»Kenne Deinen Feind«
Seitdem es Kriege gibt, versuchen die Kontrahenten ihre Gegner auszuspionieren, um sich entscheidende Vorteile im Kampf zu verschaffen. Ende des 19. Jahrhunderts vermehrte sich mit der zunehmenden Verflechtung der Welt und der technischen Revolution in Verkehr und Medien das verfügbare Wissen derart, dass sich die Aufklärungsarbeit erheblich professionalisierte. Die ersten modernen Geheimdienste entstanden zunächst in Großbritannien, dann zogen andere Großmächte nach. Während des Ersten Weltkrieges entwickelten sich komplexe Strukturen zur Sammlung und Auswertung von Informationen aus ganz unterschiedlichen Quellen: Die Entzifferung von Funksprüchen, die Luftaufklärung und das Verhör von Kriegsgefangenen sind hier in erster Linie zu nennen. Die klassische Spionage verlor demgegenüber rapide an Bedeutung.
Aufbauend auf diesen Erfahrungen bereitete das britische Kriegsministerium im März 1939 die Errichtung eines speziellen Verhörzentrums für Kriegsgefangene für den Fall eines neuen Krieges vor.[1011] Dabei sollten erstmals auch Zellen von Gefangenen verwanzt werden, um deren Gespräche systematisch abzuhören. Die Idee dazu war eigentlich nicht neu. Im Herbst 1918 hatte der Waffenstillstand die Inbetriebnahme eines mit versteckten Mikrophonen ausgestalteten Verhörzentrums für deutsche Gefangene verhindert. Mit der Gründung des Combined Services Detailed Interrogation Centre (CSDIC) am 26. September 1939 nahm man diesen Gedanken wieder auf. Nach einem kurzen Zwischenspiel im Tower of London zog es am 12. Dezember 1939 in den Herrensitz Trent Park im Norden von London. 1942 kamen Latimer House und Wilton Park hinzu. Im Juli 1942 zog das gesamte CSDIC (UK) nach Latimer; Wilton Park wurde für italienische POWs benutzt.[1012] Trent Park behielt man als Langzeitlager für deutsche Stabsoffiziere bei.[1013]
Das von den Briten entwickelte System des Verhörens und Abhörens von Kriegsgefangenen ist von den Amerikanern übernommen worden, und die Bündnispartner betrieben bald ein Netz von Secret Interrogation Centers[1014], das sich auf alle Kontinente erstreckte. Neben den Lagern im Mittelmeerraum waren vor allem jene in den USA bedeutsam. Bereits im Sommer 1941 hatte nämlich das Washingtoner War Department entschieden, eigene Vernehmungszentren aufzubauen. Im Laufe des Jahres 1942 nahmen zwei von US Navy und Army gemeinsam geführte Joint Interrogation Centres den Betrieb auf: das kalifornische Fort Tracy für japanische sowie Fort Hunt in Virginia für deutsche Gefangene.
Von den etwa eine Million deutschen Gefangenen, die Briten und Amerikaner bis zum Frühjahr 1945 in ihre Hand brachten, hat freilich nur ein kleiner Teil die Speziallager durchlaufen. Nach einem mehrstufigen Prozess von Befragungen an der Front und im Hinterland sind von den alliierten Intelligence-Offizieren nur besonders interessant erscheinende Gefangene zur näheren »Beobachtung« ausgewählt worden. Und dennoch ist ihre Zahl beeindruckend: Von September 1939 bis Oktober 1945 wurden 10 191 deutsche und 563 italienische Kriegsgefangene durch die drei Speziallager in England geschleust. Ihre Aufenthaltsdauer variierte stark und reichte von wenigen Tagen bis hin zu drei Jahren. Das CSDIC (UK) fertigte von den Gesprächen der deutschen Gefangenen 16 960 und von jenen der italienischen Gefangenen 1943 Abhörprotokolle an,[1015] die zusammen rund 48 000 Seiten umfassen. Aus den verschiedenen Standorten im Mittelmeer – Kairo, Algier und Neapel – sind 538 Protokolle von 1225 deutschen Soldaten überliefert.[1016] Aus dem amerikanischen Fort Hunt haben sich sehr umfangreiche Akten von 3298 Gefangenen der Wehrmacht und der Waffen-SS erhalten.
Das Abhörmaterial britischer Provenienz besteht aus Wortprotokollen in deutscher Sprache, die eine Länge von einer halben bis zu 22 Seiten aufweisen und in der Regel auch in der englischen Übersetzung vorliegen. Aus Geheimhaltungsgründen wurden die Namen der Belauschten bis 1944 nicht angegeben, sondern meist nur ihr Dienstgrad und ihre Dienststellung notiert. In vielen Fällen gelang es uns dennoch, die Klarnamen zu eruieren. Über die soziobiographischen Hintergründe der Männer gibt das britische Material leider keine Auskunft. Hier sind die amerikanischen Unterlagen wesentlich aussagekräftiger, da in Fort Hunt nicht nur die Gespräche der Gefangenen abgehört und bei Bedarf mitgeschnitten worden sind. Die Intelligence-Offiziere unterzogen die deutschen Soldaten auch umfangreichen Verhören und legten ihnen standardisierte Fragebögen vor, um mit den Methoden der noch jungen Umfrageforschung Moralanalysen der Wehrmacht durchzuführen. Zudem wurden in Personnel Record Sheets alle wichtigen persönlichen Daten erfasst, die dem Historiker heute wichtige Einblicke in die Biographien ermöglichen. Hinzu kommen diverse Zusatzunterlagen wie etwa von Gefangenen verfasste Lebensbeschreibungen oder Berichte über besondere Beobachtungen. Sämtliche Dokumente, die das Personal von Fort Hunt über einen Insassen anfertigte, wurden in einer Loseblattsammlung zu einer Gefangenenakte zusammengefasst, die den Vernehmungsoffizieren ständig als Handapparat zur Verfügung stand.[1017] In alphabetischer Reihenfolge nach den Namen der Gefangenen geordnet, wuchsen diese so genannten 201-Files schließlich auf einen Gesamtumfang von über 100 000 Seiten an.[1018] Der Kern dieser Materialsammlung – die Abhörprotokolle – umfasst rund 40 000 Seiten.
Der Umfang aller amerikanischen und britischen Lauschberichte ist sehr beeindruckend. Allerdings stellt sich in zweierlei Hinsicht die Frage, wie aussagefähig diese Unterlagen sind:
Wie repräsentativ war die hier zu Wort kommende Gruppe deutscher Soldaten?
Wussten die Soldaten möglicherweise, dass sie abgehört wurden? Wie unverfälscht waren also die in den Protokollen dokumentierten Dialoge?
Die soziale Zusammensetzung der Kriegsgefangenen in den britischen und den amerikanischen Lagern war interessanterweise unterschiedlich und zeigt, dass die Bündnispartner arbeitsteilig vorgingen. Die Briten haben vor allem höhere Offiziere sowie Luftwaffen- und Marineangehörige abgehört. In Fort Hunt waren hingegen rund die Hälfte der Insassen ganz gewöhnliche, rangniedrige Mannschaftssoldaten insbesondere des Heeres. Ein knappes Drittel waren Unteroffiziere und nur ein Sechstel Offiziere.[1019] Die Briten konzentrierten sich somit mehr auf die Elite der Wehrmacht, die Amerikaner auf die »ordinary men« aus Kampfeinheiten.
Einen repräsentativen Querschnitt der Wehrmacht und der Waffen-SS umfasst dieses Material freilich nicht. Um dies zu gewährleisten, hätten alle 17 Millionen Wehrmachtangehörigen dieselbe statistische Wahrscheinlichkeit aufweisen müssen, in eines der Verhörlager zu kommen. Dem war natürlich nicht so, weil etwa Soldaten, die ausschließlich an der Ostfront eingesetzt wurden, im Material nicht auftauchen. Ebenso sind Angehörige von Kampfeinheiten, insbesondere U-Boot-Fahrer und fliegendes Personal der Luftwaffe, stark überrepräsentiert.
Gleichwohl ist die Bandbreite der belauschten Soldaten umfassend. Es findet sich praktisch jeder denkbare militärische Lebenslauf wieder, vom Marinekampfschwimmer bis zum Verwaltungsgeneral. Die Männer kämpften im Verlauf des Krieges an allen Fronten, wiesen die unterschiedlichsten politischen Einstellungen auf und gehörten den unterschiedlichsten Einheiten an. Während die Feldpostbriefforschung oftmals nur auf die tendenziell gebildeteren Soldaten zurückgreifen kann – nur sie haben größere Briefsammlungen hinterlassen –, sind hier die Gespräche auch von solchen Frontsoldaten abgebildet, von denen keine anderen Zeugnisse vorliegen.
Natürlich stellt sich die Frage, ob es den Insassen der Abhörlager bewusst gewesen ist, dass man sie abhörte. Man könnte den Authentizitätswert der Quellen mit dem Hinweis in Frage stellen, sie müssen doch geahnt haben, dass Briten und Amerikaner ihr Wissen anzapfen wollten. Dementsprechend wäre es denkbar, dass sie in ihren Gesprächen gezielt Desinformation betrieben. In der Tat waren die alliierten Methoden der Informationsgewinnung in Deutschland keinesfalls unbekannt. Franz von Werra war vor seiner Verlegung nach Kanada im Oktober 1940 für kurze Zeit in Trent Park gewesen und berichtete nach seiner Flucht aus britischer Gefangenschaft ausführlich über die englischen Verhörmethoden.[1020] Am 11. Juni 1941 gab das Amt Ausland/Abwehr daher eine Richtlinie zum Verhalten von Wehrmachtangehörigen in englischer Kriegsgefangenschaft heraus, in der sowohl vor Spitzeln in deutscher Uniform als auch vor versteckten Mikrophonen gewarnt wurde. Nachdrücklich wies man darauf hin, dass es dem Feind auf diese Weise mehrfach gelungen sei, an wertvolle Informationen heranzukommen.[1021] Im November 1943 überbrachte zudem der im Zuge eines ersten Gefangenenaustausches nach Deutschland zurückgekehrte Korvettenkapitän Schilling Erfahrungen deutscher Soldaten bei den Verhören. Mehrere für die Briten arbeitende Spitzel wurden dem Oberkommando der Wehrmacht so namentlich bekannt; ebenso dass die deutschen Generäle in Trent Park »in ihren gegenseitigen Unterhaltungen zu offenherzig und leichtsinnig sind, ohne die notwendige Vorsicht […] zu beachten«. Nachdrücklich warnte man danach die eigenen Soldaten vor Spitzeln und Abhörmöglichkeiten im Falle der Gefangenschaft.[1022]
Die Lauschprotokolle belegen allerdings, dass die meisten deutschen Gefangenen diese Warnungen, so sie je an ihr Ohr gedrungen waren, sehr schnell wieder vergaßen und vollkommen sorglos mit ihren Kameraden über militärische Geheimnisse plauderten. So finden sich in den Gesprächen von Unteroffizieren und Mannschaften zwar immer wieder Verweise auf den NS-Propagandafilm »Kämpfer hinter Stacheldraht«[1023] und gegenseitige Ermahnungen, dem Feind ja keine Informationen preiszugeben. Doch im selben Atemzug berichtete man den Kameraden dann, was man dem Verhöroffizier nicht erzählt hatte[1024] – und diktierte die Geheimnisse dem Gegner gleichsam ins Mikrophon. Mit dem Abhören rechneten die deutschen Soldaten also meist nicht, was auch daran abzulesen ist, dass sie sich mit Gesprächen über Kriegsverbrechen selbst belasteten.[1025] Gewiss gab es auch schweigsame Soldaten, einige wenige haben auch an die Möglichkeit gedacht, dass in ihren Zellen Mikrophone versteckt sein könnten.[1026] Aber auch sie haben ihre Vorsicht nach kurzer Zeit verloren. Der Drang, sich mit Kameraden auszutauschen, war offenbar größer als jede Vorsicht.[1027]
Zudem ist zu bedenken, dass die alliierten Nachrichtendienste mit allerlei raffinierten Tricks das Wissen der Gefangenen anzapften. Zur Lenkung der Gespräche setzte man Exilanten und kooperationsbereite Gefangene als Spitzel ein.[1028] Weiterhin legte man Gefangene etwa gleichen Dienstranges, aber unterschiedlicher Einheiten zusammen. Die Methode bewährte sich: So erzählten sich U-Boot-Fahrer verschiedener Boote in aller Ausführlichkeit ihre Erlebnisse, Fliegeroffiziere verglichen ihre Einsatzerfahrung und die technischen Details ihre Flugzeuge. Zudem kamen die Soldaten oftmals nur wenige Tage nach ihrer Gefangennahme in die Lager. Sie standen dort also noch unter dem unmittelbaren Eindruck der oft dramatischen Umstände ihrer Gefangennahme. Aus diesen Erlebnissen resultierte ein besonders starkes Gesprächsbedürfnis. Schließlich waren die Männer oft nur knapp dem Tod entronnen. Das Verhalten der Offiziere unterschied sich in diesem Punkt im Übrigen nicht von dem der anderen Gefangenen.
Wie kooperationsbereit viele Gefangene waren, offenbart sich einmal mehr in den Verhörberichten des Lagers Fort Hunt. Etliche Männer gaben hier ihr ganzes Wissen preis, um sich Vorteile in der Gefangenschaft zu verschaffen oder – in seltenen Fällen – um mit dem Geheimnisverrat einen Akt des Widerstands gegen das NS-Regime begehen zu können.[1029] Manche diktierten den Vernehmungsoffizieren sogar exakte Abmessungen von Gerät in die Feder, entwarfen Skizzen über die Lage von militärischen Objekten in der Heimat oder zeichneten Baupläne von Waffen nach. Die meisten Gefangenen schreckten vor derart weitgehender Kooperation freilich zurück, beschränkten ihre Selbstzensur jedoch auf einen eng umgrenzten Themenkreis von militärtaktischen und technischen Fakten. Fragen zur Politik, zu den Lebensumständen in Deutschland oder der Moral der Wehrmacht beantworteten sie hingegen freimütig. Ebenso offen waren die Männer im Gespräch untereinander, wo zur großen Freude der alliierten Nachrichtendienste nur eigene Gefühle ein Tabuthema waren.
Briten und Amerikaner haben den enormen Aufwand freilich nicht getrieben, um spätere Historikergenerationen zu erfreuen. Was hat ihnen der Lauschangriff somit gebracht? Die Nachrichtendiensttätigkeiten waren während des Zweiten Weltkrieges hochkomplex und stützten sich niemals auf eine einzelne Quelle. Die Abschöpfung der Gefangenen gehörte zum Bereich der Human Intelligence und ihr kam innerhalb des Netzwerkes der Informationsgewinnung und -auswertung zweifellos eine Schlüsselrolle zu. Den Alliierten gelang es auf diese Weise mit zunehmender Kriegsdauer, in alle Bereiche der Wehrmacht umfassende Einblicke zu gewinnen. Dazu gehörten Zustand, Taktik und Moral der deutschen Armee sowie technische Spezifikationen ihrer Waffen. In der Luftschlacht um England offenbarte sich das Potential der Human Intelligence zum ersten Mal, und sie war fortan aus dem Prozess der Informationsgewinnung nicht mehr wegzudenken. Der spektakulärste Erfolg der Human Intelligence war vermutlich die Abwehr der V-Waffen, zu der ein abgehörtes Gespräch von General Wilhelm Ritter von Thoma mit General Ludwig Crüwell den entscheidenden Hinweis gab.[1030]
Der Aufwand hat sich zweifelsohne gelohnt, und die Alliierten wussten nur zu gut, dass sie ein sehr effizientes System der Human Intelligence aufgebaut hatten. Dies war im Übrigen auch der Grund dafür, die Akten nicht bei den Kriegsverbrecherprozessen zu verwenden. Die eigenen Methoden der Nachrichtengewinnung sollten auf gar keinen Fall bekannt werden.[1031]