Die spanische Truhe

Pünktlich auf die Minute, wie immer, betrat Hercule Poirot den kleinen Raum, wo Miss Lemon, seine tüchtige Sekretärin, ihre Instruktionen für den Tag erwartete.

Auf den ersten Blick schien Miss Lemon gänzlich aus Kanten und Winkeln zu bestehen und befriedigte somit Poirots Verlangen nach Symmetrie.

Womit jedoch nicht gesagt sein soll, daß Poirot sich sonst bei Frauen von seiner Leidenschaft für geometrische Präzision beherrschen ließ. Im Gegenteil, er war altmodisch und hatte eine kontinentale Vorliebe für Kurven - ja sogar für üppige Kurven. Frauen sollten in seinen Augen Frauen sein. Er liebte sie wohlgerundet, farbenprächtig, exotisch.

Doch Miss Lemon hatte er nie als eine Frau angesehen. Sie war eine menschliche Maschine - ein Präzisionsinstrument. Von nahezu erschreckender Tüchtigkeit. Sie war achtundvierzig Jahre alt und besaß auch nicht die geringste Spur von Phantasie.

»Guten Morgen, Miss Lemon.«

»Guten Morgen, Monsieur Poirot.«.

Poirot setzte sich hin, und Miss Lemon legte die sorgfältig nach Kategorien geordnete Morgenpost vor ihn auf den Tisch. Dann nahm sie wieder Platz und saß mit gezücktem Bleistift und aufgeschlagenem Stenogrammheft erwartungsvoll da.

Aber dieser Morgen sollte eine leichte Änderung in der gewohnten Routine bringen. Poirot hatte die Morgenzeitung bei sich, und sein Blick glitt voller Interesse über die großen, fetten Schlagzeilen.

DAS GEHEIMNIS DER SPANISCHEN TRUHE.

NEUESTE ENTHÜLLUNGEN.

»Sie haben gewiß die Morgenzeitungen gelesen, Miss Lemon?«

»Ja, Monsieur Poirot. Die Nachrichten von Genf sind nicht sehr gut.«

Mit einer umfassenden Handbewegung fegte Poirot die Nachrichten von Genf beiseite.

»Eine spanische Truhe«, sagte er sinnend vor sich hin. »Können Sie mir verraten, Miss Lemon, was man eigentlich unter einer spanischen Truhe versteht?«

»Ich nehme an, Monsieur Poirot, daß es eine Truhe ist, die ursprünglich aus Spanien stammte.«

»Das sollte man vernunftgemäß annehmen. Sie besitzen also auch keine genaueren Sachkenntnisse?«

»Diese Truhen stammen gewöhnlich aus der Elisabethani-schen Periode, glaube ich. Sie sind geräumig und reichlich mit Messingbeschlägen verziert. Wenn sie gut gepflegt und poliert sind, sehen sie sehr nett aus. Meine Schwester hat eine solche Truhe bei einer Auktion erstanden und bewahrt Leinenwäsche darin auf. Sie sieht sehr hübsch aus.«

»Ich bin überzeugt, daß in einem Hause, das einer Ihrer Schwestern gehört, alles Mobiliar tadellos gepflegt ist«, erklärte Poirot mit einer galanten Verbeugung.

Dann blickte er wieder in die Zeitung und studierte die Namen: Major Rich, Mr. und Mrs. Clayton, Commander McLaren, Mr. und Mrs. Spence. Namen, nichts weiter als Namen für ihn. Und doch waren es alle menschliche Individuen, besessen von Haß, Liebe, Furcht. Ein Drama, in dem er, Hercule Poirot, keine Rolle spielte. Und doch hätte er sich so gern damit befaßt. Sechs Menschen auf einer Abendgesellschaft, in einem Raum mit einer großen spanischen Truhe an der Wand, sechs Menschen, von denen fünf schwatzten, schmausten, Schallplatten auflegten, tanzten, und der sechste tot war, tot in der spanischen Truhe ...

Ach, seufzte Poirot. Was für einen Spaß mein lieber Freund Hastings an diesem Problem gehabt hätte! Die Sprünge, die seine romantische Phantasie gemacht haben würde! Was für Torheiten er geäußert hätte! Ah, ce eher Hastings, wie sehr ich ihn in diesem Augenblick vermisse .

Seufzend wanderte sein Blick zu Miss Lemon hinüber. Miss Lemon die klugerweise merkte, daß Poirot nicht in der Stimmung war, Briefe zu diktieren, hatte die Schutzhülle von ihrer Schreibmaschine genommen und wartete auf den Moment, wo sie mit rückständigen Arbeiten fortfahren konnte. Nichts hätte sie weniger interessieren können als unheimliche spanische Truhen, die Leichen enthielten.

Abermals seufzend blickte Poirot auf ein fotografiertes Gesicht hinab. Zeitungsreproduktionen waren nie besonders gut, und diese Aufnahme war entschieden verschmiert - aber was für ein Gesicht!. Mrs. Clayton, die Gattin des Ermordeten ...

Einer plötzlichen Eingebung folgend, schob er Miss Lemon die Zeitung hin.

»Sehen Sie mal«, gebot er. »Betrachten Sie einmal dieses Gesicht.«

Miss Lemon leistete gehorsam und gefühllos seiner Aufforderung Folge.

»Was halten Sie von ihr, Miss Lemon? Das ist Mrs. Clayton.«

Miss Lemon warf abermals einen gleichgültigen Blick auf das Bild und bemerkte:

»Sie ähnelt ein wenig der Frau unseres Bankdirektors, als wir in Croydon Heath wohnten.«

»Interessant«, meinte Poirot. »Seien Sie doch so gut und erzählen Sie mir etwas von dieser Bankdirektorsfrau.«

»Nun, es ist eigentlich keine sehr angenehme Geschichte, Monsieur Poirot.«

»Das habe ich mir bereits gedacht. Fahren Sie bitte fort.«

»Man hörte viel Gerede - über Mrs. Adams und einen jungen Künstler. Dann erschoß sich Mr. Adams. Aber Mrs. Adams wollte den anderen Mann nicht heiraten, und er versuchte sich zu vergiften, wurde jedoch gerettet. Schließlich heiratete Mrs. Adams einen jungen Rechtsanwalt. Es folgten weitere Unannehmlichkeiten, glaube ich. Aber um die Zeit hatten wir Croydon Heath bereits verlassen, und ich habe nicht mehr viel darüber gehört.«

Hercule Poirot nickte ernst. »Sie war wohl sehr schön, ja?«

»Nun, schön im eigentlichen Sinne wohl nicht. Aber sie schien etwas an sich zu haben ...«

»Ganz richtig. Was ist dieses gewisse Etwas, das sie besitzen - die Sirenen dieser Welt? Frauen wie die schöne Helena, Kleopatra ...?«

Miss Lemon schob energisch einen Bogen Papier in ihre Maschine.

»Wirklich, Monsieur Poirot, darüber habe ich nie nachgedacht. Es erscheint mir alles sehr töricht. Wenn die Menschen sich nur an ihre Arbeit halten und über solche Dinge nicht nachdenken wollten, wäre alles viel besser.«

Nachdem Miss Lemon menschliche Schwächen und Leidenschaften auf diese Weise kategorisch abgetan hatte, ließ sie ihre Finger leicht auf den Maschinentasten ruhen, voller Ungeduld, endlich mit ihrer Arbeit beginnen zu können.

»Das ist Ihre Ansicht«, meinte Poirot. »Und in diesem Augenblick ist Ihr ganzes Verlangen darauf gerichtet, mit Ihrer Arbeit fortfahren zu dürfen. Aber Ihre Arbeit, Miss Lemon, besteht nicht nur darin, meine Korrespondenz zu erledigen, meine Briefe abzulegen und meine Telefongespräche entgegenzunehmen. All diese Dinge erledigen Sie in bewundernswerter Weise. Ich aber habe nicht nur mit Dokumenten zu tun, sondern auch mit menschlichen Wesen. Und dabei brauche ich ebenfalls Unterstützung.«

»Gewiß, Monsieur Poirot«, lautete die geduldige Erwiderung.

»Dieser Fall interessiert mich, und es würde mich freuen, wenn Sie die Berichte darüber in allen Morgenzeitungen und auch die späteren Berichte in den Abendzeitungen durchläsen und mir ein Resümee des Tatsachenbestandes anfertigten.«

»Sehr wohl, Monsieur Poirot.«

Poirot zog sich, wehmütig lächelnd, in sein Wohnzimmer zurück.

Zu gegebener Zeit erschien Miss Lemon bei ihm mit einem getippten Bericht.

»Ich habe hier die gewünschten Informationen, Monsieur Poirot. Allerdings befürchte ich, daß sie nicht als zuverlässig anzusehen sind. Die Zeitungsberichte weichen beträchtlich voneinander ab. Ich möchte den angegebenen Tatsachen nicht mehr als sechzig Prozent Genauigkeit zubilligen.« -.

»Das ist wahrscheinlich eine konservative Schätzung«, murmelte Poirot. »Vielen Dank, Miss Lemon, für die Mühe, die Sie sich gemacht haben.«

Der Tatsachenbestand war sensationell, aber ziemlich klar. Major Rich, ein wohlhabender Junggeselle, hatte einige seiner Freunde zu einer Abendgesellschaft in seine Wohnung geladen. Diese Freunde waren Mr. und Mrs. Clayton, Mr. und Mrs. Spence und Commander McLaren. Commander McLaren war mit Rich und den Claytons schon sehr lange befreundet.. Mr. und Mrs. Spence, ein jüngeres Ehepaar, waren ziemlich neue Bekannte. Arnold Clayton war im Schatzamt. Jeremy Spence war ein jüngerer Beamter der Zivilverwaltung. Major Rich war achtundvierzig. Arnold Clayton fünfundfünfzig, Commander McLaren sechsundvierzig und Jeremy Spence siebenunddreißig. Mrs. Clayton war, wie es hieß, »einige Jahre jünger als ihr Gatte«. Eine dieser Personen war nicht in der Lage, an der Abendgesellschaft teilzunehmen. Mr. Clayton wurde im letzten Augenblick wegen dringender Geschäfte nach Schottland gerufen, und es wurde angenommen, daß er mit dem Zuge um 20.15 Uhr vom Bahnhof King's Cross abgefahren sei.

Die Party verlief wie alle solche Veranstaltungen. Allen schien es gut zu gefallen. Man war weder ausgelassen noch betrunken und brach gegen Viertel vor zwölf Uhr auf. Die vier Gäste gingen zusammen fort und nahmen gemeinsam ein Taxi. Commander Mc-Laren wurde als erster bei seinem Klub abgesetzt. Dann brachten die Spences Margharita Clayton nach Cardigan Gardens abseits der Sloane Street und fuhren allein weiter zu ihrem Haus in Chelsea.

Die gruselige Entdeckung wurde am nächsten Morgen gemacht, und zwar von William Burgess, dem Diener des Major Rich, der außerhalb des Hauses wohnte. Er erschien sehr früh, um das Wohnzimmer aufzuräumen, ehe er Major Rich mit der frühmorgendlichen Tasse Tee weckte. Während Burgess mit seinen Arbeiten beschäftigt war, entdeckte er plötzlich mit Schrecken einen großen, häßlichen Fleck auf dem hellen Teppich, auf dem die spanische Truhe stand. Der Diener hob sofort den Deckel der Truhe und blickte hinein. Voller Entsetzen sah er darin die Leiche des Mr. Clayton, der offenbar erstochen worden war. Seinem ersten Impuls gehorchend, stürzte Burgess auf die Straße und holte den nächsten Polizisten.

Das waren die nackten Tatsachen. Aber es wurden noch weitere Einzelheiten erwähnt. Die Polizei hatte Mrs. Clayton sofort davon in Kenntnis gesetzt, und sie war »völlig niedergeschmettert«. Sie hatte ihren Mann am vorhergehenden Abend kurz nach sechs zum letztenmal gesehen. Er war verärgert nach Hause gekommen, da er in einer dringenden geschäftlichen Angelegenheit, die etwas mit einem seiner Besitztümer zu tun hatte, nach Schottland gerufen worden war, und hatte seine Frau gedrängt, ohne ihn an der Abendgesellschaft teilzunehmen. Mr. Clayton hatte dann seinen Klub aufgesucht, zu dem auch Commander McLaren gehörte, und bei einem Glas Whisky seinem Freund die Sachlage erklärt. Nach einem Blick auf seine Uhr hatte er dann geäußert, daß er auf seinem Wege nach King's Cross gerade noch Zeit habe, bei Major Rich vorzusprechen und ihm die Sache auseinanderzusetzen. Er hatte schon versucht, ihn telefonisch zu erreichen, aber keinen Anschluß bekommen.

Nach William Burgess' Aussage erschien Mr. Clayton gegen neunzehn Uhr fünfundfünfzig in der Etage. Major Rich war nicht zu Hause, mußte aber jeden Augenblick zurückkehren. Burgess schlug daher Mr. Clayton vor, einzutreten und zu warten. Clayton sagte, er habe keine Zeit, da er auf dem Wege zum Bahnhof sei, möchte aber gern ein paar Zeilen für Major Rich hinterlassen. Daraufhin führte ihn der Diener ins Wohnzimmer und ging selbst in die Küche zurück, wo er mit der Zubereitung von Appetithäppchen für die Party beschäftigt war. Der Diener hörte seinen Herrn nicht zurückkehren, aber etwa zehn Minuten später erschien Major Rich in der Küche und bat ihn, eiligst türkische Zigaretten zu besorgen, da sie von Mrs. Spence bevorzugt würden. Der Diener kam dieser Aufforderung nach und brachte die Zigaretten seinem Herrn ins Wohnzimmer. Mr. Clayton war nicht mehr da, und der Diener nahm natürlich an, daß er bereits fortgegangen sei, um seinen Zug zu erreichen.

Major Richs Schilderung war kurz und schlicht.

Mr. Clayton war nicht in der Wohnung, als er selbst zurückkehrte, und er hatte keine Ahnung, daß er dort gewesen war. Er hatte keine Zeilen vorgefunden und von Claytons Schottlandreise erst erfahren, als Mrs. Clayton und die anderen Gäste eintrafen.

Die Abendzeitungen brachten zwei weitere Notizen. Die »niedergeschmetterte« Mrs. Clayton hatte ihre Wohnung in Cardigan Gardens verlassen, und man nahm an, daß sie sich bei Freunden aufhalte.

Die andere Notiz erschien in der Rubrik »Letzte Meldungen«: Major Charles Rich war des Mordes an Arnold Clayton beschuldigt und in Untersuchungshaft genommen worden.

»Das war's also«, meinte Poirot und blickte zu Miss Lemon auf. »Die Verhaftung des Majors war zu erwarten. Aber was für ein merkwürdiger Fall! Ein sehr merkwürdiger Fall! Finden Sie nicht auch?«

»So etwas passiert ja wohl, Monsieur Poirot«, erwiderte Miss Lemon ohne besonderes Interesse.

»Oh, gewiß! So etwas passiert jeden Tag. Oder beinahe jeden Tag. Aber gewöhnlich sind derartige Vorkommnisse ganz verständlich- wenn auch betrüblich.«

»Es ist bestimmt eine sehr unangenehme Sache.«

»Erstochen und in eine spanische Truhe gesteckt zu werden, ist gewiß unangenehm für das Opfer - ganz entschieden. Aber wenn ich von einem merkwürdigen Fall spreche, so bezieht sich das auf das merkwürdige Verhalten des Majors Rich.«

Miss Lemon sagte in leicht mißfälligem Ton:

»Man scheint zu vermuten, daß Major Rich und Mrs. Clayton sehr eng befreundet waren ... Es war eine Andeutung und keine erwiesene Tatsache. Daher habe ich es in meinem Resümee nicht erwähnt.«

»Sehr richtig von Ihnen. Aber es ist eine Folgerung, die ins Auge springt. Ist das alles, was Sie zu sagen haben?«

Miss Lemon blickte ausdruckslos vor sich hin. Poirot dachte mit einem Seufzer an die lebhafte Phantasie seines Freundes Hastings. Die Diskussion eines Falles mit Mess Lemon war eine mühsame Arbeit.

»Betrachten wir einmal diesen Major Rich. Er ist in Mrs. Clayton verliebt - zugegeben ... Er will ihren Gatten beiseite schaffen - auch das räumen wir ein, obgleich man sich fragt: Wenn Mrs. Clayton in ihn verliebt ist und die beiden ein Verhältnis miteinander haben, warum pressiert's denn so? Will Mr. Clayton sich vielleicht nicht von seiner Frau scheiden lassen? Doch davon will ich nicht reden. Major Rich ist ein pensionierter Soldat, und manchmal heißt es, daß Soldaten nicht viel Grips haben. Aber, tout de meme, ist denn dieser Major Rich ein kompletter Idiot?«

Miss Lemon erwiderte nichts darauf. Sie hielt dies für eine rein rhetorische Frage.

»Nun«, fragte Poirot, »was halten Sie denn von der ganzen Geschichte?«

»Was ich davon halte?« wiederholte Miss Lemon erschrocken.

»Mais oui - Sie!«

Miss Lemon bemühte sich, der neuen Anforderung, die ihrem Verstand zugemutet wurde, gerecht zu werden. Sie erging sich nie in irgendwelchen Spekulationen, falls sie nicht direkt dazu aufgefordert wurde. Wenn sie einmal über einen müßigen Augenblick verfügte, beschäftigten sich ihre Gedanken mit den Einzelheiten eines überaus vollkommenen Ablegesystems. Das war ihre einzige geistige Ausschweifung.

»Nun ...« begann sie und brach ab.

»Erzählen Sie mir einfach, was nach Ihrer Ansicht an jenem Abend geschah. Mr. Clayton sitzt im Wohnzimmer und schreibt ein paar Zeilen. Major Rich kehrt zurück - was dann?«

»Er findet Mr. Clayton vor. Sie haben - ist jedenfalls anzunehmen - einen Wortwechsel, und Major Rich ersticht Mr. Clayton. Sobald er sieht, was er getan hat, verbirgt er die - die Leiche in der Truhe. Die Gäste konnten schließlich jeden Augenblick eintreffen.«

»Ja, ja. Die Gäste erscheinen! Die Leiche ist in der Truhe. Der Abend vergeht. Die Gäste brechen auf. Und dann?«

»Na, dann geht Major Rich vermutlich zu Bett und . Oh!«

»Aha«, sagte Poirot. »Jetzt geht Ihnen ein Licht auf. Sie haben einen Menschen ermordet und die Leiche in einer Truhe versteckt. Und dann - gehen Sie seelenruhig zu Bett, ohne sich von dem Gedanken stören zu lassen, daß Ihr Diener am nächsten Morgen das Verbrechen entdecken wird.«

»Vielleicht hat er nicht damit gerechnet, daß der Diener einen Blick in die Truhe werfen würde.«

»Trotz einer großen Blutlache auf dem Teppich?«

»Vielleicht ahnte Major Rich nichts von dem Fleck.«

»War es nicht reichlich nachlässig von ihm, sich nicht davon zu überzeugen?«

»Er war wohl etwas aufgeregt«, meinte Miss Lemon.

Poirot hob verzweifelt die Hände.

Miss Lemon benutzte die Gelegenheit, um sich eiligst aus dem Zimmer zu entfernen.

Das Geheimnis der spanischen Truhe ging Poirot, genaugenommen, nichts an. Er war im Augenblick mit einem delikaten Auftrag beschäftigt, den ihm eine der großen Ölgesellschaften erteilt hatte. Es handelte sich dabei um einen Mann in höherer Position, der möglicherweise an fragwürdigen Transaktionen beteiligt war. Eine streng vertrauliche, wichtige und höchst lukrative Aufgabe. Sie war genügend kompliziert, um Poirots Interesse zu fesseln, und hatte den großen Vorteil, daß sie sehr wenig physische Aktivität erforderte. Aber sie war nüchtern und appellierte nur an den Verstand. Verbrechen auf höchster Ebene.

Das Geheimnis der spanischen Truhe dagegen war hochdramatisch und mit Gefühlen durchsetzt; zwei Eigenschaften, vor denen er Hastings oft gewarnt hatte. In dieser Hinsicht war er mit ce eher Hastings sehr streng gewesen, und nun war er selbst, genau wie sein Freund, besessen von schönen Frauen, Verbrechen aus Leidenschaft, Eifersucht, Haß und allen anderen romantischen Mordursachen! Er wollte genau darüber Bescheid wissen. Er wollte in Erfahrung bringen, was für Menschen das waren, dieser Major Rich und sein Diener und Margharita Clayton (obgleich er über sie im Bilde zu sein glaubte), und der ermordete Arnold Clayton (denn seiner Ansicht nach war der Charakter des Opfers bei der Lösung eines Mordfalles von allergrößter Bedeutung), und sogar Commander McLaren, der treue Freund, und Mr. und Mrs. Spence, die kürzlich erworbenen Bekannten. Und er sah keine Möglichkeit, seine Neugierde zu befriedigen! Später am Tage kehrten seine Gedanken zu diesem Thema zurück.

Warum fesselte ihn eigentlich dieser Vorfall so sehr? Nach einiger Überlegung kam er zu dem Schluß, daß ihn das Problem so reizte, weil das Ganze im Hinblick auf die Beziehung der Tatsachen zueinander eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit war!

Er überflog noch einmal die akzeptierbaren Tatsachen.

Zunächst ein Wortwechsel zwischen zwei Männern. Ursache vermutlich eine Frau. Im Eifer des Gefechts brachte der eine den anderen um. Ja, das kam vor - obwohl es einleuchtender wäre, wenn der Ehemann den Liebhaber beseitigt hätte. Immerhin - der Liebhaber hatte den Ehemann getötet, ihn mit einem Dolch erstochen - irgendwie eine ziemlich unwahrscheinliche Waffe. Hatte Major Rich vielleicht eine italienische Mutter gehabt? Sicherlich mußte irgendwo eine Erklärung für die Wahl eines Dolches als Waffe existieren. Jedenfalls mußte man den Dolch akzeptieren (in manchen Zeitungen wurde er als Stilett bezeichnet). Er war eben zur Hand und wurde benutzt. Die Leiche wurde dann in der Truhe versteckt. Das war gesunder Menschenverstand und unvermeidlich. Das Verbrechen war nicht vorausgeplant, und da der Diener jeden Augenblick zurückkehren konnte und vier Gäste in Kürze eintrafen, schien es die einzige Möglichkeit zu sein.

Die Party steigt und geht zu Ende, die Gäste brechen auf -der Diener ist bereits fort - und Major Rich geht zu Bett!

Um das zu verstehen, mußte man Major Rich sehen und ausfindig machen, was für ein Mensch so handeln kann.

Hatte er vielleicht, überwältigt von dem Entsetzen über seine Tat und von der großen Anstrengung, den langen Abend hindurch natürlich zu erscheinen, eine Schlaftablette genommen, die ihn in einen so tiefen Schlummer versetzte, daß er nicht um die gewohnte Zeit wach wurde? Möglich. Oder aber handelte es sich um das psychologische Phänomen, daß das Schuldgefühl in Major Richs Unterbewußtsein das Verlangen nach Aufdeckung des Verbrechens erweckte? Um in dieser Hinsicht zu einer Entscheidung zu gelangen, war es unbedingt erforderlich, Major Rich kennenzulernen. Es ließ sich alles zurückführen auf - Das Telefon läutete. Poirot ließ es eine Weile klingeln, bis es ihm dämmerte, daß Miss Lemon bereits nach Hause gegangen war. Also nahm er den Hörer ab.

»Monsieur Poirot?«

»Am Apparat.«

»Oh, wie herrlich!« Poirot war ein wenig erstaunt über die Glut in der bezaubernden weiblichen Stimme. »Hier ist Abbie Chatterton.« - »Ach, Lady Chatterton. Was kann ich für Sie tun?«

»Kommen Sie so rasch wie möglich zu einer absolut schauderhaften Cocktail-Party, die ich gebe. Nicht gerade wegen der Cocktail-Party - sondern wegen einer ganz anderen Geschichte. Bitte, bitte, lassen Sie mich nicht im Stich! Sagen Sie bloß nicht, daß Sie es nicht einrichten können.«

Poirot hatte nicht die geringste Absicht gehabt, die Einladung abzulehnen. Lord Chatterton war, abgesehen von seiner Peerswürde und der Tatsache, daß er gelegentlich eine langweilige Rede im Oberhaus hielt, keine bemerkenswerte Persönlichkeit. Doch Lady Chatterton war einer der strahlendsten Sterne am Himmel der hohen Gesellschaft. Alles, was sie tat oder sagte, war ein Ereignis. Sie besaß Verstand, Schönheit, Originalität und genug Energie, um eine Rakete zum Mond zu befördern.

Sie sagte nochmals:

»Ich brauche Sie. Zwirbeln Sie einfach Ihren wundervollen Schnurrbart mit kühnem Schwung, und kommen Sie!«

Ganz so rasch ging es allerdings nicht. Zunächst einmal machte Poirot aufs sorgfältigste Toilette. Dann erst zwirbelte er seinen Schnurrbart und machte sich auf den Weg.

Die Tür zu Lady Chattertons bezauberndem Haus in der Cheriton Street war angelehnt, und aus dem Innern drang ein Geräusch, das einer Meuterei im Zoo glich. Lady Chatterton führte gerade eine geschickte Unterhaltung mit zwei Gesandten, einem internationalen Fußballspieler und einem amerikanischen Evangelisten. Aber mit der Schnelligkeit eines Taschenspielers warf sie diese Leute über Bord, als Poirot eintrat, und eilte zu ihm.

»Monsieur Poirot, wie wunderbar, daß Sie gekommen sind! Nein, trinken Sie nicht diesen garstigen Martini. Ich habe etwas Besonderes für Sie - eine Art Sirup, den die Scheiche in Marokko trinken. Ich habe ihn oben in meinem kleinen Zimmer.«

Auf dem Wege nach oben erwähnte sie:

»Ich habe diese Party nicht abgeblasen, weil es ungeheuer wichtig ist, daß keiner ahnt, was hier vor sich geht, und ich habe den Dienstboten unerhörte Belohnungen versprochen, wenn nichts ausgeplappert wird. Man möchte schließlich nicht sein Haus von Reportern belagert sehen. Und die arme Seele hat auch schon so viel durchmachen müssen.«

Lady Chatterton machte im ersten Stock nicht halt, sondern eilte weiter in den nächsten. Keuchend und etwas verblüfft folgte ihr Poirot.

Im zweiten Stock blieb Lady Chatterton stehen und stieß nach einem raschen Blick über das Geländer eine Tür auf, wobei sie ausrief:

»Ich habe ihn, Margharita! Ich habe ihn! Hier ist er!«

Sie trat triumphierend zur Seite, um Poirot eintreten zu lassen, und machte die beiden rasch miteinander bekannt.

»Dies ist Margharita Clayton, eine sehr, sehr liebe Freundin von mir. Sie werden ihr helfen, nicht wahr? Margharita, dies ist der wundervolle Hercule Poirot. Er wird alles tun, was du ihm sagst - nicht wahr, lieber Monsieur Poirot?«

Und ohne auf eine Antwort zu warten, die sie offenbar als positiv voraussetzte, stürzte sie aus dem Zimmer und die Treppe hinunter, während sie ziemlich indiskret zurückrief:

»Ich muß leider zu all diesen gräßlichen Leuten zurückkehren.«

Die Frau, die in einem Sessel am Fenster gesessen hatte, erhob sich und kam auf ihn zu. Poirot hätte sie auch erkannt, selbst wenn Lady Chatterton ihren Namen nicht erwähnt hätte: diese breite, sehr breite Stirn, das dunkle Haar, das so beschwingt daraus emporstieg, und die grauen, weit auseinanderstehenden Augen. Sie trug ein enganliegendes, hochgeschlossenes Kleid in einem stumpfen Schwarz, das die schönen Linien ihres Körpers und die magnolienhafte Weiße ihrer Haut betonte. Ihr Gesicht war eher ungewöhnlich als schön. Sie war von einer Aura mittelalterlicher Einfachheit umgeben - von einer seltsamen Unschuld, die, wie Poirot dachte, eine vernichtendere Wirkung ausüben konnte als eine wollüstige Raffiniertheit. Wenn sie sprach, tönte aus ihren Worten eine gewisse kindliche Offenheit. »Abbie sagt, Sie wollen mir helfen.«

Sie blickte ihm ernst und forschend ins Gesicht.

Einen Augenblick lang stand Poirot ganz still und unterzog sie einer genauen Prüfung, was durchaus nicht unhöflich wirkte. Es war eher der freundliche, aber durchdringende Blick, mit dem ein berühmter Arzt einen neuen Patienten betrachtet.

»Sind Sie sicher, Madame«, sagte er schließlich, »daß ich Ihnen helfen kann?«

Eine leichte Röte stieg in ihre Wangen.

»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

»Was wünschen Sie denn von mir, Madame?«

»Oh!« Sie schien überrascht. »Ich dachte, Sie wüßten, wer ich bin.«

»Ich weiß, wer Sie sind. Ihr Gatte wurde getötet - erdolcht, und ein gewisser Major Rich ist wegen Mordverdachts verhaftet worden.«

Die Röte in ihren Wangen vertiefte sich.

»Major Rich hat meinen Mann nicht getötet.«

Pfeilschnell entgegnete Poirot:

»Warum nicht?«

Sie starrte ihn verblüfft an. »Wie - wie, bitte?«

»Ich habe Sie verwirrt - weil ich nicht dieselbe Frage gestellt habe wie alle anderen, die Polizei, die Rechtsanwälte, ... warum sollte Major Rich Arnold Clayton töten? Ich aber frage das Gegenteil. Ich frage Sie, Madame, warum Sie davon überzeugt sind, daß Major Rich ihn nicht getötet hat.«

»Weil« - sie hielt einen Augenblick inne - »weil ich Major Rich so gut kenne.«

»Sie kennen Major Rich so gut«, wiederholte Poirot mit ausdrucksloser Stimme. Nach einer kleinen Pause fragte er scharf: »Wie gut?«

Ob sie die Bedeutung seiner Frage verstand, konnte er nicht raten. Er dachte bei sich: Hier ist eine Frau, die entweder sehr einfach oder sehr raffiniert ist. Viele Menschen müssen versucht haben, das bei Margharita Clayton zu ergründen .

»Wie gut?« Sie blickte ihn zweifelnd an. »Seit fünf Jahren - nein, es sind schon fast sechs.«

»So war das eigentlich nicht gemeint. Sie müssen einsehen, Madame, daß ich Ihnen scheinbar impertinente Fragen stellen muß. Vielleicht werden Sie die Wahrheit sprechen, vielleicht aber auch lügen. Es ist manchmal sehr notwendig für eine Frau zu lügen. Frauen müssen sich verteidigen, und die Lüge kann eine gute Waffe sein. Aber es gibt drei Menschen, Madame, denen eine Frau die Wahrheit sagen sollte: ihrem Beichtvater, ihrem Friseur und ihrem Privatdetektiv - wenn sie ihm vertraut. Vertrauen Sie mir, Madame?«

Margharita Clayton schöpfte tief Atem.

»Ja«, sagte sie. »Das tue ich.« Und setzte hinzu: »Ich muß es ja.«

»Na schön. Was soll ich also für Sie tun? Ausfindig machen, wer Ihren Gatten ermordet hat?«

»Das auch - ja.«

»Aber es ist nicht wesentlich, wie? Sie wünschen in erster Linie, daß ich Major Rich von dem Mordverdacht befreien soll, ja?«

Sie nickte rasch, dankbar.

»Das - und sonst nichts?«

Eine unnötige Frage, das sah er ein. Margharita Clayton war eine Frau, die nur eins zur Zeit im Auge hatte.

»Und jetzt eine sehr impertinente Frage, Madame. Sie und Major Rich sind ineinander verliebt, ja?«

»Wenn Sie damit sagen wollen, daß wir ein Verhältnis miteinander hatten - nein.«

»Aber er war in Sie verliebt?«

»Ja.«

»Und Sie - waren in ihn verliebt?«

»Ich glaube, ja.«

»Sie scheinen nicht ganz sicher zu sein, wie?«

»Doch - jetzt bin ich sicher.«

»Aha! Sie haben also Ihren Gatten nicht geliebt?«

»Nein.«

»Sie antworten mit bewundernswerter Schlichtheit. Die meisten Frauen hätten das Verlangen, ihre Gefühle bis ins einzelne zu erklären. Wie lange waren Sie verheiratet?«

»Elf Jahre.«

»Können Sir mir ein wenig von Ihrem Gatten erzählen? Wie war er als Mensch?«

Sie runzelte die Stirn.

»Es ist schwierig. Ich weiß eigentlich gar nicht, was für ein Mensch Arnold war. Er war sehr ruhig, sehr reserviert. Man konnte seine Gedanken nicht erraten. Natürlich war er klug, jeder sagte, er sei brillant - in seiner Arbeit, meine ich. Aber er - ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll - er hat sein ureigenes Wesen nie enthüllt.«

»War er in Sie verliebt?«

»O ja. Das muß er schon gewesen sein. Sonst hätte er sich nicht so aufgeregt -« Sie brach plötzlich ab.

»Über andere Männer? Das wollten Sie doch sagen, wie? Er war also eifersüchtig?«

Wieder sagte sie:

»Das muß er schon gewesen sein.« Und dann, als ob sie spürte, daß die Redensart einer Erklärung bedurfte, fuhr sie fort:

»Manchmal sprach er tagelang kein Wort mit mir.«

Poirot nickte nachdenklich.

»Diese Gewalttätigkeit - die in Ihr Leben gekommen ist. Haben Sie sie zum ersten Male erlebt?«

»Gewalttätigkeit?« Sie runzelte die Stirn und errötete dann.

»Meinen Sie etwa den armen jungen Mann, der sich erschossen hat?«

»Ja«, erwiderte Poirot. »So etwas habe ich wohl gemeint.«

»Ich hatte keine Ahnung, daß er so viel für mich empfand. Er tat mir sehr leid. Er schien so scheu, so einsam zu sein. Er muß wohl sehr neurotisch gewesen sein. Und dann die beiden Italiener - ein Duell. Es war lächerlich. Jedenfalls ist keiner dabei umgekommen,. Gott sei Dank . Und offen gestanden, war mir an keinem der beiden etwas gelegen. Ich habe nicht einmal eine Zuneigung vorgetäuscht.«

»Nein. Sie waren eben nur - da! Und wo Sie sind -passiert etwas! Die Erfahrung habe ich schon früher in meinem Leben gemacht. Eben weil Sie gleichgültig sind, werden die Männer zum Wahnsinn getrieben. Aber für Major Rich haben Sie tatsächlich etwas übrig. Daher -müssen wir tun, was wir können.«

Er schwieg eine Zeitlang, während sie ernst vor ihm saß und ihn beobachtete.

»Wir wenden uns nun von den Persönlichkeiten ab, die oft das wirklich Wichtige darstellen, und den einfachen Tatsachen zu. Ich weiß nur, was in den Zeitungen gestanden hat. Auf Grund dieser Darstellungen hatten nur zwei Personen Gelegenheit, Ihren Gatten zu töten, konnten nur zwei Personen ihn getötet haben - Major Rich und sein Diener.«

Eigensinnig wiederholte sie:

»Ich weiß, daß Charles ihn nicht getötet hat.«

»Dann muß es also der Diener gewesen sein. Geben Sie das zu?«

»Ich sehe, was Sie meinen«, sagte sie zweifelnd.

»Aber es will Ihnen nicht so recht einleuchten, ja?«

»Es erscheint einfach - phantastisch!«

»Und doch besteht die Möglichkeit. Ihr Gatte erschien zweifellos in der Wohnung, da seine Leiche dort gefunden wurde. Wenn die Aussage des Dieners auf Wahrheit beruht, hat Major Rich den Mord begangen. Wenn aber die Aussage des Dieners falsch ist? Dann hat der Diener Ihren Gatten getötet und die Leiche vor der Rückkehr seines Herrn in der Truhe versteckt. Von seinem Standpunkt aus eine ausgezeichnete Gelegenheit, die Leiche loszuwerden. Er brauchte nur am nächsten Morgen >den Blutfleck zu bemerken< und >die Leiche zu entdeckend Der Verdacht würde sofort auf Rich fallen.«

»Aber warum sollte der Diener meinen Mann töten wollen?«

»Ja, warum? Das Motiv kann nicht auf der Hand liegen. Sonst hätte die Polizei Nachforschungen angestellt. Möglicherweise wußte Ihr Gatte etwas über den Diener, was ihm zur Schande gereichte, und stand im Begriff, Major Rich davon in Kenntnis zu setzen. Hat Ihr Gatte jemals mit Ihnen über diesen Burgess gesprochen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Glauben Sie, daß er es getan hätte, wenn sich die Sache so verhalten hätte?«

Sie runzelte die Stirn.

»Es ist schwierig, etwas darüber zu sagen. Wahrscheinlich nicht. Er sprach nicht viel über andere Menschen. Wie ich Ihnen schon sagte, war er reserviert.«

»Er war also ein Mann, der seine Meinungen für sich behielt. Nun, was für eine Meinung haben Sie von Burgess?«

»Er ist kein Mann, der einem sehr auffällt. Ein ziemlich guter Diener. Ausreichend, aber nicht besonders geschliffen.«

»Wie alt?«

»Etwa sieben- oder achtunddreißig, denke ich. Während des Krieges war er Offiziersbursche, aber kein regelrechter Soldat.«

»Wie lange war er bei Major Rich?«

»Nicht sehr lange. Vielleicht anderthalb Jahre.«

»Haben Sie nie bemerkt, daß er Ihrem Gatten gegenüber ein merkwürdiges Verhalten an den Tag legte?«

»Wir waren nicht so sehr oft dort. Nein, ich habe überhaupt nichts bemerkt.«

»Nun schildern Sie mir bitte die Vorgänge des Abends. Um welche Zeit waren Sie geladen?«

»Acht Uhr fünfzehn bis acht Uhr dreißig.«

»Und was für eine Party sollte es sein?«

»Nun, gewöhnlich wurden Drinks gereicht, und es gab ein kaltes Büfett - meistens ein sehr gutes. Gänseleberpastete und heißen Toast. Geräucherten Lachs und dergleichen. Manchmal gab es auch ein warmes Reisgericht - Charles hatte ein besonderes Rezept aus dem Nahen Osten mitgebracht - aber das war meist im Winter. Dann hatten wir häufig Musik - Charles besitzt einen sehr guten stereophonischen Plattenspieler. Mein Mann und Jock McLaren begeisterten sich beide für klassische Platten. Auch hatten wir Tanzmusik - die Spences waren leidenschaftliche Tänzer. So war es meistens - ein ruhiger, zwangloser Abend. Charles war ein sehr guter Gastgeber.«

»Und glich dieser besondere Abend den anderen Abenden, die Sie dort verbrachten? Sie haben nichts Ungewöhnliches bemerkt? War alles an seinem Platz?«

»Alles an seinem Platz?« Sie runzelte die Stirn. »Eben als Sie das sagten, hatte ich - nein, es ist wieder verschwunden. Aber da war irgend etwas ...« Wiederum schüttelte sie den Kopf. »Nein. Es war überhaupt nichts Ungewöhnliches an dem Abend. Wir hatten viel Spaß. Alle schienen ungezwungen und glücklich zu sein.«

Sie schauderte. »Und wenn man bedenkt, daß während der ganzen Zeit -«

Poirot hob rasch die Hand.

»Denken Sie nicht daran. Was wissen Sie von den Geschäften, derentwegen Ihr Gatte nach Schottland reisen wollte?«

»Nicht viel. Es handelte sich um einen Disput über den Verkauf von Ländereien, die meinem Mann gehörten. Der Verkauf war offenbar vollzogen, und dann tauchten plötzlich Schwierigkeiten auf.«

»Was hat Ihr Gatte Ihnen genau gesagt?«

»Er kam mit einem Telegramm in der Hand zu mir herein. Soweit ich mich entsinnen kann, sagte er: >Eine höchst ärgerliche Geschichte! Ich muß mit dem Nachtzug nach Edinburgh fahren und morgen früh gleich mit Johnston sprechen. Zu dumm, wenn man schon angenommen hatte, daß die Sache endlich im klaren sei.< Dann fügte er hinzu: >Soll ich Jock anrufen und ihn bitten, dich abzuholen?< Und ich erwiderte: >Unsinn, ich nehme einfach ein Taxi.< Er meinte, daß Jock oder die Spences mich nach Hause bringen würden. Ich fragte ihn dann, ob ich ihm beim Packen helfen solle, und er sagte, er würde nur ein paar Sachen in einen Koffer werfen und dann einen kleinen Imbiß im Klub einnehmen, ehe er zum Bahnhof gehe. Bald darauf ging er fort, und - und das war das letzte Mal, daß ich ihn gesehen habe.«

Ihre Stimme brach ein wenig bei diesen Worten.

Poirot blickte sie sehr fest an.

»Hat er Ihnen das Telegramm gezeigt?«

»Nein.«

»Schade.«

»Warum sagen Sie das?«

Poirot beantwortete ihre Frage nicht. Statt dessen sagte er energisch:

»Nun zur Sache. Wie heißen die Anwälte, die Major Rich vertreten?«

Sie gab ihm die gewünschte Auskunft, und er notierte sich die Adresse.

»Wollen Sie mir ein paar Zeilen für sie mitgeben? Ich möchte nämlich Anordnungen treffen, um Major Rich persönlich zu sehen.«

»Er - befindet sich in Untersuchungshaft.«

»Natürlich. Das ist das übliche Verfahren. Wollen Sie ebenfalls ein paar Zeilen an Commander McLaren und an Ihre Freunde, die Spences, schreiben? Ich möchte mit allen sprechen, und es ist wichtig, daß sie mir nicht gleich die Tür zeigen.«

Als sie sich vom Schreibtisch erhob, sagte er:

»Noch eins. Ich werde mir natürlich mein eigenes Urteil bilden, aber mittlerweile möchte ich von Ihnen hören, was für einen Eindruck Sie von Commander McLaren und Mr. und Mrs. Spence haben.«

»Jock McLaren ist einer unserer ältesten Freunde. Ich kenne ihn schon von meiner Kindheit her. Er macht einen ziemlich strengen Eindruck, aber in Wirklichkeit ist er eine gute Seele - immer derselbe - stets zuverlässig. Er ist nicht heiter und amüsant, aber eine ungeheure Stütze. Arnold und ich haben uns oft auf sein Urteil verlassen.«

»Und zweifellos ist er auch in Sie verliebt, nicht wahr?« Poirot zwinkerte ein wenig mit den Augen.

»Oh, ja«, erwiderte Margharita glückselig. »Er war immer in mich verliebt - aber allmählich ist es ihm gewissermaßen zur Gewohnheit geworden.«

»Und die Spences?«

»Sie sind amüsant und sehr gute Gesellschafter. Linda Spence ist tatsächlich eine ziemlich gescheite Frau. Arnold hat sich gern mit ihr unterhalten. Außerdem ist sie sehr attraktiv.«

»Sind Sie miteinander befreundet?«

»Sie und ich? Gewissermaßen. Obwohl ich sie eigentlich nicht richtig gern habe. Sie ist zu maliziös.«

»Und ihr Gatte?«

»Oh, Jeremy ist bezaubernd. Sehr musikalisch. Versteht auch sehr viel von Gemälden. Er und ich gehen oft zusammen ins Kino ...«

»Na ja, ich werde mich selbst überzeugen.« Er ergriff ihre Hand.

»Hoffentlich bereuen Sie es nicht, Madame, meine Hilfe in Anspruch genommen zu haben.«

»Warum sollte ich es bereuen?« Ihre Augen weiteten sich vor Staunen.

»Man kann nie wissen«, erwiderte er geheimnisvoll.

»Und ich - ich weiß es auch nicht«, murmelte er vor sich hin, als er die Treppe hinabstieg. Die Cocktail-Party war noch in vollem Schwunge, aber er vermied die Gastgeberin und gelangte ohne weiteres auf die Straße.

»Nein«, wiederholte er. »Ich weiß es nicht.«

Seine Gedanken waren von Margharita Clayton erfüllt.

Diese kindliche Aufrichtigkeit, diese offenherzige Einfalt -waren sie echt? Oder verhüllten sie etwas anderes? Im Mittelalter hatte es solche Frauen gegeben - Frauen, über die sich die Historiker nicht einigen konnten. Er dachte an Maria Stuart, die schottische Königin. Hatte sie in jener Nacht in Kirk o'Fields von der Tat gewußt, die geschehen sollte? Oder war sie völlig unschuldig? Hatten die Verschwörer ihr nichts gesagt? War sie eine dieser kindlich-einfachen Frauen, die sich selbst etwas vormachen und daran glauben können? Er spürte den Zauber, der von Margharita Clayton ausging. Aber von ihrer Unschuld war er nicht völlig überzeugt .

Solche Frauen konnten, auch wenn sie selbst unschuldig waren, die Ursache schwerer Verbrechen sein. Solche Frauen konnten, wenn auch nicht in der Tat, so doch in Absicht und Plänen, selbst Verbrecherinnen sein.

Ihre Hand war es nie, die das Messer hielt ...

Und Margharita Clayton - nein, er wußte es wahrhaftig nicht!

Hercule Poirot fand Major Richs Rechtsanwälte nicht sehr entgegenkommend. Er hatte es auch nicht anders erwartet.

Sie ließen durchblicken, daß es im besten Interesse ihres Klienten sei, wenn Mrs. Clayton sich nicht für ihn einsetzte.

Poirot hatte die Rechtsanwälte auch nur im Interesse der »Korrektheit« aufgesucht. Er hatte genug Beziehungen zum Ministerium des Innern und zu Scotland Yard, um ein Interview mit dem Häftling zu erlangen.

Inspektor Miller, der den Fall Clayton bearbeitete, wurde von Poirot nicht sonderlich geschätzt. Aber bei dieser Gelegenheit verhielt sich der Inspektor nicht feindselig, sondern nur verächtlich.

»Kann an den alten Tattergreis nicht viel Zeit verschwenden«, hatte er zu dem Wachtmeister gesagt, ehe Poirot hereingeführt wurde. »Immerhin muß ich wohl höflich zu ihm sein.«

»Sie müssen wirklich ein Zauberkünstler sein, Monsieur Poirot, wenn Sie hier etwas erreichen wollen«, bemerkte der Inspektor.

»Niemand außer Rich hätte den Burschen töten können.«

»Und der Diener.«

»Oh, das will ich wohl zugeben. Als Möglichkeit natürlich. Aber Sie werden nach dieser Richtung hin nichts entdecken. Überhaupt keine Motive.«

»Das können Sie nicht so ohne weiteres behaupten. Motive sind sehr merkwürdige Gebilde.«

»Aber er war mit Clayton überhaupt nicht bekannt, hat eine völlig harmlose Vergangenheit und scheint durchaus richtig im Kopf zu sein. Ich weiß nicht, was Sie sonst noch verlangen.«

»Ich möchte ausfindig machen, daß Rich das Verbrechen nicht begangen hat.«

»Der Dame zuliebe, wie?« Inspektor Miller grinste. »Sie hat Ihnen wohl zugesetzt. Ein ziemliches Augevoll, nicht wahr? Cherchez la femme - das paßt hier aus dem Effeff. Wenn sie die Gelegenheit gehabt hätte, wissen Sie, hätte sie es selbst tun können.«

»Niemals!«

»Sie können Ihr blaues Wunder erleben. Ich habe so eine Frau gekannt. Räumte etliche Ehemänner aus dem Wege, ohne mit den Wimpern ihrer unschuldsvollen Augen zu zucken. Und jedesmal völlig gebrochen. Die Geschworenen hätten sie am liebsten freigesprochen, wenn es ihnen eben möglich gewesen wäre. Aber das Beweismaterial war unumstößlich.«

»Nun, mein Freund, wir wollen nicht darüber disputieren. Ich möchte mich erdreisten, Sie um einige zuverlässige Angaben zu bitten. Was die Zeitungen drucken, ist wohl Neuigkeit - aber nicht immer die Wahrheit.«

»Na, die müssen auch ihren Spaß haben. Was möchten Sie denn wissen?«

»Die Zeit des Todes. Bitte, so genau wie möglich.«

»Und das kann nicht sehr genau sein, weil die Leiche erst am folgenden Morgen untersucht wurde. Der Tod ist schätzungsweise zehn bis dreizehn Stunden vorher eingetreten. Mit anderen Worten: zwischen sieben und zehn Uhr am Abend vorher. Der Mörder hat die Schlagader getroffen. Der Tod muß also ziemlich rasch erfolgt sein.«

»Und die Waffe?«

»Eine Art italienisches Stilett, ganz klein, aber scharf wie ein Rasiermesser. Niemand hat es je zuvor gesehen oder kann sagen, woher es stammt. Wir werden es aber schon noch herausbekommen. Es erfordert nur etwas Zeit und Geduld.«

»Es hätte nicht im Verlauf eines Streites aufgenommen werden können?«

»Nein. Der Diener behauptet, daß so etwas in der Wohnung nicht vorhanden gewesen sei.«

»Was mich besonders interessiert, ist das Telegramm«, sagte Poirot. »Das Telegramm, das Arnold Clayton nach Schottland rief. War die Aufforderung echt?«

»Nein. Da oben waren keine Schwierigkeiten vorhanden. Der Landverkauf verlief ganz normal.«

»Wer hat denn das Telegramm geschickt - vorausgesetzt, daß ein Telegramm existierte?«

»Es muß eins vorhanden gewesen sein. Nicht, daß wir Mrs. Clayton unbedingt Glauben schenken. Aber Clayton hatte auch dem Diener gegenüber erwähnt, daß er telegrafisch nach Schottland gerufen sei. Ebenfalls Commander McLaren gegenüber.«

»Um welche Zeit hat er mit Commander McLaren gesprochen?«

»Sie nahmen in ihrem Klub gemeinsam einen Imbiß ein, und zwar gegen Viertel nach sieben. Dann fuhr Clayton in einem Taxi nach Richs Wohnung, wo er kurz vor acht eintraf. Danach .«

Miller machte eine vielsagende Handbewegung.

»Hat jemand irgend etwas Merkwürdiges in Richs Verhalten an diesem Abend wahrgenommen?«

»Na, Sie kennen die Menschen ja. Nach dem Ereignis bilden sie sich ein, allerlei entdeckt zu haben, was sie -darauf möchte ich jede Wette eingehen - überhaupt nicht sahen. So behauptet Mrs. Spence, Rich sei den ganzen Abend über sehr zerstreut gewesen, habe nicht immer eine richtige Antwort gegeben, als ob er >etwas auf der Seele habec. Und das hatte er ja auch wohl, wenn er eine Leiche in der Truhe hatte! Er mußte sich doch den Kopf darüber zerbrechen, wie er den verwünschten Kadaver fortschaffen könne!«

»Warum hat er ihn denn nicht fortgeschafft?«

»Da fragen Sie mich zuviel. Hat vielleicht den Mut verloren. Aber es war heller Wahnsinn, es bis zum nächsten Tage aufzuschieben. Er hatte die allerbeste Chance in der Nacht. Es war nämlich kein Nachtportier vorhanden. Er hätte seinen Wagen holen, die Leiche im Kofferraum verstauen, aufs Land hinausfahren und sie irgendwo abladen können. Vielleicht wäre er beim Verstauen der Leiche gesehen worden. Aber das Haus liegt in einer Seitenstraße, und außerdem ist ein Hof vorhanden. Gegen drei Uhr morgens, sagen wir mal, hätte er eine gute Chance gehabt. Aber was tut er statt dessen? Geht zu Bett, schläft bis in die Puppen und findet beim Erwachen die Polizei in der Wohnung!«

»Er ging zu Bett und schlief gut, genau wie ein unschuldiger Mann.«

»Wenn Sie wollen, können Sie es auch so auslegen. Aber glauben Sie es tatsächlich selbst?«

»Die Frage kann ich erst beantworten, wenn ich den Mann mit eigenen Augen gesehen habe.«

»Glauben Sie etwa, einem Menschen die Unschuld an der Nasenspitze ansehen zu können? So einfach ist es nun auch nicht.«

»Das weiß ich, und ich würde nicht daran denken, eine so kühne Behauptung aufzustellen, Ich will nur zu einer Entscheidung kommen, ob der Mann wirklich so dumm ist, wie es den Anschein hat.«

Poirot hatte nicht die Absicht, Charles Rich aufzusuchen, ehe er alle anderen gesehen hatte.

Er begann mit Commander McLaren.

McLaren war ein großer, dunkler, verschlossener Mann mit einem groben, aber angenehmen Gesicht. Er war zurückhaltend und ließ nicht leicht mit sich reden. Doch Poirot besaß Ausdauer.

Als McLaren Margharitas Zeilen gelesen hatte, sagte er fast zögernd:

»Nun, wenn Margherita wünscht, daß ich Ihnen alles erzählen soll, was ich weiß, werde ich das natürlich tun. Weiß zwar nicht, was es noch zu erzählen gibt. Sie haben doch sicher schon alles gehört. Aber ganz wie Margharita es wünscht. Ich habe ihr stets den Willen getan - schon seit ihrem sechzehnten Lebensjahr. Sie hat so etwas an sich, wissen Sie.«

»Ich weiß«, bestätigte Poirot und fuhr fort: »Zunächst einmal möchte ich, daß Sie mir eine Frage ganz offen beantworten. Halten Sie Major Rich für schuldig?«

»Ja, entschieden. Ich würde es Margharita nicht sagen, wenn sie ihn unbedingt für unschuldig halten will. Aber ich sehe keine andere Möglichkeit. Zum Teufel, der Mann muß schuldig sein.«

»Gab es zwischen ihm und Mr. Clayton irgendeine Unstimmigkeit?« »Nein, durchaus nicht. Arnold und Charles waren die besten Freunde. Deshalb wirkt das Ganze ja so phantastisch.«

»Vielleicht hatte Major Richs Freundschaft mit Mrs. Clayton -«

Er wurde unterbrochen.

»Pfui! Dieses Gewäsch! Alle Zeitungen weisen versteckt darauf hin. Verdammte Anspielungen! Mrs. Clayton und Rich waren gute Freunde und weiter nichts! Margharita hat viele Freunde. Ich bin ihr Freund. Schon seit Jahren. Und es ist nichts zwischen uns vorgefallen, was nicht die ganze Welt wissen könnte. Genauso verhält es sich mit Charles und Margharita.«

»Sie sind also nicht der Ansicht, daß sie ein Verhältnis miteinander hatten?«

»Aber ganz gewiß nicht!« stieß McLaren zornig hervor. »Hören Sie bloß nicht auf diese Spence, diese Giftnudel. Die schwatzt Unsinn über Unsinn.«

»Aber vielleicht hat Mr. Clayton Verdacht geschöpft und angenommen, es bestehe ein Verhältnis zwischen seiner Frau und Major Rich.«

»Ich kann Ihnen versichern, daß dies nicht stimmt. Sonst hätte ich davon gewußt; Arnold und ich waren sehr eng befreundet.«

»Was für ein Mann war Mr. Clayton eigentlich? Das müßten Sie doch in erster Linie wissen.«

»Nun, Arnold war ein ruhiger Mensch. Aber klug -geradezu glänzend, glaube ich. Fabelhafter Kopf für Finanzen. Er bekleidete einen ziemlich hohen Posten im Schatzamt.«

»Das habe ich gehört.«

»Er war sehr belesen und sammelte Marken. Er hatte eine große Vorliebe für Musik. Aber er tanzte nicht und ging abends nicht gern aus.«

»War es Ihrer Ansicht nach eine glückliche Ehe?«

Commander McLaren beantwortete diese Frage nicht sofort.

»So etwas ist sehr schwer zu sagen. Ja, ich glaube, sie waren glücklich. In seiner ruhigen Art war er ihr ergeben, und ich bin überzeugt, daß sie ihn gern mochte. Eine Trennung war sehr unwahrscheinlich, falls Sie daran gedacht haben sollten. Sie hatten allerdings nicht viele gemeinsame Interessen.«

Poirot nickte. Das war anscheinend alles, was er aus ihm herausbekommen konnte.

Er sagte: »Nun erzählen Sie mir noch etwas von dem letzten Abend. Mr. Clayton speiste mit Ihnen im Klub. Was hat er da gesagt?«

»Er sagte mir, daß er nach Schottland fahren müsse. Schien sehr ärgerlich darüber zu sein. Wir aßen übrigens nicht zu Abend. Keine Zeit. Nur belegte Brote und einen Drink. Das heißt, für ihn. Ich hatte nur den Drink, da ich ja zu einem kalten Souper eingeladen war.«

»Erwähnte Mr. Clayton ein Telegramm?«

»Ja.«

»Hat er es Ihnen eigentlich gezeigt?«

»Nein.«

»Erwähnte er, daß er bei Rich vorsprechen wolle?«

»Nicht definitiv. Er wußte nicht, ob die Zeit dazu reichen würde, und meinte: >Margharita kann es erklären, oder auch du.< Dann fügte er hinzu: >Sorge dafür, daß sie gut nach Hause kommt.< Dann ging er fort. Es war alles ganz natürlich und ungezwungen.« »Und er hegte keinen Verdacht, daß das Telegramm nicht echt sei?«

»War es das etwa nicht?« Commander McLaren blickte bestürzt drein.

»Anscheinend nicht.«

»Wie merkwürdig ...« Commander McLaren versank in eine Art Trance, aus der er plötzlich emportauchte mit den Worten:

»Aber das ist tatsächlich seltsam. Ich meine, was ist der Sinn der Sache? Warum sollte ihn jemand nach Schottland schicken wollen?«

»Es ist eine Frage, die unbedingt eine Antwort verlangt.«

Hercule Poirot brach auf und ließ den Commander offenbar in einer tiefen Grübelei zurück.

Die Spences lebten in einem winzigen Haus in Chelsea.

Linda Spence empfing Poirot voller Begeisterung.

»Sie müssen mir alles erzählen«, sagte sie. »Alles von Margharita! Wo steckt sie?«

»Das darf ich Ihnen leider nicht verraten, Madame.«

»Sie hat sich tatsächlich gut versteckt. So etwas versteht Margharita vorzüglich. Aber bei der Verhandlung muß sie doch wohl als Zeugin erscheinen, nicht wahr? Davor kann sie sich nicht drücken.«

Poirot ließ abschätzend seine Blicke über sie gleiten und mußte widerwillig gestehen, daß sie im modernen Stil attraktiv war. Es war kein Typ, den er bewunderte. Das kunstvoll zerzauste Haar hing ihr wirr um den Kopf, und ein Paar scharfsinnige Augen beobachteten ihn aus einem leicht schmuddeligen Gesicht, das, abgesehen von dem lebhaften Cerise ihres Mundes, keinerlei Make-up zeigte. Sie trug einen enormen hellgelben Pullover, der fast bis zu den Knien herabhing, und enge schwarze Hosen.

»Was für eine Rolle spielen Sie in dieser Angelegenheit?« wollte Mrs. Spence wissen. »Sollen Sie um jeden Preis den Freund aus der Patsche ziehen? Ist das die Idee? Welcher Optimismus!«

»Dann halten Sie ihn also für schuldig?«

»Natürlich. Wer sollte es sonst sein?«

Das, dachte Poirot, ist die große Frage. Er parierte sie mit einer anderen. »Wie erschien Ihnen Major Rich an jenem fatalen Abend? Wie üblich? Oder anders?«

Linda Spence kniff kritisch die Augen zusammen.

»Nein, er war nicht wie sonst. Er war - anders.«

»Inwiefern?«

»Aber, Monsieur Poirot, wenn man gerade jemanden kaltblütig erstochen hat -«

»Aber Sie wußten zu der Zeit nicht, daß er gerade jemanden kaltblütig erstochen hatte, nicht wahr?«

»Nein, selbstverständlich nicht.«

»Wie haben Sie sich dann also sein >Anderssein< erklärt? Wie äußerte es sich überhaupt?«

»Nun, er war zerstreut. Ach, ich weiß es nicht. Aber als ich hinterher darüber nachdachte, kam ich zu dem Schluß, daß ganz entschieden etwas nicht in Ordnung war.«

»Wer traf zuerst ein?«

»Wir - Jim und ich. Dann kam Jock. Und schließlich Margharita.«

»Wann wurde Mr. Claytons Abreise nach Schottland zum erstenmal erwähnt?«

»Als Margharita kam. Sie sagte zu Charles: >Arnold läßt sich vielmals entschuldigen. Aber er mußte eilig mit dem

Nachtzug nach Edinburgh fahren.< Und Charles erwiderte: >Oh, das ist ja sehr bedauerlich.< Jock fügte hinzu: >Verzeihung, daß ich es nicht erwähnt habe. Aber ich dachte, du wüßtest es bereits. < Und dann hatten wir alle einen Drink.«

»Hat Major Rich überhaupt nicht erwähnt, daß er Mr. Clayton an dem Abend gesehen habe? Hat er nichts davon gesagt, daß er auf dem Wege zum Bahnhof bei ihm vorbeigekommen sei?«

»Ich habe nichts davon gehört.«

»Die Geschichte mit dem Telegramm war merkwürdig, nicht wahr?«

»Wieso?«

»Es war ein Schwindel. In Edinburgh weiß niemand etwas davon.«

»Aha! Ich wunderte mich damals schon im stillen.«

»Sie haben sich bei dem Telegramm etwas gedacht?«

»Na, es springt einem doch geradezu ins Auge.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Mein lieber Monsieur Poirot«, sagte Linda. »Spielen Sie doch nicht den Unschuldigen! Unbekannter Spaßvogel schafft den Ehemann aus dem Wege! Für diese Nacht jedenfalls ist die Luft rein.«

»Sie meinen also, daß Major Rich und Mrs. Clayton geplant hatten, die Nacht zusammen zu verbringen.«

»Daß so etwas vorkommen soll, haben Sie sicher auch schon gehört, nicht wahr?« Linda schien amüsiert.

»Und einer von den beiden schickte das Telegramm?«

»Es würde mich nicht überraschen.«

»Major Rich und Mrs. Clayton hatten also nach Ihrer Ansicht ein Verhältnis miteinander?«.

»Wollen mal sagen, ich wäre darüber nicht erstaunt. Etwas Positives weiß ich nicht.«

»Hat Mr. Clayton Verdacht geschöpft?«

»Arnold war ein ungewöhnlicher Mensch. Sehr zugeknöpft. Ich glaube, er wußte Bescheid. Aber er war so veranlagt, daß er alles in sich hineinfraß. Die meisten hielten ihn für einen trockenen, gefühllosen Mann. Aber ich bin mir ziemlich sicher, daß es in seinem Innern ganz anders aussah. Merkwürdgerweise hätte es mich viel weniger überrascht, wenn Arnold seinen Freund Charles erstochen hätte, anstatt umgekehrt. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß Arnold in Wirklichkeit ein irrsinnig eifersüchtiger Mann war.«

»Das ist interessant.«

»Noch wahrscheinlicher ist es eigentlich, daß er Margharita umgebracht hätte. Othello - und so weiter. Margharita übt nämlich eine ungewöhnliche Wirkung auf Männer aus.«

»Sie ist eine gutaussehende Frau«, bemerkte Poirot mit wohlüberlegter Unterschätzung.

»Es ist mehr als das. Sie hat ein gewisses Etwas. Sie pflegt die Männer aufzupeitschen, so daß sie ganz verrückt auf sie sind, und sich dann umzudrehen und sie mit einem weitäugigen Erstaunen anzublicken, das sie zum Wahnsinn treibt.«

»Sie kennen sie wohl gut?«

»Mein Lieber, sie ist eine meiner besten Freundinnen -aber ich würde ihr nicht über den Weg trauen!«

»Aha«, sagte Poirot und brachte die Unterhaltung auf Commander McLaren.

»Jock? Der alte Getreue? Ein lieber Kerl. Der geborene Familienfreund. Er und Arnold waren wirklich eng befreundet. Ich glaube, Arnold erschloß sich ihm mehr als allen anderen. Und natürlich war er Margharitas Sklave. Seit Jahren war er ihr treu ergeben.«

»Und war Mr. Clayton auf ihn eifersüchtig?«

»Eifersüchtig auf Jock? Was für eine Idee! Margharita mag Jock wirklich gern, aber sie hat nie andere Gedanken für ihn gehabt. Ich glaube, es geht den meisten Frauen bei ihm so. Ich weiß nicht, warum. Eigentlich schade. Er ist so nett.«

Poirot lenkte das Gespräch auf den Diener. Aber abgesehen von einer vagen Bemerkung, daß er einen guten Cocktail mixe, schien Linda Spence sich keine Gedanken über Burgess gemacht, ja ihn kaum bemerkt zu haben.

Aber sie begriff rasch, worauf er hinauswollte.

»Sie denken vielleicht daran, daß er Arnold ebenso leicht getötet haben könnte wie Charles. Doch das erscheint mir irrsinnig unwahrscheinlich.«

»Diese Bemerkung deprimiert mich, Madame. Aber andererseits erscheint es mir irrsinnig unwahrscheinlich -obwohl Sie mir nicht zustimmen werden - nicht, daß Major Rich Arnold Clayton getötet haben soll, sondern daß er ihn auf diese Weise umgebracht hat.«

»Mit einem Stilett, meinen Sie? Ja, das paßt entschieden nicht zu ihm. Wahrscheinlicher wäre der stumpfe Gegenstand gewesen. Womöglich hätte er ihn auch erwürgen können, nicht wahr?«

Poirot seufzte.

»Da sind wir wieder bei Othello angelangt. Ja, Othello . Sie haben mir da eine kleine Idee in den Kopf gesetzt.«

»Wirklich? Was -« In diesem Augenblick wurde die Haustür aufgeschlossen und geöffnet. »Oh, da kommt Jeremy. Wollen Sie auch mit ihm reden?«

Jeremy Spence war eine angenehme Erscheinung, etwas über dreißig Jahre alt, gut angezogen und fast auffallend diskret. Mrs. Spence erklärte, daß sie unbedingt in der Küche nach dem Rechten sehen müsse, und ließ die beiden Männer allein.

Jeremy Spence hatte nichts von der gewinnenden Offenheit seiner Frau. Es war ihm sichtlich höchst unangenehm, daß er überhaupt in diesen Fall verwickelt war, und seine sorgfältigen Äußerungen verrieten nicht viel. Ja, sie hatten die Claytons seit einiger Zeit gekannt. Rich nicht so gut. Hatte einen angenehmen Eindruck auf ihn gemacht. Soweit er sich entsinnen konnte, war ihm Rich an dem fraglichen Abend genauso wie sonst vorgekommen. Clayton und Rich schienen immer gut miteinander auszukommen. Das Ganze schien ihm völlig unbegreiflich.

Im Verlauf der Unterhaltung ließ Jeremy Spence es deutlich durchblicken, daß er es sehr begrüßen würde, wenn Poirot endlich ginge.

»Ich fürchte«, meinte Poirot, »daß Sie diese Fragen nicht schätzen.«

»Nun, wir haben eine ziemlich ausgedehnte Sitzung mit der Polizei hinter uns, und es langt mir nachgerade. Wir haben alles, was wir wissen oder gesehen haben, berichtet, und nun möchte ich die ganze Geschichte vergessen.«

»Das kann ich durchaus verstehen. Es ist höchst unangenehm, in eine solche Angelegenheit verwickelt zu sein und ausgefragt zu werden. Nicht nur nach dem, was man weiß und gesehen hat, sondern vielleicht sogar auch nach dem, was man darüber denkt.«

»Am besten, man denkt nicht darüber nach.«

»Aber läßt es sich vermeiden? Glauben Sie, zum Beispiel, daß Mrs. Clayton auch daran beteiligt war? Hatte sie mit Rich den Tod ihres Gatten geplant?« »Um Himmels willen, nein!« rief Spence schockiert. »Ich hatte keine Ahnung, daß so etwas überhaupt erwogen würde.«

»Hat Ihre Gattin nicht diese Möglichkeit angedeutet?«

»Ach, Linda! Sie kennen doch die Frauen - immer hacken sie aufeinander herum. Margharita kommt bei ihrem eigenen Geschlecht nie sehr glimpflich davon - sie ist viel zu attraktiv. Aber diese Theorie, daß Rich und Margharita einen Mord planten - nein, das ist zu phantastisch!«

»So etwas ist schon vorgekommen. Die Waffe, zum Beispiel. Es ist eine Waffe, die man eher bei einer Frau als bei einem Manne findet.«

»Soll das heißen, daß die Polizei ihr den Besitz der Waffe nachgewiesen hat? Das ist doch unmöglich! Ich meine ...«

»Ich weiß nichts«, erklärte Poirot wahrheitsgetreu und trat schleunigst den Rückzug an.

Aus der Bestürzung, die sich in Spences Zügen malte, schloß Poirot, daß er diesem Herrn gründlich zu denken gegeben hatte!

»Sie werden mir verzeihen, Monsieur Poirot, wenn ich nicht einsehe, daß Sie mir in irgendeiner Weise behilflich sein können.«

Poirot antwortete nicht, sondern blickte nachdenklich den Mann an, der des Mordes an seinem Freund, Arnold Clayton, beschuldigt wurde.

Er betrachtete das feste Kinn, den schmalen Kopf. Ein schlanker, brauner Mann, sehnig und kräftig. Geschmeidig wie ein Windhund. Ein Mann, dessen Gesicht nichts verriet und der seinen Besucher mit einem auffallenden Mangel an Herzlichkeit empfing.

»Ich verstehe durchaus, daß Mrs. Clayton Sie mit den besten Absichten zu mir geschickt hat. Aber ganz offen gestanden, war das meiner Ansicht nach ziemlich unklug von ihr. Von ihrem wie auch von meinem Standpunkt aus.«

»Inwiefern?«

Rich warf nervös einen Blick über die Schulter. Aber der anwesende Wärter stand in der vorgeschriebenen Entfernung. Rich senkte die Stimme.

»Sie müssen ein Motiv für diese lächerliche Anklage finden und werden versuchen, es so hinzustellen, als ob -eine intime Verbindung zwischen Mrs. Clayton und mir bestanden habe. Das ist, wie Ihnen Mrs. Clayton bestimmt gesagt haben wird, völlig unwahr. Wir waren gute Freunde, nichts weiter. Aber es ist doch sicherlich ratsam, daß sie keine Schritte für mich unternimmt, nicht wahr?«

Hercule Poirot ging auf diesen Punkt nicht ein. Statt dessen griff er ein Wort heraus.

»Sie sprachen von dieser >lächerlichen< Anklage. Lächerlich ist sie keineswegs, wissen Sie.«

»Ich habe Arnold Clayton nicht getötet.«

»Dann nennen Sie es eine falsche Anklage. Sagen Sie, die Anklage sei nicht wahr. Aber sie ist nicht lächerlich. Im Gegenteil, höchst plausibel. Das müssen Sie doch ganz gut wissen.«

»Ich kann Ihnen nur versichern, daß sie mir geradezu phantastisch erscheint.«

»Diese Ansicht wird Ihnen nicht viel helfen. Wir müssen uns schon etwas Nützlicheres ausdenken.«

»Ich werde durch meine Anwälte vertreten. Wie ich höre, haben diese einen hervorragenden Verteidiger beauftragt. Ich kann daher nicht Ihren Gebrauch des Wortes >wir< akzeptieren.«

Wider Erwarten lächelte Poirot.

»Aha«, sagte er. »Ein Wink mit dem Zaunpfahl. Na schön. Ich gehe. Ich wollte Sie sehen, und ich habe Sie gesehen. Auch habe ich bereits Ihre Karriere studiert. Sie haben Ihre Eignungsprüfung für Sandhurst sehr gut bestanden. Ebenso die für die Generalstabsschule. Und so weiter und so weiter. Ich habe mir heute mein eigenes Urteil über Sie gebildet. Sie sind kein dummer Mann.«

»Und was hat das mit meiner Sache zu tun?«

»Alles! Ein Mann von Ihren Fähigkeiten begeht unter keinen Umständen einen Mord in dieser Weise. Gut. Sie sind unschuldig. Nun erzählen Sie mir mal etwas von Ihrem Diener Burgess.«

»Burgess?«

»Ja. Wenn Sie Clayton nicht umgebracht haben, muß es Burgess getan haben. Eine unentrinnbare Folgerung. Aber warum? Es muß irgendein Grund vorhanden sein. Sie sind der einzige Mensch, der Burgess hinreichend kennt, um eine Vermutung anzustellen. Warum, Major Rich, warum?«

»Ich habe keine Ahnung. Kann es mir überhaupt nicht vorstellen.

Oh, ich bin denselben Gedankengängen gefolgt wie Sie. Ja, Burgess hatte Gelegenheit - als einziger außer mir. Aber ich kann es einfach nicht glauben. Burgess gehört nicht zu den Leuten, von denen man sich vorstellen kann, daß sie jemanden ermorden.«

»Wie denken Ihre Rechtsberater darüber?«

Über Richs Züge huschte ein bitterer Ausdruck.

»Meine Rechtsberater verbringen ihre Zeit damit, daß sie mich mit sanfter Überredung fragen, ob es nicht wahr sei, daß ich mein ganzes Leben lang unter vorübergehender Amnesie gelitten habe und wirklich nicht wisse, was ich in solchen Augenblicken tue!« »So schlimm steht es also«, sagte Poirot. »Na, vielleicht entdecken wir, daß es Burgess ist, der unter solchen Bewußtseinsstörungen leidet. Es ist immer eine Idee. Nun zur Waffe. Man hat sie Ihnen gezeigt und Sie gefragt, ob sie Ihnen gehört, ja?«

»Sie gehört mir nicht. Ich hatte sie nie zuvor gesehen.«

»Nein, sie gehörte Ihnen nicht. Sind Sie jedoch ganz sicher, daß Sie den Dolch nie zuvor gesehen haben?«

»Ja.« Er schien ein wenig zu zaudern. »Eigentlich ist es eine Art Ziergegenstand. Man sieht solche Dinge in Wohnungen herumliegen.«

»Vielleicht im Salon einer Dame. Vielleicht in Mrs. Claytons Salon?«

»Auf keinen Fall!«

Die Worte wurden so laut gesprochen, daß der Wärter aufblickte.

»Tres bien. Also nicht - aber deshalb brauchen Sie nicht so zu schreien. Aber irgendwo, irgendwann haben Sie tatsächlich etwas sehr Ähnliches gesehen. Nun, habe ich recht?«

»Ich glaube nicht . vielleicht . in einem Kuriositätenladen.«

»Höchstwahrscheinlich.« Poirot erhob sich. »Gestatten Sie, daß ich mich verabschiede.«

»Und jetzt«, sagte Hercule Poirot, »zu Burgess. Ja, endlich zu Burgess.«

Über die anderen in diesen Fall verwickelten Personen hatte er etwas in Erfahrung gebracht, entweder direkt oder indirekt. Doch niemand hatte ihm etwas über Burgess gesagt. Er besaß keinerlei Anhaltspunkte, keine Andeutungen, welcher Art dieser Mann war. Als er Burgess sah, wußte er auch, warum.

Der Diener, der durch einen telefonischen Anruf von Commander McLaren von Poirots Besuch unterrichtet war, erwartete ihn in Major Richs Wohnung.

»Ich bin Hercule Poirot.«

»Ja, Sir, ich habe Sie erwartet.«

Burgess hielt ehrerbietig die Tür offen, und Poirot trat ein. Burgess nahm ihm Hut und Mantel ab und führte ihn ins Wohnzimmer.

»So«, meinte Poirot, während er sich umblickte, »hier ist es also geschehen, wie?«

»Ja, Sir.«

Ein stiller Bursche, dieser Burgess, bleichgesichtig, etwas schlaksig. Unbeholfene Haltung von Schultern und Ellbogen. Eine flache Stimme mit einem provinziellen Akzent, den Poirot nicht kannte. Ein ziemlich nervöser Mann, vielleicht - sonst keine bestimmten Merkmale. Es war schwer, ihn mit einer positiven Handlung irgendwelcher Art in Verbindung zu bringen. Konnte man einen negativen Totschläger voraussetzen?

Er hatte jene hellblauen, unbeständigen Augen, die oberflächliche Beobachter oft mit Unehrlichkeit in Übereinstimmung bringen. Dabei kann ein Lügner einem oft mit kühnem, dreistem Blick ins Gesicht sehen.

»Was geschieht mit der Wohnung?« erkundigte sich Poirot.

»Ich betreue sie noch, Sir. Major Rich hat dafür gesorgt, daß mir mein Lohn weiterhin ausgezahlt wird, und er wünscht, daß ich die Wohnung in Ordnung halte, bis ... bis .«

Die Augen wanderten unbehaglich hin und her.

»Bis ...« pflichtete Poirot ihm bei. In sachlichem Ton fügte er hinzu: »Ich möchte wohl sagen, daß Major Rich fast mit Bestimmtheit dem Strafgericht überwiesen wird. Der Fall kommt wahrscheinlich innerhalb der nächsten drei Monate zur Verhandlung.«

Burgess schüttelte den Kopf, nicht ablehnend, sondern einfach verdutzt.

»Es scheint kaum möglich zu sein«, meinte er.

»Daß Major Rich ein Mörder ist?«

»Das Ganze. Die Truhe .«

Sein Blick glitt durch den Raum.

»Aha, das ist also die berühmte Truhe?«

Es war ein riesiges Möbelstück aus sehr dunklem, glänzendem Holz, mit Messing beschlagen und einem großen antiken Schloß versehen.

»Ein hübsches Stück«, meinte Poirot, während er hinüberging.

Die Truhe stand in der Nähe des Fensters an der Wand neben einem modernen Plattenschrank. Auf der anderen Seite befand sich eine halb offenstehende Tür, die zum Teil von einem großen bemalten Lederschirm verdeckt wurde.

»Diese Tür führt in Major Richs Schlafzimmer«, erklärte Burgess.

Poirot nickte, während seine Augen zur anderen Seite des Zimmers wanderten. Dort standen zwei Stereophonische Plattenspieler, jeder auf einem niedrigen Tisch, von denen Kontaktschnüre herabhingen. Bequeme Sessel und ein großer Tisch vervollständigten die Einrichtung. An den Wänden hingen japanische Holzschnitte. Es war ein schöner Raum, behaglich, aber nicht luxuriös.

Sein Blick fiel wieder auf William Burgess.

»Die Entdeckung«, sagte er freundlich, »muß ein großer Schock für Sie gewesen sein.«

»Oh, ja, Sir. Das werde ich niemals vergessen.« Der Diener wurde auf einmal beredt. Die Worte strömten von seinen Lippen. Vielleicht hatte er das Empfinden, daß er durch häufige Schilderung den Vorfall aus seiner Vorstellung tilgen könne.

»Ich war aufräumend durchs Zimmer gegangen, Sir. Gläser und so weiter. Ich hatte mich gerade gebückt, um ein paar Oliven vom Boden aufzuheben, und da sah ich es - auf dem Teppich - einen dunklen rostbraunen Fleck. Nein, der Teppich ist nicht mehr da. Er ist in der Reinigungsanstalt. Die Polizei war damit fertig. Was ist das denn mir? dachte ich und sagte halb im Scherz vor mich hin: >Es könnte beinahe Blut sein! Aber woher kommt es bloß? Was hat man vergossen?< Und dann entdeckte ich, daß es aus der Truhe gesickert war - hier an der Seite, wo ein Spalt ist. Und ich sagte, immer noch ohne mir etwas dabei zu denken: >Was mag das nur sein?< Dann hob ich den Deckel auf - so« - er machte es vor - »und da war's! Die Leiche eines Mannes, der mit angezogenen Beinen auf der Seite lag, als ob er schliefe. Und dieser ausländische Dolch stak in seinem Halse. Ich werde es nie vergessen, niemals! In meinem ganzen Leben nicht! Der Schock, wissen Sie - wo ich so etwas nicht erwartet hatte .«

Er holte tief Atem.

»Ich ließ den Deckel fallen und rannte wie besessen auf die Straße, um einen Polizisten zu holen. Glücklicherweise fand ich einen, gerade um die Ecke herum.«

Poirot betrachtete den Mann nachdenklich. Die schauspielerische Leistung - wenn es eine war - war sehr gut. Aber er fürchtete allmählich, daß es sich nicht um eine schauspielerische Leistung handelte, sondern daß sich alles genauso zugetragen hatte.

»Sie haben wohl nicht daran gedacht, zunächst einmal Major Rich zu wecken?« fragte er.

»Es ist mir überhaupt nicht eingefallen, Sir. Bei dem Schock. Ich ich wollte nur von hier fort« - er schluckte krampfhaft - »und Hilfe holen.«

Poirot nickte.

»Haben Sie sich vergegenwärtigt, daß es Mr. Clayton war?«

»Das hätte man eigentlich erwarten sollen, Sir, aber ich glaube nicht, daß es mir zunächst zum Bewußtsein kam. Sobald ich mit dem Polizisten zurückkehrte, sagte ich natürlich sofort: >Das ist ja Mr. Clayton!< Und er fragte: >Wer ist Mr. Clayton?< Und ich sagte: >Er war gestern abend hier.<«

»Aha«, sagte Poirot, »gestern abend . Können Sie sich noch erinnern, um welche Zeit Mr. Clayton hier eintraf?«

»Nicht auf die Minute, aber ich möchte sagen, so gegen ein Viertel vor acht.«

»Haben Sie ihn gut gekannt?«

»Er und Mrs. Clayton waren hier häufig zu Gast in den anderthalb Jahren, die ich hier beschäftigt war.«

»Machte er denselben Eindruck wie immer?«

»Ich glaube wohl. Ein wenig außer Atem; aber das schob ich darauf, daß er es sehr eilig hatte. Er wollte einen Zug erreichen, wie er sagte.«

»Er hatte sicher einen Koffer bei sich, da er doch nach Schottland fahren wollte.«

»Nein, Sir. Wahrscheinlich hat er ein Taxi unten gehabt.«

»War er enttäuscht, daß Major Rich nicht zu Hause war?«

»Es war ihm nicht anzumerken. Er sagte nur, er wolle ein paar Zeilen schreiben. Er kam hier ins Zimmer und ging zum Schreibtisch, während ich in die Küche zurückkehrte. Ich war mit den Sardelleneiern etwas im Rückstand. Die Küche liegt am Ende des Ganges, und dort hört man nicht viel. Ich habe nicht gehört, daß er fortging oder daß mein Herr zurückkam - und habe auch nicht darauf geachtet.«

»Und was geschah dann?«

»Major Rich rief mich. Er stand dort in der Tür und sagte, er habe die türkischen Zigaretten für Mrs. Spence vergessen. Er bat mich, eiligst welche zu besorgen. Das tat ich dann auch und legte sie hier auf den Tisch. Natürlich nahm ich auch an, daß Mr. Clayton inzwischen fortgegangen sei, um seinen Zug zu erreichen.«

»Und sonst ist niemand in die Wohnung gekommen, während Major Rich nicht zu Hause war und Sie sich in der Küche aufhielten?«

»Nein, Sir, niemand.«

»Können Sie das mit Sicherheit behaupten?«

»Wie wäre es denn möglich, Sir? Der Betreffende hätte doch klingeln müssen.«

Poirot schüttelte den Kopf. Wie wäre es auch möglich gewesen? Die Spences und McLaren und auch Mrs. Clayton konnten, das wußte er bereits, über jede Minute ihrer Zeit Rechenschaft ablegen. McLaren war mit Bekannten im Klub gewesen. Die Spences hatten vor dem Aufbruch ein paar Freunde zu einem Drink bei sich gehabt. Margharita Clayton hatte um die Zeit gerade mit einer Freundin telefoniert. Ganz abgesehen davon, daß er niemand von ihnen als Täter in Betracht zog. Um Arnold zu töten, hätten sie wohl bessere Möglichkeiten gehabt, als ihm in die Wohnung des Majors zu folgen, wo ein Diener beschäftigt war und der Hausherr jeden Augenblick zurückkehren konnte. Nein, er hatte als letzte schwache Hoffnung mit einem »mysteriösen Fremden« gerechnet! Mit jemandem aus Claytons anscheinend untadeliger Vergangenheit, der ihn auf der Straße erkannt hatte und ihm hierher gefolgt war, ihn dann mit dem Stilett erstochen, die Leiche in die Truhe gesteckt und die Flucht ergriffen hatte. Das reinste Melodrama aus einem romantischen historischen Roman ohne jede Beziehung zu Vernunft und Wahrscheinlichkeit, das aber ganz gut zu der spanischen Truhe paßte.

Er durchquerte abermals den Raum und trat an die Truhe. Er hob den Deckel, der sich leicht und geräuschlos öffnen ließ.

Mit schwacher Stimme sagte Burgess: »Sie ist gut gesäubert worden. Dafür habe ich gesorgt.«

Poirot beugte sich über die Truhe. Mit einem leisen Ausruf beugte er sich noch tiefer. Seine Finger tasteten die Innenwände ab.

»Diese Löcher hier - an der Rückwand und an einer Seite - sie sehen so aus - sie fühlen sich so an, als ob sie ganz kürzlich gemacht worden wären.«

»Löcher, Sir?« Der Diener trat erstaunt an die Truhe. »Sie sind mir noch gar nicht aufgefallen.«

»Sie springen nicht gerade ins Auge, sind aber vorhanden. Welchen Zweck haben sie wohl? Was meinen Sie?«

»Ich wüßte es wirklich nicht, Sir. Vielleicht stammen sie von einem Tier - ich meine, von irgendeinem Käfer, der Holz nagt.«

»Ein Tier?« meinte Poirot. »Das sollte mich doch wundern.«

Er begab sich wieder an das andere Ende des Zimmers.

»Als Sie mit den Zigaretten ins Zimmer kamen, waren die Möbel da irgendwie anders arrangiert? Der Tisch, die Stühle oder dergleichen?«

»Es ist merkwürdig, daß Sie das sagen, Sir ... Jetzt, wo Sie es erwähnen, fällt es mir wieder ein. Der Schirm dort, der den Zug von der Schlafzimmertür her auffängt, war ein wenig mehr nach links verschoben.«

»Etwa so?« Poirot stand plötzlich am Schirm und rückte ihn.

»Noch ein wenig mehr ... Ja, so ist's richtig.«

Der Schirm, der bis dahin die Truhe schon halb verdeckt hatte, verbarg sie nun fast vollständig. »Haben Sie sich Gedanken darüber gemacht, warum er verschoben wurde?«

»Ich habe mir nichts dabei gedacht, Sir.« Burgess fügte unsicher hinzu: »Vielleicht war der Weg ins Schlafzimmer dann nicht so behindert - falls die Damen ihre Mäntel dort ablegen wollten.«

»Vielleicht. Aber es könnte noch einen anderen Grund geben. Der Schirm verdeckt jetzt die Truhe und den Teppich bei der Truhe. Wenn Major Rich Mr. Clayton erstochen hatte, mußte das Blut durch die Ritzen der Truhe sickern. Das hätte jemand bemerken können - wie Sie am nächsten Morgen. Also wurde der Schirm verschoben.«

»Auf den Gedanken wäre ich nie gekommen, Sir.«

»Wie ist die Beleuchtung in diesem Zimmer, kräftig oder schwach?«

»Das will ich Ihnen gleich zeigen, Sir.«

Rasch zog der Diener die Vorhänge vor und knipste ein paar Lampen an, die ein weiches, mildes Licht gaben, kaum stark genug, um dabei zu lesen. Poirot warf einen Blick auf die Deckenbeleuchtung.

»Die Lampe an der Decke brannte nicht, Sir. Sie wird wenig benutzt.«

Poirot hielt in der gedämpften Beleuchtung Umschau.

Der Diener sagte:

»Ich glaube nicht, daß der Blutfleck zu sehen gewesen wäre, Sir, es ist zu trübe.«

»Ich denke, Sie haben recht. Warum ist dann nur der Schirm verschoben worden?«

Burgess erschauerte.

»Ein schrecklicher Gedanke - daß ein so netter Mann wie Major Rich eine solche Tat vollbringen konnte.«

»Sie zweifeln also nicht daran, daß er es getan hat? Warum hat er diese Tat begangen, Burgess?«

»Nun, er hat natürlich den Krieg mitgemacht. Vielleicht hatte er eine Kopfverletzung, nicht wahr? Es heißt ja, daß solche Verletzungen sich oft nach Jahren wieder bemerkbar machen. Die Menschen werden plötzlich wunderlich und wissen nicht, was sie tun. Und man sagt ja, daß sie oft auf die losgehen, die ihnen am nächsten und teuersten sind. Glauben Sie, daß es so gewesen sein könnte?«

Poirot blickte ihn an und wandte sich seufzend ab.

»Nein«, entgegnete er, »so war es nicht.«

Eine knisternde Banknote wurde mit dem Geschick eines Taschenspielers Burgess in die Hand geschoben. »Oh, vielen Dank, Sir, aber das kann ich doch nicht annehmen.«

»Sie haben mir geholfen«, erklärte Poirot, »indem Sie mir dieses Zimmer zeigten und alles, was in dem Zimmer ist. Indem Sie mir zeigten, was an jenem Abend vor sich ging. Das Unmögliche ist nie unmöglich! Denken Sie daran. Ich sprach nur von zwei Möglichkeiten - das war falsch. Es gibt eine dritte Möglichkeit.« Er blickte er noch einmal im Zimmer umher und schauderte ein wenig.

»Ziehen Sie die Vorhänge wieder auf, und lassen Sie Licht und Luft herein. Der Raum braucht das. Er bedarf einer gründlichen Reinigung. Es wird, glaube ich, noch lange dauern, bis er von dem geläutert ist, das ihn jetzt durchzieht - von dem anhaltenden Hauch des Hasses.«

Mit offenem Munde half der Diener Poirot in den Mantel und schien ganz verwirrt zu sein. Poirot, der mit Vorliebe unverständliche Äußerungen machte, ging flotten Schrittes die Treppe hinunter auf die Straße.

Sobald Poirot nach Hause kam, rief er Inspektor Miller an.

»Was ist eigentlich mit Claytons Koffer geschehen? Seine Frau sagte mir, er habe einen gepackt.«

»Er hatte ihn im Klub beim Portier abgegeben und dann wohl vergessen.«

»Was enthielt er?«

»Na, das Übliche, ein Hemd zum Wechseln und Toilettensachen.«

»Sehr gründlich.«

»Was haben Sie denn vermutet?«

Poirot ging nicht auf die Frage ein, sondern sagte:

»Was den Dolch angeht, so möchte ich Ihnen den Vorschlag machen, der Putzfrau habhaft zu werden, die Mrs. Spences Haus reinigt, und ausfindig zu machen, ob sie jemals einen solchen Gegenstand dort herumliegen sah.«

»Mrs. Spence?« Miller pfiff vor sich hin. »Wandern Ihre Gedanken etwa auch nach dieser Richtung? Den Spences ist der Dolch gezeigt worden. Sie kannten ihn nicht.«

»Fragen Sie sie noch einmal.«

»Meinen Sie etwa -«

»Und dann lassen Sie mich wissen, was sie sagen.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, was Sie entdeckt zu haben

130 glauben.«

»Lesen Sie den Othello, Miller. Studieren Sie die Charaktere in Othello. Wir haben einen davon übersehen.«

Er legte den Hörer auf. Dann wählte er Lady Chattertons Nummer, aber die Leitung war besetzt.

Ein wenig später versuchte er es noch einmal. Abermals ohne Erfolg. Er ließ seinen Diener George kommen und gab ihm den Auftrag, die Nummer so lange anzurufen, bis er eine Antwort bekäme.

Er setzte sich in einen Sessel, streifte sorgfältig seine Lackschuhe ab, streckte seine Zehen und lehnte sich zurück.

»Ich bin alt«, sagte er vor sich hin. »Ich werde leicht müde.« Sein Gesicht erhellte sich. »Aber die Gehirnzellen funktionieren noch. Zwar langsam - aber sie funktionieren. Ja, Othello. Wer hatte noch davon gesprochen? Ach ja. Mrs. Spence. Der Koffer ... der Schirm ... die Leiche, die wie ein schlafender Mann dalag. Ein raffinierter Mord. Überlegt, geplant und, wie ich glaube, mit Genuß ausgeführt!«

George meldete, daß Lady Chatterton am Apparat sei.

»Hier ist Hercule Poirot, Madame. Kann ich wohl mit Ihrem Gast sprechen?«

»Aber natürlich! Oh, Monsieur Poirot, haben Sie etwas Wundervolles geleistet?«

»Noch nicht«, erwiderte Poirot. »Aber vielleicht kommt es noch.«

Kurz darauf ließ sich Margharitas ruhige, sanfte Stimme vernehmen.

»Madame, als ich Sie fragte, ob an jenem Abend alles im Raum an seinem Platz gewesen sei, runzelten Sie die Stirn, als ob Sie sich an etwas erinnerten. Dann entfiel es Ihnen wieder. Hätte es die Stellung des Wandschirms sein können?«

»Der Wandschirm? Aber ja, natürlich. Er stand nicht an seinem gewohnten Platz.«

»Haben Sie an dem Abend getanzt?«

»Ja, eine Zeitlang.«

»Mit wem am meisten getanzt?«

»Mit Jeremy Spence. Er ist ein wundervoller Tänzer. Charles tanzt auch gut, aber nicht glänzend. Er tanzte mit Linda, und hin und wieder wechselten wir. Jock McLaren tanzt nicht. Er holte die Platten hervor, sortierte sie und legte die auf, die wir uns wünschten.«

»Und später hörten Sie ernste Musik?«

»Ja.«

Es entstand eine Pause. Dann sagte Margharita:

»Monsieur, was bedeutet dies alles? Haben Sie ... besteht irgendwelche Hoffnung?«

»Ist es Ihnen eigentlich jemals bewußt, Madame, was die Menschen Ihrer Umgebung fühlen?«

Aus ihrer Stimme klang leichte Überraschung, als sie sagte:

»Ich - glaube wohl.«

»Ich glaube nicht. Ich glaube, Sie haben nicht die leiseste Ahnung. Das ist die Tragödie Ihres Lebens. Aber die Tragödie ist für die anderen - nicht für Sie.

Heute erwähnte jemand mir gegenüber Othello. Ich fragte Sie, ob Ihr Gatte eifersüchtig sei, und Sie erwiderten, das müsse er wohl sein. Aber Sie sagten es ganz sorglos. Sie sagten es, wie Desdemona es gesagt haben würde, ohne eine Gefahr zu wittern. Desdemona erkannte ebenfalls Eifersucht, aber sie verstand sie nicht, weil sie selbst nie Eifersucht empfunden hatte oder empfinden konnte. Sie ahnte, glaubte ich, nichts von der Gewalt einer heftigen physischen Leidenschaft. Sie liebte ihren Gatten mit der romantischen Glut einer Heldenverehrung, sie liebte ihren Freund Cassio als einen nahen Gefährten . Ich glaube, sie machte die Männer verrückt, wie sie selbst einer tiefen Leidenschaft nicht fähig war . Mache ich mich Ihnen verständlich, Madame?«

Es trat eine Pause ein, und dann ertönte Margharitas Stimme - kühl, lieblich, ein wenig verwirrt:

»Ich verstehe nicht ganz, was Sie da sagen ...«

Poirot seufzte und sagte in nüchternem Ton:

»Heute abend statte ich Ihnen einen Besuch ab.«

Inspektor Miller war nicht leicht zu überreden. Aber Hercule Poirot war auch nicht leicht abzuschütteln. Knurrend streckte Inspektor Miller schließlich seine Waffen.

». obgleich ich nicht einsehe, was Lady Chatterton damit zu tun hat.«

»Eigentlich nichts. Sie hat einer Freundin einen Unterschlupf geboten, das ist alles.«

»Und die Sache mit den Spences - woher wußten Sie das eigentlich?«

»Daß das Stilett von dort kam? Nur eine Vermutung. Eine Bemerkung, die Teremy Spence machte, gab mir die Idee. Ich deutete an, daß das Stilett wohl Margharita Clayton gehörte, und er zeigte mir, daß er mit Sicherheit wußte, daß dies nicht zutraf.« Nach einer kleinen Pause fragte er: »Was haben Sie gesagt?«

»Gaben zu, daß es sehr einem Zierdolch glich, den sie einstmals besaßen. Aber er war vor einigen Wochen abhanden gekommen, und sie hatten ihn ganz vergessen. Rich hat ihn ihnen wohl entwendet.«

»Ein Mann, der gern sichergeht, dieser Mr. Jeremy Spence«, bemerkte Poirot. Dann murmelte er vor sich hin: »Vor einigen Wochen . Ja, ja, das Planen begann vor langer Zeit.«

»Hm? Wie meinten Sie?«

»Wir sind da«, sagte Poirot, als das Taxi vor Lady Chattertons Haus in Cheriton Street hielt, und entlohnte den Chauffeur.

Margharita Clayton wartete oben in ihrem Zimmer auf sie. Ihre Züge verhärteten sich, als sie Miller sah.

»Ich wußte nicht -«

»Sie wußten nicht, wer der Freund war, den ich mitzubringen beabsichtigte?«

»Inspektor Miller zählt nicht zu meinen Freunden.«

»Das hängt ganz davon ab, ob Sie Gerechtigkeit ausgeübt sehen wollen oder nicht, Mrs. Clayton. Ihr Gatte ist ermordet worden -«

»Und nun müssen wir vom Täter reden«, warf Poirot rasch ein. »Dürfen wir Platz nehmen, Madame?«

»Ich bitte Sie«, wandte sich Poirot an seine beiden Zuhörer, »mir geduldig zuzuhören. Ich glaube jetzt zu wissen, was an jenem verhängnisvollen Abend in Major Richs Wohnung geschah. Wir sind alle miteinander von einer falschen Annahme ausgegangen - von der Annahme, daß nur zwei Personen die Gelegenheit hatten, Mr. Clayton in der Truhe zu verstecken, nämlich Major Rich und William Burgess. Aber wir haben uns geirrt - es war eine dritte Person in der Wohnung, die eine ebenso gute Möglichkeit hatte.«

»Und wer war das?« fragte Miller skeptisch. »Der Liftboy?«

»Nein. Arnold Clayton.«

»Was sagen Sie da? Er hat seine eigene Leiche versteckt?«

»Natürlich nicht seinen toten, sondern seinen lebendigen Körper. Mit anderen Worten: er hat sich in der Truhe versteckt. Ein Vorkommnis, das sich im Laufe der Geschichte oft wiederholt hat. Mir kam dieser Gedanke, sobald ich sah, daß man ganz kürzlich Löcher in die Truhe gebohrt hatte. Warum war das geschehen? Nun, damit genügend Luft in der Truhe vorhanden war. Und warum war der Wandschirm an jenem Abend aus seiner üblichen Stellung verschoben? Um die Truhe vor den Personen im Raum zu verbergen, damit der versteckte Mann von Zeit zu Zeit den Deckel heben, seine verkrampften Glieder lockern und besser hören konnte, was gesagt wurde.«

»Aber warum?« fragte Margharita mit vor Staunen geweiteten Augen. »Was sollte Arnold veranlaßt haben, sich in der Truhe zu verstecken?«

»Das fragen Sie, Madame? Ihr Gatte war ein eifersüchtiger Mann. Auch war er sehr verschlossen. >Zugeknöpft<, wie Ihre Freundin, Mrs. Spence, sich ausdrückte. Seine Eifersucht wuchs und quälte ihn. Waren Sie Richs Mätresse oder nicht? Er wußte es nicht. Aber er mußte es wissen! Also - ein >Telegramm aus Schottland< das Telegramm, das nie geschickt wurde, das niemand sah. Der Koffer für eine Nacht wird gepackt und zweckdienlich im Klub vergessen. Ihr Gatte hat wahrscheinlich ausfindig gemacht, wann Rich nicht zu Hause ist, und geht um diese Zeit in die Wohnung. Dem Diener sagt er, er möchte ein paar Zeilen schreiben. Sobald er allein ist, bohrt er die Löcher in die Truhe, rückt den Wandschirm zurecht und klettert in die Truhe. An diesem Abend will er die Wahrheit erfahren. Vielleicht bleibt seine Frau zurück, wenn die anderen Gäste aufbrechen; vielleicht geht sie und kommt später wieder zurück. An diesem Abend will der verzweifelte, von Eifersucht geplagte Mann Gewißheit haben .«

»Sie wollen doch wohl nicht behaupten, daß er sich selbst erstochen hat?« Millers Stimme klang ungläubig.

»Oh, nein, jemand anders hat ihn erstochen. Jemand, der wußte, daß er sich in der Truhe versteckt hielt. Es war schon ein regelrechter Mord. Ein sorgfältig geplanter, lange erwogener Mord. Denken Sie an die anderen Charaktere in Othello. An Jago hätten wir uns erinnern sollen. Ein listiges Vergiften von Arnold Claytons Gedanken durch versteckte Andeutungen und Winke. Der ehrliche Jago, der treue Freund, der Mann, dem man immer Glauben schenkt! Arnold Clayton glaubte ihm. Arnold Clayton gestattete ihm, auf seiner Eifersucht herumzureiten und sie bis ins Maßlose zu steigern. Ist Arnold Clayton wohl selbst auf die Idee gekommen, sich in der Truhe zu verstecken? Er hat es sich vielleicht eingebildet und wahrscheinlich auch geglaubt. Und so wird die Sache in Szene gesetzt. Das vor einigen Wochen unauffällig entwendete Stilett ist griffbereit. Der Abend kommt heran. Die Lichter sind gedämpft, das Grammophon spielt, zwei Paare tanzen, der überzählige Mann macht sich am Plattenschrank zu schaffen, der dicht neben der spanischen Truhe und ihrem verhüllenden Schirm steht. Hinter den Schirm schlüpfen, den Deckel heben und zustechen - verwegen, aber ganz leicht!«

»Clayton hätte aber aufgeschrien!«

»Nicht, wenn er betäubt war«, entgegnete Poirot. »Nach Aussage des Dieners lag Clayton wie im Schlafe da. Und er war auch in einen Schlaf versetzt worden, und zwar durch den Mann, der einzig und allein in der Lage gewesen war, ihn zu betäuben. Der Mann, mit dem er im Klub zusammen ein Glas getrunken hatte.«

»Jock?« ertönte Margharitas helle Stimme in kindlicher Überraschung. »Jock? Nicht der gute alte Jock. Meine Güte, ich habe Jock mein ganzes Leben lang gekannt! Warum in aller Welt sollte Jock -«

Poirot fiel ihr heftig ins Wort.

»Warum haben zwei Italiener sich duelliert? Warum hat ein junger Mann sich erschossen? Jock McLaren ist ein verschlossener Mensch. Er hatte sich vielleicht damit abgefunden, Ihnen und Ihrem Gatten ein treuer Freund zu sein. Aber dann kommt Major Rich auch noch hinzu. Das ist zuviel! Blind vor Haß und Begierde, plant er einen fast vollkommenen Mord - einen Doppelmord, denn Rich würde mit ziemlicher Sicherheit für schuldig befunden werden. Und wenn beide Nebenbuhler - Rich und Ihr Gatte - aus dem Wege sind, dann, so nimmt er an, werden Sie sich ihm zuwenden. Und das hätten Sie vielleicht auch getan Madame - wie?«

Mit vor Entsetzen geweiteten Augen starrte sie ihn an. Fast unbewußt flüsterte sie: »Vielleicht ... Ich weiß es nicht ...«

Inspektor Miller ließ sich mit plötzlicher Autorität vernehmen. »Dies ist ja alles ganz schön und gut, Poirot. Aber doch nur eine Theorie, weiter nichts. Sie haben nicht den geringsten Beweis dafür. Wahrscheinlich ist kein wahres Wort an der Geschichte.«

»Sie stimmt von A bis Z.«

»Aber es ist kein Beweis vorhanden. Wir haben keine Veranlassung einzuschreiten.«

»Sie irren sich. Ich glaube, McLaren wird es zugeben, wenn Sie ihn vor die vollendete Tatsache stellen, das heißt, wenn Sie ihm deutlich zu verstehen geben, daß Margharita Clayton im Bilde ist.«

Poirot brach ab und setzte dann hinzu:

»Denn sobald er das weiß, hat er verloren ... Der vollkommene Mord ist vergebens gewesen.«

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