auf grobe, gewaltsame Weise, denn sie wollte kein Vampir werden. Gestern Abend hätten sie beinah einen Jungen umgebracht. Einfach so. Nicht, weil sie Hunger hatten.«

»Weißt du überhaupt, wie es ist, wenn wir Hunger haben?«, fragte Kostja und verstummte dann.

Er reifte heran. Hier, vor meinen Augen…

»Ja. Denn gestern… bin ich fast zum Vampir geworden.«

Einen Augenblick lang nichts als Schweigen.

»Ich weiß. Ich habe das gespürt… gehofft.«

Hölle und Teufel! Ich war auf der Jagd. Und wurde gejagt. Genauer gesagt, sie haben in einem Hinterhalt auf mich gelauert, in der Erwartung, dass der Jäger zur Beute wird.

»Nein«, sagte ich.»Das nun wirklich nicht.«

»Zugegeben, er war schuldig«, räumte Kostja freiheraus ein.»Aber warum musste er sterben? Er hätte vor Gericht gehört. Das Tribunal, ein Anwalt, eine Anklage - das wäre anständig gewesen.«

»Und es wäre auch anständig gewesen, die Menschen aus unseren Angelegenheiten herauszuhalten!«, brüllte ich. Und zum ersten Mal reagierte Kostja nicht auf diesen Ton.

»Du warst zu lange ein Mensch!«

»Was ich nicht im Geringsten bereue!«

»Warum hast du ihn umgebracht?«

»Sonst hätte er mich umgebracht!«

»Er hätte dich initiiert!«

»Noch schlimmer!«

Kostja verstummte. Schob die Tasse weg und stand auf. Ein völlig durchschnittlicher, kecker, dabei aber krankhaft moralischer junger Mann.

Nur eben ein Vampir.

»Ich geh jetzt…«

»Warte.«Ich ging zum Kühlschrank.»Nimm das, ich hab’s bekommen, hab’s aber nicht gebraucht.«

Zwischen den Wasserflaschen der Marke Borshomi zog ich ein paar Fläschchen mit je zweihundert Gramm Spenderblut hervor.

»Nicht nötig.«

»Kostja, mir ist doch klar, dass genau das euer ewiges Problem ist. Ich brauch es nicht. Nimm es.«

»Willst du mich kaufen?«

Langsam kochte Wut in mir hoch.»Wozu sollte ich denn?! Es wäre bescheuert, es wegzukippen, das ist alles! Das ist Blut. Menschen haben es gespendet, um jemandem zu helfen!!«

Plötzlich musste Kostja grinsen. Er streckte die Hand aus, nahm ein Fläschchen, entkorkte es und zog die

Blechkappe geschickt und ohne Schwierigkeiten ab. Dann setzte er die Flasche an die Lippen. Grinste noch einmal und nahm einen Schluck.

Noch nie hatte ich gesehen, wie sie trinken. Ehrlich gesagt, habe ich mich auch nicht darum gerissen.

»Hör auf!«, sagte ich.»Lass diesen Blödsinn!«

Kostjas Lippen waren voller Blut, ein dünnes Rinnsal lief ihm über die Wange. Das heißt, es floss nicht einfach nur, sondern wurde von der Haut aufgesogen.

»Ist es dir unangenehm zu sehen, wie wir trinken?«

»Ja.«

»Heißt das, dass auch ich dir unangenehm bin? Oder wir alle?«

Ich schüttelte den Kopf. Um diese Frage hatten wir immer einen Bogen gemacht. Das war bequemer.

»Kostja… du brauchst Blut, um zu leben. Und manchmal muss es eben Menschenblut sein.«

»Wir leben gar nicht.«

»Ich meine das in einem allgemeineren Sinne. Damit ihr euch bewegen könnt, damit ihr denken, sprechen, träumen könnt…«

»Was gehen dich die Träume von Vampiren an?«

»Hör mal, mein Junge, auf der Welt leben etliche Menschen, die ständig auf Bluttransfusionen angewiesen sind. Es sind nicht weniger als ihr. Dazu noch Notfälle. Deshalb gibt es die Blutspende, deshalb ist sie anerkannt und gefördert… Du brauchst nicht darüber zu lachen. Ich weiß, was ihr für die Entwicklung der Medizin geleistet habt, wie unermüdlich ihr zu Blutspenden aufgerufen habt. Kostja, wenn irgendjemand auf fremdes Blut angewiesen ist, um leben… um existieren zu können, dann ist das kein Unglück. Und wohin es kommt, ob in die Adern oder in den Magen, ist ebenfalls zweitrangig. Die Frage ist nur, wie du es bekommst.«

»Das sind schöne Worte«, schnaubte Kostja. Ich hatte den Eindruck, er tauchte kurz ins Zwielicht ein, um gleich darauf wieder in die Realität zurückzukehren. Er wuchs, der Junge wuchs. Und gewann an echter Kraft.»Gestern hast du dein wahres Gesicht gezeigt, was uns angeht.«

»Das stimmt nicht…«

»Hör doch auf…«Er stellte das Fläschchen wieder hin, dachte kurz nach und hielt es dann über das Spülbecken.»Wir können auf deine…«

In meinem Rücken erklang ein Schrei. Ich drehte mich um: Die Eule, die ich erfolgreich vergessen hatte, hatte Kostja den Kopf zugedreht und die Flügel ausgebreitet.

Nie zuvor hatte ich einen derartigen Ausdruck in seinem Gesicht gesehen.

»Aber…«, sagte er.»Aber…«

Die Eule legte die Flügel an und schloss bis auf einen Spalt die Augen.

»Olga, wir führen hier ein ernstes Gespräch!«, brüllte ich.»Lass uns noch eine Minute…«

Der Vogel reagierte nicht. Kostja ließ den Blick von mir zur Eule und wieder zurück wandern. Dann setzte er sich hin und faltete die Hände im Schoß.

»Was hast du?«, fragte ich.

»Darf ich gehen?«

Er war nicht einfach erstaunt oder erschrocken, er

war zutiefst schockiert.

»Geh nur. Aber nimm die…«

Hektisch raffte Kostja die Flaschen zusammen und stopfte sie sich in die Taschen.

»Nimm dir eine Tüte, du Blödmann! Nachher begegnet dir noch jemand im Aufgang!«

Gehorsam legte der Vampir die Flaschen in eine Tüte mit der Aufschrift»Für die Erneuerung der russischen Kultur!«. Mit einem Seitenblick auf die Eule ging er in die Diele, wo er sich eilig die Schuhe anzog.

»Komm mal wieder vorbei«, sagte ich.»Ich bin kein Feind. Solange du die Grenze nicht überschreitest, bin ich nicht dein Feind.«

Er nickte und stürmte aus der Wohnung hinaus. Schulterzuckend schloss ich die Tür. Dann kehrte ich in die Küche zurück. Ich sah die Eule an.

»Also? Was war das?«

Die bernsteingelben Augen verrieten nichts. Ich schlug die Hände zusammen.»Kannst du mir mal verraten, wie wir so arbeiten sollen? Zusammenarbeiten? Hast du irgendeine Möglichkeit, mit mir zu kommunizieren? Ich öffne mich! Ein direktes Gespräch!«

Ich trat nicht vollständig ins Zwielicht ein, sondern schickte nur meine Gedanken dorthin. Man sollte einem Unbekannten nicht derart vertrauen, auch wenn der Chef mir wahrscheinlich keine unzuverlässige Partnerin gegeben hätte.

Doch nichts. Falls Olga die Möglichkeit hatte, sich telepathisch mit mir zu verständigen, machte sie davon zumindest keinen Gebrauch.

»Was sollen wir jetzt tun? Wir müssen diese Frau finden. Kannst du ihr Bild aufnehmen?«

Keine Antwort. Ich seufzte auf und warf dem Vogel auf gut Glück ein Stück meiner Erinnerung zu.

Die Eule breitete die Flügel aus und kam mir auf die Schulter geflogen.

»Was heißt das? Hast du das verstanden? Und lässt dich nur nicht zu einer Antwort herab? Gut, wie du meinst. Was soll ich jetzt machen?«

Die Eule schwieg sich immer noch aus.

Was ich tun musste, wusste ich allerdings sowieso. Dass es dabei nicht die geringste Aussicht auf Erfolg gab, stand auf einem anderen Blatt.

»Und wie soll ich mit dir auf der Schulter durch die Straßen marschieren?«

Ein amüsierter, ein ganz entschieden amüsierter Blick traf mich. Und dann verschwand der Vogel auf meiner Schulter ins Zwielicht.

Auch eine Antwort. Ein unsichtbarer Beobachter. Und nicht nur ein Beobachter - Kostjas Reaktion auf die Eule sprach Bände. Offenbar hatte man mir eine Partnerin gegeben, die die Kräfte des Dunkels weitaus besser kannte als die einfachen Diener des Lichts.

»Schon überzeugt«, sagte ich aufgeräumt.»Aber erst essen wir noch was, ja?«

Ich nahm mir einen Joghurt und goss mir ein Glas Orangensaft ein. Von dem, womit ich mich in der letzten Woche ernährt hatte - halb rohe Beefsteaks und Fleischsaft, der sich kaum von Blut unterschied -, wurde mir schon übel.

»Du hättest wahrscheinlich gern ein Häppchen Fleisch?«

Die Eule drehte sich weg.

»Wie du willst«, sagte ich.»Ich wette, dass du, sobald du was zu futtern willst, eine Möglichkeit findest, dich mit mir zu verständigen.«

Drei

Ich liebe es, im Zwielicht durch die Stadt zu streunen. Dabei wirst du nicht unsichtbar, denn sonst würde man dich permanent anrempeln. Die Leute gucken einfach durch dich hindurch, ohne dich zu bemerken. Doch jetzt musste ich offen arbeiten.

Der Tag ist nicht unsere Zeit. So abstrus das auch klingt, doch die Gefolgsleute des Lichts arbeiten nachts, wenn die Dunklen aktiv werden. Tagsüber bringen die Dunklen dagegen kaum etwas zustande. Vampire, Tiermenschen, die Dunklen Magier müssen am Tage das Leben ganz normaler Menschen führen.

Die meisten zumindest.

Jetzt streifte ich in der Nähe der Metrostation Tulskaja herum. Ich hatte den Rat des Chefs befolgt und zunächst die Haltestellen der Ringlinie abgearbeitet, an denen die junge Frau mit dem schwarzen Höllenstrudel ausgestiegen sein konnte. Sie musste eine Spur hinterlassen haben, die zwar schwach, aber trotzdem noch zu erkennen sein dürfte. Nun beschloss ich, mir die Nord-Süd-Strecken vorzunehmen.

Eine idiotische Station, ein idiotisches Viertel. Zwei Ausgänge, die reichlich weit voneinander entfernt liegen. Ein Markt, der pompöse Wolkenkratzer der Steuerpolizei, ein riesiges Wohnhaus. Überall gab es derart viele Dunkle Emanationen, dass die Spur des schwarzen Strudels nicht ohne weiteres zu finden sein würde.

Vor allem, wenn sie gar nicht hier aufgetaucht war.

Ich lief alles ab, um die Aura der Frau zu erschnüffeln, spähte ab und an durchs Zwielicht auf die unsichtbare Eule, die es sich auf meiner Schulter bequem gemacht hatte. Sie döste vor sich hin. Auch sie spürte nichts, und aus irgendeinem Grund war ich überzeugt davon, dass ihre Fähigkeiten bei dieser Suche die meinen übertrafen.

Einmal kontrollierten Milizionäre meine Papiere. Zweimal belästigten mich ein paar verrückte Jugendliche, die mir völlig umsonst, für lächerliche fünfzig Bucks, einen chinesischen Föhn, Kinderspielzeug und ein billiges Handy aus Korea schenken wollten.

Irgendwann riss mir der Geduldsfaden. Ich verscheuchte den nächsten aufdringlichen Händler und nahm eine Remoralisation an ihm vor. Eine leichte, hart an der Grenze des Erlaubten. Vielleicht würde der Kerl sich danach eine andere Arbeit suchen. Vielleicht auch nicht…

Genau in dem Moment packte mich jemand an den Ellbogen. Gerade eben noch war absolut niemand in meiner Nähe gewesen - jetzt hatte sich hinter mir ein Pärchen aufgebaut. Eine sympathische junge Frau mit rotem Haar und ein kräftiger Typ mit finsterer Miene.

»Ganz ruhig«, sagte die Frau. Von den beiden hatte sie das Sagen, das erfasste ich sofort.»Tagwache.«

Beim Licht und beim Dunkel!

Schulterzuckend sah ich sie an.

»Name«, verlangte die Frau zu wissen.

Es hätte keinen Sinn gehabt zu lügen, denn meine Aura hatten die beiden schon längst aufgenommen, sodass meine Identifizierung nur eine Frage der Zeit gewesen wäre.

»Anton Gorodezki.«

Sie warteten.

»Anderer«, gab ich zu.»Mitarbeiter der Nachtwache.«

Sie gaben meine Ellbogen frei. Und traten sogar einen Schritt zurück. Betreten sahen sie jedoch nicht aus.

»Gehen wir ins Zwielicht«, befahl der Mann.

Anscheinend waren sie keine Vampire. Immerhin etwas. Das ließ auf eine gewisse Objektivität hoffen. Ich seufzte und wechselte von einer Realität in die andere.

Die erste Überraschung bestand darin, dass das Pärchen tatsächlich jung war. Die Hexe musste fünfundzwanzig Jahre alt sein, der Hexer dreißig, genau wie ich. Im Notfall würde ich mich vermutlich sogar an ihre Namen erinnern, denn Ende der Siebziger waren nur wenig Hexen und Hexer geboren worden.

Die zweite Überraschung bestand darin, dass die Eule nicht mehr auf meiner Schulter saß. Genauer gesagt, sie saß schon da. Ich spürte ihre Krallen und konnte sie sehen, allerdings nur, wenn ich mich anstrengte. Offenbar hatte der Vogel zusammen mit mir die Realität gewechselt und war in eine tiefere Schicht des Zwielichts eingedrungen.

Das wurde ja immer interessanter!

»Tagwache«, wiederholte die Frau.»Alissa Donnikowa, Andere.«

»Pjotr Nesterow, Anderer«, brummte der Mann.

»Haben Sie irgendwelche Probleme?«

Die Frau durchbohrte mich mit einem»Hexenblick«, wie er im Buche steht. Von Sekunde zu Sekunde gab sie sich freundlicher, betörender. Gegen diese direkte

Form der Beeinflussung bin ich natürlich gewappnet, mich zu bezirzen ist unmöglich, doch ihr Auftreten bestach durchaus.

»Die Probleme haben nicht wir. Anton Gorodezki, Sie haben einen nicht sanktionierten Kontakt mit einem Menschen aufgenommen.«

»Ja? Und was für einen?«

»Eine Intervention siebten Grades«, gab sie nur ungern zu.»Geringfügig, aber unbestreitbar. Noch dazu haben Sie ihn zum Licht gedrängt.«

»Wollen wir ein Protokoll aufsetzen?«Mit einem Mal erheiterte mich die Situation. Siebten Grades - das ist nicht der Rede wert. Das ist eine Handlung an der Grenze zwischen Magie und einer gewöhnlichen Unterredung.

»Ganz genau.«

»Und was sollen wir schreiben? Der Mitarbeiter der Nachtwache hat in einem Menschen in geringem Maße eine Abneigung gegen Betrug geschürt?«

»Und damit das festgelegte Gleichgewicht gestört«, präzisierte der Hexer.

»Ach ja? Und welchen Schaden nimmt das Dunkel dabei? Wenn der Händler plötzlich mit diesen kleinen Gaunereien aufhört, hat er es zwangsläufig schwerer im Leben. Er wird anständiger, aber unglücklicher. Entsprechend den Kommentaren zum Abkommen über das Gleichgewicht der Kräfte gilt das nicht als Störung des Gleichgewichts.«

»Spitzfindigkeiten«, warf die Hexe ein.»Sie sind Mitarbeiter der Wache. Was man einem gewöhnlichen Anderen nachsehen kann, ist in Ihrem Fall rechtswidrig.«

Sie hatte Recht. Ein kleiner Verstoß, aber trotzdem…

»Er hat mich gestört. Im Zuge einer Ermittlung habe ich das Recht auf magische Intervention.«

»Sind Sie denn im Dienst, Anton?«

»Ja.«

»Und warum am Tag?«

»Ich habe eine Spezialaufgabe. Sie können sich das von der Leitung bestätigen lassen. Genauer, Ihre Leitung kann sich das bestätigen lassen.«

Die Hexe und der Hexer sahen sich an. Auch wenn unsere Ziele und unsere Moral völlig entgegengesetzt waren, arbeiteten unsere Büros doch zusammen.

Und ehrlich gesagt, keiner von uns zog gern die Leitung hinzu.

»Gut«, stimmte die Hexe zögernd zu.»Anton, wir können es bei einer mündlichen Rüge belassen.«

Ich schaute mich um. Um mich herum, im grauen Dunst, bewegten sich wie in Zeitlupe Menschen.

Normale Menschen, die nicht aus ihrer kleinen Welt herauszukommen vermochten. Wir sind die Anderen, und selbst wenn ich auf der Seite des Lichts stehe und meine beiden Gesprächspartner auf der des Dunkels, verbindet mich mit ihnen weit mehr als mit jedem x-beliebigen einfachen Menschen.

»Zu welchen Bedingungen?«

Mit dem Dunkel darf man sich auf nichts einlassen. Darf keine Kompromisse mit ihm aushandeln. Noch gefährlicher ist es allerdings, Geschenke von ihm anzunehmen. Doch Regeln werden gemacht, um gebrochen zu werden.

»Keine.«

Wer’s glaubt, wird selig!

Ich sah Alissa an und versuchte herauszubekommen, was für ein Spiel sie spielte. Pjotr konnte das Verhalten seiner Partnerin ganz offensichtlich nicht fassen, er kochte vor Wut, denn er hätte den Adepten des Lichts nur zu gern eines Verbrechens überführt. Ihn brauchte ich bei meinen Überlegungen also nicht einzubeziehen.

In welche Falle sollte ich laufen?

»Das kann ich nicht annehmen«, sagte ich, froh, nicht auf ihren Trick hereingefallen zu sein.»Alissa, vielen Dank für das Angebot, die Sache friedlich beizulegen. Ich nehme es an, verspreche aber, Ihnen in einer vergleichbaren Situation eine geringfügige magische Intervention bis zur siebten Stufe inklusive nachzusehen.«

»Gut, Anderer«, stimmte Alissa bereitwillig zu. Sie streckte die Hand aus, die ich unwillkürlich ergriff.»Damit wäre unser persönliches Abkommen besiegelt.«

Die Eule auf meiner Schulter schlug mit den Flügeln. Direkt an meinem Ohr gellte ein wütendes Krächzen. Im nächsten Augenblick materialisierte sich der Vogel in der Zwielicht-Welt.

Alissa trat einen Schritt zurück, ihre Pupillen verengten sich im Nu zu vertikalen Schlitzen. Der Hexer ging sofort in Abwehrposition.

»Das Abkommen ist besiegelt!«, wiederholte die Hexe finster.

Was ging hier vor?

Zu spät begriff ich, dass ich dieses Abkommen nicht in Olgas Anwesenheit hätte schließen sollen. Andererseits - was sollte so schlimm daran sein? Als ob ich es

nicht schon selbst erlebt hätte, wie Allianzen gebildet und Kompromisse ausgehandelt wurden, ganz zu schweigen davon, dass mit den Dunklen auch andere Angehörige der Wache zusammenarbeiten, nicht zuletzt der Chef höchstselbst! Gewiss, immer ungern! Doch es muss sein!

Unser Ziel besteht nicht darin, die Dunklen zu vernichten. Unser Ziel besteht darin, das Gleichgewicht zu wahren. Die Dunklen werden erst dann verschwinden, wenn die Menschen das Böse in sich bezwungen haben. Oder wir werden verschwinden, wenn den Menschen das Dunkel mehr zusagt als das Licht.

»Das Abkommen ist angenommen«, sagte ich wütend zu der Eule.»Find dich damit ab. Es ist nur eine Kleinigkeit. Das gehört zur normalen Zusammenarbeit.«

Alissa lächelte und verabschiedete sich mit einem Winken von mir. Sie nahm den Hexer beim Ellbogen, und beide wichen zurück. Ein kurzer Augenblick, ein weiterer, und die zwei traten aus dem Zwielicht hinaus, um die Straße hinunterzuschlendern. Ein ganz gewöhnliches Pärchen.

»Was zappelst du denn so?«, fragte ich.»Was willst du? Die operative Arbeit besteht immer aus Kompromissen!«

»Du hast einen Fehler gemacht.«

Olgas Stimme klang seltsam und passte überhaupt nicht zu ihrem Äußeren. Eine weiche, samtene, singende Stimme. Katzenmenschen sprechen so, aber nicht Vögel.

»Oho, du kannst also doch sprechen?«

»Ja.«

»Und warum hast du bisher geschwiegen?«

»Bisher war ja alles in Ordnung.«

Als ich diesen alten Witz hörte, musste ich schmunzeln.

»Ich gehe jetzt aus dem Zwielicht heraus, ja? Derweil kannst du mir erklären, welchen Fehler ich gemacht habe. Kleinere Kompromisse mit den Dunklen lassen sich in unserer Arbeit nicht vermeiden.«

»Du hast nicht die Qualifikation, die es dir gestatten würde, Kompromisse einzugehen.«

Die Welt um mich herum gewann ihre Farben zurück. Der Prozess lässt sich gut mit einem Einstellungswechsel bei einer Videokamera vergleichen, wenn man von»Sepiabraun«oder»Alter Schwarzweißfilm«zur normalen Farbaufnahme umschaltet. Dieser Vergleich ist irgendwie sehr treffend: Das Zwielicht ist wirklich ein alter Film. Ein sehr alter, den die Menschheit glücklich vergessen hat. Was ihr das Leben leichter macht.

Während ich zur der Metro ging, zischte ich meine unsichtbare Gesprächspartnerin an:»Was hat meine Qualifikation damit zu tun?«

»Ein hochrangiger Wächter kann die Folgen eines Kompromisses absehen. Ist das wirklich ein kleiner Handel, der beiden Seiten nützt und wo keine Seite den Kürzeren zieht, oder ist es ein Kuhhandel, bei dem du mehr verlierst als gewinnst?«

»Ich glaube nicht, dass man mit einer Intervention siebten Grades etwas Schlimmes anrichten kann.«

Ein neben mir hergehender Mann starrte mich irritiert an. Ich wollte ihm schon sagen, dass ich»ein ruhiger und harmloser Irrer«sei. Ein äußerst probates Mittel gegen unerwünschte Neugier. Doch der Mann legte bereits einen Zahn zu - offensichtlich war er von sich aus zum gleichen Schluss gekommen.

»Anton, du kannst die Folgen nicht absehen. Du hast in einer belanglosen, unangenehmen Situation überreagiert. Dein bisschen Magie hat dazu geführt, dass sich die Dunklen eingemischt haben. Daraufhin bist du einen Kompromiss mit ihnen eingegangen. Am bedauerlichsten dabei ist, dass überhaupt keine Notwendigkeit zur magischen Intervention bestanden hat.«

»Schon gut, ich seh’s ja ein. Und was machen wir jetzt?«

Die Stimme des Vogels wurde kräftiger, gewann an Klangfarbe.

Wahrscheinlich hatte sie sehr lange kein Wort gesagt.

»Jetzt - nichts weiter. Hoffen wir das Beste.«

»Wirst du dem Chef von dem Vorfall berichten?«

»Nein. Noch nicht. Schließlich sind wir Partner.«

Mir wurde warm ums Herz. Fehler hin, Fehler her, aber die unerwartete Verbesserung der Beziehung zu meiner Partnerin war mir das wert.

»Danke. Was schlägst du vor?«

»Du machst alles richtig. Such die Spur!«

Ein etwas originellerer Rat wäre mir lieber gewesen…

»Fahren wir.«

Mittags um zwei Uhr hatte ich nach der Ringlinie auch die gesamte graue Linie abgegrast. Mag ja sein, dass ich ein hundsmiserabler Fahnder bin, aber die gestrige Spur, die ich noch dazu selbst aufgenommen hatte, wäre nicht einmal mir entgangen. Die Frau, über der dieser schwarze Höllenwirbel kreiste, war nirgends auf dieser Strecke ausgestiegen. Offensichtlich musste ich noch einmal an dem Ort anfangen, wo wir uns begegnet waren.

An der Kurskaja verließ ich die Metro und kaufte an einem Stand eine Plastikschale Salat und einen Becher Kaffee. Beim Anblick der Hamburger und Würstchen wurde mir schlecht, auch wenn der Fleischanteil in ihnen nur symbolisch war.

»Willst du auch etwas?«, fragte ich meine unsichtbare Begleiterin.

»Nein. Danke.«

Während feine Schneeflocken auf uns niedersegelten, stocherte ich mit einer winzigen Gabel im Kartoffelsalat herum und nippte am heißen Kaffee. Ein Penner, der offensichtlich darauf gehofft hatte, dass ich Bier kaufen und ihm die leere Flasche überlassen würde, schlurfte davon, um sich in der Metro aufzuwärmen. Ansonsten kümmerte sich niemand um mich. Die junge Verkäuferin bediente ein paar ausgehungerte Kunden, in gesichtsloser Masse strömten die Menschen aus dem Bahnhof heraus und in ihn hinein. Der Verkäufer an einem Bücherstand versuchte lustlos, ohne jede Begeisterung, einem Käufer irgendein Buch aufzuschwatzen. Der Kunde konnte sich nicht entscheiden.

»Wahrscheinlich hab ich einfach eine Stinklaune…«, brummte ich.

»Warum das?«

»Ich sehe alles in einem trüben Licht. Alle Leute sind Schweine und Idioten, der Salat ist gefroren, meine Schuhe völlig durchgeweicht.«

Der Vogel auf meiner Schulter stieß ein amüsiertes Krächzen aus.»Nein, Anton, das liegt nicht an deiner Laune. Du spürst, wie das Inferno näher kommt.«

»Ich war nie besonders sensibel.«

»Eben.«

Ich sah zum Bahnhof hinüber. Versuchte, in den Gesichtern zu lesen. Einige von ihnen spürten es ebenfalls. Die Leute, die an der Grenze zwischen Mensch und Anderer standen, wirkten angespannt, bedrückt. Den Grund dafür konnten sie nicht erfassen, und doch versuchten sie nach außen hin, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

»Beim Dunkel und beim Licht… Was steht uns bevor, Olga?«

»Alles Mögliche. Du hast den Ausbruch aufgeschoben, doch dafür werden die Folgen einfach katastrophal sein, wenn der Strudel zuschlägt. Der Verzögerungseffekt.«

»Davon hat mir der Chef nichts gesagt.«

»Warum auch? Du hast alles richtig gemacht. Jetzt haben wir zumindest eine Chance.«

»Olga, wie alt bist du?«, fragte ich. Würde man einem Menschen diese Frage stellen, könnte er beleidigt sein. Wir kennen jedoch keine bestimmten Altersgrenzen.

»Alt, Anton. Ich erinnere mich zum Beispiel noch an den Aufstand.«

»Die Revolution?«

»Den Aufstand auf dem Senatsplatz.«Die Eule stieß ein kurzes Lachen aus. Ich schwieg. Womöglich war Olga sogar noch älter als der Chef.

»Welchen Rang hast du, Partnerin?«

»Keinen. Mir wurden alle Rechte aberkannt.«

»Tut mir Leid.«

»Schon gut. Ich habe mich seit langem damit abgefunden.«

Ihre Stimme klang heiter, ja vergnügt. Trotzdem sagte mir irgendetwas: Olga hatte sich keinesfalls damit abgefunden.

»Falls es nicht zu aufdringlich ist… Warum haben sie dich in diesen Körper gesperrt?«

»Es gab keine andere Möglichkeit. Im Körper eines Wolfes zu leben ist viel schwieriger.«

»Moment mal…«Ich warf den restlichen Salat in einen Mülleimer. Als ich auf meine Schulter blickte, konnte ich die Eule natürlich nicht sehen - dafür hätte ich ins Zwielicht eintreten müssen.»Wer bist du? Wenn du ein Tiermensch bist, warum gehörst du dann zu uns? Wenn du eine Magierin bist, warum hast du dann eine derart seltsame Strafe bekommen?«

»Das tut nichts zur Sache, Anton.«Einen Augenblick lang war ihre Stimme schneidend wie scharfer Stahl.»Aber alles hat damit angefangen, dass ich mich auf einen Kompromiss mit den Dunklen eingelassen habe. Einen klitzekleinen Kompromiss. Ich hatte geglaubt, die Folgen einschätzen zu können, doch da hatte ich mich geirrt.«

So war das also…

»Hast du deshalb angefangen zu sprechen? Wolltest du mich warnen, hast aber den Zeitpunkt verpasst?«

Schweigen.

Als ob Olga ihre Offenheit schon bereute.

»Machen wir uns wieder an die Arbeit…«, sagte ich. In dem Moment piepte das Handy in meiner Tasche.

Es war Larissa. Warum musste sie zwei Schichten hintereinander übernehmen?

»Anton, pass auf… Wir haben die Spur von dem Mädel aufgenommen. Metrostation Perowo.«

»Mist«, sagte ich bloß. In diesen Schlafbezirken zu arbeiten, ist die reinste Qual.

»Stimmt«, bekräftigte Larissa. Als Fahnderin taugt sie nichts - wahrscheinlich macht sie deshalb Telefondienst. Dennoch ist sie eine kluge Frau.»Anton, sieh zu, dass du nach Perowo kommst. Alle unsere Leute ziehen sich da zusammen, um ihre Verfolgung aufzunehmen. Und noch was… Da schwirrt auch die Tagwache rum.«

»Alles klar.«Ich steckte das Handy wieder weg.

Mir war überhaupt nichts klar. Wussten die Dunklen etwa bereits über alles Bescheid? Und waren sie darauf aus, das Inferno losbrechen zu lassen? Und hatten mich gar nicht zufällig aufgehalten…

Quatsch. Eine Katastrophe in Moskau liegt überhaupt nicht im Interesse des Dunkels. Sicher, sie würden auch nichts unternehmen, um den Strudel aufzuhalten - das widerspräche ihrer Natur.

In die Metro ging ich dann doch nicht. Ich hielt ein Auto an, damit würde ich Zeit gewinnen, zumindest ein bisschen. Ich setzte mich neben den Fahrer, einen dunkelhäutigen Intelligenzler von etwa vierzig Jahren mit Adlernase. Der Wagen war neu, und auch der Fahrer machte den Eindruck eines höchst erfolgreichen Mannes. Insofern war es schon merkwürdig, dass er sich auf diese Weise etwas zuverdiente.

Perowo. Ein riesiges Viertel. Voller Menschen. Licht und Dunkel in einem unentwirrbaren Knäuel. Außerdem gab es da noch ein paar Gebäude, die dunkle und lichte Flecken nach allen Seiten warfen. Dort zu arbeiten hieß, bei Flackerlicht ein Sandkorn auf dem Boden einer überfüllten Diskothek finden zu wollen…

Ich konnte dort nur von geringem Nutzen sein, genauer gesagt - von gar keinem. Doch man hatte mich angewiesen, dorthin zu fahren, also musste ich es tun. Vielleicht wollte man mich bitten, eine Identifizierung vorzunehmen.

»Und ich dachte, wir würden Glück haben«, flüsterte ich und schaute auf die Straße hinaus. Wir fuhren über die Lossiny-Insel, ebenfalls keine sehr angenehme Gegend, da versammeln sich die Dunklen zum Hexensabbat. Und nicht immer werden dabei die Gesetze der normalen Menschen beachtet. An fünf Nächten im Jahr müssen wir alles ertragen. Oder fast alles.

»Hab ich auch gedacht…«, flüsterte Olga.

»Wie soll ich es denn mit den Fahndern aufnehmen?!«Ich schüttelte den Kopf.

Der Fahrer schielte zu mir herüber. Seinen Preis hatte ich ohne zu feilschen akzeptiert, und die Strecke hatte ihm offenbar auch gepasst. Aber ein Mensch, der mit sich selbst redet, ist halt niemandem ganz geheuer.

»Ich hab da eine Sache vermasselt…«, teilte ich dem Fahrer mit einem Seufzer mit.»Besser gesagt, ich habe es nicht ordentlich gemacht. Hab gedacht, ich könnte heute mal so richtig auftrumpfen, aber die kommen bestens ohne mich zurecht.«

»Hast du es deshalb jetzt auch so eilig?«, wollte der

Fahrer wissen. Er sah nicht sehr gesprächig aus, doch meine Worte hatten seine Neugier geweckt.

»Sie haben mich hinbeordert«, sagte ich.

Für wen er mich wohl hielt?

»Und was machst du?«

»Ich bin Programmierer«, antwortete ich. Eine ehrliche Antwort, nebenbei gesagt.

»Klasse«, sagte der Fahrer und schnalzte anerkennend. Was sollte daran klasse sein?»Kann man davon leben?«

Die Frage hätte er sich sparen können, schon allein deshalb, weil ich ja nicht mit der Metro fuhr. Trotzdem antwortete ich:»Durchaus.«

»Ich frage nicht einfach so«, teilte mir der Fahrer unvermittelt mit.»In meiner Firma wird die Stelle des Systemadministrators frei…«

In meiner Firma - natürlich.

»Ich persönlich sehe darin einen Wink des Schicksals. Ich nehme einen Fahrgast mit, und der ist ein Programmierer. Ich glaube, Ihnen bleibt gar keine Wahl.«

Er lachte los, als wolle er seine etwas zu sicher klingenden Worte abmildern.

»Haben Sie schon mal mit Intranet gearbeitet?«

»Ja.«

»Bei mir hängen fünfzig Rechner am Netz. Das muss alles problemlos laufen. Wir zahlen gut.«

Unwillkürlich musste ich schmunzeln. Das war nicht zu verachten. Intranet. Gutes Geld. Und niemand, der von mir verlangt, nachts auf Vampirjagd zu gehen, Blut zu trinken und in vereisten Straßen Spuren zu er-

schnüffeln.

»Soll ich Ihnen meine Visitenkarte geben?«Die eine Hand des Mannes verschwand zielstrebig in der Tasche seines Jacketts.»Überlegen Sie es sich…«

»Nein, vielen Dank. Bei meiner Dienststelle kann man leider nicht kündigen.«

»KGB, oder was?«Der Fahrer runzelte die Stirn.

»Gewichtiger«, antwortete ich.»Weitaus gewichtiger. Aber vergleichbar.«

»Tja…«Der Fahrer verstummte.»Schade. Und ich hatte schon gedacht, das sei ein Zeichen von oben. Glaubst du ans Schicksal?«

Leicht und unbefangen ging er zum Du über. Mir gefiel das.

»Nein.«

»Warum nicht?«, wunderte sich der Fahrer aufrichtig, als habe er es bisher ausschließlich mit Fatalisten zu tun gehabt.

»Es gibt kein Schicksal. Das ist bewiesen.«

»Wer hat das bewiesen?«

»Die Leute bei mir auf der Arbeit.«

Er prustete los.

»Das ist gut. Dann hat das Schicksal also doch nicht gewunken! Wo soll ich dich absetzen?«

Wir hatten bereits den Seljony-Prospekt erreicht.

Angestrengt blickte ich hinaus und drang durch eine Schicht der alltäglichen Realität ins Zwielicht vor. Erkennen konnte ich nichts, dafür reichten meine Fähigkeiten nicht aus. Eher noch spürte ich etwas. In dem grauen Dunst blinkten jede Menge schwacher kleiner

Feuer. Fast das ganze Büro musste sich versammelt haben…

»Dort…«

Jetzt, wo ich mich in der normalen Realität befand, konnte ich meine Kollegen nicht sehen. Ich stapfte durch den grauen Schnee der Stadt zu einer unter hohen Schneewehen begrabenen Grünanlage, die zwischen den Wohnblocks und dem Prospekt lag. Ein paar erfrorene Bäumchen, vereinzelt einige Linien von Fußabdrücken - als ob hier Kinder herumgetobt wären oder jemand im Suff versucht hätte, geradeaus zu gehen.

»Du solltest ihnen zuwinken, sie haben dich schon gesehen«, schlug Olga vor.

Ich dachte kurz darüber nach und befolgte ihren Rat dann. Sollen sie doch ruhig denken, ich könnte ganz hervorragend von einer Realität in die andere spähen.

»Eine Besprechung«, sagte Olga amüsiert.»FünfMinuten-Lage…«

Nachdem ich mich der Ordnung halber noch einmal umgeschaut hatte, beschwor ich das Zwielicht herauf und trat in es hinein.

In der Tat hatte ich das gesamte Büro vor mir. Die ganze Moskauer Abteilung.

In der Mitte stand Boris Ignatjewitsch. Er trug nur leichte Kleidung, einen Anzug und eine kleine Pelzkappe, dazu aber - warum auch immer - einen Schal. Ich stellte mir vor, wie er aus seinem BMW ausgestiegen war, eng umgeben von Bodyguards.

Neben ihm hatten sich die Fahnder aufgebaut. Igor

und Garik, Kampfspezis, wie sie im Buche stehen. Gesichter wie gemeißelt, quadratische Schultern, undurchdringliche stumpfe Mienen. Auf den ersten Blick war klar: Beide hatten acht Schulklassen, eine Berufsschule und eine Ausbildung in einer Sondereinheit hinter sich gebracht. Bei Igor stimmte das haargenau. Garik hatte jedoch außerdem noch an zwei Unis studiert. Bei aller äußeren Ähnlichkeit und einem fast gleichen Auftreten unterschieden sie sich innerlich völlig voneinander. Im Vergleich zu diesen beiden wirkte Ilja wie ein feinsinniger Intelligenzler, doch von einer schmal gerahmten Brille, einer hohen Stirn und dem naiven Blick lassen sich die meisten nur zu leicht täuschen. Ein weiterer Typ wurde von Semjon karikiert: ein gedrungener, grobknochiger Kerl mit schlauem Blick in einer abgetragenen Nylonjacke. Der typische Provinzler, auf Besuch in der Hauptstadt Moskau. Zudem irgendwie ein Relikt aus den Sechzigern, direkt aus der Vorzeigekolchose»Iljitschs Schritte«. Absolute Gegensätze. Dafür einte Ilja und Semjon eine herrliche Bräune und ein verdrossener Gesichtsausdruck. Beide waren mitten aus dem Urlaub auf Sri Lanka abberufen worden und konnten dem Winter in Moskau nun rein gar nichts abgewinnen. Ignat, Danila und Farid waren nicht anwesend, obwohl ich ihre frische Spur spürte. Dafür standen hinter dem Chef Bär und Tigerjunges - die sich offenbar nicht maskiert hatten, aber dennoch auf den ersten Blick nicht zu entdecken waren. Als ich das Pärchen bemerkte, wurde mir ganz anders. Das sind nicht einfach Kampfspezis. Das sind verdammt gute Leute. Die werden nicht wegen jeder Kleinigkeit rangeholt.

Auch vom Innendienst waren viele da.

Alle fünf Leute der analytischen Abteilung. Die gesamte wissenschaftliche Gruppe bis auf Julja, was jedoch insofern nicht weiter erstaunlich war, als sie erst dreizehn Jahre alt ist. Möglicherweise fehlte die Archivgruppe.

»Hallo«, sagte ich.

Hier nickte jemand, da lächelte einer. Trotzdem begriff ich, dass die Leute jetzt ganz andere Sorgen hatten. Boris Ignatjewitsch befahl mir mit einer Geste näher zu treten, um dann die ganz offensichtlich durch mein Auftauchen unterbrochene Rede fortzusetzen.

»… nicht in ihrem Interesse. Na immerhin. Hilfe wird uns nicht gewährt… Auch gut, ganz ausgezeichnet…«

Alles klar. Es ging um die Tagwache.

»Bei der Suche nach der Frau werden uns keine Hindernisse in den Weg gelegt, Danila und Farid haben es fast geschafft. Vermutlich haben wir noch fünf, sechs Minuten… Doch so oder so, das Ultimatum wurde uns gestellt.«

Ich fing einen Blick von Tigerjunges auf. Ihr Lächeln versprach nichts Gutes. Ja, das war sie. Tigerjunges, eine junge Frau, zu der der Spitzname Tigerin einfach nicht passen wollte.

Wenn unsere Leute im Außendienst eins nicht ausstehen können, dann ist es das Wort Ultimatum!

»Der schwarze Magier gehört uns nicht.«Der Chef ließ einen gelangweilten Blick über alle Anwesenden gleiten.»Ist das klar? Wir müssen ihn finden, um den Strudel zu bannen. Aber danach übergeben wir den Magier an die Dunklen.«

»Übergeben?«, hakte Ilja neugierig nach.

Der Chef dachte eine Sekunde nach.

»Eine berechtigte Nachfrage, in der Tat. Wir werden ihn nicht vernichten und den Kontakt zu den Dunklen nicht verhindern. Soweit ich es beurteilen kann, wissen sie ebenfalls nicht, um wen es sich handelt.«

Unwillkürlich setzten die Fahnder eine säuerliche Miene auf. Jeder neue schwarze Magier im Kontrollgebiet bereitet ihnen Kopfschmerzen. Selbst wenn er registriert ist und den Vertrag einhält. Und ein Magier von solcher Kraft…

»Ich würde mir eine andere Entwicklung wünschen«, sagte Tigerjunges sanft.»Boris Ignatjewitsch, im Zuge unserer Arbeit können unabhängig von uns Situationen eintreten…«

»Ich fürchte, solche Situationen dürfen wir nicht zulassen«, schnitt der Chef ihr das Wort ab. Leichthin, ohne Nachdruck, denn er schätzte Tigerjunges aufrichtig. Trotzdem gab die Frau sofort nach.

Mir wäre es nicht anders gegangen.

»Das wäre im Grunde alles…«Der Chef sah mich an.»Gut, dass du da bist, Anton. In deiner Anwesenheit wollte ich allen sagen, dass…«

Unwillkürlich spannte ich mich an.

»Du hast gestern gute Arbeit geleistet. Ja, wirklich, die Suche nach den Vampiren hatte ich eigentlich nur als Test für dich gedacht. Und zwar nicht nur, um zu sehen, wie es mit deinen Fähigkeiten bei der operativen Arbeit steht… Du befindest dich schon seit einiger Zeit in einer vertrackten Lage, Anton. Einen Vampir zu töten fällt dir viel schwerer als jedem anderen von uns.«

»Da irren Sie sich, Chef«, sagte ich.

»Das freut mich. Jedenfalls ist dir die gesamte Nachtwache zu Dank verpflichtet. Du hast einen Vampir ausgeschaltet und die Spur der Vampirin aufgenommen. Eine sehr klare Spur. Nach wie vor fehlt es dir für die Fahndungsarbeit an Erfahrung. Aber Informationen sichern, das kannst du. Auch bei der jungen Frau hast du einen kühlen Kopf bewahrt. Die Situation stellte einen absoluten Sonderfall dar, doch du hast eine sehr humane Entscheidung getroffen… und damit Zeit für uns herausgeschlagen. Und der Abdruck ihrer Aura ist vorzüglich. Wo ich sie suchen muss, war mir danach von Anfang an klar.«

Das haute mich um. Niemand lächelte, schmunzelte oder schaute mich grinsend an. Trotzdem fühlte ich mich verarscht. Die Schnee-Eule, die niemand sah, zuckte auf meiner Schulter zusammen. Ich saugte die Luft des Zwielichts ein, kalte, geschmacksneutrale Unluft.

»Boris Ignatjewitsch, warum wurde ich dann auf die Ringlinie geschickt?«, fragte ich.»Wenn Sie den richtigen Bezirk doch ohnehin schon kannten?«

»Ich hätte mich irren können«, erwiderte der Chef mit leichtem Erstaunen.»Lass es dir noch einmal gesagt sein: Bei einer Fahndung darf man selbst der Meinung einer noch so gewichtigten Obrigkeit nicht blind vertrauen. Selbst ist der Mann, wenn er weiß, dass er allein ist.«

»Aber ich war nicht allein«, sagte ich leise.»Und für meine Partnerin ist diese Aufgabe extrem wichtig, das wissen Sie besser als ich. Wenn Sie uns losschicken, um Viertel zu überprüfen, bei denen eh klar ist, dass da nichts zu finden ist… nehmen Sie ihr die Chance, sich zu rehabilitieren.«

Das Gesicht des Chefs kann völlig ausdruckslos sein, man liest nichts darin, wenn er es nicht will.

Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass ich den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.

»Eure Aufgabe ist noch nicht erledigt«, antwortete er.»Anton, Olga… es bleibt immer noch die Vampirin, die unschädlich gemacht werden muss. Niemand hat das Recht, uns daran zu hindern, denn sie hat gegen den Vertrag verstoßen. Es bleibt der Junge, der sich gegenüber der Magie ganz außergewöhnlich resistent gezeigt hat. Man muss ihn finden und auf die Seite des Lichts ziehen. An die Arbeit.«

»Und die Frau?«

»Ist bereits geortet. Jetzt versuchen unsere Spezialisten den Strudel zu neutralisieren. Wenn das nicht glückt - wovon auszugehen ist -, müssen wir herausbekommen, wer sie mit dem Fluch belegt hat. Ignat, das ist deine Aufgabe!«

Ich drehte mich um - in der Tat, Ignat stand bereits neben uns. Ein groß gewachsener, gut gebauter blonder Schönling mit der Figur Apolls und dem Gesicht eines Kinostars. Er vermochte sich völlig lautlos zu bewegen, was ihn in der normalen Realität jedoch keinesfalls vor unangebrachter Aufmerksamkeit seitens des weiblichen Geschlechts schützte.

Vor absolut unangebrachter Aufmerksamkeit.

»Das ist nicht mein Profil«, beklagte sich Ignat bitter.»Diese Orientierung ist mir nicht sonderlich sympathisch!«

»Mit wem du schläfst, kannst du dir in deiner Freizeit aussuchen«, fuhr der Chef ihn an.»Bei der Arbeit entscheide ich alles für dich. Sogar, wann du aufs Klo gehst.«

Ignat zuckte mit den Achseln. Während er mich mit einem Mitleid heischenden Blick ansah, brummelte er:»Das ist Diskriminierung…«

»Du bist hier nicht in den Staaten«, meinte der Chef, wobei seine Stimme gefährlich freundlich klang.»Ja, das ist Diskriminierung. Den geeignetsten Mitarbeiter einzusetzen, ohne seine persönlichen Neigungen zu berücksichtigen.«

»Vielleicht kann ich die Aufgabe übernehmen?«, fragte Garik kaum hörbar.

Sofort entspannte sich die Atmosphäre. Dass Garik in amourösen Angelegenheiten nie Glück hatte, war ein offenes Geheimnis. Jemand lachte.

»Igor, Garik, ihr beide sucht weiter nach der Vampirin.«Der Chef betonte die Worte so, als habe er Gariks Vorschlag ernsthaft in Erwägung gezogen.»Sie braucht Blut. Sie wurde im letzten Moment aufgehalten, jetzt wird sie vor Hunger und Anspannung verrückt. Wir müssen jeden Moment mit neuen Opfern rechnen! Anton, du machst dich zusammen mit Olga auf die Suche nach dem Jungen.«

Schon verstanden.

Ich kriegte mal wieder die dümmste und läppischste Aufgabe.

Der Stadt drohte ein Inferno, in Moskau irrte eine junge, wilde und hungrige Vampirin herum! Und ich sollte irgendeinen Bengel suchen, der möglicherweise über starke magische Fähigkeiten verfügte!

»Kann ich mit der Ausführung beginnen?«, fragte ich.

»Natürlich.«Der Chef ignorierte die mitschwingende Unbotmäßigkeit.»Ausführen.«

Ich drehte mich um und trat - meinen Protest nicht verhehlend - aus dem Zwielicht heraus. Die Welt zuckte zusammen, gewann Farben und Töne zurück. Jetzt stand ich wie der letzte Idiot mitten in der Grünanlage. Für einen Außenstehenden muss das ziemlich komisch ausgesehen haben. Vom Fehlen von Fußspuren ganz zu schweigen: Ich ragte in einer Schneewehe auf - um mich herum eine jungfräuliche Schneedecke.

So entstehen Mythen. Aufgrund unserer Unvorsichtigkeit, aufgrund unserer zerrütteten Nerven, aufgrund dummer Scherze und demonstrativer Gesten.

»Macht nichts«, sagte ich und stapfte geradenwegs auf den Prospekt zu.

»Danke…«, klang es leise und zart an mein Ohr.

»Wofür, Olga?«

»Dass du an mich gedacht hast.«

»Es ist wirklich wichtig für dich, diese Aufgabe gut zu erledigen?«

»Sehr«, bestätigte der Vogel nach kurzem Schweigen.

»Dann werden wir uns alle Mühe geben.«

Indem ich durch die Schneewehe und über einige Steine sprang - ob es hier einen Gletscher gab oder jemand einen Steingarten hatte anlegen wollen? -, gelangte ich zum Prospekt.

»Hast du Kognak im Haus?«, fragte Olga.

»Kognak, sagst du? Klar.«

»Guten?«

»Schlechten gibt es nicht. Sonst ist es kein Kognak.«

Die Eule schnaubte.»Dann lade eine Dame zu einem Kaffee mit Kognak ein.«

Als ich mir die Eule vorstellte, wie sie aus einer Untertasse Kognak trank, hätte ich beinah losgelacht.

»Mit dem größten Vergnügen. Nehmen wir ein Taxi?«

»Sie scherzen, Bürschchen!«, wartete Olga prompt mit der passenden Replik aus den Zwölf Stühlen auf.

Hört, hört. Wann war sie in den Vogelkörper eingeschlossen worden? Oder hinderte sie das nicht daran, Bücher zu lesen?

»Es gibt da eine Einrichtung, die nennt sich Fernseher«, raunte der Vogel.

Dunkel und Licht! Ich war überzeugt davon, dass meine Gedanken zuverlässig abgeschirmt waren!

»Du kannst vulgäre Telepathie hervorragend durch Lebenserfahrung ersetzen - durch sehr lange Lebenserfahrung«, fuhr Olga verschmitzt fort.»Anton, zu deinen Gedanken habe ich keinen Zugang. Außerdem bist du mein Partner.«

»Ich bin nur…«Ich fuchtelte mit der Hand. Es wäre dumm, das Offensichtliche zu leugnen.»Was ist mit dem Jungen? Oder lassen wir diesen Auftrag sausen. Der ist doch sowieso läppisch…«

»Im Gegenteil!«, erwiderte Olga aufgebracht.»Anton… der Chef hat zugegeben, dass er sich nicht ganz korrekt verhalten hat. Und er hat uns eine Chance gegeben, die wir nutzen sollten. Die Vampirin ist auf den Jungen fixiert, nicht wahr? Er ist so was wie ein unangebissenes Wurstbrot, das ihr aus dem Mund gerissen wurde. Und er hängt an ihrer Leine. Damit ist sie in der Lage, ihn aus jeder Ecke der Stadt zu ihrem Ver-

steck zu locken. Das ist unser Vorteil. Man braucht den Tiger nicht im Dschungel zu suchen, wenn man das Zicklein auf der Weide festbindet.«

»In Moskau gibt es von solchen Zicklein…«

»Der Junge zappelt an der Leine. Die Vampirin hat keine Erfahrung. Mit einem neuen Opfer Kontakt aufzunehmen wäre viel schwieriger, als das alte zu sich zu locken. Glaub mir.«

Ich erschauerte und verdrängte einen idiotischen Verdacht. Mit einem Handzeichen hielt ich ein Auto an.»Ich glaube dir«, sagte ich finster.»Unbesehen und für immer.«

Vier

Die Eule kam aus dem Zwielicht heraus, sobald ich die Wohnung betreten hatte. Sie flatterte auf - kurz spürte ich, wie die Krallen mich pikten - und flog auf den Kühlschrank zu.

»Soll ich dir vielleicht eine Hühnerstange besorgen?«, fragte ich, während ich die Tür schloss.

Zum ersten Mal sah ich, wie Olga sprach. Der Schnabel geriet ins Zucken, und sie brachte die Worte nur mit großer Mühe heraus. Ehrlich gesagt, ist mir immer noch schleierhaft, wie ein Vogel sprechen kann. Noch dazu mit einer derart menschlichen Stimme.

»Nicht nötig, sonst leg ich noch Eier.«

Offenbar sollte das ein Scherz sein.

»Sollte ich dich beleidigt haben, täte es mir Leid«, meinte ich prophylaktisch.»Ich versuche nur, die Stimmung zu lockern.«

»Ich weiß. Zerbrich dir darüber nicht den Kopf.«

Bei der Inspektion meines Kühlschranks entdeckte ich ein paar Sachen, die wir zum Kognak essen konnten: Käse, Wurst, eingelegtes Gemüse… Wie wohl vierzig Jahre alter Kognak zu einer leicht gesalzenen Gurke steht? Wahrscheinlich wären beide etwas befangen. Genau wie Olga und ich.

Ich holte den Käse und die Wurst heraus.»Zitronen habe ich nicht, tut mir Leid.«Mir war völlig klar, wie absurd meine Vorbereitungen waren, aber trotzdem…»Dafür ist der Kognak in Ordnung.«

Die Eule schwieg.

Aus der zur Bar umfunktionierten Schublade des Tischs nahm ich die Flasche Kutusow. »Hast du den schon mal probiert?«

»Unsere Antwort auf Napoléon?«Die Eule lachte.»Nein, den kenn ich nicht.«

Die Absurdität des Ganzen nahm immer mehr zu. Ich spülte zwei Kognakschwenker ab und stellte sie auf den Tisch. Zweifelnd blickte ich auf das weiße Federknäuel herab. Und den krummen kurzen Schnabel.

»Du wirst nicht aus dem Glas trinken können. Vielleicht sollte ich dir eine Untertasse hinstellen?«

»Dreh dich um.«

Ich gehorchte. Hinter meinem Rücken war Flügelschlagen zu vernehmen. Dann ein feines, unangenehmes Zischen, das an eine aufgebrachte Schlange oder an aus einem Ballon entweichendes Gas erinnerte.

»Olga, entschuldige, aber…«Ich wandte mich wieder zurück.

Die Eule war verschwunden. Doch damit hatte ich gerechnet. Ich hatte gehofft, dass es ihr zumindest ab und an gestattet sei, Menschengestalt anzunehmen. Und insgeheim hatte ich mir das Porträt Olgas ausgemalt, einer in einen Vogelkörper eingekerkerten Frau, die sich noch an den Dekabristenaufstand erinnerte. Aus irgendeinem Grund hatte ich sie mir wie die Fürstin Lopuchina vorgestellt, die von einem Ball nach Hause eilt. Nur älter, ernster, mit Augen, in denen Weisheit lag, etwas abgemagert…

Auf dem Hocker saß jedoch eine junge Frau - jung, zumindest was das Äußere anging. Vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt. Mit kurzem Männerhaarschnitt und so schmutzigen Wangen, als sei sie gerade einem Feuer entkommen. Schön und mit feinen aristokratischen Gesichtszügen. Doch dieser Brandgeruch… und der miserable, grauenvolle Haarschnitt…

Die Kleidung gab mir den Rest.

Verdreckte Armeehosen, wie man sie aus den Vierzigern kennt, eine aufgeknöpfte Wattejacke, darunter ein vor Schmutz graues Soldatenhemd. Und nackte Füße.

»Bin ich schön?«, fragte die Frau.

»Trotz allem, ja«, erwiderte ich.»Beim Licht und beim Dunkel - warum siehst du so aus?«

»Das letzte Mal, dass ich Menschengestalt angenommen habe, ist fünfundfünfzig Jahre her.«

»Verstehe«, meinte ich nickend.»Man hat dich während des Kriegs eingesetzt?«

»Man hat mich während aller Kriege eingesetzt.«Olga lächelte sanft.»Während aller großen Kriege. Zu jeder anderen Zeit ist es mir verboten, Menschengestalt anzunehmen.«

»Im Moment haben wir aber keinen Krieg.«

»Dann wird er kommen.«

Diesmal lächelte sie nicht. Ich unterdrückte einen Fluch und machte nur das Zeichen zur Abwehr eines Unglücks.

»Möchtest du duschen?«

»Gern.«

»Frauenkleider habe ich keine… Aber vielleicht tun es auch Jeans und ein Hemd?«

Sie nickte. Erhob sich ungeschickt und auf komische Weise mit den Armen fuchtelnd und schaute verwundert auf ihre nackten Füße. Dann ging sie ins Bad, als

ob sie nicht das erste Mal hier dusche.

Schleunigst schoss ich ins Schlafzimmer. Viel Zeit blieb ihr sicher nicht.

Die Jeans waren alt, dafür aber eine Nummer kleiner als meine aktuelle Größe. Trotzdem würden sie ihr zu groß sein… Ein Hemd? Nein, besser ein leichtes Sweatshirt. Unterwäsche? Hm. Hm, hm und noch mal hm.

»Anton!«

Ich raffte die Sachen zu einem Knäuel zusammen, schnappte mir ein sauberes Handtuch und stürzte wieder zum Zimmer hinaus. Die Badezimmertür war offen.

»Was ist denn das für ein komischer Hahn?«

»Importware, eine Mischbatterie… Wart mal.«

Ich ging ins Bad. Olga stand in der Wanne, mit dem Rücken zu mir, nackt, und bewegte den Hahn gedankenverloren nach links und nach rechts.

»Nach oben«, sagte ich.»Drück ihn nach oben, dann kommt das Wasser. Links das kalte, rechts das warme.«

»Alles klar. Danke.«

Sie genierte sich kein bisschen vor mir. Was nicht weiter verwunderlich war, bei ihrem Alter und ihrem Rang - selbst wenn Letzterer der Vergangenheit angehörte.

Mich dagegen irritierte die Situation. Weshalb ich zynisch wurde.

»Hier sind ein paar Klamotten. Vielleicht suchst du dir was aus. Natürlich nur bei Bedarf.«

»Danke, Anton…«Olga sah mich an.»Achte einfach

nicht auf mich. Ich habe achtzig Jahre in einem Vogelkörper verbracht. Davon die meiste Zeit im Tiefschlaf. Mir hat’s trotzdem gereicht.«

Ihre Augen schienen unergründlich, magnetisch. Es waren gefährliche Augen.

»Ich empfinde mich weder als Mensch noch als Andere oder Frau. Als Eule übrigens auch nicht. Sondern… als böse, alte, geschlechtslose Idiotin, die ab und an in der Lage ist zu sprechen.«

Aus dem Duschkopf prasselte das Wasser. Langsam hob Olga die Arme und drehte sich voller Genuss unter dem harten Strahl.»Mir den Ruß abzuwaschen ist für mich viel wichtiger… als einen sympathischen Jungen in Verlegenheit zu bringen.«

Kommentarlos schluckte ich den Jungen und ging aus dem Bad. Kopfschüttelnd griff ich nach dem Kognak und entkorkte die Flasche.

Eines zumindest war klar: Sie war keine Tierfrau. Tiermenschen hätte keine Kleidung mehr angehabt. Olga war eine Magierin. Eine Magierin, eine Frau von etwa zweihundert Jahren, vor achtzig Jahren mit dem Entzug ihres Körpers bestraft, immer noch voller Hoffnung auf Rehabilitation, Spezialistin für heftige Wechselwirkungen, die das letzte Mal vor zirka fünfundfünfzig Jahren einen Auftrag erhalten hatte…

All das sollte für eine Recherche in unserer Datenbank ausreichen. Auf die kompletten Dateien konnte ich nicht zugreifen, dafür stand ich zu weit unten. Aber zum Glück hatten die oberen Führungskräfte keine Ahnung, an welche Informationen man über eine indirekte Suche gelangen konnte.

Natürlich nur, falls ich Olgas Identität tatsächlich herauskriegen wollte.

Nachdem ich in beide Gläser Kognak eingeschenkt hatte, wartete ich. Fünf Minuten später kam Olga aus dem Bad. Im Gehen rubbelte sie sich die Haare mit dem Handtuch ab. Sie trug meine Jeans und mein Sweatshirt.

Zwar war sie nicht gerade wie umgewandelt - aber dennoch wirkte sie jetzt eine Größenordnung sympathischer.

»Danke, Anton. Du kannst dir nicht vorstellen, wie gut mir das getan hat.«

»Wahrscheinlich schon.«

»Glaub ich nicht. Der Geruch, Anton - dieser Brandgeruch. In dem halben Jahrhundert habe ich mich schon fast daran gewöhnt.«Unbeholfen setzte sich Olga auf den Hocker. Sie seufzte.»Auch wenn das schlimm ist, aber ich bin froh über die aktuelle Krise. Selbst wenn ich nicht begnadigt werde, habe ich wenigstens die Möglichkeit, mich mal zu waschen…«

»Du kannst diese Gestalt behalten, Olga. Ich geh los und besorg dir vernünftige Sachen zum Anziehen.«

»Nicht nötig. Ich habe nur eine halbe Stunde pro Tag.«

Olga knüllte das Handtuch zusammen und warf es aufs Fensterbrett.

»Wer weiß, wann ich das nächste Mal die Gelegenheit habe, mich zu waschen«, meinte sie seufzend.»Oder Kognak zu trinken… Auf dein Wohl, Anton.«

»Zum Wohl.«

Der Kognak war gut. Genussvoll nippte ich daran, ohne mich um das enorme Chaos in meinem Kopf zu scheren. Olga trank ihren auf Ex, verzog das Gesicht, sagte aber freundlich:»Nicht übel.«

»Warum erlaubt dir der Chef nicht, ein normales Aussehen anzunehmen?«

»Das liegt nicht in seiner Macht.«

Alles klar. Das heißt, sie war nicht vom Regionalbüro verurteilt worden, sondern von weiter oben.

»Ich wünsche dir Glück, Olga. Was auch immer du getan hast - ich bin sicher, dass deine Schuld längst abgegolten ist.«

Die Frau zuckte mit den Schultern.»Würde ich auch gern glauben. Mir ist klar, dass man leicht Mitleid mit mir haben kann, aber im Grunde ist die Strafe gerecht… Doch jetzt mal ganz im Ernst.«

»Gut.«

Olga beugte sich über den Tisch zu mir herüber.»Ich sage dir ehrlich: Mir reicht’s«, flüsterte sie verschwörerisch.»Ich habe Nerven wie Stahl, aber so kann ich einfach nicht leben. Meine einzige Chance besteht darin, eine derart wichtige Mission zu erfüllen, dass der Leitung gar nichts anderes übrig bleibt, als mich zu begnadigen.«

»Und wo sollen wir eine derartige Mission hernehmen?«

»Die haben wir doch schon. Und sie setzt sich aus drei Teilen zusammen. Da ist der Junge, den wir beschützen und auf die Seite des Lichts ziehen müssen. Und die Vampirin, die wir ausschalten werden.«

Olga sprach mit fester Stimme - und plötzlich glaubte ich ihr. Beschützen und ausschalten. Kein Problem.

»Das alles sind jedoch Kleinigkeiten, Anton. Du wirst

durch eine solche Aktion einen höheren Grad erlangen, aber mir bringt das nicht viel. Die Hauptsache ist die Frau mit dem schwarzen Strudel.«

»Um die kümmern sich andere, Olga. Ich… Wir wurden von dieser Aufgabe abgezogen.«

»Macht nichts. Sie werden es nicht schaffen.«

»Ach nein?«, fragte ich in ironischem Ton.

»Nein. Boris Ignatjewitsch ist ein starker Magier. Allerdings auf anderen Gebieten.«Olga zwinkerte spöttisch.»Ich befasse mich aber bereits mein ganzes Leben mit allen Aspekten, die ein Durchbruch des Infernos mit sich bringt.«

»Also deshalb redest du von Krieg!«, begriff ich.

»Natürlich. Solche Auswüchse von Hass gibt es in einer Welt voller Frieden nicht. Diese Kröte Adolf… hatte viele Anhänger, doch sie hätten ihn im ersten Kriegsjahr abgefackelt. Und mit ihm ganz Deutschland. Bei Stalin war es etwas anders, der wurde auf geradezu ungeheuerliche Weise vergöttert - was ein mächtiger Schild ist. Anton, ich, eine einfache russische Frau…«Ein flüchtiges Lächeln ließ keinen Zweifel, wie Olga zu dem Wort»einfach«stand.»… ich habe mich den ganzen letzten Krieg hindurch damit beschäftigt, die Feinde meines Landes vor Flüchen zu schützen. Allein dafür hätte ich mir die Begnadigung verdient. Glaubst du’s?«

»Unbedingt.«Ich hatte den Eindruck, dass sie einen in der Krone hatte.

»Eine Scheißarbeit… Wir müssen ja alle gegen die menschliche Natur handeln, aber so weit zu gehen… Also, Anton, sie werden es nicht schaffen. Ich könnte es probieren. Aber selbst ich habe meine Zweifel.«

»Olga, wenn es so schlimm aussieht, musst du Meldung machen…«

Die Frau schüttelte den Kopf und strich sich über das feuchte Haar.»Das kann ich nicht. Es ist mir verboten, mit irgendjemandem Kontakt aufzunehmen, abgesehen von Boris Ignatjewitsch und meinem jeweiligen Partner. Ihm habe ich alles gesagt. Jetzt kann ich nur noch abwarten. Und hoffen, dass es mir gelingt… im letzten Moment noch gelingt.«

»Versteht der Chef das denn nicht?«

»Im Gegenteil, ich denke, er versteht es.«

»Aber das ist doch…«, flüsterte ich.

»Wir waren einmal ein Paar. Sehr lange. Außerdem auch noch Freunde, was selten vorkommt… Also, Anton, heute nehmen wir uns den Jungen und die bescheuerte Vampirin vor. Morgen müssen wir warten. Warten, bis das Inferno durchbricht. Einverstanden?«

»Darüber muss ich erst nachdenken, Olga.«

»Sehr schön. Denk darüber nach. Für mich ist es jetzt Zeit. Dreh dich um…«

Ich war nicht schnell genug. Olga war vermutlich selbst schuld daran. Sie hatte nicht darauf geachtet, wie viel Zeit ihr zur Verfügung stand.

Der Anblick war wirklich ekelhaft. Olga erzitterte und krümmte sich. Durch ihren Körper lief eine Welle: Die Knochen verbogen sich, als seien sie aus Gummi. Die Haut platzte ab, sodass die blutdurchströmten Muskeln freigelegt wurden. In Sekundenschnelle hatte sich die Frau in einen feuchten Klumpen Fleisch verwandelt, in eine formlose Kugel. Und diese Kugel schrumpfte und schrumpfte, ihr wuchsen weiche weiße Federn…

Die Schnee-Eule flatterte mit einem halb menschlichen, halb vogelhaften Schrei vom Hocker auf. Flog zu ihrem Lieblingsplatz auf dem Kühlschrank.

»Teufel auch!«, schrie ich unter Missachtung aller Regeln und Vorschriften.»Olga!«

»Hübsch, was?«Die Stimme der Frau klang atemlos, noch schmerzverzerrt.

»Warum? Warum gerade so?«

»Das ist ein Teil der Strafe, Anton.«

Ich streckte die Hand aus und berührte den ausgebreiteten, zitternden Flügel.»Olga, ich bin mit allem einverstanden.«

»Dann an die Arbeit, Anton.«

Ich nickte und ging in die Diele. Nachdem ich den Schrank mit meiner Ausrüstung geöffnet hatte, trat ich ins Zwielicht ein - andernfalls sieht man nämlich nichts anderes als Anziehsachen und altes Gerümpel.

Ein leichter Körper ließ sich auf meiner Schulter nieder.

»Womit kannst du aufwarten?«

»Das Onyxamulett habe ich entladen. Kannst du es aufladen?«

»Nein. Mir wurden fast alle Kräfte entzogen. Man hat mir nur die gelassen, die nötig sind, um ein Inferno zu neutralisieren. Und mein Gedächtnis, Anton - mein Gedächtnis hat man mir auch gelassen. Wie willst du die Vampirin töten?«

»Sie ist nicht registriert«, sagte ich.»Also nur mit folkloristischen Mitteln.«

Die Eule stieß ein gackerndes Krächzen aus.»Greift man noch immer zu Espenholz?«

»Ich hab zumindest keins.«

»Verstehe. Wegen deiner Freunde?«

»Ja. Ich möchte nicht, dass sie anfangen zu zittern, sobald sie die Wohnung betreten.«

»Also, was dann?«

Aus einer Aussparung in den Ziegeln holte ich eine Pistole hervor. Ich schielte zu der Eule hin - Olga musterte die Waffe aufmerksam.

»Silber? Für einen Vampir sehr schmerzhaft, aber nicht tödlich.«

»Sie ist mit Dumdumgeschossen geladen.«Ich zog das Magazin aus der Desert Eagle.»Mit silbernen Dumdumgeschossen. Kaliber null vierundvierzig. Drei Treffer, und der Vampir ist so durchsiebt, dass er nichts mehr anrichten kann.«

»Und wie dann weiter?«

»Mit folkloristischen Mitteln.«

»Ich misstraue der Technik«, erwiderte Olga mit Zweifel in der Stimme.»Ich hab mal gesehen, wie ein Tiermensch wieder auf die Beine gekommen ist, nachdem er von einer Granate zerfetzt worden war.«

»Ging das schnell?«

»Er hat drei Tage gebraucht.«

»Und? Was hab ich gerade gesagt?«

»Gut, Anton. Wenn du deinen eigenen Kräften nicht vertraust…«

Zufrieden war sie immer noch nicht, das sah ich. Doch ich bin kein Fahnder. Ich bin ein Stabsmitarbeiter, dem man befohlen hat, im Außendienst zu arbeiten.

»Wird schon alles werden«, beruhigte ich sie.»Vertrau mir. Konzentrieren wir uns auf die Suche nach dem Köder.«

»Also dann, gehen wir.«

»Hier ist das alles passiert«, teilte ich Olga mit. Wir standen in dem Tordurchgang. Im Zwielicht, natürlich.

Ab und an gingen Leute vorbei, die mir auf komische Weise auswichen, auch wenn sie mich nicht sahen.

»Hier hast du den Vampir getötet.«Olgas Stimme klang höchst sachlich.»Gut… Das ist mir klar, mein Freund. Du hast den Müll nicht gut entsorgt - aber das spielt weiter keine Rolle…«

Meiner Ansicht nach waren keine Spuren von dem dahingegangenen Vampir zurückgeblieben. Doch ich widersprach nicht.

»Hier stand die Vampirin… Hier hast du sie mit irgendwas geschlagen… nein, mit Wodka bespritzt…«Olga kicherte kaum hörbar.»Sie ist weggegangen… Unsere Jungs sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Dabei ist ihre Spur immer noch ganz klar!«

»Sie hat sich verwandelt«, brummte ich missmutig.

»In eine Fledermaus?«

»Ja. Garik hat gesagt, dass sie das im letzten Moment geschafft hat.«

»Schlecht. Die Vampirin ist stärker, als ich gedacht habe.«

»Und verrückt. Sie trinkt Blut von lebenden Menschen und tötet. Sie hat keine Erfahrung, aber platzt vor Kraft.«

»Wir werden sie vernichten«, sagte Olga hart.

Ich hüllte mich in Schweigen.

»Und hier haben wir auch die Spur des Jungen.«In Olgas Stimme schwang Respekt mit.»In der Tat… ein beachtliches Potenzial. Schaun wir mal, wo er wohnt.«

Wir gingen den Durchgang entlang und traten in den Hof hinaus. Er war groß und auf allen Seiten von Häusern begrenzt. Ich spürte die Aura des Jungen ebenfalls, wenn auch nur als schwache und verknäuelte Ausstrahlung: Er musste hier regelmäßig langkommen.

»Weiter«, kommandierte Olga.»Bieg nach links ab. Weiter. Jetzt nach rechts. Stopp…«

Ich blieb an einer Straße stehen, über die langsam die Straßenbahn zuckelte. Aus dem Zwielicht war ich immer noch nicht herausgetreten.

»In diesem Haus«, verkündete Olga.»Los. Da ist er.«

Der Bau sah scheußlich aus. Ein Hochhaus mit Flachdach, zu allem Überfluss auch noch auf irgendwelchen Beinen oder Pfeilern. Auf den ersten Blick wirkte es wie das gigantische Denkmal für eine Streichholzschachtel. Auf den zweiten wie Stein gewordener krankhafter Größenwahn.

»In so einem Haus ist gut morden«, sagte ich.»Oder verrückt werden.«

»Wir werden uns mit beidem befassen«, bestätigte Olga.»Weißt du, darin kenne ich mich aus.«

Jegor wollte nicht aus dem Haus. Nachdem seine Eltern zur Arbeit gegangen waren, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, hatte ihn sofort Angst gepackt.

Zugleich wusste er: außerhalb der leeren Wohnung würde die Angst zum Entsetzen werden.

Rettung gab es nicht. Gar keine, nirgends. Das Haus wiegte ihn wenigstens im Gefühl der Sicherheit.

Die Welt war zusammengebrochen, war gestern Abend in sich zusammengekracht. Jegor hatte immer offen zuzugeben - wenn auch nicht vor anderen, so doch vor sich selbst -, dass er kein Held war. Aber ein Feigling war er wohl auch nicht. Es gab Dinge, vor denen konnte und musste man Angst haben: Schlägertypen, Verrückte, Terroristen, Katastrophen, Feuer, Krieg und tödliche Krankheiten. Das konnte man alles in einen Topf werfen, das war alles gleichermaßen weit weg. Das alles gab es tatsächlich, aber nicht im täglichen Leben. Man brauchte nur ein paar einfache Regeln einzuhalten, nachts nicht draußen herumzustromern, sich nicht in fremden Vierteln herumzutreiben, die Hände vor dem Essen zu waschen und nicht auf die Gleise zu springen. Man konnte vor Unannehmlichkeiten Angst haben und gleichzeitig wissen, dass kaum Gefahr bestand, in diese Situationen hineinzugeraten.

Jetzt hatte sich alles geändert.

Es gab Erscheinungen, vor denen man sich nicht verstecken konnte. Erscheinungen, die es auf der Welt nicht gab und nicht geben dürfte.

Es gab Vampire.

Deutlich erinnerte er sich an alles, das Entsetzen hatte ihn nichts vergessen lassen, worauf er noch gestern vage gehofft hatte, als er nach Hause gerannt und dabei über die Straße geflitzt war, ohne vorher nach links oder rechts zu schauen. Und die schwache Hoffnung, am Morgen möge sich alles als Traum erweisen,

hatte sich nicht erfüllt.

Es war alles wahr. Wahr und unmöglich. Aber…

Es war gestern passiert. Ihm.

Er war noch spätabends unterwegs gewesen, gewiss, doch manchmal kam er sogar noch später nach Hause. Selbst seine Eltern, die nach Jegors fester Überzeugung bis heute nicht begriffen hatten, dass er mittlerweile fast dreizehn war, nahmen das gelassen hin.

Als er mit seinen Freunden aus dem Schwimmbad gekommen war - gut, da war es schon zehn. Sie waren alle zusammen bei McDonald’s reingestürmt, wo sie rund zwanzig Minuten geblieben waren. Auch das nicht ungewöhnlich, denn jeder, der es sich leisten konnte, ging nach dem Training dorthin. Danach… danach waren sie alle zusammen zur Metro gegangen. Das war nicht weit. Über eine helle Straße. Zu acht.

Bis dahin lief alles wie immer.

In der Metro war er dann irgendwie nervös geworden. Er hatte auf die Uhr gesehen und sich nach den anderen Fahrgästen umgeschaut. Doch da war nichts Verdächtiges.

Bloß, dass Jegor Musik hörte.

Und dann begann das, was nicht sein konnte.

Aus irgendeinem Grund war er in einen dunklen, stinkenden Tordurchgang getreten. War auf eine Frau und einen Mann zugegangen, die dort auf ihn warteten. Die ihn zu sich lockten. Freiwillig hatte er der Frau seinen Hals hingehalten, ihn ihren dünnen scharfen Zähnen dargeboten, die nichts Menschliches an sich hatten.

Selbst jetzt, zu Hause, allein, spürte Jegor die Kälte

– diesen süßen, betörenden Kitzel, der über seine Haut lief. Er hatte es doch gewollt! Hatte Angst gehabt, aber dennoch gewollt, dass die funkelnden Eckzähne ihn berührten, den kurzen Schmerz, dem… dem… dem etwas folgen würde… wahrscheinlich…

Und niemand auf der ganzen Welt konnte ihm helfen. Jegor erinnerte sich an den Blick der Frau, die die Hunde Gassi führte. Ein Blick, der durch ihn hindurchging, wachsam, aber keinesfalls gleichgültig. Angst empfand sie keine, denn sie sah einfach nicht, was hier geschah… Einzig und allein das Auftauchen des dritten Vampirs hatte Jegor gerettet. Dieser blasse Typ mit dem MD-Player, der sich ihm schon in der Metro an die Hacken geklebt hatte. Seinetwegen waren die beiden anderen ausgerastet wie ausgewachsene hungrige Wölfe, die sich um einen gehetzten, aber noch nicht getöteten Hirsch schlugen.

An diesem Punkt wirbelte alles durcheinander, lief viel zu schnell ab. Geschrei von irgendeinem Vertrag und von irgendeinem Zwielicht. Ein blauer Lichtblitz - und ein Vampir zerfiel vor seinen Augen zu Staub, genau wie im Kino. Das Aufheulen der Vampirin, nachdem der Mann ihr etwas ins Gesicht gespritzt hatte.

Und seine panische Flucht…

Und die schreckliche Erkenntnis, noch schrecklicher als das, was er eben erlebt hatte: Er durfte niemandem etwas davon sagen. Man würde ihm nicht glauben. Ihn nicht verstehen.

Vampire gibt es nicht!

Man kann nicht durch Menschen hindurchblicken, ohne sie zu bemerken!

Niemand verbrennt in einem Wirbel aus hellblauem

Feuer, verwandelt sich darin in eine Mumie, ein Skelett, einen Aschehaufen!

»Das stimmt nicht«, sagte Jegor sich selbst.»Es gibt sie. Es ist möglich. Es kommt vor!«

Doch sogar sich selbst konnte er kaum glauben…

Er war nicht in die Schule gegangen, räumte dafür aber jetzt die Wohnung auf. Er wollte etwas tun. Hin und wieder trat Jegor ans Fenster und spähte angespannt in den Hof.

Nichts, was verdächtig gewesen wäre.

Aber würde er sie überhaupt sehen können?

Sie würden kommen. Daran zweifelte Jegor nicht eine Sekunde. Sie wussten, dass er sich an sie erinnerte. Jetzt würden sie ihn als Zeugen umbringen.

Und nicht einfach nur umbringen! Sie würden sein Blut trinken und einen Vampir aus ihm machen.

Der Junge ging zum Bücherschrank, in dem die Hälfte der Regale mit Videokassetten voll gestellt war. Vielleicht würde er hier Rat finden. Dracula - Tot und unzufrieden. Nein, das war eine Komödie. Einmal beißen bitte. Völliger Quatsch. Die rabenschwarze Nacht - Fright Night. Jegor erschauerte. An den Film erinnerte er sich noch gut. Jetzt würde er sich erst recht nie wieder trauen, ihn anzusehen. Aber wie hieß es darin doch…»Das Kreuz hilft, wenn du daran glaubst.«

Wie konnte ein Kreuz ihm helfen? Er war ja nicht einmal getauft. Und an Gott glaubte er auch nicht. Zumindest bisher nicht.

Jetzt sollte er vielleicht besser damit anfangen?

Wenn es Vampire gibt, dann gibt es auch einen Teufel, und wenn es den Teufel gibt, dann gibt es also

auch Gott?

Wenn es Vampire gibt, dann gibt es auch Gott?

Wenn es das Böse gibt, dann gibt es auch das Gute?

»Blödsinn«, sagte Jegor. Er steckte die Hände in die Taschen seiner Jeans, ging in die Diele und schaute in den Spiegel. Sein Spiegelbild sah ihn an. Vielleicht blickte er etwas zu finster drein, ansonsten war er aber ein ganz normaler Junge. Bisher war also noch alles in Ordnung. Sie hatten es nicht geschafft, ihn zu beißen.

Sicherheitshalber drehte er sich doch noch herum und versuchte, seinen Nacken zu betrachten. Nein, nichts. Keine Spuren. Einfach ein dünner, vielleicht nicht ganz sauberer Hals.

Die Idee kam ihm ganz plötzlich. Jegor stürzte in die Küche und schreckte dabei den Kater auf, der es sich auf der Waschmaschine gemütlich gemacht hatte. Er durchwühlte die Tüten mit Kartoffeln, Zwiebeln und Mohrrüben.

Da war der Knoblauch.

Hastig schälte Jegor eine Knolle und biss hinein. Der Knoblauch war scharf, versengte ihm den Mund. Jegor goss sich ein Glas Tee ein, mit dem er jede Zehe nachspülte. Viel half das nicht, seine Zunge brannte immer noch, das Zahnfleisch kribbelte. Aber es würde doch wohl helfen?

Der Kater schaute zur Küche hinein. Verständnislos starrte er den Jungen an, miaute enttäuscht und zog wieder ab. Wie man etwas derart Ekelhaftes essen konnte, wollte ihm einfach nicht in den Sinn.

Die letzten beiden Zehen kaute Jegor an, spuckte sie dann aus und rieb sich den Hals damit ein. Obwohl er selbst über sein Verhalten lachen musste, konnte er nicht damit aufhören.

Der Hals fing ebenfalls an zu jucken. Verdammt guter Knoblauch. Jeder Vampir würde allein vom Geruch verrecken.

Unzufrieden schrie der Kater in der Diele los. Jegor spitzte die Ohren und spähte aus der Küche hinaus. Nein, da war nichts. Die Tür war mit drei Schlössern und einer Kette verriegelt.

»Schrei nicht so, Greysik!«, schimpfte er streng.»Sonst kriegst du auch Knoblauch zu fressen.«

Nach Abwägung der Gefahr türmte der Kater ins elterliche Schlafzimmer. Was konnte Jegor noch tun? Silber soll ja helfen. Der Junge ging ins Schlafzimmer, wobei er abermals den Kater erschreckte, öffnete den Kleiderschrank und kramte unter Bettlaken und Handtüchern die Schatulle hervor, in der seine Mutter ihren Schmuck aufbewahrte. Er nahm sich eine silberne Kette und band sie um. Sie würde nach Knoblauch stinken, außerdem musste er sie heute Abend sowieso wieder zurücklegen. Vielleicht sollte er seine Sparbüchse plündern und sich ein Kettchen kaufen? Mit einem Kreuz. Und es immer tragen. Vielleicht sollte er verkünden, dass er an Gott glaube? So was kam ja vor, dass jemand, der noch nie, noch niemals gläubig gewesen war, plötzlich anfing, an Gott zu glauben!

Er ging durchs Wohnzimmer, setzte sich im Schneidersitz aufs Sofa und ließ nachdenklich den Blick durchs Zimmer schweifen. Hatten sie Espenholz im Haus? Vermutlich nicht. Wie sieht das überhaupt aus, Espenholz? Ob er in den Botanischen Garten gehen und sich aus einem Ast einen Dolch schnitzen sollte?

Das wäre alles sehr schön, gewiss. Nur ob das helfen würde? Wenn diese Musik abermals erklingen würde, diese leise, betörende Musik… Vielleicht würde er dann einfach die Kette abnehmen, den Dolch aus Espenholz zerbrechen und sich den Knoblauch vom Hals waschen?

Die leise, leise Musik… Unsichtbare Feinde. Vielleicht waren sie schon nah. Und er sah sie einfach nicht. Konnte nicht richtig schauen. Vielleicht saß der Vampir schon neben ihm und lachte sich ins Fäustchen, wenn er diesen dummen Bengel beobachtete, der seine Verteidigung aufbaute. Womöglich machte ihnen weder das Espenholz Angst, noch jagte ihnen der Knoblauch Schrecken ein. Wie sollte er gegen ein unsichtbares Wesen kämpfen?

»Greysik!«, rief Jegor. Auf Mietz, Mietz hörte der Kater mit seinem komplizierten Charakter nicht.»Komm her, Greysik!«

Der Kater hatte sich auf der Schwelle zum Schlafzimmer aufgebaut. Sein Fell war gesträubt, seine Augen funkelten. Er sah an Jegor vorbei, in eine Ecke, auf den Sessel, der am Couchtisch stand. Ein leerer Sessel…

Der Junge spürte, wie über seinen Rücken der nunmehr bereits vertraute eiskalte Schauder lief. Er wirbelte so abrupt herum, dass er vom Sofa flog und auf dem Boden landete. Der Sessel war leer. Die Wohnung ebenfalls. Und obendrein gut verriegelt. Finster war es jedoch geworden, als sei draußen das Sonnenlicht erloschen…

Hier war noch jemand.

»Nein«, schrie Jegor und kroch weg.»Ich weiß es!

Ich weiß es! Ihr seid hier!«

Der Kater stieß einen kollernden Laut aus und flüchtete unters Bett.

»Ich seh dich!«, brüllte der Junge.»Rühr mich nicht an!«

Der Hauseingang hätte sowieso düster und verdreckt gewirkt. Doch aus dem Zwielicht heraus betrachtet war er die reinste Katakombe. Die Betonwände, in der normalen Realität einfach nur dreckig, bewucherte im Zwielicht dunkelblaues Moos. Widerwärtig. Kein Anderer wohnte hier, der das Haus hätte davon befreien können… Ich strich mit der Hand über eine besonders dichte Stelle - das Moos fing an zu wabern, versuchte, vor der Wärme davonzukriechen.»Brenne«, befahl ich.

Parasiten mag ich nicht. Selbst wenn sie eigentlich keinen Schaden anrichten, sondern nur fremde Gefühle trinken. Die Hypothese, die riesigen Kolonien blauen Mooses könnten die menschliche Psyche durchschütteln und so Depressionen oder eine sorglose Heiterkeit hervorrufen, hat bislang noch niemand bewiesen. Doch ich habe es schon immer vorgezogen, auf Nummer sicher zu gehen.

»Brenne!«, wiederholte ich und schickte ein wenig Kraft in meine Handfläche.

Eine transparente heiße Flamme erfasste den dichten blauen Filz. Im Nu loderte der ganze Eingang. Ich ging zum Fahrstuhl, drückte den Knopf und betrat die Kabine. Die war sauberer.

»Achter Stock«, soufflierte Olga.»Warum hast du deine Kräfte dafür verschwendet?«

»War doch nicht der Rede wert…«

»Es kann sein, dass du alle Kraft brauchst, die du hast. Soll das Zeug doch wachsen.«

Ich hüllte mich in Schweigen. Der Fahrstuhl zuckelte langsam nach oben, ein Zwielicht-Lift, der Doppelgänger des normalen, der nach wie vor im Erdgeschoss wartete.

»Du musst es ja wissen«, meinte Olga.»Die Jugend… ihre Kompromisslosigkeit…«

Die Türen öffneten sich. Hier im achten Stock tobte bereits das Feuer, das blaue Moos brannte wie Zunder. Es war heiß, viel heißer als normalerweise im Zwielicht. Leichter Brandgeruch lag in der Luft.

»Die Tür da…«, sagte Olga.

»Ich seh’s.«

In der Tat spürte ich die Aura des Jungen an der Tür. Er hatte sich heute noch nicht mal getraut, das Haus zu verlassen. Gut. Das Zicklein war an einer festen Leine, jetzt mussten wir nur noch auf den Tiger warten.

»Ich werde dann mal hineingehen«, verkündete ich. Und stieß gegen die Tür.

Die ging nicht auf.

Das konnte doch nicht wahr sein!

In der Realität mögen Türen mit allen möglichen Schlössern verriegelt sein - aber das Zwielicht hat seine eigenen Gesetze. Nur Vampire brauchen eine Einladung, damit sie ein fremdes Haus betreten dürfen, das ist der Preis, den sie für ihre außergewöhnliche Kraft und die gastronomische Beziehung zu den Menschen zahlen.

Um im Zwielicht eine Tür zu versperren, muss man zumindest in selbiges eintreten können.

»Das ist die Angst«, sagte Olga.»Gestern war der Junge entsetzt. Und gerade eben aus der ZwielichtWelt zurück. Er schloss die Tür hinter sich - und ohne es merken, hat er es gleich in beiden Welten getan.«

»Und was machen wir jetzt?«

»Komm tiefer. Folge mir.«

Ich schaute auf meine Schulter - da war niemand. Das Zwielicht heraufzubeschwören, wenn man bereits in ihm weilt, ist kein Kinderspiel. Mehrmals musste ich meinen Schatten vom Boden heben, bis er schließlich Volumen gewann und vor mir in der Luft waberte.

»Komm schon, du schaffst es«, flüsterte Olga.

Ich trat in den Schatten hinein, und das Zwielicht verdichtete sich. Dicker Nebel quoll im ganzen Raum. Die Farben verschwanden völlig. Es war nur noch ein Geräusch zu hören: der Schlag meines Herzens, schwer und langsam, nachhallend, als würde auf dem Grund einer Schlucht auf eine Trommel eingedroschen. Und Wind pfiff - die Luft kroch in die Lungen, dehnte langsam die Bronchien. Auf meiner Schulter tauchte die weiße Eule auf.

»Lange halt ich es hier nicht aus«, flüsterte ich, während ich die Tür öffnete. In dieser Schicht war sie natürlich nicht verschlossen.

An meinen Beinen schoss ein dunkelgrauer Kater vorbei. Für Katzen existiert weder die Menschen- noch die Zwielicht-Welt, sie leben in allen Welten zugleich. Nur gut, dass sie ziemlich dumm sind.

»Mietz, Mietz, Mietz«, flüsterte ich.»Du brauchst keine Angst haben, kleiner Kater…«

Wohl um meine Kräfte zu testen, schloss ich hinter mir die Tür. So, mein Junge, jetzt bist du etwas besser geschützt. Aber ob dir das was nützt, wenn du den Ruf hörst?

»Komm da raus«, sagte Olga.»Du verlierst sehr schnell an Kraft. Diese Schicht des Zwielichts bereitet selbst einem erfahrenen Magier Probleme. Ich werde wohl auch wieder etwas höher gehen.«

Erleichtert trat ich nach draußen. Ich war einfach kein Fahnder, der in allen drei Schichten des Zwielichts spazieren gehen kann. Im Allgemeinen brauchte ich das auch nicht.

Die Welt gewann an Farbe. Ich sah mich um - die Wohnung war gemütlich und von den Ausgeburten der Zwielicht-Welt weitgehend verschont. Ein paar Streifen blauen Mooses an der Tür, kaum der Rede wert, denn sie würden von selbst eingehen, wenn erst mal der Hauptstamm ausgerottet war. Geräusche waren auch zu hören, allem Anschein nach aus der Küche. Ich spähte hinein.

Der Junge stand am Tisch und aß Knoblauch, den er mit heißem Tee hinunterspülte.

»Beim Licht und beim Dunkel…«, flüsterte ich.

Der kleine Kerl kam mir jetzt noch winziger und schutzbedürftiger vor als gestern. Mager, schlaksig, wenn auch nicht unbedingt schwach, denn offensichtlich trieb er Sport. Er trug verwaschene hellblaue Jeans und ein blaues T-Shirt.

»Armer Kerl«, sagte ich.

»Man muss einfach Mitleid mit ihm haben«, stimmte Olga zu.»Das Gerücht zu verbreiten, Knoblauch besitze magische Eigenschaften, war ein wirklich kluger Schachzug von den Vampiren. Angeblich hat sich das Bram Stoker selbst ausgedacht…«

Der Junge spuckte sich etwas zerkauten Brei auf die Hand und fing an, sich mit diesem Knoblauchpüree den Hals einzureiben.

»Knoblauch ist gesund«, sagte ich.

»Stimmt. Und er hilft. Gegen Grippeviren«, ergänzte Olga.»Meine Güte! Wie leicht die Wahrheit stirbt, wie lang die Lüge lebt… Aber der Junge ist wirklich stark. Der Nachtwache könnte ein neuer Fahnder nicht schaden.«

»Gehört er denn uns?«

»Im Moment gehört er niemandem. Sein Schicksal ist noch nicht besiegelt, das siehst du doch selbst.«

»Und wohin tendiert er?«

»Das lässt sich nicht sagen. Noch nicht. Dazu ist er zu verängstigt. Er würde jetzt alles tun, nur um sich vor den Vampiren zu retten. Er würde ein Dunkler werden, er würde ein Lichter werden.«

»Kann ich ihm nicht verdenken.«

»Natürlich nicht. Gehen wir.«

Die Eule flatterte auf und flog durch den Korridor. Ich folgte ihr. Wir bewegten uns jetzt dreimal so schnell wie Menschen. Das ist eines der wesentlichen Merkmale des Zwielichts: dass die Zeit anders vergeht.

»Wir warten hier«, befahl Olga, sobald sie im Wohnzimmer war.»Hier ist es warm, hell und gemütlich.«

Ich nahm in einem weichen Sessel Platz, der neben einem kleinen Tisch stand. Auf ihm lag eine Zeitung, auf die ich jetzt schielte.

Es gibt nichts Amüsanteres, als durchs Zwielicht Zeitung zu lesen.

»Kreditgewinne sinken«, verkündete die Überschrift.

In der Realität lautet dieser Satz freilich ganz anders.»Im Kaukasus nehmen die Spannungen zu.«

Jetzt könnte ich mir die Zeitung schnappen und die Wahrheit lesen. Die unverfälschte Wahrheit. Das, was der Journalist gedacht hat, als er einen Artikel zu einem vorgegebenen Thema zusammenschusterte. Jene Bruchstücke an Informationen, die er aus inoffiziellen Quellen bekam. Die Wahrheit über das Leben und die Wahrheit über den Tod.

Nur wozu?

Seit Jahr und Tag schere ich mich einen Dreck um die Welt der Menschen. Sie ist unser Fundament. Unsere Wiege. Aber wir sind Andere. Wir gehen durch verschlossene Türen und erhalten das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse aufrecht. Wir sind schrecklich wenige, und wir können uns nicht vermehren: Die Tochter eines Magiers wird nicht unbedingt eine Zauberin, der Sohn eines Tiermenschen lernt nicht zwangsläufig, sich in Vollmondnächten zu verwandeln.

Wir sind nicht verpflichtet, die gewöhnliche Welt zu lieben.

Wir bewahren sie nur deshalb, weil sie der Wirt für uns Parasiten ist.

Dabei hasse ich Parasiten!

»Woran denkst du?«, fragte Olga. Im Wohnzimmer tauchte der Junge auf. Er verschwand jedoch gleich wieder im Schlafzimmer, sehr schnell sogar, wenn man bedenkt, dass er sich in der normalen Welt bewegte. Er kramte im Schrank herum.

»An nichts weiter. Trauriges Zeug.«

»So was kommt vor. In den ersten Jahren machen das alle durch.«Olgas Stimme klang jetzt genau wie die eines Menschen.»Danach gewöhnst du dich daran.«

»Das ist es ja, weshalb ich heulen könnte.«

»Du solltest dich lieber freuen, dass wir noch am Leben sind. Zu Beginn des Jahrhunderts war die Zahl der Anderen auf ein kritisches Minimum zurückgegangen. Weißt du, dass man damals ernsthaft erwogen hat, die Dunklen und die Lichten zu vereinigen? Dass man bereits eugenische Programme ausgearbeitet hat?«

»Ja, weiß ich.«

»Die Wissenschaft hätte uns beinah umgebracht. An uns hat man nicht geglaubt, wollte man nicht glauben. Damals nahm man an, die Wissenschaft könne eine bessere Welt schaffen.«

Der Junge kam ins Wohnzimmer zurück. Er setzte sich aufs Sofa und zupfte eine Silberkette zurecht, die um seinen Hals hing.

»Was heißt besser?«, fragte ich.»Wir sind aus der Menschheit hervorgegangen. Wir haben gelernt, ins Zwielicht einzutreten, haben gelernt, die Natur der Dinge und der Menschen zu verändern. Aber was hat sich dadurch geändert, Olga?«

»Vampire dürfen jetzt zumindest nicht mehr ohne Lizenz auf Jagd gehen.«

»Sag das mal dem Menschen, dessen Blut er gerade trinkt…«

In der Tür erschien der Kater. Er starrte uns an. Fauchte die Eule zornig an.

»Er reagiert auf dich«, sagte ich.»Olga, geh tiefer ins Zwielicht!«

»Zu spät«, erwiderte sie.»Entschuldige… ich habe nicht aufgepasst.«

Der Junge sprang vom Sofa auf. Viel schneller, als man es eigentlich in der Menschenwelt kann. Ungeschickt, denn er verstand selbst nicht, was mit ihm geschah, trat er in seinen Schatten hinein und fiel zu Boden. Er sah mich an - bereits aus dem Zwielicht heraus.

»Ich gehe tiefer…«, flüsterte die Eule und verschwand. Ihre Krallen bohrten sich mir schmerzhaft in die Schultern.

»Nein!«, schrie der Junge.»Ich weiß es! Ich weiß es! Ihr seid hier!«

Ich stand auf und breitete die Arme aus.

»Ich seh dich! Rühr mich nicht an!«

Er lag im Zwielicht. Mist! Es war passiert. Ohne jede Hilfe von außen, ohne Kurs und ohne Stimuli, ohne Anleitung eines Betreuers hatte der Junge die Grenze zwischen der Menschen- und der Zwielicht-Welt überschritten.

Davon, auf welche Weise man das erste Mal ins Zwielicht eintritt, was man dabei erblickt, was man fühlt, hängt im Großen und Ganzen ab, was man wird.

Ein Dunkler oder ein Lichter.

Wir dürfen ihn nicht der Dunklen Seite überlassen, denn dann würde das Gleichgewicht in Moskau endgültig zusammenbrechen.

Du stehst hart am Rande, mein Junge.

Und das ist schlimmer als die unerfahrene Vampirin.

Boris Ignatjewitsch hat das Recht, über eine Liquidierung zu entscheiden.

»Keine Angst«, sagte ich, ohne mich von der Stelle zu rühren.»Du brauchst keine Angst haben. Ich bin ein Freund und tu dir nichts.«

Der Junge kroch in eine Ecke und blieb dort wie erstarrt. Er ließ mich nicht aus den Augen und begriff offenkundig nicht, dass er ins Zwielicht eingetaucht war. Für ihn stellte sich das Ganze so dar, als sei es mit einem Mal finster im Zimmer geworden, als habe sich mit einem Mal Stille über alles herabgesenkt und als sei ich aus dem Nichts aufgetaucht…

»Keine Angst«, wiederholte ich.»Ich bin Anton. Wie heißt du?«

Er schwieg. In einem fort schluckte er. Dann presste er die Hand an den Hals, ertastete die Kette und schien sich ein wenig zu beruhigen.

»Ich bin kein Vampir«, sagte ich.

»Wer sind Sie?«Der Junge schrie. Nur gut, dass man diesen markerschütternden Schrei in der normalen Welt nicht hören konnte.

»Anton. Ich arbeite bei der Nachtwache.«

Jäh riss er die Augen auf - als schmerze ihn etwas.

»Meine Arbeit besteht darin, die Leute vor Vampiren und anderen Ungeheuern zu beschützen.«

»Das ist nicht wahr…«

»Warum?«

Er zuckte mit den Schultern. Gut.

Er versuchte, seine Möglichkeiten auszuloten, seinen Standpunkt darzulegen. Das hieß, die Angst hatte ihm nicht völlig den Verstand geraubt.

»Wie heißt du?«, fragte ich noch einmal. Vielleicht konnte ich den Jungen unter Druck setzen, ihm die Angst nehmen. Doch das würde bereits eine Intervention darstellen, noch dazu eine unerlaubte.

»Jegor…«

»Ein schöner Name. Ich bin Anton. Hast du das verstanden? Anton Sergejewitsch Gorodezki. Ich arbeite bei der Nachtwache. Gestern habe ich den Vampir getötet, der versucht hat, dich zu überfallen.«

»Nur einen?«

Sehr schön. Das Gespräch kam in Gang.

»Ja. Die Vampirin ist entkommen. Sie wird jetzt gesucht. Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin hier, um auf dich aufzupassen… und um die Vampirin zu vernichten.«

»Warum ist es überall so grau?«, fragte der Junge plötzlich.

Beachtlich! Was für ein beachtlicher kleiner Kerl!

»Ich werde es dir erklären. Aber erst musst du mir glauben, dass ich nicht dein Feind bin. Einverstanden?«

»Mal seh’n.«

Er klammerte sich an sein albernes Kettchen, als könne es ihn vor irgendetwas schützen. Ach, mein Junge, wenn doch bloß alles so einfach wäre in der Welt. Doch weder Silber noch Espenholz oder das heilige Kreuz werden dich retten. Das Leben gegen den Tod, die Liebe gegen den Hass - und Kraft gegen Kraft, denn die Kraft kennt keine moralische Kategorien. So einfach ist das alles. Das habe sogar ich innerhalb von nur zwei, drei Jahren begriffen.

»Jegor.«Langsam ging ich auf ihn zu.»Hör gut zu, was ich dir jetzt sage…«

»Stehen bleiben!«

Den Befehl erteilte er derart entschlossen, als halte er eine Waffe in Händen. Seufzend blieb ich stehen.

»Gut. Hör trotzdem zu. Abgesehen von der normalen Welt, der Menschenwelt, die du mit deinen Augen sehen kannst, gibt es noch eine Welt der Schatten, eine Zwielicht-Welt.«

Er dachte darüber nach. Trotz seiner Panik - und er hatte eine fürchterliche Angst, ich spürte Wellen erstickenden Entsetzens - versuchte der Junge, das zu begreifen. Es gibt Menschen, die paralysiert ihre Angst. Es gibt aber auch andere, denen sie Kraft verleiht.

Liebend gern hätte ich gehofft, auch zur zweiten Kategorie zu gehören.

»Eine Parallelwelt?«

Na bitte. Die Science-Fiction trat auf den Plan. Na meinetwegen, Namen waren dabei nur Schall und Rauch.

»Ja. Und in diese Welt können nur die gelangen, die übernatürliche Fähigkeiten haben.«

»Vampire?«

»Nicht nur. Auch Tiermenschen, Hexen, schwarze Magier… aber auch weiße Magier, Heiler und Seher.«

»Gibt es die denn alle wirklich?«

Er war klatschnass. Die Haare klebten ihm am Kopf, das T-Shirt am Körper, über seine Wangen sickerten Schweißperlen. Trotzdem ließ mich der Junge nicht aus den Augen und hielt sich abwehrbereit. Als übersteige das nicht seine Kräfte.

»Ja, Jegor. Manche Menschen sind in der Lage, in die Zwielicht-Welt einzutreten. Sie stellen sich auf die Seite des Guten oder des Bösen. Des Lichts oder des Dunkels. Sie sind die Anderen. So nennen wir einander: die Anderen.«

»Sind Sie ein Anderer?«

»Ja. Und du auch.«

»Warum das?«

»Du bist jetzt in der Zwielicht-Welt, mein Kleiner. Schau dich um und hör genau hin. Die Farben sind verblasst. Die Geräusche verstummt. Der Sekundenzeiger kriecht nur noch über das Zifferblatt dahin. Du bist in die Zwielicht-Welt eingetreten… Du wolltest die Gefahr erkennen und hast dabei die Grenze zwischen den beiden Welten überschritten. Hier vergeht die Zeit langsamer, hier ist alles anders. Denn das ist die Welt der Anderen.«

»Das glaube ich nicht.«Jegor drehte sich kurz um, dann sah er mich wieder an.»Und warum ist Greysik hier?«

»Der Kater?«Ich lächelte.»Tiere haben ihre eigenen Gesetze, Jegor. Katzen leben in allen Räumen zugleich, für sie besteht da kein Unterschied.«

»Glaub ich nicht.«Seine Stimme zitterte.»Das ist alles nur ein Traum, das weiß ich genau! Wenn das Licht verblasst… Ich schlafe. Das habe ich schon öfter erlebt.«

»Du träumst, dass du das Licht anknipst, aber die Lampe geht nicht an?«Die Antwort auf die Frage kannte ich bereits, außerdem stand sie mehr als deutlich in den Augen des Jungen geschrieben.»Oder leuchtet nur ganz, ganz schwach, so wie eine Kerze?

Und du läufst, während um dich herum das Dunkel wabert, streckst die Hand aus… kannst aber die einzelnen Finger nicht mehr unterscheiden?«

Er schwieg.

»Das passiert uns allen, Jegor. Jeder Andere hat solche Träume. Die Zwielicht-Welt kriecht dann in uns hinein, ruft uns, bringt sich in Erinnerung. Du bist ein Anderer. Auch wenn du noch klein bist, bist du ein Anderer. Und nur von dir hängt ab, ob…«

Ich begriff nicht auf Anhieb, dass seine Augen geschlossen waren, sein Kopf zur Seite weggesackt war.

»Du Idiot«, flüsterte Olga auf meiner Schulter.»Er ist zum ersten Mal ganz allein ins Zwielicht eingetreten! Seine Kräfte reichen dafür nicht! Zieh ihn raus, schnell, sonst bleibt er für immer hier!«

Das Zwielicht-Koma - die Krankheit aller Neulinge. Fast hätte ich sie vergessen, da ich nicht mit jungen Anderen arbeitete.

»Jegor!«Ich stürzte auf ihn zu, rüttelte ihn, fasste ihn unter den Achseln. Er war leicht, ganz leicht, denn in der Zwielicht-Welt verändert sich nicht nur der Lauf der Zeit.»Wach auf!«

Keine Reaktion. Der Junge hatte etwas geschafft, wofür andere Monate lang üben mussten - er war ohne Hilfe ins Zwielicht eingetreten. Doch die ZwielichtWelt tut nichts lieber, als Kraft auszusaugen.

»Zieh!«Olga übernahm das Kommando.»Zieh ihn raus, mach schon! Von selbst wacht er nicht auf!«

Leichter gesagt als getan. Ich hatte Erste-Hilfe-Kurse absolviert, musste aber noch nie jemanden tatsächlich aus dem Zwielicht herausziehen.

»Jegor, komm zu dir!«Ich gab ihm ein paar Ohrfeigen. Am Anfang nur leicht, dann mit aller Kraft.»Was ist denn, Junge? Du bist in der Zwielicht-Welt! Aufgewacht!«

Leichter und leichter wurde er, zerfloss mir unter den Händen. Das Zwielicht trank sein Leben, saugte die letzte Kraft aus ihm heraus. Das Zwielicht veränderte seinen Körper, nahm ihn in Besitz. Was hatte ich da bloß angerichtet!

»Schirm dich ab!«Olgas Stimme war kalt, brachte mich zur Besinnung.»Schirm dich zusammen mit ihm ab… Wächter!«

Normalerweise brauche ich mehr als eine Minute, um die Kugel entstehen zu lassen. Diesmal schaffte ich es innerhalb von fünf Sekunden. Schmerz explodierte in mir, als ob in meinem Kopf ein Minischuss losgegangen sei. Ich warf den Kopf in den Nacken, als die Negationssphäre aus meinem Körper heraustrat und mich einhüllte wie eine Seifenblase, die in allen Farben des Regenbogens schillert. Die Blase wuchs, blähte sich und nahm, wenn auch ungern, sowohl mich wie auch den Jungen in sich auf.

»Gut, jetzt halte sie. Ich kann dir nicht helfen, Anton. Halte die Sphäre aufrecht!«

Olga hatte Unrecht. Sie half mir bereits mit ihren Tipps. Vielleicht wäre ich auch selbst darauf gekommen, die Sphäre zu bilden, hätte jedoch womöglich wertvolle Sekunden verloren.

Um uns herum klarte es auf. Das Zwielicht trank noch immer unsere Kraft, meine mit etwas mehr Mühe, die des Jungen in vollen Zügen, aber jetzt standen ihm nur ein paar Kubikmeter zur Verfügung. Die üblichen physikalischen Gesetze gelten hier zwar nicht, doch es herrschen bestimmte Analogien. Im Moment bildete sich in der Sphäre das Gleichgewicht zwischen unseren lebenden Körpern und dem Zwielicht heraus.

Entweder würde sich das Zwielicht nun auflösen und von seiner Beute ablassen, oder der Junge würde sich in einen Bewohner der Zwielicht-Welt verwandeln. Für immer. Das passiert Magiern, wenn sie sich völlig verausgabt haben, aus Unachtsamkeit oder auch aus Notwendigkeit. Das passiert Neulingen, die sich nicht gegen das Zwielicht zu wehren wissen und ihm mehr geben, als sie dürften.

Ich sah Jegor an: Sein Gesicht ergraute zusehends. Er war dabei, in die endlosen Weiten der Schattenwelt einzugehen.

Während ich den Jungen in meinen rechten Arm bettete, zog ich mit der linken Hand ein Taschenmesser heraus. Mit den Zähnen klappte ich es auf.

»Das ist gefährlich«, warnte Olga.

Ich antwortete ihr nicht. Sondern schnitt mir einfach in den Unterarm.

Als das Blut herausspritzte, zischte das Zwielicht auf wie eine glühend heiße Pfanne. Mir verschwamm alles vor den Augen - was nicht am Blutverlust lag, sondern daran, dass mit dem Blut auch das Leben selbst aus mir heraustropfte. Ich hatte meine eigene Verteidigung gegen das Zwielicht eingerissen.

Dafür bekam es jetzt eine Portion Energie, die es nicht verdauen konnte.

Die Welt klarte auf, mein Schatten sprang zu Boden, und ich trat durch ihn hindurch. Die regenbogenfarbene Membran der Negationssphäre barst - wir waren wieder in der normalen Welt.

Fünf

Das Blut spritzte in einem dünnen Strahl auf den Teppich. Der Junge, der in meinen Armen hing, war immer noch bewusstlos, doch in sein Gesicht kehrte langsam die Farbe zurück. Im anderen Zimmer schrie der Kater, als würde er abgeschlachtet.

Ich bettete Jegor aufs Sofa. Setzte mich neben ihn.

»Olga, eine Binde…«, bat ich.

Die Eule flog von meiner Schulter auf und sauste wie ein weißer Schnörkel in die Küche. Unterwegs musste sie ins Zwielicht eingetaucht sein, denn schon nach ein paar Sekunden kam sie mit einer Binde im Schnabel zurück.

Jegor öffnete die Augen genau in dem Moment, als ich der Eule den Verband abnahm und mich daran machte, meine Hand zu verarzten.

»Wer ist das?«, fragte er.

»Eine Eule. Siehst du das denn nicht?«

»Was war mit mir los?«, wollte er wissen. Die Stimme zitterte fast überhaupt nicht.

»Du hast das Bewusstsein verloren.«

»Warum?«Ängstlich huschte sein Blick über die Blutspritzer am Fußboden und auf meiner Kleidung. Immerhin war es mir gelungen, nicht auch noch Jegor zu beschmieren.

»Das ist mein Blut«, erklärte ich.»Ich habe mich aus Versehen geschnitten. Man muss sehr vorsichtig sein, Jegor, wenn man ins Zwielicht eintritt. Das ist ein fremdes Milieu, selbst für uns, die Anderen. Sobald wir in der Zwielicht-Welt sind, müssen wir ständig Kraft abgeben und es mit unserer Lebensenergie füttern. Zumindest ein bisschen. Und wenn man den Prozess nicht unter Kontrolle behält, saugt das Zwielicht alles Leben aus dir heraus. Da kann man nichts gegen machen, das ist der Preis.«

»Ich habe also mehr bezahlt, als ich schuldig war?«

»Viel mehr, als du hattest. Deshalb wärst du beinah für immer in der Zwielicht-Welt geblieben. Das bedeutet nicht den Tod, ist aber womöglich noch schlimmer.«

»Warten Sie, ich helfe Ihnen…«Der Junge setzte sich auf und verzog kurz das Gesicht: Offensichtlich war ihm schwindlig. Ich streckte die Hand aus, und er fing an, mein Handgelenk zu verbinden - ungeschickt, aber eifrig. Die Aura des Jungen hatte sich nicht verändert, nach wie vor changierte sie, verhielt sich neutral. Obwohl der Junge bereits im Zwielicht gewesen war, hatte dieses ihm noch nicht seinen Stempel aufdrücken können.

»Glaubst du mir jetzt, dass ich dein Freund bin?«, fragte ich.

»Ich weiß nicht. Zumindest kein Feind. Oder Sie können mir einfach nichts tun!«

Ich streckte die Hand aus und berührte den Hals des Jungen - sofort schreckte er zurück. Ich machte den Verschluss der Kette auf und nahm sie ihm ab.»Kapiert?«

»Das heißt, Sie sind kein Vampir.«Seine Stimme hatte sich ein wenig gesenkt.

»Stimmt. Aber nicht deshalb, weil ich Knoblauch und Silber anfassen kann. Damit hältst du einen Vampir nicht auf, Jegor.«

»Aber in allen Filmen…«

»Ja, und in allen Filmen gewinnen die guten Kerle gegen die schlechten. Aberglaube ist eine gefährliche Sache, mein Junge, er flößt dir falsche Hoffnungen ein.«

»Gibt es denn berechtigte Hoffnungen?«

»Nein. Das wäre ein Widerspruch in sich.«Ich erhob mich und befühlte den Verband. Alle Achtung, er war fest und ziemlich straff gewickelt. In einer halben Stunde würde ich die Wunde besprechen können, aber noch fehlte mir dazu die Kraft.

Der Junge beobachtete mich vom Sofa aus. Ja, er hatte sich ein wenig beruhigt. Glaubte mir aber immer noch nicht. Der weißen Eule, die mit Unschuldsmiene auf dem Fernseher vor sich hin döste, schenkte er komischerweise nicht die geringste Beachtung. Offenbar hatte Olga doch in sein Bewusstsein eingegriffen. Was mir nur recht sein konnte: Zu erklären, was es mit dieser sprechenden Eule auf sich hatte, wäre höchst schwierig gewesen.

»Hast du was zu essen da?«, fragte ich.

»Was wollen Sie denn?«

»Irgendwas. Tee mit Zucker. Ein Stück Brot. Ich habe nämlich auch viel Kraft verloren.«

»Wir finden schon was. Und wie haben Sie sich verletzt?«

Darauf wollte ich nicht näher eingehen, ihn aber auch nicht anlügen.

»Das hab ich absichtlich gemacht. Es musste sein, um dich aus dem Zwielicht zu holen.«

»Danke. Falls das stimmt.«

Ganz schön frech, das Bürschchen, aber mir gefiel das.

»Keine Ursache. Wenn du im Zwielicht verloren gegangen wärst, hätte mir mein Vorgesetzter den Kopf abgerissen.«

Der Junge schnaubte und stand auf. Trotz allem versuchte er, Abstand zu mir zu halten.»Wie ist Ihr Vorgesetzter?«

»Streng. Was ist, machst du mir einen Tee?«

»Für einen netten Menschen ist einem doch nichts zu schade.«Trotzdem hatte er immer noch Angst. Und die versteckte er hinter einem nassforschen Auftreten.

»Damit das gleich klar ist: Ich bin kein Mensch. Ich bin ein Anderer. Und du bist auch ein Anderer.«

»Und worin besteht der Unterschied?«Jegor musterte mich demonstrativ von oben bis unten.»Im Äußeren bestimmt nicht!«

»Solange ich keinen Tee kriege, werde ich gar nichts sagen. Weißt du nicht, wie man Gäste bewirtet?«

»Ungebetene? Wie sind Sie überhaupt hereingekommen?«

»Durch die Tür. Ich zeig’s dir. Später.«

»Gehen wir.«Offenbar hatte er nun doch beschlossen, mir Tee zu kochen. Ich folgte dem Jungen und rümpfte unwillkürlich die Nase.

»Nur eins, Jegor…«, bat ich, weil ich es nicht länger ertrug.»Wasch dir erst mal den Hals.«

Ohne sich umzudrehen, schüttelte der Junge den Kopf.

»Du musst immerhin zugeben, dass es dumm ist,

nur den Hals zu schützen. Der menschliche Körper hat fünf Punkte, an denen ein Vampir ihn beißen kann.«

»Ach ja?«

»Ach ja! Wobei ich natürlich nur den männlichen Körper meine.«

Selbst sein Nacken wurde knallrot.

Ich gab fünf gehäufte Löffel Zucker in den Tee.

»Bereiten Sie mir einen Tee mit zwei Löffeln Zucker…«, sagte ich mit einem Zwinkern zu Jegor.»… das möchte ich vor dem Tod noch kennen lernen.«

Offenbar kannte er diesen Witz nicht.

»Und wie viel soll ich nehmen?«

»Wie viel wiegst du?«

»Weiß nicht.«

Ich taxierte ihn.»Nimm vier. Das hilft gegen die Un-terzuckerung.«

Den Hals hatte er sich inzwischen zwar gewaschen, der Knoblauchgestank haftete ihm aber immer noch an.

»Jetzt erklären Sie mir alles!«, verlangte er, während er in gierigen Schlucken seinen Tee trank.

So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ganz gewiss nicht. Dem Jungen folgen, wenn der Ruf ihn ereilte. Die Vampirin töten oder gefangen nehmen. Und den dankbaren Jungen zum Chef bringen - der würde ihm dann alles erklären.

»Vor langer Zeit…«Ich verschluckte mich am Tee.»Hört sich wie ein Märchen an, nicht? Nur dass es keins ist.«

»Weiter.«

»Gut. Fange ich anders an. Es gibt die Welt der Menschen.«Ich machte eine Kopfbewegung zum Fenster hin, zu dem kleinen Hof und den über die Straße zuckelnden Autos.»Die da. Die um uns herum. Und die meisten können ihre Grenzen nicht überschreiten. So war das schon immer. Doch ab und an tauchen wir auf. Die Anderen.«

»Und die Vampire?«

»Vampire sind auch Andere. Klar, sie sind eine besondere Art von Anderen, ihre Fähigkeiten sind von vornherein festgelegt.«

»Das versteh ich nicht.«Jegor schüttelte den Kopf.

Stimmt schon, als Betreuer tauge ich nichts. Ich kann keine Binsenwahrheiten erklären, mag das auch nicht.

»Zwei Schamanen, die Giftpilze gegessen haben, schlagen ihr Tamburin«, sagte ich.»Vor langer, langer Zeit, noch in der Urgeschichte. Einer der beiden Schamanen führt die Jäger und den Häuptling tüchtig an der Nase herum. Der andere sieht, wie sein Schatten im Licht des Lagerfeuers auf dem Höhlenboden erzittert, wie er Volumen gewinnt und sich zu voller Größe aufrichtet. Er macht einen Schritt und tritt in den Schatten hinein. Tritt ins Zwielicht ein. Und dann kommt das Interessanteste. Verstehst du?«

Jegor schwieg.

»Das Zwielicht verändert den, der es betritt. Es ist eine andere Welt, und sie macht aus Menschen Andere. Was du wirst, hängt nur von dir ab. Das Zwielicht ist ein wilder Fluss, der dich in alle Richtungen gleichermaßen reißt. Du kannst entscheiden, was du in der Zwielicht-Welt sein möchtest. Aber du musst schnell entscheiden, denn du hast nicht viel Zeit.«

Jetzt hatte er es verstanden. Die Pupillen des Jungen verengten sich, er erblasste leicht. Eine gute Stressreaktion, er würde einen guten Fahnder abgeben…

»Was kann ich denn werden?«

»Was du willst. Du hast das noch nicht bestimmt. Und weißt du, auf welche Entscheidung es hinausläuft? Die zwischen Gut und Böse. Zwischen Licht und Dunkel.«

»Und du bist ein Guter?«

»In erster Linie bin ich ein Anderer. Der Unterschied zwischen Gut und Böse besteht in der Einstellung gegenüber den gewöhnlichen Menschen. Wenn du das Licht wählst, setzt du deine Fähigkeiten nicht zu deinem persönlichen Vorteil ein. Wenn du das Dunkel wählst, ist das für dich ganz normal. Doch auch ein schwarzer Magier ist in der Lage, Kranke zu heilen und spurlos Vermisste zu finden. Während ein weißer Magier den Menschen seine Hilfe ebenso gut verweigern kann.«

»Dann begreife ich nicht, worin der Unterschied besteht!«

»Du wirst es begreifen. Dann, wenn du dich auf die eine oder andere Seite schlägst.«

»Das werde ich niemals tun!«

»Dazu ist es bereits zu spät, Jegor. Du bist im Zwielicht gewesen, du veränderst dich bereits. Der Tag wird kommen, da wirst du deine Wahl treffen.«

»Wenn du das Licht gewählt hast…«Jegor stand auf, um sich noch Tee einzugießen. Mir fiel auf, dass er mir zum ersten Mal den Rücken zukehrte, ohne Angst zu haben.»Wer bist du dann? Ein Magier?«

»Der Schüler eines Magiers. Ich arbeite im Büro der Nachtwache. Auch diese Arbeit muss getan werden.«

»Und was kannst du? Zeig mir mal was, damit ich dir glaube!«

Das lief ja wie im Lehrbuch. Er war im Zwielicht gewesen, doch das hatte ihn noch nicht überzeugt. Etwas harmloser Hokuspokus würde ihn weitaus stärker beeindrucken.

»Schau her!«

Ich streckte ihm meine Hand entgegen. Jegor erstarrte und versuchte zu verstehen, was hier vor sich ging. Dann sah er auf die Tasse.

Vom Tee stieg schon kein Dampf mehr auf. Er war gefroren, hatte sich in einen kleinen Eiszylinder von trüber brauner Farbe verwandelt, in dem Teeblätter eingeschlossen waren.

»Oi«, sagte der Junge.

Die Thermodynamik ist ein sehr einfacher Aspekt bei der Beherrschung der Materie. Sobald ich die brownsche Bewegung wieder zuließ, kochte das Eis auf. Jegor schrie auf und ließ die Tasse fallen.

»Entschuldigung.«Ich sprang auf und holte einen Lappen aus dem Spülbecken. Hockend wischte ich die Pfütze auf dem Linoleum auf.

»Die Magie bringt echte Unannehmlichkeiten mit sich«, kommentierte der Junge.»Schade um die Tasse.«

»Pass auf!«

Der Schatten sprang mir entgegen, ich trat ins Zwielicht ein und besah mir die Scherben. Sie erinnerten sich noch an das Ganze, und der Tasse war es keineswegs bestimmt gewesen, so kaputtzugehen.

Im Zwielicht fegte ich mit einer Hand ein paar Scherben zusammen. Einige der allerkleinsten, die unterm Herd gelandet waren, kamen bereitwillig herangerollt.

Dann trat ich aus dem Zwielicht heraus und stellte die weiße Tasse auf den Tisch.»Nur den Tee musst du noch mal eingießen.«

»Stark.«Dieser kleine Taschenspielertrick schien den Jungen schwer beeindruckt zu haben.»Ist das mit allen Sachen möglich?«

»Bei Sachen geht das fast immer.«

»Anton - und wenn vor einer Woche etwas kaputtgegangen ist?«

Unwillkürlich musste ich schmunzeln.

»Dann nicht. Tut mir Leid, aber dann ist es schon zu spät. Das Zwielicht gibt uns eine Chance, doch die muss man schnell nutzen, sehr schnell.«

Jegors Miene verfinsterte sich. Was er wohl vor einer Woche zerschlagen hatte?

»Glaubst du mir jetzt?«

»Ist das Magie?«

»Ja. Die allereinfachste. Für die braucht man kaum etwas zu lernen.«

Vielleicht war es unvorsichtig, das zu sagen. In den Augen des Jungen blitzte etwas auf. Er wog bereits seine Perspektiven ab. Seinen Vorteil.

Licht und Dunkel…

»Und ein erfahrener Magier - kann der auch noch

andere Sachen?«

»Sogar ich kann noch andere Sachen.«

»Auch Menschen beeinflussen?«

Licht und Dunkel…

»Ja«, sagte ich.»Ja, das können wir.«

»Und macht ihr das auch? Warum können Terroristen denn dann Geiseln nehmen? Ihr könntet euch doch einfach durchs Zwielicht anpirschen und sie erschießen. Oder sie zwingen, sich zu erschießen! Und warum sterben die Menschen dann an Krankheiten? Magier können heilen, das haben Sie doch selbst gesagt!«

»Das wäre das Gute«, erwiderte ich.

»Natürlich! Schließlich seid ihr doch Lichte Magier!«

»Wenn wir irgendeine eindeutig gute Tat ausführen, haben auch die Dunklen Magier das Recht auf eine böse Tat.«

Verwundert schaute Jegor mich an. In den letzten vierundzwanzig Stunden war eine Menge auf ihn eingestürzt. Dafür verdaute er das alles nicht schlecht.

»Leider ist das Böse von seiner Natur her stärker, Jegor. Das Böse ist destruktiv. Es fällt ihm weitaus leichter, etwas zu zerstören, als das Gute etwas zu schaffen vermag.«

»Und was macht ihr dann? Ihr habt doch diese Nachtwache… Kämpft ihr mit den Dunklen Magiern?«

Darauf durfte ich nicht antworten. Das ging mir mit der vernichtenden Klarheit auf, mit der ich begriff: Ich hätte überhaupt nicht offen mit dem Jungen reden dürfen. Hätte ihn besser benebeln sollen. Tiefer ins Zwielicht eintreten sollen. Aber auf gar keinen Fall, unter gar keinen Umständen irgendwelche Erklärungen

abgeben!

Denn die würde ich nicht beweisen können!

»Kämpft ihr mit denen?«

»Nicht unbedingt«, sagte ich. Die Wahrheit war schlimmer als die Lüge, doch ich hatte kein Recht zu lügen.»Wir observieren uns gegenseitig.«

»Rüstet ihr euch zum Kampf?«

Ich sah Jegor an und dachte darüber nach, dass er alles andere als ein dummer Junge war. Dennoch blieb er ein Junge. Und wenn ich ihm jetzt sagen würde, dass eine große Schlacht zwischen dem Guten und dem Bösen bevorstand, dass er der neue Jedi der Zwielicht-Welt werden könnte, dann hätten wir ihn in der Tasche.

Freilich nicht für lange.

»Nein, Jegor. Wir sind nur sehr wenige.«

»Lichte? Die Dunklen sind in der Überzahl?«

Jetzt ist er bereit, sein Zuhause aufzugeben, Mutter und Vater zu verlassen, eine funkelnde Rüstung anzulegen und für die Sache des Guten zu sterben.

»Nein, die Anderen insgesamt. Jegor… die Schlachten zwischen dem Guten und dem Bösen haben Tausende von Jahren mit wechselndem Erfolg getobt. Hin und wieder hat das Licht gesiegt, aber du kannst dir nicht vorstellen, wie viele Menschen, die von der Zwielicht-Welt noch nicht einmal etwas ahnen, dabei gestorben sind. Es gibt nur wenige Andere, doch jeder Andere kann ein Gefolge von mehr als tausend gewöhnlichen Menschen haben. Jegor - wenn jetzt ein Krieg zwischen dem Guten und dem Bösen ausbrechen würde, dann würde die Hälfte der Menschheit sterben.

Deshalb wurde vor fast fünfzig Jahren ein Vertrag unterschrieben. Der Große Vertrag zwischen Gut und Böse, zwischen dem Dunkel und dem Licht.«

Er riss die Augen auf.

Ich atmete tief durch und fuhr dann fort:»Der Vertrag ist nur kurz. Ich lese ihn dir jetzt vor, so, wie er offiziell ins Russische übersetzt worden ist. Denn du hast bereits das Recht, ihn zu kennen.«

Ich kniff die Augen zusammen und spähte in die Dunkelheit. Das Zwielicht erwachte zum Leben, wölkte vor mir auf. Eine graue Stoffbahn entrollte sich, auf der dicht an dicht rote Buchstaben loderten. Den Vertrag darf man nicht aus dem Gedächtnis zitieren, man darf ihn nur vorlesen:

Wir sind die Anderen,

Wir dienen unterschiedlichen Kräften,

Doch im Zwielicht besteht kein Unterschied

Zwischen dem Fehlen des Dunkels

Und dem Fehlen des Lichts.

Unser Kampf vermag die Welt zu vernichten.

Wir schließen den Großen Vertrag über die Waffenruhe.

Jede Seite wird gemäß ihren eigenen Gesetzen leben,

Jede Seite wird ihre eigenen Rechte haben.

Wir begrenzen unsere Rechte und unsere Gesetze.

Wir sind die Anderen.

Wir gründen die Nachtwache,

Damit die Kräfte des Lichts

Über die Kräfte des Dunkels wachen.

Wir sind die Anderen.

Wir gründen die Tagwache,

Damit die Kräfte des Dunkels

Über die Kräfte des Lichts wachen.

Die Zeit wird für uns entscheiden.

Jegor machte große Augen.

»Licht und Dunkel leben in Frieden miteinander?«

»Ja.«

»Und… die Vampire…«Immer und immer wieder kam er auf dieses Thema zurück.»Sind das Dunkle?«

»Ja. Es sind Menschen, die durch die Zwielicht-Welt völlig verändert werden. Sie bekommen enorme Möglichkeiten zugebilligt, verlieren aber ihr Leben. Ihre Existenz verdanken sie fremder Energie. Und Blut ist die bequemste Form, diese Energie aufzunehmen.«

»Aber sie bringen Menschen um!«

»Sie können auch von Blutspenden leben. Das ist wie mit künstlicher Nahrung, mein Junge. Ohne jeden Geschmack, aber kalorienreich. Wenn sich Vampire gestatten würden, auf Jagd zu gehen…«

»Aber sie sind über mich hergefallen!«

Er dachte jetzt nur an sich. Was nicht gut war.

»Manche Vampire brechen die Gesetze. Deshalb haben wir ja auch die Nachtwache: um zu überwachen, dass der Vertrag eingehalten wird.«

»Aber einfach so machen die Vampire keine Jagd auf Menschen?«

Über meine Wange strich ein Luftzug, den unsichtbare Flügel hervorriefen. Krallen bohrten sich mir in die Schulter.

»Was willst du ihm jetzt antworten, Wächter?«, flüsterte Olga aus den Tiefen des Zwielichts. »Traust du dich, ihm die Wahrheit zu sagen?«

»Sie machen Jagd«, antwortete ich. Und fügte das hinzu, was mir damals, vor fünf Jahren, den größten

Schrecken eingejagt hatte:»Mit Lizenzen. Denn manchmal… manchmal brauchen sie lebendes Blut.«

Er stellte die Frage nicht sofort. In den Augen des Jungen las ich jedoch alles, was er gerade dachte, alles, was er wissen wollte. Und wusste, dass ich auf alle Fragen würde antworten müssen.

»Und ihr?«

»Wir verhindern die Wilderei.«

»Dann hätte euer Vertrag es denen also erlaubt… mich zu überfallen? Falls sie eine Lizenz gehabt hätten?«

»Ja«, sagte ich.

»Und die hätten mein Blut getrunken? Und Sie wären vorbeigegangen und hätten weggeschaut?«

Licht und Dunkel…

Ich schloss die Augen. Der Vertrag loderte im grauen Nebel. Gemeißelte Zeilen, hinter denen Jahrtausende des Krieges und Millionen Leben standen.

»Ja.«

»Gehen Sie…«

Der Bengel hielt sich sprungbereit. Balancierte am Rande der Hysterie, am Abgrund des Wahnsinns entlang.

»Ich bin gekommen, um dich zu beschützen.«

»Nicht nötig!«

»Die Vampirin ist frei. Sie wird versuchen, über dich herzufallen…«

»Verschwinden Sie!«

»Hast du’s vermasselt, Wächter?«, seufzte Olga. Ich erhob mich. Jegor zuckte zusammen und rutschte mit seinem Hocker von mir weg.

»Du wirst es schon noch verstehen«, sagte ich.»Wir haben keine andere Wahl…«

Was ich da sagte, glaubte ich selbst nicht. Außerdem war es sinnlos, jetzt einen Streit anzufangen. Draußen dunkelte es bereits, bald würde die Zeit der Jagd beginnen…

Der Junge folgte mir, als wolle er sich überzeugen, dass ich die Wohnung auch wirklich verließ und mich nicht etwa im Schrank versteckte. Ich sagte kein Wort mehr. Öffnete einfach die Tür und trat ins Treppenhaus hinaus. Die Tür fiel hinter mir zu.

Ich stieg zum nächsten Treppenabsatz hinauf und hockte mich vors Fenster. Olga schwieg, ich ebenfalls.

Man darf die Wahrheit nicht so unverblümt aussprechen. Die Menschen tun sich schon schwer damit, auch nur unsere Existenz anzuerkennen. Sich dann noch mit dem Vertrag abzufinden…

»Wir konnten nichts tun«, sagte Olga.»Wir haben den Jungen falsch eingeschätzt, sowohl seine Fähigkeiten als auch seine Angst. Er hat uns entdeckt. Wir mussten auf seine Fragen antworten, und zwar wahrheitsgemäß.«

»Formulierst du schon den Bericht?«, fragte ich.

»Wenn du wüsstest, wie viele Berichte dieser Art ich schon geschrieben habe…«

Aus dem Müllschlucker schlug uns fauler Gestank entgegen. Von draußen drang der Lärm des Prospekts herein, der langsam im Halbdunkel versank. Die ersten Laternen leuchteten bereits. Ich saß da, drehte das Handy zwischen den Händen und überlegte, ob ich jetzt den Chef anrufen oder lieber auf seinen Anruf

warten sollte. Denn bestimmt beobachtete mich Boris Ignatjewitsch ohnehin.

Bestimmt.

»Du solltest die Möglichkeiten der da oben nicht überschätzen«, sagte Olga.»Der Chef steckt bis über beide Ohren in den Problemen mit dem schwarzen Strudel.«

Das Handy in meinen Händen fing an zu quäken.

»Errätst du, wer dran ist?«, fragte ich, während ich das Gerät aufklappte.

»Woody Woodpecker. Oder Whoopi Goldberg.«

Mir war nicht nach Scherzen zumute.

»Hallo?«

»Wo bist du, Anton?«

Die Stimme des Chefs klang müde, gequält. So kannte ich ihn gar nicht.

»Auf dem Treppenabsatz eines widerlichen Hochhauses. Direkt neben dem Müllschlucker. Es ist ziemlich warm hier und fast gemütlich.«

»Hast du den Jungen gefunden?«, fragte der Chef ohne jedes Interesse.

»Ja…«

»Gut. Ich schicke dir Tigerjunges und Bär. Hier können sie sowieso nichts mehr ausrichten. Du fahr nach Perowo. Sofort.«

Als ich mit einer Hand in der Tasche kramte, präzisierte der Chef unverzüglich:»Wenn du kein Geld bei dir hast - nein, selbst wenn du welches hast. Halt einen Wagen der Miliz an, sollen die dich doch rasch hinfahren.«

»Ist es so ernst?«, fragte ich nur.

»Ziemlich. Du kannst jetzt sofort losfahren.«

Ich sah durch das Fenster in die Dunkelheit hinaus.

»Boris Ignatjewitsch, wir sollten den Kleinen nicht allein lassen. Er verfügt in der Tat über ein außerordentliches Potenzial…«

»Das weiß ich… Gut. Tigerjunges und Bär sind schon unterwegs, warte, bis sie da sind. In ihrer Obhut droht dem Jungen keine Gefahr. Sobald sie eintreffen, komm aber direkt hierher.«

Aus dem Apparat piepte es. Ich klappte das Handy zusammen und schielte auf meine Schulter.

»Und was sagst du dazu, Olga?«

»Merkwürdig.«

»Warum? Du hast doch selbst gesagt, dass sie es nicht schaffen.«

»Es ist merkwürdig, dass er dich kommen lässt und nicht mich…«Olga dachte kurz nach.»Vielleicht… Ach nein. Ich weiß auch nicht.«

Ich schaute durchs Zwielicht - und bemerkte am Horizont zwei kleine Flecken. Die beiden Fahnder jagten derart schnell heran, dass sie bereits in etwa fünfzehn Minuten hier sein würden.

»Er hat noch nicht mal nach der Adresse gefragt«, bemerkte ich verdrossen.

»Er wollte keine Zeit verlieren. Hast du nicht gespürt, wie er unsere Koordinaten aufgenommen hat?«

»Nein.«

»Du musst mehr trainieren, Anton.«

»Ich arbeite nicht im Außendienst.«

»Jetzt schon. Gehen wir runter. Den Ruf würden wir auch dort hören.«

Ich erhob mich - unser Platz auf der Treppe kam mir wirklich schon vertraut und gemütlich vor - und stakste hinunter. Ein bitterer, trauriger Nachgeschmack blieb in mir zurück. Hinter mir knallte eine Tür. Ich drehte mich um.

»Ich hab Angst«, sagte der Junge ohne jedes Drumherum.

»Es ist alles in Ordnung.«Ich ging wieder zu ihm nach oben.»Wir passen auf dich auf.«

Er biss sich auf die Lippe und ließ den Blick zwischen mir und dem Halbdunkel im Treppenhaus hin und her wandern. Mich wieder in die Wohnung zu lassen passte ihm gar nicht, ihm fehlte aber auch die Kraft, länger allein zu bleiben.

»Ich glaube, jemand beobachtet mich«, sagte er nach einer Weile.»Sind Sie das?«

»Nein. Wahrscheinlich ist es die Vampirin.«

Der Junge erschauerte nicht. Ich hatte ihm nichts Neues gesagt.

»Wie wird sie mich überfallen?«

»Ohne Aufforderung kann sie nicht durch die Tür kommen. Das ist eine Besonderheit bei Vampiren, die in den Märchen ganz richtig beschrieben wird. Aber du wirst selbst zu ihr hinausgehen wollen. Du willst ja schon jetzt aus der Wohnung heraus.«

»Ich gehe nicht hinaus!«

»Wenn sie den Ruf einsetzt, gehst du. Du wirst verstehen, was geschieht, aber trotzdem gehen.«

»Können… können Sie mir nicht einen Rat geben?

Irgendeinen?«

Jegor kapitulierte. Er wollte Hilfe, jede mögliche Hilfe.

»Das kann ich. Verlass dich auf uns.«

Sein Zögern währte nur eine Sekunde.

»Kommen Sie herein.«Jegor gab die Tür frei.»Nur… meine Mutter kommt gleich von der Arbeit.«

»Ja und?«

»Werden Sie sich dann verstecken? Oder soll ich ihr was Bestimmtes sagen?«

»Zerbrich dir darüber nicht den Kopf«, tat ich seine Bedenken ab.»Aber ich…«

Die Tür der Nachbarwohnung wurde geöffnet, vorsichtig, ein kleines Stück nur, bei vorgelegter Kette. Ich blickte in das kleine faltige Gesicht einer alten Frau.

Rasch streifte ich ihr Bewusstsein, ganz flüchtig nur und möglichst behutsam, um den ohnehin zerrütteten Verstand nicht weiter in Mitleidenschaft zu ziehen.

»Ach, du bist das…«Die Alte strahlte übers ganze Gesicht.»Du, du…«

»Anton«, soufflierte ich ihr hilfsbereit.

»Ich hab schon gedacht, ein Fremder würde sich hier herumtreiben«, meinte die Alte, während sie die Kette abnahm und ins Treppenhaus hinaustrat.»Zeiten haben wir, da muss man mit allem rechnen, die Leute machen, was sie wollen…«

»Keine Sorge«, beruhigte ich sie.»Alles wird gut. Sie gucken jetzt lieber Fernsehen, da läuft eine neue Serie.«

Die Alte nickte, warf mir einen letzten freundlichen

Blick zu und verschwand wieder in ihrer Wohnung.

»Was für eine Serie denn?«, fragte Jegor.

»Weiß nicht.«Ich zuckte mit den Schultern.»Irgendeine. Genug Seifenopern gibt’s doch, oder?«

»Und woher kennen Sie unsere Nachbarin?«

»Ich? Sie? Von nirgendwoher.«

Der Junge schwieg.

»Eben«, meinte ich.»Wir sind die Anderen. Ich komme jetzt nicht mehr mit rein, ich muss weg.«

»Und was dann?«

»Dich werden andere beschützen, Jegor. Du brauchst keine Angst zu haben: Die sind viel bessere Profis als ich.«

Ich spähte durchs Zwielicht: Zwei grelle orangefarbene Feuer näherten sich dem Eingang des Hauses.

»Die… die will ich nicht.«Sofort erfasste Panik den Jungen.»Sie sollen bleiben!«

»Das kann ich nicht. Ich habe eine andere Aufgabe.«

Unten im Eingang knallte die Tür, Schritte hallten. Den Aufzug ignorierten die beiden Kampfspezis.

»Die will ich nicht!«Der Junge machte sich an der Tür zu schaffen, als wolle er sie abschließen.»Denen trau ich nicht!«

»Entweder vertraust du allen von der Nachtwache oder niemandem«, fiel ich ihm hart ins Wort.»Wir sind keine einsamen Supermänner in rotblauen Umhängen. Wir werden für diese Arbeit bezahlt. Wir sind die Polizei der Zwielicht-Welt. Meine Worte sind die Worte der Nachtwache.«

»Und wer sind die?«Der Junge fügte sich in sein

Schicksal.»Magier?«

»Ja. Allerdings hochspezialisierte.«

Unten am Fuß der Treppe tauchte Tigerjunges auf.

»Hallo, Jungs«, rief die junge Frau fröhlich aus, während sie mit einem einzigen Sprung den gesamten Absatz überwand.

Dieser Sprung konnte nicht von einem Menschen sein. Jegor kauerte sich zusammen und trat zurück, wobei er Tigerjunges misstrauisch beäugte. Ich schüttelte den Kopf: Offenbar balancierte die Frau am Rande der Transformation entlang. Das gefiel ihr - und im Moment hatte sie allen Grund, sich auszutoben.

»Wie sieht’s in Perowo aus?«, fragte ich.

Tigerjunges seufzte laut auf, bevor sie lächelte.»Och… lustig. Alle sind in Panik. Geh jetzt, Antoschka, sie warten schon auf dich… Und das hier ist wohl mein kleiner Schützling, oder?«

Schweigend sah der Junge sie an. Der Chef hatte eine gute Wahl getroffen, indem er Tigerjunges zum Schutz hierher geschickt hatte, das musste man ihm lassen. Vom Kind bis zum Greis flößte sie allen Vertrauen und Sympathie ein. Angeblich fielen sogar die Dunkeln ab und zu auf sie rein. Was sie teuer zu stehen kam…

»Ich bin kein Schützling«, erwiderte der Junge schließlich.»Ich heiße Jegor.«

»Und ich bin Tigerjunges.«Die Frau war bereits in die Wohnung gegangen, jetzt legte sie dem Jungen liebevoll den Arm um die Schultern.»Dann bring mich mal zum Kriegsschauplatz! Damit wir unsere Verteidigung in Stellung bringen können!«

Kopfschüttelnd ging ich hinunter. In fünf Minuten würde Tigerjunges dem Jungen zeigen, wie sie zu ihrem Namen gekommen war.

»Hallo«, brummte Bär, als er mir entgegenkam.

»Hallo.«Wir gaben uns kurz die Hand. Von allen Mitarbeitern der Wache rief Bär in mir die seltsamsten und widersprüchlichsten Gefühle hervor.

Bär war etwas größer als der Durchschnitt, kräftig und hatte einen absolut undurchdringlichen Gesichtsausdruck. Er machte nie viel Worte. Wie er seine Freizeit verbrachte, wo er wohnte - das wusste niemand, von Tigerjunges vielleicht abgesehen. Gerüchten zufolge sollte er gar kein Magier, sondern ein Tiermensch sein. Angeblich hatte er zunächst in der Tagwache gearbeitet, bis er dann im Zuge irgendeiner Mission plötzlich auf unsere Seite überwechselte. All das war natürlich blanker Unsinn, denn die Lichten verwandeln sich ebenso wenig in Dunkle, wie die Dunklen zu Lichten mutieren. Doch irgendetwas steckte in Bär, das einen unwillkürlich irritierte.

»Das Auto wartet auf dich«, sagte der Fahnder im Laufen.»Der Fahrer ist ein Ass. Bist im Nu da.«

Bär stotterte leicht und baute deshalb nur kurze Sätze. Er beeilte sich nicht, denn Tigerjunges hielt bereits Wache. Doch ich durfte keine Zeit vergeuden.

»Sieht es da schlimm aus?«, fragte ich, während ich einen Zahn zulegte.

»Kann man wohl sagen«, scholl es von oben herab.

Mehrere Stufen auf einmal nehmend, stürzte ich aus dem Haus. Der Wagen wartete schon - und ich musste kurz innehalten, da ich mich einfach nicht satt sehen konnte an ihm. Ein eleganter BMW in dunklem Burgunderrot, das neueste Modell, mit einer lieblos auf dem Dach angeklebten Sirene. Beide Türen auf der Seite zum Haus hin standen offen, der Fahrer, unter dessen Jackett eine Pistole zu erahnen war, lehnte sich zum Wagen hinaus und rauchte hastig. Am hinteren Schlag stand ein älterer Mann von monumentaler Statur in offenem Mantel und einem sehr teuren Anzug, an dessen Revers ein Abgeordnetenzeichen funkelte.

»Ja, wer ist er denn?«, sagte der Mann in sein Handy.»Sobald ich kann, komm ich! Was? Was für Weiber, verdammich? Hast du sie noch alle? Könnt ihr nicht einen Schritt alleine machen?«

Als er mich aus den Augenwinkeln heraus erblickte, brach der Abgeordnete das Telefonat ab, ohne sich zu verabschieden, und kletterte in den Wagen. Der Chauffeur zog ein letztes Mal gierig an der Zigarette, warf sie dann weg und klemmte sich hinters Steuer. Der Motor heulte leise auf, und ich hatte kaum im Fond Platz genommen, als das Auto davonschoss. Vereiste Zweige kratzten über die Tür.

»Bist du blind, oder was?«, blaffte der Abgeordnete den Fahrer an, obwohl die Schuld daran einzig und allein bei mir lag. Doch der Besitzer des Wagens brauchte sich nur mir zuzudrehen, da änderte sich sein Ton auch schon:»Du willst nach Perowo?«

Noch nie hatte mich ein Vertreter der Macht mitnehmen dürfen. Noch dazu entweder jemand aus den höheren Rängen der Miliz oder ein Mafiapate. Vom Kopf her war mir klar, dass sie für einen Wächter mit seinen Möglichkeiten allesamt gleich waren, doch ausprobiert hatte ich dergleichen noch nie.

»Ja, dorthin, woher die anderen kamen. Und zwar

möglichst schnell…«

»Hörst du, Wolodka«, wandte sich der Abgeordnete an den Fahrer.»Also sieh zu!«

Wolodka gab Gas. Und zwar so energisch, dass mir ganz anders wurde und ich ins Zwielicht spähte: Ob wir mit heiler Haut ankommen?

Ja, das würden wir. Allerdings nicht wegen des meisterlichen Könnens des Fahrers oder des Erfolgskoeffizienten, der bei mir, wie bei jedem Wächter, künstlich heraufgesetzt worden war. Vielmehr schien sich jemand das Wahrscheinlichkeitsfeld vorgenommen und alle Unfälle, Staus und neidischen Verkehrspolizisten aus dem Weg geräumt zu haben.

In unserer Abteilung bringt dergleichen nur der Chef fertig. Aber wozu?

»Mir ist auch bange…«, flüsterte auf meiner Schulter der unsichtbare Vogel.»Als ich mit dem Grafen…«

Sie verstummte, als habe sie sich ertappt, allzu mitteilsam gewesen zu sein.

Das Auto bretterte bei Rot über eine Kreuzung und wich einigen PKW sowie einem Laster aus, wobei es sich halb auf eine Seite legte. An einer Haltestelle wies jemand mit der Hand in unsere Richtung.

»Auch ein Schlückchen?«, fragte der Abgeordnete freundlich. Er hielt mir eine kleine Flasche Remy Martin und einen Einwegbecher aus Plastik hin. Das Ganze wirkte so komisch, dass ich mir ohne zu zögern dreißig Gramm eingoss. Selbst bei der Geschwindigkeit und der miserablen Straße fuhr der Wagen ruhig, sodass der Kognak nicht überschwappte.

Ich gab die Flasche zurück, nickte, holte die Kopfhörer aus der Tasche, stöpselte sie mir in die Ohren und

schaltete die Mini-Disc ein. Ein uraltes Lied der Gruppe Woskressenje erklang, mein Lieblingsstück.

Da gab es eine Stadt wie Kinderspielzeug klein,

Sie kannte längst schon nicht mehr Krankheit, Invasion.

Die Straße lief vorbei ins weite Land hinein,

Ein rostiges Geschütz stand still auf der Bastion.

Und Jahr für Jahr kein Fest und keine Arbeit schwer -

Das ganze Städtchen schlief.

Doch Länder sah’s im Traum mit Städten, menschenleer,

Gehaun in Felsen tief.

Wir kamen auf die Hauptstraße. Der Wagen raste immer schneller dahin, noch nie hatte ich mit einer derartigen Geschwindigkeit Moskau durchquert. Und nicht nur Moskau… Wenn das Wahrscheinlichkeitsfeld nicht freigemacht worden wäre, hätte ich ihn dazu gebracht, das Gas wegzunehmen - es war einfach zu beängstigend.

Bis eines Tags Musik im kalten Stein erklang,

Das Städtchen aber schlief…

Wohin rief die Musik? Wen lockte jener Sang?

Man weiß nicht, wer da rief…

Unwillkürlich fiel mir ein, dass der Sänger Romanow selbst ein Anderer war. Nur nicht initiiert. Man war zu spät auf ihn aufmerksam geworden… Dann hatte man ihm zwar ein Angebot gemacht, doch er hatte abgelehnt.

Auch eine Möglichkeit.

Wie oft er diese Musik wohl in der Nacht hörte?

Doch wer in schwüler Nacht die Fenster offen ließ -

Die findet man nicht mehr.

Sie zogen in ein Land, wo Leben Leben hieß,

Dem Liede hinterher…

»Willst du noch was?«Der Abgeordnete war die Fürsorge in Person. Was Bär und Tigerjunges ihm wohl eingeflüstert hatten? Dass ich sein bester Freund bin? Dass er für immer in meiner Schuld steht? Dass ich der außereheliche, aber heiß geliebte Sohn des Präsidenten bin?

Wie albern das alles ist! Es gibt Hunderte von Möglichkeiten, das Vertrauen der Menschen, ihre Sympathie und Hilfsbereitschaft zu gewinnen. Das Licht hat seine eigenen Methoden, leider verfügt jedoch auch das Dunkel über eine ganze Reihe davon. Albern.

Denn die Frage ist doch: Wozu braucht der Chef mich?

Sechs

Ilja erwartete mich am Straßenrand. Er stand mit in die Taschen gestopften Händen da und schaute angewidert in den Himmel, von dem feiner Schnee herabrieselte.

»Endlich«, sagte er bloß, nachdem ich mich mit einem Handschlag von dem Abgeordneten verabschiedet hatte und aus dem Wagen gestiegen war.»Dem Chef reicht die Warterei langsam.«

»Was geht hier vor?«

Ilja grinste. Doch keine Spur normaler Lebensfreude lag in diesem Lächeln.»Wirst du gleich sehen… Gehen wir.«

Wir marschierten einen platt gestampften Weg entlang und wichen den Frauen aus, die voll gepackt mit Taschen vom Supermarkt kamen. Komisch, obwohl wir jetzt richtige Supermärkte haben, stapfen die Leute immer noch so wie früher davon - als ob sie gerade eine Stunde für blaue Hühnerleichen angestanden hätten.

»Ist es weit?«, fragte ich.

»Wenn es weit wäre, würde ich fahren.«

»Was ist mit unserm Sexgiganten? Ist er klargekommen?«

»Ignat hat sich Mühe gegeben«, erwiderte Ilja bloß. Aus irgendeinem Grund verspürte ich ein kurzes und rachsüchtiges Vergnügen, als ob das Scheitern des Schönlings Ignat mir von Nutzen sei. Wenn die Sache es erforderte, landete er normalerweise binnen ein, zwei Stunden nach Erhalt des Auftrags im entsprechenden Bett.

»Der Chef hat Bereitschaft zur Evakuierung angeordnet«, meinte Ilja plötzlich.

»Was?«

»Volle Bereitschaft. Wenn der Strudel nicht stabilisiert werden kann, verlassen die Anderen Moskau.«

Da er vor mir herging, konnte ich ihm nicht in die Augen sehen. Doch weshalb hätte Ilja mich anlügen sollen?

»Und der Strudel ist nach wie vor…«, setzte ich an. Und verstummte. Ich sah es selbst.

Vor uns drehte sich über einem trostlosen achtstöckigen Hochhaus im dunklen, schneeverhangenen Himmel langsam der schwarze Wirbelsturm.

Man konnte ihn schon nicht mehr Strudel oder Wirbelwind nennen. Nur noch Wirbelsturm. Er wand sich nicht aus diesem Haus heraus, sondern aus dem dahinter, das wir noch nicht zu erkennen vermochten. Und in Anbetracht des Winkels dieses dunklen Kegels musste der Wirbelsturm fast aus der Erde herauswachsen.

»Teufel…«, flüsterte ich.

»Beschrei hier nichts!«, fuhr mir Ilja über den Mund.»Der kommt sonst wirklich.«

»Er muss mindestens dreißig Meter…«

»Zweiunddreißig. Und er wächst weiter.«

Rasch schaute ich auf meine Schulter, wo ich Olga erblickte. Sie war aus dem Zwielicht herausgetreten.

Haben Sie jemals einen erschrockenen Vogel gesehen? Wie ein Mensch erschrocken?

Der Eule schien sich das Gefieder zu sträuben. Ob

Federn zu Berge stehen können? In ihren Augen brannte ein gelb-orangefarbenes Bernsteinfeuer. Meine arme Jacke wurde an der Schulter völlig zerfetzt, während die Krallen weiter und weiter auf sie einhackten, als wollten sie sich bis zu meinem Fleisch vorarbeiten.

»Olga!«

Ilja drehte sich um und nickte.»Ach ja… Der Chef behauptet, dass der Strudel in Hiroshima kleiner war.«

Die Eule flatterte mit den Flügeln und erhob sich lautlos und leicht in die Luft. Hinter mir kreischte eine Frau auf - ich drehte mich um und blickte in ein entsetztes Gesicht und weit aufgerissene Augen, die dem Vogel folgten.

»Da fliegt eine Krähe«, verkündete Ilja ruhig, wobei er sich halb zu der Frau herumdrehte und sie beobachtete. Seine Reaktionsfähigkeit übertraf die meine bei weitem. Im nächsten Moment hatte die zufällige Zeugin uns umrundet, wobei sie unzufrieden etwas über den viel zu schmalen Pfad und über Leute brummelte, die anderen gern den Weg versperren.

»Wächst er schnell?«, fragte ich und nickte in Richtung Wirbelsturm.

»Schubartig. Jetzt läuft gerade die Stabilisierung. Der Chef hat Ignat noch rechtzeitig abberufen. Gehen wir…«

Die Eule umkreiste den Wirbelsturm in weitem Bogen und ging dann tiefer, um über unseren Köpfen dahinzufliegen. Einen Rest Selbstbeherrschung hatte Olga sich bewahrt, doch das unvorsichtige Herauskommen aus dem Zwielicht ließ auf ihre Konfusion schließen.

»Was hat er denn angerichtet?«

»Im Grunde nichts… ist nur ein bisschen zu selbstsicher aufgetreten. Er hat sie angesprochen. Dann wollte er’s übers Knie brechen und hat damit ein Anwachsen des Strudels bewirkt… Und was für eins.«

»Das verstehe ich nicht«, meinte ich verwirrt.»Ein solches Wachstum ist nur denkbar, wenn ein Magier ihn zusätzlich mit Energie auflädt und so das Inferno heraufbeschwört…«

»Genau darum geht es. Irgendjemand ist Ignats Spur gefolgt und hat Öl ins Feuer gegossen. Hier lang…«

Wir gelangten zum Eingang des Hauses, das uns gegen den Wirbel abschirmte. Die Eule kam uns im letzten Augenblick hinterhergeflogen. Verständnislos sah ich Ilja an, fragte jedoch nichts. Es würde sich ohnehin gleich herausstellen, weshalb wir hier waren.

In einer der Wohnungen im Erdgeschoss war der Einsatzstab eingerichtet worden. Die gewaltige Stahltür, in der Welt der Menschen fest verschlossen, stand im Zwielicht sperrangelweit offen. Ohne zu zögern tauchte Ilja ins Zwielicht ein und ging weiter, während ich einige Sekunden brauchte, um meinen Schatten aufzuheben und ihm zu folgen.

Die große Wohnung hatte vier Zimmer, alle sehr gemütlich. Es war laut, warm und verraucht.

Mehr als zwanzig Andere hatten sich hier einquartiert. Sowohl Fahnder als auch wir, die Büroratten. Niemand achtete auf mein Kommen, wohingegen Olga die Aufmerksamkeit auf sich zog. Mir war klar, dass die alten Mitarbeiter der Wache sie kannten, auch wenn niemand Anstalten machte, die weiße Eule zu

begrüßen oder ihr zuzulächeln.

Was hast du nur angestellt?

»Ins Schlafzimmer, da ist der Chef«, meinte Ilja, der seinerseits auf die Küche zusteuerte. Von dort war das Klirren von Gläsern zu hören. Vielleicht tranken sie Tee, vielleicht auch etwas Stärkeres. Ich warf kurz einen Blick in die Küche und überzeugte mich, dass ich Recht hatte. Ignat sollte gerade mit Kognak aufgepäppelt werden. Unser Sexterrorist wirkte völlig geschlagen und am Boden zerstört, einen derartigen Reinfall hatte er lange nicht einstecken müssen.

Ich ging weiter, stieß die erstbeste Tür auf und spähte hinein.

Das Kinderzimmer. In einem kleinen Bett schlief ein fünfjähriges Kind, daneben auf dem Teppich seine Eltern und ein Mädchen im Teenageralter. Alles klar. Man hatte die Mieter der Wohnung in süßen und tiefen Schlaf geschickt, damit sie uns nicht in die Quere kamen.

Natürlich hätte der gesamte Stab auch im Zwielicht operieren können, doch wozu hätten wir unsere Kräfte auf diese Weise vergeuden sollen?

Jemand klopfte mir auf die Schulter. Ich drehte mich um und sah Semjon vor mir.

»Der Chef ist da«, sagte er bloß.»Sieh zu…«

Offenbar wussten alle, dass ich erwartet wurde.

Ich betrat ein Zimmer und wollte im ersten Moment meinen Augen nicht trauen.

Es gibt nichts Absurderes als einen Einsatzstab der Nachtwache, der in einer normalen Mietswohnung untergebracht ist.

Über einer Frisierkommode, auf der sich diverse Kosmetika und Modeschmuck türmten, hing eine magische Kugel von mittlerer Größe. Die Kugel übertrug die Ansicht des Wirbels aus der Vogelperspektive. Daneben saß Lena, unsere beste Bildgeberin, schweigend und konzentriert auf einem kleinen gepolsterten Hocker. Sie hatte die Augen geschlossen, doch bei meinem Erscheinen hob sie leicht die Hand, um mich zu begrüßen.

Gut, so weit war alles wie immer. Der Bildgeber der Kugel sieht den Raum in seiner Gesamtheit, ihm entgeht nichts.

Auf dem unter Kissen begrabenen Bett hatte es sich der Chef in einer halb liegenden Position bequem gemacht. Er trug einen farbenfrohen Hausmantel, weiche orientalische Schuhe und ein buntes Käppchen auf dem Kopf. Der süße Rauch einer transportablen Wasserpfeife schwängerte den Raum. Die weiße Eule saß vor ihm. Allem Anschein nach verständigten sie sich auf nonverbale Weise.

Auch das war völlig normal. In Momenten besonderer Anspannung kehrte der Chef stets zu den Gewohnheiten zurück, die er sich in Zentralasien zugelegt hatte. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts hatte er dort gearbeitet und sich zunächst als Mufti, später als Anführer der Basmatschen, dann als roter Kommissar ausgegeben, um schließlich etwa zehn Jahre als Sekretär des Bezirkskomitees tätig zu sein.

Am Fenster standen Danila und Farid. Selbst meine Fähigkeiten reichten aus, um das purpurfarbene Blinken der magischen Stäbe zu bemerken, die sie in ihren Ärmeln versteckt hatten.

Absolute Standardvorkehrungen. Auf Schutz würde der Stab in solchen Momenten nicht verzichten. Danila und Farid waren zwar nicht die stärksten Kämpfer, verfügten jedoch über ungeheure Erfahrung, was mitunter weit wichtiger ist als rohe Kraft.

Doch wie passte ein weiterer Anderer ins Bild, der sich im Zimmer aufhielt?

Bescheiden hockte er in einem Eckchen, unauffällig. Der Mann war dünn wie eine Bohnenstange, hatte eingefallene Wangen, schwarzes, militärisch kurz geschnittenes Haar und große traurige Augen. Sein Alter ließ sich nicht schätzen, vielleicht war er dreißig, vielleicht aber auch dreihundert. Er trug dunkle Kleidung. Der locker sitzende Anzug und das graue Hemd passten hervorragend zu seinem Äußeren. Ein Mensch hätte den Mann womöglich für das Mitglied einer kleinen Sekte gehalten. Und irgendwie stimmte das ja auch.

Es war ein Dunkler Magier. Zudem ein hochrangiger. Als er mich kurz ansah, spürte ich, wie die Schale meiner Abschirmung - die übrigens nicht von mir stammte! - Risse bekam und langsam eingedrückt wurde.

Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück. Doch der Magier hatte den Blick bereits zu Boden gesenkt, als wolle er zu verstehen geben: Die Sondierung war lediglich ein Zufall und flüchtig.

»Boris Ignatjewitsch.«Ich merkte, dass meine Stimme leicht kratzte.

Der Chef nickte kurz, dann wandte er sich an den Dunklen Magier. Der starrte sofort den Chef an.

»Gib ihm das Amulett«, befahl der Chef knapp.

»Ich tue nichts, was der Vertrag verbietet…«

Die Stimme des Dunklen nahm sich bedrückt und leise aus, wie die eines Menschen, auf dem alles Leid dieser Welt lastet.

»Ich ebenfalls nicht. Aber meine Mitarbeiter müssen immun gegen jeden Beobachter sein.«

Das war’s also! Zu unserem Stab gehörte ein Beobachter der Dunklen. Also befand sich irgendwo in der Nähe ein Stab der Tagwache, und dort saß einer von unseren Leuten.

Der Dunkle Magier versenkte die Hand in der Tasche seines Jacketts, kramte darin herum und zog ein geschnitztes beinernes Medaillon heraus, das an einer Kupferkette hing. Er streckte es mir entgegen.

»Wirf es her!«, sagte ich.

Der Magier lächelte matt, melancholisch und mitleidig, und warf mir das Medaillon aus dem Handgelenk zu. Ich fing es auf. Der Chef nickte zufrieden.

»Name?«, fragte ich.

»Sebulon.«

Diesen Namen hatte ich nie zuvor gehört. Entweder war der Mann kaum bekannt, oder er stand ganz oben an der Spitze der Tagwache.

»Sebulon…«, wiederholte ich, während ich das Amulett betrachtete.»Du hast keine Macht mehr über mich.«

Das Medaillon erwärmte sich in meiner Hand. Ich legte es über meinem Hemd an, nickte dem Dunklen Magier zu und ging zum Chef hinüber.

»So stehen die Dinge, Anton«, nuschelte der Chef, das Mundstück der Wasserpfeife zwischen den Lippen.»So stehen sie. Siehst du das da?«

Ich schaute zum Fenster hinaus und nickte.

Der schwarze Wirbelwind wuchs aus einem achtstöckigen Haus heraus, das genau dem entsprach, in dem wir uns befanden. Der schmale geschmeidige Stängel des Wirbels wurzelte irgendwo im Erdgeschoss. Indem ich mich ins Zwielicht hineinstreckte, vermochte ich die Wohnung genau auszumachen.

»Wie konnte das passieren?«, fragte ich.»Boris Ignatjewitsch, das ist kein Ziegel mehr, der einem auf den Kopf fällt… keine Gasexplosion im Hauseingang…«

»Wir tun, was wir können.«Dem Chef schien daran gelegen, sich mir gegenüber zu rechtfertigen.»Wir haben alle Raketenbasen unter unserer Kontrolle, auch die in Amerika und Frankreich, in China werden die entsprechenden Maßnahmen gerade zum Abschluss gebracht. Schwieriger ist es mit taktischen Atomwaffen. Die einsatzfähigen Laserraketen können wir auf gar keinen Fall alle identifizieren. Bakteriologisches Dreckszeug gibt es in der Stadt genug… Vor etwa einer Stunde wäre es im Institut für Virenforschung beinahe zu einer Freisetzung gekommen.«

»Das Schicksal täuscht man nicht«, bemerkte ich zögernd.

»Eben. Wir stopfen ein Leck im Boden eines Schiffes. Dabei ist das Schiff bereits in der Mitte geborsten.«

Mit einem Mal bemerkte ich, dass alle - der Dunkle Magier, Olga, Lena und die Kampfspezis - mich ansahen. Mir wurde unbehaglich zumute.

»Boris Ignatjewitsch?«

»Du bist mit ihr verbunden.«

»Was?«

Der Chef seufzte und nahm die Pfeife aus dem Mund, sodass kalter Opiumrauch zu Boden sickerte.»Du, Anton Gorodezki, Programmierer, alleinstehend und mit mittleren Fähigkeiten, bist mit der Frau verbunden, über der diese schwarze Sauerei hängt.«

Der Dunkle Magier in der Ecke seufzte kaum hörbar auf. Etwas Besseres, als»Warum?«zu fragen, fiel mir nicht ein.

»Ich weiß es nicht. Wir haben Ignat auf sie angesetzt, und der hat gute Arbeit geleistet. Du weißt, dass er jeden und jede bezirzen kann.«

»Aber mit ihr hat es nicht geklappt?«

»Doch. Nur dass der Strudel plötzlich gewachsen ist. In der halben Stunde, die sie miteinander verbracht haben, ist er von anderthalb Meter auf fünfundzwanzig Meter angewachsen. Wir mussten ihn zurückrufen… Umgehend.«

Ich schielte zu dem Dunklen Magier hinüber. Sebulon schien zu Boden zu blicken, hob dann jedoch den Kopf. Diesmal brach meine Verteidigung nicht ein: Das Amulett schützte mich zuverlässig.

»Wir brauchen das nicht«, sagte er leise.»Nur ein Wilder tötet einen Elefanten, um zum Frühstück ein Stück Fleisch zu haben.«

Der Vergleich missfiel mir. Vermutlich log Sebulon aber nicht.

»Ein solches Ausmaß an Zerstörung benötigen wir nur selten«, fügte der Dunkle Magier hinzu.»Momentan laufen bei uns keine Projekte, für die eine solche Freisetzung von Energie nötig wäre.«

»Das will ich hoffen…«, ließ sich der Chef mit fremder, knarrender Stimme vernehmen.»Sebulon, du

solltest wissen, dass wir im Falle einer Katastrophe… ebenfalls den größtmöglichen Nutzen herausholen würden.«

Auf dem Gesicht des Dunklen Magiers deutete sich der Schatten eines Lächelns an.

»Die Zahl der Menschen, die dann in Panik geraten werden, die Tränen vergießen und Kummer empfinden werden, wird ungeheuer sein. Doch größer, unermesslich viel größer wird die Zahl derjenigen sein, die gierig vor dem Fernseher kleben, sich an fremdem Leid laben, sich darüber freuen, dass die Katastrophe ihre Stadt verschont hat, die über das Dritte Rom witzeln, das seine Strafe ereilt… seine Gottesstrafe. Das weißt du, mein Feind.«

Das war keine Schadenfreude - hochrangige Dunkle sind solch einer primitiven Reaktion gar nicht fähig. Sondern pure Information.

»Und dennoch sind wir darauf vorbereitet«, sagte Boris Ignatjewitsch.»Das weißt du.«

»In der Tat. Doch wir sind im Vorteil. Falls du nicht noch das eine oder andere Ass im Ärmel hast, Boris.«

»Du weißt, dass ich immer vier Asse habe.«

Der Chef wandte sich mir zu, als habe er jedes Interesse an dem Dunklen Magier verloren.»Anton, der Strudel wird nicht von der Tagwache gespeist. Er geht auf eine Einzelperson zurück. Auf einen unbekannten Dunklen Magier mit unglaublicher Kraft. Er hat Ignat gespürt und daraufhin das Wachstum forciert. Jetzt bist du unsere einzige Hoffnung.«

»Warum?«

»Ich habe es dir schon gesagt: Ihr seid miteinander verbunden. Anton, das Wahrscheinlichkeitsfeld weist drei Möglichkeiten auf.«

Der Chef machte ein Zeichen mit der Hand, und in der Luft entrollte sich die weiße Fläche einer Leinwand. Sebulon verzog das Gesicht, vermutlich hatte ihn der Energieausstoß leicht gestreift.

»Die erste Entwicklungslinie«, sagte der Chef. Über die weiße Leinwand, die freischwebend in der Mitte des Zimmers hing, lief ein schwarzer Streifen. Am Ende blähte er sich zu einem unförmigen Klecks auf, der über den Rand des Schirms hinausreichte.»Der wahrscheinlichste Weg. Der Strudel erreicht sein Maximum, und das Inferno bricht durch. Millionen von Opfern. Eine globale Katastrophe - atomarer Art, biologischer, ein Asteoridenniederschlag, ein Erdbeben der Stärke zwölf. Alles, was du dir nur vorstellen kannst.«

»Was ist mit einem direkten Ausbruch des Infernos?«, fragte ich vorsichtig. Ich linste zum Dunklen Magier hinüber: Seine Miene wirkte unbeteiligt.

»Nein. Wohl kaum. Die Schwelle ist noch lange nicht erreicht.«Der Chef nickte.»Andernfalls hätten sich Tag- und Nachtwache meiner Ansicht nach schon gegenseitig vernichtet. Der zweite Weg…«

Eine dünne Linie, die von dem schwarzen Streifen abging. Ein abgerissener Ausläufer.

»Die Vernichtung des Ziels. Der Wirbel löst sich auf, sobald sein Ziel stirbt - ganz von selbst.«

Sebulon bewegte sich.»Ich bin gern bereit, bei dieser kleinen Aktion behilflich zu sein«, bot er liebenswürdig an.»Die Nachtwache kann das allein nicht bewerkstelligen, nicht wahr? Wir stehen also zu Ihren Diensten.«

Stille senkte sich herab. Dann lachte der Chef los.

»Wie Sie wollen.«Sebulon zuckte mit den Schultern.»Ich wiederhole, dass wir unsere Dienste anbieten. Wir brauchen keine globale Katastrophe, die augenblicklich Millionen Menschen tötet. Noch nicht.«

»Der dritte Weg«, sagte der Chef mit Blick auf mich.»Schau genau hin!«

Eine weitere Linie schlängelte sich aus der gemeinsamen Wurzel heraus. Verjüngte sich und verlief im Nichts.

»Er besteht darin, dass du auf den Plan trittst, Anton.«

»Was soll ich tun?«, fragte ich.

»Ich weiß es nicht. Die Wahrscheinlichkeitsprognose gibt nie genaue Hinweise. Bekannt ist nur eins: Dass du den Strudel bannen kannst.«

Mir huschte der dumme Gedanke durch den Kopf, dass mein Test noch nicht abgeschlossen war. Die Erprobung im Einsatz… Den Vampir hatte ich getötet, und jetzt… Doch nein. Das konnte nicht sein. Nicht, wenn so viel auf dem Spiel stand!

»Ich habe noch nie einen schwarzen Strudel gebannt.«Meine Stimme klang irgendwie fremd, nicht unbedingt verängstigt, eher erstaunt. Der Dunkle Magier Sebulon kicherte - auf widerwärtige, weibische Weise.

»Ich weiß, Anton«, meinte der Chef nickend.

Dann erhob er sich, zog den Hausmantel fest um sich und kam auf mich zu. Er sah ziemlich komisch aus, zumindest in dieser normalen Moskauer Wohnung erinnerte er mit seinem orientalischen Auftreten an eine misslungene Karikatur.

»Noch nie zuvor hat irgendjemand einen solchen Strudel gebannt. Du bist der Erste, der das versucht.«

Ich schwieg.

»Bedenke auch Folgendes, Anton: Wenn dir irgendein Fehler unterläuft - und sei er auch noch so klein, irgendetwas -, dann bist du der Erste, der verbrennt. Dir wird nicht einmal genug Zeit bleiben, ins Zwielicht zu gelangen. Du weißt, was mit den Lichten passiert, wenn sie in einen Durchbruch des Infernos geraten?«

Meine Kehle trocknete aus. Ich nickte.

»Verzeihen Sie, mein gütigster Feind«, bemerkte Sebulon amüsiert.»Räumen Sie Ihren Mitarbeitern nicht das Recht der Wahl ein? Selbst im Krieg fordert man in solchen Situationen… Interessenten auf.«

»Wir haben Freiwillige aufgefordert«, erwiderte der Chef, ohne sich umzudrehen.»Wir alle sind Freiwillige, seit langem schon. Und eine Wahl haben wir nicht.«

»Wir schon. Immer.«Der Dunkle Magier kicherte erneut.

»Indem wir den Menschen das Recht der Wahl zubilligen, nehmen wir es uns selbst. Sebulon…«Boris Ignatjewitsch schielte zu dem Dunklen Magier hinüber.»… du plagst dich hier vor fremdem Publikum. Stör lieber nicht.«

»Ich sage kein Wort mehr.«Sebulon senkte den Kopf und kauerte sich zusammen.

»Versuch es«, sagte der Chef.»Anton, ich kann dir keinen Rat geben. Du musst es einfach versuchen. Ich bitte dich, versuche es. Und… vergiss alles, was ich dir beigebracht habe. Glaube nicht an das, was ich dir gesagt habe, glaube nicht an das, was du dir im Unterricht notiert hast, trau deinen Augen nicht, trau frem-

den Worten nicht.«

»Wem soll ich dann glauben, Boris Ignatjewitsch?«

»Wenn ich das wüsste, Anton, dann würde ich den Stab verlassen… und selbst in dieses Haus gehen.«

Gleichzeitig blickten wir zum Fenster hin. Der schwarze Wirbelwind drehte sich, taumelte von einer Seite auf die andere. Ein Mensch, der auf dem Gehweg entlangging, machte plötzlich kehrt und umrundete die Spitze des Wirbels im weiten Bogen. Mir fiel auf, dass am Rand bereits ein Pfad getrampelt worden war: Die Menschen konnten das über der Erde schwelende Böse zwar nicht sehen, fühlten aber, dass es näher kam.

»Ich werde Anton decken«, sagte Olga plötzlich.»Ihn decken und die Verbindung halten.«

»Von außen«, stimmte der Chef zu.»Nur von außen… Anton… geh jetzt. Wir werden dich so gut wie möglich gegen jede Beobachtung abschirmen.«

Die weiße Eule flog vom Bett auf und ließ sich auf meiner Schulter nieder.

Mit einem letzten Blick auf meine Freunde und auf den Dunklen Magier, der aussah, als sei er eingeschlafen, ging ich aus dem Zimmer. Sofort bemerkte ich, wie jedes Geräusch in der Wohnung verstummte.

Sie ließen mich in völliger Stille gehen, ohne jedes überflüssige Wort, ohne mir noch einmal auf die Schulter zu klopfen, ohne mir einen Rat mit auf den Weg zu geben. Denn im Grunde tat ich nichts Besonderes. Ich ging einfach sterben.

Es war still. Irgendwie beunruhigend still, selbst für einen Mos-

kauer Schlafbezirk zu so später Stunde. Als ob sich alle in den Häusern verschanzt, das Licht gelöscht, sich die Decke über den Kopf gezogen hätten und schwiegen. Schwiegen - nicht etwa schliefen. Bloß in den Fenstern flimmerten noch blaurote Flecken, denn überall liefen die Fernseher. Diese Angewohnheit, bei Angst oder Schwermut den Fernseher einzuschalten und sich alles Mögliche anzugucken, vom Teleshopping bis zu den Nachrichten. Die Menschen sehen die Zwielicht-Welt nicht. Doch sie können ihre Nähe spüren.

»Olga, was sagst du zu diesem Strudel?«, fragte ich.

»Unüberwindlich.«

Kurz und knapp.

Ich stand vor dem Hauseingang und betrachtete den geschmeidigen, an einen Elefantenrüssel erinnernden Stängel des Wirbels. Noch wollte ich nicht hineingehen.

»Wann… bei welcher Größe könntest du den Strudel zermalmen?«

Olga dachte nach.»Bei einer Höhe von fünf Metern. Da besteht noch eine Chance. Bei drei Metern klappt es bestimmt.«

»Und die Frau wird dabei gerettet?«

»Vielleicht.«

Etwas ließ mir keine Ruhe. In dieser unnormalen Stille, wo selbst die Autos den verdammten Bezirk umfuhren, waren immer noch einige Geräusche zu hören…

Dann ging es mir auf. Die Hunde winselten. In allen Wohnungen, in allen Häusern um uns herum beklagten die unglücklichen Tiere leise, erbärmlich und hilflos

ihre Herren. Sie sahen das nahende Inferno.

»Olga, die Informationen über die Frau. Sämtliche.«

»Swetlana Nasarowa. Fünfundzwanzig Jahre. Internistin, arbeitet in der Poliklinik Nr. 17. Keine Beobachtungen seitens der Nachtwache. Keine Beobachtungen seitens der Tagwache. Magische Fähigkeiten wurden nicht entdeckt. Die Eltern und der jüngere Bruder leben in Bratejewo, der Kontakt zu ihnen ist unregelmäßig, hauptsächlich telefonisch. Vier Freundinnen, die überprüft werden und bislang sauber sind. Normale Beziehungen zu ihrem Umfeld, heftige Antipathien wurden nicht festgestellt.«

»Eine Ärztin«, sagte ich nachdenklich.»Olga, das ist vielleicht ein Spur. Irgendein Alter oder eine Alte… die mit der Behandlung unzufrieden sind. In den letzten Lebensjahren brechen sich gewöhnlich latente magische Fähigkeiten Bahn…«

»Das wird überprüft«, erwiderte Olga.»Bislang hat sich da nichts ergeben.«

War ja auch zu schön gewesen. Es war dumm, sich in Mutmaßungen zu ergehen; einen halben Tag lang hatten sich Leute mit der Frau befasst, die klüger waren als ich.

»Was noch?«

»Blutgruppe A. Keine ernsthaften Erkrankungen, mitunter leichte Herzschmerzen. Erster sexueller Kontakt mit siebzehn, mit einem Altersgenossen, aus Neugier. Viermonatige Ehe, seit zwei Jahren geschieden, freundschaftliche Beziehungen zum Ex-Mann. Keine Kinder.«

»Fähigkeiten des Mannes?«

»Gar keine. Desgleichen bei seiner neuen Frau. Sie

wurden zuerst überprüft.«

»Feinde?«

»Zwei neidische Kolleginnen. Zwei abgewiesene Verehrer, ebenfalls Kollegen. Ein Schulkamerad hat vor einem halben Jahr versucht, eine gefälschte Krankschreibung zu bekommen.«

»Und?«

»Sie hat da nicht mitgemacht.«

»Alle Achtung. Wie sieht es bei denen mit der Magie aus?«

»Praktisch nicht vorhanden. Der Neid bewegt sich im üblichen Bereich. Bei allen sind die magischen Fähigkeiten nur schwach ausgeprägt. Für einen solchen Wirbel würden sie nicht reichen.«

»Sind Patienten gestorben? In letzter Zeit?«

»Nein.«

»Woher kommt dann dieser Fluch?«, stellte ich die rhetorische Frage. Jetzt wunderte mich gar nicht mehr, warum die Wache in eine Sackgasse geraten war. Swetlana musste ein Unschuldslamm sein. Fünf Feinde in fünfundzwanzig Jahren - Hut ab.

Olga hüllte sich in Schweigen.

»Wir sollten gehen«, sagte ich. Ich drehte mich zum Fenster zurück, wo ich die Silhouetten unserer Leute erkannte. Eine der Wachen winkte mir zu.»Olga, wie ist Ignat vorgegangen?«

»Nach Schema F. Er hat sie auf der Straße angesprochen, hat den schüchternen Intelligenzler gemimt. Dann einen Kaffee in der Bar. Gespräche. Das Objekt hat rasch Sympathie für ihn entwickelt. Ignat hat dann die Bekanntschaft forciert. Hat Sekt und Likör gekauft, und die beiden sind hierher gekommen.«

»Weiter.«

»Der Wirbel fing an zu wachsen.«

»Aus welchem Anlass?«

»Aus keinem. Ignat hat ihr gefallen, ja, sie hat sich sogar stark zu ihm hingezogen gefühlt. Doch in dem Moment wuchs der Strudel an, und zwar katastrophal schnell. Ignat hat drei Verhaltensmuster ausprobiert, hat ihr eine unmissverständliche Einladung abgerungen, über Nacht zu bleiben, doch danach fing der Wirbel vehement zu wachsen an. Ignat wurde abberufen. Daraufhin hat sich der Wirbel stabilisiert.«

»Wie hat man ihn abberufen?«

Ich war schon fast erfroren, meine Schuhe fürchterlich durchweicht. Und immer noch war ich nicht bereit zu handeln.

»Die Nummer mit der kranken Mutter. Ein Anruf übers Handy, ein kurzes Telefonat, Entschuldigungen und das Versprechen, morgen anzurufen. Alles sauber, das Objekt hat keinen Verdacht geschöpft.«

»Und daraufhin hat sich der Strudel stabilisiert?«

Olga schwieg, offenbar stand sie gerade mit den Analytikern in Verbindung.

»Er ist sogar ein wenig eingesackt. Drei Zentimeter. Das kann aber ebenso gut der übliche Rückgang sein, der auftritt, wenn der Strudel nicht mehr gespeist wird.«

Irgendetwas stimmte hier nicht. Auch wenn ich meinen vagen Verdacht nicht formulieren konnte.

»Für welchen Abschnitt ist sie zuständig, Olga?«

»Für den hier. Ihr Haus eingeschlossen. Zu ihr

kommen oft kranke Leute.«

»Gut. Dann geh ich als Patient zu ihr.«

»Brauchst du Hilfe, um ihr eine falsche Erinnerung einzugeben?«

»Das schaff ich.«

»Der Chef ist einverstanden«, sagte Olga nach einer kurzen Pause.»An die Arbeit. Deine Legende: Anton Gorodezki, Programmierer, unverheiratet, seit drei Jahren in Behandlung, Diagnose Magengeschwür, wohnhaft in diesem Haus, Wohnung Nr. 64. Die steht im Moment leer, gegebenenfalls halten wir dir den Rücken frei.«

»Drei Jahre kriege ich nicht hin«, gab ich zu.»Ein Jahr. Höchstens ein Jahr.«

»Gut.«

Ich schaute Olga an, die wiederum mich ansah, mit ihrem starren Vogelblick, in dem gleichwohl etwas von jener schmutzigen aristokratischen Frau lag, die in meiner Küche Kognak getrunken hatte.

»Viel Glück«, wünschte Olga mir.»Sieh zu, dass der Strudel kleiner wird. Wenigstens zehn Meter… Dann versuch ich es.«

Der Vogel flog auf und drang sofort ins Zwielicht ein, verschwand irgendwo in seinen tiefsten Schichten.

Seufzend ging ich zum Hauseingang. Der Rüssel des Wirbels schlenkerte hin und her und versuchte mich zu streifen. Ich streckte ihm die Handflächen entgegen und formte mit ihnen das Xamadi, das Zeichen der Negation.

Der Wirbel erzitterte und wich zurück. Ohne Furcht, so als habe er die Regeln des Spiels begriffen. Wenn das drohende Inferno bereits solche Ausmaße zeigt, muss es intelligent sein, keine dumpfe Zielsuchrakete, sondern eher ein unerbittlicher und erfahrener Kamikaze. Das klingt komisch: ein erfahrener Kamikaze, doch in Bezug auf das Dunkel ist dieser Ausdruck gerechtfertigt. Wenn der Höllenwirbel in die Menschenwelt einbricht, muss er sterben, doch das bedeutet nicht mehr als der Tod einer Wespe in einem riesigen Schwarm.

»Deine Stunde ist noch nicht gekommen«, sagte ich. Das Inferno antwortete natürlich nicht, trotzdem verlangte es mich danach, diese Worte auszusprechen.

Ich ging an dem Stängel vorbei. Der Wirbel schien aus rabenschwarzem Glas gemacht, das eine gummiartige Flexibilität aufwies. Die Außenseite bewegte sich kaum, doch in der Tiefe, wo das dunkle Blau in ein unergründliches Dunkel überging, ließ sich eine wütende Rotation erahnen.

Vielleicht irrte ich mich ja auch. Vielleicht war seine Stunde in ebendiesem Moment gekommen…

Die Haustür hatte noch nicht einmal ein Codeschloss, oder besser gesagt, es gab eins, doch das war aus der Wand gerissen und demoliert. Nicht weiter verwunderlich. Ein kleiner Gruß des Dunkels. Seine kleinen Flecken sah ich mittlerweile gar nicht mehr, die Graffiti und die Abdrücke von Schuhen an den Wänden, die zerschlagenen Lampen und die zugemüllten Fahrstühle. Aber jetzt war ich kurz davor auszurasten.

Nach der Wohnungsnummer brauchte ich nicht zu fragen. Ich spürte das Mädchen - trotz ihrer Ehe konnte sie wohl noch Mädchen genannt werden, das ist ja eher eine Frage des Alters -, wusste, wohin ich gehen musste, sah ihre Wohnung bereits, besser, ich sah sie nicht, sondern nahm sie in ihrer Gesamtheit war.

Das Einzige, was ich nicht wusste, war, wie ich diesen verdammten Strudel beseitigen sollte…

Vor der Wohnungstür blieb ich stehen. Es war eine gewöhnliche Tür, keine aus Stahl, was für eine Wohnung im Hochparterre sehr seltsam ist, vor allem angesichts des herausgerissenen Schlosses am Hauseingang. Ich seufzte auf und klingelte. Elf Uhr. Schon spät, sicher.

Ich hörte Schritte. Keinerlei Schallisolation…

Sieben

Ohne weiteres öffnete sie die Tür.

Keine Fragen, kein Blick durch den Spion, keine vorgelegte Kette. Und das in Moskau! Nachts! Wo sie allein zu Hause war! Der Wirbel hatte die letzten Reste ihrer Vorsicht vertilgt, ebenjener Achtsamkeit, die es der jungen Frau ermöglicht hatte, ein paar Tage durchzuhalten. So sterben sie dann in der Regel auch, die Leute, auf denen ein Fluch lastet…

Äußerlich merkte man Swetlana noch nichts an. Ein leichter Schatten unter den Augen, aber wer vermochte schon zu sagen, was für eine Nacht sie hinter sich hatte. Und wie sie angezogen war: Rock, eine hübsche Bluse, Pumps - als erwarte sie jemanden oder wolle ausgehen.

»Guten Abend, Swetlana«, sagte ich und bemerkte in ihren Augen bereits das Aufflackern des Erkennens. Sicher, vage würde sie sich von gestern her an mich erinnern. Und diesen Moment, in dem ihr schwante, dass wir uns kannten, sie aber noch nicht wusste, woher, musste ich nutzen.

Ich reckte mich im Zwielicht hinein. Vorsichtig, denn der Wirbel hing wie angeklebt über dem Kopf der Frau und konnte jede Sekunde reagieren. Vorsichtig, denn ich wollte sie nicht täuschen.

Nicht einmal zu ihrem Besten.

Das Ganze ist nur beim ersten Mal interessant und komisch. Findest du auch danach noch Gefallen daran, bist du bei der Nachtwache fehl am Platze. Es ist eine Sache, moralische Imperative zu ändern, und zwar immer zugunsten des Guten. Etwas andres ist es, ein Gedächtnis zu manipulieren. Das ist unvermeidlich, muss sein, das ist ein Teil des Vertrags, und allein schon unser Ein- und Auftauchen aus dem Zwielicht zieht bei den Umstehenden eine sekundenkurze Amnesie nach sich.

Doch wenn du erst einmal Vergnügen am Spiel mit einem fremden Gedächtnis findest, dann ist es Zeit für dich zu gehen.

»Guten Abend, Anton.«Ihre Stimme zerfloss ein wenig, als ich sie zwang, sich an etwas zu erinnern, das sie nie erlebt hatte.»Was ist denn mit Ihnen los?«

Mit schiefem Lächeln schlug ich mir gegen den Bauch. In Swetlanas Gedächtnis tobte jetzt ein Orkan. So begabt, ihr ein komplett falsches Gedächtnis einzugeben, bin ich nicht. Doch zum Glück taten es zwei, drei Anspielungen, danach täuschte sie sich selbst. Sie setzte sich mein Bild aus einem alten Bekannten zusammen, dem ich äußerlich ähnelte, einem anderen, noch älteren und flüchtigen Bekannten, der ihr aber sympathisch war, aus zwei Dutzend Patienten meines Alters sowie aus einigen Nachbarn im Haus. Ein leichter Anstoß meinerseits genügte, um diesen Prozess in Gang zu setzen, der Swetlana dann das fertige Bild lieferte. Ein guter Mensch - Neurastheniker -, ist wirklich häufig krank… Manchmal flirtet er ein wenig, aber eben nur ein wenig - er ist nicht sehr selbstsicher. Wohnt im selben Haus, einen Aufgang weiter.

»Haben Sie Schmerzen?«Selbst jetzt schaffte sie es noch, sich zu konzentrieren. Wirklich, eine gute Ärztin. Eine Ärztin aus Berufung.

»Ein bisschen. Hab gestern einen über den Durst getrunken.«Ich war die Reue selbst.

»Anton, ich hatte Sie doch gewarnt… Na, kommen Sie erst mal rein…«

Ich trat ein, schloss die Tür hinter mir - selbst darüber machte sich die Frau keine Gedanken. Während ich die Jacke auszog, sah ich mich rasch um, und zwar sowohl in der gewöhnlichen Welt wie auch im Zwielicht.

Billige Tapeten, ein fadenscheiniger Teppich, alte Stiefel, eine Deckenlampe mit schlichtem durchbrochenem Glasschirm, ein Funktelefon an der Wand, ein billiges Ding aus China. Bescheiden. Sauber. Gewöhnlich. Was bestimmt nicht daran lag, dass die Tätigkeit als Bezirksärztin nicht viel Geld brachte. Eher sehnte sie sich wohl gar nicht nach Behaglichkeit. Schlecht… sehr schlecht.

In der Zwielicht-Welt machte die Wohnung einen etwas besseren Eindruck. Keine ekelhafte Flora, keine Spuren des Dunkels. Abgesehen natürlich von dem schwarzen Strudel. Er dominierte alles… Ich sah ihn in seiner vollen Größe, vom Stängel, der sich über dem Kopf der jungen Frau drehte, bis hin zur Blüte, die in einer Höhe von dreißig Metern thronte.

Ich ging hinter Swetlana her in das einzige Zimmer. Hier war es immerhin etwas gemütlicher. Das Sofa - oder besser: das Eckchen unter einer altmodischen Stehlampe - schimmerte in warmem Orange. Über zwei Wände zogen sich, sieben Reihen hoch, Bücherregale… Klar.

Allmählich fing ich an, sie zu verstehen. Nicht nur als Objekt meiner Arbeit, nicht nur als mögliches Opfer des geheimnisvollen Dunklen Magiers, nicht nur als unfreiwillige Ursache einer Katastrophe, sondern als Menschen. Eine Leseratte, introvertiert und mit Komplexen beladen, voll komischer Ideale und einem kindlichen Glauben an den schönen Prinzen, der sie sucht und unweigerlich finden würde. Die Arbeit als Ärztin, ein paar Freundinnen, ein paar Freunde und sehr, sehr viel Einsamkeit. Gewissenhafte Arbeit wie nach dem Kodex für die Erbauer des Kommunismus, ab und an ein Besuch in einem Café, selten verliebt. Abende, einer wie der andere, verbracht auf dem Sofa, über einem Buch, das Telefon in greifbarer Nähe, in Gesellschaft des seifig-beruhigend brummenden Fernsehers.

Wie viele ihr noch immer seid, ihr Jungen und Mädchen unbestimmten Alters, erzogen von der Generation der Sechziger. Wie viele ihr seid, unglücklich und unfähig zum Glück. Bedauern möchte man euch, helfen. Euch durchs Zwielicht berühren - nur leicht, kaum spürbar. Euch ein wenig Selbstsicherheit geben, einen Funken Optimismus, ein Gramm Willen, ein Körnchen Ironie. Euch helfen, damit ihr anderen helfen könnt.

Doch das darf nicht sein.

Jede Handlung des Guten bedeutet eine Einladung an das Böse, ebenfalls zur Tat zu schreiten. Der Vertrag! Die Wachen! Das Gleichgewicht der Welt!

Leide oder werde wahnsinnig, verletz das Gesetz, misch dich unter die Menge, verteile ungefragt Geschenke, zwinge das Schicksal in eine andere Bahn und schau, hinter welcher Ecke dir einstige Freunde und verlässliche Feinde entgegenkommen, um dich ins Zwielicht zu schicken. Für immer.

»Anton, wie geht es Ihrer Mutter?«

Ach ja. Ich, der Patient Anton Gorodezki, habe eine alte Mutter. Sie leidet an Osteochondrose und einer ganzen Reihe typischer Alterskrankheiten. Und ist ebenfalls bei Swetlana in Behandlung.

»Gut, alles in Ordnung. Mir geht es irgendwie…«

»Legen Sie sich hin.«

Ich zog den Pullover und das Hemd hoch und legte mich aufs Sofa. Swetlana setzte sich neben mich. Mit warmen Fingern fuhr sie mir über den Bauch, um dann meine Leber abzutasten.

»Tut das weh?«

»Nein… jetzt nicht.«

»Wie viel haben Sie getrunken?«

Ich beantwortete die Fragen, indem ich das Gedächtnis des Mädchens nach den Antworten absuchte. Ich brauchte hier nicht den Sterbenden zu mimen. Ja… dumpfe Schmerzen - nicht sehr stark… Nach dem Essen… Jetzt ist es ein bisschen schlimmer…

»Momentan ist das noch eine Gastritis, Anton.«Swetlana nahm ihre Hand weg.»Damit ist nicht zu spaßen, das wissen Sie selbst. Ich stelle Ihnen jetzt ein Rezept aus…«

Sie stand auf, ging zur Tür und nahm an der Garderobe ihre Tasche vom Haken.

Die ganze Zeit über behielt ich den Strudel im Auge. Nichts passierte, mein Kommen hatte den Höllenwirbel zwar nicht wachsen lassen, aber schwächen konnte ich ihn auch nicht.

Anton… Die Stimme drang durchs Zwielicht zu mir, ich erkannte Olga. Anton, der Strudel ist um drei Zentimeter geschrumpft. Du hast irgendwie den richtigen Weg gefunden. Denk darüber nach, Anton.

Den richtigen Weg? Wann? Noch hatte ich doch gar nichts gemacht, lediglich den Anlass für diesen Besuch gefunden!

»Anton, haben Sie noch Omes?«Swetlana hatte sich an den Tisch gesetzt und sah mich an.

»Ja, noch ein paar Kapseln«, meinte ich nickend, während ich mein Hemd wieder zurechtzog.

»Gehen Sie jetzt nach Hause und nehmen Sie eine. Morgen kaufen Sie sich neue. Sie müssen sie zwei Wochen lang vor dem Schlafengehen einnehmen.«

Swetlana gehörte offensichtlich zu den Ärzten, die an Tabletten glauben. Mich störte das nicht, da ich diesen Glauben teilte. Wir, die Anderen, stehen der Wissenschaft mit einem irrationalen Respekt gegenüber, sodass wir selbst in den Fällen, in denen elementare magische Handlungen ausreichen würden, zu Analgin und Antibiotika greifen.

»Swetlana… verzeihen Sie meine Frage.«Verlegen wandte ich den Blick ab.»Haben Sie irgendwelche Probleme?«

»Wie kommen Sie darauf, Anton?«Weder hielt sie im Schreiben inne noch sah sie mich an. Aber sie verkrampfte sich.

»Ich hab so den Eindruck. Ist Ihnen irgendjemand zu nahe getreten?«

Die junge Frau legte den Füller weg und schaute mich neugierig und mit einem Anflug von Sympathie an.

»Nein, Anton. Wie kommen Sie denn darauf? Das muss am Winter liegen. Der dauert schon viel zu lange.«

Sie zwang sich zu einem Lächeln, und der Höllenstrudel über ihr schlingerte, schwang gierig seinen Rüssel…

»Der Himmel ist grau, die Welt ist grau. Man hat zu nichts Lust… Alles hat seinen Sinn verloren. Ich bin müde, Anton. Doch wenn erst einmal der Frühling kommt, ist das alles vorbei.«

»Sie leiden an Depressionen, Swetlana«, platzte ich heraus, noch ehe mir klar wurde, dass ich diese Diagnose ihrem Gedächtnis entnommen hatte. Doch das bemerkte die Frau nicht.

»Vermutlich. Doch das ist nichts, was bei Sonnenschein nicht wegginge… Vielen Dank für Ihre Anteilnahme, Anton.«

Diesmal kam das Lächeln schon eher von Herzen, auch wenn es immer noch gequält wirkte.

Anton, minus zehn Zentimeter!, drang Olgas Flüstern durchs Zwielicht zu mir. Der Strudel setzt sich! Anton, die Analytiker arbeiten auf Hochtouren, weiter so!

Was hatte ich richtig gemacht?

Diese Frage ist viel schrecklicher als die Frage:»Was habe ich falsch gemacht?«Wenn du einen Fehler machst, musst du dein Verhalten nur von Grund auf ändern. Wenn du dagegen ins Ziel getroffen hast, ohne zu wissen, warum - dann gute Nacht. Für einen schlechten Schützen, der zufällig ins Schwarze getroffen hat, ist es nicht leicht, sich daran zu erinnern, wie er die Arme gehalten und die Augen zusammengekniffen hat, wie er den Finger angespannt und den Schuss abgefeuert hat - ohne dabei zuzugeben, dass die Kugel von einer Bö des liederlichen Windes ins Ziel getragen wurde.

Ich erwischte mich dabei, wie ich dasaß und Swetlana ansah. Schweigend und ernst erwiderte sie meinen Blick.

»Verzeihen Sie«, sagte ich.»Um Gottes willen, Swetlana, verzeihen Sie. Ich überfalle Sie hier spätabends, mische mich in Sachen ein, die mich nichts angehen…«

»Schon gut. Ich bin sogar ganz froh darüber, Anton. Möchten Sie vielleicht einen Tee?«

Minus zwanzig Zentimeter, Anton! Sag ja!

Selbst diese Zentimeter, um die der irrsinnige Höllenwirbel schrumpfte, bedeuteten ein Geschenk des Schicksals. Das waren Menschenleben. Dutzende, womöglich sogar Hunderte von Leben, der drohenden Katastrophe entrissen. Mir war nicht klar, wie ich das machte, doch ich erhöhte Swetlanas Widerstandskraft gegen das Inferno. Und der Strudel schmolz langsam dahin.

»Danke, Swetlana. Gern.«

Die Frau stand auf und ging in die Küche. Ich folgte ihr. Was ging hier vor?

Anton, wir haben eine vorläufige Analyse…

Im Fenster - die Vorhänge waren bereits zugezogen - meinte ich eine weiße Vogelsilhouette schimmern zu sehen, die über die Wand huschte und Swetlana beobachtete.

Ignat hat sich an das allgemeine Schema gehalten. Komplimente, Interesse, Verehrung, Flirten. Das hat ihr gefallen, aber zu einem Anwachsen des Strudels geführt. Du dagegen, Anton, hast einen anderen Weg gewählt: das Mitgefühl. Noch dazu ein passives Mitgefühl.

Empfehlungen blieben aus, was bedeutete, dass die Analytiker noch keine Schlussfolgerungen gezogen hatten. Immerhin wusste ich jetzt aber, wie ich weiter vorgehen musste. Mit traurigem Blick und mitleidigem Lächeln würde ich meinen Tee trinken und sagen:»Du hast ganz müde Augen, Sweta.«

Wir würden doch zum Du übergehen, oder? Bestimmt. Ohne Zweifel.

»Anton?«

Mein Blick hatte etwas zu lange auf ihr geruht. Swet-lana erstarrte am Herd, auf dem der schwere, im Küchendunst matt gewordene Kessel stand. Nicht, weil sie Angst empfand, denn dieses Gefühl war ihr bereits fremd, da der schwarze Strudel es schon bis zur Neige ausgetrunken hatte. Eher wirkte sie verlegen.

»Stimmt etwas nicht?«

»Ja. Mir ist das peinlich, Swetlana. Ich tauche mitten in der Nacht auf, Jammer Ihnen die Ohren voll und bleibe auch noch zum Tee…«

»Aber ich habe Sie doch gebeten zu bleiben, Anton. Wissen Sie, ich hatte heute einen seltsamen Tag, da will ich nicht allein… Sagen wir, Sie bezahlen mich so für die Untersuchung, ja? Indem Sie hier bei mir sitzen und sich mit mir unterhalten«, präzisierte Swetlana rasch.

Ich nickte. Jedes Wort hätte ein Fehler sein können.

Der Strudel ist um weitere fünfzehn Zentimeter kleiner geworden, Anton, du hast die richtige Taktik gewählt!

Überhaupt nichts hatte ich gewählt, das sollten diese dämlichen Analytiker endlich begreifen! Ich hatte die Fähigkeiten eines Anderen genutzt, um in ein fremdes Haus einzudringen, in ein fremdes Bewusstsein zu kriechen und so meinen Besuch auszudehnen - und jetzt ließ ich mich einfach im Strom treiben.

In der Hoffnung, dass mich der Fluss dahin brachte, wohin ich musste.

»Wollen Sie Marmelade, Anton?«

»Ja…«

Was für eine aberwitzige Teegesellschaft. Carroll war nichts dagegen! Die aberwitzigsten Teegesellschaften werden nicht in einer Kaninchenhöhle gegeben, an einem Tisch mit einem verrückten Hutmacher, einer Haselmaus und einem Schnapphasen. Eine kleine Küche in einer kleinen Wohnung, Teesud vom Morgen, mit heißem Wasser aufgegossen, Himbeermarmelade aus einem Dreiliterglas - das ist die Bühne, auf der verkannte Schauspieler eine wahrhaft verrückte Teegesellschaft zum Besten geben. Hier - und nur hier - werden Worte gesprochen, die sonst niemals gesagt werden könnten. Hier werden mit der Geste eines Zauberkünstlers kleine gemeine Geheimnisse ans Licht gebracht, werden die Familienskeletts aus dem Büffet geholt, findet sich in der Zuckerdose eine Hand voll Zyankali. Und niemals ergibt sich die Gelegenheit aufzustehen und zu gehen, denn immer wieder wird dir rechtzeitig Tee eingegossen, Marmelade dazu angeboten und die offene Zuckerdose vor dich geschoben.

»Anton, ich kenne Sie jetzt schon seit einem Jahr…«

Ein Schatten, ein flüchtiger Schatten der Verwirrung in den Augen der Frau. Das Gehirn füllt gehorsam die

Lücken, hält eine Erklärung parat, warum ich, ein sympathischer und netter Mann, nur ihr Patient geblieben bin.

»Bisher zwar nur durch meine Arbeit, aber jetzt… Aus irgendeinem Grund habe ich das Bedürfnis, mit Ihnen zu reden… wie mit einem Nachbarn. Wie mit einem Freund. Ist das in Ordnung?«

»Natürlich, Sweta.«

Ein dankbares Lächeln. Die Koseform für meinen Namen kommt einem nicht so schnell über die Lippen -»Antoschka«wäre schon das nächste Stadium, ein zu großer Schritt.

»Danke, Anton. Weißt du - irgendwie bin ich wirklich nicht mehr ich selbst. Das geht jetzt schon drei Tage so.«

Natürlich. Wie soll man noch man selbst sein, wenn über einem das Schwert der Nemesis hängt. Der blinden, wütenden, der Macht der toten Götter entglittenen Nemesis.

»Heute zum Beispiel… Aber lassen wir das…«

Sie wollte mir von Ignat erzählen. Denn sie verstand nicht, was mit ihr geschah, warum sie beinah mit einer Zufallsbekanntschaft ins Bett gegangen wäre. Sie glaubte, den Verstand zu verlieren. Das geht allen Menschen so, die es mit Anderen zu tun bekommen.

»Swetlana, haben Sie… hast du dich vielleicht mit jemandem gestritten?«

Ein grobes Vorgehen. Aber ich musste mich beeilen, musste mich einfach beeilen, auch wenn ich selbst nicht wusste, warum. Der Wirbel hatte sich stabilisiert und zeigte sogar eine Tendenz zur Abnahme. Trotzdem musste ich mich beeilen.

»Wie kommst du darauf?«

Swetlana wunderte sich nicht und hielt die Frage nicht für zu persönlich. Ich zuckte mit den Schultern und suchte nach einer Erklärung.

»So was habe ich öfter.«

»Nein, Anton. Ich habe mich mit niemandem gestritten. Ich wüsste gar nicht, mit wem und worüber. Es ist etwas in mir selbst…«

Da irrst du dich, Mädel. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie sehr du dich da irrst. Über dir hängt ein schwarzer Strudel von solchen Ausmaßen, wie er alle hundert Jahre nur einmal vorkommt. Und das heißt, dass jemand dich mit einer Kraft hasst, wie sie nur selten bei einem Menschen auftritt. Oder bei einem Anderen.

»Vielleicht solltest du einmal ausspannen«, brachte ich vor.»Irgendwohin fahren… in irgendein Nest…«

Noch während ich sprach, ging mir plötzlich auf, dass es eine Lösung für das Problem gab. Zwar eine unzureichende, eine, die für Swetlana selbst immer noch den Tod bedeuten würde. Irgendein Nest. Die Taiga, Tundra, der Nordpol. Dann würde der Vulkan dort ausbrechen, der Asteroid dort niedergehen, der Marschflugkörper mit dem Nuklearsprengkopf dort einschlagen. Das Inferno würde sich nicht verhindern lassen, aber nur Swetlana würde darunter leiden.

Bloß gut, dass eine solche Lösung für uns ebenso wenig in Frage kommt wie der vom Dunklen Magier vorgeschlagene Mord.

»Woran denkst du, Anton?«

»Sweta, etwas bedrückt dich doch?«

Anton, das ist zu heftig. Such ein anderes Thema, Anton!

»Merkt man das etwa?«

»Ja.«

Swetlana senkte den Blick. Ich machte mich schon auf Olgas Geschrei gefasst, dass der schwarze Wirbel zu seinem letzten, katastrophalen Wachstumsschub ansetze, dass ich alles verdorben, alles kaputtgemacht hätte und von nun an das Leben von Tausenden von Menschen auf meinem Gewissen laste. Doch Olga schwieg.

»Ich bin eine Verräterin.«

»Was?«

»Ich habe meine Mutter verraten.«

Sie sah ernst aus, ohne jenen widerlichen Anstrich eines Menschen, der eine Schweinerei begangen hat und sich auch noch damit brüstet.

»Das verstehe ich nicht, Sweta…«

»Meine Mutter ist krank, Anton. Die Nieren. Sie muss regelmäßig zur Dialyse… aber das ist nichts Halbes, nichts Ganzes. Deshalb… hat man mir vorgeschlagen… eine Transplantation zu machen.«

»Warum dir?«Ich verstand sie immer noch nicht.

»Man hat mir vorgeschlagen, eine Niere zu spenden. Meiner Mutter. Vermutlich würde die Niere angenommen, ich habe mich sogar schon untersuchen lassen… Doch ich habe mich geweigert. Ich… Ich habe Angst.«

Ich schwieg. Jetzt lagen die Karten auf dem Tisch. Irgendetwas hatte funktioniert, irgendwie gab es in mir etwas, das Swetlana veranlasste, mir gegenüber völlig offen zu sein. Ihre Mutter.

Eine Mutter!

Anton, du bist fabelhaft. Unsere Leute sind schon unterwegs. Olgas Stimme jubilierte. Wie auch nicht - wir hatten die Dunkle Magierin gefunden! Komisch… Beim ersten Kontakt hat niemand etwas gespürt, alle hielten sie für eine taube Nuss… Fabelhaft. Beruhige sie, Anton, rede mit ihr, tröste sie…

Im Zwielicht kann man die Ohren nicht verschließen. Du hörst alles, was man dir sagt.

»Swetlana, niemand hat das Recht, so etwas von dir zu verlangen…«

»Nein. Natürlich nicht. Ich habe meiner Mutter davon erzählt… und sie hat mir befohlen, das Ganze zu vergessen. Sie hat gesagt, dass sie sich etwas antun würde, wenn ich mich dazu entschlösse. Dass sie… sowieso sterben würde. Da brauchte ich mich nicht verstümmeln lassen. Gar nichts hätte ich sagen sollen. Sondern ihr einfach meine Niere spenden. Später, nach der Operation, hätte sie ja alles erfahren können.

Mit einer Niere hätte ich sogar noch Kinder kriegen können…

Solche Fälle gab es bereits.«

Die Nieren. Wie lächerlich! Was für eine Kleinigkeit! Eine Stunde Arbeit für einen echten weißen Magier. Doch wir dürfen nicht behandeln, für jede echte Heilung wird einem Dunklen Magier ein Fluch, ein böser Blick vergeben. Und dann die Mutter, die eigene Mutter, die unwissend, den Bruchteil einer Sekunde von ihren Gefühlen mitgerissen, laut das eine sagt, die ihrer Tochter sogar verbietet, an eine Operation auch nur zu denken - und sie innerlich verflucht.

Und der monströse schwarze Wirbel schwillt an.

»Ich weiß schon nicht mehr, was ich mache, Anton. Ich stelle lauter Unsinn an. Heute wäre ich beinah mit einem Unbekannten ins Bett gesprungen.«Swetlana hatte sich also dazu durchgerungen, auch das zu erwähnen, obwohl es sie vermutlich genauso viel Überwindung kostete, wie von ihrer Mutter zu erzählen.

»Sweta, uns wird schon etwas einfallen«, begann ich.»Das Wichtigste ist jetzt, nicht die Segel zu streichen und sich unnütz selbst zu bestrafen…«

»Aber ich habe ihr mit Absicht davon erzählt, Anton! Ich wusste, wie sie reagieren würde! Ich wollte, dass sie es mir verbietet! Sie müsste mich verfluchen, mich verdammte Idiotin!«

Swetlana, du hast ja keine Ahnung, wie sehr du Recht hast… Niemand weiß, welche Mechanismen hier wirken, was im Zwielicht passiert und welchen Unterschied es zwischen dem Fluch eines unbekannten Menschen und dem Fluch eines geliebten Menschen, eines Sohns, einer Mutter gibt. Doch schlimmer als der Flucht einer Mutter ist nichts.

Ganz ruhig, Anton.

Olgas Stimme brachte mich unverzüglich zur Besinnung.

Das ist zu einfach, Anton. Hast du es schon einmal mit dem Fluch einer Mutter zu tun gehabt?

»Nein«, sagte ich. Indem ich es laut aussprach, antwortete ich sowohl Sweta wie auch Olga.

»Ich bin selber schuld.«Swetlana schüttelte den Kopf.»Vielen Dank, Anton, aber daran bin ich wirklich selber schuld.«

Ich hatte schon damit zu tun, klang es aus dem Zwielicht. Anton, mein Lieber, so was sieht anders aus! Der Zorn einer Mutter - das ist ein greller schwarzer Blitz und ein großer Strudel. Doch er löst sich im Handumdrehen auf. Fast immer.

Vielleicht. Ich würde keinen Streit anfangen. Olga ist die Expertin für Flüche und hat schon einiges gesehen. Sicher, dem eigenen Kind wünscht man nichts Böses - zumindest nicht auf lange Sicht. Doch es gibt auch Ausnahmen.

Ausnahmen kommen vor, pflichtete Olga mir bei. Ihre Mutter wird jetzt gründlich überprüft. Aber… ich würde nicht auf einen raschen Erfolg hoffen.

»Swetlana«, sagte ich.»Gibt es nicht noch andere Möglichkeiten? Gibt es keine andere Behandlung für deine Mutter? Etwas anderes als eine Transplantation?«

»Nein. Ich bin Ärztin, ich weiß das. Die Medizin ist nicht allmächtig.«

»Muss es denn unbedingt die Medizin sein?«

Sie stutzte.»Was meinst du damit, Anton?«

»Die nicht-klassische Medizin«, sagte ich.»Volksmedizin.«

»Anton…«

»Ich weiß schon, Swetlana, es ist schwer, daran zu glauben«, unterbrach ich sie rasch.»Es gibt jede Menge Scharlatane, Hochstapler und psychisch kranke Menschen. Aber es ist doch nicht alles Lüge, oder?«

»Anton, zeig mir einen Menschen, der jemanden von einer wirklich schweren Krankheit geheilt hat.«Swetlana bedachte mich mit einem ironischen Blick.»Aber nicht von ihm erzählen, sondern ihn mir zeigen! Diesen Menschen und seine Patienten, am besten vor und

nach der Behandlung. Dann glaube ich dir, dann glaube ich an alles. An übersinnliche Fähigkeiten, Heiler und Meister der weißen und schwarzen Magie…«

Unwillkürlich erschauerte ich. Über der Frau hing der prachtvollste Beweis für die Existenz der»schwarzen«Magie, ein Beweis, geradezu lehrbuchreif.

»Ich kann dir einen zeigen«, sagte ich. Mir fiel ein, wie man Danila einmal ins Büro geschleppt hatte. Nach einem gewöhnlichen Zusammenstoß, wie er zwar nicht jeden Tag vorkommt, der aber auch nicht besonders schlimm war. Er hatte einfach Pech gehabt. Sie wollten eine Familie von Tiermenschen festnehmen, wegen irgendeiner geringfügigen Verletzung des Vertrags. Die Tiermenschen hätten sich nur zu ergeben brauchen, und das Ganze hätte mit einer kleinen Untersuchung der Wachen sein Bewenden gehabt.

Die Tiermenschen wollten lieber Widerstand leisten. Gewiss zogen sie eine Spur nach sich - eine Blutspur, von der die Nachtwache bislang nichts wusste und nun auch nie erfahren würde. Danila ging als Erster - und ihn zerfetzten sie nach allen Regeln der Kunst. Die linke Lunge, das Herz, eine tiefe Wunde in der Leber, eine Niere rissen sie ihm ganz heraus.

Zusammengeflickt wurde Danila vom Chef, wobei fast die gesamte Wache assistierte, alle, die in dem Moment noch dazu in der Lage waren. Ich stand im dritten Kreis, unsere Aufgabe war weniger die, den Chef mit Energie zu versorgen, als vielmehr, Einflüsse von außen abzuwehren. Trotzdem linste ich ab und an zu Danila hinüber. Immer wieder tauchte er ins Zwielicht ab, mal allein, mal zusammen mit dem Chef. Bei jedem Auftauchen in der Realität sahen die Wunden besser aus. Das Ganze erwies sich als nicht sehr kompliziert, dafür aber höchst effektiv, denn die Verletzungen waren noch frisch und nicht vom Schicksal vorbestimmt. Dass der Chef Swetlanas Mutter heilen könnte, bezweifelte ich nicht im Geringsten. Selbst wenn ihr Schicksal in naher Zukunft abreißen, wenn sie bald sterben sollte. Heilen konnte er sie. Der Tod würde dann aus anderen Gründen eintreten…

»Anton, hast du keine Angst, so was zu sagen?«

Ich zuckte mit den Schultern. Swetlana seufzte.

»Jemandem Hoffnung zu schenken ist eine Frage der Verantwortung. Ich glaube nicht an Wunder, Anton. Doch jetzt bin ich bereit, an eins zu glauben. Hast du davor keine Angst?«

Ich sah ihr in die Augen.»Nein, Swetlana. Ich habe vor vielen Dingen Angst. Aber vor anderen.«

Anton, ein Rückgang des Strudels um zwanzig Zentimeter. Anton, der Chef lässt dir ausrichten, dass du einfach fabelhaft bist.

Etwas in ihrem Ton gefiel mir nicht. Ein Gespräch durchs Zwielicht hindurch lässt sich zwar nicht mit einer normalen Unterhaltung vergleichen, trotzdem bekommt man Gefühle mit.

Was ist passiert?, fragte ich durch den toten grauen Schleier.

Arbeite weiter, Anton.

Was ist passiert?

»Wenn ich mir nur meiner Sache so sicher wäre«, meinte Swetlana. Sie sah zum Fenster.»Hast du das gehört? So ein Rascheln…«

»Der Wind«, vermutete ich.»Oder jemand ist vorbeigegangen.«

Antworte, Olga!

Mit dem Strudel ist alles in Ordnung, Anton. Nimmt langsam ab. Irgendwie stärkst du ihren inneren Widerstand. Nach unseren Berechnungen müsste der Strudel gegen Morgen so weit geschrumpft sein, dass er keine Gefahr mehr darstellt. Dann kann ich ans Werk gehen.

Wo liegt dann das Problem? Ich spüre doch, Olga, dass da eins ist!

Sie schwieg.

Olga, sind wir Partner?

Das half. Im Moment sah ich die weiße Eule zwar nicht, wusste aber, dass ihre Augen blitzten und sie kurz auf das Fenster der Kommandozentrale blickte. Ins Gesicht des Chefs und des Beobachters der Dunklen.

Es gibt ein Problem mit dem Jungen, Anton.

Mit Jegor?

»Anton, woran denkst du?«, fragte Swetlana. Es ist schwierig, gleichzeitig mit der realen und der Zwielicht-Welt Kontakt zu halten.

»Daran, dass es sehr schön wäre, sich teilen zu können.«

Anton, du hast eine weitaus wichtigere Mission.

Sprich, Olga.

»Das verstehe ich nicht, Anton.«Das war wieder Swetlana.

»Weißt du, mir ist klar geworden, dass ein Bekannter von mir Schwierigkeiten hat. Große Schwierigkeiten.«Ich sah ihr in die Augen.

Die Vampirin. Sie hat den Jungen in ihrer Gewalt.

Ich empfand nichts. Keine Gefühle, kein Bedauern, keinen Zorn, keine Trauer. Bloß, dass sich in meinem Innern Kälte und Leere ausbreiteten.

Vermutlich hatte ich das erwartet. Warum, wusste ich nicht, aber ich hatte es erwartet.

Aber Bär und Tigerjunges sind bei ihm!

Es hat sich so ergeben.

Was ist mit ihm?

Wenn er bloß nicht initiiert ist! Tot, ja, besser er ist bloß tot. Denn der ewige Tod ist schlimmer.

Er lebt. Sie hat ihn als Geisel genommen.

Was?

Das hatte es noch nicht gegeben. Das war einfach noch nie vorgekommen. Geiseln - solche Spielchen spielen Menschen.

Die Vampirin fordert Verhandlungen. Sie will einen Prozess… Sie hofft darauf ungeschoren davonzukommen.

In Gedanken gab ich der Vampirin eine Eins plus für ihre rasche Auffassungsgabe. Sie hatte keine Chancen zu entkommen, hatte sie nie gehabt. Aber alle Schuld auf den bereits getöteten Freund abzuschieben, der sie initiiert hatte…»Ich hab ja von nichts gewusst, hatte keinen blassen Schimmer. Jemand hat mich gebissen. So bin ich die geworden, die ich jetzt bin. Ohne die Regeln zu kennen. Ohne den Vertrag gelesen zu haben. Ich werde eine normale, gesetzestreue Vampirin sein…«

Und ausgeschlossen war diese Entwicklung in der Tat nicht! Vor allem, wenn die Nachtwache sich auf irgendeinen Kompromiss einließe. Und das tun wir immer - wir haben gar keine andere Wahl, denn jedes Menschenleben muss geschützt werden.

Erleichtert sackte ich förmlich in mich zusammen. Aber was bedeutete mir dieser Bursche eigentlich? Wenn das Los auf ihn fiel, würde er zur gesetzmäßigen Beute von Vampiren und Tiermenschen werden. So ist das Leben. Und ich würde an ihm vorbeigehen. Selbst wenn das Los nicht auf ihn fiel - wie oft gelang es der Nachtwache nicht einzugreifen, wie viele Menschen starben durch die Dunklen… Doch seltsam: Ich hatte mich schon in den Kampf um ihn eingemischt, für ihn Partei ergriffen, war ins Zwielicht getreten und hatte Blut vergossen. Und jetzt war er mir nicht mehr egal. Überhaupt nicht…

Ein Gespräch im Zwielicht läuft viel schneller ab als eine Unterhaltung in der Menschenwelt. Dennoch musste ich mich zwischen Olga und Swetlana zerreißen.

»Anton, zerbrich dir nicht den Kopf über meine Probleme.«

Trotz allem hätte ich am liebsten laut losgelacht. Über ihre Probleme zerbrachen sich gerade Hunderte von Leuten den Kopf, auch wenn Swetlana sich das nie im Leben hätte vorstellen können. Doch man brauchte bloß die Probleme anderer zu erwähnen - die sich vor dem schwarzen Höllenstrudel natürlich geradezu winzig ausnahmen -, und schon lud die junge Frau sie sich auf.

»Weißt du, es gibt ein Gesetz«, setzte ich an.»Das Gesetz der Zufallspaare. Du hast Schwierigkeiten, doch von denen spreche ich nicht. Ein anderer Mensch hat auch gewaltige Probleme. Persönliche Probleme,

aber das macht es nicht leichter.«

Sie verstand. Und verlor nicht die Fassung - was mir gefiel.

»Meine Probleme sind auch persönlich«, präzisierte sie lediglich.

»Nicht ganz«, sagte ich.»Scheint mir.«

»Und dieser Mensch - kannst du ihm helfen?«

»Ihm helfen andere«, sagte ich.

»Bist du sicher? Danke, dass du mir zugehört hast, aber mir kann sowieso niemand helfen. Das Schicksal ist so idiotisch.«

Schmeißt sie mich raus?, fragte ich durchs Zwielicht. Ich wollte jetzt ihr Bewusstsein nicht berühren.

Nein, erwiderte Olga. Nein… Sie spürt es, Anton.

Sollte sie etwa die Fähigkeiten einer Anderen haben? Oder blitzte da, ausgelöst von dem drohenden Inferno, nur zufällig etwas auf?

Was spürt sie?

Dass du woanders gebraucht wirst.

Warum gerade ich?

Diese wahnsinnige, Blut saugende Bestie… sie will nur mit dir verhandeln. Mit demjenigen, der ihren Partner ermordet hat.

Jetzt wurde mir richtig schlecht. Bei uns bot man einen fakultativen Kurs zu Antiterrormaßnahmen an, vor allem deshalb, damit wir nicht auf unsere Fähigkeiten als Andere zurückgriffen, wenn wir in menschliche Auseinandersetzungen hineingerieten; für unsere Arbeit wäre das eigentlich nicht nötig. Wir hatten die Psychologie von Terroristen durchgenommen, und in diesem Rahmen handelte die Vampirin völlig logisch.

Ich war der erste Mitarbeiter der Wache gewesen, dem sie begegnet war. Ich hatte ihren Mentor getötet und sie selbst verwundet. Für sie verkörperte sich in meiner Person das Feindbild schlechthin.

Fordert sie das schon lange?

Seit etwa zehn Minuten.

Ich sah Swetlana in die Augen. Trockene Augen, ruhig, ohne Tränen. Nie ist es so schwer wie dann, wenn sich der Schmerz hinter einer ruhigen Miene verbirgt.

»Sweta, und wenn ich jetzt gehe?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Alles ist so dumm…«, sagte ich.»Ich glaube, du brauchst jetzt Hilfe. Zumindest jemanden, der dir zuhört. Oder hier mit dir zusammensitzt und kalt gewordenen Tee trinkt.«

Ein schwaches Lächeln und ein kaum wahrnehmbares Nicken.

»Aber du hast Recht… Noch ein Mensch braucht Hilfe.«

»Du bist seltsam, Anton.«

Ich schüttelte den Kopf.»Nicht seltsam. Sehr seltsam.«

»Ich habe den Eindruck… als ob ich dich schon seit langem kenne, dich aber zum ersten Mal sehe. Und als ob du zugleich mit mir und mit noch jemand anderem sprichst.«

»Ja«, sagte sich.»So ist es.«

»Werde ich vielleicht wahnsinnig?«

»Nein.«

»Anton… Du bist doch nicht zufällig zu mir gekom-

men.«

Ich antwortete nicht. Olga flüsterte etwas und verstummte. Langsam drehte sich über Swetlanas Kopf der riesige Wirbel.

»Nein«, sagte ich.»Sondern um zu helfen.«

Wenn der Dunkle Magier, der sie mit dem Fluch belegt hat, uns beobachtet… Wenn das alles doch kein Zufall ist, kein»Fluch einer Mutter«, sondern ein zielgerichteter professioneller Schlag…

Diese Wolke des Dunkels über Swetlanas Kopf bedurfte nur eines weiteren Tropfens Hass. Es würde genügen, ihren Lebenswillen um ein Geringes zu vermindern. Dann käme es zum Durchbruch. Im Zentrum von Moskau würde ein Vulkan ausbrechen, bei einem Kampfsatelliten die Elektronik durchdrehen, ein Grippevirus mutieren…

Schweigend sahen wir einander an.

Ich hatte den Eindruck, dass ich kurz davor war zu durchschauen, was hier in Wahrheit vor sich ging. Des Rätsels Lösung war zum Greifen nah, und alle unsere Versionen waren dumm und banal, all die alten Regeln und Muster, von denen wir uns leiten ließen, auch wenn der Chef gebeten hatte, sie über Bord zu schmeißen. Doch dann musste man nachdenken, musste sich, wenn auch nur für eine Sekunde, von den Geschehnissen losreißen, die nackte Wand anstarren oder den idiotischen Fernseher, sich nicht von dem Wunsch zerreißen lassen, einem einzelnen kleinen Menschen zu helfen und Zehntausenden, Hunderttausenden von Menschen dafür nicht. Dann durfte man sich nicht in jenem Morast bewegen, den diese perfide Wahl darstellt - die bei jeder Entscheidung perfide bliebe, mit dem einzigen Unterschied, dass ich in einem Fall schnell sterben, mit dem Höllenschlag in die grauen Weiten der Zwielicht-Welt übergehen würde, im andern langsam und qualvoll, während in meinem Herzen das matte Feuer der Selbstverachtung auflodert.

»Sweta, ich muss gehen«, sagte ich.

Anton! Das war nicht Olga, sondern der Chef. Anton…

Er stockte. Befehle konnte er mir nicht erteilen, denn die Situation war in eine ethische Sackgasse geraten. Offenbar bestand die Vampirin auf ihrer Forderung und wollte mit niemandem sonst verhandeln. Wenn der Chef mir befahl zu bleiben, brachte er den Jungen um - das konnte er mir nicht befehlen. Selbst darum bitten konnte er nicht.

Wir organisieren deinen Abgang…

Teilt der Blutsaugerin lieber mit, dass ich komme.

Swetlana streckte den Arm aus und berührte zart meine Hand.»Kommst du wieder?«

»Morgen«, sagte ich.

»Das will ich nicht«, sagte die Frau schlicht.

»Ich weiß.«

»Wer bist du?«

Eine Schnelleinführung in die Geheimnisse des Universums? Klappe, die nächste?

»Ich sag’s dir morgen. Abgemacht?«

Du hast den Verstand verloren, ließ sich die Stimme des Chefs vernehmen.

»Musst du wirklich gehen?«

Sag das bloß nicht!, schrie Olga. Sie konnte meine Gedanken spüren.

»Sweta«, fing ich dennoch an,»als man dir vorgeschlagen hat, dich zu verstümmeln, um das Leben deiner Mutter zu retten, und du abgelehnt hast… Das war doch richtig und vernünftig, oder? Doch jetzt geht es dir schlecht. So schlecht, dass du dir wünschst, lieber unvernünftig gehandelt zu haben.«

»Wenn du jetzt nicht gehst, fühlst du dich dann schlecht?«

»Ja.«

»Dann geh. Aber komm wieder, Anton.«

Ich erhob mich vom Tisch und ließ den kalt gewordenen Tee stehen. Der Höllenwirbel schlingerte über uns.

»Ganz bestimmt«, sagte ich.»Und… glaub mir, noch ist nicht alles verloren.«

Danach wechselten wir kein Wort mehr miteinander. Ich ging hinaus, die paar Stufen hinunter. Swetlana schloss die Tür hinter mir. Diese Stille - eine tödliche Stille, selbst die Hunde waren in dieser Nacht zum Winseln zu müde.

Unvernünftig. Ich handle völlig unvernünftig. Wenn es ethisch keinen überzeugenden Ausweg gibt, dann muss man unvernünftig handeln. Hatte mir das jemand gesagt? Oder erinnerte ich mich an eine Zeile aus meinen alten Unterrichtsaufzeichnungen, einen Satz aus einer Vorlesung? Oder suchte ich nach einer Rechtfertigung?

Der Strudel… flüsterte Olga. Die Stimme war kaum wiederzuerkennen, tonlos. Ich hätte gern den Kopf eingezogen.

Ich stieß die Haustür auf und stürzte auf den über-frorenen Gehweg hinaus. Die weiße Eule kreiste wie ein Federknäuel über meinem Kopf.

Der Höllenwirbel hatte sich verkleinert, war geschrumpft. In Anbetracht seiner Gesamtgröße zwar nur ein bisschen, doch immerhin genug, um es mit bloßem Auge zu erkennen, anderthalb, zwei Meter.

Wusstest du, dass es so kommen würde?, fragte der Chef.

Kopfschüttelnd blickte ich auf den Wirbel. Was ging hier vor? Warum war der Strudel angewachsen, als Ignat auftauchte, ein Spezialist, wenn es darum ging, Menschen in eine milde Gemütsverfassung zu versetzen? Und warum ließ mein verworrenes Gerede und mein überstürzter Abgang den Wirbel schrumpfen?

Die Gruppe der Analytiker soll einen Zahn zulegen, sagte der Chef. Mir war klar, dass sich das an alle richtete, nicht mehr nur an mich. Wann können wir mit einer Arbeitsversion zu den Ereignissen rechnen?

Das Auto tauchte vom Seljony-Prospekt auf, hüllte mich in das Licht der Scheinwerfer, quietschte mit den Reifen, polterte über die Löcher des aufgerissenen Asphalts hinweg und hielt vorm Haus. Das flach liegende, dunkel orangefarbene Sportcabriolet wirkte absurd zwischen all den trostlosen hohen Plattenbauten Moskaus, wo das beste Verkehrsmittel nach wie vor der Jeep ist.

Semjon lehnte sich vom Fahrersitz aus hinaus.»Steig ein«, forderte er mich auf.»Wir sollen dich schnellstmöglich abliefern.«

Ich sah in Olgas Richtung, die den Blick spürte.

Meine Aufgabe ist hier. Fahr los.

Ich ging um den Wagen herum und stieg vorn ein. Hinten lümmelte sich Ilja, offenbar glaubte der Chef, Bär und Tigerjunges Verstärkung schicken zu müssen.

Anton, erreichte mich durchs Zwielicht Olgas Stimme. Vergiss nicht… dass du heute Schulden gemacht hast. Behalt das im Hinterkopf, jede Sekunde…

Ich verstand nicht sofort, wovon sie sprach. Etwa von der kleinen Hexe aus der Tagwache? Was hatte die denn damit zu tun?

Das Auto schoss los und knallte mit dem Boden an die überfrorenen Betonhöcker der Straße. Semjon fluchte, was das Zeug hielt, und riss das Lenkrand herum, worauf der Wagen unter empörtem Aufheulen des Motors Richtung Prospekt fuhr.

»Welchem Halbidioten habt ihr denn die Karre abgenommen?«, fragte ich.»Bei diesem Wetter…«

»Ts, ts«, kicherte Ilja.»Boris Ignatjewitsch hat dir sein Automobil geliehen.«

»Echt?«, fragte ich und drehte mich um. Zur Arbeit kam der Chef im Dienst-BMW. Diesen Hang zu unpraktischem Luxus hatte ich bislang bei ihm nicht bemerkt.

»Echt. Wie hast du das geschafft, Antoschka?«Ilja machte eine Kopfbewegung zu dem über dem Haus aufragenden Wirbel hin.»Solche Fähigkeiten sind mir bei dir noch gar nicht aufgefallen!«

»Ich habe ihn nicht berührt. Bloß mit der Frau gesprochen.«

»Gesprochen? Oder gevögelt?«

Typisch Ilja, dieses Verhalten legte er immer an den Tag, wenn er nervös war. Und Grund zur Beunruhigung hatten wir im Übermaß. Trotzdem verzog ich das

Gesicht. Vielleicht weil ich irgendeine Impertinenz aus seinen Worten heraushörte, vielleicht weil es mich einfach verletzte.

»Nein. Ilja, bitte nicht in diesem Ton.«

»Entschuldige«, pflichtete er mir ohne weiteres bei.»Was hast du also gemacht?«

»Einfach mit ihr gesprochen.«

Endlich bog der Wagen auf den Prospekt ein.

»Festhalten«, befahl Semjon kurz. Es presste mich in den Sitz. Hinten hantierte Ilja herum, kramte eine Zigarette heraus und zündete sie an.

Binnen zwanzig Sekunden begriff ich, dass die bisherige Fahrt ein gemütlicher Spaziergang gewesen war.

»Semjon, ist die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls ausgeschaltet worden?«, schrie ich. Das Auto schoss durch die Nacht, als versuche es, das Licht seiner Scheinwerfer zu überholen.

»Seit siebzig Jahren sitz ich hinterm Steuer«, blaffte Semjon mich verächtlich an.»Während der Blockade habe ich Laster über die Straße des Lebens nach Leningrad gefahren!«

Obwohl ich an seinen Worten nicht im Geringsten zweifelte, überlegte ich, ob die Fahrten damals nicht weniger gefährlich gewesen waren. Diese Geschwindigkeit gab es längst nicht - und einen Bombeneinschlag vorauszuberechnen, ist für einen Anderen kein Problem. Jetzt begegneten uns zwar nur noch wenige Autos, aber ein paar waren immerhin unterwegs. Die Straße war gelinde gesagt erbärmlich, unser Sportwagen für diese Verhältnisse in keiner Weise gedacht…

»Ilja, was ist überhaupt passiert?«, fragte ich und

versuchte, nicht auf den Laster zu starren, der uns gerade auswich.»Bist du auf dem Laufenden?«

»Mit der Vampirin und diesem Bengel, meinst du?«

»Ja.«

»Wir haben mal wieder unsere Dummheit unter Beweis gestellt, das ist passiert.«Ilja fluchte.»Obwohl auch Dummheit relativ ist… Zunächst lief alles völlig normal. Tigerjunges und Bär haben sich den Eltern des Jungen als weit entfernte, aber geliebte Verwandte vorgestellt.«

»Wir kommen aus dem Ural?«, fragte ich in Erinnerung an den Kurs zum Umgang mit Menschen und zu den Varianten der Kontaktaufnahme.

»Ja. Alles lief gut. Eine große Tafel, genug zu trinken, Spezialitäten aus dem Ural… die aus dem Supermarkt um die Ecke stammten…«

Mir fiel Bärs prall gefüllte Tasche ein.

»Kurzum, sie ließen es sich richtig gut gehen.«In Iljas Stimme schwang weniger Neid mit als vielmehr die uneingeschränkte Billigung des Vorgehens seiner Kollegen.»Es war hell, warm, es war alles in Butter. Der Bengel saß mal mit ihnen zusammen, mal verschwand er in seinem Zimmer… Woher hätten sie wissen sollen, dass er allein ins Zwielicht eintreten konnte?«

Mich überlief es kalt.

In der Tat, woher?

Kein Wort hatte ich gesagt. Weder ihnen noch dem Chef. Niemandem. Hatte den Jungen aus dem Zwielicht gezogen und ihm etwas von meinem Blut geopfert - und es damit genug sein lassen. Ein echter Held. Ein Einzelkämpfer.

Ohne Verdacht zu schöpfen, fuhr Ilja fort:»Die Vampirin hat ihn mit dem Ruf gelockt. Der saß so genau, dass Tigerjunges und Bär nichts mitbekommen haben. Und er war stark - keinen Mucks hat der Junge von sich gegeben. Ist einfach ins Zwielicht eingetreten und aufs Dach geklettert.«

»Wie das?«

»Über die Balkons. Zum Dach sind es bloß drei Stockwerke. Die Vampirin hat da auf ihn gewartet. Da sie mitbekommen hatte, dass der Junge bewacht wird, hat sie ihn sich geschnappt und sich auf der Stelle zu erkennen gegeben. Seine Eltern schlafen momentan tief und fest, während die Vampirin wartet und den Jungen umklammert hält. Tigerjunges und Bär werden fast verrückt.«

Ich schwieg. Es gab nichts zu sagen.

»Unsere eigene Dummheit«, schloss Ilja.»Und ein verhängnisvolles Zusammentreffen bestimmter Umstände. Den Jungen hat schließlich noch niemand initiiert… Wer hätte wissen können, dass er ins Zwielicht eintreten kann?«

»Ich wusste es.«

Vielleicht trieben mich Erinnerungen. Vielleicht meine Angst, hier in diesem Auto, das wie der Blitz über die Straße jagte. Ich spähte ins Zwielicht hinein.

Wie gut es die Menschen haben, dass sie das nicht sehen - niemals! Wie schlecht sie es haben - denn sie vermögen das nicht zu sehen!

Den tiefen grauen Himmel, an dem es keinen Stern gab und niemals einen geben wird, ein Himmel, zäh wie Brei, der in einem dumpfen, fahlen Licht schimmert. Alle Silhouetten verschwimmen, es zerschmelzen die Häuser, an deren Wänden der blaue Moosteppich wächst, die Bäume, deren Zweige im Zwielicht wogten, ohne sich einen Deut um den Wind zu scheren, und die Straßenlaternen, über denen die Zwielicht-Vögel kreisen, fast ohne mit ihren kurzen Flügeln zu schlagen. Autos kommen uns entgegen - langsamer geht es kaum, die Menschen setzen kaum einen Fuß vor den anderen. Alles wie durch einen grauen Lichtfilter gesehen, wie durch Wattepfropfen in den Ohren gehört. Ein stummer Schwarzweißfilm, das Kleinod eines dekadenten Regisseurs. Die Welt, aus der wir unsere Kräfte schöpfen. Die Welt, die unser Leben trinkt. Das Zwielicht. Wie du hineingehst, so kommst du auch wieder heraus. Der graue Dunst knackt die Schale, die dein Leben lang mit dir wächst, zieht jenen Kern aus ihr heraus, den die Menschen die Seele nennen. Prüft ihn. Und wenn du spürst, wie du zwischen den Kiefern des Zwielichts knirschst, wenn du den durchdringenden kalten Wind wahrnimmst, der ätzend ist wie der Geifer einer Schlange… dann wirst du ein Anderer.

Und entscheidest dich, auf wessen Seite du dich stellst.

»Ist der Junge noch im Zwielicht?«, fragte ich.

»Sie sind alle im Zwielicht…«Ilja war mir nachgetaucht.»Anton, warum hast du das bloß nicht gesagt?«

»Ich habe nicht dran gedacht. Habe dem keine Bedeutung zugemessen. Ich bin kein Fahnder, Ilja.«

Er schüttelte den Kopf.

Wir können einander nicht tadeln, zumindest kaum. Vor allem dann nicht, wenn jemand wirklich schuldig

ist. Das ist nicht nötig, denn unsere Strafe lauert um uns herum. Das Zwielicht verleiht uns Kräfte, über die kein Mensch verfügt, gibt uns ein Leben, das nach menschlichem Verständnis nahezu ewig währt. Und nimmt uns alles, wenn die Stunde gekommen ist.

In diesem Sinne führen wir alle ein Leben auf Pump. Nicht nur die Vampire und Tiermenschen, die töten müssen, um ihre seltsame Existenz zu verlängern. Die Dunklen können sich das Gute nicht leisten. Für uns gilt das Gegenteil.

»Wenn ich das nicht schaffe…«Ich ließ den Satz unbeendet. Auch so war alles klar.

Acht

Durchs Zwielicht wirkte das Ganze sogar schön. Auf dem Dach, dem flachen Dach jenes klotzigen»Hauses auf Beinen«, brannten Lichtpunkte in verschiedenen Farben. Das Einzige, was hier Farbe hat, sind unsere Gefühle. Und die gab es reichlich.

Am grellsten strahlte eine sich in den Himmel bohrende Säule aus glutroten Flammen - die Angst und der Zorn der Vampirin.

»Stark ist sie«, sagte Semjon bloß, während er auf das Dach schaute und die Autotür mit dem Fuß zuknallte. Aufseufzend fing er an, sich auszuziehen.

»Was hast du denn vor?«, fragte ich.

»Ich geh über die Wand rauf… über die Balkons. Das rat ich dir auch, Ilja. Nur kletter du im Zwielicht rauf, das ist leichter.«

»Und wie willst du rauf?«

»Ich mach’s auf die althergebrachte Weise. Dann ist die Chance größer, dass sie mich nicht entdeckt. Keine Sorge… Seit sechzig Jahren kraxle ich in den Bergen rum. Ich habe die Fahne der Faschisten vom Elbrus runtergeholt.«

Semjon zog sich bis aufs Hemd aus und warf die Sachen auf die Motorhaube. Unverzüglich wirkte er einen kurzen Schutzzauber, der sich sowohl über sein Zeug wie auch den Angeberschlitten legte.

»Du weißt, was du tust?«, hakte ich nach.

Semjon grinste, erzitterte vor Kälte, machte ein paar Kniebeugen und kreiste mit den Armen wie ein Sportler beim Aufwärmtraining. In lockerem Trab lief er auf das Haus zu. Leichter Schnee fiel ihm auf die Schultern.

»Packt er das?«, fragte ich Ilja. Wie er im Zwielicht die Hauswand hochkam, wusste ich. Theoretisch. Aber ein Aufstieg in der gewöhnlichen Welt, noch dazu ohne jede Ausrüstung…

»Muss er ja wohl«, meinte Ilja ohne rechte Überzeugung.»Als er zehn Minuten lang in der Jausa unter Wasser blieb… dachte ich auch, er taucht nie wieder auf.«

»Dreißig Jahre Unterwassersport«, murmelte ich missmutig.

»Vierzig… Ich geh jetzt, Anton. Wie kommst du rauf? Mit dem Fahrstuhl?«

»Ja.«

»Also dann… trödel nicht.«

Er wechselte ins Zwielicht über und rannte Semjon hinterher. Vermutlich würden sie unterschiedliche Wände erklimmen, aber ich hatte nicht die Absicht herauszubekommen, wer über welche Fassade nach oben gelangte. Auf mich wartete mein eigener Weg, der auch nicht leichter sein dürfte.

»Warum musstest du mich bloß treffen, Chef…«, flüsterte ich, während ich zum Hauseingang sprintete. Der Schnee knirschte unter den Füßen, in den Ohren pulsierte das Blut. Im Laufen zog ich die Pistole aus der Tasche und entsicherte sie. Acht silberne Dumdumgeschosse. Das sollte reichen. Wenn ich nur treffe. Wenn ich nur den Moment abpasse, in dem ich eine Chance habe zu treffen, um der Vampirin zuvorzukommen, ohne den Jungen dabei zu verletzen.

Früher oder später wären wir dir sowieso begegnet,

Anton. Wenn nicht wir, dann die Tagwache. Sie hatten ebenfalls alle Chancen, dich zu bekommen.

Mich wunderte gar nicht, dass er mich beobachtete. Erstens ging es um eine ernste Angelegenheit. Zweitens ist und bleibt er mein Hauptmentor.

Boris Ignatjewitsch, wenn… Ich machte die Jacke auf und steckte die Pistole im Rücken hinter den Gürtel. Was Swetlana angeht…

Wir haben ihre Mutter gründlich überprüft, Anton. Nichts. Sie ist nicht imstande, einen Fluch zu verhängen. Sie hat überhaupt keine Fähigkeiten.

Nein, ich wollte auf etwas anderes hinaus. Boris Ignatjewitsch… Ich habe nachgedacht. Ich habe sie nicht bedauert.

Und was heißt das?

Ich weiß es nicht. Aber ich habe sie nicht bedauert. Und auch keine Komplimente gemacht. Mich nicht gerechtfertigt.

Verstehe.

Und jetzt… verschwinden Sie bitte. Das hier ist meine Sache.

Gut. Entschuldige, dass ich dich ins Feld geschickt habe. Viel Glück, Anton.

Ich konnte mich nicht entsinnen, dass sich der Chef jemals bei irgendwem entschuldigt hätte. Doch mir blieb keine Zeit mehr, darüber zu staunen, da der Aufzug endlich kam.

Ich drückte den Knopf für den obersten Stock und griff automatisch nach den an einer Schnur hängenden Knöpfen der Kopfhörer.

Seltsam, die Musik lief schon. Wann hatte ich denn

den MD-Player eingestellt? Und was spuckt der Zufall für mich aus?

Alles findet sich hernach.

Für die einen ist er nichts,

Doch für mich ist er der Zar.

Und ich steh in Dunkelheit,

Für die einen wie ein Schatten,

Für die andern unsichtbar.

Ich vergöttere Piknik. Ob man Schkljarski mal daraufhin überprüft hat, ob er zu den Anderen gehört? Es könnte sich lohnen… Oder lieber doch nicht. Besser, er singt einfach.

Ja, ich tanze nicht im Takt,

Hab’s nicht richtig angepackt,

Hab mich auch nicht drum bemüht.

Und ich gleich dem Regen jetzt,

Der den Boden noch nicht netzt,

Einer Blume, die nicht blüht.

Ich, ich, ich bin unsichtbar.

Ich, ich, ich bin unsichtbar.

Die Gesichter sind wie Rauch,

Die Gesichter sind wie Rauch,

Wie wir siegen, das wird nie all den andern klar.

Ob man die letzte Zeile als gutes Vorzeichen verstehen konnte?

Der Fahrstuhl hielt an.

Nachdem ich auf den Treppenabsatz des letzten Stocks hinausgehuscht war, entdeckte ich eine Luke in

der Decke. Das Schloss war abgerissen, und zwar tatsächlich abgerissen - der Bügel baumelte eingedrückt und auseinander gebogen in der Luft. Die Vampirin dürfte damit wohl nichts zu tun haben, sie war vermutlich aufs Dach geflogen. Der Junge hatte den Weg über die Balkons gewählt.

Blieben Tigerjunges oder Bär. Höchstwahrscheinlich Bär; Tigerjunges hätte die Luke herausgerissen.

Ich zog die Jacke aus und ließ sie zusammen mit dem säuselnden MD-Player auf den Boden fallen. Ich berührte die Pistole im Rücken - sie steckte fest. Technik sollte Blödsinn sein? Warten wir’s ab, Olga, warten wir’s ab.

Ich warf meinen Schatten nach oben, projizierte ihn in die Luft. Ich streckte mich und schlüpfte mit einem Ruck in ihn hinein. Im Zwielicht stieg ich die Leiter zum Dach hinauf. Das blaue Moos, das dicht auf den Eisenstangen wucherte, federte unter meine Fingern und versuchte wegzukriechen.

»Anton!«

Ich stürzte aufs Dach und krümmte mich sofort: Was hier für ein Wind wehte. Ein lautloser, böiger, eisiger Wind. Ebenso Nachhall aus der Menschenwelt wie Marotte des Zwielichts. Noch schützte mich der auf dem Dach aufragende Betonkasten des Fahrstuhlschachts gegen ihn. Doch ein weiterer Schritt - und der Wind würde bis auf die Knochen durchdringen.

»Anton, wir sind hier!«

Zehn Meter vor mir stand Tigerjunges. Ich sah sie an und beneidete sie einen kurzen Moment lang: Sie jedenfalls spürte die Kälte ganz gewiss nicht.

Woher Tiermenschen und Magier die Masse zur Transformation des Körpers nahmen, wusste ich nicht. Aus dem Zwielicht wohl nicht, aber sicherlich auch nicht aus der Menschenwelt. In Menschengestalt wog die Frau fünfzig Kilo, vielleicht ein bisschen mehr. Als junge Tigerin, die in Kampfhaltung auf dem überfrorenen Dach stand, brachte sie drei Zentner auf die Waage. Ihre Aura loderte orange auf, über das Fell flossen langsame, träge kleine Funken dahin. Der Schwanz schlug in gleichmäßigem Rhythmus nach links und nach rechts, die rechte Vorderpfote kratzte in einem fort die Dachpappe. An dieser Stelle war das Dach bereits bis zum Beton durchgefetzt - irgendjemand würde im Frühling unter Wasser stehen…

»Komm her, Anton«, brüllte die Tigerin, ohne sich umzudrehen.»Sie ist hier!«

Bär war dichter an die Vampirin herangekommen als Tigerjunges. Er sah jetzt noch schrecklicher aus. Diesmal hatte er für die Transformation den Körper eines Eisbären gewählt, der im Unterschied zu den realen Bewohnern der Arktis jedoch schneeweiß war, ganz wie in den Bildern von Kinderbüchern. Ja, er war wohl doch ein Magier, kein Tiermensch, den man umerzogen hatte. Tiermenschen sind an ein, maximal zwei Varianten gebunden, während ich Bär bereits als tollpatschigen Braunbären gesehen hatte - das war, als wir einen Karneval für die amerikanische Delegation der Wache veranstalteten - und als Grizzly beim Anschauungsunterricht für Umwandlungen.

Die Vampirin stand direkt am Rand des Dachs.

Sie hatte abgebaut, spürbar abgebaut seit unserer ersten Begegnung. Ihr Gesicht lief noch spitzer zu, die Wangen waren eingefallen. Wie alle Vampire brauchte sie in der ersten Umbauphase des Organismus ständig

frisches Blut. Doch sollte man sich durch ihre Erscheinung nicht täuschen lassen: Die Auszehrung ist rein äußerlich, quält sie, entzieht ihr aber keine Kraft. Die Verbrennung im Gesicht war fast abgeklungen, die Spuren kaum noch zu erahnen.

»Du!«In der Stimme der Vampirin tönte Triumph. Ein erstaunlicher Triumph - als wolle sie nicht mit mir verhandeln, sondern mich opfern.

»Ich.«

Jegor stand vor der Vampirin, sie nutzte ihn als Deckung gegen die Fahnder. Der Junge befand sich im Zwielicht, das von der Blutsaugerin erzeugt worden war, und hatte deshalb das Bewusstsein nicht verloren. Er stand schweigend da, bewegte sich nicht, starrte mal mich an, mal Tigerjunges. Auf uns zählte er offenbar am meisten. Die Vampirin hatte dem Jungen eine Hand quer über die Brust gelegt, um ihn an sich zu pressen, die andere hielt sie ihm an den Hals - mit ausgefahrenen Krallen. Die Situation war nicht schwer abzuschätzen. Ein Patt. Für beide Seiten.

Sollten Tigerjunges oder Bär die Blutsaugerin angreifen, würde sie dem Jungen mit einer einzigen Bewegung den Kopf abreißen. Das würde sich nicht heilen lassen - selbst mit unseren Möglichkeiten nicht. Auf der anderen Seite: Wenn sie den Jungen umbrachte, würde uns nichts mehr aufhalten.

Man darf den Feind nicht in die Ecke treiben. Vor allem dann nicht, wenn man ihn töten will.

»Du hast verlangt, dass ich komme. Hier bin ich.«Ich hob die Hände, um zu zeigen, dass ich keine Waffen bei mir trug. Ich ging vorwärts.

Als ich zwischen Tigerjunges und Bär trat, bleckte

die Vampirin die langen Eckzähne.»Stehen bleiben!«

»Ich habe weder Espenholz noch Kampfamulette. Ich bin kein Magier. Ich kann dir nichts anhaben.«

»Das Amulett! Um deinen Hals hängt ein Amulett!«

Das war’s also.

»Das hat mit dir nichts zu tun. Es schützt mich gegen jemanden, der weit, weit über dir steht.«

»Nimm’s ab!«

Oh, oh, das ließ sich nicht gut an… Das ließ sich sogar ganz schlecht an… Ich packte die Kette, riss das Amulett ab und ließ es fallen. Wenn Sebulon wollte, konnte er jetzt versuchen, mich zu beeinflussen.

»Ich hab’s abgenommen. Jetzt sprich. Was willst du?«

Die Vampirin verdrehte den Kopf - ihr Hals vollbrachte ohne weiteres eine Drehung um 360 Grad. Oho! So was war mir bisher nicht mal zu Ohren gekommen - und unsern Kampfspezis offenbar auch nicht: Tigerjunges knurrte auf.

»Da schleicht noch jemand rum!«Die Vampirin sprach mit der Stimme eines Menschen, der kreischenden, hysterischen Stimme eines dummen jungen Mädchens, das zufällig zu Kraft und Macht gekommen war.»Wer? Wer?«

Ihre linke Hand, an der sie hatte Krallen wachsen lassen, presste sich in den Hals des Jungen. Ich zuckte zusammen, als ich mir vorstellte, was passieren würde, wenn nur ein einziger Tropfen Blut flösse. Die Blutsaugerin würde die Kontrolle über sich verlieren! Die andere Hand zeigte mit einer albernen anklagenden Geste, die an Lenin auf dem Panzerwagen erinnerte,

zum Rand des Dachs.

»Der soll rauskommen!«

Ich seufzte.»Ilja, komm raus…«, rief ich.

Über die Dachkante schoben sich Finger. Im nächsten Moment überwand Ilja das kleine Gitter und stellte sich neben Tigerjunges. Wo hatte er sich da bloß versteckt? Auf der Markise eines Balkons? Oder hatte er in der Luft gehangen, sich im Geflecht des blauen Mooses festkrallend?

»Ich wusste es!«, meinte die Vampirin triumphierend.»Betrug!«

Semjon schien sie jedoch nicht zu spüren. Ob unser phlegmatischer Freund schon hundert Jahre Ninjutsu trieb?

»Ausgerechnet du redest von Betrug.«

»Genau, ich!«Einen Moment lang funkelte in den Augen der Vampirin etwas Menschliches auf.»Denn ich kann betrügen! Ihr nicht!«

Gut. Gut, dass du das kannst und wir nicht. Glaube und hoffe. Wenn du meinst, dass der Begriff»Notlüge«nur für Predigten taugt - dann glaube. Wenn du denkst, das Gute werde nur in den alten Gedichten eines verlachten Dichters mit den Fäusten durchgesetzt - dann hoffe.

»Was willst du?«, fragte ich.

Sie schwieg kurz, als habe sie sich das noch nicht überlegt.»Leben!«

»Dazu ist es zu spät! Du bist schon tot.«

Die Vampirin fletschte abermals die Zähne.

»Ach ja? Aber Tote können jemandem den Kopf abreißen, oder?«

»Ja. Weiter können sie nichts.«

Wir starrten einander an, was seltsam war, theatralisch und affektiert, denn das ganze Gespräch war für die Katz, da wir einander sowieso nie verstehen würden. Sie ist tot. Ihr Leben ist der Tod eines anderen. Ich lebe. Doch aus ihrer Sicht verhält es sich genau umgekehrt.

»Das ist nicht meine Schuld.«Ihre Stimme klang auf einmal viel ruhiger, weicher. Und auch die Hand an Jegors Hals entspannte sich ein wenig.»Ihr, ihr, die ihr euch Nachtwache nennt - diejenigen, die nachts nicht schlafen, die meinen, sie hätten das Recht, die Welt vorm Dunkel zu schützen… Wo wart ihr denn, als man mein Blut getrunken hat?«

Bär trat einen kleinen Schritt vor. Einen winzigen Schritt nur, bei dem er die gewaltigen Tatzen kaum vorzusetzen schien, sondern nur unter dem Druck des Windes nach vorn schlitterte. Ich fragte mich, ob er noch weitere zehn Minuten so vorwärts kriechen würde - wie er schon die ganze letzte Stunde dahingekrochen war, denn so lange dauerte diese Auseinandersetzung bereits. Bis er dann endlich seine Chancen für ausreichend hielt. Dann würde er springen, und wenn er Glück hatte, würde der Junge den Händen der Vampirin entrissen werden und mit ein paar gebrochenen Rippen davonkommen.

»Wir können nicht alle im Auge behalten«, sagte ich.»Das können wir einfach nicht.«

Und was am schlimmsten war: Ich fing an, sie zu bedauern. Weder den Jungen, der in das Spiel zwischen Licht und Dunkel geraten war, hatte ich bedauert noch die junge Swetlana, über der ein Fluch hing, oder die unschuldige Stadt, die unter diesem Fluch leiden würde… Die Vampirin bedauerte ich. Denn in der Tat - wo waren wir gewesen? Wir, die wir uns Nachtwache nennen…

»So oder so hattest du eine Wahl«, sagte ich.»Und behaupte nicht, das stimmt nicht. Die Initiation erfolgt nur bei beiderseitigem Einverständnis. Du hättest sterben können. Anständig sterben können. Wie ein Mensch.«

»Anständig?«Die Vampirin schüttelte den Kopf, wobei ihr die Haare um die Schultern flogen. Wo war Semjon bloß? So schwer konnte es doch wohl nicht sein, das Dach eines neunzehnstöckigen Hauses zu erklimmen?»Genau das hätte ich gewollt… anständig. Doch derjenige… der die Unterschrift unter die Lizenz gesetzt hat… der mich zum Futter gemacht hat? Hat der sich anständig verhalten?«

Beim Licht und beim Dunkel…

Sie war nicht nur schlicht das Opfer eines durchgeknallten Vampirs. Sie war die vorbestimmte Beute, ausgewählt durch das blinde Los. Und ihr Schicksal sollte es sein, ihr Leben zu geben, um einen fremden Tod zu verlängern. Nur dass sich dieser Kerl, der vor meinen Augen zu einer Hand voll Asche zerfallen, der durch das Siegel verbrannt ist, dass dieser Kerl sich verliebt hat. Sich richtig verliebt, das fremde Leben nicht aufgesaugt, sondern das Mädchen zu seinesgleichen gemacht hat.

Die Toten können nicht nur Köpfe abreißen, sondern auch lieben. Das Unglück besteht nur darin, dass selbst ihre Liebe nach Blut verlangt.

Er war gezwungen, sie zu verstecken, denn er hatte

die junge Frau illegal zu einem Vampir gemacht. Er musste sie ernähren, und da musste lebendes Blut her, keins aus der Konserve, das naive Menschen gespendet hatten.

Damit begann die Wilderei in den Straßen Moskaus, und da sind dann endlich auch wir aufgewacht, wir, die Hüter des Lichts, die ruhmreichen Wächter der Nacht, die dem Dunkel die Menschenopfer liefern.

Im Krieg kann dir nichts Schlimmeres passieren, als den Feind zu verstehen. Denn verstehen bedeutet verzeihen. Aber dazu haben wir kein Recht, seit der Erschaffung der Welt haben wir dazu kein Recht.

»Trotzdem hattest du eine Wahl«, sagte ich.»Du hattest sie. Der Verrat eines anderen kann nicht als Rechtfertigung für den eigenen herhalten.«

Sie lachte leise auf.

»Ja, ja… guter Diener des Lichts… Natürlich. Du hast Recht. Und du kannst noch tausendmal wiederholen, dass ich tot bin. Dass meine Seele verbrannt ist, sich im Zwielicht aufgelöst hat. Nur erklär mir doch mal bitte, worin dann der Unterschied zwischen mir, einer hinterhältigen und bösen Kreatur, und dir besteht. Erklär es mir so… dass ich es glaube.«

Die Vampirin legte den Kopf schräg und sah Jegor ins Gesicht.

»Und du… Junge - verstehst du mich?«, fragte sie vertrauensvoll, fast freundschaftlich.»Antworte. Antworte ganz ehrlich, ohne… auf die Krallen zu achten. Ich nehm’s nicht übel.«

Bär glitt vorwärts. Wieder nur ein bisschen. Ich spürte, wie sich seine Muskeln anspannten, wie er sich auf den Sprung vorbereitete.

Lautlos, mit geschmeidigen und zugleich raschen Bewegungen - wie schaffte er es nur, sich in der Menschenwelt so schnell vorwärts zu bewegen? - tauchte Semjon endlich hinter der Vampirin auf.

»Sag’s schon, Kleiner!«, verlangte die Blutsaugerin aufgeräumt.»Antworte! Aber ehrlich! Und wenn du glaubst, dass er Recht hat und ich nicht… wenn du das wirklich glaubst… dann lasse ich dich gehen.«

Ich fing Jegors Blick auf.

Und wusste, was er antworten würde.

»Du hast auch… Recht.«

Leere. Kälte. Keine Kraft für Gefühle. Sollen sie doch zum Vorschein kommen, als Feuer lodern, das Menschen nicht sehen können.

»Was willst du?«, fragte ich.»Existieren? Gut - dann ergib dich. Du kommst vor Gericht, ein gemeinsames Gericht der Wachen…«

Die Vampirin sah mich an. Sie schüttelte den Kopf.»Nein… Ich traue eurem Gericht nicht. Weder der Nachtwache… noch der Tagwache.«

»Warum hast du mich dann kommen lassen?«, fragte ich. Semjon pirschte sich an die Vampirin heran, kam näher und näher…

»Um mich zu rächen«, sagte die Vampirin bloß.»Du hast meinen Freund ermordet. Jetzt bringe ich deinen um - vor deinen Augen. Danach… werde ich versuchen… dich umzubringen. Aber sogar wenn mir das nicht gelingt…«Sie lächelte.»Dir genügt das Wissen, dass du den Jungen nicht retten konntest. Nicht wahr, Wächter? Ihr unterschreibt Lizenzen, ohne den Menschen dabei ins Gesicht zu sehen. Das solltet ihr aber… Dann kommt die Moral hervorgekrochen… eure ganze falsche, billige, gemeine Moral…«

Semjon sprang.

Gleichzeitig mit ihm sprang Bär.

Das war schön, das ging schneller, als jede Kugel fliegt, als jeder Zauber wirkt, weil es am Ende immer der Körper ist, der den Schlag ausführt, unterstützt von der Geschicklichkeit, die in zwanzig, vierzig, hundert Jahren herangereift ist.

Und dennoch zog ich die Pistole hinter dem Rücken hervor und feuerte einen Schuss ab, auch wenn ich wusste, dass die Kugel langsam und träge dahinfliegen würde - wie bei einer Zeitlupenaufnahme in einem billigen Actionfilm - und der Vampirin noch die Gelegenheit lassen würde, auszuweichen, und Gelegenheit zum Töten.

Semjon hing ausgestreckt in der Luft, als sei er gegen eine Glaswand geprallt und krieche eine unsichtbare Grenze entlang, die auch ins Zwielicht führte. Bär warf es um - er war weitaus massiver. Die Kugel, die anmutig wie eine Libelle auf die Vampirin zuflog, loderte mit flammenden Zungen auf und verschwand.

Wenn nicht die Augen der Vampirin gewesen wären, die sich langsam weiteten, der verständnislose Blick, hätte ich geglaubt, dass sie selbst die Schutzkuppel aufgebaut hätte - auch wenn dieses Privileg den hochrangigen Magiern vorbehalten ist.

»Die beiden stehen unter meinem Schutz«, erklang es hinter meinem Rücken.

Ich drehte mich - und sah Sebulon in die Augen. Erstaunlich war, dass die Vampirin nicht in Panik geriet. Erstaunlich war auch, dass sie Jegor nicht tötete. Der missglückte Angriff und das Auftauchen des Dunklen Magiers kamen für sie weitaus überraschender als für uns, denn ich hatte es erwartet, hatte mit dergleichen gerechnet, kaum dass ich das Amulett abgenommen hatte.

Mich wunderte nicht, dass er so schnell gekommen war. Die Dunklen haben ihre eigenen Wege. Aber weshalb zog Sebulon, der Beobachter der Dunklen, diese kleine Auseinandersetzung seiner Anwesenheit in unserer Kommandozentrale vor? Hatte er das Interesse an Swetlana und dem über ihr hängenden Wirbel verloren? Hatte er etwas begriffen, das uns nicht aufgegangen war?

Die verfluchte Angewohnheit, erst alles zu analysieren! Den Fahndern geht sie aufgrund des ureigenen Wesens ihrer Arbeit ab. Von Natur aus reagieren sie unverzüglich auf Gefahr, stürzen sich in den Kampf, erleiden Sieg oder Niederlage.

Ilja hatte seinen magischen Stab bereits gezogen. Das fliederfarben-weiße Leuchten strahlte zu grell für einen Magier dritten Grades und zu gleichmäßig, um an ein plötzliches Aufflackern von Iljas Kraft glauben zu lassen. Höchstwahrscheinlich hatte der Chef selbst den Stab aufgeladen.

Hatte er etwas geahnt?

Hatte er mit dem Auftauchen von irgendjemandem gerechnet, dessen Kräfte den seinen ebenbürtig waren?

Weder Tigerjunges noch Bär hatten ihr Äußeres verändert. Ihre Magie musste sich nicht anpassen - schon gar nicht, indem sie menschliche Körper annahmen. Bär blickte nach wie vor die Vampirin an und ignorierte Sebulon völlig. Tigerjunges stellte sich neben mich. Semjon rieb sich die Hüfte und ging langsam um die Vampirin herum, wobei er demonstrativ vor ihr herschlenderte. Den Dunklen Magier überließ er uns.

»Die beiden?«, brüllte Tigerjunges.

Im ersten Moment begriff ich überhaupt nicht, was ihr gegen den Strich ging.

»Die beiden stehen unter meinem Schutz«, wiederholte Sebulon. Er mummte sich in einen formlosen schwarzen Mantel ein, auf dem Kopf saß ihm eine zerknautschte Kappe aus dunklem Pelz. Die Hände versteckte der Magier zwar in den Taschen, doch aus irgendeinem Grund war ich mir sicher, dass er nichts dabei hatte, kein Amulett, keine Pistole.

»Wer bist du?«, schrie die Vampirin.»Wer bist du?«

»Dein Hüter und Beschützer.«Sebulon sah mich an, nein, er sah mich nicht an, sondern streifte mich mit dem Blick, schaute an mir vorbei.»Dein Herr.«

Was hatte er, war er verrückt geworden? Die Vampirin hatte nicht die geringste Ahnung von der Verteilung der Kräfte. Sie war völlig aufgedreht. Hatte eben noch mit dem Tod gerechnet - dem Ende ihrer Existenz. Nun tauchte da die Möglichkeit auf, mit heiler Haut davonzukommen, aber dieser Ton…

»Ich habe keinen Herrn!«Die Frau, die Leben aus dem Tod anderer zog, lachte.»Wer auch immer du bist, einer vom Licht, einer vom Dunkel - merk dir das. Ich habe keinen Herrn!«

Sie bewegte sich weiter auf den Rand des Dachs zu, schleifte Jegor mit sich. Immer noch hielt sie ihn mit einer Hand gepackt, während die andere an seinem Hals lag. Eine Geisel - ein geschickter Zug gegen die Kräfte des Lichts.

Und womöglich auch gegen die Kräfte des Dunkels?

»Sebulon, wir sind einverstanden«, sagte ich. Ich legte die Hand auf den durchgedrückten Rücken von Tigerjunges.»Sie gehört dir. Nimm sie mit - bis zum Prozess. Wir halten uns an den Vertrag.«

»Ich nehme mir beide…«Blind schaute Sebulon nach vorn. Der Wind peitschte ihm ins Gesicht, doch die Augen des Magiers, die nie blinzelten, waren weit aufgerissen, als seien sie aus Glas gegossen.»Die Frau und der Junge gehören uns.«

»Nein. Nur die Vampirin.«

Schließlich würdigte er mich doch noch eines Blickes.

»Adept des Lichts, ich hole mir nur, was mir zusteht. Ich achte den Großen Vertrag. Die Frau und der Junge gehören uns.«

»Du bist stärker als jeder von uns«, sagte ich.»Aber du bist allein, Sebulon.«

Traurig und mitleidig lächelnd schüttelte der Dunkle Magier den Kopf.

»Nein, Anton Gorodezki.«

Sie traten hinter dem Fahrstuhlschacht hervor, ein Mann und eine Frau, beide jung. Die mir bekannt vorkamen. Nur allzu bekannt.

Alissa und Pjotr. Die Hexe und der Hexer von der Tagwache.

»Jegor!«, sprach Sebulon ihn leise an.»Hast du den Unterschied zwischen uns verstanden? Welcher Seite gibst du den Vorzug?«

Der Junge schwieg. Aber vielleicht nur deshalb, weil

die Krallen der Vampirin seine Kehle berührten.

»Haben wir hier irgendein Problem?«, fragte Tigerjunges mit schnurrender Stimme.

»Hm«, bestätigte ich.

»Eure Entscheidung?«, fragte Sebulon nur. Seine Wächter schwiegen, mischten sich nicht in das Geschehen ein.

»Mir gefällt das nicht«, sagte Tigerjunges. Sie bewegte sich kaum auf Sebulon zu, und ihr Schwanz schlug mir unerbittlich gegen das Knie.»Mir gefällt absolut nicht, welchen Standpunkt die Wächter des Tages einnehmen… in dieser Frage.«

Ganz offensichtlich teilte Bär diese Meinung: Wenn die beiden zusammenarbeiteten, sprach immer nur einer. Ich sah Ilja an: Der drehte den Stab in den Fingern und lächelte, ein unfrohes, grüblerisches Lächeln. Wie ein Kind, das anstatt einer Spielzeugpistole ein geladenes Uzi-Gewehr mit zu seinen Freunden geschleppt hatte. Semjon ließ das alles anscheinend völlig kalt. Auf Kleinigkeiten pfiff er. Siebzig Jahre lang übte er sich jetzt schon in Dachrennen.

»Sebulon, sprichst du für die Tagwache?«, fragte ich.

Ein sekundenkurzer Schatten des Zögerns funkelte in den Augen des Dunklen Magiers auf.

Was geht hier vor? Warum hatte Sebulon unseren Stab verlassen, warum hatte er auf die Möglichkeit verzichtet, einen unbekannten Magier von ungeheurer Kraft aufzuspüren und auf die Seite der Tagwache zu ziehen? Auf eine solche Möglichkeit verzichtet man nicht, selbst dann nicht, wenn es um eine Vampirin und einen kleinen Jungen mit einem ungeheuren Po-

tenzial ging. Warum suchte Sebulon den Konflikt?

Und warum, warum um alles zögert er - das sehe ich doch, kein Zweifel! -, im Namen der gesamten Tagwache aufzutreten?

»Ich spreche als Privatperson«, sagte Sebulon.

»Dann haben wir also nur ein paar kleine persönliche Unstimmigkeiten«, stellte ich fest.

»Ja.«

Er wollte die Wachen nicht mit hineinziehen. Jetzt waren wir nur noch Andere, wenn auch im Dienst, wenn auch mit unseren Aufgaben beschäftigt. Doch Sebulon zog es vor, den Konflikt nicht zu einer offiziellen Konfrontation eskalieren zu lassen. Warum? Glaubte er dermaßen an die eigenen Kräfte, oder fürchtete er das Auftauchen des Chefs?

Ich verstand überhaupt nichts mehr.

Aber die Hauptsache: Warum hatte er den Stab verlassen, die Jagd nach dem Hexenmeister aufgegeben, der Swetlana mit dem Fluch belegt hatte? Die Dunklen hatten durchgesetzt, diesen Magier zu bekommen. Und jetzt wollten sie kurzerhand auf ihn verzichten?

Was wusste Sebulon? Was wussten wir nicht?

»Eure armseligen…«, begann der Dunkle Magier. Beenden konnte er den Satz nicht - den nächsten Zug machte das Opfer.

Ich hörte, wie Bär brüllte, verständnislos, verzweifelt brüllte, und drehte mich um.

Jegor, die ganze Zeit in der Rolle der Geisel und gegen die Vampirin gepresst, hatte sich aufgelöst, war verschwunden.

Der Junge war tiefer ins Zwielicht hineingegangen.

Die Vampirin schlug die Hände zusammen, als wollte sie ihn festhalten, womöglich auch umbringen. Ein energisches Klatschen der bekrallten Klauen, das aber bereits keinen lebenden Körper mehr traf. Die Vampirin schlug sich selbst - unter die linke Brust, aufs Herz.

Wie schade, dass sie eine Untote war!

Bär sprang. Einer lebenden Schneewehe gleich stürzte er auf die Stelle, wo eben noch Jegor gestanden hatte, und riss die Vampirin nieder. Unter seiner Masse begrub er den zitternden Körper vollständig - nur die bekrallte Hand lugte noch heraus, die ihm krampfhaft gegen die bepelzte Seite schlug.

Genau in diesem Augenblick riss Ilja den Stab hoch. Das fliederfarbene Licht verblasste ganz leicht, bevor der Stab explodierte und sich in eine weiße Flammensäule verwandelte. Man hatte den Eindruck, aus den Händen des Fahnders schösse ein von einem Leuchtturm abgerissener Scheinwerferstrahl, ein Strahl, blendend und fast mit Händen greifbar. Mit größter Mühe schwang Ilja die Hände, um mit einem Strahl, den man in Moskau seit dem Krieg nicht mehr gesehen hatte, über den grauen Himmel zu kratzen und den gigantischen Knüppel auf Sebulon herabstürzen zu lassen.

Der Dunkle Magier schrie auf.

Es riss ihn nieder und presste ihn aufs Dach, während sich die Lichtsäule Iljas Händen entriss, immer beweglicher und selbstständiger agierte. Das war kein Lichtstrahl mehr, keine Flammensäule, sondern eine weiße Schlange, die sich ringelte und der silberne Schuppen wuchsen. Das eine Ende des riesigen Körpers wurde platter und platter, verwandelte sich in eine Haube, unter der eine stumpfe Visage mit starren Augen hervorkam, groß wie LKW-Räder. Die Zunge blitzte auf, eine dünne, gespaltene, wie ein Gasbrenner lodernde Zunge.

Ich sprang zur Seite, denn beinah hätte mich der Schwanz erwischt. Die Feuerkobra ringelte sich auf, warf sich auf Sebulon und stieß ruckweise den Kopf in die Schlingen ihres Körpers. Hinter den lodernden Ringen droschen drei Schatten aufeinander ein, die durch die Bewegung zu trüben Streifen zerflossen. Die Sprünge von Tigerjunges, die sich auf die Hexe gestürzt hatte, und den Hexer von der Tagwache konnte ich einfach nicht ausmachen.

Ilja lachte leise auf und zog aus dem Gürtel einen weiteren Stab. Diesmal einen matteren, den er offenbar selbst aufgeladen hatte.

Hatte er also eine Waffe besessen, die speziell für Sebulon ausgelegt war? Hatte der Chef gewusst, mit wem wir zusammenstoßen würden?

Ich spähte übers Dach. Auf den ersten Blick schienen wir alles unter Kontrolle zu haben. Bär hatte die Vampirin in der Zange und schlug wie wild auf sie ein. Ab und an drangen unter ihm erstickte Laute hervor. Tigerjunges hielt die Wächter in Schach und brauchte offenbar keine Hilfe. Die weiße Kobra würgte Sebulon.

Für uns Übrige blieb nichts zu tun. Ilja, der den Stab bereithielt, beobachtete den Tumult, wobei er ganz offenbar überlegte, in welchen Haufen er sich stürzen sollte. Semjon, der das Interesse an der Vampirin verloren und für Sebulon mit seinen Wächtern erst gar keins an den Tag gelegt hatte, schlenderte zum Dach-

rand und sah nach unten. Ob er mit weiterer Verstärkung seitens der Dunklen rechnete?

Und ich stand wie ein Idiot mit der nutzlosen Pistole in Händen da.

Der Schatten legte sich gleich beim ersten Versuch auf den Boden. Als ich hineintrat, spürte ich, wie die Kälte brannte. Nicht die Kälte, die die Menschen kennen, nicht die, die jeder Andere schon erlebt hat, sondern die Kälte des tiefen Zwielichts. Hier wehte kein Wind mehr, hier verschwanden Schnee und Eis unter den Füßen. Hier wucherte kein blaues Moos. Nur Nebel wallte, dicker, zäher, klumpiger Nebel. Wollte man den Nebel mit Milch vergleichen, müsste man von geronnener Milch sprechen. Feinde wie Freunde - sie alle verwandelten sich in trübe Schatten, die sich kaum bewegten. Nur die mit Sebulon ringende Feuerkobra war nach wie vor schnell und grell - dieser Kampf verlief in allen Schichten des Zwielichts. Als ich mir klar machte, mit wie viel Energie der magische Stab aufgeladen sein musste, wurde mir übel.

Wozu, beim Dunkel und beim Licht? Wozu? Weder die junge Vampirin noch der Junge, dieser Andere, waren solche Anstrengungen wert!

»Jegor!«, schrie ich.

Die Kälte drang mir durch Mark und Bein. In die zweite Schicht des Zwielichts war ich erst zweimal vorgedrungen, einmal im Unterricht, zusammen mit meinem Ausbilder, und einmal gestern, um durch die verschlossene Tür zu gehen. Hier hatte ich keinen Schutz, und mit jeder Sekunde schwanden meine Kräfte.

»Jegor!«Ich ging durch den Nebel. Hinter mir erklangen dumpfe Schläge - die Schlange hämmerte jemanden aufs Dach, den Körper in ihr Maul gezwängt. Ich wusste sogar, wessen Körper…

Da die Zeit hier noch langsamer vergeht, gab es den Hauch einer Chance, dass der Junge das Bewusstsein noch nicht verloren hatte. Ich ging zu der Stelle, an der er in die zweite Schicht des Zwielichts abgetaucht war, und versuchte, etwas zu erkennen, bemerkte aber den Körper am Boden nicht. Ich stolperte, fiel, stützte mich auf, hockte mich hin - und saß Jegor gegenüber.

»Bist du in Ordnung?«, fragte ich überflüssigerweise. Überflüssigerweise, denn er hatte die Augen offen und sah mich an.

»Ja.«

Unsere Stimmen klangen dumpf und grollend. Ganz in der Nähe wogten zwei Schatten: Bär zerfetzte immer noch die Vampirin. Wie lange sie wohl noch durchhielt?

Und wie lange der Junge wohl noch durchhielt.

»Gehen wir«, sagte ich, indem ich die Hand ausstreckte und seine Schulter berührte.»Das hier… ist zu heftig. Wir riskieren es, für immer hier zu bleiben.«

»Na und.«

»Das begreifst du nicht, Jegor! Dieses Leiden! Sich im Zwielicht aufzulösen bedeutet ewiges Leiden. Das kannst du dir einfach nicht vorstellen, Jegor! Komm!«

»Wozu?«

»Um zu leben.«

»Wozu?«

Meine Finger wollten sich nicht mehr krümmen. Die

Pistole wurde schwer, schien aus Eis gegossen. Mit etwas Glück würde ich noch ein oder zwei Minuten überstehen…

Ich schaute Jegor in die Augen.

»Jeder trifft seine eigenen Entscheidungen. Ich gehe jetzt. Ich habe etwas, wofür es sich zu leben lohnt.«

»Warum willst du mich retten?«, wollte er neugierig wissen.»Braucht eure Wache mich?«

»Ich glaube nicht, dass du zu unserer Wache kommst…«, sagte ich zu meiner eigenen Überraschung.

Er lächelte. Zwischen uns glitt langsam ein Schatten hindurch. Semjon. Hatte er etwas bemerkt? War jemandem etwas passiert?

Und ich saß da, verlor meine letzten Kräfte und versuchte, den ausgeklügelten Selbstmord eines kleinen Anderen zu verhindern - der so oder so verloren war.

»Ich gehe«, sagte ich.»Verzeih.«

Der Schatten klammerte sich an mich, fror an den Fingern an und wuchs mir zum Gesicht hinauf. Als ich mich ruckartig von ihm losriss, fauchte das Zwielicht verdrossen, enttäuscht von solch einem Verhalten.

»Hilf mir«, bat Jegor. Ich konnte seine Stimme kaum noch hören, da ich schon fast herausgegangen war. Er hatte sich in allerletzter Sekunde entschlossen.

Ich streckte den Arm aus und griff nach seiner Hand. Überall an mir zerrte es, das Zwielicht schubste mich hinaus, während der Nebel um mich herum schmolz. All meine Hilfe war rein symbolisch, das Wesentliche musste der Junge selbst tun.

Was er auch tat.

Wir fielen in die obere Schicht des Zwielichts. Der kalte Wind schlug uns ins Gesicht, was jetzt allerdings angenehm war. Die laschen Bewegungen um uns herum verwandelten sich in ein schnelles Handgemenge. Die grauen verwischten Farben kamen uns leuchtend vor.

Irgendetwas hatte sich in den Sekunden verändert, als wir miteinander gesprochen hatten. Die Vampirin zappelte immer noch unter Bär - das war’s nicht. Der junge Hexer lag auf dem Dach, tot oder bewusstlos, daneben wälzten sich Tigerjunges und die Hexe - das war’s auch nicht.

Die Schlange!

Die weiße Kobra war derart angeschwollen, hatte sich derart aufgebläht, dass sie bereits ein Viertel des Dachs einnahm. Es war, als hätte sie jemand mit Luft voll gepumpt und in die Höhe gehoben, vielleicht war sie auch von allein in den tief hängenden Himmel aufgeflogen. Semjon stand in irgendeiner alten Kampfposition neben den ineinander verflochtenen Windungen des Flammenkörpers und ließ von seinen Händen kleine orangefarbene Kugeln gegen die Spule aus weißen Flammen prasseln. Er zielte nicht auf die Kobra, sondern auf jemanden, der unter ihr klemmte, der schon lange hätte tot sein müssen, aber immer noch weiter kämpfte.

Eine Explosion!

Ein Wirbel von Licht, Fetzen von Dunkel. Ich wurde rücklings zu Boden geschleudert, im Fallen stürzte ich auf Jegor, riss ihn mit, schaffte es aber, seine Hand zu packen. Tigerjunges und die Hexe enthakten sich und flogen an den Dachrand, wo sie am Gitter wie erstarrtliegen blieben. Bär war von der Vampirin heruntergerissen worden, sie war verletzt und verstümmelt, aber noch am Leben. Semjon schwankte zwar, stand aber noch aufrecht da, abgeschirmt von einer matt leuchtenden Schutzlinse. Der Einzige, der abstürzte, war der bewusstlose Hexer: Er brach durch das verrostete Gitter der Absperrung und fiel wie ein nasser Sack nach unten.

Nur Ilja stand da wie angewurzelt. Einen Schutz um ihn herum sah ich nicht, doch nach wie vor verfolgte er voller Neugier das Geschehen und presste die Hände fest um den Stab.

Die Reste der Flammenkobra stoben auf, wirbelten wie leuchtende Wölkchen, die funkenstiebend schmolzen und in Lichtstrahlen zerflossen. Unter diesem Feuerwerk erhob sich Sebulon langsam und breitete die Arme in einer komplizierten magischen Geste aus. Beim Kampf hatte er seine Kleidung eingebüßt, sodass er jetzt völlig nackt dastand. Sein Körper hatte sich verändert, wies nun die klassischen Merkmale eines Dämons auf: statt Haut matte Schuppen, eine falsche Schädelform, anstelle von Haaren ein verfilztes Fell, schmale Augen mit vertikalen Pupillen. Zwischen den Beinen baumelte ein übergroßes Glied, der Steiß mündete in einen kurzen gespaltenen Schwanz.

»Fort!«, schrie Sebulon.»Fort!«

Was jetzt wohl in der Menschenwelt los war? Ausbrüche von tödlicher Sehnsucht und grundloser, blinder Freude, Herzattacken, unüberlegte Handlungen, Streitigkeiten zwischen den besten Freunden, Betrug der treuen Geliebten… Die Menschen sehen nicht, was hier geschieht, doch ihre Seelen werden davon berührt.

Wozu?

Wozu macht die Tagwache das alles?

In diesem Moment wehte mich unvermittelt Ruhe an. Eine kalte, nüchterne, fast vergessene Ruhe.

Eine mehrzügige Kombination. Mal angenommen, alles läuft nach einem Plan der Tagwache ab. Setzen wir das als Prämisse. Und dann verbinden wir alle Zufälle, angefangen von meiner Jagd in der Metro, nein, angefangen mit dem Augenblick, als der junge Vampir von uns das Mädchen als Futter zugewiesen bekam, in das er sich unweigerlich verliebte.

Die Gedanken strömten jetzt so entschlossen, als hätte ich ein Brainstorming ausgelöst, mich in das Bewusstsein anderer Menschen eingeklinkt, wie das unsere Analytiker ab und zu machen. Nein, das war natürlich nicht der Fall - aber einige Teilchen dieses Puzzles regten sich mit einem Mal, ordneten sich neu auf dem Tisch an, wurden lebendig und fügten sich vor meinen Augen zusammen.

Der Tagwache war die Vampirin schnuppe.

Die Tagwache würde es wegen eines Jungen mit potenziell sehr großen Fähigkeiten nicht auf einen Konflikt ankommen lassen.

Für die Tagwache gab es nur einen Grund, warum sie so etwas einfädelte.

Den Dunklen Magier mit sagenhaftem Potenzial.

Den Dunklen Magier, der ihre Position stärken würde - nicht nur in Moskau, sondern auf dem ganzen Kontinent.

Aber sie hätten ihn doch auch so bekommen, wir haben doch versprochen, ihnen den Dunklen Magier zu

überlassen…

Dieser unsichtbare Magier war das X. Die einzige unbekannte Größe in der Gleichung. Als Y konnte man Jegor betrachten: Seine Widerstandskraft gegenüber der Magie war bereits zu ausgeprägt für einen Neuling unter den Anderen. Trotzdem stellte der Junge eine bekannte Größe dar, wenn auch mit unbekanntem Faktor.

Der bewusst in die Gleichung aufgenommen wurde. Um sie komplizierter zu machen.

»Sebulon!«, schrie ich. Hinter mir wälzte sich Jegor, der aufstehen wollte und dabei auf dem Eis ausrutschte. Semjon, der immer noch seinen Schutz aufrechterhielt, ging von dem Magier weg. Völlig leidenschaftslos beobachtete Ilja das Geschehen. Bär näherte sich der zuckenden Vampirin, die auf die Beine zu kommen versuchte. Tigerjunges und die Hexe Alissa gingen schon wieder aufeinander zu.»Sebulon!«

Der Dämon sah mich an.

»Ich weiß, um wen ihr kämpft!«

Nein, noch wusste ich es nicht. Aber langsam schwante mir etwas, denn das Puzzle fügte sich zu einem Ganzen und zeigte ein mir bekanntes Gesicht…

Der Dämon öffnete das Maul - die Kiefer klappten nach links und nach rechts wie bei einem Käfer. Immer stärker erinnerte er an ein gigantisches Insekt, die Schuppen waren zum Panzer zusammengewachsen und die Genitalien sowie der Schwanz eingeschrumpft, während an den Seiten neue Extremitäten herauswuchsen.

»Dann bist du… tot.«

Seine Stimme klang wie eh und je, hatte eher noch an Nachdenklichkeit und Intellektualität gewonnen. Sebulon streckte mir den Arm entgegen - der sich ruckartig verlängerte, immer neue und neue Gelenke hinzugewann.

»Komm her…«, flüsterte Sebulon.

Alle erstarrten. Bis auf mich - ich ging auf den Dunklen Magier zu. Von dem mentalen Schutz, den ich mir in langen Jahren zugelegt hatte, blieb nicht die Spur übrig. Es überstieg meine Kräfte, überstieg sie bei weitem, mich Sebulon zu widersetzen.

»Bleib stehen!«, brüllte Tigerjunges und drehte sich von der ramponierten, aber grinsenden Hexe weg.»Bleib stehen!«

Nur zu gern hätte ich ihr die Bitte erfüllt. Aber ich konnte nicht.

»Anton…«, erklang es hinter mir.»Dreh dich um…«

Das konnte ich. Indem ich den Kopf zurückdrehte, entriss ich mich dem Blick aus den bernsteinfarbenen Augen mit den vertikalen Pupillen.

Jegor hockte da, zum Aufstehen fehlte ihm die Kraft. Erstaunlich, dass er überhaupt bei Bewusstsein war - denn von außen floss ihm keine Energie mehr zu. Der Zufluss war versiegt, der das Interesse des Chefs geweckt hatte, von Anfang an dagewesen war. Der Faktor Y. Ins Spiel gebracht, um die Situation komplizierter zu machen.

An Jegors Hand baumelte die Kupferkette mit dem kleinen beinernen Amulett.

»Fang!«, schrie der Junge.

»Nimm es nicht!«, befahl Sebulon. Doch zu spät, ich hatte mich schon vorgebeugt und mir das Amulett gegriffen, das vor meinen Füßen gelandet war. Die Berührung mit dem beschnitzten Medaillon versengte mich, fast als hätte ich glühende Kohle angefasst.

Ich sah den Dämon an und schüttelte den Kopf.»Sebulon… du hast keine Macht mehr über mich.«

Der Dämon brüllte auf und kam auf mich zu. Macht hatte er keine mehr - aber Kraft im Übermaß.

»Aber, aber…«, sagte Ilja im Ton eines Oberlehrers.

Eine lodernde weiße Wand zerschnitt die Fläche zwischen uns. Sebulon heulte auf, denn er rannte gegen die magische Barriere, ein Gewebe aus reinstem weißen Licht, das ihn zurückwarf. Mit einer komischen Geste schüttelte er die verbrannten Pfoten und sah dabei eher albern als furchteinflößend aus.

»Ein Mehrzüger?«, sagte ich.»Ganz einfach, ja?«

Alles auf dem Dach verstummte. Tigerjunges und die Hexe Alissa standen nebeneinander und versuchten nicht mehr, übereinander herzufallen. Semjon schaute abwechselnd Ilja und mich an, und es ließ sich nicht sagen, wer von uns beiden ihn mehr zum Staunen brachte. Die Blutsaugerin weinte leise vor sich hin und versuchte aufzustehen. Ihr ging es schlechter als den anderen, sie hatte ihre ganze Kraft geopfert, um den Kampf mit Bär zu überleben, und setzte nun alles daran, sich zu regenerieren. Mit unsagbarer Mühe tauchte sie aus dem Zwielicht auf und verwandelte sich in eine verschwommene Silhouette.

Sogar der Wind schien sich plötzlich zu legen…

»Wie macht man einen Menschen zum Dunklen Magier, der von Grund auf rein ist?«, fragte ich.»Wie zieht man einen Menschen auf die Seite des Dunkels, der nicht hassen kann? Man kann überall Schwierigkeiten vor ihm aufbauen - nach und nach, immer wieder, in der Hoffnung, dass er böse wird… Aber das bringt nichts. Als zu rein erweist sich dieser Mensch… diese Frau.«

Ilja lachte leise zustimmend auf.

»Das Einzige, was sie hassen kann…«Ich sah Sebulon in die Augen, in denen nur noch eine machtlose Bosheit zu lesen war.»… ist sie selbst. Und da nun dieser überraschende Zug. Ein ungewöhnlicher. Man lässt ihre Mutter krank werden. Soll sich das Mädchen doch die Seele zermartern, sich für ihre Schwäche und Hilflosigkeit verachten. Hauptsache, wir treiben sie so in die Ecke, dass sie nur noch hassen kann, wenn auch nur sich selbst, aber immerhin: hassen. Freilich gibt es da eine Wahrscheinlichkeitsverzweigung. Die kleine Chance, dass ein einziger Mitarbeiter der Nachtwache, der mit der operativen Arbeit nicht richtig vertraut ist…«

Die Beine knickten mir weg - ich bin wirklich nicht daran gewöhnt, so lange im Zwielicht zu bleiben. Ich wär vor Sebulon auf die Knie gefallen, was ich um keinen Preis wollte. Doch Semjon schlitterte durchs Zwielicht zu mir und packte mich bei den Schultern. Vermutlich macht er so was schon seit hundertfünfzig Jahren.

»Der mit dem Außendienst nicht vertraut ist…«, wiederholte ich.»Der weicht einfach so vom üblichen Schema ab. Weder bedauert noch tröstet er die Frau, für die Mitleid tödlich wäre. Also muss man ihn von dem Objekt abziehen. Eine Situation schaffen, die ihm keine ruhige Minute lässt. Damit er für eine zweitrangige Sache eingesetzt wird, und ihn noch dazu durch persönliche Verantwortung oder Sympathie an diese

Aufgabe binden - mit allem, was sich irgend anbietet. Dafür kann man auch schon mal einen einfachen Vampir opfern. Nicht wahr?«

Sebulon begann sich zurückzuverwandeln. Rasch nahm er sein früheres Aussehen eines bescheidenen Intelligenzlers an.

Komisch. Wozu das? Ich habe gesehen, wozu er im Zwielicht geworden ist, ein für alle Mal geworden ist.

»Eine mehrzügige Kombination«, wiederholte ich.»Ich könnte schwören, dass Swetlanas Mutter durchaus nicht an einer tödlichen Krankheit sterben muss. Da habt ihr ein bisschen nachgeholfen, im Rahmen des Erlaubten natürlich… Aber dann haben auch wir unsere Rechte.«

»Sie gehört uns!«, sagte Sebulon.

»Nein.«Ich schüttelte den Kopf.»Es wird keinen Durchbruch des Infernos geben. Ihre Mutter wird wieder gesund werden. Ich fahre jetzt zu Swetlana… und erzähle ihr alles. Die Frau kommt zur Nachtwache. Ihr habt verloren, Sebulon. So oder so verloren.«

Die über dem Dach verteilten Kleiderfetzen krochen auf den Dunklen Magier zu, wuchsen zusammen, sprangen hoch und hüllten ihn ein, den traurigen, charmanten Mann, der voller Kummer war über die Welt.

»Niemand von euch wird von hier weggehen«, sagte Sebulon. Hinter ihm wölkte das Dunkel auf, als spanne es zwei riesige schwarze Flügel.

Ilja lachte erneut.

»Ich bin stärker als ihr alle.«Sebulon schielte zu Ilja hinüber.»Deine geborgten Kräfte sind nicht unerschöpflich. Ihr werdet für immer hier bleiben, im Zwielicht, in einer Tiefe, in die ihr nie hineinzusehen gewagt hättet…«

Semjon seufzte auf und sagte:»Anton, er hat es immer noch nicht verstanden.«

Ich drehte mich um und fragte:»Boris Ignatje-witsch, diese Maskerade ist doch nicht länger nötig, oder?«

Der junge nassforsche Fahnder zuckte mit den Achseln.

»Natürlich nicht, Antoschka. Aber ich habe so selten das Vergnügen, den Chef der Tagwache bei der Arbeit zu beobachten… Verzeih einem alten Mann. Ich hoffe, es war für Ilja in meinem Körper genauso interessant…«

Boris Ignatjewitsch nahm seine alte Gestalt wieder an. In einem Rutsch, ganz ohne theatralische Zwischenstufen der Metamorphose und Lichteffekte. Wie immer trug er den Hausmantel und die Kappe, zudem aber noch Tatarenstiefel aus weichem Leder, über die er Galoschen gezogen hatte.

Es war die reinste Wonne, Sebulons Gesicht zu sehen.

Die dunklen Flügel verschwanden nicht, wuchsen jedoch nicht weiter und schlugen nur unsicher, als wolle der Magier wegfliegen, könne sich aber nicht entscheiden.

»Brich die Operation ab, Sebulon«, sagte der Chef.»Wenn ihr euch unverzüglich von hier und aus Swetlanas Haus zurückzieht, werden wir darauf verzichten, offiziell Beschwerde einzureichen.«

Der Dunkle Magier zögerte keine Sekunde.

»Wir gehen.«

Der Chef nickte, als habe er nichts anderes erwartet. Fast hätte man denken können… Doch er hatte den Stab gesenkt, die Barriere zwischen Sebulon und mir war verschwunden.

»Ich werde nicht vergessen, welche Rolle du hier gespielt hast…«, flüsterte der Dunkle Magier hastig.»Niemals.«

»Merk es dir nur«, pflichtete ich ihm bei.»Das kann nicht schaden.«

Sebulon legte die Hände aneinander - die mächtigen Flügel schlugen im Takt, und er verschwand. Zuvor hatte der Magier jedoch noch die Hexe angesehen, die daraufhin genickt hatte.

Oh, oh, das gefiel mir ganz und gar nicht. Nach dem Kampf angespuckt zu werden ist nicht tödlich, aber immer unangenehm.

Mit leichten, tänzelnden Schritten, die so gar nicht zu dem blutüberströmten Gesicht und dem ausgekugelten, kraftlos herabhängenden linken Arm passten, kam Alissa auf mich zu.

»Du musst auch gehen«, sagte der Chef.

»Natürlich, mit dem allergrößten Vergnügen!«, erwiderte die Hexe.»Aber vorher habe ich noch ein kleines, ein ganz kleines Recht. Nicht wahr, Anton?«

»Ja«, flüsterte ich.»Eine Einwirkung siebten Grades.«

Gegen wen würde sich der Schlag richten? Gegen den Chef? Lächerlich! Gegen Tigerjunges, Bär, Semjon…? Quatsch! Jegor? Aber was sollte sie ihm mit der geringsten Form der Intervention eingeben können?

»Öffne dich«, verlangte die Hexe.»Öffne dich, Anton. Das ist eine Intervention siebten Grades. Der Chef der Nachtwache ist mein Zeuge: Ich gehe nicht zu weit.«

Semjon stöhnte auf und presste meine Schulter so stark, dass es wehtat.

»Sie hat das Recht dazu«, sagte ich.»Boris Ignatjewitsch…«

»Tu es«, entgegnete der Chef leise.»Ich schau zu.«

Ich seufzte auf und öffnete mich der Hexe. Was konnte sie mir schon anhaben! Nichts! Eine Intervention siebten Grades - damit würde sie mich nicht auf die Seite des Dunkels ziehen! Das war doch einfach lächerlich!

»Anton«, sagte die Hexe sanft.»Sag dem Chef das, was dir auf dem Herzen liegt. Sag ihm die Wahrheit. Antworte ehrlich und aufrichtig. So, wie du antworten musst.«

»Eine minimale Einwirkung…«, wiederholte der Chef. Sollte in seiner Stimme Schmerz mitschwingen, dann war er so tief verborgen, dass ich ihn nicht hören konnte.

»Ein Mehrzüger«, sagte ich, wobei ich Boris Ignatjewitsch ansah.»Auf beiden Seiten. Die Tagwache opfert ihre Bauern. Dito die Nachtwache. Um das große Ziel zu erreichen. Um eine Zauberin von großer, beispielloser Kraft auf die eigene Seite zu ziehen. Ein junger Vampir, der so gern lieben wollte, kann da ruhig sterben. Ein kleiner Junge mit den schwachen Fähigkeiten eines Anderen kann ruhig sterben, im Zwielicht umkommen. Die eigenen Mitarbeiter können ruhig leiden. Denn es gibt ein Ziel, das alle Mittel rechtfertigt. Zwei

große Magier, die einander seit Jahrhunderten bekämpfen, zetteln wieder einmal einen kleinen Krieg an. Und dem Lichten Magier macht das mehr zu schaffen - er setzt alles auf eine Karte. Wenn er verliert, ist das nicht nur unangenehm - es ist ein Schritt ins Zwielicht, ins ewige Zwielicht. Trotzdem setzt er alles auf eine Karte. Setzt die eigenen Leute genauso wie die anderen. Ist es nicht so, Boris Ignatjewitsch?«

»Ja«, antwortete der Chef.

Alissa lachte leise auf und ging zur Luke. Sie konnte jetzt nicht fliegen. Tigerjunges hatte sie tüchtig in die Mangel genommen. Und trotzdem hatte die Hexe gute Laune.

Ich sah Semjon an, der meinem Blick auswich. Tigerjunges verwandelte sich langsam in eine Frau zurück - und versuchte ebenfalls, mich nicht anzusehen. Bär brüllte einmal kurz und stapfte ohne sein Äußeres zu ändern zur Luke. Er nahm es schwerer als die anderen. Er ist zu gradlinig. Bär, dieser hervorragende Kämpfer und Gegner von Kompromissen…

»Ihr seid Schufte, alle miteinander«, sagte Jegor. Er rappelte sich ungelenk hoch, was nicht nur an seiner Erschöpfung lag - der Chef versorgte ihn jetzt, ich sah den feinen Faden der Kraft, der sich in der Luft spannte -, sondern weil es anfangs immer schwer ist, sich vom eigenen Schatten loszureißen.

Ich folgte ihm. Das war nicht weiter problematisch, denn in der letzten Viertelstunde war derart viel Energie ins Zwielicht geflossen, dass es seine übliche aggressive Zähigkeit eingebüßt hatte.

Noch im selben Moment, als ich aus dem Zwielicht heraustrat, hörte ich ein widerwärtiges dumpfes Klatschen: Der vom Dach gestürzte Hexer war eben auf dem Asphalt aufgeschlagen.

Nach und nach tauchten die anderen auf. Eine sympathische schwarzhaarige Frau, die unter dem linken Auge blutete und deren Wangenknochen gebrochen war, ein unerschütterliches, stämmiges Kerlchen, ein imposanter Geschäftsmann im orientalischen Gewand… Bär war bereits weg. Ich wusste, was er in seiner Wohnung, in seiner Höhle, machen würde: reinen Sprit trinken und Gedichte lesen. Höchstwahrscheinlich laut. Und dabei in den fröhlich brabbelnden Fernseher glotzen.

Die Vampirin war auch da. Ihr ging es miserabel, sie grummelte irgendetwas, schüttelte den Kopf und versuchte den zerbissenen Arm zu belecken. Erschöpft mühte sich dieser, wieder zusammenzuwachsen. Rundherum war alles mit Blut bespritzt - nicht mit ihrem natürlich, sondern mit dem des letzten Opfers…

»Hau ab«, sagte ich und hob die schwere Pistole. Meine Hand zitterte verdächtig.

Die Kugel schlug klatschend ein, drang durch den toten Körper, an der Seite der Frau klaffte eine hässliche Wunde auf. Die Vampirin stöhnte und presste die gesunde Hand auf die Stelle. Der andere Arm baumelte an ein paar dünnen Sehnen herab.

»Das ist nicht nötig«, sagte Semjon sanft.»Das ist nicht nötig, Anton…«

Trotzdem zielte ich auf ihren Kopf. Doch in diesem Augenblick schoss ein riesiger schwarzer Schatten vom Himmel herab, eine Fledermaus, groß wie ein Kondor. Sie breitete die Flügel aus, schirmte die Vampirin ab und krümmte sich unter den Krämpfen der Transfor-

mation zusammen.

»Sie hat das Recht auf einen Prozess!«

Auf Kostja konnte ich nicht schießen. Ich stand einfach da und schaute auf den jungen Vampir, der im selben Haus wohnte wie ich. Er wich meinem Blick nicht aus, sondern sah mich direkt und unerbittlich an. Wie lange schleichst du schon hinter mir her, mein Freund und Widersacher? Und wozu? Um eine Artgenossin zu retten oder um den Schritt zu verhindern, der mich zu deinem Todfeind machen würde?

Ich zuckte die Schultern und steckte die Pistole in den Hosenbund. Du hast Recht, Olga. Diese ganze Technik ist Quatsch.

»Das hat sie«, bestätigte der Chef.»Semjon, Tigerjunges, ihr beide eskortiert sie.«

»Gut«, sagte Tigerjunges. Sie sah mich an - nicht mitleidig, sondern verständnisvoll. Mit federndem Schritt ging sie auf die Vampirin zu.

»Ihr blüht sowieso die Höchststrafe«, flüsterte Semjon, bevor er ihnen nachstapfte.

So verließen auch sie das Dach: Kostja, der die stöhnende, nichts begreifende Vampirin in den Armen trug, dann Semjon und Tigerjunges, die ihnen schweigend folgten.

Wir blieben zu dritt übrig.

»Du hast wirklich Fähigkeiten, mein Junge«, sagte der Chef sanft.»Nicht sehr große, doch die meisten haben nicht einmal die. Ich würde mich freuen, wenn du mein Schüler würdest…«

»Scheren Sie sich doch…«, setzte Jegor an. Höflichkeit verbot es ihm, den Satz zu beenden. Lautlos weinte der Junge vor sich hin, verzog das Gesicht und versuchte, die Tränen zurückzuhalten - was ihm jedoch nicht gelingen wollte.

Eine kleine Einwirkung siebten Grades, und ihm wäre leichter zumute. Er würde verstehen, dass das Licht nicht gegen das Dunkel kämpfen kann, ohne dabei zu allen Waffen zu greifen, die ihm zur Verfügung stehen.

Ich hob den Kopf zum Zwielicht-Himmel, öffnete den Mund und fing die kalten Schneeflocken auf. Man müsste kalt werden. Für immer. Aber nicht so wie im Zwielicht. Man müsste zu Eis werden, nicht zu Nebel, zu Schnee, nicht zu Matsch; müsste versteinern, nicht zerlaufen…

»Jegor, gehen wir, ich bring dich nach Hause«, schlug ich vor.

»Ich… habe es… ja nicht weit…«, sagte der Junge.

Noch lange stand ich da, schluckte abwechselnd Schnee und Wind - und merkte nicht, wie er ging. Ich hörte die Frage des Chefs:»Jegor, kannst du deine Eltern allein wecken?«, aber die Antwort vernahm ich nicht.

»Anton, wenn es dich tröstet - die Aura des Jungen ist nach wie vor die alte«, sagte Boris Ignatjewitsch.»Nämlich unbestimmt…«Er packte mich bei den Schultern, ein kleiner und beklagenswerter Mann, der in nichts an den Unternehmer mit dem gepflegten Äußeren oder den Magier ersten Grades erinnerte. Nur ein jung gebliebener Alter, der mal wieder eine kleine Schlacht in einem endlosen Krieg gewonnen hatte.

»Wenigstens das.«

Das hätte ich auch gewollt. Keine bestimmte Aura. Das eigene Schicksal.

»Anton, uns erwartet noch Arbeit.«

»Ich weiß, Boris Ignatjewitsch…«

»Kannst du Swetlana alles erklären?«

»Ja, vermutlich schon… Jetzt kann ich es.«

»Du musst mir verzeihen. Aber ich nutze das, was ich habe… benutze diejenigen, über die ich verfüge. Ihr beide seid miteinander verbunden. Eine ganz gewöhnliche mystische Verbindung, die durch nichts zu erklären ist. Niemand hätte dich ersetzen können.«

»Ist mir klar.«

Der Schnee legte sich mir aufs Gesicht, gefror an den Wimpern, lief in Rinnsalen über die Wangen. Ich hatte den Eindruck, dass es mir fast gelungen war zu erfrieren - doch dazu hatte ich kein Recht.

»Weißt du noch, was ich dir gesagt habe? Dass es viel schwerer ist, ein Lichter zu sein als ein Dunkler…«

»Ja…«

»Für dich wird es noch schwerer werden, Anton. Du wirst dich in sie verlieben. Mit ihr zusammenleben… für eine gewisse Zeit. Dann wird Swetlana weiterziehen. Und du wirst erleben, wie sie sich von dir entfernt, wie sie in Kreisen verkehrt, die weit über dem stehen… was dir zugänglich ist. Du wirst leiden. Dagegen kann man gar nichts machen, du hast nur am Anfang eine Rolle gespielt. So ist es mit jedem Großen Magier, mit jeder Großen Zauberin. Sie gehen über Leichen, über die Leichen von Freunden und Geliebten. Ihnen bleibt nichts anderes übrig.«

»Das verstehe ich doch… alles verstehe ich…«

»Gehen wir, Anton?«

Ich schwieg.

»Gehen wir?«

»Kommen wir nicht zu spät?«

»Noch nicht. Das Licht hat seine eigenen Wege. Ich führe dich einen kurzen Weg, danach… danach musst du deinen Weg allein gehen.«

»Dann bleibe ich hier noch ein Weilchen stehen«, sagte ich. Ich schloss die Augen, um zu spüren, wie die Schneeflocken sich flimmernd und zart auf meine Wangen legten.

»Wenn du wüsstest, wie oft ich schon so dagestanden habe«, sagte der Chef.»Genau so, um in den Himmel zu sehen und etwas zu erflehen… Mal einen Segen, mal einen Fluch.«

Ich antwortete nichts, denn ich wusste, dass ich vergebens warten würde.

»Anton, ich bin schon durchgefroren«, sagte der Chef.»Mir ist kalt. Wie einem Menschen kalt. Ich will einen Wodka trinken und mich unter der Decke verkriechen. Mich hinlegen und warten, bis du Swetlana geholfen hast… bis Olga mit dem Wirbel fertig geworden ist. Und dann Urlaub machen. Iljucha könnte meinen Platz einnehmen, schließlich ist der schon mal in meine Haut geschlüpft, und ich würde nach Samar-kand fahren. Warst du schon mal in Samarkand?«

»Nein.«

»Nicht sehr schön, wenn ich ehrlich sein soll. Vor allem jetzt. Es gibt dort nichts Schönes… bis auf die Erinnerungen. Doch die gehören nur mir. Also, was ist mit dir?«

»Gehen wir, Boris Ignatjewitsch.«

Ich wischte mir den Schnee vom Gesicht.

Jemand wartete auf mich.

Und das ist das Einzige, was uns daran hindert zu erfrieren.

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