Jack Hartingon war ärgerlich. Er hatte wieder einmal zu hoch geschlagen. Jetzt stand er neben dem Ball und blickte, die Entfernung abschätzend, zum Abschlagmal zurück. Mit einem Seufzer zog er seinen metallenen Golfschläger aus dem Futteral, aber zwei weitere fehlerhafte Schläge vernichteten lediglich ein paar Löwenzahnblüten und ein Büschel Gras.
Mit fünfundzwanzig Jahren seinen Stil im Golf zu verbessern war nicht leicht, besonders dann nicht, wenn man wie er, gezwungen war, die meiste Zeit damit zu verbringen, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Fünf und einen halben Tag der Woche mußte Jack in einem düsteren Büro schmachten. Die Wochenenden aber waren einzig und allein seiner Passion gewidmet. Um jedoch auch an den Wochentagen seinem geliebten Sport frönen zu können, hatte sich Jack in einem kleinen Hotel in der Nähe des Golfplatzes von Stourton Heath eingemietet. Täglich stand er um sechs Uhr früh auf, um eine Stunde zu üben, bevor er den Zug um acht Uhr sechsundvierzig in die Stadt nehmen mußte.
Auch mit seinem Spezialschläger hatte er kein Glück. Es war zum Verzweifeln. Immer, wenn der Ball auf eine kurze Distanz geschlagen werden sollte, schoß er mindestens um das Vierfache über sein Ziel hinaus. Jack seufzte, nahm seinen Schläger fest in die Hand und gab sich selber den Befehl: »Linker Arm ganz durchgedrückt, nicht hochschauen!«
Er holte aus und hielt sofort inne, als ein schriller Schrei die Stille des Sommermorgens durchbrach. Er war wie versteinert.
»Mord!« rief es, »Hilfe, Mord!« Es war eine Frauenstimme, die schließlich in einer Art gurgelndem Seufzer erstarb.
Jack schleuderte seinen Schläger hin und rannte in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Es mußte ganz in der Nähe sein. Dieser Teil des Golfplatzes war unkultiviertes Land, und es gab hier nur wenige Häuser. Eigentlich stand nur ein einziges in der Nähe, ein kleines, malerisches Landhäuschen, das Jack schon oft wegen seiner architektonischen Feinheit aufgefallen war. Es war durch einen heidekrautbewachsenen Abhang verborgen, er umging ihn, und in weniger als einer Minute stand er vor dem kleinen verschlossenen Tor.
Im Garten stand ein Mädchen, und einen Augenblick lang glaubte Jack, daß sie um Hilfe gerufen hatte. Aber dann änderte er seine Meinung.
Sie hatte einen kleinen Korb mit Unkraut in der Hand. Offenbar hatte sie ihre Arbeit, ein großes Stiefmütterchenbeet zu jäten, gerade beendet. Ihre Augen, bemerkte Jack, waren selbst wie Stiefmütterchen, samtig, weich und dunkel und mehr violett als blau. In ihrem einfachen lila Leinenkleid sah sie selbst wie ein Stiefmütterchen aus.
Das Mädchen blickte Jack mit einem Ausdruck zwischen Verärgerung und Erstaunen an.
»Verzeihung«, sagte der junge Mann, »aber haben Sie eben geschrien?«
»Ich? Nein, wirklich nicht.«
Ihre Überraschung war so echt, daß Jack seine Frage peinlich war. Ihre Stimme war weich und klang mit einem leichten ausländischen Akzent sehr reizvoll.
»Aber Sie müssen es gehört haben!« rief er aus. »Es kam von irgendwo hier in der Nähe.«
Sie sah ihn verwundert an. »Ich habe überhaupt nichts gehört.«
Jetzt starte Jack sie an. Es war völlig unmöglich, daß sie diesen gequälten Hilferuf nicht gehört hatte. Und doch strahlte sie eine solche Ruhe aus, daß er nicht glauben konnte, daß sie ihn anlog.
»Was wurde denn gerufen?« fragte sie.
»Mord, Hilfe, Mord!«
»Mord, Hilfe, Mord«, wiederholte das Mädchen. »Jemand hat sich einen Scherz mit Ihnen erlaubt, Monsieur. Wer könnte hier schon umgebracht werden?«
Jack sah sich um. Er hatte die fixe Idee, irgendwo auf dem Gartenweg eine Leiche zu finden. Er war immer noch überzeugt davon, daß der Schrei, den er gehört hatte, echt gewesen und kein Produkt seiner Einbildung war. Er blickte zu den Fenstern des kleinen Landhauses empor. Alles schien völlig ruhig und friedlich zu sein.
»Wollen Sie vielleicht unser Haus durchsuchen?« erkundigte sich das Mädchen ironisch.
Sie war so voller Skepsis, daß Jacks Verwirrung immer größer wurde. Er wandte sich ab.
»Es tut mir leid«, sagte er. »Es muß von höher oben aus dem Wald gekommen sein.«
Er zog seine Mütze und ging. Während er über die Schulter zurückblickte, sah er, daß das Mädchen ruhig ihre Jätarbeit wieder aufgenommen hatte.
Einige Zeit durchstreifte er den Wald, aber er konnte nichts Ungewöhnliches feststellen. Trotzdem war er so sicher wie zuvor, daß er diesen Schrei vernommen hatte. Schließlich gab er seine Suche auf, eilte zurück nach Hause, um hastig sein Frühstück hinunterzustürzen und den Zug zu erwischen.
Sein Gewissen drückte ihn ein wenig, als er im Zug saß. Hätte er nicht sofort der Polizei melden müssen, was er gehört hatte? Daß er es nicht tat, war einzig und allein der Reaktion des Mädchens zuzuschreiben. Sie hatte ihn ganz sicher verdächtigt, daß er anbändeln wollte. Wahrscheinlich hätte die Polizei dasselbe vermutet. Hatte er den Schrei wirklich gehört?
Mittlerweile war er nicht mehr annähernd so sicher wie vorher. Vielleicht war es der Schrei eines Vogels gewesen, den er für eine Frauenstimme gehalten hatte? Ärgerlich verwarf er diese Annahme. Es war eine Frauenstimme gewesen, und er hatte sie gehört. Er erinnerte sich, kurz vor dem Schrei auf die Uhr geblickt zu haben. Es war fünfundzwanzig Minuten nach sieben gewesen, wenn er sich recht erinnerte. Das könnte ein brauchbarer Hinweis für die Polizei sein, falls irgend etwas entdeckt werden sollte.
Als er an diesem Abend nach Hause fuhr, studierte er die Abendzeitung sorgfältig, um zu sehen, ob irgend etwas über ein Verbrechen erwähnt war. Aber er fand nichts, und er wußte kaum, ob er darüber erleichtert oder enttäuscht sein sollte.
Der folgende Morgen war naß, so naß, daß wohl auch der fanatischste Golfspieler seinen Eifer gedämpft hätte. Jack stand in der letzten Minute auf, schlang sein Frühstück hinunter und rannte, um den Zug zu erreichen. Wiederum durchsuchte er eifrig die Zeitung. Immer noch kein Bericht über irgendeine grausige Entdeckung. Die Abendzeitung brachte auch nichts.
Komisch, sagte sich Jack. Aber das wird es sein - ein paar kleine Jungen, die im Walde gespielt haben.
Am nächsten Morgen war er schon früh draußen. Als er an dem kleinen Landhaus vorbeikam, bemerkte er mit einem Seitenblick das Mädchen, das wieder im Garten Unkraut zupfte. Offenbar eine Gewohnheit von ihr.
Er schlug seinen Ball in ihre Nähe, in der Hoffnung, daß sie ihn bemerken würde. Als er auf sein nächstes Ziel zuging, sah er auf die Uhr. »Gerade wieder fünfundzwanzig Minuten nach sieben«, murmelte er. »Ich bin gespannt ...«
Die Worte erstarben auf seinen Lippen.
Hinter ihm ertönte der gleiche Schrei, der ihn schon einmal entsetzt hatte. Eine Frauenstimme rief in schrecklicher Bedrängnis:
»Mord! Hilfe! Mord!«
Jack jagte zurück. Das Mädchen mit den Stiefmütterchenaugen stand an der Pforte. Sie hob erstaunt den Kopf, als Jack triumphierend auf sie zulief und ausrief:
»Diesmal haben Sie es aber gehört!«
Sie musterte ihn von oben bis unten, so daß Jack unbehaglich von einem Fuß auf den anderen trat. Er merkte, wie sie vor ihm zurückschreckte, und als er auf sie zuging, sah sie sich ängstlich um, als sei sie bereit, ins Haus zu rennen, um Schutz zu suchen.
Sie schüttelte ihren Kopf und starrte ihn verständnislos an.
»Ich habe überhaupt nichts gehört«, sagte sie.
Es war, als hätte sie ihm einen Schlag versetzt. Sie sagte das so überzeugend, daß er ihr glauben mußte. Trotzdem, er konnte es sich nicht eingebildet haben - es konnte nicht sein, nein, es konnte keine Einbildung sein.
Ihre Stimme klang fast ein wenig mitleidig, als sie ihn fragte:
»Sie haben einen Schock beim Bombenangriff erlitten, was?«
Nun begriff er den Ausdruck der Furcht, ihren verstohlenen Blick zum Fenster. Sie glaubte, er habe Halluzinationen.
Und dann, wie eine kalte Dusche, kam ihm der fürchterliche Gedanke: Hatte sie recht? Litt er wirklich an einer Täuschung? Entsetzt über diese Möglichkeit, drehte er sich abrupt um und stolperte ohne ein Wort der Erklärung davon. Das Mädchen schaute ihm nach, seufzte und bückte sich kopfschüttelnd, um weiterzujäten.
Jack bemühte sich, die Dinge mit sich selbst ins reine zu bringen. Wenn ich diesen verdammten Schrei wieder um fünfundzwanzig Minuten nach sieben höre, sagte er sich, steht fest, daß ich irgendeine Halluzination habe. Aber ich werde ihn nicht noch einmal hören.
Den ganzen Tag über war er nervös. Er ging frühzeitig zu Bett, entschlossen, die Sache am nächsten Morgen aufzuklären.
Es war verständlich, daß er fast die halbe Nacht wach lag und schließlich sogar noch verschlief. Es war schon zwanzig Minuten nach sieben, als er aus dem Hotel herauskam und die Abhänge hinunterrannte. Er sah ein, daß er bis fünfundzwanzig nach sieben den Platz nicht mehr erreichen konnte. Andererseits, wenn dieser Schrei tatsächlich eine Halluzination war, würde er ihn auch woanders hören. Er rannte weiter. Sein Blick klebte auf dem Ziffernblatt seiner Armbanduhr.
Fünfundzwanzig nach sieben.
Von weit her kam das Echo einer Frauenstimme. Die Worte waren nicht erkennbar, aber er war überzeugt, es war der gleiche Schrei, den er zuvor gehört hatte, und er kam aus derselben Richtung, irgendwo in der Nähe des kleinen Landhauses.
Eigenartigerweise beruhigte ihn diese Tatsache. Es könnte immerhin eine Fopperei sein. So unwahrscheinlich es schien, aber auch dieses Mädchen selbst könnte sich einen Streich mit ihm erlauben. Er richtete sich resolut auf und nahm einen Schläger aus seiner Golftasche. Er würde die ersten Löcher bis zum Landhaus spielen.
Das Mädchen war, wie gewöhnlich, im Garten. Sie sah zu ihm auf, und als er seine Mütze zog, sagte sie schüchtern:
»Guten Morgen!«
Sie erschien ihm lieblicher als je zuvor.
»Ein schöner Tag, nicht wahr?« rief Jack munter und verwünschte sich, weil ihm nichts Besseres eingefallen war.
»Ja, wirklich, sehr schön.«
»Gut für den Garten, nehme ich an.«
Das Mädchen lächelte und zeigte dabei ein faszinierendes Grübchen.
»Leider nein. Meine Blumen brauchen Regen. Sehen Sie, sie sind schon ganz vertrocknet.«
Jack faßte dies als Einladung auf und trat an die niedrige Hecke, die den Garten vom Golfplatz trennte.
»Mir scheinen sie in Ordnung«, bemerkte er unbeholfen und wand sich unter dem leicht mitleidigen Blick des Mädchens.
»Die Sonne tut gut, nicht wahr?« fragte sie. »Die Blumen kann man ja immer noch begießen, aber die Sonne gibt Kraft und erneuert die Gesundheit. Monsieur geht es heute viel besser, wie ich sehe.«
Ihr ermunternder Ton ärgerte Jack.
Verflixt, dachte er, ich glaube, sie versucht mich durch Suggestion zu kurieren.
»Ich bin völlig gesund«, sagte er irritiert.
»Dann ist es ja gut«, antwortete das Mädchen rasch und besänftigend.
Jack hatte das Ungewisse Gefühl, daß sie ihm nicht glaubte.
Er spielte noch eine Weile und eilte dann zurück zu seinem Frühstück. Während er aß, bemerkte er - und nicht zum erstenmal - den forschenden Blick eines Mannes an seinem Nebentisch. Es war ein Herr mittleren Alters mit einem kraftvollen, energischen Gesicht. Er trug einen schmalen dunklen Bart und hatte graue, durchdringende Augen. Sein sicheres Auftreten ließ darauf schließen, daß er der höheren Gesellschaftsschicht angehörte. Jack wußte, daß er Lavington hieß, und hatte vage Gerüchte über sein Ansehen als Mediziner gehört. Da Jack jedoch kein häufiger Besucher der Harley Street war, hatte ihm dieser Name wenig oder eigentlich gar nichts bedeutet.
Heute morgen spürte er die stille Beobachtung. Es erschreckte ihn ein wenig. War ihm sein Geheimnis schon deutlich ins Gesicht geschrieben, so deutlich, daß es jeder sehen konnte? Wußte dieser Mann durch seine berufliche Erfahrung, daß bei ihm irgend etwas nicht stimmte? Jack schauderte bei diesem Gedanken. War es wahr? Wurde er wirklich langsam wahnsinnig? War die ganze Sache tatsächlich eine Halluzination, oder erlaubte sich doch nur jemand einen Scherz mit ihm?
Plötzlich kam ihm eine Idee, wie er der Sache auf die Spur kommen konnte. Bisher war er auf seinen Runden immer allein gewesen. Angenommen, jemand war bei ihm? Dann mußte eines vori drei Dingen passieren: der Schrei wiederholte sich überhaupt nicht; sie könnten ihn beide hören; oder nur er allein würde ihn hören.
An diesem Abend begann er seinen Plan in die Tat umzusetzen. Lavington war der Mann, den er dazu brauchte. Eine Unterhaltung anzubahnen war nicht schwer. Es war klar, daß Jack ihn aus dem einen oder anderen Grund interessierte. So ergab es sich fast von selbst, daß sie verabredeten, am folgenden Morgen vor dem Frühstück zusammen eine Partie Golf zu spielen.
Kurz vor sieben machten sie sich auf den Weg. Es war ein herrlicher Tag, strahlend und wolkenlos, aber noch nicht zu warm. Der Doktor spielte gut, Jack jämmerlich. Er dachte nur an den Schrei. Immer wieder schielte er verstohlen auf seine Armbanduhr. Sie erreichten die siebte Markierung -zwischen dieser und dem nächsten Loch lag das Landhaus -ungefähr um zwanzig Minuten nach sieben. Das Mädchen stand, wie immer, im Garten, als sie vorbeikamen. Sie sah nicht auf.
Die beiden Golfbälle lagen im Gras, Jacks in der Nähe des Loches, der des Doktor ein wenig weiter weg.
»Das ist meiner«, sagte Lavington. »Ich glaube, ich muß etwas kräftiger zuschlagen.«
Er bückte sich und schätzte die Strecke ab. Jack starrte auf die Uhr. Es war genau fünfundzwanzig Minuten nach sieben.
Der Ball huschte über das Gras, stoppte vor dem Loch, zögerte und fiel hinein.
»Ein guter Schlag«, lobte Jack. Mit einem Seufzer der Erleichterung schob er seine Uhr am Arm hinauf. Es war nichts geschehen. Der Zauber war gebrochen.
»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, eine Minute zu warten«, sagte er, »würde ich mir gern eine Pfeife stopfen.«
Sie verweilten kurze Zeit bei der achten Markierung.
Jack füllte seine Pfeife und zündete sie mit zitternden Händen an. Eine große Last schien ihm von der Seele gefallen zu sein.
»Gott, was für ein schöner Tag!« rief er aus und genoß die Aussicht. »Machen Sie weiter, Lavington, Sie sind dran.«
Und dann hörte er es. Gerade in dem Moment, als der Doktor zuschlug. Eine Frauenstimme, schrill und gequält.
»Mord! Hilfe! Mord!«
Die Pfeife fiel Jack aus der Hand. Er schnellte in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Dann starrte er atemlos auf seinen Begleiter.
Lavington beschattete seine Augen mit der Hand und blickte auf den Rasen.
»Ein bißchen kurz«, sagte er, »aber ich glaube, er ist doch noch hineingerutscht.«
Er hatte nichts gehört!
Die Welt schien sich verkehrt um Jack zu drehen. Er wankte.
Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem kurzgeschnittenen Rasen, und Lavington beugte sich über ihn.
»So, schön ruhig bleiben, es ist ja alles gut!«
»Was habe ich getan?«
»Sie wurden ohnmächtig, junger Mann. Zumindest sah es so aus.«
»Mein Gott!« stöhnte Jack.
»Was ist los? Stimmt etwas nicht mit Ihnen?«
»Ich erzähle es Ihnen gleich, aber zuerst möchte ich Sie etwas fragen.«
Der Arzt zündete seine Pfeife an und setzte sich auf eine Bank.
»Fragen Sie alles, was Sie wollen«, sagte er tröstend.
»Sie haben mich in den letzten paar Tagen beobachtet. Warum?«
Lavington zwinkerte mit den Augen und antwortete: »Das ist eine ziemlich direkte Frage. Ich darf Sie doch anschauen.«
»Halten Sie mich nicht hin. Ich meine es ernst. Warum? Ich habe einen triftigen Grund für diese Frage.«
Lavingtons Gesicht wurde ernst.
»Ich will Ihnen ganz ehrlich antworten. Ich entdeckte an Ihnen alle Anzeichen einer akuten Belastung, unter der Sie zu leiden haben. Selbstverständlich interessierte es mich herauszufinden, wo der Grund hierfür lag.«
»Das kann ich Ihnen leicht erklären«, sagte Jack bitter. »Ich bin auf dem Weg, irrsinnig zu werden.«
Er hielt dramatisch inne, aber da sich Lavington von seiner Enthüllung weniger beeindruckt zeigte, als er es erwartet hatte, wiederholte er:
»Ich sage Ihnen, ich werde wahnsinnig!«
»Seltsam«, murmelte Lavington. »Wirklich, sehr seltsam.«
Jack fühlte etwas wie Ärger in sich hochsteigen.
»Ist das alles, was Ihnen einfällt? Ärzte sind so verdammt gefühllos!«
»Bitte, bitte, mein junger Freund, Sie irren sich. Zunächst einmal praktiziere ich nicht Medizin, obgleich ich mein Examen gemacht habe. Genau gesagt, ich bin kein Arzt, das heißt, kein Arzt für den Körper.«
Jack betrachtete ihn neugierig.
»Für den Geist?«
»Ja, ungefähr. Aber genauer gesagt, ich nenne mich einen Doktor der Seele.«
»Aha!«
»Ihrem geringschätzigen Ton entnehme ich, daß Sie damit nicht viel anzufangen wissen. Aber man muß für die Seele doch eine Bezeichnung finden, nicht wahr? Sehen Sie, junger Mann, Seele, das ist nicht nur eine von Geistlichen erfundene religiöse Bezeichnung. Wir nennen es den Geist oder das Unbewußte. Nehmen Sie jeden anderen Ausdruck, der Ihnen besser gefällt. Sie haben sich vorhin an meinen Worten gestoßen, aber ich kann Ihnen versichern, daß es mich wirklich sehr seltsam berührt hat, daß ein so ausgeglichener und normaler Mann wie Sie von sich glaubt, er werde wahnsinnig werden.«
»Ich bin schon wahnsinnig. Vollkommen verrückt, jawohl.«
»Entschuldigen Sie, wenn ich das sage, aber ich glaube Ihnen nicht.«
»Ich habe Wahnvorstellungen.«
»Nach dem Abendessen?«
»Nein, morgens.«
»Das gibt es nicht«, sagte der Arzt und zündete seine Pfeife wieder an.
»Ich sage Ihnen, ich höre Dinge, die sonst niemand hört.«
»Von tausend Menschen kann einer die Monde des Jupiter sehen. Wenn die anderen neunhundertneunundneunzig sie nicht sehen können, so ist das kein Grund, an ihrer Existenz zu zweifeln, und ganz gewiß kein Grund, den tausendsten Menschen einen Irren zu nennen.«
»Die Jupitermonde sind eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache.«
»Es ist ganz leicht möglich, daß Wahnvorstellungen von heute schon morgen als wissenschaftliche Tatsachen zu beweisen sind.«
Lavingtons bestimmte Art machte auf Jack Eindruck. Er fühlte sich gleichermaßen getröstet und aufgemuntert. Der Arzt blickte ihn eine Weile aufmerksam an. Dann nickte er.
»So ist's schon besser«, meinte er. »Das Schlimme mit euch jungen Leuten ist, daß ihr so überzeugt seid, außerhalb eurer eigenen Philosophie könne nichts existieren. Und wenn irgend etwas geschieht, das nicht in eure Anschauung paßt, gebt ihr einfach auf. Erzählen Sie mir, aus welchem Grund Sie glauben, Sie werden verrückt. Dann werden wir weitersehen.«
Ehrlich und ohne Umschweife berichtete Jack von den Ereignissen.
»Was ich nicht verstehen kann«, schloß er, »ist, daß es heute morgen um halb acht, also fünf Minuten später, kam.«
Lavington überlegte einen Moment. Dann fragte er:
»Wie spät ist es jetzt auf Ihrer Uhr?«
»Viertel vor acht«, sagte Jack.
»Dann ist es leicht zu erklären. Meine Uhr ist zwanzig vor acht. Ihre wird also fünf Minuten vorgehen. Das ist der interessanteste und wichtigste Punkt für mich. Sogar unschätzbar wichtig.«
»Wieso?«
»Nun, es sieht so aus, als ob Sie am ersten Morgen tatsächlich einen Schrei gehört hätten. Vielleicht war es ein Scherz, vielleicht auch nicht. An den folgenden Morgen suggerierten Sie sich selbst, ihn um die ganz gleiche Zeit wieder zu hören.«
»Ich bin sicher, daß ich ihn wirklich gehört habe.«
»Sie haben sich das nicht bewußt eingeredet. Aber das Unterbewußtsein spielt uns manchmal reichlich komische Streiche. Jedenfalls, diese Erklärung ist nichts wert. Wenn es ein Fall von Selbstsuggestion wäre, dann hätten Sie den Schrei genau dann gehört, als es auf Ihrer Uhr sieben Uhr fünfundzwanzig war.«
»Und nun?«
»Nun liegt es auf der Hand, daß dieser Hilferuf an einen bestimmten Platz und an eine bestimmte Zeit gebunden ist. Der Platz ist die Umgebung des Landhauses, und die Zeit ist fünfundzwanzig Minuten nach sieben.«
»Ja, aber warum sollte ausgerechnet ich derjenige sein, der ihn hört? Ich glaube nicht an Geister und dieses Spuktheater, Geisterbeschwörung und solchen Kram. Weshalb sollte gerade ich den verdammten Schrei hören?«
»Das können wir im Moment noch nicht sagen. Es ist seltsam, daß viele der besten Medien voller Skepsis stecken. Nicht die Leute, die an okkulten Phänomenen interessiert sind, haben übernatürliche Kräfte. Manche Menschen sehen und hören Dinge, die andere nicht hören. Wir wissen nicht, warum. Und von zehn wollen es neun nicht hören oder sehen und sind überzeugt, daß sie an Wahnvorstellungen leiden, genau wie Sie.
Es ist wie mit. der Elektrizität. Manche Substanzen sind gute Leiter, andere nicht, und lange wußten wir nicht weshalb, und mußten uns damit zufriedengeben, diese Tatsache zu akzeptieren. Heute wissen wir weshalb. Eines Tages werden wir auch wissen, warum Sie den Schrei hörten und das Mädchen und ich nicht.
Jedes Ding untersteht einem natürlichen Gesetz. Es gibt in Wirklichkeit nichts Übernatürliches. Diese Gesetze zu finden, die die sogenannten psychischen Phänomene beherrschen, wird eine schwere Aufgabe sein. Aber jeder kleinste Hinweis hilft.«
»Aber was soll ich machen?« fragte Jack.
Lavington schmunzelte.
»Praktisch, wie ich merke. Nun, mein junger Freund, Sie werden gehen und kräftig frühstücken. Dann werden Sie in die Stadt fahren und sich weiter den Kopf über Dinge zerbrechen, die Sie doch nicht verstehen. Ich andererseits werde ein wenig herumschnüffeln und sehen, was ich über dieses Landhaus da hinten herausfinden kann. Dort liegt das Zentrum des Geheimnisses, darauf möchte ich schwören.«
Jack erhob sich.
»Gut, Sir«, sagte er, »ich gehe. Aber ich meine ...«
»Ja?«
Jack errötete.
»Ich bin sicher, daß das Mädchen in Ordnung ist«, murmelte er.
Lavington schien sich zu amüsieren.
»Sie haben mir nicht gesagt, daß es sich um ein hübsches Mädchen handelt. Na, halten Sie die Ohren steif. Ich bin überzeugt, daß das Geheimnis schon bestand, bevor sie herkam.«
Voller Neugierde kam Jack an diesem Abend nach Hause. Er war jetzt soweit, Lavington blind zu vertrauen. Der Arzt hatte die Geschichte so natürlich aufgenommen und so realistisch behandelt, daß Jack tief beeindruckt war.
Sein neuer Freund wartete schon auf ihn in der Halle, als er zum Abendessen hinunterkam.
»Etwas Neues, Sir?« fragte Jack begierig.
»Ich habe mich ein wenig über die diversen Besitzer des Heather-Landhauses erkundigt. Zuerst war es von einem alten Gärtner und seiner Frau bewohnt. Als der Mann starb, ging die Frau zu ihrer Tochter. Dann erwarb es ein Baumeister, modernisierte es und verkaufte es an einen Herrn aus der Stadt, der es als Wochenendhaus benutzte. Ungefähr vor einem Jahr verkaufte der es an Mr. und Mrs. Turner. Das muß ein ziemlich eigenartiges Paar gewesen sein, soweit ich feststellen konnte. Er war Engländer, und seine Frau soll eine Halbrussin gewesen sein, sehr schön und sehr exotisch, wie man mir sagte. Sie lebten sehr zurückgezogen, besuchten niemanden und gingen kaum einmal in den Garten hinaus. Das Gerücht geht um, daß sie vor irgend etwas Angst hatten. Aber ich glaube, darauf sollten wir uns nicht verlassen.
Und eines Tages zogen sie ganz plötzlich aus. Sie kamen niemals wieder. Mr. Turner instruierte aus London lediglich einen Agenten, das Haus und die Möbel so schnell wie möglich zu verkaufen.
Der nächste Besitzer hieß Mr. Mauleverer. Er wohnte tatsächlich nur vierzehn Tage darin, dann inserierte er, daß das Haus möbliert zu haben sei. Die Leute, denen es jetzt gehört, sind ein schwindsüchtiger französischer Professor und seine Tochter. Sie sind erst zehn Tage dort.«
Jack hatte schweigend zugehört.
»Ich sehe nicht, wie uns das weiterbringen kann. Oder Sie?« fragte er endlich.
»Ich möchte noch mehr über die Turners wissen«, antwortete Lavington ruhig. »Sie verschwanden so sang- und klanglos, ganz frühmorgens. Soviel ich feststellen konnte, hat niemand ihr Weggehen bemerkt. Mr. Turner ist seitdem schon gesehen worden, aber ich kann niemanden finden, der Mrs. Turner je wieder gesehen hätte.«
Jack erbleichte.
»Das kann nicht sein! Sie meinen doch nicht ...«, stammelte er.
»Regen Sie sich nicht auf, junger Freund. Der Einfluß eines jeden kurz vor dem Tod, und speziell vor einem gewaltsamen Tod, auf seine Umgebung ist sehr stark. Diese Umgebung mag den Einfluß absorbiert haben, um ihn auf einen passend eingestellten Empfänger wieder auszustrahlen. In diesem Fall auf Sie.«
»Aber warum ich?« rief Jack rebellierend. »Weshalb nicht jemand anders, der etwas damit anfangen kann?«
»Sie betrachten diese Kraft als intelligent und überlegend. Sie ist blind und mechanisch. Ich glaube selbst nicht an erdgebundene Geister, die zu einem bestimmten Zweck irgendwo spuken. Aber ich habe immer und immer wieder Dinge gesehen, so daß ich kaum mehr glauben kann, daß es reiner Zufall ist. Meiner Meinung nach ist es so eine Art dunkles Umhertasten nach der Gerechtigkeit, eine unterirdische Bewegung blinder Kräfte, die immer verborgen nach dieser Richtung arbeiten.«
Er schüttelte sich, als hätte irgend etwas von ihm Besitz ergriffen. und belaste ihn, dann wandte er sich mit einem Lächeln an Jack.
»Lassen Sie uns die Geister verbannen, jedenfalls für heute abend«, schlug er vor.
Nur zu gern stimmte Jack zu, aber er hatte Mühe, damit fertig zu werden.
Während des Wochenendes stellte er selber Nachforschungen an, konnte aber nur wenig mehr als der Doktor ermitteln. Auf jeden Fall hatte er es aufgegeben, vor dem Frühstück Golf zu spielen.
Was dann passierte, kam völlig unerwartet.
Als er eines Tages zurückkam, wurde ihm mitgeteilt, daß ihn eine junge Dame sprechen wolle. Zu seiner Überraschung stellte sich heraus, daß es das Mädchen aus dem Garten war, das Stiefmütterchen-Mädchen, wie er sie in Gedanken immer genannt hatte.
Sie war sehr nervös und durcheinander.
»Ich hoffe, Sie verzeihen mir, Monsieur, daß ich einfach hierherkomme, um Sie zu sprechen. Aber ich muß Ihnen etwas erzählen. Ich ...«
Sie blickte sich unsicher um.
»Gehen wir hier hinein«, sagte Jack und führte sie in den Damensalon des Hotels, ein trostloses Zimmer in rotem Plüsch.
»Bitte setzen Sie sich doch, Miss ... Miss ...«
»Marchaud, Monsieur. Felise Marchaud.«
»Nehmen Sie bitte Platz, Mademoiselle Marchaud, und erzählen Sie mir alles.«
Gehorsam setzte sich Felise. Sie war heute in Dunkelgrün gekleidet, was ihr sehr gut stand. Mehr als je zuvor bemerkte Jack ihren Charme und ihre Schönheit. Sein Herz schlug schneller, als er sich neben sie setzte.
»Es ist so«, begann Felise. »Wir sind erst kurze Zeit hier. Aber seit unserem Einzug erzählt man uns, in unserem Haus - unserem süßen kleinen Haus - spuke es. Kein Dienstbote will bleiben. Das ist nicht so schlimm - ich kann die Hausarbeit selber machen und auch kochen.«
Engel! dachte der entflammte junge Mann. Sie ist wunderbar. Nach außen hin behielt er den Ausdruck sachlicher Aufmerksamkeit.
»Diese Reden über Geister«, fuhr Felise fort. »Ich glaube, das ist alles Unsinn - das heißt, bis vor vier Tagen. Monsieur, seit vier Nächten habe ich denselben Traum. Eine Dame steht da, sie ist schön, groß und lieblich. In ihren Händen hält sie einen blauen chinesischen Krug. Sie wirkt gequält, sehr gequält, und immer wieder hält sie mir diesen Krug entgegen, als ob sie mich anflehte, irgend etwas damit zu tun. Aber sie kann nicht sprechen, und ich weiß nicht, was sie will. Diesen Traum hatte ich die ersten beiden Nächte. Aber vorletzte Nacht kam noch etwas dazu. Die Dame und der blaue Krug verschwanden, und plötzlich hörte ich ihre Stimme. Ich weiß, es war ihre Stimme, begreifen Sie, Monsieur? Sie rief: >Mord! Hilfe! Mord!<
Ich erwachte, in Schweiß gebadet. Ich redete mir ein, es sei ein Alptraum, und die Worte, die Sie auch hörten, seien ein Zufall. Aber vergangene Nacht kam der Traum wieder. Monsieur, was ist, das? Sie haben es doch auch gehört. Was sollen wir tun?«
Felises Gesicht war verstört. Ihre schmalen Hände krampften sich zusammen, und flehentlich blickte sie auf Jack. Er heuchelte eine Unbekümmertheit, die er durchaus nicht empfand.
»Sie müssen keine Angst haben, Mademoiselle Marchaud. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, wiederholen Sie die ganze Geschichte vor Dr. Lavington, einem Freund von mir. Er wohnt auch hier.«
Felise erklärte sich einverstanden, und Jack ging, um Lavington zu suchen. Ein paar Minuten später kehrte er mit ihm zurück.
Lavington beobachtete das Mädchen genau, als Jack sie mit ihm bekannt machte. Mit ein paar tröstenden Worten gelang es ihm, sie zu beruhigen. Dann lauschte er gespannt ihrer Geschichte.
»Äußerst seltsam«, sagte er, als sie fertig war. »Haben Sie mit Ihrem Vater darüber gesprochen?«
Felise schüttelte den Kopf.
»Ich wollte ihn nicht beunruhigen. Er ist immer noch sehr krank.«
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich halte alles von ihm fern, was ihn aufregen könnte.«
»Ich verstehe«, sagte Lavington gütig. »Und ich bin froh, daß Sie zu uns gekommen sind, Mademoiselle Marchand. Hartington hier, wie Sie wissen, hatte ein Erlebnis, das Ihrem sehr ähnlich ist. Ich glaube, daß wir dem Geheimnis nun auf der Spur sind. Fällt Ihnen noch etwas ein?«
Felise machte eine rasche Bewegung.
»Natürlich! Wie dumm von mir. Es ist das Wichtigste der ganzen Geschichte. Schauen Sie, Monsieur, was ich hinter dem Küchenschrank fand.«
Sie zeigte ihnen ein schmutziges Stück Zeichenpapier, auf dem in Wasserfarben die Rohskizze einer Frau hingeworfen war. Es war nur eine Kleckserei, aber die Ähnlichkeit war deutlich. Es zeigte eine große blonde Frau mit einem fremdländischen Gesicht. Sie stand an einem Tisch, auf dem ein blauer Porzellankrug stand.
»Ich habe es erst heute morgen gefunden«, erklärte Felise. »Monsieur, das ist das Gesicht der Frau aus meinem Traum. Und es ist derselbe Krug.«
»Ungewöhnlich«, meinte Lavington. »Der Schlüssel zu diesem Geheimnis ist ganz offensichtlich der blaue Krug. Mir scheint, es ist ein chinesischer Krug, wahrscheinlich ein sehr alter. Er hat ein eigentümliches Muster.«
»Er ist chinesisch«, erklärte Jack. »Ich habe ein genau gleiches Stück in der Sammlung meines Onkels gesehen. Er ist ein leidenschaftlicher Sammler chinesischen Porzellans. Ich erinnere mich, einen solchen Krug vor nicht allzu langer Zeit gesehen zu haben.«
»Der chinesische Krug«, murmelte Lavington. Er versank ein paar Minuten in Gedanken, dann hob er plötzlich den Kopf, und ein seltsames Leuchten trat in seine Augen.
»Hartington, wie lange hat Ihr Onkel diesen Krug schon?«
»Wie lange? Das weiß ich wirklich nicht.«
»Denken Sie nach! Hat er ihn erst kürzlich gekauft?«
»Ich weiß es nicht. Ja ... ich glaube, ja! Jetzt erinnere ich mich. Ich selbst interessiere mich nicht sehr für Porzellan, aber mir ist so, als hätte er mir diesen Krug als neuesten Zugang seiner Sammlung gezeigt.«
»Ist das weniger als zwei Monate her? Die Turners haben das Heather-Landhaus vor ungefähr acht Wochen verlassen.«
»Ja, ich glaube, es war vor zwei Monaten.«
»Besucht Ihr Onkel manchmal Auktionen?«
»Er fährt von einer Auktion zur anderen.«
»Dann dürfen wir wohl mit Recht annehmen, daß er diesen Krug auf der Versteigerung der Turnerschen Sachen erstand. Ein seltsamer Zufall - oder vielleicht das, was ich das Suchen nach der blinden Gerechtigkeit nenne. Hartington, Sie müssen sofort feststellen, wo Ihr Onkel diesen Krug gekauft hat.«
Jacks Gesicht verzog sich.
»Ich fürchte, das wird nicht möglich sein. Onkel George ist nicht in England. Ich weiß nicht einmal, wohin ich ihm schreiben könnte.«
»Wie lange wird er fortbleiben?«
»Mindestens drei bis vier Wochen.«
Es entstand eine Pause. Felise blickte nervös von einem Mann zum anderen.
»Gibt es denn nichts, was wir tun können?« fragte sie mutlos.
»Ja, es gibt etwas«, antwortete Lavington in einem Ton zurückhaltender Erregung. »Es ist vielleicht ungewöhnlich, aber ich glaube, es verspricht Erfolg. Hartington, Sie müssen diesen Krug besorgen. Bringen Sie ihn hierher, und falls Mademoiselle erlaubt, werden wir einen Abend im Heather-Landhaus verbringen und den blauen Krug mitnehmen.«
Jack fühlte, wie er eine Gänsehaut bekam.
»Was glauben Sie, was passieren wird?« fragte er unruhig.
»Ich habe nicht die geringste Ahnung, aber ich glaube ehrlich daran, daß das Geheimnis gelüftet und der Geist vertrieben wird. Höchstwahrscheinlich hat der Krug einen falschen Boden, und irgend etwas ist innen versteckt. Wenn kein Phänomen erscheint, müssen wir eben unseren Scharfsinn gebrauchen.«
Felise klatschte in die Hände.
»Das ist eine wunderbare Idee!« rief sie aus.
Aus ihren Augen leuchtete Enthusiasmus. Jack war nicht annähernd so begeistert, im Gegenteil, innerlich war er sehr beunruhigt, aber nichts hätte ihn bewegen können, diese Tatsache vor Felise zuzugeben. Der Doktor tat so, als wäre sein Vorschlag die natürlichste Sache der Welt.
»Wann können Sie den Krug holen?« fragte Felise.
»Morgen«, antwortete er widerwillig.
Es war ihm nicht angenehm, aber er mußte die Sache jetzt zu Ende bringen. Bis dahin nahm er sich vor, so wenig wie möglich an den wahnsinnigen Schrei zu denken.
Am folgenden Abend ging er in das Haus seines Onkels und nahm den betreffenden Krug mit. Als er ihn wiedersah, verstärkte sich seine Gewißheit, daß er mit dem auf dem Bild identisch war. Aber so sorgfältig er ihn auch untersuchte, er fand weder einen doppelten Boden noch sonst etwas Außergewöhnliches.
Es war elf Uhr, als er mit Lavington im Heather-Landhaus ankam. Felise hatte schon auf sie gewartet und öffnete leise die Tür, noch bevor sie angeklopft hatten.
»Kommen Sie herein«, flüsterte sie. »Mein Vater schläft oben. Wir dürfen ihn nicht aufwecken. Ich habe hier drinnen für Sie Kaffee vorbereitet.«
Sie führte die beiden in ein kleines, gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer.
Als Jack den chinesischen Krug aus dem Papier wickelte, keuchte sie: »Aber ja, das ist er! Ich würde ihn überall wiedererkennen!«
Inzwischen traf Lavington seine Vorbereitungen. Er entfernte alles von einem kleinen Tisch und stellte diesen in die Mitte des Zimmers. Rundherum verteilte er drei Stühle. Auf dem Tisch stand nur noch der blaue Krug.
»Jetzt«, sagte er, »sind wir fertig.«
Sie tranken noch ihren Kaffee, dann befahl der Arzt:
»Schalten Sie das Licht aus, und setzen Sie sich an den Tisch.«
Die anderen gehorchten. Wieder kam Lavingtons Stimme aus der Dunkelheit.
»Denken Sie an nichts - oder an alles. Zwingen Sie Ihre Gedanken nicht. Es ist möglich, daß einer von uns mediale Kräfte besitzt. Wenn das so ist, wird er in Trance fallen. Denken Sie immer daran, es gibt nichts zu befürchten. Bannen Sie die Furcht aus Ihrem Herzen, und lassen Sie sich treiben . treiben .«
Seine Stimme erstarb. Von einer Minute zur anderen schien die Stille unerträglicher zu werden. Es war alles gut und schön, wenn Lavington sagte, sie sollten die Angst verscheuchen. Es war nicht Angst, was Jack fühlte - es war Panik. Und er war fest überzeugt, daß Felise genauso empfand. Plötzlich hörte er ihre Stimme, leise und entsetzt.
»Irgend etwas Schreckliches wird geschehen, ich fühle es.«
»Verscheuchen Sie die Angst«, sagte Lavington. »Wehren Sie sich nicht gegen die Kräfte, die auf Sie zukommen.«
Die Dunkelheit schien greifbar zu werden, und die Stille hatte etwas Beklemmendes. Näher und näher kam dieses undefinierbare Gefühl der Bedrohung. Jack fühlte, wie es ihm den Atem nahm, dieses unheilvolle Etwas war sehr nahe .
Dann war alles vorbei. Jack trieb einen Strom hinunter, seine Lider schlossen sich, Friede . Dunkelheit. Als er langsam wieder zu sich kam, war sein Kopf schwer wie Blei. Wo war er?
Sonnenschein . Vogelgezwitscher. Er lag da und starrte in den Himmel.
Dann fiel ihm plötzlich alles wieder ein. Die Sitzung, das kleine Zimmer, Felise und der Doktor. Was war geschehen?
Er setzte sich auf und sah sich um. Er befand sich in einem kleinen Gehölz, nicht weit von dem Landhaus. Niemand war in der Nähe. Er zog seine Uhr. Zu seinem Erstaunen zeigte sie halb ein Uhr an. Er sprang auf die Füße und rannte zu dem Landhaus hinüber. Sie mußten Angst bekommen haben. Vielleicht war er aus der Trance nicht aufgewacht, und sie hatten ihn in die frische Luft gebracht?
Er klopfte laut an die Tür des kleinen Hauses. Aber niemand antwortete, alles blieb still.
Sie müssen weggegangen sein, um Hilfe zu holen, dachte er.
Oder sonst? Jack fühlte, wie eine unergründliche Furcht sich seiner bemächtigte. Was war letzte Nacht geschehen?
So schnell wie möglich eilte er zum Hotel zurück. Er wollte gerade ins Büro, als er einen kolossalen Stoß in die Rippen bekam, der ihn fast zu Boden warf. Verärgert drehte er sich um und sah sich einem weißhaarigen älteren Herrn gegenüber, der ihn fröhlich anschnaubte:
»Hast mich nicht erwartet, mein Junge. Hast mich nicht erwartet, was?«
»Aber Onkel George! Ich dachte, du wärst meilenweit weg, irgendwo in Italien!«
»Nein, da war ich nicht. Landete gestern abend in Dover. Ich wollte mit dem Wagen in die Stadt, und auf dem Weg wollte ich dich besuchen. Und was muß ich finden? Die ganze Nacht aus gewesen, hm? Nette Sachen ...«
»Onkel George«, sagte Jack, »ich muß dir die ungewöhnlichste Geschichte der Welt erzählen. Ich wage zu behaupten, daß du sie nicht glauben wirst.«
»Ich werde mich bemühen«, lachte der alte Herr. »Schieß los, mein Junge!«
»Aber ich muß etwas essen. Ich bin am Verhungern.«
Zusammen gingen sie zum Speiseraum, und während einer appetitlichen Mahlzeit erzählte er die ganze Geschichte.
»Und Gott weiß, was aus ihnen geworden ist«, beendete er sie.
Sein Onkel schien am Rande eines Schlaganfalls zu sein.
»Der Krug!« brachte er schließlich hervor. »Der blaue Krug!«
Er brüllte: »Was ist aus dem Krug geworden?«
Jack starrte ihn entgeistert an. Während des Redestroms seines Onkels, der nun folgte, begann er zu begreifen.
»Schmelz, einzig - Edelstein meiner Sammlung - Wert mindestens zehntausend Pfund - Offerte von Hoggenheimer, dem amerikanischen Millionär - nur ein einziges Exemplar in der ganzen Welt - verdammt! Was hast du mit meinem blauen Krug gemacht?«
Jack stürzte aus dem Speisesaal. Er mußte Lavington finden. Die junge Dame im Büro blickte ihn kühl an.
»Dr. Lavington ist gestern nacht abgereist. Er hat eine Nachricht für Sie hinterlassen.« Jack riß das Kuvert auf.
»Mein lieber junger Freund! Ist der Tag des Übernatürlichen vorbei? Nicht ganz, aber Sie sind auch in einer neuen wissenschaftlichen Sprache verkohlt worden. Die besten Grüße von Felise, dem kranken Vater und mir. Wir haben zwölf Stunden Vorsprung. Das sollte ausreichen.
Immer Ihr Ambrose Lavington, Doktor der Seele.«