1. Kapitel



1



Am 24. Mai 1939, zwei Minuten vor 10 Uhr vormittags, hielt ein schwarzes Bentley-Kabriolett vor dem Haus Lombard Street Nr. 122 im Herzen von London.

Ein eleganter junger Herr stieg aus. Seine sonnengebräunte Haut, die saloppe Art, sich zu bewegen, die lustigen Wirbel seines dunklen Haares standen in merkwürdigem Gegensatz zu seiner pedantischen Kleidung. Schwarz-grau gestreifte Hosen mit messerscharfen Bügelfalten trug der Herr, eine zweireihige, kurze schwarze Jacke, eine schwarze Weste mit goldener Uhrkette, ein weißes Hemd mit hohem, steifem Kragen, eine perlgraue Krawatte.

Bevor er die Autotür zuwarf, griff der junge Herr noch einmal in den Wagen. Einen schwarzen, steifen Hut holte er hervor, einen Regenschirm und zwei Zeitungen, die »Times« und die auf rosafarbenem Papier gedruckte »Financial Times«.

So passierte der dreißigjährige Thomas Lieven den Eingang des Gebäudes und eine Tafel aus schwarzem Marmor, die in Goldbuchstaben diese Inschrift trug:

MARLOCK & LIEVEN

Dominion Agency

Thomas Lieven war der jüngste Privatbankier Londons – aber ein erfolgreicher. Solcherlei Blitzkarriere verdankte er seiner Intelligenz, seiner Fähigkeit, seriös zu wirken, und seiner Begabung, nebeneinander zwei vollkommen verschiedene Leben zu führen. Von äußerster Korrektheit war Thomas Lieven an der Börse. Abseits dieser heiligen Hallen aber war er einer der charmantesten Ladykiller. Niemand, am wenigsten die jeweils direkt Betroffenen, ahnte auch nur, daß er in ausgeruhten Perioden spielend bis zu vier Freundinnen gleichzeitig bewältigte, denn er war ebenso rüstig wie verschwiegen.

Thomas Lieven konnte steifer sein als der steifste Gentleman der City – aber einmal die Woche schwang er heimlich im lautesten Club von Soho das Tanzbein, und zweimal die Woche nahm er heimlich Jiu-Jitsu-Unterricht.

Thomas Lieven liebte das Leben, und das Leben schien ihn zu lieben. Alles fiel ihm in den Schoß, wenn er nur geschickt verbarg, wie jung er noch war … Robert E. Marlock, sein Seniorpartner, stand im Schalterraum der Bank, als Thomas Lieven hereinkam und würdevoll die Melone lüpfte.

Marlock war fünfzehn Jahre älter, groß und hager. Auf eine nicht eben sympathische Weise wichen seine wasserhellen Augen jedem, der sie betrachten wollte, aus.

»Hallo«, sagte er und sah gewohnheitsmäßig an Thomas vorbei.

»Guten Morgen, Marlock«, sagte Thomas ernst. »Guten Morgen, meine Herren!«

Die sechs Angestellten hinter ihren Schreibtischen grüßten ernst wie er.

Marlock stand neben einer Metallsäule, die eine gläserne Käseglocke trug. Darunter tickte ein kleiner Messingtelegraf, der auf schmalen, schier endlosen Papierstreifen die neuesten Börsenkurse mitteilte.

Thomas trat neben seinen Partner und sah sich die Notierungen an. Marlocks Hände zitterten ein wenig. Mißtrauischerweise hätte man sagen können, daß es typische Falschspielerhände waren. Doch Mißtrauen wohnte vorerst nicht in Thomas Lievens heiterer Seele. Nervös fragte Marlock: »Wann fliegen Sie nach Brüssel?«

»Heute abend.«

»Höchste Zeit. Sehen Sie mal, wie die Werte rutschen! Folge von dem verfluchten Nazi-Stahlpakt! Schon Zeitungen gelesen, Lieven?«

»Gewiß«, sagte Thomas. Er sagte mit Vorliebe »gewiß«; es klang würdiger als »ja«.

Die Zeitungen hatten am Morgen dieses 24. Mai 1939 den Abschluß eines Bündnisvertrages zwischen Deutschland und Italien gemeldet. Selbiges Bündnis wurde »Stahlpakt« genannt.

Durch den dunklen, altmodischen Schalterraum schritt Thomas in sein dunkles, altmodisches Privatbüro. Der hagere Marlock folgte ihm und ließ sich in einen der Lederfauteuils sinken, die vor dem hohen Schreibtisch standen.

Zunächst besprachen die beiden Herren, welche Papiere Thomas auf dem Kontinent aufkaufen und welche er abstoßen sollte. »Marlock & Lieven« besaßen eine Zweigstelle in Brüssel. Thomas Lieven war zudem noch an einer Privatbank in Paris beteiligt. Nachdem die Herren das Geschäftliche erledigt hatten, brach Robert E. Marlock mit jahrelangen Gewohnheiten: Er sah seinem Juniorpartner offen in die Augen. »Hm, Lieven, ich habe da noch eine ganz private Bitte. Sie erinnern sich gewiß an Lucie …«

Thomas erinnerte sich gut an Lucie. Das schöne blonde Mädchen aus Köln hatte jahrelang als Marlocks Freundin in London gelebt. Dann mußte etwas Schwerwiegendes vorgefallen sein – niemand wußte genau zu sagen, was –, denn von einem Tag zum anderen war Lucie Brenner nach Deutschland zurückgekehrt.

»Scheußlich von mir, Sie damit zu belästigen, Lieven«, klagte Marlock jetzt, dem Jüngeren, mit Anstrengung zwar, aber doch immer noch direkt in die Augen blickend. »Ich dachte bloß, wenn Sie schon in Brüssel sind, könnten Sie vielleicht schnell den Sprung nach Köln hinüber machen und mit Lucie reden.«

»Nach Köln? Warum fahren Sie nicht selber? Sie sind doch ebenfalls Deutscher …«

Marlock sprach: »Ich würde sehr gern nach Deutschland fahren, aber die internationale Lage … Zudem, ich habe Lucie damals sehr verletzt, ich bin ganz ehrlich …« – Marlock sagte gern und oft, daß er ganz ehrlich sei – »… ganz ehrlich, ja. Da war eine andere Frau. Lucie hatte jedes Recht, mich zu verlassen. Sagen Sie ihr, ich bitte sie um Verzeihung. Ich will alles gutmachen. Sie soll zurückkommen …«

In seiner Stimme schwang nun jene Rührung, die in den Stimmen der Politiker schwingt, wenn sie von ihrer Sehnsucht nach Frieden sprechen.



2



Am Morgen des 26. Mai 1939 traf Thomas Lieven in Köln ein. Vom »Dom-Hotel« wehten große Hakenkreuzfahnen. Überall in der Stadt wehten Hakenkreuzfahnen. Der »Stahlpakt« wurde gefeiert. Thomas sah viele Uniformen. Auf den Teppichen der Hotelhalle knallten Stiefel aneinander wie Schüsse.

Im Zimmer stand ein Bild des »Führers« auf dem Schreibtisch. Thomas lehnte seinen Rückflugschein daran. Er nahm ein heißes Bad. Dann kleidete er sich um und rief Lucie Brenner an.

Als der Hörer am andern Ende der Leitung abgehoben wurde, ertönte ein verdächtiges Knacken, das Thomas Lieven jedoch entging. Dem Superagenten von 1940 war im Jahr 1939 die Existenz von Abhörgeräten noch völlig unbekannt.

»Brenner!«

Da war sie wieder, die verrauchte, aufregend heisere Stimme, an die er sich noch so gut erinnerte.

»Fräulein Brenner, hier spricht Lieven. Thomas Lieven. Ich bin gerade in Köln angekommen und …« Er unterbrach sich. Er hatte zwar nicht das neuerliche Knacken in der Leitung, wohl aber ihren unterdrückten Aufschrei wahrgenommen.

Charmant lächelnd fragte er. »War das ein Freudenschrei?«

»O Gott«, hörte er sie sagen.

Knack, machte es wieder.

»Fräulein Brenner, Marlock bat mich, Sie zu besuchen …«

»Der Schuft!«

»Aber nicht doch …«

»Der elende Schuft!«

»Fräulein Brenner, so hören Sie doch! Marlock will Sie durch mich um Verzeihung bitten. Darf ich zu Ihnen kommen?«

»Nein!«

»Aber ich habe ihm versprochen …«

»Verschwinden Sie, Herr Lieven! Mit dem nächsten Zug! Sie wissen ja nicht, was hier los ist!« Knack, machte es in der Leitung, ohne daß Thomas Lieven darauf achtete.

»Nein, nein, Fräulein Brenner, Sie sind es, die nicht weiß, was los ist …«

»Herr Lieven …«

»Bleiben Sie daheim, ich bin in zehn Minuten bei Ihnen!« Er legte auf und zog am Knoten seiner Krawatte. Sportlicher Ehrgeiz hatte ihn gepackt.

Ein Taxi brachte Thomas – selbstverständlich mit steifem Hut und peinlich gerolltem Regenschirm – hinaus nach Lindenthal. Hier wohnte Lucie Brenner im zweiten Stock einer Villa am Beethovenpark.

Er klingelte an der Wohnungstür. Von jenseits erklang dumpfes Geflüster. Mädchenstimme, Männerstimme. Thomas wunderte sich, aber nur ganz wenig. Denn Mißtrauen wohnte vorerst nicht in seiner heiteren Seele.

Die Tür ging auf. Lucie Brenner wurde sichtbar. Sie trug einen Morgenrock und anscheinend wenig darunter. Sie war außerordentlich erregt. Als sie Thomas erkannte, ächzte sie: »Wahnsinniger!«

Danach ging alles sehr schnell.

Zwei Männer wurden hinter Lucie sichtbar. Sie trugen Ledermäntel und sahen aus wie Schlächter. Der eine Schlächter stieß Lucie grob beiseite, der andere Schlächter packte Thomas am Revers.

Vergessen waren Selbstbeherrschung, Ruhe und Zurückhaltung! Mit beiden Händen packte Thomas die Schlächterfaust und drehte sich in einer tänzerisch anmutigen Bewegung. Plötzlich hing der Schlächter höchst verblüfft über Thomas Lievens rechter Hüfte. Eine kleine, ruckartige Verbeugung vollführte unser Freund. Ein Gelenk knackte. Der Schlächter schrie gellend auf, flog sausend durch die Luft und landete krachend auf dem Dielenboden. Hier blieb er schmerzverkrümmt liegen. Mein Jiu-Jitsu-Unterricht macht sich bezahlt, dachte Thomas.

»Und nun zu Ihnen«, sprach er, auf den zweiten Schlächter zutretend.

Die blonde Lucie begann zu kreischen. Der zweite Schlächter wich zurück und stotterte: »N-nicht d-doch, Herr. Machen Sie nicht solche Sachen …« Er holte einen Revolver aus seinem Schulterhalfter hervor. »Ich warne Sie. Seien Sie vernünftig.«

Thomas blieb stehen. Nur ein Idiot kämpft unbewaffnet gegen einen Schlächter mit Revolver.

»Im Namen des Gesetzes«, sagte der ängstliche Schlächter. »Sie sind verhaftet!«

»Verhaftet, von wem?«

»Von der Geheimen Staatspolizei.«

»Junge, Junge«, sagte Thomas Lieven, »wenn ich das im Club erzähle!«

Thomas Lieven liebte seinen Londoner Club, und sein Club liebte ihn. Whiskygläser in der Hand, Pfeifen im Mund, vor dem flackernden Kaminfeuer sitzend, so hörten die Clubmitglieder jeden Donnerstagabend die tollen Geschichten an, die reihum erzählt wurden. Wenn ich diesmal zurückkomme, dachte Thomas, bringe ich eine Geschichte mit, die ist auch nicht schlecht.

Nein, die Geschichte war nicht schlecht, und sie sollte immer besser werden. Allerdings – wann sollte Thomas sie in seinem Club erzählen dürfen, wann seinen Club auch nur wiedersehen? Er war durchaus noch frohen Mutes, als er an diesem Maitag 1939 in einem Büro des »Sonderdezernat D« im Gestapo-Hauptquartier zu Köln saß. Das Ganze ist ja nur ein Mißverständnis, dachte er; in einer halben Stunde bin ich hier raus …

Haffner hieß der Kommissar, der Thomas in Empfang nahm: ein dicker Mann mit schlauen Schweinsaugen. Ein sauberer Mann! Ohne Unterlaß reinigte er seine Fingernägel mit immer neuen Zahnstochern. »Ich höre, Sie haben einen Kameraden zusammengeschlagen«, sagte Haffner böse. »Das wird Ihnen noch verflucht leid tun, Lieven!«

»Immer noch Herr Lieven für Sie! Was wollen Sie von mir? Warum wurde ich verhaftet?«

»Devisenverbrechen«, sagte Haffner. »Habe lange genug auf Sie gewartet.«

»Auf mich?«

»Oder auf Ihren Partner Marlock. Seit diese Lucie Brenner aus London zurückkam, ließ ich sie überwachen. Dachte mir: Einmal taucht einer von euch frechen Hunden wieder auf. Na, und dann hopps!« Haffner schob einen Aktenordner über die Schreibtischplatte. »Am besten, ich zeige Ihnen, was gegen Sie an Material vorliegt. Dann werden Sie die vorlaute Schnauze halten.«

Nun bin ich aber wirklich neugierig, dachte Thomas. Er begann in dem umfangreichen Ordner zu blättern. Nach einer Weile mußte er lachen.

»Was finden Sie komisch?« fragte Haffner.

»Na, hören Sie mal, das ist doch ein tolles Ding!«

Aus den Dokumenten ging hervor, daß die Londoner Privatbank »Marlock & Lieven« dem Dritten Reich vor ein paar Jahren einen argen Streich gespielt hatte, und zwar unter Ausnutzung des Umstandes, daß an der Zürcher Börse deutsche Pfandbriefe auf Grund der politischen Situation seit langem nur noch zu einem Fünftel ihres Nominalwertes gehandelt wurden.

»Marlock & Lieven« – oder wer auch immer unter diesem Firmennamen operierte – hatte im Januar, Februar und März 1936 solche Pfandbriefe in Zürich mit illegal transferierten Reichsmarkbeträgen erworben. Danach war ein Schweizer Staatsbürger als Strohmann beauftragt worden, einige der in Deutschland wertlosen, in der übrigen Welt um so wertvolleren Gemälde der sogenannten »entarteten Kunst« zu kaufen. Die Nazi-Behörden erlaubten die Ausfuhr der Gemälde sehr gern. Erstens wurden sie die »unerwünschte« Kunst los, und zweitens erhielten sie die für ihre Aufrüstung so notwendigen Devisen. Der Schweizer Strohmann mußte nämlich dreißig Prozent der Kaufsumme in Schweizer Franken bezahlen.

Die restlichen siebzig Prozent allerdings – das bemerkten die Nazis erst viel später – bezahlte der Strohmann mit den deutschen Pfandbriefen, die auf diese Weise die Heimat wiedersahen, in der sie ihren normalen Wert besaßen, also den fünffachen dessen, zu dem »Marlock & Lieven« sie in Zürich erworben hatten.

Während Thomas Lieven die Dokumente studierte, dachte er: Ich habe dieses tolle Ding nicht gedreht. Also kann es nur Marlock gewesen sein. Er muß gewußt haben, daß die Deutschen ihn suchen, daß Lucie Brenner überwacht wird, daß man mich verhaften, daß man mir kein Wort glauben wird. Daß er mich damit los ist. Daß er die Bank damit für sich allein hat. O Gott. O lieber Gott im Himmel …

»So«, sagte Kommissar Haffner zufrieden, »jetzt steht die alte Schlabberschnauze endlich still, was?« Er nahm einen neuen Stocher und beschäftigte sich ein bißchen mit seinen Zähnen.

Verflucht, was mache ich bloß, überlegte Thomas. Ein Gedanke kam ihm. Kein sehr guter. Aber es kam kein besserer. »Darf ich mal telefonieren?«

Haffner kniff die Schweinsaugen schmal: »Wen wollen Sie denn sprechen?« Jetzt nichts wie ran, dachte Thomas, es bleibt nur noch die Flucht nach vorn.

»Den Baron von Wiedel.«

»Nie gehört.«

Thomas brüllte plötzlich los: »Seine Exzellenz Bodo Baron von Wiedel, Gesandter zur besonderen Verwendung im Auswärtigen Amt! Noch nie gehört von dem Herrn, was?«

»Ich – ich …«

»Nehmen Sie gefälligst den Zahnstocher aus dem Mund, wenn Sie mit mir reden!«

»Was – was wollen Sie denn von dem Herrn Baron?« stotterte Haffner. Seine Durchschnittskost waren verschüchterte Bürger. Mit Häftlingen, die brüllten und Bonzen kannten, fand er sich noch nicht zurecht.

Thomas tobte weiter: »Der Baron ist mein bester Freund!«

Thomas war dem viel älteren Wiedel 1929 in einer nichtschlagenden Studentenverbindung begegnet. Wiedel hatte Thomas in aristokratische Zirkel eingeführt. Thomas hatte die Wechsel gedeckt, die der Baron zuweilen platzen ließ. So waren sie einander menschlich nähergekommen bis zu dem Tag, an dem Wiedel in die Partei eintrat. Da hatte sich Thomas nach einem gewaltigen Krach von ihm gelöst.

Ob Wiedel ein gutes Gedächtnis hat? überlegte unser Freund nun, während er weiterschrie: »Wenn Sie mir nicht augenblicklich eine Verbindung herstellen, können Sie sich morgen einen anderen Posten suchen!«

Das Telefonfräulein hatte es auszubaden. Kommissar Haffner riß plötzlich den Hörer ans Ohr und brüllte seinerseits: »AA Berlin! Aber ein bißchen dalli, Sie Trampel!«

Phantastisch, absolut phantastisch, dachte Thomas, als er gleich darauf die Stimme seines ehemaligen Bundesbruders vernahm: »Hier von Wiedel …«

»Bodo, hier spricht Lieven! Thomas Lieven, vielleicht erinnerst du dich noch an mich.«

Brüllendes Gelächter klang an sein Ohr: »Thomas! Mensch! Das ist ja eine Überraschung! Damals hast du mir eine weltanschauliche Standpauke gehalten, und heute bist du selber bei der Gestapo!« Vor der Größe dieses Mißverständnisses mußte Thomas die Augen schließen. Die Stimme des Barons lärmte lustig weiter: »Komisch, Ribbentrop oder Schacht sagte mir neulich erst, du hättest eine Bank in England!«

»Habe ich auch. Bodo, hör mal …«

»Ah, Außendienst, verstehe! Tarnung, wie? Ich lache mir ja ’nen Ast! Haste also eingesehen, wie recht ich hatte, damals?«

»Bodo –«

»Wie weit haste es denn schon gebracht? Muß ich Kommissar sagen?«

»Bodo …«

»Kriminalrat?«

»Himmel, hör doch mal zu! Ich arbeite nicht bei der Gestapo! Ich bin von ihr verhaftet worden!«

Danach blieb es eine Weile still in Berlin.

Haffner schmatzte zufrieden, klemmte den zweiten Hörer mit der Schulter ans Ohr und setzte die Säuberung seines linken Daumennagels fort.

»Bodo! Hast du mich nicht verstanden?«

»Doch, doch, leider. Was – was wirft man dir denn vor?«

Thomas sagte, was man ihm vorwarf.

»Tja, mein Alter, das ist aber bös. Ich kann mich da unmöglich einmischen. Wir leben in einem Rechtsstaat. Wenn du wirklich unschuldig bist, wird sich das herausstellen. Alles Gute. Heil Hitler!«

»Ihr bester Freund, was?« grunzte Haffner.



3



Sie nahmen ihm Hosenträger, Krawatte, Schuhsenkel, die Brieftasche und seine geliebte Repetieruhr fort und sperrten ihn in eine Einzelzelle. Hier verbrachte Thomas den Rest des Tages und die Nacht. Fieberhaft arbeiteten seine Gedanken. Es mußte einen Ausweg geben, mußte, mußte. Aber er fand ihn nicht …

Am Morgen des 27. Mai holten sie Thomas Lieven wieder zum Verhör. Als er in Haffners Zimmer kam, sah er, daß neben dem Kommissar ein Major der Wehrmacht stand, ein blasser, sorgenvoller Mensch.

Haffner wirkte verärgert. Er schien eine Auseinandersetzung hinter sich zu haben.

»Das ist der Mann, Herr Major. Befehlsgemäß lasse ich Sie mit ihm allein«, sagte der Gestapo-Mann und verschwand.

Der Offizier schüttelte Thomas die Hand: »Major Loos vom Wehrbezirkskommando Köln. Baron von Wiedel hat mich angerufen. Ich soll mich um Sie kümmern.«

»Kümmern?«

»Na, Sie sind doch völlig unschuldig. Ihr Partner hat Sie reingelegt, das ist mir klar.«

Aufatmend sagte Thomas: »Ich freue mich, daß Sie zu dieser Ansicht gekommen sind, Herr Major. Kann ich also gehen?«

»Wieso gehen? Sie kommen ins Zuchthaus!«

Thomas setzte sich. »Aber ich bin doch unschuldig!«

»Machen Sie das der Gestapo klar, Herr Lieven. Nein, nein, Ihr Partner hat sich schon alles richtig überlegt.«

»Hm«, sagte Thomas. Er sah den Major an. Er dachte: Da kommt doch noch etwas …

Es kam prompt: »Sehen Sie, Herr Lieven, einen Ausweg gibt es natürlich noch für Sie. Sie sind deutscher Staatsbürger. Sie kennen die Welt. Sie sind ein kultivierter Mensch. Sprechen fließend Englisch und Französisch. So etwas wird gesucht in diesen Tagen.«

»Gesucht von wem?«

»Von uns. Von mir. Ich bin Abwehroffizier, Herr Lieven. Ich kann Sie hier nur heraushauen, wenn Sie sich bereit erklären, für die militärische Abwehr zu arbeiten. Im übrigen – wir zahlen gut …«

Major Fritz Loos war der erste Angehörige eines Geheimdienstes, den Thomas Lieven traf. Unzählige andere sollten folgen – Engländer, Franzosen, Polen, Spanier, Amerikaner und Russen.

Achtzehn Jahre nach dieser ersten Begegnung, am 18. Mai 1957, dachte Thomas Lieven in der nächtlichen Stille eines Luxusappartements zu Cannes: Im Grunde waren sich alle diese Leute unendlich ähnlich. Alle wirkten sie traurig, verbittert, enttäuscht. Alle waren sie wohl aus ihrer Bahn geworfen worden. Alle wirkten sie krank. Sie waren alle eher schüchtern und umgaben sich deshalb unablässig mit den lächerlichen Attributen ihrer Macht, ihres Geheimnisses, ihres Schreckens. Sie spielten alle ununterbrochen Theater, sie litten alle an einem tiefen Minderwertigkeitskomplex …

Das alles wußte Thomas Lieven in einer schönen Mainacht des Jahres 1957. Am 27. Mai 1939 wußte er es noch nicht. Da war er einfach entzückt, als der Major Loos ihm den Vorschlag machte, für die Deutsche Abwehr zu arbeiten. Auf diese Weise komme ich erst einmal aus dem Dreck heraus, dachte er und wußte nicht, wie tief er schon mittendrin steckte …



4



Als die Lufthansa-Maschine die niedere Wolkendecke durchbrach, die über London lagerte, gab der Passagier auf Platz Nr. 17 ein seltsames Geräusch von sich.

Die Stewardeß eilte zu ihm. »Geht es Ihnen nicht gut, mein Herr?« fragte sie teilnahmsvoll, dann sah sie, daß Nr. 17 lachte.

»Mir geht es ausgezeichnet«, sagte Thomas Lieven. »Verzeihen Sie, ich mußte nur eben an etwas Komisches denken.«

Er hatte an das enttäuschte Gesicht des Asservatenverwalters im Gestapo-Hauptquartier Köln denken müssen, als dieser ihm seine Sachen zurückgab. Von der goldenen Repetieruhr hatte sich der Mann kaum trennen können.

Thomas nahm das geliebte Stück hervor und strich zärtlich über den zierlichen Deckel. Dabei entdeckte er noch etwas Druckerschwärze unter dem Nagel seines Zeigefingers. Er mußte wieder lachen bei dem Gedanken, daß es seine Fingerabdrücke nun in einer geheimen Kartei gab und sein Foto auf einem Personalbogen. Ein Herr namens John Smythe (mit y und th) würde übermorgen in sein Haus kommen, um den Gasofen im Badezimmer nachzusehen. Diesem Herrn Smythe war unbedingter Gehorsam zu leisten, hatte Major Loos eindringlich hinzugefügt.

Herr Smythe mit y und th wird sich wundern, dachte Thomas. Wenn er wirklich auftauchen sollte, dann werde ich ihn hinausfeuern!

Die Maschine verlor an Höhe. Mit Südwestkurs steuerte sie über die Themse auf den Flughafen Croydon zu.

Thomas verwahrte seine Uhr und rieb kurz die Hände. Er reckte sich wohlig. Aah – wieder in England! In Freiheit! In Sicherheit! Jetzt in den Bentley gesprungen! Ein heißes Bad! Dann einen Whisky! Eine Pfeife! Die Freunde im Club! Das große Erzählen …

Tja, und dann natürlich Marlock.

So groß war Thomas Lievens Glück über diese Heimkehr, daß schon sein halber Zorn verflog. Mußte er sich wirklich von Marlock trennen? Vielleicht gab es eine Erklärung, die man annehmen konnte. Vielleicht hatte Marlock Sorgen. Man mußte ihn auf jeden Fall erst einmal anhören …

Sieben Minuten nach diesen Gedankengängen schritt unser Freund beschwingt über eine herangerollte Treppe aus der Maschine auf den regennassen Platz vor dem vierstöckigen Flughafengebäude herab. Unter seinem Regenschirm marschierte er pfeifend auf die Einwanderungshalle zu. Hier gab es zwischen Seilabsperrungen zwei Korridore. Über dem rechten stand: »British Subjects«, über dem linken: »Foreigners«.

Immer noch pfeifend wandte Thomas sich nach links und trat an das hohe Stehpult des »Immigration Officer« heran.

Der Beamte, ein älterer Mensch mit nikotinverfärbtem Walroßschnurrbart, nahm den deutschen Reisepaß entgegen, den ihm Thomas mit einem freundlichen Lächeln reichte. Er blätterte darin, dann sah er auf. »Ich bedaure, Sie dürfen britischen Boden nicht mehr betreten.«

»Was soll das heißen?«

»Sie wurden heute ausgewiesen, Mr. Lieven. Bitte, folgen Sie mir, es warten zwei Herren auf Sie.« Und er ging schon voran …

Die beiden Herren erhoben sich, als Thomas in das kleine Büro kam. Sie sahen aus wie besorgte Beamte, magenkrank und unausgeschlafen.

»Morris«, sagte der eine.

»Lovejoy«, sagte der andere.

An wen erinnern mich die beiden bloß? überlegte Thomas. Er kam nicht darauf. Er war jetzt verärgert, schwer verärgert. Er nahm sich sehr zusammen, um auch nur halbwegs höflich zu bleiben: »Meine Herren, was soll das bedeuten? Ich lebe seit sieben Jahren in diesem Land. Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen.«

Der Mann mit Namen Lovejoy hob eine Zeitung hoch und wies auf eine dreispaltige Überschrift:

LONDONER BANKIER

IN KÖLN VERHAFTET!

»Na und? Das war vorgestern! Heute bin ich hier! Die Deutschen haben mich wieder freigelassen!«

»Und warum wohl?« fragte Morris. »Warum läßt die Gestapo wohl einen Mann frei, den sie eben erst verhaftet hat?«

»Meine Unschuld hat sich erwiesen.«

»Aha«, sagte Lovejoy.

»Aha«, sagte Morris. Die Herren sahen sich bedeutungsvoll an. Dann sagte Morris mit klassischer Überlegenheit: »Wir sind vom Secret Service, Mr. Lieven. Wir haben unsere Informationen aus Köln. Es ist völlig zwecklos, daß Sie uns belügen.«

Jetzt weiß ich, an wen ihr beide mich erinnert, dachte Thomas plötzlich. An den blassen Major Loos! Dasselbe Theater. Dieselben Allüren. Er sagte wütend: »Um so besser, wenn Sie vom Secret Service sind, meine Herren. Es wird Sie dann natürlich interessieren: Die Gestapo hat mich nur freigelassen, weil ich mich bereit erklärte, für die Deutsche Abwehr zu arbeiten.«

»Mr. Lieven, für wie naiv halten Sie uns eigentlich?«

Thomas wurde ungeduldig: »Ich sage die reine Wahrheit. Die Deutsche Abwehr hat mich erpreßt. Ich fühle mich an mein Versprechen nicht gebunden. Ich will hier in Frieden leben!«

»Sie glauben doch wohl selber nicht, daß wir Sie nach diesem Geständnis noch ins Land lassen! Sie sind offiziell ausgewiesen, weil jeder Ausländer aus unserem Lande abgeschoben wird, wenn er mit dem Gesetz in Konflikt kommt.«

»Aber ich bin doch völlig unschuldig! Mein Partner hat mich betrogen! Lassen Sie mich wenigstens zu ihm! Dann werden Sie sehen, daß ich die Wahrheit spreche!«

Morris und Lovejoy sahen sich bedeutungsvoll an.

»Warum sehen Sie sich so bedeutungsvoll an, meine Herren?«

Lovejoy sagte: »Sie können nicht mit Ihrem Partner sprechen, Mr. Lieven.«

»Und warum nicht?«

»Weil Ihr Partner für sechs Wochen London verlassen hat«, sagte Morris.

»Lo-Lo-London?« Thomas wurde blaß. »Verla-la-lassen?«

»Jawohl. Es heißt, er wäre nach Schottland gereist. Wohin genau, weiß niemand.«

»Verflucht noch einmal, aber was soll ich denn jetzt machen?«

»Kehren Sie zurück in Ihr Vaterland.«

»Damit man mich einsperrt? Ich wurde doch nur in Freiheit gesetzt, um in England zu spionieren!«

Die beiden Herren sahen sich wieder an. Thomas wußte, daß noch etwas kommen würde. Es kam prompt.

Morris sprach kühl und sachlich: »Soweit ich sehen kann, gibt es überhaupt nur noch einen Ausweg für Sie, Mr. Lieven: Arbeiten Sie für uns!«

Du lieber Himmel, dachte Thomas Lieven, wenn ich das im Club erzähle! Kein Mensch glaubt es mir.

»Spielen Sie mit uns gegen die Deutschen, und wir lassen Sie ins Land und helfen Ihnen gegen Marlock. Wir schützen Sie.«

»Wer schützt mich?«

»Der Secret Service.«

Thomas erlitt einen kleinen Lachkrampf. Dann wurde er ernst, zog an seiner Weste und an seiner Krawatte und richtete sich zu seiner ganzen Größe auf.

Der Augenblick der Verwirrung und Niedergeschlagenheit war vorübergegangen. Er wußte jetzt, daß er etwas für einen gewaltigen Jux gehalten hatte, das wahrscheinlich kein ganz so gewaltiger Jux war. Nun mußte er kämpfen. Er kämpfte gern. Ein Mann läßt sich nicht einfach sein Leben zerstören.

Thomas Lieven sagte: »Ich lehne Ihr Angebot ab, meine Herren, ich gehe nach Paris. Mit dem besten Anwalt Frankreichs werde ich einen Prozeß gegen meinen Partner führen – und gegen die britische Regierung.«

»Das würde ich nicht tun, Mr. Lieven.«

»Das werde ich doch tun.«

»Das wird Ihnen leid tun.«

»Das werden wir sehen. Ich weigere mich zu glauben, daß die ganze Welt ein Irrenhaus ist!« sagte Thomas Lieven.

Ein Jahr später weigerte er sich nicht mehr.

Und achtzehn Jahre später, als er des Nachts in einem Luxushotel zu Cannes sein Leben überdachte, war er überzeugt davon.

Die ganze Welt ein Irrenhaus – das schien ihm die einzige profunde Wahrheit zu sein, an die man sich in diesem Jahrhundert des Wahnsinns noch halten konnte. Und sollte!



5



Am 28. Mai 1939, kurz nach Mitternacht, gab ein eleganter junger Herr in dem bei Feinschmeckern berühmten Lokal »Chez Pierre« am Place Graillon in Paris seine Bestellung auf: »Emile, wir nehmen ein wenig Horsd’œuvre, dann eine Krebsschwanzsuppe, dann Lendenschnitten mit Champignons. Zum Nachtisch, wie wär’s mit einer Coupe Jacques?«

Der alte, weißhaarige Oberkellner Emile betrachtete den Gast lächelnd und voll Sympathie. Er kannte Thomas Lieven seit vielen Jahren.

Neben dem jungen Herrn saß ein schönes Mädchen mit glänzendem schwarzem Haar und lustigen Puppenaugen in dem ovalen Gesicht. Mimi Chambert hieß die junge Dame.

»Wir haben Hunger, Emile! Wir waren im Theater. Shakespeare, mit Jean Louis Barrault …«

»Dann würde ich statt des kalten Horsd’œuvres warme Lachsbrötchen empfehlen, Monsieur, Shakespeare strengt an.«

Sie lachten, und der alte Maître d’hôtel verschwand in der Küche. Das Lokal war ein langer, dunkler Saal, altmodisch gehalten, aber sehr gemütlich. Weit weniger altmodisch zeigte sich die junge Dame.

Mimis weißes Seidenkleid war tief ausgeschnitten und seitlich eng gerafft. Zierlich und klein von Wuchs war die junge Schauspielerin – und stets gut aufgelegt, sogar schon morgens, unmittelbar nach dem Erwachen.

Thomas kannte sie seit zwei Jahren. Er lächelte Mimi an, holte tief Atem: »Ah, Paris! Die einzige Stadt, in der man noch leben kann, mon petit chou. Wir werden uns ein paar schöne Wochen machen …«

»Ich bin ja so froh, daß du wieder vergnügt bist, chéri! Heute nacht warst du so unruhig … Du hast in drei Sprachen durcheinandergeredet, ich habe nur das Französische verstanden … Ist etwas los mit deinem Paß?«

»Wieso?«

»Du hast dauernd von Ausweisung gesprochen und von Aufenthaltserlaubnis … Es sind jetzt so viele Deutsche in Paris, die Kummer mit ihren Pässen haben …«

Er küßte gerührt ihre Fingerspitzen. »Mach dir keine Sorgen. Mir ist da eine dumme Geschichte passiert. Nichts wirklich Unangenehmes!«

Er sprach mit ruhiger Überzeugung, er glaubte selbst an seine Worte: »Man hat mir Unrecht getan, verstehst du, mon chou? Ich bin betrogen worden. Das Unrecht besteht manchmal lange – ewig nie. Nun habe ich einen herrlichen Anwalt. Und die kleine Weile, die es dauert, bis man sich bei mir entschuldigt, will ich mich bei dir erholen …«

Der Kellner trat heran. »Monsieur Lieven, da sind zwei Herren, die Sie sprechen wollen.«

Arglos sah Thomas auf. Beim Eingang standen, verlegen grüßend, zwei Männer in nicht ganz sauberen Trenchcoats.

Thomas erhob sich. »Ich bin gleich wieder da, ma petite.«

Er ging zum Eingang. »Meine Herren, was kann ich für Sie tun?«

Die beiden Männer in den zerdrückten Regenmänteln verneigten sich. Dann sprach der eine: »Monsieur, wir waren schon in der Wohnung von Mademoiselle Chambert. Wir sind Kriminalbeamte. Es tut uns leid, wir müssen Sie verhaften.«

»Was habe ich getan?« fragte Thomas leise. Eigentlich hatte er lachen wollen …

»Sie werden alles erfahren.«

Der Alptraum geht also weiter, dachte Thomas. Er sagte freundlich: »Meine Herren, Sie sind Franzosen! Sie wissen, welche Sünde es ist, ein gutes Essen zu stören. Darf ich Sie bitten, mit meiner Verhaftung zu warten, bis ich gespeist habe?«

Die beiden Kriminalbeamten zögerten.

»Können wir unseren Chef anrufen?« fragte der eine.

Thomas erlaubte es ihm. Der Mann verschwand in einer Zelle und kehrte sehr schnell wieder zurück. »In Ordnung, Monsieur. Der Chef hat nur eine Bitte.«

»Nämlich welche?«

»Ob er nicht vielleicht herkommen und mit Ihnen essen kann. Er sagt, bei einem guten Essen bespricht sich alles leichter.«

»Schön, einverstanden. Aber wer ist, wenn ich fragen darf, Ihr Chef?«

Die beiden Beamten sagten es ihm.

Thomas ging zum Tisch zurück und winkte den alten Kellner herbei: »Emile, ich erwarte noch einen Gast. Bringen Sie bitte ein drittes Gedeck.«

»Wer kommt denn noch?« fragte Mimi lächelnd.

»Ein gewisser Oberst Siméon.«

Menu • 28. Mai 1939

Bei diesem Menu wurde Thomas Lieven Geheimagent.

Krebsschwanzsuppe • Warme Lachsbrötchen

Lendenschnitten mit Champignons

Pommes chips • Coupe Jacques

Krebsschwanzsuppe: Man koche zunächst eine gute Rindfleischbouillon. Dann nehme man für vier Personen ein Dutzend großer Krebse, die eine Viertelstunde in brausendem Wasser kochen müssen. Dann wird das Fleisch aus Scheren und Schwänzen gebrochen, sämtliche Schalen in einem Mörser nicht zu fein gestoßen und über dem Feuer mit einem viertel Pfund Butter so lange durchgerührt, bis diese zu steigen anfängt und rot wird. Nun lasse man darin einen Eßlöffel Mehl anziehen, gieße einen Liter Fleischbrühe hinzu und gebe das Ganze durch ein mit einem Mulltuch belegtes Haarsieb.

Kurz vor dem Anrichten lasse man die Suppe noch einmal aufkochen und gebe die Krebsschwänze hinein.

Die Suppe darf nicht zu sämig sein, was überhaupt bei allen Gesellschaftssuppen vermieden werden sollte.

Warme Lachsbrötchen: Dünne Weißbrotscheiben durch Milch ziehen, mit einer passend zurechtgeschnittenen, in Milch aufgeweichten Scheibe Räucherlachs belegen und mit je einer durch Milch gezogenen Weißbrotscheibe bedecken. Auf der oberen Seite mit geriebenem Käse bestreuen, mit Butterflöckchen belegen, auf einem gefetteten Blech im Backofen überbacken.

Lendenschnitten mit Champignons: Die Lendenschnitten in heißem Fett auf beiden Seiten kurz braten und folgendes Champignongericht darüber geben: Eine Zwiebel in Butter dünsten, in einem viertel Liter Weißwein zum Kochen bringen, drei Eigelb, ein Eßlöffel Butter, Saft von einer halben Zitrone, Salz und Pfeffer hineinrühren. Man gieße weiter Wein hinzu und schlage die Masse auf dem Feuer im Wasserbad, bis sie dick wird. Separat dämpfe man Champignons und Schalotten (junge Zwiebeln) in Butter und einem Glas Weißwein. Inzwischen bereite man eine Schwitze aus einem Teelöffel Butter, einem Eßlöffel Mehl, einem halben Liter Brühe, der man die Champignons und die Sauce zufügt und alles nochmals aufkochen läßt.

Coupe Jacques: Eine Portion Vanilleeis bedeckt man mit Schlagsahne. Darüber gibt man Fruchtsalat (frischen oder aus Büchsen), der vorher eine halbe Stunde in Maraschino gezogen hat. Man lege eine Schicht Erdbeereis darüber und garniere den Eisbecher mit Schlagsahne und kandierten Kirschen.

»Oh«, sagte Mimi. Ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit sagte sie nur dieses eine Wort.

Oberst Jules Siméon erwies sich als ein sympathischer Herr. Mit seinem gepflegten Schnurrbart, der römischen Nase und den geistreich-ironischen Augen erinnerte er an den Schauspieler Adolphe Menjou, wenn er auch größer als dieser war. Thomas begrüßte er voller Hochachtung, Mimi wie eine alte Bekannte, was unseren Freund ein wenig beunruhigte.

Siméons dunkelblauer Anzug stammte ohne Zweifel von einem erstklassigen Schneider, aber er glänzte schon ein wenig an den Ellenbogen und am Rücken. Der Oberst trug eine goldene Krawattennadel mit Perle und kleine goldene Manschettenknöpfe, doch die Absätze seiner Schuhe waren vertreten.

Zur Suppe und zur Vorspeise unterhielt man sich über Paris. Bei den Lendenschnitten wurde Oberst Siméon präzise: »Monsieur Lieven, ich bitte zu entschuldigen, daß wir Sie mitten in der Nacht und auch noch beim Essen stören. Herrlich knusprig, diese Pommes chips, finden Sie nicht auch? Ich habe einen Befehl von hoher Stelle erhalten. Wir suchen Sie schon den ganzen Tag.«

Von ferne glaubte Thomas auf einmal die Stimme Jean Louis Barraults zu vernehmen, der heute abend in Shakespeares Stück den dritten Richard gespielt hatte. Undeutlich hörte er einen Vers. Aber er verstand ihn noch nicht.

»So«, sagte er. »Ja, herrliche Pommes chips, Oberst. Den Trick versteht man hier. Das zweimalige Ölbad, das ist es. Ach ja, die französische Küche …«

Thomas legte eine Hand auf Mimis Arm. Der Oberst lächelte. Mehr und mehr gefällt mir dieser Oberst, dachte Thomas.

Der Oberst sagte: »Sie sind aber nicht nur der guten Küche wegen in Paris. Auch wir haben unsere Leute in Köln und in London. Wir wissen, was Sie bei dem verehrten Major Loos – hat er es immer noch mit der Galle? – erlebt haben …«

Wieder glaubte Thomas, die Stimme Jean Louis Barraults zu hören, wieder wähnte er, einen Vers des unsterblichen Shakespeare zu vernehmen, aber er konnte ihn noch immer nicht verstehen.

Und warum lächelt Mimi? Warum lächelt sie so süß?

»Monsieur Lieven«, sagte der Oberst, »ich versichere Sie meiner Sympathie. Sie lieben Frankreich. Sie lieben seine Küche. Aber ich habe meine Befehle. Ich muß Sie ausweisen, Monsieur Lieven; Sie sind zu gefährlich für mein armes, bedrohtes Land. Wir werden Sie zur Grenze bringen, noch heute nacht. Und niemals wieder sollen Sie Frankreich betreten …«

Thomas begann zu lachen.

Mimi sah ihn an. Und zum erstenmal, seit er sie kannte, lachte sie nicht sofort mit. Da hörte auch er wieder auf mit seinem Gelächter.

»… es sei denn«, sagte der Oberst und häufte eine neue Portion Champignons auf seinen Teller, »es sei denn, Monsieur Lieven, Sie lassen sich umdrehen und arbeiten für uns, für das ›Deuxième Bureau‹.«

Thomas richtete sich auf. So betrunken, dachte er, bin ich noch nicht! Er sagte leise: »Sie machen mir das Angebot, für den französischen Geheimdienst zu arbeiten, in Anwesenheit von Mademoiselle Chambert?«

»Aber warum denn nicht, mon chéri?« sagte Mimi zärtlich und gab Thomas einen Kuß auf die Wange. »Ich bin doch auch bei dem Verein!«

»Du bist …« Thomas verschluckte sich.

»Klein, klein nur – aber doch. Ich verdiene mir ein bißchen was nebenbei. Böse?«

»Mademoiselle Chambert ist die charmanteste Patriotin, die ich kenne«, verkündete der Oberst.

Da wurde plötzlich die Stimme, die Thomas Lieven seit langem quälte, die Stimme des Schauspielers Jean Louis Barrault, in seinen Ohren deutlich, und Thomas verstand jetzt die Worte, diese Worte König Richards des Dritten:

»Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter

kann kürzen diese feinberedten Tage,

bin ich gewillt, ein Bösewicht zu werden …«

»Monsieur Lieven«, forschte der Oberst, das Rotweinglas in der Hand, »wollen Sie für uns arbeiten?«

Thomas sah Mimi an, die süße, zärtliche Mimi. Er sah Oberst Siméon an, den Mann mit Lebensart. Er sah das gute Essen an.

Es gibt also keinen Weg für mich, dachte Thomas Lieven. Ich habe mir ein falsches Bild von dieser Welt gemacht. Ich muß mein Leben ändern, und das gleich, wenn ich nicht untergehen will in diesem Strom des Wahnsinns!

Mimis Stimme klang an sein Ohr: »Ah, chéri, sei doch nett und komm zu uns. Wir werden ein so schönes Leben haben!«

Siméons Stimme klang an sein Ohr: »Monsieur, haben Sie sich entschieden?«

Die Stimme des Schauspielers Jean Louis Barrault dröhnte:

»… bin ich gewillt, ein Bösewicht zu werden …«

»Ich bin gewillt«, sprach Thomas Lieven sanft.



6



Zuerst die Deutsche Abwehr. Dann der »Secret Service«. Jetzt das »Deuxième Bureau«. Alles innerhalb von 96 Stunden. Vor vier Tagen, dachte Thomas, habe ich noch in London gelebt, ein geachteter Bürger, ein erfolgreicher Privatbankier. Wer nimmt mir so etwas ab? Wer wird mir all das glauben in meinem Club?

Thomas Lieven fuhr sich mit seiner schmalen, feingliedrigen Hand durch das kurzgeschnittene schwarze Haar und sagte: »Meine Situation scheint hoffnungslos, aber nicht ernst. Angenehm gesättigt, sitze ich auf dem Trümmerhaufen meiner bürgerlichen Existenz. Voilà, ein historischer Augenblick. Emile!« Der alte Oberkellner eilte herbei. »Wir haben Grund zu feiern. Champagner, bitte!« Zärtlich küßte Mimi ihren Freund. »Ist er nicht süß?« fragte sie den Oberst.

»Monsieur, ich verneige mich vor Ihrer Haltung«, sagte Siméon. »Ich bin glücklich darüber, daß Sie sich bereit erklären, für uns zu arbeiten.«

»Ich erkläre mich nicht bereit, es bleibt mir nichts anderes übrig.«

»Das ist dasselbe.«

»Natürlich können Sie nur so lange auf mich rechnen, wie mein Prozeß läuft. Wenn ich den gewonnen habe, will ich wieder in London leben. Ist das klar?«

»Vollkommen klar, Monsieur«, sagte Oberst Siméon und lächelte, als wäre er ein Hellseher und wüßte bereits, daß Thomas Lieven seinen Prozeß einen Weltkrieg später noch immer nicht gewonnen haben und daß er niemals mehr in London leben würde.

»Im übrigen«, sagte Thomas, »ist mir völlig schleierhaft, auf welchem Gebiet ich für Sie von Wert sein könnte.«

»Sie sind Bankier.«

»Na und?«

Siméon zwinkerte. »Madame hat mir erzählt, wie tüchtig Sie sind!«

»Aber Mimi«, sagte Thomas zu der kleinen Schauspielerin mit dem glänzenden schwarzen Haar und den lustigen Augen, »das war sehr indiskret von dir!«

»Madame hat es für die nationale Sache getan. Sie ist eine bezaubernde Persönlichkeit.«

»Ich nehme an, Sie können das gut beurteilen, Herr Oberst!«

Darauf sprachen Mimi und Siméon gleichzeitig: »Als Offizier gebe ich Ihnen mein Ehrenwort.« – »Aber chéri, das war doch lang vor deiner Zeit.«

Dann brachen beide ab und lachten. Mimi schmiegte sich an Thomas. Sie war wirklich verliebt in diesen Mann, der so seriös wirken und dabei so unseriös sein konnte, der aussah wie der Urtyp aller britischen Gentlemanbankiers und dabei liebenswerter und einfallsreicher war als alle Herren, die Mimi kannte. Und sie kannte eine ganze Menge.

»Lange vor meiner Zeit«, sagte Thomas Lieven. »Aha. Soso. Nun schön … Herr Oberst, nach Ihren Worten zu schließen, darf ich mich also als Finanzberater des französischen Geheimdienstes betrachten?«

»Ganz recht, Monsieur. Man wird Ihnen besondere Aufgaben übertragen.«

»Lassen Sie mich«, sagte Thomas, »bevor der Champagner kommt, rasch noch ein paar aufrichtige Worte verlieren. Trotz meiner relativen Jugend habe ich bereits gewisse Prinzipien. Sollten Sie diese unvereinbar mit meiner neuen Tätigkeit finden, dann bitte ich Sie, mich doch lieber auszuweisen.«

»Voilà, Ihre Prinzipien, Monsieur?«

»Ich weigere mich, eine Uniform zu tragen, Herr Oberst. Sie werden das vielleicht unverständlich finden, aber ich schieße nicht auf Menschen. Ich erschrecke niemanden, ich verhafte niemanden, ich quäle niemanden.«

»Aber ich bitte Sie, Monsieur, für solche Kleinigkeiten sind Sie uns doch viel zu schade!«

»Ich schädige und beraube auch niemanden – es sei denn innerhalb der erlaubten Grenzen meines Berufes. Aber auch dann nur, wenn ich mich davon überzeugt habe, daß der Betreffende es verdient.«

»Monsieur, seien Sie ohne Sorge, Sie werden Ihren Prinzipien treu bleiben können. Es ist allein Ihr Gehirn, auf das wir reflektieren.«

Emile kam mit dem Champagner.

Sie tranken, dann sagte der Oberst: »Ich muß allerdings darauf bestehen, daß Sie an einem Ausbildungskurs für Geheimagenten teilnehmen. Das verlangt unsere Betriebsordnung! Es gibt da viele raffinierte Tricks, von denen Sie noch nichts wissen. Ich will sehen, daß Sie schnellstens in eines unserer Speziallager kommen.«

»Aber nicht mehr heute nacht, Jules«, sagte Mimi und strich zärtlich über Thomas Lievens Hand. »Für heute nacht weiß er genug …«

Am frühen Morgen des 30. Mai 1939 holten zwei Herren Thomas Lieven bei seiner Freundin ab. Die Herren trugen billige Konfektionsanzüge mit ausgebeulten Hosen. Es waren unterbezahlte Unteragenten.

Thomas trug einen einreihigen schwarzgrauen Anzug mit Pepitamuster, weißes Hemd, schwarze Krawatte, schwarzen Hut, schwarze Schuhe und natürlich seine geliebte Repetieruhr. Er nahm einen kleinen Koffer mit.

Die ernsten Herren verfrachteten Thomas in einen Lastwagen. Als er ins Freie sehen wollte, stellte er fest, daß die Zeltplanen über der Ladefläche festgezurrt und dicht geschlossen waren.

Nach fünf Stunden tat ihm jeder Knochen weh. Als der Laster endlich hielt und die Herren ihn aussteigen ließen, sah Thomas sich in einer außerordentlich tristen Gegend. Ein hügeliges Gelände voller Steinbrocken war von hohen Stacheldrahtzäunen umgeben. Im Hintergrund, vor einem düsteren Wäldchen, erblickte Thomas ein verwittertes graues Gebäude. Am Eingangstor stand ein schwerbewaffneter Soldat.

Die beiden schlechtgekleideten Herren gingen zu dem feindselig blickenden Posten hinüber und wiesen eine Unzahl von Ausweisen vor, die der Soldat studierte. Indessen kam ein alter Bauer mit einem Holzfuhrwerk des Weges.

»Hast du’s noch weit, mein Alter?« fragte Thomas.

»Der Teufel soll’s holen. Sind noch gut drei Kilometer bis Saint Nicolas!«

»Wo ist denn das?«

»Na, da unten. Direkt vor Nancy.«

»Aha«, sagte Thomas Lieven.

Seine beiden Begleiter kehrten zurück. Der eine erklärte ihm: »Sie müssen entschuldigen, daß wir Sie im Lastwagen eingeschlossen haben. Strenger Befehl. Sie hätten sonst vielleicht die Gegend erkannt. Und Sie dürfen keinesfalls wissen, wo Sie sich befinden.«

»Aha«, sagte Thomas.

Das alte Gebäude war eingerichtet wie ein drittklassiges Hotel. Ziemlich popelig, dachte Thomas Lieven. Viel Geld scheinen die Herrschaften nicht zu haben. Hoffentlich gibt’s keine Wanzen. In Situationen kommt man!

An dem neuen Kursus nahmen außer Thomas noch siebenundzwanzig andere Agenten teil, hauptsächlich Franzosen, aber auch zwei Österreicher, fünf Deutsche, ein Pole und ein Engländer.

Der Leiter des Kurses war ein hagerer, blasser Mann von ungesunder Gesichtsfarbe, so geheimnisvoll und bedrückt, so überheblich und unsicher wie sein deutscher Kollege Major Loos, den Thomas in Köln kennengelernt hatte.

»Meine Herren«, sagte dieser Mensch zu der versammelten Agentenschar, »ich bin Jupiter. Für die Dauer des Kurses wird sich jeder von Ihnen einen falschen Namen zulegen. Sie haben eine halbe Stunde Zeit, dazu einen passenden falschen Lebenslauf zu ersinnen. Diese erfundene Identität müssen Sie von nun an unter allen Umständen verteidigen. Ich und meine Kollegen werden alles tun, um Ihnen zu beweisen, daß Sie nicht der sind, für den Sie sich ausgeben. Suchen Sie sich also eine Persönlichkeit zusammen, die Sie auch gegen unsere Angriffe verteidigen können.«

Thomas entschloß sich zu dem prosaischen Namen Adolf Meier. Er investierte niemals Phantasie in aussichtslose Unternehmen.

Am Nachmittag erhielt er einen grauen Drillichanzug. Auf der Brust war der falsche Name eingestickt. Die anderen Schüler trugen die gleiche Arbeitskleidung.

Das Essen war schlecht. Das Zimmer, das man Thomas zuwies, war scheußlich, das Bettzeug klamm. Vor dem Einschlafen ließ unser Freund immer wieder wehmütig seine geliebte Repetieruhr schlagen, schloß dazu die Augen und stellte sich vor, er läge in seinem schönen Bett in London. Um drei Uhr morgens wurde er durch wüstes Gebrüll aus dem Schlaf gerissen.

»Lieven! Lieven! Melden Sie sich endlich, Lieven.«

Schweißgebadet fuhr Thomas hoch und ächzte: »Hier!«

Im nächsten Moment bekam er zwei schallende Ohrfeigen. Vor dem Bett stand Jupiter, grinste dämonisch und sagte: »Ich dachte, Sie heißen Meier, Herr Lieven! Wenn Ihnen das in der Praxis passiert, sind Sie ein toter Mann. Gute Nacht. Schlafen Sie gut weiter.«

Thomas schlief nicht gut weiter. Er dachte darüber nach, wie er um neuerliche Ohrfeigen herumkommen konnte. Er fand es bald heraus. In den folgenden Nächten konnte Jupiter brüllen, so wüst er wollte. Stets wurde Thomas langsam wach, kam zu sich und beharrte sodann auf seiner falschen Identität: »Was wollen Sie von mir? Ich heiße Adolf Meier!«

Jupiter zeigte sich begeistert: »Eine phantastische Selbstbeherrschung haben Sie!«

Er wußte nicht, daß Thomas jetzt nachts nur genügend Watte in den Ohren hatte …

Die Schüler lernten mit Gift, Sprengstoff, Maschinenpistolen und Revolvern umgehen. Von zehn Schüssen, die Thomas abgab, saßen zu seiner Verblüffung acht im absoluten Zentrum der Scheibe. Er sagte benommen: »Zufall. Ich kann überhaupt nicht schießen.«

Jupiter lachte glucksend: »Können nicht schießen, Meier? Ein Naturtalent sind Sie!«

Von den nächsten zehn Schüssen saßen sogar neun im Zentrum, und Thomas meinte erschüttert: »Der Mensch ist sich selbst ein Rätsel!«

Diese Erkenntnis ließ ihn in der folgenden Nacht nicht schlafen. Er dachte: Was ist mit mir los? Ein Mann, der so wie ich aus seiner Bahn geschleudert wird, müßte doch eigentlich verzweifelt sein, saufen, mit Gott hadern, Selbstmord begehen. Also wirklich! Bin ich verzweifelt, saufe ich, verkomme ich, hadere ich, denke ich an Freitod?

Mitnichten.

Mir selber kann ich die furchtbare Wahrheit eingestehen: Das ganze Abenteuer beginnt mich zu unterhalten, macht mir Spaß, amüsiert mich. Ich bin noch jung. Ich habe keine Familie. Wer erlebt schon so etwas Verrücktes?

Französischer Geheimdienst. Das heißt, ich arbeite gegen mein Land, gegen Deutschland. Moment mal! Gegen Deutschland – oder gegen die Gestapo?

Na also.

Aber daß ich auch schießen kann … Nicht zu fassen! Ich weiß schon, warum mich das alles eher amüsiert als erschüttert: weil ich einen so überseriösen Beruf ausgeübt habe. Da mußte ich mich dauernd verstellen. Anscheinend kommt das hier alles meinem wahren Wesen viel mehr entgegen. Pfui Teufel, habe ich einen Charakter!

Er lernte morsen. Er lernte im Geheim-Code schreiben und einen Geheim-Code dechiffrieren. Zu diesem Zweck verteilte Jupiter zerblätterte Exemplare des Romans »Der Graf von Monte Cristo«.

Er erklärte: »Das System ist denkbar einfach. In der Praxis tragen Sie so ein Buch bei sich. Nun erhalten Sie eine Code-Meldung. Sie nennt zuerst drei Zahlen, die immer wechseln. Die erste Zahl nennt die Seite des Romans, die Sie zu benützen haben, die zweite Zahl die Zeile auf der Seite, die dritte den Buchstaben auf der Zeile. Dieser Buchstabe ist Ihr Ausgangspunkt. Von ihm aus beginnen Sie nach den angegebenen Code-Ziffern die anderen Buchstaben auszuzählen …«

Jupiter verteilte Zettel. Darauf standen verschlüsselte Botschaften.

Die halbe Klasse entschlüsselte sie richtig, die halbe Klasse versagte, darunter Thomas Lieven. Seine Bemühungen um den Klartext sahen so aus: »Twmxdtrrre illd m ionteff …«

»Noch einmal«, sagte Jupiter.

Sie versuchten es noch einmal mit dem gleichen 50 : 50-Resultat.

»Und wenn wir es die Nacht durch üben«, sagte Jupiter.

Sie übten es die Nacht durch.

Im Morgengrauen kamen sie darauf, daß an die Schüler aus Versehen zwei verschiedene Auflagen des Romans verteilt worden waren, nämlich die zweite und die vierte. Die Ausgaben unterschieden sich durch einige Kürzungen in der vierten. Die Kürzungen hatten eine gelinde Seitenverschiebung mit sich gebracht …

»So etwas«, sagte Jupiter bleich, aber fanatisch, »ist natürlich in der Praxis ausgeschlossen.«

»Natürlich«, sagte Thomas Lieven.



7



Dann veranstaltete Jupiter ein großes Fest, bei dem es sehr viel zu trinken gab. Ein glutäugiger, langwimperiger Schüler namens Hänschen Nolle – er hatte eine Haut wie Milch und Blut – betrank sich übermäßig. Am nächsten Tag wurde er vom Kursus ausgeschlossen. Mit ihm verließen der Engländer und ein Österreicher das Lager. Es hatte sich im Lauf der Nacht ergeben, daß sie nicht würdig waren, Geheimagenten zu sein …

In der vierten Woche wurde die Klasse in einen unwirtlichen Wald geleitet. Hier verblieben die Herren mit ihrem Lehrer acht Tage.

Sie schliefen auf dem harten Boden, waren den Unbilden der Witterung ausgesetzt und lernten, da der Proviant geplantermaßen nach drei Tagen ausging, sich von Beeren, Rinden, Blättern und eklem Getier zu ernähren. Thomas Lieven lernte es nicht, denn er hatte ähnliches vorausgesehen und etliche Konserven in die Schule eingeschmuggelt. Am vierten Tage genoß er noch belgische Gänseleberpastete. Zu einem Zeitpunkt, da sich die anderen Schüler bereits um das Viertel einer Waldmaus prügelten, bewahrte er darum eine stoische Ruhe, die ihm das Lob Jupiters einbrachte: »Nehmen Sie sich ein Beispiel an Herrn Meier, meine Herren. Ich kann nur sagen: Voilà, un homme!«

In der sechsten Woche führte Jupiter die Klasse zu einem tiefen Abgrund. Man stand auf einem schroffen Felsen und blickte in eine fürchterliche Tiefe, deren Grund von einem gazeartigen Gewebe verdeckt wurde.

»Runterspringen!« schrie Jupiter. Schaudernd drängten die Schüler zurück – bis auf Thomas. Seine Kollegen beiseite stoßend, rannte er los, schrie hurra und sprang in die Tiefe. Er hatte sich blitzschnell überlegt, daß der französische Staat wohl kaum viel Geld für seine körperliche und geistige Ertüchtigung ausgeben würde mit dem Endziel, ihn zum Selbstmord zu treiben. In der Tat gab es unter dem reißenden Gazestreifen denn auch mehrere elastische Gummibahnen, die seinen Sturz behutsam auffingen. Jupiter versicherte ekstatisch: »Sie sind mein bester Mann, Meier! Von Ihnen wird noch einmal die Welt sprechen!«

Womit er recht behalten sollte.

Einen einzigen Tadel seines Lehrers holte sich Thomas, und zwar, als Jupiter das Schreiben mit unsichtbaren Tinten lehrte, wozu man nicht mehr benötigt als eine Feder, Zwiebelsaft und ein rohes Ei. Da fragte Thomas wissensdurstig: »Bitte sehr, an wen wendet man sich in einem Gestapo-Gefängnis am besten, wenn man Zwiebeln, Federn und rohe Eier benötigt?«

Den Abschluß des Kurses bildete das »Große Verhör«. Zu mitternächtlicher Stunde wurden die Schüler brutal aus dem Schlaf gerissen und vor ein Tribunal der Deutschen Abwehr geschleppt. Dasselbe setzte sich aus den Lehrern des Kurses unter Vorsitz von Jupiter zusammen. Die den Schülern inzwischen wohlbekannten Instruktoren saßen in deutschen Uniformen hinter einem langen Tisch. Jupiter spielte einen Oberst. Die verkleideten Lehrer brüllten die Schüler an, ließen sie in grelle Scheinwerfer blicken und verweigerten ihnen eine Nacht lang Speise und Trank, was nicht schlimm war, denn alle hatten ein umfangreiches Abendessen hinter sich.

Mit Thomas ging Jupiter besonders streng zu Gericht. Er gab ihm ein paar Ohrfeigen, ließ ihn mit dem Gesicht zur Wand ausharren und drückte ihm einen kühlen Pistolenlauf ins Gesicht.

»Gestehen Sie!« schrie er ihn an. »Sie sind ein französischer Spion!«

»Ich habe nichts zu sagen«, antwortete Thomas heldenhaft. Also legten sie ihm Daumenschrauben an und drehten sie zu. Sobald Thomas den ersten leichten Schmerz verspürte, äußerte er »Aua!« Und sofort wurden die Schrauben wieder gelockert. Gegen sechs Uhr morgens verurteilten sie ihn wegen Spionage zum Tode. Jupiter forderte ihn ein letztes Mal auf, militärische Geheimnisse zu verraten, dann würde man ihm das Leben schenken.

Thomas spie dem Vorsitzenden vor die Füße und rief: »Lieber in den Tod!«

Also führten sie ihn wunschgemäß hinaus in einen schmutzigen Hof und stellten ihn im Morgengrauen an eine kalte Mauer und erschossen ihn ohne militärische Ehren, dafür aber nur mit Platzpatronen. Dann gingen sie alle frühstücken.

Thomas Lieven – fast ist es unnötig, dies besonders zu betonen – bestand den Kursus mit Auszeichnung. Jupiter hatte Tränen in den Augen, als er ihm ein entsprechendes Dekret und einen französischen Paß auf den Namen »Jean Leblanc« überreichte. »Glück auf, Kamerad! Ich bin stolz auf Sie!«

»Sagen Sie, Jupiter, wenn Sie mich jetzt so ziehen lassen, überkommt Sie da nicht Angst, ich könnte einmal in die Hände der Deutschen fallen und alles verraten, was ich hier gelernt habe?«

Lächelnd antwortete Jupiter: »Da gäbe es wenig zu verraten, alter Freund. Die Ausbildungsmethoden der Geheimdienste in aller Welt sind einander ähnlich! Sie stehen alle auf der gleichen Höhe. Sie bedienen sich alle der letzten medizinischen, psychologischen und technischen Erkenntnisse!«

Am 16. Juli 1939 kehrte Thomas Lieven nach Paris zurück und wurde von einer Mimi in Empfang genommen, die sich betrug, als wäre sie ihm tatsächlich sechs Wochen lang treu gewesen.

Am 1. August erhielt Thomas Lieven durch Vermittlung von Oberst Siméon eine komfortable Wohnung am Square du Bois de Boulogne. Von hier konnte er mit dem Wagen in fünfzehn Minuten seine Bank auf den Champs-Elysées erreichen.

Am 20. August bat Thomas Lieven den Oberst um Verständnis dafür, daß er nach allen Anstrengungen trotz der angespannten Weltlage mit Mimi zur Erholung nach Chantilly fahren wolle, dem Zentrum des Pferdesports und Ausflugsort der Pariser.

Am 30. August verkündete Polen die Generalmobilmachung.

Am Nachmittag des nächsten Tages machten Thomas und Mimi einen Spaziergang zu den Teichen von Commelle und dem Schloß der Königin Blanche.

Als sie gegen Abend in die Stadt zurückkehrten, sahen sie die Sonne blutrot im Westen versinken. An verträumten Villen der Jahrhundertwende vorbei schritten sie, Arm in Arm, über abgetretenes Kopfsteinpflaster, zu ihrem »Hôtel du Parc« in der Avenue du Maréchal Joffre.

Als sie die Halle betraten, winkte der Portier: »Voranmeldung aus Belfort, Monsieur Lieven!«

Wenig später hörte Thomas die Stimme von Oberst Siméon: »Lieven, sind Sie endlich da?« Der Oberst sprach deutsch und sagte gleich, warum: »Ich kann nicht riskieren, daß jemand in Ihrem Hotel mich versteht. Hören Sie zu, Lieven, es geht los.«

»Krieg?«

»Ja.«

»Wann?«

»In den nächsten achtundvierzig Stunden. Sie müssen morgen mit dem ersten Zug nach Belfort kommen. Melden Sie sich im ›Hôtel du Tonneau d’Or‹. Der Portier wird Bescheid wissen. Es handelt sich …«

In diesem Augenblick wurde die Verbindung unterbrochen.

Thomas schlug auf die Gabel. »Hallo! Hallo!«

Eine strenge Frauenstimme meldete sich. »Monsieur Lieven, Sie wurden getrennt. Sie haben in einer fremden Sprache gesprochen.«

»Ist das verboten?«

»Jawohl. Seit heute um 18 Uhr. Ferngespräche dürfen nur noch in französischer Sprache geführt werden.«

Die Stimme verstummte. Die Leitung war tot.

Als Thomas Lieven aus der Zelle trat, gab ihm der Portier einen seltsamen Blick. Es fiel Thomas nicht besonders auf. Er erinnerte sich erst wieder an den Blick, als es um fünf Uhr morgens an seiner Hotelzimmertür klopfte …

Mimi schlief, zusammengerollt wie eine kleine Katze. Er hatte es nicht über das Herz gebracht, ihr noch am Abend zu sagen, was er wußte. Draußen war es schon hell, in den alten Bäumen sangen viele Vögel.

Es pochte wieder, recht heftig diesmal. Das können doch unmöglich schon die Deutschen sein, dachte Thomas und beschloß, nicht zu reagieren.

Eine Stimme erklang: »Monsieur Lieven, öffnen Sie. Wenn Sie nicht öffnen, werden wir die Türe eintreten.«

»Wer ist da?«

»Polizei.«

Seufzend erhob sich Thomas. Mimi erwachte mit einem kleinen Schrei. »Was ist, chéri?«

»Ich nehme an, ich werde wieder mal verhaftet«, sagte er.

Die Vermutung erwies sich als richtig. Vor der Tür stand ein Gendarmerieoffizier mit zwei Landgendarmen. »Ziehen Sie sich an, und kommen Sie mit«, sagte er.

»Warum?«

»Sie sind ein deutscher Spion.«

»Was bringt Sie zu dieser Annahme?«

»Sie haben gestern ein verdächtiges Telefongespräch geführt. Die Überwachung hat uns benachrichtigt. Der Portier hat Sie beobachtet. Versuchen Sie also nicht zu leugnen.«

Thomas sagte zu dem Gendarmerieoffizier: »Schicken Sie mal Ihre Leute raus, ich muß Ihnen etwas mitteilen.«

Die Polizisten verschwanden.

Thomas zeigte den Ausweis und den Paß, die er von Jupiter erhalten hatte. Er sagte dazu: »Ich arbeite nämlich für den französischen Geheimdienst.«

»Etwas Besseres fällt Ihnen nicht ein? Noch dazu mit so lächerlich schlecht gefälschten Papieren! Los, ziehen Sie sich an!«



8



Als Thomas Lieven am späten Nachmittag des 31. August 1939 in der ehemaligen Festung Belfort an der Savoureuse eintraf, fuhr er mit einem Taxi durch die kleine Altstadt, am Place de la République und am Denkmal der »Drei Belagerungen« vorbei, sofort ins »Hôtel du Tonneau d’Or«. Er war korrekt gekleidet wie immer. An der Weste glänzte die goldene Kette der alten Repetieruhr.

Oberst Siméon wartete in der Hotelhalle auf ihn. Er trug nun eine Uniform und sah trotzdem noch ebenso sympathisch aus wie in Zivil.

»Mein armer Lieven, es tut mir ja so leid, was die idiotische Gendarmerie Ihnen angetan hat! Als Mimi mich endlich am Telefon erreichte, habe ich die Verantwortlichen entsprechend zusammengebrüllt. Doch jetzt kommen Sie, General Effel wartet schon. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Mein Freund, Ihre Feuertaufe steht bevor.«

Eine Viertelstunde später saß Thomas Lieven im Arbeitszimmer des Generals im Gebäude des französischen Generalstabs.

Alle vier Wände des spartanisch eingerichteten Büros wurden verdeckt durch Generalstabskarten von Frankreich und Deutschland. Weißhaarig, groß und schlank schritt Louis Effel vor Thomas Lieven auf und ab, die Hände auf dem Rücken. Thomas hatte an einem Kartentisch Platz genommen. Siméon saß neben ihm.

Sonor ertönte des Generals Stimme: »Monsieur Lieven, Oberst Siméon hat mir über Sie berichtet. Ich weiß, daß ich einen unserer Besten vor mir habe.«

Menu • 31. August 1939

Dieses Menu warf die Geldpolitik Frankreichs um.

Schneckensuppe

Sauerkraut mit Fasan und Austern

Zitronenschaumcreme mit flambierten Kirschen

Schneckensuppe: Reinigung der Schnecken: Man koche sie eine Stunde in Salzwasser, ziehe sie mit einer Gabel aus dem Häuschen, nehme das schwarze Häutchen fort, bestreue sie mit einer Handvoll Salz, damit der Schleim sich löst, wasche sie drei- bis viermal durch und drücke sie gut aus, daß kein Wasser darin bleibt. – Nun nehme man etwa vierzig derart gereinigte Schnecken, koche sie in Fleischbrühe weich, nehme sie heraus, hacke zwei Teile davon ganz fein, dämpfe sie in Butter, gieße so viel Fleischbrühe darüber, wie zur Suppe nötig ist, lasse sie mit etwas Muskatnuß mehrmals aufkochen, rühre mit drei Eidottern ab und richte die Suppe mit gerösteten Weißbrotschnitten und dem Rest der ganzen Schnecken ab.

Sauerkraut, Fasan, Austern: Der Fasan wird wie zum Braten präpariert. Dann drücke man zwei Pfund Sauerkraut leicht aus und gebe es in eine Kasserolle. Nun kommt halb Weißwein und halb Wasser darüber, bis das Kraut bedeckt ist. Ein Stück Schweinespeck und eine geriebene Zwiebel kommen dazu. Nun muß das Kraut eine Stunde kochen; alsdann lege man den Fasan hinein und lasse ihn eine Stunde schmoren. Wenn er weich ist, nehme man ihn heraus und binde das Sauerkraut mit etwas Béchamel-Sauce. – Die Austern befreie man von den Bärten, trockne sie mit einem Tuche ab und bestreue sie einzeln mit Salz und Pfeffer, wälze sie in Mehl, paniere sie mit Ei und Semmelbrösel, backe sie in klarer Butter rasch hellbraun. – Der Fasan wird in Stücke geschnitten, in der Mitte der Platte angerichtet und mit einem Kranz Sauerkraut und einem Kranz Austern umgeben.

Zitronenschaumcreme mit flambierten Kirschen: Für vier Personen nehme man vier Zitronen, schneide sie in dicke Scheiben und koche sie mit Zucker auf. Dieser Extrakt wird mit etwas Mondamin gebunden, und wenn er erkaltet ist, durch ein Sieb passiert. Unter die Masse werden fünf steifgeschlagene Eiweiß gezogen, dann wird alles in Sektgläser gefüllt. – Dann nehme man eingemachte Kirschen, erhitze sie, übergieße sie mit Kirschwasser oder Kognak. Man zünde die Kirschen im Alkohol an und gebe sie nach dem Abbrennen auf die Zitronencreme.

Der General blieb am Fenster stehen und blickte hinab in das liebliche Tal zwischen den Vogesen und dem Juragebirge. »Dies ist nicht die Zeit, sich etwas vorzumachen. Herr Hitler hat also den Krieg begonnen. In wenigen Stunden geht unsere Kriegserklärung an ihn hinaus. Aber …« Der General drehte sich um. »Frankreich, Herr Lieven, ist nicht vorbereitet auf diesen Krieg. Wir vom Geheimdienst schon überhaupt nicht … Es handelt sich um ein Problem aus Ihrer Berufssphäre. Sprechen Sie es aus, Oberst.«

Siméon schluckte, dann sagte er: »Wir sind nämlich fast pleite, alter Freund!«

»Pleite?«

Der General nickte nachdrücklich. »Jawohl, mein Herr. Mittellos beinahe. Angewiesen auf lächerliche Zuwendungen des Kriegsministers. Unfähig, im großen zu operieren, wie das jetzt nötig wäre. Geknebelt. Aktionsunfähig.«

»Das ist aber bös«, sagte Thomas Lieven, während ihn eine fürchterliche Lust zu lachen anflog. »Entschuldigen Sie, aber wenn ein Staat kein Geld hat, dann sollte er sich vielleicht lieber keinen Geheimdienst leisten!«

»Unser Staat hätte genug Geld gehabt, um sich auf einen Angriff Deutschlands vorzubereiten. Leider, Monsieur, gibt es Kreise in Frankreich, die, selbstsüchtig und egoistisch, zusätzliche Steuern ablehnen und nur raffen und schieben und sich sogar in dieser Situation noch am Elend unseres Vaterlandes bereichern.« Der General richtete sich hoch auf: »Ich weiß, daß ich mich in dreizehnter Stunde an Sie wende. Ich weiß, daß ich schier Unmögliches verlange. Dennoch frage ich: Glauben Sie, daß es einen Weg gibt, uns schnellstens – schnellstens, sage ich – mit großen – großen, sage ich – Geldbeträgen zu versorgen, damit wir arbeiten können?«

»Das muß ich mir überlegen, Herr General. Aber nicht hier.«

Thomas sah die kriegerischen Karten an. »Hier fällt mir nichts Gescheites ein.« Sein Gesicht erhellte sich. »Wenn es den Herren angenehm ist, werde ich mich jetzt verabschieden und im Hotel ein kleines Abendessen vorbereiten, bei dem wir alles Weitere besprechen können.«

Louis Effel sagte entgeistert: »Sie wollen jetzt kochen gehen?«

»Wenn Sie gestatten, Herr General. In der Küche kommen mir immer die besten Gedanken.«

Das denkwürdige Mahl fand sodann am Abend des 31. August 1939 im Extrazimmer des ersten Hauses am Platz statt.

»Einmalig«, sagte der General nach dem Hauptgang und wischte sich mit der Serviette über den Mund.

»Phantastisch«, sagte der Oberst.

»Das Beste von allem war die Schneckensuppe. So gut habe ich sie noch nie gegessen!« sagte der General.

»Ein kleiner Tip«, sagte Thomas, »nehmen Sie nur große Schnecken in grauen Häusern, Herr General! Die Häuser müssen aber geschlossen sein.«

Kellner brachten den Nachtisch. Thomas erhob sich. »Danke, das mache ich selber.«

Er entzündete einen kleinen Spirituskocher und verkündete: »Es gibt Zitronenschaumcreme und dazu eine flambierte Delikatesse.«

Einer Schale entnahm er eingemachte Kirschen, legte sie in eine kleine Kupferpfanne und erhitzte sie auf der Spiritusflamme. Sodann überschüttete er die Kirschen mit französischem Kognak und einer wasserhellen Flüssigkeit. Alle schauten gebannt zu. Oberst Siméon erhob sich halb.

»Was ist das?« fragte der General, auf die wasserhelle Flüssigkeit deutend.

»Hochprozentiger Alkohol, chemisch rein aus der Apotheke. Das brauchen wir, damit das Ganze brennt!« Mit einer geschickten Bewegung brachte Thomas die Flamme an die Kirschen heran. Zischend und sprühend schoß eine bläuliche Flamme empor, zuckte, flackerte, erlosch. Elegant verteilte unser Freund die heißen Früchte auf die Creme. »Und nun«, sagte er, »zu unserem Problem. Ich denke, es gibt eine Lösung.«

Des Generals Löffelchen klirrte. »Mein Gott, sprechen Sie!«

»Herr General, Sie beklagten am Nachmittag – wirklich gut, die Kirschen, nicht? – das Verhalten gewisser Kreise, die sich selbst am Elend Frankreichs noch bereichern wollen. Ich kann Sie beruhigen: Solche Cliquen gibt es in jedem Land. Die Herren wollen verdienen. Wie, das ist ihnen egal. Wenn etwas schiefgeht, nehmen sie ihr Geld und flüchten. Die kleinen Leute bleiben zurück.« Thomas aß einen Löffel Creme. »Vielleicht eine Spur zu sauer. Nein? Tja, meine Herren, ich denke, wir werden den französischen Geheimdienst auf Kosten dieser selbstsüchtigen, vaterlandslosen Gesellen sanieren.«

»Aber wie denn nur? Was brauchen Sie dazu?«

»Einen amerikanischen Diplomatenpaß, einen belgischen Paß und eine schnelle Reaktion des Herrn Finanzministers«, sagte Thomas Lieven bescheiden. Er sagte dies am Abend des 31. August 1939.

Am 10. September 1939 wurde durch Presse und Rundfunk folgende Verordnung bekanntgegeben:

PRESIDENCE DU CONSEIL

Décret prohibant ou réglementant en temps de guerre l’exportation des capitaux, les opérations de change et le commerce de l’or …

In der Übersetzung:

Dekret, das in Kriegszeiten die Ausfuhr von Kapitalien, alle Wechseltransaktionen (Devisenaustausch) und den Goldhandel verbietet oder reglementiert.

Artikel 1

Die Ausfuhr von Kapitalien ist – gleich welcher Form – untersagt, mit Ausnahme der Genehmigung des Finanzministers.

Artikel 2

Alle genehmigten Devisenoperationen müssen ausnahmslos über die Banque de France getätigt werden oder über ein anderes, durch den Finanzminister dazu berechtigtes Bankinstitut …

Es folgten weitere Bestimmungen über Gold und Devisen, zum Schluß die Androhung drakonischer Strafen für den Fall einer Übertretung dieser Verordnung.

Unterzeichnet war das Dekret von:

Albert Lebrun, Präsident

Edouard Daladier, Ministerpräsident

Paul Marchendeau, Siegelverwahrer

Georges Bonnet, Außenminister

Albert Sarraut, Innenminister

Paul Reynaud, Finanzminister

Fernand Gentin, Minister für Handel

Raymond Patenotre, Minister für Ökonomie

Georges Mandel, Minister für die Kolonien

Jules Julien, Minister für Post und Telefon



9



Mit dem fahrplanmäßigen Schnellzug, der um 8 Uhr 35 Paris verließ, fuhr am 12. September 1939 ein junger amerikanischer Diplomat nach Brüssel. Er war wie ein englischer Privatbankier gekleidet und trug einen großen schwarzen Schweinslederkoffer bei sich.

Die Kontrollen an der französisch-belgischen Grenze waren sehr streng. Die Beamten auf beiden Seiten identifizierten den soignierten jungen Herrn an Hand seines Diplomatenpasses, der sich wie eine Ziehharmonika öffnen ließ, als William S. Murphy, offiziellen Kurier der amerikanischen Botschaft in Paris. Sein Gepäck wurde nicht kontrolliert.

In Brüssel angekommen, stieg der amerikanische Kurier, der in Wirklichkeit Deutscher war und Thomas Lieven hieß, im »Hôtel Royal« ab. Bei der Rezeption legte er einen belgischen Paß vor, der auf den Namen Armand Deeken lautete.

Im Laufe des nächsten Tages kaufte Deeken alias Murphy alias Lieven für drei Millionen französische Franc in Brüssel Dollars ein. Die drei Millionen holte er aus dem schwarzen Schweinslederkoffer heraus, die Dollars legte er in diesen hinein.

Die drei Millionen Franc Grundkapital stammten aus Thomas Lievens eigener kleiner Bank. Er hatte sich gezwungen gesehen, sie dem »Deuxième Bureau« vorzuschießen …

Durch die politischen Ereignisse war der internationale Wert des Franc um zwanzig Prozent gefallen. In Frankreich versuchten Privatleute vor allem Dollars zu kaufen, in panischer Furcht vor einer weiteren Abwertung des Franc. Die Kurse für Dollars waren deshalb in wenigen Stunden in astronomische Höhen geschnellt.

Nicht so in Brüssel. Hier konnte man Dollars zu einem wesentlich billigeren Kurs erwerben, denn die Belgier waren von der französischen Kriegsangst nicht ergriffen. Sie glaubten fest: »Wir bleiben neutral; unter gar keinen Umständen überfallen uns die Deutschen noch einmal.«

Infolge der schnellen Entschließung der französischen Regierung, die Ausfuhr von Kapitalien zu verbieten, gab es im Ausland auch keine Überschwemmung mit Francs. Und darum behielt der Franc – genau wie Thomas erwartet hatte – trotz allem einen einigermaßen festen Wert. Dieser feste Wert war sozusagen die Achse der ganzen Operation …

Mit einem Koffer voller Dollars fuhr Thomas Lieven als William S. Murphy nach Paris zurück. Innerhalb weniger Stunden wurden ihm die kostbaren Devisen aus den Händen gerissen, und zwar von jenen reichen Leuten, die so schnell wie möglich ihr Vaterland im Stich lassen und ihre Vermögen in Sicherheit bringen wollten. Doppelt und dreifach ließ Thomas Lieven sie für ihre schnöde Denkart zahlen.

An seiner ersten Reise hatte er für sich selber 600 000 Franc verdient. Nun fuhr William S. Murphy mit fünf Millionen Franc im Kuriergepäck nach Brüssel zurück. Der Vorgang wiederholte sich. Die Verdienstspanne stieg. Eine Woche später pendelten vier Herren mit Diplomatenpässen zwischen Paris und Brüssel sowie zwischen Paris und Zürich. Sie führten Francs aus und Dollars ein. Zwei Wochen später waren es acht Herren.

Die Oberleitung der Aktion behielt Thomas Lieven. Durch seine Verbindung sorgte er dafür, daß es in Brüssel und Zürich genügend »Nachschub« gab. Das Unternehmen brachte nun schon Gewinne von Millionen Franc.

In die tristen Augen der französischen Geheimdienstoffiziere trat ein feuchter Hoffnungsschimmer, ein Ausdruck noch ungläubiger Dankbarkeit, als Thomas Lieven immer größere Beträge überwies. Zwischen dem 12. September 1939 und dem 10. Mai 1940, dem Tag des deutschen Überfalls auf Belgien, betrug Thomas Lievens Umsatz 80 Millionen Franc. Da er Spesen und Verdienstspanne mit insgesamt 10 Prozent berechnete und diesen Gewinn in Dollars anlegte, blieben ihm 27 730 Dollar. Pannen gab es keine, nur einen kleinen Zwischenfall …

Am 2. Januar 1940 kehrte Thomas Lieven, zum wievielten Male, wußte er selbst nicht mehr, mit dem Abendzug aus Brüssel nach Paris zurück. In Feignies, der Grenzstation, hielt der Zug länger als sonst. In leichter Unruhe wollte Thomas gerade nach dem Grund der Verzögerung forschen, als sich die Abteiltür öffnete und der Chef der französischen Grenzpolizei, ein großer Mann, den Thomas schon oft gesehen hatte, den Kopf hereinsteckte.

Er sprach sehr sachlich: »Monsieur, Sie sollten besser aussteigen, mit mir eine Flasche Wein trinken und den nächsten Zug nehmen.«

»Und warum sollte ich das wohl?«

»Dieser Zug wartet auf den amerikanischen Botschafter in Paris. Seine Exzellenz hatte in der Gegend einen leichten Autounfall, bei dem sein Wagen beschädigt wurde. Es ist das Nebenabteil für ihn reserviert worden. Er kommt in Begleitung von drei Herren aus der Botschaft … Sie sehen, Monsieur, Sie sollten wirklich lieber den nächsten Zug nehmen. Erlauben Sie, daß ich Ihren schweren Koffer trage …«

»Woher wußten Sie?« fragte Thomas Lieven fünf Minuten später. Der große Polizist winkte ab: »Sie werden uns doch jedesmal von Oberst Siméon avisiert und besonders ans Herz gelegt!«

Thomas öffnete seine Brieftasche. »Was darf ich Ihnen anbieten?«

»Ah nein, Monsieur! Das war ein Freundschaftsdienst! Dafür verlange ich nichts! Aber vielleicht … Wir sind hier sechzehn Mann, und in letzter Zeit gibt es kaum noch Kaffee und Zigaretten …«

»Das nächste Mal, wenn ich nach Brüssel fahre …«

»Moment, Monsieur, das ist nicht so einfach! Wir müssen achtgeben, daß die Bullen vom Zoll die Sachen nicht erwischen. Wenn Sie das nächste Mal kommen, aber nur wenn Sie den Nachtschnellzug benützen, dann stellen Sie sich bitte auf die Plattform des Erstklaßwagens. Die vordere Plattform. Halten Sie das Paket bereit. Einer meiner Leute wird aufspringen …«

So geschah es von nun an zwei- bis dreimal wöchentlich. In ganz Frankreich gab es keine so gut versorgte Grenzpolizeistation wie die in Feignies. »Kleine Leute, gute Leute«, sagte Thomas Lieven …



10



General Effel bot ihm einen Orden an, aber Thomas lehnte ab: »Ich bin überzeugter Zivilist, Herr General. Ich mag diese Sachen nicht.«

»Dann wünschen Sie sich etwas, Monsieur Lieven!«

»Wenn ich vielleicht eine gewisse Menge französischer Paßformulare haben könnte, Herr General. Und die entsprechenden Stempel. Es leben jetzt so viele Deutsche in Paris, die untertauchen müssen, wenn die Nazis kommen. Sie haben kein Geld, um zu fliehen. Ich möchte den armen Hunden gerne helfen.«

Einen Augenblick schwieg der General. Dann sagte er: »Auch wenn es schwerfällt, Monsieur, ich achte Ihren Wunsch und werde ihn erfüllen.«

Nun kamen viele Menschen zu Besuch in Thomas Lievens schöne Wohnung am Square du Bois de Boulogne. Er nahm kein Geld von ihnen. Sie erhielten die falschen Pässe umsonst. Voraussetzung war lediglich, daß sie von den Nazis tatsächlich Gefängnis oder Tod zu erwarten hatten.

Thomas nannte das »Konsulat spielen«. Er spielte gern Konsulat, er hatte den Reichen ein Vermögen abgenommen, nun half er den Armen ein wenig.

Im übrigen ließen sich die Deutschen Zeit. »Drôle de guerre« nannten die Franzosen diesen seltsamen Krieg.

Thomas Lieven reiste noch immer nach Brüssel und Zürich. Im März 1940 kam er einmal einen Tag früher als vorgesehen heim. Seit langem lebte Mimi nun schon bei ihm. Sie wußte immer genau die Stunde seiner Rückkehr. Diesmal hatte er vergessen, sie von seinem früheren Eintreffen zu benachrichtigen.

Ich will die Kleine überraschen, überlegte Thomas. Er überraschte sie tatsächlich – in den Armen des charmanten Oberst Jules Siméon.

»Monsieur«, sagte der Oberst, mit den vielen Knöpfen seiner Uniform beschäftigt, »ich nehme alle Schuld auf mich. Ich habe Mimi verführt. Ich habe Ihr Vertrauen enttäuscht, Monsieur. Das ist durch nichts zu entschuldigen. Bestimmen Sie die Art der Waffe.«

»Machen Sie, daß Sie aus meiner Wohnung kommen, und lassen Sie sich hier nie mehr sehen!«

Siméon bekam eine Gesichtsfarbe von der Intensität einer Erdbeere, biß sich auf die Lippen und ging.

Schüchtern sagte Mimi: »Du warst aber sehr grob!«

»Du liebst ihn, was?«

»Ich liebe euch beide. Er ist so tapfer und romantisch, und du, du bist so gescheit und lustig!«

»Ach, Mimi, was mache ich nur mit dir?« sagte Thomas niedergeschlagen und setzte sich auf den Bettrand. Es war ihm plötzlich zu Bewußtsein gekommen, daß er Mimi sehr gern hatte …

Am 10. Mai brach die deutsche Offensive los. Die Belgier hatten sich getäuscht; sie wurden zum zweitenmal überfallen.

Die Deutschen setzten 190 Divisionen ein. Diesen standen gegenüber: 12 holländische Divisionen, 23 belgische, 10 britische, 78 französische und 1 polnische. Insgesamt 850 alliierte Flugzeuge, zum Teil alter Bauart, hatten gegen 4500 deutsche Maschinen zu kämpfen.

Der Zusammenbruch kam mit atemberaubender Schnelligkeit. Panik brach aus. Zehn Millionen Franzosen machten sich auf eine elende Wanderschaft.

In Paris löste Thomas Lieven in Ruhe seinen Haushalt auf. Er stellte die letzten falschen Pässe für Landsleute aus, als er schon das dumpfe Grollen der Kanonen hören konnte.

Er bündelte seine Francs, Dollars und Pfunde ordentlich, banderolierte sie und verwahrte sie in einem Koffer mit doppelter Wandung. Mimi half ihm dabei. Sie sah schlecht aus in diesen Tagen. Thomas war freundlich, aber kühl. Er hatte den Oberst noch nicht verwunden.

Äußerlich gab er sich guten Mutes: »Letzten Meldungen zufolge kommen die Deutschen von Norden nach Osten. Wir werden also noch eine Kleinigkeit zu uns nehmen und dann Paris in südwestlicher Richtung verlassen. Benzin haben wir genug. Wir fahren über Le Mans. Dann hinunter nach Bordeaux und …« Er unterbrach sich und sagte: »Du weinst?«

Mimi schluchzte: »Du nimmst mich mit?«

»Nun ja, natürlich. Ich kann dich doch nicht hier zurücklassen.«

»Aber ich habe dich doch betrogen …«

»Mein Kind«, sagte er mit Würde, »um mich zu betrügen, hättest du dich schon mit Winston Churchill abgeben müssen!«

»Ach, Thomas – du bist wundervoll! Und – und verzeihst du auch ihm?«

»Leichter als dir. Daß er dich liebt, kann ich verstehen.«

»Thomas …«

»Ja?«

»Er ist im Garten.«

Thomas fuhr auf: »Was fällt ihm ein?«

»Er ist so verzweifelt. Er weiß nicht, was er tun soll. Er kam von einer Dienstreise; niemand von seinen Leuten ist mehr da. Jetzt ist er ganz allein, ohne Wagen, ohne Benzin …«

»Woher weißt du das?«

»Er – er hat es mir erzählt … Er kam vor einer Stunde … Ich habe ihm gesagt, ich werde mit dir reden …«

»Es ist ja nicht zu fassen«, sagte Thomas. Dann begann er zu lachen, bis ihm die Tränen in die Augen traten.



11



Am Nachmittag des 13. Juni 1940 fuhr ein schwerer schwarzer Chrysler in südwestlicher Richtung durch den Pariser Vorort Saint-Cloud. Er kam nur langsam voran, denn mit ihm, in gleicher Richtung, ratterten und polterten unzählige andere Fahrzeuge – Flüchtlingskolonnen aus Paris.

Am rechten Kotflügel des schwarzen Chryslers leuchtete ein Stander der Vereinigten Staaten von Amerika. Das gesamte Dach des Wagens wurde von einem mittelgroßen Sternenbanner verdeckt. Schilder glänzten auf den Stoßstangen. Darauf leuchteten, blank poliert, die Buchstaben CD.

Am Volant des großen Wagens saß Thomas Lieven. Mimi Chambert saß neben ihm.

Im Fond, zwischen Hutschachteln und Koffern, saß Oberst Jules Siméon. Er trug jetzt wieder seinen einstmals eleganten, leicht abgestoßenen blauen Anzug, die goldenen Manschettenknöpfe und die goldene Krawattennadel. Siméon betrachtete Thomas mit einem Gemisch von Dankbarkeit, Scham und großer Verlegenheit.

Thomas versuchte, die gespannte Atmosphäre durch ermutigende Reden zu entschärfen: »Unser guter Stern wird uns beschützen.« Er sah auf den Stander am Kühler. »Besser gesagt, unsere achtundvierzig guten Sterne!«

Dumpf sagte der Oberst im Fond: »Fliehen wie ein Feigling. Hierbleiben und kämpfen müßte man!«

»Jules«, sagte Mimi freundlich, »der Krieg ist doch schon längst verloren. Wenn sie dich erwischen, stellen sie dich nur an die Wand.«

»Es wäre ehrenvoller«, sagte der Oberst.

»Und dümmer«, sagte Thomas. »Ich bin gespannt, wie dieser ganze Wahnsinn weitergeht. Ehrlich gespannt!«

»Wenn die Deutschen Sie erwischen, kommen Sie auch an die Mauer«, meinte der Oberst.

»Die Deutschen«, erklärte Thomas, während er in einen wenig befahrenen Seitenweg einbog und in einen kleinen Wald hineinfuhr, »haben den Ring um Paris zu drei Vierteln geschlossen. Das offene Viertel liegt etwa zwischen Versailles und Corbeil. Es ist das Viertel, in dem wir uns befinden.«

»Und wenn auch in diesem Viertel schon Deutsche sind?«

»Vertrauen Sie mir. Auf dieser unbedeutenden Seitenstraße und in diesem Viertel gibt es keine Deutschen. Nicht einen einzigen.« Der Wald trat zurück und gab den Blick ins flache Land hinein frei. Über die unbedeutende Seitenstraße bewegte sich eine lange Kolonne von deutschen Panzerspähwagen mit aufgemalten Balkenkreuzen auf sie zu.

Mimi schrie.

Oberst Siméon stöhnte.

Thomas Lieven sagte: »Was machen denn die hier? Die müssen sich verirrt haben …«

»Es ist alles verloren«, sagte der Oberst wachsbleich.

»Fangen Sie nicht schon wieder an, Sie machen mich ganz nervös!«

Jules Siméon erklärte erstickt: »In meiner Aktentasche befinden sich geheime Dossiers und Listen mit Namen und Adressen sämtlicher französischer Agenten.«

Thomas schnappte nach Luft. »Sie sind wohl verrückt geworden? Wozu schleppen Sie das Zeug mit sich?«

Der Oberst schrie los: »Ich habe Befehl von General Effel, diese Listen unbedingt nach Toulouse zu bringen und dort einer bestimmten Persönlichkeit zu übergeben, koste es, was es wolle!«

»Hätten Sie das nicht früher sagen können?« brüllte ihn Thomas an.

»Wenn ich es früher gesagt hätte, hätten Sie mich mitgenommen?«

Thomas mußte lachen. »Da haben Sie auch recht!«

Eine Minute später trafen sie mit der deutschen Kolonne zusammen.

»Ich habe eine Pistole«, flüsterte der Oberst, »solange ich lebe, kommt niemand an die Tasche heran.«

»Die paar Minuten werden die Herren gerne warten«, sagte Thomas und stellte den Motor ab.

Staubige deutsche Landser kamen neugierig näher. Aus einem Kübelwagen stieg ein schlanker, blonder Oberleutnant. Er trat an den Chrysler heran, hob eine Hand an die Mütze und sagte: »Guten Tag. Darf ich um Ihre Papiere bitten?«

Mimi saß da wie gelähmt. Sie brachte kein Wort hervor. Die Landser umringten den Chrysler nun von allen Seiten.

»It’s okay«, sagte Thomas Lieven hochmütig. »We are Americans, see?«

»I can see the flags«, sagte der blonde Oberleutnant in bestem Englisch. »And now I want to see your papers!«

»Here you are«, sagte Thomas Lieven und überreichte ein Dokument.

Oberleutnant Fritz Egmont Zumbusch zog den amerikanischen Diplomatenpaß wie eine Ziehharmonika auseinander, betrachtete stirnrunzelnd das Papier, dann den eleganten jungen Herrn, der unendlich blasiert und gelangweilt am Steuer des schweren schwarzen Wagens saß.

Der rotblonde Zumbusch sagte: »Your name is William S. Murphy?«

»Yes«, antwortete der junge Herr, gähnte, hob aber wohlerzogen eine Hand vor den Mund.

Wenn man nicht William S. Murphy, sondern Thomas Lieven heißt, wenn man als Agent des französischen Geheimdienstes auf der schwarzen Liste des deutschen Geheimdienstes steht und aparterweise gerade mitten in einer Panzerspähwagen-Kolonne der Deutschen Wehrmacht gelandet ist, wenn man zudem eine kleine französische Freundin und einen hohen Offizier des »Deuxième Bureau« in Zivil im Wagen hat und wenn man schließlich weiß, daß dieser Offizier in einer schwarzen Ledertasche geheime Dossiers und Listen mit Namen und Adressen sämtlicher französischer Agenten mit sich führt – tja, dann tut man auch gut daran, scheinbar unendlich blasiert und gelangweilt zu sein!

Mit gepreßter Höflichkeit reichte Oberleutnant Zumbusch den Diplomatenpaß zurück. Immerhin waren die Vereinigten Staaten an diesem glutheißen 13. Juni 1940 noch neutral. Immerhin wollte Zumbusch, einundzwanzig Kilometer vor Paris, keinen Ärger. Aber er war unglücklich verheiratet und darum gern Soldat. So sagte er pflichtbewußt: »Den Paß der Dame, bitte!«

Die schwarzhaarige, hübsche Mimi verstand zwar nicht, aber erriet, was er wollte, öffnete ein Täschchen und produzierte das Verlangte. Den Landsern, die den Wagen umdrängten, schenkte sie ein Lächeln, das augenblicklich bewunderndes Volksgemurmel erzeugte.

»My secretary«, erklärte Thomas dem Oberleutnant. Das geht ja prima, dachte er. Jetzt noch Siméon, dann haben wir es überstanden. Im nächsten Augenblick ereignete sich die Katastrophe.

Oberleutnant Zumbusch steckte den Kopf durch das Wagenfenster, um Mimi ihren Paß zurückzugeben. Danach wandte er sich an Siméon, der zwischen Hutschachteln und Koffern im Fond saß, die Ledertasche auf den Knien.

Vielleicht bewegte Zumbusch sich zu schnell, als er die Hand ausstreckte. Oberst Siméon fuhr vor der Teutonenhand, die auf ihn zukam, zurück und preßte die Tasche mit dem fanatischen Gesichtsausdruck eines christlichen Märtyrers an die Brust.

»Nanu«, sagte Zumbusch, »was ist denn da drin? Zeigen Sie mal her!«

»Non, non, non!« rief der Oberst.

Thomas, der vermitteln wollte, hatte plötzlich den Zumbuschschen Ellenbogen im Mund. Ein Chrysler ist nun mal kein Rummelplatz.

Mimi begann zu kreischen. Zumbusch schlug sich den Schädel am Wagendach an und begann zu fluchen. Und als Thomas sich umdrehte, traf ihn der Ganghebel an einer empfindlichen Stelle. Am Knie.

Dieser Trottel von einem Helden, dachte Thomas Lieven grimmig. Dann sah er zu seinem unsagbaren Entsetzen eine französische Armeepistole in Siméons Hand und hörte ihn keuchen: »Ände fort oder isch schießen!«

»Sie Esel!« schrie Thomas. Er kugelte sich beinahe den Arm aus, als er Siméons Hand hochschlug. Donnernd löste sich ein Schuß. Die Kugel durchschlug das Wagendach.

Thomas riß Siméon die Waffe aus der Hand und sagte französisch und grimmig: »Mit Ihnen hat man aber auch nur Ärger!«

Oberleutnant Zumbusch riß den Wagenschlag auf und brüllte Thomas an: »Raus!«

Verbindlich lächelnd stieg Thomas ins Freie. Der Oberleutnant hielt jetzt auch eine Pistole in der Hand. Reglos standen die Panzerjäger im Kreis, Waffen im Anschlag. Still, sehr still war es auf einmal.

Thomas schleuderte Siméons Waffe in ein Kornfeld, dann blickte er mit hochgezogenen Brauen in die Mündungen von fünfzehn Pistolen.

Jetzt hilft alles nichts mehr, dachte Thomas; ich muß an unseren nationalen Autoritätskomplex appellieren. Also holte er tief Luft und brüllte Zumbusch an: »Dieser Herr und die Dame sein unter meine Schutz! Mein Wagen trägt Fahne der United States.«

»Rauskommen, oder es knallt!« rief Zumbusch den zivilen Oberst Siméon an, der bleich im Fond saß.

»Sie bleiben drin!« schrie Thomas. Es fiel ihm nichts Besseres ein: »Dieser Wagen sein exterritorial! Wer in diese Wagen sitzt, sitzt auf die Boden von Amerika!«

»Das ist mir schnuppe …«

»Okay, okay, Sie wollen also provozieren eine internationale Zwischenfall! Wegen eine solche Zwischenfall sind wir eingetreten in die Erste Weltkrieg!«

»Ich provoziere überhaupt nichts! Ich tue nur meine Pflicht! Der Mann kann ein französischer Agent sein!«

»Glauben Sie, er würde benehmen sich dann so verrückt?«

»Die Tasche, los, ich will wissen, was in dieser Tasche ist!«

»Das sein Diplomatengepäck, international geschützt! Ich werde beschweren mich bei Ihre Vorgesetzten!«

»Das können Sie gleich tun!«

»Was soll das heißen?«

»Sie kommen mit!«

»Wohin?«

»Zu unserem Korpsgefechtsstand. Daß hier etwas faul ist, das sieht doch ein Blinder! Setzen Sie sich ans Steuer. Drehen Sie den Wagen um. Beim ersten Fluchtversuch wird geschossen. Und nicht auf die Reifen«, sagte Oberleutnant Zumbusch. Er sagte es sehr leise.

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