1. Buch. Reiseunterbrechung

Kapitel 1 Passagier nach Frankfurt

I

«Bitte anschnallen.» Die Passagiere im Flugzeug leisteten nur zögernd Folge. Es herrschte allgemein der Eindruck, dass sie unmöglich schon in Genf ankommen könnten. Die Schläfrigen stöhnten und gähnten. Die noch Benommeneren mussten sanft von einer gebieterischen Stewardess geweckt werden. «Ihre Sitzgurte, bitte.» Die trockene Stimme kam herrisch über den Lautsprecher. Sie erklärte auf Deutsch, Französisch und Englisch, dass eine kurze Schlechtwetterstrecke durchzustehen sei. Sir Stafford Nye öffnete den Mund so weit wie möglich, gähnte und setzte sich aufrecht in seinen Sitz. Er hatte gerade selig vom Angeln in einem englischen Fluss geträumt. Ein Mann von 45 Jahren, mittelgroß, mit ebenmäßigem olivenfarbenen, glattrasierten Gesicht. Seine Kleidung tendierte eher zum Bizarren. Als Mann aus bester Familie kultivierte er ganz souverän solche Launen in seiner Bekleidung. Wenn dies seine konventioneller gekleideten Kollegen gelegentlich zusammenzucken ließ, so war das nur ein Quell boshafter Belustigung für ihn. Er hatte etwas von einem Dandy aus dem 18. Jahrhundert. Er genoss es aufzufallen.

Seine bevorzugte Reisekleidung war eine Art Räuberumhang, den er einmal auf Korsika gekauft hatte. Er war von einem besonders dunklen Lila-Blau, hatte ein scharlachrotes Futter und besaß eine burnusartige Kapuze, die er nach Belieben über den Kopf ziehen konnte, um sich vor Zugluft zu schützen.

In diplomatischen Kreisen galt Sir Stafford Nye als Enttäuschung. Von Jugend an aufgrund seiner Begabungen für Großes bestimmt, hatte er, was die Erfüllung der Erwartungen betraf, eklatant versagt. Ein eigenwilliger Sinn für schwarzen Humor pflegte ihn ausgerechnet in den entscheidenden ernsten Momenten zu überfallen. Im Zweifelsfall zog er es vor, seinem seltsamen Humor zu frönen statt sich zu langweilen. Er war eine bekannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, ohne sich jemals irgendwie hervorgetan zu haben. Man war der Ansicht, dass Stafford Nye, wenn auch äußerst brillant, ein eher unzuverlässiger Mensch sei und auch bleiben würde. In diesen Zeiten verworrener Politik und verworrener internationaler Beziehungen war Sicherheit der Brillanz vorzuziehen, besonders wenn man den Botschafterrang anstrebte. Sir Stafford wurde aufs Abstellgleis geschoben, war jedoch gelegentlich mit Missionen betraut, die der Kunst der Intrige bedurften, allerdings nicht allzu wichtig oder allzu öffentlicher Natur waren. Journalisten bezeichneten ihn zuweilen als die unbekannte Größe der Diplomatie.

Ob Sir Stafford selbst unzufrieden mit seiner Karriere war, wusste niemand. Vielleicht nicht einmal Sir Stafford selbst. Er war ein Mann mit gewissen Eitelkeiten, aber auch jemand, der es sehr genoss, seinem Hang zum Unfug nachzugeben.

Er kehrte gerade von einer Untersuchungskommission in Malaysia zurück. Er hatte sie als ausgesprochen uninteressant empfunden. Seine Kollegen hatten seiner Meinung nach bereits im Voraus beschlossen, wie ihre Untersuchungsergebnisse aussehen sollten. Sie beobachteten und lauschten, ihre vorgefassten Ansichten wurden davon jedoch in keiner Weise berührt. Sir Stafford hatte versucht, einigen Sand ins Getriebe zu werfen, mehr nur so zum Spaß als aus ausgesprochener Überzeugung. Zumindest hatte es die Situation etwas belebt, dachte er. Er wünschte sich mehr Gelegenheit zu solchen Aktivitäten. Seine Kollegen in der Kommission waren solide, zuverlässige Burschen – und bemerkenswert langweilig. Sogar das einzige weibliche Mitglied, die allseits bekannte Mrs. Nathaniel Everidge, sonst wohlbekannt für ihre Spleens, war keine Närrin, wenn es um eindeutige Fakten ging. Sie schaute, sie lauschte – und ging auf Nummer sicher. Er hatte sie früher schon einmal getroffen, anlässlich einer Tagung wegen eines Problems in einer der Balkanhauptstädte. Dort hatte sich Sir Stafford nicht enthalten können, einige interessante Vorschläge zu unterbreiten. In der skandalverliebten Zeitschrift Inside News wurde angedeutet, dass die Anwesenheit von Sir Staffort Nye in jener Balkan-Kapitale innig mit den dortigen Problemen verwoben und seine Mission von geheimer Art und höchst delikat sei. Eine Art Freund hatte Sir Stafford ein Exemplar zugesandt, die betreffenden Passagen waren markiert. Sir Stafford war nicht abgeschreckt. Er las es mit einem freudigen Grinsen. Es amüsierte ihn sehr, wie lächerlich weit die Journalisten in diesem Fall von der Wahrheit entfernt waren. Seine Anwesenheit in Sofiagrad war einzig dem unschuldigen Interesse an seltenen Wildblumen und der dringlichen Einladung seiner betagten Freundin Lady Lucy Cleghorn zuzuschreiben, die ständig auf der Suche nach diesen scheuen Blumen-Raritäten war. Sie schien jederzeit bereit, beim Anblick irgendeines Blümchens, bei dem die Länge des lateinischen Namens im umgekehrten Verhältnis zu seiner Größe stand, eine Felsklippe zu erklimmen oder mit Freuden in eine Moorpfütze zu springen. Eine kleine Gruppe von Enthusiasten hatte diese botanische Exkursion etwa zehn Tage lang an den Berghängen unternommen, da ging es Sir Stafford auf, dass der Abschnitt in der Zeitschrift nicht der Wahrheit entsprach. Er war der Wildblumen ein wenig – wirklich nur ein wenig – überdrüssig. Und so sehr er Lucy auch zugetan war, ihre Fähigkeit trotz ihrer über 60 Lenze die Berge in Höchstgeschwindigkeit zu erklimmen und ihn mit Leichtigkeit zu überholen, ärgerte ihn zuweilen. Immerzu schwebte ihr königsblauer Hosenboden direkt vor seiner Nase. Und auch wenn an anderen Stellen hinreichend knochig, war sie, Gott seis geklagt, zu ausladend in den Hüften, um königsblaue Cordhosen zu tragen. Dann doch besser eine nette kleine internationale Affäre, in der er die Hand im Spiel haben könnte…

Im Flugzeug erklang wieder die metallische Lautsprecherstimme. Sie verkündete den Passagieren, dass die Maschine wegen dichten Nebels in Genf nach Frankfurt umgeleitet und von dort nach London weiterfliegen würde. Passagiere nach Genf würden sobald wie möglich von Frankfurt zurückgeflogen werden. Sir Stafford Nye war das gleichgültig. Wenn in London Nebel wäre, würden sie die Maschine vermutlich nach Prestwick umleiten. Er hoffte, das würde nicht geschehen. Er war bereits zu oft in Prestwick gewesen. Das Leben an sich, dachte er, und Flugreisen im Besonderen, waren wirklich übertrieben langweilig. Wenn nur – er wusste selbst nicht was – wenn nur – was?

II

In der Transitlounge in Frankfurt war es warm, also warf Sir Stafford seinen Umhang zurück, das scharlachrote Futter dramatisch um die Schultern drapiert. Er trank ein Glas Bier und lauschte mit halbem Ohr den verschiedensten Durchsagen. «Flug 4387 nach Moskau. Flug 2381 nach Ägypten und Kalkutta.»

Reisen über den ganzen Erdball. Wie romantisch das hätte sein können. Aber die Atmosphäre einer Passagierlounge auf dem Flughafen hatte rein gar nichts Romantisches. Es gab zu viel zu kaufen, zu viele eintönige Sitzgelegenheiten, zu viel Plastik, zu viele Menschen, zu viele schreiende Kinder. Er versuchte, sich zu erinnern, wer gesagt hatte:

Ich wünschte, ich liebte die Menschheit;

ich wünschte, ich liebte ihr einfältig Gesicht.

Vielleicht Chesterton? Es war auf jeden Fall richtig. Man musste nur genügend Leute zusammenbringen, dann sahen alle so peinlich gleichförmig aus, dass es kaum auszuhalten war. Nur ein interessantes Gesicht jetzt, dachte Sir Stafford, was für einen Unterschied das schon machen würde. Er sah verächtlich nach zwei jungen Frauen, erstklassig gekleidet, in die übliche Uniform ihres Landes, immer kürzere und kürzere Miniröcke – England, vermutete er –, und nach einer weiteren jungen Frau, noch besser gekleidet – wirklich sehr gut aussehend –, die etwas, das man wohl als Hosenanzug bezeichnete, trug. Sie war auf dem Laufsteg der Mode schon ein wenig weiter vorangekommen. Er interessierte sich nicht besonders für gut aussehende junge Frauen, die wie alle anderen gut aussehenden jungen Frauen aussahen. Er hätte lieber eine, die anders aussah. Eine Frau setzte sich neben ihn auf das Kunstledersofa. Ihr Gesicht weckte sofort seine Aufmerksamkeit. Nicht nur, weil es anders war, er glaubte fast, sie zu kennen, es war ein ihm bekanntes Gesicht. Er hatte sie schon einmal gesehen. Er konnte sich nicht erinnern, wo oder wann, sie war ihm aber auf jeden Fall bekannt. Er schätzte ihr Alter auf vielleicht fünf- oder sechsundzwanzig. Eine feine, schmale Adlernase, eine dichte schwarze Haarmähne, die bis auf die Schulter fiel. Sie hielt eine Zeitschrift vor sich, schenkte ihr aber keine Aufmerksamkeit. Stattdessen sah sie ihn an, mit fast gespannter Aufmerksamkeit. Plötzlich sprach sie ihn an. Sie hatte eine tiefe Altstimme, fast wie ein Mann, und einen leichten ausländischen Akzent.

«Darf ich Sie ansprechen?», fragte sie.

Er sah sie einen Augenblick eindringlich an, bevor er antwortete. Nein – nicht was man hätte glauben können –, das war kein Annäherungsversuch. Das war etwas anderes.

«Ich sehe keinen Grund», sagte er, «warum Sie das nicht tun sollten. Wie es scheint, haben wir viel Zeit totzuschlagen.»

«Nebel», sagte die Frau, «Nebel in Genf, vielleicht Nebel in London. Nebel überall. Ich weiß nicht, was ich tun soll.»

«Machen Sie sich keine Gedanken», sagte er beruhigend, «irgendwo werden sie schon landen. Die sind ganz tüchtig, bestimmt. Wohin reisen Sie denn?»

«Ich war nach Genf unterwegs.»

«Nun, irgendwie werden Sie dort schon ankommen.»

«Ich muss jetzt dorthin. Wenn ich nach Genf komme, ist alles in Ordnung. Dort ist jemand, der mich abholt. Da werde ich sicher sein.»

«Sicher?» Er lächelte.

«Sicher ist ein Schlagwort, aber nicht die Art Schlagwort, an dem die Menschen heutzutage interessiert sind. Und doch kann es eine Menge bedeuten. Es bedeutet sehr viel für mich.» Dann sagte sie: «Sehen Sie, wenn ich nicht nach Genf gelangen kann, muss ich entweder das Flugzeug hier verlassen oder in dieser Maschine nach London Weiterreisen, ohne dass Vorkehrungen getroffen sind, und dann werde ich ermordet.» Sie sah ihn scharf an. «Ich nehme an, Sie glauben mir nicht.»

«Ich fürchte, nein.»

«Es ist aber wahr. Menschen können ermordet werden. Sie werden es, jeden Tag.»

«Wer will Sie ermorden?»

«Ist das wichtig?»

«Nicht für mich.»

«Sie können mir glauben, wenn Sie nur wollen. Ich sage die Wahrheit. Ich brauche Hilfe. Hilfe, um sicher nach London zu gelangen.»

«Und warum wollen Sie mich dafür aussuchen?»

«Weil ich glaube, dass Sie etwas über den Tod wissen. Sie haben Tod erfahren, vielleicht einen Tod gesehen.»

Er sah sie scharf an und dann wieder weg.

«Irgendwelche anderen Gründe?»

«Ja. Das hier.» Sie streckte ihre schmale olivenfarbene Hand aus und berührte die Falten des voluminösen Umhangs. «Das hier.»

Sein Interesse war zum ersten Mal geweckt.

«Was meinen Sie damit?»

«Er ist ungewöhnlich – etwas Besonderes. Nicht das, was jeder trägt.»

«Das ist wohl wahr. Meinen Sie, es zeugt von meiner Manieriertheit?»

«Eine Manieriertheit, die mir vielleicht nützlich sein könnte.»

«Was meinen Sie damit?»

«Ich möchte Sie um etwas bitten. Sie werden vielleicht ablehnen, aber vielleicht auch nicht, weil ich denke, dass Sie ein risikofreudiger Mann sind. So wie ich eine risikofreudige Frau bin.»

«Ich werde mir Ihren Plan anhören», sagte er mit dem Anflug eines Lächelns.

«Ich möchte Ihren Umhang tragen. Ich möchte Ihren Pass haben. Ich möchte Ihre Bordkarte für die Maschine. Gleich, in etwa zwanzig Minuten oder so, wird der Flug nach London aufgerufen. Ich werde Ihren Pass haben und Ihren Umhang tragen. Und damit werde ich nach London reisen und so sicher ankommen.»

«Sie meinen, Sie wollen sich für mich ausgeben? Mein liebes Mädchen!»

Sie öffnete ihre Handtasche und entnahm ihr einen kleinen viereckigen Spiegel.

«Schauen Sie mal», sagte sie. «Schauen Sie mich an und dann sehen Sie Ihr eigenes Gesicht an.»

Jetzt sah er es, sah, was in Gedanken vage an ihm genagt hatte. Seine Schwester Pamela, die vor etwas zwanzig Jahren gestorben war. Sie waren sich immer sehr ähnlich gewesen, er und Pamela. Eine starke Familienähnlichkeit. Sie hatte ein leicht maskulines Gesicht gehabt. Sein Gesicht hatte, besonders in der Jugend, eher weibliche Züge. Sie hatten beide eine Nase mit hohem Rücken, schräge Augenbrauen, Lippen, die zu einem leicht seitlichen Lächeln verzogen waren. Pamela war groß gewachsen, etwa 1,75 Meter, er ungefähr 1,80 Meter. Er betrachtete die Frau, die ihm den Spiegel gereicht hatte.

«Es besteht eine gewisse Ähnlichkeit im Gesicht, das meinen Sie doch, nicht wahr? Aber, mein liebes Mädchen, keine, der mich oder Sie kennt, würde sich davon täuschen lassen.»

«Natürlich nicht. Verstehen Sie nicht? Das ist nicht notwendig. Ich trage Hosen auf der Reise. Sie sind mit der Kapuze über dem Kopf gereist. Ich muss nur meine Haare abschneiden, sie in Zeitungspapier wickeln und in einen der Papierkörbe hier werfen. Dann ziehe ich Ihren Burnus über, ich habe Ihre Bordkarte, Ihr Ticket und Ihren Pass. Es sei denn, jemand ist an Bord, der Sie gut kennt – und ich nehme an, das ist nicht der Fall, sonst hätten Sie miteinander gesprochen. Also kann ich sicher als Sie verreisen: Ich zeige Ihren Pass vor, wenn nötig, und ziehe mir die Kapuze über den Kopf, sodass nur Nase und Augen zu sehen sind. Ich kann einfach aussteigen, wenn das Flugzeug seinen Bestimmungsort erreicht hat, und niemand wird wissen, dass ich an Bord war. Ich gehe davon und verschwinde in der Londoner City in der Menge.»

«Und was mache ich?», fragte Sir Stafford mit dem Anflug eines Lächelns.

«Ich habe einen Vorschlag, wenn Sie bereit sind, ihn anzunehmen.»

«Heraus damit», sagte er, «ich höre Vorschläge immer gern.»

«Sie stehen auf und gehen weg, kaufen eine Zeitung oder ein Magazin oder ein Geschenk am Geschenktresen. Sie lassen Ihren Umhang einfach hier auf dem Sitz liegen. Wenn Sie mit dem, was Sie gekauft haben, zurückkommen, setzen sie sich woanders hin – vielleicht ans Ende der Bank dort auf der anderen Seite. Vor Ihnen wird ein Glas stehen, immer noch dieses Glas hier. Darin befindet sich etwas, das Sie einschläfern wird. Schlafen Sie in einer ruhigen Ecke.»

«Und was passiert dann?»

«Sie sind dann vermutlich das Opfer eines Raubüberfalls geworden», sagte sie. «Irgendjemand hat Ihnen ein paar K.-o.-Tropfen in den Drink getan und Ihre Brieftasche gestohlen. Etwas in der Art. Sie klären Ihre Identität, sagen, dass Ihr Pass und Ihre Sachen gestohlen wurden. Sie können mit Leichtigkeit Ihre Identität beweisen.»

«Sie wissen, wer ich bin? Ich meine, Sie kennen meinen Namen?»

«Noch nicht», sagte sie. «Ich habe ja Ihren Pass noch nicht gesehen. Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind.»

«Und trotzdem behaupten Sie, ich könne meine Identität leicht beweisen.»

«Ich besitze gute Menschenkenntnis. Ich weiß, wer wichtig ist und wer nicht. Sie sind eine bedeutende Persönlichkeit.»

«Und warum sollte ich all das tun?»

«Vielleicht retten Sie damit einem Menschen das Leben.»

«Ist das nicht eine sehr unglaubwürdige Geschichte?»

«Oh ja. Sehr unglaubwürdig. Glauben Sie mir?»

Er sah sie nachdenklich an. «Wissen Sie, wie Sie klingen? Wie eine schöne Spionin in einem Kriminalroman.»

«Ja, vielleicht. Aber ich bin nicht schön.»

«Und Sie sind keine Spionin?»

«Man könnte mich vielleicht so nennen. Ich besitze bestimmte Informationen. Informationen, die ich für mich behalten möchte. Sie müssen mich ernst nehmen, es sind Informationen, die wichtig für Ihr Land sein könnten.»

«Finden Sie nicht, dass Sie sich ziemlich absurd anhören?»

«Doch. Schriftlich würde es absurd scheinen. Aber es gibt so viele absurde Dinge, die wahr sind, oder?»

Er sah sie erneut an. Sie war Pamela sehr ähnlich. Ihre Stimme, wenn auch mit fremder Intonation, klang wie Pamelas Stimme. Was sie vorschlug, war lächerlich, absurd, völlig unmöglich und vielleicht sogar gefährlich. Gefährlich für ihn. Eine Frechheit, ihm so etwas vorzuschlagen! Was würde dabei herauskommen? Es wäre wirklich interessant, das herauszufinden.

«Was habe ich davon?», fragte er. «Das würde ich gerne wissen.»

Sie sah ihn prüfend an. «Zerstreuung», sagte sie. «Etwas jenseits des täglichen Einerleis? Ein Gegenmittel gegen die Langeweile vielleicht? Wir haben nicht viel Zeit. Es liegt ganz bei Ihnen.»

«Und was geschieht mit Ihrem Pass? Muss ich mir am Tresen eine Perücke kaufen, wenn es hier so etwas zu kaufen gibt? Muss ich mich als Frau ausgeben?»

«Nein. Es geht nicht darum, die Rollen zu tauschen. Sie sind ausgeraubt und betäubt worden, aber Sie bleiben Sie selbst. Entscheiden Sie sich. Die Zeit wird knapp. Ich muss schließlich noch meine Verwandlung vollziehen.»

«Sie haben gewonnen», sagte er. «Man soll das Außergewöhnliche nicht ablehnen, wenn es einem angeboten wird.»

«Ich habe gehofft, das Sie es so nehmen würden, aber es war ungewiss.»

Stafford Nye zog seinen Pass aus der Tasche. Er steckte ihn in die Außentasche des Umhangs, den er getragen hatte. Er stand auf, gähnte, sah sich um und spazierte zum Tresen, wo verschiedene Waren zum Verkauf angeboten wurden. Er blickte nicht einmal zurück. Er kaufte ein Taschenbuch und befühlte ein paar kleine Stofftiere, passende Geschenke für ein kleines Kind. Schließlich suchte er sich einen Pandabären aus. Er sah sich in der Lounge um und kehrte an seinen alten Platz zurück. Die junge Frau war mit dem Umhang verschwunden. Ein halbes Glas Bier stand noch auf dem Tisch. Hier, dachte er, gehe ich nun ein echtes Risiko ein. Er nahm das Glas, ging etwas zur Seite und trank es aus. Nicht schnell. Ganz langsam. Es schmeckte genauso wie vorher.

Dann ging er quer durch die Lounge in eine weit entfernte Ecke. Dort saß eine etwas laute Familie, alle lachten und redeten wild durcheinander. Er ließ sich in ihrer Nähe nieder, gähnte und ließ seinen Kopf auf das Kissen zurückfallen. Ein Flug nach Teheran wurde aufgerufen. Eine große Anzahl von Passagieren erhob sich und stellte sich in die Schlange an dem Flugsteig mit der aufgerufenen Nummer. Die Lounge blieb immer noch halb voll. Er öffnete sein Buch und gähnte erneut. Er war jetzt wirklich müde, sehr müde… Er musste jetzt überlegen, wohin er am besten gehen könnte, um zu schlafen. Irgendwo, wo er bleiben konnte…

Trans European Airways kündigten den Abflug ihrer Maschine Flug 309 nach London an.

III

Eine ganze Reihe von Passagieren erhob sich, um dem Aufruf zu folgen. Um diese Zeit waren noch mehr Passagiere in die Transitlounge gekommen. Sie warteten auf andere Maschinen. Ankündigungen wegen des Nebels in Genf und anderer Reisebehinderungen folgten. Ein schlanker Mann von mittlerer Größe ging durch die Halle, um seinen Platz in der Warteschlange für die Maschine einzunehmen. Er trug einen dunkelblauen Umhang, dessen rotes Futter zu sehen war. Die Kapuze war über das kurz geschorene Haupt gezogen. Seine Frisur war nicht viel fransiger als die vieler junger Leute heutzutage. Er zeigte seine Bordkarte und verschwand durch das Tor Nummer neun.

Weitere Bekanntgaben folgten. Swissair mit Flug nach Zürich. BEA nach Athen und Zypern – und dann eine andere Art von Durchsage.

«Miss Daphne Theodofanous, Passagier nach Genf, bitte zum Abflugschalter kommen. Die Maschine nach Genf ist wegen Nebels verspätet. Die Passagiere werden über Athen umgeleitet. Die Maschine ist jetzt zum Abflug bereit.»

Andere Durchsagen folgten, für Passagiere nach Japan, Ägypten und Südafrika, Flüge in alle Welt. Mr. Sidney Cook, Passagier nach Afrika, wurde dringend gebeten, zum Schalter zu kommen, wo ihn eine Mitteilung erwartete. Daphne Theodofanous wurde erneut aufgerufen.

«Dies ist der letzte Aufruf für Flug 309.»

In einer Ecke der Lounge sah ein kleines Mädchen einen Mann im dunklen Anzug an, der fest eingeschlafen war, seinen Kopf an das Kissen des roten Sessels gelehnt. In der Hand hielt er einen kleinen flauschigen Pandabären. Das kleine Mädchen streckte die Hand nach dem Pandabären aus. Seine Mutter sagte:

«Nein, Joan, fass das nicht an. Der arme Herr ist eingeschlafen.»

«Wo fährt er denn hin?»

«Vielleicht fliegt er auch nach Australien», sagte die Mutter. «Wie wir.»

«Hat er auch so eine kleine Tochter wie mich?»

«Anscheinend», sagte die Mutter.

Das kleine Mädchen seufzte und guckte wieder sehnsüchtig auf den Panda. Sir Stafford Nye schlief weiter. Er träumte gerade, er versuche einen Leoparden zu schießen. «Ein sehr gefährliches Tier», sagte er zu dem Safariwächter, der ihn begleitete. «Ein sehr gefährliches Tier, habe ich immer gehört. Einem Leoparden kann man niemals trauen.»

In diesem Augenblick änderte sich der Traum, wie Träume das so an sich haben, und er trank Tee mit seiner Großtante Matilda und versuchte, sie zum Zuhören zu bringen! Sie war schwerhöriger als je zuvor. Er hatte keine der Durchsagen wahrgenommen, außer der ersten für Miss Daphne Theodofanous. Die Mutter des kleinen Mädchens sagte:

«Ich habe mich immer gefragt, was wohl mit den Passagieren los ist, die nicht erscheinen. Fast jedes Mal, wann immer und wo immer man auch hinfliegt, hört man diese Durchsagen. Es gibt immer irgendjemand, den sie nicht finden. Jemand, der den Aufruf nicht gehört hat oder nicht in der Maschine ist oder irgend so was. Ich frage mich immer, wer das ist und was sie gerade tun oder warum sie nicht gekommen sind. Ich nehme an, dass Miss Soundso oder wer auch immer einfach ihren Flug verpasst hat. Was werden sie dann mit ihr machen?»

Niemand konnte ihre Frage beantworten, weil niemand etwas darüber wusste.

Kapitel 2 London

Sir Stafford Nye besaß eine sehr hübsche Wohnung mit Aussicht auf den Green Park. Er stellte die Kaffeemaschine an und schaute nach, ob er am Morgen Post bekommen hatte. Offensichtlich gab es nichts wirklich Aufregendes. Er sah die Briefe durch, ein oder zwei Rechnungen, eine Quittung, Briefe mit ziemlich uninteressanten Poststempeln. Er schob sie zusammen und legte sie auf den Tisch, wo bereits Post lag, die sich während der letzten beiden Tage angesammelt hatte. Er musste sich wohl bald einmal daransetzen. Seine Sekretärin würde irgendwann im Laufe des Nachmittags hereinkommen.

Er ging zurück in die Küche, goss Kaffee in eine Tasse und nahm sie mit zum Tisch. Er griff die zwei oder drei Briefe, die er noch nach seiner Ankunft am späten Abend geöffnet hatte. Einen nahm er zur Hand und lächelte ein wenig, als er ihn las. «Elf Uhr dreißig, eine passende Zeit. Aber ich glaube, ich überdenke die Sache besser noch einmal und bereite mich auf Chetwynd vor.»

Jemand schob etwas in den Briefkasten. Er ging in die Halle und holte die Morgenzeitung. Es gab wenig Neues in der Zeitung. Eine politische Krise, eine Nachrichtengeschichte aus Übersee, die beunruhigend sein könnte, aber das glaubte er nicht. Es war wohl nur ein Journalist, der Dampf ablassen wollte und versuchte, die Dinge wichtiger erscheinen zu lassen, als sie waren. Man muss den Leuten Lesestoff bieten. Ein Mädchen war im Park erwürgt worden. Es wurden immerzu Mädchen erwürgt. Eines pro Tag, dachte er gefühllos. Kein Kind war entführt oder vergewaltigt worden an diesem Morgen. Das war eine angenehme Überraschung. Er machte sich einen Toast und trank seinen Kaffee.

Später verließ er das Gebäude, ging auf die Straße und durch den Park in Richtung Whitehall. Er lächelte in sich hinein. Das Leben, fand er, war an diesem Morgen ziemlich angenehm. Er begann an Chetwynd zu denken. Wenn es einen albernen Narren gab, dann war das Chetwynd. Tolle Fassade, scheinbar wichtig, und ein wunderbar misstrauischer Verstand. Er würde es genießen, sich mit Chetwynd zu unterhalten.

Er erreichte Whitehall mit einer passablen Verspätung von sieben Minuten. Das musste sein, da er bedeutender war als Chetwynd, dachte er. Er betrat den Raum, Chetwynd saß hinter seinem Schreibtisch, auf dem eine Menge Papiere lagen. Eine Sekretärin saß davor. Er sah entsprechend wichtig aus, wie immer, wenn er etwas erreicht hatte.

«Hallo, Nye», sagte Chetwynd und strahlte über sein ganzes eindrucksvoll gut aussehendes Gesicht. «Bist du froh, wieder hier zu sein? Wie war es in Malaysia?»

«Heiß», antwortete Stafford Nye.

«Ja, nun, ich denke, es ist immer heiß dort. Ich nehme an, du meinst das Wetter und nicht die Politik, oder?»

«Oh, nur das Wetter», erwiderte Stafford Nye.

Er nahm dankend eine Zigarette und setzte sich.

«Gab es irgendwelche relevanten Ergebnisse?»

«Oh, wohl kaum. Nichts was man Ergebnisse nennen könnte. Ich habe meinen Bericht eingereicht. Alles viel Gewäsch wie üblich. Wie geht’s Lazenby?»

«Ach, er ist eine Landplage, wie immer. Er ändert sich nie», sagte Chetwynd.

«Nein, das wäre wohl zu viel der Hoffnung. Ich habe bisher noch nie mit Bascombe gearbeitet. Er kann ganz lustig sein, wenn er will.»

«Wirklich? Ich kenne ihn nicht besonders gut. Ja, ich nehme an, er kann lustig sein.»

« Sonst gibt es nichts Neues, oder?»

«Nein, nichts was dich interessieren könnte.»

«Du hast in deinem Brief nicht genau erwähnt, warum du mich sehen wolltest.»

«Ach, ich will nur ein paar Sachen mit dir durchgehen, das ist alles. Weißt du, falls du irgendwas Besonderes mitgebracht haben solltest. Etwas, worauf wir vorbereitet sein sollten, weißt du. Fragen im Unterhaus oder irgend so was.»

«Ja, natürlich.»

«Du bist zurückgeflogen, nicht? Hattest ein paar Probleme, wie ich höre.»

Stafford Nye setzte genau das Gesicht auf, das er sich vorgenommen hatte aufzusetzen. Es war ein bisschen schuldbewusst, mit einem schwachen Anflug von Ärger.

«Oh, du hast also davon gehört», sagte er. «Eine alberne Geschichte.»

«Ja. Das war es wohl.»

«Erstaunlich», sagte Stafford Nye, «wie die Dinge immer an die Presse geraten. Es gab eine Notiz in den ‹Letzten Meldungen› heute Morgen.»

«Das hat dir wohl nicht sonderlich gefallen, oder?»

«Na, das stellt mich doch wohl als ziemlichen Esel hin, oder? Das muss ich ja zugeben. Und das in meinem Alter.»

«Was genau ist denn passiert? Ich habe mich gefragt, ob der Zeitungsbericht vielleicht übertrieben hat.»

«Na ja, sie haben wohl herausgeholt, so viel sie konnten, das ist alles. Du weißt, wie diese Reisen sind. Sterbenslangweilig. In Genf war Nebel, also mussten sie die Maschine umleiten. Dann hatten wir zwei Stunden Aufenthalt in Frankfurt.»

«Und da ist es passiert?»

«Ja. Man langweilt sich ja zu Tode auf diesen Flughäfen. Flugzeuge kommen, Flugzeuge gehen. Der Lautsprecher immer auf vollen Touren. Flug 302 nach Hongkong, Flug 109 nach Irland. Und so weiter. Leute erheben sich von ihren Plätzen und gehen fort. Und du sitzt nur da und gähnst.»

«Was genau ist denn passiert?», fragte Chetwynd.

«Nun, ich hatte einen Drink vor mir stehen, ein Pils, um genau zu sein, und dann wollte ich mir neuen Lesestoff besorgen. Ich hatte alles, was ich dabeihatte, schon gelesen. Also ging ich zum Tresen und kaufte irgendein albernes Taschenbuch. Ich glaube, es war ein Krimi. Und ich kaufte ein Kuscheltier für eine meiner Nichten. Dann ging ich zurück, leerte meinen Drink, schlug das Buch auf und schlief ein.»

«Ich verstehe. Du bist also einfach eingeschlafen.»

«Das ist nicht ungewöhnlich, oder? Ich glaube, mein Flug wurde aufgerufen, aber wenn, dann habe ich es nicht gehört. Offensichtlich habe ich es aus gutem Grund nicht gehört. Normalerweise kann ich jederzeit auf einem Flughafen einschlafen und trotzdem einen Aufruf, der mich betrifft, hören. Doch diesmal war es anders. Als ich aufwachte beziehungsweise wieder zu mir kam, wie immer du es auch nennen magst, hatte man mir schon einige medizinische Aufmerksamkeit gewidmet. Offenbar hatte mir jemand K.-o.-Tropfen oder irgend so was in den Drink getan. Das muss geschehen sein, als ich weg war, um das Buch zu kaufen.»

«Schon etwas außergewöhnlich, oder?», sagte Chetwynd.

«Jedenfalls ist mir so etwas noch nie passiert», antwortete Stafford Nye, «und ich hoffe, es wird auch nie wieder geschehen. Man fühlt sich als völliger Idiot. Und hat obendrein einen Kater. Irgendwann kamen dann ein Arzt und eine Krankenschwester. Zumindest ist kein großer Schaden entstanden. Meine Brieftasche mit etwas Geld wurde gestohlen und mein Pass. Das war natürlich unangenehm. Glücklicherweise hatte ich nicht viel Geld dabei. Meine Reiseschecks waren in einer Innentasche. Es gibt natürlich immer bürokratische Probleme, wenn man seinen Pass verliert. Ich hatte zum Glück Briefe und andere Dinge dabei, also war es nicht schwierig, meine Identität zu beweisen. Irgendwann war alles geklärt und ich konnte meinen Flug fortsetzen.»

«Trotzdem sehr ärgerlich für dich», sagte Chetwynd. «Für jemanden in deiner Position, meine ich.» Sein Ton war tadelnd.

«Ja», sagte Stafford Nye, «es stellt mich nicht in einem besonders gute Licht dar, oder? Ich meine, nicht so clever, wie man es von einem Mann meines äh – Standes – erwarten sollte.» Diese Vorstellung schien ihn zu belustigen.

«Kommt so was oft vor? Hast du darüber etwas herausgefunden?»

«Ich glaube nicht, dass das häufig vorkommt. Vielleicht aber doch. Ich glaube, jeder mit einem Hang zum Taschendiebstahl könnte einen schlafenden Mann entdecken und seine Finger in dessen Tasche stecken. Und wenn er ganz gut ist in seinem Gewerbe ist, könnte er dabei eine Brieftasche, Geldbörse oder Ähnliches erwischen und auf etwas Glück hoffen.»

«Ziemlich unangenehm, seinen Pass zu verlieren.»

«Ja, ich muss jetzt einen neuen beantragen. Muss wohl eine Menge Erklärungen abgeben. Wie gesagt, die ganze Sache ist verdammt albern. Und, ehrlich gesagt, Chetwynd, es zeigt mich nicht gerade von meiner besten Seite, oder?»

«Das ist nicht deine Schuld, Junge. Das könnte doch jedem passieren.»

«Nett von dir, das zu sagen», erwiderte Stafford Nye und lächelte ihn freundlich an. «Es wird mir eine Lehre sein, nicht wahr?»

«Du glaubst doch nicht, dass irgendjemand unbedingt deinen Pass haben wollte?»

«Ich glaube nicht», antwortete Stafford Nye, «warum sollte jemand meinen Pass wollen? Es sei denn, es war jemand, der mich ärgern wollte, und das ist kaum anzunehmen. Oder jemand, dem mein Passfoto gefallen hat – und das ist noch unwahrscheinlicher!»

«Hast du irgendjemand gesehen, den du kennst, in – wo warst du noch mal? – Frankfurt?»

«Nein, niemanden.»

«Hast du mit irgendjemand gesprochen?»

«Nichts Besonderes. Ich sagte irgendwas zu einer netten dicken Dame mit einem kleinen Kind, um es bei Laune zu halten. Kam aus Wigan, glaube ich, und wollte nach Australien. Ich kann mich an niemanden sonst erinnern.»

«Bist du sicher?»

«Da war irgend so eine Frau, die wissen wollte, was sie tun müsse, wenn sie in Ägypten Archäologie studieren wolle. Ich sagte ihr, ich wisse gar nichts darüber und sie solle am besten beim Britischen Museum anfragen. Und ich wechselte ein paar Worte mit einem Mann, der, glaube ich, gegen Vivisektion war. Er war ziemlich leidenschaftlich dagegen.»

«Ich habe immer das Gefühl», sagte Chetwynd, «dass mehr hinter solchen Dingen steckt.»

«Was für Dinge?»

«Na, solche, wie sie dir passiert sind.»

«Ich kann mir nicht vorstellen, was dahinterstecken sollte», sagte Stafford Nye. «Ich kann mir nur vorstellen, dass irgendwelche Journalisten daraus eine Story machen könnten. Die sind so gerissen in solchen Dingen. Trotzdem, es ist eine blöde Geschichte. Lass sie uns einfach vergessen. Ich nehme an, alle meine Freunde werden mich ausfragen, jetzt, da es in der Presse erschienen ist. – Wie geht’s denn dem alten Leyland? Was treibt er so? Ich habe ein paar Geschichten über ihn gehört dort draußen. Leyland redet immer ein bisschen zu viel.»

Die beiden Männer unterhielten sich noch freundschaftlich für etwa zehn Minuten, dann stand Sir Stafford auf und ging.

«Ich habe heute Morgen noch eine Menge zu tun», sagte er. «Geschenke kaufen für meine Verwandtschaft. Das Problem ist, wenn man nach Malaysia fährt, erwartet die ganze Verwandtschaft exotische Geschenke. Ich glaube, ich gehe mal zu Liberty. Dort haben sie eine ganz gute Auswahl an fernöstlicher Ware.»

Er zog fröhlich von dannen und nickte draußen auf dem Korridor einigen Männern zu, die er kannte. Nachdem er gegangen war, wies Chetwynd per Telefon seine Sekretärin an: «Fragen Sie Colonel Munro, ob er zu mir kommen kann.»

Colonel Munro trat ein, mit einem weiteren groß gewachsenen Mann mittleren Alters.

«Ich weiß nicht, ob Sie Horsham kennen», sagte er. «Aus der Sicherheitsabteilung.»

«Ich glaube, ich habe Sie bereits kennengelernt», antwortete Chetwynd.

«Nye ist gerade gegangen, oder?», fragte Colonel Munro. «Ist was dran an der Geschichte über Frankfurt? Irgendwas, meine ich, dem wir unsere Aufmerksamkeit schenken sollten?»

«Scheint nicht so», erwiderte Chetwynd, «er war ein bisschen verlegen deswegen. Er denkt, es lasse ihn als ziemlichen Esel erscheinen. Tut es natürlich auch.»

Horsham nickte. «Er empfindet das so, ja?»

Chetwynd zog die Schultern hoch. «Solche Dinge passieren eben», sagte er.

«Ich weiß», antwortete Colonel Munro, «ja, ja, ich weiß. Trotzdem, irgendwie habe ich bei Nye immer das Gefühl, er sei ein wenig unberechenbar. Dass er in mancher Hinsicht, nun, nicht sehr gefestigt ist in seinen Ansichten.»

Horshman erwiderte: «Es spricht nichts gegen ihn, rein gar nichts, soweit uns bekannt ist.»

«Oh, ich meine nicht, dass da irgendetwas nicht stimmt», sagte Chetwynd. «Es ist nur – wie soll ich sagen –, er nimmt die Dinge nicht so richtig ernst.»

Mr. Horsham trug einen Schnurrbart. Er fand es praktisch, einen Schnurrbart zu tragen. So sah niemand, wenn er ein Lächeln kaum unterdrücken konnte.

«Er ist kein dummer Kerl», sagte Munro. «Sie glauben doch nicht, dass – nun, ich meine, dass es hier irgendetwas Zweifelhaftes geben könnte.»

«Seinerseits? Das scheint nicht so.»

«Sind Sie alles durchgegangen, Horsham?»

«Nun ja, wir haben nicht viel Zeit gehabt. So weit ist alles in Ordnung. Aber jemand hat seinen Pass benutzt.»

«Benutzt? Wie denn?»

«Er ist in Heathrow durchgelaufen.»

«Wollen Sie damit sagen, dass sich jemand als Sir Stafford Nye ausgegeben hat?»

«Nein, nein», sagte Horsham, «nicht direkt. Darauf hätten wir nicht hoffen können. Der Pass ging zusammen mit anderen Pässen durch. Niemand hatte Alarm gegeben. Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt war er noch nicht einmal aus seiner Betäubung durch das Rauschmittel oder was auch immer sie ihm verabreicht haben aufgewacht. Er war noch in Frankfurt.»

«Aber jemand könnte den Pass gestohlen haben und in die Maschine gestiegen und so nach London gelangt sein?»

«Ja», sagte Munro, «das nimmt man an. Entweder jemand nahm die Brieftasche mit dem Geld und der Pass war darin, oder jemand brauchte dringend einen Pass und entschied sich für Sir Stafford Nye als passenden Kandidaten für den Diebstahl. Ein Drink steht auf dem Tisch, man gibt eine Prise hinein, wartet, bis der Mann einschläft, nimmt den Pass und geht das Risiko ein.»

«Aber ein Pass wird doch immerhin überprüft. Es müsste doch aufgefallen sein, dass es nicht der richtige Mann war», sagte Chetwynd.

«Nun, es muss wohl eine gewisse Ähnlichkeit bestanden haben», sagte Horsham. «Aber es existierte ja auch keine Mitteilung über den Verlust. Es war also keine besondere Aufmerksamkeit auf diesen bestimmten Pass gelenkt worden. Eine große Menschenmenge wird durchgeschleust, auf einen Flieger mit Verspätung. Der Mann sieht dem Foto in seinem Pass einigermaßen ähnlich. Das ist alles. Ein kurzer Blick, der Pass wird zurückgegeben, weiter geht’s. Gewöhnlich interessieren sie sich nur für die ankommenden Ausländer, nicht für die britische Bagage. Dunkles Haar, dunkelblaue Augen, glatt rasiert, 1,80 oder was immer es sein mag. Das ist alles, was man sehen will. Er steht nicht auf einer Liste für unerwünschte Ausländer oder so.»

«Ich weiß, ich weiß. Doch Sie sagen, wenn jemand nur eine Brieftasche stehlen wollte oder Geld oder dergleichen, hätte er den Pass bestimmt nicht verwendet, oder? Das ist doch viel zu riskant.»

«Ja», sagte Horsham, «das ist das Interessante daran. Natürlich», fuhr er fort, «stellen wir Nachforschungen an, stellen hier und da ein paar Fragen.»

«Und was ist Ihre eigene Meinung?»

«Das möchte ich jetzt noch nicht sagen, ich brauche noch ein bisschen Zeit, wissen Sie. Man soll nichts übereilen.»

«Sie sind alle gleich», sagte Colonel Munro, als Horsham den Raum verlassen hatte. «Sie sagen einem nie was, diese verdammten Sicherheitsleute. Sie würden das niemals zugeben, wenn Sie glauben, eine Spur zu haben.»

«Nun, das ist nur natürlich», erwiderte Chetwynd. «Sie könnten ja auch falschliegen.»

Kapitel 3 Der Mann von der Reinigung

Sir Stafford Nye kehrte in seine Wohnung zurück. Eine große Frau stürmte aus der kleinen Küche und begrüßte ihn lautstark.

«Sie sind also wieder gut angekommen, Sir. Diese grässlichen Flugzeuge. Man weiß ja nie, was passiert, oder?»

«Sehr wahr, Mrs. Worrit», erwiderte Sir Stafford Nye. «Der Flieger hatte zwei Stunden Verspätung».

«Genau wie mit den Autos, nicht wahr?», sagte Mrs. Worrit. «Ich meine, man weiß nie, was schiefgehen kann mit ihnen, nicht wahr? Es ist nur schlimmer in der Luft, nicht wahr? Man kann nicht einfach am Bordstein halten oder so. Ich meine, so ist es doch. Ich für meinen Teil würde nie in ein Flugzeug steigen.» Sie fuhr fort: «Ich habe ein paar Sachen bestellt, ich hoffe, das ist in Ordnung. Eier, Butter, Kaffee, Tee –» Sie ratterte die Liste mit der Beredsamkeit eines Fremdenführers aus dem Nahen Osten herunter, der die Touristen durch einen Pharaonenpalast führt.

«So», sagte Mrs. Worrit und hielt inne, um Atem zu schöpfen, «ich glaube, das ist alles, was Sie benötigen könnten. Ich habe auch den französischen Senf bestellt.»

«Nicht Dijon-Senf, oder? Sie versuchen immer, Ihnen Dijon-Senf anzudrehen.»

«Ich weiß nicht, wer das war, aber es ist ‹Ester Tragon›, den mögen Sie doch, oder?»

«Ganz recht», erwiderte Sir Stafford, «Sie sind ein echtes Weltwunder.»

Mrs. Worrit schien geschmeichelt zu sein. Sie ging wieder in Richtung Küche, als Sir Stafford die Hand auf die Klinke seiner Schlafzimmertür legte, in der Absicht hineinzugehen.

«Ist doch in Ordnung, Sir, dass ich Ihre Sachen dem Herrn mitgegeben habe, der vorbeikam, um sie abzuholen? Sie hatten nichts gesagt und auch nichts hinterlassen deswegen.»

«Was für Sachen?», fragte Sir Stafford Nye und blieb stehen. «Zwei Anzüge, so, wie der Herr, der sie abholen kam, gesagt hat. Von Twiss and Bonywork. Ich glaube, es waren dieselben, die schon mal da waren. Wir hatten ein wenig Ärger mit der Schwan-Wäscherei, wenn ich mich recht erinnere.»

«Zwei Anzüge? Was für Anzüge?», fragte Sir Stafford Nye. «Na, einmal der, in dem Sie zurückgekommen sind. Ich glaube zumindest, das war einer von den beiden. Bei dem anderen war ich mir nicht so sicher. Aber das war der blaue Nadelstreifenanzug, für den Sie bei der Abreise keine Anweisungen hinterlassen hatten. Der konnte die Reinigung auch vertragen, außerdem musste am rechten Ärmelaufschlag etwas geflickt werden. Aber das wollte ich nicht alleine veranlassen, als Sie nicht da waren. Das mache ich nicht so gern», sagte Mrs. Worrit mit augenfälliger Rechtschaffenheit.

«Also, der Bursche, wer immer es war, hat diese Anzüge mitgenommen?»

«Ich hoffe, ich habe nichts Falsches gemacht?» Mrs. Worrit war besorgt.

«Der blaue Nadelstreifenanzug ist mir egal. Das ist wohl am besten so. Der Anzug, den ich auf der Heimreise anhatte, nun…»

«Er ist ein bisschen dünn für die Jahreszeit, dieser Anzug, wissen Sie, Sir. Eher passend für die Gegenden, wo Sie waren. Dort, wo es heiß ist. Und er konnte eine Reinigung gebrauchen. Er sagte, Sie hätten wegen der Anzüge angerufen. Das sagte der Herr, der sie abholen kam.»

«Ging er in mein Zimmer, um sie selbst rauszuholen?»

«Ja, Sir. Ich dachte, das wäre am besten so.»

«Sehr interessant», sagte Sir Stafford, «ja, sehr interessant.»

Er ging in sein Schlafzimmer und sah sich um. Alles war sauber und ordentlich. Das Bett war gemacht. Die ordnende Hand von Mrs. Worrit war deutlich zu erkennen. Sein Elektrorasierer hing am Aufladegerät, die Gegenstände auf dem Frisiertisch waren ordentlich aufgestellt.

Er ging zum Kleiderschrank und sah hinein. Er schaute in die Schubladen der Kommode, die beim Fenster an der Wand stand. Alles war wohlgeordnet. Eigentlich war es viel ordentlicher, als es sein sollte. Er hatte am Vorabend ein wenig ausgepackt, und das Wenige nur oberflächlich sortiert. Unterwäsche und einigen Krimskrams hatte er in die jeweiligen Schubladen geworfen, hatte sie aber nicht sorgsam eingeordnet. Er hätte das selbst entweder heute oder morgen getan. Das erwartete er nicht von Mrs. Worrit. Er erwartete von ihr nur, dass sie die Dinge so ließ, wie sie sie vorfand. Nach seiner Reise hatte er genug Zeit, alles neu zu ordnen und zu sortieren, je nach Wetter- oder sonstiger Lage. Also hatte sich jemand hier umgesehen, hatte Schubladen herausgezogen und sie schnell durchsucht. Und dann die Sachen wieder zurückgetan, teilweise versehentlich ordentlicher, als es vorher war. Ein schneller, sorgfältiger Job. Und dann war er mit zwei Anzügen und einer plausiblen Erklärung verschwunden. Ein Anzug, offensichtlich von Sir Stafford auf Reisen getragen, und ein Anzug aus leichtem Material, vielleicht nach Übersee mitgenommen und wieder zurückgebracht. Aber warum?

«Weil», sagte sich Sir Stafford nachdenklich, «weil jemand etwas gesucht hat. Aber was? Und wer? Und schließlich auch: Warum?» Ja, das war interessant.

Er setzte sich auf einen Stuhl und dachte nach. Sein Blick wanderte zu dem Tisch am Bett, auf dem, ziemlich keck, der kleine Stoffpanda saß. Der löste einen bestimmten Gedankengang bei ihm aus. Er ging zum Telefon und wählte eine Nummer.

«Bist du das, Tante Matilda?», fragte er. «Hier ist Stafford.»

«Ach, mein lieber Junge, du bist also zurück. Ich bin ja so froh. Ich habe gestern in der Zeitung gelesen, dass sie die Cholera in Malaysia haben, zumindest glaube ich, es war Malaysia. Ich bringe all diese Orte immer durcheinander. Ich hoffe, du kommst mich bald besuchen? Tu nicht so, als wärest du zu beschäftigt. Du kannst nicht die ganze Zeit beschäftigt sein. Das akzeptiert man wirklich nur bei Wirtschaftsmagnaten, Leuten in der Industrie, weißt du. Immer beschäftigt mit Fusionen und Übernahmen. Ich weiß nie wirklich, was das alles zu bedeuten hat. Früher hieß das, man erledigte seine Arbeit mit Anstand, aber heute bedeutet es, alles ist mit Atombomben und Fabriken aus Beton verwickelt», sagte Tante Matilda ziemlich willkürlich.

«Und diese fürchterlichen Computer, die alle deine Zahlen durcheinanderbringen, ganz geschweige davon, dass sie sie auch noch in falscher Form schreiben. Wirklich, sie haben unser Leben heutzutage sehr schwierig gemacht. Du würdest niemals glauben, was sie mit meinem Bankkonto angestellt haben. Und mit meiner Postanschrift. Na, ich glaube, ich lebe einfach schon zu lange.»

«Glaub das ja nicht! Ist es in Ordnung, wenn ich nächste Woche komme?»

«Komm doch gleich morgen, wenn du möchtest. Ich habe den Vikar zum Dinner, aber ich kann ihn leicht wieder ausladen.»

«Aber nicht doch, dazu besteht keine Notwendigkeit.»

«Doch, jede Notwendigkeit. Er ist ein höchst aufdringlicher Mensch, und er will auch noch eine neue Orgel. Die alte ist aber noch ganz passabel, so wie sie ist. Ich meine, das eigentliche Problem ist der Organist, nicht die Orgel. Ein abgrundtief schlechter Musiker. Dem Vikar tut er leid, weil er seine Mutter verloren hat, der er sehr zugetan war. Also wirklich, wenn man seine Mutter liebt, so heißt das nicht unbedingt, dass man auch gut Orgel spielen muss, oder? Man muss die Dinge doch so sehen, wie sie sind.»

«Ganz recht. Aber es muss nächste Woche sein – ich habe ein paar Sachen zu erledigen. Wie geht’s Sybil?»

«Das liebe Kind! Sehr ungezogen, aber eine wahre Freude.»

«Ich habe ihr einen Kuschelpanda mitgebracht», sagte Sir Stafford.

«Nun, das ist aber nett von dir, mein Lieber.»

«Ich hoffe, er gefällt ihr», erwiderte Sir Stafford, schaute dem Panda in die Augen und war plötzlich leicht nervös.

«Na ja, zumindest hat sie sehr gute Manieren», sagte Tante Matilda. Eine etwas dubiose Antwort, deren Bedeutung Sir Stafford nicht ganz einzuschätzen wusste.

Tante Matilda schlug ihm für die nächste Woche ein paar passende Züge vor, mit der Warnung, dass sie sehr oft überhaupt nicht oder nach geändertem Fahrplan fuhren, und wies ihn auch an, ihr einen Camembert und einen halben Stilton mitzubringen.

«Es ist unmöglich, hier etwas zu bekommen. Unser Lebensmittelladen – so ein netter Inhaber, so hilfsbereit und genau mit dem guten Geschmack für das, was wir alle gern hatten – hat sich plötzlich in einen Supermarkt verwandelt, sechsmal so groß, alles neu gebaut, Körbe und Drahtkörbe zum Herumtragen und Füllen mit Sachen, die man gar nicht möchte, und Mütter die dauernd ihre Kinder verlieren, heulen und hysterisch werden. Sehr anstrengend. Nun, lieber Junge, ich erwarte dich.» Sie hängte auf.

Das Telefon läutetet sofort wieder.

«Hallo, Stafford, hier ist Eric Pugh. Ich hörte du bist zurück aus Malaysia – wie wär’s mit einem Dinner heute Abend?»

«Das würde mir sehr gefallen.»

«Gut – im Limpits Club – Viertel nach acht?»

Mrs. Worrit keuchte ins Zimmer, gerade als Sir Stafford den Hörer auflegte.

«Ein Gentleman ist unten und möchte Sie sehen, Sir», sagte sie. «Zumindest glaube ich, er ist einer. Jedenfalls hat er gesagt, es würde Ihnen nichts ausmachen.»

«Wie heißt er denn?»

«Horsham, Sir, wie der Ort auf dem Weg nach Brighton.»

«Horsham.» Sir Stafford Nye war ein wenig überrascht.

Er verließ das Schlafzimmer und ging eine halbe Treppe hinunter, die in das große Wohnzimmer im unteren Stock führte. Mrs. Worrit hatte sich nicht geirrt. Es war wirklich Horsham. Er sah genauso aus wie eine halbe Stunde zuvor: robust, vertrauenswürdig, gespaltenes Kinn, buschiger grauer Schnurrbart, Unerschütterlichkeit vermittelnd.

«Ich hoffe, es stört sie nicht», sagte er freundlich und erhob sich.

«Was soll mich nicht stören?», fragte Sir Stafford Nye.

«Mich so bald wiederzusehen. Wir haben uns im Flur vor Mr. Gordon Chetwynds Tür getroffen – Sie erinnern sich?»

«Kein Problem, wirklich», sagte Sir Stafford Nye. Er schob eine Zigarettendose über den Tisch.

«Nehmen Sie Platz. Haben Sie etwas vergessen, ist etwas ungesagt geblieben?»

«Sehr netter Mann, Mr. Chetwynd», sagte Horsham. «Ich glaube, wir haben ihn beruhigen können. Ihn und Colonel Munro, sie sind ein bisschen verstört wegen der ganze Geschichte, wissen Sie. Über Sie, meine ich.»

«Wirklich?»

Sir Stafford Nye setze sich ebenfalls. Er lächelte, rauchte und blickte nachdenklich auf Henry Horsham. «Und wie geht es jetzt weiter?»

«Ich habe gerade überlegt, ob ich Sie fragen könnte – ohne allzu neugierig zu erscheinen –, wohin Sie als Nächstes gehen?»

«Das sage ich Ihnen sehr gern», erwiderte Sir Stafford Nye. «Ich werde zu einer meiner Tanten fahren, Lady Matilda Cleckheaton. Ich gebe Ihnen gerne die Adresse, wenn Sie möchten.»

«Ich kenne sie bereits», sagte Henry Horsham. «Nun, ich denke, das ist eine sehr gute Idee. Sie wird sich sehr freuen zu sehen, dass Sie wirklich sicher nach Hause gekommen sind. Es hätte auch brenzlig werden können, nicht wahr?»

«Denken das Colonel Munro und Mr. Chetwynd?»

«Nun, Sie wissen ja, wie es ist, Sir», antwortete Horsham. «Sie wissen es allzu gut. Sie sind immer in Aufregung, die Herren in dieser Abteilung. Sie sind sich nicht sicher, ob sie Ihnen trauen sollen oder nicht.»

«Mir trauen?», fragte Sir Stafford Nye mit beleidigter Stimme. «Was meinen Sie damit, Mr. Horsham?»

Mr. Horsham war nicht verblüfft. Er grinste nur.

«Sehen Sie», sagte er. «Sie haben den Ruf, die Dinge nicht allzu ernst zu nehmen.»

«Ach, ich dachte, ich sei ein Sympathisant oder ein Überläufer zur anderen Seite. So was in der Art.»

«Ach nein, Sir, sie glauben nur, Sie seien nicht seriös. Sie denken, Sie machen hin und wieder gern einen kleinen Scherz.»

«Man kann nicht einfach so durchs Leben gehen und dabei sich und andere immer ernst nehmen», sagte Sir Stafford Nye missbilligend.

«Nein. Aber, wie ich schon sagte, Sie sind ein ziemliches Risiko eingegangen, nicht wahr?»

«Ich frage mich gerade, ob ich auch nur im Mindesten verstehe, wovon Sie überhaupt reden.»

«Ich werde es Ihnen sagen. Die Dinge laufen manchmal schief, Sir, und sie gehen nicht immer daneben, weil gewisse Leute das veranlasst haben. Das, was man den Allmächtigen nennen könnte, hat seine Hand im Spiel oder der andere Herr – ich meine den mit dem Schwanz.»

Sir Stafford Nye war leicht abgelenkt.

«Meinen Sie den Nebel in Genf?», fragte er.

«Genau, Sir. Es gab Nebel in Genf und das hat die Pläne einiger Menschen durcheinandergebracht. Jemand steckte schlimm in der Klemme.»

«Erzählen Sie mir alles», erwiderte Sir Stafford Nye. «Ich möchte es wirklich gerne wissen.»

«Nun, ein Passagier fehlte, als Ihr Flugzeug gestern Frankfurt verlassen hat. Sie hatten Ihr Bier getrunken und schnarchten angenehm und komfortabel in einer Ecke vor sich hin. Und eine Passagierin erschien nicht, sie riefen sie wieder und wieder auf. Am Ende flog die Maschine vermutlich ohne sie ab.»

«Aha. Und was ist mit ihr geschehen?»

«Es wäre interessant, das zu wissen. Jedenfalls ist Ihr Pass in Heathrow angekommen, auch wenn Sie nicht ankamen.»

«Und wo ist er jetzt? Soll ich ihn etwa haben?»

«Nein. Ich glaube nicht. Das wäre wirklich zu schnelle Arbeit gewesen. Sehr zuverlässiger Stoff, dieses Rauschmittel. Gerade richtig, wenn ich so sagen darf. Es hat sie betäubt, ohne allzu schädliche Nebenwirkungen zu hinterlassen.»

«Es hat mir einen sehr unangenehmen Kater beschert», sagte Sir Stafford.

«Ach, das lässt sich nicht vermeiden. Nicht unter diesen Umständen.»

«Was wäre denn geschehen», fragte Sir Stafford, «da Sie doch alles zu wissen scheinen, wenn ich den Vorschlag abgelehnt hätte, der mir möglicherweise – und ich will nur sagen möglicherweise – unterbreitet wurde?»

«Es ist gut möglich, dass es für Mary Ann der letzte Vorhang gewesen wäre.»

«Mary Ann, wer ist Mary Ann?»

«Miss Daphne Theodofanous.»

«Das ist der Name, den ich möglicherweise gehört habe – der des aufgerufenen Passagiers?»

«Ja, sie reiste unter diesem Namen. Wir nennen sie Mary Ann.»

«Wer ist sie? – Nur interessehalber?»

«In ihrer Sparte ist sie mehr oder weniger die Beste.»

«Und was ist ihre Sparte? Gehört sie zu uns oder zu denen, wenn Sie wissen, wer ‹die› sind? Ich muss gestehen, ich habe selbst ein wenig Schwierigkeiten, mich für das eine oder andere zu entscheiden.»

«Ja, das ist nicht so einfach, nicht wahr? Mit den Chinesen und den Russkis und der ziemlich schrägen Bande, die hinter all den Studentenunruhen steckt, und der Neuen Mafia und der seltsamen Bagage in Südamerika. Und die nette kleine Gruppe von Finanziers, die irgendetwas Schräges in petto hat. Ja, es ist schwer zu sagen.»

«Mary Ann», sagte Sir Stafford Nye nachdenklich. «Ein eigenartiger Name für jemanden, der mit richtigem Namen Daphne Theodofanous heißt.»

«Nun, ihre Mutter ist Griechin, ihr Vater war Engländer, und ihr Großvater war österreichischer Staatsbürger.»

«Was wäre geschehen, wenn ich ihr ein gewisses Kleidungsstück nicht – geliehen hätte?»

«Sie wäre vielleicht getötet worden.»

«Aber, aber. Wirklich?»

«Wir haben Probleme mit dem Flughafen Heathrow. Neulich sind dort seltsame Dinge passiert. Dinge, die einer gewissen Erklärung bedürfen. Wäre das Flugzeug wie geplant über Genf geflogen, wäre alles gut gegangen. Sie hätte vollen Schutz gehabt, alles war arrangiert. Aber diese andere Route – es wäre keine Zeit gewesen, etwas zu arrangieren, und man weiß ja nicht immer, wer wer ist, heutzutage. Jeder spielt ein doppeltes Spiel oder ein drei- oder vierfaches.»

«Sie machen mir Angst», sagte Sir Stafford Nye. «Aber es geht ihr doch gut, oder? Ist es das, was Sie mir sagen wollen?»

«Ich hoffe, es geht ihr gut. Wir haben nichts Gegenteiliges gehört.»

«Wenn es Ihnen irgendwie hilft», sagte Sir Stafford Nye. «Jemand ist heute Morgen hierhergekommen, als ich ausgegangen war, um mit meinen kleinen Freunden in Whitehall zu sprechen. Er gab vor, ich hätte eine Reinigungsfirma angerufen, und nahm den Anzug mit, den ich gestern getragen habe, und noch einen anderen Anzug. Es mag sein, dass ihm der andere Anzug einfach gefiel, oder er hatte die Angewohnheit, die Anzüge von Herren, die gerade aus Übersee zurückgekommen sind, einzusammeln. Oder – vielleicht haben Sie ein weiteres ‹oder› beizusteuern?»

«Er könnte etwas gesucht haben.»

«Ja, das denke ich auch. Jemand hat etwas gesucht. Und dann alles nett und ordentlich arrangiert. Allerdings nicht so, wie ich es hinterlassen hatte. Nun gut, er hat etwas gesucht. Aber was hat er gesucht?»

«Ich bin mir nicht sicher», sagte Horsham langsam. «Ich wollte, ich wäre es. Irgendetwas ist im Gange – irgendwo. Kleine Fetzen gucken heraus, wie bei einem schlecht gepackten Paket, wissen Sie. Man bekommt hier und da einen kleinen Einblick. Einmal denkt man, es trägt sich bei den Bayreuther Festspielen zu, im nächsten Augenblick glaubt man, es zeigt sich auf einer Estanzia in Südamerika, dann bekommt man einen kleinen Hinweis in den USA. Sehr schlimme Dinge geschehen an allen möglichen Orten und arbeiten auf irgendetwas hin. Vielleicht etwas Politisches, vielleicht auch etwas ganz anderes als Politik. Wahrscheinlich geht es um Geld.» Er fügte hinzu: «Sie kennen doch Mr. Robinson, nicht wahr? Oder besser, Mr. Robinson kennt Sie, hat er, glaube ich, gesagt.»

«Robinson?» Sie Stafford Nye überlegte. «Robinson. Netter englischer Name.» Er sah zu Horsham hinüber. «Großes gelbes Gesicht? Fett? Hat die Finger in Finanzgeschäften, so ganz allgemein?» Er fragte: «Ist er auch auf der Seite der Engel? Wollen Sie mir das vielleicht sagen?»

«Ich weiß nichts von Engeln», erwiderte Henry Horsham. «Er hat uns jedenfalls hier im Lande aus mehr als einer Klemme geholfen. Leute wie Mr. Chetwynd mögen ihn nicht besonders. Sie denken, er sei zu teuer, glaube ich. Er neigt zum Geiz, Mr. Chetwynd. Und besitzt die Gabe, sich Feinde am falschen Ort zu schaffen.»

«Früher bezeichnete man das als ‹arm, aber ehrlich›», sagte Sir Stafford Nye nachdenklich, «ich nehme an, Sie würden es anders ausdrücken. Sie würden unseren Mr. Robinson als teuer, aber ehrlich bezeichnen. Oder, sagen wir es so: ehrlich, aber teuer.» Er seufzte. «Ich wünschte, Sie könnten mir erklären, worum es hier eigentlich geht», sagte er anklagend. «Da bin ich anscheinend in etwas verwickelt und habe keinen Schimmer, was es ist.»

Er schaute Henry Horsham hoffnungsvoll an, aber Horsham schüttelte den Kopf.

«Keiner von uns weiß es. Zumindest nicht genau», sagte er.

«Was könnte ich denn hier versteckt haben, dass jemand kommt, herumwühlt und es sucht?»

«Offen gestanden, ich habe keine blasse Ahnung, Sir Stafford.»

«Nun, das ist schade, denn ich habe auch keine.»

«Soweit Sie wissen, haben Sie gar nichts. Niemand hat Ihnen etwas gegeben, zum Mitnehmen irgendwohin oder zur Aufbewahrung?»

«Rein gar nichts. Wenn sie Mary Ann meinen, so sagte sie, sie müsse ihr Leben retten, sonst nichts.»

«Sie haben ihr Leben gerettet, es sei denn, es stünde etwas anderes in den Abendzeitungen.»

«Dieses Kapitel scheint so ziemlich abgeschlossen zu sein, nicht wahr? Schade. Ich werde immer neugieriger. Ich möchte nur allzu gerne wissen, was als Nächstes passiert. Ihr scheint alle sehr pessimistisch zu sein.»

«Offen gestanden sind wir das. Die Dinge entwickeln sich nicht gerade zum Besten in diesem Land. Wundert Sie das?»

«Ich weiß, was Sie meinen. Ich frage mich manchmal selbst…»

Kapitel 4 Dinner mit Eric

I

«Darf ich dir etwas erzählen?», fragte Eric Pugh.

Sir Stafford Nye sah ihn an. Er kannte Eric Pugh schon viele Jahre. Sie waren nie enge Freunde gewesen. Der gute Eric war – das fand zumindest Sir Stafford – ein ziemlich langweiliger Kerl. Allerdings war er treu. Und er war der Typ Mensch, der, auch wenn er nicht sehr amüsant war, das Talent besaß, alles in Erfahrung zu bringen. Alle möglichen Leute erzählten ihm irgendetwas, und er behielt es und speicherte es ab. Manchmal besaß er nützliche Informationen.

«Du bist also wieder zurück von der Konferenz in Malaysia?»

«Ja», erwiderte Sir Stafford.

«Ist irgendwas Besonderes los gewesen dort?»

«Nur das Übliche», antwortete Sir Stafford.

«Ach. Ich frage mich, ob etwas, na, du weißt schon, was ich meine. Ob irgendwas passiert ist, was die Hühner aufgescheucht hat.»

«Was, auf der Konferenz? Nein, alles war peinlich vorhersehbar. Jeder sagte genau das, was man erwartet hatte, leider nur viel ausführlicher, als man für möglich gehalten hätte. Ich weiß nicht, warum ich überhaupt an solchen Veranstaltungen teilnehme.»

Eric Pugh machte ein oder zwei langweilige Bemerkungen über die wahren Absichten der Chinesen.

«Ich glaube nicht, dass sie wirklich irgendetwas im Schilde führen», sagte Sir Stafford. «Immer die üblichen Gerüchte über die Krankheiten des armen alten Mao, weißt du, und wer gegen ihn intrigiert und warum.»

«Und was ist mit der Arabien-Israel-Geschichte?»

«Das entwickelt sich auch nach Plan. Nach ihrem Plan, heißt das. Und überhaupt, was hat das mit Malaysia zu tun?»

«Nun, ich habe gerade nicht über Malaysia gesprochen.»

«Jetzt siehst du aus, wie die falsche Schildkröte aus Alice im Wunderland.»

«Nun, ich habe mich nur gefragt – vergib mir –, ob du nicht irgendetwas getan hast, was dir einen dunklen Fleck in deiner Akte eingetragen hat.»

«Ich?», fragte Sir Stafford und sah höchst überrascht aus.

«Nun, du weißt, wie du bist, Staff. Du versetzt den Leuten manchmal gern einen Schreck, nicht wahr?»

«In letzter Zeit habe ich mich tadellos verhalten», erwiderte Sir Stafford. «Was hast du denn über mich gehört?»

«Ich hörte, dass es auf deiner Heimreise Unannehmlichkeiten im Flugzeug gab.»

«Ach. Von wem hast du denn das gehört?»

«Na, du weißt doch, ich habe den alten Cartison getroffen.»

«Ein schrecklicher alter Langweiler. Er stellt sich immer Dinge vor, die gar nicht existieren.»

«Ja, ich weiß, dass das so ist. Aber er sagte nur, dass irgendjemand – Winterton, zumindest – zu denken schien, du führtest etwas im Schilde.»

«Etwas im Schilde führen? Ich wollte, es wäre so.»

«Irgendein Spionageschwindel läuft irgendwo, und er war ein wenig in Sorge wegen einiger Leute.»

«Was glauben die denn, was ich bin? Ein neuer Philby oder etwas in der Art?»

«Du weißt, dass du manchmal sehr unangebrachte Witze machst.»

«Manchmal kann ich einfach nicht widerstehen», sagte ihm sein Freund. «All diese Politiker und Diplomaten und diese Leute. Sie sind so verdammt ernsthaft. Von Zeit zu Zeit möchte man einfach ein wenig Unruhe stiften.»

«Dein Sinn für Humor ist sehr schräg, mein Junge. Wirklich. Manchmal mache ich mir Sorgen um dich. Sie wollten dir einige Fragen stellen über eine Sache, die auf dem Rückflug passiert ist, und sie scheinen anzunehmen, dass du nicht – nun –, dass du vielleicht nicht die ganze Wahrheit gesagt hast.»

«Aha, das ist es also, was sie denken? Interessant. Das muss ich, glaube ich, erst mal verarbeiten.»

«Nun, mach nur nichts Unüberlegtes.»

«Ich brauche einfach manchmal meinen Spaß.»

«Hör mal, alter Kumpel, du wirst doch nicht deine Karriere ruinieren, nur um deinem schrägen Sinn für Humor nachzugeben?»

«Ich bin recht bald zu dem Schluss gekommen, dass es nichts Langweiligeres gibt als eine Karriere.»

«Ich weiß, ich weiß. Du neigtest schon immer zu dieser Haltung. Und du bist auch nicht so weit aufgestiegen, wie es hätte sein sollen. Du warst einmal im Rennen für Wien. Ich sehe nicht gern, wie du dir alles verscherzt.»

«Ich versichere dir, ich benehme mich mit größter Ernsthaftigkeit und Tugend», sagte Sir Stafford Nye. Er fügte hinzu: «Nimms leicht, Eric. Du bist ein guter Freund, das meine ich ernst.»

Eric schüttelte zweifelnd den Kopf.

Es war ein schöner Abend. Sir Stafford ging zu Fuß durch den Green Park nach Hause. Als er am Birdcage Walk die Straße überquerte, entging er nur um Haaresbreite einem die Straße herunterschießenden Wagen. Sir Stafford war ein sportlicher Mann. Mit einem Satz sprang er auf den Bürgersteig in Sicherheit. Der Wagen verschwand die Straße hinunter. Er wunderte sich. Einen Augenblick lang hätte er schwören können, dass dieser Wagen ihn absichtlich überfahren wollte. Ein interessanter Gedanke. Erst war seine Wohnung durchsucht worden, nun war womöglich er selbst das Ziel. Vielleicht ein bloßer Zufall. Und doch, im Laufe seines Lebens, das er zum Teil in den wildesten Gegenden verbracht hatte, war er der Gefahr oft begegnet. Er wusste sozusagen, wie sich die Gefahr anfühlte. Jetzt spürte er sie. Irgendwo hatte ihn jemand im Visier. Aber warum? Und aus welchem Grund? Soweit er wusste, hatte er seinen Kopf nicht zu weit aus dem Fenster gestreckt.

Er schloss seine Wohnung auf und nahm die Post, die innen auf dem Boden lag. Nichts Besonderes. Ein paar Rechnungen und ein Exemplar der Zeitschrift Lifeboat. Er warf die Rechnungen auf den Schreibtisch und riss die Verpackung von Lifeboat auf. Gelegentlich spendete er dafür. Er blätterte ohne großes Interesse die Seiten durch, weil er noch ganz in Gedanken war. Dann hielt er abrupt inne. Etwas war zwischen zwei Seiten geklebt. Er betrachtete es genau. Es war sein Pass, der ihm überraschenderweise zurückgegeben wurde. Er riss ihn heraus und betrachtete ihn. Der letzte Stempel war der Ankunftsstempel von Heathrow vom Vortage. Sie hatte seinen Pass benutzt, war sicher angekommen und hatte diesen Weg gewählt, um ihn zurückzugeben. Wo war sie jetzt? Er hätte es gern gewusst. Er fragte sich, ob er sie jemals Wiedersehen würde. Wer war sie? Wo war sie hingegangen und warum? Es war wie das Warten auf den zweiten Akt eines Theaterstücks. Eigentlich dachte er, dass der erste Akt noch gar nicht zu Ende war. Was hatte er gesehen? Vielleicht ein altmodisches Eröffnungsspiel. Eine junge Frau, die albernerweise den Wunsch hatte, sich zu verkleiden und als Mann auszugeben. Die die Passkontrolle in Heathrow hinter sich gebracht hatte, ohne Verdacht zu erregen, und durch dieses Tor nach London verschwunden war. Nein, er würde sie wahrscheinlich nie Wiedersehen. Das ärgerte ihn. Aber warum, dachte er, warum möchte ich das? Sie war nicht sonderlich attraktiv, sie war nichts Besonderes. Nein, das war nicht ganz richtig. Sie war schon jemand Besonderes, sonst hätte sie ihn nie dazu verleiten können, ohne spezielle Überredungskunst, ohne sichtbare sexuelle Verführung, mit nichts außer einer einfachen Bitte um Hilfe, zu tun, was sie wollte. Die Bitte eines menschlichen Wesens an das andere, weil – so hatte sie zumindest angedeutet – sie die Menschen kannte und spürte, dass er bereit war, ein Risiko einzugehen, um einem anderen Menschen zu helfen. Und er war tatsächlich ein Risiko eingegangen, dachte Sir Stafford Nye. Sie hätte alles Mögliche in sein Bierglas tun können. Wenn sie es gewollt hätte, hätte man ihn als Leiche auf einem Sessel in der Abflughalle des Flughafens finden können. Und wenn sie sich mit Drogen auskannte – und das tat sie zweifelsohne –, hätte sein Tod als Herzattacke aufgrund der Höhe oder schwieriger Luftdruckverhältnisse gedeutet werden können – irgend so etwas. Aber warum dachte er darüber nach? Er würde sie wohl kaum Wiedersehen, und darüber war er verärgert. Ja, er war verärgert, und das gefiel ihm nicht. Er dachte noch eine Weile über die Sache nach. Dann setzte er eine Anzeige auf, die dreimal erscheinen sollte. «Passagier nach Frankfurt, 3. November. Bitte melden bei Mitreisendem nach London.» Mehr nicht. Entweder würde sie sich melden oder nicht. Wenn ihr die Anzeige jemals unter die Augen kam, würde sie wissen, wer sie aufgegeben hatte. Sie hatte seinen Pass besessen, sie kannte seinen Namen. Sie konnte ihn aufsuchen. Vielleicht würde er von ihr hören. Oder auch nicht. Wahrscheinlich eher nicht. Wenn nicht, würde es bei dem Eröffnungsspiel bleiben, ein albernes kleines Spiel, das Zuspätkommende noch ins Theater einließ und sie unterhielt, bis das Hauptgeschehen des Abends begann. Sehr nützlich in den Zeiten vor dem Krieg. Doch aller Wahrscheinlichkeit nach würde er nichts mehr von ihr hören, und einer der Gründe war womöglich, dass sie die Sache, wegen der sie nach London gekommen war, bereits erledigt hatte – was immer es auch sein mochte – und dann das Land wieder verlassen hatte und nach Genf, in den Mittleren Osten, nach Russland, China, Südamerika oder in die Vereinigten Staaten geflogen war. Und warum, dachte Sir Stafford, schließe ich Südamerika mit ein? Es muss einen Grund dafür geben. Niemand hatte je Südamerika erwähnt. Außer Horsham, das stimmte. Und selbst Horsham hatte Südamerika nur nebenbei erwähnt.

Am folgenden Morgen, als er langsam nach Hause schlenderte, nachdem er die Anzeige aufgegeben hatte, nahm er mit halbem Auge die Herbstblumen im Sankt James Park wahr. Die Chrysanthemen sahen mit ihren knopfartigen Köpfen aus Gold und Bronze steif und langbeinig aus. Ihr Geruch drang schwach zu ihm durch. Es roch leicht nach Ziege und erinnerte ihn an die Berghänge in Griechenland. Er musste die Kleinanzeigen im Auge behalten. Allerdings jetzt noch nicht. Zwei oder drei Tage würden mindestens vergehen, bis seine Anzeige geschaltet war und jemand Zeit genug hatte, zu antworten. Wenn es eine Antwort geben würde, so durfte er sie nicht verpassen. Irgendwie war es irritierend, nicht zu wissen, um was es überhaupt ging.

Er versuchte, sich an das Gesicht seiner Schwester Pamela zu erinnern, nicht an das Gesicht der jungen Frau vom Flughafen. Ihr Tod war lange her. Natürlich erinnerte er sich an sie, aber irgendwie konnte er sich ihr Gesicht nicht vorstellen. Es irritierte ihn, dass ihm das nicht gelang. Er war stehen geblieben, gerade als er eine der Straßen überqueren wollte. Es herrschte kein Verkehr, mit Ausnahme eines Wagens, der mit dem feierlichen Gehabe einer gelangweilten Witwe langsam dahinzockelte. Ein älterer Wagen, dachte er. Eine altmodische Daimlerlimousine. Er zuckte mit den Schultern. Warum stand er hier so dämlich herum, in Gedanken verloren?

Er machte einen raschen Schritt, um die Straße zu überqueren, und plötzlich beschleunigte die Witwenlimousine – wie er sie gerade genannt hatte – überraschend. Beschleunigte mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Sie schoss mit solcher Wucht auf ihn zu, dass er gerade noch Zeit hatte, auf den gegenüberliegenden Bürgersteig zu springen. Dann verschwand sie wie ein Blitz um die Straßenecke weiter unten.

«Kann es sein», sagte Sir Stafford zu sich selbst, «dass da wirklich jemand ist, der mich nicht leiden kann? Jemand, der mich verfolgt, mich auf meinem Heimweg beobachtet und nur auf eine gute Gelegenheit wartet?»

II

Colonel Pikeaway war von massiger Gestalt. Er saß ausgestreckt auf seinem Stuhl in dem kleinen Raum in Bloomsbury, wo er die Zeit von zehn bis fünf, mit Ausnahme einer kurzen Mittagspause, verbrachte. Wie üblich war er von dichtem Zigarrenrauch umgeben. Seine Augen hielt er geschlossen, nur ein gelegentliches Blinzeln verriet, dass er nicht schlief. Er erhob selten den Kopf. Irgendjemand hatte gesagt, er sähe aus wie eine Kreuzung zwischen einem antiken Buddha und einem großen blauen Frosch, mit vielleicht, wie ein respektloser Jüngling hinzugefügt hatte, einem Hauch von unehelichem Nilpferd in der Ahnenreihe.

Das sanfte Brummen einer Gegensprechanlage auf seinem Schreibtisch weckte ihn. Er blinzelte dreimal und öffnete die Augen. Dann streckte er seine sehr schlaff aussehende Hand aus und nahm den Hörer ab.

«Was ist?», fragte er.

«Der Minister ist eingetroffen und möchte Sie sehen.»

«Tut er das?», fragte Colonel Pikeaway. «Und was für ein Minister ist das? Der Baptistenpfarrer von der Kirche um die Ecke?»

«Oh nein, Colonel Pikeaway, es ist Sir George Packham.»

«Schade», sagte Colonel Pikeaway mit asthmatischen Atemzügen. «Sehr schade. Der Reverend McGill ist viel amüsanter. Er hat so eine großartige Aura von Höllenfeuer um sich.»

«Soll ich ihn hereinbringen, Colonel Pikeaway?»

«Er erwartet sicher, sofort vorgelassen zu werden. Staatssekretäre sind viel empfindlicher als Außenminister», sagte Colonel Pikeawy düster. «Alle diese Minister bestehen darauf, zu kommen und sich überall mit ‹Kätzchen› zu umgeben.»

Sir George Packham wurde hereingeführt. Er hustete und keuchte. Das war nicht verwunderlich, denn die Fenster des kleinen Raumes waren fest verschlossen. Colonel Pikeaway lehnte sich in seinem Stuhl zurück, über und über mit Zigarrenasche bedeckt. Die Luft war nahezu unerträglich, der Raum wurde in offiziellen Kreisen das ‹kleine Freudenhaus› genannt.

«Ach, mein Lieber», sagte Sir George munter, ganz im Gegensatz zu seiner asketischen und traurigen Erscheinung. «Lange ist’s her, seit wir uns gesehen haben.»

«Setzen Sie sich doch», sagte Pikeaway. «Möchten Sie eine Zigarre?»

Sir George schüttelte sich leicht.

«Nein, danke», sagte er.

Er sah scharf zu den Fenstern hin. Colonel Pikeaway übersah den Hinweis. Sir George räusperte sich und hustete erneut, bevor er sagte:

«Ähm – Ich glaube, Horsham war bei Ihnen.»

«Ja, Horsham war hier und hat seine Geschichte runtergerattert», sagte Colonel Pikeaway. Er erlaubte sich, die Augen wieder zu schließen.

«Ich dachte, das wäre am besten so. Ich meine, dass er Sie hier aufsucht. Es ist von höchster Wichtigkeit, dass die Dinge nicht überall verbreitet werden.»

«Ach», sagte Colonel Pikeaway, «aber das werden sie, nicht wahr?»

«Wie bitte?»

«Sie werden es», wiederholte Colonel Pikeaway.

«Ich weiß nicht, wie viel Sie – ähm – nun, über diese letzte Geschichte wissen.»

«Wir wissen alles hier», erwiderte Colonel Pikeaway. «Dazu sind wir schließlich da.»

«Oh – Oh ja, natürlich. Wegen Sir S. N. – Sie wissen, wen ich meine?»

«Vor Kurzem ein Passagier aus Frankfurt», sagte Colonel Pikeaway.

«Eine äußerst ungewöhnliche Geschichte. Man kann sich kaum vorstellen…»

Colonel Pikeaway hörte höflich zu.

«Was soll man nur über diese Geschichte denken?», fuhr Sir George fort. «Kennen Sie ihn persönlich?»

«Ich bin ihm ein- oder zweimal begegnet», sagte Colonel Pikeaway.

«Man kommt nicht umhin, sich zu fragen –»

Colonel Pikeaway unterdrückte unter Mühen ein Gähnen. Er war der Gedanken, Fragen und Vorstellungen von Sir George reichlich müde. Er hatte sowieso eine schlechte Meinung von Sir Georges geistigen Fähigkeiten. Ein vorsichtiger Mann, von dem man sicher sein konnte, dass er auch seine Abteilung sehr vorsichtig führte. Kein Mann von sprühendem Intellekt. Vielleicht, dachte Colonel Pikeaway, war das auch besser so. Jedenfalls sind die, die immer nur nachdenken und nichts Genaues wissen, meist ziemlich sicher auf den Posten, wo Gott und die Wähler sie hingesetzt haben.

«Man kann die Enttäuschungen, die wir in der Vergangenheit erlitten haben, nicht völlig vergessen», fuhr Sir George fort.

Colonel Pikeaway lächelte freundlich.

«Charleston, Conway und Courtfold», sagte er. «Voll im Vertrauen, geprüft und genehmigt. Alle mit C, alle betrügerisch wie die Sünde.»

«Manchmal frage ich mich, ob man überhaupt noch jemandem trauen kann», sagte Sir George unglücklich.

«Das ist leicht zu beantworten», sagte Colonel Pikeaway. «Man kann es nicht.»

«Nehmen wir Sir Stafford Nye», sagte Sir George. «Ausgezeichnete Familie, ich kannte seinen Vater und seinen Großvater.»

«Es gibt oft einen Ausrutscher in der dritten Generation», sagte Colonel Pikeaway.

Diese Bemerkung half Sir George kaum weiter.

«Ich muss leider bezweifeln… Ich meine, manchmal erscheint er wirklich unseriös.»

«Einmal habe ich meine beiden Nichten mitgenommen, um die Loireschlösser zu besichtigen, als ich ein junger Mann war», sagte Colonel Pikeaway unerwartet. «Ein Mann angelte irgendwo am Ufer. Ich hatte auch meine Angelrute dabei. Er sagte zu mir: ‹Vous n’etes pas un pecheur sérieux. Vous avez des femmes avec vous.›»

«Denken Sie, Sir Stafford –?»

«Nein, nein, er hatte niemals viel mit Frauen zu tun. Sein Problem ist die Ironie. Er liebt es, die Leute zu überraschen. Er kann sich einfach nicht helfen, er muss sich auf Kosten anderer amüsieren.»

«Nun, das ist nicht sehr zufriedenstellend, oder?»

«Warum nicht? », fragte Colonel Pikeaway. «Sich kleine Scherze zu erlauben, ist besser, als ein Geschäft mit einem Überläufer zu machen.»

«Wenn man nur sicher sein könnte, dass er wirklich zuverlässig ist. Was ist Ihre persönliche Meinung?»

Colonel Pikeaway lächelte freundlich. «Ich würde mir an Ihrer Stelle keine Sorgen machen», sagte er.

III

Sir Stafford Nye schob seine Kaffeetasse zur Seite. Er nahm die Zeitung, sah sich die Schlagzeilen an und öffnete sie dann sorgfältig auf der Seite mit den Kleinanzeigen. Er hatte diese Rubrik schon seit sieben Tagen durchgesehen. Es war enttäuschend, aber nicht überraschend. Warum in aller Welt sollte er erwarten, eine Antwort zu bekommen? Seine Augen glitten langsam abwärts über verschiedene Skurrilitäten, die diese Seite in seinen Augen immer recht faszinierend machten. Sie waren nicht immer persönlich. Die Hälfte oder mehr als die Hälfte waren verbrämte Werbeanzeigen oder Angebote von Dingen, die zum Verkauf standen oder gesucht wurden. Sie hätten wahrscheinlich in einer anderen Rubrik erscheinen sollen, aber sie hatten ihren Weg hierher gefunden, unter der Annahme, dass sie hier mehr Aufmerksamkeit finden würden. Hier standen ein oder zwei von der hoffnungsvollen Variante.

«Junger Mann, der nicht hart arbeiten und ein angenehmes Leben führen möchte, sucht einen passenden Job.»

«Junge Frau möchte nach Kambodscha reisen. Bitte keine Kinderbetreuung.»

«Feuerwaffe, in Waterloo verwendet. Gebote erwünscht.»

«Wunderbarer Webpelzmantel. Sofort zu verkaufen. Besitzerin geht ins Ausland.»

«Kennen Sie Jenny Capstan? Ihre Kuchen sind super. Kommen Sie in die Lizzard Street Nr. 14, S.W. 3.»

Für einen Augenblick hielt Stafford Nyes Finger inne. Jenny Capstan. Der Name gefiel ihm. Gab es eine Lizzard Street? Das nahm es an. Er hatte jedoch nie davon gehört. Mit einem Seufzer bewegte er seinen Finger weiter die Rubrik entlang nach unten und hielt fast sofort wieder an.

«Passagier aus Frankfurt, Donnerstag, 11. November, Hungerford-Brücke, 7.20.»

Donnerstag, 11. November. Das war – ja, das war heute. Sir Stafford lehnte sich in seinem Stuhl zurück und trank noch etwas Kaffee. Er war aufgeregt, richtiggehend nervös. Hungerford, die Hungerford-Brücke. Er stand auf und ging in die kleine Küche. Mrs. Worrit schnitt Kartoffeln in Streifen und warf sie in eine große Schüssel mit Wasser. Sie sah leicht erstaunt auf.

«Wünschen Sie irgendetwas, Sir?»

«Ja», sagte Sir Stafford Nye. «Wenn jemand Sie zur Hungerford-Brücke bitten würde, wo würden Sie dann hingehen?»

«Wo ich hingehen würde?» Mrs. Worrit überlegte. «Meinen Sie, wenn ich da hingehen wollte?»

«Wir können von dieser Annahme ausgehen.»

«Nun, dann würde ich wohl zur Hungerford-Brücke gehen, nicht wahr?»

«Heißt das, Sie würden nach Hungerford in Berkshire fahren?»

«Wo ist denn das?», fragte Mrs. Worrit.

«Acht Meilen hinter Newbury.»

«Von Newbury habe ich schon einmal gehört. Mein Alter hat dort letztes Jahr auf ein Pferd gewettet. Hat auch gewonnen.»

«Also würden sie nach Hungerford bei Newbury fahren?»

«Nein, natürlich nicht», sagte Mrs. Worrit. «Den ganzen Weg dorthin – warum? Ich würde natürlich zur Hungerford-Brücke gehen.»

«Sie meinen –?»

«Nun, die ist bei Charing Cross. Sie wissen sicher, wo die ist. Über die Themse.»

«Ja», sagte Sir Stafford Nye, «ja, ich weiß ganz gut, wo das ist. Vielen Dank, Mrs. Worrit.»

Das war, hatte er das Gefühl, wie einen Penny um Kopf oder Zahl zu werfen. Eine Anzeige in einer Morgenzeitung in London ließ auf die Hungerford-Eisenbahnbrücke in London schließen. Es war anzunehmen, dass sich die Anzeige darauf bezog. Aber wegen der Person, die die Anzeige aufgegeben hatte, war sich Sir Stafford Nye durchaus nicht sicher. Ihre Vorstellungen waren, nach dem flüchtigen Eindruck, den er von ihr hatte, von besonderer Art. Sie entsprachen nicht den normalen Reaktionen, die man erwartete. Aber was sollte er sonst tun? Außerdem gab es womöglich noch andere Hungerfords in den verschiedensten Regionen Englands, die wahrscheinlich auch Brücken hatten. Aber heute… Nun, er würde sehen.

IV

Es war ein kalter, windiger Abend mit gelegentlichen Schauern von dünnem nebligen Regen. Sir Stafford Nye schlug den Kragen seines Regenmantels hoch und trottete weiter. Es war nicht das erste Mal, dass er die Hungerford-Brücke überquerte, aber es war ihm nie als Vergnügungsspaziergang erschienen. Unter ihm war der Fluss, und eine Menge hastender Gestalten wie er überquerten die Brücke. Die Regenmäntel fest geschlossen, die Hüte heruntergezogen, hatten alle den ernsthaften Wunsch, sobald wie möglich nach Hause zu kommen, um dem Wind und Regen zu entgehen. Es würde nicht einfach sein, dachte Sir Stafford Nye, irgendjemanden in dieser wuselnden Menge zu erkennen. 7 Uhr 20. Keine gut gewählte Zeit für jegliche Art von Rendezvous. Vielleicht war es doch die Hungerford-Brücke in Berkshire. In jedem Fall war es sehr seltsam. Er trottetet weiter. Er hielt die gleiche Geschwindigkeit, überholte niemand, der vor ihm ging, drückte sich an denen, die ihm entgegenkamen, vorbei. Er ging schnell genug, um nicht von den Leuten hinter ihm überholt zu werden, obwohl sie die Möglichkeit hatten, wenn sie es wollten. Vielleicht war es ein Scherz, dachte Sir Stafford Nye. Nicht gerade seine Art von Scherz.

Und doch – es war auch nicht ihre Art von Humor, so nahm er zumindest an. Hastende Gestalten überholten ihn wieder und stießen ihn leicht zur Seite. Eine Frau im Regenmantel kam daher, sie ging mühsam. Sie stieß mit ihm zusammen, rutschte aus, fiel auf die Knie. Er half ihr auf.

«Ist alles in Ordnung?»

«Ja, danke.»

Sie eilte weiter, aber als sie an ihm vorbeiging, drückte ihre nasse Hand, die er gehalten hatte, als er sie auf die Füße zog, ihm etwas in die Hand. Dann war sie weg, verschwunden in der Menge. Stafford Nye ging weiter. Er konnte sie nicht überholen. Sie wollte auch nicht überholt werden. Er eilte weiter und seine Hand umfasste etwas ganz fest. Und so schien er schließlich und endlich am Ende der Brücke auf der Surrey-Seite angelangt zu sein. Ein paar Minuten später kehrte er in ein kleines Cafe ein, setzte sich an einen Tisch und bestellte einen Kaffee. Dann sah er sich an, was er in der Hand hielt. Es war ein sehr dünner Umschlag aus Ölpapier. Darin lag ein billiger weißer Umschlag. Auch den öffnete er. Der Inhalt überraschte ihn. Es war eine Eintrittskarte. Eine Eintrittskarte für die Festival Hall am folgenden Abend.

Kapitel 5 Ein Wagner-Motiv

Sir Stafford Nye machte es sich in seinen Sitz bequem und lauschte dem anhaltenden Hämmern der Nibelungen, mit dem das Programm begann.

Obwohl er Wagner-Opern liebte, war Siegfried nicht gerade sein Favorit unter den Opern, die den Ring bildeten. Rheingold und Götterdämmerung galt seine Vorliebe. Die Musik des jungen Siegfried, der dem Gesang der Vögel lauschte, hatte ihn immer aus irgendeinem seltsamen Grund irritiert, anstatt ihn mit romantischen Gefühlen zu erfüllen. Vielleicht war es wegen einer Aufführung, die er einmal in jungen Jahren in München besucht hatte und die einen wunderbaren Tenor, leider von übermäßigen Proportionen, präsentiert hatte. Damals war er zu jung gewesen, um die Freuden der Musik von der optischen Freude zu trennen, einen zumindest annähernd jung erscheinenden Siegfried zu sehen. Die Tatsache, dass ein überdimensionaler Tenor in überschäumender Jugendlichkeit auf dem Boden herumrollte, hatte ihn abgestoßen. Er war auch nicht sehr angetan von Vögeln und Waldgeweben. Nein, lieber jederzeit die Rheintöchter, obwohl in München sogar die Rheintöchter in jenen Tagen von recht kompakten Proportionen waren. Aber das störte ihn nicht so sehr. Dahingetragen vom melodischen Fließen des Wassers und dem jubelnden unpersönlichen Gesang, hatte er es nicht zugelassen, dass der visuelle Eindruck ihn beeinflusste.

Von Zeit zu Zeit sah er sich vorsichtig um. Er hatte seinen Platz schon ziemlich früh eingenommen. Das Haus war wie üblich voll besetzt. Die Pause nahte. Der Platz neben ihm war leer geblieben. Jemand, der hätte kommen sollen, war nicht gekommen. War das die Antwort, oder war jemand wegen einer Verspätung nur nicht eingelassen worden, eine Praxis, die bei Wagner-Aufführungen immer noch eingehalten wurde.

Er ging nach draußen, wanderte umher, trank eine Tasse Kaffee, rauchte eine Zigarette und kehrte zurück, als der Aufruf kam. Als er zu seinem Platz zurückkehrte, war der Sitz neben ihm besetzt. Sofort spürte er seine Aufregung wieder. Er setzte sich. Ja, es war die Frau aus der Frankfurter Abflughalle. Sie schaute ihn nicht an, sondern blickte starr geradeaus. Im Profil sah ihr Gesicht genauso klar geschnitten und rein aus, wie er es in Erinnerung hatte. Sie bewegte leicht den Kopf, und ihr Blick ging über ihn hinweg, ohne ein Wiedererkennen zu signalisieren. So intensiv war dieses Nicht-Wiedererkennen, dass es jedes gesprochene Wort ersetzte. Dies war ein Treffen, das geheim bleiben sollte. Die Lichter wurden schwächer, und die Frau neben ihm wandte sich ihm zu.

«Verzeihen Sie, könnte ich mir Ihr Programmheft ansehen? Ich habe meines auf dem Weg zu meinem Platz verloren, fürchte ich.»

«Natürlich», erwiderte er.

Er reichte das Programmheft hinüber, und sie nahm es entgegen. Sie öffnete es und studierte den Inhalt. Der zweite Teil der Aufführung begann. Es fing mit der Lohengrin-Ouvertüre an. Am Ende reichte sie ihm das Programmheft mit ein paar Dankesworten zurück.

«Haben Sie vielen Dank. Das war sehr freundlich von Ihnen.»

Das nächste Stück war das Waldweben aus Siegfried. Er konsultierte das Programmheft, das sie ihm zurückgegeben hatte. Da bemerkte er etwas, das schwach mit Bleistift unten auf einer Seite geschrieben stand. Er versuchte nicht, es sofort zu lesen. Das Licht hätte dazu auch gar nicht ausgereicht. Er klappte das Programmheft zu und hielt es fest. Er war sich sicher, dass er selbst nichts dorthin geschrieben hatte. Vielleicht hatte sie ihm also ihr eigenes Programmheft gegeben, dachte er, und vorher schon eine Botschaft an ihn hineingeschrieben. Die allgemeine Atmosphäre von Geheimnis und Gefahr herrschte noch immer, dachte er. Das Treffen auf der Hungerford-Brücke und der Umschlag mit der Eintrittskarte, die ihm in die Hand gedrückt worden war. Und nun die Frau, die stumm neben ihm saß. Er sah sie ein- oder zweimal an mit dem flüchtigen, gleichgültigen Blick, den man einer Fremden, die neben einem sitzt, schenkt. Sie saß zurückgelehnt auf ihrem Sessel; ihr hochgeschlossenes Kleid war aus stumpfem, dunklem Krepp. Ein antiker Goldreifen umschloss ihren Hals. Ihr Haar war kurz geschnitten. Sie erwiderte seinen Blick nicht. Er fragte sich, ob irgendjemand auf einem der Plätze in der Festival Hall sie beobachtete – oder ihn? Ob jemand registrierte, wenn sie sich ansahen oder miteinander sprachen? Anzunehmen war das, zumindest bestand die Möglichkeit. Sie hatte seine Zeitungsannonce beantwortet. Das sollte ihm genügen. Seine Neugier war unvermindert, aber er wusste jetzt wenigstens, dass Daphne Theofanous – alias Mary Ann – hier in London war. Es gab künftige Möglichkeiten, mehr darüber zu erfahren, was genau im Gange war. Aber der Schlachtplan musste ihr überlassen bleiben. Er musste ihren Hinweisen folgen. So wie er auf dem Flughafen ihre Anweisungen befolgt hatte, würde er sie auch jetzt befolgen und – er musste es zugeben – das Leben war plötzlich interessanter geworden. Das war besser als die langweiligen Konferenzen in seinem politischen Dasein. Hatte ihn tatsächlich ein Wagen gestreift neulich am Abend? Er glaubte es zumindest. Zwei Versuche – nicht nur einer. Es war allerdings leicht anzunehmen, dass man das Ziel eines Überfalls war. Die Leute fuhren heutzutage so rücksichtslos. Er faltete sein Programmheft zusammen und sah es nicht mehr an. Die Musik ging zu Ende. Die Frau neben ihm sprach plötzlich. Sie drehte nicht den Kopf und man sah sie nicht sprechen. Aber sie sprach hörbar, mit einem kleinen Seufzer zwischen den Worten, als redete sie mit sich selbst oder mit ihrem Nachbarn zur anderen Seite.

«Jung-Siegfried», sagte sie und seufzte wieder.

Die Vorstellung endete mit dem Marsch aus den Meistersingern. Nach enthusiastischem Beifall begann das Publikum seine Plätze zu verlassen. Er wartete, ob sie ihm irgendeinen Hinweis gäbe, aber das tat sie nicht. Sie nahm Ihren Umhang, verließ die Sitzreihe und bewegte sich mit leicht beschleunigten Schritten mit den anderen Leuten nach vorn und verschwand in der Menge.

Stafford Nye ging zu seinem Wagen und fuhr nach Hause. Dort angekommen, legte er das Programmheft aus der Festival Hall auf seinen Schreibtisch und untersuchte es eingehend, nachdem er einen Kaffee aufgesetzt hatte.

Das Programmheft war eine echte Enttäuschung. Es schien keinerlei Botschaft zu enthalten. Nur auf einer Seite über der Auflistung der Stücke befanden sich die Bleistiftmarkierungen, die er vage gesehen hatte. Aber es waren keine Wörter, Buchstaben oder Zahlen. Es schien nur eine musikalische Notiz zu sein. Es war, wie wenn jemand ein musikalisches Motiv mit einem etwas unzulänglichen Bleistift in Noten aufgezeichnet hätte. Einen Augenblick lang glaubte Stafford Nye, die Notiz enthalte eine geheime Botschaft, die er mittels Hitzebehandlung hervorbringen könnte. Sehr vorsichtig und etwas beschämt über seine melodramatische Fantasie hielt er sie an die Elektroheizung, aber das führte zu keinem Ergebnis. Mit einem Seufzer warf er das Programmheft zurück auf den Tisch. Er fühlte sich zu Recht verärgert. All dieser Zirkus, ein Rendezvous auf einer windigen und regnerischen Brücke über den Fluss! Ein Konzert neben einer Frau, der er sehnlichst zumindest ein Dutzend Fragen stellen wollte – und am Ende? Nichts! Kein Weiterkommen. Immerhin, sie hatte sich mit ihm getroffen. Aber warum? Wenn sie nicht mit ihm sprechen wollte, keine weiteren Verabredungen mit ihm treffen wollte, warum war sie dann überhaupt gekommen?

Sein Blick wanderte gleichgültig durch den Raum zu seinem Bücherregal, in dem sich Thriller, Detektivromane und einige Science-Fiction-Romane befanden; er schüttelte den Kopf. Romane waren der Wirklichkeit unendlich überlegen. Leichen, geheimnisvolle Anrufe, schöne ausländische Spioninnen in Mengen! Aber diese besondere, nur schwer greifbare junge Dame war vielleicht noch nicht fertig mit ihm. Nächstes Mal, dachte er, würde er seine eigenen Vorkehrungen treffen. Er konnte das Spiel genauso spielen wie sie.

Er trank noch eine Tasse Kaffee und ging zum Fenster, das Programmheft hielt er fest in der Hand. Als er auf die Straße hinaussah, fiel sein Blick wieder auf das aufgeschlagene Programmheft in seiner Hand und er summte fast unbewusst etwas vor sich hin. Er hatte ein feines Ohr für Musik und konnte ganz leicht die Noten summen, die dort hingekritzelt waren. Wie er sie so summte, klangen sie vage bekannt. Er erhob die Stimme ein wenig. Was war das nur? Tarn, tarn, tarn tarn ti-tam. Ja, definitiv bekannt.

Er begann, seine Briefe zu öffnen.

Die meisten waren uninteressant. Zwei Einladungen, eine von der Amerikanischen Botschaft, eine von Lady Athelhampton. Eine Wohltätigkeitsveranstaltung, die auch Mitglieder des Königshauses besuchen würden, und es wurde angedeutet, dass fünf Guineen keine exorbitante Gebühr für eine Platzkarte seien. Er legte sie beiseite. Er bezweifelte stark, dass er auch nur eine der Einladungen annehmen würde. Er beschloss, sich aufzumachen und wie versprochen seine Tante Matilda zu besuchen. Er mochte Tante Matilda, auch wenn er sie nicht sehr oft besuchte. Sie lebte in einer großzügigen Wohnung in einem Flügel eines Georgianischen Herrenhauses auf dem Lande, das sie von seinem Großvater geerbt hatte. Die Wohnung bestand aus einem großen, wohlproportionierten Wohnzimmer, einem kleinen ovalen Esszimmer, einer neuen Küche in der ehemaligen Dienstbotenkammer, zwei Gästeschlafzimmern, einem großen komfortablen Schlafzimmer für sich selbst mit dazugehörigem Badezimmer sowie einer passenden Unterkunft für eine geduldige Freundin, die das tägliche Leben mit ihr teilte. Die Reste der treuen Dienerschaft waren gut versorgt und untergebracht. Der Rest des Hauses verblieb unter Tüchern und wurde von Zeit zu Zeit gereinigt. Stafford Nye hing sehr an diesem Haus, er hatte als Junge dort seine Ferien verbracht.

Damals war es ein fröhliches Haus gewesen. Sein ältester Onkel lebte dort mit seiner Frau und zwei Kindern. Ja es war schön dort seinerzeit. Es gab genug Geld und ausreichend Personal, um den Haushalt zu führen. In jenen Tagen hatte er die Porträts und Bilder an den Wänden kaum beachtet. Es gab großflächige Exemplare viktorianischer Kunst, die die besten Plätze beanspruchten und die meisten Wände füllten, aber es gab auch andere Meister älteren Ursprungs. Ja, es hatte ein paar gute Porträts gegeben. Einen Raeburn, zwei Lawrence-Bilder, einen Gainsborough, einen Lely, zwei ziemlich dubiose van Dycks. Auch zwei Turners. Einige mussten allerdings verkauft werden, da die Familie Geld brauchte. Es erfreute ihn immer noch, umherzuwandern und die Familienporträts zu studieren, wenn er dort zu Besuch war.

Seine Tante Matilda war eine rechte Plaudertasche, und sie freute sich immer über seinen Besuch. Er konnte nicht erklären, warum, aber er hatte sie gern, dennoch war er sich nicht ganz darüber im Klaren, warum er sie ausgerechnet jetzt besuchen wollte. Und was hatte ihn nur auf die Familienporträts gebracht? Ging es darum, dass es dort ein Porträt seiner Schwester Pamela von vor zwanzig Jahren gab, das ein bedeutender Künstler gefertigt hatte? Er wollte dies Porträt von Pamela sehen und genauer betrachten. Sehen, wie stark die Ähnlichkeit war zwischen der Fremden, die sein Leben auf diese wirklich empörende Art durcheinandergebracht hatte, und seiner Schwester.

Er nahm das Festival-Hall-Programmheft leicht verärgert wieder zur Hand und begann die aufgezeichneten Noten zu summen. Tam, tam, ti tam – da ging es ihm plötzlich auf, und er wusste, was es war. Das Siegfried-Motiv. Das war, was die Frau am Abend zuvor gesagt hatte. Nicht direkt zu ihm, zu niemandem. Aber das war die Botschaft, die niemand sonst hätte deuten können, da sie sich auf die Musik zu beziehen schien, die gerade gespielt wurde. Und das Motiv war in sein Programmheft geschrieben worden, auch musikalisch formuliert. Jung-Siegfried. Das musste etwas bedeuten. Nun, vielleicht gab es weitere Aufklärung. Jung-Siegfried. Was zur Hölle sollte das wirklich heißen? Warum und wie und wann und was? Lächerlich! All diese Fragen.

Er griff zum Telefon und wählte Tante Matildas Nummer.

«Aber sicher, lieber Staffy, ich freue mich darauf, dich hier zu haben. Nimm den Zug um vier Uhr dreißig. Der fährt immer noch, weißt du, aber er kommt hier anderthalb Stunden später an. Und er fährt später von Paddington ab – fünf Uhr fünfzehn. Ich nehme an, das halten sie wohl für die Erneuerung der Bahn. Hält auf dem Weg an einigen höchst lächerlichen Stationen. Nun gut. Horace holt dich in King’s Marston ab.»

«Er ist also immer noch da?»

«Natürlich ist er noch da.»

«Das hatte ich auch erwartet», sagte Sir Stafford Nye.

Horace, einst Pferdeknecht, dann Kutscher, war ihr Chauffeur geworden und lebte offensichtlich immer noch.

«Er muss mindestens achtzig sein», sagte Sir Stafford und lächelte in sich hinein.

Kapitel 6 Porträt einer Dame

«Du siehst sehr nett und braun gebrannt aus», sagte Tante Matilda und inspizierte ihn anerkennend. «Das liegt an Malaysia, nehme ich an. Wenn es Malaysia ist, wo du warst? Oder war es Siam oder Thailand? Sie ändern die Namen all dieser Orte ständig und das macht es wirklich nicht leicht. Auf jeden Fall war es nicht Vietnam, oder? Weißt du, ich mag den Klang von Vietnam überhaupt nicht. Das ist alles so verwirrend. Nordvietnam und Südvietnam und die Vietcong und die Viet – was immer die anderen sind, und alle wollen sich bekriegen und keiner will aufhören. Sie wollen nicht nach Paris gehen oder sonst wo hin und nicht am runden Tisch sitzen und vernünftig miteinander reden. Glaubst du nicht, mein Lieber – ich habe darüber nachgedacht und ich denke, es wäre eine gute Lösung –, man könnte einfach eine Menge Fußballfelder errichten. Dort könnten sie alle hingehen und sich bekämpfen, aber nicht mit diesen tödlichen Waffen. Nicht dieses grässliche palmenentblätternde Zeugs. Nur aufeinander einschlagen und boxen und so. Es würde allen gefallen, man könnte Eintritt verlangen, und die Leute würden hingehen und zuschauen. Ich glaube wirklich, wir verstehen es nicht, den Leuten die Dinge zu geben, die sie wirklich haben möchten.»

«Ich denke, das ist eine gute Idee von dir, Tante Matilda», sagte Sir Stafford Nye, als er ihre angenehm parfümierte, faltige, blassrosa Wange küsste. «Und wie geht es dir, meine Liebe?»

«Nun, ich bin alt», sagte Lady Matilda Cleckheaton. «Ja. Ich bin alt. Natürlich weißt du nicht, wie es ist, alt zu sein. Eins kommt zum anderen, Rheumatismus, Arthritis, ein schlimmer Asthmaanfall, eine Halsentzündung oder ein verstauchter Knöchel. Etwas ist immer, weißt du. Nichts Wichtiges. Aber so ist es. Warum kommst du mich besuchen, mein Lieber?»

Sir Stafford war ein wenig überrascht von der Direktheit dieser Frage.

«Ich besuche dich für gewöhnlich immer, nachdem ich von einer Auslandsreise zurückgekehrt bin.»

«Du musst deinen Stuhl näher rücken», sagte Tante Matilda. «Ich bin ein bisschen schwerhöriger als bei unserem letzten Zusammentreffen. Du siehst anders aus… Warum siehst du anders aus?»

«Weil ich braun gebrannt bin. Du hast es selbst gesagt.»

«Unsinn, das habe ich überhaupt nicht gemeint. Sag mir nicht, dass es endlich eine Frau in deinem Leben gibt.»

«Eine Frau?»

«Nun, ich hatte es immer im Gefühl, dass es eines Tages so kommen würde. Das Problem ist, du hast zu viel Sinn für Humor.»

«Warum glaubst du das?»

«Nun, das ist es, was die Leute über dich denken. Dein Humor steht dir auch bei deiner Karriere im Wege. Weißt du, du bist mit all diesen Leuten in Kontakt. In Diplomatie und Politik. Was man so junge Staatsmänner und ältere Staatsmänner und auch mittelalte Staatsmänner nennt. Und all die verschiedenen Parteien. Wirklich, ich finde es höchst albern, zu viele Parteien zu haben. Zuerst einmal diese schrecklichen, schrecklichen Labour-Leute.» Sie streckte ihre konservative Nase in die Höhe. «Als ich ein junges Mädchen war, gab es auch nicht im Entferntesten eine Labour-Partei. Niemand hätte verstanden, was damit gemeint war. Sie hätten es als ‹Unsinn› bezeichnet. Schade, dass es keiner war. Dann sind da natürlich die Liberalen, aber die sind furchtbar schlapp. Und dann sind da die Tories oder die Konservativen, wie sie sich jetzt wieder nennen.»

«Und was ist mit denen los?», fragte Stafford Nye und lächelte sanft.

«Zu viele ernsthafte Frauen. Das nimmt ihnen den Frohsinn, weißt du.»

«Nun, keine politische Partei setzt heutzutage besonders auf Frohsinn.»

«Eben», sagte Tante Matilda. «Und deshalb machst du einen Fehler. Du willst die Dinge ein wenig lockerer angehen. Du möchtest ein bisschen Frohsinn, und so nimmst du die Leute sanft auf die Schippe. Und das mögen sie natürlich nicht. Sie sagen ‹Ce n’est pas un garcon sérieux› wie der Mann beim Fischen.»

Sir Stafford lachte. Sein Blick wanderte durch den Raum. «Was schaust du dir an?»

«Deine Bilder.»

«Du willst doch nicht, dass ich sie verkaufe, oder? Alle scheinen heute ihre Bilder zu verkaufen. Wie der alte Lord Grampion, weißt du. Er hat seine Turners verkauft und auch einige seiner Vorfahren. Und Geoffrey Gouldman. All seine wunderbaren Pferdebilder. Waren sie nicht von Stubbs? Irgend so was. Wirklich, die Preise, die man erzielt!

Aber meine Bilder will ich nicht verkaufen. Ich mag sie. Die meisten in diesem Raum sind wirklich von Interesse, weil es Vorfahren sind. Ich weiß, dass heute keiner mehr Wert auf Vorfahren legt, aber ich bin eben altmodisch. Ich liebe Vorfahren. Meine eigenen Vorfahren natürlich. Wen siehst du da an? Pamela?»

«Ja. Ich habe neulich an sie gedacht.»

«Erstaunlich, wie sehr ihr euch ähnelt. Ihr seid ja keine Zwillinge, obwohl man sagt, dass Zwillinge bei unterschiedlichem Geschlecht nicht eineiig sein können. Sie können nicht identisch sein, wenn du verstehst, was ich meine.»

«Also muss Shakespeare bei Viola und Sebastian ein ziemlicher Fehler unterlaufen sein.»

«Nun, auch normale Brüder und Schwestern können sich ähneln, oder? Du und Pamela, ihr wart euch immer sehr ähnlich. Äußerlich zumindest.»

«In anderer Hinsicht nicht? Denkst du nicht, wir waren uns auch ähnlich im Charakter?»

«Nein, nicht im Mindesten. Das ist das Interessante daran. Aber natürlich hatten Pamela und du das, was ich das ‹Familiengesicht› nenne. Kein Nye-Gesicht. Ich meine das Baldwen-White-Gesicht.»

Sir Stafford Nye hatte sich nie als konkurrenzfähig betrachtet, wenn es um ein Gespräch über Fragen der Genealogie mit seiner Großtante Matilda ging.

«Ich habe immer gedacht, dass Pamela und du beide nach Alexa geraten seid», fuhr sie fort.

«Wer war denn Alexa?»

«Deine Urur-, ich glaube, noch ein Ur- mehr, -Großmutter. Eine ungarische Gräfin oder Baronesse oder so was. Dein Ururgroßvater verliebte sich in sie, als er in Wien bei der Botschaft war. Ja. Ungarin. Das war sie. Auch sehr sportlich. Sie sind sportlich, die Ungarn, weißt du? Sie war Jagdreiterin, mit der Meute, sie ritt erstklassig.»

«Hängt sie auch in der Bildergalerie?»

«Sie hängt auf dem ersten Treppenabsatz. Genau über dem Ende der Treppe, ein bisschen weiter rechts.»

«Ich werde sie mir ansehen, bevor ich zu Bett gehe.»

«Warum schaust du sie dir nicht jetzt an? Und dann kannst du wiederkommen und wir können über sie sprechen.»

«Das werde ich tun, wenn du möchtest.» Er lächelte sie an.

Er rannte aus dem Zimmer und die Treppe hinauf. Ja, sie hatte scharfe Augen, die gute Matilda. Das war das Gesicht, das er gesehen hatte und an das er sich erinnerte. Nicht wegen der Ähnlichkeit mit ihm selbst, nicht einmal wegen der Ähnlichkeit mit Pamela, sondern wegen einer noch stärkeren Ähnlichkeit mit diesem Bild dort. Ein gut aussehendes Mädchen, heimgebracht von seinem Botschafter-Urururgroßvater, wenn das genug der Urs waren.

Tante Matilda konnte sich nicht mit nur ein paar davon zufrieden geben. Sie war damals ungefähr zwanzig. Die temperamentvolle junge Frau war eine meisterhafte Reiterin und tanzte göttlich, und die Männer lagen ihr zu Füßen. Aber, so wurde berichtet, sie war dem Urururgroßvater treu, ein sehr standhaftes und nüchternes Mitglied des Diplomatischen Dienstes. Sie hatte ihn in ausländische Botschaften begleitet und war dann hierher zurückgekehrt, hatte Kinder bekommen – drei oder vier, so glaubte er. Von einem dieser Kinder war die Erbschaft ihres Gesichtes, ihrer Nase und ihres Halsansatzes auf ihn und seine Schwester Pamela gekommen. Er fragte sich, ob die junge Frau, die ein Rauschmittel in sein Bier getan und ihn aufgefordert hatte, ihr seinen Umhang zu leihen, und die sich als in tödlicher Gefahr befindlich dargestellt hatte, wenn er nicht tat, was sie verlangte, vielleicht mit ihm verwandt war. Etwa eine Cousine fünften oder sechsten Grades, eine Nachfahrin der an der Wand abgebildeten Frau, die er gerade betrachtete. Vielleicht waren sie von gleicher Nationalität. Jedenfalls sahen sich ihre Gesichter ziemlich ähnlich. Wie aufrecht sie gesessen hatte in der Oper, wie gerade das Profil, das Kinn, die leicht gebogene Adlernase war. Und diese Aura, die sie umgab.

II

«Hast du Sie gefunden?», fragte Lady Matilda, als ihr Neffe in den weißen Salon zurückkehrte, wie sie ihr Wohnzimmer gewöhnlich bezeichnete. «Sie hat ein interessantes Gesicht, nicht wahr?»

«Ja, und sie ist auch sehr gut aussehend.»

«Es ist viel besser, interessant zu sein als gut aussehend. Aber du bist nie in Ungarn oder Österreich gewesen, oder? So jemanden würdest du wohl in Malaysia nie treffen. Sie würde niemals dort an einem Tisch herumsitzen und kleine Notizen machen oder Reden korrigieren oder so was. Sie war ein wildes Geschöpf, allen Berichten zufolge. Auch wenn sie wunderbare Manieren hatte. Sie war wie ein Wildvogel. Leider wusste Sie nicht, wann Gefahr lauert.»

«Wieso weißt du so viel über sie?»

«Oh, ich muss zugeben, ich war keine Zeitgenossin. Ich wurde erst einige Jahre nach ihrem Tod geboren. Dennoch habe ich mich immer für sie interessiert. Sie war abenteuerlustig, weißt du. Äußerst abenteuerlustig. Sehr seltsame Geschichten wurden über sie erzählt, von Dingen, in die sie verwickelt war.»

«Und wie hat mein Urururgroßvater darauf reagiert?»

«Ich glaube, es hat ihn zu Tode geängstigt», antwortete Lady Matilda. «Man sagte jedoch, dass er ihr sehr zugetan war. Übrigens, Staffy, hast du jemals ‹Der Gefangene von Zenda› gelesen?»

«Nun, sicher, das klingt bekannt – es ist der Titel eines Romans.»

«Ich dachte, du wüsstest nichts darüber, denn es war lange vor deiner Zeit. Als ich ein junges Mädchen war – da war das unsere erste Begegnung mit dem Romantischen. Keine Popsänger oder Beatles. Nur ein romantischer Roman. Als ich jung war, durften wir keine Romane lesen. Jedenfalls nicht morgens. Höchstens am Nachmittag durfte man sie lesen.»

«Was für merkwürdige Regeln», befand Sir Stafford. «Warum war es verboten, am Morgen Romane zu lesen, am Nachmittag jedoch nicht?»

«Nun, am Morgen sollten junge Mädchen etwas Nützliches tun. Die Blumen arrangieren oder die silbernen Bilderrahmen putzen, weißt du. All diese Dinge, die wir Mädchen so taten. Ein bisschen mit der Gouvernante lernen – all solche Sachen. Am Nachmittag durften wir uns hinsetzen und ein Buch mit Geschichten lesen, und ‹Der Gefangene von Zenda› war eines der ersten, das uns in die Hände fiel.»

«Eine nette, anständige Geschichte, nehme ich an? Ich glaube, ich erinnere mich daran. Vielleicht habe ich es sogar gelesen. Alles ist sehr unschuldig, nehme ich an. Nicht zu erotisch?»

«Sicherlich nicht. Wir hatten keine erotischen Bücher. Wir hatten romantische Bücher. ‹Der Gefangene von Zenda› war sehr romantisch. Man verliebte sich üblicherweise in den Helden, in Rudolf Rassendyll.»

«An den Namen glaube ich mich auch zu erinnern. Ziemlich blumig, nicht wahr?»

«Nun, ich glaube. Es war ein ziemlich romantischer Name. Zwölf Jahre muss ich alt gewesen sein. Ich erinnerte mich daran, als du nach oben gingst, um dir das Porträt anzusehen. Das von Prinzessin Flavia», fügte sie hinzu.

Stafford Nye lächelte ihr zu.

«Du siehst gerade jung und rosig und sehr sentimental aus», sagte er.

«Nun, so fühle ich mich auch. Die jungen Mädchen heutzutage kennen solche Gefühle gar nicht. Sie sinken dahin vor Liebe, oder sie fallen in Ohnmacht, wenn einer Gitarre spielt oder mit sehr lauter Stimme singt, aber sie sind nicht sentimental. Ich war allerdings nicht in Rudolf Rassendyll verliebt. Ich war in den anderen verliebt – in seinen Doppelgänger.»

«Er hatte einen Doppelgänger?»

«Aber ja, den König von Ruritanien.»

«Ach, natürlich, jetzt erinnere ich mich. Daher kommt das Wort Ruritanien: Es wird immer überall eingeworfen. Ja, ich glaube, ich habe es gelesen. Der König von Ruritanien, und Rudolf Rassendyll agierte als Stellvertreter für den König und verliebte sich in Prinzessin Flavia, mit der der König offiziell verlobt war.»

Lady Matilda gab noch einige tiefe Seufzer von sich.

«Ja, Rudolf Rassendyll hatte sein rotes Haar von einer Vorfahrin geerbt, und irgendwo in dem Buch verneigt er sich vor ihrem Bild und sagt etwas – ich kann mich gerade an den Namen nicht erinnern – über die Gräfin Amelia oder so, von der er sein Aussehen und alles andere geerbt hat. So habe ich dich angeschaut und mir dich als Rudolf Rassendyll vorgestellt. Und du bist hinausgegangen und hast dir ein Bild angesehen von dieser Frau, die vielleicht deine Ahnin hätte sein können. Und du wolltest wissen, ob sie dich an irgendwen erinnert. Also bist du in eine Romanze verwickelt, nicht wahr?»

«Warum um Himmels willen glaubst du das?»

«Nun, es gibt nicht allzu viele Lebensmuster, weißt du. Man erkennt das Schema, wenn man darauf stößt. Es ist wie ein Strickmusterbuch. Ungefähr 65 verschiedene Fantasiemuster. Dein Muster, würde ich sagen, ist im Augenblick das romantische Abenteuer.» Sie seufzte. «Aber du wirst es mir wahrscheinlich nicht erzählen.»

«Es gibt nichts zu erzählen», erwiderte Sir Stafford.

«Du warst immer ein geschickter Lügner. Nun, sei’s drum. Bring sie einmal mit zu Besuch. Das ist alles, was ich möchte, bevor die Ärzte es schaffen, mich mit einer weiteren Variante von Antibiotika umzubringen, die sie gerade entdeckt haben. All die bunten Pillen, die ich bis jetzt schon einnehmen musste! Das ist kaum zu glauben!»

«Ich weiß nicht, warum du ‹sie› sagst –»

«Nicht? Nun, ich erkenne eine ‹sie›, wenn sie mir über den Weg läuft. Irgendwo schlängelt sich eine ‹sie› durch dein Leben. Ich habe keine Ahnung, wie du sie gefunden hast. In Malaysia, am Konferenztisch? Eine Botschaftertochter oder Ministertochter? Eine gut aussehende Sekretärin aus der Botschaft? Nein. Nichts davon scheint zu passen. Auf der Schiffsreise nach Hause? Nein, man fährt heutzutage nicht mehr mit dem Schiff. Vielleicht im Flugzeug.»

«Du kommst der Sache schon etwas näher», konnte sich Sir Stafford nicht verkneifen.

«Ah!» Sie bohrte weiter. «Eine Stewardess?»

Er schüttelte den Kopf.

«Nun ja. Behalte dein Geheimnis für dich, ich bekomme es schon heraus, glaube mir. Ich hatte immer einen guten Riecher für alles, was dich betrifft. Auch für die Dinge im Allgemeinen. Natürlich bin ich heute so ziemlich aus allem heraus, aber von Zeit zu Zeit treffe ich meine alten Freunde, und es ist ziemlich leicht, ihnen die eine oder andere Information zu entlocken. Die Leute machen sich Sorgen. Überall – alle sind besorgt.»

«Du meinst, es besteht eine allgemeine Unzufriedenheit – oder Besorgnis?»

«Nein, das meine ich überhaupt nicht. Ich meine, die in den oberen Etagen sind besorgt. Unsere schrecklichen Regierungen hegen Befürchtungen. Das gut alte verschlafene Außenministerium macht sich Sorgen. Irgendwas bewegt sich, es geschehen Dinge, die nicht sein sollten. Unruhen.»

«Studentenunruhen?»

«Ach, Studentenunruhen sind nur eine kleine Blüte an diesem Baum. Er gedeiht überall und in jedem Land, so scheint es zumindest. Ich habe ein nettes Mädchen, das jeden Tag kommt, um mir morgens die Zeitungen vorzulesen. Ich kann nicht mehr so gut lesen. Sie hat eine hübsche Stimme. Sie schreibt mir meine Briefe und liest mir Sachen aus der Zeitung vor, und sie ist ein gutes, freundliches Mädchen. Sie liest mir die Dinge vor, die ich gern höre, und nicht die Dinge, von denen sie glaubt, dass sie gut für mich wären. Ja, alle sind besorgt, soweit ich feststellen kann, und das habe ich mehr oder weniger auch von einem sehr guten alten Freund erfahren.»

«Einer deiner alten Freunde beim Militär?»

«Er ist Generalmajor, wenn du das meinst. Er hat schon vor vielen Jahren seinen Abschied genommen, weiß aber immer noch sehr gut Bescheid. Die Jugend ist sozusagen die Speerspitze des Ganzen. Aber das ist nicht das wirklich Beunruhigende. Sie – wer auch immer sie sein mögen – agieren durch die Jugend. Die Jugend in allen Ländern. Jugend, die angetrieben wird. Jugend, die Slogans ruft. Slogans, die aufregend klingen, auch wenn sie manchmal nicht wissen, was sie bedeuten. Es ist so einfach, eine Revolution anzuzetteln. Das ist ganz natürlich für die Jugend. Die Jugend war immer rebellisch. Sie rebellieren, sie zerstören, sie wollen eine andere Welt als die bestehende. Aber sie sind auch blind. Die Jugend trägt eine Binde vor den Augen. Sie überblicken nicht, wohin sie die Dinge führen. Was kommt als Nächstes? Was steht ihnen vor Augen? Und wer steht hinter ihnen und treibt sie an? Das ist das Erschreckende daran. Weißt du, da ist jemand, der dem Esel eine Karotte vorhält, damit er mitkommt. Und gleichzeitig steht einer hinter dem Esel und treibt ihn mit einem Stecken.»

«Du hast ja ganz außerordentliche Fantasien.»

«Das sind keine Fantasien, mein lieber Junge. Das haben die Leute damals über Hitler auch gesagt. Über Hitler und die Hitlerjugend. Aber das war lange und sorgfältig vorbereitet. Es war ein Krieg, der in allen Einzelheiten vorbereitet war. Es gab eine fünfte Kolonne, in mehreren Ländern aufgebaut, voll bereit für die Übermenschen. Die Übermenschen sollten die Blüte der deutschen Nation sein. Das dachten sie und daran glaubten sie leidenschaftlich. Jemand anders glaubt vielleicht heute auch so etwas. Es ist eine Glaubenslehre, die sie willig annehmen werden – wenn sie geschickt genug präsentiert wird.»

«Von wem sprichst du überhaupt? Meinst du die Chinesen oder die Russen? Was meinst du damit?»

«Ich weiß es nicht. Ich habe nicht die leiseste Idee. Aber da ist etwas irgendwo, und es bewegt sich auf derselben Linie. Wieder das Muster, siehst du. Das Schema! Die Russen? Niedergehalten vom Kommunismus. Ich glaube, man hält sie für altmodisch. Die Chinesen? Ich glaube, sie haben die Richtung verloren. Zu viel Vorsitzender Mao vielleicht. Ich weiß nicht, wer diese Leute sind und wer die Planung übernimmt. Wie schon gesagt, es geht um das Warum, das Wo, das Wenn und das Wer.»

«Sehr interessant.»

«Es ist so beängstigend. Die gleiche Idee kehrt immer wieder. Die Geschichte wiederholt sich. Der junge Held, der goldene Übermensch, dem alle folgen müssen.» Sie hielt inne und fuhr dann fort: «Die gleiche Idee, weißt du. Jung-Siegfried.»

Kapitel 7 Rat von Großtante Matilda

Großtante Matilda sah ihn an. Sie hatte sehr scharfe und kluge Augen. Stafford Nye hatte das schon früher bemerkt. In diesem Augenblick spürte er es besonders.

«Also hast du diesen Ausdruck schon gehört», sagte sie. «Soso.»

«Was hat er zu bedeuten?»

«Das weißt du nicht?» Sie zog die Augenbrauen hoch.

«Hand aufs Herz. Ich schwöre, ich weiß es nicht», sagte Sir Stafford wie in alten Kindertagen.

«Ja, das haben wir immer gesagt, nicht wahr?», erinnerte sich Lady Matilda. «Meinst du das ernst, was du sagst?»

«Ich weiß wirklich nichts darüber.»

«Aber du hast die Bezeichnung schon einmal gehört.»

«Ja. Jemand hat sie mir genannt.»

«Jemand Wichtiges?»

«Könnte sein. Ich nehme an, dass das sein könnte. Was meinst du mit jemand Wichtiges?»

«Nun, du warst in letzter Zeit an einigen Regierungsmissionen beteiligt, nicht wahr? Du hast dieses arme elende Land so gut es ging vertreten. Was, wie ich annehme, auch nicht viel besser war als was andere hätten tun können, indem sie an einem Tisch herumsaßen und redeten. Ich weiß nicht, ob irgendwas dabei herausgekommen ist.»

«Wahrscheinlich nicht», erwiderte Stafford Nye. «Immerhin, man ist ohnehin nicht optimistisch, wenn man diese Dinge in Angriff nimmt.»

«Aber man tut sein Bestes», sagte Lady Matilda berichtigend.

«Ein sehr christliches Prinzip. Wenn man heutzutage sein Schlimmstes tut, kommt man oft sehr viel besser zurande. Was hat das alles zu bedeuten, Tante Matilda?»

«Ich glaube, ich weiß das nicht», antwortete seine Tante.

«Nun, du weißt oft viele Dinge.»

«Nicht genau. Ich schnappe nur hier und da ein paar Sachen auf.»

«Ja?»

«Ein paar alte Freunde sind mir geblieben, weißt du. Freunde, die Bescheid wissen. Die meisten sind natürlich stocktaub oder halb blind oder ein bisschen wirr im Kopf oder nicht mehr in der Lage, geradeaus zu gehen. Aber etwas funktioniert noch. Sagen wir, etwas hier oben.» Sie schlug sich auf ihren ordentlich frisierten weißen Kopf. «Es gibt viel Angst und Niedergeschlagenheit. Mehr als gewöhnlich. Das ist eines der Dinge, die ich aufgeschnappt habe.»

«Gibt es das nicht immer?»

«Ja, ja, aber dies hier ist stärker. Aktiv statt passiv, könnte man sagen. Seit langem, wie ich als Außenstehende bemerke und du zweifellos als mitten im Geschehen Stehender, haben wir das Gefühl, dass die Dinge im Argen liegen. Sie sind schlimm durcheinandergeraten. Jetzt haben wir aber einen Punkt erreicht, wo wir den Eindruck gewinnen, dass jemand an dem Durcheinander gerührt hat. Es hat ein Element der Gefahr. Etwas ist im Gange – wird ausgebrütet. Nicht nur in einem Land. In einer ganzen Anzahl von Ländern. Sie haben eine eigene Truppe aufgestellt und die Gefahr dabei ist, dass es sich um junge Leute handelt. Die Art Leute, die bereit ist, überall hinzugehen, alles zu tun, unglücklicherweise auch alles zu glauben. Und solange man ihnen ein gewisses Maß an Zerstörung und Sand-ins-Getriebe-Streuen verspricht, glauben sie, es muss eine gute Sache sein und die Welt wird eine andere werden. Sie sind nicht kreativ, das ist das Problem – nur destruktiv. Kreative junge Leute schreiben Gedichte, Bücher, komponieren vielleicht Musik, malen Bilder, genau so, wie sie es immer getan haben. Sie sind in Ordnung – aber wenn die Leute einmal lernen, die Zerstörung um ihrer selbst willen zu lieben, hat eine üble Führerschaft ihre Chance.»

«Du sagst immer ‹sie› oder ‹die›. Wen meinst du eigentlich damit?»

«Ich wünschte, ich wüsste es», antwortete Lady Agatha. «Ja, ich wünschte, ich wüsste es. Sehr sogar. Wenn ich etwas Nützliches in Erfahrung bringe, werde ich es dir verraten. Dann kannst du etwas unternehmen.»

«Unglücklicherweise habe ich niemanden, dem ich das berichten könnte, das heißt, an den ich es weitergeben könnte.»

«Ja, gib es bloß nicht an irgendjemand Beliebigen weiter. Man kann sich auf die Leute nicht verlassen. Gib es nur nicht an einen von diesen Idioten in der Regierung weiter oder jemand, der mit der Regierung in Verbindung steht oder darauf zählt, in die Regierung zu kommen, wenn die Zeit der jetzigen Bande abläuft. Politiker haben gar keine Zeit, sich in der Welt, in der sie leben, umzusehen. Sie sehen zwar das Land, in dem sie leben, aber sie betrachten es lediglich als eine einzige große Wahlplattform. Damit haben sie dann vorerst genug auf ihrem Teller. Sie tun Dinge, von denen sie ehrlich glauben, dass sie alles besser machen. Und dann sind sie überrascht, wenn das nicht der Fall ist, weil es nicht die Dinge sind, die die Menschen haben wollen. Und man kann sich der Schlussfolgerung kaum erwehren, dass Politiker das Gefühl haben, sie hätten eine Art göttliches Recht auf Lügen für einen guten Zweck. Es ist wirklich noch gar nicht so lange her, dass Mr. Baldwin seine berühmte Bemerkung machte – ‹Hätte ich die Wahrheit gesagt, hätte ich die Wahl verloren.› Premierminister beanspruchen dieses Recht immer noch. Ab und zu haben wir einen wirklich großen Mann, Gott sei Dank. Aber das ist selten.»

«Nun, was schlägst du vor, was sollte man tun?»

«Fragst du mich um Rat? Mich? Weißt du, wie alt ich bin?»

«Du gehst auf die neunzig zu.»

«So alt bin ich nun auch wieder nicht», sagte Lady Matilda leicht beleidigt. «Sehe ich so aus, lieber Junge?»

«Nein, Liebes. Du siehst aus wie nette, gemütliche Sechsundsechzig.»

«Schon besser», schmunzelte Lady Matilda. «Es ist nicht wahr. Klingt aber besser. Vielleicht bekomme ich irgendeinen Tipp von einem meiner lieben alten Admiräle, einem alten General oder möglicherweise sogar von einem Luftmarschall. Die erfahren solche Dinge. Sie haben immer noch ihre engen Freunde, und die alten Knaben treffen sich und reden miteinander. Und so macht es dann die Runde. Es gab immer eine Art Nachrichtendienst, und den gibt es immer noch, gleichgültig, wie betagt die Leute sind. Jung-Siegfried. Wir suchen einen Hinweis auf die Bedeutung – ich weiß nicht, ob es eine Person ist, der Name eines Clubs, ein neuer Messias oder ein Popsänger. Aber dieser Ausdruck beinhaltet etwas. Dann ist da auch das musikalische Motiv. Ich habe meine Wagnerzeiten ziemlich vergessen.» Ihre gealterte Stimme krächzte eine nur teilweise erkennbare Melodie. «Siegfrieds Hornruf, nicht wahr? Besorg dir doch eine Blockflöte, warum tust du das nicht? Ich meine eine richtige Blockflöte. Keine Schallplatte, die man aufs Grammofon legen kann – ich meine so ein Ding, wie es die Schulkinder haben. Sie haben Unterricht darin. Neulich bin ich zu einem Vortrag gegangen. Unser Vikar hat ihn gehalten. Es war ganz interessant. Über die Geschichte der Blockflöte und alle Flöten, die es seit dem Elisabethanischen Zeitalter gegeben hat. Und die Blockflöten selbst, manche haben einen wunderschönen Ton. Und ihre Geschichte. Ja. Nun, was sagte ich gerade?»

«Du hast mir gesagt, ich solle solch ein Instrument besorgen, nehme ich an.»

«Ja. Besorg dir eine Flöte und lerne Siegfrieds Hornruf darauf zu spielen. Du bist musikalisch, das warst du schon immer. Du kannst das schaffen, oder?»

«Nun, es bedeutet wohl, eine sehr kleine Rolle bei der Rettung der Welt zu spielen, aber ich denke, ich schaffe das.»

«Und halte das Ding bereit. Weil» – sie klopfte mit ihrem Brillenetui auf den Tisch – «vielleicht musst du irgendwann einmal die falschen Leute mit deinem Spiel beeindrucken. Das ist vielleicht ganz nützlich. Sie würden dich mit offenen Armen empfangen, und du erfährst vielleicht etwas.»

«Du hast wirklich Ideen», sagte Sir Stafford bewundernd. «Was soll man sonst tun in meinem Alter?», fragte seine Großtante. «Man kommt nirgendwohin, kann sich nicht viel unter die Menschen mischen, nichts im Garten tun. Alles, was man tun kann, ist, im Sessel zu sitzen und Ideen auszubrüten. Denk daran, wenn du vierzig Jahre älter bist.»

«Eine deiner Bemerkungen fand ich interessant.»

«Nur eine?», fragte Lady Matilda. «Das ist ein eher dürftiges Ergebnis, verglichen damit, wie lange ich geredet habe. Was war es denn?»

«Du hast angedeutet, dass ich in der Lage sei, die falschen Leute mit meiner Blockflöte zu beeindrucken – hast du das ernst gemeint?»

«Nun, es ist eine Möglichkeit, nicht wahr? Die richtigen Leute sind nicht wichtig. Aber die falschen – nun, du musst etwas herausfinden, oder? Du musst in die Sache eindringen. So wie eine Totenuhr, ein Klopfkäfer», sagte sie nachdenklich.

«Also sollte ich bedeutsame Geräusche in der Nacht erzeugen?»

«Ja, so etwas in der Art, ja. Wir hatten hier einmal eine Totenuhr, im Ostflügel. Es war sehr kostspielig, sie wiederherzurichten. Ich bin sicher, es wird auch sehr teuer, die Welt wieder in Ordnung zu bringen.»

«In der Tat, sehr viel kostspieliger», erwiderte Stafford Nye.

«Das macht nichts», antwortete Lady Matilda. «Es stört die Leute nichts, viel Geld auszugeben. Das beeindruckt sie. Wenn man etwas sparsam abwickeln will, machen sie nicht mit.»

«Was meinst du denn damit?»

«Wir sind in der Lage, große Dinge zu tun. Wir waren gut im Regieren des Empire. Wir waren nicht gut darin, das Empire aufrechtzuerhalten. Aber dann brauchten wir ja auch gar kein Empire mehr. Und das haben wir erkannt. Es war schwierig, es in Gang zu halten. Robbie hat mir das klargemacht.»

«Robbie?» Das klang einigermaßen vertraut.

«Robbie Shoreham. Robert Shoreham. Er ist ein sehr alter Freund. Auf der linken Seite gelähmt. Aber er kann noch sprechen, und er hat ein ziemlich gutes Hörgerät.»

«Außerdem ist er einer der berühmtesten Physiker der Welt», fügte Stafford Nye hinzu. «Er ist also noch einer deiner sehr engen alten Freunde, nicht wahr?»

«Ich kenne ihn, seit er ein Junge war», erwiderte Lady Matilda. «Ich nehme an, du bist überrascht, dass wir befreundet sind, viel gemeinsam haben und uns gern miteinander unterhalten?»

«Nun, ich hätte nicht angenommen, dass –»

«Dass wir viel miteinander zu reden hätten? Sicher, mit Mathematik konnte ich nie etwas anfangen. Glücklicherweise habe ich es als Mädchen auch nie versucht. Robbie fiel die Mathematik leicht, schon als er, glaube ich, vier Jahre alt war. Heute sagen sie, das sei ganz natürlich. Er kann über vieles reden. Er hat mich immer gemocht, weil ich leichtsinnig war und ihn zum Lachen brachte. Ich bin auch eine gute Zuhörerin. Und er erzählt manchmal wirklich interessante Dinge.»

«Das nehme ich an», sagte Stafford Nye trocken.

«Nun sei nicht hochnäsig. Molière hat seine Haushälterin geheiratet, nicht wahr, und machte einen großen Erfolg daraus – wenn ich wirklich Molière meine. Wenn ein Mann es vor lauter Verstand nicht mehr aushalten kann, möchte er wirklich nicht auch noch eine Frau mit unerträglichem Verstand, um mit ihr zu reden. Das wäre zu anstrengend. Er wünscht sich viel lieber ein hübsches Dummchen, das ihn zum Lachen bringt. Ich sah nicht schlecht aus, als ich jung war», sagte Lady Matilda selbstzufrieden. «Ich weiß, ich hatte keinerlei akademische Auszeichnungen. Ich bin überhaupt nicht intellektuell. Aber Robert hat immer gesagt, ich hätte eine große Portion gesunden Menschenverstand und Intelligenz.»

«Du bist eine ganz reizende Person», befand Sir Stafford Nye. «Ich freue mich immer, dich zu besuchen. Und wenn ich abreise, werde ich mich an all die Dinge erinnern, die du mir gesagt hast. Es gibt sicher noch viel mehr Dinge, die du mir erzählen könntest, aber das wirst du offensichtlich nicht tun.»

«Nicht, bis der rechte Augenblick gekommen ist», antwortete Lady Matilda. «Aber mir liegt dein Interesse am Herzen. Lass mich von Zeit zu Zeit wissen, was du so treibst. Du wirst nächste Woche in die Amerikanische Botschaft zum Dinner gehen, nicht wahr?»

«Woher weißt du das? Ja, ich bin eingeladen.»

«Und du hast die Einladung angenommen, nehme ich an.»

«Nun, es ist alles im dienstlichen Rahmen.» Er sah sie neugierig an. «Wie schaffst du es, so gut informiert zu sein?»

«Oh, Milly hat es mir erzählt.»

«Milly?»

«Milly Jean Cortman. Die Frau des amerikanischen Botschafters. Ein sehr attraktives Geschöpf. Klein und ziemlich perfekt aussehend.»

«Ach, du meinst Mildred Cortman.»

«Mildred wurde sie getauft, aber sie bevorzugt Milly Jean. Ich habe mit ihr telefoniert wegen irgendeiner Wohltätigkeitsmatinee. Sie ist das, was wir früher eine Venus im Taschenformat nannten.»

«Eine sehr attraktive Bezeichnung», grinste Stafford Nye.

Kapitel 8 Ein Dinner in der Botschaft

I

Als Mrs. Cortman mit ausgestreckter Hand auf ihn zukam, erinnerte sich Stafford Nye an die Beschreibung, die seine Tante ihm von ihr gegeben hatte. Milly Jean Cortman war eine Frau zwischen fünfunddreißig und vierzig. Sie hatte zarte Gesichtszüge, große blaugraue Augen, einen perfekt geformten Kopf mit bläulich grauem Haar, ein besonders attraktiver Farbton, der ihr eine makellose Eleganz verlieh. Mrs. Cortman war in London sehr beliebt. Ihr Gatte Sam Cortman war ein großer, schwerer, etwas schwerfälliger Mann. Er war sehr stolz auf seine Frau. Er selbst war einer jener langsamen, übermäßig eindringlichen Redner. Die Leute schweiften gelegentlich in Gedanken ab, wenn er einen Punkt sehr ausführlich erläuterte, der eigentlich keiner Erklärung bedurfte. Er begrüßte ihn:

«Sie sind aus Malaysia zurück, Sir Stafford? Es muss interessant dort gewesen sein, auch wenn es nicht die Jahreszeit ist, die ich mir ausgesucht hätte. Wir sind alle sehr froh, Sie wieder hier zu haben. Sie kennen Lady Aldborough und Sir John und Herrn von Roken, Frau von Roken, Mr. und Mrs. Staggenham.»

Alles Leute, die Stafford Nye mehr oder weniger bekannt waren. Es gab einen Holländer und seine Frau, die er noch nicht kannte, sie hatten gerade erst ihren Posten angetreten. Die Staggenhams waren der Minister für Sozialversicherung und seine Frau. Er hatte sie schon immer für ein besonders uninteressantes Paar gehalten.

«Und Gräfin Renata Zerkowski. Ich glaube, sie sagte, sie seien sich früher schon einmal begegnet.»

«Es muss vor etwa einem Jahr gewesen sein. Als ich das letzte Mal in England war», sagte die Gräfin.

Und da war sie wieder, die Passagierin aus Frankfurt. Selbstsicher, wie selbstverständlich, wunderschön gekleidet in zartem Graublau mit ein wenig Chinchilla. Ihr Haar trug sie hoch aufgetürmt (eine Perücke?), ein Rubinkreuz in antikem Design um den Hals.

«Signor Gasparo, Graf Reitner, Mr. und Mrs. Arbuthnot».

Es waren alles in allem etwa sechsundzwanzig Leute. Beim Dinner saß Stafford Nye zwischen der uninteressanten Mrs. Staggenham und Signora Gasparo. Renata Zerkowski saß ihm direkt gegenüber.

Ein Botschaftsdinner. Ein Dinner, wie er sie oft besuchte, meist mit genau der gleichen Art von Gästen. Verschiedene Mitglieder des Diplomatischen Korps, Junior-Minister, ein oder zwei Industrielle, üblicherweise ein paar Damen und Herren der feinen Gesellschaft, weil sie gut Konversation machen konnten, natürliche, angenehme Leute. Obwohl – ein oder zwei waren vielleicht anders, dachte Stafford Nye, während er sich mit Signora Gasparo unterhielt, einer charmanten Gesprächspartnerin, einer etwas koketten Plaudertasche. Seine Gedanken wanderten umher, seine Augen auch, aber sehr unauffällig. Während sie über den Tisch glitten, hätte keiner sagen können, er zöge in Gedanken irgendwelche Schlüsse. Er war hierher eingeladen worden. Warum? Gab es einen bestimmten Grund? War sein Name einfach auf der Liste aufgetaucht, die die Sekretärinnen von Zeit zu Zeit erstellten und auf der sie die Namen markierten, die wieder an der Reihe waren? Oder war er der Ersatzmann, der dazu da war, die Sitzordnung auszugleichen? Er war immer gefragt, wenn ein Ersatzmann benötigt wurde.

«Ach ja», pflegte eine Diplomaten-Gastgeberin zu sagen, «Stafford Nye eignet sich hervorragend. Setzen wir ihn neben Madam Soundso oder Lady Sonstwer.»

Vielleicht war er nur aus diesem Grund eingeladen worden. Und doch war er sich nicht sicher. Er wusste aus Erfahrung, dass es auch andere Gründe gab. So waren seine Augen mit eiliger Unverbindlichkeit, den Anschein wahrend, dass sie nichts Besonderes wahrnahmen, immer in Bewegung.

Vielleicht war einer der Gäste aus einem bestimmten Grund bedeutsam. Jemand, der geladen war – nicht als Ersatz – im Gegenteil, jemand, der eine Auswahl von Gästen einladen ließ, die in seinen – oder ihren – Kreis passten. Er fragte sich, wer es sein könnte.

Cortman wusste natürlich Bescheid. Vielleicht auch Milly Jean.

Bei Ehefrauen wusste man nie. Manche waren bessere Diplomaten als ihre Ehemänner. Auf manche konnte man sich verlassen wegen ihres Charmes, ihrer Anpassungsfähigkeit, dem Bestreben zu gefallen und ihres Mangels an Neugier. Andere wieder, dachte er reumütig, waren für ihre Ehemänner eine Katastrophe. Es gab Gastgeberinnen, die, auch wenn sie Prestige oder Geld eingebracht hatten oder eine diplomatische Heirat gewesen waren, jederzeit in der Lage waren, das Falsche zu tun oder zu sagen und unglückliche Situationen herbeizuführen. Wollte man sich davor schützen, so benötigte man einen Gast oder besser mehrere Gäste, die sozusagen als professionelle Wogenglätter fungierten.

War diese Dinnerparty heute Abend noch etwas anderes als ein gesellschaftliches Ereignis? Sein geübtes, aufmerksames Auge hatte bereits den ganzen Tisch erfasst und ein oder zwei Leute herausgepickt, die er noch nicht ganz einschätzen konnte. Einen amerikanischen Geschäftsmann. Angenehm, gesellschaftlich allerdings nicht brillant. Ein Professor an einer der Universitäten im Mittelwesten. Ein Ehepaar, der Mann Deutscher, die Frau auffallend, nahezu aggressiv amerikanisch. Eine sehr schöne Frau. Sexuell höchst anziehend, dachte Sir Stafford. War einer von ihnen wichtig? Buchstabenkombinationen gingen ihm durch den Kopf. FBI. CIA. Der Geschäftsmann war vielleicht von der CIA und aus einem bestimmten Grund hier. So lagen die Dinge heute. Es war nicht wie früher. Wie hieß das Schlagwort? «Big Brother is watching you» – der Große Bruder beobachtet dich. Ja, heute ging es sogar noch weiter. «Der Transatlantische Cousin beobachtet dich.» Aber das war auch nur ein weiteres Schlagwort. Die Hochfinanz von Mitteleuropa beobachtet dich. Hier wurde die diplomatische Schwierigkeit verlangt, du sollst ihn beobachten. Ach ja. Heute steckte meist mehr hinter den Dingen. Aber war das auch nur ein Schlagwort, eine Formel, eine neue Mode? Sollte es wirklich mehr bedeuten, etwas Lebenswichtiges, Reales? Wie sprach man heute überhaupt über die Ereignisse in Europa? Der Gemeinsame Markt. Nun, das war schon in Ordnung, da ging es um Handel, um die Wirtschaft, die Beziehungen der Länder untereinander.

Das war die Bühne, auf der man agieren musste; aber was befand sich hinter der Bühne, backstage? Warten auf das Stichwort. Bereit sein zu soufflieren, wenn es nötig war. Was war los in der großen Welt, was geschah im Hintergrund? Er war sich nicht sicher.

Manches war ihm bekannt, anderes erriet er. Über einige Dinge weiß ich gar nichts, dachte er, und keiner will, dass ich etwas erfahre.

Seine Augen verweilten einen Augenblick auf seinem Gegenüber. Sie trug das Kinn erhoben, ihr Mund war sanft zu einem höflichen Lächeln verzogen. Ihre Augen trafen sich. Diese Augen sagten ihm gar nichts, das Lächeln ebenso wenig. Was tat sie hier? Sie war ganz in ihrem Element, sie passte hierher, kannte diese Welt. Ja, sie fühlte sich hier zu Hause. Er könnte ohne große Schwierigkeiten herausfinden, wo in der diplomatischen Welt sie einzuordnen war, dachte er. Aber würde ihm das verraten, wo ihr wirklicher Platz war?

Die junge Frau in Hosen, die ihn in Frankfurt so unvermittelt angesprochen hatte, sie hatte ein eifriges, intelligentes Gesicht. War das die wirkliche Frau, oder spielte sie nur eine Rolle? Und wenn ja, welche? Da könnte es auch noch mehr als nur diese beiden Persönlichkeiten geben. Das wollte er herausfinden.

Oder war die Tatsache, dass sie ihn um ein Treffen gebeten hatte, ohne Bedeutung? Milly Jean erhob sich. Die anderen Damen taten es ihr nach. Dann gab es plötzlich unerwarteten Lärm. Einen Lärm von außerhalb des Hauses. Rufe. Geschrei. Das Krachen von splitterndem Fensterglas. Rufe. Geräusche – sicherlich Pistolenschüsse. Signora Gasparo klammerte sich an Staffords Arm.

«Was, schon wieder?», rief sie aus. «Dio! Wieder diese furchtbaren Studenten. Genau wie bei uns. Warum greifen sie die Botschaften an? Sie kämpfen, setzen sich gegen die Polizei zur Wehr – demonstrieren und skandieren idiotische Sprüche und legen sich auf die Straße. Si, si. Wir haben sie in Rom – in Mailand – wir haben sie überall in Europa, wie eine Pest. Warum sind sie niemals zufrieden, diese jungen Leute, was wollen Sie nur?»

Stafford nippte an seinem Cognac und lauschte dem schwerfälligen Tonfall von Mr. Charles Staggenham, der wieder einmal endlos dozierte. Die Aufregung hatte sich gelegt. Anscheinend hatte die Polizei ein paar Hitzköpfe abgeführt. Es war einer dieser Vorfälle, die man früher für außergewöhnlich gehalten hätte, heute aber als selbstverständlich hinnahm…

«Ein großes Polizeiaufgebot. Das brauchen wir. Es ist einfach zu viel für die Leute. Es soll überall dasselbe sein. Hier gibt es Unruhen, aber bei den Franzosen auch. In den skandinavischen Ländern sind sie nicht so häufig. Was wollen die alle bloß – einfach nur Aufruhr? Ich sage Ihnen, wenn es nach mir ginge – »

Stafford Nyes Gedanken schweiften ab. Er gab jedoch vor, Charles Staggenham hingebungsvoll zuzuhören, der gerade erklärte, was genau er tun würde – das hätte man ohnehin von ihm erwartet.

«Sie schreien wegen Vietnam und so was. Was wissen die denn überhaupt von Vietnam? Sie sind doch nie da gewesen, oder?»

«Das ist sehr wahrscheinlich», sagte Sir Stafford Nye.

«Jemand hat mir vorhin erzählt, dass es eine Menge Unruhen in Kalifornien gegeben hat. An den Universitäten – wenn wir eine vernünftige Strategie hätten…»

Dann gingen die Herren hinüber zu den Damen in den Salon. Stafford Nye bewegte sich mit einer Lässigkeit, die er immer sehr hilfreich fand, und setzte sich zu einer gesprächigen Dame mit goldenem Haar, die ihm nur flüchtig bekannt war. Man konnte sicher sein, dass sie kaum etwas Interessantes von sich gab, jedoch über die Menschen in ihrem Bekanntenkreis äußerst genau informiert war. Stafford Nye stellte keine direkten Fragen. Aber ohne dass die Dame auch nur im Entferntesten bemerkte, wie er den Gesprächsgegenstand ansteuerte, hörte er prompt einige Äußerungen über die Gräfin Renata Zerkowski.

«Sie sieht immer noch fantastisch aus, nicht wahr? Heutzutage kommt sie nicht mehr oft hierher. Sie ist meist in New York, wissen Sie, oder auf dieser wundervollen Insel. Nicht Minorca. Irgendeine andere im Mittelmeer. Ihre Schwester ist mit diesem Seifenkönig verheiratet, ich glaube, es ist ein Seifenkönig. Nicht der griechische. Er ist Schwede, glaube ich. Schwimmt nur so im Geld. Dann verbringt sie natürlich viel Zeit auf diesem Schloss in den Dolomiten – oder bei München –, sie war immer sehr musikalisch. Sie sagt, Sie seien sich früher schon einmal begegnet?»

«Ja, ich glaube, vor ein oder zwei Jahren.»

«Ach ja, ich nehme an, als sie das letzte Mal in England war. Es heißt, sie sei in diese Tschechoslowakei-Sache verwickelt gewesen. Oder waren es die polnischen Unruhen?

Oh je, es ist alles so kompliziert, nicht wahr? Ich meine, all diese Namen. Sie haben so viele Z und K. Sehr ungewöhnlich und so schwer zu buchstabieren. Sie ist literarisch sehr gebildet. Macht Unterschriftensammlungen, um Schriftstellern hier Asyl zu gewähren, irgend so etwas. Nicht dass das irgendjemanden interessieren würde. Alle sind doch heutzutage nur damit beschäftigt, wie sie ihre eigenen Steuern bezahlen sollen. Der Reisefreibetrag bringt schon etwas, aber nicht sehr viel. Ich meine, man muss das Geld doch erst einmal haben, um es dann ins Ausland bringen zu können. Ich weiß gar nicht, wie die Leute es überhaupt schaffen, heutzutage an Geld zu kommen, aber es ist reichlich im Umlauf. Sehr reichlich sogar.» Sie betrachtete selbstgefällig ihre Hand, an der zwei große Solitäre, ein Diamant und ein Smaragd prangten, der beste Beweis, das zumindest auf sie ein beachtlicher Geldbetrag verwendet worden war.

Der Abend neigte sich dem Ende zu. Er wusste nicht viel mehr als vorher über die Passagierin aus Frankfurt. Er kannte ihre Fassade, eine anscheinend sehr facettenreiche Fassade, um diese Alliteration zu verwenden. Sie interessierte sich für Musik. Nun, er hatte sie ja auch in der Festival Hall getroffen. Sie liebte Sport. Sie hatte reiche Verwandte, denen Inseln im Mittelmeer gehörten. Sie unterstützte literarische Wohltätigkeitsinstitutionen. Also war sie jemand mit guten Verbindungen und verwandtschaftlichen Beziehungen, mit Zugang zur besten Gesellschaft. Sie war nicht auffällig politisch, aber vielleicht insgeheim einer bestimmten Gruppe verbunden. Jemand, der sich von Ort zu Ort bewegte und von Land zu Land. Unter den Reichen, den Talentierten, in der literarischen Welt.

Einen Augenblick lang dachte er an Spionage. Das schien die wahrscheinlichste Erklärung. Und doch war er damit nicht ganz zufrieden.

Der Abend zog sich hin. Dann war endlich auch er an der Reihe, von seiner Gastgeberin mit Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Milly Jean war sehr geschickt darin.

«Ich habe schon die ganze Zeit versucht, mit Ihnen zu plaudern. Ich möchte so gern etwas über Malaysia hören. Ich weiß leider so wenig über all diese Orte in Asien, ich bringe sie immer durcheinander. Erzählen Sie, was ist da draußen passiert? Irgendetwas Interessantes oder war es schrecklich langweilig?»

«Die Antwort darauf können Sie bestimmt erraten.»

«Na ja, ich schätze, es war furchtbar langweilig. Aber vielleicht dürfen Sie das nicht sagen.»

«Oh ja. Ich darf es denken und auch sagen. Es war wirklich nicht interessant für mich.»

«Warum sind Sie dann überhaupt dort hingeflogen?»

«Ach, ich reise ganz gern. Ich sehe mir gern andere Länder an.»

«Sie sind ein wirklich faszinierender Mensch. Natürlich ist das Diplomatenleben extrem langweilig, oder? Ich dürfte das natürlich gar nicht sagen. Ich sage es auch nur Ihnen.»

Sie hatte sehr blaue Augen. Blau wie die Glockenblumen im Wald. Sie öffnete sie noch wenig weiter, die schwarzen Brauen senkten sich sanft an der Außenseite und wurden innen ein wenig hochgezogen. Es ließ ihr Gesicht wie das einer schönen Perserkatze erscheinen. Er fragte sich, wie Milly Jean wohl in Wirklichkeit war. Ihre sanfte Stimme war die einer Südstaatlerin. Der wohlgeformte kleine Kopf, das vollkommene Profil – wie war sie in Wirklichkeit? Bestimmt nicht dumm, dachte er. Eine, die ihre gesellschaftlichen Waffen einzusetzen wusste, wenn es nötig war. Die bezaubern konnte, wenn sie wollte, oder sich zurückziehen konnte, bis ins Rätselhafte. Wenn sie etwas Bestimmtes erreichen wollte, so würde sie das geschickt in die Tat umsetzen. Er bemerkte die Intensität des Blickes, den sie ihm schenkte. Wollte sie etwas von ihm? Er wusste es nicht. Er hielt es für kaum wahrscheinlich. Sie fragte: «Kennen Sie Mr. Staggenham?»

«Oh ja. Ich habe bei Tisch mit ihm gesprochen. Ich bin ihm jedoch vorher noch nie begegnet.»

«Es heißt, er sei sehr bedeutend», sagte Millie Jean. «Wie Sie wissen, ist er der Präsident von PBF.»

«Eigentlich sollte man solche Dinge wissen», sagte Sir Stafford Nye. «PBF und DCV. LYH. Die Welt der Abkürzungen.»

«Furchtbar», sagte Millie Jean. «All diese Abkürzungen, keine Persönlichkeiten, keine Menschen mehr. Nur Initialen. Eine furchtbare Welt! Ich wollte, sie wäre anders, ganz, ganz anders –»

Meinte sie das ehrlich? Einen Augenblick dachte er, sie meine es ernst. Interessant…

II

Am Grosvernor Square herrschte wieder Ruhe. Reste von zerbrochenem Glas lagen noch auf dem Pflaster, sogar Eier, matschige Tomaten und Fragmente von glänzendem Metall. Aber darüber standen still die Sterne. Wagen um Wagen fuhr vor der Botschaft vor, um die heimkehrenden Gäste abzuholen. Die Polizei stand unauffällig an den Ecken des Platzes. Alles war unter Kontrolle. Einer der Gäste aus der Politik sprach beim Weggehen mit einem Polizeioffizier. Er kam zurück und murmelte: «Es gab nicht sehr viele Festnahmen. Acht. Sie werden morgen früh im Präsidium in der Bow Street vorgeführt. Mehr oder weniger die übliche Bande. Petronella war hier, natürlich, und Stephen und sein Verein. Na ja. Man sollte annehmen, sie hätten eines Tages genug davon.»

«Sie wohnen nicht weit von hier, nicht wahr?» Die Stimme drang sofort in Sir Staffords Ohr. Eine tiefe Altstimme. «Ich kann Sie ein Stück mitnehmen.»

«Nein, nein, ich kann sehr gut zu Fuß gehen. Es sind nur etwa zehn Minuten.»

«Ich versichere Ihnen, es macht mir keine Umstände», sagte Gräfin Zerkowski. Sie fügte hinzu: «Ich bin im St.-James’s-Tower abgestiegen.»

Das St.-James’s-Tower war eines der neueren Hotels.

«Sie sind sehr freundlich.»

Ein großer, kostspielig aussehender Mietwagen erwartete sie.

Der Chauffeur öffnete die Tür, Gräfin Zerkowski stieg ein, und Sir Stafford Nye folgte ihr. Sie war es, die dem Chauffeur Sir Stafford Nyes Adresse nannte. Der Wagen fuhr an.

«Sie wissen also, wo ich wohne?», fragte er.

«Warum nicht?»

Er fragte sich, was diese Antwort zu bedeuten habe: Warum nicht?

«Wirklich – warum nicht?», sagte er. «Sie wissen so vieles, nicht wahr?» Er fügte hinzu: «Es war nett von Ihnen, mir meinen Pass zurückzugeben.»

«Ich dachte, es würde Ihnen einige Unannehmlichkeiten ersparen. Es ist vielleicht einfacher, wenn Sie ihn verbrennen. Ich nehme an, Sie haben bereits einen neuen erhalten – »

«Da haben sie recht.»

«Ihren Räuberumhang finden Sie in Ihrer untersten Kommodenschublade. Er wurde dort heute Abend deponiert. Ich dachte, Sie würden sich nicht gern einen neuen kaufen, höchstwahrscheinlich ist es auch unmöglich, ein ähnliches Stück aufzutreiben.»

«Er bedeutet mir jetzt viel mehr als früher, da er durch gewisse – Abenteuer gegangen ist», sagte Stafford Nye. Er fügte hinzu: «Er hat seinen Zweck erfüllt.»

Der Wagen surrte durch die Nacht.

Gräfin Zerkowski sagte:

«Ja, er hat seinen Zweck erfüllt, da ich nun hier bin – und noch am Leben…»

Sir Stafford Nye erwiderte nichts. Er hatte das Gefühl, dass sie wünschte, er solle ihr Fragen stellen, sie bedrängen; dass er mehr über ihre weiteren Taten erfahren sollte und welchem Schicksal sie entgangen war. Er sollte Neugier zeigen. Es bereitete ihm Vergnügen, nichts dergleichen zu tun. Er hörte sie sanft lachen. Überrascht stellte er fest, dass es ein vergnügtes, zufriedenes Lachen war, keines, das ihn in die Enge trieb.

«Haben Sie den Abend genossen?», fragte sie.

«Eine ganz gute Party, finde ich, aber Millie Jean gibt immer gute Partys.»

«Sie kennen sie also gut?»

«Ich kannte sie schon als junges Mädchen in New York, bevor sie geheiratet hat. Eine Venus im Taschenformat.»

Sie sah ihn leicht überrascht an.

«Ist das Ihre Beschreibung für sie?»

«Eigentlich nicht meine. Eine ältere Verwandte hat sie mir so beschrieben.»

«Ja. Diese Beschreibung für eine Frau hört man heutzutage nur noch selten. Es trifft es sehr gut, finde ich. Nur –»

«Nur was?»

«Venus ist verführerisch, oder? Ist sie auch ehrgeizig?»

«Sie glauben, Millie Jean Cortman ist ehrgeizig?»

«Oh ja. Das vor allem.»

«Und Sie glauben, die Gattin des Botschafters am Hof von St. James zu sein reicht nicht aus, um diesen Ehrgeiz zu befriedigen?»

«Oh nein», sagte die Gräfin. «Das ist nur der Anfang.»

Er antwortete nicht, sondern sah zum Wagenfenster hinaus. Dann setzte er zum Sprechen an, hielt sich aber doch zurück. Er bemerkte ihren raschen Blick, aber sie blieb ebenfalls stumm. Erst als sie eine Brücke über die Themse überquerten, sagte er:

«Also fahren Sie mich nicht nach Hause und Sie fahren auch nicht zum St.-James’s-Tower. Wir fahren über die Themse. Wir haben uns schon einmal dort getroffen und sind über eine Brücke gegangen. Wo bringen Sie mich hin?»

«Haben Sie etwas dagegen?»

«Ich glaube schon.»

«Ja. Das merke ich.»

«Nun, Sie liegen damit voll im Trend. Entführung ist in Mode heutzutage, nicht wahr? Sie haben mich entführt. Warum?»

«Weil ich Sie noch einmal brauche.» Dann fügte sie hinzu. «Und auch andere brauchen Sie.»

«Wirklich.»

«Und das gefällt Ihnen nicht.»

«Es würde mir besser gefallen, wenn ich gefragt würde.»

«Wenn ich Sie gefragt hätte, wären Sie dann mitgekommen?»

«Vielleicht, vielleicht auch nicht.»

«Es tut mir leid.»

«Das bezweifle ich.»

Sie fuhren weiter stumm durch die Nacht. Es war keine Fahrt durch einsame Landstriche, sie befanden sich auf einer Hauptstraße. Ab und an erschien im Scheinwerferlicht ein Name oder ein Verkehrsschild, sodass Stafford Nye genau erkennen konnte, wo ihre Route entlangführte. Durch Surrey und dann durch die ersten Wohnbezirke von Sussex. Ab und zu nahmen sie eine kleine Abzweigung oder eine Seitenstraße, die nicht an der Hauptstraße lag, aber auch dessen war er sich nicht ganz sicher. Fast fragte er seine Begleiterin, ob sie vielleicht verfolgt wurden. Aber er hatte sich fest für seine Politik des Schweigens entschieden. Sie musste sprechen und ihm die Informationen geben. Er fand sie nach wie vor, trotz der zusätzlichen Informationen, von rätselhaftem Charakter. Sie fuhren nach einer Dinnerparty aufs Land. Sie befanden sich, dessen war er ziemlich sicher, in einem recht kostspieligen Mietwagen. Es war alles geplant, durchdacht, nichts Zweifelhaftes oder Unerwartetes war daran. Er nahm an, er würde bald herausfinden, wohin sie fuhren. Es sei denn, sie fuhren bis an die Küste. Das war immerhin möglich, dachte er. «Haslemere» las er auf einem Verkehrsschild. Nun fuhren sie an Godalming vorbei. Alles ganz offen und regulär. Die reichste Gegend der betuchten Vorstädte. Herrliche Wälder, schöne Häuser. Sie nahmen mehrere Abzweigungen und schienen dann, als der Wagen endlich langsamer fuhr, ihren Bestimmungsort zu erreichen. Sie fuhren durch ein Tor. Ein kleines weißes Torhaus stand daneben. Eine Einfahrt hinauf, gepflegte Rhododendren zu beiden Seiten. Dann fuhren sie um eine Kurve und hielten vor einem Haus. «Börsenmakler-Tudor», murmelte Sir Stafford Nye leise. Seine Begleiterin drehte fragend den Kopf.

«Nur eine kleine Bemerkung», sagte Stafford Nye. «Hören Sie einfach nicht hin. Ich nehme an, wir sind an dem von Ihnen gewählten Bestimmungsort angekommen?»

«Und der Anblick gefällt Ihnen nicht besonders.»

«Das Grundstück wirkt sehr gepflegt», sagte Sir Stafford und folgte mit den Augen dem Strahl der Scheinwerfer, als der Wagen um die Kurve fuhr. «Es kostet einiges an Geld, so einen Besitz in Gang und in Ordnung zu halten. Ich würde sagen, es ist ein sehr komfortables Haus.»

«Komfortabel, aber nicht schön. Der Mann, der hier lebt, legt wohl mehr Wert auf Komfort als auf Schönheit.»

«Das ist sicher gut so», sagte Sir Stafford, «und doch scheint er Schönheit auf seine Weise zu schätzen, eine gewisse Schönheit.»

Sie fuhren vor der hell erleuchteten Veranda vor. Sir Stafford stieg aus und streckte den Arm aus, um seiner Begleiterin herauszuhelfen. Der Chauffeur war die Stufen hinaufgestiegen und drückte auf die Klingel. Er sah die Dame fragend an, als sie die Stufen hochging.

«Sie benötigen mich heute Abend nicht mehr, gnädige Frau?»

«Nein, das ist alles für den Augenblick. Wir telefonieren morgen früh.»

«Gute Nacht. Gute Nacht, Sir.»

Drinnen ertönten Schritte, und die Tür wurde weit geöffnet. Sir Stafford hatte eine Art Butler erwartet, stattdessen stand dort ein Dragoner von einem Hausmädchen. Grauhaarig, mit zusammengepressten Lippen, ungemein zuverlässig, dachte er. Ein unschätzbares Juwel, so jemand war schwer zu finden heutzutage. Vertrauenswürdig, aber grimmig.

«Ich fürchte, wir sind etwas spät dran», sagte Renata.

«Der Herr ist in der Bibliothek. Er hat gebeten, dass Sie und der Gentleman ihn dort nach Ihrer Ankunft aufsuchen.»

Kapitel 9 Das Haus bei Godalming


Sie führte sie die breite Treppe hinauf und beide folgten ihr. Ja, dachte Stafford Nye, ein sehr komfortables Haus. Tapeten aus der Zeit Jakobs des Ersten, eine äußerst hässliche geschnitzte Eichentreppe, aber angenehm flache Stufen. Gut ausgewählte Bilder, jedoch kaum von großem künstlerischen Interesse. Das Haus eines reichen Mannes, dachte er. Ein Mann nicht mit schlechtem, aber eher konventionellem Geschmack. Guter Teppich mit dickem Flor, von angenehmer Pflaumenfarbe.

Im ersten Stock ging das Dragoner-Hausmädchen auf die erste Tür zu. Sie öffnete und trat zurück, um sie einzulassen, nannte aber keine Namen. Die Gräfin trat zuerst ein, Sir Stafford Nye folgte. Er hörte, wie sich die Tür schnell hinter ihm schloss.

Vier Leute befanden sich im Raum. Hinter einem großen Schreibtisch, ganz von Papieren und Dokumenten bedeckt – ein oder zwei ausgebreitete Landkarten und andere Papiere, die wahrscheinlich der Diskussionsgegenstand waren –, saß ein großer, dicker Mann mit einem sehr gelben Gesicht. Das Gesicht war Sir Stafford bekannt, obwohl ihm in diesem Augenblick nicht der richtige Name einfiel. Er hatte den Mann nur flüchtig, aber bei einem sehr wichtigen Anlass getroffen. Er sollte es wissen, definitiv sollte er es wissen. Aber warum fiel ihm der Name nicht ein?

Mit einiger Mühe kämpfte sich die Gestalt hinter dem Schreibtisch auf die Füße. Er ergriff die ausgestreckte Hand von Gräfin Zerkowski.

«Sie sind da», sagte er, «wunderbar.»

«Ja. Lassen Sie mich vorstellen, aber ich glaube, Sie kennen sich schon. Sir Stafford Nye, Mr. Robinson.»

Natürlich. In Sir Stafford Nyes Kopf klickte es wie in einer Kamera. Das passte auch zu einem anderen Namen. Pikeaway. Die Behauptung, er wisse alles über Mr. Robinson, entspräche nicht der Wahrheit. Er wusste all das über Mr. Robinson, was dieser zu wissen erlaubte. Sein Name war Robinson, soweit bekannt war, doch es hätte auch jeder andere Name ausländischen Ursprungs sein können. Aber nie hatte jemand etwas Derartiges angedeutet. Jetzt erinnerte er sich auch an sein Aussehen. Die hohe Stirn, die melancholischen dunklen Augen, der volle Mund und die eindrucksvollen weißen Zähne – falsche Zähne, wahrscheinlich, jedenfalls aber Zähne, von denen man wie bei Rotkäppchen sagen konnte: «Damit ich dich besser fressen kann.»

Er wusste auch, wofür Mr. Robinson stand. Ein einfaches Wort genügte. Mr. Robinson repräsentierte Geld, Kapital – mit einem sehr großen K. Kapital in jeder Hinsicht, internationales Kapital, weltweites Kapital, Haus-Finanzierungen, Bankgewerbe. Geld nicht in der Weise, wie der Normalbürger es betrachtete. Man dachte nicht an ihn als einen reichen Mann; zweifellos war er ein sehr reicher Mann, aber das war nicht das Ausschlaggebende. Er war einer der Kapital-Jongleure, einer aus dem Clan der Groß-Bankiers. Seine persönlichen Bedürfnisse waren vielleicht sogar bescheiden, doch Sir Stafford Nye bezweifelte das.

Ein hohes Maß an Komfort, ja Luxus entsprach wohl eher Mr. Robinsons Lebensstil. Aber nicht mehr als das. Also steckte hinter seinen mysteriösen Geschäften die Macht des Geldes.

«Ich habe gerade von Ihnen gehört, vor ein oder zwei Tagen», sagte Mr. Robinson, als er seine Hand schüttelte, «von unserem Freund Pikeaway.»

Das passt, dachte Sir Stafford Nye. Er erinnerte sich jetzt, dass bei dem einzigen Anlass, bei dem er Mr. Robinson begegnet war, auch Mr. Pikeaway anwesend war. Er erinnerte sich, dass Horsham von Robinson gesprochen hatte. So waren da nun Mary Ann (oder Gräfin Zerkowski?), Oberst Pikeaway in seinem rauchgeschwängerten Zimmer mit halb geschlossenen Augen, entweder gerade beim Einschlafen oder beim Aufwachen, und da war Mr. Robinson mit seinem großen, gelben Gesicht. Also ging es irgendwie um Geld. Sein Blick glitt zu den übrigen drei Personen im Raum. Er wollte sehen, ob er erraten könne, wer sie waren und was sie repräsentierten.

In zwei Fällen brauchte er nicht einmal zu raten. 3er Mann in dem hohen Porter-Sessel am Kamin, eine ältliche Gestalt, eingerahmt von dem Stuhl wie von einen Bilderrahmen, war früher in ganz England bekannt. Es war es immer noch, obwohl es in diesen Tagen nur selten zu sehen war. Ein kranker Mann, ein Invalide, der nur sehr kurze Auftritte hatte und die, so hörte man, nur unter großen körperlichen Beschwerden. Lord Altamount. Er hatte ein schmales, ausgemergeltes Gesicht mit hervorstechender Nase, grauem Haar, das nur wenig von der Stirn zurückwich und dann in einer dichten grauen Mähne nach hinten wallte; mit übergroßen Ohren, seinerzeit markant für die Karikaturisten, und einem tiefen durchdringenden Blick, eher forschend als beobachtend. Dieser Blick sondierte eingehend, was in sein Blickfeld geriet. Im Augenblick sah er Sir Stafford Nye an. Er streckte die Hand aus, als Stafford Nye auf ihn zutrat.

«Ich stehe nicht auf», sagte Lord Altamount. Seine Stimme war schwach, eine Altmännerstimme, weit weg. «Mein Rücken lässt das nicht zu. Sie sind gerade aus Malaysia zurückgekommen, Stafford Nye, nicht wahr?»

«Ja.»

«Hat es sich überhaupt gelohnt, dort hinzufahren? Ich nehme an, Sie denken eher nicht. Immerhin, wir brauchen diese gelegentlich ausufernden Veranstaltungen als notwendige ornamentale Garnierung für die feinere Art diplomatischer Lügen. Ich freue mich, dass Sie heute Abend kommen konnten oder hergebracht wurden. Von Mary Ann, nicht wahr?»

«So nennt er sie also, und dafür hält er sie», dachte Stafford Nye. So hatte Horsham sie genannt. Sie gehörte also zu ihrem Verein, ohne Zweifel. Was Altamount betraf, so stand er für – wofür stand er eigentlich heute? Stafford Nye dachte sich, er stehe für England. Er stand immer noch für England, bis er in Westminster Abbey begraben wurde oder in einem Mausoleum auf dem Lande, was immer ihm gefiel. Er war England und kannte die Bedeutung jedes einzelnen Politikers und Regierungsbeamten in England ziemlich genau, selbst wenn er nie mit ihnen gesprochen hatte.

Lord Altamount sagte:

«Dies ist unser Kollege Sir James Kleek.»

Stafford Nye kannte Kleek nicht. Er hatte wohl auch noch nie von ihm gehört. Es war ein unruhiger, zappliger Typ. Mit scharfen, misstrauischen Augen, die nie lange irgendwo verweilten. Er hatte die verhaltene Anspannung eines Jagdhundes, der auf einen Befehl wartete. Bereit, auf einen Blick seines Herrn loszulegen. Aber wer war sein Herr? Altamount oder Robinson? Staffords Blick richtete sich auf den vierten Mann. Er hatte sich von dem Stuhl erhoben, auf dem er nahe der Tür gesessen hatte. Er trug einen buschigen Schnurrbart, hatte hochgezogene Brauen, war wachsam, zurückhaltend und brachte es irgendwie fertig, vertraut, aber völlig unauffällig zu wirken.

«Sie sind das also», sagte Sir Stafford Nye, «wie geht es Ihnen, Horsham?»

«Ich freue mich sehr, Sie zu hier zu sehen, Sir Stafford.»

Eine ziemlich repräsentative Versammlung, dachte Stafford Nye mit einem schnellen Blick in die Runde.

Sie hatten einen Stuhl für Renata hingestellt, nicht weit vom Feuer und von Lord Altamount.

Sie streckte eine Hand aus – die Linke, bemerkt er – und Lord Altamount hatte sie zwischen seine beiden Hände genommen, für einen Augenblick festgehalten und dann losgelassen. Er sagte:

«Sie sind ein Risiko eingegangen, mein Kind, Sie gehen zu viele Risiken ein.»

Sie sah ihn an und sagte: «Sie waren es, der mich das gelehrt hat, und das ist der einzige Weg im Leben.»

Lord Altamount wendete sich in die Richtung von Sir Stafford Nye.

«Ich habe Ihnen aber nicht beigebracht, sich den Richtigen auszusuchen, dafür haben Sie ein angeborenes Talent.» Er sah Stafford Nye an und sagte: «Ich kenne Ihre Großtante, oder ist sie Ihre Urgroßtante?»

«Großtante Matilda», sagte Stafford sofort.

«Ja, die meine ich. Einer dieser viktorianischen Wirbelwinde aus den Neunzigerjahren. Sie muss jetzt selbst fast neunzig sein.»

Er fuhr fort:

«Ich sehe sie nicht oft. Vielleicht ein- bis zweimal im Jahr. Aber ich bin jedes Mal beeindruckt – diese unverfälschte Vitalität, die ihre körperlichen Kräfte überlebt. Diese unbezähmbaren Gestalten aus der viktorianischen und auch noch aus der nachfolgenden Epoche kennen das Geheimnis.»

Sir James Kleek sagte: «Darf ich Ihnen einen Drink besorgen, Nye? Was möchten sie?»

«Einen Gin Tonic, wenn es geht.»

Die Gräfin lehnte mit einem leichten Kopfschütteln ab.

James Kleek brachte Nye seinen Drink und stellte ihn auf den Tisch neben Mr. Robinson. Stafford Nye wollte nicht als Erster sprechen. Die dunklen Augen hinter dem Schreibtisch verloren für einen Augenblick ihre Melancholie. Plötzlich saß der Schalk darin.

«Irgendwelche Fragen?», sagte er.

«Zu viele», erwiderte Sir Stafford Nye. «Wäre es nicht besser, erst ein paar Erklärungen abzugeben, und anschließend kommen die Fragen?»

«Wäre Ihnen das lieber?»

«Es würde die Sache vereinfachen.»

«Nun, beginnen wir mit ein paar einfachen Tatsachen. Vielleicht wurden Sie, oder auch nicht, eingeladen, hierherzukommen. Wenn nicht, wurmt Sie das vielleicht etwas.»

«Er zieht es immer vor, gefragt zu werden», sagte die Gräfin. «Er hat etwas in der Art zu mir gesagt.»

«Natürlich», sagte Mr. Robinson.

«Ich bin entführt worden», sagte Sir Stafford Nye. «Ich weiß, das ist jetzt Mode. Eine der etwas zeitgemäßeren Methoden.»

Er bewahrte einen leicht amüsierten Ton.

«Das ergibt natürlich eine Frage Ihrerseits», sagte Mr. Robinson.

«Nur ein kleines Wort mit fünf Buchstaben. Warum?»

«Richtig. Warum? Ich bewundere Ihre knappe Ausdrucksweise. Dies ist ein privates Komitee – eine Untersuchungskommission. Es geht um eine Untersuchung von weltweiter Bedeutung.»

«Klingt interessant», sagte Sir Stafford Nye.

«Es ist mehr als nur interessant. Es ist wichtig und brandaktuell. Vier verschiedene Bereiche sind heute in diesem Raum vertreten», sagte Lord Altamount. «Wir repräsentieren verschiedene Gruppen. Ich habe mich aus der aktiven Beteiligung an den Angelegenheiten dieses Landes zurückgezogen, bin aber immer noch beratender Experte. Man hat mich konsultiert und gebeten, diese wichtige Untersuchung über die aktuellen Weltereignisse in diesem speziellen Jahr des Herrn zu leiten, weil in der Tat etwas im Gange ist. James hier hat seine eigene besondere Aufgabe. Er ist meine rechte Hand und auch unser Sprecher. Erkläre bitte Sir Stafford Nye die allgemeine Situation hier, Jamie.»

Es schien Sir Stafford Nye, als ob der Flintenhund förmlich zitterte. Endlich! Endlich kann ich anfangen zu reden! Kleek beugte sich in seinem Stuhl etwas nach vorn und begann:

«Bei gewissen Weltereignissen muss man nach den Ursachen forschen. Die äußeren Anzeichen sind immer leicht zu erkennen, aber sie sind nicht wichtig, wie unser Vorsitzender – er verbeugte sich vor Lord Altamount – und Mr. Robinson – glauben. Das war schon immer so. Man nehme eine Naturgewalt, einen Wasserfall, der ergibt die Turbinenkraft. Man nehme die Entdeckung von Uran in der Pechblende, das ergibt dann die Atomkraft, von der man vorher nichts gewusst und noch nicht einmal geträumt hat. Als man Kohle und Minerale fand, hatte man Transport, Strom, Energie. Immer sind gewisse Kräfte am Werke, die der Welt bestimmte Dinge bescheren. Aber es steht auch immer jemand dahinter, der alles kontrolliert. Man muss herausfinden, wer diese Mächte kontrolliert, die zunehmend in fast allen Ländern Europas und weiter weg auch in Teilen Asiens an Vormacht gewinnen. Weniger in Afrika, aber auf dem amerikanischen Kontinent, im Norden und auch im Süden. Man muss hinter die Ereignisse blicken und die treibende Kraft erkennen, die sie auslöst. Ein Faktor ist natürlich das Geld, das Kapital.»

Er nickte Mr. Robinson zu.

«Mr. Robinson hier weiß mehr über Geld und Kapital als irgendjemand sonst auf der Welt, nehme ich an.»

Mr. Robinson sagte: «Es ist sehr einfach. Eine große Umwälzung ist im Gange. Es muss Kapital dahinterstecken. Wir müssen herausfinden, woher dieses Kapital kommt. Wer operiert damit? Wo bekommen sie es her? Wo schicken sie es hin? Und warum? Es stimmt schon, was James sagt: Ich weiß eine Menge über Kapital. So viel, wie man heutzutage nur wissen kann.»

Kleek fuhr fort: «Es gibt gewisse Trends. Das ist ein oft genutzter Begriff heutzutage. Trends oder Tendenzen – unzählige Bezeichnungen werden verwendet. Sie bedeuten nicht genau dasselbe, aber sie sind miteinander verwandt. Es zeigt sich, sagen wir – eine Tendenz zur Rebellion. Blicken wir in der Geschichte zurück. Es wiederholt sich, wie eine periodische Tabelle, ein Schema. Der Wille zum Aufstand, die Mittel zum Aufstand, die Form, in der die Rebellion auftritt. Es ist nicht länderspezifisch. Gibt es Aufstände in einem Land, ereignen sie sich auch in anderen Ländern, stärker oder schwächer. Das meinen Sie doch, Sir, nicht wahr?» Er drehte sich halb zu Lord Altamount um. «So oder ähnlich haben Sie mir das erklärt.»

«Ja, James, sie formulieren die Dinge sehr gut.» Kleek sagte: «Es ist ein Raster, ein Muster, das sich abzeichnet und mehr oder weniger unausweichlich scheint. Es wird deutlich, wenn man darauf stößt. In einer früheren Epoche ergriff das Verlangen nach Kreuzzügen alle Länder. In ganz Europa machten sich die Menschen zu Wasser und zu Lande auf, um das Heilige Land zu befreien. Alles sonnenklar, ein perfektes Muster entschlossenen Verhaltens. Aber warum sind sie gegangen? Das ist das Interessante an der Geschichte. Zu durchschauen, warum diese Wünsche und Verhaltensweisen entstehen. Es hat nicht einmal immer materialistische Ursachen. Alles Mögliche kann eine Rebellion auslösen, der Wunsch nach Freiheit, nach Redefreiheit, Religionsfreiheit – wieder eine Reihe eng miteinander verbundener Begriffe. Es veranlasst die Menschen, in ferne Länder auszuwandern, neue Religionen zu gründen, oft genauso tyrannisch wie die, die sie hinter sich gelassen haben. Wenn man genau genug hinschaut, genug Untersuchungen anstellt, dann erkennt man überall, wie diese und viele andere Muster oder Verhaltensweisen – ich verwende wieder diesen Ausdruck – entstanden sind. Es gleicht manchmal dem Ausbruch einer Viruskrankheit. Das Virus ist übertragbar – in die ganze Welt, über das Meer, in die Berge. Es kommt überallhin und steckt an. Es verbreitet sich offensichtlich wie von selbst, ohne Unterstützung. Aber auch dessen kann man sich heutzutage nicht sicher sein. Es mag Ursachen gegeben haben. Anlässe, die bestimmte Dinge in Gang gebracht haben. Man kann noch einen Schritt weiter gehen. Gewisse Menschen stecken dahinter. Einer – zehn, ein paar hundert, die die Verursacher sein und etwas ins Rollen bringen können. Man muss also nicht den Endprozess im Auge haben. Es sind die Menschen, die am Anfang einer Bewegung stehen. Da sind die Kreuzritter, die religiösen Eiferer, da ist der Wunsch nach Freiheit, die anderen Muster. Man muss noch weiter in die Tiefe gehen. In den Untergrund der Visionen und Träume. Der Prophet Joel wusste das, als er schrieb: ‹Eure alten Männer werden Träume träumen, eure jungen werden Visionen haben.› Wer ist der Stärkere? Träume sind nicht zerstörerisch. Aber Visionen können neue Welten eröffnen – und Visionen können auch die bestehende Welt zerstören…»

James Kleek wandte sich plötzlich an Lord Altamount.

«Ich weiß nicht, ob es das einen Zusammenhang gibt, aber Sie haben mir einmal eine Geschichte aus der Berliner Botschaft erzählt, von einer Frau.»

«Ach das?», sagte Lord Altamount. «Ja. Das fand ich damals interessant. Ja, es steht in Zusammenhang mit dem, wovon wir gerade sprechen. Sie war eine der Gattinnen aus der Botschaft, eine kluge, intelligente Frau, sehr gebildet. Sie wollte unbedingt persönlich hingehen und den Führer reden hören. Ich spreche natürlich von der Zeit unmittelbar vor dem Krieg, 1939. Sie war neugierig, welche Wirkung seine Ansprache auslösen könnte. Warum nur waren alle so beeindruckt? Also ging sie hin. Sie kehrte zurück und sagte: ‹Außerordentlich. Ich hätte es nie geglaubt. Natürlich verstehe ich nicht sehr gut Deutsch, aber ich war genauso hingerissen. Und ich verstehe jetzt auch, warum alle hingerissen sind. Ich meine, seine Ideen waren wunderbar… sie entflammten einen förmlich. Die Dinge, die er sagte. Man fühlte, war einfach gezwungen zu glauben, eine ganz neue Welt würde geschaffen, wenn man ihm folgte. Ach, ich kann das nicht gut erklären. Ich werde so viel wie möglich von dem, was ich behalten habe, aufschreiben, und dann bringe ich es Ihnen zum Lesen, dann werden Sie es besser verstehen als meinen mündlichen Versuch, Ihnen die Wirkung zu beschreiben.›»

Lord Altamount fuhr fort: «Ich sagte ihr, das sei eine sehr gute Idee. Am nächsten Tag kam sie zu mir und sagte: ‹Vielleicht glauben Sie das nicht. Ich habe angefangen aufzuschreiben, was ich gehört habe, die Dinge, die Hitler gesagt hat. Was sie bedeutet haben – aber – das war beängstigend – es gab nichts aufzuschreiben, ich war offensichtlich nicht fähig, mich auch nur an einen einzigen stimulierenden oder aufregenden Satz zu erinnern. Ich habe einige Schlagworte, aber sie bedeuten anscheinend nicht mehr dasselbe wie zu dem Zeitpunkt, als ich sie notierte. Sie ergeben einfach – sie ergeben einfach keinen Sinn. Ich verstehe das nicht.›» Lord Altamount sagte:

«Das zeigt eine der großen Gefahren, man ist sich dessen nicht immer bewusst, aber sie existiert. Es gibt Menschen, die in der Lage sind, in anderen Menschen eine wilde Begeisterung zu entfachen, eine Art Vision vom Leben und von dem, was kommen soll. Sie sind dazu in der Lage, aber nicht mit dem, was sie tatsächlich sagen, es sind nicht die Worte, die man hört, nicht einmal die vorgetragene Idee. Es ist etwas anderes. Es ist diese magnetische Überzeugungskraft, die einige wenige Menschen bestimmte Dinge bewirken lässt, Visionen erzeugt, kreiert. Vielleicht mit ihrer persönlichen Anziehungskraft, ihrer Stimme, vielleicht mit einer Ausstrahlung, die direkt aus dem Körperlichen kommt. Ich weiß nicht, aber so etwas gibt es.» Lord Altamount sagte weiter:

«Solche Menschen haben die Macht. Die großen Religionslehrer hatten sie, aber auch ein böser Geist hat solche Macht. Sie können Glauben erwecken, an eine bestimmte Bewegung, an Dinge, die Menschen tun sollen, an Ereignisse, die einen neuen Himmel, eine neue Erde schaffen sollen. Und die Menschen werden das glauben, Tag und Nacht dafür arbeiten und kämpfen, sogar dafür sterben.»

Altamount senkte die Stimme und fuhr fort: «Jan Smuts sagt das in einem Satz. Er sagt: ‹Führungsmacht kann, neben der Tatsache, dass sie einen große kreative Kraft ist, auch diabolisch sein.›»

Stafford Nye bewegte sich auf seinem Stuhl.

«Ich verstehe, was Sie meinen. Sehr interessant, was Sie da sagen. Ich sehe ein, dass es vielleicht sogar richtig sein könnte.»

«Aber Sie denken natürlich, es ist übertrieben.»

«Das weiß ich nicht», sagte Stafford Nye. «Dinge, die übertrieben scheinen, sind häufig gar nicht so übertrieben. Man hat es nur vorher so noch nicht gehört oder gedacht. Daher erscheint es einem dermaßen fremd, dass kaum etwas anderes übrig bleibt, als es zu akzeptieren. Nebenbei, darf ich eine einfache Frage stellen? Was soll man denn nun wirklich tun?»

«Wenn man den Verdacht hat, dass eine solche Bewegung existiert, muss man sie erst einmal wirklich kennenlernen», sagte Lord Altamount. «Sie müssen es machen wie der Mungos im Dschungelbuch: hinlaufen und es herausfinden. Wo das Geld herkommt, wo die Ideen herkommen, und woher, wenn ich so sagen darf, die Maschinerie stammt. Wer betreibt diese Maschinerie? Hier bei uns gibt es einen Generalstabschef und einen Oberkommandeur. Das versuchen wir zu etablieren. Wir hätten gern, dass Sie mitmachen und uns helfen.»

Es war einer der wenigen Anlässe, bei denen Stafford Nye sprachlos war. Sonst war es ihm immer gelungen, seine Gefühle und Gedanken zu verbergen. Doch diesmal war es anders. Er sah von einem zum anderen im Raum. Auf den gelassen wirkenden Mr. Robinson mit seinem gelben Gesicht und den auffälligen Zähnen; auf Sir James Kleek. Sir Stafford Nye hielt ihn für einen etwas aufdringlichen Redner, aber zweifellos hatte er seine Meriten; Spürhund seines Herrn, nannte er ihn bei sich. Er sah Lord Altamount an, das gewölbte Dach des Porter-Sessels bildete einen Rahmen um seinen Kopf. Die Beleuchtung im Raum war nicht sehr hell. Sie ließ ihn wie einen Heiligen in der Nische einer Kathedrale erscheinen. Asketisch, wie aus dem 14. Jahrhundert. Ein großer Mann. Ja, Altamount war einer der großen Männer der Vergangenheit. Stafford Nye hatte keinen Zweifel daran, aber jetzt war er ein sehr alter Mann. Darum war wohl auch Sir James Kleek notwendig, Lord Altamount stützte sich auf ihn. Er sah an ihnen vorbei auf das rätselhafte, kühle Geschöpf, das ihn hierhergebracht hatte, die Gräfin Renata Zerkowski, alias Mary Ann, alias Daphne Theofanous. Ihr Gesicht verriet ihm nichts. Sie sah ihn nicht einmal an. Ihre Augen ruhten gerade auf Mr. Henry Horsham von der Sicherheit. Mit leichtem Erstaunen stellte er fest, dass Henry Horsham ihn angrinste.

«Aber sehen Sie doch», sagte Stafford Nye, ließ alle Förmlichkeit beiseite und bediente sich mehr der Ausdrucksweise des achtzehnjährigen Schuljungen, der er einmal gewesen war: «Wo um Himmels willen passe ich da rein? Was weiß ich schon? Offen gesagt, ich bin wirklich nichts Besonderes in meinem Beruf, wissen Sie. Die halten nicht sehr viel von mir im Außenministerium, das haben sie noch nie getan.»

«Das wissen wir», sagte Lord Altamount.

Nun war die Reihe an Sir James Kleek zu grinsen, und das tat er auch.

«Vielleicht umso besser», bemerkte er und fügte, als Lord Altamount die Stirn runzelte, entschuldigend hinzu, «tut mir leid, Sir.»

«Dies ist eine Untersuchungskommission», sagte Mr. Robinson. «Es geht nicht um die Frage, was Sie früher gemacht haben oder welche Meinung die Leute von Ihnen haben. Wir stellen hier eine Untersuchungskommission auf. Bisher hat diese Kommission noch nicht viele Mitglieder. Wir bitten Sie teilzunehmen, weil wir davon überzeugt sind, dass Sie bestimmte Qualitäten besitzen, die bei dieser Untersuchung hilfreich sein könnten.»

Stafford Nye wandte dem Sicherheitsmann den Kopf zu. «Was ist, Horsham?», fragte er. «Ich glaube nicht, dass Sie da zustimmen.»

«Warum nicht?», fragte Henry Horsham.

«Also wirklich. Was sind denn meine ‹Qualitäten›, wie Sie sie nennen? Offen gestanden kann ich selbst nicht daran glauben.»

«Sie sind kein Heldenverehrer», sagte Horsham. «Deswegen. Sie können einen Schwindel durchschauen. Sie nehmen niemand für selbstverständlich oder bewerten ihn nach der allgemeinen Einschätzung der Welt. Sie haben Ihre eigene Meinung.»

Ce n’est pas un garcon sérieux. Diese Worte schossen Stafford Nye durch den Kopf. Ein merkwürdiger Grund, für eine komplizierte und schwierige Aufgabe ausgewählt zu werden.

«Ich muss Sie warnen», sagte er, «mein Hauptfehler ist wohlbekannt. Es wurde schon oft festgestellt und hat mich mehrere gute Posten gekostet: Ich bin nicht seriös genug für eine so wichtige Aufgabe.»

«Ob Sie’s glauben oder nicht, genau das ist einer der Gründe, warum wir Sie haben möchten. Ich habe doch recht, Mylord, oder nicht?», sagte Henry Horsham. Er sah Lord Altamount an.

«Der Staatsdienst!», sagte Lord Altamount. «Lassen Sie sich sagen, sehr häufig ist einer der größten Nachteile im Leben, dass sich die Leute in öffentlichen Positionen zu wichtig nehmen. Wir haben das Gefühl, dass Sie das nicht tun. Jedenfalls», sagte er, «glaubt das Mary Ann.»

Sir Stafford Nye wandte den Kopf. Da war sie also, keine Gräfin mehr. Sie war wieder Mary Ann.

«Sie haben hoffentlich nichts dagegen», sagte er, «aber wer sind Sie wirklich? Ich meine, sind sie wirklich eine Gräfin?»

«Absolut. Eine geborene, wie die Deutschen sagen, mein Vater war von Adel, ein guter Sportsmann, ein hervorragender Schütze. Er besaß ein sehr romantisches, aber baufälliges Schloss in Bayern. Es steht noch, das Schloss. Wie auch immer, ich habe Verbindungen zu einem großen Teil der europäischen Welt, die noch äußerst snobistisch ist, was die Herkunft anbelangt. Eine arme, schäbige Gräfin sitzt ganz vorne am Tisch, während ein reicher Amerikaner mit einem fabelhaften Dollarvermögen in der Warteschlange steht.»

«Was ist mit Daphne Theofanous? Wo gehört sie hin?»

«Ein praktischer Name für einen Pass. Meine Mutter war Griechin.»

«Und Mary Ann?»

Es war nahezu das erste Lächeln, das Stafford Nye auf ihrem Gesicht sah. Ihr Blick fiel auf Lord Altamount und von dort zu Mr. Robinson.

«Vielleicht», sagte sie, «weil ich so eine Art Mädchen für alles bin, umherreise, Dinge suche, Sachen von einem Land ins andere bringe, Dinge unter die Matte kehre, alles tue, überall hingehe, das Durcheinander aufräume.» Sie sah Lord Altamount wieder an. «Hab ich recht, Onkel Ned?»

«Ganz recht, meine Liebe. Für uns bist du Mary Ann und wirst es immer bleiben.»

«Hatten Sie im Flugzeug etwas dabei, ich meine, haben Sie etwas Wichtiges von einem Land ins andere gebracht?»

«Ja. Es war bekannt, dass ich es mithatte. Wenn Sie mir nicht zu Hilfe gekommen wären, kein vergiftetes Bier getrunken und mir nicht Ihren Räuberumhang mit den leuchtenden Farben als Vermummung gegeben hätten, nun, manchmal gibt es Unfälle. Ich wäre niemals angekommen.»

«Was hatten Sie denn dabei, oder darf ich das nicht fragen? Gibt es Dinge, die ich niemals erfahren werde?»

«Es gibt eine Menge Dinge, die Sie nie erfahren werden. Es gibt eine Menge Dinge, über die Sie keine Fragen stellen dürfen. Aber diese Frage werde ich wohl beantworten. Die reine Wahrheit. Wenn mir das gestattet ist.»

Wieder sah sie Lord Altamount an.

«Ich vertraue Ihrem Urteil», sagte Lord Altamount. «Nur zu.»

«Geben Sie ihm den ganzen Geheimquatsch», sagte der respektlose James Kleek.

Mr. Horsham sagte: «Ich nehme an, das sollten Sie wissen. Ich würde es Ihnen nicht erzählen, aber ich bin auch von der Sicherheit. Nur zu, Mary Ann.»

«Einen Satz. Ich habe eine Geburtsurkunde mitgebracht. Das ist alles. Mehr sage ich Ihnen nicht, und es hat auch keinen Zweck, mir weitere Fragen zu stellen.»

Stafford Nye blickte in die Runde.

«In Ordnung. Ich mache mit. Ich fühle mich geschmeichelt, dass Sie mich eingeladen haben. Wie geht es weiter?»

«Sie und ich», sagte Renata, «reisen morgen von hier ab. Wir fahren auf den Kontinent, Sie haben vielleicht gelesen oder wissen es, dass in Bayern ein Musik-Festival stattfindet. Es ist ziemlich neu, erst in den letzten zwei Jahren entstanden. Es hat einen ziemlich großartigen deutschen Namen, es heißt ‹Die Kompanie Junger Sänger› und wird von den Regierungen mehrerer Länder unterstützt. Es steht in Opposition zu den traditionellen Festspielen und Produktionen von Bayreuth. Ein Großteil der aufgeführten Musik ist modern – neue, junge Komponisten erhalten die Chance, ihre Musik aufzuführen. Manche schätzen es sehr, von anderen wird es radikal abgelehnt und verachtet.»

«Ja», sagte Sir Stafford, «ich habe darüber gelesen. Werden wir dort hinfahren?»

«Wir haben Karten für zwei Vorstellungen gebucht.»

«Hat dieses Festival eine besondere Bedeutung für unsere Untersuchungen?»

«Nein», sagte Renata, «es ist mehr ein günstiges Ein- und Ausgangsportal. Wir besuchen es aus einem vorgeblich guten Grund, und wir verlassen es zu gegebener Zeit für unseren nächsten Schritt.»

Er sah sich um. «Irgendwelche Instruktionen? Bekomme ich einen Marschbefehl? Erhalte ich genaue Anweisungen?»

«Nicht so, wie Sie das auslegen. Sie begeben sich auf eine Sondierungsreise. Sie lernen auf dem Weg. Sie reisen als Sie selbst, nur mit den Kenntnissen, die sie jetzt haben. Sie gehen als Musikliebhaber, als leicht enttäuschter Diplomat, der sich vielleicht einen Posten im eigenen Land erhofft hatte, den er nicht bekommen hat. Sonst wissen Sie von gar nichts. Das ist sicherer.»

«Aber sind das zurzeit alle Aktivitäten? Deutschland, Bayern, Österreich, Tirol – dieser Teil der Welt?»

«Das ist ein Mittelpunkt von Interesse.»

«Nicht der einzige?»

«Nicht einmal der Hauptpunkt. Es gibt auf der Welt noch andere Orte von unterschiedlicher Bedeutung und unterschiedlichem Interesse. Wie bedeutsam das jeweilige ist, müssen wir herausfinden.»

«Und ich erfahre nichts über die anderen Zentren, und man wird mir auch nichts berichten?»

«Nur oberflächlich. Eines – wir halten es für das wichtigste – hat sein Hauptquartier in Südamerika, es gibt zwei weitere mit Hauptsitz in den Vereinigten Staaten, eins in Kalifornien, eins in Baltimore. Es gibt eins in Schweden, eins in Italien. Die Dinge haben sich gegen Ende der letzten Halbjahres schneller entwickelt. Portugal und Spanien haben ebenfalls kleinere Zentren. Paris, natürlich. Es gibt weitere interessante Orte, sozusagen noch ‹im Aufbaustadium› könnte man sagen. Aber noch nicht voll entwickelt.»

«Sie meinen Malaysia oder Vietnam?»

«Nein. Nein, das ist schon alles Vergangenheit. Das war ein passender Aufruf zur Sammlung, zur Gewalt, studentischer Unzufriedenheit und für andere Dinge. Zurzeit wird überall zunehmend die Organisierung der Jugend betrieben, die Auflehnung gegen ihre Regierungsform gefördert, gegen die Sitten ihrer Eltern, sehr oft gegen die Religion, in der sie erzogen wurden. Es gibt den heimtückischen Kult der Freizügigkeit, den wachsenden Kult der Gewalt. Gewalt nicht als Mittel, sich zu bereichern, sondern Gewalt um der Gewalt willen. Das wird besonders betont, und die Gründe dafür sind für die Betroffenen von größter Bedeutung.»

«Freizügigkeit, ist das wichtig?»

«Es ist eine Lebensweise, mehr nicht. Es verführt zu bestimmtem Missbrauch, mehr nicht.»

«Was ist mit Drogen?»

«Der Drogenkult wird absichtlich gefördert und angeheizt. Ungeheure Summen werden damit verdient, aber wir nehmen an, er wird nicht nur des Geldes wegen gefördert.»

Alle sahen Mr. Robinson an, der langsam den Kopf schüttelte.

«Nein», sagte er, «es sieht nur so aus. Leute werden zwar verhaftet und der Justiz überantwortet. Drogenhändler werden verfolgt. Aber es steckt mehr dahinter als nur die Drogenkartelle. Der Drogenhandel ist nur ein Mittel, und zwar ein übles Mittel, um Geld zu machen. Aber es steckt mehr dahinter.»

«Aber wer –»Stafford Nye zögerte.

«Wer und was und wo und warum? Die vier Ws. Das ist Ihre Mission, Sir Stafford», sagte Mr. Robinson. «Das müssen Sie herausfinden. Sie und Mary Ann. Es wird nicht leicht sein, und vergessen Sie nicht, eine der schwierigsten Aufgaben der Welt ist, Geheimnisse zu bewahren.»

Stafford Nye blickte mit Interesse auf Mr. Robinsons fettes gelbes Gesicht. Vielleicht war das gerade das Geheimnis von Mr. Robinsons Herrschaft über die Finanzwelt. Sein Geheimnis war, dass er seine Geheimnisse bewahrte. Mr. Robinsons Lippen zeigten wieder ihr Lächeln. Die großen Zähne strahlten.

«Wenn man etwas weiß», sagte er, «ist die Versuchung, es mitzuteilen immer groß; mit anderen Worten, darüber zu reden. Das heißt nicht, dass man Informationen preisgeben will, es heißt nicht, dass man Ihnen Bezahlung dafür angeboten hat. Sie wollen nur zeigen, wie wichtig Sie sind. So einfach ist das. In Wirklichkeit», sagte Mr. Robinson und schloss dabei halb die Augen, «ist alles auf der Welt so extrem einfach. Die Leute verstehen das nur nicht.»

Die Gräfin stand auf und Stafford Nye folgte ihrem Beispiel.

«Ich hoffe, Sie werden gut schlafen und sich wohlfühlen», sagte Mr. Robinson, «ich denke, dieses Haus ist hinreichend komfortabel.»

Stafford Nye murmelte, er sei sich dessen sicher, und dieser Punkt wurde bald darauf bestätigt. Er ließ den Kopf auf das Kissen sinken und schlief sofort ein.

Загрузка...