20

Hauks Träume waren aus Stein und huschten so leise wie Geister über die nahe Wand der Zelle. Als sie zum erstenmal aufgetreten waren, hatte er sie für Vorboten des Wahnsinns gehalten.

Das war ihm jetzt egal. Er wartete auf den Tod und darauf, diesmal wirklich zu sterben. Obwohl Realgar keine Fragen mehr stellte und ihm keine schrecklichen Trugbilder mehr zeigte, hatte er immer noch Spaß an seinem Todesspiel. So plötzlich wie ein Falke, der hinunterschießt, oder so faul wie ein am Himmel kreisender, wartender Geier lebte der Tod in diesem feuchten Grab, flüsterte seinen Namen, grapschte mitunter mit kalten Händen nach ihm und zerrte ihn durch schwarze Tore in ein Reich, wo die Luft mit eisigen Zähnen an seinen Lungen nagte.

Hauk hatte längst aufgehört, seine Tode zu zählen. Er lag nur noch in der Dunkelheit und betrachtete die Träume, die über die rauhe Steinwand glitten.

Er sah den Wald. Qualinesti, die grüne, schattige Heimat der Elfen, wurde von dicken, honiggoldenen Säulen aus Sonnenlicht erhellt. Wie ein Traum in einem Traum zog Tyorl durch Haine und dichte Gruppen von Kiefern und Pappeln. Ein seltsamer Ausdruck stand in seinen Augen, den schmalen, blauen Augen, die Hauk so gut kannte: Augen eines Freundes. Schmerz lag in ihnen und Kummer und – beinahe – Resignation. Er folgte Pfaden, die nur die Elfen kannten. Und immer war er auf der Suche.

Wie im Wind treibender Rauch veränderte sich der Traum, und Hauk war wieder in der Taverne in Langenberg. Ein Mädchen mit kupferroten Zöpfen und blattgrünen Augen lächelte ihn an.

Genau, dachte er, aber das hat sie doch nie getan? Sie war bloß ängstlich vor ihm zurückgewichen und hatte ihm dann in plötzlichem Zorn ins Gesicht gespuckt. Als der Zorn verflogen war, war sie auf der Hut gewesen. Kein Lächeln.

Wie sie wohl hieß? Er würde es nie erfahren.

Er betrachtete die Wand genauer, um den Traum und ihr Gesicht besser erkennen zu können. Groß war sie, zumindest für ein Mädchen. Sie war nur eine Handbreit kleiner als er. Das Mädchen. Das Schankmädchen. Wie sie wohl hieß?

Die Szene an der Wand schimmerte und verblaßte, und aus Angst, daß er dieses Mädchen aus den Augen verlieren würde, die einzige Erinnerung, die Realgar nie aus ihm herausgelockt hatte, griff Hauk hin. Seine Hand tastete sich zur Wand.

Genau, groß, dachte er, als der Traum plötzlich deutlicher wurde. Sie sah aus wie eine Jägerin oder sogar eine Waldläuferin, denn sie trug ein Schwert und hatte einen Mantel von der Farbe ihrer Augen, dazu lederne, sturmgraue Jagdkleider.

Jägermädchen, Waldläufermädchen, wie heißt du?

Als er diese stumme Frage stellte, drehte sie sich um. Ihr Gesicht war weiß, die Augen dunkle Smaragde. Mit anmutiger, einladender Geste streckte sie die Hand aus. Ein kaltes Licht blitzte auf Gold und Saphiren.

Sie trug sein Schwert, das Realgar Sturmklinge nannte, an der Hüfte.

Der Traum zersprang splitternd durch einen Blitz aus brennendem Schmerz, der seine Wirbelsäule hinunterjagte. Hauk schrie auf vor Kummer um den gemordeten Traum, und der Schrei hallte von den Gefängniswänden zurück.

Jemand hielt eine Laterne hoch. Eine alte, trockene Stimme ertönte aus den Schatten hinter dem Licht.

»Er wird es nicht bekommen. Das wird er nicht.«

Hauk kannte die Stimme. Alt und verrückt, durch Flüstern wie Spinnweben zusammengehalten, hatte er sie oft an den Rändern seiner Alpträume vernommen, wie sie lachte oder schluchzte, wenn er starb.

Stöhnend stellte Hauk die Frage, auf die er nie eine Antwort erhalten hatte. »Wer bist du?«

Bisher war die Stimme bei dieser Frage immer verschwunden, war von den schlurfenden, kratzenden Begleitgeräuschen des Rückzugs mitgenommen worden. Dieses Mal nicht.

»Er wird es nicht bekommen. Hoch, Junge, hoch!«

Hauk konnte nicht aufstehen. Knorrige, zitternde Hände voller Narben berührten die schmerzverzerrten Züge seines Gesichts.

»Meine Sturmklinge, er will meine Sturmklinge. Er glaubt, daß er sie gefunden hat, Junge. Er glaubt, er hat sie gefunden.«

Angst durchschoß Hauk. Rauch stieg wie Totenfahnen aus der Öllampe auf. Orangefarbenes Licht spritzte durch die Dunkelheit. Hauk rollte auf den Rücken und schaute einem Zwerg ins Gesicht. Weißes Haar hing lang und ungekämmt über seine Schultern. Ein völlig verfilzter Bart ging ihm fast bis zur Taille. Auf seinem Gesicht standen Tränen, in seinen braunen Augen stand Entsetzen.

Obwohl es ihn jeden Rest Kraft kostete, hob Hauk die Hand und erschrak dabei über das Geräusch und das Knacken seiner Gelenke. Er packte den Zwerg am Handgelenk. Der Schrecken flackerte in dem alten, bärtigen Gesicht auf, als er dem in die Augen sah, den Realgar vor seinen Augen viele, viele Male umgebracht hatte.


Höhle folgte auf Höhle: Felswände erhoben sich zu schattenverhangenen Decken auf, es roch kalt nach Wasser und nach Stein.

Er war stark, dieser Zwerg, obwohl er so alt wie die Berge selbst zu sein schien. Der Zwerg zuckte jedesmal zusammen, wenn er Hauks Gewicht stützen mußte oder seine Hand an seinen Armen spürte. Es machte ihm zu schaffen, aber er hielt es aus. Er wollte den Waldläufer unbedingt aus dieser Kerkerhöhle fort und an einen Ort bringen, der hoffentlich eine sichere Zuflucht vor Realgar darstellte.

So kamen sie schließlich zur letzten Höhle. Der Zwerg führte Hauk zu einer einfachen Pritsche an der gegenüberliegenden Wand. Mit vier Decken war sie warm und kam ihm trotz des kalten Steins darunter so schön und einladend wie ein fürstliches Bett vor. An den Wänden der Höhle hingen Fackeln in gleichmäßig verteilten, sorgfältig gearbeiteten Eisenhalterungen. Der Ort war so gut belüftet, daß ihr Rauch kaum zu riechen war.

Der Zwerg, der so leise vor sich hin redete, als ob er Hauks Erholungspause um keinen Preis stören wollte, lief herum und prüfte kleine Haufen Vorräte und Wasserflaschen. In der Mitte der Steinkammer stand ein niedriges Kohlebecken, an dem der Zwerg von Zeit zu Zeit anhielt, um das Feuer zu schüren. Dann sah er jedesmal zu dem Waldläufer hin und hörte auf zu plappern.

Hauk musterte ihn sorgfältig. Die braunen, alten Augen waren eindeutig verrückt, aber jetzt flackerte etwas Neues in ihnen, das einen Herzschlag lang zu sehen war und dann wieder verflog, von Schmerz, Sehnsucht und Angst verjagt. Das Neue war Wiedererkennen. Hauk wußte nicht, warum es da war. Er würde nie erraten können, was der Zwerg wiedererkannte.

Es war ihm auch egal. Er gab ihm nichts zurück, nicht einmal ein Zwinkern, um das kalte, unablässige Starren zu unterbrechen, das den alten Zwerg sichtlich erschreckte.

Stück für Stück kehrten Hauks Kräfte zurück wie die Flut, die bei Morgengrauen an den leeren Strand rollt. Damit wuchsen auch Wut und Haß. Er würde geduldig auf eine Gelegenheit zur Rache warten, egal, wie lange er warten mußte.

Dann würde er aufstehen und dem alten Bastard mit bloßen Händen das Herz herausreißen und es auf dem Stein zermalmen.

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