SOLDATENWELT

Der Referenzrahmen des »Dritten Reiches«

»Wir haben einen anderen Begriff der Freiheit als die Engländer und Amerikaner. Ich bin sehr stolz, Deutscher zu sein, ich vermisse ihre Freiheit nicht. Deutsche Freiheit ist die innerliche Freiheit, Unabhängigkeit von allem Materiellen; dem Vaterland Dienste erweisen zu können. Wenn du als Soldat nach Hause kommst, dann stehst du über den kleinlichen Sachen der anderen, der Frau Kreschke, weil die was vom Krämer nicht bekommt, des Herrn Sowieso, weil er kein Öl für sein Auto bekommt. Der Soldat steht über so was. Freiheit, eine Verantwortung tragen zu dürfen, das ist etwas, das nicht jeder kann. Ist es Freiheit, wenn du sagen und schreiben kannst wie jeder Judenlümmel? Die amerikanische, demokratische Freiheit ist nichts als Willkür.«

Oberleutnant zur See Heinrich Russ, 28. 3. 1942[52]

Wir haben im vorangegangenen Kapitel definiert, dass Referenzrahmen erster Ordnung das weitgehend unbewusste soziohistorische Hintergrundgefüge bilden, vor dem Menschen in einer jeweiligen Zeit handeln, gewissermaßen die Grundierung aller bewussten Orientierungsbemühungen. Eine solche Totalität zu untersuchen und darzustellen, ist unmöglich. Referenzrahmen zweiter Ordnung dagegen sind historisch, kulturell und meist auch geographisch konkret und daher wenigstens in Umrissen skizzierbar: Sie umfassen einen soziohistorischen Raum, den man eingrenzen kann – auf die Herrschaftsdauer eines Regimes zum Beispiel, auf die Geltungsdauer einer Verfassung oder die Geschichte einer historischen Formation wie zum Beispiel der des »Dritten Reiches«. Dabei sind ihre Elemente in den meisten Fällen dem Bewusstsein zugänglich – so wie im obigen Zitat zur deutschen Art der Freiheit. Aber die allermeisten Deutschen im Jahr 1935 hätten zum Beispiel auch ohne weiteres sagen können, was an der Gesellschaft des »Dritten Reiches« spezifisch war, und sie hätten dabei die Gegensätze zur Weimarer Republik hervorgehoben: etwa einen beginnenden wirtschaftlichen Aufschwung, das Gefühl erhöhter Sicherheit und Ordnung, ein wieder gewonnener Nationalstolz, eine Identifikation mit dem »Führer« und andere Dinge mehr. Dieser Referenzrahmen zweiter Ordnung ist gerade wegen der Radikalität seiner Unterscheidung von der Zeit zuvor – der »Systemzeit«, wie es abfällig hieß – in außergewöhnlich hohem Maße bewusst; auch in Zeitzeugeninterviews wird regelmäßig das Gefühl hervorgehoben, dass nun eine »neue«, eine »schöne« Zeit herangebrochen war, in der es »wieder aufwärts« ging, in der »etwas getan« wurde, die »Jugend von der Straße kam« und »Gemeinschaft« spürbar war. Die Jahre zwischen 1933 und 1945 sind erfahrungsgeschichtlich viel konturierter gegenüber der Weimarer Republik einerseits und der west- und ostdeutschen Nachkriegszeit andererseits, weshalb sich ihr Referenzrahmen leichter skizzieren lässt als der von vergleichsweise ereignislosen Jahren, wie etwa zwischen 1975 und 1987. Tatsächlich ist das »Dritte Reich« erfahrungsgeschichtlich eine Zeitspanne von ungeheurer Verdichtung, extrem reich an Veränderungen, auch geprägt von der Erfahrung radikaler und sich steigernder Euphorie in einem kurzen Zeitraum von etwa acht Jahren und sich steigernder Abstiegsangst, Gewalt, Verlust und Unsicherheit in den verbleibenden vier Jahren. Dass diese Zeit sich mit solcher Wucht und Nachhaltigkeit in die deutsche Geschichte eingeschrieben hat, liegt aber nicht nur an den Verbrechen und der extremen Massengewalt, die sie hervorgebracht hat, sondern auch an der verdichteten Erfahrung, an der Entstehung von etwas ganz Neuem, Gewaltigem beteiligt zu sein, an einem gemeinsamen Projekt, dem nationalsozialistischen, mitwirken zu dürfen, kurz: dabei zu sein in »großer Zeit«.

Die Sozial- und Kulturgeschichte des »Dritten Reiches« ist so gut dokumentiert, dass wir hier auf die Standardliteratur verweisen können.[53] Hinsichtlich des sich entwickelnden Referenzrahmens des »Dritten Reiches« möchten wir nur auf zwei besondere Aspekte eingehen, die für die Wahrnehmung der Soldaten von entscheidender Bedeutung. Der erste Aspekt ist die sich mit der »Judenfrage« sukzessive etablierende Vorstellung, Menschen seien kategorial ungleich. Kategorial meint hier, dass es keinem Mitglied der einen Gruppe, also etwa der »arischen« Deutschen, aus eigener Anstrengung oder eigenem Versagen möglich ist, in die Gruppe der anderen, also etwa der »jüdischen« Deutschen zu wechseln. Kern dieser Ungleichheitsvorstellungen, die sich keineswegs nur auf die Juden, sondern auch auf die Differenzierung höher oder niedriger stehender »Rassen« wie der Germanen einerseits und der Slawen andererseits bezog, war die Rassentheorie. Sie war keineswegs eine deutsche Erfindung und spezielle Blüte deutscher Wissenschaft, sondern international vertreten.[54] Aber allein in Deutschland wurde sie zum Fundament eines politischen Programms und zu einer Gesellschaftsvorstellung, die sich in der verzögerungslos einsetzenden antijüdischen Praxis in eine gefühlte und geglaubte Realität übersetzte. Dass die Menschen kategorial ungleich waren, wurde in einer Gesellschaft, die radikal in Zugehörige und Nicht-Zugehörige unterschieden war, mit praktischer Evidenz versehen. Der zweite Aspekt besteht aus dem nationalsozialistischen Alltag. Die Forschung neigt dazu, die symbolischen Formen gesellschaftlicher Praxis – also etwa »Ideologien«, »Weltanschauungen«, »Programmatik« – zu untersuchen und dabei zu übersehen, dass die sozialen Praktiken des Alltags eine weit stärkere formative Wirkung haben – unter anderem deswegen, weil sie nicht reflexiv zugänglich sind. Diese formative Kraft des Faktischen bildet einen wesentlichen Aspekt des Referenzrahmens des »Dritten Reiches«.

Die Sozial- und Mentalitätsgeschichte des »Dritten Reiches« wird gewöhnlich durch das Prisma des Holocaust betrachtet – so, als würde vom Ende eines ungeheuer dynamischen sozialen Prozesses mit widersprüchlichen Teilentwicklungen und Pfadabhängigkeiten analytisches Licht auf seinen Beginn fallen können. Das ist verständlich, weil der Nationalsozialismus und der Vernichtungskrieg ihre historische Signatur aus dem Grauen beziehen, das sie angerichtet haben. Methodisch ist dies aber komplett unsinnig. Niemand würde auf die Idee kommen, die Biographie einer Person vom Ende her zu entwickeln oder die Geschichte einer Institution von hinten nach vorn zu rekonstruieren – einfach deshalb, weil Entwicklungen nach vorn, nicht aber nach hinten offen sind. Nur in der Rückschau scheinen sie alternativlos und zwangsläufig, während soziale Prozesse in ihrer Entfaltung eine Fülle von Möglichkeiten bereithalten, von denen faktisch nur einige ergriffen werden und ihrerseits bestimmte Pfadabhängigkeiten und Eigendynamiken ausbilden.

So muss man, wenn man das Handeln von Menschen im Referenzrahmen des »Dritten Reiches« rekonstruieren möchte, den Prozess der Nationalsozialisierung verfolgen, also die Melange aus dem, was nach der »Machtergreifung« neu in die gesellschaftliche Praxis Deutschlands eingeführt wurde, und aus dem, was auch nach dem 30. Januar 1933 so blieb wie zuvor. Es ist wiederholt darauf hingewiesen worden, dass man die gesellschaftliche Wirklichkeit des »Dritten Reiches« nicht mit dem propagandistischen Bild verwechseln darf, das die Regisseure und Texter aus Goebbels’ Ministerium mit wachsender Perfektion von ihm entwarfen. Auch das »Dritte Reich« bestand nicht aus pausenlosen Olympiaden und Reichsparteitagen, aus Aufmärschen und pathetischen Ansprachen, denen blonde zopftragende Volksgenossinnen mit glänzenden Augen lauschten. Es bestand zunächst einmal aus derselben Menge Alltag, der in jeder möglichen Gesellschaft das Leben von Menschen strukturiert: Kinder gehen in die Schule, Menschen zur Arbeit oder zum Arbeitsamt, sie zahlen Miete, gehen einkaufen, frühstücken und essen zu Mittag, treffen sich mit Freunden oder Verwandten, lesen Zeitungen oder Bücher und diskutieren über Sport oder Politik. All diese Dimensionen des Alltags mögen im Lauf des zwölfjährigen Bestehens des »Dritten Reiches« zunehmend mit ideologischen und rassistischen Versatzstücken imprägniert worden sein, sie blieben aber trotzdem Gewohnheiten und Routinen, also ein vom »so-wie-immer« geprägter Alltag.

Gesellschaften basieren nicht nur auf dem, was irgendwann als Quellen für Historiker lesbar wird, sondern auch aus materiellen, institutionellen und mentalen Infrastrukturen, also aus Dingen wie Fabriken, Straßen und Abwässersystemen ebenso wie aus Schulen, Behörden und Gerichten und – was häufig übersehen wird – aus Traditionen, Gewohnheiten und Deutungsmustern. Alle drei Typen von Infrastrukturen bilden die für selbstverständlich gehaltene Welt. Sie sind die Grundierung des Alltagslebens, und sie weisen spezifische Trägheiten auf. An ihnen ändert sich nämlich nicht viel, selbst wenn sich in Politik oder Wirtschaft gravierende Veränderungen vollziehen. Denn auch diese Infrastrukturen sind nur Teilsysteme in einem komplexen gesellschaftlichen Gefüge – äußerst wichtige zweifellos, aber sie machen eben nicht die gesellschaftliche Totalität aus. Auch im Nationalsozialismus wachten die Bürgerinnen und Bürger am Morgen des 31. Januar 1933 nicht in einer neuen Welt auf. Die war noch dieselbe wie am Tag zuvor, lediglich die Nachrichten waren neu. Sebastian Haffner beschreibt denn auch den 30. Januar nicht als Revolution, sondern als Regierungswechsel – und ein solcher war in der Weimarer Republik keineswegs ein ungewöhnliches Ereignis. Für Haffner bestand »das Erlebnis des 30. Januar tatsächlich nur in Zeitungslektüre – und den Empfindungen, die sie auslöste«.[55] Beides wird natürlich in den möglichen Folgen und Bedeutungen erwogen und diskutiert, aber das werden andere politische Neuigkeiten auch. Haffner schildert die Gespräche mit seinem Vater: man diskutiert, wie viel Prozent der Bevölkerung eigentlich »Nazis« sind, wie das Ausland darauf reagieren wird, dass Hitler Reichskanzler ist, was die Arbeiterschaft wohl machen wird – kurz alles, was politisch denkende Bürger sich überlegen, wenn Entscheidungen gefallen sind, die man in ihrer Tragweite schlecht überblicken kann und die einem nicht gerade willkommen sind. Haffner und sein Vater jedenfalls kommen zu einem naheliegenden Schluss: Diese Regierung habe nur eine äußerst schwache Basis und daher wenig Chancen, lange zu bestehen, weshalb alles in allem kein Grund zur Besorgnis vorläge.

Dass man etwas liest und bespricht, ändert zunächst gar nichts am Lauf der Dinge: »das waren Zeitungsnachrichten«, schreibt Haffner. »Mit seinen Augen und Ohren sah und hörte man nicht viel anderes, als woran man in den letzten Jahren gewöhnt worden war. Braune Uniformen in den Straßen, Aufmärsche, Heilrufe – und im übrigen business as usual. Auf dem Kammergericht, dem höchsten preußischen Gericht, wo ich damals als Referendar arbeitete, änderte sich nichts im Justizbetrieb dadurch, dass der preußische Innenminister gleichzeitig tolle Erlasse herausgab. Die Verfassung mochte, laut Zeitungsnachrichten, zum Teufel gehen: Aber jeder einzelne Paragraph des Bürgerlichen Gesetzbuchs galt weiter und wurde so sorgfältig um- und umgedreht wie je zuvor. Wo lag die eigentliche Realität? Der Reichskanzler mochte täglich öffentlich wüste Schmähungen gegen die Juden ausstoßen – aber in unserem Senat saß nach wie vor ein jüdischer Kammergerichtsrat und machte seine überaus scharfsinnigen und gewissenhaften Urteile, und diese Urteile galten und setzten den vollen Staatsapparat zu ihrer Vollziehung in Aktion – mochte auch die höchste Spitze dieses Staatsapparats ihren Verfasser täglich als ›Parasiten‹, ›Untermenschen‹ oder ›Pest‹ bezeichnen. Wer war eigentlich der Blamierte dabei? Gegen wen richtete sich die Ironie dieses Zustandes?«[56]

Man könnte auch formulieren, dass weite Bereiche des bestehenden Referenzrahmens weiterhin funktionierten, wie sich im Übrigen »das Weitergehen des Lebens« auch als Triumph über die Nazis interpretieren ließ: So viel können sie anscheinend doch nicht tun. Wie hätte man also auf die Idee kommen sollen, dass eigentlich eine ganz neue Interpretation der Realität nötig gewesen wäre, dass hier nicht einfach etwas geschah, was man nach den gewohnten Maßstäben deuten konnte? Und selbst wenn jemand genau dieses Gefühl gehabt hätte: Woher würde er die Instrumente genommen haben, mit denen er diese neue Wirklichkeit hätte dechiffrieren können?

In der Sozialpsychologie ist das Phänomen des »systematischen Rückschaufehlers« seit langem gut beschrieben. Wenn das Ergebnis eines sozialen Prozesses feststeht, meint man immer, schon von Beginn an gewusst zu haben, worauf das Ganze hinauslaufen würde, und man findet nachträglich jede Menge Zeichen, die schon lange zuvor auf den Zusammenbruch oder das Desaster hingewiesen hatten. Deshalb erzählen zum Beispiel alle Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in Interviews, ihr Vater oder Großvater habe am 30. Januar sofort gesagt: »Das bedeutet Krieg!«[57] Der Rückschaufehler hilft einem, sich auf der Seite der Hellsichtigen und Wissenden zu positionieren, während man als Teil eines historischen Transformationsprozesses in Wahrheit nie sieht, worauf er zusteuert. Den Wahn erkennt natürlich der nicht, der ihn teilt, heißt es bei Sigmund Freud, und allenfalls aus großer Distanz kann man eine Beobachterperspektive einnehmen, aus der man die Selbstmissverständnisse und Irrtümer der direkt einbezogenen Akteure erkennt. Und selbst wenn ein, zwei oder drei Ebenen des funktional differenzierten Gebildes einer Gesellschaft sich verändern, bleiben immer noch unendlich viele andere exakt so, wie sie zuvor auch waren. Brot gibt es immer noch beim Bäcker, die Straßenbahnen fahren, für das Studium muss man lernen und um die kranke Oma sich sorgen.

Vergemeinschaftungsprozesse sind auch unter neuen politischen Vorzeichen widersprüchlich, und für die Nationalsozialisierung gilt das in besonderem Maße: Denn neben der ostentativen Betonung des Völkischen und der politischen Praxis der Ausgrenzung folgte die nationalsozialistische Gesellschaft den gleichen Praktiken wie andere moderne Industriegesellschaften – mit ihren technischen Imperativen und Faszinosa, mit Beschäftigungs- und Konjunkturprogrammen, mit einer Kulturindustrie, mit Sport, Freizeit und öffentlichem Leben. Hans Dieter Schäfer hat das in einer viel zu wenig beachteten Untersuchung schon 1981 als »gespaltenes Bewusstsein« bezeichnet und akribisch beschrieben, was alles auf der Benutzeroberfläche des »Dritten Reiches« ganz unnationalsozialistisch blieb: wozu die schwunghaft steigenden Absatzzahlen von Coca Cola ebenso zählen wie das Vorhandensein ausländischer Zeitungen an den Großstadtkiosken, wie die Hollywoodfilme im Kino oder der schuldenfinanzierte Wirtschaftsaufschwung, der es vielen Volksgenossinnen und Volksgenossen erlaubte, an den Annehmlichkeiten einer modernen Konsumgesellschaft teilzuhaben.[58]

Die unterschiedliche, teilweise widersprüchliche Entwicklung gesellschaftlicher Teilbereiche des »Dritten Reiches« stellt insofern gar nichts Besonderes dar, als wahrscheinlich alle modernen Gesellschaften widersprüchliche Vergemeinschaftungsformen entwickeln, weil die verschiedenen Funktionsbereiche (so ähnlich, wie es oben für die Rollen beschrieben wurde) unterschiedliche Bedingungen ihres Funktionierens haben: Eine Schule bleibt in ihren Funktionsbedingungen auch dann noch eine Schule, wenn der Lehrplan vorsieht, dass in Biologie auch Eugenik gelernt wird, und eine Fabrik funktioniert auch dann noch immer wie eine Fabrik, wenn sie Koppelschlösser für die Uniformen der SA produziert. Deshalb steht das Alltagsleben der Erkenntnis im Weg, dass etwas Neues, ganz und gar Unerwartetes geschieht: »Noch ging ich wie zuvor aufs Kammergericht, noch sprach man dort Recht (…), auch der jüdische Kammergerichtsrat meines Senats saß noch unbelästigt in seiner Toga hinter der Schranke […]. Noch rief ich meine Freundin Charlie an, und wir gingen ins Kino oder saßen in einer kleinen Weinstube und tranken Chianti oder tanzten irgendwo zusammen. Noch sah ich Freunde, noch diskutierte ich mit Bekannten, und Familiengeburtstage wurden gefeiert wie immer (…). Dennoch war es, seltsam genug, auch und gerade dies mechanisch und automatisch weiterlaufende tägliche Leben, was es verhindern half, dass irgendwo eine kraftvolle, lebendige Reaktion gegen das Ungeheuerliche stattfand.«[59]

Die Trägheit der Infrastrukturen einer Gesellschaft, ihr gelebter Alltag, macht den einen, sehr gewichtigen Teil des gespaltenen Bewusstseins aus: Einen anderen bildet das, was sich verändert, und insbesondere das, was den Referenzrahmen modifiziert. Das ist zum einen das Handeln des Regimes, das mit Propaganda, Verordnungen, Gesetzen, Verhaftungen, Gewalt und Terror, aber auch mit Attraktions- und Identifikationsangeboten operiert, zum anderen eine sich in Reaktion darauf verändernde Wahrnehmung und Haltung aufseiten der nicht immer engagierten, gleichwohl teilhabenden Bevölkerung, die sich ihren Reim auf das macht, was geschieht. Die antijüdischen Maßnahmen wie die Boykotts der jüdischen Geschäfte von Ende März und Anfang April 1933 wurden, wie man weiß, in der Bevölkerung durchaus widersprüchlich wahrgenommen, so wie viele antijüdische Maßnahmen später auch. Genau das ist aber – wenngleich es auf den ersten Blick paradox erscheinen mag – ihr integrierendes Moment: Denn auch die nationalsozialistische Gesellschaft hat noch genügend soziale Räume und Teilöffentlichkeiten, in denen man unter seinesgleichen über das Für und Wider von Maßnahmen und Aktionen sprechen kann.[60]

Man verkennt den sozialen Funktionsmodus einer modernen Diktatur wie des Nationalsozialismus, wenn man glaubt, er integriere seine Bevölkerung über Homogenisierung. Das Gegenteil ist der Fall: Er integriert über das Aufrechterhalten von Differenz, so dass auch noch diejenigen, die gegen das Regime, kritisch gegenüber der Judenpolitik, im Herzen sozialdemokratisch oder was auch immer sind, ihren sozialen Ort haben, an dem sie sich austauschen können und Gleichdenkende finden. Dieser Integrationsmodus findet sich bis hinein in die Einsatzgruppen und Reservepolizeibataillone, die keineswegs aus gleichgeschalteten, dumpfen Vollstreckern, sondern aus denkenden Menschen bestehen, die sich untereinander darüber verständigen, was sie tun und ob sie zu den Guten oder den Schlechten gehören.[61] Der soziale Integrationsmodus jeder Behörde, jedes Betriebs, jeder Universität besteht in Differenz, nicht in Homogenisierung – überall finden sich Subgruppen, die sich von den anderen abgrenzen. Das zerstört nicht den Zusammenhang des sozialen Aggregats, es begründet ihn.

Auch wenn das NS-Regime die Pressefreiheit abschaffte, Zensur ausübte und in seiner massenmedial höchst modernen Propaganda eine systemkonforme öffentliche Sphäre schuf, die natürlich nicht spurlos an den Auffassungen der Einzelnen vorüberlief, wäre es ein Missverständnis, ginge man davon aus, dass damit der Meinungspluralismus und die Diskussion vollständig abgeschafft worden wären. »Aus mehr als zwei Jahrzehnten Forschung zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte der NS-Diktatur, zur ›Volksmeinung‹ jener Zeit wissen wir«, schreibt Peter Longerich, »dass die Bevölkerung des Deutschen Reiches zwischen 1933 und 1945 nicht im Zustand totalitärer Uniformität lebte, sondern dass es in einem erheblichen Umfang Unzufriedenheiten, abweichende Meinungen und divergierende Verhaltensweisen gab. Es war jedoch ein besonderes Charakteristikum der deutschen Gesellschaft unter dem NS-Regime, dass solche Bekundungen von Widerspruch vor allem im privaten, höchstens im halböffentlichen Bereich (also auf den Kreis von Freunden und Kollegen, den Stammtisch, die unmittelbare Nachbarschaft beschränkt) erfolgten beziehungsweise innerhalb noch bestehender Strukturen traditioneller sozialer Milieus, die sich gegenüber der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft behaupten konnten – also etwa innerhalb von Pfarrgemeinden, in dörflichen Nachbarschaften, in Zirkeln der konservativen Elite, in bürgerlichen Verkehrskreisen, in nicht zerstörten Reststrukturen des sozialistischen Milieus.«[62]


Während vieles im Alltagsleben auch in der Diktatur gleich bleibt und gleichsam die Benutzeroberfläche des gesellschaftlichen Funktionierens bildet, verändert sich politisch und kulturell zugleich Gravierendes. Die tiefe Spaltung, die die nationalsozialistische Gesellschaft in den zwölf Jahren von 1933 bis 1945 in eine Mehrheit der Zugehörigen und eine Minderheit der Ausgeschlossenen teilte, verfolgt nicht nur ein rassentheoretisch und machtpolitisch begründetes Ziel, sondern ist zugleich Mittel einer besonderen Form der gesellschaftlichen Integration. In vielen neueren historischen Arbeiten ist die Geschichte des »Dritten Reiches« unter Gesichtspunkten der sozialen Differenzierung betrachtet worden: Saul Friedländer hat das Augenmerk in besonderem Maße auf die antijüdische Praxis, die Verfolgung und die Vernichtung gelegt,[63] Michael Wildt auf die besonders in der formativen Phase des »Dritten Reiches« ausgeübte Gewalt als Mittel der Vergemeinschaftung.[64] Peter Longerich hat herausgearbeitet, dass die Ausgrenzung und Vernichtung der Juden keineswegs einen beiläufigen, eigentümlich sinnlosen Bestandteil nationalsozialistischer Politik bildete, sondern ihr Zentrum: Die »Entjudung« der deutschen Gesellschaft (und auch weiter Teile Europas) war »das Instrument, um nach und nach die einzelnen Lebensbereiche zu durchdringen«.[65] Genau darüber vollzieht sich eine Umformatierung moralischer Standards, eine deutliche Veränderung in dem, was man im Umgang mit Menschen für »normal« und »anormal«, für »gut« und »böse«, für angemessen und empörend hält. Die nationalsozialistische Gesellschaft wird nicht unmoralisch, nicht einmal die Massenmorde gehen, wie vielfältig angenommen, auf einen moralischen Verfall zurück. Vielmehr sind sie Ergebnis der erstaunlich schnellen und tiefgreifenden Etablierung einer »nationalsozialistischen Moral«, die Volk und Volksgemeinschaft als Bezugsgrößen moralischen Handelns definiert und andere Werte und Normen des Sozialen etabliert, als sie zum Beispiel in der demokratischen Nachkriegszeit in Geltung waren.[66] Zu diesem moralischen Kanon zählen nicht Gleichheits-, sondern Ungleichheitswerte, nicht der Wert des Individuums, sondern der des biologisch definierten »Volkes«, nicht universelle, sondern partikulare Solidarität. So wurde, um nur ein Beispiel nationalsozialistischer Moral zu nennen, erst im Nationalsozialismus der Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung strafbar, fand seinen Geltungsbereich aber nur innerhalb der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft und war etwa auf unterlassene Hilfe gegenüber verfolgten Juden nicht anwendbar.[67] Solche partikulare Moral kennzeichnet das nationalsozialistische Projekt in toto – auch die erträumte europäische Ordnung, gar die Weltherrschaft unter dem Hakenkreuz wurde ja als eine radikal ungleiche Welt gedacht, in der Angehörigen unterschiedlicher Rassen auch eine unterschiedliche rechtliche Behandlung zuteil geworden wäre.

Obwohl das »Dritte Reich« in vielerlei Hinsicht eine moderne Gesellschaft des 20. Jahrhunderts und die völkische Traditionspflege eher rückfällige Folklore als zentrales integrierendes Element war, bezog das nationalsozialistische Projekt seine politische und psychosoziale Durchschlagskraft aus der gesellschaftlichen Umsetzung der Behauptung, dass Menschen radikal und unüberbrückbar ungleich seien. Das war keine nationalsozialistische Erfindung, sondern wanderte im 19. Jahrhundert von der Biologie in die politische Theorie ein und wurde im 20. Jahrhundert an verschiedenen Stellen, etwa in der Sterilisationsgesetzgebung oder in Eugenik und Euthanasie, wirkungsmächtig.[68] Aber nur in Deutschland wird die Rassentheorie zum politischen Programm – neben dem Kommunismus übrigens zum einzigen, das wissenschaftlich begründet wird: »Nationalsozialismus ist nichts anderes als angewandte Biologie«, wie Rudolf Heß formulierte.[69]

Die soziale Praxis des »Dritten Reiches« bestand denn auch von Anfang an darin: über einzelne Aktionen negativ die »Judenfrage« und positiv die »Volksgemeinschaft« zum Thema zu machen, und dieses Thema dann mit antijüdischen Maßnahmen, Verordnungen, Gesetzen, Beraubungen, Deportationen etc. permanent zum Gegenstand von Handeln zu machen. Saul Friedländer hat den Funktionsmodus der Formierung der nationalsozialistischen Gesellschaft treffend auf die Formel »Repression und Innovation« gebracht. Da zugleich aber vieles in der Gesellschaft ganz wie gewohnt blieb, muss man im Auge behalten, dass für die nichtjüdischen Deutschen Innovation und Repression nur einen Teil, und oft nicht einmal den wichtigsten ihrer Lebenswelt ausmachten. Die Gemengelage besteht mithin aus Kontinuität, Repression und Innovation.

Insgesamt muss das nationalsozialistische Projekt als ein hochintegrativer gesellschaftlicher Prozess betrachtet werden, der Ende Januar 1933 begann und mit der endgültigen Niederlage im Mai 1945 zu Ende ging. Dabei spielt die sich in unterschiedlichen Intensitätsschüben vollziehende Ausgrenzung, Ausschließung und Beraubung der Nicht-Zugehörigen eine entscheidende Rolle, weil sie mit vielen sinnfälligen symbolischen und materiellen Aufwertungen der Gruppe der Zugehörigen einhergeht. Daraus schöpft das nationalsozialistische Projekt seine psychosoziale Attraktivität und Durchschlagskraft.

Unmittelbar nach dem 30. Januar 1933 setzte eine ungeheuer beschleunigte Praxis der Ausgrenzung ein, von Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftlern und vor allem von Juden, und zwar ohne relevanten Widerstand der Mehrheitsbevölkerung – obwohl mancher über den »SA- und Nazipöbel« die Nase rümpfte oder die einsetzende Kaskade der antijüdischen Maßnahmen als unfein, ungehörig, übertrieben oder einfach als inhuman empfand. Das Bündel an Maßnahmen verzeichnet etwa das Verbot für Juden in Köln, die städtischen Sportanlagen zu benutzen (März 1933), den Ausschluss aller jüdischen Boxer aus dem deutschen Boxer-Verband und jüdischer Vornamen aus dem Buchstabierverzeichnis im Telefonverkehr (April 1933) oder die Untersagung für Juden, Jahrmarktstände zu mieten (Mai 1933).[70]

Besonders bemerkenswert an diesen willkürlich herausgegriffenen Beispielen ist zum einen die Kreativität im Auffinden der unterschiedlichsten Aspekte des »Jüdischen«, wie bei der Buchstabierliste für den Telefonverkehr, zum anderen das freiwillige, oft vorauseilende Praktizieren antijüdischer Ausgrenzungsmaßnahmen durch Privatpersonen in Vereinsfunktionen oder durch Kommunalbeamte, die die entsprechenden Maßnahmen durchaus nicht hätten ergreifen müssen, sondern aus freien Stücken ergriffen haben. Das verweist nicht nur auf anti-soziale Bedürfnisse, die nun unter den neuen Verhältnissen freudig befriedigt werden, sondern auch darauf, dass solche Maßnahmen innerhalb der entsprechenden Vereine, Verbände und Kommunen bei Nicht-Betroffenen auf Zustimmung, jedenfalls nicht auf Protest oder gar auf Widerstand stoßen.

Im sozialen Alltag des Nationalsozialismus sind solche Maßnahmen, die andere treffen, aber von Nicht-Betroffenen natürlich zur Kenntnis genommen werden, allgegenwärtig. Kaum ein Tag verging ohne eine neue Maßnahme. Unter den antijüdischen Gesetzen, die die normsetzende Spitze dieses Eisbergs ausgrenzender Praxis bilden, ist das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« vom 7. April 1933 hervorzuheben, das unter anderem die Versetzung aller »nicht-arischen« Beamten in den Ruhestand vorsah. Noch im selben Jahr wurden 1200 jüdische Professoren und Dozenten entlassen – keine einzige Fakultät protestierte dagegen. Am 22. April werden nichtarische Kassenärzte aus den kassenärztlichen Vereinigungen ausgeschlossen.[71] Am 14. Juli 1933 wird das »Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses« verabschiedet.

All dies geht vor sich, ohne dass sich irgendwo Widerspruch artikulierte, gleichgültig ob es um die Repression Einzelner oder die Diskriminierung der jüdischen Deutschen insgesamt ging. »Als jüdische Kollegen entlassen wurden, äußerte kein deutscher Professor öffentlichen Protest; als die Zahl der jüdischen Studenten drastisch reduziert wurde, regte sich in keiner Universitätskommission und bei keinem Fakultätsmitglied Widerstand; als im ganzen Reich Bücher verbrannt wurden, brachte kein Intellektueller in Deutschland und auch niemand sonst im Lande offen irgendwelche Scham zum Ausdruck.«[72]

Wie immer auch die Gesetze und Maßnahmen bei den einzelnen Volksgenossinnen und Volksgenossen »privat« ankamen – in dieser frühen Phase der Repression, die ja zumindest auch für die Nicht-Betroffenen einen erheblichen Wertewandel hinsichtlich zwischenmenschlicher Umgangsformen und Gerechtigkeitsvorstellungen bedeutete, artikulierte sich öffentlich keinerlei Unmut. Aber was heißt eigentlich Nicht-Betroffene? Wenn man den Vorgang der Ausgrenzung, Beraubung und Vernichtung als einen Handlungszusammenhang betrachtet, ist es logisch unmöglich, von Nicht-Betroffenen zu sprechen: Wenn eine Personengruppe auf solch schnelle, verdichtete, öffentliche und nicht-öffentliche Weise aus dem Universum der moralischen Verbindlichkeit ausgeschlossen wird, dann bedeutet das umgekehrt, dass sich der wahrgenommene und gefühlte Stellenwert der Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft erhöht.

»Schicksal«, hat Raul Hilberg einmal lapidar formuliert, »ist eine Interaktion zwischen Tätern und Opfern.« Psychologisch ist es kein Wunder, dass die praktische Umsetzung der Theorie von der Herrenmenschenrasse äußerst zustimmungsfähig war. Vor dem Hintergrund dieser in Gesetze und Maßnahmen gegossenen Theorie konnte sich nämlich noch jeder sozial deklassierte ungelernte Arbeiter ideell jedem jüdischen Schriftsteller, Schauspieler oder Geschäftsmann überlegen fühlen, zumal wenn der ablaufende gesellschaftliche Prozess dann auch die faktische soziale und materielle Deklassierung der Juden durchsetzte. Die Aufwertung, die der einzelne Volksgenosse auf diese Weise erfährt, besteht auch im Gefühl einer relativ verringerten sozialen Gefährdung – einem ganz neuen Lebensgefühl in einer exklusiven Volksgemeinschaft, zu der man nach den wissenschaftlichen Gesetzen der Rassenauslese so unabänderlich gehörte, wie die anderen genauso unabänderlich niemals gehören konnten.

Während es den einen zunehmend schlechter ging, fühlten sich die anderen immer besser. Das nationalsozialistische Projekt bot ja nicht nur eine glanzvoll ausgemalte Zukunft, sondern auch ganz handfeste Gegenwartsvorteile wie zum Beispiel Karrierechancen. Der Nationalsozialismus hatte eine extrem junge Führungselite, und nicht wenige gerade der jüngeren Volksgenossinnen und -genossen konnten große persönliche Hoffnungen mit dem Siegeszug der »arischen Rasse« verbinden.[73] Vor diesem Hintergrund ist die enorme Freisetzung von individueller und kollektiver Energie zu verstehen, die diese Gesellschaft kennzeichnete. »Die NSDAP stützte sich auf die Lehre von der Ungleichheit der Rassen und versprach den Deutschen im selben Atemzug mehr Chancengleichheit (…). Aus der Innenschau schien sich im Rassenkampf ein Ende des Klassenkampfes anzudeuten. So gesehen, propagierte die NSDAP eine der sozial- und nationalrevolutionären Utopien des vergangenen Jahrhunderts. Daraus bezog sie ihre verbrecherischen Energien. Hitler sprach vom ›Aufbau des sozialen Volksstaats‹, eines ›Sozialstaats‹, der vorbildlich sein werde und in dem ›alle (sozialen) Schranken immer mehr einzureißen‹ seien.«[74]

Als reine Propaganda wäre die gesellschaftliche Transformation, die das »Dritte Reich« so rapide durchlief, nicht wirkmächtig gewesen. Das zentrale Charakteristikum des nationalsozialistischen Projekts besteht in der unmittelbaren Umsetzung seiner ideologischen Postulate in eine greif- und fühlbare Wirklichkeit. Damit veränderte sich die Welt tatsächlich; die Gefühle des Aufbruchs, des Lebens in einer »großen Zeit«, in einem, wie Götz Aly formuliert hat, »permanenten Ausnahmezustand« etablieren jenseits der puren Zeitungsnachrichten einen neuen Referenzrahmen. Interviews mit ehemaligen Volksgenossinnen und -genossen legen bis heute Zeugnis ab von der psychosozialen Attraktivität und emotionalen Bindungskraft dieses Ein- und Ausschließungsprozesses. Nicht umsonst besteht bis heute weitgehende Übereinstimmung unter den Zeitgenossen, dass das »Dritte Reich« mindestens bis Stalingrad als »schöne Zeit« zu beschreiben sei.[75] Die Ausgrenzung, Verfolgung und Beraubung der Anderen wurde kategorial nicht als solche erlebt, weil diese Anderen per definitionem eben schon gar nicht mehr dazugehörten und ihre antisoziale Behandlung den Binnenbereich der Moralität und Sozialität der Volksgemeinschaft gar nicht mehr berührte.

Man kann zur Rekonstruktion des Wertewandels im nationalsozialistischen Deutschland, der sich als fortschreitende Normalisierung radikaler Ausgrenzung bezeichnen lässt, zeitgenössische Quellen heranziehen,[76] die auf der Mikroebene des sozialen Alltags nachzeichnen, wie in verblüffend kurzer Zeit Menschengruppen aus dem Universum der sozialen Verbindlichkeit ausgeschlossen werden – aus jenem Universum also, in dem Normen wie Gerechtigkeit, Mitleid, Nächstenliebe etc. noch in Kraft sind, aber nicht mehr für diejenigen gelten, die per definitionem aus der Gemeinschaft ausgeschlossen sind.

Die tiefe Spaltung der deutschen Gesellschaft lässt sich auch an Umfragedaten ablesen: So zeigt eine retrospektive Befragung mit 3000 Personen, die in den 1990er Jahren durchgeführt wurde, dass nahezu drei Viertel der vor 1928 geborenen Befragten niemanden kannten, der aus politischen Gründen mit der Staatsgewalt in Konflikt geraten war und deshalb verhaftet oder verhört worden war.[77] Noch mehr Befragte gaben an, sich selbst niemals bedroht gefühlt zu haben, und das, obwohl in derselben Befragung zu hohen Anteilen angegeben wird, dass man illegale Radiosender gehört oder Witze über Hitler und kritische Äußerungen über die Nazis gemacht habe.[78]

Ein bemerkenswertes Ergebnis dieser Studie liegt auch darin, dass sich im Nachhinein jeweils zwischen einem Drittel und mehr als der Hälfte der Befragten dazu bekennen, an den Nationalsozialismus geglaubt, Hitler bewundert und nationalsozialistische Ideale geteilt zu haben.[79] Ein ähnliches Bild zeichnet eine Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 1985. Die Befragten, die 1945 mindestens 15 Jahre alt gewesen sein mussten, bekennen hier zu 58 Prozent, an den Nationalsozialismus geglaubt zu haben, 50 Prozent sahen ihre Ideale in ihm verkörpert, 41 Prozent bewunderten den Führer.[80]

Dabei zeigt sich auch, dass die Zustimmung zum NS-System mit dem Niveau des Bildungsabschlusses steigt – was dem gängigen Vorurteil zuwiderläuft, dass Bildung vor gegenmenschlichen Einstellungen schützt.[81] Mit steigender Bildung stieg auch die Zustimmung zu Hitlers Welt, und die Aspekte, die seiner Politik positiv zugeschrieben werden, sind auch in dieser Studie die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und Kriminalität sowie der Bau der Autobahnen. Ein Viertel der Befragten betonen noch ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des »Dritten Reiches« das Gemeinschaftsgefühl, das damals herrschte.[82]

Dieses freilich bezog sich auf die Mitglieder der Volksgemeinschaft, und deren Gemeinschaft wurde gerade dadurch gestiftet, dass nicht jeder zu ihr gehören konnte. Das verbreitete Gefühl, nicht bedroht zu sein und keinerlei Repression zu unterliegen, beruhte auf einem starken Gefühl der Zugehörigkeit, deren Spiegelbild die täglich demonstrierte Nicht-Zugehörigkeit von anderen Gruppen, insbesondere von Juden, war.

Eine Möglichkeit, solche changierenden Phänomene wie Systemvertrauen, Skepsis oder Stimmung retrospektiv zu messen, besteht darin, Verhalten zu ermitteln – also etwa zu rekonstruieren, bis wann die Volksgenossen ihr Sparvermögen staatlichen Banken anvertrauten und ab wann es ihnen doch sicherer erschien, es zu privaten Geldinstituten zu tragen, oder herauszufinden versuchen, ab wann trauernde Familienangehörige mehrheitlich damit aufhörten, in Anzeigen mitzuteilen, der Sohn sei »für Führer, Volk und Vaterland« gefallen, und stattdessen nur noch schlicht das Vaterland oder gar kein Moment der Sinngebung mehr erwähnten. So hat Götz Aly etwa mittels einer »Adolf-Kurve« erhoben, wie sich die Namensvorlieben von 1932 bis 1945 wandelten, wie die Zahl der Kirchenaustritte schwankte, wie sich das Sparverhalten änderte und in welchem Ausmaß der feine Unterschied in Todesanzeigen markiert wurde. Mit den Ergebnissen solcher Untersuchungen lässt sich plausibel argumentieren, dass die Stimmung der Volksgenossinnen und -genossen zwischen 1937 und 1939 den Gipfel erreicht hatte und erst ab 1941 rapide zu sinken begann.[83] Man kann zum Systemvertrauen auch zählen, dass bis November 1940 300 000 Volksgenossen Sparbriefe für den KdF-Wagen, später Volkswagen, erwarben.[84]

Die Gründe für diese Zustimmung zum und das Vertrauen in das System sind sozialpsychologisch nicht rätselhaft: Der wirtschaftliche Aufschwung in den Jahren ab 1934, das erste deutsche (und auch schon so genannte) »Wirtschaftswunder«, fand zwar nicht auf soliden volkswirtschaftlichen Fundamenten statt, sondern war weitgehend schulden- und raubfinanziert,[85] führte aber zu einer gefühlten Aufbruchs- und Siegerstimmung, die sich heute noch aus Zeitzeugeninterviews ablesen lässt. Dazu kamen die sozialen Innovationen, die tief in das Lebensgefühl reichten – 1938 nahm jeder dritte Arbeiter an einer Kraft-durch-Freude-Ferienreise teil, zu einer Zeit, als das Reisen, zumal ins Ausland, den Status eines Privilegs für Begüterte hatte. »Es ist lange übersehen worden«, so Hans Dieter Schäfer, »dass sich der soziale Aufstieg im Dritten Reich nicht nur symbolisch vollzog. Grunberger berichtete, dass die Gesamtaufstiegsmobilität während der sechs Friedensjahre des NS-Regimes doppelt so groß gewesen sei wie während der letzten sechs Jahre der Weimarer Republik; die staatlich-bürokratischen Organisationen und privatwirtschaftlichen Verbände hatten eine Million Menschen, die aus der Arbeiterschaft kamen, absorbiert.«[86] Die Massenarbeitslosigkeit wurde bis 1938 beseitigt, 1939 wurden 200 000 ausländische Arbeiter wegen akutem Arbeitskräftemangel angeworben.[87] Mit anderen Worten: Es ging den Zugehörigen fühlbar besser als vor dem Nationalsozialismus, und die faktische Umsetzung von sozialen Versprechungen wie der Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit führte gerade vor dem Hintergrund der wirtschaftlich negativen Erfahrung mit der Weimarer Republik zu einem tiefen Systemvertrauen.

Diese Form der materiellen und psychozialen Integration bei gleichzeitiger Desintegration der Nicht-Zugehörigen sorgt für einen fundamentalen gesellschaftlichen Wertewandel. 1933 hätten es die allermeisten Bürgerinnen und Bürger für völlig undenkbar gehalten, dass nur wenige Jahre später unter ihrer tätigen Teilhabe die Juden nicht nur ihrer Rechte und Besitztümer beraubt, sondern zur Tötung abtransportiert würden. Welcher Wertewandel bis dahin stattgefunden hatte, wird klar, wenn man sich im Rahmen eines Gedankenexperiments vorstellt, die Deportationen hätten schon im Februar 1933, unmittelbar nach der sogenannten Machtergreifung, begonnen. Da wäre die Abweichung von den Normalitätserwartungen der Mehrheitsbevölkerung zu groß gewesen, als dass sie hätten reibungslos vonstatten gehen können – ganz abgesehen davon, dass eben die Folge Ausgrenzung – Entrechtung – Beraubung – Deportation (– Vernichtung) zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gedacht wurde, ja, vielleicht nicht einmal denkbar war. Nur acht Jahre später war diese Form des Umgangs mit Anderen Bestandteil dessen geworden, was man erwarten konnte und was deshalb kaum noch jemand als außergewöhnlich empfand. Man sieht, dass die Verschiebung sogar ganz grundlegender sozialer Referenzlinien nicht einmal eines generationellen Wechsels oder jahrzehntelanger Entwicklung bedarf; es genügen ein paar Jahre. Dieselben Bürgerinnen und Bürger, die 1933 so skeptisch wie Sebastian Haffner auf die »Machtergreifung« der Nazis reagiert hatten, sehen ab 1941 die Deportationszüge vom Bahnhof Grunewald in Berlin abfahren, nicht wenige von ihnen haben inzwischen »arisierte« Kücheneinrichtungen, Wohnzimmergarnituren oder Kunstwerke gekauft, einige führen Geschäfte oder wohnen in Häusern, die den jüdischen Besitzern genommen worden sind. Und finden das völlig normal.

Das alles bedeutet aber zugleich, man muss sich von der Vorstellung freimachen, dass es bei Gesellschaftsverbrechen auf der einen Seite Täter gibt, die Verbrechen planen, vorbereiten und ausführen, und auf der anderen Seite Unbeteiligte oder Zuschauer, die in mehr oder weniger großem Umfang von diesen Taten »wissen«. Mit solchen Personenkategorien kann der Handlungszusammenhang, der schließlich in den Krieg, in das Massensterben und in die Vernichtung führte, nicht angemessen beschrieben werden. Es gibt nämlich in einem solchen Zusammenhang keine Zuschauer, es gibt auch keine Unbeteiligten. Es gibt nur Menschen, die gemeinsam, jeder auf seine Weise, der eine intensiver und engagierter, der andere skeptischer und gleichgültiger, eine gemeinsame soziale Wirklichkeit herstellen. Die bildet zugleich den Referenzrahmen des »Dritten Reiches«, also jenes mentale Orientierungssystem, mit dem die nichtjüdischen Deutschen jener Zeit deuten, was geschieht.

Den wesentlichen Anteil daran hat eine veränderte Praxis. Wie schon gesagt, gab es an keiner Stelle öffentliche Proteste gegen die antijüdische Politik und kein Aufbegehren gegen das, was den Juden konkret widerfuhr. Daraus ist keine durchgängige Zustimmung zu den antijüdischen Repressionen abzuleiten, aber es ist die Passivität, die repressive Toleranz, das Auslagern von Kritik in das private Gespräch unter seinesgleichen, was die politisch initiierte Repression in alltägliche gesellschaftliche Praxis übersetzt. In der praktizierten Ein- und Ausgrenzung nationalsozialisiert sich die Gesellschaft, und man überschätzt die Ideologie und unterschätzt die praktische Teilhabe der Zugehörigen, wenn man den mentalen Strukturwandel der NS-Gesellschaft einseitig auf das propagandistische, legislative und exekutive Wirken des Regimes zurückführt: Es ist der Handlungszusammenhang aus politischer Initiative und privater Aneignung und Umsetzung, der das nationalsozialistische Projekt innerhalb so erstaunlich kurzer Zeit so zustimmungsfähig macht. Man könnte das eine partizipative Diktatur nennen, zu der die Mitglieder der Volksgemeinschaft gern auch dann ihren Teil beitragen, wenn sie gar keine »Nazis« sind.

So wird ein Handlungszusammenhang sichtbar, in dem veränderte Normen nicht vertikal von oben nach unten durchgesetzt werden, sondern in dem auf praktische und sich kontinuierlich verschärfende Weise das Verhältnis zwischen den Menschen entsolidarisiert wird und sich eine neue soziale »Normalität« etabliert. In dieser Normalität mag es zwar ein Durchschnittsvolksgenosse noch 1941 für undenkbar halten, dass Juden umstandslos getötet werden, aber nichts Bemerkenswertes darin sehen, wenn Ortsschilder verkünden, dass der entsprechende Ort »judenfrei« sei, dass Parkbänke nicht von Juden benutzt werden dürfen, und auch nicht mehr darin, dass die jüdischen Bürger entrechtet und beraubt werden.

Diese Skizze zur Formierung der partizipativen Ausgrenzungsgesellschaft mag genügen, um die bis 1941 kontinuierlich wachsende Systemzufriedenheit und -zustimmung zu erklären. Andere Gründe für diese Zustimmungsbereitschaft liegen in den außenpolitischen »Erfolgen« und im Hitler’schen »Wirtschaftswunder«, was – wenn auch in jeder Hinsicht auf halsbrecherische Weise realisiert – den Volksgenossinnen und -genossen das Gefühl gab, in einer Gesellschaft zu leben, die ihnen viel zu geben hatte. In diesen Referenzrahmen des »Dritten Reiches« ordnen die Soldaten, die in den Krieg ziehen, ihre Wahrnehmungen, Deutungen und Schlussfolgerungen, vor diesem Hintergrund interpretieren sie den Zweck des Krieges, kategorisieren sie ihre Gegner, deuten sie Niederlagen und Erfolge. Dass dieser Referenzrahmen durch die konkrete Erfahrung des Krieges dann mehr und mehr modifiziert wird, deutet zwar an, dass mit der Dauer des Krieges und des ausbleibenden Erfolgs sukzessive auch die Zuversicht in Bezug auf die »Realisierung des Utopischen« (Hans Mommsen) schwindet, setzt aber die grundlegenden Vorstellungen über die Ungleichheit von Menschen, das Recht des Blutes, die Überlegenheit der arischen Rasse etc. nicht automatisch außer Kraft. Noch weniger wird durch den Kriegsverlauf der Referenzrahmen dritter Ordnung, hier der militärische, fragwürdig. Davon wird im folgenden Kapitel die Rede sein.

Der Referenzrahmen des Krieges

Gesellschaft

Die Umwandlung einer 100 000 Mann starken Reichswehr innerhalb von nur sechs Jahren in eine 2,6 Millionen Männer zählende Wehrmacht, die 1939 den Krieg gegen Polen begann, war nicht nur ein Akt der materiellen Aufrüstung. Sie wurde begleitet von der Verfestigung eines Referenzrahmens, in dem das Militärische in einer zeit- und nationaltypischen Signatur positiv konnotiert war. Staats- und Militärführung legten viel Wert darauf, genuin militärische Werte im Referenzrahmen der Deutschen zu verankern, um das Volk auch geistig kriegsbereit zu machen und eine geeinte, wehrwillige »Schicksalsgemeinschaft« zu formen. Sie zogen dabei an einem Strang, und es gelang ihnen, die deutsche Gesellschaft in erheblichem Maße zu militarisieren.[88] Die Wehrhaftmachung des deutschen Volkes wurde in den zahllosen Parteiorganisationen, allen voran HJ, SA und SS, im Reichsarbeitsdienst und mit der 1935 wieder eingeführten Wehrpflicht in einem bis dato unbekannten Ausmaß praktiziert. Zweifellos bejubelten die Deutschen den Krieg im September 1939 nicht wie 1914 – im Gegenteil. Wichtiger ist allerdings, dass sich im Verlauf des Krieges 17 Millionen Männer problemlos in die Wehrmacht integrierten und so erst die Fortführung des Kampfes bis 1945 möglich machten. Der Erfolg der wehrgeistigen Durchdringung der deutschen Gesellschaft lag somit nicht so sehr darin, dass alle Männer den Krieg befürworteten, sondern dass sich ein Rahmen ausgebildet hatte, der sie das Wertesystem des Militärs teilen oder doch zumindest nicht in Frage stellen ließ. Dies kann freilich nicht nur mit den massiven propagandistischen Bemühungen von NS- und Wehrmachtführung erklärt werden. Vielmehr hatte sich bereits in den Jahrzehnten zuvor eine Radikalisierung des Militärischen vollzogen, worauf die Nationalsozialisten aufbauen konnten.

Letztlich haben vor allem die erfolgreichen Einigungskriege 1864–1871 die genuin militärischen Werte tief in der deutschen Gesellschaft verankert, und sie wurden auch von Personen geteilt, die dem Staat kritisch gegenüberstanden.[89] Norbert Elias führt die Entstehung einer militärisch geprägten Empfindens- und Verhaltenstradition darauf zurück, dass die Siege von 1866 und 1871 unter der Führung traditioneller aristokratischer Eliten errungen worden waren, was zu einer Abkehr von den Idealen des bürgerlichen Moralkanons und zur Orientierung am Ehrenkanon der traditionellen Oberschichten führte – mit der Folge einer normativen Herabsetzung humanistischer Ideale und Gleichheitsvorstellungen. »Ehrenfragen rangierten hoch, Moralfragen niedrig. Probleme der Humanität, der Identifizierung von Mensch zu Mensch waren aus dem Gesichtskreis verschwunden, und im Großen und Ganzen wurden diese früheren Ideale als Schwäche sozial niedrigstehender Schichten negativ bewertet.«[90] Elias spricht von einem »Gestaltwandel« im deutschen Bürgertum, der sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzogen habe, in dem Fragen der Ehre, der Ungleichheit von Menschen, der Satisfaktionsfähigkeit, der Nation und des Volkes zunehmend größere Bedeutung zukam als den Idealen der Aufklärung und des Humanismus. Dieser sich etablierende Ehrenkanon umfasste eine strikte »Hierarchisierung der menschlichen Beziehungen« ebenso wie eine »klare Ordnung des Befehlens und Gehorchens«, während der bürgerlich-mittelständische Kanon »explizit den Anspruch auf Geltung für alle Menschen zu erheben scheint und so implizit das Postulat der Gleichheit aller Menschen bekundet«.[91]

Im neuen Rahmen einer streng hierarchisierten Gesellschaft entwickelte das aufstrebende Bürgertum bald einen radikaleren Militarismus, der – anders als jene auf die innenpolitische Vorherrschaft des Adels abzielenden Vorstellungen – ein möglichst großes Gewaltpotential nach außen entwickeln sollte, um deutsche Weltmachtansprüche durchzusetzen. Basierend auf Sozialdarwinismus, Rassismus und Nationalismus entwarf die bürgerliche Rechte – so wie in vielen anderen Ländern auch – die dezidiert antikonservative Vorstellung eines radikalen Volkskrieges über Sein oder Nichtsein.[92]

In den letzten Friedensjahren vor 1914 konnten sich diese Stimmen im gesellschaftlichen Diskurs nur teilweise durchsetzen, erst im Verlauf des Ersten Weltkrieges gelang ihnen der endgültige Durchbruch. Paradigmatisch steht dafür der Aufstieg Erich Ludendorffs[93] zur zentralen Figur der neuen industrialisierten Kriegführung der Massenheere. Die Ausbreitung von gesellschaftlichen Modellen der Gewalttätigkeit und der sozialen Ungleichheit wurde dadurch weiter befördert, ebenso wie Tapferkeit, Mut, Gehorsam, Pflichterfüllung eine noch höhere Wertigkeit erhielten. Das Ideal vom Heldentod, vom Soldaten, der seine Stellung bis zur letzten Patrone verteidigte, erlebte zumindest in Offizierskreisen eine neue Blüte.[94]

All dies war kein singulär deutsches Phänomen, sondern eingebettet in eine gesamteuropäische Entwicklung. Der Rückgriff auf den Mythos vom Kampf Leonidas’ an den Thermopylen und den in den Napoleonischen Kriegen entstandenen Topos vom Kampf bis zur letzten Patrone war auch in Großbritannien oder Frankreich wirkungsmächtig.[95]

In den Friedensjahren der Weimarer Republik propagierten weite Teile der Gesellschaft den nationalen Wehrgedanken und die Idee des wehrhaften Staates als Antwort auf den Versailler Vertrag und die Ohnmacht des Staates.[96] Die Schlussfolgerung aus der Niederlage von 1918 lag demnach auf der Hand: Volk und Staat mussten sich schon im Frieden auf den nächsten, diesmal nicht nur halbherzig geführten Totalen Krieg vorbereiten.[97] Und das bedeutete unter den Rahmenbedingungen der Weimarer Republik vor allem eine geistige Vorbereitung. Der männlichen Jugend sollten in der deutschen »Wehrmacht« – der Begriff tauchte bereits 1919 in der Reichsverfassung und im Wehrgesetz von 1921 auf – »Manneszucht und Mannestugenden« anerzogen werden. Damit lag man ganz in der Traditionslinie des von Ludendorff erdachten »vaterländischen Unterrichts« des Jahres 1917. Der Krieg sollte mental vorbereitet werden, indem Mut, Begeisterung und Aufopferungsfähigkeit gefördert wurden.[98] Die Literaten des »Soldatischen Nationalismus« wie Ernst Jünger, Edwin Dwinger oder Ernst von Salomon haben den metaphysisch-abstrakten Kriegskult hunderttausendfach in ihren Büchern unters Volks gebracht und wurden dabei unterstützt von einer Vielzahl von rechtsnationalen Organisationen wie dem »Stahlhelm«. Im Dezember 1918 gegründet, hatte er Mitte der 1920er Jahre 400 000 bis 500 000 Mitglieder, die allesamt ehemalige Frontkämpfer waren. Der Krieg und ein verklärender Frontkämpfermythos waren die zentralen Diskussionsthemen des Verbandes, ebenso wie der Kampf gegen jegliche »Weichheit« und »Feigheit«.[99]

Der Wehrgedanke stützte sich allerdings nicht nur auf die rechten Parteien – allen voran die Deutschnationale Volkspartei (DNVP). Er war hier nur besonders aggressiv und pointiert vertreten. Die positive Konnotation des Militärs und des Kampfes war in fast allen gesellschaftlichen Gruppen festzustellen, wenngleich auch mit je eigenen Akzenten. Während die Studentenschaft und der Protestantismus eine große Nähe zum Militarismus der rechten Parteien aufwiesen, war der Katholizismus hier deutlich zurückhaltender, wobei er dem wachsenden Militarismus in der Gesellschaft immer weniger entgegenzustellen vermochte. Der Linksliberalismus unterstützte einen defensiven Wehrgedanken im Sinne einer Vaterlandsverteidigung, während es innerhalb der SPD starke radikalpazifistische Strömungen gab. Aber auch in ihren Reihen gewannen am Ende der Weimarer Republik wehrhaft-nationale Gedanken an Raum. Dies gilt insbesondere für das »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold«, den Kampfbund gegen rechts, der zwar Angriffskriege ablehnte, aber durch sein militantes Auftreten und die Ideen zum Aufbau einer Volksmiliz als Armeereserve dem Wehrgedanken nicht abgeneigt war.[100] Ebenso sprach die KPD von der Verbreitung des Gedankens der proletarischen Wehrhaftmachung;[101] ihr halbmilitärisch organisierter Rotfrontkämpferbund verfügte sogar über Waffen.

Den Siegeszug erlebte der Wehrgedanke dann ab Ende der 1920er Jahre, als die Verkaufszahlen der Bücher des soldatischen Nationalismus rasant anstiegen[102] und nun Massenauflagen erreichten. Der spektakuläre Erfolg des Antikriegsromans »Im Westen nichts Neues« von Erich Maria Remarque blieb ein Einzelfall, der von keinem anderen militärkritischen Buch auch nur annähernd erreicht werden konnte. Im Gegenteil, Remarques Roman und seine Verfilmung riefen heftige Reaktionen hervor, die deutlich machten, in welchem Ausmaß sich weite Teile der Gesellschaft einer militaristisch-verklärenden Sicht des Ersten Weltkrieges angeschlossen hatten. Dies war im Übrigen auch an dem zunehmend heroisierenden Totenkult abzulesen. In der Denkmalgestaltung wich die Visualisierung der Trauer um die Gefallenen des Ersten Weltkriegs Ende der 1920er Jahre der Mystifizierung des wehrhaften Frontsoldaten.[103] Die erfolgreichen Schlachten des Ersten Weltkrieges, aber auch die Siege in den Befreiungs- und Einigungskriegen waren im öffentlichen Raum nunmehr omnipräsent. Stimmen, die sich gegen eine Verklärung der militärischen Vergangenheit stellten sowie Soldaten oder Armee aus pazifistischen Überlegungen heraus negativ sahen, vermochten sich gegen die gesellschaftliche Mehrheit nicht durchzusetzen.

Die Reichswehr profitierte von diesem Trend, denn die Forderungen aus ihren Reihen trafen nun auf ein breites gesellschaftliches Echo. Bereits 1924 hatte der Chef der Heeresabteilung im Truppenamt, Oberstleutnant Joachim von Stülpnagel, den Weg vorgegeben und die »moralische Vorbereitung von Volk und Heer auf den Krieg« gefordert. Weil die »Masse unseres Volkes« nicht vom »kategorischen Imperativ, für das Vaterland zu kämpfen und zu sterben«, durchdrungen sei, riet er unter anderem zur »nationalen und wehrhaften Erziehung unserer Jugend in Schule und Universität«, zur »Erzeugung von Haß gegen den äußeren Feind« sowie den staatlich geführten »Kampf gegen Internationale und Pazifismus, gegen alles Undeutsche«.[104] Nachdem der Kriegsminister Wilhelm Groener 1931 auch das Innenministerium übernahm, erhielt die Reichswehr auch Einfluss auf die Wehrhaftmachung der Jugend.[105]

1933 war der Boden für eine umfassende Durchdringung der deutschen Gesellschaft mit dem Wehrgedanken somit längst bereitet. So kann es nicht verwundern, dass die rasante Aufrüstung nicht auf Widerstand stieß, zumal bei den »Blumenkriegen« ab 1936 – dem Einmarsch ins Rheinland, dem »Anschluss« Österreichs und der Besetzung des Sudetenlandes – kein Schuss abgegeben wurde und sich die Wehrmacht publikumswirksam als Garant der Beseitigung der Folgen von Versailles inszenierte.

Wehrmacht

Am 25. Mai 1934 fixierten Reichspräsident Paul von Hindenburg und Kriegsminister Werner von Blomberg einen Pflichtenkatalog für die deutschen Soldaten. Demnach lagen die Wurzeln der Wehrmacht in einer ruhmreichen Vergangenheit, die Ehre des Soldaten im bedingungslosen Einsatz seiner Person für Volk und Vaterland bis zur Opferung seines Lebens. Die höchste Soldatentugend sei der kämpferische Mut. Der Katalog forderte Härte, Entschlossenheit und Gehorsam. Feigheit sei schimpflich, Zaudern unsoldatisch. Soldatisches Führertum beruhe auf Verantwortungsfreude, überlegtem Können und unermüdlicher Fürsorge, Führer und Truppe müssten eine unerschütterliche Kampfgemeinschaft von Kameraden bilden. Der Soldat solle dem Volk in freudig erfüllter Pflicht ein Vorbild an männlicher Kraft geben.[106]

Dieser Forderungskatalog zeigt, dass sich die Wehrmacht zwar in die deutsche militärische Tradition stellte, aber zugleich auch neue Akzente setzen wollte. Der »bedingungslose Einsatz«, die »Opferung des Lebens«, die Betonung der »Härte« zeigen, wie sehr nun der Kampf als zentrales Element des Soldatentums herausgestellt wurde. In Anknüpfung an den Frontkämpfermythos des Ersten Weltkrieges galt die Bewährung im Kampf als höchstes Gut des Soldaten, alles andere war dem untergeordnet.[107] Diese Fixierung war keine leere Worthülse, sondern im Sprachgebrauch des militärischen Schriftverkehrs omnipräsent. Der Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Walter von Brauchitsch, betonte im Dezember 1938, es gelte, den Offizier als Kämpfer heranzuziehen, als »überzeugten Tatmenschen mit großer Gläubigkeit, frische, stahlharte Persönlichkeiten, willensstark, widerstandsfähig«.[108] Göring forderte 1936 von angehenden Luftwaffenoffizieren »Gehorsam, Heldenmut, Opfersinn und Kameradschaft«.[109]

Im Zweiten Weltkrieg hat sich dieser Anforderungskatalog nicht wesentlich verändert. So charakterisiert der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Erich Raeder, im November 1941 den idealen deutschen Menschen als einen »Kämpfer im Geist und mit den Waffen, hart, genügsam, sorgfältig geschult, mit eigener Überzeugung und kraftvollem Willen, der für Deutschland arbeite und kämpfe bis zum letzten Hauch seiner Kraft«[110].

Freilich ist das von der obersten Führung bedruckte Papier noch kein Beleg dafür, dass die Soldaten deren militärisches Wertesystem in ihren Referenzrahmen übernahmen. Wichtige Hinweise, dass dem so war, liefern die Personalakten. Jeder Offizier musste von seinen Vorgesetzten regelmäßig ausführlich beurteilt werden, wobei die Persönlichkeit, die Bewährung vor dem Feind, die dienstlichen Leistungen und die geistigen sowie körperlichen Anlagen zu bewerten waren. Ein Blick in diese nur selten ausgewertete, schier uferlose Quelle macht deutlich, wie sehr sich zumindest im Referenzrahmen des Offizierskorps die von der höchsten Führung gewünschte Formung eingestellt hatte. Demnach stellte man sich eine Persönlichkeit von »hoher kriegerischer Qualität«[111] so vor: Energisch und »willensstark«[112] sollte man sein, »tapfer und hart gegen sich selbst«[113]; »körperlich gewandt, zäh und ausdauernd«[114]. Tapferkeit, Schwung, Härte, Tatkraft, Entschlussfähigkeit sollten vorhanden sein, um eine gute Leistung bescheinigt zu bekommen und sich für eine Beförderung zu empfehlen. »Schwungvolle Persönlichkeiten«[115] und eine »straffe soldatische Haltung«[116] wurden lobend hervorgehoben. Wichtig war auch, als »krisenfest« zu gelten.[117] »Kennt keine Schwierigkeiten«, hieß es etwa über den späteren Generalleutnant Erwin Menny. Auch General Heinrich Eberbach ist von seinen Vorgesetzten im Verlauf seiner Karriere stets außergewöhnlich positiv beurteilt worden. Er sei ein »schneidiger, überlegter, schwersten Lagen gerecht werdender Panzerführer«. »Einer unserer besten«, hieß es. Als besonders positive Charaktermerkmale wurden festgehalten: »Tapfer, treu, fest.«[118] Auch Generalmajor Johannes Bruhn ist mehrfach sehr positiv bewertet worden: »Eine charakterlich und soldatisch besonders wertvolle Führerpersönlichkeit, die auch in den schwersten Lagen nie den Glauben verliert. Persönlich hervorragend tapfer, sechsmal verwundet.«[119] Wir werden diese Personen in den folgenden Kapiteln wieder antreffen. In der Luftwaffe sahen die Beurteilungen genauso aus wie beim Heer. Rüdiger von Heyking bewertete man als »starke, frische Persönlichkeit, Kommandeurstyp. Hält die Zügel seiner Division vom ersten Tage an fest in der Hand«.[120]

Die Attribute eines negativen Soldatenbildes waren Weichheit, »Schwunglosigkeit«[121], fehlende »Spannkraft«[122], »mangelnde Willenshärte und Krisenfestigkeit«[123]. Über Generalmajor Albin Nake, Kommandeur der 158. Reservedivision, hieß es 1944: »Ein Kommandeur ostmärkischer Prägung, der nicht über die Härte u. Entschlußkraft verfügt, um die Div. in schwierigsten Lagen zu führen.«[124] Otto Elfeldt wurde kritisiert, weil er »seinen Kommandeuren ein zu grosses selbständiges Urteil« zubilligte[125] . Über Generalmajor Alexander von Pfuhlstein urteilte sein Vorgesetzter: »Pfuhlstein ist Pessimist. Wahrscheinlich bedingt durch seinen körperlichen Zustand. Er vermag nicht hart bis zur letzten Konsequenz zu sein. Es fehlt ihm das gläubige Vertrauen zur nat.soz. Idee. Aus diesem Grunde neigt er dazu, offensichtliches Versagen seiner Verbände zu entschuldigen.«[126] Diese Kritik führte zur sofortigen Ablösung Pfuhlsteins als Divisionskommandeur.

Und auch Oberst Helmuth Rohrbach wurde im November 1941 als Regimentskommandeur abgelöst, weil »ein angeborener Pessimismus ihm jeweils die Schwierigkeiten als so gross erscheinen [liess], dass ihm der nötige Schwung fehlte, sie tatkräftig zu überwinden«.[127] Gegen Oberst Walther Korfes, Kommandeur des Grenadierregiments 726, wurde sogar eine Untersuchung eingeleitet, ob er am 9. Juni 1944 ehrenvoll in britische Gefangenschaft geraten war, weil er stets als »Skeptiker und Kritiker aus Prinzip« eingeschätzt worden war.[128]

Die Beurteilungen in den Personalakten der Wehrmachtoffiziere legen indes den Schluss nahe, dass die ideologisch konnotierte Veränderung des militärischen Wertesystems durch den Nationalsozialismus in ihrer Wirkung begrenzt war. Interessanterweise taucht nämlich sowohl der Begriff des »Opfers« als auch jener des »Fanatismus« zumindest in den Heerespersonalakten – die von der Marine wurden größtenteils vernichtet – nicht auf. Nur bei der Beurteilung von SS-Offizieren konnte er bislang nachgewiesen werden. So heißt es über den SS-Obersturmbannführer Kurt Meyer am 29. April 1943, dass seine »ungeheuren Erfolge […] einzig und allein seinem fanatischen Kampfgeist und seiner umsichtigen Führung zu verdanken« seien.[129] Opfertum und Fanatismus sind zweifellos Indikatoren eines zunehmend ideologisch durchsetzten Wertesystems. Der von der NS-Propaganda vielbeschworene »politische Soldat« war eben nicht nur ein mutiger und tapferer, sondern vor allem ein fanatischer und opferbereiter Kämpfer. Bei jenen Offizieren, die überzeugte Nationalsozialisten waren, finden sich diese Schlagwörter denn auch wieder. Einer der Prominentesten ist Großadmiral Karl Dönitz. Als er am 30. Januar 1943 den Oberbefehl über die Kriegsmarine übernahm, stellte er klar, dass er mit »rücksichtsloser Entschlossenheit, fanatischster Hingabe, härtestem Siegeswillen«[130] zu führen gedenke. Und genau diese Hingabe forderte er in unzähligen Befehlen auch von seinen Soldaten. Damit stand er freilich nicht allein, der »Fanatismus« wurde in der zweiten Hälfte des Krieges zum allgegenwärtigen Topos im offiziellen Schriftverkehr der obersten Führung.

Und dennoch ist es frappierend, festzustellen, dass dem im Herbst 1942 eingeführten Beurteilungskriterium »Nationalsozialistische Haltung« in den Personalakten der Offiziere offenbar kein großer Wert beigemessen wurde. In Teilen des Heeres scheint es geradezu Common Sense gewesen zu sein, diese politische Kategorie nicht zum entscheidenden Bewertungskriterium zu machen. Dementsprechend fand die Einschätzung »Nationalsozialist« oder »steht auf dem Boden des Nationalsozialismus« geradezu inflationär Verwendung, weshalb sich der Leiter des Personalamtes, Generalleutnant Rudolf Schmundt, im Juni 1943 darüber beklagte, die Begriffe würden so schematisch gehandhabt, dass »eine Wertung daraufhin kaum noch erfolgen kann«.[131] Bei einem Blick in die Akten fällt auf, dass auch Offizieren, die nachweislich dem NS-System ablehnend gegenüberstanden, eine nationalsozialistische Haltung attestiert wurde.[132] Sichere Rückschlüsse auf die politische Haltung erlauben allenfalls stärkere Formulierungen wie »fest fundierter Nationalsozialist, der sein Soldatentum danach ausgerichtet hat« (Ludwig Heilmann) oder »durch und durch Soldat wie Nationalsozialist, vermittelt durch Beispiel und Wort nationalsozialistisches Gedankengut in hervorzuhebender Weise« (Gotthard Frantz).[133]

Die politische Haltung gewann in der Praxis nie jene Bedeutung, die Hitler sich für die Schaffung eines »neuen« nationalsozialistischen Soldaten gewünscht hatte. Gebetsmühlenartig wurde die NS-Ausrichtung der Truppe, die Verschmelzung von politischen und militärischen Werten immer wieder eingefordert, desto intensiver, je näher das Kriegsende rückte. Diese Vorstellung blieb beileibe nicht auf die politische Führung beschränkt. So schrieb im Mai 1943 Oberst Rudolf Hübner, Kommandeur des Grenadierregiments 529: »Idealziel ist der stolze bluts- und ehrbewußte, harte, entschlossene, in allen militärischen Disziplinen bestens ausgebildete Sturmsoldat, der in echter germanischer Treue zu seinem Führer und Obersten Befehlshaber aufsieht, der in der Welt Adolf Hitlers lebt und aus tief empfundenem, germanischem Opfersinn für das germanisch-deutsche Volk den Sinn seines Daseins und letzten Ansporn entnimmt.«[134]

In der NS-Propaganda ist das Bild des heldenhaften nationalsozialistischen Kämpfers naturgemäß stark herausgestellt worden. »So wächst der hier eingesetzte deutsche Soldat über sich selbst hinaus und kämpft so, wie es der Führer befahl: mit fanatischem Einsatz bis zum letzten Mann«,[135] schrieb etwa die Deutsche Allgemeine Zeitung am 16. Januar 1942. Und zehn Monate später hieß es: »Der Mann der Front ist nicht nur der Soldat, der sich durch seine männlichen Tugenden immer wieder hervortut, er ist mit Herz und Verstand der politische Kämpfer im neuen Europa.«[136] Und je länger der Krieg dauerte, desto mehr wurde das Politische beschworen: »Wie nie in einer deutschen soldatischen Generation zuvor ist im deutschen Soldaten von heute das Soldatische mit dem Politischen verschmolzen«.[137]

Der offizielle Wehrmachtbericht jedoch hatte demgegenüber einen anderen Duktus. Noch 1944 wurden die Leistungen der Soldaten mit Attributen wie in den Richtlinien von 1934 beschrieben. Es war die Rede von »besonderer Tapferkeit«, »Standhaftigkeit«, »vorbildlicher Härte«, »kühnem Draufgängertum«, »unerschütterlichem Kampfesmut«, »schneidigen Angriffen«, »schärfsten Nahkämpfen«, »zähem Aushalten oft in fast aussichtslosen Lagen«.[138] Und obwohl Hitler etwa in seinen Weisungen für die Kriegführung immer wieder vom »fanatischen Willen zu siegen«, vom »heiligen Haß« dem Feind gegenüber und vom »erbarmungslosen Kampf« sprach,[139] findet sich davon im Wehrmachtbericht nahezu nichts. Hier deutet sich eine Grenze der dezidiert nationalsozialistischen Überformung des militärischen Referenzrahmens an.

Die Ausrichtung auf klassische Tugenden des militärischen Kanons wurde auch in der Ordenskultur deutlich, in der einerseits an alte Traditionslinien angeknüpft und zugleich durch die Heraushebung besonderer Tapferkeit neue Wege beschritten wurden.

In Abgrenzung zum Kaiserreich sollten Offizier und Soldat während des »Dritten Reiches« zu einer Kampfgemeinschaft verschmelzen. Das wurde dadurch unterstrichen, dass alle Soldaten unabhängig von ihrem Rang dieselben Orden und Ehrenzeichen erwerben konnten. Im Ersten Weltkrieg war etwa der höchste preußische Orden, der »Pour le Mérite«, ausschließlich für Offiziere vorgesehen und wurde in der Praxis vor allem höheren Truppenführern verliehen. Unter den 533 ausgezeichneten Heeresoffizieren waren daher nur elf Kompaniechefs sowie zwei Zug- und Stoßtruppführer, darunter der junge Leutnant Ernst Jünger.[140] Mit der Stiftung des Eisernen Kreuzes stellte sich Hitler am 1. September 1939 bewusst in die Tradition des wichtigsten preußischen Tapferkeitsordens, der zum ersten Mal 1813 und dann wieder 1870 und 1914 gestiftet worden war. Die Eisernen Kreuze des Ersten Weltkrieges durften nach wie vor an der Dienstuniform getragen werden – das prominenteste Beispiel war Hitler selber, der sein EKI stolz trug –, und mit der Wiederholungsspange zum EK war für jedermann sichtbar, dass ihr Träger diesen Orden in beiden Weltkriegen verliehen bekommen hatte. Das Eiserne Kreuz war nun erstmals ein Orden des Reiches und nicht mehr nur Preußens. Es wurde in mehreren Stufen verliehen (2. Klasse, 1. Klasse, Ritterkreuz, Großkreuz[141] ), wobei man sich mit dem Ritterkreuz vom Vorgänger des Ersten Weltkrieges abhob und bewusst ein Äquivalent zum kaiserlichen »Pour le Mérite« schaffen wollte, dessen Tradition nicht wieder aufgenommen wurde. Ein Ritterkreuz war in der Ordenskunde an sich nichts Neues, allerdings hatte es ein Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes bislang noch nicht gegeben.

Das Ritterkreuz und drei der im Verlauf des Krieges eingeführten höheren Ordensstufen (Eichenlaub, Schwerter, Brillanten) sollten für hervorragende Verdienste in der Truppenführung, vor allem aber für besondere kampfentscheidende Tapferkeitstaten verliehen werden. Dabei wurde Wert gelegt auf »den eigenen, selbständigen Entschluss, hervorragende persönliche Tapferkeit und ausschlaggebende Erfolge für die Kampfführung im Großen«.[142] Ein Blick auf die Verleihungspraxis zeigt, dass die Betonung der Tapferkeit kein leeres Gerede war. Von den 4505 an Heeresangehörige verliehenen Ritterkreuzen gingen 210 an Mannschaften, 880 an Unteroffiziere, 1862 an Subalternoffiziere, 1553 an Stabsoffiziere inklusive Generäle.[143] Zug-, Kompanie- und Bataillonsführer machten, ganz anders als beim Pour le Mérite des Ersten Weltkrieges, somit die größte Gruppe der Ordensträger aus; die Zahl der Verleihungen an Mannschaften betrug immerhin fünf Prozent. 2124 Orden gingen alleine an Infanteristen der verschiedenen Dienstgrade, nur 82 an Offiziere, die in höheren Führungsfunktionen tätig waren. In dieses System passten auch die Stiftungsbestimmungen für die vierte und höchste Stufe des Ritterkreuzes, das Goldene Eichenlaub. Es sollte nur zwölf Mal an bewährte Einzelkämpfer verliehen werden. Tatsächlich erfolgte die einzige Verleihung an den Stukapiloten Hans-Ulrich Rudel.

So sehr das NS-Regime und auch Teile der Wehrmachtführung in ihrem offiziellen Schriftverkehr von Fanatismus und Opferwille sprachen, so wenig entsprach die Verleihungspraxis militärischer Orden diesem Ideal. Anders als etwa der höchste britische Tapferkeitsorden, das »Victoria Cross«[144] , wurde das Ritterkreuz nur in etwa sieben Prozent der Fälle posthum vergeben.[145] Die Ausgezeichneten waren mithin nicht diejenigen, die fanatisiert ihr Leben opferten oder sich selbstmörderisch vor einen feindlichen Panzer warfen. Ausgezeichnet wurden vielmehr Kämpfer oder Truppenführer, die klar definierte Erfolge vorzuweisen hatten. Es war somit eher ein besonderes Leistungsabzeichen als eine nationalsozialistisch konnotierte Aufforderung, sich um jeden Preis zu opfern. Dabei ist zu bedenken, dass sich Hitler nur in die Vergabe der höchsten Orden einmischte; in der Praxis waren der Divisionskommandeur bzw. bei der Luftwaffe der Geschwaderkommodore die entscheidenden Instanzen für die Ordensvergabe. Verleihungen, in denen dezidiert der politische Geist eines Soldaten gewürdigt werden sollte, blieben also die große Ausnahme.

Neben dem Eisernen Kreuz und seinen verschiedenen Stufen wurden von Hitler und der Führung der Teilstreitkräfte bald weitere Tapferkeitsauszeichnungen geschaffen – so das Deutsche Kreuz in Gold, das im September 1941 gestiftet wurde, um eine Auszeichnung zur Verfügung zu haben, die zwischen dem Ritterkreuz und dem EKI angesiedelt war. Zudem gab es die Möglichkeit, Soldaten, die außergewöhnliche Taten vollbracht hatten, namentlich im Wehrmachtbericht zu nennen. Daraus erwuchs dann der Gedanke, ein besonderes Ehrenblatt des Heeres, eine Ehrentafel der Kriegsmarine und ein Ehrenblatt der Luftwaffe zu schaffen, wo Soldaten mit hervorstechenden Tapferkeitstaten genannt wurden.

Das ausgefeilte System von Tapferkeitsauszeichnungen wurde ergänzt durch eine Vielzahl von Kampfabzeichen, die es in dieser Form nur in Deutschland gab. Die Marine hatte für ihre U-Boote, Schnellboote, Zerstörer, Großkampfschiffe, Hilfskreuzer, Blockadebrecher, Minensucher, Kleinkampfverbände und die Marineartillerie eigene Abzeichen, die jeweils in verschiedenen Stufen verliehen wurden. Gleiches galt für die Luftwaffe, die außerdem besondere Frontflugspangen schuf, um kenntlich zu machen, wie viele Feindflüge ein Crewmitglied durchgeführt hatte. Das Heer stiftete ein Infanterie-Sturmabzeichen, ein allgemeines Sturmabzeichen, ein Panzerkampfabzeichen, ein Flakabzeichen und ein Panzervernichtungsabzeichen für »Einzelkämpfer«. Am prestigeträchtigsten war zweifellos die im November 1942 gestiftete Nahkampfspange, die »als sichtbares Zeichen der Anerkennung des mit der blanken Waffe Mann gegen Mann kämpfenden Soldaten« verliehen wurde. Nach 50 nachgewiesenen Nahkampftagen, an denen man »das Weiße im Auge des Feindes« gesehen hatte, wurde die Goldene Nahkampfspange verliehen, die als höchste infanteristische Auszeichnung galt. Die Chance, so lange am Leben zu bleiben, bis man diese Spange erhielt, war freilich gering. Insgesamt sind denn auch nur 619 Verleihungen nachgewiesen.[146] Die ersten erfolgten im Spätsommer 1944 und wurden von der Propaganda besonders herausgestellt.

Zu all den Orden und Abzeichen kamen noch Ärmelbänder (»Afrika«, »Kreta«, »Metz 1944«, »Kurland«) sowie spezielle am Oberarm zu tragende Schilder hinzu (Narvik-, Cholm-, Demjansk-, Krim-, Kubanschild), die für die Teilnahme an besonders prestigeträchtigen Schlachten verliehen wurden. Die Stiftung eines »Stalingradschildes« war vorgesehen, ist jedoch aus naheliegenden Gründen aufgegeben worden.

Die Auszeichnungspolitik belohnte vor allem Frontsoldaten. Christoph Rass hat ermittelt, dass etwa bei der 253. Infanterie-Division 96,3 Prozent aller Eisernen Kreuze an Kampfeinheiten vergeben wurden.[147] Den Soldaten aus den rückwärtigen Diensten stand somit nur das weit weniger prestigeträchtige Kriegsverdienstkreuz in Aussicht. Das erzeugte ein erhebliches Statusgefälle, da Männer mit wenig Feindkontakt kaum die Möglichkeit hatten, eine Auszeichnung zu erhalten, während ihre Kameraden an vorderster Linie – so sie am Leben blieben – eine Vielzahl von Orden und Ehrenzeichen erwerben konnten.

Wenngleich etwa das EKII massenhaft verliehen wurde – es werden etwa 2,3 Millionen Auszeichnungen geschätzt –, bedeutet diese Zahl doch, dass mehr als 85 Prozent der Wehrmachtangehörigen diesen niedrigsten Tapferkeitsorden nicht erhielten. Ihre Uniform blieb schmucklos, während die militärische Biographie bewährter Frontkämpfer durch das differenzierte Auszeichnungssystem auf einen Blick für alle zu erkennen war. Sie genossen das höchste Prestige, was zu dem durchaus gewollten sozialen Druck führte, dass die eigentliche Bewährung ausschließlich an der Front erfolgen konnte. Dies führte vielfach dazu, dass sich Soldaten insbesondere auf Heimaturlaub unerlaubt Orden anlegten, um bei der Familie und Freunden Eindruck zu schinden oder nicht als Versager dazustehen,[148] aber auch praktisch spielten diese Auszeichnungen zweifellos eine wichtige Rolle, weil sie gerade die gefährlichsten Einsätze am meisten belohnten.

Oberleutnant d. R. Alfons Bialetzki, Ende 1944. Er trägt auf der linken Uniformhälfte das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse, das Fallschirmschützenabzeichen, das Verwundetenabzeichen in Gold, das Infanteriesturmabzeichen in Silber, die Goldene Nahkampfspange; auf der rechten Uniformhälfte das Deutsche Kreuz in Gold und als Halsorden das Ritterkreuz. Am rechten Oberarm trägt er zwei Panzervernichtungsabzeichen für Einzelkämpfer; ebenfalls nicht im Bild das Ärmelband Kreta. (Florian Berger: Ritterkreuzträger mit Nahkampfspange in Gold, Wien 2004)

Die Wehrmacht war sehr darum bemüht, das hohe Prestige ihrer Auszeichnungen durch eine strenge Vergabepraxis zu erhalten. So wurden Regeln eingeführt, die eine leistungsgerechte Vergabe sicherstellen sollten. Insbesondere bei den in großer Zahl vergebenen Eisernen Kreuzen 1. und 2. Klasse war ein Missbrauch kaum auszuschließen. Durch seine große Transparenz war das Ordenssystem aber weit mehr akzeptiert als im Ersten Weltkrieg. Eine Besonderheit der Wehrmacht war zudem, dass man versuchte, die Männer möglichst rasch nach der Tat auszuzeichnen. So verlieh Dönitz Ritterkreuze auch mal per Funkspruch, wenn ein U-Boot-Kommandant eine besondere Erfolgsmeldung abgegeben hatte. Beim Heer dauerte es meist etwas länger von der Meldung einer außergewöhnlichen Tat bis zur Verleihung. Als es das Infanterie-Regiment 186 am 6. September 1942 schaffte, in der hart umkämpften Stadt Noworossik bis zum Schwarzen Meer durchzustoßen, erhielten die beiden verantwortlichen Truppenoffiziere, Oberleutnant Eugen Selhorst und Oberleutnant Werner Ziegler, bereits wenige Wochen später hohe Auszeichnungen. Letzterer wurde sogar ins Führerhauptquartier ins ukrainische Winniza geflogen, um aus der Hand Hitlers das Eichenlaub entgegenzunehmen.[149] In der Propaganda sind Träger hoher Tapferkeitsauszeichnungen immer wieder besonders herausgestellt worden. Einige wenige von ihnen machte Goebbels gar zu regelrechten Medienstars im Dienste der nationalsozialistischen Heldenverehrung – man denke an Günther Prien oder Adolf Galland.[150]

Interessanterweise begnügte man sich in der Formgestaltung der Orden meist mit einem eher dezent eingearbeiteten Hakenkreuz. Lediglich das Deutsche Kreuz in Gold fiel hier aus dem Rahmen, weshalb konservativere Charaktere »von der aufdringlichen nationalsozialistischen Emblematik« des Ordens »wenig angetan waren«.[151]

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Symbolpolitik der Ordensverleihungen für soziale Anerkennung sorgte und damit auch militärische Werte tief im Referenzrahmen der Soldaten verankerte. Wie noch zu zeigen sein wird, waren die so geschaffenen normativen Leitbilder für die meisten Männer zumindest deutungs-, sehr oft aber auch handlungsrelevant. Die ideologische Überhöhung scheint jedoch eher auf Widerstand gestoßen zu sein. Damit deutet sich ein Befund an, den bereits Ralph Winkle für den Ersten Weltkrieg festgestellt hat. Der Stolz auf eine Auszeichnung war wohl nur bei einer Minderheit mit der Übernahme der damit einhergehenden, sehr weitreichenden Verhaltenserwartungen der politischen Führung verbunden.[152]

Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Kultur der kategorialen Ungleichheit und der am Härte- und Tapferkeitskanon orientierten militärischen Kultur der Wehrmacht lässt sich in etwa umreißen, wie der Referenzrahmen eines Wehrmachtsoldaten aussah, als er in den Krieg zog. Bemerkenswerterweise bleiben die zentralen Wertorientierungen über den Krieg hinweg stabil, während etwa die Bewertungen der Führung oder des nationalsozialistischen Systems sich im Kriegsverlauf deutlich verändern konnten. Und besonders der militärische Referenzrahmen besteht auch jenseits individueller Differenzen, seien sie politischer, »philosophischer« oder charakterlicher Art: In ihrer Hochbewertung der skizzierten militärischen Werte und Ideale unterschieden sich erklärte Nationalsozialisten nicht von dezidierten Anti-Nazis, weshalb sich beide im Krieg auch nicht unterschiedlich verhielten. Differenzen zeigen sich, darauf werden wir noch zu sprechen kommen, vor allem zwischen Kämpfern der Wehrmacht und der Waffen-SS.

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