Greenshaws Monstrum

Die beiden Männer bogen um die Gruppe der Gebüsche.

»So, da wären wir«, erklärte Raymond West. »Hier ist es.«

Horace Bindler holte tief Atem und rief voller Anerkennung:

»Aber, mein lieber Junge, wie wundervoll!« Seine Stimme endete in einem hellen Schrei ästhetischer Verzückung und sank dann wieder zu einem Ton tiefer Ehrerbietung herab. »Es ist ja unglaublich! Geradezu unwahrscheinlich! Ein antikes Stück erster Güte.«

»Ich habe mir gleich gedacht, daß es dir gefallen würde«, sagte Raymond West voller Selbstzufriedenheit.

»Gefallen? Du meine Güte!« Horace fand keine Worte mehr. Er schnallte seine Kamera ab und machte sich ans Werk. »Dies wird zu den Juwelen meiner Sammlung gehören«, erklärte er selig. »Ich finde es wirklich ganz amüsant, eine Sammlung von Monstrositäten zu besitzen. Auf diese Idee bin ich vor sieben Jahren verfallen, als ich eines Abends in der Badewanne saß. Das letzte richtige Juwel ergatterte ich im Campo Santo in Genua. Aber ich glaube, es kann an dieses nicht heranreichen. Wie heißt es eigentlich?«

»Ich habe keine Ahnung«, erwiderte Raymond.

»Wahrscheinlich hat es aber doch einen Namen.«

»Das nehme ich stark an. Aber hier in der Gegend spricht man stets nur von Greenshaws Monstrum.«

»Ist Greenshaw der Erbauer des Hauses?«

»Ja. Er hat es um achtzehnhundertsechzig herum gebaut -als Krönung einer lokalen Karriere jener Zeit: barfüßiger Junge, der zu ungeheurem Wohlstand gelangt war. Warum er es errichtet hat, darüber gehen die Meinungen der Einheimischen auseinander. Manche behaupten, aus schierem Überfluß, andere, um seine Gläubiger zu beeindrucken. Wenn das letztere zutrifft, so haben sie sich nicht davon blenden lassen; denn er machte praktisch Bankrott.«

Horaces Kamera klickte.

»Fertig«, sagte er mit großer Befriedigung. »Erinnere mich daran, daß ich dir Nr. 310 in meiner Sammlung zeige. Ein wirklich unglaublicher marmorner Kaminsims im italienischen Stil.« Mit einem Blick auf das Haus fügte er hinzu: »Ich kann mir nicht vorstellen, wie Mr. Greenshaw sich das alles ausgeknobelt hat.«

»Es springt eigentlich in die Augen«, meinte Raymond. »Er hatte wohl die Schlösser der Loire besucht. Meinst du nicht auch? Die Türmchen sprechen dafür. Dann scheint er unglücklicherweise im Orient herumgereist zu sein. Der Einfluß der Tadsch Mahal ist unverkennbar. Der maurische Flügel gefällt mir eigentlich. Ebenso die Spuren eines venezianischen Palastes.«

»Man wunderte sich im stillen, daß er jemals einen Architekten dazu bewegen konnte, diese Pläne auszuführen.«

Raymond zuckte die Achseln.

»Da ist er wohl nicht auf Schwierigkeiten gestoßen«, meinte er.

»Der Architekt hat sich wahrscheinlich mit einem guten Lebenseinkommen zur Ruhe gesetzt, während der arme alte Greenshaw bankrott ging.«

»Könnten wir es uns wohl von der anderen Seite ansehen?« fragte Horace. »Oder wandeln wir hier auf verbotenen Pfaden?«

»Gewiß wandeln wir hier auf verbotenen Pfaden«, bestätigte Raymond. »Aber es wird wohl nicht so schlimm sein.« Er ging auf die Ecke des Hauses zu, und Horace hüpfte hinter ihm her. »Wer wohnt hier eigentlich, sag mal? Waisenkinder oder Feriengäste? Eine Schule kann es doch nicht sein. Man sieht keine Spielplätze und spürt nichts von munterem Treiben.«

»Oh, eine Greenshaw lebt hier noch«, erwiderte Raymond. »Das Haus selbst blieb bei dem Krach verschont. Der Sohn des alten Greenshaw erbte es. Er war ein ziemlicher Geizhals und hauste in einem kleinen Winkel des Hauses. Gab nie einen roten Heller aus. Hatte auch wohl keinen roten Heller zum Ausgeben. Jetzt wohnt seine Tochter hier. Eine alte Dame - sehr exzentrisch.«

Während er dies alles erzählte, gratulierte sich Raymond, daß er zwecks Unterhaltung seines Gastes an Greenshaws Monstrum gedacht hatte. Diese literarischen Kritiker beteuerten immer ihre Sehnsucht nach einem Wochenende auf dem Lande, und wenn sie ihr Ziel erreicht hatten, fanden sie es gewöhnlich äußerst langweilig. Morgen würden ja die sensationellen Sonntagszeitungen für Abwechslung sorgen, aber heute war es eben eine glückliche Idee gewesen, daß er diesen Besuch von Greenshaws Monstrum vorgeschlagen hatte, um Horace Bindlers wohlbekannte Sammlung von Monstrositäten zu bereichern.

Sie bogen um die Ecke des Hauses und kamen zu einem vernachlässigten Rasen. In einem Winkel befand sich ein großer Steingarten, und darin stand eine gebeugte Gestalt, bei deren Anblick Horace begeistert Raymonds Arm umklammerte.

»Mein lieber Junge«, rief er aus, »siehst du, was sie anhat? Ein geblümtes Kattunkleid. Wie ein Hausmädchen - als es noch Hausmädchen gab. Zu meinen kostbarsten Kindheitserinnerungen zählt der Aufenthalt in einem Landhaus, wo man des Morgens von einem richtigen Hausmädchen mit Häubchen und gestärktem Kattunkleid geweckt wurde. Ja, mein Lieber, ein regelrechtes Häubchen. Aus Musselin mit flatternden Bändern. Nein, vielleicht war es auch das Zimmermädchen, das die flatternden Bänder hatte. Jedenfalls war es aber ein richtiges Hausmädchen, und es brachte eine riesige Messingkanne mit heißem Wasser. Was für einen interessanten Tag erleben wir doch heute!«

Die Gestalt im Kattunkleid hatte sich inzwischen aufgerichtet und wandte sich mit einem Pflanzenheber in der Hand ihnen zu. Sie war eine ziemlich auffallende Persönlichkeit. Wirre graue Locken fielen ihr in dünnen Strähnen auf die Schultern, und auf ihren Kopf war ein Strohhut gestülpt, wie ihn die Pferde in Italien tragen. Das bunte Kattunkleid, das sie trug, reichte ihr fast bis zu den Knöcheln. Aus einem wettergebräunten, nicht allzu sauberen Gesicht blickten scharfe Augen sie prüfend an.

»Ich muß Sie vielmals um Entschuldigung bitten, Miss Greenshaw«, sagte Raymond West, als er auf sie zuging, »weil wir so ohne weiteres hier eingedrungen sind. Aber Mr. Horace Bindler, der bei mir zu Gast weilt ...«

Horace verbeugte sich und nahm seinen Hut ab.

». interessiert sich mächtig für - hm - alte Geschichte und - hm - schöne Bauten.«

Raymond West sprach mit der Ungezwungenheit eines bekannten Schriftstellers, der weiß, daß er eine Berühmtheit ist und sich so manches herausnehmen kann.

Miss Greenshaw blickte zu dem steinernen Ungetüm empor, das sich hinter ihr in seiner ganzen Überschwenglichkeit ausdehnte.

»Es ist auch ein schönes Haus«, sagte sie. »Mein Großvater hat es gebaut - natürlich vor meiner Zeit. Er soll gesagt haben, daß er die Einheimischen in Erstaunen setzen wolle.«

»Und das ist ihm bestimmt gelungen, Madam«, versicherte ihr Horace Bindler.

»Mr. Bindler ist der weitbekannte literarische Kritiker«, sagte Raymond West.

Miss Greenshaw hegte offensichtlich keine besondere Ehrfurcht vor literarischen Kritikern. Sie blieb unbeeindruckt.

»Ich betrachte das Haus«, fuhr sie fort, »als ein Denkmal für das Genie meines Großvaters. Törichte Menschen kommen hierher und fragen mich, warum ich es nicht verkaufe und in einer Etage lebe. Was sollte ich wohl in einer Etage anfangen? Dies ist mein Heim, und darin wohne ich. Habe immer hier gewohnt.« Sie schien über die Vergangenheit nachzugrübeln. »Wir waren zu dritt. Laura heiratete den Unterpfarrer, und Papa wollte ihr kein Geld geben mit der Begründung, daß Geistliche nicht an irdischen Gütern hängen sollten. Sie starb bei der Geburt eines Kindes, und das Kind starb auch. Nettie ist mit dem Reitlehrer davongelaufen, und Papa hat sie natürlich enterbt. Hübscher Bursche, dieser Harry Fletcher, aber ein Taugenichts. Glaube nicht, daß Nettie mit ihm glücklich war. Jedenfalls hat sie nicht lange gelebt. Sie hatten einen Sohn. Er schreibt mir manchmal, ist aber natürlich kein Greenshaw. Ich bin die letzte der Greenshaws.«

Sie richtete die gebeugten Schultern mit einem gewissen Stolz auf und schob den verwegen auf ihrem Kopfe thronenden Strohhut zurecht. Dann drehte sie sich um und sagte in scharfem Ton: »Ja, Mrs. Cresswell, was gibt's denn?«

Vom Hause her näherte sich eine Gestalt, die einen geradezu lächerlichen Gegensatz zu Miss Greenshaw darstellte. Mrs. Cresswell hatte ein wunderbar frisiertes Haupt. Ihr blaugetöntes Haar türmte sich in sorgfältig arrangierten Locken und Rollen zu einer beträchtlichen Höhe. Man hatte den Eindruck, als wolle sie als französische Marquise auf einen Maskenball gehen. Im übrigen war ihre ältliche Gestalt nicht, wie man hätte erwarten sollen, in rauschende schwarze Seide, sondern in eine der glänzenderen Abarten schwarzer Kunstseide gehüllt. Obwohl sie nicht gerade dick war, hatte sie einen gutentwickelten, üppigen Busen. Ihre Stimme war wider Erwarten tief, und sie sprach mit ausgezeichneter Diktion. Nur ein leichtes Zögern bei Wörtern, die mit einem H begannen, und die schließlich übertriebene Aussprache der Aspiraten erweckten den Verdacht, daß sie in ferner Jugendzeit vielleicht die Gewohnheit hatte, die Aspiraten fallen zu lassen.

»Der Fisch, Madam«, sagte Mrs. Cresswell. »Die Kabeljauscheibe ist nicht geschickt worden. Ich habe Alfred gebeten, sie zu holen. Aber er weigert sich.«

Miss Greenshaw brach in unerwartetes Gelächter aus.

»Weigert sich, ja?«

»Alfred ist höchst ungefällig gewesen, Madam.«

Miss Greenshaw hob zwei erdbeschmutzte Finger an die Lippen, stieß einen ohrenzerreißenden Pfiff aus und rief:

»Alfred! Alfred, komm mal her!«

Auf diese Aufforderung hin erschien an der Ecke des Hauses ein junger Mann mit einem Spaten in der Hand. Er hatte ein verwegenes, hübsches Gesicht, und als er näher kam, warf er Mrs. Cresswell einen unverkennbar bösartigen Blick zu.

»Sie haben mich gerufen, Miss?«

»Ja, Alfred. Ich höre, du hast dich geweigert, den Fisch zu holen. Wie steht es damit?«

Alfred antwortete in mürrischem Ton.

»Wenn Sie es wünschen, Miss, will ich ihn holen. Sie brauchen es nur zu sagen.«

»Ich möchte den Fisch für mein Abendessen haben.«

»In Ordnung, Miss. Ich gehe sofort.«

Er warf Mrs. Cresswell einen unverschämten Blick zu. Sie errötete und murmelte vor sich hin:

»Unerhört! Es ist unerträglich.«

»Da fällt mir gerade ein«, sagte Miss Greenshaw, »daß wir ein paar fremde Besucher eigentlich sehr gut gebrauchen können, nicht wahr, Mrs. Cresswell?«

Mrs. Cresswell blickte verdutzt drein.

»Ich verstehe nicht, Madam.«

»Sie wissen doch, wofür«, sagte Miss Greenshaw, heftig mit dem Kopfe nickend. »Der Erbe darf das Testament nicht als Zeuge unterschreiben. Das stimmt doch, nicht wahr?« Sie wandte sich an Raymond West.

»Ganz richtig«, bestätigte Raymond.

»So viel weiß ich nämlich auch von der Rechtswissenschaft«, erklärte Miss Greenshaw. »Und Sie sind beide Männer von Rang.«

Sie warf ihren Pflanzenheber in den Unkrautkorb.

»Könnten Sie bitte mit in die Bibliothek kommen?«

»Mit Vergnügen«, erklärte Horace eifrig.

Miss Greenshaw führte sie durch eine Glastür in einen riesigen in Gelb und Gold gehaltenen Salon mit verschossenem Brokat an den Wänden und Schutzhüllen

über den Möbeln, und dann durch eine große dämmerige Halle die Treppe hinauf und in ein Zimmer im ersten Stock.

»Die Bibliothek meines Großvaters«, verkündete sie stolz.

Horace blickte sich mit ausgesprochenem Vergnügen im Räume um. Von seinem Standpunkt aus gesehen, steckte er voller Monstrositäten. Die Köpfe von Sphinxen tauchten an den unwahrscheinlichsten Möbelstücken auf. Es existierte eine kolossale Bronze, die Paul und Virginia darstellte, ferner eine riesige Kaminuhr mit klassischen Motiven, die er brennend gern fotografiert hätte.

»Viele schöne Bücher«, bemerkte Miss Greenshaw.

Raymond stand bereits vor den Bücherreihen. Ein flüchtiger Blick verriet ihm schon, daß kein Buch von wirklichem Interesse dabei war, ja überhaupt kein Buch, das gelesen zu sein schien. Es waren alles prächtig gebundene Sammlungen von Klassikern, wie sie vor neunzig Jahren für die Ausstattung der Bibliothek eines Gentlemans geliefert wurden. Es waren auch einige Romane einer vergangenen Zeit darunter. Aber auch sie erweckten den Eindruck, als ob sie nicht gelesen seien.

Miss Greenshaw fummelte in den Schubladen des Schreibtisches herum und holte schließlich eine Pergamenturkunde hervor.

»Mein Testament«, erläuterte sie. »Man muß ja sein Geld irgend jemandem vermachen - so heißt es wenigstens. Wenn ich ohne Testament stürbe, fiele es an den Sohn eines Pferdehändlers. Hübscher Bursche, dieser Harry Fletcher, aber ein ausgekochter Schurke. Ich sehe nicht ein, warum sein Sohn diesen Besitz erben soll. Nein«, fuhr sie fort, gleichsam in Erwiderung auf einen unausgesprochenen Einwand, »ich habe es mir überlegt und hinterlasse Cresswell alles.«

»Ihrer Haushälterin?«

»Ja. Ich habe ihr alles auseinandergesetzt. Ich vermache ihr alles, was ich besitze, und dann brauche ich ihr keinen Lohn zu zahlen. Dadurch spare ich eine Menge laufender Ausgaben, und es spornt sie etwas an. Vor allen Dingen kann sie mir nicht kündigen und jeden Augenblick einfach davonlaufen. Sie ist sehr großspurig, nicht wahr? Aber ihr Vater war ein sehr kleiner Klempner. Sie hat also gar keine Veranlassung, sich etwas einzubilden.«

Mittlerweile hatte sie das Dokument auseinandergefaltet. Jetzt nahm sie einen Federhalter, tauchte ihn ins Tintenfaß und schrieb ihren Namen: Katherine Dorothy Greenshaw.

»So, und jetzt unterzeichnen Sie«, sagte sie, »damit es rechtskräftig wird.«

Sie reichte Raymond West den Federhalter. Raymond zögerte einen Augenblick, da er eine unerwartete Abneigung empfand, dieser Bitte zu entsprechen. Dann kritzelte er rasch den wohlbekannten Namenszug, wofür ihm der Postbote gewöhnlich mindestens ein halbes Dutzend Bittbriefe am Tag brachte.

Horace nahm den Federhalter und fügte seine winzige Unterschrift hinzu.

»Das wäre erledigt«, sagte Miss Greenshaw.

Dann ging sie zu den Bücherschränken und stand unschlüssig davor. Schließlich öffnete sie eine der Glastüren, nahm ein Buch heraus und schob das zusammengefaltete Dokument hinein.

»Ich habe meine besonderen Verstecke«, sagte sie.

»Lady Audleys Geheimnis«, bemerkte Raymond West, der den Titel sah, als sie das Buch wieder an seinen Platz stellte.

Miss Greenshaw brach erneut in Gelächter aus.

»Damals ein Bestseller«, sagte sie. »Im Gegensatz zu Ihren Büchern, wie?«

Sie gab Raymond plötzlich einen freundlichen Stups in die Rippen. Raymond war ziemlich überrascht, daß sie überhaupt wußte, daß er Bücher schrieb.

»Dürfte ich vielleicht«, fragte Horace aufgeregt, »eine Aufnahme von der Uhr machen?«

»Selbstverständlich«, sagte Miss Greenshaw. »Sie stammt, glaube ich, von der Pariser Ausstellung.«

»Sehr wahrscheinlich«, meinte Horace und knipste.

»Dieser Raum ist seit meines Großvaters Lebzeiten nicht viel benutzt worden«, sagte Miss Greenshaw. »Dieser Schreibtisch ist angefüllt mit seinen alten Tagebüchern. Sicherlich sehr interessant. Meine Augen sind leider so schlecht, daß ich sie nicht selbst lesen kann. Ich möchte sie gern veröffentlichen lassen, aber das erfordert gewiß allerlei Arbeit.«

»Dafür könnten Sie jemanden engagieren«, schlug Raymond West vor.

»Wirklich? Das wäre eine Idee. Ich werde es mir überlegen.«

Raymond West blickte auf seine Uhr.

»Wir dürfen Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen«, sagte er.

»Ich habe mich, sehr über Ihren Besuch gefreut«, sagte Miss Greenshaw huldvollst. »Zuerst hatte ich angenommen, Sie seien der Polizist, als Sie um die Ecke des Hauses kamen.«

»Weshalb gerade ein Polizist?« fragte Horace, der gern Fragen stellte.

Miss Greenshaw ging anders darauf ein, als sie erwartet hatten.

»Wenn Sie wissen wollen, was die Uhr geschlagen hat, fragen Sie einen Polizisten«, zwitscherte sie. Mit dieser Kostprobe viktorianischen Witzes stieß sie Horace in die Rippen und brach in schallendes Gelächter aus.

»Ein wunderbarer Nachmittag«, seufzte Horace auf dem Heimweg. »Das Haus besitzt wirklich alles. Das einzige, was in der Bibliothek noch fehlt, ist eine Leiche. Ich bin überzeugt, daß den Verfassern dieser uralten Detektivgeschichten, wo der Mord immer in der Bibliothek stattfand, gerade eine solche Bibliothek vor Augen schwebte.«

»Wenn du dich gern über Mord unterhalten willst«, sagte Raymond, »mußt du dich an meine Tante Jane wenden.«

»Deine Tante Jane? Meinst du etwa Miss Marple?« Horace war ein wenig verdutzt.

Die bezaubernde, ehrwürdige Dame, der er gestern abend vorgestellt worden war, schien die letzte Person zu sein, die man irgendwie mit Mord in Verbindung brachte.

»O ja«, erwiderte Raymond. »Mord ist ihre Spezialität.«

»Aber, mein lieber Junge, wie interessant! Doch was willst du eigentlich damit sagen?«

»Genau das«, entgegnete Raymond und fügte erläuternd hinzu:

»Manche begehen einen Mord, manche werden in eine Mordangelegenheit verwickelt, und anderen werden Morde aufgedrängt. Meine Tante Jane gehört zur dritten Kategorie.«

»Das soll wohl ein Scherz sein.«

»Durchaus nicht. Ich kann dich an einen früheren Kommissar von Scotland Yard, mehrere hohe Polizeibeamte des Bezirks und einige vielbeschäftigte Inspektoren des C. I. D. verweisen.«

Horace erklärte glückstrahlend, daß man aus dem Staunen überhaupt nicht mehr herauskomme. Am Teetisch erstatteten sie Raymonds Frau, Joan West, ihrer Nichte Lou Oxley und der alten Miss Marple Bericht über die Erlebnisse des Nachmittags, wobei sie alle von Miss Greenshaw gemachten Äußerungen wiederholten.

»Aber ich muß sagen«, gestand Horace, »daß das ganze Etablissement einen etwas unheimlichen Eindruck auf mich gemacht hat. Diese fürstliche Kreatur, die Haushälterin -vielleicht etwas Arsen in die Teekanne, jetzt, wo sie weiß, daß ihre Herrin ein Testament zu ihren Gunsten gemacht hat?«

»Nun verrate es uns mal, Tante Jane«, scherzte Raymond.

»Wird es einen Mord geben oder nicht? Was ist deine Ansicht?«

»Meine Ansicht ist«, erwiderte Miss Marple, während sie mit ziemlich strenger Miene ihr Wollknäuel wickelte, »daß du nicht dauernd über solche Dinge spötteln solltest, Raymond. Arsen ist natürlich durchaus möglich. Wahrscheinlich schon in Form eines Unkrautvertilgungsmittels im Geräteschuppen vorhanden.«

»Aber liebste Tante«, sagte Joan West zärtlich, »würde man nicht etwas zu leicht dahinterkommen?«

»Es ist ja ganz schön, wenn man ein Testament macht«, warf Raymond ein, »aber ich glaube nicht, daß das arme alte Geschöpf irgend etwas zu hinterlassen hat außer dem großen Kasten. Und wer hätte schon für dieses mehr kostspielige als einträgliche Haus Verwendung?«

»Womöglich eine Filmgesellschaft«, meinte Horace. »Vielleicht könnte auch ein Hotel oder ein Heim daraus gemacht werden.«

»Solche Interessenten wollen es für ein Ei und ein Butterbrot haben«, behauptete Raymond. Doch Miss Marple schüttelte den Kopf.

»Weißt du, lieber Raymond, ich kann deine Ansicht nicht teilen. Hinsichtlich des Geldes, meine ich. Der Großvater war offenbar einer jener Verschwender, die rasch zu Geld kommen, es aber nicht halten können. Er hat vielleicht, wie du sagst, kein Geld mehr gehabt, aber er war wohl kaum bankrott. Sonst hätte sein Sohn das Haus nicht behalten können. Der Sohn war aber nun, wie es so oft der Fall ist, ganz anders veranlagt als sein Vater. Er war ein Geizhals. Ein Mann, der jeden Pfennig zehnmal umdrehte, ehe er ihn ausgab. Ich möchte wohl annehmen, daß er im Laufe seines Lebens eine ganz beträchtliche Summe beiseite gelegt hat. Diese Miss Greenshaw ist offenbar genauso geartet wie ihr Vater. Auch sie gibt nicht gern etwas aus. Ich halte es daher für sehr wahrscheinlich, daß sie eine ziemliche Summe auf die hohe Kante gelegt hat.«

»Wenn die Sache so liegt«, sagte Joan West, »wie wär's dann mit Lou?«

Sie blickten alle zu Lou hinüber, die schweigsam am Feuer saß.

Lou war Joan Wests Nichte. Ihre Ehe war kürzlich, wie sie sich selbst ausdrückte, in die Brüche gegangen, und sie saß daher mit zwei kleinen Kindern und sehr wenig Geld für ihren Unterhalt da.

»Ich meine«, fuhr Joan fort, »wenn diese Miss Greenshaw wirklich jemanden sucht, der sich dieser Tagebücher annimmt und sie zur Veröffentlichung vorbereitet ...«

»Keine schlechte Idee«, meinte Raymond.

Lou sagte mit leiser Stimme: »Das ist eine Arbeit, die ich übernehmen könnte, und ich hätte Spaß daran.«

»Ich werde ihr schreiben«, erbot sich Raymond.

»Ich möchte ganz gern wissen«, äußerte sich Miss Marple nachdenklich, »was die alte Dame wohl mit der Bemerkung von dem Polizisten meinte.«

»Oh, das war sicher nur ein Scherz.«

»Diese Äußerung«, erklärte Miss Marple, während sie nachdrücklich mit dem Kopf nickte, »erinnert mich lebhaft an Mr. Naysmith.«

»Und wer war Mr. Naysmith?« erkundigte sich Raymond neugierig.

»Ein Bienenzüchter«, antwortete Miss Marple. »Auch verstand er sich sehr gut auf die Akrostichen in den Sonntagsblättern und hatte großen Spaß daran, seinen Mitmenschen aus Ulk falsche Eindrücke zu hinterlassen.«

Alle schwiegen eine Weile und dachten über Mr. Naysmith nach. Da jedoch zwischen ihm und Miss Greenshaw kein Zusammenhang zu bestehen schien, kam man zu dem Schluß, daß die liebe Tante Jane in ihrem Alter vielleicht ein ganz klein wenig faselig wurde. Horace Bindler kehrte nach London zurück, ohne weitere Monstrositäten gesammelt zu haben, und Raymond West schrieb einen Brief an Miss Greenshaw, in dem er ihr mitteilte, daß er eine Mrs. Louisa Oxley kenne, die befähigt sei, die Arbeit an den Tagebüchern aufzunehmen. Nach Ablauf einiger Tage kam ein Brief in zittriger altmodischer Handschrift, in dem Miss Greenshaw ihre Bereitwilligkeit erklärte, Mrs. Oxleys Dienste in Anspruch zu nehmen, und einen Tag festsetzte, an dem sie sich vorstellen sollte.

Lou präsentierte sich pflichtschuldigst zur angegebenen Zeit. Es wurde ein großzügiges Honorar vereinbart, und sie begann gleich am nächsten Tage mit ihrer Arbeit.

»Ich bin dir äußerst dankbar«, sagte sie zu Raymond. »Es paßt alles wunderschön. Ich kann die Kinder erst zur Schule bringen, anschließend nach Greenshaws Monstrum gehen und sie auf dem Heimweg wieder abholen. Wie phantastisch das ganze Etablissement doch ist! Die alte Dame spottet jeder Beschreibung.«

Am Abend ihres ersten Arbeitstages berichtete Lou von ihren Erlebnissen.

»Die Haushälterin habe ich kaum gesehen. Sie erschien um halb zwölf mit verächtlich gespitztem Munde und brachte mir Kaffee und Kekse, wobei sie kaum ein Wort mit mir wechselte. Ich glaube, es paßt ihr ganz und gar nicht, daß ich engagiert worden bin. Zwischen ihr und Alfred, dem Gärtner, scheint eine große Fehde zu bestehen. Er stammt aus dem Dorf und ist offenbar ziemlich faul. Die beiden reden nicht miteinander. Miss Greenshaw bemerkte in ihrer etwas erhabenen Art: >Solange ich mich entsinnen kann, bestand immer eine Fehde zwischen dem Garten- und dem Hauspersonal. Schon zu meines Großvaters Zeiten. Damals hatten wir drei Gärtner und einen Burschen im Garten und acht Mädchen im Haus, aber es gab immer Reibereien.««

Am folgenden Tage kehrte Lou mit einer anderen Neuigkeit zurück. »Stellt euch bloß vor«, sagte sie. »Heute morgen wurde ich gebeten, den Neffen anzurufen.«

»Miss Greenshaws Neffen?«

»Ja. Er ist anscheinend Schauspieler und wirkt bei einer Theatergesellschaft mit, die Sommervorstellungen in Boreham on Sea gibt. Ich rief das Theater an und ließ ihm bestellen, daß er morgen zum Lunch kommen möchte. Es war ziemlich spaßig. Die Alte wollte nicht, daß die Haushälterin etwas davon erfuhr. Ich glaube, Mrs. Cresswell hat etwas getan, worüber sie sich geärgert hat.«

»Morgen die nächste Fortsetzung dieses spannenden Romans«, murmelte Raymond.

»Ja, es ist genau wie in einem Zeitungsroman, nicht wahr? Versöhnung mit dem Neffen - Blut ist dicker als Wasser -ein neues Testament - das alte, zerstört.«

»Tante Jane, du siehst ja so ernst aus.«

»Meinst du, liebes Kind? Hast du noch etwas von dem Polizisten gehört?«

»Von einem Polizisten weiß ich nichts.«

»Jene Äußerung, die Miss Greenshaw machte, liebes Kind, muß irgendeine Bedeutung gehabt haben.«

Lou kam am nächsten Tag in heiterer Verfassung an ihrer Arbeitsstätte an. Sie schritt durch die offene Haustür - die Türen und Fenster des Hauses standen immer offen. Angst vor Einbrechern schien Miss Greenshaw nicht zu haben, und da die meisten Sachen im Hause mehrere Tonnen wogen und unverkäuflich waren, schien diese Einstellung durchaus berechtigt zu sein.

In der Einfahrt war Lou dem jungen Alfred begegnet. Als sie ihn zuerst erblickte, lehnte er an einem Baum und rauchte eine Zigarette. Doch sobald er sie sah, hatte er einen Besen ergriffen und eifrig Blätter zusammengekehrt. Ein fauler junger Mann, dachte sie, aber gut aussehend. Seine Züge erinnerten sie an jemanden. Als sie auf dem Wege nach oben zur Bibliothek durch die Halle ging, fiel ihr Blick auf das große Bild von Nathaniel Greenshaw, das über dem Kaminsims hing und ihn auf dem Gipfel viktorianischen Wohlstandes darstellte: zurückgelehnt in einem tiefen Sessel, die Hände auf der goldenen Uhrkette ruhend, die sich quer über seinen geräumigen Bauch erstreckte. Als ihr Blick hinauf zum Gesicht mit seinen feisten Wangen, den buschigen Augenbrauen und dem schwungvollen Schnurrbart wanderte, kam ihr der Gedanke, daß Nathaniel Greenshaw früher einmal ein hübscher Mann war. Vielleicht hatte er ein wenig wie Alfred ausgesehen ...

Sie ging in die Bibliothek und schloß die Tür hinter sich. Dann nahm sie die Hülle von der Schreibmaschine und holte die Tagebücher aus einer der Seitenschubladen des Schreibtisches. Durch das geöffnete Fenster sah sie Miss Greenshaw, die sich in einem gelb und braun geblümten Kattunkleid über das Steinbeet beugte und eifrig Unkraut zupfte. Während der letzten beiden Tage hatte es viel geregnet, und da war das Unkraut in die Höhe geschossen.

Lou, die in der Stadt aufgewachsen war, beschloß, daß ihr Garten - falls sie je einen haben sollte - niemals ein Steinbeet enthalten würde, das mit der Hand gejätet werden mußte. Dann machte sie sich an ihre Arbeit.

Als Mrs. Cresswell um halb zwölf mit dem Kaffee in die Bibliothek kam, war sie offenbar in sehr schlechter Laune. Sie knallte das Tablett auf den Tisch und bemerkte zu der Welt im allgemeinen:

»Gäste zum Lunch - und nichts im Hause! Ich möchte bloß wissen, wie ich das schaffen soll. Und Alfred nirgends zu sehen!«

»Er fegte Laub in der Einfahrt, als ich ankam«, wagte Lou zu bemerken.

»Das kann ich mir denken. Eine schöne, bequeme Arbeit.«

Mrs. Cresswell rauschte aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Lou schmunzelte vor sich hin und fragte sich im stillen, wie der »Neffe« wohl sein mochte.

Sie trank ihren Kaffee aus und stürzte sich wieder auf ihre Arbeit, die sie so fesselte, daß die Zeit rasch verging. Als Nathaniel Greenshaw ein Tagebuch zu führen begann, hatte er sich durchaus keine Zurückhaltung auferlegt. Während Lou eine Stelle tippte, die sich auf die persönlichen Reize einer Bardame in der benachbarten Stadt bezog, kam sie zu der Ansicht, daß noch sehr viel Redaktionsarbeit geleistet werden müsse.

Aus diesen Gedankengängen wurde sie plötzlich durch einen Schrei vom Garten her aufgeschreckt. Sie sprang auf und rannte ans offene Fenster. Miss Greenshaw kam gerade schwankend vom Steinbeet auf das Haus zu. Sie hatte die Hände an die Brust gepreßt, und zwischen ihnen ragte ein gefiederter Schaft hervor, den Lou voller Bestürzung als den Schaft eines Pfeiles erkannte.

Miss Greenshaws Kopf, auf dem der mitgenommene Strohhut thronte, sank auf die Brust herab. Mit versagender Stimme rief sie zu Lous Fenster empor:

». getroffen . er hat auf mich geschossen . mit einem Pfeil ... holen Sie Hilfe ...«

Lou stürzte zur Tür. Sie drehte den Knopf, aber die Tür ließ sich nicht öffnen. Nach einigen vergeblichen Bemühungen merkte sie, daß sie eingeschlossen war. Sie lief wieder ans Fenster zurück.

»Ich bin eingeschlossen!«

Miss Greenshaw, die Lou den Rücken zugewandt hatte, stand ein wenig schwankend auf den Füßen und rief zu dem etwas weiter gelegenen Fenster der Haushälterin hinauf:

»Rufen Sie die Polizei . telefonieren Sie .«

Wie eine Trunkene von Seite zu Seite schaukelnd, verschwand sie dann aus Lous Gesichtskreis durch die Glastür, die in den Salon führte. Einen Augenblick später vernahm Lou das Krachen von Geschirr, einen schweren Fall, dann war es still. In ihrer Phantasie malte sie sich die Szene aus. Miss Greenshaw mußte blindlings gegen einen kleinen Tisch mit einem Teeservice aus Sevresporzellan getaumelt und dann gefallen sein.

Verzweifelt hämmerte Lou an die Tür und rief aus Leibeskräften. Außen am Fenster gab es weder Ranken noch

Abflußrohre, an denen sie hatte hinunterklettern können. Nachdem sie lange vergeblich an die Tür gehämmert hatte, kehrte sie zum Fenster zurück und sah, wie der Kopf der Haushälterin am Fenster ihres Wohnzimmers erschien.

»Kommen Sie doch bitte, Mrs. Oxley, und lassen Sie mich heraus. Ich bin eingeschlossen.«

»Ich auch.«

»Du liebe Güte, ist das nicht schrecklich? Ich habe die Polizei angerufen. In diesem Zimmer ist nämlich ein Telefonanschluß. Aber ich kann ganz und gar nicht verstehen, Mrs. Oxley, warum wir eingeschlossen sind. Ich habe überhaupt nicht gehört, wie der Schlüssel umgedreht wurde. Sie etwa?«

»Nein. Ich habe auch nichts gehört. Lieber Himmel, was sollen wir bloß machen? Vielleicht könnte Alfred uns hören.« Lou rief aus voller Kehle: »Alfred, Alfred!«

»Ist wahrscheinlich zum Essen gegangen. Wie spät ist es denn?«

Lou blickte auf ihre Uhr.

»Fünfundzwanzig nach zwölf.«

»Er soll eigentlich erst um halb eins gehen. Aber sobald er kann, schleicht er sich früher davon.«

»Glauben Sie - glauben Sie ...«

Lou wollte fragen: Glauben Sie, daß sie tot ist? Aber die Worte blieben ihr im Halse stecken.

Es blieb nichts anderes übrig, als zu warten, und sie setzte sich auf die Fensterbank. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die behelmte Gestalt eines Schutzmannes um die Ecke des Hauses bog. Lou lehnte sich aus dem Fenster, und er blickte zu ihr auf, wobei er die Augen mit der Hand beschattete. Als er sprach, klang seine Stimme sehr vorwurfsvoll.

»Was geht denn hier vor sich?« fragte er.

Von ihren verschiedenen Fenstern aus überschütteten ihn Lou und Mrs. Cresswell mit einer Flut aufgeregter Informationen.

Der Schutzmann holte ein Notizbuch und einen Bleistift hervor.

»Und Sie, meine Damen, rannten also nach oben und schlossen sich ein? Wollen Sie mir bitte Ihre Namen nennen?«

»Nein. Jemand anders hat uns eingeschlossen. Kommen Sie endlich, und lassen Sie uns hinaus.«

Tadelnd entgegnete der Schutzmann:

»Alles zu seiner Zeit.« Damit verschwand er durch die Glastür.

Wieder schien eine Ewigkeit zu vergehen. Dann hörte Lou das Geräusch eines nahenden Wagens, und nach einem gewissen Zeitraum, der Lou wie eine Stunde vorkam, in Wirklichkeit aber nur drei Minuten umfaßte, wurden zuerst Mrs. Cresswell und dann Lou von einem Polizeiwachtmeister befreit, der etwas besser auf dem Posten zu sein schien als der ursprüngliche Schutzmann.

»Miss Greenshaw?« Lous Stimme stockte. »Was - was ist eigentlich geschehen?«

Der Wachtmeister räusperte sich.

»Es tut mir leid«, sagte er, »Ihnen mitteilen zu müssen, Madam, Miss Greenshaw ist tot.«

»Ermordet«, fügte Mrs. Cresswell hinzu.

Der Wachtmeister bemerkte zweifelnd:

»Könnte auch ein Unglücksfall sein - vielleicht haben ein paar Buben mit Pfeil und Bogen geschossen.«

Wieder hörte man, wie ein Wagen ankam..

»Das wird der Polizeiarzt sein«, meinte der Wachtmeister

195 und begab sich nach unten.

Aber es war nicht der Polizeiarzt. Als Lou und Mrs. Cresswell die Treppe hinunterstiegen, trat ein junger Mann zögernd durch die Haustür und blieb, mit etwas verwirrter Miene Umschau haltend, stehen.

Dann fragte er mit angenehmer Stimme, die Lou irgendwie bekannt vorkam - vielleicht ähnelte sie Miss Greenshaws Stimme -:

»Entschuldigen Sie bitte, wohnt hier - hm - Miss Greenshaw?«

»Dürfte ich um Ihren Namen bitten«, sagte der Wachtmeister, der auf ihn zutrat.

»Fletcher«, erwiderte der junge Mann. »Nat Fletcher. Ich bin Miss Greenshaws Neffe.«

»Tja, Sir, es tut mir sehr leid -«

»Ist etwas passiert?« fragte Nat Fletcher.

»Es hat sich ein - Unglücksfall ereignet. Ihre Tante wurde von einem Pfeil getroffen - er hat die Schlagader durchdrungen ...«

Mrs. Cresswell sprach hysterisch und ohne ihre übliche Affektiertheit: »Ihre Tante ist ermordet worden. Das ist es, was passiert ist. Ihre Tante ist ermordet.«

Inspektor Welch zog seinen Stuhl etwas näher an den Tisch und ließ seinen Blick der Reihe nach über die vier Anwesenden im Zimmer wandern. Es war der Abend desselben Tages. Er hatte bei den Wests vorgesprochen, um sich noch einmal Lou Oxleys Aussage wiederholen zu lassen.

»Sind Sie ganz sicher, daß sie rief: >Getroffen - er hat auf mich geschossen - mit einem Pfeil - holen Sie Hilfe <?«

Lou nickte.

»Und die Zeit?«

»Ich sah ein paar Minuten später auf meine Uhr, da war es zwölf Uhr fünfundzwanzig.«

»Geht Ihre Uhr genau?«

»Ich habe auch auf die Kaminuhr gesehen.«

Der Inspektor wandte sich an Raymond West.

»Ungefähr vor einer Woche haben Sie, Sir, und ein gewisser Mr. Horace Bindler offenbar Miss Greenshaws Testament als Zeugen unterschrieben. Stimmt's?«

In kurzen Umrissen schilderte Raymond die Ereignisse jenes Nachmittags, an dem er und Horace Bindler Greenshaws Monstrum einen Besuch abgestattet hatten.

»Diese Aussage mag von großer Wichtigkeit sein«, sagte Welch.

»Miss Greenshaw hat Ihnen also deutlich gesagt, daß sie ein Testament zugunsten der Haushälterin, Mrs. Cresswell, gemacht habe und Mrs. Cresswell keinen Lohn zahle im Hinblick auf das Erbe, das sie bei ihrem Tode zu erwarten habe?«

»Ja, das hat sie mir gesagt.«

»Sind Sie der Ansicht, daß Mrs. Cresswell definitiv darüber Bescheid wußte?«

»Das möchte ich ohne weiteres behaupten. Miss Greenshaw machte in Gegenwart von Mrs. Cresswell eine Anspielung darauf, daß Erben das Testament nicht als Zeugen unterschreiben könnten, und Mrs. Cresswell verstand offensichtlich, was damit gemeint war. Außerdem erwähnte Miss Greenshaw mir gegenüber, daß sie die Sache so mit Mrs. Cresswell arrangiert habe.«

»Mrs. Cresswell hatte also allen Grund zu der Annahme,

daß sie durch Miss Greenshaws Tod profitieren würde. Das Motiv in ihrem Fall ist deutlich genug, und sie würde wohl unsere Hauptverdachtsperson sein, wenn sie nicht, ebenso wie Mrs. Oxley, fest in ihrem Zimmer eingeschlossen gewesen wäre und Miss Greenshaw nicht definitiv gesagt hätte, ein Mann habe auf sie geschossen.«

»War sie bestimmt in ihrem Zimmer eingeschlossen?«

»Ja. Wachtmeister Cayley hat sie herausgelassen. Es ist ein großes altmodisches Schloß mit einem großen altmodischen Schlüssel. Der Schlüssel steckte im Schloß, und es ist ganz unmöglich, daß er von innen hätte umgedreht werden können oder ähnliche Mätzchen. Nein, Sie dürfen sich darauf verlassen, daß Mrs. Cresswell in dem Zimmer eingeschlossen war und nicht heraus konnte. Auch waren weder Bogen noch Pfeile im Zimmer vorhanden, ganz abgesehen davon, daß Miss Greenshaw überhaupt nicht von einem Fenster aus getroffen werden konnte. Der Winkel stimmt nicht. Nein, Mrs. Cresswell kommt nicht in Betracht.«

Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »War Miss Greenshaw Ihrer Meinung nach zu Schabernack aufgelegt?«

Miss Marple in ihrer Ecke wurde hellhörig.

»Dann war das Testament doch nicht zu Mrs. Cresswells Gunsten, wie?« fragte sie.

Inspektor Welch warf ihr einen höchst erstaunten Blick zu.

»Das haben Sie sehr klug erraten, Madam«, sagte er. »Nein. Mrs. Cresswell ist nicht zur Erbin ernannt.«

»Genau wie Mr. Naysmith«, meinte Miss Marple und nickte vor sich hin. »Miss Greenshaw vertraute Mrs. Cresswell an, daß sie ihr alles hinterlassen würde, und drückte sich auf diese Weise davor, ihr den Lohn auszuzahlen. Und dann vermachte sie ihr Geld einem anderen. Zweifellos war sie sehr mit sich zufrieden. Kein Wunder, daß sie sich eins ins Fäustchen lachte, als sie das Testament in Lady Audleys Geheimnis versteckte.«

»Ein Glück, daß Mrs. Oxley uns darüber Auskunft geben konnte«, meinte der Inspektor. »Sonst hätten wir recht lange danach suchen können.«

»Ein viktorianischer Sinn für Humor«, murmelte Raymond West.

»Dann hat sie also letzten Endes doch ihrem Neffen alles vermacht.«

Der Inspektor schüttelte den Kopf.

»Nein«, erwiderte er. »Nat Fletcher ist nicht der Erbe. Es geht das Gerücht um - ich bin natürlich hier fremd und bekomme allen Tratsch aus zweiter Hand - wie gesagt, es heißt, daß in den alten Tagen Miss Greenshaw ebenfalls in den hübschen jungen Reitlehrer verliebt war. Aber die Schwester zog mit dem Preis von dannen. Nein, sie hat ihrem Neffen nichts hinterlassen.« Er hielt inne und rieb sich das Kinn. »Alfred ist der lachende Erbe«, schloß er.

»Alfred - der Gärtner?« kam es überrascht von Joans Lippen.

»Ja, Mrs. West. Alfred Pollock.«

»Warum aber nur?« rief Lou.

Miss Marple räusperte sich und murmelte:

»Vielleicht irre ich mich, aber ich könnte mir vorstellen, daß da sogenannte Familiengründe mitgespielt haben.«

»So könnte man es bezeichnen«, pflichtete ihr der Inspektor bei.

»Es ist anscheinend im ganzen Dorf bekannt, daß Thomas Pollock, Alfreds Großvater, ein außereheliches Produkt des alten Mr. Greenshaw war.«

»Aber natürlich«, rief Lou, »die Ähnlichkeit! Die habe ich heute morgen festgestellt.«

Sie erinnerte sich daran, wie sie nach der Begegnung mit Alfred ins Haus gekommen war und das Porträt des alten Greenshaw betrachtet hatte.

»Wahrscheinlich nahm sie an«, ließ sich Miss Marple hören, »daß Alfred Pollock stolz auf das Haus sein würde, und vielleicht sogar darin wohnen möchte, während ihr Neffe fast mit Sicherheit kein Interesse daran haben und es so rasch wie möglich verkaufen würde. Er ist Schauspieler, nicht wahr? In was für einem Stück tritt er eigentlich im Augenblick auf?«

Immer müssen sie vom Thema abschweifen, diese alten Damen, dachte Inspektor Welch, aber er beantwortete höflich ihre Frage.

»Ich glaube, Madam, sie führen in dieser Saison James Barries Stücke auf.«

»Barrie«, wiederholte Miss Marple nachdenklich.

»Was jede Frau weiß«, sagte Inspektor Welch und errötete dann.

»Name eines Stückes«, fügte er rasch hinzu. »Ich selbst gehe nicht viel ins Theater, aber meine Frau hat es sich in der letzten Woche angesehen. Gut gespielt, meinte sie.«

»Barrie hat sehr reizende Stücke geschrieben«, bemerkte Miss Marple. »Ich muß allerdings gestehen, als ich mir zuerst mit einem alten Freunde, General Easterly, Barries Little Mary ansah, wußten wir alle beide vor Verlegenheit nicht, was wir anfangen sollten.«

Der Inspektor, der das Stück Little Mary nicht kannte, war völlig verdutzt, und Miss Marple erklärte:

»Als ich ein junges Mädchen war, Inspektor, hat niemand das Wort >Leib< in den Mund genommen.«

Der Inspektor schien noch ratloser als zuvor, während Miss Marple einige Titel vor sich hinmurmelte.

»The Admirable Crichton. Sehr geistreich. Mary Rose -ein reizendes Stück. Ich habe dabei geweint, das weiß ich noch. Quality Street - davon war ich nicht sehr erbaut. Dann gab es noch A Kiss for Cinderella. Oh, natürlich.«

Inspektor Welch war nicht geneigt, seine Zeit mit Theaterdiskussionen zu verschwenden, und kehrte zur Sache zurück.

»Eine Frage müssen wir uns stellen«, meinte er. »Wußte Alfred Pollock, daß die alte Dame ein Testament zu seinen Gunsten gemacht hatte? Hatte sie es ihm gesagt?« Dann fügte er hinzu: »Drüben in Boreham Lovell gibt es nämlich einen Bogenschützenklub, und Alfred Pollock ist Mitglied. Er ist sogar ein guter Schütze.«

»Ist dann nicht alles ganz klar?« fragte Raymond West. »Es würde auch mit den verschlossenen Türen übereinstimmen; denn er wußte ja, wo die Damen sich im Hause aufhielten.«

Der Inspektor blickte ihn an und sagte mit tiefer Melancholie: »Er hat ein Alibi.«

»Ich meine immer, Alibis sind entschieden verdächtig.«

»Vielleicht Sir«, sagte Inspektor Welch. »Aber Sie sprechen als Schriftsteller.«

»Ich schreibe keine Detektivromane«, erklärte Raymond West, ganz entsetzt über den bloßen Gedanken.

»Man kann leicht sagen, daß Alibis verdächtig seien«, meinte Inspektor Welch. »Aber unglücklicherweise müssen wir uns an Tatsachen halten.« Seufzend fuhr er fort:

»Wir haben drei gute Verdachtspersonen. Drei Menschen, die zufällig um die Zeit nicht weit vom Tatort entfernt waren. Doch seltsamerweise hat es den Anschein, als ob niemand von diesen dreien der Täter sein könnte. Über die Haushälterin habe ich schon gesprochen. Der Neffe, Nat Fletcher, war zu der Zeit, als Miss Greenshaw von dem Pfeil getroffen wurde, ein paar Kilometer entfernt bei einer Garage, wo er tankte und sich nach dem Weg erkundigte. Und was Alfred Pollock angeht, so wollen sechs Personen beschwören, daß er um zwanzig Minuten nach zwölf das Gasthaus >Hund und Ente< betreten und sich dort eine Stunde bei seinem üblichen, aus Käse, Brot und Bier bestehenden Lunch aufgehalten hat.«

»Das hat er wohl absichtlich getan, um sich ein Alibi zu beschaffen«, sagte Raymond West hoffnungsvoll.

»Vielleicht«, meinte Inspektor Welch. »Aber wie dem auch sei, er hat es sich jedenfalls beschafft.«

Es folgte ein längeres Schweigen. Dann wandte sich Raymond an Miss Marple, die kerzengerade und nachdenklich in ihrer Ecke saß.

»Nun liegt's an dir, Tante Jane«, meinte er. »Der Inspektor, der Wachtmeister, Joan, Lou und ich - wir stehen alle vor einem Rätsel. Aber in deinen Augen, Tante Jane, ist doch alles kristallklar. Habe ich nicht recht?«

»Das möchte ich nicht behaupten«, erwiderte Miss Marple, »nicht gerade kristallklar, und ein Mord, lieber Raymond, ist kein Zeitvertreib. Ich glaube nicht, daß die arme Miss Greenshaw gern sterben wollte, und es war ein äußerst brutaler Mord. Sehr gut geplant und durchaus kaltblütig. So etwas zieht man nicht ins Lächerliche.«

»Ich bitte vielmals um Verzeihung«, sagte Raymond beschämt.

»In Wirklichkeit bin ich nicht so abgebrüht. Man scherzt manchmal, um das Grauen zu mildern.«

»Da ist, glaube ich, die moderne Tendenz«, sagte Miss Marple.

»Alle diese Kriege, und die Witze bei Beerdigungen. Ja, es war vielleicht gedankenlos von mir zu sagen, du seiest gefühllos.«

»Es ist ja auch nicht so«, warf Joan ein, »als hätten wir Miss Greenshaw gut gekannt.«

»Das ist sehr richtig«, gab Miss Marple zu. »Du, liebe Joan, hast sie überhaupt nicht gekannt. Ich ebenfalls nicht. Raymond hat aus einer kurzen Unterhaltung einen flüchtigen Eindruck von ihr gewonnen, und Lou hat sie zwei Tage lang gekannt.«

»Komm, Tante Jane, verrate uns nun endlich deine Ansichten. Sie haben doch hoffentlich nichts dagegen. Inspektor?«

»Nicht das geringste«, entgegnete der Inspektor höflich.

»Nun, lieber Raymond, es hat ja so den Anschein, als hätten wir drei Personen, die ein Motiv für den Mord an der alten Dame hatten oder zu haben glaubten. Und drei einfache Gründe, warum niemand von ihnen es getan haben konnte. Die Haushälterin scheidet aus, weil sie in ihrem Zimmer eingeschlossen war und Miss Greenshaw deutlich erklärt hatte, daß ein Mann auf sie geschossen habe. Der Gärtner, weil er sich zur Zeit des Mordes im Gasthaus >Hund und Ente< aufhielt. Und der Neffe, weil er um diese Zeit mit seinem Wagen noch etwas weiter vom Tatort entfernt war.«

»Sehr klar ausgedrückt, Madame«, lobte der Inspektor.

»Und da es sehr unwahrscheinlich ist, daß ein Außenstehender die Tat begangen hat, wo stehen wir da eigentlich?«

»Das möchte der Inspektor auch gern wissen«, bemerkte Raymond West.

»Man betrachtet eine Sache oft von der falschen Seite. Wenn sich nun am Alibi dieser Personen nichts ändern läßt, könnten wir dann vielleicht die Zeit des Mordes verlegen?«

»Du meinst, daß weder die Kaminuhr noch meine Armbanduhr richtig gingen?« fragte Lou.

»Nein, liebes Kind, das habe ich ganz und gar nicht gemeint. Ich wollte damit sagen, daß der Mord nicht um die Zeit erfolgte, als du es annahmst.«

»Aber ich habe es doch mit eigenen Augen gesehen«, rief Lou.

»Nun, liebes Kind, ich habe mir schon überlegt, ob es nicht beabsichtigt war, daß du es sehen solltest. Ich habe mich gefragt, ob das nicht der eigentliche Grund war, warum du für diese Arbeit engagiert worden bist.«

»Was soll das heißen, Tante Jane? Ich verstehe dich nicht.«

»Nun, das Ganze erscheint etwas merkwürdig. Miss Greenshaw gab bekanntlich nicht gern Geld aus, und doch engagierte sie dich und ging bereitwillig auf deine Gehaltsforderungen ein. Es kommt mir so vor, als habe man beabsichtigt, daß du dich da oben im obersten Stock in der Bibliothek aufhalten und aus dem Fenster sehen solltest, damit du - eine Außenstehende von untadeliger Zuverlässigkeit - bezeugen konntest, daß der Mord zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Platz verübt wurde.«

»Aber du willst doch wohl nicht behaupten«, meinte Lou ungläubig, »daß Miss Greenshaw sich ermorden lassen wollte?«

»Ich will damit nur sagen, liebes Kind, daß du Miss Greenshaw eigentlich gar nicht gekannt hast. Es besteht durchaus kein Grund, warum die Miss Greenshaw, die du gesehen hast, als du dich vorstelltest, dieselbe Miss Greenshaw sein sollte, mit der Raymond sich ein paar Tage vorher unterhalten hat, nicht wahr? Jaja, ich weiß«, fuhr sie rasch fort, um Lous Einwand zuvorzukommen, »sie trug das altmodische Kattunkleid und den seltsamen Strohhut und hatte wirres Haar. Sie entsprach genau der Beschreibung, die Raymond uns am letzten Wochenende gab. Aber diese beiden Frauen waren sich in Alter, Größe und Figur ziemlich ähnlich. Ich meine die Haushälterin und Miss Greenshaw.«

»Aber die Haushälterin ist dick!« protestierte Lou. »Sie hat einen gewaltigen Busen.«

Miss Marple räusperte sich.

»Aber mein liebes Kind, heutzutage kann man doch sicherlich ... Ich meine, ich habe - hm - sie schon selbst schamlos in Schaufenstern ausgestellt gesehen. Es ist für jede Frau sehr leicht, einen - eine Büste in jeder Größe und Ausdehnung zu haben.«

»Worauf willst du eigentlich hinaus?« erkundigte sich Raymond.

»Nun, in den zwei oder drei Tagen, als Lou dort arbeitete, hätte meines Erachtens eine Frau gut beide Rollen spielen können. Du hast selbst gesagt, Lou, daß du die Haushälterin kaum gesehen hast, abgesehen von dem kurzen Augenblick, wenn sie dir vormittags das Tablett mit dem Kaffee brachte. Auf der Bühne sieht man ja auch diese geschickten Verwandlungskünstler, die nach wenigen Minuten immer wieder in einer anderen Rolle auftreten. Ich bin überzeugt, daß der Wechsel sich sehr rasch bewerkstelligen ließ. Diese Pompadourfrisur war sicher eine Perücke, die man schnell abnehmen und aufstülpen konnte.«

»Tante Jane! Willst du etwa sagen, daß Miss Greenshaw schon tot war, bevor ich mit meiner Arbeit dort begann?«

»Nicht tot. Aber unter der Einwirkung von Betäubungsmitteln, möchte ich behaupten. Für eine gewissenlose Frau wie die Haushälterin eine Kleinigkeit. Dann engagierte sie dich und trug dir auf, den Neffen anzuläuten und ihn für eine bestimmte Zeit zum Lunch einzuladen. Die einzige Person, die gewußt hätte, daß diese Miss Greenshaw nicht Miss Greenshaw war, wäre Alfred gewesen. Und wie du dich vielleicht noch entsinnen kannst, waren die ersten beiden Tage, an denen du dort gearbeitet hast, regnerisch, und Miss Greenshaw blieb im Hause. Wegen seiner Fehde mit der Haushälterin ließ sich Alfred nie im Hause blicken. Und am letzten Morgen war Alfred in der Einfahrt, während Miss Greenshaw im Steingarten arbeitete - diesen Steingarten möchte ich mir eigentlich gern ansehen.«

»Willst du damit sagen, daß Mrs. Cresswell die Täterin war?«

»Ich glaube, die Sache verhält sich folgendermaßen. Nachdem Mrs. Cresswell dir den Kaffee gebracht hatte, schloß sie dich beim Verlassen des Zimmers ein und trug die bewußtlose Miss Greenshaw nach unten in den Salon. Dann verkleidete sie sich wieder als Miss Greenshaw und ging nach draußen, um im Steingarten zu arbeiten, wo du sie vom Fenster aus sehen konntest. Nach einer gewissen Zeit stieß sie einen Schrei aus und kam wankend auf das Haus zu, während sie mit den Händen einen Pfeil umklammerte und so tat, als habe er ihre Kehle durchdrungen. Sie rief um Hilfe, wobei sie sorgsam darauf achtete zu sagen: >Er hat auf mich geschossen<, um jeden Verdacht von der Haushälterin abzulenken. Sie rief auch einige Worte zum Fenster der Haushälterin hinauf, als habe sie sie dort gesehen. Sobald sie dann im Salon war, stieß sie einen Tisch mit Porzellan um und rannte flink nach oben, wo sie ihre Pompadourperücke aufsetzte und wenige Augenblicke später den Kopf zum Fenster hinausstreckte, um dir zu sagen, daß sie auch eingeschlossen sei.«

»Aber sie war tatsächlich eingeschlossen«, erinnerte Lou.

»Ich weiß. Aber da springt eben der Polizist ein.«

»Was für ein Polizist?«

»Ganz richtig - was für ein Polizist? Inspektor, dürfte ich Sie vielleicht bitten, mir zu sagen, wie und wann Sie am Tatort eingetroffen sind?«

Der Inspektor blickte ein wenig verdutzt drein.

»Um zwölf Uhr neunundzwanzig erhielten wir einen telefonischen Anruf von Mrs. Cresswell, Haushälterin bei Miss Greenshaw, mit der Meldung, daß ihre Herrin erschossen worden sei. Wachtmeister Cayley und ich fuhren sofort im Wagen dorthin und kamen um zwölf Uhr fünfunddreißig beim Hause an. Wir fanden Miss Greenshaw tot auf, und die beiden Damen waren in ihren Zimmern eingeschlossen.«

»Da siehst du es also, liebes Kind«, wandte sich Miss Marple an Lou. »Der Schutzmann, den du sahst, war gar kein richtiger Schutzmann. Du hast auch gar nicht mehr an ihn gedacht. Das ist ganz natürlich; auf eine Uniform mehr oder weniger kommt es in solchen Fällen nicht an.«

»Aber wer? Warum?«

»Wer? Nun, wenn sie in Boreham on Sea jetzt gerade das Stück A Kiss for Cinderella geben, spielt ein Polizist die Hauptrolle. Nat Fletcher brauchte sich nur die Uniform anzueignen, die er auf der Bühne trägt. Dann konnte er sich bei der Garage nach dem Weg erkundigen und dabei die Aufmerksamkeit auf die Zeit - zwölf Uhr fünfundzwanzig -lenken, rasch weiterfahren, den Wagen an der Ecke stehen lassen, sich seine Polizistenuniform überziehen und seine >Rolle< spielen.«

»Aber warum - warum?«

»Na, irgend jemand mußte doch die Tür der Haushälterin von außen zuschließen, und irgend jemand mußte den Pfeil Miss Greenshaw in den Hals stoßen. Man kann einen Menschen mit einem Pfeil ebensogut erstechen wie erschießen - dazu gehört aber Kraft.«

»Sie waren also beide daran beteiligt?«

»Oh, das ist anzunehmen. Mutter und Sohn, höchstwahrscheinlich.«

»Aber Miss Greenshaws Schwester ist doch schon vor langer Zeit gestorben.«

»Ja, aber Mr. Fletcher hat zweifellos wieder geheiratet. Nach den Schilderungen läßt sich das wohl annehmen. Ich halte es für durchaus möglich, daß das Kind ebenfalls starb und dieser sogenannte Neffe das Kind der zweiten Frau und somit überhaupt kein Verwandter von Miss Greenshaw ist. Die Frau bewarb sich um den Posten als Haushälterin und spionierte aus, wie die Dinge lagen. Dann schrieb der Sohn an Miss Greenshaw als ihr Neffe und schlug vor, ihr einen Besuch abzustatten -- vielleicht hat er im Scherz erwähnt, daß er in seiner Polizistenuniform erscheinen würde - oder er lud sie ein, sich das Stück anzusehen. Aber ich glaube, sie hat wohl den wahren Sachverhalt erraten und sich geweigert, ihn zu sehen. Er wäre ihr Erbe gewesen, wenn sie ohne Testament gestorben wäre.

Aber sobald sie ein Testament zugunsten der Haushälterin - wie sie annahmen - gemacht hatte, lag der Weg klar vor ihnen.«

»Aber warum haben sie dann einen Pfeil verwendet?« warf Joan ein. »Das scheint mir so gesucht.«

»Durchaus nicht, liebes Kind. Alfred gehörte zu einem Bogenschützenklub - und Alfred sollte die Schuld aufgehalst werden. Daß er schon um zwölf Uhr zwanzig das Gasthaus erreicht hatte, war von dem Standpunkt dieser beiden höchst unglückselig. Er ging ja immer ein wenig vor seiner eigentlichen Zeit fort, und das wäre gerade richtig für sie gewesen.« Kopfschüttelnd fügte sie hinzu: »Es erscheint wirklich ungerecht - im moralischen Sinne, meine ich natürlich - daß Alfreds Faulheit ihm das Leben gerettet hat.«

Der Inspektor räusperte sich.

»Nun, Madam, diese Ideen, die Sie da geäußert haben, sind ja hochinteressant. Ich werde sie natürlich nachprüfen müssen .«

Miss Marple und Raymond West standen neben dem Steingarten und blickten auf einen Gartenkorb mit welkender Vegetation hinab.

Miss Marple murmelte:

»Alyssum, Steinbrech, Geißklee, Wegerich, Glockenblumen ... Ja, das beweist mir genug. Wer gestern morgen hier gejätet hat, verstand von Gärtnerei überhaupt nichts. Sie hat Blumen und Unkraut ohne Unterschied herausgerissen. Nun weiß ich also, daß ich recht habe. Ich danke dir, lieber Raymond, daß du mich hierhergebracht hast. Ich wollte gern alles mit eigenen Augen sehen.«

Sie und Raymond betrachteten beide das überspannte Bauwerk, das im Volksmunde Greenshaws Monstrum hieß.

Hinter ihnen hustete jemand, und als sie sich umdrehten, entdeckten sie, daß ein hübscher junger Mann ebenfalls im Anblick des Hauses versunken war.

»Verteufelt großer Kasten«, meinte er. »Zu groß für heutige Verhältnisse - so sagt man wenigstens. Aber ich weiß nicht recht. Wenn ich das Große Los gewönne, würde ich mir auch ein Haus in dieser Art bauen.«

Er lächelte sie verschämt an.

»Ich glaube, ich kann es jetzt wohl sagen: Das Haus da ist von meinem Urgroßvater gebaut worden«, erklärte Alfred Pollock. »Und es ist ein schönes Haus trotz seines Spottnamens!«

Загрузка...