MITTWOCH

1

Als ein neuer Morgen über New Orleans heraufdämmerte und den Himmel mit den ersten grauen Streifen sprenkelte, saß Keycase - erfrischt, wach und einsatzbereit - auf dem Bett in seinem Zimmer im St. Gregory.

Er hatte den Nachmittag des vergangenen Tages bis zum Abend fest durchgeschlafen. Dann hatte er vom Hotel aus einen kleinen Streifzug unternommen, von dem er gegen zwei Uhr nachts zurückgekehrt war. Danach hatte er wieder anderthalb Stunden geruht und sich pünktlich zur vorgesehenen Zeit erhoben. Er hatte sich rasiert, warm geduscht und schließlich den Hahn der Brause kalt aufgedreht. Unter dem eisigen Wasserstrahl prickelte seine Haut und begann zu glühen, als er sich kräftig abfrottierte.

Vor jedem professionellen Ausflug gehörte es zu seinem Ritual, frische Unterwäsche und ein reines gestärktes Oberhemd anzuziehen. Die angenehme Kühle der Wäsche vervollständigte gewissermaßen das Gefühl äußerster Anspannung, das wie eine Batterie seine Kraft speiste. Wenn ihn dennoch sekundenlang Zweifel beschlich, ein Anflug lähmender Angst beim Gedanken an die fünfzehn Jahre Gefängnis, die ihm bei der nächsten Verhaftung sicher waren -, dann verbannte er ihn energisch.

Der Gedanke, wie glatt die Vorbereitungen abgelaufen waren, verschaffte ihm mehr Befriedigung.

Seit seiner Ankunft hatte sich die Zahl der Schlüssel von drei auf fünf erhöht.

Einen davon hatte er am Abend zuvor auf die denkbar einfachste Art und Weise ergattert, indem er beim Empfang darum bat. Seine eigene Zimmernummer war 830. Er hatte den Schlüssel von 803 verlangt.

Bevor es soweit war, hatte er einige elementare Vorsichtsmaßregeln getroffen. Er hatte sich vergewissert, daß der Schlüssel von 803 an seinem Haken hing und daß das Fach darunter keine Post oder sonstige Nachrichten enthielt. In diesem Falle hätte er gewartet, da der Empfangschef beim Aushändigen der Post den Schlüsseleigentümer nach ihrem Namen zu fragen pflegte. So lungerte er nur herum, bis der Andrang vorm Empfang stärker wurde, und reihte sich dann in die Menschenschlange ein. Der Schlüssel wurde ihm ohne weiteres ausgeliefert. Wäre etwas schiefgegangen, so hätte er glaubhaft erklärt, daß er die beiden Nummern verwechselt habe.

Er sagte sich, daß die Mühelosigkeit, mit der sich alles abgewickelt hatte, ein gutes Omen sein mußte. Sobald die Angestellten am Empfang abgelöst worden waren, würde er sich noch die Schlüssel von Zimmer 380 und 930 besorgen.

Auch eine andere Schlüsselquelle hatte sich als ergiebig erwiesen. Vor zwei Nächten hatte er durch einen zuverlässigen Verbindungsmann gewisse Abmachungen mit einem Animiermädchen in der Bourbon Street getroffen. Sie hatte ihm den fünften Schlüssel gegeben, mit dem Versprechen, noch mehr zu liefern.

Nur der Bahnhof hatte sich - obwohl Keycase die Abfahrt mehrerer Züge abgewartet hatte - als aufgelegte Pleite entpuppt. Da ihm das schon öfter passiert war, beschloß Keycase, von der Erfahrung zu profitieren. Bahnreisende waren offensichtlich konservativer als Flugreisende und gingen achtsamer mit Hotelschlüsseln um. In Zukunft würde er Bahnhöfe von seinem Programm streichen.

Er sah auf die Uhr. Es bestand kein Grund, den Aufbruch noch länger hinauszuzögern, aber es war ihm merkwürdig zuwider, sich von dem Bett, auf dem er saß, zu rühren. Er gab sich einen Ruck und traf die letzten Vorbereitungen.

Im Bad wartete bereits ein halbes Glas Scotch auf ihn. Er gurgelte mit dem Whisky, ohne auch nur einen Tropfen hinunterzuschlucken, und spuckte ihn dann ins Waschbecken.

Dann griff er nach einer zusammengefalteten Zeitung - der Frühausgabe der heutigen »Times-Picayune«, die er gestern nacht gekauft hatte - und steckte sie sich unter den Arm.

Zum Schluß klopfte er seine Taschen ab, auf die er die Kollektion von Schlüsseln systematisch verteilt hatte, und verließ das Zimmer.

Auf Kreppsohlen schlich er geräuschlos die Personaltreppe hinunter. Rasch, aber nicht hastig, strebte er der zwei Stockwerke tiefer liegenden sechsten Etage zu. Auf dem Gang warf er einen unauffälligen Blick nach links und rechts, wobei er

- für den Fall, daß man ihn beobachtete - eine harmlose Miene zur Schau trug.

Der Korridor lag still und wie ausgestorben da.

Keycase hatte den Hotelplan und die Reihenfolge der Zimmer genau im Kopf. Den Schlüssel der Nummer 641 lose in der Hand haltend, steuerte er gemächlich die Richtung an, in der, wie er wußte, das Zimmer lag.

Es war der erste Schlüssel, der vom Moisant-Flughafen; denn Keycase hatte einen methodischen Verstand.

Nun hatte er die Tür der Nummer 641 unmittelbar vor sich. Er hielt an. Kein Lichtschein drang unter ihr hervor, kein Laut drang aus dem Inneren. Er nahm Handschuhe aas der Tasche und streifte sie über.

Er spürte, wie seine Sinne sich schärften. Behutsam steckte er den Schlüssel ins Schloß und sperrte auf. Die Tür öffnete sich unhörbar. Er zog den Schlüssel heraus, trat ein und machte die Tür vorsichtig hinter sich zu.

Fahles Dämmerlicht milderte die Finsternis im Inneren des Raums. Keycase blieb stehen, um sich zu orientieren und seine Augen an das Halbdunkel zu gewöhnen. Es gab mehrere Gründe, warum erfahrene Hoteldiebe gerade die Morgendämmerung bei ihren Beutezügen begünstigten. Um diese Tageszeit war es gerade hell genug, um Hindernisse zu sehen und ihnen aus dem Weg gehen zu können, aber andererseits noch dunkel genug, um notfalls unbemerkt zu entkommen. Außerdem war es der tote Punkt im Leben eines jeden Hotels - die Wachsamkeit der Nachtschicht ließ nach, je mehr sich ihr Dienst dem Ende zuneigte; und die Frühschicht war noch nicht eingetroffen. Die Gäste - selbst späte Nachtschwärmer und andere Unentwegte - hatten sich in ihre Zimmer begeben und schliefen vermutlich längst. Auch verlieh die Morgendämmerung ein Gefühl der Sicherheit, als seien die Fährnisse der Nacht endgültig vorüber.

Unmittelbar vor sich konnte Keycase den Umriß eines Toilettentisches erkennen. Rechts im Dunkeln befand sich das Bett. Tiefe, regelmäßige Atemzüge ließen darauf schließen, daß der rechtmäßige Inhaber des Zimmers fest schlummerte.

Ein Toilettentisch war stets der erste und sicherste Tip, wenn man auf das Geld aus war.

Keycase setzte sich in Bewegung, den Boden vor sich mit den Füßen abtastend nach allem, worüber er stolpern könnte. Er streckte den Arm aus und berührte den Toilettentisch. Seine Fingerspitzen glitten tastend über die Tischplatte.

Zuerst stieß er auf ein Häuflein Kleingeld. Münzen interessierten ihn nicht; sie machten beim Wegstecken zuviel Lärm. Aber wo Kleingeld war, gab es höchstwahrscheinlich auch eine Brieftasche. Da! Keycase hatte sie gefunden, und sie fühlte sich erfreulich prall an.

Im Zimmer blitzte grelles Licht auf.

Es geschah so plötzlich - ohne ein Geräusch, das ihn gewarnt hätte -, daß seine Geistesgegenwart, auf die er so stolz war, ihn völlig im Stich ließ.

Seine erste Reaktion war ganz instinktiv. Er ließ die Brieftasche los und fuhr schuldbewußt herum.

Der Mann, der die Nachttischlampe angeknipst hatte, trug einen Pyjama und saß aufrecht im Bett. Er war ziemlich jung, muskulös und sehr erbost. »Was, zum Teufel, haben Sie hier zu suchen?« fragte er aufgebracht.

Keycase stand da, mit blöd aufgerissenen Augen, und bekam kein Wort heraus.

Später sagte er sich, daß der Schläfer vermutlich auch ein oder zwei Sekunden brauchte, um sich zu fassen, und daß ihm deshalb das ertappte Herumfahren seines Besuchers entging. Aber im Moment begriff Keycase nur, daß er einen kostbaren Vorsprung eingebüßt hatte, und raffte sich verspätet zum Handeln auf.

Schwankend, wie ein Betrunkener, blubberte er beleidigt: »Was meinen Sie damit, was ich hier zu suchen hab'? Wie kommen Sie überhaupt in mein Bett?« Er streifte sich verstohlen die Handschuhe ab.

»Hol Sie der Henker! Das ist mein Bett. Und mein Zimmer!«

Keycase taumelte auf das Bett zu und blies dem anderen seinen whiskygeschwängerten Atem ins Gesicht. Er sah wie der Mann angewidert zurückwich. Sein Verstand arbeitete nun schnell und eiskalt, wie immer, wenn es hart auf hart ging. Er hatte sich schon aus schlimmeren Situationen herausgewunden.

Er wußte, daß es nun an der Zeit war, in die Defensive zu gehen, weil der rechtmäßige Inhaber des Zimmers es sonst mit der Angst bekam und womöglich Hilfe herbeirief. Der Mann, mit dem er es diesmal zu tun hatte, sah allerdings so aus, als könnte er sehr gut allein für sich einstehen.

»Ihr Zimmer?« fragte Keycase verdutzt. »Wissen Sie das genau?«

Der Mann im Bett war wütender denn je. »Du lausiger Saukopf! Natürlich weiß ich's genau!«

»Ist das nicht die 614?«

»Nein, du Hammel! Es ist die 641.«

»Tschuldigung, Alter. Schätze, ich habe mich vertan.« Keycase zog die Zeitung, die er bei sich trug, um den Eindruck zu erwecken, daß er von draußen käme, unter dem Arm hervor. »Hier - das ist die Frühausgabe. Sonderschu... Sonderzustellung.«

»Ich will deine gottverdammte Zeitung nicht! Nimm sie und hau ab!«

Es hatte geklappt! Die wohlüberlegte Ausflucht hatte sich wieder einmal bewährt.

»Tut mir wirklich leid, Alter. Okay, okay, ich geh' ja schon.« Er zog sich in Richtung Tür zurück.

Er war beinahe draußen; der Mann im Bett funkelte ihn noch immer zornig an. Er benutzte einen zusammengefalteten Handschuh, um den Türknopf zu drehen. Dann hatte er es geschafft. Erleichtert zog er die Tür hinter sich zu.

Angespannt lauschend, hörte er, wie der Mann drinnen aus dem Bett stieg, durchs Zimmer tappte und mit einem Rasseln die Sicherheitskette vorlegte. Keycase rührte sich nicht vom Fleck.

Volle fünf Minuten lang stand er im Korridor und wartete, ob der Mann mit dem Empfang telefonierte. Das zu erfahren, war wesentlich. Dann mußte Keycase sofort in sein Zimmer zurückkehren, bevor Alarm gegeben wurde. Aber es war kein Laut zu vernehmen, kein Klingeln, kein Surren der Drehscheibe. Die unmittelbare Gefahr war gebannt.

Später jedoch würde die Sache vermutlich anders aussehen.

Wenn Mr. 641 von neuem erwachte, im strahlenden Licht des Morgens, würde er sich an den nächtlichen Zwischenfall erinnern. Während er darüber nachdachte, würde er sich vielleicht einige Fragen vorlegen. Zum Beispiel: Angenommen, jemand hatte sich wirklich in der Zimmernummer geirrt, wieso kam es dann, daß der Schlüssel paßte? Und warum war er im Dunkeln geblieben und hatte nicht das Licht angeknipst. Dann war da noch Keycases schuldbewußtes Verhalten ganz am Anfang. Ein intelligenter, wohlausgeruhter Mann konnte diesen Teil der Szene womöglich rekonstruieren und sich einen Reim darauf machen. Auf jeden Fall wäre das Ganze Grund genug zu einem empörten Anruf bei der Hotelleitung.

Die Hotelleitung - vertreten durch einen Hausdetektiv -würde sich über die Sachlage sofort im klaren sein. Eine Routineuntersuchung würde folgen. Man würde sich den Bewohner von 614 vorknöpfen und ihn, womöglich, dem Bewohner von 641 gegenüberstellen. Beide würden versichern, daß sie einander noch nie gesehen hätten. Den Hausdetektiv würde das nicht überraschen, aber es würde seinen Verdacht bestätigen, daß ein professioneller Hoteldieb am Werk war. Die Nachricht würde sich schnell herum sprechen. Bevor Keycase seine Kampagne richtig gestartet hatte, würde das gesamte Hotelpersonal gewarnt sein und die Augen offenhalten.

Man mußte auch damit rechnen, daß sich das Hotel an die Polizei wandte. Die wiederum würde den FBI um Auskünfte über bekannte Hoteldiebe bitten, die derzeit auf freiem Fuß waren. Und wenn eine solche Liste eintraf, würden sie ganz bestimmt den Namen von Julius Keycase Milne enthalten. Auch Bilder von ihm würden dabeisein - Polizeifotos zum Herumzeigen beim Empfang und sonstwo.

Das einzig Vernünftige für ihn wäre, seine Sachen zu packen und sich davonzumachen. Wenn er sich beeilte, konnte er in einer knappen Stunde aus der Stadt sein.

Nur, ganz so einfach war es eben nicht. Er hatte Geld investiert - der Wagen, das Motel, das Hotelzimmer, das Bourbon-Street-B-Mädchen. Im Moment war er knapp bei Kasse. Er mußte aus New Orleans einen Profit herausschlagen -einen anständigen Profit. Denk nach, sagte sich Keycase, denk gut nach.

Bisher hatte er die Dinge nur von der schwärzesten Seite betrachtet. Man konnte sie aber auch anders sehen.

Selbst, wenn die Ereignisse sich so abwickelten, wie er es sich ausgemalt hatte, würde es mehrere Tage dauern, bevor die Polizei etwas unternahm. Sie war - laut Bericht in der Morgenzeitung - damit beschäftigt, einen Fall von Fahrerflucht aufzuklären. Der Unfall hatte zwei Todesopfer gefordert, die Bevölkerung war sehr erregt, und sämtliche verfügbaren Polizeidetektive arbeiteten mit Hochdruck an der Ermittlung des Täters. Es war nicht wahrscheinlich, daß die Polizei kostbare Zeit opfern würde, da im Hotel schließlich gar kein Verbrechen verübt worden war. Irgendwann würde sie sich natürlich auch damit befassen. Das tat sie immer.

Welche Frist blieb ihm also noch? Bei vorsichtiger Schätzung ein Tag, vielleicht sogar zwei. Er dachte angestrengt nach. Das würde reichen.

Bis zum Freitag morgen konnte er ordentlich abgestaubt haben und, ohne eine Fährte zu hinterlassen, über alle Berge sein.

Die Entscheidung war gefallen. Was jetzt? Sollte er in sein Zimmer in der achten Etage zurückkehren und alle Aktionen auf morgen verschieben, oder sollte er weitermachen? Er war stark versucht, das Ganze für heute abzublasen. Wenn er ehrlich war, mußte er sich eingestehen, daß der Zwischenfall ihn mehr erschüttert hatte als sonst einer zuvor. Sein Zimmer erschien ihm wie ein sicherer geschützter Hafen.

Aber dann raffte er sich grimmig entschlossen auf. Er hatte irgendwo gelesen, daß man Militärpiloten, die nicht durch eigenes Verschulden Bruch gemacht hatten, sofort wieder in die Luft schickte, bevor sie die Nerven verloren. Er würde dasselbe Rezept befolgen.

Der erste Schlüssel hatte sich als Mißerfolg erwiesen. Das war vielleicht ein Omen - ein Wink des Schicksals, daß er es in umgekehrter Reihenfolge probieren und mit dem letzten anfangen sollte. Mit der Nummer 1062, den er von dem Mädchen aus der Bourbon Street bekommen hatte. Noch ein Omen! - und diesmal ein gutes - seine Glücksziffer, die Zwei. Die einzelnen Stockwerke zählend, stieg Keycase die Personaltreppe hinauf.

Stanley, der Mann aus Iowa, der auf den ältesten Neppschwindel der Bourbon Street hereingefallen war, lag im Bett und schlief. Er hatte lange auf die breithüftige Blondine gewartet, zuerst voller Zuversicht, dann, als die Stunden verstrichen, mit sinkender Hoffnung, bis ihm schließlich schwante, daß man ihn hereingelegt hatte, und wie hereingelegt! Endlich, als er seine Augen nicht mehr offenhalten konnte, rollte er sich herum und versank in einen tiefen Schlaf.

Er hörte weder wie Keycase hereinkam, noch wie er sich vorsichtig und systematisch durch das Zimmer bewegte. Er schnarchte friedlich, als Keycase seine Brieftasche plünderte und Uhr, Siegelring, goldenes Zigarettenetui, vergoldetes Feuerzeug und diamantene Manschettenknöpfe einsackte. Er rührte sich auch nicht, als Keycase auf leisen Sohlen davonschlich.

Mr. Stanley aus Iowa erwachte erst am späten Vormittag, und es dauerte noch eine Stunde, bevor er - behindert von einem mordsmäßigen Kater - wahrnahm, daß man ihn bestohlen hatte. Als ihm das ganze Ausmaß seines Elends aufging - dies neue Unglück, der Katzenjammer, der kostspielige und erfolglose Barbesuch -, sank er in einen Sessel und greinte wie ein Kind.

Keycase hatte seinen Raub inzwischen längst in Sicherheit gebracht.

Nach seinem erfolgreichen Fischzug in der Nummer 1062 stellte Keycase fest, daß es zu hell wurde, um noch einen Coup zu riskieren. Er kehrte in sein Zimmer zurück und zählte das Geld. Es belief sich auf 94 Dollar, in der Hauptsache Fünfer und Zehner, und alles gebrauchte Scheine, so daß sie nicht identifiziert werden konnten. Zufrieden verstaute er sie in seiner Brieftasche.

Die Uhr und die anderen Wertgegenstände stellten ein größeres Problem dar. Er hatte zuerst geschwankt, ob er sie überhaupt mitgehen lassen sollte, war aber seiner Habgier und der Gunst des Augenblicks erlegen. Das bedeutete natürlich, daß irgendwann im Laufe des Tages Alarm geschlagen werden würde. Es kam vor, daß Leute Geld verloren und nicht wußten, wie und wo, das Verschwinden von Wertgegenständen wies jedoch eindeutig auf Diebstahl hin. Die Möglichkeit einer prompten Polizeiaktion wurde dadurch größer und die Frist, die er sich gesetzt hatte, vermutlich kürzer. Vielleicht aber auch nicht. Er merkte, wie sein Selbstvertrauen zunahm und zugleich damit seine Bereitschaft, ruhig etwas zu riskieren, wenn es sein mußte.

Unter seinen Habseligkeiten befand sich ein kleiner Vertreterkoffer, mit dem man in einem Hotel aus und ein gehen konnte, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Keycase packte die gestohlenen Dinge hinein und sagte sich, daß sie ihm bei einem zuverlässigen Hehler fraglos hundert Dollar einbringen würden, obwohl sie in Wirklichkeit viel mehr wert waren.

Er wartete, bis das Hotel erwacht und die Halle einigermaßen belebt war. Dann fuhr er im Lift hinunter und begab sich mit dem Koffer zu einem Parkplatz an der Canal Street, wo er nachts zuvor seinen Wagen abgestellt hatte. Von dort fuhr er in gemächlichem Tempo zum Motel und seiner Kabine am Chef Menteur Highway. Unterwegs machte er einmal halt, hob die Kühlerhaube des Ford und mimte Motorschaden, während er seinen Kabinenschlüssel aus der Luftdüse des Vergasers herausfischte. Er blieb gerade lange genug im Motel, um die Wertsachen in einer anderen verschließbaren Tasche zu verstauen. Auf der Rückfahrt in die Stadt wiederholte er das kleine Spielchen mit dem Schlüssel. Nachdem er den Wagen -auf einem anderen Platz - geparkt hatte, befand sich weder an seiner Person noch in seinem Hotelzimmer auch nur der geringste Hinweis auf das Diebesgut.

Ihm war so froh zumute, daß er einen Abstecher in die Cafeteria des St. Gregory machte, um zu frühstücken.

Als er herauskam, erblickte er die Herzogin von Croydon.

Sie war gerade dem Lift entstiegen. Die Bedlington-Terrier -drei auf der einen und zwei auf der anderen Seite - tollten ausgelassen vor ihr her und strebten wie feurige kleine Vorreiter dem Ausgang zu. Sie hielt sie fest und gebieterisch an der Leine, obwohl sie offensichtlich mit den Gedanken ganz woanders war; ihre Augen schienen irgendeinen fernen Punkt jenseits der Hotelmauer anzuvisieren. Aber ihre hochmütige Arroganz wirkte überzeugend wie immer. Nur aufmerksame Beobachter hätten vielleicht den erschöpften, angespannten Zug in ihrem Gesicht entdeckt, den sie bei aller Willensstärke und trotz ihres Make-ups nicht gänzlich zu verbergen vermochte.

Keycase blieb entgeistert stehen. Er traute seinen Augen nicht. Aber es war wirklich die Herzogin von Croydon. Keycase, ein eifriger Leser von Zeitungen und Illustrierten, hatte zu viele Fotos von ihr gesehen, um seiner Sache nicht sicher zu sein. Und allem Anschein nach wohnte die Herzogin im Hotel.

Seine Gedanken überschlugen sich fast. Die Herzogin von Croydon besaß bekanntermaßen eine der kostbarsten Juwelenkollektionen der Welt, und nie zeigte sie sich in der Öffentlichkeit ohne das eine oder andere Schmuckstück. Beim Anblick ihrer Ringe und eines Saphirclips am Aufschlag ihres Kostüms kniff Keycase abschätzend die Augen zusammen. Die Angewohnheit der Herzogin ließ darauf schließen, daß sich ein Teil ihres Schmucks - trotz aller Vorsichtsmaßnahmen - stets in greifbarer Nähe befand.

Eine halbgare Idee - ein leichtsinniger, verwegener, unmöglicher Plan..., oder war er gar nicht so abenteuerlich? -begann sich in Keycases Kopf abzuzeichnen.

Er stand da und schaute, während die Herzogin von Croydon hinter den Terriern durch die Halle des St. Gregory schritt und auf die sonnenhelle Straße hinaustrat.

2

Herbie Chandler stellte sich zeitig im Hotel ein, wenn auch zu seinem eigenen Nutzen und nicht zu dem des Hotels.

Zu seinen dunklen Nebengeschäften gehörte auch das Zusammengießen und Horten von Schnapsresten, eine Prozedur, die in zahlreichen Hotels im Schwange war.

Gäste, die in ihren Zimmern Besucher bewirteten oder auch allein zechten, hatten bei der Abreise häufig Flaschen übrig, die noch nicht ganz leer waren. Meist unterließen sie es, die angebrochenen Flaschen mit einzupacken, entweder in der Besorgnis, sie könnten auslaufen, oder um sich den Zuschlag der Fluggesellschaften für Übergepäck zu ersparen. Aber alles in ihnen sträubte sich dagegen, guten Alkohol wegzuschütten, und so blieben die Flaschen auf den Toilettentischen der geräumten Zimmer stehen.

Wurden sie von einem Boy beim Hinausbefördern des Gepäcks bemerkt, dann kehrte der innerhalb weniger Minuten ins Zimmer zurück und kassierte die Hinterlassenschaft ein. Trugen die Gäste ihre Koffer selbst hinunter, dann pflegte das Zimmermädchen einem Boy Bescheid zu sagen, und der beteiligte sie dann schließlich an seinem Gewinn.

Die Schnapsreste gelangten auf Umwegen in den Winkel eines Vorratsraumes im Souterrain, der privaten Domäne des Chefportiers. Er verdankte sie der Vermittlung eines Lagerverwalters, der seinerseits bei gewissen Diebereien von Herbie Chandler unterstützt wurde.

Der Transport der Flaschen erfolgte für gewöhnlich in Wäschesäcken, mit denen Boys im Hotel herumwandern konnten, ohne Verdacht zu erregen. Die Vorräte, die sich innerhalb von zwei oder drei Tagen ansammelten, waren erstaunlich groß.

Alle zwei oder drei Tage - wenn Kongresse im Hotel tagten sogar noch öfter - machte Herbie Chandler Inventur. Damit war er auch im Moment beschäftigt.

Er sortierte sämtliche Ginflaschen aus und stellte sie zu einer Batterie zusammen. Dann wählte er zwei von den besseren Marken und füllte mit einem Trichter alle Reste hinein. Am Ende hatte er eine volle Flasche und eine dreiviertelvolle. Er versah beide mit einem Verschluß und stellte die zweite beiseite, um sie bei der nächsten Inventur aufzufüllen. Dieselbe Prozedur wiederholte er bei Bourbon, Scotch und Rye. Der Gesamtertrag belief sich schließlich auf sieben volle Flaschen und mehrere halbvolle. Einen Rest Wodka leerte er nach kurzem Zögern in die Ginflasche.

Später, im Laufe des Tages, würden die sieben vollen Flaschen in einer Bar abgeliefert werden, die nur ein paar Blocks vom St. Gregory entfernt lag. Der Barbesitzer, an der Qualität seiner Ware nur mäßig interessiert, schenkte den Alkohol an seine Kunden aus und zahlte Herbie den halben Großhandelspreis. In regelmäßigen Abständen schüttete Herbie für alle jene, die im Hotel mit ihm zusammenarbeiteten, eine Dividende aus - zumeist eine so niedrige, wie er es gerade noch wagen konnte.

In letzter Zeit waren die Geschäfte gut gegangen, und der Ertrag dieses einen Tages hätte Herbie froh gestimmt, wenn er nicht mit anderen Problemen beschäftigt gewesen wäre. Spät in der Nacht hatte Stanley Dixon angerufen. Der junge Mann hatte ihm seine Version von dem Telefongespräch mit Peter McDermott wiedergegeben und ihm auch erzählt, daß er und seine Freunde für vier Uhr nachmittags in McDermotts Büro verabredet wären. Dixon wollte vor allem von Herbie erfahren, wieviel McDermott eigentlich wisse.

Diese Frage konnte Herbie Chandler nicht beantworten. Aber er riet Dixon, Diskretion zu wahren und nichts zuzugeben. Seitdem hatte er sich den Kopf darüber zerbrochen, was sich vor zwei Nächten in der Suite 1126-7 nun wirklich abgespielt hatte und wieweit der stellvertretende Direktor über Herbies Anteil an den Vorfällen im Bilde war.

Es waren noch neun Stunden bis vier Uhr. Herbie ahnte, daß sie ihm endlos lang vorkommen würden.

3

Morgens pflegte Curtis O'Keefe meist erst zu duschen und danach zu beten. Diese Reihenfolge war sehr zweckmäßig, weil er dabei sauber vor Gott trat und außerdem in den zwanzig Minuten, die er, in einen Bademantel gehüllt, auf den Knien verbrachte, gründlich trocken wurde.

Heller Sonnenschein fiel in die behagliche, klimatisierte Suite und erfüllte den Hotelier mit einem Gefühl des Wohlbefindens. Das Gefühl übertrug sich auf seine weitschweifigen Gebete, die dadurch etwas von einem intimen Gespräch von Mann zu Mann bekamen. Curtis O'Keefe vergaß jedoch nicht, Gott daran zu erinnern, daß er - O'Keefe - sich nach wie vor für das St. Gregory interessierte.

Das Paar frühstückte in Dodos Suite. Dodo bestellte für beide, nachdem sie lange über einer Speisekarte gebrütet und endlos mit dem Zimmerservice telefoniert hatte, wobei sie ihre Anordnungen mehrmals völlig über den Haufen warf. Am meisten Kopfzerbrechen bereitete ihr diesmal der Fruchtsaft; sie konnte sich nicht entscheiden, welchen sie wählen sollte, und unterhielt sich mehrere Minuten lang mit ihrem unsichtbaren Gesprächspartner über den Qualitätsunterschied zwischen Ananas, Pampelmuse und Apfelsine. Curtis O'Keefe malte sich belustigt das Chaos aus, das dieser Anruf elf Stockwerke tiefer beim ohnehin überlasteten Zimmerservice auslösen mußte.

Während er auf das Frühstück wartete, blätterte er in den Morgenzeitungen - dem Lokalblatt »Times-Picayune« und einer per Luftpost zugesandten »New York Times«. In der Fahrerfluchtaffäre, die im Lokalblatt noch immer den ersten Platz einnahm, hatte sich, wie er feststellte, nichts Neues ergeben. Aus dem Börsenteil der »New York Times« ersah er, daß die Aktien des O'Keefe-Konzerns um dreiviertel Punkte gefallen waren. Der Rückgang war unbedeutend, eine ganz normale Kursschwankung; der Kurs würde ganz bestimmt steigen, sobald sich das Gerücht von der O'Keefeschen Neuerwerbung in New Orleans herumgesprochen hatte, und sehr lange konnte das nicht mehr dauern.

Dabei fielen ihm die zwei lästigen Tage ein, die ihn noch vom Abschluß des Geschäfts trennten. Er bereute, daß er nicht auf einer prompten Entscheidung bestanden hatte; da er aber sein Wort gegeben hatte, blieb ihm nun nichts anderes übrig, als geduldig auszuharren. Er zweifelte nicht im mindesten an einer günstigen Antwort Warren Trents. Für Trent war es praktisch die einzige Chance.

Während des Frühstücks kam ein Anruf von Hank Lemnitzer, Curtis O'Keefes persönlichem Beauftragten an der Westküste. Dodo nahm den Anruf entgegen. Da O'Keefe sich jedoch ungefähr denken konnte, worum es sich handelte, verlegte er das Gespräch in seine eigene Suite, nicht ohne die Verbindungstür vorsorglich hinter sich zu schließen.

Das Thema, auf das er gewartet hatte, kam zur Sprache nach einem Routinebericht über verschiedene außerhalb des Hotelgeschäfts liegende finanzielle Interessen, die Lemnitzer für ihn wahrnahm.

»Dann ist da noch eine Sache, Mr. O'Keefe«, sagte der Kalifornier in seinem nasalen, schleppenden Tonfall, »ich meine die Sache mit Jenny LaMarsh, der Puppe... eh, der jungen Dame, die Ihnen damals im Beverly-Hills-Hotel so angenehm auffiel. Besinnen Sie sich noch auf sie?«

O'Keefe erinnerte sich ihrer sehr wohl: Jenny LaMarsh war eine eindrucksvolle langbeinige Brünette mit einer prächtigen Figur, einem kühl belustigten Lächeln und einem schlagfertigen, boshaften Witz. Ihm hatten nicht nur ihre offenkundigen weiblichen Qualitäten imponiert, sondern auch ihre Bildung. Wenn ihn nicht alles täuschte, hatte irgend jemand gesagt, daß sie in Vassar studiert hatte. Sie hatte eine Art Vertrag mit einem der kleineren Filmstudios.

»Ja, ich erinnere mich.«

»Ich hab' mich mit ihr unterhalten, Mr. O'Keefe - ein paarmal, und sie würde Sie gern auf einer Reise begleiten. Auch auf zweien.«

Die Frage, ob sich Miss LaMarsh über die Konsequenzen einer gemeinsamen Reise im klaren war, erübrigte sich. Hank Lemnitzer hatte sich bestimmt darum gekümmert. Curtis O'Keefe konnte nicht leugnen, daß die Aussicht ihn reizte. Der Umgang mit Jenny LaMarsh - ihre Gespräche, von anderen Dingen ganz zu schweigen - würde anregend sein. Ihr würde es gewiß nicht schwerfallen, sich bei den Leuten durchzusetzen, die sie zusammen kennenlernten. Und über so einfache Probleme wie die Wahl eines Fruchtsaftes würde sie sich nicht lange den Kopf zerbrechen.

Dennoch - und das überraschte ihn selbst - zögerte er.

»Bevor ich mich entscheide, muß ich die Gewähr haben, daß Miss Lashs Zukunft gesichert ist.«

Hank Lemnitzers Stimme dröhnte zuversichtlich quer durch den Kontinent. »Überlassen Sie das ruhig mir. Ich kümmere mich schon um Dodo genau wie bei den anderen.«

»Darum handelt es sich nicht«, sagte Curtis O'Keefe scharf. Trotz seiner Nützlichkeit mangelte es Lemnitzer gelegentlich an Zartgefühl.

»Worum handelt es sich denn, Mr. O'Keefe?«

»Ich möchte, daß Sie für Miss Lash etwas Besonderes ausfindig machen. Etwas wirklich Gutes. Und ich möchte darüber informiert werden, bevor sie von hier weggeht.«

Lemnitzer erwiderte zweifelnd: »Ich schätze, das ließe sich einrichten. Natürlich ist Dodo nicht gerade die gescheiteste -«

»Es darf nicht nur etwas x-beliebiges sein, verstehen Sie«, beharrte O'Keefe. »Und lassen Sie sich Zeit, wenn's sein muß.«

»Was ist mit Jenny LaMarsh?«

»Sie hat sonst nichts vor...?«

»Nein, ich glaube nicht?«, gab Lemnitzer widerwillig zu. Gleich darauf sagte er im alten forschen Ton: »Okay, Mr. O'Keefe, wird besorgt. Sie hören von mir.«

Als O'Keefe in den Salon der anderen Suite zurückkehrte, stellte Dodo gerade das gebrauchte Frühstücksgeschirr auf dem Servierwagen zusammen. »Laß das sein!« fauchte er gereizt. »Es sind genug Leute da, die für die Arbeit bezahlt werden.« -»Aber ich mach's doch gern, Curtie.« Sie wandte ihm ihre großen ausdrucksvollen Augen zu, und er sah, daß sie bestürzt und verletzt war. Dennoch gehorchte sie.

Er verstand seine schlechte Laune selbst nicht recht. »Ich mache einen Rundgang durchs Hotel«, erklärte er und beschloß, Dodo später - gewissermaßen als Entschädigung - zu einer Besichtigungstour durch die Stadt einzuladen. Soweit er sich erinnerte, konnte man auf einem plumpen alten Heckraddampfer, der »S. S. President«, durch den Hafen fahren. Im allgemeinen war das Schiff vollgepackt mit Touristen, aber gerade solche harmlosen Vergnügungen machten Dodo den meisten Spaß.

Als er bereits an der Tür stand, trieb es ihn, ihr davon zu erzählen Sie warf ihm begeistert die Arme um den Hals. »Es wird einfach himmlisch sein, Curtie! Ich steck' mir das Haar hoch, weil's auf dem Wasser immer so windig ist. Guck mal, so!«

Sie hob einen schlanken Arm von seiner Schulter, strich sich ihr lose herabhängendes aschblondes Haar aus dem Gesicht und raffte es im Nacken zu einem Ponyschweif zusammen. Ihr aufwärts gekehrtes Gesicht, ihre ungekünstelte Freude waren von so atemberaubender schlichter Schönheit, daß er nahe daran war, seine unmittelbaren Pläne zu ändern und zu bleiben. Statt dessen knurrte er nur, er würde bald zurück sein, und machte die Tür der Suite abrupt hinter sich zu.

Er fuhr im Lift bis zum Zwischengeschoß und ging von da aus über die Treppe in die Halle hinunter, wo er sich Dodo resolut aus dem Sinn schlug. Während er scheinbar zerstreut umherschlenderte, entgingen ihm weder die verstohlenen Blicke der Hotelangestellten noch der plötzliche Arbeitseifer, von dem sie bei seinem Auftauchen befallen wurden. Ohne sich von ihnen stören zu lassen, setzte er seine Betrachtungen fort und verglich dabei in Gedanken seine eigenen Schlüsse mit denen von Odgen Bailey. Seine gestern geäußerte Ansicht, daß das St. Gregory einer festen leitenden Hand bedurfte, wurde durch das, was er sah, bestätigt. Er teilte auch Baileys Standpunkt hinsichtlich des Ausbaus neuer Einnahmequellen.

So sagte ihm beispielsweise seine Erfahrung, daß die dicken Säulen in der Halle höchstwahrscheinlich nur Dekorationszwecken dienten. Traf das zu, dann wäre es die einfachste Sache von der Welt, sie teilweise auszuhöhlen und den auf diese Art gewonnenen Raum als Schaukasten an ortsansässige Geschäftsleute zu vermieten.

In der Passage unter der Halle, einem ausgesucht guten Platz, befand sich ein Blumenladen. Das Hotel bezog daraus vermutlich etwa dreihundert Dollar Miete im Monat. Eine moderne, phantasievoll ausgestattete Cocktaildiele - zum Beispiel in Gestalt eines Flußboots - würde an der gleichen Stelle gut an die fünfzehnhundert Dollar monatlich einbringen, und dem Blumenstand konnte man bequem einen anderen Platz zuweisen.

Bei der Rückkehr in die Halle entdeckte er noch mehr ungenutzten Raum. Wenn man die Fläche, die gegenwärtig dem Publikum zur Verfügung stand, energisch beschnitt, konnte man noch ein weiteres halbes Dutzend Verkaufsschalter -Fluggesellschaften, Leihwagen, Stadtrundfahrten, Schmuck, vielleicht auch einen Drugstore - gewinnbringend hineinzwängen. Natürlich würde sich damit auch der Charakter der Hotelhalle verändern; die Atmosphäre ungezwungenen Komforts würde verschwinden zusammen mit den grünen Gewächsen und den dicken weichen Teppichen. Aber heutzutage waren es die hellerleuchteten Hallen mit den Reklameschildern, wohin das Auge blickte, die dazu beitrugen, die Bilanz eines Hotels erfreulicher zu gestalten.

Noch ein Punkt: Ein Großteil der Sessel mußte entfernt werden. Wenn die Leute sich ausruhen wollten, sollten sie sich in eine der Bars oder eines der Restaurants setzen; dabei sprang für das Hotel mehr heraus.

Vor Jahren war ihm eine Lektion über kostenloses Herumsitzen erteilt worden, und er hatte sie sich zu Herzen genommen. Es war in seinem allerersten Hotel gewesen - einer schlecht gebauten, auf Fassade getrimmten, feuergefährlichen Spelunke in einer Kleinstadt des Südwestens. Das Hotel hatte nur einen Vorzug: ein Dutzend Münzklosetts, die von jedem Farmer oder Rancharbeiter hundert Meilen im Umkreis zu den verschiedensten Zeiten benutzt wurden. Zum großen Staunen des jungen O'Keefe flossen ihm aus dieser Quelle beträchtliche Einnahmen zu; sie erhöhten sich jedoch aus einem bestimmten Grunde nicht. Schuld daran war ein staatliches Gesetz, nach dem für die Benutzung von einer der zwölf Toiletten keine Gebühren erhoben werden durften, und die Angewohnheit der sparsamen Farmarbeiter, da Schlange zu stehen, wo es nichts kostete. O'Keefe löste das Problem, indem er den Trunkenbold der Stadt anheuerte. Für zwanzig Cent die Stunde und eine Flasche billigen Wein hielt der Mann Tag für Tag beharrlich die gebührenfreie Toilette besetzt, woraufhin die Einnahmen bei den elf anderen ruckartig in die Höhe schnellten.

Curtis O'Keefe lächelte versonnen.

In der Halle herrschte nun reges Treiben. Eine Gruppe neuer Gäste war gerade eingetroffen und trug sich ein, während einige Nachzügler noch das Gepäck nachprüften, das von einem Flughafenbus abgeladen wurde. Vor dem Empfangstisch hatte sich eine kleine Schlange gebildet. O'Keefe blieb stehen und sah zu.

In diesem Moment bemerkte er etwas, das offenbar bis jetzt noch niemandem aufgefallen war.

Ein gut gekleideter Neger in mittleren Jahren kam, einen Koffer in der Hand, durch die Halle geschlendert, so unbekümmert, als machte er seinen nachmittäglichen Spaziergang. Er trat an den Empfangstisch, stellte seinen Koffer ab und reihte sich in die Schlange ein.

Der Wortwechsel, der wenig später folgte, war deutlich vernehmbar.

»Guten Morgen«, sagte der Neger. Seine Stimme - der Aussprache nach stammte er aus dem mittleren Westen - klang freundlich und kultiviert. »Ich bin Dr. Nicholas; Sie haben ein Zimmer für mich reserviert.« Während des Wartens hatte er seinen scharzen Homburg abgenommen; sein sorgfältig gebürstetes Haar war eisengrau.

»Ja, Sir. Würden Sie sich bitte eintragen, Sir.« Der Angestellte am Empfang leierte sein Sprüchlein mechanisch herunter, ohne aufzublicken. Dann hob er den Kopf, und seine Miene erstarrte. Seine Hand schnellte vor und zog den Anmeldeblock zurück, den er dem Gast gerade erst hingeschoben hatte.

»Bedaure«, sagte er entschieden, »das Hotel ist besetzt.«

»Mein Zimmer ist bestellt«, erwiderte der Neger gelassen. »Ich besitze eine Bestätigung des Hotels.« Er zog seine Brieftasche heraus, aus der einige Papiere hervorragten, und nahm eines davon heraus.

»Tut mir leid, das muß ein Versehen sein.« Der Angestellte warf einen flüchtigen Blick auf den Brief, der vor ihm lag. »Wir haben im Moment einen Kongreß im Haus.«

»Ich weiß.« Der andere nickte; sein Lächeln war matter geworden. »Den Zahnärztekongreß. Ich gehöre nämlich dazu.«

Der Angestellte schüttelte den Kopf. »Bedaure, aber ich kann nichts für Sie tun.«

Der Neger steckte seine Brieftasche weg. »In diesem Fall möchte ich mit jemand anderem sprechen.«

Während des Gesprächs hatten sich weitere Neuankömmlinge an die Schlange vor dem Empfangstisch angeschlossen. Nun erkundigte sich ein Mann in einem Regenmantel ungeduldig: »Was ist los da vorn? Geht's nicht bald weiter?« O'Keefe blieb wie angewurzelt stehen. Er hatte das Gefühl, in der nun von Menschen wimmelnden Hotelhalle ticke eine Zeitbombe, die jeden Moment explodieren würde.

»Sie können mit dem stellvertretenden Minager sprechen«, sagte der Angestellte und rief, sich über den Tisch beugend, mit schriller Stimme: »Mr. Bailey!«

Am entgegengesetzten Ende der Halle blickte ein ältlicher Mann von einem in einer Nische stehenden Schreibtisch hoch.

»Mr. Bailey, würden Sie bitte mal herüberkommen?«

Der stellvertretende Manager nickte und hievte sich mit einem Anflug von Müdigkeit aus seinem Sessel. Während er gemächlich herüberkam, breitete sich über sein faltiges, gedunsenes Gesicht das Lächeln des professionellen Begrüßers.

Ein alter Angestellter, dachte Curtis O'Keefe, dem man zum Lohn für langjährige treue Dienste hinter dem Empfangstisch einen Sessel und Schreibtisch in der Halle eingeräumt hatte, mit der Befugnis, geringfügige Probleme selbst zu lösen. Der Titel eines stellvertretenden Managers war hier, wie in den meisten Hotels, nur ein Zugeständnis an die Eitelkeit des Publikums; er sollte die Gäste zu dem Glauben verleiten, sie hätten es mit einer bedeutenden Persönlichkeit zu tun. Die wirklich wichtigen Leute befanden sich jedoch in den Verwaltungsbüros außer Sichtweite.

»Mr. Bailey, ich habe dem Gentleman hier bereits erklärt, daß das Hotel voll belegt ist.«

»Und ich habe darauf hingewiesen, daß mir das Hotel die Zimmerreservierung bestätigt hat.«

Der stellvertretende Manager lächelte gutmütig in die Runde; sein offenkundiges Wohlwollen umfaßte auch die Schlange der wartenden Gäste. »Nun ja«, sagte er beschwichtigend, »wir müssen eben sehen, was sich tun läßt.« Er legte eine mollige, nikotinverfärbte Hand auf den Ärmel von Dr. Nicholas' teuren Maßanzug. »Würden Sie so freundlich sein, drüben Platz zu nehmen?« Während er mit dem Neger auf die Nische zusteuerte, füge er hinzu: »Leider kommt es immer wieder mal zu so einem Versehen. Wir tun natürlich unser möglichstes, um es auszubügeln.«

Curtis O'Keefe gab im stillen zu, daß der ältliche Mann sich auf sein Fach verstand. Höflich und ohne viel Aufhebens hatte er eine Szene, die äußerst peinlich hätte werden können, von der Mitte der Bühne in die Seitenkulissen manövriert. Inzwischen hatte auch der Empfang Verstärkung bekommen, so daß die wartenden Gäste schnell abgefertigt werden konnten. Nur ein verhältnismäßig junger, breitschultriger Mann, dem eine dicke Brille ein eulenhaftes Aussehen gab, war aus der Reihe getreten und beobachtete, wie sich die Dinge weiterentwickelten. Nun ja, dachte Curtis O'Keefe, vielleicht kommt es doch nicht zu einer Explosion. Trotzdem harrte er aus.

Der stellvertretende Manager bot Dr. Nicholas einen Sessel an und ließ sich hinter seinem Schreibtisch nieder. Mit undurchdringlicher Miene lauschte er aufmerksam dem Bericht des Negers, der im wesentlichen das wiederholte, was er bereits am Empfangstisch vorgebracht hatte.

Schließlich nickte der ältliche Mann. »Nun, Doktor -«, er schlug einen forschen geschäftsmäßigen Ton an, »ich möchte mich wegen des Mißverständnisses bei Ihnen entschuldigen. Ich bin sicher, wir können in der Stadt eine andere Unterkunft für Sie finden.« Mit der einen Hand zog er das Telefon heran und hob den Hörer ab, mit der anderen nahm er verstohlen ein Blatt Papier vom Schreibtisch, das eine Liste von Telefonnummern enthielt.

»Moment mal!« Zum erstenmal bekam die weiche Stimme des Gastes eine gewisse Schärfe. »Sie behaupten, das Hotel wäre belegt. Aber wie ich sehe, fertigen Ihre Angestellten am laufenden Band neue Gäste ab. Haben die vielleicht eine besondere Sorte von Reservierungen?«

»So könnte man es nennen, schätze ich.« Das berufsmäßige Lächeln war verschwunden.

»Jim Nicholas!« schallte es lärmend fröhlich durch die Halle. Ein kleiner alter Mann mit einem lebhaften runden Gesicht unter einem Schopf widerspenstigen weißen Haars kam mit hastigen Trippelschritten auf die Nische zu.

Der Neger stand auf. »Dr. Ingram! Wie schön, Sie hier zu sehen!« Er streckte seine Hand aus, die der andere kräftig schüttelte.«

»Wie geht's, Jim, mein Junge? Nein, antworten Sie mir nicht! Ich kann selbst sehen, daß es Ihnen gut geht. Erfolg haben Sie auch, wenn mich meine Augen nicht täuschen. Ihre Praxis blüht, nehme ich an.«

»Ja, danke.« Dr. Nicholas lächelte. »Natürlich kostet mich die Arbeit an der Universität eine Menge Zeit.«

»Wem sagen Sie das! Als ob ich das nicht wüßte! Ich bringe mein ganzes Leben damit zu, Burschen wie Sie zu unterrichten, und dann fliegt ihr aus und verschafft euch eine einträgliche Praxis.« Als der andere breit grinste, fügte er hinzu: »Na, Sie haben sich jedenfalls als Forscher und Praktiker bewährt. Ihre Abhandlung über bösartige Mundtumore hat ziemlich viel Aufhebens gemacht, und wir freuen uns alle auf einen Bericht aus erster Hand. Übrigens werde ich das Vergnügen haben, Sie auf dem Kongreß einzuführen. Sie wissen wohl schon, daß man mich diesmal zum Präsidenten ernannt hat?«

»Ja, ich hörte davon. Ich könnte mir keine bessere Wahl vorstellen.«

Während die beiden miteinander plauderten, hatte sich der stellvertretende Manager langsam von seinem Sessel erhoben. Seine Augen schweiften unsicher von einem Gesicht zum anderen.

Der kleine weißhaarige Mann, Dr. Ingram, lachte. Er klopfte seinem jüngeren Kollegen jovial auf die Schulter. »Geben Sie mir Ihre Zimmernummer, Jim. Ein paar von uns kommen nachher auf einen Drink zusammen. Ich möchte, daß Sie dabei sind.«

»Unglücklicherweise wurde mir eben mitgeteilt, daß ich kein Zimmer bekommen kann«, sagte Dr. Nicholas. »Es scheint irgendwie mit meiner Hautfarbe zu tun zu haben.«

Ein schockiertes Schweigen folgte, und der Präsident des Zahnärztekongresses errötete tief. Dann schob er das Kinn vor und erklärte: »Überlassen Sie das mir, Jim. Ich werde dafür sorgen, daß man sich bei Ihnen entschuldigt und Sie hier unterbringt. Andernfalls werden alle Kongreßteilnehmer sofort aus dem Hotel ausziehen, das verspreche ich Ihnen.«

Der stellvertretende Manager hatte indessen einen Boy herangewinkt. Nun flüsterte er ihm hastig zu: »Holen Sie Mr. McDermott, aber schnell!«

4

Für Peter McDermott begann der Tag mit einem geringfügigen Organisationsproblem. Unter seiner Morgenpost befand sich ein Bericht vom Empfang mit der Information, daß Mr. und Mrs. Justin Kubek aus Tuscaloosa am folgenden Tag im St. Gregory eintreffen würden. Was die Kubeks zu einem Sonderfall machte, ging aus einem beigefügten Brief von Mrs. Kubek hervor, in dem sie darauf hinwies, daß ihr Mann zwei Meter zehn groß war.

Hinter seinem Schreibtisch sitzend, wünschte sich Peter, daß alle Hotelprobleme so einfach seien.

»Sagen Sie der Schreinerei Bescheid«, instruierte er seine Sekretärin Flora Yates. »Sie haben vermutlich noch das Bett und die Matratze, die wir für General de Gaulle benutzten; wenn nicht, müssen sie was anderes zurechtmachen. Sorgen Sie dafür, daß gleich morgen früh ein Zimmer angewiesen und das Bett hineingestellt wird, bevor die Kubeks eintreffen. Geben Sie auch der Hausdame Bescheid. Sie wird extra große Laken und Decken brauchen.«

Flora, die ihm gegenüber auf der anderen Seite des Schreibtisches saß und sich Notizen machte, war die Ruhe selbst. Peter konnte sich darauf verlassen, daß sie seine Anordnungen korrekt weiterleiten und sich morgen unaufgefordert vergewissern würde, ob sie ausgeführt waren.

Er hatte Flora bei seiner Ankunft im St. Gregory zusammen mit dem Büro übernommen und war ziemlich bald dahintergekommen, daß sie die ideale Sekretärin war - tüchtig, zuverlässig, an die Vierzig, glücklich verheiratet und unansehnlich wie eine Betonwand. Was den Umgang mit Flora so angenehm machte, war, daß man sie schrecklich gern haben konnte - und Peter hatte sie sehr gern -, ohne daß es einen von der Arbeit ablenkte. Wäre beispielsweise Christine bei ihm beschäftigt, würde sich das ganz anders auswirken.

Seit seinem überstürzten Aufbruch aus Christines Appartement hatte er fast unausgesetzt an sie gedacht. Sogar im Schlaf, denn er hatte von ihr geträumt. Im Traum waren sie friedlich auf einem von grünen Ufern gesäumten Fluß entlanggeglitten (vermutlich in einem Kahn, aber er war sich dessen nicht ganz sicher), umsäuselt von einer Art Sphärenmusik, bei der Harfen, soweit er sich erinnerte, den Ton angaben. Er hatte Christine, als er sie gleich am Morgen anrief, davon erzählt, und sie hatte gefragt: »Fuhren wir stromaufwärts oder stromabwärts? - das müßte doch eigentlich irgendeine Bedeutung haben.« Das wußte er aber nicht mehr. Er wußte nur noch, daß er das Ganze unendlich genossen hatte, und sagte zu Christine, hoffentlich könne er später da weiterträumen, wo er gestern nacht aufgehört hatte.

Vorher jedoch - irgendwann heute abend - wollten sie sich wieder treffen. Beide stimmten darin überein, daß man Ort und Zeit später vereinbaren würde. »Dann habe ich wenigstens einen Grund, dich anzurufen«, meinte Peter.

»Wer braucht dazu schon einen Grund?« entgegnete sie. »Übrigens habe ich mir bereits vorgenommen, gleich nachher ein furchtbar wichtiges Schriftstück zu finden, das ich ganz plötzlich dir persönlich überbringen muß.« Ihre Stimme klang glücklich, fast atemlos, als wäre die Erregung, die gestern nacht jeder im anderen entfacht hatte, auch auf den neuen Tag übergesprungen.

In der stillen Hoffnung, daß Christine bald auftauchen würde, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Flora und der Morgenpost zu.

Der Stapel Briefe enthielt die übliche Mischung, darunter auch mehrere Anfragen wegen Kongressen, mit denen er sich zuerst befaßte. Wie gewöhnlich nahm er die Stellung ein, die er beim Diktieren bevorzugte - die hochgelegten Füße ruhten auf einem großen ledernen Papierkorb, und der gepolsterte Drehsessel war so weit nach hinten gekippt, daß Peters Körper beinahe waagerecht lag. Er fand, er könne in dieser Haltung besonders gut nachdenken, und er hatte sie durch ständiges Experimentieren so weit verbessert, daß sich der Stuhl an der äußersten Grenze des Gleichgewichts befand und eine Katastrophe nur um Haaresbreite vermieden wurde. Flora beobachtete den Balanceakt, wie so oft, mit erwartungsvoller Miene. Aber sie beugte sich sogleich wieder über den Stenogrammblock und enthielt sich jeden Kommentars.

Bei der Post war diesmal noch ein Brief, den Peter vordringlich beantwortete. Er kam von einem Mann aus New Orleans, dessen Frau vor einigen Wochen an einem privaten Hochzeitsempfang im Hotel teilgenommen hatte. Dabei hatte sie ihre Nerzjacke zu den Mänteln der anderen Gäste auf einen Flügel gelegt. Später entdeckte sie in dem kostbaren Stück ein Loch, das von einer Zigarette stammte. Die Reparatur kostete hundert Dollar. Der Ehemann versuchte den Betrag beim Hotel einzutreiben, und sein letzter Brief enthielt eine massive Prozeßandrohung.

Peters Antwort war höflich, aber bestimmt. Er wies noch einmal darauf hin, daß sich im Hotel Garderobenablagen befanden, von denen die Frau des Briefschreibers jedoch keinen Gebrauch gemacht hatte. Wäre das der Fall gewesen, hätte das Hotel einen Ersatzanspruch in Erwägung gezogen. So wie die Dinge lagen, war das Hotel für den Schaden nicht verantwortlich.

Vermutlich handelte es sich bei dem Brief des Ehemannes nur um einen Einschüchterungsversuch, der sich nicht unbedingt zu einer Klage auswachsen mußte, obwohl man das nie im voraus wissen konnte. Es war schon zu vielen Prozessen aus ähnlich nichtigen Gründen gekommen. Im allgemeinen wiesen die Gerichte solche Klagen ab, aber sie waren wegen des Aufwandes von Zeit und Energie, den sie forderten, ein

Ärgernis. Manchmal hatte es fast den Anschein, dachte Peter, als betrachte die Öffentlichkeit ein Hotel als bequeme Milchkuh mit einem strotzenden Euter.

Er hatte sich einen neuen Brief herausgegriffen, als jemand an die Verbindungstür zum äußeren Büro klopfte. Er sah auf in der Erwartung, Christine zu erblicken.

»Ich bin's bloß«, sagte Marsha Preyscott. »Es war niemand draußen, deshalb...« Sie erspähte Peter auf seinem schwankenden Sitz. »Um Himmels willen! Sind Sie noch nie umgekippt?«

»Bis jetzt nicht«, erwiderte er - und verlor prompt das Gleichgewicht.

Dem ohrenbetäubenden Krachen folgte ein sekundenlanges, bestürztes Schweigen.

Auf dem Fußboden hinter seinem Schreibtisch liegend, nahm Peter den angerichteten Schaden in Augenschein. Sein linker Knöchel, der beim Sturz gegen das Stuhlbein gestoßen war, schmerzte. Auch sein Hinterkopf tat weh, als er ihn behutsam abtastete; aber zum Glück hatte der Teppich die Wucht des Aufpralls gedämpft. Allerdings hatte auch seine persönliche Würde einen Puff bekommen - das bewiesen ihm Marshas schallendes Gelächter und Floras diskretes Lächeln.

Sie kamen um den Schreibtisch, um ihm auf die Beine zu helfen. Trotz seines Unbehagens empfand er wieder Marshas strahlende, atemberaubende Jugendfrische bewußt. Heute trug sie ein schlichtes blaues Leinenkleid, das ihr halb kindliches, halb frauliches Wesen unterstrich. Ihr schimmerndes langes schwarzes Haar hing ihr, wie am Tag zuvor, auf die Schultern herab.

»Sie sollten mit Netz arbeiten«, sagte Marsha, »wie die Zirkusleute.«

Peter grinste beschämt. »Vielleicht sollte ich mir auch gleich das Kostüm vom dummen August borgen.«

Flora richtete den schweren Drehsessel wieder auf. Als sich Peter mit Hilfe von Marsha und Flora mühselig hoch hievte, kam Christine herein. Sie blieb, ein Papier in der Hand schwenkend, auf der Schwelle stehen. »Störe ich?«

»Nein«, sagte Peter. »Ich... also, ich bin vom Stuhl gefallen.«

Christines Augen schweiften zu dem massiven Drehsessel hinüber, der an seinem alten Platz stand.

»Er kippte nach hinten.«

»Das haben Stühle so an sich, nicht wahr? Immer.« Christine sah Marsha an. Flora hatte sich diskret zurückgezogen.

Peter stellte die beiden einander vor.

»Wie geht es Ihnen, Miss Preyscott?« sagte Christine. »Ich habe von Ihnen gehört.«

Marsha blickte abschätzend von Peter auf Christine. »Wenn man in einem Hotel arbeitet, hört man vermutlich allen möglichen Klatsch, Miss Francis«, antwortete sie kühl. »Sie arbeiten doch hier, nicht wahr?«

»Klatsch habe ich eigentlich nicht gemeint. Aber Sie haben recht, ich arbeite hier. Folglich kann ich jederzeit wiederkommen, wenn es hier nicht mehr so stürmisch zugeht.«

Peter spürte eine spontane Feindseligkeit zwischen Marsha und Christine und fragte sich, was sie verursacht haben könnte.

Als hätte sie seine Gedanken erraten, sagte Marsha mit einem charmanten Lächeln: »Meinetwegen brauchen Sie nicht zu gehen, Miss Francis. Ich hab' nur rasch vorbeigeschaut, um Peter an das Dinner heute abend zu erinnern.« Sie sah ihn an »Sie haben es doch nicht vergessen, oder?«

»Nein.« Peter hatte ein hohles Gefühl im Magen. »Nein«, log er, »ich habe es nicht vergessen.«

Ein kurzes Schweigen folgte, das Christine mit der Frage unterbrach: »Heute abend?«

»Ach herrje!« rief Marsha. »Muß er vielleicht arbeiten oder so was?«

Christine schüttelte energisch den Kopf. »Er hat nichts vor. Ich selbst werde dafür sorgen, daß er rechtzeitig wegkommt.«

»Das ist wirklich süß von Ihnen.« Marsha bedachte Christine wieder mit dem charmanten Lächeln. »Also, ich mach' mich jetzt besser auf die Beine. O ja - um sieben Uhr«, fügte sie zu Peter gewandt hinzu, »und die Adresse ist Prytania Street - das Haus mit den vier großen Säulen. Auf Wiedersehen, Miss Francis.« Sie winkte einen lässigen Gruß, ging hinaus und schloß die Tür.

Mit unschuldsvoller Miene erkundigte sich Christine: »Soll ich die Adresse nicht aufschreiben?... Das Haus mit den vier großen Säulen... damit du's nicht vergißt?«

Er hob hilflos die Hand. »Ich weiß - wir waren verabredet. Die Sache mit Marsha war mir völlig entfallen. Nach dem gestrigen Abend hab' ich bloß noch an uns beide gedacht. Und als wir heute morgen miteinander telefonierten, war ich doch ziemlich durcheinander.«

»Das wundert mich nicht«, sagte Christine vergnügt. »Welcher Mann würde nicht durcheinander geraten, wenn er so umschwärmt wird.«

Sie hatte beschlossen - obwohl es sie einige Mühe kostete -, die Sache leichtzunehmen und, wenn nötig, Verständnis zu zeigen. Sie sagte sich, daß die gestrige Nacht ihr noch kein festes Anrecht auf Peters Zeit gab und daß seine Erklärung vermutlich stimmte. »Hoffentlich hast du einen angenehmen Abend«, fügte sie hinzu.

Er bewegte sich unruhig in seinem Sessel. »Marsha ist noch ein Kind.«

Alles hatte seine Grenzen, fand Christine, auch Geduld und Verständnis. Ihre Augen forschten in seinem Gesicht. »Ich nehme an, du glaubst das wirklich. Als Frau weiß ich das besser, und ich kann dir nur sagen, daß die kleine Miss Preyscott einem Kind so ähnlich ist wie eine Katze einem Tiger. Aber vermutlich macht es einem Mann Spaß, aufgefressen zu werden.«

»Du siehst das Ganze völlig falsch.« Er schüttelte ungeduldig den Kopf. »Die Sache ist einfach die, daß sie vor zwei Nächten eine scheußliche Erfahrung machte und... «

»Einen Freund brauchte.«

»Richtig.«

»Und da warst du zur Stelle!«

»Wir kamen ins Gespräch. Und ich sagte, ich würde heute abend zu ihr zu einer Dinnerparty kommen. Es werden noch andere Gäste da sein.«

»Bist du sicher?«

Bevor er antworten konnte, schrillte das Telefon. Verärgert griff er nach dem Hörer.

»Mr. McDermott«, sagte eine erregte Stimme, »hier unten gib's Ärger, und der stellvertretende Manager sagt, Sie möchten bitte so schnell wie möglich in die Halle kommen.«

Als Peter den Hörer auflegte, war Christine nicht mehr da.

5

Es gab Zwangslagen, von denen man immer hoffte, sie würden einem erspart bleiben, dachte Peter McDermott grimmig. Kam es dann doch so weit, dann war es, als wäre ein lange gefürchteter Albtraum Wirklichkeit geworden. Schlimmer noch, Seelenfrieden, Überzeugungen, Integrität und Verpflichtungen gingen dabei in die Brüche.

In wenigen Augenblicken hatte er die Situation in der Halle überschaut, obwohl die Auseinandersetzung noch im Gange war. Der würdevolle Neger mittleren Alters, der ruhig neben dem Schreibtisch in der Nische saß, der empörte Dr. Ingram, hochgeschätzter Präsident des Zahnärztekongresses, und der unverhohlene Gleichmut des stellvertretenden Managers, nun, da die Verantwortung von seinen Schultern genommen war - all das sagte Peter genug.

Es war nur zu deutlich, daß die Krise, die sich so plötzlich angebahnt hatte, eine Explosion auslösen konnte, falls man ihr nicht geschickt begegnete.

Peter gewahrte zwei Zuschauer: das vertraute, so oft in den Zeitungen abgebildete Gesicht von Curtis O'Keefe, der die Szene aus diskreter Entfernung gespannt beobachtete, und einen jugendlichen, breitschultrigen Mann mit dicker Brille, grauen Flanellhosen und Tweedjacke. Er stand neben einem vielgereisten Koffer und schien sich oberflächlich in der Halle umzusehen, dennoch entging ihm nichts von dem Drama, das sich neben dem Schreibtisch abspielte.

Der Präsident des Zahnärztekongresses richtete sich zu seiner vollen Größe von einsvierundsechzig auf, sein rundes rosiges Gesicht unter dem widerspenstigen weißen Haarschopf war hochrot, sein Mund eine dünne Linie. »Mr. McDermott, sollten Sie und Ihr Hotel auf diesem unerhörten Affront beharren, dann möchte ich Sie jetzt schon darauf vorbereiten, daß Sie sich damit eine Menge Ärger auf den Hals laden.« Die Augen des kleinen Doktors funkelten zornig, seine Stimme schwoll an. »Dr. Nicholas ist ein hochgeachtetes Mitglied unseres Verbandes. Wenn Sie ihm ein Zimmer verweigern, betrachte ich das als eine persönliche Kränkung und als eine Verunglimpfung sämtlicher Tagungsteilnehmer.«

Wäre ich nur Statist und nicht unmittelbar betroffen, dachte Peter, dann würde ich jetzt vermutlich Hurra rufen. Aber man muß den Tatsachen ins Gesicht sehen. Er war betroffen, und sein Job verlangte, daß er alles tat, um einen Skandal zu verhindern. »Vielleicht würden Sie und Dr. Nicholas« - sein Blick schloß den Neger höflich mit ein - »in mein Büro kommen, wo wir die Angelegenheit in aller Ruhe besprechen können.«

»Nein, Sir! Wir werden hier darüber sprechen. Wir haben nichts zu verbergen.« Der zornige kleine Doktor wich und wankte nicht. »Also geben Sie nun meinem Freund und Kollegen Dr. Nicholas ein Zimmer oder nicht?«

Köpfe wandten sich um. Mehrere Leute blieben auf dem Weg durch die Halle stehen. Der Mann in der Tweedjacke, der noch immer Interesselosigkeit vortäuschte, schob sich näher heran.

Welch ein Verhängnis hatte es gefügt, daß er sich gerade einem Mann wie Dr. Ingram widersetzen mußte, fragte sich Peter McDermott niedergeschlagen, einem Mann, den er instinktiv bewunderte. Und es war eine besondere Ironie des Schicksals, daß er erst am Tage zuvor gegen Warren Trents Vorurteile Sturm gelaufen war, die diesen Zwischenfall praktisch heraufbeschworen hatten. Einen Moment lang war Peter versucht, die Frage des ungeduldigen kleinen Doktors mit einem Ja zu beantworten und auf die Konsequenzen zu pfeifen. Aber er wußte, daß es sinnlos gewesen wäre.

Er konnte dem Empfang alle möglichen Befehle erteilen, nur nicht, daß er einem Neger ein Zimmer anwies. Diesbezüglich existierte ein strenges Verbot, das nur vom Hotelbesitzer selbst aufgehoben werden konnte. Eine Auseinandersetzung mit dem Empfang würde die peinliche Szene nur verlängern, ohne daß etwas dabei herauskam.«

»Ich bedaure es ebensosehr wie Sie, Dr. Ingram«, sagte er, »daß ich zu solch einem Schritt gezwungen bin. Die in diesem Haus geltenden Satzungen verbieten es mir leider, Dr. Nicholas hier unterzubringen. Ich wollte, ich könnte sie ändern, aber das steht nicht in meiner Macht.«

»Dann bedeutet Ihnen eine bestätigte Reservierung also gar nichts?«

»Doch, sehr viel sogar. Aber es gibt da gewisse Einschränkungen, auf die wir hätten hinweisen müssen, als Ihr Kongreß bei uns buchte. Daß wir es unterließen, war unser Fehler.«

»Hätten Sie's getan«, fauchte der kleine Doktor, »dann wären wir nicht zu Ihnen gekommen. Im übrigen können wir den Kongreß auch jetzt noch verlegen.«

Der stellvertretende Manager warf dazwischen: »Ich erbot mich, woanders eine Unterkunft zu besorgen, Mr. McDermott.«

»Wir sind nicht interessiert!« Dr. Ingram wandte sich wieder Peter zu. »McDermott, Sie sind ein junger Mann und intelligent, sollte man meinen. Was empfinden Sie eigentlich bei dem, was Sie da gerade tun?«

Warum ausweichen, dachte Peter und erwiderte: »Offengestanden, Doktor, ich habe mich selten mehr geschämt.« Und im stillen fügte er hinzu: Falls ich den Mut meiner Überzeugung hätte, würde ich kündigen und auf der Stelle gehen. Aber seine Vernunft wandte ein: Wäre damit irgend etwas gewonnen? Dr. Nicholas würde sein Zimmer trotzdem nicht bekommen, und Peter verlöre jede Möglichkeit, auf Warren Trent einzuwirken. War es nicht schon aus diesem Grund besser zu bleiben und auch weiterhin alles zu tun, was man tun konnte? Er wünschte jedoch, er wäre seiner Sache sicherer.

»Gottverdammt noch mal, Jim!« Die Stimme Dr. Ingrams klang tief bekümmert. »Auf diese Art lass' ich mich nicht abspeisen.«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Es tut weh, das kann ich nicht leugnen, und meine streitbaren Freunde würden mir vermutlich sagen, ich sollte mich stärker zur Wehr setzten. Aber -« er zuckte mit den Schultern - »ich bin ein Mann der Wissenschaft und kein Kämpfer. Am Nachmittag geht eine Maschine nach dem Norden. Ich werde versuchen, mit ihr zurückzufliegen.«

Dr. Ingram sah Peter an. »Begreifen Sie denn nicht? Dieser Mann ist ein bekannter Lehrer und Forscher. Er soll uns einen äußerst wichtigen Vortrag halten.«

Gibt es wirklich keinen Ausweg, fragte sich Peter wütend.

»Ich frage mich, ob Sie einen Vorschlag in Erwägung ziehen würden«, sagte er. »Falls sich Dr. Nicholas mit der Unterbringung in einem anderen Hotel einverstanden erklärt, will ich dafür sorgen, daß er hier an den Sitzungen teilnehmen kann.« Es war ein leichtsinniges Versprechen, darüber war sich Peter im klaren. Es würde schwer durchzudrücken sein und einen harten Kampf mit Warren Trent kosten. Aber soviel wollte er wenigstens fertigbringen - oder selbst seiner Wege gehen.

»Und die geselligen Zusammenkünfte - die Dinner- und Lunchveranstaltungen?« Der Neger blickte ihn gerade an.

Peter schüttelte langsam den Kopf. Es war zwecklos, Zugeständnisse zu machen die er nicht erfüllen konnte.

Dr. Nicholas zuckte mit den Schultern; seine Miene verhärtete sich. »Dann hätte das Ganze doch keinen Sinn. Ich werde meinen Bericht mit der Post verschicken, Dr. Ingram, damit er auf diese Art die Runde macht. Ich glaube, Sie werden einiges darin finden, das Sie interessiert.«

»Jim!« Der kleine weißhaarige Mann war heftig bewegt. »Jim, ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll. Aber verlassen Sie sich darauf, in dieser Sache ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.«

Als Dr. Nicholas sich nach seiner Reisetasche umsah, sagte Peter: »Ich rufe einen Boy.«

»Nein!« Dr. Ingram drängte ihn beiseite. »Den Koffer trage ich! Das ist ein Privileg, das ich mir nicht nehmen lasse.«

»Gestatten Sie, Gentlemen«, sagte eine Stimme hinter ihnen. Als sie sich umwandten, klickte eine Kamera. »Danke. Und jetzt noch mal.« Der Mann in der Tweedjacke spähte durch den Sucher seiner Rolleiflex und knipste wieder. Den Apparat senkend, bemerkte er: »Diese hochempfindlichen Filme sind phantastisch. Früher hätte ich blitzen müssen.«

»Wer sind Sie?« fragte Peter heftig.

»Meinen Sie wer oder was?«

»Egal! Auf jeden Fall ist das hier privates Gebiet...«

»Ach, hören Sie schon auf damit! Immer dieselbe alte Leier.« Der Mann mit der Kamera verstellte die Blende. Als Peter auf ihn zutrat, blickte er hoch. »Immer sachte, Kumpel. Ihr Hotel wird ganz schön sinken, wenn ich mit ihm fertig bin. Das Verprügeln eines Fotografen macht sich in so einem Bericht immer gut.« Er grinste breit, als Peter zögerte. »Sie denken schnell, das muß ich Ihnen lassen.«

»Sind Sie ein Zeitungsmann?« warf Dr. Ingram ein.

»Gute Frage, Doktor.« Der Mann mit der dicken Brille grinste wieder. »Mein Boß ist gelegentlich anderer Meinung. Aber wenn ich ihm diesen kleinen Knüller aus meinem Urlaub schicke, wird er seine Meinung revidieren, schätz' ich.«

»Welche Zeitung?« Peter hoffte, daß es sich um irgendein obskures Blatt handelte.

»New York Herald Tribune.«

»Fein!« Der Präsident des Zahnärztekongresses nickte beifällig. »Die wird die Sache groß herausbringen. Ich hoffe, Sie haben gesehen, was hier passiert ist.«

»Sicher, ich bin im Bilde«, erwiderte der Zeitungsmann. »Ich brauche nur noch ein paar Auskünfte von Ihnen, damit ich die Namen richtig hinkriege. Vorher möchte ich draußen noch ein Foto machen - mit Ihnen und dem anderen Doktor.«

Dr. Ingram faßte seinen farbigen Kollegen am Arm. »Das ist die richtige Art, die Sache auszufechten, Jim. Wir werden den Namen dieses Hotels durch sämtliche Zeitungen der Staaten zerren.«

»Darauf können Sie Gift nehmen«, pflichtete der Zeitungsmann bei. »Die Agenturen werden sich um die Story reißen; und um meine Fotos auch, wenn mich nicht alles täuscht.«

Der Neger nickte bedächtig.

Da konnte man nichts machen, dachte Peter finster. Gar nichts.

Curtis O'Keefe war, wie er bemerkte, stillschweigend verschwunden.

Als die drei auf den Ausgang zusteuerten, sagte Dr. Ingram: »Ich möchte die Angelegenheit möglichst schnell abwickeln. Sobald Sie Ihre Fotos haben, werde ich die Verlegung unseres Kongresses einleiten. Man muß die Hotelleute da treffen, wo es sie am meisten schmerzt - am Geldbeutel.« Seine polternde, ehrliche Stimme entfernte sich aus der Halle.

6

»Ist die Polizei bei ihren Nachforschungen weitergekommen?« erkundigte sich die Herzogin von Croydon.

Es war kurz vor elf Uhr vormittags. In der Abgeschiedenheit der Präsidentensuite saßen die Herzogin und ihr Gatte dem Hausdetektiv ängstlich gegenüber. Ogilvies fetter unförmiger Körper quoll über den Rand des Rohrstuhles, der bei jeder Bewegung protestierend knarrte.

Sie befanden sich in dem geräumigen, sonnenhellen Salon der Suite hinter sorglich verschlossenen Türen. Wie am Vortage hatte die Herzogin die Zofe und den Sekretär unter einem Vorwand weggeschickt.

Ogilvie dachte gründlich nach, bevor er antwortete. »Bisher wissen sie bloß, daß der Wagen nicht da ist, wo sie ihn suchen. Sie haben mit allen verfügbaren Leuten die nähere Umgebung der Stadt und die Vororte durchgekämmt, und nach dem, was ich gehört hab', sind sie noch nicht fertig damit. Aber ich schätze, morgen werden sie anfangen, sich in die Stadt hineinzuarbeiten.«

In dem Verhältnis zwischen den Croydons und Ogilvie war seit gestern eine kaum wahrnehmbare Veränderung eingetreten. Zuvor waren sie Feinde gewesen. Nun waren sie Komplicen, obwohl sie einander noch nicht recht trauten und sich gewissermaßen erst zu einem Einverständnis hintasteten, dessen Konsequenzen sie selbst noch nicht übersahen.

»Wenn wir nur so wenig Zeit haben, warum vertrödeln wir sie dann?« fragte die Herzogin.

Die gemeinen Schweinsäuglein des Hausdetektivs verhärteten sich. »Sie bilden sich wohl ein, ich müßte jetzt gleich mit dem Wagen losgondeln? Mitten am hellichten Tag? Ihn vielleicht sogar auf der Canal Street parken?«

Ganz unvermittelt schaltete sich der Herzog von Croydon zum erstenmal ein. »Die letzten Tage waren für meine Frau eine schwere Nervenprobe. Sie brauchen nicht gleich grob zu werden.«

Ogilvies Miene brütender Skepsis veränderte sich nicht. Er fischte eine Zigarre aus der Rocktasche, betrachtete sie und steckte sie plötzlich wieder weg. »Ich schätze, wir sind alle ein bißchen durcheinander. Und so wird's auch bleiben, bis wir die Sache hinter uns haben.«

Die Herzogin sagte ungeduldig: »Das ist unwichtig. Mich interessiert mehr, was im Moment geschieht. Weiß die Polizei schon, daß sie nach einem Jaguar suchen muß?«

Der mächtige Kopf mit seinen Kinnwülsten bewegte sich langsam von einer Seite zur anderen. »Wenn sie's herausgekriegt haben, erfahren wir's schnell genug. Bei ausländischen Wagen dauert's, wie gesagt, meistens ein paar Tage, bevor sie ihn sicher festnageln können.«

»Deutet nichts darauf hin..., daß sie die Affäre nicht mehr so wichtig nehmen? Es ist doch sehr oft so, daß aufregende Ereignisse an allgemeinem Interesse verlieren, wenn nach ein oder zwei Tagen nichts Neues entdeckt wird.«

»Sind Sie verrückt?« Auf dem Gesicht des fetten Mannes malte sich aufrichtiges Erstaunen. »Haben Sie die Morgenzeitung nicht gelesen?«

»Doch«, sagte die Herzogin. »Bei meiner Frage war vermutlich der Wunsch der Vater des Gedankens.«

»Nichts hat sich geändert«, erklärte Ogilvie. »Außer, daß die Polizei vielleicht noch schärfer hinterher ist. Von der Lösung des Falls hängt eine Menge für sie ab, und die Polizisten wissen, wenn sie's nicht schaffen, gibt's Saures, auch für die oben an der Spitze. Der Bürgermeister hat so was angedeutet. Folglich ist jetzt auch die Politik mit im Spiel.«

»Dann dürfte das Fortschaffen des Wagens jetzt noch schwieriger sein als je zuvor?«

»Ich will Ihnen sagen, wie's ist, Herzogin. Jeder kleine Schupo weiß, falls er den Wagen schnappt, nach dem sie fahnden - Ihren Wagen -, dann kann er sich 'ne Viertelstunde später einen neuen Streifen an den Ärmel nähen. Folglich passen sie auf wie die Luchse. Schwierig ist gar kein Ausdruck.«

Ein Schweigen trat ein, das nur von Ogilvies schnaufenden Atemzügen unterbrochen wurde. Es lag auf der Hand, welches die nächste Frage sein würde, aber sie zu stellen kostete anscheinend Überwindung, denn die Antwort konnte sowohl Rettung als auch Hoffnungslosigkeit bedeuten.

Endlich sagte die Herzogin von Croydon: »Wann beabsichtigen Sie aufzubrechen? Wann werden Sie den Wagen nach dem Norden schaffen?«

»Heute nacht«, erwiderte Ogilvie. »Deswegen komme ich.«

Der Herzog stieß erleichtert und unüberhörbar die Luft aus.

»Wie wollen Sie es anstellen, unbeobachtet aus der Stadt zu kommen?« fragte die Herzogin.

»Ich kann für nichts garantieren. Aber ich hab' mir so einiges zurechtgelegt.«

»Ja?«

»Am besten fahr' ich gegen ein Uhr los, schätz' ich.«

»Ein Uhr morgens?«

Ogilvie nickte. »Ist nicht viel los um die Zeit. Wenig Verkehr, aber nicht zu wenig.«

»Sie könnten aber trotzdem gesehen werden?«

»Das Risiko besteht immer. Müssen uns eben darauf verlassen, daß wir Glück haben.«

»Wenn Sie aus der Stadt sind - wie weit wollen Sie dann noch fahren?«

»Gegen sechs wird's hell. Schätze, um die Zeit werd' ich in Mississippi sein. Höchstwahrscheinlich in der Nähe von Macon.«

»Das ist nicht weit«, protestierte die Herzogin. »Nur auf dem halben Weg durch Mississippi. Noch nicht einmal ein Viertel der Strecke nach Chikago.«

Der fette Mann rutschte auf seinem Stuhl hin und her. »Soll ich vielleicht Vollgas geben? Ein paar Rekorde brechen? Und am Ende riskieren, daß eine Verkehrsstreife hinter mir herjagt?«

»Nein, natürlich nicht. Mir liegt nur daran, daß der Wagen möglichst schnell weit weggebracht wird. Was werden Sie tagsüber machen?«

»Irgendwo in Deckung gehen. Es gibt genug geeignete Stellen in Mississippi.«

»Und dann?«

»Sowie's dunkel ist, brause ich ab. In nördlicher Richtung durch Alabama, Tennessse, Kentucky, Indiana.«

»Wann ist es sicher? Wirklich sicher?«

»Indiana, schätz ich.«

»Und den Freitag über bleiben Sie in Indiana?«

»Ich denke schon.«

»So daß Sie am Samstag in Chikago sind?«

»Samstag morgen.«

»Schön«, sagte die Herzogin. »Mein Mann und ich fliegen am Freitagabend nach Chikago. Wir steigen im Drake-Hotel ab und warten dort, bis wir von Ihnen hören.«

Der Herzog wich Ogilvies Blick aus und betrachtete seine Hände.

»Sie werden von mir hören«, antwortete der Hausdetektiv bestimmt.

»Brauchen Sie sonst noch etwas?«

»Ja, eine Vollmacht für die Garage. Für alle Fälle. Damit ich Ihren Wagen nehmen kann.«

»Ich schreibe sie gleich aus.« Die Herzogin ging quer durch den Raum zu einem Sekretär. Sie schrieb hastig eine Zeile auf einen Bogen Hotelbriefpapier und kehrte einen Moment später mit dem zusammengefalteten Blatt zurück. »Das müßte eigentlich genügen.«

Ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, verstaute Ogilvie das Papier in einer Innentasche. Sein Blick klebte am Gesicht der Herzogin.

Nach einem verlegenen Schweigen fragte sie ratlos: »Das war es doch, was sie wollten, oder nicht?«

Der Herzog von Croydon erhob sich und schritt steifbeinig davon. Den beiden anderen den Rücken zukehrend, sagte er mürrisch: »Er will das Geld haben.«

Ogilvies feistes Gesicht verzog sich zu einem süßlichen Grinsen. »Stimmt haargenau, Herzogin. Zehntausend jetzt, wie wir abgemacht hatten. Den Rest von fünfzehntausend am Samstag in Chikago.«

Bestürzt hob die Herzogin ihre beringten Hände an die Schläfen. »Ich weiß nicht, wie..., das hatte ich ganz vergessen. Es war soviel anderes zu bedenken.«

»Macht nichts. Ich hätte Sie dran erinnert.«

»Wir müssen es auf heute nachmittag verschieben. Unsere Bank wird das arrangieren... «

»Bar, in kleinen Scheinen«, sagte der fette Mann. »Nicht höher als Zwanziger, und keine neuen Scheine.«

Sie sah in forschend an. »Warum?«

»Ist auf diese Art nicht nachweisbar.«

»Trauen Sie uns nicht?«

Er schüttelte den Kopf. »In einer Sache wie der soll man niemandem trauen. Wäre nicht klug.«

»Und welchen Grund hätten wir dann, Ihnen zu trauen?«

»Fünfzehntausend stehen noch aus..., das ist ein verdammt guter Grund.« Die absurde Fistelstimme bekam einen Unterton von Ungeduld. »Und denken Sie daran - auch die will ich in bar, und Banken sind am Samstag nicht geöffnet.«

»Angenommen, wir bezahlen Sie in Chikago nicht«, sagte die Herzogin.

Das Grinsen, auch jede Andeutung davon, war verschwunden. »Ich bin wirklich froh, daß Sie das aufs Tapet gebracht haben. Damit wir uns richtig verstehen.«

»Ich glaube, ich verstehe es ohnehin, aber sagen Sie es mir trotzdem.«

»Was in Chikago passieren wird, Herzogin, ist folgendes. Ich werde den Wagen irgendwo verstecken, aber Sie werden nicht wissen, wo. Dann komme ich ins Hotel und kassiere, und sowie ich das Geld habe, geb' ich Ihnen die Schlüssel und sag' Ihnen, wo der Wagen steht.«

»Sie haben meine Frage nicht beantwortet.«

»Darauf komme ich gerade.« Die Schweinsäuglein funkelten. »Geht irgendwas schief -, zum Beispiel, wenn Sie mir sagen, Sie hätten das Geld nicht, weil die Banken am Samstag geschlossen sind und Sie das verschwitzt haben, dann alarmiere ich die Polizei - genau dort in Chikago.«

»Dann würden Sie aber für sich selbst auch eine ganze Menge zu erklären haben. Beispielsweise, warum Sie den Wagen nach dem Norden geschafft haben.«

»Da ist weiter nichts dabei. Ich würde bloß sagen, Sie hätten mir ein paar hundert Dollar dafür bezahlt, damit ich den Wagen raufbringe. Sie und der Herzog hier wollten fliegen. Und erst, als ich in Chikago ankam und mir den Wagen näher besah, war' mir ein Licht aufgegangen. Sie sehen....« Er zuckte die Schultern.

»Wir haben nicht die Absicht«, versicherte die Herzogin von Croydon, »unseren Teil der Abmachungen nicht einzuhalten. Aber genau wie Sie wollte ich sichergehen, daß wir einander verstehen.«

Ogilvie nickte. »Ich schätze, das ist okay.«

»Kommen Sie um fünf wieder her«, sagte die Herzogin. »Dann liegt das Geld bereit.«

Als Ogilvie gegangen war, verließ der Herzog seine selbst auferlegte Isolierung am anderen Ende des Raumes. Auf einem Büfett stand ein seit dem Abend zuvor wieder aufgefülltes Tablett mit Gläsern und Flaschen. Er schenkte sich einen steifen Scotch ein, fügte einen Schuß Soda zu und kippte den Drink hastig hinunter.

»Du fängst heute wieder früh an, wie ich sehe«, sagte die Herzogin eisig.

»Es ist ein Reinigungsmittel.« Er goß sich einen zweiten Scotch ein, trank ihn diesmal jedoch langsamer aus. »Wenn ich mit diesem Menschen in demselben Raum bin, komme ich mir immer schmutzig vor.«

»Er ist offenbar nicht so empfindlich«, bemerkte seine Frau. »Andernfalls könnte er gegen die Anwesenheit eines betrunkenen Kindesmörders einiges einzuwenden haben.«

Das Gesicht des Herzogs war kreidebleich. Seine Hände zitterten, als er das Glas abstellte. »Das war ein Tiefschlag, altes Mädchen.«

Sie fügte hinzu: »Der außerdem noch davonlief.«

»Bei Gott - damit kommst du nicht durch!« rief er wütend. Er ballte die Hände, und eine Sekunde lang sah es so aus, als würde er zuschlagen. »Du warst es, die unbedingt weiterfahren und nachher nicht umkehren wollte. Du ganz allein! Ich hätte angehalten, wenn du nicht gewesen wärst! Du sagtest, es wäre sinnlos; man könnte das Unheil nicht ungeschehen machen. Noch gestern wollte ich mich der Polizei stellen. Du warst dagegen! Und jetzt haben wir ihn, diesen... diesen räudigen Hund, der uns auch noch den letzten Rest von Selbstachtung rauben wird...« Die Stimme erstarb.

»Darf ich annehmen, daß du mit deinem hysterischen Ausbruch fertig bist?« erkundigte sich die Herzogin. Als er nicht antwortete, fuhr sie fort: »Und darf ich dich daran erinnern, daß es mich bemerkenswert wenig Überredungskraft kostete, dich zu meiner Meinung zu bekehren? Wäre es dir mit deinen Wünschen oder Absichten ernst gewesen, dann hättest du dich um mich nicht im geringsten zu kümmern brauchen. Was deine Angst vor der Räude betrifft, so bezweifle ich, daß du dich angesteckt hast, da du dich vorsorglich ferngehalten und die Verhandlungen mit diesem Mann mir überlassen hast.«

Der Herzog seufzte. »Ich hätte mich gar nicht erst auf einen Streit einlassen sollen. Entschuldigung.«

»Falls ein Streit zur Klärung deiner Gedanken notwendig ist«, sagte sie gleichgültig, »habe ich nichts dagegen.«

Ihr Mann hatte wieder nach seinem Glas gegriffen und drehte es müßig in der Hand. »Es ist komisch, aber für eine Weile hatte ich das Gefühl, als hätte uns all dies, so schlimm es auch war, einander näher gebracht.«

Die Worte waren so offensichtlich ein Appell, daß die Herzogin zögerte. Denn die Unterredung mit Ogilvie hatte auch sie gedemütigt und erschöpft. Sie sehnte sich, im tiefsten Inneren, nach einer kurzen Waffenruhe.

Aber es war seltsam, eine Geste der Versöhnung überstieg ihre Kraft. Statt dessen entgegnete sie: »Sollte das wirklich der Fall sein, dann habe ich es nicht bemerkt.« Und sie fügte noch strenger hinzu: »Im übrigen haben wir jetzt schwerlich Zeit für Sentimentalitäten.«

»Richtig!« Als wäre die Antwort seiner Frau ein Signal, kippte der Herzog seinen Drink und schenkte sich noch einen ein.

Sie sagte beißend: »Ich wäre dir zu Dank verpflichtet, wenn du wenigstens einigermaßen bei Besinnung bliebst. Vermutlich werde ich mit der Bank verhandeln müssen, aber es wäre ja möglich, daß sie deine Unterschrift brauchen.«

7

Warren Trent sah sich zwei Aufgaben gegenüber, die er sich selbst auferlegt hatte und die beide nicht nach seinem Geschmack waren.

Als erstes wollte er Tom Earlshore mit Curtis O'Keefes Anschuldigungen vom Abend zuvor konfrontieren. »Er betrügt Sie nach Strich und Faden«, hatte O'Keefe von dem ältlichen Barmann behauptet. Und: >Nach allem, was ich gehört habe, geht es schon sehr lange so.«

Wie versprochen, hatte O'Keefe seine Anklage dokumentarisch belegt. Kurz nach zehn Uhr morgens hatte ein junger Mann, der sich als Sean Hall von der O'Keefe-Hotel-Corporation vorstellte, Warren Trent einen Bericht gegeben -mit detaillierten Beobachtungen, Daten und Zeitangaben. Der junge Mann, der geradewegs in Warren Trents Suite in der fünfzehnten Etage gekommen war, wirkte verlegen. Der Hotelbesitzer dankte ihm und machte sich daran, den siebenseitigen Bericht zu lesen.

Er begann in grimmiger Laune, und sein Groll vertiefte sich, je weiter er kam. In dem Gutachten kam nicht nur Tom Earlshores Name vor, sondern auch der anderer Angestellter, die er für vertrauenswürdig gehalten hatte. Es wurde Warren Trent schmerzlich klar, daß er gerade von den Männern und Frauen betrogen wurde, auf die er sich am meisten verlassen hatte, einschließlich jener, wie Tom Earlshore, die er als persönliche Freunde betrachtet hatte. Es war auch offenkundig, daß die Korruption im Hotel noch viel weiter verbreitet sein mußte, als aus dem Bericht hervorging.

Nachdem er die maschinegeschriebenen Blätter sorgsam zusammengefaltet hatte, verstaute er sie in einer Innentasche seines Jacketts. Wenn er sich nicht zusammennahm, würde er in Wut geraten, das wußte er, und alle, die sein Vertrauen mißbraucht hatten, entlarven und züchtigen. Darin mochte sogar eine melancholische Befriedigung liegen.

Aber übermäßiger Zorn war ein Gefühl, das ihm neuerdings jegliche Kraft raubte. Er beschloß, sich nur Tom Earlshore vorzunehmen und sonst niemanden.

Immerhin hatte der Bericht eine nützliche Wirkung, dachte Warren Trent. Er hatte ihn von einer Verpflichtung befreit.

Bis zum gestrigen Abend war seine Einstellung zum St. Gregory zu einem guten Teil von der Loyalität bestimmt, die er seines Erachtens dem Hotelpersonal schuldete. Nun fielen durch die Treulosigkeit, die man ihm gegenüber gezeigt hatte, all diese Bedenken weg.

Damit eröffnete sich ihm eine Möglichkeit, die Kontrolle über das Hotel zu behalten, eine Möglichkeit, die er bisher nie ernsthaft in Erwägung gezogen hatte. Auch jetzt noch erregte sie seinen Abscheu, weshalb er beschloß, sich zuerst der weniger unangenehmen Pflicht zu entledigen und Tom Earlshore aufzusuchen.

Die Pontalba-Bar befand sich im Erdgeschoß des Hotels und war von der Halle aus zugänglich durch eine ledergepolsterte, mit Bronze beschlagene Schwingtür. Innen führten drei teppichbelegte Stufen in einen Raum hinab, der die Form eines L hatte und mit Tischen und bequemen Sitznischen ausgestattet war.

Ungleich den meisten anderen Cocktail-Bars war die Pontalba hell erleuchtet. Infolgedessen konnten die Kunden sich gegenseitig ebensogut beobachten wie die Bar selbst, die sich am Querbalken des L entlangzog. Vor der Bar stand ein halbes Dutzend gepolsterter Hocker für einsame Trinker, die, wenn sie wollten, auf ihren Sitzen herumschwenken konnten, um einen Blick in die Runde zu werfen.

Es war fünfundzwanzig Minuten vor zwölf Uhr mittags, als Warren Trent von der Halle aus hereinkam. Die Bar war fast leer bis auf ein Pärchen in einer der Nischen und zwei Männer mit Kongreßplaketten am Rockaufschlag, die sich an einem Tisch unweit der Tür leise miteinander unterhielten. Der übliche Ansturm zur Lunchzeit würde in etwa einer Viertelstunde beginnen, und dann war es mit der Gelegenheit für ein ruhiges Gespräch vorbei. Aber zehn Minuten müßten eigentlich für das, was er vorhatte, genügen, dachte der Hotelbesitzer.

Ein Kellner eilte herbei, aber Warren Trent winkte ab. Tom Earlshore stand, mit dem Rücken zum Raum, hinter der Bar und war in irgendein Revolverblatt vertieft, das er auf der Registrierkasse ausgebreitet hatte. Warren Trent ging steifbeinig hinüber und setzte sich auf einen Barhocker. Nun konnte er sehen, daß der ältliche Barmann eine Wettzeitung studierte.

»Haben Sie mein Geld auf die Art verpulvert?« fragte er. Earlshore fuhr mit bestürzter Miene herum. Gleich darauf malte sich auf seinem Gesicht mildes Erstaunen und dann augenfällige Freude, als er seinen Besucher erkannte.

»Herrje, Mr. Trent, Sie haben mir einen schönen Schreck eingejagt.« Tom Earlshore faltete die Wettzeitung flink zusammen und stopfte sie in seine hintere Hosentasche. Sein gefurchtes ledernes Gesicht unter dem gewölbten Kahlkopf mit dem weißen Haarkranz eines Santa Claus verzog sich zu einem Lächeln. Warren Trent wunderte sich, warum er nie zuvor gemerkt hatte, daß es ein schmieriges Lächeln war.

»Sie haben sich aber lange nicht mehr hier bei uns blicken lassen, Mr. Trent. Viel zu lange.«

»Mag sein. Sie beklagen sich doch nicht, oder?«

Tom Earlshore zögerte. »Nun... nein.«

»Man sollte meinen, daß Sie hier so unbeaufsichtigt sind, hat Ihnen eine Menge günstiger Gelegenheiten verschafft.«

Der Schatten eines Zweifels huschte über das Gesicht des Barkeepers. Dann lachte er, wie um sich selbst zu beruhigen.

»Sie müssen immer Ihre kleinen Scherze machen, Mr. Trent. Oh, wo Sie schon hier sind... ich hab' da was, das ich Ihnen zeigen möchte. Wollte schon längst in Ihrem Büro vorbeischauen, bin aber nie dazu gekommen.« Er öffnete eine Schublade unterhalb der Theke und fischte einen Briefumschlag heraus, dem er ein Farbfoto entnahm. »Das hier ist Derek - mein dritter Enkel. Gesunder kleiner Bengel - genau wie seine Mutter, die Ihnen so viel verdankt. Ethel - das ist meine Tochter, wie Sie vielleicht noch wissen - erkundigt sich oft nach Ihnen; schickt Ihnen jedesmal ihre besten Wünsche, genau wie alle bei mir zu Haus.« Er legte das Foto auf die Bar.

Warren Trent nahm es und gab es bedächtig zurück, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen.

»Stimmt irgendwas nicht, Mr. Trent?« fragte Tom Earlshore beklommen und fügte, als er keine Antwort bekam, hinzu: »Kann ich Ihnen etwas mixen?«

Zuerst wollte Trent ablehnen, besann sich dann jedoch anders. »Einen Ramos Gin Fizz.«

»Yessir! Sofort, Sir!« Tom Earlshore griff rasch nach den Zutaten. Es war von jeher ein Vergnügen, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Früher, wenn Warren Trent in seiner Suite Gäste bewirtete, ließ er Tom manchmal heraufkommen, um die Getränke zuzubereiten, und zwar hauptsächlich deshalb, weil seine Technik beim Mixen ein Schauspiel war, das der Qualität seiner Drinks in nichts nachstand. Er hatte knappe, rationelle Handbewegungen und die Geschicklichkeit eines Jongleurs. Auch jetzt demonstrierte er seine Kunstfertigkeit und servierte den Drink mit einer schwungvollen Geste.

Der Hotelbesitzer nippte an dem Glas und nickte.

Earlshore fragte: »Ist er recht so?«

»Ja«, sagte Warren Trent. »Er ist so gut wie alles, was Sie bisher gemixt haben.« Er sah Earlshore gerade an. »Ich bin froh darüber, weil es der letzte Drink ist, den Sie jemals in meinem Hotel mixen werden.«

Die Unruhe hatte sich in Besorgnis verwandelt. Earlshore fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen. »Das ist doch nicht Ihr Ernst, Mr. Trent. Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.«

Die Bemerkung ignorierend, stieß der Hotelbesitzer sein Glas weg. »Warum haben Sie das getan, Tom? Warum mußten es gerade Sie sein?«

»Ich schwöre bei Gott, daß ich keine Ahnung habe -«

»Belügen Sie mich nicht, Tom. Sie haben mich lange genug belogen.«

»Aber ich sage Ihnen, Mr. Trent -«

»Hören Sie auf mit dem Theater!« Der scharfe Befehl durchschnitt die Stille wie ein Peitschenknall.

Das friedliche Stimmengemurmel in der Bar verstummte. Der erschrockene Ausdruck in den hin und her huschenden Augen des Barmannes verriet Warren Trent, daß sich hinter ihm Köpfe der Bar zuwandten. Er war sich seines ständig wachsenden Zorns bewußt, den er eigentlich hatte beherrschen wollen.

Earlshore schluckte. »Bitte, Mr. Trent. Ich arbeite seit dreißig Jahren hier. Noch nie haben Sie so zu mir gesprochen.« Seine Stimme war kaum vernehmbar.

Aus der Innentasche, wo er ihn vorher verstaut hatte, zog Warren Trent den Bericht der O'Keefe-Corporation. Er blätterte zwei Seiten um, kniff die dritte ein und verdeckte einen Abschnitt mit der Hand. »Lesen Sie!«

Tom Earlshore tappte nach seiner Brille und setzte sie auf. Seine Hände zitterten. Er las einige Zeilen und hielt inne. Er blickte auf. Da war kein Leugnen mehr. Nur die instinktive Furcht eines in die Enge getriebenen Tieres.

»Sie können mir nichts nachweisen.«

Warren Trent schlug mit der Hand auf die Bar. Gleichgültig dagegen, ob man ihn hörte oder nicht, ließ er seiner Wut freien Lauf. »Wenn ich will, kann ich es. Geben Sie sich keinen falschen Hoffnungen hin. Sie haben betrogen und gestohlen und wie alle Betrüger und Diebe eine Fährte hinterlassen.«

Der Barkeeper schwitzte vor Angst. Ihm war, als sei seine Welt, die er für sicher gehalten hatte, plötzlich mittendurch geborsten. Länger, als er za denken vermochte, hatte er seinen Arbeitgeber übervorteilt, und so hatte sich schließlich die Überzeugung in ihm gefestigt, daß er unverwundbar sei. Nie, nicht in seinen schlimmsten Träumen, hatte er geglaubt, daß der Tag der Abrechnung kommen würde. Nun fragte er sich furchterfüllt, ob der Hotelbesitzer ahnte, wie unverschämt er ausgeplündert worden war.

Mit dem Zeigefinger tippte Warren Trent auf das Dokument, das zwischen ihnen lag. »Diese Leute spürten die Korruption auf, weil sie nicht den Fehler machten - meinen Fehler -, Ihnen zu vertrauen und Sie für einen Freund zu halten.« Vorübergehend brachte ihn seine Gemütsbewegung zum Schweigen. Dann fuhr er fort: »Aber falls ich nach Beweisen grabe, werde ich sie finden. Das, was hier im Bericht angeführt wird, ist nicht alles, nicht wahr?«

Tom nickte niedergeschlagen.

»Nun, Sie brauchen keine Angst zu haben; ich werde Sie nicht anzeigen. Wenn ich's täte, hätte ich das Gefühl, ich zerstörte einen Teil meiner selbst.«

Erleichterung flackerte über das Gesicht des ältlichen Barmanns; er versuchte die Regung rasch zu verbergen. »Ich schwöre Ihnen, wenn Sie mir noch eine Chance geben, werden Sie sich nie wieder über mich zu beklagen brauchen.«

»Sie meinen, nun, da man Sie nach jahrelangen Gaunereien ertappt hat, wollen Sie liebenswürdigerweise mit dem Stehlen Schluß machen.«

»Es ist schwer für mich, Mr. Trent, in meinem Alter eine Stellung zu finden. Ich habe eine Familie -«

»Ja, Tom, das weiß ich«, sagte Warren Trent ruhig.

Earlshore hatte den Anstand, zu erröten. Er sagte unbeholfen: »Das Geld, das ich hier verdiente - der Job selbst brachte mir nie genug ein. Andauernd kamen neue Rechnungen; Sachen für die Kinder -«

»Und die Buchmacher, Tom, die wollen wir nicht vergessen. Die Buchmacher waren ständig hinter Ihnen her, stimmt's? Die wollten in erster Linie bezahlt werden.« Es war eine bloße Vermutung, aber Earlshores Schweigen verriet, daß Trent ins Schwarze getroffen hatte.

Warren Trent sagte schroff: »Genug der Worte. Und jetzt verschwinden Sie gefälligst, und ässen Sie sich nie wieder im Hotel blicken.«

Immer mehr Gäste strömten durch den Eingang von der Halle in die Pontalba-Bar. Das Stimmengewirr hatte zugenommen und wurde lauter. Ein junger Gehilfe war hinter der Bar aufgetaucht und bereitete Drinks zu, die von den Kellnern abgeholt wurden. Er vermied es geflissentlich, zu Trent und zu seinem ehemaligen Vorgesetzten hinüberzusehen.

Tom Earlshore blinzelte. Ungläubig protestierte er: »Aber der Lunchbetrieb -«

»Geht Sie nichts mehr an! Sie sind fristlos entlassen.«

In dem Maße, in dem ihm das Unvermeidliche klar wurde, wandelte sich auch der Gesichtsausdruck des Ex-Barmanns. Seine ehrerbietige Miene machte einem verkniffenen Grinsen Platz, als er erklärte: »Okay, ich gehe. Aber Sie, mein großmächtiger Mr. Trent, werden mir ziemlich bald folgen, weil man Sie nämlich auch rausschmeißen wird. Das weiß hier doch jeder.«

»Was weiß hier jeder?«

Earlshores Augen glühten. »Die Leute hier wissen, daß Sie ein unnützer, ruinierter alter Trottel sind, der von der Leitung eines Hotels genausowenig versteht wie ein Wickelkind. Das ist auch der Grund, warum Sie das Haus hier nicht halten können, und wenn man Sie raussetzt, werde ich einer von vielen sein, der sich darüber halb totlacht.« Er zögerte, schwer atmend und bestürzt über seine Verwegenheit. Aber der Drang, sich zu rächen, war stärker. »Länger, als ich denken kann, haben Sie sich angestellt, als wären wir alle hier Ihr Eigentum. Na schön, vielleicht haben Sie wirklich ein paar Cents mehr gezahlt als andere und den Wohltäter gespielt - wie bei mir -, als wären Sie Christus und Moses in einer Person. Aber uns konnten Sie damit nicht zum Narren halten. Sie zahlten höhere Löhne, um die Gewerkschaften rauszuhalten, und wohltätig waren Sie, damit Sie sich als großer Mann fühlen konnten, und so kamen die Leute schnell genug dahinter, daß Sie dabei mehr an sich dachten als an sie. Deshalb haben sie hinter Ihrem Rücken über Sie gelacht und in die eigene Tasche gewirtschaftet so wie ich. Glauben Sie mir, es hat sich 'ne Menge getan - mehr als Sie jemals herauskriegen werden.« Earlshore verstummte, und sein Gesicht spiegelte die Befürchtung wider, daß er zu weit gegangen war.

Hinter ihnen füllte sich die Bar schnell. Zwei der benachbarten Barhocker waren bereits besetzt. Im ständig zunehmenden Lärm trommelte Warren Trent nachdenklich mit den Fingern auf die lederbezogene Theke. Seltsamerweise war seine Wut verraucht. An ihre Stelle war eine stählerne Entschlossenheit getreten - den Schritt, den er vorher in Erwägung gezogen hatte, nun nicht länger hinauszuzögern.

Er hob seine Augen zu dem Mann, den er seit dreißig Jahren zu kennen glaubte, aber in Wirklichkeit niemals gekannt hatte. »Tom, Sie werden es nie verstehen, aber mit Ihren letzten Worten haben Sie mir einen großen Gefallen erwiesen. Und jetzt verschwinden Sie - bevor ich es mir anders überlege und Sie doch noch ins Gefängnis schicke.«

Tom Earlshore wandte sich ab und ging stumm hinaus.

Als Warren Trent auf dem Weg zum Ausgang nach der Carondelet Street die Halle passierte, übersah er kühl die Blicke von Angestellten, denen er begegnete. Ihm war nicht nach Scherzreden zumute, nachdem er an diesem Morgen gelernt hatte, daß Verrat ein Lächeln zur Schau trug und sich hinter Herzlichkeit Verachtung verbergen konnte. Die Eröffnung, daß man ihn wegen seiner Versuche, die Angestellten gut zu behandeln, auslachte, hatte ihn tief getroffen - um so mehr, als sie der Wahrheit zu entsprechen schien. Nun, dachte er, wartet nur ein oder zwei Tage. Wir werden sehen, wer dann lacht.

Als er draußen auf der betriebsamen, sonnenbeschienenen Straße anlangte, sah ihn ein uniformierter Türsteher und trat ehrerbietig auf ihn zu. »Besorgen Sie mir ein Taxi«, befahl Warren Trent. Er hatte vorgehabt, ein oder zwei Blocks zu Fuß zu gehen, aber ein stechender Schmerz in der Hüfte, als er die Hotelstufen hinunterstieg, brachte ihn davon ab.

Der Türsteher blies in seine Trillerpfeife, und ein Taxi scherte aus dem vorbeiflutenden Verkehrsstrom aus und bremste am Randstein. Warren Trent kletterte schwerfällig auf den Rücksitz, während der Mann die Tür offenhielt und respektvoll an die Mütze tippte, bevor er sie zuschlug. Der Respekt war auch nur eine leere Geste, vermutete Warren Trent. Er wußte, daß er von nun an viele Dinge, die er bisher für bare Münze genommen hatte, mit Mißtrauen betrachten würde.

Das Taxi fuhr an, und als er den forschenden Blick des Fahrers im Rückspiegel gewahrte, sagte er: »Fahren Sie mich nur ein paar hundert Meter weiter. Ich möchte telefonieren.«

»Es gibt einen Haufen Telefone im Hotel, Boß«, sagte der Mann.

»Das ist meine Sache. Bringen Sie mich zu einem Münzfernsprecher.« Der Mann brauchte nicht zu wissen, daß der Anruf, den er vorhatte, zu geheim war, als daß er die Benutzung einer Hotelleitung riskieren konnte.

Der Fahrer zuckte mit den Schultern. Nach zwei Blocks schwenkte er nach Süden in die Canal Street ein, seinen Fahrgast wieder prüfend im Rückspiegel musternd. »Es ist ein schöner Tag. Unten am Hafen gibt's mehrere Telefonzellen.«

Warren Trent nickte, froh über den kurzen Aufschub.

Der Verkehr wurde dünner, als sie die Tchoupitoulas Street kreuzten. Eine Minute später stoppte der Wagen auf dem Parkplatz vor dem Gebäude der Hafenverwaltung. Einige Meter weiter befand sich eine Telefonzelle.

Er gab dem Fahrer einen Dollar und wies das Kleingeld zurück. Dann, im Begriff auf die Zelle zuzusteuern, überlegte er es sich anders und ging quer über die Eads Plaza zum Fluß hinunter. Die Mittagshitze prallte auf ihn herab und sickerte von der betonierten Promenade tröstlich durch seine Schuhsohlen. Die Sonne, Freundin alter Knochen, dachte er.

Am jenseitigen Ufer des fast einen Kilometer breiten Mississippi flimmerte Algiers in der Hitze. Vom Fluß stiegen heute üble Gerüche auf, obwohl das nichts Ungewöhnliches war. Gestank, Trägheit und Schlick gehörten zu den Launen des Vaters der Gewässer. Er gleicht dem Leben, dachte Warren Trent; man ist stets von Treibsand und Schlamm umgeben.

Ein Frachter glitt vorbei in Richtung auf den Golf, mit der Sirene einen einfahrenden Schleppzug anheulend. Der Schleppzug änderte den Kurs; der Frachter dampfte weiter, ohne sein Tempo zu verringern. Bald würde das Schiff die Einsamkeit des Flusses gegen die noch größere Einsamkeit des Ozeans vertauschen. Er fragte sich, ob die Menschen an Bord sich dessen bewußt waren oder sich darum kümmerten. Vielleicht nicht. Oder vielleicht hatten sie, wie er selbst, mit der Zeit begriffen, daß es keinen Ort auf der Welt gibt, wo der Mensch nicht einsam ist.

Er ging zur Telefonzelle zurück und machte die Tür sorglich hinter sich zu. »Ein Ferngespräch«, erklärte er der Vermittlung. »Nach Washington, D. C.«

Es dauerte mehrere Minuten, und es gab einige Rückfragen, bevor er mit der Person verbunden wurde, die er verlangt hatte. Schließlich kam die rauhe, barsche Stimme eines der mächtigsten - und, wie manche behaupteten, auch korruptesten - Gewerkschaftsführers der Staaten durch die Leitung.

»Also los, reden Sie.«

»Guten Morgen«, sagte Warren Trent. »Ich hatte gehofft, daß Sie nicht beim Lunch wären.«

»Sie haben drei Minuten«, sagte die Stimme kurz. »Fünfzehn Sekunden haben Sie bereits vergeudet.«

Warren Trent sagte hastig: »Vor einiger Zeit, bei einem Zusammentreffen, machten Sie mir ein vorläufiges Angebot. Vielleicht erinnern Sie sich nicht mehr -«

»Ich erinnere mich stets. Manche Leute wünschen, es wäre anders.«

»Bei dieser Gelegenheit war ich ein bißchen kurz angebunden, was ich bedaure.«

»Das war eine halbe Minute. Ich habe hier eine Stoppuhr.«

»Ich bin bereit, mit Ihnen ein Abkommen zu treffen.«

»Die Abkommen treffe ich. Andere akzeptieren sie.«

»Falls Ihre Zeit wirklich so kostbar ist«, schoß Warren Trent zurück, »dann wollen wir sie nicht mit Haarspaltereien vertrödeln. Seit Jahren versuchen Sie im Hotelgeschäft Fuß zu fassen. Außerdem möchten Sie die Position Ihrer Gewerkschaft in New Orleans verstärken. Ich biete Ihnen eine Chance, die Ihnen beides ermöglicht.«

»Wie hoch ist der Preis?«

»Zwei Millionen Dollar - in einer sicheren ersten Hypothek. Dafür bekommen Sie einen gewerkschaftlich gebundenen Betrieb und setzen den Vertrag selbst auf. Das ist nur recht und billig, da Sie Ihr eigenes Geld hineinstecken würden.«

»Tjah«, sagte die Stimme versonnen.

»Also, werden Sie jetzt die verdammte Stoppuhr abstellen?« erkundigte sich Warren Trent.

Ein Kichern schallte durch die Leitung. »Ich hab' gar keine. Es überrascht mich aber immer wieder, wie der Gedanke die Leute anspornt. Wann brauchen Sie das Geld?«

»Das Geld am Freitag. Eine Entscheidung vor morgen mittag.«

»Bin Ihre letzte Rettung, eh? Nachdem alle anderen Sie abgewiesen haben?«

Eine Lüge hätte wenig Sinn gehabt. Er antwortete kurz: »Ja.«

»Hatten Sie Verluste?«

»Nicht so starke, daß man die Tendenz nicht ändern könnte. Die O'Keefe-Leute beurteilen die Chancen positiv. Sie haben mir ein Kaufangebot gemacht.«

»Wäre vielleicht ganz klug, es anzunehmen.«

»Falls ich mich dazu entschließe, ist es mit Ihrer Chance vorbei.«

Ein Schweigen trat ein, das Warren Trent nicht störte. Er konnte spüren, wie der Mann am anderen Ende der Leitung nachdachte, Berechnungen anstellte, und bezweifelte nicht im mindesten, daß sein Vorschlag ernsthaft erwogen wurde. Seit einem Jahrzehnt versuchte die International Brotherhood of Journeymen die Hotelindustrie zu infiltrieren. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kampagnen der Journeymen war diese bisher kläglich gescheitert. In diesem einzigen Punkt gab es eine Solidarität zwischen Hotelunternehmern, die die Journeymen fürchteten, und den anständigeren Gewerkschaften, die sie verachteten. Für die Journeymen konnte der Vertrag mit dem St. Gregory - einem bis jetzt nicht organisierten Hotel - ein Riß im festgefügten Damm des allgemeinen Widerstandes sein.

Was das Geld anbelangte, so war eine Investition von zwei Millionen Dollar - sofern sich die Journeymen dazu entschlossen - nur ein kleiner Happen für den Gewerkschaftssäckel. Sie hatten im Laufe der Jahre für ihren erfolglosen Kampf um Hotelmitgliedschaft viel mehr ausgegeben.

Innerhalb der Hotelindustrie - Warren Trent machte sich da nichts vor - würde man ihn als Verräter brandmarken, wenn die Vereinbarung, die er vorgeschlagen hatte, zustande kam. Und seine eigenen Angestellten würden ihn in Grund und Boden verdammen, zumindest jene, die genügend informiert waren, um zu begreifen, daß man sie verraten hatte.

Nach Lage der Dinge waren es die Angestellten, die am meisten dabei verloren. Falls ein Vertrag mit der Gewerkschaft unterzeichnet wurde, würde es vermutlich, wie immer unter solchen Umständen, gewissermaßen als anerkennende Geste, zu einer Lohnerhöhung kommen. Aber die Erhöhung war ohnehin fällig - tatsächlich sogar überfällig -, und er selbst hätte sie auch gewährt, wenn es ihm gelungen wäre, die Finanzierung des Hotels auf irgendeinem anderen Wege zu arrangieren. Der gegenwärtig bestehende Pensionsplan für die Angestellten würde zugunsten des Pensionsfonds der Gewerkschaft aufgegeben werden, aber davon würde lediglich die Kasse der Journeymen profitieren. Eine besonders einschneidende Veränderung aber war, daß die Gewerkschaftsbeiträge -wahrscheinlich sechs bis zehn Dollar monatlich - obligatorisch würden. Damit war nicht nur die geringfügige Lohnerhöhung illusorisch, sondern der Nettolohn der Angestellten würde sich sogar verringern.

Nun, dachte Warren Trent, die Schmähungen seiner Kollegen in der Hotelindustrie würde er ertragen müssen. Was das übrige anbelangte, so erstickte er seine Gewissensbisse mit der Erinnerung an Tom Earlshore und seinesgleichen.

Die barsche Stimme am Telefon riß ihn aus seinen Gedanken.

»Ich schicke zwei von meinen Finanzexperten los. Heute nachmittag fliegen sie runter. Die Nacht über nehmen sie Ihre Bücher auseinander. Ich meine, wirklich auseinander; glauben Sie also nicht, Sie könnten mit irgend etwas hinter dem Berge halten.« Die unmißverständliche Drohung war ein Wink, daß nur sehr couragierte oder tollkühne Leute jemals wagten, mit der Journeymen's Union Scherze zu treiben.

Der Hotelbesitzer sagte gereizt: »Ich habe nichts zu verbergen. Sie können alle vorhandenen Unterlagen einsehen.«

»Wenn meine Leute mir morgen früh berichten, daß alles okay ist, unterzeichnen Sie mit uns einen dreijährigen Vertrag.« Es war eine Feststellung, keine Frage.

»Gut. Natürlich muß dann noch eine Abstimmung unter den Angestellten stattfinden, aber ich bin sicher, daß ich mich für ein günstiges Ergebnis verbürgen kann.« Beim Gedanken, ob er das wirklich konnte, empfand Warren Trent ein leichtes Unbehagen. Ein Bündnis mit den Journeymen würde auf Opposition stoßen, soviel war sicher. Aber ein großer Teil der Angestellten würde sich nach seiner persönlichen Empfehlung richten, falls er sie energisch genug äußerte. Der springende Punkt war nur: Würden sie die erforderliche Majorität liefern?

»Eine Abstimmung findet nicht statt«, sagte der Vorsitzende der Journeymen.

»Aber das Gesetz -«

»Versuchen Sie nicht, mir etwas über Gewerkschaftsrecht beizubringen!« schnarrte es ärgerlich aus dem Telefon. »Ich weiß besser darin Bescheid, als Sie jemals wissen werden.« Nach einer kurzen Pause kam die knurrige Erklärung: »Es handelt sich um ein freiwilliges Anerkennungsübereinkommen. Im Gesetz steht nichts davon, daß darüber abgestimmt werden muß. Folglich wird es keine Abstimmung geben.«

Warren Trent räumte ein, daß es genau auf die Art gemacht werden könne.

Die Prozedur wäre unmoralisch, aber zweifellos legal. Seine eigene Unterschrift auf einem Gewerkschaftsvertrag würde unter diesen Umständen für alle Hotelangestellten bindend sein, ob es ihnen nun paßte oder nicht. Warum nicht, dachte er grimmig; es würde die Sache wesentlich vereinfachen, und das Endergebnis wäre dasselbe.

Er fragte: »Wie wollen Sie es mit der Hypothek machen?« Das war ein kitzliger Punkt. In der Vergangenheit hatten Untersuchungskommissionen des Senats die Journeymen scharf kritisiert, weil sie hohe Summen in Unternehmen investierten, mit denen sie Gewerkschaftsverträge abgeschlossen hatten.

»Sie stellen einen Schuldschein aus, zahlbar an den Journeymen's Pensionsfonds, über zwei Millionen Dollar zu acht Prozent. Der Schuldschein ist gesichert durch eine erste Hypothek auf das Hotel. Die Hypothek wird von der Southern Conference of Journeymen für den Pensionsfonds treuhänderisch verwaltet.«

Das Arrangement war von diabolischer Cleverness. Es verletzte zwar den Geist sämtlicher Gesetze, die sich mit der Verwendung von Gewerkschaftsfonds befaßten, hielt sich jedoch formell innerhalb der gesetzlichen Grenzen.

»Der Schuldschein ist in drei Jahren fällig und verwirkt, falls Sie zweimal hintereinander die Zinsen nicht zahlen.«

»Mit allem übrigen bin ich einverstanden«, murrte Warren Trent, »aber ich möchte fünf Jahre haben.«

»Sie bekommen drei.«

Es waren harte Bedingungen, aber eine Frist von drei Jahren würde ihm die Möglichkeit geben, das Hotel wieder wettbewerbsfähig zu machen.

»Also gut«, sagte er widerwillig.

Es klickte in der Leitung, als der Teilnehmer am anderen Ende auflegte.

Trotz eines neuerlichen Anfalls seiner Ischiasschmerzen lächelte Warren Trent, als er die Telefonzelle verließ.

8

Nach der ärgerlichen Szene in der Halle, die in der Abreise von Dr. Nicholas gipfelte, fragte sich Peter McDermott beklommen, was als nächstes kommen würde. Bei näherer Überlegung entschied er, daß durch eine übereilte Intervention bei den Funktionären des Kongresses Amerikanischer Zahnärzte nichts zu gewinnen war. Falls Dr. Ingram auf seiner Drohung beharrte, die gesamte Tagung aus dem Hotel zu ziehen, so ließ sich das ohnehin nicht vor morgen früh bewerkstelligen. Folglich war es sowohl ungefährlich als auch klug, ein oder zwei Stunden, bis zum Nachmittag, zu warten, damit die Gemüter sich abkühlten. Dann würde er Dr. Ingram und notfalls auch andere Kongreßteilnehmer aufsuchen.

Was die Anwesenheit des Zeitungsmannes während des unglückseligen Zwischenfalls betraf, so war es offenbar zu spät, den angerichteten Schaden auszumerzen. Um des Hotels willen hoffte Peter, daß der verantwortliche Redakteur der Affäre keine große Bedeutung beimessen möge.

In sein Büro im Zwischengeschoß zurückkehrend, beschäftigte er sich für den Rest des Vormittags mit Routineangelegenheiten. Er widerstand der Versuchung, Christine aufzusuchen, da sein Instinkt ihm sagte, daß auch hier eine gewisse Zurückhaltung am Platze war. Aber er begriff, daß er irgendwann und ziemlich bald wegen seiner monumentalen Eselei von vorhin Abbitte leisten mußte.

Er beschloß, kurz vor zwölf bei Christine vorbeizuschauen, aber sein Vorsatz wurde zunichte gemacht durch einen Anruf des stellvertretenden Managers, der Peter mitteilte, daß ein Gast namens Stanley Kilbrick aus Marshalltown, Iowa, in seinem Zimmer ausgeraubt worden sei. Obwohl gerade erst gemeldet, war der Diebstahl anscheinend im Laufe der Nacht verübt worden. Zahlreiche Wertgegenstände und Bargeld wurden angeblich vermißt, und laut dem stellvertretenden Manager war der Gast völlig aus dem Häuschen. Ein Hoteldetektiv befand sich bereits am Tatort.

Peter gab eine Nachricht an den Chefdetektiv durch. Er hatte keine Ahnung, ob sich Ogilvie im Hotel befand, da die Dienststunden des fetten Mannes für alle anderen außer ihm selbst ein undurchdringliches Geheimnis waren. Kurz danach jedoch informierte man ihn, daß Ogilvie sich in die Ermittlungen eingeschaltet hatte und so bald wie möglich Bericht erstatten würde. Zwanzig Minuten später tauchte er in Peter McDermotts Büro auf.

Der Chefdetektiv deponierte seine Körpermassen sorglich in dem tiefen Sessel auf der anderen Seite des Schreibtischs.

Seine instinktive Abneigung mühsam unterdrückend, fragte Peter: »Was für einen Eindruck haben Sie von der Sache?«

»Der Bursche, der bestohlen wurde, ist ein Trottel. Er wurde eingeseift. Das hier sind die vermißten Gegenstände.« Ogilvie legte eine handgeschriebene Liste auf Peters Schreibtisch. »Eine Kopie hab' ich für mich behalten.«

»Danke. Ich reiche sie bei unserer Versicherung ein. Wie steht's mit dem Zimmer - irgendwelche Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen?«

Der Detektiv schüttelte den Kopf. »Ganz sicher ein Schlüsseljob. Paßt alles zusammen. Kilbrick gibt zu, daß er gestern nacht im Viertel gesumpft hat. Schätze, er hätte seine Mutter mitnehmen sollen. Behauptet, er hat seinen Schlüssel verloren. Ist von seiner Geschichte nicht abzubringen. Ich halt's aber für wahrscheinlicher, daß er von einem Animiermädchen reingelegt worden ist.«

»Begreift er denn nicht, daß die Chance, die gestohlenen Sachen zurückzubekommen, für uns größer ist, wenn er mit der Wahrheit herausrückt?«

»Ich hab' ihm das gesagt, es hat aber nichts genützt. Erstens kommt er sich im Moment reichlich blöde vor, und zweitens hat er sich bereits ausgerechnet, daß die Hotelversicherung ihm den Verlust ersetzt. Vielleicht sogar noch ein bißchen mehr; er behauptet, in seiner Brieftasche wären vierhundert Dollar gewesen.«

»Nehmen Sie ihm das ab?«

»Nein.«

Na, dachte Peter, der Gast würde sich wundern. Die Hotelversicherung deckte den Verlust von Gegenständen im Wert bis zu hundert Dollar, aber nicht von Bargeld. »Was halten Sie von dem Diebstahl? Glauben Sie, daß es sich um einen einmaligen Job handelt?«

»Nein«, sagte Ogilvie. »Ich glaube, wir haben's mit einem professionellen Hoteldieb zu tun, und er arbeitet im Haus.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Weil heute morgen noch was passiert ist - Beschwerde von der Nummer 641. Schätze, es ist noch nicht bis zu Ihnen gedrungen.«

»Falls ja, dann kann ich mich wenigstens nicht daran erinnern«, sagte Peter.

»Ziemlich zeitig - soweit ich feststellen konnte, im Morgengrauen - ließ sich irgendein Bursche mit einem Schlüssel in die 641 ein. Der Mann im Zimmer erwachte. Der andere tat, als wäre er betrunken, und sagte, er hätte es mit der 614 verwechselt. Daraufhin schlief der Mann im Zimmer wieder ein, aber heute früh fing er an sich zu wundern, wieso der Schlüssel von der 614 in die 641 paßte. Und dann meldete er die Sache.«

»Der Empfang könnte einen falschen Schlüssel ausgegeben haben.«

»Könnte, hat aber nicht. Ich hab's nachgeprüft. Der Mann von der Nachtschicht schwört, daß keiner der beiden Schlüssel ausgegeben wurde. Und in der 614 wohnt ein Ehepaar; es ging gestern nacht zeitig schlafen und blieb im Bett.«

»Haben wir eine Beschreibung des Mannes, der in die 641 eingedrungen ist?«

»Ja, aber sie taugt nichts. Bloß um sicherzugehen, brachte ich die zwei Männer - aus der 614 und 641 - zusammen. Der von der 614 war's nicht, das steht fest. Hab' auch die Schlüssel ausprobiert; keiner von beiden paßt ins andere Schloß.«

Peter sagte nachdenklich: »Es sieht ganz danach aus, als hätten Sie recht mit dem professionellen Dieb. In diesem Fall sollten wir einen Feldzugsplan ausarbeiten.«

»Einiges hab' ich schon in die Wege geleitet. Ich hab' den Angestellten am Empfang gesagt, in den nächsten paar Tagen sollen sie nach dem Namen fragen, bevor sie die Schlüssel aushändigen. Wenn ihnen irgendwas faul vorkommt, sollen sie den Schlüssel rausgeben und sich den Vogel, der ihn verlangt hat, genau ansehen und dann sofort meine Leute alarmieren. Die Zimmermädchen und die Boys wissen, daß sie die Augen offenhalten sollen, und meine Männer machen Überstunden und patrouillieren nachts durch die Korridore.«

»Das klingt gut.« Peter nickte billigend. »Haben Sie daran gedacht, selbst für ein oder zwei Tage ins Hotel zu ziehen? Ich lasse Ihnen ein Zimmer reservieren, wenn Sie wollen.«

Peter schien es, als huschte ein Anflug von Besorgnis über das Gesicht des fetten Mannes. Dann schüttelte Ogilvie den Kopf. »Ist nicht nötig.«

»Aber Sie sind doch zur Hand?«

»Sicher, ich bleib' in der Nähe.« Bei allem Nachdruck fehlte es seinen Worten seltsamerweise an Überzeugungskraft. Als sei er sich des Mankos bewußt, fügte Ogilvie hinzu: »Auch wenn ich nicht immer gleich zur Stelle bin - meine Leute wissen, was sie zu tun haben.«

Noch immer nicht ganz befriedigt, fragte Peter: »Was für Abmachungen haben Sie mit der Polizei getroffen?«

»Sie schicken zwei Beamte in Zivil rüber. Ich werd' mit ihnen reden, und ich schätze, sie werden ein paar Auskünfte einholen, um festzustellen, wer in der Stadt sein könnte. Wenn es ein Bursche mit einschlägigen Vorstrafen ist, haben wir vielleicht Glück und schnappen ihn.«

»In der Zwischenzeit wird unser Freund - wer immer er auch ist - nicht still auf seinem Hosenboden sitzenbleiben.«

»Bestimmt nicht. Und wenn er so schlau ist, wie ich denke, hat er sich ausgerechnet, daß wir hinter ihm her sind. Deshalb wird er höchstwahrscheinlich schnell arbeiten und dann verduften.«

»Was ein Grund mehr ist, warum Sie stets greifbar sein müssen«, meinte Peter.

Ogilvie protestierte: »Ich glaube, ich hab' an alles gedacht.«

»Das glaube ich auch. Tatsächlich wüßte ich nicht, was man noch mehr in der Sache tun könnte. Ich befürchte nur, daß, falls Sie nicht hier sind, ein anderer nicht so gründlich und rasch zu Werke geht.«

Was immer man auch am Chefdetektiv auszusetzen hatte, dachte Peter, er verstand sich auf sein Geschäft, wenn es ihm in den Kram paßte, sich damit zu befassen. Aber es war zum Auswachsen, daß ihre Beziehungen ihn zwangen, um Dinge zu bitten, die praktisch auf der Hand lagen.

»Machen Sie sich deswegen keine Sorgen«, sagte Ogilvie. Aber Peter spürte instinktiv, daß der fette Mann selbst aus irgendwelchen Gründen beunruhigt war, als er sich aus dem Sessel hievte und schwerfällig hinausstapfte.

Ein oder zwei Sekunden später folgte ihm Peter, nachdem er im Vorzimmer die Anweisung gegeben hatte, die Versicherung über den Diebstahl zu informieren und ihr die von Ogilvie aufgestellte Liste der entwendeten Gegenstände zuzuschicken.

Peter lief das kurze Stück bis zu Christines Büro und war enttäuscht, als er sie dort nicht antraf. Er beschloß, gleich nach dem Lunch noch einmal vorbeizuschauen.

Er ging in die Halle hinunter und schlenderte in das Hauptrestaurant. Am regen Lunchbetrieb merkte man, daß das Hotel derzeit gut besetzt war. Er nickte Max, dem Oberkellner, der auf ihn zueilte, freundlich zu.

»Guten Tag, Mr. McDermott. Einen Einzeltisch?«

»Nein, ich werde mich zur Strafkolonie gesellen.« Peter nutzte sein Vorrecht als stellvertretender Direktor, im Speisesaal für sich allein zu sitzen, selten aus. Meist zog er die Gesellschaft seines Mitarbeiterstabs an dem für sie reservierten großen runden Tisch unweit der Küchentür vor.

Der Rechnungsprüfer des St. Gregory, Royall Edwards, und Sam Jakubiec, der untersetzte glatzköpfige Kreditmanager, waren bereits beim Lunch, als Peter an den Tisch trat. Doc Vickery, der Chefingenieur, der einige Minuten vorher gekommen war, studierte die Speisekarte. Peter setzte sich auf den Stuhl, den Max bereithielt, und fragte: »Was können Sie empfehlen?«

»Versuchen Sie die Kressesuppe«, riet Jakubiec. »Sie ist wie bei Muttern; sogar noch besser.«

Royall Edwards fügte mit seiner korrekten Buchhalterstimme hinzu: »Die heutige Spezialität ist Brathähnchen. Wir haben es bestellt.«

Als der Oberkellner verschwand, tauchte geschwind ein anderer junger Kellner neben ihnen auf. Trotz gegenteiliger Instruktionen wurde der Tisch der leitenden Angestellten, die sogenannte Strafkolonie, im ganzen Speisesaal am besten bedient. Wie Peter und andere herausgefunden hatten, war es dem Personal schwer begreiflich zu machen, daß die zahlenden Gäste des Hotels wichtiger waren als die leitenden Angestellten.

Der Chefingenieur klappte die Speisekarte zu und spähte über seine dicke Brille hinweg, die wie gewöhnlich auf seine Nasenspitze gerutscht war. »Bringen Sie mir das gleiche, Söhnchen.«

»Mir auch.« Peter gab die Speisekarte ungeöffnet zurück.

Der Kellner zögerte. »Ich weiß nicht, ob ich das Brathähnchen empfehlen kann, Sir. Vielleicht nehmen Sie lieber etwas anderes.«

»Na, das hätten Sie uns auch eher sagen können«, meinte Jakubiec.

»Ich kann die Bestellung leicht umändern, Mr.Jakubiec. Ihre auch, Mr. Edwards.«

»Stimmt etwas nicht mit den Hähnchen?« fragte Peter.

»Vielleicht hätt' ich's nicht sagen sollen.« Der Kellner trat unschlüssig von einem Fuß auf den anderen. »Tatsache ist, die Leute beschweren sich darüber. Es scheint ihnen nicht zu schmecken.«

»In dem Fall möchte ich wissen, warum«, sagte Peter. »Lassen Sie also meine Bestellung wie sie ist.« Ein wenig widerstrebend pflichteten die anderen bei.

Als der Kellner davongeflitzt war, fragte Jakubiec: »Ist an dem Gerücht, das ich gehört hab', was Wahres - daß unser Zahnärztekongreß vielleicht auszieht?«

»Sie haben richtig gehört, Sam. Heute nachmittag werde ich erfahren, ob es nur ein Gerücht bleibt.« Peter löffelte seine Suppe und beschrieb dann den Zwischenfall in der Halle. Die Mienen der anderen wurden ernst.

Royall Edwards bemerkte: »Nach meiner Meinung kommt ein Unglück selten allein. In Anbetracht unserer jüngsten finanziellen Verluste, über die Sie alle im Bilde sind, könnte sich das zu einer neuen Pleite auswachsen.«

»Falls es dazu kommt«, erklärte der Chefingenieur, »wird man vermutlich das Budget für die technische Abteilung kürzen.«

»Oder ganz streichen«, entgegnete der Rechnungsprüfer.

Doc Vickery grunzte, durchaus nicht belustigt.

»Vielleicht werden wir alle gestrichen«, sagte Sam Jakubiec, »wenn O'Keefe den Laden übernimmt.« Er sah Peter forschend an, aber Edwards nickte warnend, als der Kellner wieder auftauchte. Die Gruppe schwieg, während der junge Mann das Hähnchen servierte, und für eine Weile war nur Stimmengemurmel im Speisesaal, das gedämpfte Scheppern von Geschirr, das Hin- und Herflitzen der Ober durch die Küchentür zu hören.

Sobald sie wieder allein waren, fragte Jakubiec angelegentlich: »Also, was gibt's Neues?«

Peter schüttelte den Kopf. »Ich weiß gar nichts, Sam. Außer, daß die Suppe verdammt gut ist.«

»Wie Ihnen vielleicht noch erinnerlich ist, haben wir sie Ihnen empfohlen«, sagte Edwards, »und ich möchte Ihnen jetzt noch einen wohlfundierten Rat geben - springen Sie ab, bevor es zu spät ist.« Er hatte in seiner Portion Brathuhn herumgestochert und legte nun Messer und Gabel nieder. »Ich schlage vor, daß wir uns ein andermal den Wink unseres Kellners mehr zu Herzen nehmen.«

»Ist es wirklich so mies?« fragte Peter.

»Ziemlich mies, falls Sie nicht gerade eine Vorliebe für ranziges Fett haben.«

Jakubiec pickte zögernd eine Kostprobe von seinem Teller, während die anderen gespannt zusahen. Schließlich erklärte er: »Man kann's auch so ausdrücken: Wenn ich für das Essen zahlen müßte, würde ich mich weigern.«

Sich halb von seinem Stuhl erhebend, entdeckte Peter den Oberkellner auf der anderen Seite vom Speisesaal und winkte ihn herüber. »Max, hat Chef Hebrand heute Dienst?«

»Nein, Mr. McDermott. Ich hab' gehört, er ist krank. Souschef Lemieux vertritt ihn.« Der Oberkellner fügte besorgt hinzu: »Falls es wegen der Brathähnchen ist, so haben wir bereits Abhilfe getroffen. Sie werden nicht mehr serviert, und bei den Gästen, die sich beschwert haben, wurde das gesamte Menü ersetzt.« Sein Blick schweifte rund um den Tisch. »Das gleiche werden wir auch hier tun.«

»Im Augenblick interessiert mich mehr, wieso das passieren konnte«, sagte Peter. »Würden Sie Chef Lemieux bitte fragen, ob er einen Moment Zeit für mich hat?«

Da er die Küchentür unmittelbar vor sich hatte, war Peter stark versucht, einfach hineinzustürmen und sich an Ort und Stelle zu erkundigen, warum die Lunchspezialität ungenießbar war. Aber ein solches Vorgehen wäre unklug gewesen.

Beim Umgang mit ihren Küchenchefs richtete sich die Hotelleitung nach einem strengen traditionellen Protokoll, das dem eines königlichen Hofs gleichkam. In der Küche war der Chef de Cuisine - oder in seiner Abwesenheit der Souschef -unbestrittener König. Es war undenkbar, daß ein Hoteldirektor die Küche unaufgefordert betrat.

Chefs konnten entlassen werden, und wurden es auch manchmal. Aber bis das geschah, war ihr Königreich tabu.

Einen Chef aus der Küche zu bitten - in diesem Fall an einen Tisch im Speisesaal -, entsprach dem Protokoll. Tatsächlich grenzte es an einen Befehl, da Peter McDermott, in Warren Trents Abwesenheit, die Leitung des Hotels innehatte. Es wäre für Peter auch noch zulässig gewesen, an der Küchentür zu warten, bis man ihn hereinbat. Aber angesichts dieser offenkundigen Krise in der Küche wußte Peter, daß seine Methode die richtige war.

»Wenn Sie mich fragen«, bemerkte Sam Jakubiec, »ist der alte Chef Hebrand längst pensionsreif.«

Royall Edwards fragte: »Falls er sich zur Ruhe setzt, würde man den Unterschied überhaupt merken?« Das war eine Anspielung, wie sie alle wußten, auf die zahlreichen dienstfreien Tage des Chefs de Cuisine, in denen er sich mit Krankheit entschuldigte. Heute war anscheinend wieder so ein Tag.

»Das Ende kommt für uns alle schnell genug«, knurrte der Chefingenieur. »Es ist nur natürlich, daß man's hinausschieben möchte.« Es war kein Geheimnis, daß die schonungslose Härte des Rechnungsprüfers dem von Natur gutmütigen Doc Vickery zuweilen auf die Nerven ging.

»Ich kenne unseren neuen Souschef noch nicht«, sagte Jakubiec. »Vermutlich hat er seine Nase noch nicht aus der Küche gesteckt.«

Royall Edwards blickte auf seinen kaum berührten Teller. »Dann muß seine Nase ein erstaunlich unempfindliches Organ sein.«

Im gleichen Moment schwang die Küchentür auf. Ein Pikkolo, der gerade hindurchgehen wollte, trat ehrerbietig zurück, als Max, der Oberkellner, zum Vorschein kam. Ihm folgte in einigen Schritten Abstand eine hochgewachsene, schlanke Gestalt in gestärktem weißem Kittel, mit hoher weißer Mütze und darunter einer Miene tiefsten seelischen Elends.

»Gentlemen«, verkündete Peter, »falls Sie einander noch nicht kennen, dies ist Chef Andre Lemieux.«

»Messieurs!« Der junge Franzose blieb stehen und hob die Hände in einer hilflosen Geste. »Daß mir das mußte passieren... ich bin verzweifelt.« Seine Stimme klang erstickt.

Peter McDermott war dem neuen Souschef seit dessen Ankunft vor sechs Wochen mehrmals begegnet. Bei jedem Zusammentreffen schloß er den Neuankömmling mehr ins Herz.

Andre Lemieux' Einstellung erfolgte nach dem überstürzten Abzug seines Vorgängers. Der frühere Souschef hatte, nach monatelangen Enttäuschungen und innerlichem Schäumen, seiner Wut über seinen Vorgesetzten, den alternden M. Hebrand, Luft gemacht. Normalerweise wäre die Szene im Sande verlaufen, da Gefühlsausbrüche bei den Chefs und Köchen -wie in jeder großen Küche - sehr häufig vorkamen. Der Zusammenstoß fiel jedoch insofern aus dem Rahmen des Üblichen, als der ehemalige Souschef eine Terrine mit Suppe nach dem Chef de Cuisine schleuderte. Glücklicherweise handelte es sich bei der Suppe um Vichys-Soße, sonst wären die Folgen noch ernster gewesen. Es war ein denkwürdiges Schauspiel, als der Chef de Cuisine, vor Nässe triefend, seinen Assistenten zum Personalausgang eskortierte und dort - mit einer für sein Alter erstaunlichen Energie - auf die Straße warf. Eine Woche später wurde Andre Lemieux eingestellt.

Seine Qualifikationen waren hervorragend. Er hatte in Paris gelernt, in London - bei Prunier's und im Savoy - und danach kurz in Le Pavillon in New York gearbeitet, bevor er den ranghöheren Posten in New Orleans erreichte. Aber Peter vermutete, daß der junge Souschef bereits in den wenigen Wochen seit seiner Ankunft die gleichen Enttäuschungen erlebt hatte, die seinen Vorgänger zum Wahnsinn getrieben hatten. Die Ursache war M. Hebrands unüberwindlicher Widerstand gegen alle Neuerungen in der Küche, obwohl er häufig abwesend war und sich dann von seinem Souschef vertreten ließ. Die Situation erinnerte Peter lebhaft an sein Verhältnis zu Warren Trent und erregte sein Mitgefühl.

Peter wies auf einen freien Stuhl am Tisch der leitenden Angestellten. »Wollen Sie sich nicht zu uns setzen?«

»Danke, Monsieur.« Der junge Franzose nahm gravitätisch Platz.

Gleich darauf erschien der Kellner, der, ohne neue Instruktionen einzuholen, alle vier Lunchbestellungen durch Veal Scallopini ersetzt hatte. Er nahm die zwei anstößigen Portionen Brathuhn weg, die ein dienstfertiger Pikkolo hastig in die Küche verbannte. Die vier Männer machten sich über ihr Essen her, während der Souschef lediglich einen schwarzen Kaffee trank.

»So lass' ich's mir gefallen«, sagte Sam Jakubiec anerkennend.

»Haben Sie entdeckt, was die Panne verursachte?« fragte Peter.

Der Souschef warf einen unglücklichen Blick in Richtung Küche. »Die Pannen, sie 'aben viele Ursach'. Diesmal lag es am schlechten Geschmack des Bratfetts. Aber ich bin zu tadeln, weil ich geglaubt, daß Fett ausgewechselt worden ist. Und ich, Andre Lemieux, ich ließ zu, daß solch ein Essen wurde serviert.« Er schüttelte ungläubig den Kopf.

»Man kann seine Augen nicht überall haben«, sagte der Chefingenieur. »Wir Abteilungsleiter wissen das.«

Royall Edwards verlieh einem Gedanken Ausdruck, der Peter auch schon gekommen war. »Leider werden wir nie erfahren, wie viele Gäste sich nicht beschwerten, dafür aber nicht wiederkommen werden.«

Andre Lemieux nickte düster. Er setzte die Kaffeetasse ab. »Messieurs, Sie werden mich entschuldigen. Monsieur McDermott, wenn Sie fertig gegessen 'aben, wir können vielleicht miteinander reden, ja?«

Fünfzehn Minuten später betrat Peter die Küche durch die Tür des Speisesaals. Andre Lemieux eilte ihm entgegen.

»Es ist nett von Ihnen, zu kommen, Monsieur.«

Peter schüttelte den Kopf. »Ich mag Küchen.« Ein Blick in die Runde zeigte ihm, daß die erhöhte Aktivität während der Lunchzeit allmählich nachließ. Einige Bestellungen gingen noch hinaus, vorbei an den zwei weiblichen Kontrolleuren mittleren Alters, die wie pedantische mißtrauische Schulmeisterinnen hinter Registrierkassen thronten. Aber weit mehr benutztes Geschirr kam aus dem Speisesaal herein, wo Pikkolos und Kellner die Tische abräumten, während die Schar der Gäste sich lichtete. In der Spülküche im Hintergrund, die mit ihren verchromten Schaltertischen und Abfallbehältern wie die Kehrseite der Cafeteria aussah, arbeiteten sechs in Gummischürzen gehüllte Küchenhelfer und vermochten der Geschirrflut aus den verschiedenen Hotelrestaurants und dem Kongreßsaal kaum Herr zu werden. Peter bemerkte, daß ein Gehilfe die unberührten Butterportionen abfing und in einen großen Chrombehälter streifte. Später würde die Butter zum Kochen verwendet werden.

»Ich wollte mit Ihnen sprechen allein, Monsieur. In Gegenwart anderer kann man viele Dinge schlecht sagen, verstehen Sie.«

»Ein Punkt ist mir noch nicht klar«, sagte Peter nachdenklich. »Sie hatten angeordnet, daß das Bratfett ausgewechselt würde, aber die Anordnung wurde nicht befolgt. Ist das richtig?«

»Ja.«

»Was ist nun eigentlich geschehen?«

Der junge Chef machte ein bekümmertes Gesicht. »Diesen Morgen, ich gebe den Befehl. Meine Nase sagt mir, das Fett ist nicht gut. Aber M. Hebrand ohne mich zu informieren -widerruft den Befehl. Dann M. Hebrand ging nach 'ause, und ich blieb zurück mit dem schlechten Fett.«

Peter mußte unwillkürlich lächeln. »Was war der Grund für den Gegenbefehl?«

»Fett ist teuer - sehr teuer; da 'at M. Hebrand recht. In letzter Zeit wir 'aben es oft ausgewechselt. Zu oft.«

»Haben Sie versucht, die Ursache herauszufinden?«

Andre Lemieux spreizte verzweifelt die Hände. »Ich 'abe vorgeschlagen, jeden Tag, einen chemischen Test - für freie Fettsäure. Es könnte sogar 'ier in einem Laboratorium gemacht werden. Dann würden wir suchen nach dem Grund, warum das Fett schlecht wird. M. Hebrand ist nicht einverstanden - damit und mit anderen Dingen.«

»Sie glauben also, daß hier vieles verkehrt ist?«

»Sehr vieles«, erwiderte Andre Lemieux kurz und beinahe mürrisch, und einen Moment lang hatte es den Anschein, als sei das Gespräch zu Ende. Dann, als wäre ein Damm gebrochen, sprudelte er hervor: »Monsieur McDermott, ich sage Ihnen, 'ier ist sehr viel verkehrt. Das ist keine Küche, um mit Stolz darin zu arbeiten. Es ist ein - wie nennen Sie das - ein Durcheinander -schlechtes Essen, alte Methoden, die schlecht sind, neue Methoden, die auch schlecht sind, und viel Verschwendung. Ich bin ein guter Küchenchef; man wird Ihnen das bestätigen. Aber ein guter Chef muß glücklich sein bei dem, was er tut, oder er ist nicht mehr gut. Ja, Monsieur, ich würde vieles ändern, sehr vieles, und es wäre besser für das Hotel, für M. Hebrand, für andere. Aber man verbietet mir - wie einem bebe - irgend etwas zu ändern.«

»Vielleicht wird es hier bald große Veränderungen geben«, sagte Peter. »Sehr bald sogar.«

Andre Lemieux warf sich hochmütig in die Brust. »Sollten Sie damit auf Monsieur O'Keefe anspielen, so werde ich sein regime nicht miterleben. Ich 'abe nicht die Absicht, Koch in einer Schnellgaststätte zu werden.«

Peter fragte neugierig: »Falls das St. Gregory unabhängig bleibt, was für Veränderungen haben Sie dann im Sinn?«

Sie hatten fast die gesamte Länge der Küche abgeschritten -ein langgestrecktes Viereck, das die ganze Breite des Hotels einnahm. An jeder Seite des Vierecks führten, wie Ausläufer aus einem Kontrollzentrum, Türen zu den verschiedenen Hotelrestaurants, zu den Personal- und Speiseaufzügen und Anrichteräumen. Einer doppelten Reihe von Suppenkesseln ausweichend, die wie riesige Schmelztiegel brodelten, näherten sie sich dem verglasten Büro, wo sich, theoretisch, die beiden obersten Küchenchefs - der Chef de Cuisine und der Souschef -die Verantwortung teilten. Unweit davon bemerkte Peter den großen Tiefbrater, die Ursache der heutigen Panne. Ein Küchenhelfer ließ gerade das gesamte Fett ablaufen; in Anbetracht der Quantität war leicht zu verstehen, warum ein zu häufiges Auswechseln kostspielig sein mußte. Sie machten halt, während Andre Lemieux über Peters Frage nachdachte.

»Welche Veränderungen ich würde vornehmen, Monsieur? An erster Stelle kommen die Speisen. Für manche ist das Aussehen eines Gerichts, die fa9ade, wichtiger als der Geschmack. In diesem Hotel vergeuden wir viel Geld für das decor. Überall sieht man die Petersilie, aber in den Saucen ist sie zuwenig. Die Kresse liegt auf dem Teller, aber in der Suppe ist nicht genug davon. Und die bunten Gelatinearrangements!« Der junge Lemieux hob verzweifelt beide Arme.

»Und was die Weine angeht, Monsieur! Dieu merci, der Wein, er schlägt nicht in mein Fach.«

»Ja«, sagte Peter. Er war mit den unzulänglichen Weinvorräten des St. Gregory auch nicht zufrieden.

»Mit einem Wort, Monsieur, all die Schrecken einer minderwertigen table d'höte. Solch kolossale Mißachtung für das Essen, solch ein Geldaufwand nur für den schönen Schein -man könnte weinen, Monsieur. Weinen!« Er hielt inne, zuckte mit den Schultern und fuhr fort: »Bei größerer Sparsamkeit wir könnten 'aben eine cuisine, die für den Gaumen ein Genuß ist. Jetzt ist sie eintönig und ganz alltäglich.«

Peter fragte sich, ob Andre Lemieux in bezug auf das St. Gregory realistisch genug dachte. Als hätte er den Zweifel gespürt, fügte der Souschef hinzu: »Natürlich 'at ein Hotel seine speziellen Probleme. Dies 'ier ist kein 'aus für Feinschmecker, kann es auch gar nicht sein. Wir müssen rasch sehr viele Mahlzeiten kochen und sie Leuten servieren, die zu sehr in amerikanischer Eile sind. Aber innerhalb dieser Grenzen kann man doch eine Art von exellence erreichen, eine excellence, die einen befriedigt. Aber M. Hebrand sagt mir, meine Ideen sind zu kostspielig. Das stimmt nicht, wie ich bewiesen 'abe.«

»Wie haben Sie es bewiesen?«

»Kommen Sie, bitte.«

Der junge Franzose ging voran ins Büo. Das war ein kleiner vollgepackter Glaskasten mit zwei Schreibtischen, mit Karteischränken und Regalen, die sich an drei Wänden entlangzogen. Andre Lemieux begab sich an den kleineren Schreibtisch. Einer Schublade entnahm er einen großen gelben Umschlag, aus dem er einen Hefter zog. Er reichte ihn Peter. »Sie fragen, was für Änderungen, 'ier steht alles drin.«

Peter McDermott schlug gespannt den Hefter auf. Er war viele Seiten stark, und jedes Blatt war mit zierlichen präzisen Buchstaben bedeckt. Mehrere größere gefaltete Bogen waren mit der Hand gezeichnete, sorgsam beschriftete Tabellen. Peter erkannte, daß es sich um einen Hauptverpflegungsplan für das gesamte Hotel handelte. Auf den nachfolgenden Seiten fand er Kostenvoranschläge, Speisekarten, einen Plan zur Qualitätskontrolle und einen Entwurf für die Reorganisierung des Personals. Selbst beim flüchtigen Durchblättern war er vom Konzept und vom Verständnis des Verfassers fürs Detail tief beeindruckt.

Er blickte auf. Lemieux sah ihn erwartungsvoll an. »Ich würde mir das gern genauer ansehen, wenn ich darf.«

»Nehmen Sie es mit. Es eilt nicht.« Der junge Souschef lächelte verkniffen. »Man 'at mir gesagt, keines meiner Pferde wird das Rennen machen.«

»Was mich dabei am meisten überrascht, ist, daß Sie in so kurzer Zeit einen so tiefen Einblick gewonnen haben.«

Andre Lemieux zuckte mit den Schultern. »Man braucht nicht lange, um zu erkennen, was 'ier nicht stimmt.« »Vielleicht könnten wir die gleiche Methode beim Tiefbrater anwenden.«

In den Augen des anderen schimmerte es humorvoll auf. »Touche. Es ist wahr - ich 'abe soviel gesehen, aber nicht das 'eiße Fett unter meiner Nase.«

»Nein«, wandte Peter ein. »Nach dem, was Sie mir erzählten, haben Sie das schlechte Fett entdeckt, nur wurde es, entgegen Ihrem Befehl, nicht ausgewechselt.«

»Aber ich 'ätte den Grund 'erausfinden müssen, warum es schlecht wurde. Es gibt immer einen Grund. Wenn wir ihn nicht bald finden, werden wir bald noch größeren Ärger 'aben.«

»Wieso?«

»'eute 'aben wir den Brater glücklicherweise nur wenig benutzt. Morgen, Monsieur, müssen wir sechshundert Portionen für den Lunch der Kongreßteilnehmer braten.«

Peter stieß einen leisen Pfiff aus.

»Ja richtig.« Sie hatten das Büro verlassen uid standen nun vor dem Tiefbrater, der gerade von den letzten Überresten des ranzigen Fetts gesäubert wurde.

»Morgen ist das Fett natürlich frisch. Wann haben Sie es zum letztenmal erneuert?«

»Gestern.«

»Erst?«

Andre Lemieux nickte. »M. Hebrand macht keinen Scherz, als er sich über die 'ohen Kosten beklagte. Die Sache ist ein mystere für uns.«

»Ich versuche gerade, mir ein paar Tatsachen aus der Nahrungsmittelchemie ins Gedächtnis zurückzurufen«, sagte Peter langsam. »Der Rauchpunkt von frischem gutem Fett liegt bei -«

»Zweihundert Grad. Es sollte niemals stärker erhitzt werden, oder es bricht.«

»Und wenn das Fett an Qualität verliert, sinkt sein Rauchpunkt allmählich.«

»Ja, sehr langsam - wenn sonst alles in Ordnung ist.«

»Hier braten Sie bei...?«

»'undertachtzig Grad; die beste Temperatur - für Küchen und für 'ausfrauen.«

»Solange also der Rauchpunkt bei hundertachtzig Grad bleibt, erfüllt das Fett seinen Zweck. Darunter aber nicht mehr.«

»Das ist wahr, Monsieur. Und das Fett gibt den Speisen einen schlechten Beigeschmack. Sie schmecken ranzig wie 'eute.«

Ehemals auswendig gelernte, inzwischen eingerostete Fakten regten sich in Peters Gedächtnis. In Cornell hatte es für die Studenten der Hotelfachschule einen Kursus für Nahrungsmittelchemie gegeben. Er erinnerte sich dunkel an eine Vorlesung... an einem trüben Nachmittag in Statler Hall mit weiß bereiften Fensterscheiben. Er war aus der schneidenden winterlichen Kälte gekommen. Drinnen war es warm, und ein Professor las über »Fette und Katalysatoren.«

»Es gibt gewisse Substanzen«, sagte Peter versonnen, »die, wenn sie mit Fett in Berührung kommen, als Katalysatoren wirken und es sehr schnell zersetzen.«

»Ja, Monsieur.« Andre Lemieux zählte sie an den Fingern ab. »Dazu gehören Feuchtigkeit, Salz, Messing- oder Kupferverbindungen in einem Brater, zu viel 'itze, das Öl von der Olive. All das 'abe ich nachgeprüft, und es ist nicht der Grund.«

Plötzlich fiel Peter etwas ein. Es verband sich mit Beobachtungen, die er eben, sich selbst nicht bewußt, bei der Säuberung des Tiefbraters gemacht hatte.

»Aus welchem Metall bestehen die Bratroste?«

»Aus Chrom«, war die verdutzte Antwort. Beide wußten, daß Chrom dem Fett nicht schadete.

»Ich frage mich, wie stark der Überzug ist. Und, falls er nicht gut ist, was darunter ist, und ob er abgenutzt ist?«

Lemieux zögerte; seine Augen weiteten sich. Dann holte er stillschweigend einen der Körbe herunter und wischte ihn sorgfältig mit einem Tuch ab. Sie traten unter eine Lampe und prüften die Oberfläche des Metalls.

Der Chromüberzug war durch langen und ständigen Gebrauch zerkratzt. An einzelnen Stellen war er völlig abgeschabt, und darunter schimmerte es gelblich.

»Es ist Messing!« Der junge Franzose schlug sich mit der Hand an die Stim. »Das ist zweifellos der Grund, warum das Fett ranzig wird. Ich war ein Riesentrottel.«

»Sie brauchen sich wirklich keine Vorwürfe zu machen. Irgendwann, lange vor Ihrer Zeit, wollte jemand sparen und kaufte billige Bratroste. Leider kamen sie uns schließlich ziemlich teuer zu stehen.«

»Aber ich hätte von selbst dahinterkommen müssen, Monsieur!« Andre Lemieux schien den Tränen nahe. »Statt dessen kommen Sie in die Küche - aus Ihrer paperasserie - und sagen mir, was 'ier verkehrt ist. Alle werden mich auslachen.«

»Das wird nur geschehen, wenn Sie selbst darüber reden«, sagte Peter. »Von mir erfährt keiner etwas.«

Andre Lemieux sagte langsam: »Man 'at mir erzählt, daß Sie ein guter Mann sind und intelligent. Nun weiß ich selbst, daß das wahr ist.«

Peter tippte auf den Hefter in seiner Hand. »Ich werde Ihren Bericht lesen und Ihnen sagen, was ich davon halte.«

»Danke, Monsieur. Und ich werde neue Bratkörbe anfordern. Aus rostfreiem Stahl, 'eute abend sind sie 'ier und wenn ich jemandem den Kopf einschlagen muß.«

Peter lächelte.

»Monsieur, da ist noch etwas - nur so ein Gedanke.«

»Ja?«

Der junge Souschef zögerte. »Sie werden mich für - wie nennen Sie das - für anmaßend 'alten. Aber Sie und ich, Monsieur McDermott - wenn wir freie 'and 'ätten -, wir könnten aus dem St. Gregory ein Hotel fabuleux machen.«

Obwohl er laut herauslachte, mußte Peter McDermott auf dem ganzen Weg in sein Büro über Lemieux' Bemerkung nachdenken.

9

Eine Sekunde, nachdem sie an die Tür von Zimmer 1410 geklopft hatte, fragte sich Christine, warum sie hergekommen war. Ihr gestriger Besuch war nach den Ereignissen in der Nacht zuvor und Albert Wells' Kampf mit dem Tode nur natürlich gewesen. Aber nun befand er sich in guter Pflege und war, nach seiner Wiederherstellung, in seine Rolle als normaler Gast unter anderthalbtausend anderen Gästen zurückgeglitten. Daher, so sagte sich Christine, bestand eigentlich kein Anlaß für einen zweiten persönlichen Besuch.

Aber sie fühlte sich irgendwie zu dem kleinen ältlichen Mann hingezogen. War es vielleicht seiner väterlichen Güte wegen, und weil sie an ihm Charakterzüge ihres eigenen Vaters wahrnahm, mit dessen Verlust sie sich nie ganz abgefunden hatte, selbst nach fünf langen Jahren nicht. Aber nein! Die Beziehung zu ihrem Vater war geprägt durch ihr Vertrauen in seinen Schutz. Bei Albert Wells war es umgekehrt; sie empfand ihn als ihren Schützling, so wie sie ihn gestern gegen die Folgen zu verteidigen suchte, die seine Entscheidung für private Pflege haben mußte.

Oder vielleicht, dachte Christine, war sie einfach einsam und wollte ihre Enttäuschung darüber abreagieren, daß sie Peter heute abend nicht sehen würde, wie es ursprünglich geplant war. Und was das anlangte - war es wirklich nur Enttäuschung gewesen oder ein stärkeres Gefühl, als sie entdeckte, daß er statt dessen mit Marsha Preyscott dinieren würde?

Wenn sie sich nichts vormachen wollte, mußte Christine sich eingestehen, daß sie heute morgen sehr erbost gewesen war. Immerhin hoffte sie, ihren Ärger gut verborgen zu haben, obwohl sie sich einige bissige Bemerkungen nicht hatte verkneifen können. Es wäre ein großer Fehler gewesen, ihr Anrecht auf Peter zu zeigen oder die kleine katzenhafte Miss Marsha im Glauben zu bestärken, sie habe einen weiblichen Sieg errungen, auch wenn sie ihn tatsächlich errungen haben sollte.

Auf ihr Klopfen hin hatte sich nichts gerührt. Da sie wußte, daß die Pflegerin eigentlich im Dienst sein müßte, klopfte Christine noch einmal lauter. Diesmal hörte sie, wie ein Stuhl zurückgeschoben wurde und tappende Schritte.

Die Tür öffnete sich. Albert Wells war voll bekleidet, sah gut aus und hatte Farbe im Gesicht. Seine Miene erhellte sich, als er Christine erblickte. »Ich hatte gehofft, daß Sie kommen würden, Miss. Andernfalls hätte ich Sie aufgesucht.«

Sie sagte erstaunt: »Aber ich dachte...«

Der kleine vogelähnliche Mann schmunzelte. »Sie dachten, man würde mich am Bett festnageln; na, sie haben's sich anders überlegt. Ich fühle mich so wohl, daß ich Ihren Hoteldoktor veranlaßt habe, nach dem Spezialisten zu schicken - dem aus Illinois, Dr. Uxbridge. Das ist ein vernünftiger Bursche; er sagte, wenn Leute sich besser fühlen, dann geht es ihnen meistens auch besser. Folglich haben wir die Pflegerin nach Haus gejagt, und ich bin wieder mein eigener Herr.« Er strahlte. »Kommen Sie herein, Miss.«

Christines erste Reaktion war Erleichterung darüber, daß nun die erheblichen Kosten der privaten Pflege wegfielen. Sie vermutete, daß derselbe Gedanke Albert Wells' Entschluß mit beeinflußt hatte.

Als sie ihm ins Zimmer folgte, fragte er: »Haben Sie schon mal geklopft?«

Sie bejahte.

»Dachte mir, ich hätte was gehört. Aber ich war zu sehr in das da vertieft.« Er zeigte auf einen Tisch unweit des Fensters. Auf ihm lag ein großflächiges und kniffliges Zusammensetzspiel, das zu zwei Dritteln vollendet war. »Oder vielleicht glaubte ich auch, es sei Bailey«, fügte er hinzu.

»Wer ist Bailey?« fragte Christine neugierig.

Der alte Mann zwinkerte ihr zu. »Wenn Sie ein Weilchen bleiben, lernen Sie ihn kennen - entweder ihn oder Barnum.«

Verständnislos schüttelte sie den Kopf. Sie ging zum Fenster hinüber und beugte sich über das Puzzlespiel. Aus den bereits eingesetzten Teilchen ließ sich auf dem ersten Blick erkennen, daß es sich um eine Ansicht von New Orleans handelte - die Stadt bei Anbruch der Dunkelheit, aus der Vogelschau gesehen, vom schimmernden Band des Stromes durchflossen. Sie sagte: »Früher, als Kind, hab' ich mich auch damit beschäftigt. Mein Vater half mir dabei.«

»In den Augen mancher Leute ist das vielleicht nicht der passende Zeitvertreib für einen erwachsenen Mann«, meinte Albert Wells. »Ich mache mich meistens daran, wenn ich über irgendwas nachdenken möchte. Manchmal entdecke ich das Schlüsselteilchen und die Antwort auf mein Problem zur gleichen Zeit.«

»Das Schlüsselteilchen? Davon hab' ich noch nie gehört.«

»Es ist bloß so ein Einfall von mir, Miss. Ich schätze, es gibt immer einen Schlüssel - für dieses Spiel hier und für alle möglichen anderen Probleme. Manchmal bildet man sich ein, man hat ihn gefunden, aber das ist ein Irrtum. Wenn man ihn gefunden hat, sieht man plötzlich alles viel klarer, und alle Teile drumherum greifen ineinander.«

Es klopfte kräftig an der äußeren Tür. Albert Wells flüsterte: »Aha, Bailey!«

Als sich die Tür öffnete, nahm Christine überrascht einen uniformierten Hoteldiener wahr. Über seine Schulter hatte er eine Kollektion von Anzügen an Kleiderbügeln; vor sich her trug er einen gebügelten blauen Sergeanzug, der, seinem altmodischen Schnitt nach zu schließen, Albert Wells gehörte. Mit geübter Schnelligkeit hängte der Hausdiener den Anzug in einen Schrank und kehrte zur Tür zurück, wo der kleine Mann auf ihn wartete. Mit der linken Hand hielt der Diener die Anzüge über seiner Schulter fest; die rechte schnellte, mit geöffnetem Handteller, automatisch nach vorn.

»Sie haben Ihr Trinkgeld bereits bekommen«, sagte Albert Wells mit einem stillvergnügten Ausdruck in den Augen. »Als der Anzug heute morgen geholt wurde.«

»Aber nicht von mir, Sir.« Der Hoteldiener schüttelte energisch den Kopf.

»Nein, von Ihrem Freund. Das kommt aufs gleiche raus.«

Der Mann sagte stur: »Davon weiß ich nichts.«

»Meinen Sie damit, daß er Ihnen Ihren Anteil nicht gibt?«

Die ausgestreckte Hand senkte sich. »Ich verstehe nicht.«

»Ach, hören Sie auf damit!« Albert Wells grinste breit. »Sie sind Bailey. Das Trinkgeld hab' ich Barnum gegeben.«

Der Blick des Dieners flackerte unruhig zu Christine hinüber. Als er sie erkannte, glitt ein Anflug von Besorgnis über sein Gesicht. Dann grinste er schafsmäßig. »Ja, Sir.« Er ging hinaus und schloß die Tür hinter sich.

»Was, um alles in der Welt, hatte das zu bedeuten?«

»Kennen Sie den Barnum-und-Bailey-Trick denn nicht?« Christine schüttelte den Kopf.

»Die Sache ist ganz einfach, Miss. Hoteldiener arbeiten paarweise. Einer holt den Anzug ab, der andere bringt ihn zurück. Auf diese Art kassieren sie meistens zweimal. Danach legen sie die Trinkgelder zusammen und verteilen sie gleichmäßig unter sich.«

»Das leuchtet mir ein«, sagte Christine. »Aber ich wäre nie von selbst drauf gekommen.«

»So geht's auch den meisten anderen, und deshalb zahlen sie für ein und dieselbe Dienstleistung doppelt.« Albert Wells rieb sich versonnen seine schnabelförmige Nase. »Für mich ist's eine Art Spiel; es reizt mich, immer wieder festzustellen, in wie vielen Hotels der Trick angewandt wird.«

Sie lachte. »Und wie fanden Sie es heraus?«

»Ein Hoteldiener erzählte es mir, als er merkte, daß ich ihm hinter die Schliche gekommen war. Er erzählte mir auch noch was anderes. Sie wissen wohl, daß man in Hotels mit Selbstwähldienst von manchen Apparaten aus die Zimmer direkt anrufen kann. Folglich ruft Barnum oder Bailey - welcher von den beiden gerade an der Reihe ist - die Nummer an, für die er eine Lieferung hat. Meldet sich niemand, wartet er und ruft später noch mal an. Ist der Gast da, hängt er auf, ohne was zu sagen. Ein paar Minuten später liefert er den Anzug ab und kassiert ein zweites Trinkgeld.«

»Sie geben nicht gern Trinkgelder, Mr. Wells?«

»Ach, das ist es gar nicht mal so sehr, Miss. Trinkgelder sind wie der Tod - man kommt nicht um sie herum. Welchen Zweck hätte es also, sich deswegen aufzuregen? Übrigens hab' ich Barnum heut morgen ein großzügiges Trinkgeld gegeben -gewissermaßen als Vorauszahlung für den Spaß, den ich mir eben mit Bailey gemacht hab'. Ich lass' mich bloß nicht gern für dumm verkaufen.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, daß Ihnen das oft passiert.« Christine begann einzusehen, daß Albert Wells durchaus nicht so wehrlos war, wie sie ursprünglich vermutet hatte. Sie fand ihn jedoch noch genauso liebenswert wie immer.

»Das kann schon sein«, meinte er. »Aber ich will Ihnen eins sagen, Miss. Hier in dem Hotel gibt's mehr von diesem Hokuspokus als in den meisten anderen.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Weil ich meine Augen offenhalte und mit den Leuten rede. Sie erzählen mir eine Menge Dinge, die sie Ihnen vielleicht nicht erzählen würden.«

»Was für Dinge?«

»Nun, die meisten bilden sich ein, sie können sich so ziemlich alles erlauben. Schuld daran ist, schätz' ich, daß es bei Ihnen mit der Geschäftsführung nicht klappt. Sie könnte gut sein, ist es aber nicht, und darum steckt Ihr Mr. Trent auch im Moment in der Klemme.«

»Es ist direkt unheimlich«, sagte Christine. »Peter McDermott hat mir genau dasselbe gesagt - und fast in den gleichen Worten.« Ihre Augen erforschten das Gesicht des kleinen Mannes. Trotz seines Mangels an Welterfahrenheit besaß er offenbar einen ursprünglichen Instinkt für die Wirklichkeit.

Albert Wells nickte anerkennend. »Also, das ist ein kluger junger Mann. Wir hatten gestern ein Gespräch.«

»Peter war hier?« fragte sie überrascht.

»Ganz recht.«

»Das wußte ich nicht.« Aber es sah ihm ähnlich, dachte sie, eine Angelegenheit weiterzuverfolgen, an der er persönlich beteiligt war. Ihr war schon vorher seine Fähigkeit aufgefallen, im großen Maßstab zu denken, ohne dabei jedoch die Details zu vernachlässigen.

»Werden Sie ihn heiraten, Miss?«

Die abrupte Frage brachte sie aus der Fassung. »Wie kommen Sie bloß auf die Idee?« protestierte sie, spürte jedoch zu ihrer Bestürzung, daß sie errötete.

Der kleine Mann schmunzelte. Zuweilen hatte er das Gebaren eines mutwilligen Gnoms, dachte Christine.

»Ich hab' mir so meinen Reim gemacht - aus der Art, wie Sie eben seinen Namen ausgesprochen haben. Außerdem hab' ich mir gedacht, daß Sie sich oft über den Weg laufen müssen, wo Sie doch beide hier arbeiten; und wenn der junge Mann so viel Verstand hat, wie ich glaube, dann wird er rasch begreifen, daß er nicht weiter zu suchen braucht.«

»Mr. Wells, Sie sind abscheulich! Sie lesen in den Gedanken der Leute und bringen Sie in gräßliche Verlegenheit.« Aber ihr warmes Lächeln widerlegte den Vorwurf. »Und bitte, nennen Sie mich nicht mehr >Miss<. Ich heiße Christine.«

»Das ist ein bedeutsamer Name für mich«, sagte er still.

»Meine Frau hieß auch so.«

»Hieß?«

Er nickte. »Sie ist tot, Christine. Es ist so lange her, daß mir die Zeiten, die wir miteinander verlebten, manchmal wie ein Traum vorkommen; die guten und die schlechten, denn wir hatten eine Menge von beiden. Aber dann und wann kommt's mir wieder so vor, als wäre es erst gestern gewesen, und dann bin ich des vielen Alleinseins müde. Wir hatten keine Kinder.« Er hielt inne, mit einem grübelnden Ausdruck in den Augen. »Man weiß nie, wie viel man mit jemandem gemeinsam hat, bis die Gemeinsamkeit endet. Sie und Ihr junger Mann sollten jede Minute festhalten. Verschwenden Sie keine Zeit; man kriegt sie nicht zurück.«

Sie lachte. »Aber ich sag' Ihnen doch, er ist nicht mein junger Mann. Wenigstens jetzt noch nicht.«

»Wenn Sie die Dinge richtig hinbiegen, wird er's sein.«

»Vielleicht.« Ihr Blick senkte sich auf das halbfertige Zusammensetzspiel. Sie sagte langsam: »Ich möchte wissen, ob es - wie Sie sagen - einen Schlüssel zu allem gibt und ob man, wenn man ihn findet, wirklich klarsieht oder bloß glaubt und hofft.« Und plötzlich hatte sie, fast ohne es zu merken, begonnen, dem kleinen Mann ihr Herz auszuschütten, ihm von der Tragödie in Wisconsin zu erzählen, ihrer Einsamkeit, dem Aufbruch nach New Orleans, den nachfolgenden Jahren, in denen sie sich mit ihrem Schicksal abfand, und von der neuen Aussicht auf ein erfülltes, fruchtbares Leben. Sie vertraute ihm auch ihre Enttäuschung darüber an, daß ihre Verabredung für den Abend in die Brüche gegangen war.

Am Ende nickte Albert Wells weise. »Meistens kommt alles von allein ins Lot. Aber manchmal muß man ein bißchen nachhelfen.«

»Irgendwelche Vorschläge?« fragte sie leichthin.

Er schüttelte den Kopf. »Als Frau kennen Sie sich da viel besser aus als ich. Ich möchte bloß eins sagen: Nach allem, was heute passiert ist, würde es mich nicht wundern, wenn der junge Mann Sie für morgen abend einlädt.«

Christine lächelte. »Das wäre möglich.«

»Dann verabreden Sie sich rasch mit jemand anderem. Er wird Sie mehr schätzen, wenn Sie ihn einen Tag lang zappeln lassen.«

»Da müßte ich mir irgendeine Ausrede ausdenken.«

»Das brauchen Sie nicht. Ich wollte Sie sowieso fragen, Miss... verzeihen Sie, Christine, ob Sie Lust haben, mit mir zusammen zu essen. Es soll eine Art Dankeschön sein für neulich. Falls Sie die Gesellschaft eines alten Mannes ertragen können, springe ich gern als Ersatzmann ein.«

»Ich freue mich schrecklich über die Einladung, Mr. Wells«, antwortete Christine, »und ich verspreche Ihnen, daß Sie für mich durchaus kein x-beliebiger Ersatzmann sind.«

»Fein!« Der kleine Mann strahlte. »Ich schätze, wir bleiben wohl am besten hier im Hotel. Ich hab' dem Doktor versprochen, in den nächsten paar Tagen nicht ins Freie zu gehen.«

Christine zögerte kurz. Sie fragte sich, ob Albert Wells wußte, wie hoch die Abendpreise im Hauptrestaurant des St. Gregory waren. Nachdem er die Pflegerin heimgeschickt hatte, wünschte sie nicht, ihm neue Ausgaben aufzubürden. Dann fiel ihr plötzlich ein Weg ein, auf dem sich das vermeiden ließ.

Heiter versicherte sie ihm: »Das mit dem Hotel ist eine gute Idee. Aber es ist schließlich eine besondere Gelegenheit, und da müssen Sie mir schon viel Zeit lassen, daß ich nach Haus gehen und mich wirklich schön machen kann. Sagen wir acht Uhr -morgen abend.«

In der vierzehnten Etage, nachdem sie sich von Albert Wells verabschiedet hatte, merkte Christine, daß Fahrstuhl Nummer vier außer Betrieb war. An den Schiebetüren und in der Kabine wurden Reparaturen vorgenommen.

Sie fuhr in einem anderen Lift in den ersten Stock hinunter.

10

Dr. Ingram, der Präsident des Zahnärztekongresses, funkelte den Besucher in seiner Suite im siebten Stockwerk grimmig an. »McDermott, falls Sie in der Absicht hierhergekommen sind, Öl auf die Wogen zu gießen, dann kann ich nur sagen, Sie verschwenden Ihre Zeit. Ist das der Grund für Ihr Kommen?«

»Ich fürchte ja«, erwiderte Peter.

»Na, Sie lügen wenigstens nicht«, gab der ältere Mann widerwillig zu.

»Warum sollte ich auch? Ich bin ein Angestellter des Hotels, Dr. Ingram. Solange ich hier arbeite, bin ich verpflichtet, mein Bestes zu tun.«

»Haben Sie auch für Dr. Nicholas Ihr Bestes getan?«

»Nein, Sir. Zufällig glaube ich, daß wir gar nichts Schlimmeres hätten tun können. Die Tatsache, daß ich nicht befugt bin, eine feststehende Anordnung zu ändern, macht es nicht besser.«

Der Präsident des Zahnärztekongresses schnaubte. »Wäre es Ihnen wirklich ernst, so hätten Sie auch den Schneid, hier zu kündigen und sich woanders eine Stellung zu suchen. In einem Hause, wo das Gehalt vielleicht niedriger, aber das Gefühl für Anstand besser entwickelt ist.«

Peter errötete und unterdrückte eine scharfe Erwiderung. Er sagte sich mahnend, daß er Dr. Ingram am Vormittag seiner aufrechten Haltung wegen bewundert und daß sich seitdem nichts geändert hatte.

»Nun?« Dr. Ingram musterte Peter mit wachsamem unnachgiebigem Blick.

»Angenommen, ich würde kündigen, so würde mein Nachfolger vielleicht mit dem Zustand der Dinge völlig zufrieden sein. Das zumindest trifft auf mich nicht zu. Ich habe vor, alles zu tun, was in meiner Macht steht, um die Vorurteile und Verbote zu beseitigen.«

»Verbote! Vorurteile! Fauler Zauber!« Des Doktors rosiges Gesicht wurde noch röter. »Diese Argumente hab' ich schon zu meiner Zeit gehört! Sie machen mich krank! Verdammte Ausreden, die der menschlichen Rasse nicht würdig sind!«

Beide Männer schwiegen.

»Na schön.« Dr. Ingram senkte die Stimme; sein erster Ärger war verraucht. »Sie sind wenigstens nicht so fanatisch wie die anderen, McDermott. Sie haben Ihre eigenen Probleme, und mein Gezeter bringt uns auch nicht weiter. Aber begreifen Sie denn nicht, Mann, daß meist gerade die verdammte Superklugheit von Leuten wie Sie und ich mit an der Behandlung schuld ist, die Jim Nicholas heute zuteil wurde.«

»Doch, Doktor, ich sehe das ein. Aber ich glaube, die ganze Sache ist nicht ganz so einfach, wie Sie sie machen.«

»Das weiß ich selbst«, knurrte der ältere Mann. »Sie haben gehört, was ich Nicholas sagte. Ich sagte, falls man sich nicht bei ihm entschuldigt und ihm ein Zimmer gibt, würde ich den gesamten Kongreß aus dem Hotel verlegen.«

Peter sagte vorsichtig: »Ist eine solche Tagung - mit ihren medizinischen Diskussionen, Vorträgen und dergleichen - nicht für sehr viele Menschen von Nutzen?«

»Natürlich.«

»Wem würde es dann also helfen? Ich meine, falls Sie das Ganze abblasen, wer würde davon profitieren? Dr. Nicholas doch gewiß nicht...« Er verstummte, weil er die wieder zunehmende Feindseligkeit des anderen spürte.

»Versuchen Sie nicht, mich einzuwickeln, McDermott«, fauchte Dr. Ingram. »Und trauen Sie mir wenigstens genügend Intelligenz zu, um selbst auf diese Schlußfolgerung zu kommen.«

»Tut mir leid.«

»Es gibt immer Gründe, um etwas nicht zu tun; und sehr oft sind es ausgezeichnete Gründe. Deshalb sind so wenige Menschen bereit, für Ihre Überzeugung einzutreten, oder für das, was sie als ihre Überzeugung ausgeben. In zwei Stunden, wenn sie hören, was ich vorhabe, werden mir einige meiner wohlmeinenden Kollegen mit den gleichen Argumenten kommen.« Der alte Mann verschnaufte und faßte Peter fest ins Auge. »Jetzt möchte ich Sie was fragen. Heute morgen gaben Sie zu, daß Sie sich schämten, weil Sie Jim Nicholas abweisen mußten. Falls Sie an meiner Stelle wären, hier und jetzt, was würden Sie tun?«

»Doktor, das ist ein hypothetischer -«

»Geschenkt! Ich habe Ihnen eine einfache, direkte Frage gestellt.«

Peter überlegte. Soweit es das Hotel betraf, würde eine aufrichtige Antwort vermutlich kaum etwas am Endergebnis ändern. Er sagte: »Ich glaube, ich würde mich genauso verhalten wie Sie - ausziehen.«

»Nanu!« Der Präsident des Zahnärztekongresses trat einen Schritt zurück und betrachtete ihn abschätzend. »Unter all dem beruflichen Firnis verbirgt sich ein ehrlicher Mann.«

»Der vielleicht ziemlich bald auf der Straße liegt.«

»Halten Sie an Ihrem schwarzen Anzug fest, Sohn! Damit können Sie einen Job als Gehilfe des Leichenbestatters kriegen.« Dr. Ingram kicherte zum erstenmal. »Trotz allem mag ich Sie, McDermott. Brauchen Sie vielleicht zufällig eine Zahnbehandlung?«

Peter schüttelte den Kopf. »Falls es Ihnen nichts ausmacht, würde ich lieber möglichst bald über Ihre Pläne informiert werden.« Sobald der Auszug der Zahnärzte feststand, würde es eine Menge zu tun geben. Für das Hotel war es ein katastrophaler Verlust, wie Royall Edwards beim Lunch betont hatte. Aber wenigstens konnte man einige Vorbereitungen für morgen und übermorgen auf der Stelle abstoppen.«

Dr. Ingram sagte lebhaft: »Sie waren ehrlich mit mir; also will ich's mit Ihnen auch sein. Ich habe für fünf Uhr nachmittag eine Sondersitzung einberufen. Bis dahin werden die meisten Mitglieder des Vorstands eingetroffen sein.«

»Wir werden zweifellos in Verbindung bleiben.«

Der Präsident des Zahnärztekongresses nickte grimmig wie zu Beginn der Unterredung. »Lassen Sie sich von der kurzen Waffenruhe nicht täuschen, McDermott. Nichts hat sich seit heute morgen geändert. Ich will euch noch immer da treffen, wo es am meisten weh tut.«

Überraschenderweise nahm Warren Trent die Neuigkeit, daß der Kongreß amerikanischer Zahnärzte die Tagung absagen und das Hotel unter Protest verlassen wollte, beinahe gleichgültig zur Kenntnis.

Peter McDermott hatte sich unverzüglich in den Verwaltungstrakt im Zwischengeschoß zurückbegeben. Christine hatte ihm - seiner Meinung nach ein wenig kühl -mitgeteilt, daß der Hotelbesitzer in seinem Büro sei.

Warren Trent wirkte, im Gegensatz zu früheren Gesprächen, viel entspannter. Er saß behaglich hinter seinem schwarzen Schreibtisch mit der Marmorplatte im komfortablen Direktionsbüro und zeigte nicht die mindeste Spur von Gereiztheit wie am Tage zuvor. Während er sich Peters Bericht anhörte, zuckte gelegentlich ein leichtes Lächeln um seine Lippen, das aber allem Anschein nach mit den unmittelbar bevorstehenden Ereignissen nichts zu tun hatte. Für Peter sah es so aus, als freue sich sein Arbeitgeber insgeheim an einem privaten, nur ihm bekannten Scherz.

Als Peter geendet hatte, schüttelte der Hotelbesitzer entschieden den Kopf. »Sie werden nicht gehen. Sie werden sich den Mund fußlig reden, und das ist alles.«

»Dr. Ingram schien es ernst zu meinen.«

»Auf ihn mag das zutreffen, aber nicht auf die anderen. Sie sagen, heute nachmittag ist eine Sitzung; ich kann Ihnen sagen, was passieren wird. Man wird eine Weile debattieren; dann wird ein Komitee gebildet, um eine Resolution zu entwerfen. Später -wahrscheinlich morgen - wird das Komitee dem Vorstand Bericht erstatten. Vielleicht nimmt er den Bericht an, vielleicht ändert er ihn ab; auf jeden Fall gibt es wieder eine lange Diskussion. Noch später - sagen wir übermorgen - wird die Resolution sämtlichen Tagungsteilnehmern vorgelegt, und die müssen sich natürlich auch dazu äußern. Ich kenne sie genau -die erhabene demokratische Prozedur. Sie werden noch immer reden, wenn die Tagung vorbei ist.«

»Ich vermute, Sie könnten damit recht haben«, sagte Peter. »Aber ich finde, es ist ein ziemlich ungesunder Standpunkt.«

Seine Worte waren verwegen, und er machte sich auf eine explosive Antwort gefaßt. Sie erfolgte nicht. Statt dessen knurrte Warren Trent: »Ich denke praktisch, das ist alles. Die Leute gackern über sogenannte Prinzipien, bis ihnen die Zunge aus dem Mund hängt. Aber sie gehen Unannehmlichkeiten aus dem Wege, soweit es möglich ist.«

Peter sagte hartnäckig: »Trotzdem wäre es vielleicht einfacher, wenn wir unsere Politik änderten. Ich kann nicht glauben, daß Dr. Nicholas, falls wir ihn aufgenommen hätten, das Hotel unterminiert hätte.«

»Er vielleicht nicht. Aber das Gesindel, das ihm folgen würde. Dann säßen wir in der Tinte.«

»Ich hatte gedacht, wir säßen ohnehin drin.« Peter war sich klar darüber, daß er sich am Rande eines Abgrunds bewegte. Er fragte sich, wie weit er gehen könnte und warum - gerade heute - sein Arbeitgeber bei so guter Laune war.

Warren Trents aristokratische Züge verzerrten sich ironisch.

»Wir mögen eine Zeitlang in Schwierigkeiten gewesen sein. Aber in ein oder zwei Tagen ist es damit vorbei.« Er fügte unvermittelt hinzu: »Ist Curtis O'Keefe noch im Hotel?«

»Soviel ich weiß, ja. Ich hätte es gehört, wenn er abgereist wäre.«

»Gut!« Wieder das verstohlene Lächeln. »Ich habe eine Information, die Sie interessieren dürfte. Morgen werde ich O'Keefe und seinem gesamten Hotelkonzern sagen, sie könnten von mir aus in den See Pontchartrain springen.«

11

Von seinem günstigen Ausguck am Stehpult des Chefportiers beobachtete Herbie Chandler verstohlen, wie die vier jungen Männer die Halle des St. Gregory betraten. Es war einige Minuten vor vier.

Er erkannte Lyle Dumaire und Stanley Dixon wieder; Dixon machte ein finsteres Gesicht, als er an der Spitze der Gruppe zum Lift hinübermarschierte. Wenige Sekunden später waren sie aus seinem Blickfeld verschwunden.

Gestern, am Telefon, hatte Dixon Herbie versichert, daß er den Anteil des Chefportiers an den nächtlichen Ereignissen für sich behalten würde. Aber Dixon war nur einer von vieren, sagte sich Herbie beklommen. Wie die anderen - und vielleicht auch Dixon - auf ein strenges Verhör reagieren würden, das stand auf einem anderen Blatt.

Der Chefportier versank in dumpfes Brüten; in den letzten vierundzwanzig Stunden war seine Besorgnis ständig gewachsen.

Im Zwischengeschoß, wo die vier Jugendlichen aus dem Lift stiegen, übernahm Stanley Dixon wieder die Führung. Vor einer paneelierten Tür mit der schwach erleuchteten Aufschrift »Verwaltungsbüros« machten sie halt, und Dixon wiederholte seine frühere Warnung: »Denkt dran! - Überlaßt das Reden mir.«

Flora Yates wies sie in Peter McDermotts Büro. Kühl aufblickend, forderte er sie mit einer Handbewegung auf, sich zu setzen, und fragte: »Wer von Ihnen ist Dixon?«

»Ich.«

»Dumaire?«

Weniger selbstsicher nickte Lyle Dumaire.

»Die Namen der zwei anderen habe ich nicht.«

»So ein Pech«, sagte Dixon. »Hätten wir's vorher gewußt, dann hätten wir alle Visitenkarten mitgebracht.«

Der dritte Jugendliche warf ein: »Ich heiße Gladwin. Das ist Joe Waloski.« Dixon sah ihn erbost an.

»Sie alle sind zweifellos darüber im Bilde«, stellte Peter fest, »daß Miss Marsha Preyscott mich über die Vorgänge in der Montagnacht informiert hat. Wenn Sie wollen, bin ich bereit, mir auch Ihre Version anzuhören.«

Dixon ergriff hastig das Wort, bevor einer der anderen sich einmischen konnte. »Die Verabredung war Ihre Idee, nicht unsere. Wir haben Ihnen nichts zu sagen. Falls Sie uns was zu sagen haben, dann schießen Sie los.«

Peters Gesichtsmuskeln spannten sich. Er unterdrückte mühsam seine Gereiztheit.

»Schön. Dann schlage ich vor, daß wir uns zuerst mit einer weniger wichtigen Angelegenheit befassen.« Er blätterte in Papieren und wandte sich an Dixon. »Suite 1126-7 war auf Ihren Namen eingetragen. Als Sie das Weite suchten, vergaßen Sie, sich ordnungsgemäß abzumelden, so daß ich das für Sie erledigen mußte. Ich habe hier eine unbezahlte Rechnung über fünfundsiebzig Dollar und einige Cent und weiterhin eine Rechnung über einhundertzehn Dollar für den in der Suite angerichteten Schaden.«

Der junge Mann, der sich als Gladwin vorgestellt hatte, pfiff leise.

»Wir bezahlen die fünfundsiebzig Dollar«, sagte Dixon, »mehr nicht.«

»Falls Sie die Schadenersatzforderung anfechten wollen, steht Ihnen das frei«, erklärte Peter. »Aber ich möchte Ihnen gleich sagen, daß die Sache für uns damit nicht erledigt ist. Notfalls strengen wir eine Klage an...«

»Hör zu, Stan...« Das war der vierte Jugendliche, Joe Waloski. Dixon bedeutete ihm, zu schweigen.

Lyle Dumaire neben ihm rutschte unruhig auf seinem Stuhl nach vorn. »Stan«, sagte er leise, »was auch passiert, auf jeden Fall können sie eine Menge Stunk machen. Wenn's sein muß, übernimmt jeder von uns ein Viertel.« Er sah Peter an. »Falls wir nicht imstande sind, die hundertzehn Dollar auf einmal zu zahlen, können wir das dann ratenweise abtragen?«

»Gewiß.« Es bestand kein Grund, fand Peter, den vier Jungen nicht das im Hotel übliche Entgegenkommen zu erweisen. »Einer von Ihnen oder Sie alle können unseren Kreditmanager aufsuchen und die Sache mit ihm regeln.« Er warf einen Blick in die Runde. »Sind Sie damit einverstanden?«

Das Quartett nickte.

»Gut. Bleibt noch der Fall der versuchten Vergewaltigung -vier sogenannte Männer gegen ein Mädchen.« Peter gab sich keine Mühe, seine Verachtung zu verbergen.

Waloski und Gladwin erröteten. Lyle Dumaire wich Peters Blick betreten aus. Nur Dixon behielt seine Selbstsicherheit. »Das ist Ihre Version. Könnte sein, daß unsere anders klingt.«

»Ich sagte schon, daß ich bereit bin, mir Ihre Version anzuhören.«

»Blech!«

»Dann bleibt mir nichts anders übrig, als die Darstellung Miss Preyscotts zu akzeptieren.«

Dixon grinste anzüglich. »Wären Sie nicht gern dabei gewesen, Bester? Oder vielleicht haben Sie sich danach schadlos gehalten.«

»Beherrsch dich, Stan«, murmelte Waloski.

Peter umklammerte krampfhaft die Armlehnen seines Sessels. Er kämpfte gegen den Impuls an, um den Schreibtisch herumzustürmen und dem Jungen vor ihm ins höhnisch grinsende Gesicht zu schlagen. Aber er wußte, daß er Dixon damit einen Vorteil verschaffen würde, auf den dieser kaltblütig hinarbeitete. Er durfte sich nicht zu einem Wutausbruch verleiten lassen.

»Ich nehme an«, sagte er eisig, »sie sind sich klar darüber, daß Strafanklage gegen Sie erhoben werden kann.«

»Falls jemand die Absicht gehabt hätte«, konterte Dixon, »wäre das schon längst geschehen. Verschonen Sie uns also mit dem Quatsch.«

»Wären Sie bereit, diese Äußerung vor Mr. Mark Preyscott zu wiederholen? Wenn er aus Rom zurück ist, nachdem er erfahren hat, was seiner Tochter zugestoßen ist?«

Lyle Dumaire blickte rasch und erschrocken auf. Zum ersten Male flackerten Dixons Augen unruhig.

»Wird er's erfahren?« erkundigte sich Gladwin ängstlich.

»Halt die Klappe!« befahl Dixon. »Das ist ein Trick. Fall bloß nicht drauf rein!« Aber seine Stimme klang weniger zuversichtlich als zuvor.

»Sie können selbst entscheiden, ob es ein Trick ist oder nicht.« Peter zog eine Schreibtischschublade auf und nahm eine Mappe heraus, die er aufschlug. »Ich habe hier einen von mir verfaßten und unterzeichneten Bericht über das, was Miss Preyscott mir erzählte, und das was ich selbst Montag nacht bei der Ankunft in der Suite 1126-7 beobachtete. Die Unterschrift von Miss Preyscott fehlt noch, kann jedoch jederzeit eingeholt werden, zusammen mit weiteren Details, die ihr wichtig erscheinen. Ferner habe ich hier noch eine schriftliche Erklärung von Aloysius Royce, dem Hotelangestellten, der von Ihnen angefallen wurde; er bestätigt meinen Bericht und schildert, was unmittelbar nach seinem Eintreffen passierte.«

Der Gedanke, sich von Royce eine schriftliche Erklärung geben zu lassen, war Peter am vergangenen Abend gekommen. Auf ein telefonisches Ansuchen hin hatte sie der junge Neger diesen Morgen zeitig abgeliefert. Das sauber getippte Dokument war klar und sorgfältig abgefaßt und spiegelte Royces juristische Schulung wider. Dennoch hatte Aloysius Royce seine Warnung wiederholt. »Ich kann Ihnen nur nochmals sagen, kein Gericht in Louisiana läßt in einem Fall von Vergewaltigung unter Weißen das Zeugnis eines Niggerjungen gelten.« Obwohl verärgert über seine Widerborstigkeit, erwiderte ihm Peter: »Ich bin sicher, daß die Sache nie vor Gericht kommt, aber ich brauche die Munition.«

Auch Sam Jakubiec hatte sich als hilfreich erwiesen. Auf Peters Bitte hin hatte er unter der Hand Auskünfte über Stanley Dixon und Lyle Dumaire eingezogen. Er berichtete: »Dumaires Vater ist, wie Sie wissen, der Bankpräsident; Dixons Vater ist Autohändler - gutes Geschäft, großes Haus. Beide Jungen genießen anscheinend viel Freiheit - väterliche Nachsicht, schätz' ich - und verfügen über ziemlich hohe, aber nicht unbegrenzte Geldbeträge. Nach allem, was ich höre, würde keiner der beiden Väter es tragisch nehmen, wenn ihre Söhne mit ein oder zwei Mädchen ins Bett gehen; höchstwahrscheinlich würden sie sagen: >Hab's genauso gemacht, als ich jung war.< Aber versuchte Vergewaltigung ist etwas anderes, namentlich, wenn's um die kleine Preyscott geht. Mark Preyscott ist ein einflußreicher Mann. Er und die beiden anderen bewegen sich in den gleichen Kreisen, obwohl Preyscott gesellschaftlich vermutlich höher rangiert. Falls Mark Preyscott sich Dixon und Dumaire senior vorknöpft und ihre Söhne beschuldigt, seine Tochter vergewaltigt zu haben, dann würde ganz bestimmt das Dach einstürzen, und das wissen die beiden Jungen.« Peter hatte sich bedankt und die Information sorgfältig aufbewahrt.

»All der Papierkram ist lange nicht soviel wert, wie Sie uns glauben machen wollen«, sagte Dixon. »Sie kamen erst danach; folglich beruht Ihr Bericht auf Hörensagen.«

»Das mag stimmen«, sagte Peter. »Ich bin kein Anwalt. Ich würde meinem Bericht jedoch nicht jeden Wert absprechen.

Außerdem, ob Sie nun gewinnen oder verlieren, wenn das Gericht mit Ihnen fertig ist, werden Sie nicht gerade süß riechen, und ich könnte mir vorstellen, daß Ihre Familien Ihnen ganz schön zusetzen werden.« Der Blick, den Dixon und Dumaire wechselten, verriet ihm, daß sein letzter Hieb gesessen hatte.

»Um Gottes willen! Mit dem Gericht wollen wir nichts zu tun haben«, sagte Gladwin beschwörend zu den anderen.

Lyle Dumaire fragte mürrisch: »Was werden Sie machen?«

»Vorausgesetzt, Sie arbeiten mit mir zusammen, werde ich gegen Sie nichts mehr unternehmen. Sollten Sie allerdings weiterhin Schwierigkeiten machen, werde ich noch heute Mr. Preyscott in Rom telegrafieren und diese Papiere seinen hiesigen Anwälten übergeben.«

»Was verstehen Sie unter »zusammenarbeiten?« erkundigte sich Dixon übellaunig.

»Daß Sie hier und jetzt einen vollständigen Bericht niederschreiben, über das, was sich Montag nacht abspielte. Fügen Sie auch hinzu, was am frühen Abend geschah, ob jemand vom Hotelpersonal daran beteiligt war, und wer.«

»Den Teufel werden wir tun!« rief Dixon. »Sie können uns...«

Gladwin unterbrach ihn ungeduldig. »Hör auf damit, Stan!« Er fragte Peter: »Angenommen, wir schreiben die Erklärung. Was werden Sie mit ihr machen?«

»So gern ich einen anderen Gebrauch von ihr machen würde, verspreche ich Ihnen, daß ich sie niemandem zeigen werde außer einigen wenigen unmittelbar betroffenen Personen hier im Hotel.«

»Wie sollen wir wissen, daß wir Ihnen trauen können?«

»Sie wissen es nicht. Sie werden es darauf ankommen lassen müssen.«

Schweigen senkte sich auf den Raum herab; die einzigen Laute waren das Knarren eines Stuhls und das gedämpfte Klappern einer Schreibmaschine im Vorzimmer.

Waloski sagte abrupt: »Ich riskier's. Geben Sie mir was zum Schreiben.«

»Mir auch.« Das war Gladwin.

Lyle Dumaire pflichtete mit einem kläglichen Nicken bei.

Dixon runzelte grollend die Stirn und zuckte dann mit den Schultern. »Meinetwegen. Wenn alle so versessen aufs Schreiben sind! Ich möchte eine Feder mit breiter Spitze«, sagte er zu Peter. »Sie paßt zu meinem Stil.«

Eine halbe Stunde später las Peter McDermott noch einmal und gründlicher die vier Berichte durch, die er, bevor die Jungen abzogen, nur hastig überflogen hatte.

Die vier Versionen von den Ereignissen der Montagnacht stimmten in allen wesentlichen Fakten überein. Sie schlossen frühere Informationslücken und lieferten, laut Peters Anweisung, spezielle Hinweise auf das Hotelpersonal.

Herbie Chandler, der Chefportier, war sicher und unfehlbar festgenagelt.

12

Die ursprünglich nur vage Idee hatte in Keycase Milnes Kopf Gestalt angenommen.

Sein Instinkt sagte ihm, daß seine Begegnung mit der Herzogin von Croydon in der Halle mehr als ein Zufall war. Es war ein Omen, wie er es sich deutlicher nicht wünschen konnte, und zeigte ihm den Pfad, an dessen Ende die funkelnden Juwelen der Herzogin lagen.

Zugegeben, der berühmte Croydon-Schmuck befand sich wohl kaum ganz in New Orleans. Bekanntermaßen hatte die Herzogin auf ihren Reisen nur einen Teil ihres legendären Schatzes bei sich. Dennoch würde die Beute höchstwahrscheinlich beträchtlich sein, und wenn auch einige Stücke sicher im Hoteltresor ruhten, so konnte man doch bestimmt damit rechnen, daß andere griffbereit lagen.

Der Schlüssel zum Problem lag, wie immer, in einem Schlüssel zur Suite der Croydons. Keycase Milne machte sich systematisch daran, ihn zu erlangen.

Er fuhr mehrmals im Lift, aber jedesmal in einem anderen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Als er sich endlich mit einem Fahrstuhlführer allein in der Kabine befand, stellte er die scheinbar beiläufige Frage: »Stimmt es, daß der Herzog und die Herzogin von Croydon hier im Hotel wohnen?«

»Ja, Sir.«

»Das Hotel hat vermutlich spezielle Räumlichkeiten für solche Gäste.« Keycase lächelte freundlich. »Die sind was anderes gewöhnt als unsereins.«

»Nun, Sir, der Herzog und die Herzogin haben die Präsidentensuite.«

»Oh, wirklich? In welcher Etage?«

»In der neunten.«

Im Geist hakte Keycase »Punkt eins« ab und stieg in seiner eigenen Etage, der achten, aus.

Punkt zwei war, die genaue Zimmernummer festzustellen. Das erwies sich als einfach. Eine Treppe höher und ein kurzes Stück den Korridor entlang! Ledergepolsterte Doppeltüren mit goldenen Lilien kennzeichneten die Präsidentensuite. Keycase merkte sich die Nummer: 973-7.

Wieder ging es hinunter in die Halle, diesmal, um scheinbar ziellos am Empfangstisch vorbeizuschlendern. Ein schneller scharfer Späherblick zeigte, daß die Nummer 973-7, wie die gewöhnlichen Zimmer, ein konventionelles Postfach hatte. In dem Fach lag ein Schlüssel.

Es wäre ein Fehler gewesen, den Schlüssel sofort zu verlangen. Keycase setzte sich, hielt die Augen offen und wartete. Die Vorsichtsmaßnahme erwies sich als klug.

Nach einigen Minuten der Beobachtung wurde ihm klar, daß das Hotel alarmiert worden war. Im Vergleich zu der Unbekümmertheit, mit der die Schlüssel sonst ausgegeben wurden, ließen die Angestellten am Empfang heute Vorsicht walten. Gäste wurden, bevor sie ihre Schlüssel bekamen, nach dem Namen gefragt, und ihre Angaben an Hand einer Liste kontrolliert. Zweifellos war sein Coup vom frühen Morgen gemeldet und infolgedessen der Schutz verstärkt worden.

Ein kalter Angstschauer mahnte ihn an eine andere voraussehbare Konsequenz: auch die Polizei war vermutlich inzwischen alarmiert und würde Keycase Milne innerhalb weniger Stunden unter seinem richtigen Namen suchen. Falls man der Morgenzeitung glauben konnte, beanspruchte zwar der Unfall mit der Fahrerflucht noch immer einen Großteil ihrer Aufmerksamkeit. Aber irgend jemand im Polizeipräsidium würde trotzdem Zeit finden, den FBI per Fernschreiber zu benachrichtigen. Beim Gedanken an den entsetzlichen Preis, den er für die nächste Verurteilung würde zahlen müssen, war Keycase wieder versucht, auf Nummer Sicher zu gehen, auszuziehen und sich davonzumachen. Er war eine Beute der Unentschlossenheit. Dann, alle Zweifel energisch beiseite schiebend, tröstete er sich mit der Erinnerung an das günstige Omen von heute morgen.

Nach einiger Zeit trug sein Warten Früchte. Einer der Angestellten, ein junger Mann mit lichtem, gewelltem Haar, wirkte unsicher und gelegentlich nervös. Keycase schloß daraus, daß er neu auf seinem Posten war.

Die Anwesenheit des jungen Mannes bot ihm eine Möglichkeit, die zu verwerten jedoch ein gewagtes und beschwerliches Unterfangen war. Andererseits war die günstige Gelegenheit vielleicht auch ein Omen. Er beschloß sie auszunützen und sich dabei einer Technik zu bedienen, die er schon früher angewandt hatte.

Die Vorbereitungen würden wenigstens eine Stunde erfordern. Da es jetzt am späten Nachmittag war, mußten sie vollendet sein, bevor der junge Mann seinen Dienst hinter sich hatte. Keycase eilte aus dem Hotel. Sein Ziel war das Kaufhaus Maison Blanche auf der Canal Street.

Mit seinem Geld sparsam umgehend, kaufte Keycase billige, aber umfangreiche Gegenstände - zumeist Spielsachen - und wartete geduldig, während jeder einzelne in die charakteristische Maison-Blanche-Schachtel verpackt wurde. Endlich verließ er mit einem Arm voll Paketen, die er kaum zu tragen vermochte, den Laden. Er machte zusätzlich in einem Blumengeschäft halt, wo er seine Einkäufe mit einer großen, blütenbedeckten Azalee krönte, und kehrte dann ins Hotel zurück.

Am Eingang von der Carondelet Street lief ein uniformierter Türsteher hastig herbei, um ihm die Tür weit aufzuhalten. Der Mann lächelte Keycase zu, der hinter seiner Last von Päckchen und der blühenden Topfpflanze kaum zu sehen war.

Drinnen im Hotel trödelte Keycase, dem Anschein nach eine Reihe von Schaukästen betrachtend, in Wirklichkeit jedoch zwei Dinge abwartend. Das eine war eine Ansammlung vor dem Empfang, das zweite das Wiederauftauchen des jungen Mannes, den er vorher beobachtet hatte. Beides ereignete sich fast sofort.

Angespannt und herzklopfend steuerte Keycase auf den Empfang zu.

Er war der dritte in der Reihe, die sich vor dem jungen Mann gebildet hatte. Gleich danach stand nur noch eine Frau mittleren Alters vor Keycase, die ihren Schlüssel bekam, nachdem sie ihren Namen genannt hatte. Im Begriff sich abzuwenden, fielen ihr noch einige Fragen ein. Der junge Mann zögerte mit den Antworten. Keycase sah mit Ungeduld, daß sich die Gruppe von Menschen vor dem Empfangstisch lichtete. Einer der anderen Angestellten war bereits frei und blickte herüber. Keycase mied sein Auge und schickte ein Stoßgebet gen Himmel, daß die Beratung vor ihm enden möge.

Schließlich zog die Frau ab. Der junge Empfangsangestellte wandte sich Keycase zu und lächelte dann - wie der Türsteher -unwillkürlich über den von der Azalee gekrönten unhandlichen Stoß von Paketen.

In beißendem Ton benutzte Keycase eine vorher einstudierte Wendung. »Es ist bestimmt sehr komisch. Aber wenn's nicht zu viel Mühe macht, würde ich gern den Schlüssel von 973 haben.«

Der junge Mann lief rot an, sein Lächeln erstarb. »Gewiß, Sir.« Verwirrt schwang er herum und griff nach dem Schlüssel.

Beim Erwähne n der Zimmernummer hatte Keycase beobachtet, daß einer der anderen Receptionisten einen Blick zu ihnen herüber warf. Es war ein kritischer Moment. Die Nummer der Präsidentensuite mußte gut bekannt sein, und das Eingreifen eines erfahrenen Angestellten konnte Entlarvung bedeuten. Keycase schwitzte.

»Ihr Name, Sir?«

Keycase fauchte: »Was ist das - ein Verhör?« Zugleich damit ließ er wohlweislich zwei Päckchen fallen. Eines blieb auf dem Empfangstisch liegen, das andere plumpste hinter dem Tisch zu Boden. In äußerster Verlegenheit hob der junge Angestellte beide auf. Sein älterer Kollege wandte sich mit einem nachsichtigen Lächeln ab.

»Entschuldigen Sie bitte, Sir.«

»Schon gut.« Keycase nahm die zwei Päckchen in Empfang, rückte die anderen zurecht und streckte die Hand nach dem Schlüssel aus.

Den Bruchteil einer Sekunde lang zögerte der junge Mann. Dann gewann das Bild, das Keycase hervorzurufen gehofft hatte, die Oberhand: das Bild eines erschöpften, enttäuschten Käufers, der seiner grotesken Last kaum Herr wurde; der Inbegriff der Respektabilität, wie die vertraute Maison-Blanche-Verpackung bezeugte; ein bereits erboster Gast, den man nicht weiter reizen durfte...

Ehrerbietig händigte der Empfangsangestellte den Schlüssel von 973 aus.

Während Keycase gemächlich zu den Fahrstühlen hinüberschlenderte, nahm der Betrieb vor dem Empfang wieder zu. Ein flüchtiger Blick über die Schulter zeigte ihm, daß die Angestellten stark beschäftigt waren. Gut! Die Wahrscheinlichkeit, daß man den Vorfall besprach und womöglich Verdacht schöpfte, verringerte sich damit. Dennoch mußte er den Schlüssel möglichst schnell zurückbringen. Seine Abwesenheit konnte zu Fragen und Argwohn Anlaß geben, und das war besonders gefährlich, da das Hotel bereits alarmiert war.

Zum Fahrstuhlführer sagte er: »Neun« - eine Vorsichtsmaßnahme für den Fall, daß jemand gehört hatte, wie er den Schlüssel für ein Zimmer in der neunten Etage verlangte. Nach dem Aussteigen trödelte er, indem er Pakete zurechtschob, bis die Türen hinter ihm zugeglitten waren, und steuerte dann schleunigst die Personaltreppe an. Sein Zimmer befand sich nur ein Stockwerk tiefer. Auf einem Treppenabsatz, auf halbem Wege, stand eine Abfalltonne. Er stopfte die Azalee, die ihren Zweck erfüllt hatte, hinein. Einige Sekunden später war er in seinem Zimmer, der Nummer 830.

Die Päckchen verstaute er hastig in einem Wandschrank. Morgen würde er sie in das Kaufhaus zurückbringen und sich das Geld rückerstatten lassen. Die Kosten waren zwar unbedeutend im Vergleich zu der Beute, die er zu erringen hoffte, aber bei der Abreise wären die Pakete eine hinderliche Last, und sie einfach im Hotel zurückzulassen, war zu riskant.

Mit schnellen Handgriffen öffnete er den Reißverschluß eines Koffers und nahm einen kleinen lederbezogenen Kasten heraus. Er enthielt eine Anzahl weißer Karten, einige scharf gespitzte Bleistifte, Greifzirkel und ein Mikrometer. Keycase holte eine Karte heraus, legte den Schlüssel der Präsidentensuite darauf und zeichnete seinen Umriß sorgfältig nach. Dann maß er mit dem Mikrometer und den Greifzirkeln die Dicke des Schlüssels und die Ausdehnung der horizontalen Vertiefungen und vertikalen Einschnitte und notierte die Ergebnisse auf den Rand der Karte. In das Metall war eine aus Ziffern und Buchstaben zusammengesetzte Fabrikationschiffre eingestanzt. Er kopierte sie; die Chiffre konnte bei der Auswahl des Formlings von Nutzen sein. Schließlich, den Schlüssel gegen das Licht haltend, zeichnete er aus der freien Hand das Endstück des Schafts.

Er besaß nun eine fachmännisch detaillierte Beschreibung, der ein geschickter Schlosser sicher folgen konnte. Keycase sann häufig belustigt darüber nach, daß seine Prozedur mit dem Wachsabdrucktrick, der bei Kriminalroman-Autoren so beliebt war, kaum etwas gemein hatte, dafür aber wesentlich wirksamer war.

Nachdem er den lederbezogenen Kasten weggeschlossen und die Karte zu sich gesteckt hatte, begab er sich wieder hinunter in die Halle.

Genau wie vorher wartete er, bis der Empfang alle Hände voll zu tun hatte. Dann schlenderte er gleichmütig hinüber und legte den Schlüssel von 973 unbemerkt auf den Empfangstisch.

Wieder paßte er auf. Als der Betrieb abflaute, entdeckte ein Receptionist den Schlüssel. Teilnahmslos ergriff er ihn, warf einen Blick auf die Nummer und deponierte ihn in seinem Fach.

Keycase wurde es warm uns Herz ob seiner Meisterleistung. Durch eine Kombination von Erfindungsgabe und Geschicklichkeit hatte er die Vorsichtsmaßregeln des Hotels überspielt und sein erstes Ziel erreicht.

13

Peter McDermott entnahm seinem Kleiderschrank eine dunkelblaue Schiarapelli-Krawatte und knüpfte sie gedankenvoll. Er befand sich in seinem kleinen, in der Stadtmitte gelegenen Appartement, unweit vom Hotel, das er vor einer Stunde verlassen hatte. In zwanzig Minuten wurde er bei Marsha Preyscotts Dinnergesellschaft erwartet. Er fragte sich, wer die anderen Gäste wohl sein mochten. Vermutlich würden außer Marshas Freunden, die - hoffentlich - ein anderes Kaliber hatten als das Dixon-Dumaire-Quartett, auch einige ältere Leute eingeladen sein, um seine Anwesenheit zu begründen.

Nun, da der Zeitpunkt immer näher rückte, ertappte er sich dabei, daß er die Verpflichtung verwünschte. Viel lieber wäre er frei gewesen, um sich mit Christine zu treffen. Es verlangte ihn danach, Christine vor dem Weggehen anzurufen, aber er fand, daß es taktvoller wäre, damit bis zum kommenden Morgen zu warten.

Er hatte an diesem Abend das beunruhigende Gefühl, zwischen Vergangenheit und Zukunft in der Luft zu hängen. So vieles, was ihn nahe anging, war dunkel, weil die Entscheidung aufgeschoben werden mußte, bis das endgültige Ergebnis vorlag. Da war das Problem des St. Gregory. Würde Curtis O'Keefe die Kontrolle übernehmen? Wenn ja, dann erschienen andere Affären im Vergleich dazu unbedeutend - sogar der Zahnärztekongreß, dessen Vorstand noch immer darüber beriet, ob sie das St. Gregory im Protestmarsch verlassen sollten oder nicht. Vor einer Stunde war die von Dr. Ingram, dem hitzigen Präsidenten, einberufene Sondersitzung noch im Gang gewesen, und nach Ansicht des Oberkellners, dessen Untergebene im Sitzungssaal für den Nachschub an Eis und Mixgetränken sorgten, sah es so aus, als würde sie sich noch ziemlich lange hinziehen. Obwohl Peter sich bei seinen Erkundigungen auf die Frage beschränkte, ob irgendwelche Anzeichen auf den Abbruch der Debatte hindeuteten, informierte ihn der Oberkellner, daß die Auseinandersetzung allem Anschein nach ziemlich stürmisch sei. Vor Verlassen des Hotels beauftragte Peter den stellvertretenden Manager, ihn sofort anzurufen, wenn irgendein Beschluß der Zahnärzte bekannt würde. Bisher hatte er nichts gehört. Er fragte sich nun, ob Dr. Ingrams freimütiger Standpunkt die Oberhand gewinne oder ob Warren Trents zynische Voraussage, daß nichts geschehen würde, sich bewahrheiten würde.

Die gleiche Unsicherheit hatte Peter veranlaßt, alle Vergeltungsmaßnahmen gegen Herbie Chandler bis zum nächsten Morgen zu verschieben. Er wußte, daß er den anrüchigen Chefportier eigentlich auf der Stelle hinauswerfen müßte, was der Säuberung des Hotels von einem unreinen Geist gleichkam. Natürlich würde man Chandler nicht kündigen, weil er einen Callgirl-Ring geleitet hatte - denn wenn Chandler nicht gewesen wäre, hätte jemand anderer ihn organisiert -, sondern weil seine Habgier ihn verleitet hatte, sich über die Vernunft hinwegzusetzten.

Nach Chandlers Verschwinden konnte man gegen eine ganze Reihe anderer Übergriffe vorgehen. Allerdings blieb die Frage offen, ob Warren Trent solch einer summarischen Aktion beistimmen würde. Aber im Gedanken an das angehäufte Beweismaterial und Warren Trents Sorge um den guten Ruf des Hotels neigte Peter zu der Überzeugung, daß Trent nichts dagegen haben dürfte.

In jedem Fall, sagte sich Peter, mußte er sich vergewissern, daß die schriftliche Erklärung der Gruppe Dixon-Dumaire sicher verwahrt und nur innerhalb des Hotels benutzt wurde. Auch seine Drohung, Mark Preyscott über den Vergewaltigungsversuch an seiner Tochter zu informieren, war nur Bluff gewesen. Er hatte Marshas Bitte - Mein Vater ist in Rom. Er darf es niemals erfahren - nicht vergessen.

Der Gedanke an Marsha mahnte ihn zur Eile. Einige Minuten später verließ er das Appartement und winkte ein vorbeifahrendes Taxi heran.

»Ist das hier das Haus?« fragte Peter. »Freilich.« Der Taxifahrer musterte seinen Fahrgast prüfend. »Es sei denn, Sie haben die Adresse nicht richtig mitgekriegt.«

»Nein, ich habe mich nicht geirrt.« Peter starrte zu der großen Villa mit der weißen Fassade hinüber. Schon die Fassade allein war atemberaubend. Hinter einer Taxushecke und hochragenden Magnolienbäumen erhoben sich anmutig geriffelte Säulen von einer Terrasse bis zu einer von einem Geländer umgebenen Galerie und weiter hinauf bis zu einem gewaltigen, nach antikem Vorbild gestalteten Giebel. Zu beiden Seiten des Haupttrakts schlossen sich Gebäudeflügel an, bei denen sich die Bauelemente im kleinen wiederholten. Die gesamte Fassade war vorzüglich instand gehalten mit gepflegtem Holzwerk und frischem Anstrich. Um das Haus hing der süße Duft von Olivenblüten in der Abendluft.

Nachdem er den Taxifahrer bezahlt hatte, ging Peter auf ein schmiedeeisernes Tor zu, das sich lautlos öffnete. Ein mit alten rötlichen Ziegeln gepflasterter Pfad schlängelte sich zwischen Rasenflächen und Bäumen dahin. Obwohl es gerade erst dämmerte, waren die zwei hohen Laternen neben dem Pfad kurz vor dem Haus bereits angezündet. Er hatte die Stufe der Terrasse erreicht, als ein Riegel kräftig klickte und die Flügel der Haustür sich weit öffneten. Auf der Schwelle stand Marsha. Sie wartete, bis er oben angelangt war, und ging ihm dann entgegen.

Sie war in Weiß - ein knappes, eng anliegendes Kleid, zu dem ihr rabenschwarzes Haar einen beinahe bestürzenden Kontrast bildete. Mehr denn je war er sich ihres aufreizenden kindlichfraulichen Wesens bewußt.

Marsha sagte fröhlich: »Willkommen!«

»Danke.« Er machte eine umfassende Handbewegung. »Im Moment bin ich noch ein bißchen überwältigt.«

»So geht's allen.« Sie hängte sich bei ihm ein. »Wir wollen die offizielle Besichtigungstour machen, bevor es zu dunkel wird.«

Sie stiegen die Terrassenstufen hinunter und schritten quer über den Rasen, der sich unter den Füßen wie ein weiches Polster anfühlte. Marsha hielt sich dicht an seiner Seite. Durch den Rockärmel hindurch konnte er ihr warmes festes Fleisch spüren. Mit den Fingerspitzen berührte sie leicht sein Handgelenk. Außer dem Duft der Olivenblüten lag nun noch ein anderer zarter Wohlgeruch in der Luft.

»Hier!« Marsha schwenkte unvermittelt herum. »Von hier aus sehen Sie alles am besten. Von hier aus werden immer Fotos gemacht.«

Von dieser Seite des Risens aus war der Anblick sogar noch eindrucksvoller.

»Ein vergnügungssüchtiger französischer Adliger hat das Haus gebaut«, sagte Marsha. »Um 1840 herum. Er hatte eine Vorliebe für klassizistische Architektur und glücklich lachende Sklaven und wollte außerdem seine Mätresse in Reichweite haben; daher der Extraflügel. Den anderen Flügel ließ mein Vater anbauen. Bei ihm soll immer alles ausgewogen sein -Menschen, Konten und Häuser.«

»Ist das der neue Fremdenführerstil - Philosophie plus Tatsachen?«

»Oh, ich bin randvoll mit beidem. Sie wünschen Tatsachen? -Schauen Sie sich das Dach an.« Beider Augen schweiften nach oben. »Wie Sie sehen, ragte es über die obere Galerie hinaus. Das ist typisch für den Klassizismus von Louisiana - die meisten alten Häuser hier sind so gebaut, und das ist auch ganz einleuchtend, weil sie auf die Art Schatten und Luft hatten. Die Galerie war der Lieblingsaufenthalt der Hausbewohner, der Mittelpunkt des Familienlebens, wo man sich die Zeit mit Plaudern und allen möglichen Beschäftigungen vertrieb.«

Er zitierte: »Haushalt und Familie, Teilhabe am guten Leben in einer Form, die zugleich vollkommen und selbstgenügsam ist.«

»Wer hat das gesagt?«

»Aristoteles.«

Marsha nickte. »Er hätte das mit den Galerien verstanden.« Sie hielt inne und überlegte. »Mein Vater hat eine Menge restaurieren lassen. Das Haus ist jetzt besser, aber nicht der Gebrauch, den wir von ihm machen.«

»Sie müssen dies alles sehr lieben.«

»Ich hasse es«, sagte Marsha. »Ich habe das Haus gehaßt, solange ich denken kann.«

Er blickte sie forschend an.

»Oh, ich würde es nicht hassen, wenn ich bloß zur Besichtigung hier wäre - als Besucher unter vielen, die fünfzig Cent bezahlen, damit man sie herumführt, wie wir's zur Frühlingsfiesta immer machen. Dann würde ich's bewundern, weil ich alte Dinge liebe. Aber es ist gräßlich immer darin zu wohnen, zumal allein und nach Einbruch der Dunkelheit.«

»Es wird dunkel«, sagte er mahnend.

»Ich weiß. Aber Sie sind da, und das ist was anderes.«

Gemächlich schlenderten sie über den Rasen aufs Haus zu. Zum erstenmal fiel ihm auf, wie still es war.

»Werden Ihre anderen Gäste Sie nicht vermissen?«

Sie streifte ihn mit einem mutwilligen Blick. »Welche anderen Gäste?«

»Sagten Sie nicht... «

»Ich sagte, ich würde eine Dinnerparty geben, und das tu ich auch. Für Sie. Falls Sie sich wegen einer Anstandsdame Sorgen machen, so ist ja immer noch Anna da.« Sie betraten das Haus. Es war schattig und kühl mit hohen Räumen. Im Hintergrund stand ein kleines ältliches Frauchen in schwarzer Seide und nickte ihnen lächelnd zu. »Ich hab' Anna von Ihnen erzählt«, sagte Marsha, »und sie war ganz einverstanden. Mein Vater vertraut ihr unbedingt; folglich ist alles in Ordnung. Dann haben wir auch noch Ben.«

Ein farbiger Diener folgte ihnen auf weichen Sohlen in ein kleines Studio, dessen Wände mit Büchern bedeckt waren. Von einer Anrichte brachte er ein Tablett mit einer Karaffe und Sherrygläsern herüber. Marsha schüttelte den Kopf. Peter akzeptierte einen Sherry und nippte nachdenklich daran. Marsha setzte sich auf ein Sofa und forderte ihn auf, neben ihr Platz zu nehmen.

»Sie sind oft allein,« fragte er.

»Mein Vater kommt zwischen seinen Reisen immer nach Haus. Nur werden die Reisen ständig länger und die Zeit dazwischen immer kürzer. Ich würde viel lieber in einem häßlichen modernen Bungalow wohnen, solange da ein bißchen Leben ist.«

»Es sollte mich wundern, ob Sie das wirklich lieber hätten.«

»Doch bestimmt«, sagte Marsha entschieden. »Falls ich mit jemandem zusammen wäre, den ich gern habe. Oder vielleicht ein Hotel - das würde mir genauso gut gefallen. Bekommen Hotelmanager nicht ein Appartement ganz für sich allein - im obersten Stockwerk des Hotels, direkt unterm Dach?«

Erschrocken sah er auf und ertappte sie bei einem Lächeln.

Einen Moment später meldete der Diener leise, es sei angerichtet.

In einem angrenzenden Raum war ein kleiner runder Tisch für zwei gedeckt. Gläser, Tafelsilber und die paneelierten Wände schimmerten im Kerzenlicht. Über einem Kaminaufsatz aus schwarzem Marmor hing ein grimmig dreinblickender Patriarch, und Peter konnte sich des Gefühls nicht erwehren, als werde er einer kritischen Musterung unterzogen.

»Lassen Sie sich von Urgroßvater nicht die Laune verderben«, sagte Marsha, nachdem sie sich gesetzt hatten. »Seine grimmige Miene gilt mir. Sehen Sie, er schrieb mal in sein Tagebuch, daß er eine Dynastie gründen wolle, und ich bin seine letzte verzweifelte Hoffnung.«

Beim Essen plauderten sie ungezwungen, während der Diener unaufdringlich servierte. Das Dinner war exquisit - der Hauptgang ein hervorragend gewürztes Jambalaya, gefolgt von einer ebenso delikaten Creme Brulee. Peter, dem die Einladung gewisse Befürchtungen eingejagt hatte, entdeckte, daß er sich wirklich wohl fühlte. Mit jeder verstreichenden Minute wirkte Marsha munterer und charmanter, und er selbst wurde in ihrer Gegenwart immer aufgeschlossener. Darin lag letzten Endes nichts Erstaunliches, fand er, da der Altersunterschied zwischen ihnen keineswegs groß war. Und im sanften Schimmer des Kerzenlichtes, das den alten Raum um sie herum in Schatten tauchte, fiel ihm wieder auf, wie wunderschön sie war.

Er fragte sich, ob der französische Adlige, der das große Haus gebaut hatte, und seine Mätresse früher hier auch so intim miteinander gespeist hatten. Entsprang der Gedanke einem Zauber, den die Umgebung und der Anlaß auf ihn ausübten?

Nach dem Essen sagte Marsha: »Wir wollen den Kaffee auf der Galerie trinken.«

Als er ihren Stuhl zurückzog, sprang sie rasch auf und nahm, wie schon vorhin, impulsiv seinen Arm. Belustigt ließ er sich in die Halle hinaus- und eine breite geschwungene Treppe hinaufführen. Oben mündete ein breiter Korridor, dessen mit Fresken bemalte Wände matt erleuchtet waren, in die offene Galerie, die sie von dem nun im Dunkeln daliegenden Garten aus betrachtet hatten.

Mokkatassen und ein silbernes Kaffeeservice standen auf einem Korbtisch. Eine Gaslaterne verbreitete flackerndes Licht. Sie nahmen mit ihren Kaffeetassen auf einer Hollywoodschaukel Platz, die träge hin- und herschwang, als sie sich setzten. Die Nachtluft wir angenehm kühl und von einer kaum spürbaren Brise bewegt. Aus dem Garten tönte das tiefe Summen von Insekten herauf; und von der zwei Blocks entfernten St. Charles Avenue drang gedämpfter Verkehrslärm herüber. Peter wurde sich plötzlich bewußt, daß Marsha neben ihm sehr still geworden war.

»Sie sind ja auf einmal so wortkarg«, sagte er vorwurfsvoll.

»Ich weiß. Ich überlege, wie ich Ihnen etwas sagen soll.«

»Warum kommen Sie nicht offen mit der Sprache heraus? Das ist meistens das beste.«

»Na schön.« Ihre Stimme klang atemlos. »Ich hab' festgestellt, daß ich Sie heiraten möchte.«

Für eine Zeitspanne, die ihm endlos vorkam, die aber vermutlich nur einige Sekunden dauerte, blieb Peter reglos sitzen; auch die Schaukel bewegte sich nicht mehr. Dann stellte er mit bedachtsamer Sorgfalt seine Kaffeetasse ab.

Marsha lachte nervös. »Falls Sie davonlaufen möchten, die Treppe ist da drüben.«

»Nein«, antwortete er. »Wenn ich das täte, würde ich nie erfahren, warum Sie das eben gesagt haben.«

»Ich bin mir nicht ganz sicher.« Sie sah in die Nacht hinaus, das Gesicht halb abgewandt. Er spürte, daß sie zitterte.

Was immer er auch als nächstes zu diesem impulsiven Mädchen sagte, so kam es vor allem darauf an, daß er den richtigen Ton fand, daß er sanft und taktvoll zu ihr sprach. Dabei schnürte sich ihm vor lauter Nervosität die Kehle zusammen. Widersinnigerweise erinnerte er sich in diesem Moment einer Bemerkung, die Christine heute morgen geäußert hatte: Die kleine Miss Preyscott ist einem Kind so ähnlich wie eine Katze einem Tiger. Aber einem Mann macht es vermutlich Spaß, aufgefressen zu werden. Diese Bemerkung war natürlich unfair, sogar hart. Aber es stimmte, daß Marsha weder ein Kind war noch wie ein Kind behandelt werden durfte.

»Marsha, Sie kennen mich doch kaum und ich Sie auch nicht.«

»Glauben Sie an Instinkt?«

»Bis zu einem gewissen Grad, ja.«

»Ich fühlte mich instinktiv zu Ihnen hingezogen. Vom ersten Augenblick an.« Zuerst hatte ihre Stimme geschwankt; nun wurde sie fester. »Mein Instinkt hat meistens recht.«

»Auch bei Stanley Dixon und Lyle Dumaire?« fragte er milde.

»Da hatte ich den richtigen Instinkt, aber ich hab mich nicht daran gekehrt, das ist alles. Diesmal bin ich ihm gefolgt.«

»Es kann trotzdem eine Täuschung sein.«

»Gegen Irrtümer ist man nie gefeit, auch wenn man sehr lange wartet.« Marsha wandte sich ihm zu und sah ihn gerade an. Als sie ihm forschend in die Augen blickte, spürte er an ihr eine Willensstärke, die ihm bisher nicht aufgefallen war. »Mein Vater und meine Mutter kannten einander fünfzehn Jahre lang, bevor sie heirateten. Meine Mutter hat mir mal erzählt, alle ihre Freunde hätten ihnen eine perfekte Ehe prophezeit. Wie sich dann herausstellte, hätte sie gar nicht schlechter sein können. Ich weiß Bescheid; ich hab's miterlebt.«

Er schwieg, weil er nicht wußte, was er sagen sollte.

»Ich habe einiges dabei gelernt. Und noch etwas anderes hat mir zu denken gegeben. Sie haben Anna heute abend gesehen?«

»Ja.«

»Mit siebzehn wurde sie gezwungen, einen Mann zu heiraten, dem sie vorher nur ein einziges Mal begegnet war. Es war eine Abmachung zwischen den beiden Familien; damals gab es so etwas noch.«

»Erzählen Sie weiter.«

»Am Tag vor der Hochzeit weinte Anna die ganze Nacht hindurch. Aber sie wurde trotzdem verheiratet, und ihre Ehe dauerte sechsundvierzig Jahre. Ihr Mann starb letztes Jahr; sie wohnten hier bei uns. Er war der netteste, süßeste Mann, den man sich denken kann. Und wenn es jemals ein glückliches Ehepaar gab, dann waren's die beiden.«

Er zögerte, weil es ihm widerstrebte, einen allzu leichten Gewinn einzuheimsen, wandte dann aber doch ein: »Sie widerlegen sich selbst. Anna folgte ihrem Instinkt nicht. Hätte sie's getan, dann hätte sie nicht geheiratet.«

»Ich weiß. Ich will damit bloß sagen, daß es überhaupt keine garantiert sichere Methode gibt. Instinkt kann ein ebenso guter Wegweiser sein wie sonst was.« Sie verstummte und fügte nach einer Weile hinzu: »Ich weiß genau, mit der Zeit könnte ich Sie dazu bringen, mich zu lieben.«

Es war grotesk, aber plötzlich überkam ihn ein Gefühl der Erregung. Der Gedanke war natürlich absurd; der überspannte Einfall eines romantischen, phantasievollen Mädchens. Er, der früher selbst das Opfer seiner romantischen Vorstellungen geworden war, mußte es von Rechts wegen wissen. Aber wußte er es denn wirklich? Hatte jede Situation ihren Vorgänger? War Marshas Antrag tatsächlich so phantastisch? Er war plötzlich und gegen jede Vernunft überzeugt davon, daß alles, was sie gesagt hatte, durchaus zutreffen konnte.

Er fragte sich, was der abwesende Mark Preyscott von dem Einfall seiner Tochter halten würde.

»Falls Sie an meinen Vater denken...«

»Woher wissen Sie das?« fragte er entgeistert.

»Weil ich Sie allmählich ganz gut kenne.«

Er atmete tief ein und hatte dabei das Empfinden, daß die Luft sehr dünn war. »Was ist mit Ihrem Vater?«

»Zuerst wird er vermutlich beunruhigt sein und sofort nach Hause fliegen. Das macht aber nichts.« Marsha lächelte. »Vernünftigen Argumenten ist er immer zugänglich, und ich weiß, ich könnte ihn überzeugen. Außerdem würde er Sie mögen. Ich kenne die Sorte Leute, die er am meisten bewundert, und Sie gehören dazu.«

»Na«, Peter schwankte zwischen Belustigung und Ernst, »das ist wenigstens ein Trost.«

»Da ist noch etwas. Mir wäre es egal, aber meinem Vater nicht. Sehen Sie, ich weiß - und mein Vater würde es auch merken -, daß Sie eines Tages ein ganz großer Hotelmann sein werden, vielleicht sogar mit einem eigenen Hotel. Nicht, daß ich so wild darauf bin. Ich möchte Sie, sonst nichts.« Sie hielt atemlos inne.

»Marsha«, sagte Peter sanft, »ich weiß... ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll.«

In der nun folgenden Pause konnte er spüren, wie Marshas Selbstvertrauen nachließ. Es war, als hätte sie ihre Zuversicht aus einer Kraftreserve gespeist, aber nun hatte sich die Reserve erschöft und damit auch ihr Mut. Mit dünner schüchterner Stimme sagte sie: »Sie halten mich für albern. Sagen Sie's lieber gleich, dann haben wir's hinter uns.«

»Ich denke nichts dergleichen«, versicherte er. »Wenn alle Menschen so ernsthaft und aufrichtig wären wie Sie...«

»Soll das heißen, daß Sie mir nicht böse sind?«

»Im Gegenteil, ich bin gerührt und überwältigt.«

»Dann sagen Sie nichts mehr!« Marsha sprang auf und streckte ihm beide Hände hin. Er nahm sie, und sie standen einander mit verschlungenen Fingern gegenüber. Marsha hatte offenbar die Fähigkeit, Zweifel abzuschütteln, auch wenn sie ihrer Sache nicht ganz sicher war. »Gehen Sie einfach weg, und denken Sie darüber nach!« beschwor sie ihn. »Denken Sie mit aller Macht! Besonders an mich.«

»Es wird mir schwerfallen, nicht an Sie zu denken«, erwiderte er, und es war ihm ernst damit.

Sie hob ihm ihr Gesicht zu einem Kuß entgegen, und er beugte sich über sie. Seine Absicht war, nur leicht ihre Wange zu streifen, aber sie preßte ihre Lippen auf seine, und als sie einander berührten, schlang sie beide Arme fest um seinen Hals. In seinem Kopf läutete irgendwo ganz schwach eine Alarmglocke. Ihr Körper schmiegte sich an ihn; der enge Kontakt wirkte elektrisierend; er berauschte ihn und raubte ihm den Atem. Ihr Parfüm stieg ihm in die Nase. Es war unmöglich, Marsha in diesem Moment für etwas anderes als eine Frau zu halten. Er spürte, wie sein Körper erwachte, seine Sinne verschwammen. Die Alarmglocke war verstummt. Aus weiter Ferne hörte er die Worte: Die kleine Miss Preyscott... es würde einem Mann Spaß machen... aufgefressen zu werden.

Energisch machte er sich los und ergriff sacht Marshas Hände. »Ich muß gehen.«

Marsha begleitete ihn bis auf die Terrasse. Er strich ihr zärtlich über das Haar. Sie flüsterte: »Peter, Liebling.«

Er stieg die Stufen zum Garten hinunter, ohne recht zu wissen, daß sie da waren.

14

Um halb elf Uhr nachts benutzte Ogilvie, der Hausdetektiv, einen der fürs Personal bestimmten Kellertunnel, um vom Hauptgebäude des St. Gregory aus in die angrenzende Hotelgarage zu gehen.

Er hatte den Tunnel statt des bequemeren Durchgangs im Erdgeschoß aus demselben Grund gewählt, aus dem er sich gerade für diesen Zeitpunkt entschieden hatte - um so wenig wie möglich aufzufallen. Um halb elf hatten Gäste, die den Abend auswärts verbringen wollten, ihren Wagen bereits abgeholt, und für ihre Rückkehr war es noch zu früh. Außerdem war um diese Stunde nicht mit Neuzugängen zu rechnen, wenigstens nicht mit solchen, die im eigenen Wagen kamen.

Ogilvies ursprünglicher Plan, mit dem Jaguar des Herzogs und der Herzogin von Croydon um ein Uhr - in über drei Stunden also - nach dem Norden aufzubrechen, hatte sich nicht geändert. Vor der Abfahrt jedoch hatte der fette Mann noch etwas Wichtiges zu erledigen, und dabei konnte er keine Zuschauer brauchen.

Die für seine Arbeit notwendigen Materialien trug er in einem Papierbeutel in der Hand. Hier handelte es sich um eine Unterlassungssünde der Herzogin, die sie trotz all ihrer Sorgfalt nicht bedacht hatte. Ogilvie war das Versäumnis von Anfang an aufgefallen; er zog es jedoch vor, seine Meinung für sich zu behalten.

Bei dem doppelten Unglück in der Montagnacht war ein Scheinwerfer des Jaguars in die Brüche gegangen. Durch den Verlust des Blechrings, der sich nun im Besitz der Polizei befand, hatte sich dazu noch das elektrische Kabel gelockert. Sollte der Wagen, wie beabsichtigt, bei Dunkelheit gefahren werden, mußte man den Schweinwerfer und das Kabel wenigstens notdürftig zusammenflicken. Es war jedoch viel zu gefährlich, den Wagen in eine Autowerkstatt zu bringen, und es kam ebensowenig in Betracht, den hoteleigenen Mechaniker mit der Ausbesserung zu betrauen.

Gestern hatte Ogilvie, auch zu einem Zeitpunkt, in dem sich in der Garage nichts tat, den Jaguar auf seinem versteckten Platz hinter dem Pfeiler inspiziert und entschieden, daß er die provisorische Reparatur selbst durchführen konnte, wenn es ihm gelang, sich die passenden Ersatzteile zu verschaffen.

Er erwog den Gedanken, einen neuen Scheinwerfer beim einzigen Jaguarhändler in New Orleans zu kaufen, und verwarf ihn, weil es zu riskant war. Obwohl die Polizei - soweit Ogilvie wußte - noch immer nicht über das Fabrikat des Wagens, den sie suchte, im Bilde war, würde sie in ein oder zwei Tagen, sowie die Glassplitter identifiziert waren, auf dem laufenden sein. Falls er jetzt einen Scheinwerfer für einen Jaguar kaufte und die Polizei Ermittlungen anstellte, würde man sich im Laden höchstwahrscheinlich an ihn erinnern und der Sache nachgehen. Folglich hatte er sich mit einem nordamerikanischen Standardmodell aus einem Selbstbedienungsladen für Autozubehör begnügt. Seinem Aussehen nach konnte es brauchbar sein. Nun wollte er es ausprobieren.

Der Kauf der Lampe war eine zusätzliche Belastung gewesen an einem Tag, der dem Hausdetektiv ohnehin ein Übermaß an Arbeit gebracht hatte und ein Gefühl von Befriedigung und zugleich ein bohrendes Unbehagen in ihm zurückließ. Außerdem war er erschöpft, ein schlechter Beginn für die lange Fahrt nach dem Norden, die ihm bevorstand. Er tröstete sich mit dem Gedanken an die fünfundzwanzigtausend Dollar, wovon er zehntausend, wie verabredet, heute nachmittag bei der Herzogin von Croydon abgeholt hatte. Es war eine verkrampfte, kalte Begegnung gewesen, die Herzogin wortkarg und förmlich, Ogilvie, den das nicht anfocht, hatte die gebündelten Geldscheine gierig in eine Aktentasche gestopft. Neben ihnen der Herzog, betrunken hin- und herschwankend, mit blutunterlaufenen Augen und von dem, was geschah, kaum etwas wahrnehmend.

Die Erinnerung an das Geld erfüllte den fetten Mann mit angenehmer Wärme. Es war gut versteckt; vorsichtshalber hatte er nur zweihundert Dollar bei sich, für den Fall, daß bei der Fahrt irgend etwas schiefging.

Sein Unbehagen hatte zwei Gründe. Einmal war er sich der Folgen bewußt, die es für ihn haben mußte, falls es ihm nicht gelang, den Jaguar unangefochten aus New Orleans und danach durch Louisiana, Mississippi, Tennessee und Kentucky zu schleusen. Zweitens war da der nachdrückliche Ton, mit dem Peter McDermott Ogilvie auf die Notwendigkeit hingewiesen hatte, in der Nähe des Hotels zu bleiben.

Der Diebstahl gestern nacht (mit der Wahrscheinlichkeit, daß ein professioneller Dieb im St. Gregory sein Wesen trieb) hätte sich gar nicht zu einem ungelegeneren Zeitpunkt ereignen können. Ogilvie hatte getan, was in seinen Kräften stand. Er hatte die Polizei benachrichtigt, und Detektive hatten den beraubten Gast verhört. Das Hotelpersonal, Ogilvies Untergebene mit eingeschlossen, war alarmiert, und Ogilvies Stellvertreter war mit Verhaltungsmaßregeln für alle nur denkbaren Eventualitäten ausgestattet worden. Nichtsdestoweniger war sich Ogilvie klar darüber, daß er eigentlich bei der Hand sein sollte, um die Operation persönlich zu leiten. Sobald seine Abwesenheit McDermott zu Ohren kam, was morgen früh der Fall sein würde, war ein Donnerwetter unvermeidlich. Aber schließlich würde das Donnerwetter ergebnislos in der Luft verpuffen, weil McDermott und seinesgleichen kamen und gingen, während Ogilvie aus Gründen, die nur ihm und Warren Trent bekannt waren, auf seinem Posten blieb. Immerhin würde es eine Nebenwirkung haben, die der Hausdetektiv um jeden Preis vermeiden wollte; es würde die Aufmerksamkeit auf sein Tun und Treiben in den nächsten paar Tagen lenken.

Nur in einem Punkt hatte sich der Diebstahl als nützlich erwiesen. Er hatte Ogilvie einen zwingenden Grund zu einem weiteren Besuch im Polizeipräsidium geliefert, wo er sich beiläufig nach den Fortschritten in der Fahrerfluchtaffäre erkundigt hatte. Dabei erfuhr er, daß der Fall noch immer erstrangig bearbeitet wurde und die gesamte Polizei in Erwartung einer günstigen Chance in Alarmbereitschaft stand. Im »States-Item« von heute nachmittag hatte die Polizei erneut an die Öffentlichkeit appelliert, jeden Wagen mit beschädigtem Kotflügel oder Scheinwerfer zu melden. Die Information hatte ihr Gutes, aber sie verringerte auch die Chance, den Jaguar unentdeckt aus der Stadt zu bringen. Ogilvie schwitzte ein bißchen, wenn er daran dachte.

Er hatte das Ende des Tunnels erreicht und befand sich im Kellergeschoß der Garage.

In der spärlich erleuchteten Halle war es still. Ogilvie überlegte, ob er sich direkt zum Wagen der Croydons in einem der oberen Stockwerke begeben oder das Garagenbüro aufsuchen sollte, wo der Kontrolleur der Nachtschicht saß. Er entschied, daß es klüger war, zuerst im Büro vorbeizuschauen.

Mühsam und schnaufend kletterte er eine schmale Eisentreppe hinauf. Der Kontrolleur, ein ältlicher, diensteifriger Mann namens Kulgmer, war allein in seiner hellerleuchteten Zelle unweit der Ein- und Ausfahrtrampe. Er legte ein Groschenblatt beiseite, als der Hausdetektiv eintrat.

»Ich wollte Ihnen bloß Bescheid geben«, sagte Ogilvie. »Ich hol' nachher den Wagen des Herzogs von Croydon raus. Er steht in Box 371. Ist eine reine Gefälligkeit von mir.«

Kulgmer runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das erlauben kann, Mr. O. Nicht ohne eine ordnungsgemäße Vollmacht.«

Ogilvie zeigte das Briefchen vor, das die Herzogin am Morgen, auf seine Bitte hin, geschrieben hatte. »Schätze, das dürfte Ihnen als Vollmacht genügen.«

Der Nachtkontrolleur las den Text aufmerksam durch und drehte das Blatt dann um. »Scheint okay zu sein.«

Der Hausdetektiv streckte seine plumpe mollige Hand aus, um den Zettel an sich zu nehmen.

Kulgmer schüttelte den Kopf. »Das muß ich behalten. Um mich abzusichern.«

Der fette Mann zuckte mit den Schultern. Es wäre ihm lieber gewesen, er hätte das Briefchen zurückbekommen, aber er wollte sich nicht auf einen Streit einlassen und einen Vorfall aufbauschen, der andernfalls vielleicht rasch vergessen wurde. Er zeigte auf den Papierbeutel. »Bring bloß das Zeug hoch. In zwei Stunden oder so hol' ich den Wagen raus.«

»Wie Sie wollen, Mr. Ogilvie.« Der Kontrolleur nickte und vertiefte sich wieder in seine Zeitung.

Einige Minuten später warf Ogilvie einen scheinbar gleichgültigen Blick in die Runde, bevor er sich der Box 371 näherte. In dem niedrigen, betonierten, etwa zu fünfzig Prozent mit Wagen belegten Garagengeschoß war es still und wie ausgestorben. Die Wagenjockeys, die Nachtdienst hatten, befanden sich zweifellos in ihren Umkleideräumen im Erdgeschoß und benutzten die vorübergehende Flaute, um ein Nickerchen zu machen oder Karten zu spielen. Dennoch war es angebracht, schnell zu arbeiten.

In der anderen Ecke, im Schutz des Jaguars und des Pfeilers, leerte Ogilvie den Beutel und breitete den Inhalt - Scheinwerfer, Schraubenzieher, Zangen, ein Stück Kabel und schwarzes Isolierband - auf dem Boden aus.

Seine Finger bewegten sich bei all ihrer Plumpheit erstaunlich flink und gewandt. Nachdem er Hindschuhe übergezogen hatte, um seine Hände zu schützen, entfernte er die Überreste des zertrümmerten Scheinwerfers. Im Nu hatte er festgestellt, daß zwar die Ersatzlampe zum Jaguar passen würde, nicht aber das Verbindungskabel. Damit hatte er gerechnet. Mit raschen Handgriffen, Zange, Draht und Isolierband benutzend, verfertigte er eine primitive, jedoch brauchbare Verbindung. Dann befestigte er die Lampe mit Draht und stopfte einen Pappendeckel, den er vorsorglich eingesteckt hatte, in die Lücke, die der fehlende Blechring hinterlassen hatte. Die Pappe sicherte er mit Isolierband, das er mehrmals herumwickelte und hinten festmachte. Das Ganze war natürlich nur Stückwerk, das im Tageslicht leicht entdeckt wurde, bei Nacht jedoch seinen Zweck erfüllte. Die Reparatur hatte nahezu eine Viertelstunde gedauert. Er öffnete die rechte Wagentür und schaltete das Licht ein. Beide Scheinwerfer funktionierten.

Er stieß ein erleichtertes Grunzen aus. Im gleichen Moment ertönte von unten das scharfe Stakkato einer Hupe und das Dröhnen eines anfahrenden Wagens Ogilvie erstarrte. Der durch die Betonwände und niedrigen Decken verstärkte Motorenlärm kam näher, und dann strichen plötzlich Scheinwerfer vorbei und schwenkten um die Biegung der Rampe ein Stockwerk höher. Reifen quietschten, der Motor verstummte, eine Wagentür wurde zugeknallt. Ogilvie entspannte sich. Der Wagenjockey würde im Personenaufzug wieder hinunterfahren.

Als er sich entfernende Schritte hörte, verstaute er das Werkzeug sowie einige größere Glassplitter von der ursprünglichen Lampe im Beutel und stellte ihn beiseite, um ihn später mitzunehmen.

Auf dem Weg nach oben hatte er einen Stock tiefer einen Abstellraum bemerkt. Er ging auf der Rampe hinunter.

Seine Hoffnung hatte nicht getrogen. Er entdeckte darin Putzutensilien und suchte sich einen Besen, Kehrichtschaufel und einen Eimer heraus. Den Eimer füllte er halbvoll mit warmem Wasser und warf ein Scheuertuch hinein. Die Ohren spitzend, wartete er zwei weitere Wagen ab und hastete einen Stock höher zurück zum Jaguar.

Mit Besen und Schaufel säuberte er sorgsam den Boden der Wagenbox. Es durften keine Glaspartikelchen zurückbleiben, die die Polizei identifizieren und mit den am Unfallort eingesammelten Scherben vergleichen konnte.

Die Zeit wurde knapp. Immer mehr Wagen trafen in der Garage ein und wurden geparkt. Zweimal während des Kehrens hatte er sich geduckt und die Luft angehalten, als ein Wagen nur wenige Meter vom Jaguar entfernt in eine Box einschwenkte. Zum Glück hatte der Wagenjockey sich nicht die Mühe gemacht, sich umzuschauen, aber es war eine Mahnung für Ogilvie, zum Ende zu kommen. Falls ein Jockey ihn sah und herüberkam, bedeutete das Neugier und lästige Fragen, die sich unten wiederholen würden. Die Erklärung, die Ogilvie dem Nachtkontrolleur für seinen Besuch in der Garage gegeben hatte, würde wenig überzeugend erscheinen. Und nicht nur das, die einzige Chance für eine unentdeckte Fahrt nach dem Norden hing davon ab, daß er eine möglichst schwache Spur hinter sich zurückließ.

Nun blieb nur noch eins zu tun. Mit dem warmen Wasser und dem Tuch wischte er behutsam die beschädigten Teile des Kotflügels und die Motorhaube des Jaguars ab. Als er das Tuch auswrang, wurde das vorher klare Wasser braun. Er inspizierte sein Werk und war mit dem Ergebnis zufrieden. Was immer auch geschehen mochte, es waren keine getrockneten Blutspritzer mehr auf dem Wagen.

Zehn Minuten später, vor Anstrengung schwitzend, war er wieder im Hauptgebäude des Hotels. Er begab sich direkt in sein Büro, wo er eine Stunde lang zu schlafen gedachte, bevor er nach Chikago aufbrach. Er blickte auf die Uhr. Es war Viertel nach elf.

15

»Ich könnte besser helfen«, bemerkte Royall Edwards anzüglich, »wenn mir jemand sagen würde, worum es eigentlich geht.«

Der Rechnungsprüfer des St. Gregory wandte sich an die zwei Männer, die ihm in der Buchhaltung gegenübersaßen. Zwischen ihnen, auf dem langen Tisch, lagen aufgeschlagene Hauptbücher und Ordner, und das gesamte Büro, das um diese Zeit sonst in Dunkel gehüllt war, erstrahlte in grellem Licht. Edwards selbst hatte vor einer Stunde die Lampen angeknipst, als er die beiden Besucher aus Warren Trents Suite in der fünfzehnten Etage direkt hierher gebracht hatte.

Die Anweisungen des Hotelbesitzers waren deutlich gewesen. »Diese beiden Herren werden unsere Bücher prüfen. Wahrscheinlich werden sie bis morgen früh durcharbeiten. Es wäre mir lieb, wenn Sie bei Ihnen blieben. Zeigen Sie ihnen alles, was sie einsehen möchten. Halten Sie mit keiner Information zurück.«

Royall Edwards fand, daß sein Arbeitgeber bei dieser Gelegenheit heiterer wirkte als seit langem. Aber die Heiterkeit besänftigte den Rechnungsprüfer keineswegs, der sich darüber ärgerte, daß man ihn von zu Haus und von seiner Briefmarkensammlung weg ins Hotel zitiert hatte, und den es noch mehr reizte, daß man ihn in dieser Sache nicht ins Vertrauen zog. Außerdem empörte es ihn, daß er die ganze Nacht hindurch arbeiten sollte.

Natürlich wußte der Rechnungsprüfer, daß die Hypothek am Freitag fällig war und was die Anwesenheit Curtis O'Keefes im Hotel bedeutete. Diese neue Heimsuchung hing offenbar irgendwie damit zusammen. Ein möglicher Hinweis waren die Gepäckanhänger an den Reisetaschen der beiden Besucher, aus denen hervorging, daß sie von Washington, D. C, herübergeflogen waren. Doch sagte hm sein Instinkt, daß die beiden Wirtschaftsprüfer - denn das waren sie zweifellos - mit der Regierung nichts zu tun hatten. Nun, irgendwann würde er vermutlich alles erfahren. Indessen war es verdrießlich, daß man ihn wie einen untergeordneten Schreiber behandelte.

Seine Bemerkung, daß er mehr helfen könnte, wenn er besser informiert wäre, war unbeantwortet geblieben, und er wiederholte sie.

Der ältere der beiden Besucher, ein untersetzter Mann mittleren Alters mit einem unbeweglichen Gesicht, griff nach der neben ihm stehenden Kaffeetasse und trank sie aus. »Ein's sag' ich immer, Mr. Edwards, es geht nichts über eine gute Tasse Kaffee. Also, die meisten Hotels verstehen nichts davon. Das St. Gregory ist da eine rühmliche Ausnahme. Und ich schätze, mit einem Hotel, das so guten Kaffee serviert, kann nicht viel faul sein. Was meinst du, Frank?«

»Ich meine, wenn wir bis morgen früh fertig werden wollen, müssen wir uns ranhalten«, erwiderte der zweite Mann mürrisch, ohne von einer Rohbilanz aufzublicken, die er gerade aufmerksam durchsah.

Der erste machte eine beschwichtigende Handbewegung.

»Da sehen Sie selbst, wie's ist, Mr. Edwards. Ich schätze, Frank hat recht; er hat meistens recht. So gern ich Ihnen auch alles erklären würde, es ist wohl besser, wir machen uns an die Arbeit.«

»Wie es Ihnen beliebt«, sagte Royall Edwards steif, im Bewußtsein, daß er zurückgewiesen worden war.

»Danke, Mr. Edwards. Jetzt würde ich gern mal Ihr Inventarsystem besehen - Einkauf, Kontrollkartei, derzeitige Lagerbestände, Ihre letzte Lieferungskontrolle und alles übrige. Hören Sie, der Kaffee war wirklich gut. Könnten wir noch mehr davon haben?«

Der Rechnungsprüfer sagte: »Ich bestelle noch welchen.«

Trübselig sah er auf seiner Uhr, daß es bereits kurz vor Mitternacht war. Allem Anschein nach würden sie noch stundenlang hier sitzen.

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