WIE NATIONALSOZIALISTISCH WAR DER KRIEG DER WEHRMACHT?

»Wir sind der Krieg. Weil wir Soldaten sind.«

Willy Peter Reese, 1943

Die Ermordung von Kriegsgefangenen, Erschießungen von Zivilisten, Massaker, Zwangsarbeit, Raub, Vergewaltigungen, die Technisierung des Krieges und die Mobilisierung der Gesellschaft – alle diese Merkmale des Zweiten Weltkrieges waren an sich nicht neu. Neu war ihre Dimension und ihre Qualität, die alles bislang Dagewesene sprengte. Und neu war für die Moderne vor allem das Ausmaß der Entgrenzung der Gewalt bis hin zum industrialisierten Massenmord an den Juden. Hier geht es allerdings nicht um eine nachträgliche Bewertung des Charakters des Zweiten Weltkrieges. Es geht vielmehr um die Frage, was an den zeitgenössischen Perzeptionen und Handlungen der deutschen Soldaten spezifisch gewesen ist und welche Elemente man auch in anderen Kriegen des 20. Jahrhundert wiederfindet.

Da es diese beiden Aspekte des Zweiten Weltkriegs sind, die das Prisma bilden, durch das die Gegenwart auf ihre Geschichte blickt, stellt sich die Frage, was an diesem Krieg und vor allem an den Wahrnehmungen und Taten der Wehrmachtsoldaten, die ihn geführt haben, spezifisch nationalsozialistisch oder aber nur spezifisch für den Krieg gewesen ist.

Wer getötet wird

Am 12. Juli 2007 wird in Bagdad eine Gruppe von Zivilpersonen, darunter der Reuters-Fotograf Namir Noor-Eldeen, von zwei amerikanischen Hubschraubern beschossen. Die meisten Personen sind, wie ein von WikiLeaks veröffentlichtes Bordvideo zeigt, sofort tot; eine Person, offenbar schwer verletzt, versucht noch unter großen Mühen, aus der Gefahrenzone zu kriechen. Als ein Lieferwagen auftaucht und zwei Personen versuchen, den Verletzten zu bergen, eröffnen die amerikanischen Helikopterbesatzungen erneut das Feuer. Nicht nur die Helfer sterben; kurze Zeit später stellt sich heraus, dass sich im Lieferwagen zwei Kinder befinden, die durch den Beschuss schwer verletzt werden. Der Grund für diesen Angriff war, dass die Hubschrauberbesatzungen in der ersten Gruppe zunächst bei einer, dann bei mehreren Personen Gegenstände sahen, die sie als Waffen identifizierten. Als über diese Definition Einigkeit hergestellt war, eröffneten sie aus den Helikoptern das Feuer, danach ergab sich eins aus dem anderen.

Quelle: WikiLeaks.

Das Ganze spielte sich innerhalb weniger Minuten ab. Das Protokoll der Verständigung der Soldaten untereinander ist aufschlussreich:

00:27 Okay, wir haben ein Ziel Fünfzehn auf dem Weg zu dir. Es ist ein Mann mit einer Waffe.

00:32 Verstanden.

00:39 Dort ist ein …

00:42 Da sind vier oder fünf …

00:44 Bodenkontrolle verstanden. Eins-Sechs.

00:48 … diese Location und da sind noch andere, die dazukommen und einer von ihnen trägt eine Waffe

00:52 Verstanden, Ziel Fünfzehn erfasst.

00:55 Ok.

00:57 Siehst du die ganzen Menschen da unten rumstehen?

01:06 Bleib unverändert. Und öffne den Innenhof.

01:09 Ja, verstanden. Ich schätze, da sind ca. zwanzig von ihnen.

01:13 Da ist einer, ja.

01:15 Oh ja.

01:18 Ich weiß nicht, ob das eine …

01:19 Hey Bodentruppen Kontrolle, verstanden, Eins-Sechs.

01:21 Das ist eine Waffe.

01:22 Ja.

01:23 […]

01:32 Verdammter Scheißkerl.

01:33 Hotel Zwei-Sechs, hier ist Crazyhorse Eins-Acht [Kommunikation zwischen Helikopter 1 und 2]. Sehe Personen mit Waffen.

01:41 Ja. Der hat auch eine Waffe.

01:43 Hotel Zwei-Sechs; Crazy Horse Eins-Acht. Habe fünf oder sechs Individuen mit AK47s. Erbitte Erlaubnis zum Angriff.

01:51 ›Roger‹ dafür. Uh, wir haben keine Leute östlich von unserer Position. Dir steht frei, anzugreifen. Over.

02:00 Alles klar, wir greifen an.

02:02 Verstanden. Schieß los.

02:03 Ich werde … Ich kann sie jetzt nicht kriegen, weil sie hinter dem Gebäude sind.

02:09 Um, hey Bodentruppen Kontrolle …

02:10 Ist das eine RPG [Panzerabwehrrakete]?

02:11 Alles klar, wir haben einen Mann mit einer RPG.

02:13 Ich werde schießen.

02:14 Okay.

02:15 Nein, warte. Lasst uns herumfliegen. Hinter Gebäuden im Moment aus unserer Sicht … Okay, wir kommen rum.

02:19 Hotel Zwei-Sechs; habe Sichtkontakt zu einem Individuum mit RPG. Mache mich bereit zum Feuern. Wir werden nicht …

02:23 Ja, wir hatten einen Mann, der geschossen hat und jetzt ist er hinter dem Gebäude.

02:26 Gott verdammt.

Das Verhängnis der Menschen am Boden beginnt in dem Augenblick, als einer der Soldaten der Hubschrauberbesatzungen eine Person mit einer Waffe zu erkennen meint. Vom Zeitpunkt dieser Identifikation wird die Personengruppe am Boden, die die Besatzungen aus weiter Entfernung über Monitore beobachten, zu einem »Ziel«; die Absicht, dieses Ziel anzusteuern und zu vernichten, ist damit praktisch voreingestellt. Innerhalb weniger Sekunden werden von anderen Besatzungsmitgliedern weitere Waffen identifiziert; aus der einen waffentragenden Person werden innerhalb weniger Sekunden mehrere, aus den Waffen werden Schnellfeuergewehre vom Typ AK47, schließlich wird aus einer AK47 eine Panzerabwehrrakete. Als der eine Helikopter die Freigabe zum Angriff bekommt, verschwindet die Gruppe aus seiner Optik, weil sie sich hinter einem Gebäude befindet. In diesem Augenblick richtet sich die Wahrnehmung der Soldaten nur mehr darauf, die Personen wieder ins Visier zu bekommen. Nun werden von den vermeintlichen Aufständischen die Waffen nicht nur getragen – jetzt heißt es: »Wir hatten einen Mann, der geschossen hat, und jetzt ist er hinter dem Gebäude.« Gerade durch das Verschwinden der Gruppe aus dem Sichtfeld der Helikopterbesatzungen wird die Absicht, die Personen so schnell wie möglich »unschädlich« zu machen, unaufhaltbar; jede Frage, ob es sich tatsächlich um »Aufständische« handelt oder ob überhaupt Waffen im Spiel sind, hat sich gleichsam von selbst beantwortet. Die Soldaten haben die Situation definiert; ab dieser Definition entfaltet sich ein folgerichtiger Prozess. Gruppendenken und wechselseitige Bestätigungen über das Wahrgenommene wenden die faktische Situation ins Phantastische: Denn was die Soldaten sehen, sieht der Betrachter des Videos keineswegs. Aber der ist auch von jeder Entscheidung entlastet: Vor ihm entfaltet sich ein Geschehen, mit dem er nichts zu tun hat. Die Aufgabe der Hubschrauberbesatzungen wie der Bodentruppen jedoch besteht in der Bekämpfung von »Aufständischen«; jede Person, die sich unten auf der Straße befindet, wird unter dieser Voraussetzung wahrgenommen. Jeder Verdacht, den eine solche Person, aus welchen Gründen auch immer, auf sich zieht, hat die fatale Eigenschaft, sich durch weitere Indizien selbst zu bestätigen. Wenn eine Personengruppe, die bereits scheinbar eindeutig identifiziert ist, sich dann auch noch dem Sichtfeld entzieht, herrscht in der Wahrnehmung der Soldaten höchste Gefahr: Jetzt ist alles nur noch auf die Bekämpfung des »Zieles« eingestellt.

02:43 Du bist ›Clear‹ [Feuer frei].

02:44 Alles klar, schieße.

02:47 Sag Bescheid, wenn du sie erwischt hast.

02:49 Lasst uns schießen.

02:50 Fackel sie alle ab.

02:52 Komm schon, schieß!

02:57 Weiterschießen, weiterschießen.

02:59 Weiterschießen.

03:02 Weiterschießen.

03:05 Hotel. Bushmaster Zwei-Sechs, Bushmaster Zwei-Sechs, wir müssen uns bewegen, es ist Zeit.

03:10 Alles klar, wir haben gerade auf alle acht Individuen geschossen. […]

03:23 Alles klar, hahaha, ich hab sie erwischt …

Innerhalb kürzester Zeit sind acht Menschen tot, einer verletzt. Der Angriff selbst hat die Definition der Situation unbezweifelbar gemacht: Denn jetzt hat tatsächlich eine Kampfhandlung stattgefunden, während sie zuvor lediglich phantasiert wurde. Das Video, das bei seiner illegalen Veröffentlichung als spektakulär empfunden wurde, vor allem, weil hier amerikanische Soldaten ganz offensichtlich eine Gruppe wehrloser Zivilisten aus der Luft, ohne jede eigene Gefährdung, töten, ist bei genauerer Betrachtung völlig unspektakulär. Alles das, was hier zu sehen ist, findet im Referenzrahmen »Krieg« andauernd und mit einer gewissen Zwangsläufigkeit statt. Mit dem WikiLeaks-Video lässt sich anschaulich illustrieren, was damit gemeint ist, dass die Folgen real sind, wenn Menschen eine Situation als real definieren (vgl. S. 21). Die Soldaten haben eine Aufgabe; diese Aufgabe versuchen sie zu erfüllen. Um das zu tun, betrachten sie die Welt professionell: Jeder da unten ist ein Verdächtiger. Und zur professionellen Weltbetrachtung gehört, sich über die Wahrnehmungen auszutauschen – mit der Tendenz, dass sich die einmal gemachten Beobachtungen und Kommentare wechselseitig bestätigen. So werden aus einem Gewehr mehrere und schließlich Raketen, so werden aus Passanten Kämpfer. Man kann das »Gewaltdynamik«, »Gruppendenken« oder auch »Pfadabhängigkeit« nennen: tatsächlich kommen alle diese Elemente hier in einer fatalen Folgerichtigkeit zusammen und führen zum Tod von insgesamt elf Menschen innerhalb weniger Minuten. Aber damit ist der Prozess noch keineswegs beendet. Die Soldaten bilanzieren:

04:31 Oh ja, schau Dir diese toten Bastarde an.

04:36 Hübsch.

[…]

04:44 Hübsch.

04:47 Guter Schuss.

04:48 Danke.

Was von außen wie Zynismus erscheint (und in den Medien auch so kommentiert wurde), ist nichts als die professionelle Bestätigung, gute Arbeit geleistet zu haben. Und diese wechselseitige Bestätigung manifestiert einmal mehr, dass es sich in der Optik der Soldaten bei den Getöteten tatsächlich um Ziele gehandelt hat, die legitimerweise beschossen wurden. Die Getöteten der anderen Seite werden fast immer als Kämpfer, Partisanen, Terroristen oder Aufständische betrachtet: Man findet diese sich selbst bestätigende Definition in der in Vietnam unter amerikanischen Soldaten gängigen Regel: »Wenn er tot ist und Vietnamese, ist er ein Vietcong«[962] (vgl. S. 132), genauso wie in den Begründungen für die Ermordung von Frauen und Kindern als »Partisanen« durch Wehrmachtsoldaten. Immer ist es die aus der Definition folgende Gewalthandlung, die die Richtigkeit der Definition nachträglich bestätigt. Gewalt fungiert somit als Medium der Beweisführung, dass man eine Situation zutreffend beurteilt hat. Im Fall des WikiLeaks-Videos ist deutlich zu sehen, wie die Gewalt eine Situation, in der Orientierungsdefizite herrschen – die Männer also nicht genau wissen, was zu tun ist –, in eine eindeutige Situation transformiert: Wenn alle tot sind, ist Ordnung hergestellt. Ist der Prozess einmal angelaufen, wird jedes Detail nur noch im Licht der einmal vorgenommenen Definition gesehen. Der Lieferwagen mit den Männern, die den Schwerverletzten aus der Gefahrenzone bringen wollen, ist ein feindliches Fahrzeug, die Helfer sind folgerichtig weitere Terroristen.

Quelle: WikiLeaks.

Selbst der Umstand, dass sich Kinder im Auto befanden und diese von den amerikanischen Soldaten von Kugeln durchlöchert wurden, kann als nochmalige Bestätigung der einmal gemachten Definition genommen werden:

17:04 Wir müssen, wir müssen, äh, dieses Kind evakuieren. Ah, sie hat eine, äh, sie wurde am Bauch verwundet.

17:10 Ich kann hier gar nichts machen. Sie muss evakuiert werden. Over.

[…]

17:46 Gut, es ist ihre Schuld, dass sie ihre Kinder mit in den Kampf bringen.

17:48 Das stimmt.

Man sieht, wie stark die Definition ist: Dass die Kinder verletzt wurden, ist nicht einmal ein Kollateralschaden, auf keinen Fall die Schuld der Helikopterbesatzungen, schon gar kein Hinweis darauf, etwas falsch gemacht zu haben, sondern nur ein Beweis mehr, wie perfide die »Aufständischen« sind: Sie nehmen sogar Kinder mit in den Kampf.

Die Definition der Gegner

Wenn zwischendurch der davonkriechende Schwerverletzte von den Bordschützen der Hubschrauber imaginär aufgefordert wird: »Komm schon, Kumpel. Alles was du tun musst, ist eine Waffe aufheben«, findet sich derselbe Modus der Beweisführung: Verhalte dich so, wie wir definieren, wie ein Aufständischer sich verhält, dann töten wir dich. Diesen Modus der sich selbst erfüllenden Definition hatten wir in unserem Material schon in den Abschnitten zur Partisanenbekämpfung gesehen: Hier war es jeweils die Munition, die vorgeblich bei denen gefunden wurde, die dann umstandslos als »Terroristen« erschossen wurden (vgl. S. 131).

Das ist ein allgemeines Merkmal kriegerischer Gewalt: Das Verhalten derjenigen, die als »Gegner« definiert sind, bestätigt im Kampf die Richtigkeit der Definition, dass sie Gegner sind. Das hat nichts mit Vorurteilen, Stereotypen oder »Weltanschauungen« zu tun. Jenseits des Umstands, dass von den »Zielpersonen« vermeintlich Gefahr ausgeht, sind alle ihre Eigenschaften gleichgültig – jeder einschlägige Hinweis liefert einen hinreichenden Grund zum Töten. Im Vietnamkrieg wurden sogar Babys verdächtigt, Handgranaten zu verstecken; im Zweiten Weltkrieg galten im Zweifelsfall auch Kinder als Partisanen, im Irak als »Aufständische«.

Der Historiker Bernd Greiner schildert in seiner umfangreichen Studie zur Gewaltdynamik des Vietnamkriegs eine Reihe von Beispielen für die selbstevidente Identifikation von Gegnern. Die einfachste Definition ist, dass Menschen, die fliehen, Feinde und deshalb zu erschießen sind – schließlich machen sie sich durch ihre Flucht selbst verdächtig, Vietcong zu sein.[963] Etwas komplizierter ist das Finden von »Beweisen«, dass es sich bei überprüften Personen um Vietcong handelt – ganz ähnlich, wie wir es in unseren Abhörprotokollen finden, dient etwa Munition als Beleg dafür, es nicht mit Zivilpersonen, sondern mit Gegnern zu tun zu haben. Diese Beweise entbehren oft jeder Logik – so wurden in Vietnam zum Beispiel Dörfer niedergemacht, in denen man zuvor Munition sowjetischen Ursprungs deponiert hatte, um sie dem Vietcong zuzuordnen. Die 9. US-Infanteriedivision tötete insgesamt 10 899 Menschen, stellte aber lediglich 748 Waffen sicher, was rein rechnerisch den Schluss nahelegt, dass hier jeweils 14 Zivilisten ermordet wurden, um einen wirklichen Vietcong zu erwischen. Die Rechtfertigung lautete in diesem Fall: »Die Vietcong wurden erschossen, bevor sie ihre Waffen holen konnten.«[964]

Im Vietnamkrieg bestand für die amerikanischen Soldaten das schwierige Problem der Identifizierung der Gegner, da der Vietcong einen Guerillakrieg gegen die US-Armee führte. Nicht zu wissen, ob man es mit irregulären Kämpfern bzw. Kämpferinnen zu tun hatte oder mit harmlosen Zivilpersonen, stellte an die Soldaten hohe Anforderungen. Diese Orientierungslosigkeit im »Krieg ohne Fronten« (Greiner), dem asymmetrischen Krieg, verweist ganz allgemein auf das zwingende Bedürfnis, gerade unter Gewaltbedingungen Sicherheit darüber herzustellen, mit wem man es zu tun hat. Gerade dann, wenn die Mehrheit der eigenen Soldaten nicht im herkömmlichen Kampf, sondern durch nicht-reguläre Angriffe, durch Sprengfallen und Hinterhalte getötet wird, ist Orientierung eine Bedingung für das eigene Überleben. Hinzu kommt die Hilflosigkeit, wenn man in einen Hinterhalt geraten ist. Die beschreibt auch ein Hauptfeldwebel der Bundeswehr, der in Afghanistan eingesetzt ist: »Wenn man in einen Hinterhalt gerät, dann herrscht Hektik. Wir brauchen dann erstmal eine Findungsphase: Wer steht wo unter Beschuss? Das fühlt sich mies an, und das ist noch nett ausgedrückt. Der Feind ist einfach immer überlegen, weil er sich den Ort ausgesucht hat und sich auskennt. […] Ich war immer froh, wenn ich absitzen konnte. Da verliert man zwar den Schutz des Fahrzeugs, aber man ist ein kleineres Ziel. Und man kann wieder selbst handeln, schießen, sich verstecken.«[965] Erst in einer Situation, in der klar ist, wer Gegner ist und wer nicht, kann gezielt gehandelt, also Sicherheit hergestellt werden – und fatalerweise ist Gewalt exakt das Mittel, mit dem man diese Orientierungssicherheit am einfachsten, schnellsten und eindeutigsten gewinnen kann. Nach der Gewalt sind alle diesbezüglichen Unschärfen beseitigt.

Daher tritt extreme Gewalt gegen Unbeteiligte und Zivilisten im Fall der Wehrmacht vor allem auch im Partisanenkrieg auf. Hier herrscht, wie wir gesehen haben, ganz fraglos die Auffassung unter den abgehörten Soldaten vor, dass man Partisanen und jeden, den man dafür hält, töten, Dörfer niederbrennen und gezielten Terror ausüben dürfe. Die bedrohliche Figur des »Franc-tireurs«, des irregulären Kämpfers, spielte in der Vorstellungswelt des deutschen Militärs schon seit dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 eine prominente Rolle, und es war die gängige Doktrin in der Wehrmacht, eine aufkeimende Guerillatätigkeit mit Brachialgewalt im Keim zu ersticken.[966] Zu der faktischen Unsicherheit trat also noch ein Tradierungsmoment, das die »unabdingbare Härte« gegen Partisanen zu einer verinnerlichten Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit machte.

Es ist ein allgemeines Merkmal von Handeln unter Bedingungen des Krieges, dass die Definition des Gegners alle Handlungen legitimiert, die infolge dieser Definition vorgenommen werden. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Krieg der Wehrmacht in keiner Weise von anderen Kriegen, und in dieser Perspektive sind sogar zwischenstaatliche und asymmetrische Kriege identisch. Stets obliegt es der Definition der Kämpfenden, wer Gegner ist und wer nicht. Das allfällige Argument, man würde sich nur gegen ihn, sein Streben nach der Weltherrschaft oder seine Gewalttätigkeit verteidigen, liefert dazu eine Hintergrundkulisse, die bei Kriegsgerichtsverfahren oder in Interviews und Selbstzeugnissen in Anspruch genommen wird – weil dann die Handelnden begründen müssen, was sie warum getan haben. Wenn die Gewalt geschieht, bedarf es solcher Begründungen nicht. So formuliert es auch die Führerin eines beweglichen Arzttrupps im Rang eines Oberfeldwebels in Afghanistan: »Im Gefecht spürt man eine große Wut. Viel Zeit zum Denken bleibt einem da nicht, das kommt alles erst hinterher.«[967]

Aber der entscheidende Punkt ist, was am Beispiel der Helikopterbesatzungen im Irak zu sehen war: Ganz unabhängig von den historischen, kulturellen und politischen Umständen setzt die Definition der unmittelbaren Situation und der anwesenden Akteure die Rahmenbedingungen für alles, was weiter geschieht. Gruppendenken und die Dynamik und Wucht der sich entfaltenden Gewalt sorgen dann für einen fast immer tödlichen Ausgang.

Rache für das, was uns angetan wurde, wird und werden könnte

Die Analogie des Tötens nach Definition lässt sich übrigens noch weiter bis zu Genoziden ausdehnen. Auch die Tötung von Juden wurde, jedenfalls von den rassentheoretischen Vordenkern und Arrangeuren der Vernichtung, als Verteidigung definiert, wobei das Subjekt das Volk und nicht der einzelne Täter war. Und nicht zufällig werden zu tötende Juden gelegentlich auch als Partisanen, also als legitimerweise zu tötende irreguläre Gegner ermordet: »Wo der Jude ist, ist der Partisan.«[968]

Als Verteidigung definiertes Töten gibt es auch in anderen kulturellen und historischen Kontexten. Dem Völkermord der Hutu an den Tutsi im Ruanda der 1990er Jahre ist eine Wahrnehmungs- und Deutungsweise vorausgegangen, die Alison des Forges treffend als »accusation in a mirror« bezeichnet hat: Man unterstellte in einer Art putativer Völkermordphantasie der jeweils anderen Seite, dass sie auf die vollständige Vernichtung der eigenen Gruppe aus war. Allerdings war das Schema der gespiegelten Anschuldigung keineswegs nur ein sozialpsychologisches Phänomen, sondern explizit als propagandistische Methode empfohlen: Mit Hilfe dieser Technik, hieß es, »wird diejenige Seite, die Terror ausübt, ihren Feind des Terrors bezichtigen«.[969] Die logische Kehrseite der Verbreitung von Bedrohungsphantasien ist die Herstellung von Verteidigungsbereitschaft auf der Seite derjenigen, die sich bedroht sehen – weshalb jede Form des mörderischen Angriffs und der systematischen Vernichtung mutatis mutandis als notwendige Verteidigungshandlung wahrnehmbar wird.

Besonders greifbar wird das im Motiv der »Rache«, das in Kriegserzählungen ganz unabhängig vom kulturellen, historischen und räumlichen Kontext eine so prominente Rolle spielt, dass man hier von einem erzählerischen Topos sprechen muss: Die entsprechende Geschichte, vielfältig formatiert durch Romane, Filme und eben Kriegserzählungen, geht immer so, dass ein Soldat berichtet, wie ein enger Freund auf besonders grausame und hinterhältige Weise im Kampf zu Tode kommt. Ab diesem Augenblick, so endet die Geschichte regelmäßig, habe der Erzähler dann beschlossen, es den Gegnern heimzuzahlen. Gelegentlich wird diese narrative Figur noch mit einem Versprechen beglaubigt, das der Erzähler dem sterbenden Freund gegeben habe (vgl. S. 127) – in jedem Fall aber legitimiert das persönliche Verlusttrauma die nun berichtete Gnadenlosigkeit dem Feind gegenüber. So schreibt ein amerikanischer Soldat in Vietnam an seinen Vater: »Einer der Bordschützen sagte mir gerade, dass sie es zu [dem im Kampfeinsatz am Boden von Vietcong zerstörten Helikopter] Nummer 37 geschafft haben. Pilot und Kopilot hatten beide Kopfschüsse aus großkalibrigen Waffen. Zwei feine Typen. Dad, jetzt bin ich mehr als je zuvor entschlossen, alles Mögliche zu unternehmen, um diese miesen Bastarde von der Erdoberfläche verschwinden zu lassen. Ich habe hier noch eine lange Zeit vor mir, und der Himmel helfe jedem von ihnen, der mir über den Weg läuft, Mann, Frau oder Kind. Totale und vollständige Zerstörung ist der einzige Weg, mit diesen Tieren umzugehen. Ich dachte nie, so hassen zu können, wie ich das jetzt tue.«[970]

Der mit Vietnamveteranen arbeitende Psychiater Jonathan Shay berichtet, dass Rache für den Tod eines besonderen Freundes zahlreiche GIs dazu motivierte, ihre Dienstzeit in Vietnam zu verlängern.[971] Genau dies berichtet auch der Autor Philip Caputo von seinem Einsatz: »Ich hasste den Gegner nicht aufgrund seiner Politik, sondern der Ermordung Simpsons [eines Kameraden], der Exekution dieses Jungen, dessen Körper im Fluss gefunden wurde, des Auslöschens des Lebens von Walt Levy. Rache war einer der Gründe dafür, dass ich mich freiwillig für eine line company meldete. Ich wollte eine Gelegenheit, jemanden zu töten.«[972]

Rachegefühle solcher Art, die die Notwendigkeit grausamen und brutalen Vorgehens eigenen Verlusterfahrungen zuschreiben, können auch verallgemeinert werden. In Anwendung des biblischen Dogmas »Auge um Auge, Zahn um Zahn« wird dann das Verhalten des Gegners als eines betrachtet, das eine Antwort in gleicher Münze, zumindest in gleicher Währung, geradezu herausfordert. So berichtet etwa ein amerikanischer Soldat im Zweiten Weltkrieg in einem Brief über die Beschlagnahme von Wohnungen der Deutschen: »Es ist wirklich ein hartes Geschäft und diese Krauts bekommen jetzt jede Menge von ihrer eigenen Medizin«;[973] ein anderer wünscht den Japanern angesichts seines Besuches im zerstörten Nagasaki und seiner Überlegung, dass die Amerikaner den Japanern nun als Barbaren erscheinen mögen, »dass man sie ein Zehntel der Grausamkeiten erleiden lassen könnte, die sie unseren Männern, die sie gefangen hielten, angetan haben. Manche Leute sagen, diese Leute sind einfach, kennen die Fakten nicht oder stehen unter einem Bann, aber eine Nation kann nicht einen Krieg so führen, wie sie das getan haben, ohne von der Mehrheit ihres Volkes unterstützt zu werden.«[974] Rachsucht gegenüber dem feindlichen Volk zählte dementsprechend auch zu den Untersuchungsgegenständen der Autorengruppe um Samuel A. Stouffer in deren umfangreicher Studie über den »American Soldier« und dessen Einstellungen im Krieg.[975]

Nicht alle Soldaten können ihre Rachegefühle gegen diejenigen, die sie als Feinde begreifen, auch umsetzen. Gebremst werden sie etwa durch das Einschreiten anderer Soldaten oder sich spontan aufdrängende Gefühle der Empathie. Es können aber auch Kriterien der Effizienz der Aufgabenerfüllung sein, die das Ausleben von Rachegefühlen verhindert, wie der Brief eines deutschen Oberstabsarztes aus Afghanistan zeigt: »Spätestens nach dem zweiten Bunkeralarm entwickelt auch der größte Philanthrop blutige Rachegelüste. Die militärisch einfachste Lösung, die hier von den Soldaten auch favorisiert wird, ist der groß angelegte Artillerie-Gegenschlag. Technisch kein großes Problem: Abschussstelle orten, Kanone ausrichten und zurückschießen – dauert weniger als eine Minute. Die ersten feindlichen Raketenschützen hätten wohl auch Pech, aber die Taliban sind nicht blöd. Schon die Nächsten hätten ein langes Kabel und würden die Rakete neben einem Kindergarten starten.«[976] Auch solche Reflexionen und Selbstbeobachtungen zum Aufkommen von Rachegefühlen, zu denen sich ebenfalls leicht Vergleichbares aus anderen Kriegen finden lässt,[977] unterstreichen freilich die Bedeutung des Rachemotivs in der Kriegssituation von Soldaten.

Keine Gefangenen machen

Die Behandlung von Kriegsgefangenen nahm während des Zweiten Weltkrieges sehr unterschiedliche Formen an. Sie reichte von der buchstabengenauen Befolgung der Genfer Konvention bis hin zum Massenmord. Während nur ein bis drei Prozent der angloamerikanischen Gefangenen in deutschen Lagern starben, kamen etwa 50 Prozent der gefangenen Rotarmisten um,[978] was selbst die hohen Todesraten alliierter Gefangener in japanischem Gewahrsam weit übertraf. Die systematische Vernichtung durch Hunger, die ja auch in den Abhörprotokollen eine Rolle spielt, ist etwas, das aus dem gewöhnlichen Referenzrahmen des Krieges zweifellos herausfällt und nur im Rahmen des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs verstanden werden kann – was sich übrigens auch daran zeigt, dass die abgehörten Soldaten diesen Umgang mit den gefangenen Rotarmisten durchaus verwerflich fanden und Empathie für die Misshandelten entwickeln konnten.[979] Obgleich die meisten Landser mit dem eigentlichen Lageralltag kaum in Berührung kamen, haben sie doch die endlosen Gefangenenzüge von der Front ins Hinterland gesehen und hatten eine recht genaue Vorstellung davon, wie man die gegnerischen Soldaten behandelte. Allerdings waren die meisten dabei nur Zuschauer; ihre Möglichkeiten, an den Zuständen etwas zu ändern, blieben eng begrenzt.

Ganz anders stellte sich die Situation in der Gefechtszone dar. Hier war praktisch jeder normale Soldat ein Akteur, dem es meist selbst oblag zu entscheiden, ob er seinen Gegner tötete oder ihn gefangen nahm. In der Hitze des Gefechts musste stets aufs Neue ausgehandelt werden, wann der feindliche Soldat, den man eben noch töten wollte, zu einem Gefangenen wurde, dessen Leben zu schützen war. Diese Grauzone konnte mitunter Stunden oder gar Tage andauern, wenn Gefangene mit ihren Bewachern etwa erneut in Kampfhandlungen verwickelt wurden.

Je nach Situation wurden gegnerische Soldaten, die sich gerade ergaben, oft ganz umstandslos erschossen. Das nun ist alles andere als spezifisch für die deutsche Wehrmacht und den nationalsozialistischen Krieg: Die Ermordung von Kriegsgefangenen ist ein Phänomen, das bereits in der Antike weit verbreitet war und deren Größenordnung im 20. Jahrhundert exorbitant anwuchs. In zahlreichen anderen Kriegen gab es Anweisungen, offiziell und semi-offiziell, »keine Gefangenen zu machen«, und selbst wenn es eine solche Anweisung nicht gab, erschien es Soldaten im Kampf oft einfacher, gegnerische Kämpfer zu töten, als sie zu entwaffnen, zu versorgen, zu transportieren und zu bewachen. Die Berichte sprechen dann von »auf der Flucht erschossen« oder von »keine Gefangenen gemacht«. Bereits im Ersten Weltkrieg wurden Kriegsgefangene entweder aus Rache getötet oder aus Neid, weil man selbst weiterkämpfen und sein Leben riskieren musste, während die Kriegsgefangenen in Sicherheit wären. Auch die bereits erwähnten zusätzlichen Mühen und Gefahren, die die Mitnahme von Kriegsgefangenen mit sich brachten, sind hier schon als Motiv nachweisbar.[980] Alles das findet sich auch im Korea- und im Vietnamkrieg, und man kann davon ausgehen, dass das auch im Irak und in Afghanistan nicht anders war bzw. ist.

Die situativen Bedingungen im Krieg etablieren häufig andere Regeln als die in den Genfer Konventionen niedergelegten. Oft erscheint es den Soldaten nicht ratsam oder gänzlich überflüssig, sich mit gefangenen gegnerischen Soldaten zu belasten, also entledigen sie sich ihrer einfach. Im Zweiten Weltkrieg ist dieses Phänomen auf allen Kriegsschauplätzen vorgekommen – wenn auch in unterschiedlicher Quantität. Immer dort, wo besonders heftige Kämpfe tobten, stieg die Zahl der getöteten Gefangenen sprunghaft an. Eliteeinheiten neigten aufgrund des ihnen eigenen Härtekults zudem dazu, besonders häufig gegnerische Soldaten zu töten, die sich ergeben wollten. Die 82. US Airborne Division hat sich in der Normandie diesbezüglich nicht viel anders verhalten als die SS-Division »Götz von Berlichingen«.[981]

Das höchste Ausmaß der Gewalteruption gab es während des Zweiten Weltkrieges bei den Kämpfen in der Sowjetunion und im Pazifik. Aber extreme Gewalt gehörte eben auch zum Alltag des sogenannten europäischen »Normalkrieges«[982] in Frankreich oder in Italien – und zwar von beiden Seiten. »Auch in aussichtslosen Situationen«, berichtet Joseph Shomon, Kommandeur einer amerikanischen »graves registration unit«, »kämpften die Deutschen gewöhnlich bis zum Ende und lehnten dabei ab, sich zu ergeben. [Dann] wenn ihre Munition aufgebraucht war, waren sie bereit aufzugeben und um Gnade zu bitten, [doch weil] viele Amerikaner durch diese Verzögerung ihr Leben ließen, töteten unsere Truppen die Deutschen oft.«[983] Nach Linderman war die Erschießung deutscher Kriegsgefangener durch amerikanische Soldaten vor allem auf Rache für den Verlust eigener Kameraden zurückzuführen. Neben diesen situativen Umständen weist er aber auch auf besondere intentionale Faktoren hin, die zur Ermordung von Gefangenen führen konnten. Etwa wenn es Befehle gab, keine Gefangenen zu machen[984] oder die gefangen genommenen Landser den Charakteristiken von »Hollywood-Nazis« entsprachen, also »Heil Hitler« sagten oder SS-Formationen angehörten.[985] Ernest Hemingway brüstete sich noch vier Jahre nach dem Krieg damit, einen frechen Gefangenen der Waffen-SS erschossen zu haben.[986]

Kurz: Vieles von dem, was an Kriegsverbrechen in der nachträglichen Betrachtung grausam, regellos und barbarisch erscheint, gehört zum Referenzrahmen des Krieges. Deshalb stoßen entsprechende Bemerkungen in unseren Abhörprotokollen auch nicht auf mehr Aufmerksamkeit als in den Berichten und Kommentaren amerikanischer GIs aus Vietnam. Das Unspektakuläre, das Kriegsverbrechen dieser Art für einen Großteil der an ihnen beteiligten Soldaten haben, solange sie nicht vor Gericht verhandelt werden, ist darin begründet, dass es sich hier um instrumentelle Gewalt handelt. Dass diese im Krieg angewendet wird, vermag nicht zu verwundern.

Krieg als Arbeit

Arbeit ist in allen modernen Gesellschaften eine Schlüsselkategorie sozialen Handelns. Was Menschen tun, ist in ein Universum von Zwecken eingeordnet, die in den meisten Fällen nicht selbst gesetzt sind, sondern von anderer Seite: vom Vorgesetzten, dem Regelwerk der Institution, des Unternehmens, des Kommandos usw. Innerhalb arbeits- und verantwortungsteiliger Handlungszusammenhänge tragen Einzelne per definitionem nur partikulare Verantwortung, nämlich exakt über jenen Ausschnitt aus dem Gesamtprozess, zu dem sie etwas beitragen. Gerade darin liegt aber begründet, dass arbeitsteilige Arrangements Handlungsbereitschaften und Handlungen unterschiedlichster Art entbinden können: So werden aus Lufthansa-Piloten oder aus Reservepolizisten Menschen, die Zivilisten töten; so werden aus Luftfahrtgesellschaften, Ofenherstellern oder Lehrstühlen für Pathologie Organisationen zur Förderung von Massentötungen. Gesellschaftliche Funktionszusammenhänge und Institutionen sind Speicher von Potentialen,[987] und das gilt im Besonderen, wenn sich diese im Krieg befinden. Im Fall der Mobilmachung und besonders im Prozess des totalen Krieges werden Institutionen, Betriebe und Organisationen, die in Friedenszeiten völlig harmlos an ihren höchst unterschiedlichen Aufgaben arbeiten, deshalb »kriegswichtig«, weil sie ihre Potentiale leicht umsteuern können.

Historisch sind die Fälle, in denen aus Schwertern Pflugscharen werden, erheblich seltener als die, in denen aus Volkswagen Kübelwagen werden, aber das zeigt nur, dass es gerade die modernen, auf Arbeitsteilung, partikulare Verantwortung und instrumentelle Vernunft basierenden Handlungszusammenhänge sind, die jeden denkbaren Zweck bedienen und annehmen können. So drängt sich Ute Daniel und Jürgen Reulecke beim Blick auf eine Sammlung deutscher Kriegsbriefe von der Ostfront im Zweiten Weltkrieg die These Jens Eberts auf, es scheine, »als ob der Krieg, sofern er sich mit Werten aus der Arbeitswelt in Friedenszeiten artikulieren lässt (Fleiß, Ausdauer, Durchhalten, Pflicht, Gehorsam, Unterordnung etc.), durchaus angenommen werde. Es änderten sich an der Front und bei den Aktionen der Sonderkommandos nur die Inhalte der ›Arbeit‹, nicht aber die Einstellungen zur ›Arbeit‹ und zur Arbeitsorganisation. In dieser Hinsicht wurde der Soldat zum ›Kriegsarbeiter‹.«[988]

Ein solch arbeitsförmiges Verständnis von Aufgaben im Krieg zeigt auch ein Brief aus Vietnam, in dem ein Captain der Marines seiner Mutter die Entscheidung für eine Verlängerung seiner Dienstzeit begründet und ihr die reiz- und verantwortungsvolle Aufgabe der Leitung der Tötungsarbeit näher erläutert: »Hier gibt es einen Job, der zu tun ist. Beinahe täglich gibt es schwierige, gewissenhaft zu treffende Entscheidungen. Meine Erfahrung ist unschätzbar. Dieser Job verlangt einen gewissenhaften Menschen. Die Gruppe Männer, die diesen Job tun, braucht einen gewissenhaften Führer. In den letzten drei Wochen töteten wir mehr als 1500 Mann in einer einzigen Operation. Das zeigt die Verantwortung. Ich werde hier gebraucht, Mutter.«[989]

Genau deshalb bedarf es keines tiefgreifenden psychischen Umbaus, auch keiner Selbstüberwindung oder Sozialisation zum Töten, wenn Krieg ist: Dann hat sich lediglich der Zusammenhang verschoben, in dem man tut, was man ohnehin tut. Für die Soldaten, die per definitionem in diesem neuen Zusammenhang nur das tun sollen, wofür sie ausgebildet sind, verändert sich gar nichts – außer, dass es ernst wird. Der Übergang vom Training und vom Üben in den Anwendungsfall wird, wie schon anhand vieler Beispiele zu sehen war, nicht selten mit Überraschung, Angst, aber auch mit Begeisterung und Faszination erlebt; in keinem Fall aber ändert sich die Definition dessen, was man tun soll und wofür man da ist.

Dass Krieg auch und vor allem Arbeit ist und als solche gedeutet wird, kommt übrigens nicht nur im erwähnten Arbeitsstolz und in der Beschreibung dessen, was man geleistet hat, zum Ausdruck, sondern auch in der Anerkennung »guter« Kriegsarbeit aufseiten der jeweiligen Gegner: In unseren Abhörprotokollen kommt ja zum Beispiel zum Ausdruck, dass die Soldaten der Roten Armee ganz unabhängig vom Propagandabild des »bolschewistischen Untermenschen« in handwerklicher Anerkennung als gute Soldaten betrachtet werden; nicht anders ergeht es den deutschen Landsern aus Sicht ihrer Gegner.[990] Die wechselseitigen Wahrnehmungen werden allerdings auch durch kulturelle Stereotype formatiert. So sind die Rotarmisten für die Deutschen zwar überaus tapfere Kämpfer und Meister der Improvisation. Ihrer Brutalität und ihrer Todesverachtung stehen sie aber manchmal geradezu fassungslos gegenüber und greifen dann auf kulturelle Stereotype vom »Russen« zurück,[991] um dieses Verhalten zu erklären. Da japanische Soldaten äußerst brutal mit Kriegsgefangenen verfuhren, bildete sich bei den Amerikanern eine Wahrnehmung aus, in denen die »Japs« zunehmend als nicht-menschliche Gegner betrachtet wurden. Auch ihr sonstiges Verhalten schien den amerikanischen GIs völlig unverständlich: Dass sie zum Beispiel ihre eigenen Verwundeten oder freigelassene Kriegsgefangene töteten oder dass japanische Schiffbrüchige vor ihren amerikanischen Rettern davonschwammen, führte zu sich radikalisierenden Wahrnehmungen, die auf kulturell vorhandenen Stereotypen aufbauten und sich systematisch erweiterten, bis die Gegner schließlich nur noch als »Japes«, »japanische Affen« erschienen. Bemerkenswerterweise durchliefen die »Krauts«, also die deutschen Soldaten, diese Herabminderung zu Tieren in der Optik der amerikanischen Soldaten nicht.[992]

Die Gruppe

Die Universalität der Kriegswahrnehmung durch die Soldaten ist also kulturell gebrochen. Nicht alle Soldaten sind in den Augen aller Soldaten gleich: Die Differenzierungen, die auch das Leben in Friedenszeiten prägen, sind im Krieg nicht aufgehoben. Etwas anderes unterscheidet den Krieg vom Frieden, nicht aber den einen Krieg vom anderen, und das ist das Moment der Kameradschaft und die außerordentlich wichtige Rolle der Gruppe, ohne die das Verhalten des einzelnen Soldaten im Krieg schlicht unverständlich ist. Soldaten handeln nie allein; selbst wenn sie als Scharfschützen oder als Jagdflieger in actu auf sich alleingestellt sind, sind sie Teil einer Gruppe, die vor und nach dem Kampf zusammen ist. So kommt schon die erwähnte Studie um Samuel Stouffer,[993] die 1948 vorgelegt wurde, zu dem Schluss, dass die Rolle der Gruppe für das Verhalten der einzelnen Soldaten erheblich wichtiger ist als etwa ideologische Überzeugungen, politische Auffassungen oder persönliche Rachemotive.[994]

Dieser Befund galt nicht nur mit Blick auf die amerikanische Armee; auch und gerade für die Wehrmacht hoben Shils und Janowitz[995] hervor, dass ihre Kampfkraft im Wesentlichen nicht auf nationalsozialistische Überzeugungen, sondern auf die Befriedigung persönlicher Bedürfnisse im Rahmen der Gruppenbeziehungen zurückzuführen war. Mehr noch: dass dieser Aspekt durch die Organisationsstruktur der Wehrmacht mit ihren modernen Management- und Personalführungstechniken besonders gefördert wurde.[996] Die soziale Nahwelt des Soldaten ist entscheidend dafür, was er vom Krieg wahrnimmt, wie er ihn deutet und nach welchen Parametern er seine eigenen Handlungen ausrichtet und bewertet. Jeder Angehörige einer Gruppe betrachtet sich selbst so, wie er glaubt, von der Gruppe gesehen zu werden – und das liefert, wie Erving Goffman in seiner Studie zum »Stigma« herausgearbeitet hat, das stärkste Motiv, sich gruppenkonform zu verhalten.[997] Der Soldat ist im Krieg auf unabsehbare Zeit und unter den extremsten Bedingungen Teil einer Gruppe, die er zunächst weder verlassen noch nach eigenen Präferenzen zusammensetzen kann; im Unterschied zum Zivilleben kann er nicht entscheiden, mit wem er zusammen ist. Aber gerade die Alternativlosigkeit der Gruppe, zu der er gehört und die er mitbildet, macht sie, zumal unter den existentiellen Bedingungen des Kampfeinsatzes, zur entscheidenden normativen und praktischen Instanz. Wenn etwa in amerikanischen combat briefings in Vietnam häufiger gesagt wurde: »Ich weiß nicht, warum ich hier bin. Du weißt nicht, warum du hier bist. Aber da wir beide nun mal hier sind, können wir auch versuchen, einen guten Job zu machen und unser Bestes zu geben, um am Leben zu bleiben«,[998] dann unterstreicht dies, dass die Kameradschaftsgruppe für alles, was geschieht, gedacht und entschieden wird, von weit größerer Bedeutung ist als Weltanschauungen, Überzeugungen oder gar historische Missionen, die den äußeren Begründungszusammenhang eines Krieges bilden. Die Innenseite des Krieges, so wie er sich für die Soldaten darstellt, ist demgegenüber die Seite der Gruppe. So sieht es auch der Vietnamkämpfer Michael Bernhardt, der sich der Teilnahme am Massaker von My Lai verweigerte und daraufhin zum Außenseiter wurde: »Es zählt nur, was die Leute hier und jetzt über dich denken. Wichtig ist allein, was die Leute in deiner unmittelbaren Umgebung von dir halten. […] Diese Gruppe von Leuten […] war die ganze Welt. Was sie für richtig hielten, war richtig. Und was sie für falsch hielten, war falsch.«[999]

Und der deutsche Soldat Willy Peter Reese formulierte es so: »Wie die Winterkleidung zuletzt nichts als die Augen frei ließ, so ließ das Soldatentum auch nur den geringsten individuellen Zügen Raum. Wir waren uniformiert. Nicht nur ungewaschen, unrasiert, verlaust und krank, auch seelisch verkommen, nichts als eine Summe von Blut, Eingeweiden und Knochen. Unsere Kameradschaft entstand aus zwingender Abhängigkeit voneinander, dem Zusammenhausen auf engstem Raum. Unser Humor wurde aus Schadenfreude, Galgenhumor, Satyre, Zoten, Bissigkeit, Wutgelächter und einem Spiel mit Toten, verspritzten Gehirnen, Läusen, Eiter und Exkrementen geboren, dem seelischen Nichts. […] Wir hatten keinen Glauben, der uns trug, und alle Filosofie diente nur, das Los erträglicher anzuschauen. Dass wir Soldaten waren, genügte zur Rechtfertigung von Verbrechen und Verkommenheit und genügte als Basis einer Existenz in der Hölle. […] Es lag nichts an uns, es lag nichts an Hunger, Frost und Fleckfieber, Ruhr und Erfrierungen, Krüppeln und Toten, an zerstörten Dörfern, geplünderten Städten, Freiheit und Frieden. Es lag am wenigsten am einzelnen Menschen. Wir konnten unbesorgt sterben.«[1000]

Was bei Willy Peter Reese anklingt, der übrigens wenig später tatsächlich zu Tode gekommen ist, ist eine weitere Universalie des Krieges: die Gleichgültigkeit der Gründe.[1001]

Ideologie

Das große Thema der literarischen und filmischen Bearbeitungen des Krieges, von Erich Maria Remarque über Ernst Jünger bis hin zu Francis Ford Coppolas »Apocalypse Now« ist die Irrelevanz des Ideologischen und der »großen« Zwecke des Krieges. Und in der Tat: bis auf eine regelmäßig verschwindend kleine Gruppe von wirklichen »Weltanschauungskriegern« ist das zentrale Merkmal des Soldaten seine Abgeklärtheit und Gleichgültigkeit gegenüber den Ursachen seiner Lage. Das gilt nicht nur für den Verfallszustand, wie Willy Peter Reese ihn beschreibt; auch wenn die Kämpfe erfolgreich sind, steht der unmittelbare Sieg, das gerade erfolgte »Abschießen«, das eingenommene Dorf im Vordergrund der Wahrnehmung und nicht so etwas wie die abstrakte »Eroberung des Ostraums« oder die »Abwehr der bolschewistischen« oder, je nachdem, »gelben Gefahr«. So etwas bildet, wie gesagt, die Hintergrundkulisse des Krieges und der damit verbundenen Kampfhandlungen, aber nur selten das konkrete Motiv für die Deutungen und Handlungen der einzelnen Soldaten in den Situationen, in denen sie sich jeweils gerade befinden.[1002]

Das zieht sich durch das ganze 20. Jahrhundert. Die psychosoziale Signatur der Erfahrung des Ersten Weltkriegs war die Desillusionierung, dass unter den »Stahlgewittern« in den Schützengräben der Stellungskriege nichts übrigblieb von Heroischem und Ideologischem. Diese Grunderfahrung der Sinnlosigkeit des Krieges machten auch die amerikanischen Soldaten in Korea, Vietnam und im Irak und die deutschen in Afghanistan immer aufs Neue durch, nun aber noch gesteigert durch die immer weiter wachsende Abstraktheit der Gründe: Warum sollte man in einem fernen Land für die Freiheit derjenigen kämpfen, die einen verabscheuen? Warum Menschen und Landstriche verteidigen, mit denen man in keiner persönlichen Hinsicht irgendetwas zu tun hat?

Aus dem Vietnamkrieg erläuterte ein Sergeant diese Erfahrung einem Freund gegenüber so: »Gewiss, Amerikaner sterben, und ich würde keinen herabsetzen, der ›mit stolzer Hingabe‹ und Glauben dient. Es mag zu irgendeiner Zeit nicht einmal eine völlig verkehrte Idee gewesen sein. Doch die von außen aufgezwungene Offensive, die Korruption und dann die Verachtung, die sich zwischen den Leuten und Gruppen entwickelte – das alles spricht den ›edlen‹ Worten Hohn, die zur Rechtfertigung dieses Krieges gebraucht werden. Das straft den falschen Enthusiasmus Lügen, mit dem diese Worte mitunter hervorgebracht werden. Es ist nun ein Krieg des Überlebens …«[1003]

Und heute erzählt ein Hauptmann des Fallschirmjägerbataillons 373 in Kunduz: »Am Anfang wollten wir noch etwas erreichen, dem Gegner vielleicht ein Stück des Raumes wegnehmen. Doch nach dem Tod meiner Männer fragen wir uns manchmal, ob es das noch wert ist. Warum unser Leben riskieren, wenn die Taliban doch gleich wiederkommen, sobald wir weg sind? Wir kämpfen um unser Leben und um unseren Auftrag, wenn es den überhaupt noch gibt. Am Ende kämpfen wir hier in Kunduz vor allem ums eigene Überleben.«[1004]

Nicht selten zeigen solche Zeugnisse der Erfahrung des Krieges also starke Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen. So sagt auch der Begründer des eine enorme Zahl von Kriegsbriefen sammelnden Legacy-Projekts, Andrew Carroll,[1005] dass ihn bei der vergleichenden Sichtung russischer, italienischer und deutscher Kriegsbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg nicht deren Differenz, sondern die Ähnlichkeit mit den Briefen von US-Soldaten überrasche.

Die Erfahrung der Sinnlosigkeit machten die Wehrmachtsoldaten zu Anfang des Krieges nicht in dem Maße wie später. Den kurzen siegreichen Feldzügen folgten lange Ruhephasen, und nicht wenige versprachen sich auch persönlich etwas von dem Eroberungskrieg, den sie führten (vgl. S. 64).[1006] Mit schwindendem Erfolg und wachsender Belastung durch nicht enden wollende Kämpfe traten ab Herbst 1941 freilich die »weltanschaulichen« Gründe und Motive in den Hintergrund, und es überwog zunehmend das Gefühl des Ausgeliefertseins an ein heteronomes Geschehen, mit dem man persönlich wenig mehr zu tun hatte, als dass das eigene Leben von ihm abhing. Alle soziologischen Studien zum Zweiten Weltkrieg jedenfalls betonen die geringe Rolle, die Ideologie und abstrakte Überzeugung in der Praxis des Krieges spielen. Die Gruppe, die Technik, der Raum und die Zeit bilden die Parameter, an denen sich die Soldaten orientieren und die für sie wichtig sind. In dieser Dominanz der Nahwelt unterscheidet sich das, was Soldaten tun, nur in seiner existentiellen Dimension von dem, was Menschen in modernen Gesellschaften immer tun, wenn sie eine Aufgabe zu erfüllen versuchen, die ihnen gestellt worden ist. Auch wenn jemand für einen Energiekonzern, eine Versicherung oder ein Chemieunternehmen arbeitet, spielt »der Kapitalismus« bei der Lösung seiner Aufgaben keine Rolle, und wenn ein anderer als Polizist einen Verkehrssünder registriert oder als Gerichtsvollzieher einen Flachbildfernseher abholen lässt, hat er dabei nicht die Aufrechterhaltung »der freiheitlich demokratischen Grundordnung« im Sinn – er löst lediglich eine Aufgabe, die ihm gestellt ist, für die er da ist. Soldaten lösen ihre Aufgaben im Krieg mit Gewalt; das ist auch schon das Einzige, was ihr Tun systematisch von denen anderer Arbeiter, Angestellten und Beamten unterscheidet. Und sie produzieren andere Ergebnisse als zivile Arbeitende: Tote und Zerstörung.

Militärische Werte

So sehr die soziale Nahwelt, das moderne Arbeitsethos und die Technikfaszination in der Tat so etwas wie den Typus des »universal soldier« bilden, so sehr gibt es freilich auch ganz spezifische Sichtweisen auf Krieg und Gewalt. In der Ausformung des militärischen Referenzrahmens sind sowohl zeit- als auch nationenspezifische Prägungen zu erkennen. Das Zeittypische wird vor allem daran deutlich, dass Begriffe wie Ehre, Härte und Opfer etwa in der Bundeswehr des 21. Jahrhunderts einen ganz anderen Stellenwert haben als in der Wehrmacht.[1007] Aber auch im Ersten Weltkrieg hatten in den deutschen Armeen Werte wie Pflichterfüllung zumindest außerhalb des Bürgertums noch nicht jene alles überragende Bedeutung wie im Zweiten Weltkrieg.[1008] Wenngleich die Übergänge fließend waren, sind das Kaiserreich, die Weimarer Republik, das Dritte Reich und die Bundesrepublik Zeiten mit eigenen Wertesignaturen.

Noch größer sind die Unterschiede im internationalen Vergleich, wie ein Blick auf das nationalsozialistische Deutschland, das faschistische Italien und das kaiserliche Japan zeigt. Im Referenzrahmen der deutschen Soldaten spielten Tapferkeit, Gehorsam, Pflichterfüllung und Härte, wie gezeigt, eine zentrale Rolle. Sie waren für die Wahrnehmung und Deutung soldatischen Handelns von entscheidender Bedeutung.[1009] Dieser schon aus Friedenszeiten vertraute Referenzrahmen blieb über den gesamten Verlauf des Krieges erstaunlich stabil.

Ausgehend von diesem Wertekern gab es natürlich unterschiedliche Konstruktionen über den Sinn des Kampfes. Ein überzeugter Nationalsozialist sah diesen anders als ein ehemaliger Kommunist, ein 52 Jahre alter General möglicherweise anders als ein 22-jähriger Leutnant. In ihrem Grundverständnis über das Militär blieben sie sich aber gleich, und im Kampf spielte es kaum eine Rolle, wie die Werte konkret ausgeformt wurden, solange die Soldaten deren Kern als deutungs- und handlungsrelevant erachteten. Tapferkeit blieb Tapferkeit, gleichgültig ob man damit einen Beitrag zur nationalsozialistischen Neuordnung Europas oder zur Bewahrung der Ehre der Wehrmacht leisten wollte. So dürften sich Axel von dem Bussche und Otto-Ernst Remer, beides hochdekorierte Bataillonskommandeure, in ihrem soldatischen Ethos kaum unterschieden haben, obwohl der eine eine wichtige Figur des Widerstandes war und der andere sich als Kommandeur des Wachbataillons Berlin an dessen Niederschlagung beteiligte.

Die Konsequenzen aus dem positiv besetzten militärischen Wertekanon waren erheblich: Die Wehrmacht und der von ihr geführte Krieg wurden selbst dann nicht in Frage gestellt, wenn man davon ausging, dass der Kampf bereits verloren war, oder wenn man sich über Verbrechen empörte. Die Vorstellung, unter allen Umständen seine Pflicht als Soldat erfüllen zu müssen, war im Referenzrahmen derart fest verankert, dass sie nur durch unmittelbare Todesgefahr und die völlige militärische Niederlage fragwürdig wurde. Das normgerechte Handeln konnte nur dort an seine Grenzen stoßen, wo das System Wehrmacht zusammenbrach oder der eigene Tod keinen irgendwie zu greifenden Sinn mehr machte. Das Opfer sui generis war eben nicht Teil des klassischen militärischen Wertesystems – und die NS-Führung hatte kaum Erfolg damit, dieses im Verlauf des Krieges noch zu radikalisieren.

Soziobiographische Einflüsse auf die Deutungen des Krieges hat es gewiss gegeben. Sie fallen quantitativ aber kaum ins Gewicht und werden in der Praxis ebenso eingeebnet wie die gesellschaftlichen Milieus. Allenfalls in den harten Kernen der ehemals sozialistischen und katholischen Sozialmilieus fand der militärische Wertekanon weniger Anklang.[1010] Wirkungsmächtiger war die Prägekraft der militärischen Formationen. So bildeten Eliteeinheiten eigene Formungen des militärischen Referenzrahmens heraus, wobei dadurch weniger die Wahrnehmung des Krieges als die Konsequenzen des Handelns beeinflusst wurden. Für einen Elitesoldaten zählte die Tat. Er musste Tapferkeit und Härte im Gefecht unter Beweis stellen und nicht nur darüber reden. Auch die Teilstreitkräfte und Waffengattungen formten spezifische Identitäten heraus, die stark von den konkreten Geschehnissen und Erlebnissen geprägt wurden. Der Topos des Kampfes bis zum Letzten etwa konnte daher von einem Infanteristen, einem Jagdflieger oder einem U-Boot-Fahrer ganz unterschiedlich interpretiert werden.

Gewalt

Gewalt wird, wenn die kulturellen und sozialen Situationen es als sinnvoll erscheinen lassen, von buchstäblich allen Personengruppen angewandt: von Männern und Frauen, Gebildeten und Ungebildeten, Katholiken und Protestanten und Muslimen. Gewalt auszuüben ist eine konstruktive soziale Handlung – der Täter oder die Täterin erreichen damit Ziele und schaffen Sachverhalte: zwingen anderen ihren Willen auf, sortieren Zugehörige von Ausgeschlossenen, bilden Macht, eignen sich die Güter der Unterlegenen an. Destruktiv ist Gewalt zweifellos für die Opfer, aber nur für sie.

Das alles bedeutet nicht, um einem naheliegenden Missverständnis vorzubeugen, dass es eine unabänderliche Anthropologie der Gewalt gäbe, die, wie es oft und ungeprüft heißt, unter dem dünnen Firnis der Zivilisation auf Entfesselung wartet; es zeigt lediglich, dass menschliche Überlebensgemeinschaften bislang immer die Option Gewalt gewählt haben, wenn sie darin einen Sinn gesehen haben. Tatsächlich ist der Firnis der Zivilisation nämlich nicht dünn: Seit moderne Nationalstaaten das Prinzip der Gewaltmonopolisierung eingeführt haben, ist der innerstaatliche Gewaltgebrauch dramatisch gesunken und jede private Gewalthandlung sanktionierbar. Dieser zivilisatorische Fortschritt hat jenes ausgeprägte Maß an Freiheit ermöglicht, das die Bewohner demokratischer Gesellschaften genießen, aber er bedeutet nicht zugleich, dass die Gewalt abgeschafft wäre: Sie hat lediglich ein anderes Format angenommen, und das heißt erstens nicht, dass das Gewaltmonopol nicht gelegentlich privat oder kollektiv gebrochen würde, und es heißt auch nicht, dass demokratische Staaten per se gewaltabstinent wären. Es heißt lediglich, dass der Referenzrahmen der Gewalt in der Moderne ein anderer ist als in nicht-modernen Kulturen – es geht also nicht um Gewalt oder Nicht-Gewalt, sondern um Maß und Modus ihrer Regulierung.

Dafür, dass Menschen sich entscheiden, andere Menschen zu töten, ist es hinreichend, dass sie sich existentiell bedroht fühlen und/oder sich legitim dazu aufgefordert fühlen und/oder darin einen politischen, kulturellen oder religiösen Sinn sehen. Das betrifft nicht nur die Anwendung von Gewalt im Krieg, sondern auch in anderen sozialen Situationen. Deshalb ist die Gewalt, die Wehrmachtsoldaten ausüben, auch nicht »nationalsozialistischer« als die Gewalt, die etwa britische oder amerikanische Soldaten anwenden. Nur dort, wo sie sich auf die intentionale Vernichtung von Menschen richtet, die selbst beim bösesten Willen nicht als militärische Bedrohung zu definieren sind, wird sie spezifisch nationalsozialistisch – und das betrifft die Ermordung der sowjetischen Kriegsgefangenen und vor allem die Vernichtung der Juden. Dafür liefert der Krieg – wie übrigens für alle Genozide – den Rahmen, in dem zivilisatorische Schranken aufgehoben werden. Der Krieg lieferte auch eine Menge Wehrmachtsoldaten als amtshelfende Vollstrecker, aber die Judenvernichtung machte eben nicht den Krieg aus. Dennoch hat sie als bislang extremste Form menschlicher Gewalt die Sicht auf diesen Krieg angeleitet und überformt. Und dieses historisch einzigartige Verbrechen dominiert in der heutigen Wahrnehmung auch die exorbitante Gewalt, die sich in den mehr als 50 Millionen Toten dieses bis dato verheerendsten Krieges der Geschichte manifestiert. Die meisten Opfer hat jedoch nicht der Holocaust gefordert, sondern die Gewalt des Krieges. Und alle Kriege seither zeigen, dass es unangebracht ist, sich darüber zu empören und zu wundern, dass Menschen sterben, getötet und verkrüppelt werden, wenn Krieg ist. Wenn Krieg ist, ist das so.

Man sollte sich stattdessen besser fragen, ob und unter welchen sozialen Bedingungen Menschen vom Töten ablassen können. Dann könnte man aufhören, jedes Mal, wenn sich Staaten dazu entscheiden, Krieg zu führen, in ostentative Erschütterung darüber zu verfallen, dass es dabei Verbrechen und Gewalt gegen Unbeteiligte gibt. Die gibt es deswegen, weil der Referenzrahmen »Krieg« Handlungen gebietet und Gelegenheitsstrukturen entwickelt, in denen Gewalt nicht oder nicht vollständig eingehegt und begrenzt werden kann. Wie jede soziale Handlung, so hat auch Gewalt eine spezifische Dynamik, und was das ist, war in diesem Buch zu sehen.

Wird es einer historischen oder soziologischen Analyse der Gewalt jemals möglich sein, in Betrachtung ihres Gegenstands die moralische Gleichgültigkeit zu entwickeln, die ein Quantenphysiker gegenüber einem Elektron hat? Wird sie jemals fähig sein, das Töten als soziale Möglichkeit mit derselben Distanz zu beschreiben wie das Funktionieren von Wahlen oder Parlamenten? Als Kind der Moderne sind die Geschichts- und Sozialwissenschaften deren Grundannahmen über sich selbst verpflichtet, und deshalb tun sie sich so schwer mit allen Phänomenen, die diese Grundannahmen in Frage zu stellen drohen.

Wenn man aufhört, Gewalt als Abweichung zu definieren, lernt man mehr über unsere Gesellschaft und wie sie funktioniert, als wenn man ihre Illusionen über sich selbst weiter teilt. Wenn man also Gewalt in ihren unterschiedlichen Gestalten in das Inventar sozialer Handlungsmöglichkeiten menschlicher Überlebensgemeinschaften zurückordnet, sieht man, dass diese immer auch Vernichtungsgemeinschaften sind. Das Vertrauen der Moderne in ihre Gewaltferne ist illusionär. Menschen töten aus den verschiedensten Gründen. Soldaten töten, weil das ihre Aufgabe ist.

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