Visionen (Eine Phantasie)


Und der Zauber ist im Nu zerronnen,

Und das Wirkliche erfüllt die Seele.

A. Feth


I.


Ich konnte lange nicht einschlafen und wälzte mich unaufhörlich von der einen Seite auf die andere. »Hole doch der Teufel das blöde Tischrücken,« dachte ich, »das greift nur die Nerven an...« Endlich begann der Schlummer mich zu überwältigen...

Plötzlich war es mir, als ob irgendwo im Zimmer schwach und klagend eine Saite erklänge.

Ich hob den Kopf. Der Mond stand niedrig am Himmel und blickte mir gerade in die Augen. Sein Licht lag weiß wie Kreide auf dem Fußboden... Und wieder ließ sich der seltsame Klang vernehmen...

Ich stützte mich auf einen Ellenbogen. Eine leise Furcht regte sich in meinem Herzen. – Es verging eine Minute, und noch eine... Irgendwo in der Ferne krähte ein Hahn; in noch weiterer Ferne antwortete ihm ein anderer.

Ich ließ den Kopf auf das Kissen sinken. »So weit kann es mit einem kommen,« sagte ich mir wieder, »daß es in den Ohren zu klingen anfängt.«

Einige Minuten darauf schlief ich ein, oder kam es mir nur so vor, als ob ich einschliefe?... Ich hatte einen ungewöhnlichen Traum. Mir träumte, daß ich in meinem Schlafzimmer auf einem Bette läge, nicht schliefe, nicht einmal die Augen schließen könne. Und nun höre ich wieder den Klang... Ich wende mich um... Der Mondfleck am Boden richtet sich allmählich auf, rundet sich oben ab... Vor mir, durchsichtig wie ein Nebel, steht unbeweglich eine weiße Frau.

»Wer bist du?« frage ich sie mit großer Anstrengung.

Eine Stimme, ähnlich dem Säuseln der Blätter, antwortet mir: »Das bin ich... ich... ich... Ich bin dich abholen gekommen.«

»Mich abholen? Wer bist du?«

»Komm nachts zur alten Eiche, die an der Ecke des Waldes steht. Dort werde ich dich erwarten.«

Ich will mir das Antlitz der geheimnisvollen Frau näher ansehen, muß aber plötzlich zusammenschaudern... ein kalter Odem weht mich an. Und ich liege nicht mehr, ich sitze auf meinem Bett, und dort, wo die Vision erschienen war, liegt ein langer, weißer Mondlichtstreifen auf dem Boden.



II.


Wie ich den folgenden Tag verbracht habe, weiß ich nicht mehr. Ich versuchte, glaube ich, etwas zu lesen, zu arbeiten... nichts wollte mir gelingen. Die Nacht brach an. Das Herz schlug mir voller Erwartung. Ich legte mich nieder und kehrte das Gesicht zur Wand.

»Warum bist du nicht gekommen?« ließ sich ein deutliches Flüstern vernehmen.

Ich wandte mich rasch um.

Es war wieder sie... wieder die geheimnisvolle Vision; die unbeweglichen Augen in dem unbeweglichen Gesicht blickten regungslos, und der Blick war von Trauer erfüllt.

»Komm!« flüsterte sie wieder.

»Ich werde kommen,« antworte ich mit unwillkürlichem Schaudern. Die Vision schwebte leicht nach vorn und verschwamm und verzog sich wie Rauch, – und das weiße Mondlicht lag wieder friedlich auf dem glatten Boden.



III.


Ich verbrachte den Tag in Aufregung. Beim Nachtmahl trank ich fast eine ganze Flasche Wein, trat auf den Flur hinaus, kehrte jedoch gleich zurück und warf mich aufs Bett. Das Blut wogte schwer in meinen Adern.

Und wieder ließ sich der Laut vernehmen... Ich fuhr zusammen, wandte mich aber nicht um. Plötzlich fühlte ich, daß mich jemand von hinten fest umschlang und mir ins Ohr flüsterte: »Komm, komm, komm...« Ich zitterte vor Schreck und stöhnte:

»Ja, ich werde kommen!«

Und mit diesen Worten richtete ich mich auf.

Die Frau stand, über das Kopfende meines Bettes gebeugt. Sie lächelte mir leise zu und verschwand. Es gelang mir aber noch, ihr Gesicht zu sehen. Es war mir, als hätte ich es schon früher einmal gesehen; doch wo und wann? Ich stand spät auf und irrte den ganzen folgenden Tag in den Feldern und Wiesen umher, kam einige Male zur alten Eiche am Waldsaum und sah mich aufmerksam um.

Gegen abend saß ich am geöffneten Fenster in meinem Arbeitszimmer. Meine alte Haushälterin stellte eine Tasse Tee vor mich hin, ich rührte sie aber nicht an... Ich war ganz verwirrt und fragte mich sogar: »Ob ich nicht den Verstand verliere?« Die Sonne war eben untergegangen, und nicht nur der Himmel glühte – auch die ganze Luft füllte sich plötzlich mit einem fast übernatürlichen Purpurglanz; das Laub und die Gräser schimmerten wie mit frischem Lack überzogen und rührten sich nicht; in ihrer starren Unbeweglichkeit, in der grellen Deutlichkeit ihrer Umrisse, in dieser Verbindung hellen Glanzes mit toter Stille lag etwas Seltsames und Rätselhaftes. Ein ziemlich großer grauer Vogel flog plötzlich lautlos herbei und setzte sich auf den Rand des Fensterbrettes... Ich betrachtete ihn, und auch er betrachtete mich von der Seite mit seinem runden, dunklen Auge. – »Hat man dich etwa hergeschickt, um mich zu erinnern?« dachte ich.

Der Vogel schwang sogleich seine weichen Flügel und flog so lautlos davon, wie er gekommen. Ich saß noch lange am Fenster, fühlte mich aber nicht mehr so verwirrt: ich war gleichsam in einen Zauberkreis hineingeraten, und eine sanfte, doch unwiderstehliche Macht zog mich fort, ebenso wie das Boot noch lange vor dem Wasserfall von der Strömung fortgezogen wird. Endlich raffte ich mich auf. Der Purpurglanz in der Luft war längst verschwunden, die Farben waren trüber geworden, und der Zauber der Stille war gebrochen. Ein leiser Windhauch bewegte die Luft, der Himmel wurde immer dunkler und der Mond immer heller, und bald funkelte das Laub der Bäume in seinem kalten Lichte wie Silber und schwarzes Email. Meine Alte kam zu mir ins Zimmer mit einer Kerze in der Hand, doch ein Windhauch aus dem Fenster blies die Flamme aus. Ich konnte es nicht länger aushalten; ich sprang auf, drückte mir die Mütze in die Stirne und begab mich zur alten Eiche am Waldsaume.



IV.


In diese Eiche hatte einmal vor vielen Jahren der Blitz eingeschlagen; die Spitze war gebrochen und verdorrt, doch im Baume war noch Lebenskraft für mehrere Jahrhunderte erhalten. Als ich mich der Eiche näherte, zog eine leichte Wolke über den Mond, und unter den breiten Ästen des Baumes lag tiefes Dunkel. Zunächst merkte ich nichts Besonderes; als ich aber zur Seite trat, erbebte in mir das Herz: neben einem hohen Strauch, zwischen der Eiche und dem Walde, stand eine weiße Gestalt. Das Haar sträubte sich mir leicht auf dem Kopfe, ich faßte mir jedoch ein Herz und ging auf den Wald zu.

Ja, das war sie, mein nächtlicher Gast. Als ich mich ihr näherte, leuchtete der Mond wieder auf. Sie schien ganz aus einem halbdurchsichtigen milchweißen Nebel gewebt – durch ihr Gesicht hindurch konnte ich einen leise vom Winde bewegten Zweig sehen – nur ihr Haar und ihre Augen hoben sich etwas dunkler ab, und an einem Finger ihrer gefalteten Hände glänzte ein schmaler mattgoldener Reif. Ich blieb vor ihr stehen und wollte sie ansprechen; doch meine Stimme erstarb mir in der Kehle, obwohl ich eigentlich keine Furcht mehr hatte. Sie richtete ihre Augen auf mich: ihr Blick drückte weder Leid noch Freude, sondern eine eigentümliche leblose Aufmerksamkeit aus. Ich wartete, ob sie nicht etwas sagen werde, sie stand aber stumm und unbeweglich, den leblosen Blick unverwandt auf mich gerichtet. Mir wurde es wieder unheimlich zumute.

»Ich bin gekommen!« brachte ich endlich hervor.

Meine Stimme klang seltsam hohl.

»Ich liebe dich!« flüsterte sie.

»Du liebst mich?« wiederholte ich erstaunt ihre Worte.

»Gib dich mir hin!« flüsterte sie wieder.

»Mich dir hingeben! Du bist ja eine Vision, hast ja auch gar keinen Körper.« Eine seltsame Erregung bemächtigte sich meiner. »Was bist du denn, Rauch, Luft, Dunst? Mich dir hingeben? Antworte mir zuerst, wer bist du? Hast du je auf Erden gelebt? Woher bist du gekommen?«

»Gib dich mir hin. Ich werde dir nichts zuleide tun. Sag' mir bloß die drei Worte: Nimm mich hin.«

Ich blickte sie an. »Was spricht sie da?« fragte ich mich. »Was soll dies alles bedeuten? Und wie will sie mich hinnehmen? Oder soll ich es doch versuchen?«

»Nun, gut,« sagte ich so unerwartet laut, als ob mich jemand von hinten stieße. »Nimm mich hin!«

Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, als die geheimnisvolle Gestalt mit einem inneren Lachen, welches ihr Gesicht für einen Augenblick erzittern machte, sich leicht vornüber neigte und mir ihre Arme langsam entgegenstreckte... Ich wollte zurückprallen, war aber bereits in ihrer Gewalt. Sie umschlang mich, mein Körper hob sich etwa eine halbe Elle hoch vom Boden, und schon schwebten wir beide leicht und nicht zu rasch über das regungslose, taufeuchte Gras dahin.



V.


Anfangs schwindelte mir der Kopf, und ich schloß unwillkürlich die Augen... Eine Minute später schlug ich sie wieder auf. Wir sehwebten noch immer durch die Luft. Doch der Wald war nicht mehr zu sehen, unter uns breitete sich eine mit dunklen Flecken besäte Ebene aus. Ich merkte mit Entsetzen, daß wir uns in einer fürchterlichen Höhe befanden.

– Ich bin verloren, ich bin in der Gewalt des Satans, – ging es mir blitzartig durch den Kopf. Bis dahin war mir der Gedanke an teuflisches Blendwerk, an die Möglichkeit eines bösen Endes nicht gekommen. Wir flogen immer weiter und weiter und stiegen, wie es mir schien, immer höher und höher.

»Wohin trägst du mich?« stöhnte ich endlich.

»Wohin du willst,« antwortete meine Gefährtin. Sie schmiegte sich fest an mich; ihr Gesicht berührte beinahe das meinige. Ich spürte übrigens diese Berührung kaum.

»Bringe mich wieder auf die Erde; es schwindelt mir in solcher Höhe.«

»Gut; schließe nur die Augen und atme nicht.«

Ich folgte diesem Rat und fühlte im gleichen Augenblick, daß ich wie ein Stein fiel... der Wind pfiff durch meine Haare. Als ich wieder zu mir kam, schwebten wir fast dicht am Erdboden, so daß wir die Spitzen der hohen Grashalme streiften.

»Stell mich auf meine Beine,« sagte ich. »Ist denn das Fliegen eine Lust? Ich bin ja kein Vogel.«

»Ich dachte, es würde dich freuen. Wir tun ja nichts anderes als fliegen.«

»Ihr? Wer seid ihr denn?«

Sie gab keine Antwort.

»Du darfst es mir nicht sagen?«

Ein klagender Ton, gleich dem, der mich in der ersten Nacht aufgeschreckt hatte, klang mir in den Ohren. Indessen schwebten wir unmerklich durch die feuchte Nachtluft dahin.

»Laß mich doch!« sagte ich. Meine Gefährtin schwebte leise zur Seite, und ich stand wieder auf meinen Beinen. Sie blieb vor mir stehen und faltete wieder die Hände. Ich beruhigte mich und blickte ihr ins Gesicht: es drückte wie früher Demut und Trauer aus.

»Wo sind wir jetzt?« fragte ich, denn die Gegend kam mir unbekannt vor.

»Weit von deinem Hause, du kannst aber in einem Augenblick wieder dort sein.«

»Auf welche Weise? Soll ich mich dir wieder anvertrauen?«

»Ich habe dir ja nichts zuleide getan und werde dir auch nichts zuleide tun. Wollen wir bis zur Morgenröte fliegen, das ist alles. Ich kann dich tragen, wohin du willst, in alle Länder der Welt. Gib dich mir hin! Sag mir wieder: Nimm mich hin!«

»Nun... nimm mich hin!«

Sie schmiegte sich wieder an mich, meine Füße lösten sich vom Erdboden, und wir flogen wieder durch die Nacht.



VI.


»Wohin?« fragte sie mich.

»Geradeaus, immer geradeaus.«

»Hier ist aber ein Wald.«

»Hebe dich über den Wald, doch nicht zu schnell.«

Wir schossen in die Höhe wie eine Waldschnepfe, die auf eine Birke gestoßen ist, – und flogen wieder in gerader Richtung. Die Gipfel der Bäume schwebten jetzt unter unseren Füßen wie früher die Spitzen der Grashalme. Einen seltsamen Anblick gewährte der Wald von oben herab, so eigentümlich sah sein stachliger Rücken im Mondlicht aus. Er glich einem ungeheueren, schlafenden Tier und begleitete uns mit ununterbrochenem, weit gedehnten Rauschen, das sich wie dumpfes Brummen anhörte. Ab und zu flogen wir über eine kleine Waldwiese, die schön von gezackten Schatten eingesäumt war. Zuweilen schrie unten ein Hase auf; oben pfiff ebenso klagend eine Eule; es roch nach Pilzen, Knospen und Sumpfgräsern; das Mondlicht ergoß sich kalt und hart nach allen Seiten; hoch oben über uns strahlte der große Wagen. Nun hatten wir schon den Wald hinter uns; über der Ebene schwebte ein Nebelstreif; das war ein Fluß. Wir flogen längs einem seiner Ufer, über den Büschen, die von Feuchtigkeit schwer und regungslos waren. Die Wellen auf dem Flusse schimmerten bald in blauem Glanz, bald rollten sie dunkel und gleichsam erbost dahin. Stellenweise bewegte sich über dem Wasser leichter Nebel in seltsamen Formen, – und die Kelche der Wasserlilien entfalteten ihre Blumenblätter und strahlten in ihrem jungfräulichen Weiß, als ob sie wüßten, daß sie niemand erreichen kann. Es kam mir der Wunsch, eine der Blumen zu brechen – und schon war ich dicht über der Wasserfläche... Die Feuchtigkeit schlug mir feindselig ins Gesicht, als ich den festen Stengel einer großen Blume abriß. Wir begannen über dem Flusse zu kreuzen, gleich den Rohrschnepfen, die wir im Fluge immerwährend aufscheuchten und verfolgten. Einige Male stießen wir auf kleine Familien von Wildenten, die im Kreise an einem freien Plätzchen zwischen Binsen ruhten; sie rührten sich nicht; höchstens zog eine von ihnen hastig den Hals unter den Flügeln hervor, blickte sich um und beeilte sich dann wieder den Schnabel in den weichen Flaum zu stecken, während die andere leise aufschrie und kaum wahrnehmbar am ganzen Körper erzitterte. Einmal scheuchten wir einen Reiher auf; mit den Beinen baumelnd und etwas unbeholfen die Flügel schlagend, flog er aus einem Weidenbusche auf. Nirgends regten sich Fische, – sie schliefen wohl alle. Ich begann mich an die Empfindung des Fliegens zu gewöhnen und darin sogar ein gewisses Vergnügen zu finden: jedermann, der schon im Traume geflogen ist, wird mich verstehen. Ich betrachtete mit größerer Aufmerksamkeit das geheimnisvolle Wesen, dem ich die uns glaublichen Erlebnisse zu verdanken hatte.



VII.


Es war eine Frau mit kleinem Kopf und einem nicht russischen Gesicht. Grauweiß, halbdurchsichtig, mit kaum wahrnehmbaren Schatten erinnerte sie mich an eine von innen erleuchtete Alabastervase, – und wieder kam sie mir so bekannt vor.

»Darf ich mit dir sprechen?« fragte ich.

»Sprich.«

»Ich sehe einen Ring an deinem Finger; du hast also einst auf der Erde gelebt, – bist wohl verheiratet gewesen?« Ich stockte... Sie gab keine Antwort.

»Sag mir wenigstens wie du heißt, oder wie du gehießen hast?«

»Nenne mich Ellis.«

»Ellis! Das klingt wie ein englischer Name! Bist du Engländerin? Hast du mich früher gekannt?«

»Nein.«

»Warum bist du denn gerade mir erschienen?«

»Ich liebe dich.«

»Bist du nun zufrieden?«

»Ja. Wir schweben und kreisen beide durch die reine Luft.«

»Ellis!« sagte ich plötzlich. »Bist du vielleicht die verdammte Seele einer Sünderin?«

Meine Gefährtin neigte den Kopf. »Ich verstehe dich nicht,« flüsterte sie.

»Ich beschwöre dich bei dem Namen Gottes...« fing ich wieder an.

»Was sprichst du da?« sagte sie verwundert. »Ich verstehe das nicht.« Es war mir, als ob der Arm, der wie ein kühler Gürtel meine Hüften umschlang, leise erzitterte...

»Fürchte dich nicht,« sagte Ellis. »Fürchte dich nicht, Geliebter!« Sie wandte sich zu mir und näherte ihr Gesicht dem meinigen... Ich fühlte auf meinen Lippen eine eigentümliche Berührung wie von einem feinen und weichen Stachel... So berührt einen ein nicht allzu blutdürstiger Blutegel.



VIII.


Ich sah hinab. Wir hatten uns inzwischen wieder zu einer beträchtlichen Höhe erhoben. Wir flogen gerade über eine mir unbekannte Provinzstadt, die am Abhang eines breiten Hügels lag. Aus der dunklen Masse der Schindeldächer und Obstgärten ragten Kirchtürme empor; eine lange Brücke dunkelte an einer Biegung des Flusses; alles lag in tiefem Schlummer. Selbst die Kuppeln und Kreuze schimmerten so eigentümlich stumm und träge; stumm ragten die hohen Stangen der Ziehbrunnen neben den runden Kuppen der Weidenbüsche; eine weiße Landstraße schoß wie ein feiner Pfeil in die Stadt hinein und kam am anderen Ende in der dämmernden Ferne wieder heraus.

»Was ist das für eine Stadt?« fragte ich.

»Es ist N.«

»N. im N-schen Gouvernement?«

»Ja.«

»So weit bin ich also von meinem Hause?«

»Für uns gibt es keine Entfernung.«

»Wirklich?« Eine plötzliche Kühnheit erwachte in mir. »So bringe mich nach Südamerika!«

»Nach Amerika kann ich nicht. Dort ist jetzt Tag.«

»Wir sind also Nachtvögel. Nun trage mich irgendwohin, nur recht weit von hier.«

»Schließe die Augen und atme nicht,« sagte Ellis und wir flogen dahin schnell wie der Sturm. Die Luft drang mir mit erschütterndem Rauschen in die Ohren.

Wir hielten an, das Rauschen hörte aber nicht auf. Im Gegenteil: es verwandelte sich in ein drohendes Brüllen und Donnergetöse...

»Jetzt kannst du die Augen öffnen,« sagte Ellis.



IX.


Ich gehorchte... Mein Gott, wo bin ich?

Über mir hängen schwere graue Wolken; sie drängen sich zusammen und rennen wie eine Herde böser Ungeheuer... doch dort, tief unten tobt ein anderes Ungeheuer: das wütende, wirklich wütende Meer... Der weiße Schaum zuckt und blitzt und kocht und häuft sich zu Hügeln, und das Meer wirft ungeheure Wellen empor, die mit rohem Getöse gegen einen riesigen, pechschwarzen Felsen schlagen. Im Heulen des Sturmes, im eisigen Hauch des gähnenden Abgrundes, im schweren Brausen der Brandung, aus welcher ich bald klagendes Heulen, bald fernen Kanonendonner und bald Glockenläuten höre, im lauten Knirschen der am Ufer angehäuften Kieselsteine, im plötzlichen Aufschrei einer unsichtbaren Möwe, im schwankenden Gerippe eines Schiffes, das sich schwach am grauen Horizont abhebt, – in allen Dingen ist der Tod, Tod und Grauen... Der Kopf schwindelt mir, und ich schließe wieder bebend die Augen...

»Was ist das? Wo sind wir?«

»Am Südufer der Insel Wight, vor dem Felsen Blackgany, wo so oft die Schiffe zerschellen,« sagte Ellis, diesmal besonders laut und deutlich und, wie mir schien, nicht ohne Schadenfreude...

»Trage mich fort von hier... nach Hause! Nach Hause!«

Ich krümmte mich ganz zusammen und preßte mein Gesicht in die Hände . . . Ich fühlte, daß wir noch rascher flogen; der Wind heulte und pfiff nicht mehr, – er winselte förmlich in meinem Haar und in meiner Kleidung... Mir verging der Atem...

»Stell dich doch auf die Füße,« rief ihre Stimme.

Ich gab mir Mühe, mich zu beherrschen, meine Besinnung wieder zu gewinnen ,.. Ich spürte unter meinen Sohlen die Erde und hörte nichts, als ob rund umher alles erstorben wäre... nur in den Schläfen pochte mir noch das Blut, und in meinem Kopfe sauste es... mir schwindelte. Ich richtete mich auf und sah mich um.



X.


Wir befanden uns auf dem Damme meines Teiches. Ich sah gerade vor mir, durch die spitzigen Blätter der Weidenbüsche hindurch, die breite Wasserfläche, auf der hie und da noch einzelne flaumige Nebelfetzen lagen. Rechts lag im matten Glanz das Kornfeld; links erhoben sich die schlanken, unbeweglichen und noch feuchten Bäume meines Gartens... Der Morgen hatte sie bereits mit seinem Atem berührt. Am reinen grauen Himmel zogen sich gleich Rauchstreifen einige schräge Wölkchen hin; im ersten schwachen Widerscheine des Morgenrots, der Gott weiß von wo auf sie fiel, schienen sie gelblich: das Auge konnte am weißen Horizonte noch nirgends die Stelle entdecken, wo die Sonne aufgehen sollte. Die Sterne erloschen einer nach dem andern; nichts regte sich noch, obgleich in der zauberhaften Stille des Morgens alles Leben zu erwachen begann.

»Der Morgen! Es ist der Morgen!« rief mir Ellis dicht ins Ohr. »Lebe wohl! Bis morgen!«

Ich wandte mich um... Sie hob sich leicht von der Erde empor, schwebte an mir vorüber – und plötzlich hob sie beide Arme über den Kopf. Dieser Kopf, diese Arme und Schultern nahmen augenblicklieh einen warmen rosigen Ton an; in den dunklen Augen sprühten lebendige Funken; ein Lächeln geheimer Wonne bewegte die rot gewordenen Lippen... Vor mir war plötzlich ein reizendes Weib erstanden... Doch im gleichen Augenblick sank sie, wie in Ohnmacht fallend, zurück und zerfloß wie Dunst.

Ich stand regungslos da.

Als ich zur Besinnung kam und um mich blickte, war es mir, als ob der rosige Ton, in dem soeben das Gesicht meiner Vision erglühte, noch immer nicht verschwunden sei, sondern die ganze Luft erfülle und mich von allen Seiten umgebe... Das war das Morgenrot. Plötzlich fühlte ich mich ungewöhnlich matt; ich begab mich nach Hause. Als ich am Geflügelhof vorbeiging, hörte ich das erste Morgengeschnatter der jungen Gänse (sie werden vor jedem anderen Geflügel wach); längs des Daches saßen viele Dohlen, die sich geschäftig und stumm putzten; sie hoben sich scharf vom milchweißen Himmel ab. Zuweilen flogen sie alle zugleich auf und setzten sich nach kurzem Fluge wieder eine neben der anderen ohne Geschrei auf das Dach... Aus dem nahen Wäldchen ließ sich zweimal der erste heisere Morgenschrei des Auerhahnes vernehmen, der eben in das taufeuchte, von Beeren durchwachsene Gras herabgeflogen war... Mit leisem Beben in allen Gliedern erreichte ich mein Bett und versank sofort in tiefen Schlaf.



XI.


Als ich mich in der nächsten Nacht der alten Eiche näherte, schwebte mir Ellis wie einem Bekannten entgegen. Ich fürchtete sie nicht mehr, war über ihr Erscheinen beinahe erfreut; ich versuchte nicht einmal darüber nachzudenken, was mit mir vorging; ich hatte nur den einen Wunsch, irgendwohin, recht weit, nach merkwürdigen Orten, zu fliegen.

Ellis umschlang mich wieder mit ihrem Arm, und wir flogen wieder dahin...

»Wollen wir doch nach Italien fliegen,« flüsterte ich ihr ins Ohr.

»Wohin du willst, Geliebter,« antwortete sie feierlich und ruhig; ruhig und feierlich wandte sie mir ihr Gesicht zu. Es erschien mir etwas weniger durchsichtig als gestern, frauenhafter und ernster; es erinnerte mich an jenes herrliche Wesen, das mir beim Morgenrot entschwebt war.

»Diese Nacht ist eine große Nacht,« sagte Ellis. »Sie kommt sehr selten, nur wenn siebenmal dreizehn...«

Hier entgingen mir einige Worte.

»In dieser Nacht kann man Dinge sehen, die in den anderen Nächten verborgen sind.«

»Ellis!« flehte ich sie an, »wer bist du denn? Sage es mir endlich!«

Sie hob schweigend ihren schlanken weißen Arm.

Am dunklen Himmel, dort, wohin ihr Finger wies, strahlte zwischen kleineren Sternen ein Komet mit rötlichem Schweif.

»Wie soll ich dich verstehen?« begann ich. »Oder ziehst du – wie dieser Komet zwischen den Planeten und Sonnen zieht, zwischen den Menschen... und wem?«

Doch sogleich legte sich Ellis' Hand auf meine Augen... Es war mir, als ob mich ein weißer Nebel aus feuchtem Tal umfinge...

»Nach Italien! Nach Italien!« flüsterte sie. »Diese Nacht ist eine große Nacht!«



XII.


Der Nebel vor meinen Augen verzog sich, und ich erblickte tief unter mir eine unendliche Ebene. Schon an der warmen und milden Luft, die meine Wangen streifte, konnte ich erkennen, daß ich mich nicht in Rußland befand; auch glich die Ebene gar nicht unseren russischen Ebenen. Es war eine große dunkle Fläche, so viel ich erkennen konnte, vollkommen nackt und öde; hie und da glänzten wie kleine Spiegelscherben stehende Gewässer; in der Ferne konnte ich schwach die Umrisse eines unhörbaren und unbeweglichen Meeres sehen. Zwischen breiten schöngeformten Wolken strahlten große Sterne; ein tausendstimmiges, unaufhörliches und dabei doch nicht lautes Trillern erscholl von allen Richtungen – wunderbar war dieses durchdringende und zugleich verschlafene Singen, diese nächtliche Stimme der Wüste...

»Die Pontinischen Sümpfe,« sagte Ellis. »Hörst du die Frösche? Spürst du den Schwefelgeruch?«

»Die Pontinischen Sümpfe...« wiederholte ich, und sofort war ich im Banne dieser majestätischen und schwermütigen Stimmung. »Doch warum hast du mich in dieses traurige verlassene Land gebracht? Bringe mich lieber nach Rom.«

»Rom ist nahe,« antwortete Ellis, »mache dich bereit!«

Wir ließen uns etwas tiefer herab und flogen die alte Römerstraße entlang. Ein Büffel erhob langsam seinen großen zottigen Kopf mit den kurzen Borsten zwischen den zurückgebogenen Hörnern aus dem Morast. Er schielte mit seinen stumpfsinnig bösen Augen und schnaubte schwer mit den feuchten Nüstern, als ob er uns witterte.

»Rom ist nahe,« flüsterte Ellis. »Schau vorwärts, vorwärts...«

Ich erhob die Augen.

Was ist das Schwarze dort am nächtlichen Horizonte? Sind das die hohen Bogen einer kolossalen Brücke? Über welchen Strom wölbt sie sich? Warum ist sie stellenweise durchbrochen? Nein, es ist keine Brücke, es ist ein alter Aquädukt. Rings ist der geheiligte Boden der Campagna, und dort in der Ferne ragen die Berge von Albano, und ihre Gipfel und der graue Rücken des alten Aquädukts schimmern schwach in den Strahlen des aufgehenden Mondes...

Wir schossen plötzlich in die Höhe und hielten in der Luft über einer einsamen Ruine. Niemand hätte sagen können, was sie früher einmal gewesen war: ein Grabmal, ein Palast, ein Turm... Dunkler Efeu umrankte sie von allen Seiten mit seiner erstickenden Gewalt, und unten gähnte wie ein gigantischer Rachen ein halb eingestürztes Gewölbe. Schwerer Kellergeruch wehte mir aus diesem Haufen kleiner, dicht aneinander gefügter Steine entgegen, von denen schon längst die Granitbekleidung abgefallen war.

»Hier,« sagte Ellis und erhob die Hand. »Hier! Sprich laut, dreimal hintereinander den Namen eines großen Römers aus.«

»Und was wird geschehen?«

»Du wirst es sehen.«

Ich dachte nach. »Divus Cajus Julius Caesar!« rief ich plötzlich. »Divus Cajus Julius Caesar!« wiederholte ich gedehnt:–»Caesar!«



XIII.


Der letzte Widerhall meiner Worte war noch nicht verstummt, als ich plötzlich hörte...

Es fällt mir schwer zu sagen, was ich hörte. Anfangs war es ein undeutliches, kaum wahrnehmbares, doch unaufhörlich sich wiederholendes Trompetengeschmetter und Händeklatschen. Es war, als ob irgendwo in weiter Ferne, in einem Abgrund eine zahllose Menschenmenge wogte–sie war in Aufruhr, sie wuchs an, und ihre Rufe klangen kaum hörbar, wie im Traume, wie aus tiefem, bedrückendem, tausendjährigem Schlafe. Die Luft über der Ruine begann sich zu regen und dunkler zu werden... Ich glaubte Schatten zu sehen, Myriaden Schatten, Millionen Umrisse, hier abgerundet wie Helme, dort zugespitzt wie Speere; auf allen diesen Helmen und Speeren sprühten im Mondlichte blaue Funken, – und die ganze Armee, die ganze Masse rückte immer näher und näher heran, immer anwachsend und wie ein Meer tobend... Eine unsagbare Spannung, eine Spannung, stark genug, um die ganze Welt aus den Fugen zu heben, schien diese Menge vorwärts zu treiben, und keine einzige Gestalt trat einzeln hervor... Und plötzlich war es mir, als ob durch die Menge ein Beben ginge, als ob ungeheuere Wogen zurückprallten und sich zerteilten... »Caesar, Caesar venit!« rauschten die Stimmen, gleich den Blättern des Waldes, in den ein plötzlicher Sturm gefahren ist... Ein dumpfer Donnerschlag, – und ein bleiches, ernstes lorbeerbekränztes Haupt mit gesenkten Lidern, das Haupt des Imperators kam langsam hinter der Ruine zum Vorschein...

In der Sprache des Menschen gibt es keine Worte, mit denen ich mein Entsetzen ausdrücken könnte. Es war mir, als ob ich auf der Stelle sterben müßte, wenn dieses Haupt die Augen aufschlüge und die Lippen öffnete. – »Ellis!« stöhnte ich, »ich will nicht, ich kann nicht, ich mag nicht dieses rohe, drohende Rom... Fort, fort von hier!«

»Kleinmütiger!« flüsterte sie, und wir flogen weg. Ich hörte hinter mir noch einen ehernen, donnernden Aufschrei der Legionen... dann wurde alles dunkel.



XIV.


»Sieh dich um,« sagte Ellis, »und beruhige dich.«

Ich gehorchte. Der erste Eindruck war, wie ich mich noch gut erinnere, so süß und angenehm, daß ich nur aufseufzen konnte. Etwas Durchsichtig-Blaues, etwas Silbriges–es war kein Licht und auch kein Nebel–umfloß mich von allen Seiten. Zuerst konnte ich nichts unterscheiden: mich blendete dieses blaue Glänzen;–aber allmählich traten die Umrisse schöner Berge und Wälder hervor; vor mir lag ein See, in seiner Tiefe zitterten Sterne, lieblich plätscherten seine Wellen. Ein Strom von Orangenduft schlug mir entgegen, – und mit ihm zugleich kamen starke reine Töne einer jugendlichen weiblichen Stimme. Dieser Duft, diese Töne zogen mich förmlich hinab–und ich begann mich sinken zu lassen... zu einem prunkvollen Marmorpalast hinab, der mir freundlich aus einem Zypressenhain entgegenschimmerte. Die Töne kamen aus den weit geöffneten Fenstern; die Wellen des Sees, der mit Blütenstaub besät war, plätscherten an die Marmormauern–und gerade gegenüber erhob sich aus dem Schoße des Wassers eine hohe runde Insel, ganz bekleidet mit dunklen Pomeranzen und Lorbeeren, ganz übergossen mit monddurchwebtem leuchtendem Nebel, ganz übersät mit Bildwerken, schlanken Säulen und Tempelhallen...

»Isola Bella!« sagte Ellis. »Lago Maggiore...«

Ich sagte nur »Ah!« und sank weiter hinab. Die weibliche Stimme klang immer lauter, immer heller; es zog mich unaufhaltsam zu ihr hin... ich wollte der Sängerin, die mit solchen Tönen eine solche Nacht erfüllte, ins Gesicht schauen. Wir hielten vor einem der Fenster.

In einem Zimmer, welches im pompejanischen Geschmack ausgestattet war und mehr einer antiken Tempelhalle als einem modernen Salon glich, umgeben von griechischen Bildwerken, etruskischen Vasen, seltenen Pflanzen, kostbaren Stoffen, übergossen mit dem milden Lichte zweier Lampen in kristallenen Kugeln, – saß am Klavier eine junge Frau. Den Kopf leicht in den Nacken geworfen, die Augen halb geschlossen, sang sie eine italienische Arie; sie sang und lächelte, und doch drückten ihre Züge dabei Ernst und sogar Strenge aus... das Kennzeichen vollkommenen Genießens! Sie lächelte, - und der Faun des Praxiteles, ebenso jugendlich und träge wie sie, ebenso verzärtelt und wollüstig wie sie, lächelte ihr hinter den Oleandern in der Ecke zu, durch den leichten Rauch, der sich aus einem bronzenen Räucherbecken auf antikem Dreifuße erhob. Die Schöne war allein im Zimmer. Von den Tönen, von der Schönheit, dem Glänze und dem Duft dieser Nacht berauscht, vom Anblick dieses jungen, hellen, strahlenden Glückes aufs tiefste erschüttert, vergaß ich gänzlich meine Gefährtin, vergaß, auf welche seltsame Weise ich Zeuge eines so weit entfernten, eines mir so fremden Lebens geworden war–und ich wollte schon an das Fenster treten, wollte sie anreden...

Mein ganzer Körper erzitterte von einem heftigen Schlag, - als ob ich eine Leidnerflasche berührt hätte. Ich blickte zurück... Ellis' Gesicht war–bei all seiner Durchsichtigkeit–finster und drohend; in ihren plötzlich aufgerissenen Augen brannte der Zorn...

»Fort!« flüsterte sie mir wütend zu, und wieder erfaßten mich Sturm, Finsternis und Schwindel... Diesmal blieb mir aber nicht der Aufschrei der Legionen, sondern die Stimme der Sängerin, die auf einer hohen Note abgebrochen war, in den Ohren zurück...

Wir hielten. Die hohe Note, immer die gleiche Note, klang noch immer fort und wollte nicht verstummen, obwohl ich eine ganz andere Luft atmete, einen ganz ganz anderen Geruch spürte... Stärkende Frische, wie von einem großen Strome kommend, der Geruch von Heu, Rauch, Hanf wehte mir entgegen. Dem ersten langgedehnten Tone folgte ein zweiter, dann ein dritter; die ganze Manier war aber so unzweideutig, kam mir so bekannt und vertraut vor, daß ich mir sofort sagte: »Das ist ein Russe, der ein russisches Lied singt,«–und im gleichen Augenblick wurde mir alles klar.



XV.


Wir befanden uns über einem flachen Ufer. Links zogen sich ohne Ende gemähte Wiesen hin, mit riesengroßen Heuschobern; rechts breitete sich ebenso endlos der glatte Spiegel eines mächtigen, wasserreichen Stromes aus. Nahe am Ufer wiegten sich dunkle verankerte Barken leise hin und her, und die Spitzen ihrer Maste bewegten sich wie Zeigefinger. Aus einer dieser Barken schlugen die Töne einer klangvollen Stimme an mein Ohr; auf der gleichen Barke brannte ein Feuer, und sein langer rötlicher Widerschein zitterte und schwankte im Wasser. Hie und da, auf dem Wasser wie auf dem Felde, – man konnte nicht erkennen, ob nah oder fern, – flimmerten noch andere kleine Feuer, bald verschwindend, bald als strahlende große Sterne aufleuchtend; zahllose Grillen zirpten unaufhörlich, nicht weniger durchdringend als die Frösche in den Pontinischen Sümpfen; unter dem wolkenlosen, doch dunklen und tief herunterhängenden Himmel schrien unsichtbare Vögel.

»Sind wir in Rußland?« fragte ich Ellis.

»Das ist die Wolga,« antwortete sie.

Wir flogen längs einem der Ufer dahin. – »Warum hast du mich von jener herrlichen Gegend losgerissen?« hub ich an. »Bist du etwa neidisch geworden? Oder ist in dir die Eifersucht erwacht?«

Ellis' Lippen bebten kaum merklich, und in ihren Augen blitzte es wieder drohend auf... doch gleich darauf erstarrte ihr Gesicht wieder.

»Ich will nach Hause,« sagte ich.

»Warte noch, warte,« entgegnete Ellis. »Diese Nacht ist eine große Nacht. Sie kehrt so bald nicht wieder. Du kannst Zeuge sein... Warte.«

Wir flogen plötzlich schräg über die Wolga, dicht am Wasser, so niedrig und stoßweise wie die Schwalben vor dem Sturm. Mächtige Wellen rollten schwer unter uns, scharfer Wind schlug uns mit seinem starken kalten Flügel... Bald erhob sich im Halbdunkel das hohe rechte Ufer. Es zeigten sich steile Berge mit tiefen Klüften. Wir flogen auf sie zu.

»Rufe: Ssaryn na Kitschku!« »Marsch aufs Verdeck!« – Kommandoruf der alten Wolgapiraten.

Ich gedachte des Entsetzens, welches ich beim Erscheinen der römischen Legionen empfunden hatte, ich fühlte eine Müdigkeit und eine seltsame Wehmut, mir war, als schmelze mir das Herz in der Brust, – ich wollte die verhängnisvollen Worte nicht aussprechen, ich wußte vorher, daß als Antwort auf meinen Ruf ein schreckliches Gesicht, wie in der Wolfsschlucht des »Freischütz«, erscheinen werde, – doch meine Lippen öffneten sich gegen meinen Willen, und ich rief mit schwacher, gespannter Stimme:

»Ssaryn na Kitschku!«



XVI.


Anfangs blieb alles still, gerade wie damals vor der römischen Ruine; doch plötzlich erklang dicht an meinem Ohr ein rohes Lachen, – etwas fiel mit einem Aufschrei ins Wasser und begann zu glucksen... Ich blickte mich um: weit und breit war niemand zu sehen, – doch vom Ufer hallte lautes Echo zurück, und zugleich erhob sich von allen Seiten ein betäubender Lärm. Was es nicht alles in diesem Chaos von Tönen gab! – Schreien und Winseln, wütendes Fluchen und Lachen, – das Lachen klang am lautesten, – Ruderschläge und Axthiebe, ein Krachen wie von aufgebrochenen Türen und Truhen, Knarren von Takelwerk und Rädern, Pferdegetrabe, Sturmläuten und Kettengerassel, das dumpfe Tosen einer Feuersbrunst, trunkene Lieder und wirre rohe Reden, untröstliches Weinen, klagendes, verzweifeltes Flehen, – gebieterische Rufe, Todesröcheln und keckes Pfeifen, Kreischen und Stampfen von Tanzenden. »Haut zu! Hängt sie! Ersäuft sie! Schlachtet sie ab! So ist's recht! So recht! Keinen Pardon!« – Ich hörte es ganz deutlich, – ich hörte sogar das schwere Keuchen atemloser Menschen, – und doch war ringsum, soweit das Auge reichte, nichts zu sehen, alles blieb unverändert: der Strom rollte geheimnisvoll, beinahe mürrisch an uns vorüber; das Ufer selbst erschien noch öder, noch wilder als zuvor – das war alles.

Ich wandte mich um zu Ellis, sie legte jedoch den Finger an die Lippen...

»Stepan Timofeïtsch! Der berühmte Räuber und Rebell Stenjka Rasin, der um die Mitte des XVII. Jahrhunderts das ganze Wolgagebiet verwüstete. Held zahlreicher Volkslieder. Stepan Timofeïtsch kommt!« tönte es ringsum, »da kommt unser Väterchen, unser Hauptmann, unser Ernährer!« Ich sah noch immer nichts, doch plötzlich war es mir, als ob ein mächtiger Körper sich gerade auf mich zu bewege... – »Frolka! Wo bist du, Hund?« dröhnte eine schreckliche Stimme. – »Zünde an von allen Seiten – und hau' mit der Axt auf sie los, auf die vornehmen Herren!«

Die Glut einer nahen Flamme berührte mich beinahe, bitterer Brandgeruch schlug mir entgegen, und im gleichen Augenblick spritzte mir etwas Warmes, wie Blut, auf Hände und Gesicht... Ein wildes Gelächter erscholl ringsum.

Ich verlor die Besinnung; als ich wieder zu mir kam, schwebten wir, Ellis und ich, leise den bekannten Saum meines Waldes entlang, gerade auf die alte Eiche zu...

»Siehst du den schmalen Weg?« fragte Ellis: »Dort, wo das Mondlicht so matt leuchtet, wo die beiden jungen Birken ihre Zweige herabhängen lassen?... Willst du dahin?«

Ich fühlte mich aber entsetzlich zerschlagen und erschöpft und sagte nur: »Nach Hause... Nach Hause...«

»Du bist zu Hause,« antwortete Ellis.

Ich stand auch wirklich vor der Türe meines Hauses, – allein, Ellis war verschwunden. Der Hofhund kam auf mich zu, betrachtete mich mißtrauisch, – und lief heulend fort.

Mit Mühe schleppte ich mich zu meinem Bett und schlief sofort, angekleidet wie ich war, ein.



XVII.


Den ganzen folgenden Morgen hatte ich Kopfweh und konnte mich kaum bewegen; ich achtete aber wenig auf meinen körperlichen Zustand, denn an mir nagte Reue, ich erstickte vor Ärger.

Ich war mit mir äußerst unzufrieden. – Kleinmütiger! – wiederholte ich unaufhörlich: –ja, Ellis hatte recht. Warum fürchtete ich mich? Wie konnte ich mir eine solche Gelegenheit entgehen lassen?... Ich hätte ja Caesar selbst sehen können, doch ich erstarb vor Schreck, ich kreischte und scheute zurück, wie ein Kind vor der Rute. Nun, der Räuberhauptmann Rasin ist allerdings etwas anderes. Als Edelmann und Grundbesitzer mußte ich... Aber warum habe ich auch in diesem Falle Furcht bekommen? Kleinmütiger, Kleinmütiger!... –

– Habe ich vielleicht doch alles nur im Traume gesehen? – fragte ich mich schließlich. Ich rief meine Haushälterin herbei.

»Marfa, um welche Stunde bin ich gestern abend zu Bett gegangen? Kannst du dich noch daran erinnern?«

»Ja, das mußt du selbst wissen, mein Wohltäter... Es wird wohl spät gewesen sein. In der Dämmerung bist du aus dem Hause gegangen und hast noch spät nach Mitternacht in deinem Schlafzimmer mit den Absätzen getrampelt. Es wird sogar gegen Morgen gewesen sein, als ich dich habe herumgehen hören, ja... Auch vorgestern war dasselbe. Hast wohl einen Kummer, der dich drückt...«

– He, he – dachte ich. – Das Fliegen unterliegt also keinem Zweifel. – »Nun, und wie sehe ich heute aus?« fügte ich mit lauter Stimme hinzu.

»Wie du aussiehst? Laß dich mal anschauen. Etwas heruntergekommen. Und auch bleich bist du, mein Wohltäter: kein einziger Blutstropfen im Gesicht.«

Ich schauderte leicht zusammen Ich schickte Marfa fort.

– Auf diese Weise kann ich mir noch den Tod holen, oder wahnsinnig werden, – sagte ich zu mit selbst, am Fenster stehend. – Ich muß damit ein Ende machen. Das ist gefährlich. Auch das Herz pocht mir heute so eigentümlich. Und während ich fliege, habe ich immer das Gefühl, als ob mir jemand am Herzen sauge, oder als ob aus ihm etwas heraussickere – ganz so wie im Frühling der Saft aus der Birke sickert, wenn man mit einer Axt hineinsticht. Und doch ist es schade. Auch Ellis ist so eigentümlich... Sie spielt mit mir wie die Katze mit der Maus... übrigens wird sie wohl kaum böse Absichten haben. Ich will mich ihr noch zum letzten Male hingeben, will mich noch einmal satt sehen, – und dann... Doch wenn sie mir das Blut aussaugt? Das wäre schrecklich!... Auch kann eine so rasche Fortbewegung nicht unschädlich sein; man sagt, daß es in England auf den Eisenbahnen verboten sei, mehr als 120 Werst in der Stunde zu fahren... –

So sprach ich mit mir selbst, – doch gegen zehn Uhr abends stand ich wieder vor der alten Eiche.



XVIII.


Die Nacht war kalt, trüb und grau; in der Luft roch es nach Regen. Zu meinem Erstaunen traf ich niemand bei der Eiche; ich ging einige Male um den Baum herum, kam bis an den Saum des Waldes, kehrte wieder zurück und blickte gespannt in die Finsternis... Niemand kam. Ich wartete eine Weile und rief dann einige Male Ellis, immer lauter und lauter... sie kam aber nicht... Ich empfand Trauer, sogar Schmerz; meine Befürchtungen von vorhin waren verschwunden: ich konnte mich nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß meine Gefährtin nie mehr wiederkehren werde.

»Ellis! Ellis! So komm doch! Wirst du denn nicht kommen?« rief ich zum letzten Male aus.

Ein Rabe, den meine Stimme aus dem Schlafe geweckt hatte, begann sich im Wipfel eines nahen Baumes zu rühren; er verwickelte sich in den Zweigen und schlug die Flügel... Ellis zeigte sich nicht.

Gesenkten Hauptes begab ich mich nach Hause. Vor mir dunkelten schon die Weidenbüsche auf dem Damme, und zwischen den Apfelbäumen des Gartens flimmerte das Licht in meinem Zimmer; bald leuchtete es auf, bald verschwand es, wie ein mich belauerndes Menschenauge; – und plötzlich hörte ich hinter mir ein leises Sausen der rasch durchschnittenen Luft; etwas umfing mich und hob mich empor: so packt der Falke die Wachtel. Es war Ellis. Ich fühlte ihre Wange an meiner Wange, den Ring ihres Armes an meinem Körper, und wie ein scharfer Lufthauch drang mir ins Ohr ihr Flüstern: »Da bin ich.« Ich war erschreckt und erfreut zugleich... Wir schwebten nicht hoch über der Erde.

»Du wolltest heute nicht kommen?« fragte ich.

»Und du, hast du dich nach mir gesehnt? Liebst du mich? Oh, du bist mein!..«

Die letzten Worte Ellis' machten mich etwas verwirrt... Ich wußte nicht, was ich darauf sagen sollte.

»Man hat mich zurückgehalten,« fuhr sie fort, »man hat mich bewacht.«

»Wer hat dich zurückhalten können?«

»Wohin willst du?« fragte Ellis, auf meine Frage wie gewöhnlich nicht antwortend.

»Trage mich nach Italien, zu jenem See, – weißt du noch?...«

Ellis neigte sich etwas zur Seite und schüttelte verneinend den Kopf. Da merkte ich zum ersten Male, daß sie aufgehört hatte, durchsichtig zu sein. Auch ihr Gesicht hatte eine Färbung angenommen; über das nebelige Weiß hatte sich ein rosiger Hauch ergossen. Ich blickte ihr in die Augen... und es wurde mir ganz unheimlich zumute: in diesen Augen regte sich etwas, so langsam, unaufhaltsam und unheimlich; ich mußte an eine erstarrte und zusammengerollte Schlange denken, die in den Sonnenstrahlen wieder aufzuleben beginnt.

»Ellis!« rief ich, »wer bist du? Sag' mir doch, wer du bist!«

Ellis zuckte nur die Achseln.

Ich wurde ärgerlich... ich wollte mich rächen, – da kam mir plötzlich der Gedanke, ihr zu befehlen, mich nach Paris zu tragen. – Dort wirst du schon Gelegenheit haben, eifersüchtig zu sein! – dachte ich. »Ellis!« sagte ich laut: »Fürchtest du die großen Städte nicht, zum Beispiel Paris?«

»Nein.«

»Nein? Auch solche Orte nicht, wo es so hell ist wie auf den Boulevards?«

»Das ist kein Tageslicht.«

»Sehr gut; so trage mich sofort auf den Boulevard des Italiens.«

Ellis warf mir das Ende ihres langen herabhängenden Ärmels über den Kopf. Mich umfing sofort ein eigentümlicher weißer Nebel mit einschläferndem Mohngeruch. Sofort war alles verschwunden: jedes Licht, jeder Ton und beinahe sogar das Bewußtsein. Mir blieb nur die Empfindung, daß ich noch lebe, und das war gar nicht unangenehm.

Plötzlich verschwand der Nebel; Ellis nahm mir den Ärmel vom Kopf, und ich sah unter mir einen ungeheuren Haufen dicht aneinander gedrängter Gebäude, voller Glanz, Bewegung und Lärm... Ich sah Paris...



XIX.


Ich war schon früher einige Male in Paris gewesen und erkannte daher sogleich den Ort, wohin Ellis flog. Es war der Garten der Tuilerien, mit seinen alten Kastanienbäumen, eisernen Gittern, seinem Festungsgraben und den tierähnlichen Zuaven als Wachtposten. Wir flogen am Schloß und an der Kirche St. Roch vorbei, auf deren Stufen der erste Napoleon zum ersten Male französisches Blut vergoß, und hielten hoch über dem Boulevard des Italiens, wo der dritte Napoleon dasselbe und mit demselben Erfolg tat. Zahllose Menschen, junge und alte Gecken, Blusenmänner, Frauen in prächtigen Kleidern drängten sich auf den Trottoirs; reich mit Bronze geschmückte Restaurants und Cafés strahlten in zahllosen Lichtern; Omnibusse, Wagen jeder Art und jeden Aussehens rollten den Boulevard entlang; wohin der Blick fiel, überall war dichtes Gedränge und blendendes Licht... Doch seltsamerweise kam mir gar nicht der Wunsch, meine dunkle, reine, luftige Höhe zu verlassen und mich diesem menschlichen Ameisenhaufen zu nähern. Es war mir, als ob eine heiße, schwere, blutrote Dampfwolke von unten heraufstiege, halb übelriechend, halb parfümiert: gar zu viele Leben waren dort unten auf einen Fleck zusammengedrängt. Ich schwankte noch... Da drang aber plötzlich, schneidend wie das Klirren von Eisenstangen, die kreischende Stimme einer Straßenlorette an mein Ohr; wie eine schamlose Zunge streckte sich mir diese Stimme entgegen, sie stach mich wie der Stachel eines ekelhaften Reptils. Sogleich stellte ich mir das steinerne, derbknochige, gierige, flache Gesicht der Pariserin vor, Wucheraugen, Schminke und Puder, hochfrisiertes Haar und einen Strauß greller künstlicher Blumen unter dem spitzen Hute, sorgfältig gepflegte Nägel wie Krallen und eine häßliche Krinoline... Ich stellte mir auch einen von meinen Landsleuten, irgend einen Gutsbesitzer aus dem Steppengebiet vor, wie er in ungeschickten Bocksprüngen der feilen Puppe nachsteigt... Ich stellte mir vor, wie er, seine Konfusion durch Roheit maskierend, sich Mühe gibt, das »R« auf französische Manier auszusprechen und in jeder Weise die Garçons aus dem Restaurant Véfour zu kopieren, wie er zischelt, schwänzelt und schmeichelt – und ein Gefühl des Ekels stieg in mir auf... – Nein, – sagte ich mir, – hier wird Ellis wohl keine Gelegenheit finden, eifersüchtig zu sein... Inzwischen merkte ich, daß wir allmählich tiefer flogen... Paris kam uns mit all seinem Lärm und Qualm entgegen...

»Halt!« wandte ich mich zu Ellis. »Wird es dir nicht zu schwül, zu übel?«

»Du hast mich ja selbst gebeten, dich hierher zu tragen.«

»Ja, ich bin schuld, ich nehme mein Wort zurück. Trage mich bitte fort von hier, Ellis! Richtig: da schlendert ja schon der Fürst Kulmametow durch den Boulevard, und sein Freund Serge Waraksin, winkt ihm mit der Hand und ruft: ›Iwan Stepanowitsch, allons souper, schnell, j'ai engagé Rigolboche in eigener Person!‹ Trage mich fort, Ellis, von diesem Mabile, diesen Maisons dorées, von den Gandins und Biches, vom Jockey- Klub und Figaro, von den glattrasierten Soldatenschädein und den glattgetünchten Kasernen, von den Sergeants de Ville mit ihren Knebelbärten, vom trüben Absinth, von den Dominospielern in den Caféhäusern und den Spielern an der Börse, von den roten Ordensbändern im Knopfloch der Röcke und im Knoploch der Paletots, vom Herrn de Foy, dem Erfinder der ›Spécialité de mariage‹ und von den Gratis-Konsultationen des Dr. Charles Albert, von den liberalen Vorträgen und den offiziellen Broschüren, von der Pariser Komödie und der Pariser Oper, von den Pariser Witzen und der Pariser Unbildung... Fort, fort, fort!...«

»Blicke hinab,« entgegnete Ellis, »du bist nicht mehr über Paris.«

Ich senkte den Blick... Es stimmte. Eine dunkle Ebene, hie und da von den weißen Linien der Landstraßen durchschnitten, flog rasch unter mir vorbei, und nur am Horizont hinter uns glänzte noch, wie die Röte einer mächtigen Feuersbrunst, der Widerschein der zahllosen Lichter der Welthauptstadt Paris.



XX.


Wieder waren meine Augen verhüllt... Wieder verlor ich die Besinnung. Endlich fiel die Hülle.

Was ist das dort unten? Was ist das für ein Park mit den zugestutzten Lindenalleen, mit einzelnen wie Sonnenschirme zugeschnittenen Tannen, mit Säulenhallen und Tempeln im Geschmacke Pompadour, mit Statuen von Satyren und Nymphen aus der Schule Bernini's, mit Rokoko-Tritonen in der Mitte der Teiche, deren geschwungene Ufer von niedrigem Geländer aus schwarz gewordenem Marmor eingefaßt sind? Ist es nicht Versailles? Nein, Versailles ist es nicht. Ein kleines Schloß, gleichfalls im Rokoko-Stil, blickt hinter den Kuppeln krauser Eichen hervor. Der Mond ist in Nebel gehüllt und leuchtet trübe. Über die Erde zieht ein feiner Dunst; das Auge kann nicht unterscheiden, ob es Mondlicht oder Nebel ist. Hier schläft auf einem der Teiche ein Schwan; sein länglicher Rücken schimmert weiß wie der gefrorene Schnee der Steppe; und dort flimmern im bläulichen Schatten der Statuen diamantene Leuchtkäfer.

»Wir sind in der Nähe von Mannheim,« sagte Ellis, »das ist der Schwetzinger Garten.«

»Wir sind also in Deutschland!« Ich horchte auf. Alles war stumm; nur irgendwo plätscherte einsam und unsichtbar ein Springbrunnen. Er wiederholte immer ein und dasselbe Wort: »So, so, so, immer so, so.« Und plötzlich glaubte ich in einer der Alleen, genau in der Mitte zwischen den beiden Mauern beschnittenen Laubes ein Paar zu sehen: der Kavalier, in goldgesticktem Rock, Spitzenmanschetten, mit einem leichten Stahldegen an der Seite, schritt auf roten Absätzen einher und reichte geziert den Arm einer Dame mit gepuderter Frisur und buntgeblümtem Reifrock... Seltsame bleiche Gesichter... Ich will sie mir näher anschauen... Doch alles ist wieder verschwunden, und nur das Wasser plätschert wie zuvor...

»Das sind Träume, die dort umherwandeln,« flüsterte mir Ellis zu; »gestern konnte man ihrer viel mehr sehen... Heute fliehen selbst Träume das menschliche Auge. Vorwärts! Vorwärts!«

Wir stiegen höher und flogen weiter. So gleichmäßig und leicht war unser Flug, daß ich den Eindruck hatte, als ob nicht wir uns fortbewegten, sondern alles uns entgegenkäme. Dunkle, wellenförmig geschwungene, bewaldete Berge stiegen vor unseren Blicken auf und kamen immer näher... Da schweben sie schon dicht unter uns vorbei, mit allen ihren Taleinschnitten, Krümmungen, engen Wiesen, mit den Lichtpünktchen schlummernder Dörfer, die in Talgründen bei schnellen Bächen liegen; und vor uns tauchen andere Berge auf und auch sie schweben vorbei... Wir befinden uns im Herzen des Schwarzwaldes.

Immer Berge und Berge... und Wald, schöner, alter, kräftiger Wald. Der Nachthimmel ist hell: ich kann jede Baumgattung unterscheiden; am schönsten sind die Silbertannen mit ihren schlanken weißen Stämmen. Hie und da am Waldessaume zeigen sich Rehe; sie stehen schlank und scheu auf ihren dünnen Beinen und horchen, die Köpfe anmutig zur Seite gewendet, die großen röhrenförmigen Ohren gespitzt. Die traurige und blinde Ruine eines Turmes streckt vom Gipfel eines nackten Felsens ihre halbverfallenen Zinnen aus; über den alten, vergessenen Mauern leuchtet friedlich ein goldenes Sternchen. Aus einem kleinen, fast schwarzen See erhebt sich, wie geheimnisvolle Klage, das Stöhnen kleiner Unken. Zugleich glaube ich andere Töne zu hören, langgezogene wehmütige Töne, wie die einer Äolsharfe. Da ist es also, das Land der Sagen! Der gleiche feine Mondlichtnebel, der mir in Schwetzingen aufgefallen war, liegt auch hier auf allen Dingen, und je weiter sich die Berge auftun, desto dichter wird er. Ich zähle fünf, sechs, zehn verschiedene Abstufungen der Schattenschichten an den Berghängen, und über all diese stumme Mannigfaltigkeit herrscht der stille Mond. Die Luft strömt sanft und leicht. Ich selbst fühle mich so leicht, so ruhig und zugleich traurig.

»Ellis, du liebst gewiß dieses Land?«

»Ich liebe nichts.«

»Wieso? Und mich?«

»Ja... dich!« antwortet sie gleichgültig.

Mir ist es, als ob ihr Arm mich fester als vorher umschlinge.

»Vorwärts! Vorwärts!« sagt Ellis eigentümlich begeistert und zugleich kalt.

»Vorwärts!« wiederhole ich.



XXI.


Starke, helle, trillernde Schreie erklangen plötzlich über uns und wiederholten sich gleich darauf etwas weiter vor uns.

»Es sind verspätete Kraniche, die zu euch nach dem Norden ziehen,« sagte Ellis, »wollen wir uns ihnen anschließen?«

»Ja, ja! Trage mich zu ihnen hinauf.«

Wir schossen in die Höhe und befanden uns im nächsten Augenblick neben dem Kranichzuge.

Große, schöne Vögel (dreizehn an der Zahl) zogen in einem Dreieck, stark und nur selten die gewölbten Flügel schwingend. Kopf und Beine straff ausgestreckt, die Brust gewölbt, flogen sie unaufhaltsam und so rasch, daß die Luft rund herum pfiff. Es war so seltsam, in einer solchen Höhe, in einer solchen Entfernung von jedem anderen Leben dieses starke, glühende Leben, diesen unbeugsamen Willen zu sehen. Unaufhörlich den Raum besiegend und zerteilend, wechselten die Kraniche ab und zu kurze Schreie mit ihrem Gefährten an der Spitze des Zuges, und es lag etwas Stolzes und Wichtiges, etwas unerschütterlich Selbstbewußtes in diesen lauten Schreien, in dieser luftigen Unterredung. »Wir werden unser Ziel erreichen, und wenn es auch nicht so leicht ist,« riefen sie sich, gleichsam einander aufmunternd, zu. Und da fiel mir ein, daß es in Rußland – ach, was sage ich Rußland! –, in der ganzen Welt nur wenige Menschen gibt, die man mit diesen Vögeln vergleichen könnte.

»Nun fliegen wir nach Rußland,« sagte Ellis. Ich habe schon früher die Bemerkung gemacht, daß sie fast immer meine Gedanken erriet. »Willst du umkehren?«

»Umkehren?... oder nein? Ich bin schon in Paris gewesen, nun trage mich nach Petersburg.«

»Jetzt gleich?«

»Sofort... Bedecke mir aber den Kopf mit deinem Ärmel, sonst wird mir übel.«

Ellis hob den Arm... Doch bevor mich noch der Nebel umfing, spürte ich auf meinen Lippen die schnelle Berührung jenes weichen, stumpfen Stachels...



XXII.


»A–a–achtung!« schallte in meinen Ohren ein gedehnter Ruf. »A–a–a–achtung!« hallte es wie verzweifelt aus der Ferne zurück. »A–a–a–achtung«! erstarb es irgendwo am Ende der Welt. Ich sah hinab. Eine hohe vergoldete Spitze fiel mir in die Augen: ich erkannte die Peters-Paulsfestung.

Bleiche nordische Nacht! Ist es denn überhaupt eine Nacht? Ist es nicht eher ein bleicher kranker Tag? Ich habe die Petersburger Nächte niemals gemocht; diesmal wurde mir sogar ganz unheimlich zumute! Ellis' Gestalt verschwand vollständig, löste sich auf wie der Morgennebel in der Julisonne, und ich sah deutlich meinen Körper schwer und einsam in der Höhe der Alexandersäule in der Luft hängen. Das ist also Petersburg! Ja, das ist es wirklich. Diese breiten, öden, grauen Straßen, diese grauweißen, gelbgrauen, lilagrauen getünchten und abgebröckelten Häuser mit den eingefallenen Fenstern, grellen Ladenschildern, eisernen Wetterdächern über den Eingangstüren und den elenden Gemüseläden; diese Giebel, Aufschriften, Schilderhäuschen und Futterkasten; die goldene, an eine Kutschermütze erinnernde Kuppel der Isaakskirche; die überflüssige bunte Börse; die Granitmauern der Zitadelle und das aufgebrochene Holzpflaster; diese Barken mit Heu und Brennholz; dieser Geruch von Staub, Sauerkohl, Bast und Pferdestall; diese versteinerten Hausknechte in Schafspelzen vor den Haustoren; diese wie im Todesschlaf zusammengekrümmten Kutscher auf den schäbigen Droschken, – ja, das ist es, unser Nordisches Palmyra. Alles ist hell, alles ist unheimlich klar und deutlich zu sehen, und alles schläft einen traurigen Schlaf, sich als seltsamer Haufen in der dämmerigen, durchsichtigen Luft abzeichnend. Die Abendröte – eine schwindsüchtige Röte – ist noch nicht vergangen, und wird auch vor dem Morgen nicht vom weißen, sternlosen Himmel weichen; ihr Abglanz liegt auf der seidenschimmernden Fläche der Newa, die sich kaum bewegt und leise murmelt, ihre kalten, blauen Fluten vorwärts rollend...

»Wollen wir doch von hier fortfliegen,« flehte Ellis.

Und ohne meine Antwort abzuwarten, trug sie mich über die Newa, über den Schloßplatz nach der Litejnaja. Unten erschollen Schritte und Stimmen: über die Straße kam ein Haufen junger Männer mit abgelebten Gesichtern; sie unterhielten sich von der Tanzstunde. – »Leutnant Stolpakow, Nummer sieben!« rief plötzlich ein verschlafener Soldat, der bei einer kleinen Pyramide verrosteter Kanonenkugeln Wache stand, und etwas weiter sah ich am offenen Fenster eines großen Hauses ein Mädchen in zerknittertem Seidenkleide ohne Ärmel, mit einem Perlennetze auf den Haaren und einer Zigarette im Munde. Sie las sehr andächtig in einem Buche; es war ein Band eines unserer modernsten Juvenale.

»Wollen wir von hier fortfliegen?« sagte ich zu Ellis.

Nach einer Minute zogen unter uns schon die faulenden Tannenwäldchen und Moossümpfe, die Petersburg umgeben, vorbei. Wir flogen gerade nach dem Süden: der Himmel und die Erde und alles wurde immer dunkler. Die kranke Nacht, der kranke Tag, die kranke Stadt – alles blieb hinter uns zurück.



XXIII.


Wir flogen langsamer als gewöhnlich, und ich konnte mit den Augen verfolgen, wie sich vor mir nach und nach, wie im Panorama, die ungeheure, grenzenlose heimatliche Ebene entrollte. Wälder, Sträucher, Felder, Gräben, Flüsse, – etwas seltener Dörfer, Kirchen, und dann wieder Felder und Wälder, Sträucher und Gräben... Mir wurde es traurig zumute, und zugleich empfand ich Gleichgültigkeit und Langeweile. Und dieses Gefühl kam nicht etwa daher, weil es gerade Rußland war, über das ich flog. Nein! Die Erde selbst, diese flache Ebene, die sich unter mir ausbreitete; der ganze Erdball mit seiner vergänglichen, siechen, von Not, Kummer und Krankheiten gedrückten, an die Scholle elenden Staubes geketteten Bevölkerung; diese zerbrechliche, rauhe Kruste, in die der winzige Feuerkern unseres Planeten eingeschlossen ist, mit ihrem Schimmel, den wir hochtrabend Tier- und Pflanzenreich nennen; diese Menschen, winzig wie Fliegen, doch tausendmal nichtiger als die wirklichen Fliegen; ihre aus Kot zusammengeklebten Wohnungen, die verschwindenden Spuren ihres kleinlichen, eintönigen Treibens, ihres lächerlichen Kampfes gegen das Unabwendbare und Unabänderliche, – wie widerte mich das alles plötzlich an! Das Herz drehte sich mir im Leibe um, und mir verging jede Lust, noch länger auf diese nichtssagenden Bilder, auf diese abgeschmackte Ausstellung zu gaffen... Ja, es wurde mir langweilig zumute, ärger als langweilig. Ich empfand nicht einmal Mitleid mit meinen Mitmenschen: alle meine Gefühle waren in einem Gefühl untergegangen, welches ich kaum zu nennen wage: im Ekelgefühl, das ich am stärksten – vor mir selbst empfand.

»So hör' doch auf,« flüsterte mir Ellis zu, »hör' doch auf, sonst kann ich dich nicht tragen. Du wirst zu schwer.«

»Nach Hause,« sagte ich ihr mit derselben Stimme, mit welcher ich meinem Kutscher zu befehlen pflegte, wenn ich mich gegen vier Uhr morgens von meinen Moskauer Freunden trennte, mit denen ich seit Mittag über Rußlands Zukunft und die Bedeutung der Dorfgemeinde disputiert hatte. »Nach Hause,« wiederholte ich und schloß die Augen.



XXIV.


Ich schlug sie aber bald wieder auf. Ellis schmiegte sich so sonderbar an mich und stieß mich beinahe. Ich sah sie an, und das Blut erstarrte in meinen Adern. Wer jemals auf einem fremden Gesichte den plötzliehen Ausdruck tiefen Grauens, dessen Grund er gar nicht ahnt, wahrgenommen hat, – der wird mich begreifen. Die bleichen, beinahe verwischten Züge Ellis' waren von Grauen, einem qualvollen Grauen verzerrt und entstellt. Niemals hatte ich Ähnliches selbst auf einem lebenden Menschengesichte gesehen. Ein lebloses Nebelgebilde, ein Schatten . . . und diese entsetzliche Angst...

»Ellis, was hast du?« fragte ich endlich.

»Er... Er...« brachte sie mit großer Mühe hervor, »Er!«

»Er? Wer ist Er?«

»Nenne ihn nicht, nenne ihn nicht,« stammelte hastig Ellis. »Wir müssen fliehen, sonst ist alles zu Ende, – und für immer zu Ende... Sieh nur hin, dort!«

Ich wandte den Kopf nach der Seite, wohin mir ihre zitternde Hand wies, und ich sah etwas... etwas, was wirklich grauenhaft war.

Dieses Etwas war umso schrecklicher, als es keine bestimmte Gestalt hatte. Etwas Schwerfälliges, Finsteres, Gelblich-Schwarzes, Geflecktes wie der Bauch einer Eidechse, weder Wolke noch Rauch, wand sich und kroch langsam wie eine Schlange über der Erde. In dieser Bewegung war ein gleichmäßiges, breites Schaukeln von oben nach unten und von unten nach oben, gleich dem unheildrohenden Flügelschlagen eines Raubvogels, der nach Beute ausspäht; ab und zu drückte es sich mit unbeschreiblich widriger Gebärde an die Erde, – mit ähnlicher Gebärde fällt die Spinne über die gefangene Fliege her... Wer bist du, wer bist du, du gräßliche Masse? Unter ihrem Einfluß wurde, ich fühlte es, alles vernichtet, verstummte alles... Der Masse entströmte eine faule, pestilenzialische Kälte, und von dieser Kälte übelte es mir, es wurde mir finster vor den Augen, und meine Haare sträubten sich. Es war der Anmarsch einer Kraft; jener Kraft, gegen die es keinen Widerstand gibt, der alles untertan ist, welche selbst weder Gesicht, noch Gestalt, noch Sinn hat, doch alles sieht, alles weiß, sich ihre Opfer wie ein Raubvogel auswählt, wie eine Schlange sie erdrückt und mit ihrem frostigen Stachel beleckt...

»Ellis! Ellis!« rief ich wie wahnsinnig. »Es ist der Tod! Der Tod selbst!«

Ein klagender Ton, den ich schon früher gehört hatte, drang wieder aus Ellis' Munde, – diesmal glich er aber eher einem menschlichen, verzweifelten Aufschrei, – und wir flogen dahin. Doch unser Flug war seltsam und grauenhaft ungleich; Ellis überschlug sich in der Luft, stürzte, flog im Zickzack wie das Rebhuhn, das tödlich verwundet ist oder den Hund von seinen Jungen abzubringen sucht. Indessen hatten sich von jener unbeschreiblich grauenhaften Masse lange wellenförmige Glieder abgelöst, und sie streckten sich uns entgegen wie Arme, wie Krallen... Die riesige Gestalt eines verhüllten Reiters auf fahlem Rosse erschien und schwang sich im gleichen Augenblick hoch in den Himmel hinauf... Noch unruhiger, noch verzweifelter warf sich Ellis hin und her. »Er hat mich gesehen! Alles ist zu Ende! Ich bin verloren!...« ließ sich ihr hastiges Geflüster vernehmen. »Oh, ich Unglückliche! Ich hätte die Gelegenheit benützen können, hätte neue Lebenskraft schöpfen können... und jetzt... Jetzt bin ich wieder nichts!«

Es ging über meine Kraft... Ich verlor die Besinnung.



XXV.


Als ich zu mir kam, lag ich auf dem Rücken im Grase und fühlte in meinem ganzen Körper einen dumpfen Schmerz wie nach einem Sturz. Am Himmel dämmerte der Morgen, und ich konnte deutlich die Dinge unterscheiden: nicht weit von mir zog sich längs eines Birkengehölzes eine von Weidenbüschen eingefaßte Straße hin; die Gegend kam mir bekannt vor. Ich fing an, mich zu erinnern, was mit mir vorgefallen war, und ich zuckte vor Grauen zusammen, als mir das letzte entsetzliche Gesicht in den Sinn kam...

– Aber warum erschrak Ellis? – dachte ich. – Ist denn auch sie seiner Gewalt untertan? Ist sie nicht unsterblich? Ist sie denn auch der Vernichtung, der Auflösung preisgegeben? Wie wäre das möglich! –

Ganz nahe ließ sich ein leiser Seufzer vernehmen. Ich wandte den Kopf. Etwa zwei Schritte vor mir lag auf der Erde, unbeweglich hingestreckt, eine junge Frau in weißem Kleid, mit aufgelöstem üppigem Haar und entblößter Schulter. Ein Arm lag hinter dem Kopfe, der andere auf der Brust. Die Augen waren geschlossen, und auf den zusammengepreßten Lippen zeigte sich ein leichter hellroter Schaum. Ist denn das Ellis? Ellis war ja ein Gespenst, eine Vision, und vor mir liegt ein lebendiges Weib. Ich kroch zu ihr heran und beugte mich über sie...

»Ellis! Bist du es?« rief ich aus. Plötzlich öffneten sich, leise erzitternd, ihre breiten Augenlider, dunkle durchdringende Augen bohrten sich in mich, – und im gleichen Augenblick saugten sich warme, feuchte, nach Blut riechende Lippen in die meinen, weiche Arme umschlangen meinen Hals, eine glühende volle Brust drückte sich an die meine. – »Lebewohl! Lebe wohl auf ewig!« sprach deutlich die ersterbende Stimme, – und alles war verschwunden.

Ich erhob mich, schwankte wie trunken, fuhr mir einige Male mit der Hand über das Gesicht und sah mich aufmerksam um. Ich befand mich an der Landstraße, etwa zwei Werst von meinem Gute entfernt. Die Sonne war schon aufgegangen, als ich mein Haus erreichte.

Alle folgenden Nächte wartete ich – und ich muß gestehen, nicht ohne Furcht – auf das Erscheinen meiner Vision; sie kam jedoch nicht wieder. Einmal begab ich mich sogar in der Dämmerung zur alten Eiche, doch auch dort ereignete sich nichts Ungewohnliches. Übrigens beklagte ich den Abbruch dieser wundersamen Beziehungen nicht allzu sehr. Ich habe viel und lange über diesen unbegreiflichen, ich möchte beinahe sagen, – albernen Fall nachgedacht und bin zur Überzeugung gekommen, daß er sich nicht nur wissenschaftlich nicht erklären läßt, sondem daß auch in Märchen und Sagen nichts Ähnliches vorkommt. Was war in der Tat diese Ellis? Ein Gespenst, eine umherirrende Seele, ein böser Geist, eine Sylphide, vielleicht gar ein Vampyr? Zuweilen schien es mir wiederum, daß Ellis eine Frau sei, welche ich einst gekannt habe, und ich strengte mich entsetzlieh an, um mich zu besinnen, wo ich sie früher gesehen... Halt, halt, – sagte ich mir manchmal, – da hab ich's, gleich wird's mir einfallen... Gefehlt! Alles zerrann wieder wie ein Traum. Ja, ich überlegte mir viel hin und her und brachte, wie es fast immer der Fall ist, doch nichts heraus. Andere Leute um Rat oder Meinung zu befragen, – konnte ich mich nicht entschließen. Ich fürchtete, daß sie mich für verrückt halten würden. Schließlich gab ich alle meine Bemühungen auf; offen gestanden hatte ich ganz andere Dinge im Kopf. Einerseits war die Abschaffung der Leibeigenschaft mit der Verteilung der Ländereien dazwischengekommen, und andererseits war auch meine Gesundheit ziemlich zerrüttet: ich litt an Brustschmerzen, Schlaflosigkeit, Husten. Der ganze Körper war mir wie ausgetrocknet, mein Gesicht war gelb wie bei einer Leiche. Der Arzt versichert, daß ich zu wenig Blut habe; er nennt meine Krankheit mit dem griechischen Namen »Anaemie« und schickt mich nach Gastein. Der Verwalter schwört aber, er könne ohne mich mit den Bauern nicht fertig werden...

Und so muß ich allein mit allem fertig werden!

Doch was bedeuten jene durchdringend reinen und schrillen Töne, den Tönen einer Ziehharmonika ähnlich, die in meinen Ohren erklingen, so oft in meiner Gegenwart von irgend einem Todesfalle die Rede ist? Sie werden immer lauter, immer durchdringender... Und warum muß ich immer beim bloßen Gedanken an das Nichts, an die Auflösung so qualvoll zusammenfahren?


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