Rote und grüne Raketen zischten zum Himmel und tauchten für Sekunden das nächtliche Tal in orientalischen Lichterzauber. Die schroffen Felswände glühten, um im nächsten Augenblick in fahlem Grün zu erstarren. Altertumsforscher aus aller Welt verabschiedeten das Jahrhundert im Tal der Könige.
Einheimische und Touristen, Fellachen mit ihren Eseln, verschleierte Mütter mit kleinen Kindern auf dem Arm, bellende Hunde und Maultiergespanne mit hochrädrigen Wagen, sie alle hetzten den staubigen Weg um den Hügel Dra abu el-Naga herum nach Südwesten zum Tal der Könige. Hunderte eifernder, lärmender, drängender Menschen steigerten sich in eine Psychose, trampelten Stolpernde nieder, jeder wollte der erste sein.
Ein Hirtenjunge hatte in atemlosem Lauf die Nachricht nach Luxor gebracht: »Loret hat einen Pharao gefunden!« Ein Gerücht wurde zur Wahrheit, von Goldschätzen war die Rede, unter der Erde ein Berg von Gold. Was für ein Kerl, dieser Victor Loret!
Die bewaffneten Wächter bildeten, als sie die schreiende Menge heranstürmen sahen, einen Ring um den Zugang. Dieser lag genau gegenüber jenem Seitental, in dem vor 80 Jahren Belzoni das Sethos-Grab entdeckt hatte. Beim Herannahen der erregten Menge feuerte einer der Wärter einen
Schuß in die Luft, und im nächsten Augenblick verebbte das hysterische Geschrei, Stille breitete sich aus, schweigende, gaffende Menschen reckten die Hälse: ein Pharao! Aus der Menge löste sich eine Gestalt. Die meisten kannten ihn: Es war Flinders Petrie. Er kletterte den steilen Anstieg hinan, die Wächter ließen ihn bereitwillig passieren. Schließlich stand er am Rand eines großen Gerölltrichters, auf dessen Sohle ein schwarzes Loch gähnte. Petrie rutschte in den Trichter hinab, kam auf einem verwitterten Treppenabsatz zum Stehen und tastete sich vorsichtig auf den steilen Stufen nach unten. Nach wenigen Schritten war das Tageslicht zu Ende, er blieb stehen, lauschte. Wie aus endloser Tiefe drang verwaschenes Stimmengewirr an sein Ohr. »Loret!« schrie der Engländer aus Leibeskräften, »Loret! Ich bin es, Petrie!« - Keine Antwort. Da tastete er sich weiter mit den Händen an den Wänden entlang. Er spürte Reliefs und Hieroglyphenzeichen, Furcht überkam ihn, er könnte in irgend etwas hineingreifen. Das Stimmengewirr wurde lauter. »Loret!« schrie er. - Nichts. Weiter. Auf einmal war die Wand weg, Petrie tastete ins Leere, spürte Schwindelgefühl, verlor die Orientierung. »Loret!« rief er in seiner Hilflosigkeit und lauschte.
Da näherten sich Schritte. »Loret!« wiederholte Petrie. Man hatte ihn gehört. Von irgendwoher tanzte ein Lichtschein, dahinter ein Schatten.
»Um Gottes willen, bleiben Sie stehen!« Es war Lorets Stimme. »Stehen bleiben!«
Erst jetzt, im diffusen Licht der Lampe, erkannte Petrie, daß er am Rand einer Fallgrube stand. Zehn, zwölf Meter mochte der Schacht tief sein. Loret hatte eine Leiter zur gegenüberliegenden Wand eingespreizt. Eine zweite Leiter lag im rechten Winkel darüber und führte zu einem knapp mannshohen Schlupfloch in der linken Wand des Schachtes. Der Franzose balancierte vorsichtig über die schwankende Leiterbrücke und streckte Petrie die Hand entgegen.
Durch einen engen Korridor gelangten sie in einen Saal mit vier Pfeilern. Loret hielt die Lampe in die Höhe, sagte aber kein Wort. Von der tiefblauen Decke glitzerten gelbe Sterne. An den Pfeilern stand der Pharao vor dem Totengott. Und dahinter lagen neben einem Sandstein-Sarkophag neun Mumien. Loret sagte noch immer kein Wort. War es der Entdeckerstolz oder die Ergriffenheit des Augenblicks, die ihm die Sprache raubte?
Petrie nahm Loret die Lampe aus der Hand und leuchtete über die fahlen Mumien zu seinen Füßen. Amulette und kunstvolle Hieroglyphen zierten die Hüllen, unter denen die Umrisse von Menschen zu erkennen waren. Petrie musterte jede einzelne Mumie, begann wieder von neuem, wiederholte den Vorgang noch einmal, dann ließ er den Lichtstrahl von einer zur anderen gleiten und sagte mit ergriffener Stimme: »Thutmosis. Amenophis. Merenptah. Siptah. Sethos.«
Jetzt nahm Loret dem Engländer die Lampe aus der Hand, beleuchtete den Sandstein-Sarkophag und sagte: »Und hier -der zweite Amenophis!« Er zeigte auf einen handbreiten Spalt an der Oberseite. Loret hatte den schweren Deckel mit Hilfe einer Brechstange verschoben, so daß man in das Innere blicken konnte. »Die Mumie ist unversehrt, mit allem Schmuck und allen Beigaben.« Flinders Petrie spürte, wie seine Hände zitterten. Er streckte Loret seine Rechte entgegen und schämte sich nicht seiner Ergriffenheit. »Ich gratuliere, Loret!« sagte er leise. »Ich beglückwünsche Sie zu einer der größten Entdeckungen des Altertums.« Und dabei dachte er an die Worte des alten Brugsch, der immer von einem zweiten Versteck gesprochen hatte.
Die Entdeckung des Mumienverstecks im Jahre 1898 erfolgte gerade zu einem Augenblick, als die Arbeit im Tal wie -der einmal aufgegeben werden sollte. Erman, der führende deutsche Ägyptologe, hatte in Berlin lautstark verkündet, die Periode der Entdeckungen sei zu Ende. Victor Loret, überzeugt von der Möglichkeit weiterer Funde in diesem Gebiet, grub monatelang erfolglos. Behörden und wissenschaftliche Gesellschaften verübelten es dem Franzosen, daß er sich mit derlei sinnlosen, aufwendigen Ausgrabungen beschäftigte. Seit dem Vorjahr erst hatte er den Posten des Altertümer-Direktors inne; er war der vierte innerhalb weniger Jahre. Doch schien er ziemlich ungeeignet für dieses Amt. Loret war kein Schreibtischmensch, und er machte sich durch seine Eigenwilligkeit sowohl die ägyptischen Beamten, als auch die europäischen Ausgräber zum Feind. Diese Entdeckung war daher Wasser auf seine Mühlen. Loret war gewiß nicht der bedeutendste Altertumsforscher jener Tage, der Organistensohn aus Paris zeigte bisweilen mehr Interesse für Musik und Botanik, aber diese Entdeckung machte ihn mit einem Schlag zum bekanntesten Forscher um die Jahrhundertwende. Loret ließ die neun Pharaonenmumien, die in dem Ameno-phis-Grab versteckt worden waren, nach Kairo schaffen. Amenophis selbst verblieb auf Wunsch seines Entdeckers in seinem Sarkophag, der meinte, man dürfe einen Pharao, der unberührt in seinem Sarg gefunden werde, nicht aus seiner letzten Ruhestätte herausreißen und in ein Museum bringen. Das sei ein Frevel.
Deshalb wurde vor dem Grabzugang, der nun das vielbestaunte Pilgerziel Tausender Touristen wurde, ein schweres Eisengitter angebracht. Bewaffnete Wächter bewachten das Tor Tag und Nacht. Loret ernannte den jungen Howard Carter, inzwischen 24 Jahre alt, ein gewissenhafter Ausgräber und gefragter Zeichner, zum verantwortlichen Inspektor für die oberägyptischen Altertümer. Man liebte ihn nicht allzusehr, diesen Howard Carter, der eine bewaffnete Truppe von Wächtern kommandierte und auch selbst nie ohne Gewehr angetroffen wurde. Kein Wun-der, die einheimischen Fellachen standen nun unter strenger Kontrolle, und die meist viel älteren Forscher fühlten sich von dem die Aufsicht führenden jungen Engländer provoziert. Denn Carter tauchte zu jeder Tages- und Nachtzeit und an jedem Ort völlig unerwartet auf, machte ein paar Notizen und verschwand wieder. Er hauste in einer primitiven Hütte zwischen Dra abu el-Naga und el-Tarif, und ihm entging nichts.
3. Oktober 1899. In der Dämmerung ritt Howard Carter auf seinem Esel hinaus nach Karnak. Die Tempelstätte vor den Toren von Luxor war in den letzten Jahren etwas vernachlässigt worden. Spektakuläre Entdeckungen hatte es nicht gegeben, die Aufgabe, das bereits Bekannte freizule -gen, war umfangreich genug und nahm nun schon hundert Jahre in Anspruch.
Carter band seinen Esel fest, nahm sein Gewehr und schritt durch den ersten Pylon des großen Amun-Tempels. Beim Durchgehen warf er einen Blick auf die Inschriften französischer Gelehrter aus Napoleons Armee, die vor hundert Jahren mit der Freilegung dieses größten ägyptischen Tempels begonnen hatten. Es bestand noch immer keine Aussicht, diese Arbeit zu vollenden. Über dem großen Hof hing der vergoldete Abendhimmel, die Widdersphingen zu beiden Seiten schienen sich von der Hitze des Tages auszuruhen. Ramses schritt über den zweiten Pylon, weitausholend.
Jedesmal, wenn Carter seine Schritte durch diesen Pylon in den großen Säulensaal lenkte, spürte er einen Schauder vor dieser unfaßbaren Größe. 134 Säulen, jede zehn Meter im Umfang, zwanzig Meter hoch, führten ihm drastisch seine eigene Winzigkeit vor Augen, ließen ihn kleiner und kleiner werden, unbedeutend.
Carter schreckte hoch. Ein fernes, unerklärliches Donnergrollen erregte seine Aufmerksamkeit. Während er in den Abend lauschte, vermeinte er ein Zittern und Vibrieren unter seinen Füßen zu spüren. Verunsichert starrte er in den gigantischen Säulenwald, da - er faßte sich an die Stirne, glaubte zu träumen, zu phantasieren - vor seinen Augen neigte sich einer der überdimensionalen Säulenkolosse ganz langsam zur Seite. Steinsplitter spritzten knallend vom Sockel, der innerhalb von Sekunden unter dem verlagerten Gewicht barst. Krachend lehnte sich die aus dem Gleichgewicht gekommene Säule an den benachbarten Stumpf, der erzitterte und, während eine gewaltige Staubwolke in den Abendhimmel schoß, seinerseits wankte, kippte, stürzte, gegen die nächste Säule fiel und unter infernalischem Donnern und Rumpeln eine Kettenreaktion auslöste, der insgesamt elf der massiven Kolosse zum Opfer fielen.
Der Staub raubte Carter den Atem, er hustete, die Augen tränten, und obwohl das Beben so schnell geendet hatte, wie es begonnen hatte, versuchte Howard Carter fluchtartig den Tempel zu verlassen. Er rannte zurück, prallte gegen eine Wand, rappelte sich hoch und entfloh durch den ersten Pylon ins Freie zu seinem Esel, der furchtbare Klagelaute von sich gab. Auf einem Säulenstumpf ließ er sich nieder, wischte mit der Hand über das Gesicht, als wollte er einen Alptraum abschütteln. Es dauerte eine ganze Weile, bis Carter realisierte, daß er das alles nicht geträumt hatte, daß auch kein Erdbeben das Niltal erschüttert hatte, sondern daß brüchiger Stein eines Fundaments diese unheimliche Kettenreaktion ausgelöst hatte. Und einen Augenblick erschien ihm das Naturereignis wie ein Aufbäumen der Vergangenheit vor der Gegenwart, die ihr kein Geheimnis mehr gönnen wollte.
Seit drei Jahren war die Nilüberschwemmung ausgeblieben. Im Herbst, wenn der Strom für gewöhnlich über die Ufer trat und das Tal mit fruchtbarem Schlamm überzog, war der Wasserstand kaum höher als das ganze Jahr über. Lebensmittel wurden knapp, und die Regierung faßte den Plan, oberhalb von Assuan einen Nil-Damm zu bauen, der eine gleichmäßige Bewässerung der Felder versprach. Der technische Aufwand für die größte Talsperre der Welt, zwei Kilometer breit sollte die Staumauer werden, führte jedoch zu einem offenen Konflikt zwischen England, das sich für die Wirtschaft Ägyptens verantwortlich fühlte, und Frankreich, in dessen Händen die kulturelle Oberhoheit lag. Die Altertümerverwaltung protestierte gegen diese Pläne, gaben sie doch die Nilinsel Philae mit ihren unersetzlichen Tempelbauten der Ptolemäer- und Römerzeit der Vernichtung preis. Die Welt lief Sturm gegen das Projekt. Unterstaatssekretär Sir William Garstin bat schließlich englische, französische und deutsche Ingenieure und Archäologen nach Assuan, um mit ihnen an Ort und Stelle alle Möglichkeiten zu erörtern. Unerwartet stimmten nun die Altertumsforscher und der französische Generalkonsul dem Damm-Bau zu; doch sie stellten drei Bedingungen: Alle Tempel auf Philae sollten einer generellen Renovierung unterzogen werden. Ein Damm um die gesamte Insel hatte die alten Tempel vor dem Wasser zu schützen, und die Regie -rung mußte das Versprechen abgeben, die Dammkrone nie zu erhöhen.
Unter den Ingenieuren befand sich ein junger Vermessungstechniker aus Berlin, der die ersten Berufsjahre seines Lebens mit dem Bau von Landstraßen und Hammelställen in Ostpreußen verbracht hatte. Ludwig Borchardts ganze Leidenschaft gehörte jedoch dem alten Orient, und wann immer es möglich war, machte er sich in der ägyptischen Abteilung des Berliner Museums nützlich, er studierte sogar ein zweites Mal und erforschte die Baugeschichte der Pyramiden und wurde zum Spezialisten für altägyptische Architektur. Die Akademie der Wissenschaften in Berlin meinte, Borchardt sei der ideale Mann, um die Insel Philae zu retten. Aber Ludwig Borchardt war nicht nur ein Theoretiker, bei Ausgrabungen in Abu Gurob erwies er sich auch als Mann des Spatens. Südlich von Kairo grub Borchardt das Sonnenheiligtum des Ne-user-Re aus der 5. Dynastie aus. Er lieferte nach den vorhandenen Mauerresten eine vielbeachtete Rekonstruktion. Sein spektakulärster Fund, Reliefs mit Szenen eines königlichen Jubiläums, wurden vereinbarungsgemäß geteilt und wanderten in die Museen von Kairo und Berlin.
Eigentlich war dieser Ludwig Borchardt ein ganz und gar untypischer deutscher Altertumsforscher. Franzosen und Engländer machten sich damals lustig über die sogenannte Deutsche Schule. Sie bestand in der Hauptsache aus Schreibtischarbeitern und stand damit in krassem Gegensatz zur Französischen Schule. Die Deutschen forschten in antiken Überlieferungen, analysierten Funde, aufgrund deren Ergebnisse sie gezielte Ausgrabungen unternahmen. Anders die Franzosen: Sie gruben munter drauflos, nicht gerade planlos, aber ohne wissenschaftliche Unterstützung. Die Folge: Letztere machten die spektakulären Entdeckungen, erstere leisteten die wertvollere Forschungsarbeit. Schon Mariette und Brugsch waren repräsentativ für diese unterschiedliche Auffassung von Forschungsarbeit gewesen. 1899 kehrte Ludwig Borchardt nach Berlin zurück; aber er wollte nicht in der Reichshauptstadt bleiben. Sein Herz gehörte dem Land der Pharaonen. Und während man sich in Museums- und Behördenkreisen Gedanken über die Verwendung des tatendurstigen Forschers machte, saß dieser nächtelang in einem Archivraum, ordnete und übersetzte Papyrusinschriften, die aus einem Fund bei Kahun stammten. Dabei handelte es sich um die Aktensammlung einer Tempelverwaltung.
Es ging auf Mitternacht zu, als Borchardt Besuch bekam. Kurt Sethe, ein jüngerer Kollege, versuchte den Forscher zu einer Bulette in einer der zahllosen Eckkneipen zu überreden.
»Laß mich in Frieden«, brummte Borchardt, »ich will endlich den Kram fertigkriegen.«
»Aber das hat doch wirklich bis morgen Zeit!« meinte der junge Sethe. »Es nimmt dir auch keiner die Arbeit weg.« Borchardt lachte: »Das will ich glauben. Ist nämlich kein besonders vergnügliches Unterfangen, die Kühe und Rinder, Äcker und Gärten der Tempeldomäne zusammenzuzählen.« »Also doch eine Bulette?«
»Meinetwegen!« Borchardt stand auf. Er schob den vor sich liegenden Papyrusteil beiseite, dabei kam ein unscheinbares zerfleddertes Stück Papyrus zum Vorschein, das seiner Aufmerksamkeit bisher entgangen war. »Was haben wir denn da?«
Borchardt überflog die Schriftzeichen, stockte, las noch einmal, diesmal langsamer, sah Sethe an und fragte unvermittelt: »Wie oft fielen bei den alten Ägyptern astronomisches und bürgerliches Neujahr zusammen?« Sethe, dem der Sinn um diese Zeit viel mehr nach einer Bulette und einer Weißen mit Schuß stand, antwortete gereizt: »Du könntest mich auch was Leichteres fragen . . .« Borchardt ließ nicht locker: »Für die Ägypter begann das neue Jahr mit der Nilflut. Sie setzte ziemlich regelmäßig alle 365 Tage ein und solange dauerte auch ein Jahr. Doch dann kamen die Astronomen und rechneten ...« ». . . und sie bemerkten, daß das astronomische Sonnenjahr sich alle vier Jahre um einen Tag verschob, weil alle vier Jahre der Sothis-Stern, unser Sirius, einen Tag später aufging.«
»So ist es«, pflichtete Borchardt bei und kritzelte ein paar Zahlen auf einen Zettel. »Das bedeutet aber auch, daß alle 1460 Jahre Sothis-Jahr und Nil-Jahr denselben Neujahrstag hatten.«
»Klar, vier mal 365 ist 1460. Na und?« Borchardt hielt Sethe den Papyrus-Fetzen unter die Nase: »Hier. Hier steht, daß an diesem Tag der Sothis-Stern aufging und das Niljahr begann. Damit haben wir zum erstenmal eine absolute Jahreszahl aus der ägyptischen Geschichte.«
Tags darauf zog Borchardt einen Astronomen zu Rat. Mit Hilfe der unscheinbaren Kalendernotiz konnte eine absolute Jahreszahl berechnet werden, ein Fixpunkt, von dem man andere Jahreszahlen errechnen konnte. Jetzt stellte sich heraus, daß die Altertumsforscher allesamt die Geschichte Ägyptens um mehr als tausend Jahre zu hoch angesetzt hatten, als sie in Wirklichkeit war.
Rote und grüne Raketen zischten zum Himmel und tauchten für Sekunden das nächtliche Tal in orientalischen Lichterzauber. Die schroffen Felswände glühten, um im nächsten Augenblick in fahlem Grün zu erstarren. Altertumsforscher aus aller Welt verabschiedeten das Jahrhundert im Tal der Könige. Inspektor Howard Carter hatte elektrischen Strom ins Tal legen lassen, eine unschätzbare Erleichterung für die Arbeit unter der Erde, doch in dieser Nacht diente die Elektrizität der bunten Illumination des Sethos-Grabes, in dessen Pfeilersaal weiß gedeckte Tische aufgestellt waren. Da fuhr der Sonnengott durch die Nacht der Totenwelt und König Sethos stand totenbleich vor Osiris und Hathor. Die rotgrünen Reliefs zeigten Horus und die vier damals bekannten Menschenrassen: Ägypter, Asiaten, Neger und Libyer. Das Publikum zum Jahreswechsel 1899 war weit illustrer, kam aus Ländern und Kontinenten, von denen die Ägypter zu Sethos' Zeiten keine Ahnung hatten: aus Amerika Charles Wilbour, dessen Rauschebart ihm bei den Einheimischen inzwischen den Namen Abu Dign, Vater des Bartes, eingebracht hatte, und der wohlhabende Kupfermagnat Theodore M. Davis, der Ägyptologie als Steckenpferd pflegte, aus Frankreich der alte und neue Altertümer-Direktor Gaston Maspero, aus der Schweiz Edouard Naville, aus England Flinders Petrie, Henry Sayce und Inspektor Howard Carter, und aus Deutschland Emil Brugsch, die rechte Hand Masperos. Er und Howard Carter waren als einzige ohne Damen erschienen. Der schüchterne Carter war Junggeselle aus Überzeugung, und Brugsch beklagte bei Tisch sein trauriges Schicksal, das ihn innerhalb eines halben Jahres um Frau und Vermögen gebracht hatte.
»Geschieht Ihnen ganz recht«, meinte Maspero, »ein Mann entführt nicht ungestraft eine Haremsdame des Khe-diven; aber sie dann auch noch heiraten zu wollen, das grenzt beinahe an Dummheit, Monsieur!« »Aber ihre schwarzen Augen!« lamentierte der kleine Brugsch. »Haben Sie jemals ihre schwarzen, unergründlichen Augen gesehen?«
»Die schönsten Augen der Welt sind es nicht wert, daß man sein Vermögen an die Frau, die sie besitzt, verschleudert«, sagte Maspero, und den übrigen Anwesenden erklärte der Franzose, die Haremsdame des Paschas habe einer Heirat nur unter der Bedingung zugestimmt, daß Brugsch ihr sein Haus in Kairo überschrieb, und als dies alles geregelt gewesen sei, habe sie ihn vor die Türe gesetzt. Genauso habe es sich abgespielt, stimmte Brugsch zu, zwanzig Jahre habe er gespart, um sich dieses Haus kaufen zu können, jetzt stehe er wieder vor dem Nichts, es sei ein Jammer, nur gut, daß Heinrich das alles nicht mehr erleben mußte.
Petrie drückte die Hand seiner jungen Frau Hilda, als wollte er sagen: Von dir hätte ich das nicht zu erwarten. Aber schließlich waren die beiden erst kurz verheiratet. Abu Dign erkundigte sich bei Petrie nach den Fortschritten seiner Grabungen in Abydos und wo er im kommenden Jahr zu arbeiten gedenke. Der Engländer antwortete, keine zehn Pferde brächten ihn aus Abydos fort. Er wollte endlich einmal eine Grabung zu Ende bringen und nicht von irgendwelchen Schreibtischmenschen an irgendwelche Einsatzorte geschickt werden.
Davis, der mit Sayce auf dessen Dahabija »Ischtar« nach Luxor gekommen war, unterhielt sich angeregt mit Howard Carter. Einmal im Tal der Könige zu graben, meinte er, das sei der Traum seines Lebens, und diesen Traum würde er sich viel Geld kosten lassen.
»Das wäre hinausgeworfenes Geld!« unterbrach ihn Mas-pero. »Im Tal gibt es keinen Stein, der noch nicht dreimal umgedreht worden ist. Da weiß ich fruchtbarere Flecken Erde.«
»Aber Mister Carter hat. . .«, wandte Davis ein. »Mister Carter ist ein junger Mann von hoher Begabung«, sagte Maspero etwas überheblich, »aber ich glaube, es fehlt ihm noch an Erfahrung. Das Tal ist erforscht bis in die letzte Felsspalte, glauben Sie mir!«
Carter schien verärgert. »Verzeihen Sie, Sir, das hat schon Belzoni behauptet und Erman, und was ist seitdem alles geschehen? Vergleichen wir die Pharaonen-Listen von Abydos und Karnak, dann fehlt noch mindestens ein halbes Dutzend Könige.«
»Gut, gut, Mister Carter«, lächelte Maspero, »haben Sie irgendwelche Anhaltspunkte?« Das war unverschämt, denn Maspero wußte natürlich ganz genau, daß Carter keinen einzigen Hinweis auf ein weiteres Grabversteck hatte. Carter wurde zornig und revanchierte sich mit der Behauptung, auch Loret habe nicht eine einzige Spur gehabt und dennoch zehn Pharaonen entdeckt.
Das traf. Maspero wurde nur ungerne an seinen Schüler Lo-ret erinnert, der als Altertümerdirektor unfähig war, aber zum erfolgreichen Ausgräber wurde. Deshalb paßte es ihm ganz und gar nicht, als Howard Carter den Vorschlag machte, er selbst wolle zusammen mit Theodore Davis im Tal neue Suchgrabungen ansetzen. Inzwischen lauschten auch alle übrigen Gäste der Diskussion mit Aufmerksamkeit. Vor allem Sayce und Wilbour bedrängten den Franzosen, die Konzession zu erteilen, schließlich bedeutete auch ein Mißerfolg des Unternehmens keinen finanziellen Verlust, da Davis alle Kosten aus eigener Tasche bestreite. Maspero sah sich in die Enge getrieben. Genaugenommen gab es keinen einzigen Grund, diese Grabungen zu verbieten.
»Effendi, Effendi!« Der Fellache, der in der Morgendämmerung gegen Carters Türe schlug, war aufgeregt. Schlaftrunken schob Carter den Riegel zurück und erkannte Yussuf, einen seiner Grabwächter. »Ein Überfall, ein Überfall!« schrie Yussuf. »Kommen Sie schnell!« Howard Carter fuhr in die Kleider und rannte mit dem Grabwächter den Weg hinauf zum Tal. Unterwegs berichtete Yussuf, was vorgefallen war. Bewaffnete Gangster hätten sie mitten in der Nacht überwältigt, gefesselt und das Grab Amenophis' II. ausgeraubt, es sei eine Schande. Carter erschrak, als er zusammen mit Yussuf das aufgebrochene Grab betrat. Die schwere Deckplatte des Sarko-phages war heruntergewuchtet, die Mumie des Königs herausgerissen. Zerfetzte Bandagen vermittelten den Eindruck, daß der Leichnam genau an jenen Körperstellen durchsucht wurde, an denen die alten Ägypter kostbare Amulette anzubringen pflegten. Ob die Mumie Amenophis' II. solche Amulette enthielt, wußte Carter nicht; denn die Archäologen hatten den König nach seiner Entdeckung unberührt im Sarkophag belassen.
»Wie viele Banditen waren es?« erkundigte sich Carter. »Ich weiß nicht«, beteuerte Yussuf, »vielleicht drei oder vier, es ging alles so schnell!« »Und wo ist dein Freund, der zweite Wächter?« »Zu Hause, er wurde niedergeschlagen.« »Komm!« Carter packte Yussuf am Ärmel und zog ihn mit sich fort. »Hier gibt es nichts mehr zu bewachen.« »Wohin gehen wir?« fragte Yussuf auf dem steilen Weg nach Schech abd el-Kurna. Carter antwortete, er wolle den anderen Wächter fragen, was er gesehen habe. »Er hat noch weniger gesehen als ich«, schwor Yussuf, »du brauchst ihn nicht zu befragen, Effendi.« Der zweite Mann kam ihnen im Morgengrauen entgegen. »O welch ein Unglück für das ganze Land. Man hat den toten König beraubt, welch ein Unglück!« »Bist du verletzt?« erkundigte sich Carter. »Allah sei Dank, nein. Ich konnte fliehen.« »Sie haben dich also gar nicht niedergeschlagen?« Yussuf beteuerte, gesehen zu haben, wie man seinen Kollegen niederschlug, erst dann sei er geflohen. »Ich denke, die Banditen haben Euch gefesselt?« »Nein«, antwortete Yussuf, »wir konnten fliehen.« Als er merkte, daß die beiden sich in Widersprüche verwik-kelten, schickte Carter sie nach Hause und ging zu dem aufgebrochenen Grabeingang zurück. Im schrägen Licht der Morgensonne erkannte er deutliche Fußspuren, allerdings gaben sie nicht den geringsten Hinweis auf ein Handgemenge. Es schien vielmehr, als habe ein einziger Räuber in aller Ruhe das Schloß aufgebrochen und das Gangsterstück ausgeführt. Wo waren die Wächter in dieser Nacht? In Luxor lebte ein uralter Spurensucher, der seine Kunst den Jägern verkaufte. Ihn ließ Carter kommen, Fußabdrücke zeichnen und vermessen und schließlich verfolgen. Vor einem weißen Haus in el-Kurna blieb der Spurensucher stehen, es war das Haus der Abd er-Rassuls.