Der Traum

Ruhig und abschätzend ließ Hercule Poirot seinen Blick über das Haus und dessen Umgebung schweifen: die Läden, das große Fabrikgebäude zur Rechten, die billigen Etagenhäuser gegenüber.

Dann faßte er noch einmal Northway House ins Auge, dieses Relikt einer früheren Zeit - einer Zeit, die viel Muße und keinen Platzmangel gekannt hatte, als dieses vornehme, arrogante Haus noch inmitten grüner Felder lag. Jetzt war es ein Anachronismus, vom hektischen Strom des modernen London umflutet und vergessen, und keiner unter fünfzig Menschen hätte einem sagen können, wo es stand.

Sehr wenige Leute hätten einem überdies verraten können, wem es gehörte, obwohl der Eigentümer als einer der reichsten Männer der Welt bekannt war. Aber Geld kann Publizität nicht nur fördern, sondern auch unterdrücken. Benedict Farley, dieser exzentrische Millionär, zog es vor, die Wahl seiner Residenz nicht an die große Glocke zu -hängen. Er selbst ließ sich selten in der Öffentlichkeit sehen. Von Zeit zu Zeit erschien er bei Direktorenversammlungen, wo er mit seiner hageren Figur, seiner Hakennase und seiner krächzenden Stimme die versammelten Direktoren mit Leichtigkeit beherrschte. Abgesehen davon, war er nur eine wohlbekannte sagenhafte Figur. Man hörte von seiner seltsamen Knauserigkeit und seinem unglaublichen Großmut und auch von persönlichen Eigenheiten - von seinem berühmten Flickenschlafrock, der jetzt achtundzwanzig Jahre alt sein sollte, seiner unveränderlichen Diät von Kohlsuppe und Kaviar, seiner Abscheu gegen Katzen. Alles dieses war dem Publikum bekannt.

Hercule Poirot war es ebenfalls zu Ohren gekommen. Aber das war auch alles, was er von dem Mann wußte, dem er gerade einen Besuch abstatten wollte. Der Brief, der in seiner Manteltasche steckte, verriet ihm nicht viel mehr.

Nachdem er dieses melancholische Wahrzeichen eines vergangenen Zeitalters eine Weile schweigend gemustert hatte, stieg er die Stufen zur Haustür empor und drückte auf die Klingel, wobei er einen Blick auf die elegante Armbanduhr warf, die endlich seine alte geliebte »Kartoffel« aus früheren Tagen ersetzt hatte. Ja, es war genau halb zehn. Wie immer, war Poirot auf die Minute pünktlich.

Die Tür öffnete sich genau nach der angemessenen Zeitspanne, und ein vollkommenes Exemplar des Genus »Butler« hob sich von der erleuchteten Halle ab.

»Mr. Benedict Farley?« fragte Hercule Poirot.

Der unpersönliche Blick musterte ihn von Kopf bis Fuß, nicht verletzend, aber gründlich.

»Werden Sie erwartet, Sir?« erkundigte sich die glatte Stimme.

»Ja.«

»Wie lautet Ihr Name, Sir?«

»Monsieur Hercule Poirot.«

Mit einer Verbeugung trat der Butler zur Seite, und Hercule Poirot betrat das Haus. Der Butler schloß die Tür hinter ihm.

Aber es war noch eine weitere Formalität zu erledigen, ehe die geschickten Hände dem Besucher Stock und Hut abnahmen.

»Sie werden verzeihen, Sir. Aber ich sollte mir einen Brief zeigen lassen.«

Bedächtig nahm Poirot den gefalteten Brief aus seiner Tasche und reichte ihn dem Butler. Dieser warf einen flüchtigen Blick darauf und gab ihn mit einer Verbeugung zurück. Hercule Poirot steckte ihn wieder ein. Der Inhalt war einfach.


Northway House, W. 8

Sehr geehrter Mr. Poirot,

Mr. Benedict Farley möchte gern Ihren Rat in Anspruch nehmen. Wenn es Ihnen paßt, würde er es begrüßen, wenn Sie morgen, Donnerstag, um 21.30 Uhr bei ihm an der obengenannten Adresse vorsprechen würden.

Hochachtungsvoll Hugo Cornworthy (Sekretär)

P. S. Bringen Sie bitte diesen Brief mit.


Gewandt nahm der Butler Poirot Hut, Stock und Mantel ab und sagte: »Gestatten Sie, daß ich Sie nach oben in Mr. Cornworthys Zimmer bringe.«

Mit diesen Worten stieg er die breite Treppe hinan, und Poirot folgte ihm, wobei seine Augen voller Wohlgefallen auf solchen Kunstgegenständen ruhten, die einen üppigen, überladenen Charakter hatten. Sein Kunstgeschmack war stets etwas spießig gewesen.

Im ersten Stock klopfte der Butler an eine Tür.

Hercule Poirot zog die Augenbrauen ein wenig in die Höhe. Dies war der erste Mißklang. Denn die besten Butler klopfen nicht an - und dennoch handelte es sich hier zweifellos um einen erstklassigen Butler.

Es war sozusagen der erste Kontakt mit dem exzentrischen Wesen eines Millionärs.

Eine Stimme ertönte aus dem Innern, und der Butler öffnete die Tür. Gleichzeitig meldete er (und wiederum spürte Poirot ein absichtliches Abweichen vom Althergebrachten):

»Der Herr, den Sie erwarten, Sir.«

Poirot trat ins Zimmer. Es war ein ziemlich großer, einfach und praktisch ausgestatteter Raum, der Ablageschränke, einige Sessel und einen großen, imposanten, mit sorgfältig geordneten Papieren bedeckten Schreibtisch enthielt. Die Ecken des Raumes waren in Dämmerlicht gehüllt, denn das einzige Licht kam von einer großen, grünbeschirmten Leselampe, die auf einem kleinen Tisch neben einem der Sessel stand. Sie war so gestellt, daß ihr voller Lichtschein auf jeden fiel, der sich von der Tür her näherte. Hercule Poirot blinzelte ein wenig in dem grellen Licht der mindestens 150kerzigen Birne. Im Sessel saß eine dünne Gestalt in einem Flickenschlafrock - Benedict Farley. Den Kopf hatte er in charakteristischer Haltung vorgestreckt, und die Hakennase ragte hervor wie der Schnabel eines Vogels. Eine weiße Haarmähne erhob sich wie der Kamm eines Kakadus über seiner Stirn. Seine Augen glitzerten hinter dicken Gläsern, als er seinen Besucher mißtrauisch aufs Korn nahm.

»He«, sagte er schließlich, und seine krächzende Stimme klang schrill und barsch. »Sie sind also Hercule Poirot, he?«

»Zu Diensten«, erwiderte Poirot höflich und verbeugte sich.

»Nehmen Sie Platz, nehmen Sie Platz«, sagte der alte Mann gereizt.

Hercule Poirot nahm Platz - im grellen Schein der Lampe.

Aus dem Schatten hinter der Lampe heraus schien der alte Mann ihn aufmerksam zu studieren.

»Wie kann ich wissen, daß Sie Hercule Poirot sind, he?« fragte er verdrießlich. »Sagen Sie mir das mal.«

Abermals zog Poirot den Brief aus der Tasche und reichte ihn Farley.

»Ja«, gab der Millionär grollend zu. »Stimmt. Das habe ich durch Cornworthy schreiben lassen.« Damit faltete er den Brief und warf ihn zurück. »Sie sind also der Knabe, ja?«

Mit einer kleinen Geste sagte Poirot:

»Ich versichere Ihnen, es handelt sich um keine Täuschung.«

Benedict Farley kicherte plötzlich.

»Das behauptet der Taschenspieler ebenfalls, ehe er die Karnickel aus dem Hut nimmt. Dieser Ausspruch gehört mit zum Trick.«

Poirot erwiderte nichts darauf. Farley sagte plötzlich:

»Sie halten mich wohl für einen mißtrauischen alten Mann, wie? Das bin ich auch. Traue keinem! Das ist mein Motto. Man kann auch niemandem trauen, wenn man reich ist. Nein, nein, das geht nicht.«

»Sie wünschten mich zu konsultieren«, mahnte Poirot sanft.

»Ganz recht. Kaufe immer das Beste. Das ist mein Motto. Gehe zum Fachmann ohne Rücksicht auf die Kosten. Es ist Ihnen sicher aufgefallen, Monsieur Poirot, daß ich nicht nach Ihrem Honorar gefragt habe. Das werde ich auch nicht tun. Schicken Sie mir später die Rechnung - ich werde schon keinen Stunk machen. Diese Idioten in der Molkerei bildeten sich ein, mir zwei neun für Eier berechnen zu können, während der Marktpreis zwei sieben ist - diese Schwindlerbande! Ich lasse mich nicht beschwindeln. Aber mit dem Mann an der Spitze ist es anders. Er ist das Geld wert. Ich stehe selbst an der Spitze. Ich weiß Bescheid.«

Hercule Poirot erwiderte auch hierauf nichts. Er hörte aufmerksam zu, den Körper ein wenig zur Seite geneigt.

Hinter seiner unbeweglichen Fassade verbarg er eine gewisse Enttäuschung. Er konnte nicht genau sagen, worum es eigentlich ging. Soweit hatte sich Benedict Farley charaktergetreu aufgeführt - das heißt, er hatte der volkstümlichen Vorstellung entsprochen. Und doch war Poirot enttäuscht.

Dieser Mann, sagte er sich, ist ein Scharlatan, nichts weiter als ein Scharlatan!

Er hatte andere Millionäre gekannt, die auch exzentrisch waren. Aber in beinahe jedem Falle hatte er eine gewisse Kraft gespürt, eine innere Energie, die Achtung gebot. Wenn sie einen Flickenschlafrock getragen hätten, so hätten sie es getan, weil sie einen solchen Schlafrock gern trugen. Doch Benedict Farleys Schlafrock war in erster Linie - so schien es Poirot jedenfalls - ein Bühnenrequisit. Und der Mann selbst war im wesentlichen theatralisch. Jedes Wort, das er äußerte, war die reinste Effekthascherei; davon war Poirot überzeugt.

Er wiederholte nochmals kühl: »Sie wünschten mich zu konsultieren, Mr. Farley.«

Das Verhalten des Millionärs erfuhr eine plötzliche Änderung. Er beugte sich vor, und seine Stimme sank zu einem heiseren Geflüster herab.

»Ja. Ja. Ich möchte hören, was Sie zu sagen haben, was Sie denken ... Geh an die Spitze! Das ist meine Art! Nimm den besten Arzt, den besten Detektiv - die beiden zusammen müssen es schaffen.«

»Noch weiß ich nicht, Monsieur, worum es geht.«

»Natürlich nicht«, fauchte Farley. »Ich habe Ihnen ja noch nichts gesagt.«

Er beugte sich abermals vor und platzte mit einer unvermittelten Frage heraus.

»Was wissen Sie, Monsieur Poirot, von Träumen?«

Der kleine Mann, blickte erstaunt drein. Eine solche Frage hatte er auf keinen Fall erwartet.

»Dafür, Mr. Farley, möchte ich Ihnen Napoleons >Buch der Träume< oder den neuesten Psychologen aus der Harley Street empfehlen.«

Nüchtern erwiderte Farley: »Ich habe es mit beiden versucht.«

Nach einer kleinen Pause fuhr der Millionär fort, zunächst im Flüsterton und dann in einer immer heller werdenden Stimme.

»Es ist derselbe Traum, Nacht für Nacht. Und ich fürchte mich, ich sage Ihnen, ich fürchte mich. Es ist immer dasselbe. Ich bin nebenan in meinem Zimmer. Ich sitze am Schreibtisch und schreibe. Es ist eine Uhr vorhanden. Mein Blick fällt darauf, und ich sehe die Zeit: genau achtundzwanzig Minuten nach drei. Immer dieselbe Zeit, verstehen Sie. Und wenn ich die Zeit sehe, Monsieur Poirot, weiß ich, daß ich es tun muß. Ich will es nicht tun, ich verabscheue es, aber ich muß es tun .«

Seine Stimme war ganz schrill geworden.

Unbeirrt fragte Poirot: »Und was müssen Sie unbedingt tun?«

»Um achtundzwanzig Minuten nach drei«, erwiderte Benedict Farley heiser, »öffne ich die zweite Schublade von oben an der rechten Seite meines Schreibtisches, nehme den Revolver heraus, den ich dort liegen habe, lade ihn und trete ans Fenster. Und dann . und dann .«

»Ja?«

Im Flüsterton sagte Benedict Farley: »Dann erschieße ich mich.«

Schweigen. Nach einer Weile sagte Poirot:

»Und das ist Ihr Traum?«

»Ja.«

»Jede Nacht derselbe?«

»Ja.«

»Was geschieht, nachdem Sie sich erschossen haben?«

»Ich wache auf.«

Poirot nickte langsam und nachdenklich vor sich hin.

»Haben Sie eigentlich einen Revolver in dieser besonderen Schublade? Es würde mich interessieren.«

»Ja.«

»Warum?«

»Aus alter Gewohnheit. Man muß auf alles vorbereitet sein.«

»Worauf, zum Beispiel?«

Gereizt erwiderte Farley:

»Ein Mann in meiner Stellung muß auf der Hut sein. Alle reichen Leute habe Feinde.«

Poirot verfolgte das Thema nicht weiter. Er schwieg eine Weile und fragte dann:

»Warum haben Sie mich eigentlich kommen lassen?«

»Das will ich Ihnen sagen. Zuallererst konsultierte ich einen Arzt - drei Ärzte, genauer gesagt.«

»Und was sagten sie?«

»Der erste setzte mir auseinander, daß es nur eine Diätfrage sei. Es war ein älterer Mann. Der zweite war jung und gehörte der modernen Richtung an. Er versicherte mir, daß der ganzen Geschichte ein gewisses Ereignis meiner Kindheit zugrunde liege, das um diese besondere Zeit - drei Uhr achtundzwanzig - stattfand. Ich sei so fest entschlossen, mich nicht an dieses Ereignis zu erinnern, daß ich es durch meinen Selbstmord symbolisiere. Das ist seine Erklärung.«

»Und der dritte Arzt?« fragte Poirot.

Benedict Farleys Stimme schrillte vor Zorn.

»Er ist ebenfalls ein junger Mann und hat eine geradezu lächerliche Theorie. Er behauptet, daß ich selbst des Lebens überdrüssig sei, daß mein Leben mir so unerträglich erscheine, daß ich es vorsätzlich zu enden wünschte! Aber da die Anerkennung dieser Tatsache gleichbedeutend sei mit dem Eingeständnis, daß ich im wesentlichen versagt hätte, weigerte ich mich im Wachzustande, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Doch wenn ich schliefe, würden alle Hemmungen beseitigt, und ich führte das aus, was ich in Wirklichkeit zu tun wünschte. Ich machte meinem Dasein ein Ende.«

»Dann ist er also der Ansicht, daß Sie, ohne es zu wissen, Selbstmord begehen möchten, nicht wahr?« sagte Poirot.

Benedict Farley erwiderte schrill:

»Und das ist unmöglich - unmöglich! Ich bin durchaus glücklich! Ich habe alles, was ich mir wünsche, alles, was man mit Geld kaufen kann! Es ist phantastisch, einfach unglaublich, so etwas überhaupt anzudeuten!«

Poirot betrachtete ihn voller Interese. Vielleicht sagte ihm etwas in dem ganzen Gebaren - die zitternden Hände, die bebende, schrille Stimme - daß die Beteuerungen zu heftig und damit an sich schon verdächtig seien. Aber er begnügte sich mit der Bemerkung:

»Und was habe ich mit alledem zu tun, Monsieur?«

Benedict Farley beruhigte sich plötzlich wieder und klopfte nachdrücklich mit dem Finger auf den neben ihm stehenden Tisch.

»Es besteht noch eine andere Möglichkeit. Und wenn etwas daran sein sollte, sind Sie der Mann, der damit fertig werden kann! Sie sind berühmt. Sie haben Hunderte von Fällen bearbeitet - phantastische, unwahrscheinliche Fälle! Sie würden es wissen, wenn es irgend jemand täte.«

»Wovon reden Sie eigentlich?«

Farleys Stimme sank zu einem Geflüster herab.

»Nehmen wir einmal an, daß jemand mich töten will . Könnte er es auf diese Weise tun? Könnte er bewirken, daß ich Nacht für Nacht diesen Traum habe?«

»Durch Hypnose, meinen Sie?«

»Ja.«

Hercule Poirot überlegte eine Weile.

»Möglich wäre es vielleicht, nehme ich an«, sagte er schließlich. »Aber ein Arzt könnte Ihnen diese Frage besser beantworten.«

»Ist Ihnen ein derartiger Fall noch nicht vorgekommen?«

»Nein, nicht gerade in dieser Form.«

»Sie sehen aber doch, worauf ich hinauswill. Man veranlaßt mich, denselben Traum Nacht für Nacht, Nacht für Nacht zu träumen - und dann - eines Tages wird mir diese Suggestion zuviel, und ich setze sie in die Tat um. Ich tue, was ich so oft geträumt habe - ich töte mich!«

Langsam schüttelte Hercule Poirot den Kopf.

»Sie halten es für unmöglich?« fragte Farley.

»Unmöglich?« Poirot schüttelte abermals den Kopf. »Mit diesem Wort habe ich nicht gern etwas zu schaffen.«

»Aber Sie halten es für unwahrscheinlich?«

»Höchst unwahrscheinlich.«

Benedict Farley murmelte leise: »Der Arzt war derselben Meinung.« Dann hob sich seine Stimme wieder, und er fragte: »Aber warum habe ich diesen Traum? Warum? Warum nur?«

Hercule Poirot schüttelte den Kopf, und Benedict Farley sagte unvermittelt:

»Sind Sie ganz sicher, daß Ihnen so etwas in Ihrer Praxis noch nicht vorgekommen ist?«

»So einen Fall habe ich noch nie gehabt.«

»Das wollte ich gern wissen.«

»Gestatten Sie mir eine Frage?«

»Was ist es? Was ist es? Fragen Sie, was Sie wollen.«

»Wen haben Sie im Verdacht, wenn Sie sagen, daß jemand Sie töten möchte?«

»Niemand«, lautete die barsche Antwort. »Überhaupt keinen.«

»Aber der Gedanke war Ihnen doch gekommen.«

»Ich wollte nur wissen, ob die Möglichkeit existiere.«

»Nach meinen eigenen Erfahrungen zu urteilen, möchte ich sagen: nein. Sind Sie übrigens schon einmal hypnotisiert worden?«

»Natürlich nicht. Glauben Sie etwa, ich gebe mich zu solchem Unsinn her?«

»Dann kann man wohl sagen, daß Ihre Theorie ganz entschieden unwahrscheinlich ist.«

»Aber der Traum, Sie Tor, der Traum!«

»Der Traum ist sicherlich bemerkenswert«, sagte Poirot nachdenklich. Er schwieg und fuhr dann fort: »Ich möchte gern den Schauplatz dieses Dramas sehen - den Tisch, die Uhr und den Revolver.«

»Aber gewiß. Kommen Sie mit ins Nebenzimmer.«

Während er den Schlafrock enger um sich zog, erhob sich der alte Mann halbwegs aus seinem Sessel, ließ sich dann aber wieder zurücksinken, als sei ihm plötzlich etwas eingefallen.

»Nein«, erklärte er. »Es gibt dort nichts zu sehen. Ich habe Ihnen alles eingehend geschildert.«

»Aber ich möchte mich gern selbst überzeugen.«

»Durchaus nicht notwendig«, sagte Farley schroff. »Sie haben mir Ihre Ansicht gesagt. Damit ist der Fall erledigt.«

Poirot zuckte die Achseln. »Wie Sie wünschen.« Er stand auf. »Ich bedaure sehr, Mr. Farley, daß ich Ihnen nicht helfen konnte.«

Benedict Farley starrte unverwandt geradeaus.

»Bin kein Freund von vielem Hokuspokus«, knurrte er. »Ich habe Sie über die Tatsachen unterrichtet, und Sie können nichts damit anfangen. Damit ist die Angelegenheit zu Ende. Sie können mir eine Rechnung über das Konsultationshonorar schicken.«

»Das werde ich nicht versäumen«, erwiderte der Detektiv trocken und schritt zur Tür.

»Einen Augenblick!« rief der Millionär hinter ihm her. »Der Brief - ich möchte ihn gern haben.«

»Der Brief von Ihrem Sekretär?«

»Ja.«

Poirot machte ein erstauntes Gesicht. Er fuhr mit der Hand in die Tasche, zog einen zusammengefalteten Bogen heraus und reichte ihn dem alten Herrn, der einen prüfenden Blick darauf warf und ihn dann kopfnickend neben sich auf den Tisch legte.

Wiederum ging Hercule Poirot auf die Tür zu. Er war ziemlich verdutzt, seine rastlosen Gedanken kreisten um das, was er soeben gehört hatte. Doch mitten in seine Überlegungen hinein drängte sich ein nagendes Gefühl, daß irgend etwas nicht in Ordnung sei. Und dieses Etwas bezog sich auf ihn selbst - nicht auf Benedict Farley.

Als seine Hand schon auf dem Türgriff lag, klärten sich seine Gedanken. Ihm, Hercule Poirot, war ein Versehen unterlaufen! Er machte noch einmal kehrt.

»Ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung! Ganz in Gedanken an Ihr Problem, habe ich eine Dummheit begangen! Dieser Brief, den ich Ihnen gegeben habe -unglücklicherweise habe ich in meine rechte Tasche gegriffen, anstatt in meine linke ...«

»Was ist los? Was reden Sie da?«

»Der Brief, den ich Ihnen soeben gegeben habe, enthält eine Entschuldigung meiner Wäscherin wegen der Behandlung meiner Kragen.« Poirot lächelte reumütig und griff in seine linke Tasche.

»Dies ist Ihr Brief.«

Benedict Farley riß ihn knurrend an sich. »Zum Kuckuck, warum können Sie denn nicht aufpassen?«

Mit einer nochmaligen Entschuldigung nahm Poirot die Mitteilung seiner Wäscherin wieder an sich und verließ das Zimmer.

Draußen im Korridor blieb er eine Weile stehen. Es war eigentlich eine kleine Diele. Ihm gegenüber stand eine große alte Eichenbank mit einem langen, schmalen Tisch davor. Auf dem Tisch lagen Zeitschriften. Außerdem waren noch zwei Sessel und ein Blumentisch vorhanden. Dieses Arrangement erinnerte ihn ein wenig an das Wartezimmer eines Zahnarztes.

Unten in der Halle wartete der Butler auf ihn, um ihn zur Tür hinauszulassen. »Soll ich Ihnen ein Taxi besorgen, Sir?«

»Nein, danke. Es ist ein schöner Abend. Ich gehe zu Fuß.«

Hercule Poirot blieb einen Augenblick auf dem Bürgersteig stehen, um auf eine Verkehrspause zu warten, ehe er die belebte Straße überquerte.

»Nein«, sagte er mit tief gerunzelter Stirn vor sich hin, »ich verstehe es ganz und gar nicht. Es ist ohne Sinn und Verstand. So bedauerlich dieses Eingeständnis ist, aber ich, Hercule Poirot, bin auf dem toten Gleis angelangt.«

Dies war sozusagen der erste Akt des Dramas. Der zweite Akt folgte eine Woche später und begann mit einem telefonischen Anruf von einem Dr. med John Stillingfleet.

Mit einem bemerkenswerten Mangel an ärztlicher Etikette sagte dieser:

»Sind Sie's, Poirot, altes Haus? Hier ist Stillingfleet.«

»Ja, mein Freund. Was gibt's denn?«

»Ich spreche von Northway House - Benedict Farleys Wohnsitz.«

»Ja?« Poirots Stimme verriet plötzliches Interesse. »Wie steht's mit Mr. Farley?«

»Farley ist tot. Hat sich heute nachmittag erschossen.«

Nach einer kleinen Pause sagte Poirot: »So, ja ...«

»Ich bemerke, daß Sie nicht gerade vor Erstaunen umsinken. Wissen Sie darüber Bescheid?«

»Wie kommen Sie zu dieser Annahme?«

»Nun, wir haben einen von Farley an Sie gerichteten Brief gefunden, in dem er vor etwa einer Woche eine Zusammenkunft mit Ihnen verabredete.«

»Ach so.«

»Wir haben einen zahmen Polizeiinspektor hier - man muß ja vorsichtig sein, wenn sich einer von diesen Millionären eine Kugel durch den Kopf jagt. Und wir haben uns gefragt, ob Sie wohl etwas Licht in diese Angelegenheit bringen könnten. Wenn ja, dann kommen Sie doch bitte her.«

»Ich komme sofort.«

Eine Viertelstunde später saß Poirot in der Bibliothek, einem niedrigen, langgestreckten Raum hinten im Erdgeschoß von Northway House. Es waren noch fünf andere Personen anwesend. Inspektor Barnett, Dr. Stillingfleet, Mrs. Farley, die Witwe des Millionärs, Joanna Farley, seine einzige Tochter, und sein Privatsekretär Hugo Cornworthy.

Inspektor Barnett war ein diskreter Mann von militärischer Haltung. Dr. Stillingfleet, dessen berufliches Gebaren sich von seinem Telefonstil gründlich unterschied, war ein großer, langgesichtiger Mann von etwa dreißig Jahren. Mrs. Farley war offensichtlich sehr viel jünger als ihr Mann. Sie war eine hübsche, dunkelhaarige Frau. Aber sie hatte einen harten Mund, und ihre schwarzen Augen verrieten nichts von ihren Gefühlen. Joanna Farley hatte blondes Haar und ein sommersprossiges Gesicht. Die gebogene Nase und das vorspringende Kinn hatte sie deutlich von ihrem Vater geerbt. In ihren Augen lagen Intelligenz und Scharfsinn. Hugo Cornworthy war ein gutaussehender, sehr korrekt gekleideter junger Mann, der einen gescheiten und tüchtigen Eindruck machte.

Nach der üblichen Vorstellungs- und Begrüßungsszene schilderte Poirot schlicht und klar die Umstände seines Besuches bei Benedict Farley und wiederholte die Geschichte, die dieser ihm erzählt hatte. Er konnte sich dabei nicht über einen Mangel an Interesse bei seinen Zuhörern beklagen.

»Die seltsamste Geschichte, die ich je gehört habe!« erklärte der Inspektor. »Ein Traum, wie? Haben Sie auch etwas davon gewußt, Mrs. Farley?«

Sie beugte den Kopf.

»Mein Mann hat mit mir darüber gesprochen. Es hat ihn sehr beunruhigt. Ich - ich habe ihm gesagt, daß es sich wohl um eine Verdauungsstörung handle - seine Diät war nämlich sehr merkwürdig - und ihm vorgeschlagen, Dr. Stillingfleet zu konsultieren.«

Der junge Mann schüttelte den Kopf.

»Er hat mich aber nicht konsultiert. Aus Monsieur Poirots Worten schließe ich, daß er Harley-Street-Spezialisten zu Rate zog.«

»Über diesen Punkt möchte ich gern Ihre Meinung hören, Dr. Stillingfleet«, sagte Poirot. »Was halten Sie von den Theorien, die diese drei Harley-Street-Spezialisten aufstellten?«

Stillingfleet runzelte die Stirn.

»Das läßt sich schwer sagen. Sie müssen berücksichtigen, daß das, was er Ihnen übermittelte, nicht genau dasselbe war, was man ihm gesagt hatte. Es war die Interpretation eines Laien.«

»Sie meinen, er habe sich falsch ausgedrückt?«

»Nicht unbedingt. Ich will nur sagen, daß die Ärzte ihm gegenüber wohl fachmännische Redensarten gebraucht haben, deren Bedeutung er ein wenig verzerrte und dann in seiner eigenen Sprache wiedergab.«

»Dann entsprach also das, was er mir sagte, nicht genau den Äußerungen der Ärzte?«

»So ungefähr. Er hatte eben alles etwas verkehrt aufgefaßt, wenn Sie mich richtig verstehen.«

Poirot nickt gedankenvoll. »Weiß man eigentlich, wen er konsultierte?« fragte er.

Mrs. Farley schüttelte den Kopf, und Joanna Farley bemerkte:

»Keiner von uns hatte die leiseste Ahnung, daß er überhaupt jemanden konsultierte.« »Hat er mit Ihnen über seinen Traum gesprochen?« erkundigte sich Poirot bei der Tochter.

Das Mädchen schüttelte verneinend den Kopf.

»Und Sie, Mr. Cornworthy?«

»Nein, zu mir hat er auch nichts gesagt. Er diktierte mir zwar einen Brief an Sie, aber ich hatte keine Idee, warum er Sie zu sprechen wünschte.«

»Und nun zu den genauen Umständen von Mr. Farleys Tod«, sagte Poirot.

Inspektor Barnett blickte Mrs. Farley und Dr. Stillingfleet fragend an und übernahm die Rolle des Sprechers.

»Mr. Farley hatte die Gewohnheit, jeden Nachmittag in seinem eigenen Zimmer im ersten Stock zu arbeiten. Wie ich höre, stand eine große Verschmelzung im Geschäftsleben bevor ...«

Er blickte fragend zu Hugo Cornworthy hinüber, der erläuternd hinzusetzte: »Vereinigte Buslinien.«

»In diesem Zusammenhang«, fuhr Inspektor Barnett fort, »hatte Mr. Farley sich bereit erklärt, zwei Pressemitgliedern ein Interview zu gewähren. Etwas, das er sehr selten tat -nur alle fünf Jahre einmal, wie ich höre. Demgemäß erschienen zwei Reporter - einer von den Associated Newsgroups und einer von den Amalgamated Press-Sheets -um ein Viertel nach drei, wie verabredet. Sie warteten im ersten Stock vor Mr. Farleys Tür - der übliche Platz für alle, die eine Verabredung mit Mr. Farley hatten. Um zwanzig nach drei erschien ein Bote vom Büro der Vereinigten Buslinien mit wichtigen Papieren. Er wurde in Mr. Farleys Zimmer geführt, wo er ihm die Dokumente aushändigte. Mr. Farley begleitete ihn zur Tür und sprach von dort mit den beiden Pressemitgliedern. Er sagte:

>Es tut mir leid, meine Herren, daß ich Sie warten lassen muß, aber ich habe eine dringende Sache zu erledigen. Ich werde mich nach Möglichkeit beeilen.<

Die beiden Herren, Mr. Adams und Mr. Stoddart, versicherten Mr. Farley, daß es ihnen nichts ausmache zu warten. Er ging dann ins Zimmer zurück, schloß die Tür -und wurde nicht wieder lebend gesehen!«

»Fahren Sie bitte fort«, bat Poirot.

»Kurz nach vier Uhr«, berichtete der Inspektor weiter, »kam Mr. Cornworthy aus seinem Zimmer, das neben Mr. Farleys Raum liegt, und sah zu seiner Überraschung, daß die beiden Reporter immer noch warteten. Er brauchte Mr. Farleys Unterschrift für einige Briefe und hielt es auch für angebracht, ihn an diese beiden Herren zu erinnern. Also ging er in Mr. Farleys Raum. Zu seinem Erstaunen konnte er Mr. Farley zunächst gar nicht sehen und nahm schon an, daß der Raum leer sei. Dann fiel sein Blick auf einen Schuh, der hinter dem Schreibtisch hervorragte - dieser steht quer vor dem Fenster. Er ging rasch hinüber und entdeckte Mr. Farley tot am Boden und neben ihm einen Revolver.

Mr. Cornworthy verließ dann eilends das Zimmer und wies den Butler an, Dr. Stillingfleet telefonisch herbeizurufen. Auf Anraten des Arztes benachrichtigte Mr. Cornworthy auch die Polizei.«

»Wurde der Schuß nicht gehört?« fragte Poirot.

»Nein. Der Verkehr ist hier sehr laut, und das Fenster auf dem Treppenabsatz war offen. Bei dem vielen Gehupe und dem Donnern der Lastwagen war es ein Ding der Unmöglichkeit.«

Poirot nickte nachdenklich. »Wann ist er vermutlich gestorben?«

Stillingfleet erwiderte:

»Ich habe die Leiche sofort nach meiner Ankunft untersucht, und das war zweiunddreißig Minuten nach vier. Mr. Farley war da seit mindestens einer Stunde tot.«

Poirots Gesicht hatte einen sehr ernsten Ausdruck.

»Dann erscheint es also durchaus möglich, daß der Tod um die Zeit, die er mir gegenüber erwähnte, eingetreten ist -nämlich um achtundzwanzig Minuten nach drei.«

»Ganz recht«, sagte Stillingfleet.

»Sind Fingerabdrücke auf dem Revolver?«

»Ja, seine eigenen.«

»Und der Revolver selbst?«

Der Inspektor schaltete sich wieder ein.

»War derjenige, den er in der zweiten Schublade an der rechten Seite seines Schreibtisches aufbewahrte, wie er Ihnen gesagt hatte. Mrs. Farley hat ihn mit Bestimmtheit identifiziert. Außerdem hat der Raum nur einen Zugang, nämlich die Tür nach der Diele. Die beiden Reporter saßen dieser Tür direkt gegenüber, und sie schwören, daß niemand das Zimmer betreten hat von dem Augenblick an, als Mr. Farley mit ihnen sprach, bis Mr. Cornworthy kurz nach vier hineinging.«

»So daß man mit Sicherheit annehmen kann, daß Mr. Farley Selbstmord begangen hat.«

Inspektor Barnett lächelte ein wenig.

»Daran wäre überhaupt nicht gezweifelt worden, wenn man nicht etwas entdeckt hätte.«

»Und was war das?«

»Der an Sie gerichtete Brief.«

Poirot lächelte ebenfalls.

»Ich verstehe! Wo Hercule Poirot beteiligt ist, da erhebt sich sofort ein Mordverdacht!«

»Ganz recht«, bestätigte der Inspektor trocken. »Nachdem Sie jedoch die Situation geklärt haben -«

»Einen kleinen Augenblick«, unterbrach ihn Poirot und wandte sich dann an Mrs. Farley. »Ist Ihr Gatte jemals hypnotisiert worden?«

»Niemals.«

»Hatte er die Frage der Hypnose studiert? Interessierte er sich für diesen Gegenstand?«

»Ich glaube nicht.« Plötzlich schien sie ihre Selbstbeherrschung zu verlieren. »Dieser gräßliche Traum! Es ist unheimlich! Daß er das Nacht für Nacht geträumt hat - und dann - es ist beinahe, als wäre er - zu Tode gehetzt!«

Poirot erinnerte sich daran, wie Benedict Farley sagte: »Ich führe das aus, was ich in Wirklichkeit zu tun wünsche. Ich mache meinem Dasein ein Ende.« Er sagte:

»Ist Ihnen je der Gedanke gekommen, daß Ihr Gatte die Versuchung spürte, sich das Leben zu nehmen?«

»Nein - das heißt, manchmal war er sehr merkwürdig .«

Joanna Farleys Stimme ertönte plötzlich, klar und verächtlich.

»Vater hätte sich niemals das Leben genommen. Er war viel zu sehr auf sein Wohlergehen bedacht.«

Dr. Stillingfleet erwiderte darauf:

»Wissen Sie, Miss Farley, die Menschen, die immer mit Selbstmord drohen, begehen diese Tat gewöhnlich nicht. Daher erscheint mancher Selbstmord so unbegreiflich.«

Poirot erhob sich.

»Ist es gestattet«, fragte er, »daß ich den Raum sehe, wo die Tragödie stattfand?«

»Gewiß. Dr. Stillingfleet wird Sie vielleicht begleiten.«

Der Arzt erhob sich und ging mit Poirot nach oben.

Benedict Farleys Zimmer war bedeutend größer als das des Sekretärs nebenan. Es war luxuriös ausgestattet mit tiefen Ledersesseln, einem dicken Veloursteppich und einem prachtvollen, riesigen Schreibtisch.

Poirot trat hinter den Schreibtisch, wo gerade vor dem Fenster ein dunkler Fleck auf dem Teppich zu sehen war. In Gedanken hörte er den Millionär sagen: »Achtundzwanzig Minuten nach drei öffne ich die zweite Schublade rechts in meinem Schreibtisch, nehme den Revolver heraus, den ich dort liegen habe, lade ihn und trete ans Fenster. Und dann -und dann erschieße ich mich.«

Er nickte langsam vor sich hin und sagte:

»Stand das Fenster offen, wie jetzt?«

»Ja. Aber niemand hätte auf diese Weise eindringen können.«

Poirot blickte hinaus. Es war nichts zu sehen: keine Fensterschwelle, kein Vorsprung, keine Rohre. Nicht einmal eine Katze hätte sich einschleichen können. Gegenüber erhob sich die glatte Wand des Fabrikgebäudes - eine blinde Wand ohne Fenster.

»Seltsam«, meinte Stillingfleet, »daß ein reicher Mann sich einen Raum mit solcher Aussicht als Arbeitszimmer gewählt hatte. Es ist ja, als ob man auf eine Gefängniswand blickte.«

»Ja«, stimmte ihm Poirot zu, während er den Kopf zurückzog und auf die öde Backsteinfläche starrte. »Ich glaube, daß die Wand eine wichtige Rolle spielt.«

»Meinen Sie - vom psychologischen Standpunkt aus?«

Poirot war inzwischen an den Schreibtisch getreten. Scheinbar müßig nahm er eine sogenannte Faulenzerzange in die Hand. Er preßte die Griffe zusammen, und die Zange schoß in ihrer ganzen Länge heraus. Sorgfältig hob er damit ein abgebranntes Streichholz vom Boden, das in einiger Entfernung neben einem Sessel lag, und beförderte es geschickt in den Papierkorb.

»Eine geistreiche Erfindung«, murmelte Hercule Poirot und legte die Zange wieder säuberlich auf den Schreibtisch. Dann setzte er hinzu: »Wo waren Mrs. Farley und Miss Farley zur Zeit des - Todes?«

»Mrs. Farley ruhte in ihrem Zimmer, das im nächsten Stock liegt, und Miss Farley malte in ihrem Atelier ganz oben im Haus.«

Hercule Poirot trommelte eine Zeitlang mit den Fingern auf den Tisch. Dann sagte er:

»Ich möchte gern mit Miss Farley sprechen. Würden Sie sie vielleicht bitten, für einen Augenblick hierherzukommen?«

Stillingfleet blickte ihn neugierig an und verließ dann das Zimmer. Bald darauf öffnete sich die Tür, und Joanna Farley kam herein.

»Sie haben hoffentlich nichts dagegen, Mademoiselle, wenn ich ein paar Fragen an Sie richte?«

Sie schenkte ihm einen kühlen Blick.

»Bitte, fragen Sie, was Sie wollen.«

»Haben Sie gewußt, daß Ihr Vater einen Revolver in seinem Schreibtisch aufbewahrte?«

»Nein.«

»Wo waren Sie und Ihre Mutter - oder vielmehr Ihre Stiefmutter - stimmt's?«

»Ja, Louise ist die zweite Frau meines Vaters. Sie ist nur acht Jahre älter als ich. Was wollten Sie noch sagen?«

»Wo waren Sie und Ihre Stiefmutter am Donnerstag abend in der vergangenen Woche?«

Sie überlegte eine Weile. »Donnerstag? Einen Augenblick. Ach ja, wir waren im Theater.«

»Und Ihr Vater hatte keine Lust, sich Ihnen anzu-schließen?«

»Mein Vater ging nie ins Theater.«

»Womit befaßte er sich abends gewöhnlich?«

»Er saß hier in seinem Zimmer und las.«

»Er war wohl nicht sehr gesellig, wie?«

Joanna Farley blickte ihm fest in die Augen, »Mein Vater«, erklärte sie, »hatte ein selten unangenehmes Wesen. Niemand, der in enger Gemeinschaft mit ihm lebte, konnte ihn irgendwie gern haben.«

»Das, Mademoiselle, ist ein sehr offenes Zugeständnis.«

»Ich erspare Ihnen Zeit, Monsieur Poirot. Ich weiß sehr wohl, worauf Sie hinauswollen. Meine Stiefmutter hat meinen Vater seines Geldes wegen geheiratet. Ich wohne hier, weil ich kein Geld habe, um anderswo ein Domizil aufzuschlagen. Ich kenne einen Mann, den ich heiraten möchte. Es ist ein armer Mann. Mein Vater sorgte dafür, daß er seinen Posten verlor. Er wünschte nämlich, daß ich eine gute Partie machte - was ja nicht schwer war, da ich seine Erbin sein sollte!«

»Erben Sie das Vermögen Ihres Vaters?«

»Ja. Das heißt, er hat Louise, meiner Stiefmutter, eine Viertelmillion Pfund steuerfrei hinterlassen, und es sind noch einige andere Vermächtnisse vorhanden, aber die Universalerbin bin ich.«

Sie lächelte plötzlich. »Sie sehen also, Monsieur Poirot, daß ich allen Grund hatte, den Tod meines Vaters herbeizusehnen.«

»Ich sehe, Mademoiselle, daß Sie die Intelligenz Ihres Vaters geerbt haben.«

Nachdenklich meinte sie:

»Ja, Vater war klug. Man spürte in seiner Gegenwart die gewaltige Triebkraft, die in ihm steckte. Nur hatte sich alles in Kälte und Bitterkeit verwandelt. Alle menschlichen Gefühle waren atrophiert ...«

Hercule Poirot sagte leise vor sich hin: »Grand Dieu, was für ein Dummkopf war ich doch!«

Joanna Farley wandte sich zum Gehen.

»Möchten Sie sonst noch etwas wissen?«

»Zwei kleine Fragen. Diese Zange hier« - er nahm die Faulenzerzange in die Hand - »lag sie immer auf diesem Schreibtisch?«

»Ja. Vater bückte sich nicht gern.«

»Und nun die zweite Frage. Konnte Ihr Vater gut sehen?«

»Oh - er konnte überhaupt nicht sehen - ich meine, nicht ohne seine Brille. Seine Augen waren immer schlecht, schon von Kindheit an.«

»Aber mit der Brille?«

»Damit sah er natürlich ganz gut.«

»Konnte er Zeitungen und kleinen Druck lesen?«

»Doch, ja.«

»Das wäre alles, Mademoiselle.«

Sie verließ das Zimmer.

Poirot murmelte:

»Ich war ja dumm. Die ganze Zeit über hatte ich es direkt vor der Nase. Aber man sieht ja bekanntlich den Wald vor lauter Bäumen nicht.«

Noch einmal lehnte er sich aus dem Fenster. Da unten, auf dem schmalen Weg zwischen dem Haus und der Fabrik, sah er einen kleinen, dunklen Gegenstand.

Hercule Poirot nickte befriedigt und begab sich wieder nach unten.

Die anderen saßen immer noch in der Bibliothek, und Poirot wandte sich an den Sekretär.

»Mr. Cornworthy, ich möchte, daß Sie mir die näheren Umstände schildern, die mit Mr. Farleys Aufforderung an mich verknüpft waren. Wann hat Mr. Farley, zum Beispiel, den Brief diktiert?«

»Mittwoch nachmittag - gegen halb sechs, soweit ich mich erinnere.«

»Haben Sie besondere Anweisungen für das Absenden erhalten?«

»Er bat mich, ihn selbst in den Kasten zu werfen.«

»Und haben Sie das getan?«

»Ja.«

»Hat er dem Butler besondere Instruktionen für meinen Empfang erteilt?«

»Ja. Er ließ Holmes - so heißt der Butler - durch mich bestellen, daß er um neun Uhr dreißig den Besuch eines Herrn erwarte. Der Butler sollte sich nach dem Namen erkundigen und sich auch den Brief zeigen lassen.«

»Ziemlich seltsame Vorsichtsmaßregeln.«

Cornworthy zuckte die Achseln. »Mr. Farley«, sagte er gemessen, »war ein ziemlich seltsamer Mensch.«

»Erhielten Sie noch andere Anweisungen?«

»Ja. Er trug mir auf, den Abend für mich zu verbringen.«

»Haben Sie das getan?«

»Ja, ich bin sofort nach dem Essen ins Kino gegangen.«

»Wann sind Sie zurückgekehrt?«

»Gegen ein Viertel nach elf war ich wieder im Hause.«

»Haben Sie Mr. Farley an diesem Abend noch gesehen?«

»Nein.«

»Und am nächsten Morgen hat er die Angelegenheit auch nicht erwähnt?«

»Nein.«

Poirot ließ eine Pause eintreten und fuhr dann fort:

»Als ich kam, wurde ich nicht in Mr. Farleys eigenes Zimmer geführt.«

»Nein. Er ließ Holmes durch mich ausrichten, daß er Sie in mein Zimmer führen solle.«

»Warum eigentlich? Wissen Sie das?«

Cornworthy schüttelte den Kopf.

»Ich habe Mr. Farley nie nach dem Grund seiner Anordnungen gefragt«, sagte er trocken. »Das hätte er mir sehr übel genommen.«

»Hat er Besucher gewöhnlich in seinem eigenen Zimmer empfangen?«

»Meistens, aber nicht immer. Manchmal sprach er mit ihnen in meinem Zimmer.«

»War ein besonderer Grund dafür vorhanden?«

Hugo Cornworthy überlegte.

»Nein. Ich glaube kaum. Ich habe eigentlich nie darüber nachgedacht.«

Poirot wandte sich an Mrs. Farley.

»Gestatten Sie, daß ich nach Ihrem Butler klingle?«

»Gewiß, Monsieur Poirot.«

Sehr korrekt, sehr höflich erschien der Butler auf das Klingelzeichen hin. »Sie haben geläutet, Madam?«

Mrs. Farley deutete auf Poirot, und Holmes fragte höflich:

»Ja, Sir?«

»Wie lauteten Ihre Instruktionen, Holmes, am Donnerstag abend, als ich hierherkam?«

Holmes räusperte sich und sagte:

»Nach dem Essen sagte mir Mr. Cornworthy, daß Mr. Farley um neun Uhr dreißig einen Mr. Hercule Poirot erwarte. Ich sollte den Herrn nach seinem Namen fragen und mir diese Angaben durch das Vorzeigen eines Briefes bestätigen lassen. Dann sollte ich ihn in Mr. Cornworthys Zimmer bringen.«

»Hat man Ihnen auch aufgetragen, an die Tür zu klopfen?«

Ein Ausdruck des Mißfallens huschte über das Gesicht des Butlers.

»Das hatte Mr. Farley angeordnet. Ich sollte immer anklopfen, wenn ich Besucher brachte - das heißt, Besucher, die in geschäftlicher Angelegenheit kamen.«

»Ach so. Darüber hatte ich mir schon den Kopf zerbrochen. Hatten Sie sonst noch Anweisungen für mich erhalten?«

»Nein, Sir. Nachdem Mr. Cornworthy mir diese Anordnungen übermittelt hatte, ging er aus.«

»Um welche Zeit war das?«

»Zehn Minuten vor neun, Sir.«

»Haben Sie Mr. Farley nach dieser Zeit noch gesehen?«

»Ja, Sir. Um neun Uhr brachte ich ihm, wie üblich, ein Glas heißes Wasser.«

»War er da in seinem eigenen oder in Mr. Cornworthys Zimmer?«

»Er saß in seinem eigenen Zimmer, Sir.«

»Haben Sie irgend etwas Ungewöhnliches in seinem Zimmer bemerkt?«

»Etwas Ungewöhnliches? Nein, Sir.«

»Wo hielten sich Mrs. Farley und Miss Farley auf?«

»Sie waren ins Theater gegangen, Sir.« »Vielen Dank, Holmes, das ist alles.«

Holmes verbeugte sich und verließ das Zimmer. Poirot wandte sich an die Witwe des Millionärs.

»Noch eine Frage, bitte, Mrs. Farley. Hatte Ihr Gatte gute Augen?«

»Nein, ohne Brille konnte er nicht viel sehen.«

»War er sehr kurzsichtig?«

»O ja, ohne Brille war er ganz hilflos.«

»Besaß er mehrere Brillen?«

»Ja.«

»Aha«, sagte Poirot und lehnte sich im Sessel zurück. »Damit wäre der Fall wohl abgeschlossen.«

Im Raum herrschte tiefes Schweigen. Alle blickten auf den kleinen Mann, der da so selbstzufrieden im Sessel saß und seinen Schnurrbart zwirbelte. Im Gesicht des Inspektors malte sich Verwirrung. Dr. Stillingfleet runzelte die Stirn. Cornworthy starrte ihn verständnislos an. In Mrs. Farleys Blick lag ein verblüfftes Staunen. Joannas Augen sprachen von regem Interesse. Mrs. Farley brach das Schweigen.

»Ich verstehe Sie nicht, Monsieur Poirot.« Ihre Stimme klang verdrießlich. »Dieser Traum ...«

»Ja«, sagte Poirot. »Der Traum war sehr wichtig.«

Mrs. Farley erschauderte. Sie sagte:

»Bis dahin habe ich nie an übernatürliche Kräfte geglaubt, aber jetzt - Nacht für Nacht vorher davon zu träumen.«

»Es ist ungewöhnlich«, bemerkte Stillingfleet. »Wirklich höchst seltsam! Wenn wir uns nicht auf Ihr Wort verlassen könnten, Poirot, und wenn Sie es nicht aus dem Munde des Propheten selber hätten .« Er räusperte sich verlegen. »Ich bitte vielmals um Verzeihung, Mrs. Farley. Ich meine, wenn Mr. Farley die Geschichte nicht selbst erzählt hätte ...«

»Richtig«, warf Poirot ein. Seine bis dahin halbgeschlossenen Augen öffneten sich plötzlich weit. Sie schimmerten sehr grün.

» Wenn Benedict Farley es mir nicht gesagt hätte ...«

Er ließ eine kleine Pause eintreten und blickte sich im Kreise der verblüfften Gesichter um.

»Wissen Sie, es gab da manches an jenem Abend, das ich mir nicht zu erklären vermochte. Zunächst einmal: warum wurde so großer Wert darauf gelegt, daß ich den Brief mitbringen sollte?«

»Wegen der Identifizierung«, meinte Cornworthy.

»Nein, nein, mein lieber junger Mann. Diese Idee ist wirklich zu lächerlich. Es muß schon ein viel triftigerer Grund dahinterstecken. Denn nicht nur wünschte Mr. Farley, daß ich den Brief vorzeigen sollte, sondern ich mußte ihn sogar bei ihm zurücklassen. Und selbst dann hat er ihn noch nicht zerrissen! Er ist heute nachmittag unter seinen Papieren gefunden worden. Warum bewahrte er ihn auf?«

Joanna Farleys Stimme ließ sich vernehmen.

»Weil er wünschte, daß die näheren Umstände dieses seltsamen Traumes an die Öffentlichkeit gelangten, falls ihm etwas zustieß.«

»Sie sind scharfsinnig, Mademoiselle. Das allein kann der Grund sein, weshalb er den Brief aufbewahrt hat. Wenn Mr. Farley tot sein würde, dann sollte die Geschichte dieses seltsamen Traumes erzählt werden! Der Traum spielte eine sehr wichtige Rolle. Er war von ausschlaggebender Bedeutung!

Ich komme jetzt«, fuhr er fort, »zum zweiten Punkt. Nachdem Mr. Farley mir seine Geschichte erzählt hatte, bat ich ihn, mir den Schreibtisch und den Revolver zu zeigen. Er schien sich erheben zu wollen, um mir meine Bitte zu erfüllen, weigerte sich dann aber plötzlich. Warum hat er sich geweigert?«

Diesmal hatte keiner von ihnen eine Antwort bereit.

»Ich will die Frage einmal anders formulieren. Was war dort in dem Nebenzimmer, das mir Mr. Farley nicht zeigen wollte?«

Das Schweigen hielt an.

»Ja«, meinte Poirot, »die Frage ist etwas schwierig. Aber es war ein Grund, ein dringender Grund vorhanden, warum Mr. Farley mich im Zimmer seines Sekretärs empfing und sich glattweg weigerte, mich in seinen eigenen Raum zu führen. Es war etwas in diesem Zimmer, das er mich unter keinen Umständen sehen lassen durfte.

Und nun komme ich zu der dritten unerklärlichen Begebenheit jenes Abends. Gerade als ich mich anschickte fortzugehen, bat Mr. Farley mich, ihm den von ihm erhaltenen Brief zurückzugeben. Aus Versehen reichte ich ihm eine Mitteilung meiner Waschfrau, die er prüfend überflog und dann neben sich auf den Tisch legte. Kurz bevor ich den Raum verließ, entdeckte ich meinen Irrtum -und berichtigte ihn. Danach verließ ich das Haus und - ich gebe es unumwunden zu - war völlig ratlos. Die ganze Angelegenheit - insbesondere das letzte Vorkommnis -erschien mir völlig rätselhaft.«

Er blickte die Anwesenden der Reihe nach an.

»Haben Sie es nicht begriffen?«

Stillingfleet meinte: »Ich verstehe wirklich nicht, was Ihre Waschfrau damit zu tun hat, Poirot.«

»Meine Waschfrau«, erklärte Poirot, »spielt eine sehr wichtige Rolle. Diese miserable Frau, die dauernd meine Kragen ruiniert, erwies sich zum erstenmal in ihrem Leben nützlich. Aber sie müssen es doch auch erkennen, es starrt einem ja förmlich ins Gesicht. Mr. Farley sah sich die Mitteilung an - ein einziger Blick hätte ihm sagen müssen, daß es nicht der richtige Brief war. Und doch hat er nichts gemerkt. Warum? Weil er nicht richtig sehen konnte!«

Inspektor Barnett fragte scharf:

»Trug er keine Brille?«

Hercule Poirot lächelte.

»Doch«, sagte er. »Er hatte seine Brille auf. Das macht die Sache ja so interessant.«

Er beugte sich etwas vor.

»Mr. Farleys Traum war sehr wichtig. Sehen Sie, er träumte, daß er Selbstmord begehe. Und ein wenig später hat er tatsächlich Selbstmord begangen. Das heißt, er war allein in einem Zimmer, und der Revolver lag neben ihm. So wurde er jedenfalls aufgefunden. Und niemand hat den Raum betreten oder verlassen, als der Schuß abgegeben wurde. Was bedeutet das? Das bedeutet doch, daß es unbedingt Selbstmord sein muß!«

»Ja«, sagte Stillingfleet.

Hercule Poirot schüttelte aber den Kopf.

»Im Gegenteil«, behauptete er. »Es handelt sich um einen Mord. Einen ungewöhnlichen und sehr schlau geplanten Mord.«

Wiederum beugte er sich vor und klopfte mit dem Finger auf den Tisch, während seine Augen vor Erregung grün schimmerten.

»Warum gestattete mir Mr. Farley nicht, an jenem Abend sein Zimmer zu betreten? Was war darin, das ich um keinen Preis sehen durfte? Ich glaube, liebe Freunde, es war -Benedict Farley selber!«

Er lächelte die perplexen Gesichter an.

»Ja, ja, es ist kein Unsinn, den ich daherrede. Warum konnte Mr. Farley, mit dem ich gesprochen hatte, den Unterschied zwischen zwei völlig unähnlichen Briefen nicht erkennen? Weil er, liebe Freunde, ein Mann mit normalem Sehvermögen war, der sehr starke Gläser trug. Solche Gläser machen einen Menschen mit normaler Sehfähigkeit praktisch blind. Stimmt das nicht, Doktor?«

Stillingfleet murmelte: »Gewiß - da haben Sie recht.«

»Warum hatte ich bei der Unterredung mit ihm das Gefühl, daß ich es mit einem Scharlatan zu tun hatte, mit einem Schauspieler, der eine Rolle spielte? Betrachten wir zunächst die Szenerie - den dämmrigen Raum und die mit einem grünen Schirm bedeckte Lampe, deren grelles Licht von der Gestalt im Sessel abgewandt und dem Besucher zugekehrt ist. Was sah ich denn schon? Den berühmten Flickenschlafrock, die Hakennase - gefälscht mit der so nützlichen Substanz Paraffin - den weißen Haarschopf, die stark vergrößernden Gläser, die die Augen versteckten. Was für ein Beweis existiert, daß Mr. Farley jemals einen Traum gehabt hat? Nur die Geschichte, die mir erzählt wurde, und Mrs. Farleys Aussage. Was für einen Beweis haben wir, daß Mr. Farley einen Revolver in seinem Schreibtisch verwahrte? Wiederum nur die mir erzählte Geschichte und Mrs. Farleys Wort. Zwei Menschen führten diesen Schwindel durch - Mrs. Farley und Hugo Cornworthy. Cornworthy schrieb mir den Brief, erteilte dem Butler die erwähnten Instruktionen, ging angeblich ins Kino, kehrte aber sofort wieder zurück, schlich sich in sein Zimmer, verkleidete sich und spielte Benedict Farleys Rolle.

Und so kommen wir zu dem heutigen Nachmittag. Die günstige Gelegenheit, auf die Mr. Cornworthy gewartet hat, bietet sich endlich. In der Diele sitzen zwei Zeugen, die beschwören können, daß niemand Benedict Farleys Zimmer betreten oder verlassen hat. Cornworthy wartet, bis sich ein besonders schwerer Verkehrsstrom vorbeiwälzt. Dann lehnt er sich zum Fenster hinaus und hält mit der Faulenzerzange, die er vom Schreibtisch nebenan entwendet hat, einen Gegenstand an Farleys Fenster. Benedict Farley tritt daraufhin ans Fenster, und Cornworthy läßt die Zange zurückschnellen. Während Farley sich hinauslehnt und die Lastwagen vor dem Haus vorbeidonnern, erschießt ihn Cornworthy mit einem Revolver, den er in Bereitschaft hat. Das Fenster geht ja nach der Seite, und gegenüber befindet sich eine blinde Wand. Es gibt also keinen Zeugen für das Verbrechen. Cornworthy wartet über eine halbe Stunde. Dann nimmt er einen Stoß Papiere, unter denen er die Faulenzerzange und den Revolver verbirgt, geht hinaus in die Diele und dann in den Raum nebenan. Dort legt er rasch die Faulenzerzange wieder auf den Schreibtisch und den Revolver neben den Toten, nachdem er dessen Finger auf den Griff gepreßt hat, und eilt nach draußen mit der Nachricht von Mr. Farleys >Selbstmord<.

Er sorgt dafür, daß der an mich gerichtete Brief gefunden wird und ich mit meiner Geschichte erscheine - der Geschichte, die ich aus Mr. Farleys eigenem Mund gehört habe, der Geschichte von seinem ungewöhnlichen Traum und seinem seltsamen Drang, sich zu töten! Ein paar leichtgläubige Menschen werden die Hypnose-Theorie diskutieren - aber im wesentlichen wird ohne jeden Zweifel bestätigt, daß es tatsächlich Benedict Farleys eigene Hand war, die den Revolver hielt.«

Hercule Poirots Augen richteten sich auf die Witwe, und er sah mit Befriedigung die Bestürzung, die fahle Blässe, die blinde Furcht ... »Und in absehbarer Zeit«, schloß er sanft, »wäre das Happy-End erreicht worden. Eine Viertelmillion Pfund und zwei Herzen, die wie eines schlagen .«

Dr. John Stillingfleet und Hercule Poirot gingen an der Seite von Northway House entlang. Zu ihrer Rechten erhob sich die ragende Fabrikwand, und links über ihnen befanden sich die Fenster von Benedict Farley und Hugo Cornworthy. Hercule Poirot blieb plötzlich stehen und hob einen Gegenstand auf - eine ausgestopfte schwarze Katze.

»Voila«, sagte er. »Hier haben wir das, was Cornworthy mit der Faulenzerzange an Farleys Fenster hielt. Farley haßte ja Katzen, wie Ihnen vielleicht bekannt ist, und stürzte natürlich ans Fenster.«

»Warum in aller Welt ist Cornworthy denn nicht nach draußen geeilt und hat das Ding aufgehoben, nachdem er es hatte fallen lassen?«

»Wie konnte er das tun? Das hätte bestimmt Verdacht erregt. Und was denkt sich schon jemand dabei, wenn er diese Katze findet? Höchstens, daß ein Kind hier gespielt und sie verloren hat.«

»Ja«, seufzte Stillingfleet, »das hätte ein gewöhnlicher Sterblicher wahrscheinlich angenommen. Aber nicht der gute alte Hercule! Wissen Sie, bis zum allerletzten Augenblick habe ich angenommen, daß Sie irgendeine hochtrabende Theorie von einem psychologischen, >suggerierten< Mord entwickeln würden. Ich möchte wetten, daß die beiden das auch vermutet haben! Eine garstige Nummer, diese Farley! Meine Güte, wie sie zusammensackte! Cornworthy hätte sich vielleicht noch aus der Affäre gezogen, wenn sie nicht diesen hysterischen Anfall bekommen und versucht hätte, Ihre Schönheit mit ihren Krallen zu verschandeln. Nur mit Mühe und Not habe ich Sie aus ihren Klauen retten können.«

Nach einer kleinen Pause fuhr er fort:

»Die Tochter gefällt mir eigentlich ganz gut. Schneid, wissen Sie, und Grips. Würde man mich wohl für einen Glücksjäger halten, wenn ich mein Heil bei ihr versuchte?«

»Da kommen Sie zu spät, guter Freund. Es ist schon ein Anwärter da. Der Tod ihres Vaters hat ihr den Weg zum Glück geebnet.«

»Richtig gesehen, hatte sie ein ziemlich gutes Motiv, um den unangenehmen Pater familias abzuknallen.«

»Motiv und Gelegenheit genügen nicht«, entgegnete Poirot. »Es muß auch die verbrecherische Anlage vorhanden sein.«

»Werden Sie jemals ein Verbrechen begehen, Poirot?« fragte Stillingfleet. »Ich möchte wetten, daß Sie ungestraft davonkämen. Aber es wäre tatsächlich zu leicht für Sie - aus diesem Grunde schon ist es zu verwerfen; denn es wäre entschieden zu unsportlich.«

»Das«, meinte Poirot, »ist eine typisch englische Idee.«

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