AUS DEM TAGEBUCH DES DR. SCHULTHEISS:


Seit Tagen hält der latente Zustand an.

Janina ist apathisch und geduldig. Sie läßt sich untersuchen, spricht mit Worotilow, wenn er sie besucht, kein Wort und sieht mich an wie ein verwundetes Tier.

Ich kann ihr nicht helfen, wenn sie selbst keine Lust mehr zum Leben hat. Ihr Körper könnte gesunden, aber ihre Seele ist krank, und von innen stirbt sie ab, während ihre Augen lächeln.

Dr. Kresin tobte gestern mit mir. Er gab mir alle Schuld, bis er sich erinnerte, daß er es war, der mich damals mit zu Janina in die Tingutaskaja 43 nahm, um mein Urteil über ihre Tbc zu hören. »Der Oberarzt macht die Kasalinsskaja hysterisch, der Unterarzt bringt die Janina vor Liebeskummer ins Grab! Was ist das für ein Lager! Mensch, man könnte die Wände hochgehen.«

Vergeblich hatte er versucht, mit Janina zu sprechen. Es war unmöglich, die Worte drangen nicht bis zu ihr. Kresin hatte gedroht, er hatte gefleht - schließlich war er zu mir gelaufen und hatte gebrüllt: »Sie Idiot, tun Sie der Janina doch den Gefallen und lieben Sie sie! Ich werde dafür sorgen, daß Worotilow euch nicht stört! Aber retten Sie mir das Mädchen, verdammt noch mal!«

Janina lieben.

Wie leicht er das sagte. Iß ein Brot, klang genauso. Oder: feg die Latrine. Mein Gott, sind wir geschmacklos geworden in den Jahren der Gefangenschaft. Unsere Herzen sind voll von Sehnsucht und Träumen, aber unsere Taten sind klein und armselig und überschattet von der Angst, nie mehr die Heimat zu sehen. Wir sagen es nicht . wir erzählen uns, wie schön es wird, wenn wir wieder in Deutschland sind, was wir alles tun und wie wir das Leben neu anfassen und wieder von vorn beginnen werden. Wir sprechen so viel von der Rückkehr, wir träumen von ihr, von den Frauen und Kindern, Müttern und Bräuten, den Schwestern, Brüdern, Vätern. Sie alle kehren wieder in unseren Worten, und wir freuen uns an diesen Gedanken und glauben an das Morgen. Aber wenn wir dann auf dem Strohsack liegen und über uns ist die Balkendecke der Baracke, wenn draußen der Schneesturm heult und die Wände vor Kälte knistern, dann werden wir schwach und elend und haben tief im Herzen doch keine Hoffnung mehr.

Wir geben es nicht zu, weil wir uns unserer Schwachheit schämen, und wenn wir unsere monatliche Karte nach Hause schreiben, von der wir nicht einmal wissen, ob sie überhaupt ankommt - denn eine Antwort erhalten wir nie -, dann schreiben wir, daß wir bald nach Hause kommen. Bald . das ist ein relativer Begriff, dehnbar wie Gummi. An dieses Bild klammern wir uns, auch wenn wir nicht mehr daran glauben.

Was wird, wenn ich Janina liebe und dann entlassen werde? Ich kann sie doch nicht mitnehmen. Und ich weiß, daß wir uns nie, nie vergessen werden, wenn wir uns einmal gehört haben, daß wir daran zugrunde gehen, sie und ich.

Dr. Böhler ist drüben auf der Kommandantur. Er untersucht die Männer, die sich für den Eintritt in die KP gemeldet haben. Arme Kerle, die hoffen, damit ihre Leidenszeit abkürzen zu können. Der Russe weiß das auch, und er wird sie danach behandeln. Er wird sie treten und knechten, bis sie aufschreien und alles wieder von sich werfen. Dann wird es heißen: Ihr habt die Partei verraten! Ihr habt revoltiert gegen den Arbeiterstaat! Dreißig Jahre Zwangsarbeit! Und wieder marschieren Tausende in die Sümpfe und ans Eismeer, in die Urangruben von Swerdlowsk und Ufa, in die Bergwerke und die Kraftstationen von Irkutsk. Futter für den Moloch Rußland, Treibriemen für den Motor der Weltrevolution. Es ist zum Heulen, wenn man diese Männer sieht, die frierend im Schnee stehen und auf die Schlachtbank warten. Es half nichts, ihnen zuzureden ... sie waren besessen von dem Glauben: Wir kommen früher in die Heimat! Auch Emil Pelz, unser Sanitäter, ist dabei. Der gute Kerl hofft, seine Frau in Berlin wiederzusehen.

Überall, wo man hinsieht, ist Hoffnung.

Sellnow hat gestern geschrieben. Einer der Männer, die in der Fabrik >Roter Oktober< arbeiten, brachte das Schreiben mit - er schmuggelte es durch die Torkontrolle, indem er den Brief zwischen seine Schenkel band.

Sellnow liegt seit zwei Tagen im Bett. Man weiß nicht, was es ist ... eine Infektion, eine Vergiftung ... sein Körper wurde plötzlich schlaff, die Beine knickten ein, er fiel in den Schnee und mußte von seinen Sanitätern in das behelfsmäßige Lazarett getragen werden. Dort begann er, sich selbst zu untersuchen, stellte Reflexstörungen fest und eine leichte Sehstörung. Die tieferen Ursachen dieser Funktionsausfälle konnte er nicht ergründen und ließ sich ins Bett tragen, wo er verbissen die Ereignisse der letzten Tage prüfte, um irgendwo einen Anhalt für eine Vergiftung oder eine Infektion zu entdecken.

Dr. Kresin, der ihn am Tage darauf besuchte, fand ihn im Bett sitzend und schimpfend. Vor seinem Bett standen die Soldaten, die sich krank gemeldet hatten. Einer nach dem anderen mußte sich vor ihm auf das Bett legen, er klopfte den Brustkorb ab und diktierte den Sanitätern die Diagnosen und Therapien.

Der Kommandant des Außenlagers Stalingrad-Stadt, ein junger russischer Leutnant aus der Komsomolzenschule, lehnte an der Wand und sah diesem Treiben grinsend und rauchend zu.

Dr. Kresin warf alle Gefangenen aus dem Zimmer und begann dann, Sellnow selbst eingehend zu untersuchen. Aber auch Kresin konn-te nicht feststellen, woher diese plötzliche Schwäche kommen konnte, und machte den Vorschlag, Sellnow zur Beobachtung in die staatliche Klinik von Stalingrad zu bringen.

»Als ob die da mehr könnten als Sie«, murrte Sellnow. »Ihr könnt nämlich alle nichts.«

Kresin setzte sich auf die Bettkante und nickte schwer.

»Man sollte Sie liegenlassen«, meinte er.

»Tun Sie's doch.«

»Man ist idiotisch, daß man sich mit Ihnen überhaupt befaßt.«

»Ich habe Sie nicht gerufen. Ich werde hier allein fertig. Und wenn ich nicht mehr kann, gebe ich Nachricht.«

»Wie Sie wollen!« Dr. Kresin war gegangen, hatte draußen einen der Sanitäter am Rock gefaßt und geknurrt:

»Wenn du mich nicht sofort unterrichtest, wenn sich der Zustand verschlechtert, kommst du ins Waldlager.«

Nun schreibt Sellnow, daß es ihm ein wenig besser gehe. Aber er hat den Geruch völlig verloren. Er führt das nun doch auf eine leichte Vergiftung zurück, wenn es auch unerklärlich ist, wer ihn vergiftet haben könnte, womit und warum.

Dr. Böhler hatte den Brief sinken lassen und war sehr nachdenklich geworden. »Es muß hier manches anders werden, Schultheiß«, hatte er zu mir gesagt. »Ich weiß nichts Bestimmtes, aber ich ahne etwas Schreckliches.«

Mehr sagte er nicht. Und ich weiß nicht, was er damit andeuten wollte ... ich bin so ganz in meine Aufgabe versunken, Janina zu pflegen und ihr das kurze Leben, das noch vor ihr liegt, schön und glücklich zu machen.

Ob die Liebe wirklich heilt? Ob sie stärker ist als alle Medizin.?

Ich würde Janina lieben, wenn ich nicht selbst daran zerbrechen würde. Und das darf ich nicht . ich darf es nicht. Ich bin Arzt für Tausende gefangener, hilfloser Kameraden.

In der Kommandantur saß Kommissar Kuwakino mißmutig hin-ter dem Tisch und beobachtete Dr. Böhler, wie er die einzeln eintretenden Deutschen gründlich untersuchte. Die fünf Schreiber nahmen zunächst die Personalien auf: Name, Alter, heimatlichen Wohnort, Straße, Familienstand, ehemalige Zugehörigkeit zu einer NS-Organisation, Block und Barackennummer, seit wann gefangen, und grinsten sich an, wenn Dr. Böhler zwölf oder dreizehn sagte.

Beim erstenmal hob Worotilow die Augenbrauen. Aber er schwieg. Kuwakino war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt und machte sich Vorwürfe, daß er so dumm gewesen war, dem deutschen Arzt, diesem verdammten Plenni, die Hand zu bieten, die er dann zurückziehen mußte, weil der Arzt sie übersah. Das erregte ihn so, daß er nur seinen Zorn nährte, von dem er erwartete, daß er ihm die nötige Härte geben würde, die Auserwählten, die künftigen Kommunisten, in die seelische Zwickmühle zu nehmen.

Leutnant Markow, der an der Tür stand und jeden Eintretenden mit einem Fußtritt bedachte - er betrachtete das als seinen Privatsport und machte sich ein Vergnügen daraus, seine Stiefelspitze so anzusetzen, daß sie schmerzhafte Weichteile berührte -, runzelte die Stirn, als er die ersten Zahlen hörte und das Grinsen auf den Gesichtern der fünf Schreiber bemerkte. Er trat von der Tür weg in das Zimmer und stieß Dr. Böhler unsanft in die Seite.

»Was soll Zallen?«

Dr. Böhler schwieg. Er legte sein Stethoskop auf den Tisch und griff nach seiner Steppjacke, die er bei der Wärme im Raum abgelegt hatte. Verblüfft sah ihn Major Worotilow an.

»Was machen Sie denn da?« fragte er.

»Ich ziehe mich an und gehe in mein Lazarett zurück. Die Untersuchung kann ja Dr. Kresin weiterführen. Ich bin es nicht gewöhnt, daß man mich während der Untersuchung in die Seite stößt.«

Worotilow wurde hochrot. Er starrte auf Markow, der grinsend neben Dr. Böhler stand und Sonnenblumenkerne kaute. Kuwaki-no hatte ebenfalls aufgeblickt und war zu zerstreut, um einzugreifen.

»Untersuchen Sie weiter!« sagte Worotilow streng.

»Nein!«

»Sie weigern sich? Sie sind Kriegsgefangener wie alle anderen auch!«

»Dann bitte ich als ein solcher behandelt zu werden, um Einweisung in eine Baracke und ein Arbeitskommando!«

Worotilow stützte sich mit beiden Händen schwer auf den Tisch. Er umklammerte die Platte und hielt sich daran fest, da er Lust empfand, aufzuspringen und um sich zu schlagen. An seinen Schläfen und über der Nasenwurzel schwollen die Adern an.

»Sie untersuchen!«

»Nein.« Dr. Böhler knöpfte seine Jacke zu und griff nach seiner Fellmütze. Leutnant Markow riß sie ihm aus der Hand und schleuderte sie in eine Ecke. Sein Gesicht strahlte. Rache! Rache!

Dr. Böhler sah seiner Fellmütze nach und nickte Worotilow zu. »Dann gehe ich ohne Fellmütze! So viele meiner Kameraden hatten keine Fellmütze und erfroren sich die Ohren. Ich habe im Jahre 1944 über siebzig Ohramputationen vorgenommen.« Er wandte sich um und wollte an Markow vorbei, als ihn dieser an der Steppjacke festhielt und zurückriß.

»Deutsches Schwein!« brüllte er. »Ich dich schlaggen tot!«

Die fünf Schreiber an den Tischen erstarrten. Ihr Stabsarzt! Ihr Dr. Böhler. Julius Kerner bebte. »Ersäufen!« flüsterte er zu Peter Fischer hin. »Morgen abend, in der Latrine! Und wenn wir alle draufgehen!«

»Halt die Fresse!«

Major Worotilow sah Leutnant Markow an. Es fiel ihm unendlich schwer, in Gegenwart der Kriegsgefangenen einen russischen Offizier zu tadeln und zurechtzuweisen. Markow wußte das, und rechnete damit, daß Worotilow schwieg. Er kostete den Triumph der Stunde voll aus und trat Dr. Böhler mit breitem Grinsen ins Gesäß. Der schlanke Körper des Arztes schnellte durch den Tritt nach vorn und krachte gegen den Tisch, an dem Kuwakino saß. Dieser sprang auf und tat etwas, was Leutnant Markow nie erwartet hätte. Er ergriff das Tintenfaß und warf es ihm an den Kopf. Mit einem Schrei prallte Markow gegen den Tisch und fiel zu Boden. Die

Tinte lief ihm über Stirn, Augen und die Uniform. Im Hintergrund sagte einer der Wartenden »Bravo!«

Worotilow schwieg und sah zur Tür. Wütend sprang Markow auf und verließ fast rennend den Raum. Kommissar Kuwakino setzte sich wieder und wandte sich an den schweratmenden Dr. Böhler.

»Untersuchen Sie bitte weiter. Ich werde diesen Vorfall in Moskau klären. Wir haben von der Zentrale Befehl, gerade die deutschen Ärzte besonders höflich zu behandeln. Ich darf es Ihnen sagen, weil ich mich entschuldigen muß für Leutnant Markow.«

Major Worotilow setzte sich. Er legte seine großen, dicht behaarten Hände auf die Tischplatte und sah auf sie nieder. Er hörte nur, wie sich Dr. Böhler aus seiner Steppjacke schälte und das Stethoskop wieder zur Hand nahm.

»Der nächste«, sagte seine Stimme. Und dann wieder das geheimnisvolle: »Zwölf.«

Emil Pelz trat in den Raum. Er lächelte seinen Stabsarzt an und machte den Oberkörper frei. »Gesund bis aufs Heimweh, Herr Stabsarzt«, sagte er dabei. Dr. Böhler beachtete ihn nicht - er untersuchte ihn wie alle anderen und blickte dann doch erstaunt auf, als er die Brust abzuhorchen hatte.

»Du hast ja einen Herzfehler?« sagte er.

»Möglich.«

»Und gemerkt hast du bis jetzt nichts?«

»Nee.«

»Zwölf.« sagte Dr. Böhler zu Julius Kerner, der grinsend etwas in die Liste schrieb. »Der nächste.«

Ein älterer Mann trat vor. Er hatte einen weißen Spitzbart und müde Augen.

»Wie alt bist du?« fragte ihn Dr. Böhler.

»Dreiundfünfzig Jahre, Herr Stabsarzt.« Der Mann schluckte. »Ich habe sieben Kinder zu Hause und eine kranke Frau.«

»Und du glaubst, daß dich die Kommunistische Partei nach Hause schickt?«

»Man hat es mir gesagt.«

Dr. Böhler wandte sich zu Major Worotilow um. »Stimmt das, Major?«

Worotilow schwieg. Kommissar Wadislav Kuwakino wurde unruhig und klopfte mit einem Bleistift auf den Tisch.

»Wir werden unser Versprechen halten. Im übrigen sollen Sie nicht fragen, sondern lediglich untersuchen.«

»Zwölf.« sagte Dr. Böhler. Und leise, während er noch einmal das Stethoskop auf die Brust des Alten legte und seinen Mund nahe zu ihm brachte, murmelte er: »Du bleibst hier. Es ist besser für dich.«

Blaß und schwankend verließ der Alte den Raum. Er sah jetzt wirklich wie ein Greis aus - der Schreinermeister aus Hameln, den sie den Alten nannten und der doch nur dreiundfünfzig Jahre zählte.

Major Worotilow hatte ein gutes Gehör und Gedächtnis. Er registrierte, daß Dr. Böhler mehr zwölf als dreizehn sagte, und daß die mit Dreizehn Bedachten durchweg kräftige, oft unangenehme Schlägertypen waren, wie sie bei allen Truppen zu finden sind, Soldaten, die für eine Scheibe Brot morden können und den besten Freund verraten, um weiterzukommen. Auch meldeten sich einige Altkommunisten, die schon vor 1933 in Deutschland der Jung-KPD angehörten. Sie wurden von Dr. Böhler oberflächlich abgehorcht und mit einer Dreizehn hinausgeschickt.

Dreizehn, dachte Worotilow. Die Unglückszahl für die, die reif für die Komsomolzenschule sind. Er versuchte, das Verhältnis zwischen den schon ausgesprochenen Zwölf und Dreizehn festzulegen und kam zu der Überzeugung, daß Dr. Böhler nach russischen Grundsätzen auf dem besten Wege war, die Kommunistische Partei zu sabotieren.

In Worotilow rang der Kommunist mit dem Menschen, der Russe mit dem Freund des Deutschen. Er hätte aufspringen können und dieses offensichtliche Theater der Untersuchung einfach abbrechen lassen, diese Komödie, die dem ahnungslosen Kuwakino vorgespielt wurde und ein Schlag ins Gesicht der russischen Ideologie bedeutete. Aber er tat es nicht - irgendein inneres Gefühl hinderte ihn daran. Er sah auf die lange Reihe der noch im Schnee Wartenden, sah sie zuschneien wie kleine, abgestorbene Büsche und empfand in der unentdeckten Seele so etwas wie Mitleid mit diesen Menschen, die der Glaube an Versprechungen in die Arme eines unersättlichen Molochs führte.

Der Kommissar beobachtete die Handlungen des Arztes von jetzt ab scharf. Aber er bemerkte keine Verfehlungen und schien zufrieden zu sein. Mit einem fast sadistischen Blick musterte er die in die Stube Stolpernden, die den Schnee abklopften und sich vor Kälte zitternd entkleideten. Ihre mageren Körper, ihre gelbweiße Haut, ihr sichtbares Gerippe schrie das Elend hinaus, in dem sie seit Jahren lebten.

Wadislav Kuwakino kannte kein Mitleid. Er kannte nur Befehle aus Moskau und das Parteiprogramm. Die Deutschen sind nicht wert, daß man sie begräbt, hatte er selbst auf einer Kommunistenversammlung in Gorkij gerufen. Laßt die Leichen liegen und verfaulen - sie düngen den russischen Boden, auf dem der Weizen wächst, der euch groß und stark für die Weltrevolution macht! Habt kein Mitleid für diese westlichen Hunde, knechtet sie, schlagt sie nieder, tötet sie! Die Winde des Ostens werden über Europa wehen und die Fahnen der Kapitalisten von den Stangen reißen!

Der Kommissar lächelte zufrieden. Er konnte reden. O ja, das konnte er. Er war ein guter Diener der Sowjets, ein Trommler vor dem Wagen Stalins. Und darauf war er stolz.

Dr. Böhler sah auf die Küchenuhr, die auf dem Tisch hinter Major Worotilow stand. Vier Stunden Untersuchung. Vier Stunden standen sie draußen im Schneesturm. Wenn sie dann hereingerufen wurden, waren sie halb erfroren und unfähig, die Arme hochzuheben. Sie kamen mit blauroten Gesichtern in das Zimmer und fielen fast zusammen, als ihnen die Wärme wie ein Fausthieb entgegenschlug. In ihren Augen stand die Qual der hilflosen Kreatur, vermischt mit der Reue, sich in die Hände des Kommissars gegeben zu haben.

Dr. Böhler biß die Zähne zusammen.

»Zwölf!« sagte er gepreßt. »Zwölf - zwölf - zwölf - zwölf!«

Major Worotilow wurde unruhig. Er hob die rechte Hand und sah den Kommissar an. »Sollen wir nicht eine Pause einlegen, Genosse Kommissar? Wir haben noch den ganzen Nachmittag vor uns, und Genosse Pjatjal hat in der Küche einen Hasen für Sie gebraten.«

Der Kommissar nickte. Einen Hasen bekam er in Moskau nicht so leicht, er war sehr teuer in den staatlichen Geschäften und kam nur auf die Tafel der oberen Funktionäre. Er nickte deshalb noch einmal und wandte sich an Dr. Böhler.

»Um drei Uhr wieder!«

Der Arzt steckte das Stethoskop in die Tasche und nahm seine wattierte Steppjacke auf. Peter Fischer rannte in die Ecke und brachte ihm die von Leutnant Markow weggeworfene Pelzmütze. Bewußt stramm, mit laut knallenden Hacken, überreichte er sie Dr. Böhler. Der Kommissar kniff die Augen zusammen und musterte den Gefangenen. Dann winkte er Major Worotilow zu. »Gehen wir«, sagte er. »Es ist schrecklich für mich, soviel deutschen Geruch einatmen zu müssen.«

Er ging an Dr. Böhler vorbei, ohne ihn zu beachten. Er hätte ihn umgerannt, wenn der Arzt nicht einen Schritt zurückgetreten wäre.

Wadislav Kuwakino lächelte im Hinausgehen.

Er hat meine Hand verschmäht, ich habe es ihm heimgezahlt. Er sollte vorsichtiger sein, dieser deutsche Arzt! Nicht alles erfährt Moskau, und am besten schweigen die Toten.

Alexandra Kasalinsskaja schlief seit Sellnows Weggang wieder ordnungsgemäß im Kommandanturgebäude. Sie lehnte im Morgenmantel am Rahmen des Fensters und blickte hinaus in die wirbelnden weißen Flocken. Der Schneesturm verhinderte ihre Fahrt zu den Außenlagern. Heute stand Lager 12 auf dem Plan, und sie stellte sich vor, wie der Feldwebel bis acht Uhr gewartet hatte, um dann die sich krank Meldenden wegzuschicken und die Kolonnen in die Wälder zu treiben. Das Holz mußte jetzt wie Eisen sein ... die Äxte sprangen ab, als hieben sie auf Stahl, es war eine furchtbare Arbeit für

die halbverhungerten und frierenden Männer im Schneesturm.

Sie erinnerte sich an den Winter 1946, als sie im Lager 5110/36 bei Workuta, östlich des Urals, Gefangene untersuchte. Damals heulten die Wölfe rund um das Lager, die Kälte fraß sich durch alle Wände und Pelze, die Öfen waren machtlos vor der Gewalt der Natur, und die Deutschen lagen auf dem Boden der Baracken und schrien vor Schmerzen. Die Glieder froren ihnen ab ... Hände, Finger, Nasen, Ohren, ganze Arme . es wurde nur amputiert . rücksichtslos, ohne Mitleid . was sollten sie auch anderes tun, als diese abgestorbenen Glieder abzutrennen, es blieb ja keine Wahl zwischen Tod und Krüppel. Als der Frühling kam, war das Lager nur noch ein großes Grab. Die Inspektion aus Moskau zog sich schnell zurück, als sie die Listen und den Haufen Elend sah. Das Lager wurde frisch gefüllt . es kamen siebentausend neue Deutsche, aus Swerd-lowsk, aus Interabes, Werchne Uralsk und Schtscherbakow.

Und heute schneite es - auch über Workuta -, und siebentausend Deutsche lagen um die Öfen und zitterten.

Alexandra wandte sich um und warf den Morgenmantel ab. Sie zog das Nachthemd über den Kopf und stand nackt im Raum. Ihre Brüste wölbten sich, als sie die Arme in die Luft streckte. Es war das Recken eines Tieres, schön wie die Wildnis, kraftvoll, edel und durchpulst von Rasse. Sie sah sich im Spiegel an und dachte an Sell-now. Ein Schauer überflog sie . sie drückte die Zähne in die Lippen und fuhr sich streichelnd über die Brüste. Das Gefühl, schreien zu müssen, nahm ihr den Atem. Keuchend ließ sie sich auf das Bett fallen und vergrub das Gesicht in den Kissen.

So traf sie Dr. Sergeij Basow Kresin an, als er ohne anzuklopfen eintrat.

Einen Augenblick blieb er verblüfft an der Tür stehen. Dann setzte er sich räuspernd auf einen Stuhl und lächelte sarkastisch, als Alexandra herumfuhr und das Bettuch über ihre Blöße zog.

»Bei der Morgengymnastik, Täubchen?« fragte Dr. Kresin ironisch. »Ein wenig anstrengend, finde ich.«

»Warum haben Sie nicht angeklopft? Was wollen Sie hier?« schrie ihn die Kasalinsskaja an. In ihren Augen flackerte der Jähzorn. Sie wickelte sich in das Laken und setzte sich auf den Bettrand.

»Was wollen Sie?!« schrie sie wieder. Das dünne Leinen klebte auf ihrem nackten Körper.

»Ich wollte Ihnen sagen, daß Sie krank sind, Alexandra.«

Sie lachte schrill auf und warf die Beine auf das Bett. Sie lag jetzt halb, nur der Oberkörper und der Kopf waren aufgerichtet.

»Was soll ich haben?«

»Eine innere Krankheit. Außerdem sind Sie sehr überarbeitet. Sie brauchen Ruhe!« Dr. Kresin kniff die Augen zusammen. »Was halten Sie von einer Ausspannung? Von Ferien? Sagen wir zwei Wochen.«

»Im Winter?« Alexandra sah Dr. Kresin mißtrauisch an. »Im Schneesturm?«

»Schneeluft ist rein und gesund.«

»Sie wollen mich abschieben, Genosse Kresin?«

»Alexandra.« Dr. Kresin hob beschwörend beide Hände. »Sie sind uns unentbehrlich. Aber Ihre Gesundheit geht uns vor! Sie haben in der letzten Zeit sehr nachgelassen - nicht in der Arbeit, das will ich damit nicht sagen, aber im Aussehen. Ihre Nerven machen nicht mehr mit. Ich werde Sie für vierzehn Tage nach Stalingrad schicken, in unser Erholungsheim.«

Die Kasalinsskaja zuckte mit den schönen bloßen Schultern. Sie waren ein bißchen gelblich ... ihr ganzer Körper war es, eine Haut wie eine Kalmückin, wie eine Mandschufrau - gelbliches Weiß von porzellanhafter Zartheit und Durchsichtigkeit.

»Wenn Sie es so wollen, Genosse Kresin«, sagte sie mit gelangweilter Stimme. »Wann soll ich fahren?«

»Am besten übermorgen. Dann hat sich der Sturm gelegt. Ich bringe Sie selbst hin, Alexandra.«

»Das ist nett.« Sie lächelte rätselhaft. »Irre werden immer von ihren Ärzten begleitet.«

»Was Sie nur haben.« Er erhob sich und gab ihr die Hand. Ihre Finger waren kalt, wie abgestorben, und er hätte geschworen, daß sie heiß sein müßten. Ein leichtes Zittern ließ ihre Hand erbeben. Sie hat sich gut in der Gewalt, stellte er fest. Nur wenn sie allein ist, bricht sie zusammen. Sie hat die Achtung vor sich selbst verloren, das wird es sein. Sie schlägt über sich selbst zusammen wie Wellen an einer Klippe.

Als er hinausgehen wollte, hielt ihn ihre Stimme fest.

»Wie geht es Dr. von Sellnow?« fragte sie.

»Verhältnismäßig gut. Wir nehmen an, daß es eine Vergiftung war.«

»Eine Vergiftung? Wie kommen Sie darauf?« Ihr Blick wurde starr.

»Wegen der Symptome, Genossin. Es spricht vieles dafür. Nur wissen wir noch nicht, wie es geschah. Wenn wir das erst wissen, sehen wir weiter. Und Gnade Gott, wenn es ein Anschlag war. Den Täter bringe ich eigenhändig um!«

Er verließ den Raum. Als er die Tür hinter sich schloß, stand Alexandra immer noch wie erstarrt vor ihrem Bett.

Am Nachmittag, beim Nachlassen des Schneetreibens, wurden die Untersuchungen fortgeführt. Jetzt assistierte Dr. Kresin dem deutschen Arzt, während Worotilow mißmutig auf seinem Stuhl hockte und sich quälte, ein diensteifriges Gesicht zu zeigen. Kommissar Wadislav Kuwakino war sehr zufrieden. Der Hase hatte vorzüglich geschmeckt, der Wodka war alt und stark, Bascha hatte geile Augen gemacht, als er ihr beim Servieren in die volle Brust kniff. Ku-wakino war sehr fröhlich und machte sich ein Vergnügen daraus, mit einem langen Lineal den Gefangenen auf den nackten Hintern zu schlagen und jedes Klatschen mit einem genießerischen Nicken zu begleiten.

Leutnant Markow war nicht mehr gekommen. Er lag auf seinem Bett im Nebenzimmer und wälzte tausend Rachegedanken. Weniger das an seinen Kopf geschleuderte Tintenfaß regte ihn so auf, als vielmehr das Bravo, das aus der langen Reihe der wartenden Plen-nis gekommen war. Er nahm sich vor, nichts Menschliches mehr im Umgang mit den Deutschen zu zeigen, und er weidete sich an

den Bildern, die seine Phantasie vorspiegelte.

Dr. Böhler untersuchte schnell und energisch. Seine Stimme war fest, als er die Zahlen zwölf und dreizehn nannte. Dr. Kresin ließ ihm keine Wahl mehr: er stand neben ihm und untersuchte die Gefangenen >nach<. So kam es auch zu kleinen Meinungsverschiedenheiten, als am Ende der langen Reihe auch die fünf Schreiber sich vorstellten und Dr. Kresin ohne Zögern sagte: »Tauglich!«

»Zwölf!« rief Dr. Böhler.

»Gehen Sie mir mit den Nummern zwölf und dreizehn weg! Die Kerle haben sich gemeldet, sie sind bis auf die typischen Unterernährungserscheinungen gesund, sie haben keine Ruhr, keinen Typhus, keine Tbc, keine Dystrophie . sie haben nur zu wenig Fleisch auf den Knochen! Und das wird man in Moskau heranfüttern.«

Karl Georg sah Julius Kerner und Peter Fischer an. Seine Augen strahlten. »Nach Moskau, habt ihr gehört?« flüsterte er.

»Sieht aus, als wenn wir schnell wegkämen.«

In die Liste für die Neukommunisten kamen auch die fünf Schreiber. Gegen den Willen Dr. Böhlers.

Der Kommissar war sehr zufrieden. Er sah sich die Endzahl an und nickte. 285 Männer! Ein kleines Lager! Eine nette Horde zukünftiger Spitzel und Volkspolizisten für die Sowjetzone. Ein Stammpersonal, das man in Moskau gebrauchen konnte.

Wieder stapften die vermummten Gestalten durch den Schnee. Wieder warteten sie in langen Reihen vor der Kommandantur und schneiten zu. Der Abend war gekommen, die große Kälte setzte ein. Der Himmel wurde klar, der Schnee wie Glas. Nur der klirrende Frost lag über der weißen Erde.

Von den hölzernen Wachttürmen hörte man die Posten fluchen. Die zweite Schicht der Waldarbeiter kam zurück . müde und zitternd standen sie am großen Lagertor und wurden nachgezählt. Die Begleitsoldaten schimpften und sehnten sich nach der warmen Baracke. Von den Wäldern klang leise das ferne Heulen der Wölfe.

In der Kommandantur gingen die >Ausgewählten< am Tisch Wa-dislav Kuwakinos vorbei und unterschrieben die Verpflichtung für die Kommunistische Partei. Der Text war in russischer Sprache gehalten, eine Übersetzung war nicht beigefügt, und so wußte keiner, was er da unterzeichnete und wozu er sich verpflichtete. Allein der Gedanke, schnell in die Heimat zu kommen, trieb sie dazu, ihre Unterschrift auf die Blätter zu setzen.

Kuwakino strahlte. Er drückte Major Worotilow die Hand, nannte das Lager einen Musterbetrieb wie eine staatliche Kolchose und steckte die Papiere in seine dicke Aktenmappe. Selbst Dr. Böhler wurde mit einem freundlichen Kopfnicken bedacht, als er fragte: »Kann ich jetzt in mein Lazarett gehen? Meine Kranken warten auf mich.«

Kommissar Kuwakino sah Worotilow an und blickte dann über die 285 Jammergestalten, die wieder draußen in der Kälte standen und zitterten. Er grinste, seine weit auseinanderstehenden Augen blinzelten.

»Eine kleine Überraschung habe ich für die, die sich gemeldet haben«, sagte er händereibend. Er winkte, und ein russischer Soldat schleppte einen großen Pappkarton herbei, der bis zum Rand mit Briefen gefüllt war.

Mit deutschen Briefen!

Briefen aus der Heimat.

Dr. Böhler starrte auf diesen Karton. Seine Backenknochen mahlten. Post! Nach vier Jahren Post! Nach vier langen, qualvollen, hoffnungslosen Jahren Post!

Endlich Hoffnung. Endlich Liebe! Endlich Erlösung aus der Einsamkeit.

Die Heimat kam nach Rußland!

Julius Kerner begann zu zittern. Auch Peter Fischer und Karl Georg, Karl Eberhard Möller, Hans Sauerbrunn starrten entgeistert auf den Karton. Sie standen dem Soldaten am nächsten und lasen die ersten Adressen, die auf den Kuverts standen.

»Post«, stammelte Kerner. »Von meiner Frau . den Kindern.«

Der Russe stellte den Karton vor Kuwakino auf den Tisch. Der wühlte in den Briefen herum und sah Worotilow an.

»Ich möchte nur die Briefe an die Gefangenen herausgeben, die sich gemeldet haben«, sagte er. Worotilow wurde bleich und verschlossen. »Das wäre eine Härte gegen die anderen, Genosse Kommissar.«

»Sie können sich ja auch melden.«

»Man kann eine Weltanschauung nicht erpressen!«

»Man kann! Ich beweise es.« Kuwakino grinste wieder. Er wandte sich an die fünf Schreiber und wies auf den großen Karton. »Alle 'raussuchen, die in der Liste stehen! Die andern abliefern!«

Julius Kerner stürzte zu den Briefen hin und begann zu wühlen. Er suchte ... suchte bis Peter Fischer ihn in die Rippen stieß und die Listen vor sich auf den Tisch legte.

»Einen nach dem anderen. Du wirst deinen schon finden.« Er leerte den Karton aus. Zu einem großen Haufen türmten sich die meist eng beschriebenen Antwortkarten der Kriegsgefangenen-Post. Monoton begannen Möller und Georg die Namen der Empfänger zu lesen, während Kerner, Fischer und Sauerbrunn sie mit der Liste verglichen.

Waldschmidt.

Eben.

Friedrich Siebach.

Emil Pelz.

»Der Sani, sieh an.« Kerner legte den Brief weg. Zwei Stunden sortierten sie die Karten und Kuverts.

Zwei Stunden standen die 285 Männer in schneidendem Frost, schlugen die Arme um den Körper und warteten.

Die Nacht war klar wie Eis. Wenn man sprach, war es, als würden die Worte zu Glas, das klirrend zersprang.

Eine weitere Stunde dauerte die Verteilung. 249 Gefangene bekamen Post.

249 Glückliche, die mit Tränen die wenigen Worte lasen. Die ersten seit vier Jahren.

Aus Deutschland.

In dieser Nacht wanderte der kleine, ausgemergelte Pastor von Ba-

racke zu Baracke. Er hatte viel zu trösten ... die Weinenden und Verzweifelten ... die Trostlosen und die Stumpfen ... aber auch die Glücklichen, die zurückfanden zu Gott und beten wollten.

Denn Gott war mit der ersten Post gekommen.

Auf seiner Pritsche lag Julius Kerner, neben sich die Trompete, und starrte an die Decke. In der Baracke war es still.

Die Mehrzahl hatte Post bekommen. Nun las man die Zeilen, die Worte, die Silben hundertmal hintereinander.

Julius Kerner hatte einen Brief auf seiner Brust liegen. Sein Gesicht war starr, leblos, steinern. Als ihn Peter Fischer ansprach, drehte er sich zur Seite und schwieg.

»Den hat es umgehauen«, sagte Fischer leise zu Sauerbrunn und Georg. »Der hat Heimweh, daß er schreien könnte.«

Karl Eberhard Möller drehte sich um und rief zu Kerner hinauf: »Was schreibt denn deine Frau? Nun sag schon was.«

Julius Kerner schwieg. Aber nach einiger Zeit stand er auf, nahm seine Trompete und drückte sie Karl Georg in die Hand. Der ergriff sie verwundert und sah ihm nach, wie er aus der Baracke ging., ohne Jacke, ohne Mütze, nur mit Hemd und Hose bekleidet.

»Der wird auf der Latrine frieren«, sagte Möller stockend. »Mein Gott, ich könnte heulen, wenn ich Mutters Karte lese.«

Nach einer halben Stunde war Julius Kerner noch nicht zurück. Karl Georg sah die anderen ängstlich an.

»Da stimmt doch was nicht, Kinder. Da ist doch was los.« Er rief einen der Gefangenen an, die von draußen kamen. »Ist der Kerner auf der Latrine?«

»Nee.«

Peter Fischer sprang auf. Er ging zu Kerners Bett und sah mit Staunen, daß dort der Brief lag. Er nahm ihn auf, zog ihn aus dem Kuvert und begann, die wenigen Zeilen zu lesen.

»Mein Gott, mein Gott.«, sagte er. Blaß setzte er sich an den Tisch und legte den Brief leise auf die Platte. »Er hat keinen Menschen mehr, der Julius. Sein Schwager schreibt es ihm . die Frau und die Kinder liegen unter den Trümmern . Bomben.«

Karl Georg sah auf die Trompete, die ihm Kerner gegeben hatte, und wußte alles.

»Alle 'raus!« schrie er in die Baracke. »Der Kerner! Der Kerl tut sich was an! Alle 'raus!«

Sie rannten so, wie sie waren, aus der Baracke in die eisige Winternacht. Der Frost fiel sie an wie ein hungriger Wolf - sie rannten durch die Lagergassen und schoben die erstaunten Pendelposten einfach zur Seite.

Die Alarmsirene gellte schrill. Auf den Wachttürmen flammten die Scheinwerfer auf und hüllten das Lager in Tageshelle. Den Zaun, die Baracken, das Vorfeld.

Major Worotilow und Leutnant Markow stürzten aus der Kommandantur. Kommissar Kuwakino lehnte am Fenster und kaute an seiner Unterlippe. Dr. Böhler und Dr. Schultheiß standen in ihren Steppjacken und Fellmützen auf der Treppe des Lazaretts und blickten auf das wilde Durcheinander.

»Der Kerner ist verschwunden!« keuchte Emil Pelz, der gerade um die Ecke rannte. »Er hat einen Brief von Zuhause bekommen. Alle durch Bomben getötet.«

Dr. Böhler sah kurz zu Dr. Schultheiß hin. »Armer Kerl. Vier Jahre Rußland. Er hat sie durchgehalten! Und jetzt.« Er blickte zu Boden. »Lassen Sie ein Bett frei machen, Dr. Schultheiß.«

Nach einer halben Stunde fand man Julius Kerner in der äußersten Ecke des Lagers, nahe der Küche. Er hatte sich auch noch Hemd und Hose ausgezogen, nackt lag er im vereisten Schnee. Sein Körper war schon weiß und leblos. Die halbgeöffneten Augen starrten nach oben, und an den Lidern hingen gefrorene Tränen.

Major Worotilow stand vor ihm. Dr. Kresin kniete im Schnee und erhob sich kopfschüttelnd.

»Vorbei«, sagte er. Dann stapfte er wortlos durch die Nacht davon.

»Warum?!« fragte Worotilow den neben ihm stehenden Peter Fischer. Fischer weinte wie ein Kind.

»Er hat Frau und Kind verloren.«, schluchzte er. »Es stand in dem

Brief.«

»Tragt ihn hinein.« Der menschliche Russe Worotilow wandte sich ab. »Und wenn ihr ihn begrabt, gebt ihm seine Trompete mit.«

Leutnant Markow stand starr daneben, als man Julius Kerner aus dem Schnee hob und den steifgefrorenen, nackten Körper in eine Decke hüllte und forttrug.

Ein Deutscher weniger! Aber dann dachte er an seine kleine Frau Jascha und seine Tochter Wanda und daran, daß auch sie sterben könnten. Das machte ihn schwach und hilflos.

Schwankend ging er zu seinem Zimmer zurück.

An der Beerdigung von Julius Kerner hatten Major Worotilow, Leutnant Markow, Dr. Kresin und die Kasalinsskaja teilgenommen. Der kleine, verhärmte Pfarrer sprach mit stockender Stimme: »Herr, Gott, Du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist Du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit, der Du die Menschen lassest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder! Denn tausend Jahre sind vor Dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. Du lassest sie dahinfahren wie einen Strom; sie sind wie ein Schlaf, gleichwie ein Gras, das doch bald welk wird, das da frühe blüht und bald welk wird und des Abends abgehauen wird und verdorrt.«

Drei Wochen nach der Beerdigung erschien Dr. Kresin bei Dr. Böhler und setzte sich stöhnend in einen der Sessel.

»Man hat Sorgen in Moskau, in der Zentralstelle für Kriegsgefangenenwesen. Große Sorgen sogar! Wir haben den Auftrag bekommen, alle Lager mit mustergültigen Lazaretten zu versehen und alles, was benötigt wird, sofort zu melden! Auch sollen neue kulturelle Einrichtungen geschaffen werden - eine Lagerbibliothek, Feierstunden, Theater, ein Lagerkino.« Dr. Kresin schüttelte den Kopf. »Ich weiß gar nicht, warum man euch gefangenhält, wenn ihr ein besseres Leben habt als die Millionen Bauern in unserem Lande.

Da soll sich einer auskennen! Wissen Sie, was in den Anweisungen steht?« Er hieb mit der Faust auf seine prallen Schenkel. »Es sollen eingeführt werden: Schachgruppen, Sportplätze, Fußballmannschaften, Leichtathletikkämpfe, Kunstausstellungen von Kriegsgefangenen und sowjetischen Künstlern!« Dr. Kresin sah den deutschen Arzt hilflos an. »Begreifen Sie das?! Kunstausstellungen bei den Plen-nis?! Fußball? Schach? Eine Wettkampfbahn! Man hat in Moskau den Überblick verloren!«

»Sport hat uns schon lange gefehlt.« Dr. Böhler schüttelte den Kopf. »Alles, was Sie jetzt sagen, würde sehr dazu beitragen, das Los der Gefangenen zu erleichtern und ihnen neuen seelischen Auftrieb geben! Man ist weise in Moskau - nur der halbwegs zufriedene Mensch leistet wirklich gute Arbeit!«

Dr. Kresin verzog sein Bulldoggengesicht. »Seelischer Auftrieb. Wenn ich mir Sellnow betrachte, weiß ich genug. Wenn der noch einen Auftrieb bekommt, sind wir in einem Karussell!« Er stockte und sah aus dem Fenster auf die vereiste Landschaft. »Übrigens ... können Sie Schach?«

»Ja. Ich spiele es leidenschaftlich.«

»Hm.« Er sah auf seine dicken, großen Hände. »Wir Russen haben da einen Ausdruck: Kulturnaja shisnij! Kultiviertes Leben, würdet ihr dazu sagen ... das will man jetzt bei den Plennis einführen. Wenn ihr mal nach Hause kommt, sollt ihr sagen: Uns ging es besser als den Russen in den deutschen KZ.« Er erhob sich und warf Dr. Böhler eine Liste zu. »Da - füllen Sie aus, was Sie brauchen! Man verlangt ein mustergültiges Lazarett! Es muß bis zum Frühjahr fertig sein! Eine Kommission kommt und prüft, ob es nach den Wünschen der Zentralleitung eingerichtet wurde.«

Dr. Böhler kam sich vor wie in einem Märchen. »Ich darf alles aufschreiben, was ich mir für mein Lazarett wünsche?«

»Sie sollen schreiben, was Sie brauchen für ein Musterlazarett.«

»Und ich bekomme es wirklich?«

»Hoffentlich.«

»Auch ausgebildetes Schwesternpersonal?«

Dr. Kresin grinste. »Das könnte Ihnen so passen«, sagte er mit fettem Lachen.

Dann füllten Dr. Böhler und Dr. Schultheiß die Listen aus. Sie vergaßen nichts - von der kleinsten Klemme bis zum komplizierten Rippenspreizer, von den Sulfonamiden bis zum Penicillin. Vor allem Betten, Betten, Betten. Sanitäre Anlagen. Desinfektionsmittel. Für die Lungenstation eine Pneumothorax-Einrichtung. Isolierstationen für die ansteckenden Krankheiten, wie Ruhr, Typhus, Malaria. Am Abend waren die Pläne so weit fertig, daß sie Dr. Kre-sin und Major Worotilow vorgelegt werden konnten. Dr. Böhler brachte die Listen selbst in die Kommandantur, wo noch immer Kommissar Kuwakino saß und die Namen der Neukommunisten nach bestimmten Gruppen ordnete. Er lächelte den Arzt an und nahm die Listen an sich.

»Moskau ist großzügig, Sie werden alles erhalten! Alles! Nur eins nicht - genügend zu essen!«

Dr. Böhler war es, als habe man ihm ins Gesicht geschlagen. Er starrte Worotilow an. Der Major sah zu Boden.

»Es ist keine Schikane«, sagte er langsam. »Das Jahr 1947 hat unter einer großen Dürre gelitten. Die Hitze hat die Felder versengt, die Ernte blieb zurück. Das Korn, das Gemüse, das Obst, alles verdorrte in der Sonne. Auch Rußland wird dieses Jahr hungern müssen. Ich werde froh sein, die Rationen, die wir jetzt haben, noch halten zu können. Wir werden nächste Woche zu Hirsebrei und Graupen übergehen müssen. Auch der Kohl ist knapp.«

»Und meine Magenkranken? Sie gehen daran zugrunde.«

»Auch in Rußland gibt es Tausende von Magenkranken. Wir können ihnen nicht helfen. Die Natur war stärker als unser Wille.« Wor-otilow legte seine Hand auf die Listen und sah Dr. Böhler groß an. »Sie werden ein Lazarett bekommen, wie es in Stalingrad besser nicht ist! Sie werden Sportplätze bekommen, einen Kinosaal, eine Bibliothek mit den modernsten Büchern aus Rußland und Deutschland. Man wird Zeitungen verteilen . Illustrierte und Romanhefte. Die Gefangenschaft wird eine Erholung sein. Nur - Sie werden

hungern müssen!«

»Und arbeiten! Sie werden verlangen, daß die Plennis mehr und besser schuften, weil sie alle Vorteile der Freiheit hinter Stacheldraht genießen! Man wird die Sollquoten in den Fabriken und Bergwerken höherschrauben und die Männer knechten, wenn sie vor Erschöpfung nicht mehr kriechen können. Was nützt mir ein Lazarett, was kann ein Sportplatz bedeuten, wenn die Männer, die Sport treiben sollen, vor Entkräftung keinen Ball aufheben können? Das ist doch Hohn!«

Kommissar Wadislav Kuwakino, dessen deutsche Sprachkenntnisse sehr mangelhaft waren, sah zu Worotilow. »Was sagt er?«

»Unwesentliches.« Major Worotilow wischte durch die Luft. »Er meint, daß Hunger weh tut.«

Kuwakino lachte meckernd und nickte beifällig. Worotilow blickte schräg zu Dr. Böhler. »Die Arbeitsbrigaden werden ab Frühjahr einen Teil des Lohnes ausbezahlt bekommen. Monatlich 250 Rubel ... 450 Rubel erhält das Lager für Unterkunft und Verpflegung. Was über diesen Gesamtbetrag verdient wird, verfällt ebenfalls dem Lager. Vielleicht erhalten es die Leute ausgezahlt, wenn sie nach Deutschland entlassen werden. Vielleicht. Immerhin - jeder, der arbeitet, kann jetzt 250 Rubel haben und sich damit in der Stadt oder den Werkskantinen zusätzliche Lebensmittel kaufen.« Worotilow sah Dr. Böhler erwartungsvoll an. »Zwei Pfund Brot kosten 3 Rubel! Ein Pfund Margarine 9 Rubel! 250 Rubel sind ein Vermögen!«

»Und was geschieht mit denen, die nicht arbeiten können? Mit den Alten, den Verletzten, den Kranken?«

»Sie werden wie bisher von Graupen und Kohl, von Brot und Hirse leben müssen.« Worotilow zuckte mit den Schultern. »Ich nehme an, daß die deutsche Kameradschaft so weit geht, daß die Verdienenden die Armen mit durchhalten.«

Dr. Böhler nickte. »Darf ich das im Lager bekanntmachen?«

»Ja. Nur nennen Sie keine Daten. Die Bestimmungen sind von Moskau herausgegeben . wann der große neue Apparat zu arbeiten beginnt, weiß ich nicht.« »Es lebe Stalin!« sagte Kuwakino höhnisch.

Wortlos wandte sich Dr. Böhler ab und verließ die Kommandantur.

Die Nachricht flog wie eine Feuersbrunst durch das Lager.

Erregte Diskussionen durchschwirrten die Baracken.

»Nichts ist umsonst!« sage Peter Fischer. »Wenn der Russe uns etwas schenkt, nimmt er auch wieder etwas! Wo gibt's denn das: der Russe wird human!«

»Möglich ist alles.« Karl Georg saß wieder auf seinem Bett, in der Hand hielt er eine Zeitung. Es war die Komsomolskaja Prawda, die große Tageszeitung des Verbandes der Jungkommunisten. Woher er sie hatte, wußte niemand. Er kam immer an die neuesten russischen Blätter und studierte sie fleißig, um seine Sprachkenntnisse zu vervollständigen. Möller nannte Georg eine Intelligenzwanze, aber das regte ihn nicht auf. »Hier steht«, sagte er, »daß die Russen vor einer Währungsreform stehen und danach alles besser würde! Warum nicht auch bei uns?!«

»Weil wir Gefangene sind!«

»Aber Arbeiter für die Sowjets!«

Peter Fischer warf die Zeitung weg, die ihm Karl Georg gereicht hatte. »Wenn das so ist, warum haben wir uns dann überhaupt gemeldet?«

»Um schneller nach Hause zu kommen.«

»Gemerkt habe ich noch nichts. Der Kommissar ist noch immer hier. Über drei Wochen sind 'rum. Es muß sich doch endlich was tun!«

»Scheiße tut sich!« sagte Karl Eberhard Möller und sah Sauerbrunn an, der sein zerschlagenes Nasenbein kratzte. »Glaubst du daran, Hans?«

»Ich lass' mich überraschen.«

Und die Überraschung traf ein.

Drei Tage später rollten einige Autokolonnen über die gefrorene Straße ins Lager. Es waren russische Fahrer, Sträflinge aus den Skljut-schonnyilagern, die vielfach in der Nähe der deutschen Kriegsgefangenenlager errichtet waren und deren Sträflinge - meist kriminelle, aber auch viele politische - in den gleichen Fabriken arbeiteten. Es waren russische Straflager der ersten Stufe, in die man unbequeme Leute einsperrte und sie für den Staat nützlich einsetzte, kleine, an sich harmlose KZ, in denen die Zivilgefangenen nicht schlechter, aber auch nicht besser als die deutschen Plennis lebten.

Die Wagenkolonne, unter Führung eines Jeeps mit einem russischen Leutnant, fuhr vor das Lazarett und stoppte dort. Der Offizier sprang auf den verharschten Schnee, stampfte die Kälte aus seinen erstarrten Beinen und grüßte steif, als Major Worotilow in Begleitung des dick vermummten Dr. Kresin von der Kommandantur herüberkam.

»Die Ausstattungen, Genosse Major!« meldete der Leutnant. »Es ist nicht alles, aber was wir bekommen konnten, ist dabei.«

Dr. Kresin sah Worotilow erstaunt an. »Das neue Lazarett! Moskau hält tatsächlich Wort! Es ist zum Brüllen! Erst sterben Hunderttausende, und jetzt wird um den einzelnen gekämpft! Nur ein Idiot kennt sich in der Politik aus.«

»Wie gut, daß Sie keiner sind, Genosse«, bemerkte Worotilow ironisch. Brummend betrat Dr. Kresin das Lazarett und prallte an der Tür auf Dr. Böhler, der es gerade verlassen wollte. Sie stießen mit den Köpfen aneinander und fuhren erschrocken zurück.

»Ihr neues Lazarett«, schrie Dr. Kresin wütend.

»Deswegen brauchen Sie mir nicht den Schädel einzuschlagen!«

Lachend stand Major Worotilow daneben und rieb sich die klammen Hände. Kisten auf Kisten wurden ausgeladen und in den Schnee gestellt, viele davon mit amerikanischen Aufschriften, aus San Fran-zisko, New York, New Orleans, Milwaukee. Arzneien, zusammenklappbare Bahren, Operationstische, Schränke, Instrumentarien, Betten, die neuesten Metallschienen, ein vollkommenes Röntgengerät, eine Rotlichtlampe, Verbandeimer, eine Sterilisationsanlage.

Dr. Böhler drehte sich zu Dr. Schultheiß um, der aus der Laza-rettbaracke trat. Seine Augen glänzten.

»Verstehen Sie das, mein Junge?« rief er. Seine Stimme zitterte vor Freude. »Es ist, als ob ich wunschlos glücklich träume.«

Dr. Kresin sah sich brummend die Kisten an und verglich sie mit den Transportlisten, die ihm der junge Leutnant gab.

»Verfluchte Schweinerei!« schrie er plötzlich. »Wo ist die Kiste mit den Narkosemitteln?!«

»Welche Kiste?« Der Leutnant wurde rot und trat näher.

»Nummer 134/43 P!« schrie Dr. Kresin.

»Ich habe sie nicht gefressen!« sagte der Leutnant dreist. »Ich habe das aufgeladen, was man mir gab. Nicht mehr und nicht weniger.«

»Das alte Lied!« schrie Kresin außer sich. »Geklaut! Gibt es einen Russen, der nicht klaut?! Und ausgerechnet die Narkosekiste! Jetzt sitzen die Schweine in Stalingrad und vollführen Rauschgiftorgien! Das werde ich nach Moskau melden, Genosse Leutnant!«

Der junge Offizier war bleich geworden. Er verglich noch einmal die Transportlisten mit den Kisten, die man abgeladen hatte. Kein Zweifel - es fehlte die kleine Kiste mit dem Narkosematerial. Entweder hatte man sie beim Aufladen einfach zur Seite gestellt, oder sie war gar nicht mitgeliefert worden, war schon auf dem Weg nach Stalingrad verschwunden in einen dunklen Kanal, durch den man sie weiterschob.

Major Worotilow schaute die Lazarettbaracke entlang, wo an einem Fenster der schmale, blasse Kopf Janinas sichtbar wurde.

»Jetzt wirst du geheilt, mein Täubchen!« schrie er durch die Kälte. »Jetzt werden wir dich gesund machen - nicht wahr, Dr. Schultheiß?«

Der junge Arzt nickte schwach. »Wenn die Pneuapparatur da ist . ich habe dann Hoffnung.«

Major Worotilow ergriff im Überschwang des Augenblicks seine Hand: »Wenn Sie Janina retten, können Sie von mir haben, was Sie wollen!«

»Das haben Sie mir schon einmal versprochen.«

»Und ich werde es halten! Ich will dafür sorgen, daß Sie schnell zurück in Ihre Heimat kommen.«

Entgeistert sah Dr. Schultheiß ihm nach, als er zurück zur Kommandantur stapfte. In die Heimat ... wie schrieb doch seine Mutter? Mein lieber, lieber Junge, sei tapfer, wir glauben alle an ein Wiedersehen. Vater ist aus englischer Gefangenschaft zurückgekommen, er ist alt geworden, aber er will seinen Dienst im Krankenhaus wieder aufnehmen. Die große Hoffnung, Dich wiederzusehen, ist die Kraft, die uns viel Schweres ertragen läßt. Wir küssen Dich, mein lieber Junge. Deine Mutter. Und der Vater schrieb darunter: Mein Jens. Ich weiß, daß Du wiederkommst. Du mußt es auch wissen. Du mußt! Ich umarme Dich. Dein Vater.

Und Worotilow versprach, ihn früh zu entlassen.

Er sah hinüber zu dem Fenster, an dem Janina stand. Sie blickte nicht dem weggehenden Worotilow nach - sie sah ihn an, groß, lächelnd und glücklich. In ihren Augen strahlte die Liebe.

Mit aufeinandergepreßten Lippen beugte er sich über die Kisten.

Wir glauben alle an ein Wiedersehen . schrieb die Mutter.

Ich weiß, daß Du wiederkommst. Du mußt es auch wissen . schrieb der Vater.

Und er würde nicht kommen, wenn er Janina liebte.

Alexandra Kasalinsskaja saß am Bett von Sellnow und hielt seine heißen Hände. Sie war seit zwei Wochen in der Fabrik >Roter Oktober und pflegte ihn.

Ihre Blässe hatte etwas nachgelassen. Die frische Schneeluft und die Ruhe, vor allem aber Sellnows Nähe wirkten heilend und kräftigend auf sie. In einem dicken Wollkleid, am Halse hochgeschlossen, von mittelgrauer Farbe, dicken Wollstrümpfen und hohen Schuhen sah sie aus wie eine der tausend Frauen in Stalingrad, die durch den Schnee eilen und vor den Läden der staatlichen Geschäfte anstehen. Um ihr linkes Handgelenk klirrte eine schwere goldene Kette, der einzige Schmuck, den sie trug. Nicht einmal eine Nadel hellte das dumpfe Grau des Kleides auf.

Sellnows Zustand war sehr wechselnd. Zwischen Fieberschauern und völlig gesunden Tagen pendelte er hin und her. Immer, wenn er die Hoffnung hatte, die Krankheit überwunden zu haben, warf ihn ein neuer Rückfall nieder und hielt ihn drei oder vier Tage im Bett, das er dann gesund und verwundert über diese Krankheit wieder verließ und weiterarbeitete, als sei er nie krank gewesen.

Auch die Kasalinsskaja konnte nicht sagen, welcher Art diese Krankheit war - zumindest behauptete sie, es nicht feststellen zu können, und pflegte Sellnow während der Anfälle mit rührender Hingabe.

Als sie auf Anraten Dr. Kresins ihre Ferien nahm und nach Stalingrad kam, hatte Sellnow gerade seine anfallfreien Tage, stand im Ordinationszimmer seines Behelfslazaretts vor dem Verbandstisch und versorgte eine Quetschwunde. Alexandra kam ohne anzuklopfen in den Raum und sah sich erstaunt um. Sellnow, der sie eintreten sah, nahm keinerlei Notiz von ihr, wenn auch sein Atem schneller ging und das Blut in seinem Hals zu klopfen begann.

»Nanu?!« rief die Kasalinsskaja. »Ist keiner da, der mich begrüßt?!«

»Stören Sie nicht!« erwiderte Sellnow. »Sie sehen doch, daß ich verbinde! Tür zu! Es zieht!«

Gehorsam, aber mit knirschenden Zähnen, schloß Alexandra die Tür und blieb regungslos stehen. »Sie haben seit vier Tagen keine Meldungen mehr an die Zentrale geschickt! Dr. Kresin ist sehr ungehalten.«

»Das soll er mir selbst sagen, aber nicht eine Frau schicken!«

Die Sanitäter sahen starr auf ihren Arzt. Wie sprach er mit der gefürchteten Kasalinsskaja? Sellnow untersuchte in aller Ruhe die Quetschung und verband sie. Dann drehte er sich um, ging an Alexandra vorbei, wusch sich in einer Schüssel die Hände und trocknete sie umständlich ab.

»Was stehen Sie eigentlich hier herum?!« fuhr er sie an. »Ich habe jetzt zu tun und keine Zeit, mir die Beschwerden des Herrn Dr. Kre-sin anzuhören!«

»Man sollte Sie zur Erschießung melden!« schrie die Kasalinsskaja. Die Soldaten in dem Zimmer erbleichten und traten zurück, nur

Sellnow lächelte.

»Das wäre doch zu schade«, meinte er. »Was man am Tage sagt, hat man schon oft in der Nacht bereut.«

Die Ärztin kniff die Augen zusammen. Gift und Gier sprang Sellnow aus diesem Blick an. Dann drehte sie sich brüsk um und riß die Tür auf. Mit langen Schritten eilte sie davon. Sellnow rief ihr nach: »Bitte das nächste Mal die Tür schließen!«

Er hörte, wie die Kasalinsskaja am Ende des Ganges vor Wut mit der Faust an die Mauer trommelte.

Nach dem Mittagessen in der Stolowaja, dem großen Eßsaal der Fabrik, ging er zurück, in sein Zimmer. Dort lehnte die Kasalinss-kaja an der Wand und wartete. Ihre schwarzen Augen waren verschleiert. Stumm standen sie sich gegenüber. Dann warf sie die Arme um seinen Hals, zerwühlte seine Haare und krallte sich in seinem Nacken fest. Wie eine Trunkene suchte sie immer wieder seine Lippen und stöhnte unter seinen Liebkosungen. »Du.«, flüsterte sie. »Du Wolf!Du Tiger.«

Schwer atmend saß sie dann auf seinem Bett und ordnete Haare und Kleidung. Er sah ihr zu, wie sie das Bein weit ausstreckte und den Strumpf befestigte. Ihre langen Schenkel leuchteten matt in dem grellen Licht. In ihren Augen lag unverhülltes Glück, eine wundervolle Seligkeit und Erlösung.

»Wann mußt du wieder fort?« fragte er leise.

»Wenn du willst ... nie!«

»Du kannst bei mir bleiben?« stieß er glücklich hervor.

»Vierzehn Tage, Werner.«

»Vierzehn Ewigkeiten.«

Sie sprang auf und warf die Arme um ihn. Ihr Gesicht strich wie eine schmeichelnde Katze über seine Wange.

»Mein süßer, kleiner Plenni.«, flüsterte sie. Er drückte seine Finger in ihr Fleisch, daß sie aufschrie.

»Ich will das nicht hören«, sagte er heiser. »Ich will in deiner Nähe kein Plenni sein. Ich will frei sein in deinen Armen - frei wie ein Adler in der Luft.«

»Ich werde ihn herunterschießen und sein Herz essen!« flüsterte sie heiß. »Sein Herz aus der warmen, blutenden Brust!« Sie nahm seinen Kopf zwischen die Hände und küßte sein Gesicht, ihre Zähne nagten an seiner Haut. »Ich möchte ein Vampir sein«, stammelte sie, »ich möchte dir das Blut aussaugen.«

»Du bist eine asiatische Katze«, sagte er und entzog sich ihren Händen.

Umschlungen standen sie an dem kleinen Fenster, das hinausführte auf den Fabrikhof. Am Ende des Platzes war wieder der hohe Stacheldraht. Auf der breiten Mauer patrouillierte ein russischer Posten in einem langen, dicken Mantel. Die riesigen Schornsteine qualmten.

»Immer Stacheldraht«, sagte Sellnow. Seine Stimme war dunkel vor Kummer. »Er wird immer zwischen uns sein.«

»Einmal wird es vorbei sein. Man hat schon Tausende entlassen, Werner.«

Sellnow schloß die Augen, um ihrem Blick auszuweichen. »Und dann?« fragte er.

»Dann werden wir immer Zusammensein . ein ganzes Leben lang!«

»In Rußland?«

»Oder in Deutschland. Ich werde überall mitgehen, wohin du gehst.«

Er drückte ihren Kopf an sich und streichelte ihren Rücken. Über sie hinweg blickte er auf den Draht und den Posten, auf die deutschen Gefangenen, die unten im Hof den Schnee schaufelten, und auf den jungen Leutnant, der gerade aus der Wachstube trat und seine Tellermütze auf den kahlen Schädel drückte.

In Deutschland warteten Luise und zwei Kinder auf ihn. Eine schlanke, blonde, kühle, vornehme Frau, die Tochter eines Justizrates, gewöhnt, ein großes Haus zu führen, zu repräsentieren und zu glänzen durch ihre gläserne Schönheit. Sie hatte ihn, den jungen Assistenzarzt, aus Liebe geheiratet, sie hatte die ersten, schweren Jahre tapfer durchgestanden und den Aufbau der Praxis unterstützt, sie hatte sogar den weißen Kittel angezogen und ihm assistiert, um die Arzthilfe zu sparen. Dann war sie wieder die Tochter des reichen Vaters - sie gab Gesellschaften und trug den Namen ihres Mannes wie eine Standarte vor sich her. Als er sie das letzte Mal besuchte, bevor er nach Stalingrad geflogen wurde, um Dr. Böhler zu unterstützen, hatte sie beim Abschied nicht geweint, sondern ihn stumm umarmt. Erst draußen, bevor er in den Wagen stieg, sagte sie: »Was auch kommt, Werner ... ich warte auf dich!«

Ich warte auf dich.

Sellnow sah auf den wilden, schwarzen Lockenkopf in seinen Armen. Ihre Hände lagen auf seiner Schulter, weiß, schlank, lang. Er fühlte den zärtlichen Druck ihres Körpers durch den Stoff.

Ich werde überall mitgehen, wohin du gehst.

Ich warte auf dich.

Ich werde überall mitgehen.

Die Angst vor dem Morgen schlug über ihm zusammen. Luise und Alexandra. Er ahnte die Einsamkeit, die ihn erwartete.

»Du bist nicht mehr krank?« fragte sie und streichelte sein Gesicht. »Aber blaß bist du, so blaß.«

Er küßte ihre Hände. »Ich liebe dich«, sagte er.

»Soll ich Dr. Kresin sagen, daß er dich wieder ins Hauptlager holt? Du brauchst Ruhe, mein kleiner Schwan.«

Er schüttelte den Kopf. »Mir geht es hier gut. Die Arbeit ist zu ertragen. Auch die Verpflegung geht an. Die Arbeitsbrigaden bekommen eine Sonder-Kascha. In der Kantine kann man manches kaufen.« Er legte seine Stirn gegen die ihre. »Ich habe mich so nach dir gesehnt.«

»Und jetzt bin ich da.«

»Ja. Jetzt bist du endlich da.«

»Vierzehn lange Tage und kurze Nächte.« Ihr Atem war heiß. Er trank ihn. Er dachte nicht mehr daran, was er Dr. Kresin gesagt hatte, daß er froh sei, der Kasalinsskaja entronnen zu sein. Sie lag in seinen Armen, er roch ihr Rosenparfüm. Während er sie küßte, verschloß er mit der linken Hand die Tür.

Vier Tage später erhielt Sellnow Post.

Auch für ihn war es die erste Nachricht nach vier Jahren. Enge, steile Buchstaben bedeckten die vorgezeichneten Zeilen. Unter ihnen erblickte er die kindlichen Kritzeleien seiner beiden Töchter.

»Lieber Pappi«, las er.

Er ließ die Karte sinken und senkte den Kopf. Barhäuptig stand er im Schnee. Die Kasalinsskaja war in die Stadt gefahren, sie wollte Fleisch für einen Festbraten besorgen.

Lieber Pappi.

Er zitterte, er konnte nicht weiterlesen. Es war ihm, als habe er das Recht verloren, diese Karte zu empfangen. Den ganzen Vormittag trug er sie mit sich herum und las sie nicht. Die erste Post nach vier Jahren Schweigen. Er dachte an die ersten beiden Jahre, wo er fast verzweifelte, daß die Heimat schwieg, wo sie an der Kommandantur standen und jeden Tag fragten: »Keine Briefe? Keine Karten? Nichts?« Und der Kommandant - damals war es ein russischer Hauptmann mit vollendeten Manieren - schüttelte traurig den Kopf und meinte, daß die Heimat sie vielleicht vergessen hätte, sie, die in Rußland langsam zugrunde gingen.Vergessen? Luise ihn vergessen? Ich warte auf dich - das waren ihre letzten Worte. Er konnte es nicht glauben, er hoffte auf ein Zeichen ... zwei, drei, vier Jahre lang ... und jetzt war es da ... eine Karte, und auf ihr stand: Mein liebster Werner. Lieber Pappi. Und Alexandra war in Stalingrad, um Fleisch zu kaufen.

In einer Ecke des Hofes, nahe dem Stacheldraht und dem gähnenden Posten las Sellnow die Karte. Und allen geht es gut, und mit aller Liebe hoffen wir, daß es Dir nicht schlechter geht. Marei ist jetzt ein großes Mädchen und hilft mir schon in der Küche. Lis-beth ist in die Schule gekommen und schreibt so schön i und o. Unsere ganze Hoffnung und alle unsere Wünsche gelten nur Deiner Rückkehr. Ich denke immer an Dich, Werner, und weiß erst jetzt, wie sehr ich Dich liebe. Deine Luise. Lieber Pappi! Wir sind alle munter und froh. Jetzt ist Sommer, und ich gehe gleich in den Untersee schwimmen. Ich kann gut schwimmen. Pappi, komm bald

wieder. Es küßt Dich Marei und Lisbeth.

Sellnow lehnte sich gegen die rauhe Mauer. Tränen liefen ihm über die Backen. Luise - Marei - Lisbeth - Als er an Alexandra denken mußte, hatte er einen Augenblick die Versuchung, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen und ein Ende zu machen. Er brauchte sich nur in den Draht fallen zu lassen und zu versuchen, ihn zu erklettern. Dann würde der Posten schießen, und alles, alles war vorüber.

Zögernd stand er vor dem Zaun. Er starrte empor zu dem Mann im langen braunen Mantel mit der Maschinenpistole vor der Brust. Die Stiefel klapperten auf der Mauer.

Doch dann siegte die Vernunft. Er steckte die Karte ein und ging langsam zu seinem Steinbau am Ende des Platzes. Vor dem Eingang blieb er stehen. Er hatte Angst, den Raum zu betreten. Was sollte er Alexandra sagen? Sollte er ihr die Karte zeigen? Sie würde sie zerreißen und ihm das Gesicht zerkratzen, sie würde wahnsinnig werden und ihre Rache nicht an ihm, sondern an den Tausenden Plen-nis auslassen, die ihr wehrlos ausgeliefert waren. Ein reißendes Tier würde sie werden, unbeherrscht, unmenschlich wie in der Liebe zu ihm.

Um sich Mut zu machen, redete er sich zu, ein Opfer für seine Kameraden zu bringen. Solange er sie liebte, würde sie mild zu allen sein - im Gegensatz zur ersten Zeit, wo sie am Tage eine Furie des Grauens war, um in der Nacht eine Furie der Liebe zu werden. Seit ihrer örtlichen Trennung war sie weicher geworden, fraulicher, milder, duldsamer und verinnerlichter. Das zog ihn wieder zu ihr hin, das machte ihn willenlos. Und was mit einem Rausch begann, mit einem Ausbrechen urhafter Instinkte, das wandelte sich in Liebe, die sich mit jedem Kuß, jeder Umarmung erneuerte und wuchs.

In seinem Zimmer saß Sellnow am Fenster und stierte auf die verschneite Fabrik, bis die Kasalinsskaja eintrat. Ihr Gesicht war von der Kälte gerötet, ihre langen schwarzen Haare flossen unter der flachen Mütze hervor auf den Mantelkragen. In einem Netz trug sie viele Pakete. Sie eilte zu Sellnow an das Fenster und küßte ihn -ihre kalten, vollen Lippen ließen ihn zusammenschauern.

»Mein halbes Monatsgehalt ist weg«, sagte sie, indem sie sich aus dem Mantel schälte. Sellnow blickte zu Boden. Ihr biegsamer Körper war immer, in jeder Bewegung, in jeder Lage eine Lockung. »Ich habe Fleisch gekauft, Wurst, gute ukrainische Butter, Sonnenblumenöl, Kuchen und chinesischen Tee. Du sollst wieder ganz gesund werden, mein starker Wolf..«

Ihre Stimme strömte Zärtlichkeit aus. Sie war wie das Rauschen der Wolga. Man konnte die Augen schließen und nur dem Klange lauschen und wäre glücklich gewesen.

Sie packte die Sachen auf den Tisch und wickelte sie aus den Papieren. Er sah, mit welcher Freude sie es tat und wie sie glühte, ihn beglücken zu können. Da erhob er sich und trat neben sie. Er zwang sich, ihren Nacken zu küssen und sie von hinten zu umfassen. Sie lehnte sich in seine Arme und küßte ihn wieder.

»Freust du dich, Liebling?«

»Sehr, Alexandra. Du bist ein Engel.«

»Mit kleinen Fehlern.«, lachte sie glücklich.

Er nickte. »Der größte ist, daß du schön bist, so wild, so ganz Natur. Ich habe das nie gekannt . unser Leben war zu konventionell, zu verzärtelt, zu festgefroren in der gesellschaftlichen Etikette. Unser Leben war alter, ausgelagerter Wein, den man in Dämmerstunden am flammenden Kamin schlürft. Du bist gärender Most, rebellisch, überschäumend, mitreißend, bist in der Sonne gereift. Es reißt mich mit, es macht mich machtlos.«

»Bereust du es, mein gieriger Wolf?«

Er sah ihre Lippen dicht vor seinen Augen. Sie waren rot, voll, feucht, leicht geöffnet. Weiß schimmerten die Zähne darunter. Die Augen hielt sie geschlossen. Es durchzitterte ihn, als er es sah. »Nein«, log er tapfer. »Nein. Alexandra.« Er riß sie an sich und vergrub seinen Kopf an ihrer Brust. »Alexandra . ich wünschte mir, nie geboren zu sein.«

In seiner Tasche knitterte die Karte aus Deutschland. Es war wie eine Mahnung.

Lieber Pappi.

Komm bald wieder.

Unsere ganze Hoffnung und alle unsere Wünsche gelten nur Deiner Rückkehr. Ich denke immer an Dich, Werner, und weiß erst jetzt, wie sehr ich Dich liebe. Deine Luise.

Er stöhnte an Alexandras Brust auf und grub seine Finger in ihren Rücken. Sie keuchte und bog sich.

»Nicht jetzt.«, flüsterte sie. »Laß uns erst essen. Ich habe so viel Schönes für dich mitgebracht.«

Er nickte und setzte sich willenlos, fast stumpf, in einen der Sessel, die am Fenster standen. Alexandra hatte sie aus einer Stadtwohnung besorgt und hierherbringen lassen. Die üblichen Holzschemel der Gefangenen warf sie aus dem Fenster in den Hof, wo sie sofort von den Plennis >organisiert< wurden.

Während sie auf einem Petroleumkocher den Braten aufstellte und in einer Waschschüssel das Gemüse putzte, hockte er am Fenster und starrte auf den Posten, der frierend auf der Mauer hin und her pendelte. Es gab kein Entrinnen mehr. Keine Kompromisse, kein Ausweichen, kein einfaches Vergessen des Morgen und Gestern.

Der Duft des Bratens lag schwer und lockend im Raum. Er fühlte, wie der Speichel in seinem Munde zusammenlief. Fressen und Weiber, das ist die Hauptsache. Alles andere ist Tinneff! Aber dann schüttelte er die Schützengraben-Philosophie ab und wandte sich Alexandra zu.

Wie schwer war eine Entscheidung! Und wie grausam für alle! Er dachte an das Sakrament der Ehe, an die Unauflösbarkeit, an die religiöse Pflicht des Verzichtes und die Sünde des Ehebruchs. Aber galten solche Gesetze in der Gesetzlosigkeit der Gefangenschaft? Rechtfertigte ein Leben unter außergewöhnlichen Umständen nicht auch ein Ausbrechen aus der Ordnung moralischer Bindungen?

Sellnow schaute wieder aus dem Fenster auf die verschneite Fabrik >Roter Oktober<. Er wußte, daß all seine Überlegungen hohle Phrasen waren, mit denen er sein Gewissen einschläfern wollte. Eine einzige Postkarte aus Deutschland hatte genügt, ihn nachdenklich und wankend zu machen, ihn innerlich von der Kasalinsskaja zu lösen und zurückzuführen in die bürgerliche Welt seiner Ehe mit Luise. Wie würde es sein, wenn er erst ihr gegenüberstand und das Gestern sich hinter das Heute schob? Wie würde es sein, wenn er wieder im Maßanzug als Hausherr vor einer Gesellschaft stand, die flachen Cocktailschalen herumreichte und Konversation machte? Er konnte sich kaum noch erinnern, wie er in einem Maßanzug ausgesehen hatte. Vier Jahre Krieg, vier Jahre Gefangenschaft - das sind acht Jahre ohne gestärktes Hemd, ohne Bügelfalte, ohne Krawatte, ohne Weste und weiche Schuhe, in denen man wie auf Watte ging. Wir müssen die linke Schulter ein wenig heben, Herr Doktor. Sie haben eine kleine Ungleichheit in den Schultern. Nicht viel. Und sitzt der Rücken so richtig? Etwas salopp, das trägt man heute! Wie bitte, der Kragen schlägt eine winzige Falte? Wird sofort geändert. Und die Ärmel? Glatt. Ist die Rocklänge richtig? Und die Revers lang heruntergezogen. Sie werden zufrieden sein, Herr Doktor.

Er sah an sich nieder und roch den Schweiß in dem Anzug, auf den man mit weißer Farbe groß WP gemalt hatte.

Wojennoplenni.

Kriegsgefangener.

Wie schnell würde man dieses WP in der Heimat vergessen.

Stalingrad ... die Fabrik >Roter Oktobers das Lager 5110/47, die Lazarettbaracke.

Und Alexandra Kasalinsskaja.

Hinter seinem Rücken bruzzelte der Braten. Alexandra trat einmal schnell hinter ihn und küßte ihn, ehe sie wieder zum Petroleumkocher eilte. Sie war glücklich.

Er griff in die Hosentasche und zerriß die Karte aus der Heimat. Es wird alles anders werden, tröstete er sich dabei. Mit der Entlassung wird alles hinter einem liegen, und das Leben wird neu beginnen - dort, wo es vor acht Jahren durch den Krieg unterbrochen wurde. Es ist so weise von Gott eingerichtet, daß sich über den Menschen im Laufe der Jahre das Vergessen senkt.

Er war zu feige, eine Entscheidung herbeizuführen.

Er war vor allem zu feige, sich den Braten entgehen zu lassen, den Alexandra in einer Blechschüssel auftrug.

Im Lager 5110/47 wurde fieberhaft am Ausbau des neuen Lazaretts gearbeitet. Dr. Böhler und Dr. Schultheiß arbeiteten Tag und Nacht, der Sanitäter Emil Pelz bekam vor Überarbeitung einen Herzanfall und war der erste Patient des neuen Barackenflügels, den man angegliedert hatte. Selbst Dr. Kresin half mit und fluchte über sich selbst, daß es ihm nicht möglich war, den äußeren Abstand zwischen Russen und Deutschen aufrechtzuerhalten. Auch Major Worotilow erschien öfter als sonst im Lazarett und sah den Arbeiten zu.

Als die ersten Neuerungen eingebaut waren, zog auch ein neuer Patient ein: Leutnant Piotr Markow. Er ging widerwillig ins Lazarett und beugte sich dem Spruch der verhaßten deutschen Ärzte, aber nun blieb ihm keine andere Wahl, wenn er sein Leben nicht leichtfertig aufs Spiel setzen wollte.

Piotr Markow hatte eine sehr ernste Blutvergiftung. Bis zuletzt hatte er sie geheimgehalten, sich nur in seinem Zimmer vor Schmerzen gekrümmt und im Spiegel verfolgt, wie sich die Entzündung immer weiter ausbreitete. Als ihm Kommissar Kuwakino das Tintenfaß an den Kopf warf, hatte sich Markow taumelnd festzuhalten versucht, war aber dabei so unglücklich gefallen, daß sich sein Tintenstift in die Brust bohrte. Zuerst sah die kleine Wunde harmlos aus und blutete nicht, nach zwei Tagen aber zeigte sich eine Entzündung, die von Tag zu Tag schlimmer wurde, eine Schwellung, ein roter, sich verbreitender Kreis auf der Brust, der sich immer höher zog und bis an den Hals kroch. Dabei stellten sich Schmerzen, Schüttelfrost, Schwindelgefühl und allgemeine Schlappheit ein.

Der Kopf Markows glühte. Er schwieg aus Trotz und Scham. Er ertrug die Pein zwei Wochen lang, bis sie so qualvoll wurde, daß er des Nachts laut stöhnte. Dieses Stöhnen hörte Dr. Kresin, der das Zimmer neben ihm bewohnte, und kam herüber. Er sah die rot geschwollene Brust des Leutnants und alarmierte Worotilow und Kuwakino.

Dr. Kresin tobte und schrie.

»Nichts mehr zu machen!« sagte er entsetzt. »Der Kerl stirbt! Bis jetzt hat er nichts gesagt! Man soll Idioten sterben lassen.«

Piotr Markow sah Dr. Kresin mit einem beschwörenden Blick an. Worotilow knöpfte seine Uniformjacke zu. »Ich hole sofort Dr. Böhler.«

»Nein«, röchelte Markow. Er hob matt die Hand. »Nicht den deutschen Arzt.«

»Dann laß ihn krepieren!« schrie Dr. Kresin brutal.

Markow nickte. Ja, sollte das heißen. Lieber sterben.

Kuwakino sah Worotilow an. Etwas wie Schuldbewußtsein lag in seinen Augen. »Gehen Sie zu Dr. Böhler«, sagte er. »Selbstverständlich!«

Piotr Markow sah Dr. Böhler nicht an, als er ihn kurz untersuchte. Die Brust war bis zum Hals hochrot entzündet.

»Sofort Operation!« sagte Dr. Böhler. Er richtete sich auf und wandte sich an Dr. Kresin. »Sind Sie einverstanden?«

»Schneiden Sie!« schrie Dr. Kresin. »Zerstückeln Sie den Kerl! Er hat's nicht anders verdient!«

Dr. Schultheiß jagte das neue Sanitätspersonal heraus. Er deckte den Körper bis auf das Operationsgebiet ab. Jetzt gab es sogar warme sterile Tücher aus einer elektrischen Trommel, man hatte Spreizer und Klemmen, Catgut, Seide, Narkosemittel, komplette chirurgische Bestecke. Dr. Kresin überflog die Einrichtung, während er sich an dem neuen Waschbecken die Hände schrubbte und sich von einem deutschen Sanitäter die Gummihandschuhe überziehen ließ. Dann trat er an den Operationstisch und sah in das rote Gesicht Leutnant Markows.

»Am besten wir schneiden ihm den Kopf ab«, sagte er laut. »Dann haben wir den Herd der Vergiftung an der Wurzel gepackt.«

Niemand antwortete ihm. Dr. Böhler überflog mit schnellem Blick den kleinen Instrumententisch. Er war vollkommen. Ein schwaches

Lächeln überzog sein Gesicht hinter dem Mundschutz.

Das Lazarett Stalingrad, dachte er. Das Musterlazarett. Es war sein Werk.

»Sind Sie soweit, Dr. Kresin?« fragte er laut.

Der russische Arzt nickte.

Leutnant Markow atmete schnell und heftig. Seine Hände, an den Seiten des Tisches festgeschnallt, wurden weiß. Im Hintergrund hockte Worotilow auf einem Schemel. Er blickte zu Boden. Er wußte, daß es ihm schlecht werden würde, wenn er auf den Operationstisch schaute. Aber er hielt im Zimmer aus.

Dr. Schultheiß nickte. Das Narkosegerät arbeitete.

Bevor Dr. Böhler den ersten Schnitt ausführte, blickte er noch einmal zu Worotilow hin. »Ob ich ihn retten kann, weiß ich nicht. Vor allen Dingen brauche ich Blut! Wir werden viel Blut brauchen.«

Worotilow sprang auf. »Ich werde sofort Spender besorgen!« Wie gejagt rannte er aus dem Zimmer.

Und während Dr. Böhler operierte, warf Worotilow alle Wachmannschaften aus den Betten und sah ihre Papiere durch. Blutgruppe AB.

Mit sieben widerstrebenden Blutspendern, die nicht wußten, was mit ihnen geschehen sollte, erschien er wieder. Er trieb sie in den Operationsraum, gerade in dem Augenblick, in dem Dr. Böhler den Herd der Vergiftung herausschnitt. Die Abdecktücher hatten sich mit Blut vollgesogen, es war bis auf die Gummischürze gespritzt. Die sieben russischen Soldaten starrten auf die Ärzte und wurden weiß. Ein Mongole begann zu schluchzen. Worotilow schlug ihm ins Gesicht, und er schwieg.

»Die Blutspender«, sagte der Major. »Sieben Stück, reicht das?«

Dr. Böhler nickte. »Sofort Transfusion«, sagte er.

Dr. Kresin trat mit blutiger Schürze und tropfenden Handschuhen zu den sieben Soldaten. Er nickte einem dicken, kräftigen Burschen zu. »Du da!« sagte er.

Der Russe zuckte zusammen. Er bekreuzigte sich, aber nach einem Blick auf den Genossen Major ging er tapfer mit zu einem an-deren Tisch, an dem Dr. Schultheiß schon die Bluttransfusion vorbereitete.

Der Russe wurde entkleidet und gewaschen. Zwei deutsche Sanitäter bemühten sich um ihn. Willenlos ließ er alles mit sich geschehen. Ein Blick auf den narkotisierten und aufgeschnittenen Markow hatte ihn schwach gemacht.

Dr. Kresin stieß ihn mit dem Knie auf den Tisch und tastete die Armvene ab. »Wenn es klappt, hast du drei Tage dienstfrei«, sagte er schroff. »Dann kannst du dir in Stalingrad das fehlende Blut wieder ansaufen.«

»Du willst Blut nehmen, Genosse Arzt?« sagte der Russe entsetzt. »Mein Blut.«

»Halt 's Maul! Arm her!« schrie Dr. Kresin. Dr. Schultheiß stieß die Hohlnadel in die Vene, der Russe begann zu jammern, aber er hielt still, weil Worotilow hinter ihm stand, die Hand auf der Pistole. Langsam quoll das Blut durch die Kontrollglasröhre in den Schlauch, der den Arm mit der Vene Markows verband. Während der Blutübertragung schloß Dr. Böhler die Operationswunde. Als er den letzten Stich mit Seide machte, war auch die Übertragung des Blutes beendet. Grinsend lag der Soldat auf seinem Bett und sah zu, wie man ein großes Pflaster über die Einstichstelle an seinem Arm klebte. Dr. Kresin nickte ihm zu, als er sich erhob und zu dem Major hinsah.

»Jetzt hau ab, mein Junge«, sagte dieser gutgelaunt. »Und in drei Tagen bist du wieder da!«

Zufrieden ging der Soldat aus dem Zimmer, vorbei an den wartenden anderen sechs, die ihn jetzt beneideten. Der heulende Mongole strich sich seinen dünnen Schnurrbart und rang die Hände. Drei Tage ohne Dienst. Mutter Gottes von Kasan . das wäre ein paar Liter Blut wert.

Dr. Kresin und Worotilow erboten sich, abwechselnd bei Markow zu wachen. Er wurde in das Zimmer gerollt, wo im Sommer der junge Oberfähnrich gelegen hatte. Der lief heute im Lager herum und hatte eine Art Ordnungsdienst unter sich. Seinen Darmausgang hatte er zwar noch immer, doch Dr. Böhler machte ihm Hoffnungen, den Darm nach einem Jahr - bei den neuen Möglichkeiten, die er jetzt besaß - wieder anzuschließen. Dann würde nur noch eine Narbe davon erzählen, wie nahe er dem Tode gewesen war - und was die Kunst eines Arztes sogar in Stalingrad vermochte.

Gegen fünf Uhr morgens, als Kresin gerade abgelöst hatte, sah Dr. Böhler ins Zimmer. »Alles klar?«

»Ja. Was wollen Sie denn schon? Legen Sie sich hin und schlafen Sie.«

»Ich stehe immer um diese Zeit auf. Im Labor warten meine Reihenblutuntersuchungen.«

»Quatsch! Sie überarbeiten sich, Dr. Böhler.« Kresin erhob sich leise und kam an die Tür. »Sie sollten diese Arbeit einem Assistenten überlassen.«

»Dr. Schultheiß hat mit seiner Lungenstation vollauf zu tun. Ich kann ihn nicht noch mit diesen Laborarbeiten belasten.«

»Dann hole ich Ihnen Sellnow wieder. Sie gehen mir ein, wenn Sie so weiterarbeiten!«

Dr. Böhler lächelte, dann verschwand er wieder in dem dunklen Gang. Er ließ einen sehr nachdenklichen Kresin zurück, der sich sinnend an Markows Bett stellte und scharf zu überlegen begann. Das Ergebnis schien zufriedenstellend zu sein, denn gegen seine sonstige Art fluchte er nicht hinterher, sondern lächelte still vor sich hin. Und wenn Dr. Kresin lächelte, mußte es etwas außergewöhnlich Gutes sein.

Am Morgen fuhr der russische Arzt nach Stalingrad. Nicht zu Dr. von Sellnow und seiner Alexandra, sondern zum General der russischen Division.

General Polowitzkij saß in seiner Kommandantur und trank ein Glas Wodka, als Dr. Kresin eintrat und grüßte. Als er sich umdrehte und den Arzt sah, stellte er schnell die Flasche hinter den Sessel, aber nicht so schnell, daß es Dr. Kresin nicht doch bemerkt hätte.

Der Arzt lächelte breit. »Wieder mal ein Sünder, Genosse General?« fragte er. »Ich habe Ihnen doch Alkohol verboten!«

»Das ist kein Alkohol, das ist Medizin«, knurrte General Polowitzkij. Er leerte das Glas mit einem Zug und stellte es demonstrativ auf den Tisch vor Dr. Kresin hin, der sich dem General gegenüber in einen anderen Sessel setzte. »Was wollen Sie überhaupt hier? Kommen Sie schon wieder wegen Ihres Lazaretts in 5110/47?«

»Ja, Genosse General.«

»Wollen Sie eigentlich aus dem Gefangenenlager einen Kurort machen?«

»So ähnlich. Leutnant Piotr Markow ist schon zur Kur dort. Dr. Böhler hat ihn operiert. Eine verrückte, waghalsige Operation mit Bluttransfusion. Markow hatte eine derartige Blutvergiftung, daß wir ihn alle - auch ich als Arzt - schon aufgegeben haben.«

»Und der Deutsche hat ihn gerettet?«

»Ja.«

General Polowitzkij griff nach hinten und zog die Flasche Wodka hervor. Eine Ordonnanz brachte noch ein Glas. Der General schüttete beide Gläser randvoll. »Ihr Lieblingskind, dieser Dr. Böhler, muß etwas können!«

»Wir haben ihm überhaupt zu verdanken, daß 5110/47 in den Jahren 1944 bis 1947 nicht wegen Menschenmangels aufgelöst werden mußte. Mit den primitivsten Mitteln hat er das Leben von Tausenden gerettet!«

»Das berühmte Taschenmesser«, lachte Polowitzkij.

»Sie scheinen das für einen Witz zu halten!« Kresin war ehrlich beleidigt. »Ich habe es selbst erlebt!«

»Jägerlatein, mein lieber Genosse Knochensäger!«

»Das Taschenmesser ist noch da! Ich habe es aufgehoben für alle Zeiten! Dr. Böhler hat eine Darmoperation mit einem Taschenmesser gemacht und die Wunde mit gerupfter und ausgekochter Seide aus einem gestohlenen Frauenschal genäht!«

»Und was wollen Sie jetzt für Ihren Wunderknaben?« Polowitzkij trank seinen Wodka und schnalzte mit der Zunge. »Wenn Rußland nichts hätte«, sagte er verzückt, »durch seinen Schnaps wäre

es für alle Zeiten berühmt!«

»Und Ihr vorzeitiger Tod ist er auch!« Kresin nahm dem General die Flasche aus der Hand, als er noch einmal eingießen wollte. »Sie haben eine gepfefferte Angina pectoris! Das habe ich Ihnen nicht verheimlicht. Einmal macht das Herz plupp - und aus ist es mit General Polowitzkij! Dann nützt Ihnen kein Lenin-Orden mehr und kein Titel >Held der Nation

Polowitzkij lachte und legte seine breiten, affenartig behaarten Hände auf den Tisch. »Was wollen Sie hier, Genosse Kresin?«

»Ich brauche Lazarett-Hilfspersonal! Dr. Böhler ist bei großen Reihenuntersuchungen. Er schafft es nicht mehr allein! Seine Untersuchungen sind von großem Wert für Moskau, vor allem in bakteriologischer Hinsicht. Wir könnten die Ergebnisse unserer Forschungen auch auf alle anderen Lagergruppen nützlich anwenden und durch geeignete Vorbeugungs- und Heilungsmaßnahmen den Leistungsstand der Arbeiter steigern! Das liegt im Interesse Moskaus.« Dr. Kresin beugte sich über den Tisch vor. »Ich brauche vor allem Laborpersonal.«

General Polowitzkij sah auf den Grund seines geleerten Glases und hatte große Sehnsucht nach einem neuen Wodka. »Ich könnte Ihnen aus der Divisionsapotheke jemanden für das Labor geben.«

»Wunderbar! Wen?«

»Terufina Tschurilowa.«

»Ein Weib?!« Dr. Kresin fuhr hoch. »Nie!«

»Nanu?« Der General schielte zu Dr. Kresin empor. »Ich denke, Sie sind darüber erhaben?«

»Aber ich habe viele tausend Männer im Lager, die seit fünf Jahren keinen Unterrock mehr gesehen haben! Wenn die Tschurilowa ins Lager kommt - ich kenne sie, sie ist verteufelt hübsch, kommt aus Georgien wie Genosse Stalin - mein Gott, Genosse General, das gibt eine Treibjagd auf röhrende Hirsche im Lager.«

Polowitzkij lachte meckernd. »Kriegen zu viel zu fressen die Ker-le, was?«

Dr. Kresin sah den General schief an. »Ich glaube nicht, daß Sie einen Tag so etwas essen wie die Plennis. Aber davon wollen wir nicht reden! Ich brauche Laborpersonal. Und diese Terufina ist denkbar ungeeignet dafür. Sie bringt noch mehr Verwirrung. Habt ihr denn keine anderen Sanitäter als nur Frauen?«

»Die Tschurilowa kann etwas!« Polowitzkij angelte sich die neben Kresin stehende Wodkaflasche und goß sich, zufrieden knurrend, ein. »Außerdem kann ich sie entbehren, weil im Apothekenlabor doch nichts zu tun ist.«

»Und das ist alles, Genosse General?«

»Ja.«

Dr. Kresin erhob sich. »Dann brauche ich gar nicht weiterzusprechen! Leben Sie wohl, Genosse General. Und saufen Sie nicht zuviel!« Er stapfte zur Tür und drehte sich dort um. »Und die Tschurilowa brauchen Sie mir gar nicht zu schicken ... ich verzichte darauf!«

General Polowitzkij nickte und trank sein Glas leer.

Wütend verließ Dr. Kresin die Kommandantur. Er besuchte noch Dr. von Sellnow auf seinem Krankenlager und bummelte dann durch die Stadt.

Am nächsten Morgen rollte ein Lastwagen in das Lager 5110/47 und spie einige Koffer, Kisten, ein Bett, einen Schrank und einen großen Spiegel aus.

Ihnen folgte ein schlankes, blondes Mädchen in hohen Stiefeln und einem Pelzmantel.

Terufina Tschurilowa war gekommen.

In seinem Zimmer tobte Dr. Kresin.

Dr. Böhler sah das Mädchen lange an, als es sich bei ihm vorstellte. Sie sprach ein ziemlich gutes Deutsch und war ein wenig schüchtern und befangen.

»Man hat Sie fürs Labor geschickt?« Dr. Böhler lächelte. »Haben Sie Erfahrungen in Blutuntersuchungen?«

»Ja. Ich habe sie in der Klinik in Tiflis gemacht.«

Ihre Stimme war weich und dunkel. Sie paßte gar nicht zu ihren blonden Haaren und dem schmalen, etwas blassen Gesicht. Als sie ihren Pelz auszog, trug sie darunter ein einfaches, blaues Wollkleid. Sie war sehr schlank, knabenhaft fast, mit langen, schönen Beinen und einem weißen Hals. Aber das Auffallendste an ihr waren die hellen, klaren Augen.

»Es wird eine schwere Arbeit sein, Fräulein Tschurilowa.«

Dr. Böhler zeigte ihr das neueingerichtete Labor und wies auf eine lange Reihe gefärbter Präparate in einem Holzgestell. »Ich habe im vorigen Sommer bei fast allen Gefangenen der Waldlager Malariaplasmodien festgestellt. Es gibt genug Mittel, sie zu bekämpfen, aber wir bekommen sie nicht. Deutschland ist weit und Amerika noch weiter. In Rußland - verzeihen Sie - ist die Arzneimittelindustrie ein sehr zurückgebliebener Zweig der Medizin. Vielleicht liegt es daran, daß der Russe von Natur aus ein gesunder, unverbrauchter Mensch ist und keine Modekrankheiten kennt. Ich habe mir gedacht, vielleicht helfen wir nicht nur meinen gefangenen Kameraden, sondern auch Ihren Landsleuten, wenn wir die Proben und Ergebnisse unserer Reihenuntersuchungen dem Zentralinstitut in Moskau zur Verfügung stellen. Aber bis dahin ist noch viel Arbeit.«

»Ich habe keine Angst.« Terufina Tschurilowa sah zu dem großen Arzt auf, sein langes, schmales Gesicht lag in einem breiten Strahl der Wintersonne, die durch das Fenster flutete. »Wenn Sie mit mir zufrieden sind.«

Dr. Böhler sah sie an, in seinem Blick lag die Bewunderung, die jeder Mann weiblicher Schönheit entgegenbringt.

»Wenn Sie so arbeiten, wie Sie aussehen, Terufina, dann werde ich sehr zufrieden sein.«

Sie schaute ihm lange nach, als er durch den Gang fortging, und eine leise Röte überflog ihr Gesicht. Dr. Kresin, der gerade in die Baracke trat und das sah, knallte die Tür zu und verschwand im Zimmer Markows. Dort saß Worotilow am Bett und kühlte die Stirn des Fiebernden.

»Die Sauerei beginnt schon!« brüllte Kresin außer sich. »Die Te-rufina macht dem Böhler heiße Augen! Ich will hier ein Lazarett haben und kein Hurennest!«

Major Worotilow legte den Finger auf die Lippen. »Psst!« machte er. »Er schläft doch.«

Einen Augenblick stand Dr. Kresin hilflos da, dann knirschte er: »Ich fahre noch einmal zu General Polowitzkij. Er nimmt die Tschurilowa wieder nach Stalingrad, oder ich bringe sie um!« Wütend wie ein gereizter Stier rannte er davon.

Aber seine Wut prallte in Stalingrad im Vorzimmer des Generals ab. Terufina Tschurilowa blieb.

Die Ankunft des blonden Mädchens löste bei Janina große Verwirrung und Erregung aus. Sie hatte beobachtet, wie Doktor Schultheiß Terufina begrüßte und ihre Hand länger als üblich festhielt, wie er ihr nachblickte, als sie ins Labor ging.

Nun zog sie sich an. Sie strich sich etwas Rouge auf die blassen Wangen, zog die dünnen Lippen nach und verschwendete lange Zeit damit, ihre Haare zu bürsten und ihnen dadurch Glanz zu geben. Dann ging sie langsam über den Gang und trat in das Zimmer von Dr. Schultheiß.

Er saß am Tisch und führte seine Krankengeschichten. Als er Janina eintreten sah, warf er den Bleistift weg und sprang auf.

»Du legst dich sofort wieder hin!« rief er entsetzt. »Wer hat dir erlaubt, aufzustehen?! Marsch, ins Bett.«

Sie lächelte schwach und setzte sich. »Nein«, sagte sie.

»Was heißt nein?«

»Ich lege mich nicht wieder hin.« Janina faltete die Hände in ihrem Schoß. »Ist sie schön?« fragte sie leise.

Dr. Schultheiß zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht.«

»Du hast ihre Hand sehr lange festgehalten.«

»So?« Er lächelte, als er sich wieder seinen Papieren zuwandte. Sie schien es zu ahnen, wenn sie es auch nicht sah, und stampfte mit dem Fuß.

»Sie ist häßlich!« sagte sie laut.

Dr. Schultheiß nickte. »Sie ist wirklich häßlich.«

Janina sah ihn mit zur Seite geneigtem Kopf an. Meinte er es ehrlich, oder machte er sich über sie lustig? Sie zögerte, etwas zu sagen oder zu tun, sie verkrampfte die gefalteten Hände und starrte an die Decke. »Was will sie hier?«

»Sie wird im Labor arbeiten.«

»Sie bleibt also länger?«

»Ja.«

»Und Alexandra Kasalinsskaja?«

»Wird nach Ablauf ihres Urlaubs auch zurückkommen.«

»Sie wird der Tschurilowa die Augen auskratzen!« sagte sie wild.

»Aber warum denn? Sie ist doch ein braves, stilles, nettes Mädchen.«

Janina fuhr auf. Ihre Augen glänzten fiebrig. »Eben hast du gesagt, sie ist häßlich!«

»Brav, still und nett hat mit Schönheit nichts zu tun - es sind Wesensmerkmale, Charaktereigenschaften.«

»Auch ihr Charakter ist häßlich!« sagte sie hart.

»Das kann ich nicht beurteilen.«

»Wenn ich sage, sie ist häßlich, dann ist sie es!« Sie stampfte wieder mit dem Fuß auf und biß die schmalen Lippen zusammen. Ihre Wangen begannen zu glühen. »Ich hasse sie.«

»Kennst du sie denn so gut?!«

»Ich habe gesehen, wie sie dir nachschaute! Ich werde sie töten, wenn sie dich nicht in Ruhe läßt!« schrie sie.

»Aber Janina.« Dr. Schultheiß trat zu ihr und legte den Arm um ihre Schulter. Plötzlich weinte sie und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Sie ergriff seine Hände und hielt sie fest. »Sag mir, daß du mich liebst! Daß du die Tschurilowa gar nicht siehst. Daß sie Luft ist, eine schmutzige Welle des Don. Sag es, Jens.«

Er nickte schwach. »Du mußt dich wieder hinlegen, Janina. Es ist zuviel für dich.«

»Sag es!« forderte sie mit kindlichem Trotz.

»Sie ist alles, was du sagst«, antwortete er gehorsam. »Aber nun leg dich wieder hin. Komm, ich begleite dich.«

Er faßte sie unter den Arm und zog sie vom Stuhl empor. Sie lehnte sich einen Augenblick an ihn, dann schnellte sie plötzlich empor und küßte ihn mit erschreckender Wildheit. Seufzend sank sie zurück und war wieder das kleine, schwache, hilfsbedürftige Mädchen, das sich abführen ließ. Plötzlich erfaßte sie ein Husten - sie wollte ihn verbergen, aber Doktor Schultheiß schüttelte nur den Kopf: »Solche Unvernunft! Du könntest sterben, Janina.«

In ihrem Zimmer knöpfte sie das Kleid auf und zog es über den Kopf. Geduldig und bewegungslos ließ sie sich das lange Nachthemd überstreifen, legte sich gehorsam hin und kuschelte sich in das weiche Kopfkissen. Glücklich sah sie Doktor Schultheiß an. »Bleibst du noch?«

»Ja. Bis du schläfst. Du mußt jetzt schlafen, Janina. Nur Ruhe kann dich wieder gesund machen. Völlige Ruhe.«

»Ich bin nur ruhig, wenn du da bist.«

Er hielt ihre Hand, ihr Atem wurde ruhiger. Bald merkte er, daß sie schlief. Vorsichtig tastete er nach ihrem Puls. Dann schlich er auf den Zehen aus dem Zimmer und schloß aufatmend die Tür hinter sich.

Er sah kurz zu Leutnant Markow hinein, wo Kommissar Kuwakino saß und las.

Auch Markow schlief. Er schlief schon seit der Operation mit kurzen Unterbrechungen. Dr. Kresin sagte, er sei immer schon faul gewesen und nutze seine Krankheit jetzt um so mehr aus.

»Haben Sie den Major gesehen?« fragte Dr. Schultheiß.

»Genosse Worotilow? Njet.« Kuwakino sah kurz von seinem Buch auf. »Vielleicht in Baracke.«

»Danke, Kommissar.«

Kuwakino kniff die Augen zusammen. »Eine Frage, Doktor.«

»Bitte, Kommissar.«

»Wollen Sie nicht werden Chefarzt in russische Klinik?«

Dr. Schultheiß lächelte abweisend. »Bedaure sehr, Kommissar. Ich habe nur einen Wunsch: Freiheit!«

Kuwakino zog unwillig die Stirn in Falten und blickte wieder ins

Buch. Als Dr. Schultheiß die Tür leise hinter sich schloß, murmelte er vor sich hin: »Deutsche Bande! Man sollte keinen, keinen mehr nach Deutschland zurückschicken.«

Draußen stemmte sich der junge Arzt gegen den Wind, der von den Wäldern kam und den Schnee vor sich herpeitschte. Auf den Wachttürmen verkrochen sich die Posten, schemenhaft lagen die Baracken in den hohen Schnee gebettet. Die Rauchfahnen aus den Kaminen flatterten zerrissen um ihre Dächer.

Im Zimmer Worotilows brannte Licht, als Dr. Schultheiß die Kommandantur erreichte. Einen Augenblick zögerte er vor der Tür, dann stieß er sie auf.

Worotilow mußte ihm helfen. Gegen Janina Salja. Ihr Leben hing davon ab.

Dr. Schultheiß wußte, daß er sich noch nie in eine solche persönliche Gefahr begeben hatte wie in diesem Augenblick.

In der Baracke war es seit dem Selbstmord Julius Kerners stiller geworden. Der Motor der frohen Laune, die Heiterkeit Kerners, fehlte. Peter Fischer hatte sein Vermächtnis angenommen und die Trompete behalten. Er lernte fleißig bei einem Musiker auf Block 9 und erschütterte die Baracke mit den Wimmerlauten seiner Übungen.

Hans Sauerbrunn profitierte noch immer von seiner eingeschlagenen Nase. Er hatte ein Arbeitskommando in der Küche bekommen und begann seine Arbeit damit, dem Küchenmädchen Bascha Tarrasowa schöne Augen zu machen. Der russische Küchenchef Michail Pjatjal ertappte ihn sogar einmal, wie er ihr ungeniert unter den Rock griff, und gab ihm dafür eine Ohrfeige. Sauerbrunn nahm sie hin mit dem Optimismus des Wissenden, daß eine Ohrfeige nicht soviel wert sei wie die Portionen Fett, die er von Bascha für diese Beweise seiner Zärtlichkeit erhalten würde. So sorgte er dafür, daß die immer kärglicher werdenden Rationen in seiner Baracke aufgefüllt wurden. Sechshundert Gramm feuchtes Brot, eine Schale Kohlsuppe und zweihundert Gramm Hirse waren verflucht wenig bei der Schwer-arbeit an den Baustellen im Wald und im Lager.

Für das kommende Weihnachtsfest, das man in der großen Freizeitbaracke feiern wollte, probten das Lagerorchester und der Lagerchor mit einigen Solisten, darunter der Kammersänger vom Nebenblock, eine Operette, die ein Plenni komponiert hatte und deren Text von einem neuen, aus Rostow verlegten Gefangenen stammte. Es war ein ziemlich sentimentales Machwerk mit Mondzauber und Bonbonsüße, mit schmelzenden Tönen und sogar einem Ballett, in dem auch Karl Georg mitwirkte, der dafür seit einer Woche am Bettrand Gelenkigkeitsübungen vornahm. Er riß die Beine hoch, beugte den Oberkörper vor, hüpfte auf den Zehen und warf graziös die Arme zur Seite, was bei Hans Sauerbrunn und Karl Eberhard Möller große Heiterkeit erregte und ihm den Namen >Sterbender Schwan< eintrug.

Beträchtliche Erregung durchzog das Lager, als Kommissar Ku-wakino aus Stalingrad Zeitungen mitbrachte. Zeitungen in deutscher Sprache!

Die in einem Lager bei Moskau gedruckten und redigierten Nachrichten für die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion< sowie die >Tägliche Rundschau< und die SED-Kulturzeitschrift >Der Aufbau<. Jede Baracke bekam eine Tageszeitung, jeder Block eine Monatsschrift, und dann saßen die Plennis vor ihren Betten und lasen nach Jahren wieder deutsche Worte.

Karl Georg hatte die >Tägliche Rundschau< vor und las die Außenpolitik.

»In der Heimat hungern sie auch«, sagte er leise. »Sie haben Lebensmittelkarten, wie im Krieg, nur viel weniger!«

»Von wann ist denn der Schmarren?« fragte Sauerbrunn, der im >Aufbau< eine Abhandlung über den Kommunismus Heinrich von Kleists las - und das, was er las, nicht verstand.

»Vom 17. Juni 1947.«

»Und da hungern sie noch?«

»Hier steht: Auf Abschnitt L gibt es in der kommenden Woche dreihundert Gramm Fisch pro Person! Die Eier auf E 12 können erst in vierzehn Tagen ausgegeben werden. An Stelle von Fisch kann es auch Wurstwaren im Wert von eins zu drei geben - das sind pro Kopf einhundert Gramm Wurst!«

»Fast wie bei uns.« Peter Fischer, der seine Trompete putzte und zuhörte, schüttelte den Kopf. »Da stimmt doch was nicht«, sagte er. »Meine Mutter schreibt, es geht ihr gut, und auch zu essen gibt es genug. Wenn sie dürfte, würde sie mir gern jede Woche ein Paket schicken.«

»Wo wohnt denn deine Mutter?«

»In Oldenburg.«

»Und die Zeitung kommt aus Ostberlin und ist gültig für die ganze Mark Brandenburg.«

»Da ist der Russe.«

»Und in Oldenburg?«

»Der Engländer.«

Sie sahen einander an und schwiegen. Endlich räusperte sich Georg. »Irgend etwas ist da faul! Warum bekommen die im Westen mehr zu essen als die im Osten? Man hat uns doch gesagt, daß sie im Westen in den Klauen der amerikanischen Kapitalisten verhungern und die Monopolisten daran sind, ganz Deutschland an den Rand des Abgrunds zu bringen. Darum sollen wir ja Kommunisten werden, um Deutschland vor dem Untergang zu retten, um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit einzuführen, Gerechtigkeit und Brot für alle!«

Hans Sauerbrunn legte seinen >Aufbau< auf den Tisch und spuckte auf den Boden. »Ist ja alles Scheiße! Habt ihr mal was von einem Kleist gehört?«

Peter Fischer nickte. »Der hat sich erschossen, war ein deutscher Dichter. Und weil ihn keiner drucken und spielen wollte, machte er bumm!«

»Und der war Kommunist?«

»Quatsch! Da gab's noch gar keinen Kommunismus!«

»Aber hier steht: Kleists Schaffen war nichts anderes als eine Auflehnung der getretenen Kreatur gegen das beherrschende Kapital, ein kommunistischer Aufschrei der unterdrückten Rechtsnatur gegen die Sklavenhalter der Bourgeoisie! Sein Michael Kohlhaas ist ein Fanal, wie es nicht besser in den Schriften Lenins zu finden ist! -Das steht hier.«

»Quatsch!« sagte Karl Georg.

»Aber warum drucken sie es dann, wenn es Quatsch ist?«

»Weil es Propaganda ist!«

»Aber dann belügt man uns doch.«

»Das ist der Witz der Politik, den Menschen zu belügen und zu betrügen! In der Politik ist jedes Mittel recht, das zum Ziel führt!«

Hans Sauerbrunn warf den >Aufbau< auf den Tisch und rülpste. Das feuchte Brot lag ihm schwer im Magen. »Dann trete ich wieder aus der KP aus!« sagte er hart. »Ich gehe zum Kommissar und frage ihn, was hiermit« - er klopfte auf das >Aufbau<-Heft - »los ist, und wenn er mir keine klare Antwort geben kann, soll er mich am Arsch lecken mit seiner Partei!«

»Der wird dir das Nasenbein noch mal einschlagen«, meinte Peter Fischer, legte die Trompete zur Seite und griff nach der >Tägli-chen Rundschau<. »Es geht doch darum, daß wir schneller in die Heimat kommen! Sind wir erst da, dann können wir 'ne Schnauze riskieren. Jetzt sagen wir nur ja und singen die Internationale so oft, wie sie es von uns verlangen. Und wenn wir sie auskotzen müßten - wir singen sie!« Er blätterte in der großen Zeitung herum und schlug die Unterhaltungsseite auf. »Hier, lest lieber die Geschichten, und laßt die Politik beiseite! Man fragt uns doch nicht, ob sie es richtig machen oder nicht. Wir haben für die da oben nur die Knochen hinhalten dürfen und brummen jetzt in Rußland, damit sie wieder ihre politische Idee an den Mann bringen können. Und wer am lautesten schreit, der gewinnt die Tour und wird Minister und Staatschef! Ist doch die alte Kugel, die rollt, Jungs. Warum sich drüber aufregen? Erst in der Heimat sein, dann werden wir schon mitmischen!«

»Wenn man dich hört.« Karl Georg lachte. »Der waschechte Kommunist!«

Emil Pelz, der Sanitäter, kam in die Baracke.

»Im Lazarett ist schwerer Stunk«, sagte er ungerührt. »Seit die Tschurilowa da ist, kriegt die Salja Anfälle. Wie wird das erst, wenn nächste Woche die Kasalinsskaja zurückkommt? Außerdem heißt es, daß wir aus den Lagern Krassnopol und Stalino Krankenschwestern bekommen sollen.«

»Deutsche?« schrie Peter Fischer.

»Klar! Deutsche Schwestern!«

Karl Georg schnalzte mit der Zunge. »Karbolmäuschen! Das wär'n Ding! Dann melde ich mich krank. Ischias im Oberschenkel.« Er grinste breit.

»Alte Sau!« Emil Pelz setzte sich an den Tisch. Er schob die Zeitung weg und kratzte sich den Kopf. »Und das Neueste - wir bekommen eine Lagerbibliothek und können eine Fußballmannschaft aufstellen! Habe ich alles von Dr. Kresin.«

»Dann war er besoffen!«

»Aber nein. Das ist der neue Kurs aus Moskau. Wie sagt Kresin? Kulturnaja shisnj!«

»Ein Pfund Brot wäre mir lieber! Was habe ich davon, ob Kleist ein Kommunist war oder nicht?« Sauerbrunn räkelte sich. Kleist war sein Lieblingsthema geworden. Er brachte es an, wo er nur konnte. Emil Pelz sah ihn groß an.

»Welcher Kleist?«

»Der Dichter! Der sich damals erschossen hat! Er hat 'n paar Theaterstücke geschrieben und irgend so 'n Ding über den Kohl und die Hasen.«

»Und der war Kommunist?« fragte Emil Pelz.

»Nee. Aber er soll's werden.«

Karl Georg winkte ab. »Ihr seid alle Idioten. Aber das ist gut so, sonst gäb's keine Intelligenz. Bleiben wir beim Fußball, da versteht ihr was von! Wenn das wirklich wahr ist, Kinder, dann können wir im Frühjahr Fußball spielen!«

»Mit einem Liter Kohlsuppe im Bauch!« Peter Fischer drehte sich eine Zigarette aus Kippentabak und Zeitungspapier. Er riß dazu respektlos eine Ecke der >Täglichen Rundschau< ab. »Wenn die sich mit solchen Dingen befassen, oben in Moskau - Jungs, dann sieht es faul aus mit einer schnellen Rückkehr!«

Diese Gedankenverbindung schlug ein ... es wurde still am Tisch. Man sah sich betreten an und merkte, daß Peter Fischer recht hatte. Man baut keine Fußballplätze und richtet keine Bibliotheken ein, man baut keine Lazarette aus und verlegt Krankenschwestern hin und her, wenn man die Absicht hat, die Gefangenen in absehbarer Zeit zu entlassen.

Karl Georg sprach aus, was alle dachten. »Ich glaube, die brüten da wieder eine hundsgemeine Schweinerei aus.«

Peter Fischer biß die Lippen aufeinander. »Verflucht und zugenäht«, murmelte er.

Sie dachten an Julius Kerner, der sich nackt in den Schnee gelegt hatte, um zu erfrieren.

Es war, als krieche die russische Winternacht durch die Ritzen der Baracke. Die kalte, erbarmungslose Nacht.

»Jetzt sind wir schon vier Jahre im Lager - und jetzt wollen wir uns unterkriegen lassen?« Emil Pelz warf den >Aufbau< auf ein leeres Bett und schob die gezeichneten Skatkarten auf die Tischplatte. »Los! Du gibst, Hans! Und wer jetzt noch was von Politik oder so 'n Quatsch redet, kriegt eins in die Fresse!« Er legte zehn Kopekenstücke auf den Tisch und sah sich um. »Spielen wir um ein Zehntel«, meinte er dann. »Abwechselnd je drei eine Runde!«

Hans Sauerbrunn mischte, er tat es mechanisch, wie schlafend.

Dann hob Emil Pelz ab, und die Karten flogen über den Tisch. Peter Fischer zog an seiner Kippenzigarette und spuckte die Tabakfasern hinter sich auf die Erde. »Schmeckt wie getrockneter Mist«, schimpfte er.

»Aber es qualmt«, sagte Karl Georg.

Ein wenig bedrückt spielten sie die erste Partie. Einen Grand, den Sauerbrunn hatte. Er gewann ihn knapp und strich die Kopeken zu sich hin. Karl Eberhard Möller saß am Bettpfosten und hatte die Augen geschlossen. Er dachte an seine Mutter, die ihm eine Kar-te geschrieben hatte, eine jener Antwortkarten, die an den Mitteilungen der Kriegsgefangenen zur Rückantwort hängen. Auch seine jüngere Schwester - sie war jetzt achtzehn - hatte geschrieben ... ein paar Zeilen unter denen der Mutter. Sie verlobte sich zu Weihnachten. Weihnachten 1947! Vor einem Jahr also! Vielleicht war sie schon verheiratet? Möller dachte an das Mädchen, das er beim letzten Urlaub geküßt hatte. Komm wieder, hatte sie gesagt und sein Haar gestreichelt. Er hatte genickt und sie noch einmal geküßt. Sie waren in der Nacht zusammengeblieben, und dann stand sie am Bahnsteig und winkte ihm nach, während er aus dem Abteilfenster lehnte und seine Mütze schwenkte. Es war seine erste Nacht mit einem Mädchen gewesen, und die Erinnerung saß tief in seiner Seele durch alle Jahre hindurch. Vor sechs Jahren. »Gib die Karten her!« schrie er plötzlich und riß sie Peter Fischer aus der Hand. »Ich muß was tun, sonst werd' ich verrückt!«

Er knallte die Blätter auf den Tisch und gewann. Man ließ ihn gewinnen . stillschweigend, mit ein paar Blicken hatten sich die andern verständigt. Glücklich nahm Möller die Kopeken an sich.

Um die Baracke heulte der Schneesturm.

Worotilow saß am Radio und las die >Prawda<, als Dr. Schultheiß eintrat. Er hatte die Stiefel ausgezogen und den Ofen voll Kohlen und Holzscheite gestopft. Etwas schwitzend saß er nun in dem überheizten Zimmer und trank aus einer bauchigen Flasche süßen Krimwein. Er sah erstaunt und ein wenig ungläubig auf, als der deutsche Arzt eintrat und an der Tür stehenblieb.

»Ist etwas mit Leutnant Markow?« fragte Worotilow besorgt und winkte Dr. Schultheiß näherzutreten.

»Nein. Ich wollte Sie aus privaten Gründen sprechen, Major.«

»Privat?« Der Russe lächelte mokant. In sein breites Gesicht trat ein zynischer Zug. »Ich habe nicht gewußt, daß ein Plenni ein so starkes Privatleben besitzt, daß er es mit seinem russischen Kommandanten besprechen muß.« »Es geht auch um Ihr Leben, Major.«

»Das klingt geheimnisvoll wie eine Drohung.«

Dr. Schultheiß wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Hitze machte ihn schlaff und ließ sein Herz wie wahnwitzig schlagen.

»Es ist eine sehr ernste Angelegenheit. Es ist wegen Fräulein Sal-ja.«

»Janina?« Major Worotilow zog mit den bestrumpften Beinen einen Stuhl heran und wies auf ihn. »Setzen Sie sich, Dr. Schultheiß.« Er sah in sein Weinglas und vermied es, den Arzt anzusehen. »Sie haben schlechte Nachrichten?«

»Fräulein Salja befolgt den Rat der Ärzte nicht. Wir können für keine Gesundung oder auch nur Besserung garantieren, wenn sie weiterhin das tut, was wir streng verbieten: Aufstehen, Herumgehen in dünnen Kleidern, Aufregungen, kein Einnehmen der Medizin.«

»Ich werde noch heute mit ihr darüber sprechen«, sagte Major Wor-otilow.

Dr. Schultheiß schüttelte den Kopf. »Es wird nichts helfen. Ich habe es auch versucht, mit allen Argumenten. Sie leidet unter einem Komplex.«

»Wieso?«

»Sie ist eifersüchtig.« Dr. Schultheiß fühlte, wie es in ihm kalt wurde. Jetzt ist es gesagt. Jetzt muß er den Sachverhalt erklären, und die tödliche Feindschaft mußte zwischen ihnen beiden ausbrechen. Dr. Schultheiß war sich klar darüber, daß er der Unterlegene sein würde, er, der entrechtete Plenni, angewiesen auf das Wohlwollen seiner Bewacher und nur getragen von dem schnell verschwindenden Lächeln asiatischer Unergründlichkeit.

»Eifersüchtig?« fragte der Russe gedehnt. »Auf wen denn eifersüchtig?«

»Auf die neue Assistentin Terufina Tschurilowa.«

»Ich kenne sie ja kaum! Wie kann Janina auf sie eifersüchtig sein?«

»Weil ich oft in ihrer Nähe bin, Major.«

Worotilow senkte den Blick. Er umklammerte das Weinglas, und Dr. Schultheiß dachte, er würde es zerbrechen. Die Knöchel an den

Fingern waren weiß.

»So ist das?« sagte Worotilow leise. Seine Stimme war rauh und brüchig.

»Ja, so ist das, Major.«

»Weiß es Dr. Böhler?«

»Nein.«

»Dr. Kresin?«

»Nein. Es weiß keiner außer Ihnen, Janina und mir.«

»Und warum sagen Sie mir das?« Worotilow goß sich Wein ein. Seine Hand zitterte. »Ich kann Sie zertreten wie ein Insekt. Ich kann mich an Ihnen rächen, so fürchterlich, daß Ihr Tod schlimmer wäre als der eines Gefolterten! Wir Russen.«

»Ich weiß es, Major, und ich gebe mich ganz in Ihre Hand.«

»Sie wollen sterben?«

»Nein, durchaus nicht. Aber mir geht die Gesundheit Janinas über mein eigenes Leben. Sie muß gesund werden - dafür ist kein Opfer zu groß!«

Worotilow blickte auf. In seinen Augen lag die Kälte Sibiriens. »So lieben Sie Janina?«

»Ja.«

»Und Sie wagen es, mir das zu sagen!« Er sprang auf und lief in Socken erregt im Zimmer auf und ab. »Ich sollte Sie nackt in den Schneesturm jagen und erfrieren lassen. Ich sollte Sie einfach niederschießen!« Er sah auf den Haken, wo sein Koppel mit der langen Pistole hing. »Ich könnte sagen, daß Sie mich angreifen wollten.«

»Das könnten Sie.« Dr. Schultheiß nickte. »Aber Janina wird Sie nicht decken! Sie würde aussagen.«

»Ich würde sie nach Ihnen erschießen! Eine Russin, die mit einem deutschen Plenni.« Worotilow stockte, eine hektische Röte überzog sein Gesicht. »Wären Sie ein Russe, so würde ich mit Ihnen um Janina kämpfen. Aber Sie sind ein Deutscher - und Sie haben nicht nur mich, sondern meine ganze Nation beleidigt! Ich werde sie Moskau melden!« »Tun Sie es, Major. Aber wichtiger als ich ist Janina. Sie muß geheilt werden! Es geht um ihr Leben. Sie hat wieder Blutauswurf -Wir dürfen sie nicht erregen.«

»Erregen tun Sie sie! Liebe macht erregt!«

»Unsere Liebe ist sanft, Major. Es genügt uns, wenn wir uns sehen, wenn wir unsere Hände halten, wenn wir zusammen sprechen können - und in unseren Augen allein alle Sehnsucht sammeln und verglühen.«

»Der deutsche Romantiker!« Worotilow lachte grell und gequält. »Und das gefällt dem Täubchen. Von der Steppenfüchsin zum Domspätzchen!« Er blieb vor Dr. Schultheiß stehen und starrte ihn an. »Ich möchte Ihnen die Fresse zerschlagen!«

»Ihre Leidenschaft, Major, beschleunigt den Verfall Janinas! Sie ist ein zerbrechliches Geschöpf - wie chinesisches Porzellan, hauchzart und unter den Händen zerbrechend, wenn diese Hände zu grob sind.«

»Und Sie haben weichere, nicht wahr? Sie können sie streicheln, ohne daß sie blaue Flecke bekommt. Sie können sie küssen, ohne daß ihre Lippen bluten! Gehen Sie mir weg mit Ihrer deutschen Seele!« brüllte er plötzlich. »Warum leben Sie noch? Warum sind Sie im russischen Winter nicht erfroren? Warum nicht verhungert? Waren wir zu menschlich mit Ihnen? Gibt es wirklich zwanzig Millionen Deutsche zu viel auf der Welt? Sind Sie einer der Überzähligen? Ich möchte Sie zertreten!«

»Warum tun Sie es nicht?«

Major Worotilow wandte sich ab und rannte wieder durchs Zimmer. Er hatte die Hände hinter dem Rücken verkrampft und gab sich Mühe, Dr. Schultheiß nicht mehr anzusehen.

»Was soll mit Janina geschehen?« fragte er. »Soll sie weg aus dem Lager?«

»Ja.«

»Und wohin?«

»In ein Sanatorium auf der Krim.«

»Und wer soll das bezahlen?« »Ihr so fortschrittlicher, arbeiterliebender Staat! Das Paradies der Werktätigen!«

Worotilow blieb mit einem Ruck stehen. Sein Rücken war dem deutschen Arzt zugewandt. »Warum sagen Sie das?«

»Weil es die Wahrheit ist.«

»Rußland hat Sie über vier Jahre ernährt! Sie können sich nicht beschweren!«

»Und Sie, Major?«

»Ich bin Soldat dieses Staates! Ich bin stolz auf mein Vaterland, mein Rußland!«

Dr. Schultheiß klinkte die Tür auf. »Dann lassen Sie Janina stolz sterben.«

Worotilow fuhr herum. »Wohin wollen Sie?!« brüllte er dröhnend.

»Hinüber ins Lazarett. Ich will versuchen, mit einem Pneumothorax die Lunge Janinas zu retten! Jetzt haben wir endlich das technische Material! Aber ein Pneu allein nützt nichts. Sie muß weg von hier, von Ihnen - und mir.«

»Oder Sie müssen weg!«

»Das wäre das kleinere Übel und würde den Verfall nur beschleunigen. Auf jeden Fall liegt die Wahl bei Ihnen, Major.«

»Bleiben Sie!« Worotilow ging an Dr. Schultheiß vorbei, schloß hinter ihm die Tür ab und steckte den Schlüssel in die Hosentasche. Er trat ans Fenster und zog die Übergardinen zu. Dann erst wandte er sich um. Schultheiß' Herz hämmerte zum Zerspringen.

»Geben Sie mir Antwort«, sagte Worotilow hart. »Würde Janina gesund werden, wenn Sie mit ihr.«

»Ich glaube ja.«

»Und warum tun Sie es nicht?!«

»Weil ich noch das Ehrgefühl besitze, einem Offizier - und wenn es der Gegner ist - die Braut nicht fortzunehmen. Ich habe mich bisher gegen diese Liebe gestemmt, aus Rücksicht auf Sie, Major. Aber jetzt ist ein Stadium erreicht, wo ich nicht länger schweigen darf. Ich beginne einzusehen, daß es Dummheit war, auf Sie Rücksicht zu nehmen, denn Sie würden Janina opfern, um weiterhin ihre

Liebe zu erpressen. Das kann ich nicht verhindern, ich bin nur ein Plenni. So bleibt mir nichts, als Ihnen alles zu sagen und Ihnen die Entscheidung zu überlassen. Wie ich die russische Seele kenne, werden Sie beide opfern - Janina und mich! Und die Ehre des betrogenen - des bis jetzt nur seelisch betrogenen Offiziers ist wiederhergestellt. Zwei Opfer ... sie fallen nicht weiter auf in dem Wald von Kreuzen, der sich vom Eismeer bis zum Schwarzen Meer durch Rußland zieht.«

Worotilow trat dicht an Dr. Schultheiß heran. Wortlos hob er die Hand und schlug dem Arzt ins Gesicht.

»Das ist für die Beleidigung meines Vaterlandes«, sagte er dabei. Dann griff er in die Tasche und zog eine Packung türkischer Zigaretten hervor. Er klappte die Schachtel auf und hielt sie Dr. Schultheiß hin. »Und jetzt rauchen wir unter Männern eine Zigarette ... das ist für Ihren Mut, Dr. Schultheiß!«

Der Arzt zögerte, dann griff er zu und ließ sich die Zigarette von Worotilow in Brand setzen. Seine Wange brannte. Er setzte sich an den Tisch und sah zu, wie Worotilow noch ein Glas holte und einschenkte.

»Es geht nur um eins - retten Sie Janina!« Worotilow goß sein Glas hinunter und atmete schwer.

Dr. Schultheiß setzte sein Glas ab, ohne zu trinken. Er erfuhr erst jetzt, wie sehr der Russe Janina liebte. Er gab sie frei, um sie zu retten. Es war das Opfer eines Mannes, der keinen anderen Ausweg mehr sah, als sich zurückzuziehen. Er, der Russe, der Sieger, der Stärkere, der Machtvolle - er begab sich freiwillig seiner Rechte für einen Plenni!

Dr. Schultheiß zerdrückte die Zigarette im Aschenbecher. Auch die Zigarette schmeckte plötzlich bitter. »Es ist vielleicht doch besser, wenn Janina in die Krim fährt«, sagte er. »Besser für uns beide.«

»Sonst wird sie nicht gesund - Sie sagten es selbst.«

»Zumindest dauert die Heilung länger.«

Worotilow ließ seine große Hand durch die Luft kreisen. »Reden

Sie mit mir nicht als Arzt - reden Sie wie ein Mensch zum Menschen, ein Mann zum Mann. Wir sind allein, die Tür ist verriegelt, die Fenster sind verhängt. Wir sind völlig ungestört. Wir sind nicht Sieger und Besiegte, nicht Kommandant und Plenni - wir sind zwei Männer, die die gleiche Frau lieben und von denen einer verzichtet, weil es so besser ist. Das ist alles, Dr. Schultheiß.«

Er schob ihm das Glas Wein wieder hin und hob das seine. »Trinken wir auf den Funken Menschlichkeit und Anständigkeit, den wir uns über alle Zeiten hinweg gerettet haben.«

Dr. Schultheiß hob sein Glas und stieß an. »Sie sind wirklich ein seltener Mensch«, sagte er ehrlich. »Ich hatte Sie in vier Jahren fürchten gelernt - jetzt verehre ich Sie.«

Major Worotilow antwortete nicht. Er sah dem Rauch seiner Zigarette nach und schob gedankenlos mit der anderen Hand das Glas hin und her. Schweigend saßen sich die beiden Männer gegenüber.

Im Ofen knackten die Holzscheite, die Eisenplatte glühte.

Janina, dachte er, Janina.

O Gott, wäre doch nie dieser Krieg gekommen ... dieser grausame, unselige Krieg.

Was nur ein Gerücht war, wurde drei Tage später sensationelle Wirklichkeit. Die Plennis standen verwundert und mit offenem Mund vor den Baracken im Schnee und sahen auf die beiden Lastwagen, die durch das große Lagertor rollten und auf dem Abstellplatz von Major Worotilow, Dr. Kresin und Dr. Böhler empfangen wurden.

Als sich die Planen hoben, sah man zuerst Kisten und Kartons, dann aber schälten sich einige in Pelze und Steppjacken vermummte Gestalten aus dem Inneren der Lastwagen und kletterten mit kälteerstarrten Gliedern die kleine Leiter hinunter.

Frauen! Mädchen!

Eine ... zwei ... drei.

Drei Frauen. Deutsche Krankenschwestern!

Sie kamen aus den Lagern 5110/43 Krassnopol und 5110/44 Sta-lino. Der Divisionsgeneral hatte sie von der Zentrale in Moskau für 5110/47 angefordert und einen langen Bericht über die mustergültigen Lazarettverhältnisse geschrieben, die Dr. Böhler mit seinen Ärzten in Stalingrad geschaffen hatte. Selbst Russen lägen in dem Lazarett des Lagers 5110/47 - unter ihnen auch der Genosse Leutnant Piotr Markow mit einer fast tödlichen Blutvergiftung. Dr. Böhler aber habe ihn operiert und ihn mit immer neuen Bluttransfusionen so gut wie gerettet.

Das war einer der maßgebenden Punkte, warum man in Moskau so schnell die Erlaubnis erteilte, aus Krassnopol und Stalino deutsche Schwestern in das Lager an der Wolga zu verlegen. Hinzu kam der lange Bericht des Genossen Kuwakino, der meldete, daß im Lager Stalingrad die Stimmung vorzüglich und man allgemein sehr kommunistenfreundlich eingestellt sei.

Dr. Böhler sah Worotilow an, als die drei Mädchen aus den Lastwagen stiegen und die steifen Glieder dehnten. »Haben Sie die deutschen Schwestern beantragt, Major?« fragte er ernst.

»Nein, Genosse Dr. Kresin. Ich wußte nur davon.«

Dr. Böhler wandte sich an Kresin: »Warum haben Sie das getan?«

»Um Ihnen zu helfen. Ich will, daß Sie hier ein Musterlazarett aufbauen - das beste aller Gefangenenlager.«

»Aber das Eintreffen der Mädels gibt Grund zu Gerede, Dr. Kre-sin! Sie werden sehen, ich habe innerhalb von zehn Stunden das Lazarett überfüllt! Es wird Krankenmeldungen rasseln!«

»Nicht, wenn ich die Auswahl der wirklich Kranken treffe!« sagte Dr. Kresin giftig. »Ihnen macht man aber auch gar nichts recht!«

»Sie werden sehen.«

Dr. Böhler trat zu den drei Mädchen und reichte ihnen die Hand. »Willkommen in Stalingrad«, sagte er ein wenig sarkastisch. »Es wäre besser gewesen, man hätte euch nach Hause gefahren.«

Er nickte ihnen ermutigend zu. »Ich bin Dr. Böhler, so was Ähnliches wie der Chef dieses Lazaretts!«

»Ingeborg Waiden«, sagte eines der Mädchen und drückte die dargebotene Hand. »Ich komme aus Kiel. Schwester, voll ausgebildet.« »Wie lange sind Sie in Rußland?«

»Seit 1943! Gefangen wurde ich erst 1945, bei Königsberg!«

Dr. Böhler sah die beiden anderen an. »Martha Kreutz«, sagte die eine, »Erna Bordner«, die andere.

»Beide aus Stalino«, meinte Martha Kreutz. »Wir kamen schon 1944 in Gefangenschaft und waren bisher in zehn Lagern als Schwesternhelferinnen. Zuletzt - vor Stalino - in Swerdlowsk, im sogenannten Narbenlager.«

Dr. Böhler sah sie verblüfft an. »Narbenlager?«

»Ja. Dort sind die versammelt, die die Blutgruppe unter dem Oberarm eintätowiert oder dort eine Narbe haben, weil sie sich das Zeichen ausbrennen ließen. Wer eine Narbe unter dem Oberarm hat, ist verdächtig und kommt nach Swerdlowsk. Viele sind auch in 5110/33, südlich Swerdlowsk.«

»Hm.« Dr. Böhler blickte die Mädchen an. Sie sahen gut genährt aus, nur die Falten um den Mund und die Ringe unter den Augen erzählten von den schweren Jahren und den schrecklichen Erlebnissen unter Tataren und Mongolen, Weißrussen und fanatischen Sowjets. Jetzt standen sie im Schnee von Stalingrad und sahen zu, wie der Begleitoffizier dem Major Worotilow ihre Papiere übergab. Worotilow nickte und grüßte. Dann wandte er sich an die kleine Gruppe, zu der sich nun auch Dr. Kresin und von der Treppe des Lazaretts her Terufina Tschurilowa gesellten.

»Ingeborg Waiden?« rief Worotilow.

»Hier!« sagte das Mädchen.

»Ich bin Major«, sagte Worotilow steif.

»Hier, Herr Major«, wiederholte Ingeborg Waiden sofort.

Dr. Böhler biß sich auf die Lippen und sah Dr. Kresin an. Der grinste und amüsierte sich. Vor den Baracken standen in Mengen die Plennis und sahen stumm zu.

»Erna Bordner?!«

»Hier, Herr Major.«

»Martha Kreutz?!«

»Hier, Herr Major.«

»Sie sind dem Lager 5110/47 als Schwestern zugeteilt. Was Sie zu tun haben, wird Ihnen Genosse Dr. Sergeij Basow Kresin sagen und der deutsche Arzt! Wenn ich erfahre, daß ihr mit deutschen Kriegsgefangenen oder russischen Wachmannschaften herumhurt, werdet ihr erschossen! Verstanden?«

»Ja, Herr Major«, sagten die drei Mädchen sofort.

Dr. Böhler wandte sich an Dr. Kresin. Er war rot im Gesicht geworden.

»Das ist eine Schweinerei«, sagte er wütend. »So behandelt man keine Krankenschwestern! Ich protestiere!«

»Halts Maul!« sagte Kresin grob. »Seien Sie froh, daß die Weiber hier sind. Der Genosse Major wird seinen Grund haben.«

»Sie unterstellen diesen Mädchen etwas, was für sie beleidigend sein muß! Ich verlange eine menschenwürdige Behandlung!«

»Sie haben gar nichts zu verlangen! Sie sind Gefangener, Dr. Böhler - das vergessen Sie wohl? Sie sind ein schmutziger Plenni! Ihre Erfolge haben Sie wohl größenwahnsinnig gemacht? Sie haben hier nichts zu verlangen, sondern nur zu gehorchen!«

Dr. Böhler sah Kresin verblüfft und entsetzt zugleich an. Diese Wandlung, durchfuhr es ihn. Was hat er bloß? Warum diese plötzliche Distanz und Strenge? Hatte man von Moskau aus einen neuen Kurs befohlen? Ein Befehl von Moskau streicht alle Freundschaft und alle Vergangenheit - in Moskau regieren die einzigen Götter des Russen, ihr Wort ist ein Gebot, ein Heiligtum, ein Evangelium.

Major Worotilow steckte die Papiere in seine Brusttasche. Er wandte sich an Dr. Böhler und war sehr ernst. »Haben Sie die Räume für die Schwestern bereit?«

»Ja. In der neuen Baracke ist ein Raum frei.«

Worotilow nickte. »Ich werde mich selbst überzeugen, wie sich die Schwestern einfügen. Sie unterstehen personell der Genossin Dr. Ka-salinsskaja und deren Stellvertreterin Genossin Tschurilowa! Nach mir, natürlich! Sie haben lediglich die Mädchen zur Verfügung Ihres Lazaretts. In allen Dingen, die die Mädchen angehen, haben Sie zu mir zu kommen!«

Dr. Böhler schwieg verbissen. Er sah Worotilow stumm an.

»Haben Sie mich verstanden?!« fragte Worotilow scharf.

»Ja - Herr Major.«

Worotilow kniff bei dem Wort Herr die Augen zu und drehte sich schroff herum. Mit seinen dicken Beinen stampfte er durch den Schnee der Kommandantur zu. Dr. Kresin sah ihm nach und wandte sich dann zu Dr. Böhler.

»Ich habe Angst um Worotilow«, sagte er leise und wirklich besorgt. »Er ist seit gestern anders - stiller, verbissener, zwischen Haß und Freundschaft schwankend. Ich glaube« - er stockte und sah sich um, ob es jemand hörte -, »ich glaube, er ist kein guter Kommunist mehr.«

»Und wenn?« Dr. Böhler hob die Schultern.

»Es wäre das Ende seiner Offizierslaufbahn.« Dr. Kresin hauchte in seine kalten Handflächen, ehe er die Handschuhe anzog. »Wa-dislav Kuwakino würde ihn rücksichtslos nach Moskau melden.«

Nachdenklich wandte sich Dr. Böhler ab und winkte den drei Mädchen. Auf der Treppe zum Lazarett stand die Tschurilowa und sah ihnen entgegen. Ihr Gesicht war blaß und verzerrt. Sie haßte die drei Mädchen schon deswegen, weil sie jetzt da waren und neben Dr. Böhler gingen.

Vom Fenster aus blickte ihnen auch Janina Salja nach. Sie hatte den Bademantel umgeworfen und musterte kritisch die drei in ihren dicken Mänteln.

Eine Tür klappte hinter ihr. Sie drehte sich erschrocken um. Dr. Schultheiß stand im Zimmer und sah sie strafend an.

»Jetzt sind sie da, Jens«, sagte sie leise, fast weinend.

»Wer?«

»Deine deutschen Mädchen! Sie sind schön. Groß, schlank, kräftig - viel, viel schöner als ich! Ich bin eine Leiche, die atmet. Nur noch eine Leiche. Die deutschen Mädchen sind viel hübscher als ich.«

Dr. Schultheiß umfaßte ihre schmalen, zuckenden Schultern und sah neben ihr hinaus auf den verschneiten Platz. Zärtlich drückte er seine Wange gegen ihr Gesicht. »Niemand ist schöner als du, Ja-ninaschka.«

»Ich bin eine atmende Leiche, Jens.«

»Du wirst leben, Janinaschka. Du mußt leben, weil ich dich liebe.«

Sie nickte schwach und suchte seine Lippen. Sie küßten sich lange und innig. Behutsam und zärtlich löste er sich dann aus ihren nackten, warmen Armen und küßte ihre geschlossenen Lider.

»Du mußt brav sein, Janinaschka, und im Bett bleiben«, sagte er stockend. Ihre großen, fieberglänzenden Augen flehten ihn an. Ihre Hände tasteten zitternd über seine Brust. Er biß die Zähne in die Unterlippe und senkte den Blick.

»Du mußt dich hinlegen«, wiederholte er leise.

»Ich liebe dich«, flüsterte sie mit fast erstorbener Stimme. »Ich sterbe, wenn du mich nicht.« Plötzlich warf sie sich an ihn und krallte sich an ihm fest. Ihr Atem flog. Sie riß mit der rechten Hand das Hemd über seiner Brust auf und versuchte, es abzustreifen. Er hinderte sie daran - fast ringend standen sie im Zimmer, ihr nackter Oberkörper zuckte und warf sich ihm entgegen. »Halte mich!« stöhnte sie. »Halt mich fest, schlag mich - nur tu etwas, erwürg mich, laß mich unter deinen Händen sterben. Ich halte es nicht mehr aus ohne dich.!«

Ein plötzlicher Hustenanfall schüttelte sie. Sie sank aufs Bett und preßte die Hand vor den Mund. In ihren Augen flackerte die Todesangst. Zwischen ihren Fingern rann ein dünner, roter Streifen hervor.

Dr. Schultheiß rannte in die Ecke des Zimmers und kam mit einer Platte Zellstoff zurück. Er riß ihre Hände vom Gesicht, tupfte das aus dem Mund rinnende Blut ab.

»Still«, sagte er dabei. »Ganz still, Janinaschka.« Er legte sie zurück in die Kissen und deckte sie bis zum Hals zu. Dann setzte er sich auf die Bettkante, nahm ihre schmale Hand - eine Kinderhand, dachte er - und spielte mit ihren Fingern. Sie sah ihn an und lächelte.

»Mein blonder Wolf«, sagte sie zärtlich.

»Ich werde in dieser Nacht bei dir sein.« Er küßte ihre Finger und drückte ihre Hand gegen seine Augen. Ihre Fingerspitzen streichelten seine Brauen und Wimpern.

»Die ganze Nacht?« flüsterte sie glücklich.

»Die ganze Nacht, Janinaschka.«

»Und wenn wir ganz glücklich sind, werden wir das Fenster öffnen und lauschen, wie die Wälder rauschen. Die Wälder der Wolga.« Sie legte sich zurück und schloß die Augen. »Und ich werde dich in meinen Armen halten, ganz, ganz fest und dicht, dein Atem wird über mich gleiten. Kennst du Hafis?«

»Den persischen Dichter?«

»Ja.« Sie zog seinen Kopf zu sich herab und flüsterte ihm ins Ohr. »Er begann ein Lied, das er nie zu Ende schrieb:

Eine Riesenmuschel ist die Welt, die als einzige Perle dich enthält.

Ist es nicht schön, dieses Lied.«

»Sehr schön, Janinaschka.«

Sie schloß die Augen, sein Kopf lag auf ihrer Brust.

»Ich bin so müde, Jens. So müde.«

Er schwieg. Als sie vor Erschöpfung eingeschlafen war, löste er sich leise von ihr und deckte ihre nackten Arme zu. Er sah noch einmal nach dem Ofen, legte ein paar dicke Holzscheite hinein und verließ auf Zehenspitzen das Zimmer.

Auf dem Gang kam ihm Dr. Böhler, noch immer wütend über Worotilow, entgegen.

»Unsere Schwestern sind gekommen, Schultheiß.«

»Ich habe sie vom Fenster aus gesehen, Herr Stabsarzt.«

»Worotilow hat sie behandelt wie Rotz am Ärmel! Ich möchte wissen, was in den Major gefahren ist! Seit gestern ist er wie ausgewechselt.«

Dr. Schultheiß schwieg, er wurde nicht einmal rot oder verlegen. Worotilow trug es schwer, das wußte er. Er liebte Janina ehrlich. Und es war unglaubhaft, daß er ihn nicht einfach über den Haufen geschossen und nach Moskau gemeldet hatte: In Notwehr getötet.

Dr. Böhler blätterte in den Papieren, die ihm Dr. Kresin gegeben hatte.

»Die ausgebildete Rote-Kreuz-Schwester Ingeborg Waiden hat zwei Jahre auf Lungenstation gearbeitet und selbständig Pneus angelegt. Ich werde sie Ihnen zuteilen, Schultheiß. Dann sind Sie entlastet. Die beiden anderen Mädels werde ich in die chirurgische Abteilung stecken. In der internistischen brauchen wir keine Hilfe - das macht der Pelz allein. Vor allem sind wir dann sicher, daß wir keine Simulanten bekommen. Magenkrämpfe kann man gut nachmachen, und herzkrank sind sie alle - aber jeder wird sich hüten, sich ein Loch in den Leib schneiden zu lassen, nur um in der Nähe eines Mädchens zu sein!«

Dr. Schultheiß nahm die Papiere von Ingeborg Waiden an sich und sah sie kurz durch.

»Aus Kiel?« fragte er.

»Aus Ihrer Heimat, Jens.« Dr. Böhler hob lächelnd den Finger. »Nun machen Sie mir nur keine Dummheiten!«

»Bestimmt nicht, Herr Stabsarzt.«

»Übermorgen kommt die Kasalinsskaja wieder. Ich bin gespannt, was sie zu unseren Neuerwerbungen sagen wird.«

»Bestimmt nichts Gutes.«

»Davon bin auch ich überzeugt.«

Aus dem Zimmer, in dem Leutnant Markow lag, erklang Stöhnen. Dr. Böhler sah auf die geschlossene Tür.

»Wenn ich den durchbekomme, bin ich glücklich«, sagte er leise. »Kuwakino ist wieder bei ihm. Der Kommissar hat so etwas wie sein Herz entdeckt. Haben Sie jetzt noch zu tun?«

»Nein, Herr Stabsarzt.«

»Dann kommen Sie mit zu Markow. Ich will mir seine Blutvergiftung mal ansehen.«

»Übermorgen muß ich wieder fort, Werner«, sagte Alexandra und schmiegte sich zärtlich an Sellnow. »Dann werden wir uns eine gan-ze Woche lang nicht sehen.«

Das ist gut, dachte er. Er kam sich ekelhaft, gemein und feig vor. Er hatte seine Frau betrogen - zum erstenmal mit Bewußtsein und Willen betrogen. Er hatte seine Kinder betrogen, er hatte ihr Vertrauen, ihren Glauben, ihre Liebe geschändet, und er fühlte sich jetzt ausgestoßen und verworfen. Er spürte die Wärme Alexandras an seiner Haut, er roch ihren Körper. Das schwarze Haar kitzelte an seiner Schulter - es roch nach Rosen und Thymian.

»Du sagst gar nichts«, fragte sie drängend.

»Ich bin traurig, daß du gehen mußt«, log er.

»Wir haben noch zwei Nächte vor uns, in denen ich dich zerfleischen kann.« Sie lachte mit ihrer dunklen Stimme, die ihn immer wieder erschauern ließ. Ihre Raubtierzähne glänzten vor seinen Augen. Die Lippen waren rot und feucht. Mit einem Satz sprang sie auf und dehnte den nackten Körper in der Sonne. Sie tastete mit den Zehen nach ihren gestickten Pantoffeln und trippelte zum Petroleumkocher. Nackt wie sie war, lief sie im Zimmer hin und her und begann, Kaffee zu kochen. Sellnow verfolgte ihre Gestalt mit den Blicken und nahm das Bild dieser wilden, unersättlichen Frau auf, wie man ein Gemälde ansieht, von dem man weiß, daß man es nie wieder sehen wird.

»Ich werde Dr. Böhler und Dr. Kresin bitten, dich wieder ins Lager zu holen«, sagte Alexandra, während sie das sprudelnde Wasser aufgoß.

»Ich werde hier gebraucht«, wich er aus. »Was sollen die Gefangenen denken, wenn ich jetzt weggehe. Ich habe mich an die Fabrik gewöhnt.«

»Aber wir können uns dann nicht sehen, Werner.« Alexandra setzte sich und streifte den Büstenhalter über. Dann zog sie die Strümpfe an. Sellnow sah zur Seite - sein Blut begann wieder zu singen. Er verfluchte sie innerlich, er ballte die Fäuste unter der Decke. Nie, nie wieder ins Lager, dachte er. Ich will Alexandra vergessen, ich will sie hassen lernen!

Die Kasalinsskaja zog sich langsam an. Bevor sie das Kleid überwarf, wusch sie sich in dem Becken neben der Tür.

»Willst du nicht aufstehen, Werner? Soll ich die Männer untersuchen? Ruh dich aus ... ich gehe hinunter.«, sagte sie.

»Nein, danke.« Sellnow sprang auf und schämte sich plötzlich seiner Blöße. Schnell zog er sich ebenfalls an und vermied es, sie dabei anzusehen. Er schaute aus dem Fenster und sah auf dem Hof die Schlange der wartenden Kranken im Schnee stehen. Auf der Mauer im Stacheldraht pendelte wieder der Posten und rauchte. Einer der Sanitäter ging von Mann zu Mann und stellte fest, was sie an Krankheiten melden wollten. Man schien ihn zu fragen, wo der Arzt bliebe, denn er zuckte ein paarmal mit den Schultern und wies nach der Tür des Untersuchungszimmers hin.

Plötzlich erinnerte sich Sellnow einer Unterhaltung mit Dr. Böhler, die damit endete, daß er sagte: »Das Grundübel unserer Menschheit ist das Gewissen! Nur der Gewissenlose gewinnt, nur der Skrupellose siegt! Das Ideal der schönen Seele, des Ehrgefühls um jeden Preis - das alles ist eine blöde, überlebte, überholte Sache! Fahnenehre, Dr. Böhler - das war so ein Mist. Die Fahne ist mehr als der Tod! Ich pfeife auf diese Ehre, wenn ich leben kann! Offiziersehre! Mein Gott, wir tragen sie wie einen Orden auf der Brust und kokettieren mit ihr. Dabei sind wir im Innern genauso elende Schweine wie jeder andere. Akademikerehre! Ach nee - so lange wir Couleur trugen und in Wichs mit den Schlägern präsentierten und Hurra schrien, unseren Salamander rieben und beim Kommers den Stiefel aussoffen, so lange waren wir die Herren der Welt. Aber dann, auf die Menschheit losgelassen, wurden wir genauso idiotisch wie die anderen und denunzierten, ignorierten, boykottierten und schikanierten die Kollegen, nur um eine Praxis zu bekommen oder die Patienten zu behalten. Es ist ein wahrer Spruch: Am futterneidischsten sind die Ärzte! Und dann die nächste Ehre - die Ehre als Mensch an sich! Das ist ja ganz und gar blöde! Was unterscheidet den Menschen denn vom Tier? Die Intelligenz? Gut. Aber sonst? Er säuft, frißt, schläft, begattet sich, gebiert, stirbt, verfault! Aus! Was dazwischenliegt, ist Zivilisation und ein bißchen krampfhafte Kultur, gezüchtet als Mäntelchen für unsere Unzulänglichkeit! Wo bleibt da noch die schöne Seele und die absolute Ehre? Und das Gewissen? Es ist alles Mist! Große Worte, sonst nichts, lieber Stabsarzt.«

Dr. Böhler hat damals geschwiegen und ihn nur groß angesehen. Dann hatte er etwas gesagt, was Sellnow seit diesem Tag innerlich verfolgte: »Sie tun mir sehr leid, Werner - Ihnen fehlt das Schönste und Wichtigste unseres Lebens: die Persönlichkeit!«

Daran erinnerte er sich jetzt, als er vor dem Fenster stand und auf die wartende Schlange seiner Patienten starrte. Hinter sich hörte er die Kasalinsskaja wirtschaften - sie machte das Frühstück fertig. Ein aufbrechender Haß ließ ihn fast zittern; er hatte den Wunsch, diese schöne Frau zu erwürgen und sich an ihrem Tod zu weiden. »Ich bin ein Mensch!« wollte er dabei schreien. »Ich will sühnen! Ich will büßen! Ich bin ein Mensch mit Ehre!« Und während er das dachte, spürte er, wie hohl und pathetisch das alles und wie verloren er in Wahrheit war.

Er malte sich aus, wie befreiend es sein mußte, ihr ins Gesicht zu sagen: >Geh, du Hure! 'raus mit dir! Ich habe zwölf Nächte mit dir verbracht - bezahlen kann ich dich nicht. Aber ich kann dir sagen, daß du ein Schwein bist, ein elendes, mistiges Schwein, und daß ich kotzen müßte, wenn ich dich noch einmal berühren würde...< Und gleichzeitig hatte er Verlangen nach ihren Lippen, ihren Brüsten und Schenkeln und ihrem dumpfen, aufquellenden Schreien und Stammeln, wenn ihr Wille unter seinen Händen zerschmolz.

Er drehte sich um und ging an den kleinen Tisch. Der Kaffee duftete. Frisches Weißbrot lag auf einem Holzteller. In Rußland hungerten sie diesen Winter, aber sie aßen Weißbrot, Butter, fette Milch, Käse, Wurst und sogar zwei Eier.

»Du bist ein Rätsel«, sagte er und strich Alexandra über die schwarzen Haare. »Was würdest du tun, wenn ich dich verließe?«

»Umbringen!« sagte sie sofort. Dabei lächelte sie.

»Mich?«

»Uns beide, Sascha.« Wenn sie besonders zärtlich zu ihm sein wollte, nannte sie ihn Sascha. Er wußte nicht warum, er nahm es hin und freute sich am Klang ihrer tiefen Stimme.

Er belegte eine Scheibe Weißbrot mit roter, sichtlich gefärbter Zervelatwurst und klopfte sein Ei auf.

»Das würdest du tun?« fragte er dabei.

»Ja! Sofort! Ohne Reue!« Sie beugte sich über den Tisch zu ihm. »Du gehörst mir - und keiner anderen mehr! Keiner!«

Sellnow tauchte den Löffel in das Eigelb. Der Tod - ob das eine Lösung war? Er tat so, als suche er nach einem Taschentuch und tastete in der Hosentasche nach der zerrissenen Karte. Lieber Pap-pi, stand darauf. Sein Kopf sank tiefer. Alexandra sah ihn erstaunt an.

»Bist du wieder krank, Sascha, mein Liebling? Kommt das Fieber wieder?« Sie sprang auf und legte ihm die Hand auf die Stirn. Sie tastete nach seinem Puls; er ließ es geschehen, obgleich er wußte, daß er kein Fieber hatte.

Die Kasalinsskaja hob mit der Hand sein Gesicht zu sich empor. »Du bist so merkwürdig«, sagte sie leise. »Was hast du, Werner?«

»Nichts, Alexandraschka, nichts. Bestimmt nicht.«

Feigling, dachte er dabei, erbärmlicher Feigling! Würgend aß er weiter und schob dann den Stuhl zurück. »Ich muß hinunter. Wartest du hier auf mich?«

»Ich gehe in die Stadt einkaufen.«

»Gut.«

Er küßte sie hastig und rannte wie gejagt die Eisentreppe hinunter. Das Gefühl, mit Alexandra verheiratet zu sein, überwältigte ihn. Es war wie früher, in Deutschland, bei seiner Frau. Er ging in die Praxis, sie fuhr in die Stadt und kaufte ein für das Mittagessen. Sie sorgte für ihn, sie kochte und nähte, an den Abenden saßen sie zusammen, und in der Nacht fanden sie sich. Dort Luise . hier Alexandra. Was war eigentlich anders geworden? Der Ort . das Land . der Körper . der Name . was geblieben war, nannte sich schlicht Frau und Mann. Das blieb immer . überall.

Der Sanitäter legte ihm die Listen der Krankmeldungen vor. Sell-now sah sie gar nicht durch. Er winkte, und die Plennis strömten in das Zimmer. Kurz sah er sie der Reihe nach an und nickte. »Arbeitsunfähig«, sagte er hart. »Alle!«

Er sah nicht die erstaunten und glücklichen Augen der Gefangenen, nicht das Kopfschütteln des Sanitäters. Er war froh, als er nach wenigen Minuten wieder allein war. Einen Augenblick irrte sein Blick zu dem kleinen Wandschrank, wo die Morphiumampullen verwahrt wurden. Es wäre ein schönerer Tod als der, den ihm Alexandra bereiten würde, wenn sie erfuhr, daß er zu Hause Frau und Kinder hatte. Er saß hinter seinem Tisch und starrte auf den Fleck Licht, den die Sonne durch die Ritze der zugezogenen Gardine warf. Seine Hand lag auf den Fetzen der Karte. Wir warten auf dich.

Er hörte, wie Alexandra das Haus verließ, wie der Posten ihr, der Frau im Offiziersrang, seine Meldung entgegenschrie.

In diesen Minuten begann er zu beten - und er befürchtete, daß Gott, den er haßte, schweigen würde. Aber Gott schwieg nicht. Er half ihm, indem er wieder das Fieber schickte.

Es war eine schreckliche Hilfe, aber sie enthob ihn der Entscheidung. Sie gab ihm Zeit... für morgen ... für übermorgen. Und übermorgen fuhr Alexandra zurück ins Lager!

Der Sanitäter, der dazukam, als er sich schwankend erhob, stützte ihn, zog ihn oben im Zimmer aus und half ihm ins Bett.

Als die Kasalinsskaja aus Stalingrad zurückkehrte, fand sie ihn in wilden Fieberphantasien. Sie jagte den Sanitäter aus dem Zimmer und zog die Spritze auf, die sie immer bereithielt. Sie allein wußte, wie das Fieber zu bekämpfen war - sie allein.

Blaß saß sie an seinem Bett und beobachtete ihn. Ein Abend stand in ihrer Erinnerung. Sellnow kam aus der Lungenstation und aß aus seiner Blechschüssel das Abendessen. Es war Kohlsuppe - und der Geschmack des Kohls verdrängte den Geschmack des Pulvers.

Rache, dachte sie damals, Rache, du deutsches Schwein! Du hast mich überwältigt, mich genommen. Jetzt sollst du dafür verrecken!

Alexandra senkte den Kopf auf das Bett, neben die heißen Hände Sellnows. Sie weinte - wild, hemmungslos und laut. Sie schrie in die Kissen.

Auf der Mauer lösten sich die Posten ab. »Nichts Neues, Genosse!« sagte der eine. »Nichts, Genosse!«

DRITTES BUCH

In diesem Winter ereignete sich viel Neues im Lager 5110/47. Nicht nur das Lazarett wurde neu eingerichtet - auch eine Bibliothek kam aus Stalingrad, die Spielgruppe bekam Holz und Pappe für die Kulissen, und Farbe wurde von den Rubeln gekauft, die man in den Fabriken und Gruben verdiente und bei der Kommandantur gewissenhaft und mit bürokratischer Genauigkeit verbuchte. Die größte Neuerung aber war, daß von Moskau ein Schreiben kam, das den Geistlichen erlaubte, in den Lagern Gottesdienste und Bibelstunden abzuhalten.

Dr. Kresin saß bei Dr. Böhler im Zimmer und fächelte sich mit dem Schreiben aus Moskau Luft zu. Sein Gesicht war weingerötet -er hatte heute Geburtstag, und keiner wußte es.

»Es darf gewimmert werden!« sagte er laut. »Großer Gott, wir loben Dich!« Er lachte. »Man hat in Moskau noch Humor - ich habe es bis heute bezweifelt! Es darf gepredigt werden! Bibelstunden! Gottesdienste! >Religion ist Opium für das Volk!< Also geben wir euch Opium, damit ihr weiter dahindämmert und die langen Jahre sich leichter aneinanderreihen, in denen ihr für uns arbeitet! Gar nicht so dumm von den Moskowiten! Wer Heimweh hat - schnell ein Pfäff-lein her und die Händchen gefaltet!«

Dr. Böhler schüttelte den Kopf. »Warum reden Sie so, Dr. Kre-sin? Sie sind ja in Wahrheit gar nicht so. Sie glauben ja selbst an Gott!«

»Ich?!« Kresin lachte schrill. »Mein Gott ist die Flasche! Früher waren es die kleinen Mädchen - aber das ist vorbei!« Er beugte sich vor. »Wer ist eigentlich Ihr Gott, Dr. Böhler?«

»Unser aller Vater!«

»Prost! Und was hat er für Aufgaben?«

»Zu richten und zu verzeihen.«

»Bequemer alter Herr, Ihr Gott, Doktor. Im Augenblick scheint er Migräne zu haben; er hat euch Plennis ganz schön vergessen.«

»Nein. Er hat uns viel, immer geholfen in diesen Jahren. Er hat unser Leben erhalten, er hat uns ein schönes Lazarett gegeben, eine Bibliothek, Schwestern zur Hilfe.« »Stopp!« schrie Dr. Kresin, sein Gesicht war dunkelrot. »Wiederholen Sie! Wer hat Ihnen das gegeben? Gott? Moskau hat es Ihnen gegeben! Ohne Moskau und allein mit euerem Gott wärt ihr alle verhungert und verreckt! Wer hat Ihnen das Lazarett gegeben? Ich! Euer Gott hat nichts dazu getan. Ich habe bei dem General darum gebettelt wie ein Hund!«

Dr. Böhler nickte. »Ja, Sie, Dr. Kresin . weil Sie an Gott glauben!«

»Unsinn! Weil ich Spaß an der Sache habe.«

»Und diesen Spaß - wie Sie es nennen - gab Ihnen Gott!«

Der russische Arzt sah Dr. Böhler starr an, dann atmete er schwer, drehte sich herum, verließ das Zimmer und warf krachend die Tür zu. Lächelnd beugte sich Dr. Böhler wieder über seine Papiere.

Er hatte noch nicht lange gearbeitet, als die Tür aufgerissen wurde und Terufina Tschurilowa hereinstürzte. Atemlos lehnte sie sich an den Türrahmen. In ihren Augen standen Entsetzen und wildes Grauen.

»Kommen Sie!« stieß sie hervor. »Kommen Sie! Block 12! Es ist furchtbar!«

Dr. Böhler war aufgesprungen und sah schnell aus dem Fenster. Still, verschneit, in klirrender Kälte, lag der große Platz. Nichts deutete auf ein außergewöhnliches Ereignis hin.

»Was haben Sie denn?« fragte er beruhigend. Die Tschurilowa schlug die Hände vors Gesicht und wimmerte:

»Sie haben einen umgebracht ... im Block 12!«

»Was?!« Dr. Böhler wurde bleich. »Sie haben.«

»Er ist noch nicht tot. Man fand ihn in der Latrine, fast erstickt im Kot! Dr. Schultheiß ist schon da - er war gerade auf Visite in den Blockrevieren!«

Dr. Böhler riß seine Steppjacke vom Haken und warf sie über. An der bleichen Tschurilowa vorbei stürzte er aus dem Lazarett und traf auf dem Platz schon Major Worotilow und sieben Wachmannschaften, während Dr. Kresin schnaufend aus seiner Baracke kam.

Worotilow sah Dr. Böhler entgegen. Sein Gesicht war verschlos-sen.

»Das ist übel, Doktor!« sagte er hart. »Man hat einen Mann ermorden wollen! In meinem Lager! Ich werde für sieben Tage zunächst die Portionen kürzen.«

Dr. Böhler antwortete nicht. Er lief an dem Major vorbei zu Block 12, wo aus den Baracken die Gefangenen quollen und zur Latrine strömten. Schimpfende russische Soldaten trieben sie mit der Maschinenpistole zurück und riegelten den kleinen Bau ab, in dem die Latrine und eine lange Waschkaue untergebracht waren. Dr. Böhler konnte ungehindert die Postenkette durchlaufen. Hinter sich hörte er das Hackenknallen der Soldaten, als Worotilow ihm folgte, er hörte auch das Brüllen Dr. Kresins, der die Plennis zurücktrieb.

In der Baracke kam ihm Ingeborg entgegen. Sie sah völlig verstört aus. »Dr. Schultheiß macht schon Wiederbelebungsversuche«, sagte sie. »Es ist schrecklich . schrecklich.«

Er stieß die Tür zum Nebenraum auf. Ein penetranter Geruch von Kot und Urin schlug ihm entgegen und nahm ihm einen Augenblick den Atem. Dann sah er inmitten des Zimmers neben einem Tisch Dr. Schultheiß stehen, hemdärmelig, bespritzt mit Kot.

»Wer hat ihn gefunden?« fragte Dr. Böhler.

»Emil Pelz.« Dr. Schultheiß unterbrach seine künstliche Atmung. »Er hätte es nicht bemerkt und keiner hätte es gemeldet, wenn er nicht eine Ente hätte ausleeren müssen. Er fand den Mann auf dem Rücken in der Kotgrube liegen. Man sah, daß jemand versucht hatte, ihn unterzutauchen.«

»Kein Selbstmordversuch?«

»Ausgeschlossen! Es gibt schönere Arten, aus dem Leben zu scheiden.«

Die Tür wurde aufgerissen. Worotilow und Dr. Kresin traten ein. Worotilow zog die Nase hoch, Dr. Kresins Gesicht grinste breit. »Eine ausgesprochen beschissene Sache«, sagte er laut.

Worotilow warf einen Blick auf den Mann und sah zu Dr. Böhler.

»Tot?« Seine Stimme klang belegt.

»Nein«, antwortete Dr. Schultheiß an Böhlers Stelle. »Noch ist er zu retten. Er muß sofort ins Lazarett unter den Sauerstoffapparat. Ich habe Schwester Waiden hinübergeschickt wegen einer Trage.«

»Gut! Retten Sie den Mann auf jeden Fall! Er muß aussagen! Er muß, verstehen Sie?!« Er wandte sich ab, riß die Tür auf und schrie ein paar Kommandos hinaus. Dr. Kresin wurde ernst.

»Er läßt den ganzen Block zusammentreiben«, sagte er zu Dr. Böhler.

»Ja, ich weiß.« Hinter ihnen hörte man das Keuchen Dr. Schultheiß', der wieder mit der künstlichen Atmung einsetzte. »Kennen Sie den Mann, Dr. Kresin?«

»Ja«, sagte der russische Arzt steif. »Er heißt Walter Grosse.«

Dr. Böhler blickte sich um. Emil Pelz war gerade dabei, die bleiche Gestalt mit einer großen Blechschüssel vom Kot zu reinigen. »So eine Sauerei!« sagte er dabei.

»Walter Grosse.«, wiederholte Böhler. »Das wird unangenehm für uns alle werden - für alle im Lager 5110/47?«

Dr. Kresin sah ihn fragend an.

»Der Plenni Walter Grosse war ein Spitzel-Verbindungsmann zum MWD, so nennen Sie das wohl, Dr. Kresin.«

»Dieser Mann da?«

»Ja. Er hat Kommissar Kuwakino die internen Informationen aus dem Lager geliefert.« Dr. Böhler sah wieder auf den Ohnmächtigen, seine Backenknochen mahlten. »Heute möchte ich kein Arzt sein«, sagte er leise.

»Aber Sie sind es immer, Doktor.« Dr. Kresin trat nahe an ihn heran. »Machen Sie jetzt keinen Unsinn, mein Freund! Ich kann verstehen, wie es jetzt bei Ihnen da drinnen« - er tippte Dr. Böhler auf die Brust - »aussieht. Aber Zähne zusammenbeißen! Denken Sie zuerst immer daran: Er ist ein Mensch! Nur ein Mensch. Ohne Namen, ohne Beruf, ohne Persönlichkeit . ein nackter, armer Mensch! Ein Mensch, der jetzt um Hilfe schreit . um die Hilfe eines Arztes! Und das sind Sie!«

Dr. Böhler sah Dr. Kresin starr an. »Das sagen Sie mir, Kresin! Sie, der vor einer halben Stunde Gott leugnete. Ich danke Ihnen. Sie haben mehr innere Größe als ich.«

»Idiot!« knurrte Dr. Kresin. Verschämt wandte er sich ab und brüllte die zwei Träger an, die mit der Bahre hereinkamen. »Schneller! Schneller!« schrie er.

Von draußen hörte man das Trillern der Pfeifen, Schuhe klapperten über den vereisten Schnee, Stimmen wurden laut, Kommandorufe, Flüche, Schreie.

Block 12 wurde zusammengetrieben.

Auch Block 11 und Block 10, die daneben lagen, waren alarmiert worden und traten mit an. 2.439 Männer.

Major Worotilow schlug mit der Reitgerte gegen die hohen, faltigen Juchtenstiefel. Seine Tellermütze saß gerade und korrekt auf dem Kopf. Das wirkte wie eine Warnung - die Unnahbarkeit des Stärkeren.

Die 2.439 Männer schwiegen. Wie ein Lauffeuer war es durch das Lager gegangen, wen man in die Latrine gestoßen hatte. Walter Grosse, ehemaliger Politischer Leiter in Stuttgart, Kreis-Organisationsleiter der NSDAP - seit drei Jahren als deutscher V-Mann beim MWD und Spion bei den eigenen gefangenen Kameraden.

Die 2.439 Männer sahen verbissen auf Worotilow. In ihren Augen stand der Trotz, die innere Auflehnung, die Revolte. Worotilow sah es, er wurde steif und spürte Brutalität in sich aufsteigen. Das erschreckte ihn, aber er wehrte sich nicht dagegen. Es ist meine Natur, dachte er. Ich bin ein Russe! Ich bin der Sieger! Seine Reitgerte fuhr zischend durch die eisige Luft.

»Ruhe!« brüllte er.

Der Dolmetscher Jakob Aaron Utschomi schlich heran. Der kleine Jude war bleich und zitterte. Er allein schien zu wissen, was gleich mit den Blocks 10, 11 und 12 geschehen würde. Er stellte sich neben den Major. Wenn Worotilow mit den Gefangenen sprach, konnte er kein Deutsch mehr.

In der Latrinenbaracke bettete man Walter Grosse auf die Bahre. Dr. Schultheiß stand, beschmiert wie er war, daneben und fühlte den Puls des fast Leblosen.

»Nicht mehr tastbar«, sagte er zu Dr. Böhler.

Die Bahre wurde hinausgetragen. Der Gestank des Kots flog voraus. Vorbei an der Mauer der angetretenen 2.439 Männer rannten die Träger zum Lazarett. Dr. Böhler folgte ihnen, während Kresin sich hinter Worotilow stellte.

»Abzählen«, sagte Worotilow zu Utschomi. »Zu zwanzig! Jeder zwanzigste soll vortreten.« Der kleine Dolmetscher schrie es mit seiner hellen Stimme über den Platz. Schweiß stand unter seiner hohen Pelzmütze. Jeder zwanzigste - er zitterte.

Die Zahlen flogen durch die klirrende Luft. Schritte knirschten. Die abgezählten Plennis traten vor. Stumm, starr, verbissen.

Major Worotilow sah sie an, er winkte den russischen Posten -sie bildeten einen Kreis um die Abgezählten. Die Läufe ihrer kurzen, klobigen Maschinenpistolen zeigten auf sie.

»Diese Männer werden erschossen, wenn Walter Grosse stirbt und sich die Attentäter nicht melden!« Worotilow sah auf die Mauer der Gefangenen. »Bis dahin gibt es für alle drei Blocks nur halbe Rationen! Die Arbeitskommandos bleiben eine und eine halbe Schicht draußen! Ohne Bezahlung!« Er fuhr wieder mit der Peitsche durch die Luft. »Wegtreten!«

Utschomi wiederholte es ... die Mauer stand.

»Wegtreten!« schrie Worotilow.

Die 2.439 standen. Keiner rührte sich. Dr. Kresin biß sich auf die Unterlippe - Verdammt, wenn das Moskau erfährt! Verdammt! Er dachte an Kommissar Kuwakino, der wieder am Bett Leutnant Markows hockte. Gut, daß er das hier nicht sah.

Major Worotilow starrte die Mauer der stummen Männer entlang. Er sah tausend Augen auf sich gerichtet, Augen voll Haß und Hunger, voll Schrecken und Trotz.

»Wegtreten!« brüllte er heiser auf deutsch. Die Plennis, die Verdammten, standen.

Da wandte er sich ab, winkte den Posten und stapfte allein davon. Er stieß den gefrorenen Schnee vor sich her, er stampfte sei-nen Zorn in den Boden. Hinter sich hörte er, wie die abgezählten Zwanzigsten von den Posten in die Mitte genommen und abgeführt wurden. Sie kamen in eine Baracke neben der Kommandantur. Zehn Posten bewachten sie von jetzt ab Tag und Nacht.

Die anderen Männer standen noch immer. Standen im Schnee, in klirrender Kälte. Sie standen wie Pflöcke, die man in die Erde gerammt hat, starr, unerbittlich und unbeweglich.

Jakob Aaron Utschomi stand vor ihnen und beschwor sie, in die Baracken zurückzugehen. Er rang die Hände, er bettelte fast. Die Männer standen. Nur aus einer der hinteren Reihen kam kurz eine laute Stimme.

»Hau ab, du mistige Wanze!«

Bleich ging auch Utschomi. Er drehte sich noch ein paarmal um und starrte auf die dunkle Mauer von Menschen. Fast weinend ging er in sein Zimmer und setzte sich ans Fenster. Auch er dachte an Kommissar Kuwakino.

In der Kommandantur hieb Major Worotilow immer und immer wieder mit der Reitgerte auf den Tisch. »Ich lasse sie alle erschießen!« schrie er Dr. Kresin an. Er glühte vor Wut und berauschte sich an blutigen Bildern. »Alle, alle werde ich erschießen lassen. Alle 2.439 Mann! Mit vier Maschinengewehren, an der Mauer! Ich lasse mir das nicht bieten! Sie sind Gefangene ... da gibt es keine Auflehnung! Ich werde sie zerbrechen, wie man Holz über den Knien zerbricht!«

Dr. Kresin zündete sich eine Zigarette an. Er machte ein nachdenkliches Gesicht. »Denken Sie an Moskau, Genosse Major. Man wird Rechenschaft von Ihnen fordern.«

»Ich lasse mir das nicht bieten!« schrie Worotilow außer sich vor Wut.

»Sperren Sie ihnen alle Vergünstigungen . streichen Sie die Operettenaufführung zu Weihnachten, ziehen Sie die Instrumente der Lagerkapelle ein, halbe Portion Essen, lassen Sie die Bibliothek schließen, sammeln Sie alle deutschen Zeitungen und Zeitschriften ein, machen Sie aus dem Lager ein dumpfes Gefängnis, sperren Sie das Licht ab neun Uhr abends, aber lassen Sie die Männer selbst in Ruhe. Nichts bedrückt sie mehr als die Streichung aller Vergünstigungen.«

Major Worotilow sah an die Decke, von der eine billige Lampe über den Tisch hing, eine Lampe mit einem häßlichen dunkelgrünen Stoffschirm.

»Das sind gute Ideen, Dr. Kresin! Ich werde das Lager in eine bewohnte Einöde verwandeln, bis sich die Mörder melden!«

»Und was wollen Sie mit den Mördern machen?«

»Ich werde sie dem Genossen Kommissar übergeben.«

Dr. Kresin wiegte den mächtigen Kopf hin und her. Seine Augen waren halb geschlossen. »Das wäre grundfalsch, Genosse Major. Wir alle achten Sie, nur einen Feind haben Sie: Kuwakino. Nicht einen persönlichen - dazu hätte er keinen Grund, aber einen ideologischen. Das ist viel schlimmer. Kuwakino ist ein Fanatiker. Er sucht Opfer, über die er nach oben ins obere Politbüro der Partei kommt. Er will einen Knüppeldamm aus Knochen bauen, denn der Weg nach Moskau ist schlammig und schlüpfrig und sehr glatt. Er würde sich nicht scheuen, auch Sie auf seinen Weg zu legen. Der Kommandant von Lager 5110/47, der es nicht fertigbringt, seine Gefangenen in Ordnung zu halten. Der sowjetrussische Major mit einem Herz für das Deutsche, der Offizier, der nicht vergessen kann, daß er deutsche Ausbilder hatte und der abends Clausewitz liest und die Erinnerungen von Moltke und Hindenburg!«

»Seien Sie still, Genosse!« sagte Worotilow schwach.

»Ich weiß es . auch Dr. Böhler ahnt es. Kuwakino beobachtet Sie, er weiß es nicht ... noch nicht!« Dr. Kresin warf seine Zigarette in den glühenden Ofen. »Ich möchte fast wünschen, daß dieser Walter Grosse nicht durchkommt, um nicht aussagen zu können.«

»Sagen Sie das Dr. Böhler, Genosse.«

»Ich werde mich hüten! Er ist Arzt wie ich. Auch ich würde ihn zu retten versuchen, und wenn ich bis zum Hals in dieser furchtbaren Geschichte steckte. Für uns Ärzte gilt nur der hilflose Mensch -was später kommt, darf uns nicht verhindern, zu helfen!«

»Sie könnten am nächsten Sonntag im Lager die Predigt halten!« sagte Worotilow giftig.

Ohne Antwort verließ Dr. Kresin die Kommandantur.

In dem neuen Operationsraum des Lazaretts lag Walter Grosse auf dem Operationstisch; während die beiden Schwestern Martha Kreutz und Erna Bordner ihn mit einer Alkohollösung reinigten, regulierte Dr. Schultheiß an der Sauerstoffflasche den Luftstrom, den Dr. Böhler durch einen Glastrichter in den geöffneten Mund fließen ließ. Dabei preßte er die Seiten und die Brust des Patienten und ließ Martha Kreutz mit den Armen pumpen.

»Die Brust hebt sich«, sagte er plötzlich.

»Gott sei Dank!« Dr. Schultheiß wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er sah zu, wie Erna Bordner mit einem Zerstäuber den penetranten Geruch im Raum bekämpfte.

»Wir haben ihn durch.« Dr. Böhler gab den Glastrichter an Emil Pelz und ging zum Waschbecken. »Wenn er aus der Ohnmacht erwacht, rufen Sie mich sofort, ehe Sie einen anderen heranlassen! Auch nicht Worotilow oder Dr. Kresin.«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Dr. Kresin trat ein. »Ich hörte meinen Namen?« fragte er.

»Ganz recht. Ich verbot eben allen, jemanden zu dem Patienten zu lassen, auch Sie nicht!«

»Sie haben ihn durchbekommen?« Dr. Kresin blickte zu dem Tisch hin, wo Emil Pelz begann, die Brust und die Seiten zu massieren. »Sie haben ihn wirklich gerettet?!«

»Wie Sie sehen.«

»Eine edle menschliche Tat, Herr Kollege! Mit ihr werden schöne Schwierigkeiten beginnen.«

»Das weiß ich. Deshalb möchte ich auch zuerst allein mit ihm sprechen.«

Dr. Kresin schob die Unterlippe vor. »Das war ein guter Gedanke.« Er wollte weitersprechen, aber die Tür wurde aufgerissen. Die Kasalinsskaja stand im Raum. Sie war aufs höchste erregt.

»Die Kerle stehen noch immer draußen!« schrie sie.

Dr. Böhlers Kopf fuhr herum. »Die drei Blocks?!«

»Ja. Zweitausend Mann. Sie stehen da seit einer Stunde! Sie rühren sich nicht! Sieben sind vor Kälte umgefallen ... sie liegen neben den Reihen . aber die Reihen stehen!«

»Das ist eine Revolte!« schrie Dr. Kresin.

»Kommen Sie!« Dr. Böhler warf seine Jacke um und eilte aus dem Zimmer. Die Kasalinsskaja und Dr. Kresin folgten ihm. Auf dem Platz sahen sie schon von weitem die starre, dunkle Mauer der Männer. So, wie sie vor einer Stunde zusammengerufen worden waren, standen sie noch. Zwischen ihnen die Lücken: neunzehn Mann -eine Lücke ... neunzehn Mann - eine Lücke.

Dr. Böhler sah sie an. Er sah in ihre verbissenen Augen, er blickte auf ihre blaugefrorenen Lippen.

»Geht in die Baracken«, sagte er mild. »Walter Grosse ist gerettet.«

»Dann werden wir ihn später ersäufen!« schrie jemand aus dem unbeweglichen Block. Die russischen Posten standen herum und wußten nicht, was sie tun sollten.

»Er ist ein Verräter!« rief einer aus der Menschenmauer. »Er hat uns ausspioniert! Wir gehen nicht eher weg, als bis die anderen aus der Strafbaracke entlassen werden!«

»Ihr könnt hier doch nicht stundenlang stehenbleiben!«

»Wir können!« schrie ein anderer.

»Nicht jeder zwanzigste ist schuldig, sondern wir alle!« rief ein dritter.

Von der Kommandantur her kam Major Worotilow. Er war unheimlich blaß. Hinter ihm liefen vier Gruppen Wachtposten mit je einem schweren Maschinengewehr in der Mitte. Sie verteilten sich über den Platz und brachten die Waffen in Stellung. Drohend starrten die schwarzen Läufe auf die Menschenmauer. Die Gurte rasselten durch das Schloß, die Schützen luden durch. Worotilow stellte sich

neben Dr. Böhler.

»Wegtreten!« brüllte er heiser.

Keiner der 2.000 rührte sich. Sie sahen auf die Läufe der Maschinengewehre und schienen zu warten. In diesem Augenblick durchjagte Dr. Kresin eine Erleuchtung. Er griff nach vorn, riß Dr. Böhler am Jackenkragen zu sich heran, schleifte den Verblüfften vor ein Maschinengewehr und stieß ihn brutal an den Lauf, der kurz ein wenig nach oben schwenkte.

»Ihr geht sofort in die Baracken!« schrie er über den Platz und hob den Arm. »Wenn ich die Hand senke, und ihr steht noch hier, lasse ich Dr. Böhler erschießen!«

Ein Knirschen ging durch die Reihen. Dr. Böhler blickte Kresin an. An seinen Augen sah er, daß es Ernst war, kein Bluff, kein Theater ... wilde Entschlossenheit stand in diesen Augen. Worotilow war herumgefahren. Er starrte auf die beiden Ärzte und begann zu zittern. Nein! wollte er schreien, aber das Entsetzen lähmte ihn, und seine Stimme versagte.

Dr. Kresin sah hinüber zu den 2.000 Gefangenen. Er wartete ein paar Sekunden, dann senkte sich langsam seine Hand. Der Posten am Maschinengewehr, ein Mongole, grinste dumm und legte den Finger an den Abzug.

Die ersten Reihen des Blocks begannen zu schwanken ... langsam bröckelte die Mauer ab. Einzeln schlichen die Männer zu den Baracken zurück, sie blickten sich um und sahen noch immer Dr. Kre-sin mit halb erhobener Hand stehen. Immer schneller lösten sich die Reihen auf, die letzten trugen die sieben ohnmächtigen Kameraden fort in das Revier. Regungslos starrte Worotilow auf den sich leerenden Platz, die Kasalinsskaja hatte die Augen geschlossen. Dr. Böhler wandte sich zu Kresin um. Der grinste . ein verzweifeltes, verzerrtes Grinsen.

Der Platz war leer. Kresin trat gegen den Lauf des Maschinengewehres und ließ die Hand sinken. Er ließ den Jackenkragen Dr. Böhlers los, wandte sich ab und ging stumm, allein, nach vorn gebeugt davon. Keiner schloß sich ihm an ... alle warteten, bis er zwischen den Blocks verschwunden war. Dann erst ging auch die Kasalinss-kaja. Sie vermied es, Dr. Böhler anzusehen.

Sie schämte sich.

Die Posten marschierten ab. Der Platz lag leer in der klirrenden Kälte, nur Dr. Böhler und Worotilow standen noch da. Langsam ging der Major auf den Arzt zu.

»Verzeihen Sie«, sagte er leise.

»Was?«

»Ich danke Ihnen.« Worotilow senkte den Kopf. »Sie haben Walter Grosse das Leben gerettet, Leutnant Markow und vielen, vielen anderen. Heute, soeben haben Dr. Kresin und Sie mir das Leben gerettet.«

Er wollte Dr. Böhler die Hand geben, aber dann zog er die halb ausgestreckte Hand zurück und drehte sich um. Mit großen Schritten eilte er davon.

Aus der Ecke einer Baracke löste sich eine Gestalt. Klein, schmal, frierend stand sie im Schnee. Ohne Mütze, ohne Mantel, ohne Handschuhe. Die blonden Locken umgaben das bleiche Gesicht: Terufina Tschurilowa. Sie weinte.

Dr. Böhler sah sie nicht mehr. Er war schon auf dem Weg zum Lazarett.

In der Nacht kam Walter Grosse wieder zur Besinnung. Dr. Schultheiß hockte an seinem Bett, Ingeborg Waiden saß an der Tür und drehte Tupfer für Operationen.

Grosse sah sich ängstlich um und versuchte, sich im Bett aufzurichten. Als Dr. Schultheiß ihn sanft niederdrückte, schlug er mit beiden Armen um sich und schrie grell.

»Nein! Nein! Laßt mich! Laßt mich los! Ich will nichts verraten! Ich will euch alles sagen! Laßt mich los! Hilfe! Hilfe! Nicht in die Scheiße! Hilfe! Gnade. Gnade.« Er wimmerte und schlug die Hände vor die Augen. Speichel rann aus seinem Mund. Sein Körper bäumte sich.

Ingeborg Waiden trat an das Bett und nahm Grosse sanft die Hände von den Augen. »Sei still«, sagte sie fast zärtlich. »Du bist doch in Sicherheit.«

Beim Klang der Frauenstimme öffnete Walter Grosse die Augen. Er starrte die Schwester ungläubig an und wandte den Kopf zu Dr. Schultheiß.

»Herr Doktor.«, stammelte er. Er tastete nach seiner Hand und hielt sie ganz fest. In seinen Augen flackerte wieder die Angst. »Sie werden mir nichts wieder tun.?«

»Nein. Hier sind Sie in Sicherheit.«

»Sie wollten mich in der Latrine ersäufen!« Walter Grosse schluchzte und drehte den Kopf zur Seite. »Sie haben mich in die Scheiße geworfen und wollten mich mit Stangen unter den Brei stoßen. O mein Gott ... mein Gott.« Er weinte wie ein kleines Kind, hell, plärrend, unterbrochen von lautem Schluchzen.

Dr. Schultheiß nickte Ingeborg Waiden zu. Sie verließ leise das Zimmer, um Dr. Böhler zu benachrichtigen. Der Arzt drehte den Kopf des Wimmernden wieder zu sich herum.

»Nun ist alles gut, Walter. Wir haben dich gerettet, und nun lebst du weiter.«

»Wie lange noch?«

»Bis deine Zeit abgelaufen ist.«

Grosse klammerte sich an den Armen des Arztes fest. Seine Augen bettelten.

»Werden sie mir bestimmt nichts mehr tun?« Sein Atem keuchte. »Sie werden mich wieder in die Latrine stoßen, wenn ich aus dem Lazarett komme.« Er ließ sich zurückfallen ins Bett und weinte wieder. »Ich habe solche Angst.«

So lag er einige Zeit, bis sich die Tür öffnete und Dr. Böhler eintrat. Walter Grosse kreischte auf. Er konnte vom Bett aus nicht sehen, wer hereinkam.

»Sie kommen mich holen! Hilfe! Hilfe!« Er wollte aus dem Bett springen, aber Ingeborg Waiden trat in den Lichtkreis. Das beruhigte Grosse, er ließ sich zurückgleiten. Dr. Böhler trat an das Bett.

Mit einem Nicken erhob sich Dr. Schultheiß und verließ mit In-geborg Waiden das Zimmer.

Dr. Böhler nahm Grosses schlaffe Hand. »Nun sind wir allein, Walter Grosse, ganz allein. Du kennst mich?«

»Ja, Herr Stabsarzt.« Grosse nickte beruhigt. »Sie haben mich gerettet, Sie sind gut.«

»Warum hat man dich in die Latrine geworfen?« fragte Dr. Böhler hart. »Bist du so ein Schwein, daß man dich ersäufen muß? Nun sag die Wahrheit, Walter Grosse.«

In die Augen des Geretteten trat ein gehetzter Blick. Wie ein getretenes Tier sah er Dr. Böhler an.

»Sie auch?« stammelte er ängstlich.

»Ich habe dich gerettet, weil ich Arzt bin. Jetzt bist du außer Gefahr . und jetzt frage ich dich als Plenni! Als einer deiner Kameraden, die bei Stalingrad gefangen wurden und seit fünf Jahren auf die Heimkehr hoffen. Ein Plenni wie du. Oder bist du gar kein Plen-ni, Walter Grosse?«

Der Mann im Bett zitterte, als werfe ihn ein eisiger Sturm hin und her. Seine Zähne klapperten hörbar vor Angst und Entsetzen.

»Antwort!« herrschte Dr. Böhler ihn an.

»Doch! Doch!« Walter Grosse weinte wieder. »Ich bin ein Plenni. Aber der Kommissar.«

»Wadislav Kuwakino.«

»Ja. Er legte mir eine Liste vor, die er aus Deutschland bekommen hatte. Er wußte jetzt, daß ich einmal Kreisorganisationsleiter in Stuttgart war, Politischer Leiter, und daß man mich in Stuttgart bei den Amis angezeigt hatte, ich hätte 1943 russische Fremdarbeiter geschlagen.« Grosse hob beide Arme. »Ich schwöre bei Gott: Es ist nicht wahr!«

»Weiter!« sagte Dr. Böhler ungerührt.

»Der Kommissar sagte mir, damit sei mein Todesurteil bereits gesprochen. Er brauche nur zu winken, dann käme einer ins Zimmer und gäbe mir den Genickschuß. Ich fiel zusammen, ich heulte und kroch auf den Dielen herum. Ich war so feige, so elend feig. Ich woll-te leben! Da sagte der Kommissar, daß er mich retten könnte, wenn ich ein V-Mann zum MWD würde, wenn ich meine Kameraden im Lager bespitzeln und es ihm melden würde und alle anzeigte, die schlecht über Rußland und die Kommunistische Partei sprechen. Ich habe ihm die Hände geküßt und den Schein unterschrieben! Damit war ich frei ... keiner gab mir den Genickschuß, ich bekam sogar in der Küche von Pjatjal mehr zu essen als die anderen. Und ich meldete alles, was ich hörte und sah.«

»Dann warst du doch ein elendes Schwein!«

»Ich bin Vater von vier Kindern. Ich will wieder nach Hause!«

»Und wieviel Familienväter hast du denunziert? Daran hast du nicht gedacht! Nur immer ich! Ich! In der Gefangenschaft heißt es >wirwir< ist das große Symbol der Kameradschaft. Du hast es in den Dreck gezogen und solltest im Dreck ersticken. Das war nur gerecht. Siehst du das ein?«

Walter Grosse kroch in sich zusammen. »Ja.«, röchelte er.

Dr. Böhler schob die Hand weg, die zaghaft nach ihm tastete. »Noch etwas«, sagte er hart. »Worotilow wird dich verhören, auch Dr. Kresin, vielleicht auch Kuwakino. Du weißt nicht, wer dich in die Latrine warf!Du hast sie nicht erkannt! Verstanden? Wenn du nur einen Namen nennst, wirst du wieder in die Latrine fliegen . und dann werde ich vergessen, daß ich Arzt bin, und dich nicht retten! Ich werde es auf mein Gewissen vor Gott nehmen, dir jede Hilfe zu verweigern! Hast du mich verstanden?!«

»Ja.« Walter Grosse zitterte, die Tränen rannen über sein Gesicht. »Ich habe es doch nur aus Angst getan. Man wollte mich erschießen . und ich habe vier Kinder.«

Die Tür sprang auf, Major Worotilow stand im Rahmen. Walter Grosse fiel in die Kissen zurück, er wimmerte vor Angst.

»Sie allein mit Grosse?« fragte Worotilow sarkastisch. »Darf ich mich Ihrem Verhör anschließen, Doktor?«

»Ich untersuche nur den Patienten.«

»Seelisch, ich verstehe.«

»Er ist vernehmungsfähig. Aber ich muß als Arzt bemerken, daß sein Herz einen Schock bekommen hat und bei Überanstrengung ein Herzschlag eintreten kann.«

Major Worotilow lachte leise. »Ich verstehe nichts von Medizin, aber so idiotisch bin ich nicht, um nicht zu wissen, daß so ein Schock im Herzen völliger Quatsch ist! Das gibt es nicht. Grosse ist gesund ... vielleicht noch ein wenig nervenschwach. Aber das gibt sich.« Er trat an das Bett. Walter Grosse starrte ihn aus tief in den Höhlen liegenden Augen an. »Nun, du Schwein«, sagte Worotilow. »Schade, daß du nicht mehr Scheiße gefressen hast!« Mit den Beinen angelte er sich einen Schemel heran und setzte sich. Unwillkürlich rückte Walter Grosse in die äußerste Ecke des Bettes.

»Wer hat dich in die Latrine geworfen?«

Grosse starrte Major Worotilow an. »Ich habe sie nicht erkannt.«

»Ich lasse dich erschießen, wenn du mir die Namen nicht nennst!«

»Ich weiß es nicht!« schrie Grosse gellend. Er warf sich aufs Gesicht und krallte die Finger in das Bett. Auf und nieder zuckte sein Körper.

»Er ist nicht mehr vernehmungsfähig«, sagte Dr. Böhler aus seiner Ecke heraus.

Worotilow erhob sich schnell. »Gut haben Sie das gemacht. Sehr gut! Ein wenig Seelenmassage, was? Glauben Sie, daß sie anhält?«

»Ja.«

Worotilow nickte. Er lächelte breit und hob grüßend die Hand. »Wie gut Sie mich damals verstanden haben, Herr Doktor«, sagte er voll scharfen Hohns. »Der Sieg der Macht! Die Macht des Grauens! Ich hätte Sie nicht darüber zu unterrichten brauchen . ich sehe, daß unsere Methode auch in Ihren Händen gut ist!« Er ging zur Tür und öffnete sie. »Erinnern Sie sich Ihrer Zeit in dem Waldlager? Im Sommer? Denken Sie an unsere ideologischen Gespräche?« Er legte die Hand an seine Tellermütze. »Ich grüße jetzt meine Idee in Ihnen, Herr Doktor.«

Als die Tür zuklappte, kaute Dr. Böhler an der Unterlippe. Er schaute auf den weinenden Walter Grosse, den Angst und Grauen schüttelten. Die Angst trieb ihn in das Lager des russischen Geheimdienstes, die Angst trieb ihn zurück zu seinen deutschen Kameraden. Und zwischen diesen Ängsten wurde sein Leben zermahlen - zu Mehl, zu Staub, der im leisesten Wind zerflattern würde. Der ein Nichts werden würde ... die grauenhafte Leere, die hinter der Angst steht.

»Ekelhaft«, sagte Dr. Böhler leise. Denn auch er hatte plötzlich Angst. Ein Name trat in sein Bewußtsein, der ihn zaghaft machte: Wadislav Kuwakino.

Noch saß er nebenan bei Leutnant Markow.

Noch! Doch was war, wenn er herausbekam, was geschehen war? Wenn er Grosse verhörte? Würde dann die Angst vor den Russen nicht doch stärker sein?

In diesem Augenblick wünschte sich Dr. Böhler, daß Walter Grosse nie wieder erwacht wäre. Er sah die Schwäche, auf die er baute, und wußte, daß Grosse dem Druck Kuwakinos nicht standhalten würde.

Die Lage begann kritisch zu werden, als am Abend des gleichen Tages das Lagerorchester zusammenkam und die Ouvertüre der Operette durchproben wollte. Peter Fischer suchte seine von Julius Kerner geerbte Trompete, jeder suchte sein Instrument in der großen Saalbaracke, der Stolowaja, wie der Russe sie nannte. Aber dort, wo man sie abgestellt hatte, war der Platz leer - selbst die Notenständer, aus Knüppeln gezimmert, waren verschwunden. Der Dirigent des Orchesters, ehemaliger Kapellmeister der Krefelder Oper, sah sich um.

»Die haben unsere Instrumente weggenommen«, sagte er hilflos. »Anders ist es nicht zu erklären.«

Betreten standen die Musiker herum, bis Karl Georg, der Schlagzeug spielte, von draußen wieder hereinkam. Sein Gesicht war wutverzerrt.

»Der Posten sagt - beschlagnahmt!« schrie er. »Wegen der Sache mit Grosse! So lange beschlagnahmt, bis sich die Täter melden! Außerdem ist es verboten, weiter zu proben! Es gibt keine Bibliothek mehr, nur noch halbes Essen für das ganze Lager, keine Zeitungen, ab neun Uhr - das ist in 20 Minuten - kein Licht mehr! Zum Kotzen ist das!«

Peter Fischer hockte auf einem Schemel, ein Häuflein Unglück.

»Das hätte sich der Kerner mit seiner Trompete nicht gefallen lassen. Er wäre zu Worotilow gegangen.«

»Dann geh doch, du Idiot!« schrie Karl Georg. »Dir fehlt auch so 'ne Nase wie dem Sauerbrunn seine.«

Der Dirigent ordnete die handgeschriebenen Noten; dann verteilte er sie nach Instrumenten. »Proben wir so«, sagte er. »Jeder kennt sein Instrument . üben wir jetzt bloß die Einsätze. Ich markiere die Instrumentalgruppen.« Er hob den Taktstock - aus einer Birke geschnitten, weiß, lang, zart. »Die Bläser beginnen. Tata ... tata. Erst die Trompeten . dann nach sieben Takten die Flöten und Klarinetten. Nach Takt zwölf Einsatz der Pauke.«

Die Musiker umstanden den Dirigenten. In ihren Ohren klangen die Melodien, während sie stumm auf die Noten starrten, die Takte zählten und auf den Taktstock achteten, der die Tempi angab, während die linke Hand den Instrumenten den Einsatz zuwinkte. Es war eine gespenstische Szene - 32 Männer, stumm, Noten in den Händen, und ein Dirigent, der voll dirigierte.

Um neun Uhr erlosch das Licht. Dunkel, feindlich lagen die Baracken im Schnee unter dem kalten Himmel. Nur im Lazarett brannten die Lampen.

Peter Fischer ging zu dem Ofen, den man in der Ecke des Saales angesteckt hatte, und hielt einen Holzkloben in die Glut. Als das Scheit brannte, zog er es heraus und hielt es hoch über seinen Kopf. Flammendes Licht umspielte die stummen Musiker und warf zuk-kende Schatten gegen die Wände.

»Proben wir weiter«, sagte der Dirigent. Seine Stimme war brüchig vor Ergriffenheit. »Zweiter Teil, ab Takt 34. Die ersten Geigen setzen ein. Langsamer Bogenstrich, singend. Und genau auf die Tempi achten, da gleich die Celli einsetzen.«

Dreimal wechselte Peter Fischer das brennende Scheit, dann hat-te der Posten dem Major gemeldet, daß in der Stolowaja die Gefangenen trotz Dunkelheit und ohne Instrumente probten. Worotilow hatte den Russen ungläubig angesehen und war ein Stück mitgekommen. Vor der Baracke hatte er durch das Fenster geblickt und das stumme Orchester mit dem fackelschwingenden Peter Fischer beobachtet. Er hatte dem Posten zugenickt und war zurück in seine Kommandantur gegangen. Lange stand er zögernd vor dem Hauptschalter. Nur ein Griff - und im Lager war Licht. Worotilow hatte schon die Hand ausgestreckt, hastig zog er sie wieder zurück.

Es sind Gefangene ... es sind Verdammte! Der Sieger ist Rußland! Sie haben zu gehorchen. Er starrte auf den schwarzen Hebel - zögernd wandte er sich ab und ging in sein Zimmer.

Am nächsten Morgen wurden nur die halben Portionen ausgeteilt. Michail Pjatjal ließ sich bei den Essenholern nicht blicken - er schickte Bascha Tarrasowa vor und ließ sie die Flüche der Plennis anhören. »Ihr freßt euch dick und hurt wie die Karnickelböcke!« schrie einer der Essenholer. »Und wir sollen bei 300 Gramm Brot und 'nem halben Liter Suppe arbeiten können!«

»Befehlll von Majorr!« sagte Bascha und lächelte vielsagend.

»Leck mich am Arsch!« Die Kohlwassersuppe wurde in die großen Kessel gefüllt. Man tat es mit Wut... oft spritzte die Suppe über den Kesselrand in den Schnee. Michail Pjatjal, der Küchenleiter, beobachtete es von seinem Zimmerfenster aus und grinste. »Was überläuft, abziehen, Bascha!« rief er dem Mädchen auf russisch zu. »Die Kerle werden sonst zu fett.«

»Da ist ja der alte Hurenbock!« rief einer aus der Schlange. »Dir schlagen sie auch noch mal die weiche Birne ein!«

Pjatjal lächelte und schloß die Fenster. Er dachte an den schönen Rinderbraten, der in der Küche bruzzelte.

Im Lazarett stand Dr. Böhler vor seinem Sanitätspersonal. Er blickte von einem zum anderen - Dr. Schultheiß, Ingeborg Waiden, Martha Kreutz, Erna Bordner, Emil Pelz und vier Hilfssanitäter. Sein

Gesicht war sehr ernst.

»Worotilow läßt nur halbe Portionen ausgeben«, sagte er langsam. »Das bedeutet, daß wir innerhalb von drei Wochen die ersten Fälle von Hungerödem bekommen. Von Herzschäden ganz zu schweigen! Ich bin gewillt, diese Strafmaßnahme nicht hinzunehmen!«

Ingeborg Waiden sah ihren Chef verblüfft an.

»Was wollen Sie dagegen tun?« fragte sie kleinlaut.

»Ich werde das Lazarett schließen.«

»Was werden Sie?« Dr. Schultheiß schüttelte den Kopf. »Das geht doch nicht! Wir haben voll belegt. Leutnant Markow liegt hier.«

»Um den kann sich Dr. Kresin kümmern. Außerdem haben die Russen ja die Kasalinsskaja und die Tschurilowa! Wenn ihr alle Mut habt, ein wenig Zivilcourage und bereit seid, die Folgen zu tragen, legen wir ab heute die Arbeit nieder, bis wieder normale Verhältnisse im Lager herrschen. Ich nehme es allein auf mich: Ihr habt alle nur unter meinem Befehl gehandelt.«

Dr. Schultheiß trat vor. Sein junges Gesicht mit den blonden Haaren darüber war gerötet. »Wir lassen Sie nicht allein, Herr Stabsarzt!«

»Dann kann ich dem Major melden, daß wir nicht mehr arbeiten?«

»Ja, Herr Stabsarzt.«

Dr. Böhler wandte sich ab und verließ das Lazarett. Bevor er aber zu Worotilow ging, schrieb er noch einen Brief und gab ihn Dr. Schultheiß. »Bewahren Sie ihn gut«, sagte er mit belegter Stimme. »Es kann sein, daß ich nicht zurückkomme. In diesem Falle behalten Sie den Brief und geben ihn meiner Frau, wenn Sie dazu Gelegenheit haben. Einmal werden Sie ja doch aus Rußland herauskommen.«

Dr. Schultheiß legte den Brief zur Seite auf den Tisch. Seine Augen glänzten. »Ich lasse Sie nicht allein gehen, Herr Stabsarzt! Ich gehe mit zu Worotilow!«

»Sie bleiben! Einer muß doch auf Ordnung sehen. Und meinen Brief müssen Sie an die Adresse meiner Frau besorgen. Das ist mir wichtiger als Ihr Heldentum! Vergessen Sie das nicht.«

Dr. Schultheiß zögerte. In seinen Zügen arbeitete es. »Nein«, sagte er stockend. »Ich werde es nicht vergessen.«

Er begleitete Dr. Böhler bis zur Treppe des Lazaretts und blieb dort stehen. Er blickte ihm nach, wie er schlank, in seiner wattierten Jacke, die Klappenmütze auf dem schmalen Kopf, durch den Schnee stapfte, der Kommandantur entgegen. Ein Posten, der von den Türmen kam, sah ihm nach. Einige Gefangene, die aus der Tischlerwerkstatt traten, grüßten stramm. Fast wie auf einem winterlichen Kasernenhof, wären die Türme und der Drahtzaun, die ausgehungerten Gesichter und die Sehnsucht nach der Heimat nicht gewesen.

Dr. Schultheiß sah, wie Dr. Böhler an der Kommandantur seine Stiefel abklopfte und die Tür aufriß. Dann war er im Innern verschwunden, und Dr. Schultheiß hatte das Gefühl, er werde ihn nie wiedersehen.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Ingeborg Waiden stand hinter ihm. Sie hatte Tränen in den Augen.

»Ich habe Angst«, sagte sie leise.

»Ich auch, kleine Schwester.« Er legte den Arm um ihre Schulter. »Aber das Leben wird weitergehen, wenn es sein muß, auch ohne den Chef. Tausende brauchen uns, wie wir Dr. Böhler brauchen.« Er strich ihr mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen und zog sie in die Baracke.

Am Fenster des Nebengebäudes stand Janina Salja und beobachtete sie. Sie sah, wie er sie umfaßte, wie seine Hand über ihre Wangen strich. Ihre Augen brannten, rote Flecke zeichneten sich auf ihrer blaßgelben Haut ab.

Die deutsche Schwester! Diese verfluchte, hübsche Deutsche!

Sie trat zurück in ihr Zimmer und griff unter das Kopfpolster des Bettes. Eine kleine Pistole lag in ihrer Hand. Sie betrachtete sie nachdenklich, ehe sie die Waffe in die Tasche ihres Morgenrockes steckte. Dann trat sie an die Tür und rief in den Gang hinaus: »Dr. Schultheiß soll kommen!«

Füße trappelten. Ein Sanitäter lief, den Arzt zu holen.

In der Tasche des Morgenrockes hielt Janina den Griff der Waffe umklammert, ihr Körper bebte.

Sie hörte durch den Spalt der geöffneten Tür auf dem Gang seinen schnellen, festen Schritt.

Jens, dachte sie. Jetzt geht er in den Tod . aber nicht allein. Ich gehe mit ihm.

Wenn die Tür öffnet, werde ich abdrücken ... erst er, dann ich. Dann haben wir Ruhe, soviel Ruhe. Und seine Liebe gehört nur mir allein.

Mit einem Ruck wurde die Tür aufgerissen. Die Pistole in ihrer Hand fuhr empor. In der Tür stand Dr. Kresin.

Major Worotilow stand am Fenster und starrte auf die verschneiten Baracken. Er stand mit dem Rücken zu Dr. Böhler, der am Tisch saß und eine von Worotilows türkischen Zigaretten rauchte. Die Finger des Majors trommelten nervös auf die vereiste Scheibe . es war das einzige Geräusch, das im Zimmer zu hören war.

»Ich muß Ihre Meuterei nach Moskau melden«, sagte Worotilow plötzlich. Seine Stimme zerriß die Stille. Fast erschrocken über diesen plötzlichen Laut blickte Dr. Böhler auf.

»Das sollen Sie auch.«

»Man wird Sie nach 5110/36 bringen. Nach Workuta am Eismeer! Dort haben Sie keinerlei Hoffnung mehr, Köln je wiederzusehen. In Workuta sind bis jetzt 300.000 Sträflinge gestorben.«

»Und darauf sind Sie als Russe stolz!«

Worotilow wich einer Antwort aus - er trommelte wieder gegen die Scheibe. »Es wird sich nichts ändern, wenn Sie weg sind. Ich werde die halben Portionen ausgeben und alle Vergünstigungen sperren, bis sich die Täter gemeldet haben! Wir kommen auch ohne einen Dr. Böhler aus.«

»Das glaube ich gern. Darum möchte ich auch gehen. Ich will nicht zusehen, wie Tausende vor die Hunde gehen, nur weil ein russischer Major die Wahnidee hat, daß das Grauen, daß die Grausamkeit al-lein Sieger über den Menschen ist! Sie sind Russe, aber Sie sind auch Offizier. Und davon kommen Sie nicht los . das ist die Tragik Ihres Lebens! Sie müssen ein Sowjet sein - und wären doch lieber ein Soldat im Sinne von Clausewitz.«

»Halten Sie den Mund!« schrie Worotilow vom Fenster her. »Ich habe bereits Kommissar Kuwakino von Ihrer Meuterei berichtet -genügt Ihnen das?! Ihre Stelle wird Dr. von Sellnow einnehmen, der übermorgen von Stalingrad-Stadt geholt wird! Dr. Schultheiß bleibt auch, die deutschen Schwestern.«

»Dr. Schultheiß, die Schwestern und das gesamte Sanitätspersonal legen gleichfalls die Arbeit nieder.«

»Dann kommen auch sie in ein Straflager!« brüllte Worotilow. »Ich werde das Lazarett mit meinen russischen Ärzten weiterführen, bis ich aus anderen Lagern wieder deutsche Ärzte bekommen habe. Es gibt Tausende von gefangenen Ärzten!«

»Das streite ich nicht ab. Aber auch sie werden nicht anders reagieren, wenn sie sehen, was hier gespielt wird! Man hat einen Verräter, einen Lumpen, einen Spion zu ersäufen versucht. Walter Grosse ist in unseren Augen ein Schwein, auch wenn er unter dem Druck Kuwakinos handelte. Er gab sich aus Feigheit in seine Hand und opferte seiner Angst Hunderte von Kameraden! Ich möchte wissen, Major Worotilow, was man in Rußland täte, würde man solche Männer in den Reihen der Sowjetsoldaten entdecken. Wie würde die Rote Armee handeln, Major Worotilow?!«

»Warum unterhalte ich mich überhaupt mit Ihnen?« Worotilow drehte sich herum. »Sie sind ein Plenni! Das scheinen Sie wohl ganz vergessen zu haben! Machen Sie, daß Sie 'rauskommen!«

Dr. Böhler erhob sich. Er drückte seine Zigarette aus und nahm seine Fellmütze vom Tisch. »Ich werde das Lazarett gleich räumen und mir in einer Baracke eine Schlafstelle suchen.«

»Sie bleiben im Lazarett, bis man Sie abholt!«

»Aber ich werde nicht praktizieren.«

»Sie werden!« Worotilow trat näher. Er griff nach seinem Koppel zog die langläufige Pistole aus dem Futteral und legte sie auf den

Tisch vor Dr. Böhler. »Ich werde neben Ihnen stehen mit dieser Pistole. Und neben dieser Pistole werden Sie operieren!«

»Das werde ich nicht! Eher werden Sie schießen!«

»Ich werde nicht zögern.«

»Dann sind wir uns ja einig.« Dr. Böhler grüßte. »Um halb elf soll eine erfrorene Hand amputiert werden. Ich erwarte Sie um halb elf im Operationszimmer. Mit Pistole, Major. Wenn Sie mich erschossen haben, wird ja wohl Dr. Kresin die Amputation machen.«

Worotilow schüttelte den Kopf. »Nein, Dr. Böhler. Wir werden den Mann mit der erfrorenen Hand wieder zurückbringen.«

»Das wäre sein Tod! Er würde den Brand bekommen!«

»Wenn auch! Sie wollten nicht operieren. Dr. Kresin braucht nicht zu operieren! Einen anderen Chirurgen haben wir nicht da! Also wird der Mann sterben - und nicht nur dieser, sondern alle, die in Zukunft operiert werden müssen. Es wird allein die Schuld von Dr. Böhler sein.«

Der Arzt sah zu Boden. In sein schmales Gesicht stieg heiße Röte. Er sah plötzlich die Auswirkungen seines Entschlusses und erinnerte sich der Worte, die er eben noch Dr. Schultheiß gesagt hatte. Was wird, ist wichtig, nicht das Heldentum! Und gerade er war jetzt dabei, seine Kameraden zu verlassen, sie zu verraten, sie einfach sterben zu lassen, weil er im Zorn über die Strafmaßnahmen der Lagerleitung sein Amt zur Verfügung stellte. Ein Zorn, der nichts änderte, sondern nur alles verschlimmerte und die Plennis tiefer hineinstieß in die Hoffnungslosigkeit als je zuvor. Er hatte gedacht, Wor-otilow mit seinem Verzicht zur Aufgabe der Strafen zu bewegen, und war nun gezwungen, sich selbst zu erniedrigen. Worotilow war der Stärkere, er war der Sieger, er hatte in seinen Händen die Gewalt der Grausamkeit. Es war seine Idee! Und sie war erfolgreich. Das entschied.

Dr. Böhler blickte Worotilow an. »Ich operiere um halb elf.« sagte er leise.

Am Abend brannten um zehn noch die Lampen im Lager, und das Orchester probte in der Stolowaja mit seinen Instrumenten. Nur

das Essen blieb noch um die Hälfte reduziert. Worotilow war mit sich und der Welt sehr zufrieden.

Drei Tage nach diesen Ereignissen kam Kommissar Wadislav Ku-wakino in das Zimmer Dr. Böhlers. Seine weit auseinanderstehenden Augen glänzten vor Triumph.

Dr. Böhler wurde es kalt unter diesen Augen. Angst kroch in ihm hoch, aber er hielt dem Blick des kleinen Asiaten stand. Kuwaki-no faltete die Hände, als wolle er beten. Es war bei ihm eine groteske Geste, und Dr. Böhler mußte sich Mühe geben, nicht zu lächeln - trotz der Gefährlichkeit der Situation.

»So sieht auß Mann, derr komtt in Sumpf!« sagte der Kommissar langsam und betrachtete den Arzt voller Verachtung. »In Sumpf von Kasymsskoje, wo Todd ist.«

Dr. Böhler biß die Zähne zusammen. Was er nie geglaubt hatte, war doch Wahrheit geworden: Worotilow hatte ihn bei Kuwakino angezeigt. Er hatte seine Drohung ausgeführt. Er hatte sich durchgerungen, ein Russe zu sein und nicht ein Freund der Deutschen. Er opferte ihn, um zu beweisen, daß er der Herr der Macht war.

»Auch in Kasymsskoje wird es Kranke geben.«

Kuwakino nickte. »Abber nicht Arzt!« Er grinste. »Du dort Ar-beitter! Wie alle! Nicht Arzt!«

Dr. Böhler erhob sich und wanderte im Zimmer hin und her. Die Blicke aus den Fuchsaugen des Kommissars wanderten mit. Er trat ans Fenster und sah, wie ein Lastwagen auf dem Platz ausgeladen wurde. Die Kasalinsskaja stand dabei und sprach erregt auf einen vermummten Mann ein. Sein Pelzmantel schleifte fast über den Schnee, die Mütze hatte er tief ins Gesicht gezogen. Jetzt drehte sich der Mann herum und blickte zum Lazarett. Dr. Böhlers Herz stockte einen Augenblick.

Werner von Sellnow.

Er kam, ihn abzulösen. Es war Ernst geworden.

Moskau schrieb den Arzt, den Chirurgen Dr. Fritz Böhler ab.

Hinter sich hörte er leises Atmen. Kommissar Kuwakino sah ihm über die Schulter.

»Nachfolgerr!« sagte er leise.

»Sie hätten keinen Besseren finden können. Dr. von Sellnow ist ein vorzüglicher Arzt.«

»Und Kommunist.«

»So?« Dr. Böhler wandte sich ab. Sellnow ein Kommunist? Sollte die Kasalinsskaja ihn ganz in ihr Lager hinübergezogen haben? Er schloß das Aktenstück, das auf seinem Tisch lag, und kam sich allein und von allen verlassen vor. Dr. Kresin ließ sich nicht blicken, Worotilow nicht, Dr. Schultheiß machte mit den Schwestern Visite, die Kasalinsskaja stand bei ihrem Geliebten, die Tschurilowa saß im Laboratorium. Er war allein. Allein mit Kuwakino.

»Wann werde ich abtransportiert?«

»Am Mittwoch nächster Woche.« Kuwakino lächelte. »Ohne Gepäck.«

Ohne Gepäck. Dr. Böhler kannte diesen Ausdruck. Ohne Gepäck hieß: Du brauchst keinen Ballast mehr, denn du kommst doch nie wieder zurück zu den Lebenden. Du bist abgeschrieben, du stehst in keiner Liste mehr . du bist Freiwild, eine Null, ein Nichts!

Kommissar Wadislav Kuwakino warf noch einen Blick auf den schweigenden Arzt, dann verließ er das Zimmer und prallte auf dem Flur mit Dr. von Sellnow zusammen, dem die Kasalinsskaja folgte. Sellnow war hochrot im Gesicht. Er bebte vor Zorn und stellte sich dem kleinen Asiaten in den Weg.

»Wo ist der Stabsarzt, Kommissar?« brüllte er.

»Im Zimmer.«

Sellnow schob Kuwakino zur Seite und rannte den Gang entlang. Er riß gerade die Tür auf, als der Kommissar leise zu der Kasalinsskaja sagte: »Wir müssen auch ihn beobachten! Er ist ein Deutscher! Er ist immer gefährlich! Er wird vielleicht der nächste sein.«

Dann ging er weiter. Mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen sah ihm die Kasalinsskaja nach.

Die kalte Hand Moskaus lag über dem Lager 5110/47.

Dr. von Sellnow stand im Zimmer. Er hatte sich gegen die Tür gelehnt, die er von innen verschlossen hatte. Seine Pelzmütze lag auf dem Boden zwischen ihm und Dr. Böhler.

»Guten Tag, Werner«, sagte Dr. Böhler freundlich.

Sellnow ballte die Fäuste. »Du Idiot!« zischte er. »Du heilloser Idealist! Du romantischer Feigling!«

»Ist das alles, was du mir nach so langer Abwesenheit zu sagen hast?«

»Ich könnte dir noch mehr sagen, ich könnte dir all das, was ich in mir aufgespeichert habe, ins Gesicht schleudern wie einen Eimer Dreck ... aber es hätte ja doch alles keinen Sinn!«

»Wie gut du mich kennst.« Dr. Böhler streckte den Arm aus, zu Sellnow hin. »Komm, gib mir die Hand.«

Sellnow rührte sich nicht. »Es stimmt, was man mir erzählt hat. Du hast gemeutert, und ich übernehme das Lazarett?«

»Ja.«

»Du kommst als gemeiner Plenni in ein Straflager?«

»Ja. Nach Kasymsskoje, in die Sümpfe von Westsibirien.«

»Das weißt du?«

»Kuwakino hat es mir eben gesagt. Mittwoch werde ich abtransportiert. Bis dahin hast du Zeit, dich wieder einzuarbeiten. Wir haben jetzt drei deutsche Schwestern, eine russische Laborantin.«

»Hör mir auf mit den Weibern!« Sellnow schleuderte seine Jacke ab. Vor Erregung vibrierend stand er vor Böhler. »Und du schämst dich nicht, uns zu verlassen?!«

»Ich gehe für unser Recht! Man hat an meinen Kameraden rechtlos gehandelt . und da mache ich nicht mit!«

»Recht! In der Gefangenschaft Recht! Wenn ich das höre! Man könnte sich vor soviel Blödheit die Haare raufen! Du kennst Kre-sin, kennst Worotilow . es sind gute Kerle, die oft anders müssen, als sie selbst wollen! Auch sie haben einen über sich, der mit der Naßaika winkt, wenn sie nicht spuren. Das weißt du alles ... und da stellst du dich hin, der Herr Stabsarzt Dr. Fritz Böhler, stellst dich hin in deiner ganzen Größe und spuckst große Bogen von we-gen Menschenrecht um jeden Preis.«

Dr. Böhler wandte sich ab. »Deine Unsachlichkeit hat in Stalingrad noch zugenommen«, sagte er ruhig. »Es geht hier um mehr als Äußerlichkeiten. Es geht um die Grundeinstellung! Man hat versucht.«

»Ich weiß, ich weiß!« Sellnow winkte mit beiden Armen ab. »Alexandra hat's mir erzählt. Sie haben den Walter Grosse in der Latrine ersäufen wollen, und du Idiot hast ihn gerettet.«

»Ich bin Arzt.«

»Herrlich! Ich bin Arzt! Wäre Grosse ersoffen, in der Scheiße untergetaucht, so hätte man sein Verschwinden lange nicht gemerkt. Beim Appell hätte einer für ihn >hier< gerufen, bis es Kuwakino aufgefallen wäre, daß keine Meldungen mehr eintrafen. Dann aber wären alle Spuren längst verwischt gewesen! So aber wird der Grosse aussagen ... man wird ihn kirre kriegen. Mit Foltern, mit Seelenmassage, mit der Drohung, seine Frau und Kinder als Geiseln festzunehmen. Das wirft den stärksten Seemann um! Und dann marschieren nicht du allein, sondern noch sieben andere Männer in die Sümpfe.«

»Wieso sieben?« Dr. Böhler sah Sellnow groß an.

»Weil ich sie kenne!« Er wurde ein wenig verlegen und sah an die Decke. »Ich habe in der Fabrik >Roter Oktober< nicht auf dem Mond gelebt. Ich habe die Namen am nächsten Tag gewußt.«

»Von wem?« Dr. Böhler trat einen Schritt vor. Als Sellnow auswich, faßte er ihn an den Rockaufschlägen und zog ihn zu sich heran. »Werner, ich will wissen, woher du die Namen kennst. Ich muß die sieben Männer schützen . ich muß sie vor Grosse und Kuwakino schützen. Sie bilden die einzige Gefahr. Sie müssen sicher sein, bevor ich am Mittwoch abtransportiert werde. Wer weiß die Namen noch?«

Sellnow senkte den Kopf. »Alexandra«, sagte er leise.

Verblüfft ließ Dr. Böhler ihn los. »Die Kasalinsskaja? Und sie schweigt? Sie . die gefürchtetste Frau im ganzen Bezirk Stalingrad.«

»Ja, sie schweigt.« Sellnow schob Dr. Böhler zur Seite und trat an den Tisch. »Aber das ist unwichtig. Alles ist unwichtig. Du darfst auf keinen Fall nach Kasymsskoje. Dort gehst du innerhalb von vierzehn Tagen vor die Hunde!«

»Das weiß ich. Aber ich bettle nicht. Worotilow hat mich bei Ku-wakino verraten. Das war meine größte Enttäuschung seit Jahren. Kresin kann mir gegen Kuwakino nicht helfen - ich werde also gehen.«

Sellnow schwieg. Er starrte auf die Tischplatte. In seinem Kopf entwickelte sich ein Plan, ein schrecklicher, ein verzweifelter Plan. Dr. Böhler beobachtete ihn verblüfft, er wollte etwas sagen, aber Sellnow drehte sich schon um und kam auf ihn zu.

»Was auch kommen mag, Fritz, versprichst du mir, ruhig zu bleiben?«

»Was soll das, Werner? Was hast du vor?«

»Willst du still sein, Fritz? Versprich es mir. Gib mir die Hand, daß du keinen Finger rühren wirst. Daß du nichts unternimmst.«

Dr. Böhler schüttelte den Kopf. Eine unbestimmte Ahnung hielt ihn zurück, sein Wort zu geben.

»Wenn ich nicht weiß, was es ist.«

Sellnow zögerte wieder, doch dann ergriff er seine Jacke, hing sie lose um die Schultern, setzte seine Pelzmütze auf den Kopf und schloß die Tür auf.

»Leb wohl, Fritz«, sagte er leise. Seine Stimme schwankte ein wenig. »Ich war manchmal grob und ein scheußliches Ekel. Ich habe euch oft Sorgen gemacht und dir viel gesagt, was ich eigentlich gar nicht so meinte. Vergiß alles, und bleibe so, wie du bist.«

Dr. Böhler kroch die Angst im Halse hoch. Er spürte, wie sie ihn würgte. »Was soll das, Werner?« sagte er drängend. »Du hast wieder eine Dummheit vor. Werner!«

Er lief ihm nach - aber Sellnow war schon im Flur und rannte ihn entlang. Plötzlich wußte Dr. Böhler, was er plante, und eine wilde Verzweiflung erfaßte ihn.

»Werner! Bleib!« schrie er durch das Lazarett. Die Kasalinsskaja tauchte am Ende des Ganges auf und stellte sich dem davonstür-menden Sellnow in den Weg.

»Halten Sie ihn fest, Alexandra!« schrie Dr. Böhler. »Er macht eine Dummheit! Halten Sie ihn!«

In vollem Lauf prallte Sellnow gegen die Ärztin, er wirbelte sie mit sich herum, stürmte an ihr vorbei und riß die Außentür auf. Ingeborg Waiden, die aus der Lungenstation kam, war nicht fähig, den rennenden Mann aufzuhalten. Sie sah entsetzt zu, und erst der Aufschrei der Kasalinsskaja weckte sie aus ihrer Erstarrung.

Sellnow rannte über den vereisten Platz. Seine Jacke flatterte ... sie wehte davon, fiel in den Schnee als ein dunkler, welliger Haufen. Sellnow merkte es nicht. Er hetzte über den weiten Platz, er rannte zur Kommandantur, vor der gerade Kommissar Kuwakino seine Stiefel bürstete.

Die Kasalinsskaja jagte mit flatternden Haaren ihm nach. Dr. Böhler stand an einem offenen Fenster und brüllte die von der Küche kommenden Soldaten an: »Aufhalten! Haltet ihn fest! Festhalten!!«

Sellnows Atem flog. Wie ein Besessener rannte er über das Eis ... dann hatte er den Kommissar Kuwakino erreicht.

Ehe Alexandra bei ihm war oder die Soldaten zugreifen konnten, hatte er sich auf den kleinen Asiaten gestürzt und schlug ihm mit beiden Fäusten ins Gesicht. Kuwakino schrie auf. die Trillerpfeifen der Posten auf den beiden Türmen schrillten ... aus dem Postenhaus rannten die Russen. Worotilow erschien am Fenster . ungläubig, erblassend sah er auf die Szene vor seiner Kommandantur.

Sellnow hieb auf Kuwakino ein, der wimmernd zu Boden fiel. Dann trat Sellnow auf seinem Körper herum, es war, als wollte er ihn in das Eis stampfen. Dabei hielt er die Augen geschlossen und trat . trat.

Dr. Böhler sank mit dem Kopf gegen das Fenster. Er zitterte und kämpfte mit einem lauten Schluchzen.

Aus! dachte er nur. Aus! Aus!

Die ersten Posten waren bei der Gruppe . ein Kolbenhieb warf Sellnow neben Kuwakino in den Schnee.

In die Arme des herausstürzenden Worotilow fiel die Kasalinss-kaja. Sie schrie noch einmal grell auf, ehe sie besinnungslos zusammenbrach.

Und um sie herum standen die deutschen Gefangenen . stumm, unbeweglich, mit harten Augen.

Sanitäter eilten herbei . sie luden den blutüberströmten, kaum noch atmenden Kuwakino auf eine Bahre und rannten zurück zum Lazarett. Dr. Kresin erschien und raufte sich die Haare.

»Dynamit her!« schrie er über den Platz. »Dynamit, um das ganze Lager in die Luft zu sprengen!«

Ruhig, als sei nichts geschehen, trotteten die Plennis zu den Baracken zurück. Sie kümmerten sich nicht um die Befehle, die Wor-otilow hinausbrüllte . seit Tagen aßen sie die halbe Portion . was gab es noch Schlimmeres als das?

Bis in die Nacht hinein arbeiteten Dr. Kresin, Dr. Böhler und die beiden Schwestern Martha Kreutz und Erna Bordner im Operationssaal an Wadislav Kuwakino. Dann hatten sie seine Rippenbrüche und seine Schädelverletzungen verbunden, eine Bluttransfusion gemacht und die Knochen geschient. Die Kasalinsskaja lag in ihrem Zimmer. Sie hatte einen Nervenzusammenbruch. Ingeborg Waiden gab ihr Morphium, die Tschurilowa wachte bei ihr.

Dr. Kresin blickte auf Dr. Böhler, als sie sich nebeneinander die Hände wuschen. Der Russe war erschöpft ... er atmete rasch und keuchend.

»Er wird auf einem Auge blind bleiben«, sagte er leise. »Der Stiefelabsatz hat das Auge ausgeschlagen.«

»Ich habe es gesehen«, antwortete Dr. Böhler erschüttert.

»Das ist das Todesurteil für Sellnow.« Kresin sagte es, als sei es sein eigenes Urteil.

Stumm wandte sich Dr. Böhler ab und verließ den Raum. Auf dem Flur lehnte er den Kopf gegen die Holzwand und schluchzte.

So fand ihn Dr. Schultheiß ... er zog ihn in sein Zimmer, drückte ihn auf das Bett und löschte das Licht.

Zwei Tage später wurde Dr. von Sellnow von einem Lastwagen der Division in Stalingrad abgeholt. Worotilow stand dabei und kaute an der Unterlippe.

Vier Mongolen führten den Arzt, in Ketten, mit einem verquollenen, zerschlagenen, blutunterlaufenen Gesicht.

Nur einmal zögerte Sellnow und blickte zurück zu der großen, schönen Lazarettbaracke. Dr. Böhler stand an einem der Fenster, bleich und übernächtig.

Ein Kolbenstoß in den Rücken. Sellnow bestieg den Lastwagen . die vier Mongolen schwangen sich hinterher ... die Plane fiel. Dr. Kresin saß in seinem Zimmer und hörte, wie der Motor aufheulte. Da warf er die Hände an die Ohren und brüllte, um das Rattern der Maschine zu übertönen.

Langsam fuhr der Wagen aus dem Lager ... allein stand Major Worotilow am großen Tor und blickte ihm nach. Er wurde kleiner . die Straße senkte sich etwas an der Kurve hinter dem Wald. Noch einmal sah er die schaukelnde Plane . dann war nur noch der Schnee da . die grenzenlose Weite . das Schweigen des Landes an der Wolga.

Am Abend dieses Tages schnitt sich Alexandra Kasalinsskaja beide Pulsadern auf. Wadislav Kuwakino würde gesunden. Aber sein linkes Auge war nicht zu retten gewesen.

Die Kasalinsskaja lief mit bandagierten Handgelenken herum. Dr. Böhler hatte sie mit zwölf Bluttransfusionen, von denen drei die Schwester Martha Kreutz spendete, vor dem Hinüberdämmern bewahrt. Zurückgeblieben war bei ihr ein Nervenschock, der sich in plötzlichen Schreikrämpfen äußerte und in tiefen Ohnmächten. Dr. Kresin hatte bereits mit Stalingrad telefoniert und war beim General vorstellig geworden, um eine elektrische Schockbehandlung durchzusetzen.

»Mit diesen Schocks treiben wir ihr auch die Mannstollheit aus!« sagte er giftig zu Dr. Böhler. »Wenn die wieder gesund ist, kennt sie sich selbst nicht mehr und muß sich vor dem Spiegel vorstellen: Gestatten, Genossin Kasalinsskaja.«

Leutnant Piotr Markow lief wieder herum. Sein Gesicht war noch etwas bläulich, aber er nahm schon wieder den Kampf gegen das Lagerorchester auf, was ein sicherer Beweis dafür war, daß er sich wohl fühlte. Mit Dr. Böhler vermied er zu sprechen. Er wußte, daß er ihm sein Leben verdankte, und er war zu sehr Kommunist, um einem deutschen Plenni zum Dank die Hand zu drücken. Nur ab und zu merkte man, daß er so etwas wie ein Schuldgefühl im Herzen trug. Dann sah er bei gewissen Dingen einfach weg, bei denen er früher wie ein Stier gebrüllt hätte.

Von Dr. von Sellnow hatte man keine Nachricht mehr. Sosehr die Kasalinsskaja ihre Beziehungen in Stalingrad und in der Partei spielen ließ, sosehr sie Janina Salja anflehte und diese über die Sanitätsbrigade alle Stellen anrief. man hatte seit dem Abtransport nichts wieder von ihm gehört. Dr. Kresin nahm an, daß er bereits tot sei, daß er das Straflager gar nicht mehr erreicht habe.

Von einer Verlegung Dr. Böhlers in die Sümpfe wurde nicht mehr gesprochen. Er blieb, auch als der Mittwoch kam und die Transporte der leeren Kisten aus der Lagerküche nach Stalingrad zusammengestellt wurden. Somit war der Sinn des Überfalls auf Kuwakino erfüllt. Sellnow hatte sich geopfert, um Dr. Böhler im Lager zu lassen. Keiner sprach darüber, selbst der grobe Markow nicht -nur Dr Böhler trug schwer an der inneren Last und wurde stiller als zuvor, verschlossen, in sich versenkt. Das Opfer seines Freundes blieb ihm im letzten Grunde unverständlich. Worotilow ging ihm aus dem Weg, um ihm keine Erklärungen geben zu müssen. Die einzigen Russen, mit denen er sprach, waren die Kasalinsska-ja, die Tschurilowa, Dr. Kresin und ab und zu Janina Salja.

Seitdem Vorsatz, Dr. Schultheiß zu erschießen, war mit ihr eine große Wandlung vorgegangen. Sie war ruhiger geworden, gefaßter. Dr. Kresin hatte nicht darüber gesprochen, was er an diesem Vormittag getan hatte, als er in das Zimmer trat und die Janina vor sich sah, den Zeigefinger am Drücker. Er hatte nur schnell die Tür geschlossen und die plötzlich Zusammensinkende aufgefangen. Dann hatte er sie erst einmal geohrfeigt, regelrecht geohrfeigt, wie ein Vater sein Kind züchtigt, wenn er es auf einer schlimmen Tat ertappt. Janina hatte es stumm ertragen und Dr. Kresin nur aus großen Augen flehend angesehen. Die Pistole lag auf der Erde mitten im Zimmer. Der Lauf war durchgeladen, der Sicherungsflügel weggeklappt.

»Ich müßte dich totschlagen«, hatte Dr. Kresin nach den Ohrfeigen gesagt. »Du unvernünftiges, geiles Luder!« Dann hatte er sich in seiner alten Manier die Haare gerauft und gestöhnt. »Die Kasalinsskaja ist nymphoman, jetzt geht es bei der Salja auch damit los! Mein Gott - gibt es denn keine anderen Männer als diese Deutschen? Da fängt man diese Burschen, sperrt sie aus Strafe, weil sie Mütterchen Rußland verwüsteten, ein . und was geschieht? Ihre bloße Anwesenheit macht die russischen Weiber zu Huren!«

Janina lag mit geschlossenen Augen in den Kissen. Tränen rannen ihr über die Wangen.

»Jetzt heult sie auch noch!« brummte Dr. Kresin.

»Sie sind ein Schwein, Doktor! Ich liebe Jens.«

»Das ist im Endeffekt doch immer gleich! Es geht euch doch nur darum.«

»Waren Sie nie jung, Doktor?« schluchzte sie.

»Jung, ja! Aber wir waren anders! Wir lebten damals doch unter Väterchen Zar und nannten unsere Eltern Sie! Wenn wir ein Mädchen küßten, waren wir verlobt ... verflucht noch mal ... die Leichtigkeit, mit der ihr liebt, die Selbstverständlichkeit, mit der ihr euch auf den Rücken legt und den Männern winkt, die haben wir bei Gott nie gekannt! Wir hatten eine Ehre . und wenn wir liebten, dann war es bitter ernst, und wir rückten mit Blumen bei den Eltern an! Das andere, das Abladen der jungen Kraft.«, Kresin lachte auf, »dafür gab es in St. Petersburg genug Mädchen, die für fünf Rubel.«

Janina wandte sich ab. »Sie sind schrecklich. Bitte, gehen Sie!«

»Das werde ich nicht. Ich werde dir Moralpauken halten. Die Ohrfeigen waren nur die Einleitung! Auf Dr. Schultheiß schießen! So ein Blödsinn! Und warum? Warum, du Idiotin?«

»Er hat die deutsche Schwester umarmt und gestreichelt.«

»Er hat . er hat. Bist du mit ihm verheiratet?!«

»Vor Gott - ja.«

Dr. Kresin blieb der Mund offen . verblüfft sah er Janina an. Sie lächelte.

»Was heißt das?« brummte Kresin. »Er hat bei dir geschlafen, was?«

»Ja. Er gehört mir, mir ganz allein! Lippe an Lippe haben wir gelegen und Seite an Seite. Wir haben unseren Atem getrunken und waren wie ein Feuer, das schlackenlos verbrennt.«

»So was«, stöhnte Dr. Kresin. »Wie eine Siebzehnjährige. Eine Nacht ist doch kein Versprechen fürs Leben!«

»Bei uns doch! Bei mir doch!« schrie Janina. »Mit sechzehn hat man mich auf der Komsomolzenschule vergewaltigt . damals haßte ich alle Männer. Worotilow zwang mich in sein Bett, weil er stark war und keine Widerrede duldete. Er zerbrach mich jede Nacht. Aber Jens.« Sie legte sich zurück und sah an die Decke - Glück überzog ihre blassen Züge. »Jens war wie der Frühlingswind, der über die Weizenfelder streicht, der die Wasser kräuselt, der die Bäume rauschen läßt, der die Blumen aus der Erde lockt.«

Dr. Kresin sah Janina mit schiefem Kopf an. Die Unmöglichkeit, mit seinem robusten Sinn dem schwärmerischen Glück Janinas zu folgen, ließ ihn knurren. Er stand von dem Bett auf und nahm die Pistole an sich, die auf dem Boden lag, fachmännisch musterte er sie.

»Amerikanisches Modell. Woher?«

»Ausrüstung als Partisanin! Wir bekamen sie, als die Deutschen Stalingrad genommen hatten.«

»Und so lange trägst du sie mit dir herum?«

»Ja.« Janinas Gesicht verfiel wieder. Es war, als ob jede seelische Regung sich in ihrem Antlitz spiegelte. »Ich wollte mich mit ihr erschießen, wenn ich unheilbar lungenkrank sein würde.«

Dr. Kresin sah die Pistole noch einmal an. Er legte den Sicherungsflügel herum, nachdem er die Waffe entladen hatte. »Hier«, sagte er, indem er ihr die Pistole zuwarf. »Nimm sie wieder. Ich werde dir sagen, wann du sie an die schöne Schläfe setzen kannst.«

»Durch den Mund ist sicherer!« sagte Janina giftig. Sie faßte die Waffe nicht an.

»Gut. Auch durch den Mund. Aber vergiß nicht, vorher noch einmal deinen Jens zu küssen . hinterher wird es unästhetisch!«

Er verließ das Zimmer. Starr saß Janina im Bett.

»Bestie!« sagte sie laut.

Dann warf sie die Pistole in die Ecke.

Dr. Kresin hatte nie darüber gesprochen, wie er auch jetzt mit Dr. Böhler nicht über Sellnow sprach, der nach seiner Ansicht längst nicht mehr unter den Lebenden war.

So wurde es Dezember. Das Weihnachtsfest stand bevor ... in der Stolowaja probten jetzt Orchester, Chor, Solisten. Die Kulissen waren gemalt, die Beleuchtung montiert, der Regisseur schimpfte mit den Darstellern, der Dirigent schnauzte mit den Musikern - einmal warf Peter Fischer sogar seine Trompete hin und schrie sein berühmtes: »Leckt mich am Arsch! Wenn ich auf der Trompete furzen soll, dann soll mir das einer vormachen!« Es war vollendetes Theater mit Krach und Proben, mit Haareraufen und darstellerischen Meisterleistungen. Ab und zu erschien Leutnant Markow in der Sto-lowaja und brüllte: »Stillgestanden!« Dann fuhr alles empor, es wurde Ruhe, man stand stramm, Markow ging von Mann zu Mann, besah sich die Kulissen, spuckte auf die Partitur des Dirigenten und verließ den Saal.

»Daß der noch lebt«, sagte Hans Sauerbrunn. »Der müßte vor Haß schon längst geplatzt sein.«

Karl Georg winkte ab und schraubte an seiner Trommel herum. »Der ist sehr friedlich geworden«, meinte er. »Früher hätte er uns die Instrumente zertreten. Heute spuckt er nur dem Dirigenten aufs Notenblatt. Das ist ein gutes Zeichen.«

Vier Tage vor Weihnachten. Die Arbeitskommandos hatten aus den Wäldern schon Tannen geholt, was Worotilow übersah, denn es lagen von der Division noch keine Bestimmungen vor, ob Weihnachten mit Tannenbäumen gefeiert werden durfte oder nicht. Gottesdienste waren seit einiger Zeit wieder erlaubt, und der kleine, schmalbrüstige, verhungerte Pastor schwankte von Block zu Block und hielt seine Bibelstunden und sonntags in der Stolowaja vor einem Kistenaltar, mit einem Sack als Altardecke und einem rührend roh gezimmerten Kruzifix seinen Gottesdienst. Er wußte nicht, daß ein Kunststudent aus Dresden seit Monaten an den Abenden an einem großen Kruzifix schnitzte, dessen Holz man im Außenlager 81 gesucht hatte.

An diesem vierten Tag vor Weihnachten, als man die Kulissen wieder aufbaute und die Generalprobe steigen sollte, als die letzte Kostümprobe mit Orchester und Beleuchtung unter Krach endete und Peter Fischer laut »Scheiße!« schrie - an diesem Tag kam eine Nachricht in das Lager, die bei der Kasalinsskaja einen Schreikrampf auslöste.

Ein russischer Fahrer, der Verpflegung brachte, hatte Nachricht von Dr. von Sellnow.

Er war nicht tot, wie Dr. Kresin fest annahm, er war nicht einmal in die Sümpfe von Kasymsskoje transportiert worden, sondern er lebte in einem kleinen, bisher unbekannten Schweigelager bei Nish-nij Balykleij, nördlich von Stalingrad, an der Wolga - dort, wo sich der breite Wasserlauf teilte und viele Sandbänke inmitten des russischsten aller Flüsse liegen. In diesem Lager mit der geheimnisvollen Nummer 53/4 lebte er in einer kleinen Baracke, aß gekochte Kartoffelschalen und mußte acht Stunden lang das Eis der Wolga für die Fischer aufhacken, die durch die Eislöcher ihre schmalen Netze zogen.

Die Kasalinsskaja schrie und lachte, weinte und tanzte in einem. Sie war völlig aufgelöst und küßte das Bulldoggengesicht Dr. Kre-sins, fiel Dr. Böhler um den Hals und schloß sich dann in ihrem Zimmer ein, wo man sie laut schluchzen hörte.

Worotilow war zu Dr. Böhler gekommen und hatte sich auf die Kante des Tisches gesetzt. Sein Gesicht war hell und zufrieden.

»Ich kenne Nishnij Balykleij nicht, aber es kann nicht schlimmer sein als Kasymsskoje oder Workuta. Auf jeden Fall ist er in der Nähe. Ich werde versuchen, in Stalingrad mit dem General zu sprechen. Vielleicht können wir ihn einmal besuchen.«

»Man weiß noch nicht, daß Wadislav Kuwakino auf einem Auge blind bleiben wird. Kuwakino weiß es selbst noch nicht . er trägt noch den Verband um den Kopf. Bisher hat keiner gewagt, es ihm zu sagen. Wenn er es erfährt, wird Sellnow erledigt sein. Darüber mache ich mir gar keine Illusionen.«

Dr. Böhler sah ergriffen zu Boden. »Es ist furchtbar, daß er es tat, um mich zu retten. Sie hatten mich angezeigt, Major.«

»Ich bin Russe!« Worotilow erhob sich steif und abweisend. »Ich dulde keine Meuterei! Auch nicht von Männern, die ich schätze! Die äußere Disziplin hat mit der inneren Einstellung nichts zu tun! Es gab einmal einen Offizier - in Ihrer Wehrmacht, Herr Dr. Böhler -, der sagte: >Im Dienst bin ich ein Schwein - und ich bin immer im Dienst!< Daran habe ich gedacht, als ich Sie bei Kuwakino meldete.« Er hob die Schultern. »Das Leben ist grausam ... ich habe mich damit abgefunden.«

Er sah aus dem Fenster und schüttelte den Kopf. An dem Lastwagen stand die Kasalinsskaja und verhandelte erregt mit einem Leutnant. Worotilow klopfte mit den Fingern auf die schmale hölzerne Fensterbank. »Die Genossin Ärztin will nach Nishnij Balykleij fahren«, sagte er sinnend, als spräche er mit sich selbst. »Sie versucht, den Transportoffizier zu überreden.«

Bei den Wachbaracken herrschte reges Leben. Die Kisten wurden weggeschleppt. Waffen und Munition wurden von den Wachoffizieren gezählt... noch drei Lastwagen kamen die Straße herauf und fuhren brummend in den Hof. Hochgebaute Ford-Sons, noch aus der amerikanischen Materiallieferung an Rußland stammend, gute, schwere, robuste Wagen mit einem V-8-Reihenmotor, winterfest und geländegängig. Die Monatslieferungen für die Wachmannschaften kamen an, die Auffüllung der Kantinen, der Küchenbestände, Wodka traf in großen 20-Liter-Flaschen ein, Sonnenblumenöl, Gefrierfleisch, riesige Mengen mit Eis überzogenen

Kohls, Medikamente, Trockenkartoffeln, grobgemahlenes Mehl und große Säcke mit Hirse. Es galt, im Lager 5110/47 675 sowjetische Soldaten und 21 Offiziere zu verpflegen. Von den Wachttürmen riefen die Soldaten den ausladenden Kameraden Witze zu. Michail Pjatjal, der Küchenleiter, erschien mit seiner drallen Bascha und beschwerte sich, daß einige Waren, die er bestellt hatte, nicht mitgekommen waren. Plennis, die Lagerdienst hatten, schleppten die Säcke in die Vorratskeller der großen Küche. Auch Peter Fischer und Karl Georg, kurz darauf auch Hans Sauerbrunn, tauchten inmitten des wimmelnden Menschenhaufens auf und schleppten Kisten und Beutel mit. Dabei stahlen sie, was nur zu stehlen war. Büchsen, Fett und Taschen voll Hirsekörner ... im Keller bearbeitete Peter Fischer fluchend ein großes Lendenstück Gefrierfleisch und schnitt nach vielen Versuchen ein fast fünfpfündiges Stück heraus. Er steckte es unter seine Steppjacke, verbiß sich die Schauer, die das gefrorene Fleisch durch seinen Körper jagte, und schlich zur Baracke zurück. Dort stopfte er das Fleisch und zwei Büchsen unter den Strohsack von Karl Eberhard Möller, der in Stalingrad auf einem Bau arbeitete. Hans Sauerbrunn erschien plötzlich mit vier Büchsen Fett und fünf Taschen voll Hirse. Karl Georg stand Schmiere und kundschaftete neue Möglichkeiten aus. Eine Kiste mit Eiern fiel ihm auf -er trat einem Soldaten, der sie in die Küche tragen wollte, in den Hintern und rief: »Dafür hat man mich eingeteilt, du sollst das Mehl schleppen!« Dann wuchtete er die Eierkiste auf seine Schulter und trabte an Pjatjal vorbei, der ihm nachdenklich zusah, in den Keller. Dort lockerte er am unteren Teil der Kiste ein Brett und fing die einzeln herausrollenden Eier auf, bis er alle Taschen vollgestopft hatte. Pfeifend ging er dann wieder an Michail Pjatjal vorbei über den Platz und betätigte sich mit seinen vollen Taschen noch bei der Hirseabladung, ehe er unauffällig in die Baracke entwischte und die Eier unter seinem Bett versteckte.

Hans Sauerbrunn blieb von diesem Augenblick an in der Baracke und bewachte die hereingeholten Schätze. Er zählte und legte eine peinlich genaue Liste an: Neun Dosen Fett, fünf Pfund Gefrierfleisch,

Rindslende, etwa fünf Pfund Hirse, 27 Eier, eine Literflasche Wodka - Karl Georg hatte sie an sich genommen, bevor er die Eierkiste sah. Peter Fischer brachte noch einen länglichen Beutel, in dem sich getrocknete Kartoffelschnitzel befanden.

»Jetzt wird gefressen zu Weihnachten«, sagte er grinsend. »Und wenn ich platze ... ich fresse so lange, bis ich mit 'm Finger oben dran fühlen kann.«

Michail Pjatjal kam aus dem Keller. Sein Kopf war rot wie eine Tomate. Er hatte das angeschnittene Lendenstück bemerkt und zitterte vor Wut.

»Wer hat getraggen Fleisch?!« brüllte er über den Platz.

Keiner der Plennis antwortete.

»Wer?!«

Die Gefangenen arbeiteten ruhig weiter. Sie schleppten jetzt die Munition in die Wachbaracken. Dabei tauschten sie gestohlenen Tabak gegen Rubelstücke oder Fett ein. Michail Pjatjal tobte. Er sah Bascha an, die die Listen der ausgeladenen Lebensmittel prüfte. »Sie haben geklaut wie die Raben!« sagte er wild. »Ich lasse das ganze Lager untersuchen! Mein schönes Fleisch!« Und zu den Plennis schrie er grell: »Alles weggg! Ich traggen allein! Weggg!«

Die Kasalinsskaja verhandelte noch immer mit dem jungen Leutnant. Ihre schwarzen Augen brannten.

»Es geht nicht, Genossin Kapitän«, sagte der Leutnant bedauernd. »Ich fahre nach Stalingrad zurück. Ich habe meine Befehle. Und nach Nishnij Balykleij fährt überhaupt keiner von unserer Transportbrigade. Das Lager wird gesondert beliefert, von einer Spezialabteilung der Division. Du müßtest dich an Väterchen General wenden . vielleicht, daß er.«

Er zuckte mit den Achseln. Seine breiten Schulterstücke glänzten in der kalten Wintersonne. Er war ein hübscher Kerl, jung, eben erst von der Kriegsschule in Moskau gekommen, wo Offiziere der Gruppe >Nationalkomitee Freies Deutschland< in Taktik und Kriegsgeschichte ausbildeten. Er war stolz, ein Rotarmist zu sein, und musterte erstaunt und innerlich abweisend die schöne Ärztin, die rangmäßig über ihm stand, aber so viel Interesse für deutsche Gefangene hatte, für diese Deutschen, die den Kommunismus ausrotten wollten, das Idol der russischen Jugend.

»Welche Transportbrigade bringt denn die Sachen nach Lager 53/4?« fragte die Kasalinsskaja. »Sie müssen doch auch von Stalingrad aus verpflegt werden.«

»Soviel ich weiß, unterstehen sie dem Kommando über die Sakljut-schonnyis. Das Straflager 53/4 und die Lager der zivilen Strafgefangenen sind verpflegungstechnisch miteinander verbunden. Sie liegen auch nebeneinander an der Straße nach Saratow.« Er hob beide Hände und wandte sich ab. »Ich kann dir nicht helfen, Genossin Kapitän.«

Die Kasalinsskaja drehte sich um und lief über den Platz zurück zum Lazarett. In ihrem Zimmer setzte sie sich hin und überdachte die Lage. Sie sah die Wolga vor sich, das breite Band, das durch die Ebene zog, und an deren Ufer die kleine Stadt Nishnij Balykleij lag, an die Erde hingeduckte Hütten, in denen Schiffer und Fischer wohnten, arme Bauern und einige Händler, die Felle aus den Wäldern aufkauften oder kleine Schleppkähne den Fluß hinauf- und hinabschickten. Eine Stadt ohne Gesicht, eine Siedlung, die im Schnee aussah wie weit verteilte Maulwurfshügel - und nahe bei ihr ein kleines Lager: acht Wachttürme, zehn Baracken, ein hoher doppelter Drahtzaun, elektrisch geladen. Ein Leutnant und 59 Mann. Kalmücken, Tataren, kleine, braune Freiwillige aus Aserbeidschan, Kirgisen und Schlitzäugige vom Baikalsee bei Irkutsk. Der Wind heulte um die Baracken . der Schnee trieb über sie hinweg, das Eis der Wolga krachte. In den Wäldern heulten die hungrigen Wölfe . in der Nacht kamen sie bis an das Lager und umschlichen den Drahtzaun. Die Wölfe, die man von den Türmen aus erschoß, wurden von den anderen zerrissen . das warme Fleisch verschlungen, das Blut aus dem Schnee geleckt. Am Morgen lagen die abgenagten Felle um das Lager.

Die Kasalinsskaja schauderte. Sie sah Sellnow auf dem Eis der Wolga stehen und Löcher in die dicke Decke hacken. Ein Kalmücke stand hinter ihm und beobachtete ihn. »Dawai! Dawai!« schrie er und hieb auf ihn ein.

Alexandra Kasalinsskaja drückte beide Hände gegen die Augen, als könne sie die Bilder damit verscheuchen. Ihr Entschluß stand fest, es gab kein Besinnen mehr, nur noch die Tat, über alle Hemmungen hinweg, über alle Ordnung, über alle Doktrin der Partei und der Roten Armee. Sie sprang auf und packte einen Koffer mit den nötigsten Dingen zusammen. Einige Kleider, Unterwäsche, Seife, einen kleinen, aber sorgfältig gefüllten Medizinkasten, ein chirurgisches Reisebesteck, Injektionsspritzen, Ampullenschachteln und zwei Phiolen mit Zyankali.

Dabei überraschte sie Dr. Kresin. Er sah sich um, nickte über die Unordnung, den ausgeräumten Schrank, die herumliegenden Kleider und den halbgepackten Koffer und setzte sich auf einen noch freien Schemel.

Die Kasalinsskaja sah ihn von der Seite an. Die schwarzen Locken hingen ihr ins Gesicht. Sie spürte die Gefahr, die von Dr. Kresin ausging. Mit bebenden Händen packte sie weiter.

»Sagen Sie jetzt bloß nicht, daß ich hierbleiben soll«, sagte sie dabei.

»Keineswegs. Sie müssen wissen, was Sie tun.« Dr. Kresin hob ein Kleid in die Höhe und betrachtete es. »Guter Wollstoff.Sieht man selten im Mütterchen Rußland. Wohl Import?«

»Ja, aus der Türkei.«

»Sehr gut. Janina wird es sich umändern ... etwas enger vielleicht . die Länge könnte passen.«

Die Kasalinsskaja blieb stehen und stützte sich auf den Kofferdeckel. »Sind Sie schneekrank, Dr. Kresin?«

»Nicht ganz. Aber einer muß doch die Kleider auftragen, wenn die russische Kapitän-Ärztin Alexandra Kasalinsskaja wegen Zersetzung der sowjetischen Wehrkraft zum Tode verurteilt wird.«

Alexandra ließ die Arme sinken. Eisiger Schrecken durchfuhr sie. Dr. Kresin legte das Kleid wieder zurück und betrachtete einen weißen Büstenhalter aus Atlasseide. »Der dürfte für die Salja zu groß sein. Schade um die Brüste, die er straff hielt! In sie werden sich die Maden zuerst 'reinfressen. Schön fett werden sie werden.«

»Hören Sie auf, Sie Sadist!« schrie die Kasalinsskaja. »Ich fahre zu Sellnow! Auch wenn ich nachher wirklich zum Tode verurteilt werde!« Sie riß ihm den Büstenhalter aus der Hand und warf ihn in den Koffer. »Was geht Sie meine Brust an! Und wenn Millionen Maden in ihr nisten.«

»Es ist nur meine Pflicht, Genossin Kasalinsskaja, Sie darauf hinweisen, daß das, was Sie jetzt vorhaben, Selbstmord ist. Man würde Sie überhaupt gar nicht in das Lager 53/4 hineinlassen. Auch nicht, wenn Sie in Uniform kommen! Der Besuch der Straf- und Schweigelager erfordert einen besonderen, vom Zentralkomitee in Moskau ausgestellten Paß. Selbst ich als Divisionsarzt käme nicht in die Sakljutschonnyis. Sogar die Natschalniks, die die Zwangsarbeiter aussuchen für ihre Betriebe, kommen nicht ins Lager. Sie bekommen Listen und wählen sich daraus die Facharbeiter aus. Eine russische Ärztin« - Dr. Kresin schüttelte den dicken Kopf - »die gilt überhaupt nichts in den Straflagern.«

»Aber ich muß ihn sehen!« schrie die Kasalinsskaja wild und unbeherrscht.

»Die Umgebung der Lager ist ebenfalls gesperrt. Selbst auf dem Eis der Wolga kannst du ihn nicht sehen, mein Täubchen«, sagte Dr. Kresin mild. »Die Posten haben Anweisung, sofort und ohne Anruf zu schießen, wenn sich einer dem Sperrgürtel nähert. Und sie schießen, meine Taigarose . es sind Asiaten, denen ein Leben nichts gilt.«

»Aber ich muß ihn sehen«, sagte sie wie ein ungezogenes Kind. »Er muß weg von dort. Er hat doch nichts getan!«

»Er hat einen Mann halb blind geschlagen. Einen Kommissar der Partei!«

»Kuwakino ist ein Mistvieh!«

»Die erste Vorbedingung, Karriere zu machen.« Dr. Kresin lachte leise. »Meine liebe Alexandraschka - du müßtest doch wissen, wie morsch es wird, je weiter du nach oben gehst. Die wirklichen

Kommunisten sind noch die kleinen Leute, denen man so schöne Dinge erzählt und die so blöd sind, es zu glauben. Die nichts anderes gesehen haben als ihre Kate und ihren Lehmofen, auf dem sie im Winter schlafen und wo das älteste Kind zusieht, wie das jüngste entsteht. Sie wissen nicht, wie es außerhalb ihres Dorfes aussieht. Sie können sich nicht denken, daß es überhaupt woanders nicht so aussieht. Und kommen sie mal in solch ein Drecknest wie Kislowo, dann gehen sie durch die Straßen wie durch ein Märchen. Aber hinter Kislowo hört dann die Welt endgültig auf. Das sind die Träger der sowjetischen Idee! Die Männer im Sonnenblumenfeld, die drallen Weiber am Ziehbrunnen, die dreckigen Kinder im Stall, die Matkas, die im Sommer im Heu liegen und wie die Karnickel hecken.« Dr. Kresin schnaubte durch die Nase und stieß den Kofferdeckel zu. »Das sind die Gefolgsleute des Genossen Kommissar Kuwakino. Er muß ein Mistvieh sein ... aber deswegen schlägt man ihm noch lange kein Auge aus!«

Hilflos saß die Kasalinsskaja zwischen ihren verstreuten Kleidern. Sie hatte den Kopf in beide Hände gestützt und stierte vor sich auf den rohen Dielenboden. Um ihre Handgelenke lagen noch immer die Pflaster und schmale Gummimanschetten.

»Man sollte Schluß machen«, sagte sie dumpf. »Schluß mit allem! Warum lebt man eigentlich noch?«

»Weil das Leben schön ist, mein Täubchen . trotz allem! Oder war es nicht schön?«

»Es begann, schön zu werden, als Werner bei mir war.«

Dr. Kresin schüttelte wieder den Kopf. »Mein Gott, gibt es nichts anderes als die Männer?« brummte er. »Sieh doch hinaus. Der Wald . wie herrlich steht er im Schnee. Geh zur Wolga, wenn es Frühling ist. Du könntest singen mit dem Rauschen ihrer Wasser. Wandere doch im Sommer hinaus in die Steppe: du riechst den Atem von Mütterchen Rußland. Er ist herb, voll Natur, er ist unsterblich. Die Blüten leuchten in der Sonne, der Himmel ist weit wie ein endloses blaues Leinentuch, auf das eine unsichtbare Hand vor deinen Augen weiße Rosen stickt.«

Die Kasalinsskaja sah auf. In ihren Augen stand großes Staunen. »Dr. Kresin.«, sagte sie verblüfft.

Der Arzt senkte den Kopf. »Verdammt«, schimpfte er. »Was solch ein Weib alles kann! Jetzt werde ich wie Puschkin und besinge das Land.« Er erhob sich und trat gegen den Koffer. Er fiel vom Stuhl, öffnete sich, und der Inhalt flog über die Dielen. »Schluß!« schrie er in seiner üblichen Art. »Du bleibst hier, du streunende Katze! In einer Stunde untersuchst du die Blocks 10 bis 15! Der Bauunternehmer Serge Kislew braucht 25 Mann für den Bau eines Verwaltungsgebäudes bei Krassnaja Sloboda! Sie müssen gesund und kräftig sein! Morgen ist die erste Schicht! Verstanden?!«

»Ja«, sagte die Kasalinsskaja widerstrebend. »Ja ... ich werde untersuchen.«

Aber als Dr. Kresin fort war, packte sie weiter.

Die Weihnachtsfeier im Lager 5110/47 war das ergreifendste Fest der Gefangenschaft. Schluchzend trug der kleine Pastor das große, geschnitzte Kruzifix zum Altar, den man auf der Bretterbühne der Sto-lowaja errichtet hatte. Eine ganze Weile stand er stumm vor dem leidenden Antlitz Christi, ehe er sich umwandte und den Blick über den gefüllten Saal schweifen ließ. Ein Chor, begleitet von den Streichern des Lagerorchesters, sang das Lied von Christian Fürchtegott Geliert >Dies ist der Tag, den Gott gemacht, sein werd' in aller Welt gedacht; ihn preise, was durch Jesum Christ im Himmel und auf Erden ist.<

Im Hintergrund an der Tür standen einige russische Offiziere und Rotarmisten. Leutnant Markow lehnte an einem der verklebten Fenster, Major Worotilow saß in der ersten Reihe vor der Bühne neben Dr. Kresin, Kuwakino, der Kasalinsskaja, der Tschurilowa und Dr. Böhler. Dr. Schultheiß, das Pflegepersonal und Janina Salja saßen in der zweiten Reihe.

Der kleine Pastor hob die schmale, ausgedörrte Hand. Seine dünne Stimme zitterte durch den Raum.

»Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste. Amen.«

Als sich alle erhoben, um die ersten Bibelworte stehend anzuhören, blieb nur Dr. Kresin sitzen. Sogar Kommissar Kuwakino erhob sich. Als er Kresin sitzen sah, wurde er rot und nahm wieder Platz. Kre-sin grinste ihn an. Wütend blickte Kuwakino weg auf das Kruzifix. Er mußte plötzlich an seine Mutter denken, die bei der Revolution erschossen wurde. Sie starb mit dem Kreuz auf der Brust.

Kuwakino senkte den Kopf. Mamuschka, dachte er. In seinem Auge stieg es heiß auf. die leere Höhle des anderen brannte. Mamusch-ka . was ist aus uns allen geworden.

Die Gefangenen sangen - laut und inbrünstig, mit gefalteten Händen. Neben dem Kruzifix flackerten vier hohe Kerzen. Michail Pjatjal hatte ranziges Fett für sie aus der Küche gegeben, und ein gefangener Chemiker hatte es mit irgendwelchen Mitteln gehärtet und Kerzen daraus gezogen. Die Tataren im Hintergrund nahmen ihre Mützen ab, die Offiziere starrten auf den Pastor. Leutnant Markow kaute Sonnenblumenkerne und spuckte sie in die Reihen der betenden Gefangenen. Aber als der Pastor für die Gesundheit aller betete, senkte auch er ergriffen den Kopf und legte die Finger zaghaft aneinander. Die Predigt war kurz. Erschütterung verhinderte den Pastor, lange zu sprechen.

Worotilow sah zu Dr. Kresin hin. Der hatte die Hand der Kasa-linsskaja genommen und streichelte sie mit linkischer Zärtlichkeit. Über die Wangen der Ärztin rannen Tränen.

Dann war der Gottesdienst vorüber . noch einmal sangen die Verdammten von Stalingrad. Das >Gelobet seist du, Jesu Christ, daß du Mensch geboren bist.< klang wie ein Aufschrei durch den Saal. Die aus Papier gefertigten Sterne und Kugeln an den Tannen, die rund um die Bühne standen, schwankten. Die Gedanken flogen hinaus aus der Enge der Stolowaja . über das verschneite Land . über die Wolga ... über Tausende von Kilometern.

Ein Baum in Köln . ein Baum in Gießen . in Koblenz . in einem kleinen Dorf bei Plön ... einer Kleinstadt in Franken. Kerzen flimmerten. Kinderstimmen sangen. Das Wunder der allmächtigen Liebe war gegenwärtig. Es roch nach Gebäck, nach Äpfeln, Nüssen, Tannen.

Die Köpfe sanken auf die Brust, auf die schmutzigen Steppjacken, auf die geflickten Hemden, die nach Schweiß und Kohlsuppe stanken.

Die Stille Nacht.

Die Kerzen knatterten in das Schluchzen der Männer. Der Pastor segnete die gesenkten Häupter.

».und gebe euch Frieden. Amen!« sagte die zittrige Stimme.

Dann war Schweigen. Langes, langes Schweigen.

Die Verdammten waren in der Heimat.

Die Herzen sprachen mit den Frauen und Kindern, mit den Müttern, Vätern, Brüdern, Bräuten. Sie weinten, und sie versprachen Hoffnung. Wir werden kommen, wir werden alle wiederkommen . glaubt es... glaubt es doch. Eure Liebe ist unsere Stärke in der Einsamkeit.

In der Stille bauten ein paar Plennis den Altar ab. Ein Vorhang aus billigem Stoff senkte sich vor die Bühne.

Langsam, einzeln, setzten sich die Gefangenen. Ihre Augen waren noch verschleiert, noch jenseits der Wolga. Nur langsam kehrten die Seelen zurück.

Das Lagerorchester stimmte die Instrumente. Der Dirigent war nervös und schimpfte leise. Hinter der Bühne rannte der Regisseur herum und ermahnte noch einmal die Darsteller, seine Anweisungen für besonders kritische Stellen nicht zu vergessen. Der Komponist saß in der Ecke und hatte nichts zu sagen ... wie immer beim Theater. Von den Textautoren sprach überhaupt keiner.

Worotilow wandte sich an Dr. Böhler. »Erstaunlich, was die Männer in der kurzen Zeit geleistet haben! Nach der Arbeit, mit der halben Portion Essen! Eine Operette, ein Orchester, Kulissen, eine Bühne.«

»Es ist der sichtbare Wille zum Leben!«

»Vergessen Sie nicht, daß er von Moskau mit der Verfügung vom

Kulturnaja shisnj gefördert wird.« Worotilow lächelte schadenfroh. »Sie werden sich nicht beschweren können, wenn Sie einmal zurück nach Deutschland kommen. Ich weiß, daß es in den deutschen Gefangenenlagern unseren russischen Brüdern schlechter ging! Dort zeigte sich der Deutsche als Barbar!«

»Wollen wir darüber streiten?« fragte Dr. Böhler. »Jetzt? Mir ist viel zu heimatlich zumute, um mit Ihnen über diese Dinge zu diskutieren. Wenn Sie wüßten, wie es jetzt in uns aussieht.«

Worotilow antwortete nichts. Er wandte sich Kommissar Kuwa-kino zu, der still und merkwürdig traurig neben ihm saß. Der Gedanke an seine Mutter erschütterte ihn in diesem Augenblick tief. Sein Weg war durch die Partei vorgezeichnet, es gab kein Zurück mehr, nur noch ein Vorwärts, das ihn hintrieb in ein Leben, das er nicht zu bestimmen wagte. Als ihn Worotilow leise anstieß, zuckte er zusammen und kroch in sich, als habe ihn jemand mit dem Kolben in den Nacken gestoßen.

»Was haben Sie, Genosse Major?« fragte er leise.

»Ich wollte Sie nur etwas fragen: Haben Sie schon etwas Neues von Dr. von Sellnow gehört?«

Kuwakino wurde blaß. »Lassen Sie mich in Ruhe!« zischte er wütend. Seine Augenwunde brannte.

Janina Salja saß neben Dr. Schultheiß. Sie sah den mächtigen Rük-ken des Majors vor sich, aber sie empfand nichts bei diesem Anblick, keine Erinnerung, kein Schaudern bei dem Gedanken an seine früheren brutalen Umarmungen. Sie saß Hand in Hand mit Jens und schaute auf die Bühne, deren Vorhang sich geheimnisvoll bauschte. Dann rauschte die Ouvertüre auf - eine lustige, flotte Musik im Tanztempo, eine Erinnerung an Peter Kreuder und Franz Grothe. Die Trompete Fischers schmetterte . einmal daneben, aber das nahm man nicht so genau. Karl Georg bediente das Schlagzeug mit Liebe und Hingabe. Leutnant Markow lächelte vor sich hin. Die Trompete! Sein Erbfeind! Aber es klang gut, was die deutschen Schweine da spielten, flott, lustig ... es ging in die Beine und ins Ohr. Es war eine moderne Melodie, eine Bourgeoisie-Angelegenheit, wie man in Moskau auf der Politschule sagen würde ... aber es war schön. Verflucht noch mal! Es gab noch etwas anderes als Dienst und Doktrin! Die Kalmücken und Mongolen im Hintergrund grinsten zufrieden. Bascha stand mit Michail Pjatjal hinter der Theke mit einer improvisierten Kantine, wiegte die starken Hüften und ließ die dicken Brüste wippen.

Nach der Ouvertüre zogen zwei Gefangene den Vorhang auf. Eine ländliche Gegend war auf der Bühne aufgebaut. Bäume, eine Bank, eine weite, deutsche Landschaft, gemalt auf einen Rundhorizont. Auf der Bank saß der gefangene Kammersänger und schien auf jemanden zu warten. Er zeichnete mit einem Stock Figuren in den Sand und sang dabei.

Die Operette dauerte ohne Pause anderthalb Stunden . sieben verschiedene Bilder, zündende Melodien, flotte Texte ... die Gefangenen bogen sich vor Lachen über den Buffo und klatschten auf offener Szene Beifall. Der Komponist hinter der Bühne strahlte, die Textdichter stritten sich darum, welcher Liedertext am besten angekommen war ... der Regisseur raufte sich schon wieder die Haare, weil zwei Darsteller steckengeblieben und man vergessen hatte, einen Souffleur einzusetzen ... der Darsteller der weiblichen Hauptrolle vergaß einmal seine hohe Stimme und sprach im Baß weiter, was den größten Erfolg bei den Zuhörern hatte ... als der Vorhang fiel, belohnte langanhaltender Beifall die Künstler. Sie traten an die Rampe wie in den Städten, aus denen sie kamen, und sie verbeugten sich und waren glücklich wie selten zuvor.

Major Worotilow erhob sich als erster. Er grüßte zur Bühne hinauf und wandte sich dann an Dr. Böhler. »Ein schöner Abend, Herr Doktor. Ich habe nicht bereut, oft die Augen zugedrückt zu haben.« Er sah zu Kuwakino hin und meinte laut: »Ich hoffe, daß auch die Zentrale in Moskau Kenntnis von diesem schönen Fest erhält!«

Kommissar Wadislav Kuwakino sah mit seinem ihm verbliebenen Auge schräg zu Worotilow hinauf. Er schwieg. Doktor Kresin lachte meckernd und sah zu Bascha hin, die die ersten Wodkagläser an die Wachoffiziere ausgab. »Vom Himmel hoch, da komm' ich her!« sagte er lustig. »Kommen sie, Genosse Kommissar! Sie erinnern mich an den einäugigen Zyklopen ... nur war er hundertmal größer als Sie!«

Wütend folgte ihm Kuwakino. Er hatte sich vorgenommen, Dr. von Sellnow zu vernichten, wie noch nie ein Mensch vernichtet worden war.

Das Weihnachtsfest dauerte bis in die Frühe. Beim Morgengrauen schwankte Leutnant Markow über den Appellplatz und übte auf Peter Fischers Trompete. Worotilow saß mit Dr. Kresin und Kuwakino in einer Ecke der Stolowaja und spielte Karten. Dr. Böhler tanzte mit der Tschurilowa und Ingeborg Waiden. Dr. Schultheiß und Ja-nina vermißte niemand. Selbst Worotilow nicht. Nur Karl Georg, der einmal auf die Latrine mußte, sah, wie hinter dem Fenster Janinas auf der Lungenstation sich zwei Schatten bewegten und dann das Licht erlosch.

Auf dem Platz stieß Markow in die Trompete. Sie wimmerte kläglich. Die Posten auf den Türmen kreischten vor Vergnügen. Drei junge Leutnants sangen einen Kosakenchoral vor der Tür der Sto-lowaja.

In der Stolowaja spielten sie einen Krakowiak. Sieben Tataren wirbelten über den Fußboden, und Worotilow klatschte den Takt. Dr. Kresin sang mit wodkaheiserer Stimme. Nur Kuwakino starrte mit seinem einen Auge böse auf das bewegte Bild. Markow kam wieder herein und blies in die Musik hinein. Man schrie vor Freude. Pjatjal kniff Bascha begeistert in die Brust.

Als der Morgen kam, schlief das Lager. Nur die Posten standen auf den Türmen, pendelten um den Zaun, durch die Lagergassen, wachten in Kälte und Schnee vor dem großen Einfahrtstor. Der erste Weihnachtstag.

Es schneite. Dicke Flocken. Der Himmel war grau und schwer, er hing über den Wäldern wie ein klumpiges Daunenbett.

Ein Wachleutnant suchte Männer für ein Schneeräum-Kommando. Die Straße mußte freigeschaufelt werden. Er jagte die Schlaftrunkenen mit Fußtritten aus den Betten und tobte.

Erster Weihnachtstag.

Kommissar Wadislav Kuwakino schrieb in seinem Zimmer. Nach Moskau. An die Zentrale des Politbüros.

Ich bitte um Entlassung.

Erster Weihnachtstag. Janina küßte Jens auf die Augen und schlief dann wieder ein, glücklich wie ein Kind.

Die Kasalinsskaja träumte und schlug im Traum um sich. Laß mich, schrie sie, laß mich.

Erster Weihnachtstag. Dr. Böhler stand im Operationsraum neben Schwester Martha Kreutz und Emil Pelz und operierte einen Blinddarm. Er war in der Nacht perforiert. Höchste Eile war geboten.

Erster Weihnachtstag.

Der Schnee rieselte ununterbrochen . es gab keinen Himmel mehr, keine Bäume, kein Lager, keine Baracken, keine Straße, keine Wachttürme, keine Rotarmisten, keine Plennis. Es gab nur noch Schnee. Die Welt löste sich auf in weiße Flocken.

»Tupfer«, sagte Dr. Böhler. »Schere. Klemmen. Binden Sie ab. Tupfer. Halten Sie die Schale bereit, Pelz. Tupfer. gut abbinden. Wo ist die Seide?. Tupfer.«

»Puls normal«, rief Schwester Martha Kreutz vom Kopfende her.

Der erste Weihnachtstag.

Schnee . Schnee . Schnee.

Friede auf Erden.

Zwischen Weihnachten und Neujahr kam eine neue Nachricht vom Lager 53/4 Nishnij Balykleij. Dr. von Sellnow lag im kleinen Revier des Lagers mit hohem Fieber. Lungenentzündung.

Dr. Kresin und Worotilow taten das einzige, was zu tun war, um neue Komplikationen zu vermeiden: Sie unterschlugen der Kasa-linsskaja gegenüber den Bericht.

»Jetzt ist es sowieso zu spät«, sagte Dr. Kresin ernst. »Ich glaube nicht, daß sie in 53/4 Penicillin an die Sträflinge vergeuden! Ich habe ja gewußt, daß wir Sellnow nicht wiedersehen.«

Die Meinung Dr. Kresins von seinen Kollegen in Nishnij Baly-kleij war nicht falsch, aber im Lager 53/4 lebten noch zwei deutsche Ärzte neben Dr. von Sellnow, zwei Ärzte der SS, denen man in Orscha und Minsk Versuche mit Bazillen und Cholerakulturen an Menschen zur Last legte und deren Leben in diesem Straflager nur eine Verlängerung ihrer Qualen war, ehe man sie hinrichtete. Ihr Tod war eine fest beschlossene Sache, sie wußten es und trugen es mit Standhaftigkeit. Sie arbeiteten wie Sellnow auf dem Eis und hieben Löcher in die Wolga. Am Abend aber schlichen sie von Baracke zu Baracke und halfen den Kranken, so gut sie konnten.

Die notwendigsten Medikamente - unter denen sich unerklärlicherweise auch eine Dose Penicillin befand! - bekamen sie von einem russischen Sanitätsfeldwebel, der 1943 in deutsche Gefangenschaft geriet, 1945 befreit wurde und in der Roten Armee blieb, um hier das kleine Revier des Straflagers zu übernehmen. Seine Sanitätskenntnisse beschränkten sich auf Verbinden von Wunden und Typhusspritzen in die Brustmuskeln. Es war den beiden SS-Ärzten bei aller Aufopferung fast unmöglich, das Lager auf einem gewissen Gesundheitszustand zu halten. Dr. von Sellnow aber konnte mit Hilfe des Penicillins gerettet werden.

In dieses Lager kam Mitte Januar bei starkem Schneegestöber ein Wagen aus Stalingrad. Drei vermummte Männer stiegen aus und rannten durch den Sturm zu der Wachbaracke. Dort schälten sie sich aus den dicken Mänteln und legten die Pelzmützen ab. Es waren zwei russische Offiziere und ein Deutscher. Ein Deutscher in der Uniform eines Majors. Er trug die volle Uniform. Sogar die Auszeichnungen hatte man ihm gelassen. Seine blanken Stiefel glänzten. Es war ein merkwürdiger Anblick, inmitten des verkommenen Lagers, zwischen stinkenden Uniformen und Läusen diese Eleganz zu sehen. Um sie zu verstärken, setzte der deutsche Major noch ein Einglas in sein gutgenährtes Gesicht und sah sich um.

Der Leutnant, der das Lager kommandierte, blickte erstaunt zu den beiden russischen Offizieren, die das Abzeichen des MWD an der Mütze trugen.

Geheimdienst!

Der Leutnant wurde still und wagte nichts zu sagen. Wenn die Wölfe ins Lager kommen, ist der Mensch wehrlos.

Der deutsche Major nickte. »Lassen Sie uns sofort beginnen«, sagte er auf russisch. »Wenn wir noch in die anderen Lager wollen, müssen wir uns beeilen.«

»Holen Sie bitte die beiden SS-Ärzte, Genosse Leutnant«, sagte der eine Russe, ein starker, breiter Hauptmann mit stoppelbärtigem Gesicht und kahlgeschorenem Schädel. Der Leutnant verließ eilig die Stube.

Der deutsche Major nahm ein Aktenstück aus seiner Mappe und legte es auf den Tisch. Gespannt schaute er auf die Tür, hinter der jetzt Schritte zu hören waren. Mit Schnee bedeckt, in dicken, oft geflickten Mänteln und mit Lumpen umwickelten Schuhen traten die beiden SS-Ärzte ein. Sie stutzten einen Augenblick, als sie den geschniegelten Major sahen, und preßten die Lippen aufeinander. Der Major verbeugte sich kurz und korrekt.

»Passadowski. Wilhelm Passadowski.«

Die beiden SS-Ärzte sahen ihn verschlossen an. Sie musterten seine tadellose Uniform, sein gepflegtes Äußeres, seinen guten Ernährungszustand, seine Ehrenzeichen, unter ihnen das Erinnerungskreuz der ersten Weltkriegsteilnehmer.

»Was willst du von uns?« fragte einer der Ärzte kurz.

Major Passadowski zuckte zusammen. Das Du machte ihn etwas verwirrt. »Ich wollte die Herren vertraulich sprechen«, antwortete er.

»Die Herren!« Der Arzt lachte gequält. »Bist wohl kein Plenni, was? Kommst aus Moskau, von der Seydlitz-Gruppe, was? Kleine Werbung für die antifaschistische Bewegung, wie ihr sie nennt?«

Major Passadowski sah sich nach den beiden russischen Offizieren um. Man wußte nicht, ob sie Deutsch verstanden. Gleichgültig rauchten sie ihre Zigaretten und musterten die beiden SS-Ärz-te.

»Es stimmt natürlich nicht, daß Sie, meine Herren, in Minsk Men-schenversuche machten«, nahm der Major die Unterhaltung wieder auf. »Dies ist eine Verdächtigung.«

»Nein!« Der andere Arzt steckte die Hände in die Tasche. »Wir haben Cholerabazillen verpflanzt, um einen schnellen Wirkstoff gegen die Cholera zu finden! Opfer muß die Wissenschaft bringen . wir hätten Tausende nach Abschluß der Forschungen retten können.«

»Das klingt ja ziemlich kaltschnäuzig, meine Herren!« Passadowski war entsetzt. »Sie gestehen eine Schuld ein, die Sie den Kopf kostet.«

»Das ist uns klar. Die Versuche lassen sich nicht leugnen. Wir stehen für sie gerade. Anders die Offiziere in der Seydlitz-Gruppe, die zu den Russen überliefen und dort eine Hetzkampagne gegen die deutschen Brüder entfesselten. Sie wurden Kommunisten, nur um ihr Leben zu retten!«

»Aber meine Herren!« Passadowski hob beide Hände. »Sie werden unsachlich. Ich bin gekommen, um Ihnen zu helfen. Ich kann Ihnen Stellungen in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands anbieten! Wir suchen gute Ärzte für unsere östlichen Krankenhäuser. Ich habe Ihnen vom Zentralkomitee Freies Deutschland das Angebot zu unterbreiten, eine dreimonatige Schulung des Politbüros in Moskau mitzumachen, um dann nach einer Verpflichtungserklärung in die Heimat entlassen zu werden. Es stehen Ihnen auch Offiziersposten in der Polizeitruppe der Ostzone, der Volkspolizei, zu. Sie können wählen.«

Die beiden SS-Ärzte sahen sich kurz an. Dann wandten sie sich um und wollten wortlos den Raum verlassen. Major Passadowski erbleichte. Der Leutnant und Lagerkommandant trat den beiden in den Weg und hieb ihnen ins Gesicht. Stumm blieben sie stehen und wandten sich um. Passadowski hob bedauernd beide Hände.

»Das war nicht meine Absicht, meine Herren! Der Sieger ist rauh. Aber auch Sie werden sich inmitten der anderen Kameraden, die zu einer neuen Weltanschauung gefunden haben, wohl fühlen! Die Ideologie des Kommunismus hat etwas Edles an sich, etwas Menschenwürdiges . sie reißt die Klassenschranken ein und läßt uns alle Brüder werden. Wir verfügen in Moskau über schöne, große Schulungsräume, über ein Kasino, Sportplätze, wir können die russischen Theater besuchen, die Kinos, Kunstausstellungen. Wir diskutieren oft mit Vertretern der ostzonalen Regierung, die uns besuchen kommen. Wir hatten selbst Gelegenheit, hohe Führer Rußlands - Malenkow, Berija, Budjennyi, Woroschilow - zu sprechen und mit ihnen interessante Unterhaltungen zu führen. Ilja Ehrenburg ist oft unser Gast. General von Seydlitz hat dafür gesorgt, daß wir deutschen Offiziere wieder geachtet werden von unseren sowjetischen Kameraden.« Major Passadowskis Gesicht glühte vor innerer Begeisterung. »Was der Nationalsozialismus zerstörte, was eine Clique NS-Generäle in den Dreck zog - unsere Offiziersehre -, hat General von Seydlitz wiedergewonnen. Wir haben nach dem Fall von Stalingrad eingesehen, daß eine Weiterführung des Krieges Selbstmord des deutschen Volkes ist, wir haben erkannt, daß wir einen Irren an der obersten Führung hatten, daß ein Adolf Hitler der Totengräber einer tausendjährigen europäischen Kultur wurde. Da haben wir uns abgesetzt und uns um die Vernunft geschart. Wir opponierten gegen diesen Krieg mit allen Mitteln, wir riefen den deutschen Soldaten zur Desertion auf, wir hatten von Moskau aus nur das einzige Kampfmittel in der Hand: die moralische Zersetzung der Truppe! Daß es uns nicht voll gelungen ist, war eine Folge der drakonischen Gegenmaßnahmen Hitlers und der Denkfaulheit des deutschen Soldaten. Wir scheiterten an dem Trägheitsgesetz des Militarismus. Um so mehr liegt uns daran, unseren gefangenen Kameraden den Weg aus der Verdammung zu zeigen und sie zurückzuführen in eine bessere Gemeinschaft.«

Major Passadowski atmete tief. Er hatte sich in Erregung geredet. Die beiden SS-Ärzte nickten. »Sind Sie jetzt fertig?«

»Ja, meine Herren.«

Einer der Ärzte trat einen Schritt vor. »Wir gehören nicht zu den Unbelehrbaren«, sagte er ruhig. »Wir waren Ärzte der SS, warum es leugnen? Wir haben Versuche gemacht... wir geben es zu. Es war menschenunwürdig, abscheulich, eine Vergewaltigung des Individuums . aber so vieles war in diesen Zeiten unwürdig und abscheulich! Das ist keine Entschuldigung für unser Tun, und wir sind bereit, dafür zu sühnen, obgleich wir es rechtlich nicht einsehen, warum gerade der Russe, der grausamste von allen, unser Richter sein soll. Aber das tut nichts zur Sache. Es geht hier darum, daß Sie uns locken, in das kommunistische Lager zu wechseln, ein Charakterlump zu werden, um die eigene Haut zu retten. Wir haben viel gesehen in diesem Rußland ... wir waren in Asbest bei Swerdlowsk, wir waren in Workuta, in Wladimir, in dem schrecklichen Lager 5110/40 zwischen Ob und Irtysch, und wir sind jetzt in 53/4! Was wir gesehen haben, genügt uns, um lieber das Leben zu opfern, als uns zu diesem System der Vergewaltigung, der Entrechtung, der Kollektivierung der Seele und der Mißachtung jeglicher Menschenwürde zu bekennen! Sie leben in Moskau - Sie haben es selbst gesagt - dick und fett wie eine Made! Sie haben ein Kasino, Sie sitzen im Kino und sehen sich den schönen Film von Zar Peter dem Großen an. Aber in Workuta am Eismeer sterben täglich über hundert Gefangene an Entkräftung und unter den Schlägen der Rotarmisten ... in Asbest fallen sie in den Gruben um wie Fliegen. Darf ich Sie daran erinnern, daß die neue Eismeerstraße mehr als ein-undeinehalbe Million Menschen - deutsche Gefangene und russische zivile Sträflinge - gekostet hat? Und nun kommen Sie hierher und werben für dieses System? Sie reden von einer neuen Offiziersehre, während Hunderttausende unserer Brüder in Schweigelagern vegetieren und am Verhungern sind? Man sollte Ihnen einfach in die dumme, dreiste Fresse schlagen, Herr Major!«

Wilhelm Passadowski war rot geworden. Er griff nach seinem schönen Pelzmantel und zog ihn an. »Sie sind nicht zu belehren«, knurrte er. »Ich bedaure es, meine Herren! Ich wollte Sie hier herausholen.«

»Und die anderen? Was soll mit denen geschehen? Die armen Kerle, die jetzt im Schneesturm auf dem Eis der Wolga stehen und Löcher in die meterdicke Decke hacken? Warum nicht auch die?«

Passadowski zuckte mit den Schultern. »Allen zu helfen ist unmöglich. Wir können nur aus den Hunderttausenden eine kleine Auswahl treffen, die sich meistens auf Offiziere beschränkt.«

Die beiden Ärzte wechselten wieder einen kurzen Blick. Dann trat der eine vor und spuckte dem Herrn Major ins Gesicht.

»Du verdammtes Schwein!« stieß er hervor. Dann drehte er sich um und ging. Der andere folgte. Ruhig, teilnahmslos blieben die beiden MWD-Offiziere im Hintergrund und rauchten. Auch der Lagerkommandant hielt die Ärzte nicht mehr zurück. Reglos stand Wilhelm Passadowski mitten in dem kleinen Zimmer. Er war bleich wie ein Toter. Die Augen hatte er geschlossen. Sein Monokel baumelte an einer Schnur vor der Brust.

So stand er einen Augenblick, ohne sich zu rühren. Dann wandte er sich an die beiden Offiziere und den Lagerleutnant. Seine Stimme klang jetzt schon etwas weniger forsch.

»Sie haben doch noch einen Arzt im Lager?« fragte er in russischer Sprache.

»Ja. Er ist krank. Liegt im Revier. Nummer S 34924/4.«

»Kann ich ihn sprechen?«

Der Leutnant zuckte mit den Schultern und rief nach einem Soldaten. Er befahl ihm, den Deutschen zu dem Krankenrevier zu führen, und sprach dann mit den beiden MWD-Leuten weiter, als sei Passadowski gar nicht im Raum.

Gedrückt und stumm folgte der Major dem Russen, stemmte sich gegen den Schneesturm und erreichte keuchend die kleine Krankenbaracke. Ein Geruch von kaltem Kohl und der offenen Latrine schlug ihm ekelerregend entgegen. Es würgte ihn im Hals, als er die Krankenstube betrat. Der beißende Gestank verdunsteten Urins lag im Zimmer. Auf einem der Betten im Hintergrund lag Dr. von Sellnow und starrte an die Decke. Sein Gesicht war in der kurzen Zeit eingefallen, grau und knöchern geworden. Die Augen hatten ihren Glanz verloren, sein Körper war zum Skelett abgemagert. An den Fingern hatten sich Frostbeulen gebildet, die niemand beachtete. Sein Kopf glühte im Fieber ... wenn er hustete, brannte die Brust wie Feuer . durch die Lunge zog ein schmerzhaftes Stechen. Er machte sich über seinen Zustand keinerlei Illusionen ... mit dem Interesse des Arztes verfolgte er an sich selbst seinen schnellen Verfall und rechnete sich aus, wann er nur noch ein knöchernes Wrack war, das rapide dem Tode zueilte.

Er blickte zur Seite, als sich die Tür öffnete und Major Wilhelm Passadowski eintrat. Der russische Posten zeigte auf Sellnows Bett und verließ die Baracke. Passadowski trat näher.

»Kamerad von Sellnow?« fragte er höflich.

»Ja.« Sellnow sah ihn abwartend an. Kamerad! Kam dieser Mann aus einer anderen Welt? Er bemerkte das Monokel, das aus dem Pelzmantel heraushing und verschneit war. Mühsam griff Sellnow unter die Decke und holte ein schmutziges, zerrissenes Taschentuch hervor. Er hielt es Passadowski hin.

»Bitte«, sagte er mit heiserer Stimme. »Leider habe ich kein besseres.«

Der Major starrte auf das dreckige Tuch. »Was soll ich damit?« fragte er verblüfft.

»Ihr Einglas ist beschlagen. Sie müssen es putzen.«

Passadowski wurde hochrot und schob das Monokel in seinen Pelz. Er schluckte, ehe er zu sprechen begann . in seinem Gesicht spiegelte sich die Niederlage bereits wider . er erwartete auch hier nichts mehr als eine Ablehnung.

»Man hat mir erzählt, daß Sie einem sowjetischen Kommissar ein Auge ausgeschlagen haben.«

Sellnow richtete sich auf. Er war ehrlich erschrocken. »Das habe ich nicht gewußt!« sagte er leise. »Ich habe ihn angegriffen, ja ... ich habe ihn zu Boden geschlagen. Dann sah ich plötzlich nichts mehr . was ich in vier Jahren erduldet habe, das brach plötzlich aus mir heraus, was ich tat, wußte ich nicht mehr. Aber daß Ku-wakino ein Auge dabei verlor . das bedauere ich wirklich.«

»Man hat vor, Sie vor ein Kriegsgericht zu stellen.«

»Damit habe ich gerechnet.« Sellnow lachte sarkastisch. »Nur soll man sich beeilen . sonst kann ich an der Verhandlung nicht mehr teilnehmen.«

»Sie sind Fatalist?«

Sellnow sah Passadowski spöttisch an. »Wenn Sie wollen, auch Nihilist! Dr. Kresin behauptete sogar, ich sei auf dem besten Wege, auch Kommunist zu werden.«

Passadowski atmete sichtlich auf. »Das wäre eine gute Lösung.«

»Unsinn wäre das!« sagte Sellnow grob.

Der Major zuckte zusammen. »Aber, aber, Kamerad!« stammelte er.

»Der Kommunismus ist für mich genauso ein Dreck wie der Nationalsozialismus! Die Idee - darüber wollen wir nicht streiten. Aber was man daraus gemacht hat . das ist ausgesprochener Mist.«

»Es fehlen die intelligenten Köpfe, Kamerad.«

»Zu denen Sie sich rechnen, was?« Sellnow lachte gequält. Ein Hustenanfall warf ihn zurück. Schmerzverzerrt preßte er die Hände gegen die Brust. Dabei brach kalter Schweiß aus seinen Poren. Passadowski sah auf den schwerkranken Mann und war geneigt, ihm seinen ätzenden Spott zu verzeihen.

»Sie kennen das Nationalkomitee Freies Deutschland, Kamerad?«

»In Moskau? Ja! Die Kerle, die mit Lautsprechern an die Gräben fuhren und herüberriefen: Lauft über - in Moskau warten Frauen auf euch, und dort gibt es süßen Reis! Und dann spielten sie: Hörst du mein heimliches Rufen. Gehören Sie zu dieser Bande?«

Passadowski wurde steif. »Wir sind ein Korps alter Offiziere. Namen, die Klang haben in der deutschen Kriegsgeschichte.«

Sellnow winkte ab. »Sie wollen mich zum Kommunismus bekehren, nicht wahr?« fragte er. »Woher nehmen Sie eigentlich die Frechheit, hier in dieses Saulager zu kommen, gesund, gepflegt, vollgefressen, vielleicht dem Bett einer schönen Saratower Hure entstiegen.?«

»Herr von Sellnow!« rief der Major empört.

»Herr Major! Putzen Sie ihr Monokel! Sie können sich als Zauberkünstler betätigen. Ebensowenig, wie Sie aus einem Scheißhaufen Butter machen können, machen Sie aus mir einen Kommunisten! Und jetzt gehen Sie . aber bitte etwas plötzlich . sonst neh-me ich meine letzte Kraft zusammen und schmeiße Sie hinaus!«

Major Wilhelm Passadowski prallte zurück. Schnell verließ er die Krankenbaracke und wischte sich in der kalten Schneeluft den Schweiß von der Stirn. »Ein unmöglicher Mensch«, murmelte er. »Und das war ein Arzt und ein Offizier! Der Krieg verroht die Menschen.«

Das war ein Trost, an dem es sich wieder aufrichten ließ. In strammer Haltung ging er zu der kleinen Wachbaracke zurück und betrat den Raum. Die MWD-Offiziere saßen mit dem Lagerkommandanten um den Tisch und tranken Wodka aus Wassergläsern. Das Zimmer war von Tabakrauch vernebelt. Sie lachten, als der Major eintrat. Er wußte nicht warum - vielleicht wußten sie, daß er eine Niederlage erlitten hatte. Er kniff die Lippen zusammen und blieb wie ein Schuljunge an der Tür stehen. Niemand bot ihm einen Stuhl an. Er fühlte, daß er trotz allem nur ein Plenni war, ein Ausgestoßener, ein Absteiger, Verachteter, trotz seines Parteibuches und der Sondervollmacht des Zentralkomitees. Man schnitt ihn . ihn, Major Wilhelm Passadowski, den ehemaligen Regimentskommandeur vor Smolensk.

Mit verbissenem Gesicht blieb er stehen, im Qualm, an der Tür, in der Hitze, mit dem dicken Pelz. Nur das Monokel klemmte er ein. Haltung ist alles, dachte er. Haltung auch in der Gefangenschaft. Der deutsche Offizier repräsentiert sein Vaterland!

Schwitzend, mit Monokel, stand er an der Tür. Eine Stunde lang. Dann brachen die beiden MWD-Offiziere auf. Sie gingen an ihm vorbei und überließen es ihm, mitzukommen. Wie ein Hund trottete er durch den tiefen Schnee hinter ihnen her. Am Tor standen die beiden SS-Ärzte. Als er an ihnen vorbeikam, nahmen sie stramme Haltung an und riefen: »Gute Fahrt, Herr Major!«

Blaß und beschämt stieg er in den Wagen und sah sich nicht mehr um.

Vor ihm dehnte sich die weite, weiße Fläche. Es schneite wieder. Die Wolga schälte sich aus dem wirbelnden Vorhang. Ein breites Band in einer Senke - gefroren und mit aufgetürmten, übereinandergeschobenen Eisschollen. Auf ihnen sah er schwarze, vermummte Gestalten mit Spitzhacken. Sie standen im Schnee und hieben in das Eis. Laut hallten ihre Schläge durch die Stille.

Am Ufer pendelten zwei Posten mit Maschinenpistolen. Major Wilhelm Passadowski sah zur Seite - zur anderen Seite, in den wirbelnden Schnee. Er wollte nicht vergessen, daß er Kommunist war.

Dr. Werner von Sellnow wurde noch einmal gerettet. Die heimliche Pflege der zum Tode verurteilten SS-Ärzte brachte ihn wieder auf die Beine. Vorgebeugt, ein alter Mann, schlich er durch das Lager 53/4 und wurde mit leichteren Arbeiten beschäftigt. Er durfte die Kommandantur putzen und den Boden mit einer kleinen Stahlbürste fast weiß scheuern. Der Leutnant schrie ihn an, wenn er einen dunklen Fleck auf den Dielen fand, und so schrubbte er jeden Tag ächzend und mit schmerzendem Kreuz, und fiel am Abend wie zerschlagen auf seinen muffigen, harten Strohsack.

Aber er lebte! Er atmete die eisige Luft des russischen Winters, der für ihn keine Schrecken mehr barg. Er kannte ihn in allen Spielarten. Im dünnen Sommermantel war er von Stalingrad vier Wochen durch den Schneesturm gezogen, ehe er ein festes Lager fand. Es war ein Todesmarsch. 95.000 Gefangene machte der Russe bei Stalingrad ... knapp 10.000 kamen in den Lagern an. Die anderen 85.000? Nitschewo. Sie waren verschwunden in Schnee und Eis, begraben an den Ufern der Wolga ... im Frühjahr tauten sie auf und verpesteten die Luft mit Leichengeruch.

Nitschewo.

Mitte Februar trafen die Stürme aus dem Osten ein ... die sibirischen Stürme, die die Stämme der Urwälder in der Taiga knickten, das Holz vor Frost mit jammerndem Krachen sprengten. Der Sturm, der alles Leben tötete. Nur die Plennis lebten . in den Baracken, die zuschneiten, deren Türen zufroren und die man morgens auftauen mußte, um Essen holen zu können. Die Posten auf den Türmen waren eingezogen . wenn die sibirischen Stürme kamen, gab es keine Flucht mehr. Selbst die Pendelposten außerhalb des Lagers taten keinen Dienst. Tot lagen die Baracken unter den pfeifenden Stürmen ... nichts rührte sich außerhalb der vereisten Bretterwände, nur ab und zu huschte eine Gestalt durch den Sturm, warf sich gegen den eisigen Wind und stürzte dann in eine andere Baracke. Es waren die Essenholer, die beiden Sanitäter, einer der SS-Ärzte, der gerufen worden war zu einem der unzählbaren Verhöre.

Auf der Wolga türmte sich das Eis. Es krachte in den Nächten. Heulend strichen die Wölfe um den Drahtzaun des Lagers und versuchten, ihn zu durchbrechen. Sie witterten die Wärme innerhalb der Holzhütten. Doch keiner kümmerte sich um sie . sie wurden nicht einmal beschossen ... sie lagen im Schnee, die Schnauze gegen den Wind, und wimmerten.

In dieser Zeit genas Sellnow vollends. Er wurde kräftiger, ruhte sich aus, lag viel unter den drei schmierigen Decken und las jetzt des öfteren in der Bibel. Das fiel ihm selbst auf. aber er verspürte das Bedürfnis. Ein aktuelles Buch, dachte Sellnow, um seine Erschütterung zu bagatellisieren. Er dachte nächtelang nach und lag schlaflos auf seinem Strohsack. Er hatte die Anwesenheit Gottes geleugnet, er hatte einmal zu Dr. Böhler gesagt: »Wenn ich einen Bauch aufschneide und wieder zusammenflicke, sehe ich nichts Göttliches dabei. Aber die Verwandten sagen dann: Gott hat ihn gerettet!« Und Dr. Böhler hatte geantwortet: »Die Fähigkeit, Bäuche aufzuschneiden, die haben Sie von Gott, Werner.« Da hatte er gelacht und gemeint, daß er gar nicht das Gefühl hatte, in der Universität einem Sprachrohr Gottes gegenüberzusitzen, als er den alten Professor Walter über Anatomie dozieren hörte. Und jetzt las er die Bibel und war ergriffen.

Man hat alles falsch gemacht, dachte er. Einfach alles. Es ist entsetzlich, wenn man sieht, wie das Leben vorbeigeht, ohne die Möglichkeit, sich zu rehabilitieren. Zunächst vor Gott! Denn daß es ihn gab, zu diesem Eingeständnis war Sellnow bereit. Und daß seine Lebensauffassung nicht die richtige war, das hatte er schon während seines Zusammenlebens mit Alexandra Kasalinsskaja in Stalingrad eingesehen.

Plötzlich, in dieser entscheidenden Nacht seines Lebens, erinnerte er sich der Karte seiner Frau. Er erhob sich, suchte in der Hosentasche, in den Taschen des Jacketts, in dem kleinen Gepäck . sie war nicht mehr da, er hatte sie verloren . die erste und einzige Karte nach vier Jahren Schweigen. Und - das glaubte er zu wissen - es war auch die letzte Karte, die er von Luise erhielt. Schuldbewußt, diese Karte nicht wie ein Kleinod verwahrt zu haben, legte er sich wieder nieder und starrte in die Dunkelheit.

»Verzeih mir, Luise«, sagte er leise.

Sein Obermann drehte sich im Bett herum. »Wat quatschste?«

»Nichts. Schlaf, Peter.«

»Dann halt de Fresse.«

Sellnow mußte trotz der Erinnerungen, die ihm die Kehle abschnürten, lächeln. Über ihm lag Peter Buffschk. Sein Name brachte ihm viel Spott ein. Er war ein mehrfacher Familienvater vom Wedding, Maurer von Beruf, und ins Straflager gekommen, weil er während der Bauarbeiten Salz in den Beton goß, so daß man sich ausrechnen konnte, daß er sich in einigen Jahren zersetzt haben würde und der Bau einfiel. Ein Posten hatte das gesehen. Man hatte Peter Buffschk mitgenommen, ihn halb totgeschlagen und dann nach 53/4 gebracht, wo er nicht kleinzukriegen war und den Posten eines Kalfaktors übernahm. Es gab nichts, was Buffschk nicht im Rahmen des Möglichen besorgen konnte.

»Du, Doktor?« fing Peter Buffschk wieder an. »Schläfste schon?«

»Nein.«

»Ick ha jestern beim Uffräumen in der Wachstube Tabak jeklaut und 'n Fetzen von der Prawda. Wülste 'ne Zijarette? Und 'ne Scheibe Brot ha ick ooch für dich uffjehoben.«

»Gib her, Peter«, sagte Sellnow. Er streckte die Hand aus. Eine Zeitungspapierzigarette mit Machorka und eine dünne Scheibe alten, trockenen Brotes glitten in seine Hand.

»Friß leise«, sagte Buffschk hinter der Hand, »damit's die andern nich hören.«

Mit einem tiefen Gefühl der Zuneigung für diesen Klotz von Mann legte sich Sellnow zurück und kaute an dem Stück Brot. Die Zigarette glomm zwischen seinen dünnen Fingern.

»Der Mensch ist ein Wunder Gottes«, dachte er. »Man wird es nie ergründen.«

Vor der Holzwand heulte der Sturm. Die Wolga ächzte unter dem Eis. Wimmernd lagen die Wölfe am doppelten Zaun. Es gab keinen Himmel und keine Erde mehr . nur noch Heulen und Brausen.

Am nächsten Morgen brannte der Leib Sellnows wie Feuer.

Er schrie. Er schlug mit den Armen um sich. Schaum stand auf seinem Mund.

Die Scheibe Brot, die Buffschk irgendwo gefunden hatte, war für die Wölfe gedacht gewesen.

Sie war vergiftet.

Im Lager 5110/47 gab es einen stillen Abschied. Kommissar Wadislav Kuwakino verließ die Barackenstadt und kehrte nach Moskau zurück. Sein Abschiedsgesuch war bei dem Politbüro eingegangen, und nun rief man ihn zurück, um ihn persönlich über die Vorfälle im Lager Stalingrad zu hören. Er nahm einen ängstlichen Abschied, er kannte die Spielregeln zu genau, um nicht zu wissen, daß wenig Hoffnung bestand, aus dem Gebäude in der Nähe des Kreml je wieder herauszukommen - es sei denn als Sträfling der Lubjanka, aus der kein Weg mehr zurück in die Sonne führt.

Kuwakino wandte sich Dr. Böhler zu. Sein Blick war traurig. Unter der schwarzen Augenklappe näßte die Wunde.

»Leben Sie wohll, Doktor.«, sagte er leise. »Ob Rettung des Lebens gutt, ich weiß nicht.«

Der Kommissar blickte auf den Wagen, der vor der Kommandantur hielt. Ein dick vermummter Fahrer hockte hinter dem Steuer und blies sich in die Handflächen.

»Ich habe nach Moskau gemeldet«, sagte Kuwakino wie im Selbstgespräch zu Worotilow, »daß Sie an den Vorfällen im Lager nicht schuldig sind. Es war nur die Auflehnung der Gefangenen gegen die mangelnde Versorgung, für die die Zentralstelle in Moskau verantwortlich ist. Man wird Schuldige finden - Sie sind es nicht!«

Worotilow wurde rot. Er trat einen Schritt vor und wußte nicht, ob er Kuwakino die Hand geben sollte.

»Genosse Kommissar.«, sagte er matt.

Dr. Kresin war ernst geworden. »Warum haben Sie das getan?« fragte er hart. »Ich habe Sie für das größte Schwein gehalten, das mir bisher begegnet ist. Jetzt zwingen Sie mich, dieses Urteil zu revidieren.«

Kuwakino lächelte schwach. »Ich bin ein Mensch, Genosse Kre-sin. Nur ein Mensch. Ich hatte eine Mutter . sie sang mit mir unter einer Perlenkrone die Lieder der Heiligen Nacht. Es war ein Fehler, bis Weihnachten hierzubleiben ... siebzehn Jahre habe ich zu Weihnachten, Ostern, Pfingsten mit den anderen vom Politbüro gesoffen und gehurt ... so vergißt man schnell.« Er tastete nach seinem Kopf und legte die Finger auf die schwarze Augenklappe. »Sie werden es nicht glauben. Ich habe keine Angst vor dem Tod . ich habe nur Angst vor dem, was nach dem Tode kommen kann.«

Dr. Kresin drehte sich brummend um. Dr. Böhler stellte den Kragen seines Mantels hoch und begleitete Kuwakino zum Wagen. Bevor er einstieg, hielt ihn Dr. Böhler noch einmal fest.

»Was wird aus Dr. Sellnow, Genosse Kommissar?« fragte er langsam.

Kuwakino zuckte mit den Schultern. »Man wird ihn bestrafen.«

»Legen Sie in Moskau ein gutes Wort für ihn ein.«

»Nein!« Kuwakino fuhr herum. Sein eines Auge flammte. »Und wenn es eine Sünde ist, die mir Gott nie verzeiht: Er soll büßen! Büßen! Büßen! Und ich wäre glücklich, wenn er wie ein lahmer Hund verreckte. Es wäre nur gerecht.«

Der Wagen fuhr an, der kalte Motor klapperte und tuckerte. Als Kuwakino sich zurückbeugte und noch einmal nach dem Lager sah, stand niemand mehr am Tor als die Posten. Vergessen, dachte er.

Verachtet. Gehaßt. Und in Moskau wartet das Politbüro.

Seit der Weihnachtsaufführung hatte Peter Fischer einen neuen Posten erhalten: Michail Pjatjal hatte ihn von der Lagerleitung als Küchengehilfen angefordert und auch bekommen. Nicht daß Pjatjal es nicht schaffte, denn ihm unterstanden neben einigen Küchenmädchen mit Bascha an der Spitze noch 32 Plennis für Hilfsdienste und als Hilfsköche, aber Peter Fischers Trompete hatte es Bascha angetan. Sie hatte Michail so lange gebeten, bis er sich entschloß, bei Peter Fischer, der selbst kaum blasen konnte, Unterricht zu nehmen. Mit dem nächsten Verpflegungstransport hatte er sich aus Stalingrad eine blitzende Trompete kommen lassen, hockte in seinem Zimmer hinter der großen Küche und preßte jammervolle Laute aus dem gebogenen Blech. Peter Fischer nahm seine Lehrmeistertätigkeit sehr ernst. Dafür bekam er von Pjatjal abends, wenn er in die Baracke zurück mußte, die Taschen mit Lebensmitteln vollgestopft.

»Nix verratten und zeiggen«, flüsterte Pjatjal zwar jedesmal, aber dennoch lebte die Baracke durch zusätzliche kleine Sonderzuwendungen besser als die andern Plennis.

Eines Tages wurde Dr. Böhler aus dem Lazarett zur Kommandantur geholt. Ein junger Wachleutnant, nicht ein gewöhnlicher Posten, holte ihn ab. Im Zimmer Worotilows saß Sergej Kislew, ein Bauunternehmer aus Stalingrad. Er sah den deutschen Arzt neugierig an, aber in seinem Blick lag etwas Ängstliches, Furchtsames, das Dr. Böhler aufmerken ließ. Worotilow reichte ihm beim Eintritt gleich sein Zigarettenetui hin. Doktor Böhler lächelte. Er will etwas von mir - weniger Worotilow als dieser dicke Mann dort auf dem Stuhl. Vielleicht braucht er Arbeiter, und ich soll hundert Plennis gesund schreiben?

Worotilow zeigte auf ihn und nickte Dr. Böhler zu.

»Dieser vollgefressene Kerl ist Sergej Kislew«, sagte er. Dr. Böh-ler begriff, daß Kislew kein Wort Deutsch verstand. »Er ist einer der brutalsten Ausbeuter der Gefangenen. Er führt die Staatsbauten in Stalingrad aus. Großer Bonze der Partei und Arschlecker Moskaus.« Dr. Böhler lächelte. Er sah, wie Kislew die Worte Worotilows gespannt verfolgte und lebhaft mit dem Kopf nickte.

»Er ist zu mir gekommen«, fuhr Worotilow fort, »weil sein einziger Sohn krank ist. Er behauptet sehr krank. Eine böse Magenkrankheit. Ißt seit Wochen kaum mehr, bricht alles.«

»Wie alt ist denn der Patient?« fragte Böhler interessiert.

»Ich glaube Anfang Zwanzig«, sagte Worotilow. »Es hat sich in Stalingrad herumgesprochen, daß wir hier gute Ärzte haben. Jetzt bittet mich Kislew, Sie für ein paar Stunden mit nach Stalingrad zu geben, damit Sie seinen Sohn untersuchen können. Was halten Sie davon?«

Böhler lächelte. »Ärzte müssen kommen, wenn man sie ruft«, sagte er verbindlich, »aber hier ist das etwas schwierig. Ich bin nicht ganz Herr meiner Entschlüsse.«

»Ich beurlaube Sie natürlich. Ich darf es zwar nicht.« Worotilow ging im Zimmer hin und her, »es ist streng verboten, daß Gefangene mit der Zivilbevölkerung Kontakt aufnehmen. Wegen Fluchtgefahr und Beihilfe. Ich vertraue Ihnen, Sie machen davon keinen Gebrauch.«

»Solange ich noch kranke Kameraden in meinem Lazarett habe, können Sie völlig unbesorgt sein.«

»Das ist gut!« Worotilow sah ihn groß an. »Ich beurlaube Sie besonders gern. Kislew vergibt auch Aufträge an die Straflager. Wenn Sie Glück haben, erfahren Sie etwas über Doktor Sellnow.«

Dr. Böhler starrte Worotilow an. Der lächelte, als habe er einen Witz gemacht.

»Das werde ich Ihnen nie vergessen, Major«, sagte Dr. Böhler mit belegter Stimme. »Sie sind ein verdammt feiner Kerl. Schade, daß wir zwei verschiedene Uniformen tragen.«

Der Major hob die Hand. »Wenn Sie mein Vaterland beleidigen, schlage ich Ihnen ins Gesicht!«

Dr. Böhler senkte lächelnd den Kopf. »Ich weiß, ich weiß - es dauert seine Zeit, bis eine Schlange sich häutet.«

Sergej Kislew rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Mit flehenden Augen sah er Worotilow an. »Was sagt er?« fragte er.

»Er will mit Ihnen gehen.« Worotilow steckte die Hände in die Taschen seiner Uniformhose. »Er will keine Bezahlung, der deutsche Arzt, er will nur wissen, ob Sie 53/4 kennen.«

Sergej Kislew schob die Unterlippe vor, sein Gesicht wurde verschlossen, steinern.

»Kenne ich nicht.«

»Nishnij Balykleij?«

»Liegt an der Wolga. Aber da ist kein Lager.«

Worotilow nickte. Er lehnte sich gegen die Kante des Schreibtisches und betrachtete Kislew gemütlich. »Natürlich - da ist kein Lager. Es gibt ja in Stalingrad auch keinen kranken Sascha Kislew.«

Sergej Kislew erbleichte. »Was soll das heißen?« stotterte er. »Sie wollen den Arzt nicht mitgeben? Der Junge stirbt mir! Er bricht schon Blut und ißt nichts mehr!«

»Dann solltet Ihr weniger fett fressen, Genosse Kislew.«

Der Bauunternehmer nickte schwach. »In Nishnij Balykleij arbeiten siebzehn Mann für mich. Sie machen Holzflöße für die Wolga.« Er sah Worotilow furchtsam an. »Aber ich darf nichts sagen, Genosse. Es kostet mich den Kopf, wenn man erfährt, daß ich etwas verraten habe!« Er erhob sich mit müden Bewegungen. »Geht der deutsche Arzt jetzt mit?«

»Ja. Sie müssen ihn aber am Abend wieder ins Lager bringen! Wenn er bei einer plötzlichen Kontrolle der Division fehlt, ist die Hölle los! Ich werde von einer >Ausleihung< nichts wissen.«

»Natürlich nicht, Major«, Sergej Kislew verbeugte sich mehrmals dankend. Die alte russische Unterwürfigkeit brach durch. »Aber wenn mein Sascha sehr krank ist.«

Worotilow wandte sich an Dr. Böhler. Er sprach jetzt wieder deutsch. »Können Sie gleich mitfahren, Doktor? Oder haben Sie dringende Fälle?« »Es geht. Dr. Schultheiß wird meine Kranken gut versorgen.«

Worotilow nickte ihm zu. »Wenn Sie Kislews Sohn retten, können Sie von ihm haben, was Sie wollen. Vor allem erträgliche Arbeitsbedingungen für Ihre Kameraden.«

»Ich werde daran denken, Major.«

Als Dr. Böhler die Kommandantur verließ, sah ihm Worotilow mit zusammengekniffenen Lippen nach. »Diese Deutschen!« knurrte er. »Man hätte sie doch ausrotten sollen!«

Dr. Böhler wurde in das Militärhospital gebracht, in dem der Kranke lag, und ohne besondere Förmlichkeiten an das Krankenbett geführt. Es erwies sich, daß die Sorge Kislews um seinen Sohn mehr als berechtigt war. Sascha, ein einundzwanzigjähriger Rotarmist, litt seit einem Jahr an Magenbeschwerden. Er wurde nie durchleuchtet, war ohne jegliche Bedenken bei den Musterungen tauglich befunden und zum Militär eingezogen worden.

Bald nachdem er seinen Dienst angetreten hatte, bekam er eines Abends Schwindel- und Übelkeitsgefühl und erbrach. Das Erbrochene war stark mit Blut durchsetzt. Er wurde plötzlich bewußtlos und mit Kollaps ins Truppenlazarett eingeliefert.

Das war vor drei Wochen gewesen.

Diesen Bericht gab ein junger russischer Assistenzarzt an Böhler. Er war wortkarg, kam aber gehorsam dem Befehl nach, dem deutschen Arzt zur Verfügung zu stehen.

»Behandlung?« fragte Böhler ebenso knapp.

»Jeden zweiten Tag Bluttransfusion, seit der Aufnahme etwa vier Liter Blut«, antwortete der Russe.

»Und bei der Aufnahme?« fragte Böhler weiter.

»Bei der Aufnahme erhielt Patient fünfhundert Kubikzentimeter gruppengleiches Blut und kam zu sich«, las der Russe vom Krankenblatt ab.

»Sonst haben Sie nichts unternommen?« erkundigte sich Böhler gewissenhaft.

»Es bestand eine innere Blutung«, sagte der russische Arzt gereizt. »Sie wurde durch Bluttransfusion gestillt. Das ist das beste Mittel.

Es hat sich tausendfach bewährt.«

»Sicherlich«, sagte Böhler beschwichtigend, »ich informiere mich nur. Wie ist denn jetzt das Blutbild?«

Der Russe sah ins Krankenblatt. »Bei der Einlieferung fünfzig Prozent Hämoglobin und zweikommaneun Millionen rote«, las er vor, »acht Tage später vierzig Prozent Hämoglobin und zweikommavier rote, acht Tage später: sechsunddreißig Prozent Hämoglobin und zwei Millionen rote. Augenblicklicher Status: Hämoglobin zwanzig, rote einskommaeins Millionen.«

Böhler sagte nichts. Er unterdrückte mit Mühe sein Entsetzen. Zwanzig Hämoglobin statt hundert, nur noch ein Fünftel des normalen Gehalts, und eine Million rote Blutkörperchen im Kubikmillimeter statt fünf Millionen ... der Kranke war praktisch völlig ausgeblutet. Und man hatte nichts unternommen.

Er wandte sich dem Kranken zu, der ihn ansah, ohne ihn zu sehen. Er war verfallen, die Gesichtsfarbe fahl wie das Leintuch, auf dem er lag, die Augäpfel gelblich verfärbt. Böhler fühlte den Puls. Er schätzte ihn auf hundertzwanzig. Der Kranke atmete nur wenig schneller als normal. Er war dazu schon zu schwach, und sog bei jedem Zug nur wenig Luft in die Lungen. Seine Lippen zeigten keinerlei Röte mehr.

Böhler ließ sich die anderen Laborbefunde vorlesen, die recht exakt und vollzählig durchgeführt waren. Eiweiß im Urin stark positiv, im Sediment rote Blutkörperchen, viele Zylinder, Nierenzellen, Teerstuhl. Dieser letzte Befund zeigte deutlich, daß eine schwere innere Blutung bestand, die offensichtlich durch die Transfusion nicht zum Stehen gekommen war. Böhler tastete den Leib des Patienten ab. Wenn er an eine bestimmte Stelle über dem Nabel geriet, stöhnte der Kranke tief auf vor Schmerz und machte schwache abwehrende Bewegungen.

Sein Schicksal ist besiegelt, dachte Böhler schematisch. Sein Lehrer fiel ihm ein, der alte Professor Sandtmann, der davor gewarnt hatte, einen Patienten mit Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür zu operieren, wenn der Sitz des Geschwürs nicht genau bekannt war

und der Patient eine schwere Blutung durchgemacht hatte.

Und dieser Kranke war noch niemals geröntgt worden. Zweifellos hatte er ein Zwölffingerdarmgeschwür.

Böhler erhob sich von der Bettkante, auf der er bei der Untersuchung gesessen hatte. Er blickte auf Sergej Kislew, der am Fußende stand und ihn gespannt anstarrte. Böhler konnte sich denken, daß die Ärzte den Vater erst rufen ließen, als sie den Kranken aufgegeben hatten. Kislew sah ihn mit brennenden Augen an. »Gutt, Gospodin Doktor?« fragte er.

Böhler amüsierte sich über das Gesicht des russischen Arztes bei dieser Anrede. Gospodin - das hieß >Herr<. In der UdSSR sprach man nur noch von >Genosse Doktor<, das Wort Herr war streng verpönt.

Er antwortete nicht, sondern trat zum Waschtisch und begann, sich sorgfältig die Hände zu waschen. Dann erst wandte er sich um. Immer noch starrte ihn Kislew fragend an.

»Nix gutt?« stotterte er.

Böhler nickte langsam. »Nix gutt!«

Sergej Kislew schlug die Hände vor die Augen und lehnte sich gegen die Wand. Was er vor sich hin stammelte, verstand Böhler nicht. Aber am Klang erkannte er erschreckt, daß der Kommunist und Menschenschinder Sergej Kislew betete.

Dr. Böhler wandte sich ab und verließ den Raum. Er ging die Treppen hinunter und war noch nicht unten angelangt, als Kislew ihn einholte. Aus dem Redeschwall entnahm Böhler soviel, daß der Mann wünsche, er solle ihn begleiten. Wider Willen tat ihm Kislew leid, und er folgte ihm. Draußen wartete ein Privatwagen mit einem Chauffeur. Er brachte sie in wenigen Minuten in Kislews Haus, eine hübsche Villa in einem gepflegten Garten.

In der großen Diele setzte sich Böhler in einen weichen Sessel und lehnte sich weit zurück. Sein Wirt verließ ihn und bat ihn wortreich und mit vielen Gesten, einen Augenblick zu warten.

Ein Sessel! Ein weicher, gepolsterter Sessel. Teppiche. Tapeten an den Wänden. Türen aus Kirschbaum, ein runder geschnitzter Tisch.

Kristall in den eingebauten Wandschränken.

Böhler atmete die reine Luft, den Geruch eines leichten Parfüms, der über allem lag.

Er schloß die Augen. Köln-Lindenthal ... eine kleine Villa mitten im Grünen, in der Nähe des Stadtwaldes. Im Garten auf der Rasenfläche war ein Tischtennis aufgebaut. Er sah sich mit Margot, seiner Frau, spielen . sie hatte einen guten Schlag und jagte ihn hin und her. Und sie lachte hell. In ihren Augen leuchtete die Jugend und das Glück zu leben. Der Rasensprenger drehte sich. Das Wasser sprühte über sie hinweg, wenn er zu ihnen schwenkte. Dann lagen sie in den Liegestühlen und tranken Orangeade. Mein Gott, Orangeade. Daran erinnerte man sich jetzt. Auf der Reitbahn im Stadtwald trabten die Pferde. Ihr Fell glänzte in der Sonne. Fröhliche Worte flogen hin und her ... im Stadion, auf der großen Jahnwiese mit dem Denkmal des alten Turnvaters, jagten sie im Galopp dahin und überholten sich gegenseitig. Hell klang das Lachen durch den Sommerwind.

Dr. Böhler zuckte zusammen und erhob sich, als Sergej Kislew die Treppe herabkam. Er sah verfallen aus, gealtert, seine Augen flak-kerten.

»Du Sascha machen gesund«, sagte er bettelnd.

»Das ist unmöglich«, sagte Dr. Böhler. Er wußte, daß ihn Kislew nicht verstand, und er legte etwas Tröstliches in seine Stimme. Der Russe hörte es heraus, und seine Augen bekamen wieder jenen Funken Hoffnung, den Dr. Böhler in allen Augen sah, wenn er bewußt die Krankheit bagatellisierte.

»Ich würde ihn operieren, aber das kann ich hier nicht machen - nicht im Militärlazarett oder gar im Lager. Dafür sind Sie nicht eingerichtet. Er würde auf dem Operationstisch sterben! Ich brauche dazu einen gut eingerichteten Operationsraum mit den neuesten technischen Anlagen. Dann würde ich es wagen.«

Sergej Kislew nickte wiederholt. Sein Gesicht war voll Hoffnung. »Du machen gesund?«

Dr. Böhler sah zu Boden. »Wenn du wüßtest, wie die Wahrheit ist. Man wird nie erlauben, daß ein deutscher, kriegsgefangener Arzt in einem russischen Krankenhaus operiert. Das ist ganz unmöglich. Es wäre ein Sakrileg, wo Rußland die besten Chirurgen der Welt besitzt - wenigstens sagen sie es immer. Ich kann dir wirklich nicht helfen, Sergej Kislew.«

Der Bauunternehmer schien die Nennung seines Namens für ein gutes Zeichen zu halten. Er faßte Dr. Böhler am Ärmel und zog ihn mit sich fort. Er führte ihn in die Küche, wo ein Mädchen arbeitete, drückte ihn auf einen Stuhl und setzte ihm eigenhändig Wurst, frische Butter, weißes Brot, Früchte - im Winter - und amerikanische Fleischkonserven vor. Das Mädchen brachte Teller und Messer.

Mit großen Augen saß Dr. Böhler am Tisch.

Wurst! Gute, gelbe, fette Butter! Er nahm eine Scheibe Brot, bestrich sie fast andächtig mit der Butter und legte eine Scheibe Wurst darauf. Sergej Kislew lachte hinter ihm, er griff über seine Schulter hinweg in den Wurstteller und legte ihm mit der Hand sieben Scheiben auf einmal auf das Brot. Fünf Jahre Kohlsuppe ... fünf Jahre glitschiges Brot... 600 Gramm ... 200 Gramm ... ab und zu einmal dicke Bohnen oder eine dicke Suppe aus Kohl und Roggenmehl. Dr. Böhler aß das Brot mit den acht Scheiben Wurst. Er aß es nicht, er fraß es in sich hinein wie ein Raubtier, das hungernd herumstreifte und nun vor einer plötzlichen Beute steht. Ein Brot . zwei Brote ... drei ... dann legte er das Messer weg. Sein Magen war schwer wie Blei. Er erhob sich und sah, wie Kislew aus einer Flasche starken Krimwein in einen Pokal schüttete. Er trank . der Wein brannte in seiner Kehle, im Magen, in den Adern . es war, als durchströme ihn ein neues Leben.

Dr. Böhler überblickte den Tisch. Die Fleischbüchsen waren nicht angebrochen . die Butter war halb verbraucht . ein großes, nicht angeschnittenes Stück Wurst lag daneben. Er sah sich um, sah eine Zeitung auf dem Fenster liegen, ergriff sie, rollte die Wurst, die Butter, die Büchsen in sie ein. Sergej Kislew ließ es lachend geschehen und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

»Sascha machen gesundd!« sagte er glücklich. »Grosssses Arrrzt!«

Dr. Böhler biß die Zähne aufeinander. Wenn ich die Büchsen einteile und die Wurst auch, jeden Tag eine Scheibe, jeden Tag einen Teelöffel Fleisch, dann kann ich den schwersten Fällen im Lazarett eine Woche lang etwas Zusätzliches geben. Das ist eine Lüge wert, und Gott wird es mir verzeihen. Wir sind mit den Kräften am Ende im Lager. Fünf Jahre dieses Essen, und jetzt nur noch die Hälfte, weil die große Dürre im Sommer die Ernte vernichtete.

Sergej Kislew brachte Dr. Böhler pünktlich zum Appell ins Lager zurück. Major Worotilow schwieg lange, als ihm der Arzt die Wahrheit sagte. Kislew saß im Sessel am Tisch und rauchte beruhigt.

»Er weiß nichts?« fragte Worotilow.

»Ich konnte es ihm unmöglich sagen!«

»Soll ich.?«

»Bitte, nein, er wird es früh genug erfahren. Ja, wenn ich eine moderne Klinik hätte, mit allem, was dazu gehört.«

»Dann würden Sie operieren?« drängte Worotilow.

Böhler nickte. »Ja«, sagte er, »dann würde ich es versuchen, so gering die Chancen sind. Es wäre an sich keine schwere Operation, für einen weniger Schwerkranken, meine ich. Man müßte den Ort der Blutung suchen und sie stillen. Es gibt keine Krankheit, bei der man nicht Hoffnung haben könnte - und wenn es der Glaube an ein Wunder ist.«

»Sie glauben daran?« Worotilow sah Böhler aus den Augenwinkeln prüfend an.

»Wir haben viele seltsame Dinge gesehen, auch Heilungen, die man nach menschlichem Ermessen nicht mehr für möglich hielt. Der Himmel ist weit, Major Worotilow, und der Mensch ist unter ihm nur ein Sandkorn.«

»Aber Sie wollen Sascha Kislew nicht operieren?«

»Auf keinen Fall hier oder im Militärhospital. Das wäre reiner Mord.«

»Im Staatskrankenhaus Stalingrad operiert nur Professor Pawlo-witsch.«

»Dann soll er die Operation machen.«

»Er hat sich bereits geweigert, ohne den Patienten gesehen zu haben. Ihm genügt die Krankengeschichte.«

Dr. Böhler nickte bestätigend. »Sie genügt auch«, sagte er.

»Natürlich will der Herr Professor beim Sohn eines mächtigen Mannes keinen Mißerfolg riskieren - verstehe ich sehr gut. Nur daß man mir es zumutet. Wenn es schiefginge, müßte ich es ausbaden, würde unter Umständen bestraft, noch einmal zu Lager verurteilt ... zehn Jahre . zwanzig Jahre . ihr seid ja nicht kleinlich.«

»Aber Sie würden ihn trotzdem im Staatskrankenhaus operieren, nicht wahr?«

»Ich würde es auf alle Fälle versuchen, ja - aber es ist müßig, darüber zu sprechen. Ich muß ins Lazarett.«

Er verließ das Zimmer. Erstaunt und verständnislos sah Kislew ihm nach. Warum ging der Arzt und ließ ihn allein? Und Sascha, sein Sohn? Kislew sprang auf und stürzte auf Worotilow zu.

Zwei Stunden später wurde Dr. Böhler bereits wieder abgeholt. Ein Sanitätswagen der Division fuhr ihn aus dem Lager, ein russischer Kapitän-Arzt, Studienkollege Dr. Kresins, begleitete ihn.

»Der Patient ist schon ins Staatskrankenhaus gebracht worden«, teilte er Böhler mit. Er sprach ganz gut Deutsch.

»Der Genosse Professor ist auf Ihre Operationsmethode sehr gespannt«, setzte er nach einer Weile hinzu.

Dr. Böhler riß die Augen auf und sah ihn ungläubig an. »Er will mich operieren lassen?«

»Dazu hole ich Sie ja ab.«

»Im Stalingrader Staatskrankenhaus? Das ist doch unmöglich.«

»Warum denn, Herr Kollege?«

»Ich bin ein deutscher Plenni!«

»Na und? Drei Kommissare sind ebenfalls in der Klinik. Man wird Sie der Form halber entlassen.«

Dr. Böhler fuhr herum, seine Wangen glühten. »Was heißt der Form halber?« Seine Stimme zitterte vor Erregung.

Der Kapitän-Arzt sah ruhig auf die verschneite Straße vor sich. »Das heißt, daß man Sie nach der Operation wieder gefangensetzen wird! Dazu sind die drei Kommissare da. Man wird Sie an Ort und Stelle wieder verurteilen. Es geht hier nur darum, daß wir Moskau überlisten und Sie als Privatmann in der staatlichen Klinik operieren lassen! Außerdem hat Sergej Kislew dem Lazarett fünfzigtausend Rubel gestiftet, wenn die Operation gelingt. Das zählt noch mehr.«

»Und das im Staate der Volksregierung! Dem Land ohne Klassenunterschied. Dem Paradies der Arbeiter!« Dr. Böhler lachte gequält. »Ihre Methoden sind wert, geschichtlich festgehalten zu werden!«

Der Kapitän-Arzt lächelte zurück. »Man wird es, Herr Kollege. Wir haben 1945 beim Einmarsch in Berlin bereits Geschichte geschrieben! Und wir werden sie weiterschreiben - wir allein! Mögen sich Amerika oder England mächtig fühlen und diplomatische Schlachten schlagen. Wir arbeiten in der Stille und gewinnen die Herzen der Völker - mit den gleichen Methoden, mit denen Sie heute den ganzen Tag ein völlig freier Mann sind. Der Chirurg Dr. Fritz Böhler aus Köln, der den ehrenvollen Staatsauftrag hat, in Stalingrad zu operieren. Am Abend sind Sie wieder Plenni.« Der Kapitän-Arzt lächelte mokant. »Die Geschichte will es so.«

Die riesige Staatsklinik lag weiß und still in einem Park außerhalb der Stadt. Eine der typischen russischen Monumentalbauten, die man den fremden Touristen zeigt und die den Aufschwung der sowjetischen Wirtschaft und Kultur repräsentieren sollen. Eine Mischung zwischen amerikanischer Wolkenkratzerarchitektur und russischer Neuklassik. Bauten, die an die Pläne Hitlers für die nächsten tausend Jahre erinnern.

In dem riesigen Foyer der Klinik stand, als Dr. Böhler nach einer kurzen Meldeformalität eintrat, ein kleiner, schmächtiger Mann mit einem weißen Tatarenbart und leicht geschlitzten Augen in dem ledernen Gesicht. Er war etwas vorgebeugt und schlurfte nun ein paar Schritte heran, als die Pendeltür aufschwang.

Professor Dr. Taij Pawlowitsch.

Er reichte dem deutschen Arzt eine welke Greisenhand. Einen Augenblick empfand Dr. Böhler ein sichtbares Erschrecken. Mit diesen kraftlosen Händen operiert er?

Der Kapitän-Arzt wechselte einige schnelle Worte mit Professor Pawlowitsch, die Dr. Böhler nicht verstand. Es war eine Mischung zwischen Russisch und einem mongolischen Dialekt. Dann wandte sich der Arzt wieder zu ihm.

»Der Professor hat alles vorbereitet. Der Patient liegt im großen OP, er ist bereits gewaschen - in zehn Minuten wird er narkotisiert.«

Böhler unterbrach ihn brüsk. »Sie wollen doch nicht etwa eine Narkose geben?« Er schrie es fast. Die beiden Russen sahen ihn erstaunt an.

»Warum denn nicht?« fragte der Professor.

»Es kommt nur eine Lokalanästhesie in Betracht«, sagte Böhler bestimmt. »Mit einer Narkose würden wir ihn umbringen. Lokalanästhesie - ich werde sie selber vornehmen. Während der ganzen Operation Sauerstoff und Bluttransfusion durch Dauertropf in eine Knöchelvene. Bitte, lassen Sie diese sogleich anlegen, und stellen Sie die nötigen Blutkonserven zur Verfügung.«

Dr. Böhler hatte sehr bestimmt gesprochen. Die beiden Russen starrten ihn mit offenen Augen an, aber sie akzeptierten seine Autorität. Der Kapitän-Arzt verließ den Raum, um Böhlers Anordnungen auszuführen.

»Ich werde Ihnen assistieren«, sagte der Professor verbindlich, »ich bin sehr gespannt.«

Mit diesen Fingern, dachte Böhler, dieser kraftlose Greis. Er warf einen forschenden Blick auf den Professor. Dann sagte er schwach:

»Bitte!«

Der Kapitän-Arzt kam zurück. »Betrachten Sie sich bitte ab jetzt als Privatmann! Sie sind frei!« sagte er zu Böhler.

»Das ist sehr schön und sehr nett von Ihnen«, sagte Böhler mit deutlichem Spott. Er blickte zum Hintergrund der Eingangshalle. Dort standen drei Offiziere mit dem Zeichen des MWD: die drei

Kommissare.

Dr. Böhler atmete tief. »Gehen wir.«

Professor Pawlowitsch ging voraus. Sanitäter rissen die Glastüren vor ihnen auf. Ein langer, weiß gekachelter Flur, ein Vorraum mit blitzenden Kränen, großen, weißen Marmorbecken, zehn Schwestern, die mit weißen Mänteln, Gummischürzen, Hauben und Mundschutz bereitstanden. Heißes Wasser strömte in die Becken, eine Schwester reichte Seife und Bürste. Es war wie ein Traum, wie ein Märchen. Dr. Böhler schrubbte sich Hände und Arme ... er hielt die Hände unter den dünnen Strahl Alkohol ... eine Schwester streifte ihm die Handschuhe über . der Mundschutz wurde angelegt . die weiße Haube saß auf seinem langen, schmalen Kopf. eine andere Schwester band ihm die Gummischürze um ... lang, weiß, bis auf die Erde reichend. Durch die Tür trat ein junger Arzt ein, braun, drahtig, ein Armenier.

»Patient ist bereit«, sagte er knapp.

Professor Pawlowitsch sah Dr. Böhler an. Auch er war zur Operation bereit. Bestätigend nickte Dr. Böhler ihm zu. Der Professor ging voraus durch die kleine Tür. Geblendet, erschüttert blieb Dr. Böhler stehen: ein riesiger Raum, warm, in das gleißende Licht von vierundzwanzig Kristallampen gehüllt . hinter dem Operationstisch amphitheatralisch ansteigende Bänke ... auf ihnen über hundert russische Studenten und Studentinnen ... ein Schwarm von Assistenzärzten um den Tisch, Schwestern, Sanitäter, Sanitätsoffiziere. In der ersten Bankreihe ein dicker Bulldoggenkopf: Dr. Kresin. Daneben ein blasses, von schwarzen Locken umrahmtes Gesicht: Alexandra Kasalinsskaja. Neben ihr, blaß wie sie, mit kauenden Bak-kenmuskeln erregt hin und her rutschend, Major Worotilow.

Es hatte sich schnell herumgesprochen, daß ein Deutscher operieren würde.

Mit festem Schritt trat Dr. Böhler an den Operationstisch.

Der Körper des Jungen war mit warmen Tüchern abgedeckt, nur das Operationsfeld, die Magenpartie, lag frei.

»Ich mache jetzt die Anästhesie«, sagte Böhler, und der Professor gab seine Worte an die Operationsschwester weiter. Böhler sah ihr zu, wie sie eine große Spritze mit einer Kanüle versah und aus einem becherförmigen Gefäß aufzog. Dann reichte sie ihm die Spritze und machte sich sofort daran, eine weitere vorzubereiten.

Böhler stach die lange Nadel in die mit Jod bestrichene Bauchhaut und injizierte den Inhalt der Spritze. Der durchflutete nun das ganze Operationsgebiet, von den Rippen bis unter den Nabel und seitlich bis fast zu den Flanken.

Der Kranke war stark benommen und nahm die Vorgänge nicht wahr. Er atmete Sauerstoff durch eine Maske. Das Gas strömte ihm aus einer großen Flasche zu. Neben ihm saß eine Schwester und sprach leise auf ihn ein - beruhigende Worte, die man kaum hörte. Über den Köpfen der beiden war eine Art Zelt angebracht, das gegen den Operateur hin geschlossen und nach hinten offen war. Die Schwester unter dem Zelt kontrollierte zugleich den Puls des Patienten. Ein Assistent regulierte das Sauerstoffgerät.

Böhler war mit der Anästhesie fertig. Er ließ sich von einer Schwester die Handschuhe ausziehen und neue überstreifen. Dann wartete er geduldig, bis die Betäubung wirksam geworden war.

Der Kranke hatte kein schmerzlinderndes Mittel bekommen. Böhler wollte keinen Atmungsschaden riskieren. Sehr vorsichtig ließ er der an einer Knöchelvene angelegten Dauertropfinfusion mit Spenderblut Herzmittel zur Stützung von Herz und Kreislauf zusetzen. Ununterbrochen floß Blut in die Adern des ausgebluteten Kranken. Aber da drinnen floß es ebenso schnell wieder durch das blutende Geschwür in den Darm ab. Ein Faß ohne Boden. Wenn es nicht gelang, die Blutung zu stillen, gab es keine Rettung mehr. Und ob die Operation, eine ungeheure Belastung für den Schwerkranken, noch würde Hilfe bringen können, war mehr als fraglich. Es gehörte ein verzweifelter Mut dazu, sie überhaupt zu wagen.

Böhler nickte dem Professor zu. »Wir wollen anfangen«, sagte er knapp.

Der Professor sagte einige Worte zu seinen Mitarbeitern. Und das große Wagnis begann.

Böhler hatte den eröffnenden Schnitt genau in der Mitte des Bauches geführt, vom Brustbein bis unter den Nabel. Der Professor zog die Augenbrauen hoch. »Wir legen den Schnitt quer, von rechts oben nach links unten über den Magen«, sagte er.

Böhler nickte und meinte kurz, ohne sich in seiner Tätigkeit unterbrechen zu lassen: »Ich brauche viel Platz, denn wir werden Überraschungen erleben. Ich erweitere den Schnitt später nicht gern.«

Die Wundränder wurden sorgfältig abgedeckt, einige Blutgefäße mit Klemmen gegriffen, durchtrennt und abgebunden. Es blutete kaum aus dem Fleisch. In fliegender Eile setzte Böhler das Bauchspekulum ein, das die Wunde offenhielt, und öffnete das Bauchfell. Trotz der örtlichen Betäubung sind das immer schmerzhafte Verrichtungen, bei denen die Gefahr besteht, daß der Patient unruhig wird. Aber der junge Mann stöhnte nur ein wenig. Er schien selbst zu Schmerzäußerungen bereits zu schwach zu sein.

Böhler tastete die Leber ab. »Stark vergrößerte Leber«, sagte er zum Professor, »und Narbenbildungen im Bereich des kleinen Netzes.« Er bemerkte mit Genugtuung, daß er sich geirrt hatte, als er den Professor für schwächlich hielt. Der Mann arbeitete ausgezeichnet.

Minutenlang versuchte Böhler dann, tief in der Bauchhöhle eine Arterie zu finden, aus der erfahrungsgemäß die Blutung bei Zwölffingerdarmgeschwüren erfolgt. Es gelang ihm nicht, an sie heranzukommen.

»Ich schreite zur Magenresektion nach Billroth II«, sagte er kurz, kümmerte sich nicht um das erstaunte Gesicht des Professors, sondern fügte nur hinzu: »Ich komme nicht an das Geschwür heran.«

»Er hält es nicht aus«, flüsterte ihm der russische Chirurg zu. Aber Böhler sah nicht auf, er zuckte nur die Achseln.

Das Operationsteam befand sich auf eingefahrenen Pfaden. Die Instrumente gelangten ohne besondere Aufforderung in die Hände Böhlers, und der Professor kam seinen Absichten genau im richtigen Augenblick entgegen. In kürzester Frist hatte Böhler den Magen frei und konnte ihn abtrennen. Nur ein Drittel des Organs blieb zurück und wurde an einer Darmschlinge angeschlossen. Damit wur-de die durch das Wegnehmen des Magens unterbrochene Verdauungspassage wiederhergestellt.

Böhler durchtrennte die vordere Zwölffingerdarmwand und ließ die Wundränder mit Klemmen fassen und auseinanderspreizen. In der Tiefe gewahrte er nun ein kraterförmiges Geschwür. Es war etwa zwei Zentimeter groß. In der Mitte befand sich ein kleiner runder Krater, zwei Millimeter im Durchmesser. Aus dieser Öffnung sickerte ununterbrochen Blut an den Wänden des Geschwürs herunter. Böhler zeigte dem Professor die Stelle.

»Das hätte vor Wochen geschlossen werden müssen«, murmelte er, und der Professor nickte. Der Chirurg tupfte sanft den Krater ab. Es lösten sich Blutgerinnsel, und plötzlich schoß eine kleine Blutfontäne hoch.

»Naht!« rief Böhler und drückte den Zeigefinger der Linken auf die blutende Stelle. Die Operationsschwester reichte ihm eine eingefädelte Nadel. Er übernähte die Stelle mit einer Zickzacknaht, und es spritzte nicht mehr. Das Loch in der Arterie, aus dem die Blutung erfolgte, war geschlossen.

Bisher hatte der Patient die Operation besser durchgestanden, als man erwartet hatte. Jetzt aber, nachdem der entscheidende Moment vorüber, nachdem die Stelle der inneren Blutung gefunden und abgedichtet war, geschah es: »Der Blutdruck sinkt«, meldete der Arzt, der Puls und Blutdruck zu überwachen hatte. »Ich kann ihn nicht mehr ermitteln . auch der Puls setzt aus.«

Böhler legte das Instrument fort, das er in der Hand hielt, und riß sich die Handschuhe von den Händen.

Der Professor blickte ihn unverwandt an. In seinen kleinen Augen leuchtete etwas wie Triumph.

»Ich habe es ja gleich gesagt, daß es nicht gehen würde«, sagte er gezwungen sachlich. »Exitus - der Patient ist tot.«

Aber Böhler hörte nicht auf ihn. »Sehen Sie denn nicht, daß die Transfusion nicht mehr weitergeht?!« schrie er einen Assistenten an der darüber hatte wachen sollen. Aus dem Gefäß mit dem Blut aber war in den letzten Minuten nichts mehr in die Adern des Kranken

geflossen. Sein Blutkreislauf war zusammengebrochen.

»Geben Sie mir eine lange Kanüle und eine Punktionsspritze mit etwas Kochsalzlösung und einem Kreislaufmittel - was Sie gerade dahaben.«, forderte Böhler die Operationsschwester auf. »Und kippen Sie den Tisch - Kopf tief«, herrschte er die Helfer an. Seine Stimme war gepreßt. Sein Gesicht verriet bleiche Wut, und man sah, daß er sich mühsam beherrschte.

»Was haben Sie vor?« fragte der Professor beinahe ängstlich.

»Intrakardiale Bluttransfusion«, antwortete Böhler, während er schon die Herzgegend des Kranken mit Jod anstrich. »Machen Sie eine Rotandaspritze bereit und eine Blutkonserve!« befahl er der Schwester.

»Aber der Mann ist tot«, beharrte der Professor, »alles kommt zu spät. Er atmet nicht mehr!«

Böhler schüttelte den Kopf. »Das Herz ist gesund, es hat nur kein Blut«, sagte er unwirsch. »Geben Sie weiter Sauerstoff und machen Sie künstliche Atmung«, ordnete er an. Seine Anordnungen wurden prompt befolgt.

Er setzte die Spritze auf den fünften Zwischenrippenraum und trieb die Nadel in die Tiefe. Seine Hand merkte, wie der Widerstand des Gewebes plötzlich schwand, und er wußte, daß er jetzt den Herzmuskel durchstach und in die rechte Herzkammer eindrang. Alle sahen, wie Blut in die Spritze stieg, Blut direkt aus dem Herzen.

»Her mit der Rotandaspritze und der Konserve«, zischte er. Seine Wut hatte ihn noch nicht verlassen. Sie galt nicht den Russen, die nicht genügend achtgegeben hatten - er war wütend, weil ihm der Tod einen Patienten entreißen wollte. In fliegender Eile, aber ohne ein einziges Mal danebenzugreifen, schloß er die Spritze mit dem Zweiwegehahn an die Kanüle an, die in der rechten Herzkammer steckte und leise vibrierte. Wortlos verfolgte Professor Pawlowitsch die zielsicheren, unbeirrbaren Bewegungen dieser Hände.

Böhler zog den Kolben der Spritze auf und drückte ihn wieder in den Zylinder hinein. So pumpte er Blut ins Herz, langsam, eine Spritze voll nach der anderen. Das Gefäß, in dem sich die Blutkonserve befand, war etwa zur Hälfte geleert, als der Assistent meldete:

»Der Puls ist wieder da.«

Böhler ließ sich nicht stören. Er pumpte weiter Blut ins Herz. Zuerst leise, dann kräftig hob sich jetzt die Brustwand. Der Kranke atmete wieder.

Böhler wusch sich aufs neue. Er kümmerte sich nicht um das Raunen im Operationssaal. Aber eine tiefe Befriedigung erfüllte ihn. Ein wenig belustigte er sich auch darüber, wie die Russen vor Staunen nach Luft geschnappt hatten - die Augen des Professors und der Assistenten, sie hatten ihre Verblüffung doch nicht ganz verbergen können.

Böhler ging zum Tisch zurück und beendete die Operation. Abdecken des Geschwürs mit Bauchfell - das ging jetzt glatt und würde abheilen. Verschluß des Bauchfells, Wundnaht-Verband.

Dann trat er vom Operationstisch zurück und blickte hinter das Zelt ins Gesicht des Kranken. Der hatte rosige Lippen.

Der deutsche Chirurg nickte seinen Mitarbeitern zu und machte eine leichte Verbeugung in den Saal. Dann ging er hinaus.

Am Abend kam Dr. Böhler wieder ins Lager zurück - der Wo-jennoplenni Dr. Böhler, Nummer 3/52864. Die drei Kommissare hatten ihn am Abend nach der letzten Untersuchung, und nachdem die erste Gefahr gebannt war, in der Klinik wieder verhaftet. Er zog seinen weißen Mantel aus, legte die weißen Schuhe ab. Die Kommissare übergaben ihn einem jungen Transportleutnant.

Als er die Gänge entlanggeführt wurde und in die große Eingangshalle kam, begegneten sie Professor Taij Pawlowitsch. Er ging an Dr. Böhler vorbei, als kenne er ihn nicht . er wandte nicht einmal den Kopf. Ein Plenni.

Der freundliche Kapitän-Arzt, der an der Anmeldeloge stand, drehte sich um und ging davon. Auch er grüßte nicht... er sah über Dr. Böhler hinweg. Ein Plenni.

Der Arzt biß die Zähne aufeinander. Rußland!

Vor dem Eingang des Monumentalgebäudes stand wartend Dr. Kre-sin. Er reichte Dr. Böhler beide Hände. Sein Atem flog. »Ich habe keine Worte«, schrie er. »Ich bin außer mir! Das habe ich noch nicht gesehen! Mein Junge.« Beinahe hätte er ihn umarmt. Da wußte Dr. Böhler, wo sein Zuhause war. Fast glücklich ging er zurück in das Lager. Als er in seinem Zimmer auf dem schmutzigen Bett lag, an die Decke starrte und eine Zigarette rauchte, als Dr. Kresin herumraunzte und auf die Kollegen in Stalingrad schimpfte, als Wor-otilow kam und heimlich eine Flasche Wein mitbrachte - er, der Kommandant! -, als die Kasalinsskaja und die Tschurilowa kamen, Dr. Schultheiß und Janina Salja, da war er zufrieden wie selten -da erkannte er staunend, daß er zu diesen Menschen gehörte, daß er ein Teil des Lagers 5110/47 geworden war.

»Ich muß mit Ihnen feiern«, sagte Worotilow herzlich. »Und wenn es Moskau hundertmal erfahren sollte. Ich möchte Ihr Freund sein, Dr. Böhler.«

Fünf Tage später erschien Sergej Kislew wieder im Lager. Er war sehr zufrieden mit dem, was ihm Professor Pawlowitsch gesagt hatte. Gesehen hatte er seinen Sascha nur zweimal - kurz nach der Operation, als er wie ein Toter aussah, und drei Tage später, als er schwach, aber voller Hoffnung in einem Einzelzimmer lag. Der Professor hatte ihm gesagt, es sähe ganz gut aus; der deutsche Arzt habe eine Operation gewagt, die es in der russischen Medizingeschichte noch nicht gegeben habe.

Nun war Sergej Kislew ins Lager gekommen, um sich zu bedanken. Er brachte keine Lebensmittel mit, keine für einen Plenni sinnlosen Rubel - er brachte eine Nachricht, eine Nachricht von Dr. von Sellnow.

Er hatte sich an die Worte Worotilows erinnert und im Lager 53/4 angerufen. Der Lagerkommandant hatte selbst gesprochen und gesagt, daß es Dr. von Sellnow ganz gut gehe. Er habe die Lungenentzündung überstanden und arbeite jetzt im Lagerdienst. Leichte Arbeit, Putzen und Handreichungen. Von dem Abkratzen der Die-len mit einer Glasscherbe hatte er nichts gesagt - wen ging das auch etwas an? Den Kislew überhaupt nicht! Und so hatte der Bauunternehmer angehängt und war ins Lager gefahren, um es Dr. Böhler zu sagen.

»Ich werde ihn mir zu Bauarbeiten holen und gut ernähren«, sagte er zu Worotilow, »wenn der Frühling kommt und die Bauten wieder beginnen. Vielleicht kann er meinen Sascha weiterpflegen - der Professor sagt, es kann lange dauern, ehe er wieder so ist, wie früher.«

»Dr. von Sellnow ist ein ausgezeichneter Arzt. Er war Chefarzt in einer deutschen Klinik.«

»Und warum sitzt er dann im Straflager?«

»Er hat einem Kommissar ein Auge ausgeschlagen.«

Sergej Kislew schaute Worotilow verblüfft an. »Einem Kommissar?« stotterte er. »Und er lebt noch, dieser Arzt?«

Worotilow hob die Schultern. »Sie haben gestern angerufen, Genosse Kislew - ob er heute noch lebt, das weiß keiner. Das weiß man nie im Lager 53/4. Ich möchte es wünschen.«

»Schrecklich.« Sergej Kislew wiegte den Kopf. »Aber wenn er einem Genossen das Auge ausschlug. Er ist eben doch ein deutsches Schwein.«

»Ein deutsches Schwein hat Ihrem Sascha das Leben gerettet«, meinte Worotilow sanft. Kislew schob die Unterlippe vor. »Dr. Böhler ist eine Ausnahme«, sagte er stockend. Er hatte es plötzlich eilig, wieder nach Stalingrad zurückzufahren. »Sagen Sie bitte Dr. Böhler, daß es seinem Kameraden gut geht. Und ich will versuchen, ihn im Frühjahr in meinen Bautrupp zu bekommen. Ich will es versuchen. Guten Tag, Genosse Major.«

Worotilow sah aus dem Fenster, als Kislew in seinen Wagen stieg und abfuhr. Sauerbrunn kehrte den Platz vor der Kommandantur.

»Dreckige Wanze«, sagte Worotilow in Richtung des abfahrenden Wagens. Er sagte es auf deutsch, und Hans Sauerbrunn hörte es.

Am Abend machte es im Lager die Runde von Mund zu Mund, von Baracke zu Baracke, von Block zu Block.

»Dreckige Wanze.«

Sergej Kislew wurde von diesem Tage an nie mehr anders genannt.

Загрузка...