Ich kenne euch, ich kenne eure Namen
Sargtexte
Spruch 407
Jahr 10 der Herrschaft von König Tutanchamun,
dem Lebenden Abbild des Amun
Theben, Ägypten
Es klopfte drei Mal kurz. Ich horchte in die nachfolgende Stille, und dabei pochte mein Herz laut die Antwort. Im nächsten Moment vernahm ich zu meiner Erleichterung das so vertraute letzte kurze Klopfen des Signals. Langsam atmete ich aus. Vielleicht wurde ich allmählich zu alt. Draußen war es noch dunkel, aber ich war schon wach, denn der Schlaf hatte mich wieder einmal im Stich gelassen, wie er das in den düsteren Stunden vor Sonnenaufgang so häufig tat. Ich erhob mich von meiner Lagerstatt, kleidete mich rasch an und blickte dabei nieder auf Tanefert. Das Haupt meiner Frau ruhte elegant auf dem Kopfkissen, aber ihre wunderschönen, beunruhigt dreinblickenden Augen standen weit offen und beobachteten mich.
»Schlaf noch ein bisschen. Ich verspreche dir, rechtzeitig wieder zu Hause zu sein.«
Ich küsste sie sanft, und sie rollte sich zusammen wie eine Katze und sah mir nach.
Ich zog den Vorhang auf und warf einen Blick auf meine drei schlafenden Töchter – Sekhmet, Thuju und Nedjmet. Sie lagen in ihren Betten, in dem gelb gestrichenen Kinderzimmer, das sie sich teilten und das vollgestopft war mit Kleidungsstücken, altem Spielzeug, Papyrusrollen, Schiefertafeln, Zeichnungen aus ihrer Kindheit und anderen Gegenständen, deren Bedeutung mir nicht einleuchtete. Für so große Mädchen ist unser Haus jetzt zu klein. Einen Moment horchte ich auf die schweren und rasselnden Atemzüge meines Vaters, die aus seinem Zimmer im hinteren Teil des Hauses drangen. Das Geräusch setzte zwischendurch immer wieder aus, Stille machte sich breit, aber dann quälte sich ein weiterer Atemzug durch seinen alten Körper. Zu guter Letzt stellte ich mich wie immer, wenn ich das Haus verlasse, vor meinen kleinen Sohn. Amenmose schlief tief und friedlich, er hatte sämtliche Glieder von seinem Körperchen abgespreizt wie ein Hund, der vor einem Feuer liegt. Ich küsste seinen kleinen Kopf, der durch die Wärme ganz feucht war. Er rührte sich nicht.
Da Sperrstunde herrschte, steckte ich meine Nacht-Passierscheine ein, und dann schloss ich lautlos die Tür hinter mir. Thot, mein gescheiter Pavian, erhob sich von seinem Schlafplatz im Hof, lief mit seinem buschigen, nach oben gebogenen Schwanz auf mich zu und stellte sich auf die Hinterpfoten, um mich zu begrüßen. Ich ließ ihn an meiner Hand schnuppern und strich ihm mit der anderen durch seine dicke braune Mähne. Dann sprach ich ein kurzes Gebet zu dem kleinen Hausgott in der Nische, der weiß, dass ich nicht an ihn glaube, und öffnete das Hoftor und trat hinaus in die Dunkelheit der Gasse, wo mich mein Gehilfe Kheti erwartete.
»Und?«
»Man hat eine Leiche gefunden«, gab er ruhig zur Antwort.
»Und deshalb hast du mich geweckt? Konnte das nicht bis zum Morgen warten?«
Kheti weiß, wie schlecht meine Laune sein kann, wenn man mich allzu früh belästigt. »Schau sie dir an, dann beantwortet sich das«, meinte er.
Schweigend machten wir uns auf den Weg. Thot zog an seiner Leine, denn er fand es aufregend, in der Dunkelheit draußen zu sein, und war wild darauf, die Gegend zu erkunden. Es war eine wunderbar klare Nacht: Die heiße Erntezeit shemu war zu Ende, und mit dem heliakischen Aufgang des Sirius, des Hundssterns, war die Nilschwemme gekommen, um die Ufer des Großen Flusses zu überfluten und die Felder mit reichhaltigem, lebenspendendem Schlamm zu nähren. Und so war wieder einmal die Zeit des Festes gekommen. In den letzten Jahren hatte das Wasser häufig nicht hoch genug gestanden oder aber war zu hoch gestiegen und hatte verheerende Verwüstungen angerichtet. Doch in diesem Jahr war alles ideal verlaufen und hatte einem Volk Erleichterung und Freude beschert, das durch die dunklen Zeiten der Herrschaft Tutanchamuns, des Königs von Ober- und Unterägypten, kleinlaut und sogar deprimiert geworden war.
Das helle Antlitz des Mondes schenkte uns genug Licht für unseren Weg, als sei es unsere Lampe. Wir hatten fast Vollmond, und die Scheibe war umhüllt von einem prächtigen Sterngestöber: der Göttin Nut, von der die Priester behaupten, dass unsere toten Augen zu ihr emporblicken, wenn wir auf dem Rücken in den kleinen Booten des Todes liegen, die uns über den Ozean in die Unterwelt bringen. Genau darüber hatte ich mir den Kopf zerbrochen, als ich im Bett lag und nicht schlafen konnte, denn ich bin ein Mensch, der den dunklen Schatten des Todes in allem erblickt: in den strahlenden Gesichtern meiner Kinder, in den überfüllten Straßen der Stadt, in der Eitelkeit ihrer goldenen Paläste und Verwaltungsgebäude und eigentlich irgendwie immer, aus dem Augenwinkel heraus.
»Was meinst du, was wir nach unserem Tod sehen?«, fragte ich.
Kheti weiß, dass er mir nach dem Mund reden muss, wenn ich über Philosophie sinniere, wie er mir bei so vielen anderen Dingen auch nach dem Mund reden muss. Er ist jünger als ich, und irgendwie hat sich sein Gesicht trotz der grauenvollen Dinge, die er in seinem Leben, das ganz im Dienste der Medjai steht, bereits gesehen hat, seine Offenheit und Frische bewahrt. Auch sein Haar ist – ganz im Gegensatz zu meinem – immer noch schwarz wie die Nacht. Er ist nach wie vor fit wie ein reinrassiger Jagdhund und hat auch noch die gleiche Leidenschaft für die Jagd – ist also ganz anders als ich mit meiner pessimistischen und oftmals lebensüberdrüssigen Natur. Denn je älter ich werde, desto mehr kommt mir das Leben vor wie eine endlose Aneinanderreihung von Problemen, die gelöst werden müssen, und nicht wie Stunden, die man genießen kann. »Ach, was bin ich mal wieder heiterer Stimmung«, tadelte ich mich selbst.
»Ich glaube, dass wir grüne Felder sehen, auf denen all diese aufgeblasenen Aristokraten als Sklaven schuften und alle Sklaven aufgeblasene Aristokraten sind; und ich habe den lieben langen Tag nichts anderes zu tun, als im Schilf Enten zu jagen und Bier zu trinken, um meine glorreichen Jagderfolge zu feiern.«
Ich ging auf seinen Scherz nicht ein.
»Wenn wir etwas sehen sollen«, sagte ich stattdessen, »warum stecken die Einbalsamierer uns dann Zwiebeln in die Augenhöhlen? Zwiebeln! Die Tränen-Knollen …«
»Vielleicht ist es ja so, dass wir das Totenreich nur mit unserem geistigen Auge sehen …«, meinte er.
»Jetzt sprichst du wie ein weiser Mann«, erwiderte ich.
»Und trotzdem faulenzen all die, die in reiche Familie hineingeboren wurden, den ganzen Tag herum und genießen ihren Luxus und ihre Liebesaffären, während ich immer noch wie ein Hund schufte und nichts verdiene …«
»Nun ja, das ist ein noch wesentlich größeres Mysterium.«
Wir bahnten uns unseren Weg durch das Labyrinth aus alten, engen Gassen, die im Zickzack an baufälligen Häusern vorüberführten, die man ohne jeden Plan errichtet hatte. Am Tage lärmte es in diesem Viertel und herrschte überall Gedränge, aber in der Nacht war es aufgrund der Sperrstunde leer und still: Die teuren Geschäfte lagen geschützt hinter Fensterläden, ihre Luxusgüter waren gesichert wie die Grabbeigaben einer Gruft; die Wagen und Stände der Obstallee hatte man für die Nacht weggeräumt; und die Werkstätten für Holz-, Leder- und Glaswaren waren verlassen und lagen im Dunkeln; selbst die Vögel in den im Mondlicht hängenden Käfigen gaben keinen einzigen Laut von sich. Denn die Angst machte in diesen finsteren Zeiten einen jeden fügsam. Die katastrophale Regierung Echnatons, als man den Königshof und die Tempel von Theben in die neue Wüsten-Tempelstadt Achet-Aton umgesiedelt hatte, war vor zehn Jahren kollabiert. Die mächtigen Amun-Priester, die unter Echnaton vertrieben und enteignet worden waren, hatten ihre Befugnisse, ihren gewaltigen Landbesitz und ihre unermesslichen irdischen Reichtümer zurückbekommen. Stabilität hatte das aber nicht gebracht; denn die Ernten waren kläglich, die Pest tötete zigtausend Menschen, und die meisten glaubten, diese Katastrophen seien eine Bestrafung für die schweren Fehler, die während Echnatons Herrschaft begangen worden waren. Und dann, als solle damit der Beweis für diese Theorie angetreten werden, starb innerhalb der königlichen Familie einer nach dem anderen: Echnaton selbst, fünf seiner sechs Töchter und schließlich auch Nofretete, seine so außerordentlich schöne Königin, über deren Ende insgeheim sehr viel spekuliert wurde.
Tutanchamun erbte die Krone der Beiden Länder im Alter von neun Jahren; und er wurde sofort mit Anchesenamun verheiratet, der letzten noch lebenden Tochter von Echnaton und Nofretete. Das war eine zwar befremdliche, aber notwendige Verbindung, denn sie waren beide die Kinder Echnatons, hatten nur verschiedene Mütter. Und wen hätte man sonst krönen sollen, da sie die letzten Überlebenden ihrer großen Dynastie waren? Sie waren aber halt noch kleine Kinder; und es war Eje, der Regent, der »Gottesvater«, wie sein offizieller Titel lautete, der seither unerbittlich regierte und eine Angstherrschaft geschaffen hatte, indem er Beamte einsetzte, die nach meinem Empfinden nur einem gegenüber loyal waren: der Angst. Unwirkliche Männer. Für eine Welt, in der es so viel Sonne gab, lebten wir an einem düsteren Ort und in finsteren Zeiten.
Wir erreichten ein Haus, das sich nicht groß von den anderen in diesem Viertel unterschied: eine hohe, im Zerfall befindliche Mauer aus Lehmziegeln, die es von der engen Gasse abtrennte, ein Hauseingang mit einer alten, windschiefen Holztür, die halb offen stand, und dahinter das einfache Haus aus Lehmziegeln, bei dem man mehrere Etagen gefährlich aufeinandergestellt hatte – weil es einfach nicht genug Platz gibt in der übervölkerten Stadt Theben. Ich band Thot im Hof an einem Pfahl fest, und wir traten ins Haus.
Das Alter des Opfers war schwer zu schätzen. Sein mandelförmiges, beinahe schon elegantes, fein geschnittenes Gesicht war sowohl jung als auch alt, und sein Körper war der eines Kindes, zugleich aber auch der eines alten Weibes. Er konnte zwölf oder zwanzig Jahre zählen. Eigentlich hätten seine armen Knochen von den jahrelangen Fehlstellungen seines verkrüppelten Körpers verdreht und verbogen sein müssen. Ich sah aber im schwachen Licht der Öllampe, die in der Wandnische stand, dass sie an mehreren Stellen gebrochen und wie die Einzelteile eines Mosaiks neu zusammengesetzt worden waren. Vorsichtig hob ich seinen Arm. Er war leicht wie eine zerbrochene Rohrfeder; aufgrund der gebrochenen Knochen war er schartig und schlaff zugleich. Der Junge wirkte wie eine seltsame Puppe, die man aus feinem Leinen und zerbrochenen Stöckchen angefertigt hatte.
Man hatte ihn wie zur Bestattung aufgebahrt. Seine krummen Beine lagen lang ausgestreckt, seine dünnen, ungleich kräftigeren Arme waren angewinkelt, die krallenartigen Hände aufgebrochen wie die Klauen eines Falken und übereinandergelegt. Auf seinen Augen lagen goldene Blätter, und außen herum hatte man ihm in Schwarz und Grün das Auge des Re gemalt. Vorsichtig nahm ich die Blätter herunter. Man hatte beide Augen entfernt. Einen Moment lang starrte ich in das Mysterium der leeren Augenhöhlen, dann legte ich die Goldblätter wieder darüber. Sein Gesicht war das Einzige, das man nicht erfolgreich umgestaltet hatte, vielleicht deshalb nicht, weil es selbst mit Hammer, Zangen und all den anderen Instrumenten, die benutzt worden waren, um seinen verkrüppelten Körper neu auszurichten, nicht möglich gewesen war, das gewohnheitsmäßige schiefe Grinsen auszubügeln, das auf den Zügen lag – man bedenke, wie viele Muskeln vonnöten sind, um zu lächeln. Dieses Grinsen war, wie ein kleiner Sieg über so viel Gewalt, geblieben. Was es aber selbstverständlich nicht war. Seine blasse Haut, die davon zeugte, dass man ihm selten erlaubt hatte, in die Sonne zu gehen, war so kalt wie Fleisch. Seine Finger waren lang und schmal, die sorgsam manikürten Nägel unversehrt. Seine verkrümmten Hände schienen ihm im Leben nur wenig genützt und auch nicht gegen sein groteskes Schicksal angekämpft zu haben. Seltsamerweise war an seinen Handgelenken und Fußknöcheln nichts zu sehen, das darauf hingedeutet hätte, dass er gefesselt worden war.
Was man ihm angetan hatte, war grausam und brutal gewesen und hatte sowohl beträchtlicher körperlicher Kraft als auch anatomischer Kenntnisse und Fähigkeiten bedurft. Doch er musste nicht zwangsläufig an diesen Verletzungen gestorben sein. Man hatte mich mal zu einem Opfer der Bandenkriege gerufen, die in den Vorstädten der Armen toben. Den jungen Mann hatte man in eine Schilfmatte eingerollt, nur der Kopf hing heraus, damit er seine Bestrafung selbst besser mitverfolgen konnte, die darin bestand, dass man mit schweren Keulen auf ihn einschlug. Ich erinnere mich noch heute an den entsetzten Ausdruck auf seinem Gesicht, als man die Matte, aus der sein Blut troff, langsam aufrollte und sein Körper auseinanderfiel. Erst dann starb er.
Die meisten Mordopfer erzählen die Geschichte ihres gewaltsamen Endes über ihre Körperhaltung und die Male und Wunden, die ihnen zugefügt wurden. Manchmal redet auch noch der Ausdruck auf ihren Gesichtern mit der maskenhaften Leere des Todes: Panik, Schock, Entsetzen – das alles ist in den Zügen zu sehen, und Spuren davon bleiben noch eine ganze Weile erhalten, nachdem der kleine Vogel der Seele, ba, entfleucht ist. Dieser junge Mann hier wirkte jedoch ungewöhnlich ruhig. Wie war das möglich? Mir kam ein Gedanke: Vielleicht hatte der Mörder ihn mit irgendeiner Droge ruhiggestellt. Was bedeutete, dass er Kenntnisse über Medikamente und Zugang zu Arzneibüchern haben musste. Cannabisblätter vielleicht; oder dem Wein beigemengte Lotosblume? Doch hätte beides nur eine schwache einschläfernde Wirkung gehabt. Der Saft der Mandragorawurzel ist ein stärkeres Beruhigungsmittel.
Nur deutete dieses Ausmaß von Gewalt und die Komplexität, mit der sie verübt worden war, auf noch Stärkeres hin. Vielleicht der Saft des Schlafmohns, an den man herankommen konnte, wenn man wusste, wo man danach fragen musste. In Vasen, die aussahen wie auf dem Kopf stehende Mohnsamenhülsen, wurde der Stoff über streng geheime Routen ins Land importiert, und der größte Teil der Ernte stammte bekanntermaßen aus den Ländern unserer nördlichen Feinde, der Hethiter, mit denen wir uns einen langen Zermürbungskrieg um die Kontrolle über die strategisch lebensnotwendigen Länder zwischen unseren Reichen lieferten. Schlafmohn war ein verbotener, aber äußerst beliebter Luxusartikel.
Das Zimmer des Opfers, das sich im Erdgeschoss befand und von dem man direkt nach draußen in den Hof gelangte, war so unpersönlich wie der Lagerraum eines Geschäfts. Außer ein paar Papyrusrollen und einer Rassel gab es nur wenige Stücke, die an das kurze, private Leben des Jungen erinnerten. Man hatte einen einfachen Holzstuhl in den Schatten gestellt, von dem er durch den Türrahmen das Leben beobachten konnte, das draußen auf der Straße an ihm vorüberzog – und durch denselben Türrahmen hatte sein Mörder mit Leichtigkeit im Dunkel der Nacht hereinkommen können. Seine Krücken lehnten an der Wand neben dem Bett. Der Lehmfußboden war sauber gefegt, die Sandalen des Mörders hatten keine Spuren hinterlassen.
Dem Haus und seinem Standort nach zu urteilen, gehörten seine Eltern zur Klasse der niederen Verwaltungsangestellten, und wahrscheinlich hatten sie ihren Sohn vor den kritischen und abergläubischen Augen der Welt versteckt. Einige Leute glauben nämlich, dass derartige Gebrechen davon künden würden, dass die Götter einen Menschen verlassen und verschmäht haben, während andere meinen, sie seien ein Zeichen göttlicher Gnade. Kheti würde die Diener befragen und Aussagen der Familienmitglieder einholen. Ich wusste aber schon jetzt, dass dabei nichts herauskommen würde; dieser Mörder gestattete sich nämlich nicht den kleinsten Fehler. Er hatte zu viel Fantasie und zu viel Fingerspitzengefühl.
Schweigend saß ich auf der Liege und begutachtete fasziniert das seltsame Puzzle, das vor mir ausgelegt war, bestürzt über die bewusste Absonderlichkeit der Tat. Was der Mörder dem Jungen angetan hatte, musste eine andere Bedeutung haben: Es war wie eine Absicht oder ein Kommentar, den man auf den Körper geschrieben hatte. War die Grausamkeit des Verbrechens ein Ausdruck von Macht? Oder war sie ein Ausdruck der Verachtung für die Unvollkommenheit des Fleisches und des Blutes, die ein tiefes Bedürfnis nach größerer Vollkommenheit signalisierte? Oder, noch interessanter, hatte die eventuelle Ähnlichkeit des Jungen mit unserem König und dessen Gebrechen – ich musste mir dabei vor Augen halten, dass das alles nur Gerüchte waren – eine spezielle Bedeutung? Warum hatte man sein Gesicht so bemalt, als sei er Osiris, der Gott der Unterwelt? Warum hatte man seine Augen entfernt? Und warum erinnerte mich das Ganze an ein altes Ächtungsritual, bei dem unsere Vorfahren ihre Feinde verfluchten, indem sie zunächst Tontafeln zertrümmerten, auf denen deren Namen und Titel standen, und sie dann hinrichteten und enthauptet und bäuchlings verscharrten? Das Ganze hier hatte Raffinesse, Intelligenz und einen Sinn. Es war fast so deutlich wie eine Botschaft. Nur war sie in einer Sprache verfasst, die ich noch nicht entschlüsseln konnte.
Und dann sah ich etwas. An seinem Hals, versteckt unter seinem Gewand, befand sich ein Streifen außerordentlich feinen Leinens, auf das man mit herrlicher Tinte Hieroglyphen gemalt hatte. Ich hielt die Lampe hoch. Es war eine Schutzformel, speziell für Verstorbene und ihre nächtliche Reise im Sonnenschiff durch das Jenseits. Sie endete mit den Worten: »Dein Leib, oh Re, wird mit diesem Spruch ewig leben.«
Ich saß ganz still da und begutachtete dieses seltene Stück, bis Kheti am Eingang zur Kammer des Jungen diskret zu hüsteln begann. Ich würde es meinem alten Freund Nacht zeigen, einem Edelmann, in puncto Reichtum ebenso wie in puncto Charakter, und einem Experten für Weisheit, Zaubersprüche und viele, viele andere Dinge.
»Die Familie ist jetzt so weit, dass sie mit dir reden können«, sagte er.
Sie warteten in einem angrenzenden Raum, der von ein paar Kerzen erhellt wurde. Die Mutter schaukelte leise wehklagend in ihrer Trauer vor sich hin, ihr Mann saß verständnislos schweigend neben ihr. Ich trat zu ihnen und sprach ihnen mein nutzloses Beileid aus. Dann nickte ich dem Vater diskret zu, und er begleitete mich nach draußen auf den kleinen Hof. Wir setzten uns auf die Bank.
»Mein Name ist Rahotep. Ich bin der Leiter der Kriminalabteilung der thebanischen Medjai. Mein Gehilfe Kheti wird dich noch genauer befragen müssen. Ich fürchte, das ist erforderlich, selbst in einem Augenblick wie diesem. Sag mir jetzt aber bitte, ob ihr letzte Nacht irgendetwas Ungewöhnliches gehört oder bemerkt habt.«
Er schüttelte den Kopf.
»Nichts. Wir haben keinen Nachtwächter, denn hier in der Gegend kennt uns jeder, und wir haben keine Reichtümer im Haus. Wir sind ganz normale Leute. Wir schlafen oben, weil es dort kühler ist, aber unser Sohn hat hier unten, im Erdgeschoss, geschlafen. Das war sehr viel einfacher für ihn, wenn er irgendwo hinwollte. Und er beobachtete so gern, was auf der Straße vorging – das war das Einzige, was er je vom städtischen Leben gesehen hat. Wenn er uns in der Nacht brauchte, hat er gerufen.«
Er stockte, als lausche er in die Stille, in der Hoffnung, die Stimme seines toten Sohnes rufen zu hören. »Was für ein Mensch tut einem liebenswerten Jungen mit einer derart schlichten Seele so etwas an?«
Er starrte mich an und wartete verzweifelt auf eine Antwort. Ich stellte fest, das ich keine parat hatte, die in diesem Moment hätte helfen können.
Die heftige Trauer in seinen Augen verwandelte sich plötzlich in pure Rachsucht der Verzweiflung.
»Wenn Ihr in schnappt«, sagte er, »gebt ihn mir. Ich werde ihn töten, langsam und unbarmherzig. Dann wird ihm die wahre Bedeutung von Schmerz bewusst werden.«
Aber das konnte ich ihm nicht versprechen. Er drehte den Kopf zur Seite, und sein Körper begann zu zittern. Ich ließ ihn mit seiner Trauer allein.
Wir standen auf der Straße. Das Indigoblau des Horizonts im Osten verwandelte sich rasch in Türkisgrün. Kheti riss den Mund auf und gähnte.
»Du siehst aus wie eine Nekropolenkatze«, sagte ich.
»Ich bin hungrig wie eine Katze«, meinte er, nachdem er sich ausgegähnt hatte.
»Bevor wir an Frühstück denken, lass uns über diesen jungen Mann nachdenken.«
Er nickte. »Brutal …«
»Aber auf seltsame Weise zielgerichtet.«
Wieder nickte er und beobachtete dabei, wie sich die Dunkelheit zu seinen Füßen rasend schnell in Helligkeit verwandelte, als könne ihn das auf eine Spur bringen.
»Dieser Tage ist alles durcheinander und verquer. Aber wenn sie jetzt anfangen, hilflose, lahme Jungen zu verstümmeln und neu zusammenzusetzen …« Fassungslos schüttelte er den Kopf.
»Und das an diesem Tag, dem höchsten Tag des Festes …«, sagte ich leise.
Wir ließen diesen Gedanken beide einen Moment auf uns wirken.
»Nimm die Aussagen der Familie und der Diener zu Protokoll. Untersuche das Zimmer nach allem, was wir in der Dunkelheit vielleicht übersehen haben … und mach das, solange alles noch frisch ist. Finde heraus, ob einem der Nachbarn jemand aufgefallen ist, der dort herumgelungert hat. Der Mörder hat sich diesen Jungen mit Bedacht ausgesucht. Irgendjemand könnte ihn gesehen haben. Und anschließend mach dich auf den Weg zum Fest, und amüsier dich. Wir treffen uns dann später im Hauptquartier.«
Er nickte und ging zurück ins Haus.
Mit Thot an der Leine lief ich durch die Gasse und bog am Ende in die Straße ein. Gerade hatte Re den Horizont erklommen, war wiedergeboren aus dem großen Mysterium des Totenreiches der Nacht, hinein in einen neuen Tag, über dem er schlagartig seine enorme silberweiße Helligkeit verströmte. Als die ersten Strahlen mein Gesicht berührten, wurde es sofort heiß. Ich hatte versprochen, bei Sonnenaufgang wieder zu Hause bei den Kindern zu sein, und ich war schon jetzt spät dran.
Auf den Straßen herrschte plötzlich Gedränge. Die Menschen kamen aus den unterschiedlichen Vierteln, aus den hinter hohen Mauern und Wachtoren liegenden Villen der Reichen ebenso wie aus den Hinterhöfen und von Abfall übersäten Gassen der Armen. Die Maultiere der Stadt schleppten heute ausnahmsweise mal keine Lehmziegel oder Bruchsteine, Obst oder Gemüse durch die Straßen, und die eingewanderten Hilfsarbeiter, die im Normalfall um diese Zeit zu ihrer harten Arbeit eilten, genossen einen Ruhetag. Hohe Beamte der Elite in plissierten weißen Leinengewändern klammerten sich an die Geländer ihrer kleinen Streitwagen, die ratternd und holpernd von Pferden über die Straßen gezogen wurden, einige in Begleitung mitlaufender Leibwachen. Männer aus den unteren Führungsschichten waren zu Fuß mit ihren Dienern und Sonnenschirmen unterwegs, ebenso reiche Kinder mit ihren Gouvernanten; teuer zurechtgemachte Frauen waren mit ihren aufgeregten Zofen auf dem Weg zu morgendlichen Besuchen. Sie alle liefen wie im Takt zu einem Trommelschlag, den man nicht hören konnte, auf den Südtempel am Stadtrand zu, um den Zeremonien des Festes beizuwohnen. Jeder wollte die Ankunft der heiligen Schiffe miterleben, die die Schreine der Götter trugen, und vor allem einen Blick auf den König erhaschen, der in aller Öffentlichkeit eine Audienz abhielt – bevor er die geheimste und heiligste aller Tempelstätten betrat, um sich mit den Göttern zu besprechen und für sich selbst Göttlichkeit zu empfangen.
Nur, während früher jeder bestrebt gewesen wäre, dafür zu sorgen, dass die gesamte Familie gut angezogen und adrett zurechtgemacht war und so wohlgenährt und repräsentabel aussah wie eben möglich, waren in unseren Tagen des angespannten Gehorsams aus Staunen und Ehrfurcht Unsicherheit und Angst geworden. Die Feste waren nicht mehr, wie ich sie aus meiner Kindheit in Erinnerung hatte. Damals schien die Welt ein einziges Märchen zu sein, in dem es keine Grenzen gab, ein Märchen mit Prozessionen und Besuchen der einzelnen Götter, die in ihren goldenen Schreinen auf goldenen Barken in die Stadt getragen wurden und dann in einem Festzug an uns vorüberschritten und sich den überhitzten Menschenmassen wie grandiose Bilder einer lebendig gewordenen Schriftrolle offenbarten.
Ich betrat den Vorhof meines Hauses und nahm Thot die Leine ab. Sofort trabte er zu seiner Schlafstatt, machte es sich darauf gemütlich und begann aus dem Augenwinkel heraus, eine der Katzen zu beobachten, die sich gerade elegant putzte, eine ihrer Vorderpfoten in die Luft hielt und sie sauber schleckte. Sie sah aus wie die kokette Geliebte eines älteren Herrn, die sich vor ihrem Publikum in Szene setzt.
Im Haus herrschte Chaos. Amenmose saß im Schneidersitz an dem niedrigen Tisch wie ein kleiner König und schlug mit geballter Faust im Takt zu irgendeiner Melodie in seinem fröhlichen Köpfchen auf die Tischplatte, sodass die Milch aus der Schüssel auf den Boden schwappte, wo eine weitere unserer Katzen sie auflecken konnte. Die Mädchen rannten hin und her und machten sich zurecht. Sie nahmen meine Anwesenheit kaum zur Kenntnis. »Guten Morgen!«, rief ich, und im Chor wurde mein Gruß irgendwie erwidert. Tanefert lief an mir vorbei und verpasste mir im Vorübergehen einen flüchtigen Kuss. Also setzte ich mich an den Tisch zu meinem Sohn, der mich für einen kurzen Moment mit einem Anflug von Neugier beäugte, als sei er mir bisher noch nie begegnet. Dann schenkte er mir plötzlich das für ihn so typische Lächeln, das besagte, dass er mich erkannte, und fuhr damit fort, auf seine Schüssel einzuschlagen, um mir zu zeigen, wie gut er das konnte. Er ist das unerwartete Wunschkind, mit dem wir nicht mehr gerechnet hatten, die Überraschung und Wonne meiner Lebensmitte. In seinem Alter glaubt er noch alles, was ich ihm erzähle, also erzähle ich ihm über alles das Beste. Natürlich versteht er kein einziges Wort. Ich versuchte, ihn zu unterhalten, indem ich ihm seine Milch einflößte, und feierlich trank er sie, als sei dies hier ein ganz besonderer Anlass.
Während ich ihm zusah, dachte ich an den toten Jungen und seinen zertrümmerten Zustand, und dieses groteske Bild wurde zu einem dunklen Schatten über dem Tisch des Lebens. Möglicherweise war es kein Zufall, dass er genau am Tag des Festes auf diese Weise ermordet worden war. Ebenso wenig zufällig war unter Umständen, dass die Gebrechen des Opfers an die unseres jungen Königs erinnerten. Obwohl in der Öffentlichkeit natürlich niemand seine Gebrechen in irgendeiner Form zu erwähnen wagt – seine angeblichen Gebrechen –, geht das Gerücht um, dass Tutanchamuns irdischer Leib alles andere als vollkommen ist. Da man ihn aber nur selten in der Öffentlichkeit sieht – und wenn, sitzt er immer in einem Streitwagen oder auf einem Thron –, kann niemand mit Sicherheit sagen, ob etwas Wahres daran ist. Allgemein bekannt ist indes, dass er niemals, obwohl er inzwischen erwachsen ist, eigenständig regiert hat.
Seinem Vater war ich vor Jahren mehrmals in der Stadt Achet-Aton begegnet. Und bei einem dieser Anlässe hatte ich auch einen Blick auf diesen Jungen erhascht, der jetzt der König geworden war, wenn vielleicht auch nur vom Titel her. Ich erinnerte mich an das schallende Klack-klack-klack seines Gehstocks auf dem Korridor dieses eitlen, tragischen und inzwischen mit Sicherheit verfallenen Palasts. Ich erinnerte mich an sein charismatisches und kantiges Gesicht mit dem kurzen, scheuen Kinn. Er hatte ausgesehen wie eine alte Seele in einem jungen Körper. Und ich erinnerte mich an das, was mir mein Freund Nacht über den Jungen gesagt hatte, den man damals Tutanchaton genannt hatte: »Wenn die Ära Atons vorbei ist, wird Amun wieder verehrt. Dann nennen sie ihn möglicherweise bei einem anderen Namen. Tutanchamun.« Und genau so war es gekommen. Denn den dem Wahnsinn verfallenen Echnaton hatte man in seinen Palast in der staubigen Totenwelt seiner zerbröselnden Traumstadt weggesperrt. Und deren gewaltige offene Tempel und die Unmengen großartiger Statuen des Königs und Nofretetes hatten sich nach seinem Tod unweigerlich alle wieder in Schutt verwandelt. Die Ziegel, aus denen die Stadt in aller Hast errichtet worden war, zerfielen jetzt, wie es hieß, wieder zu dem Staub, aus dem man sie geschaffen hatte.
Nach Echnatons Tod hatte man seinen Aton-Kult in den Beiden Ländern und den unterworfenen Gebieten wieder abgeschafft. Das Bildnis der Sonnenscheibe mit den vielen sich niederstreckenden Händen, die mit dem Anch, dem Zeichen des Lebens, die Welt segnen, war nicht mehr in die Mauern der Tempel gemeißelt, in keiner unserer Städte. Das Leben in Theben war weitergegangen, als seien alle übereingekommen, so zu tun, als sei keines dieser Dinge je geschehen. Allerdings ließ sich die Geschichte aus der persönlichen Erinnerung der Menschen natürlich nicht so leicht ausradieren. Die neue Religion hatte viele begeisterte Anhänger gehabt, und viele andere hatten auf ihren Triumph gesetzt, weil sie auf irdische Beförderung hofften, und dafür ihre finanzielle Existenz und ihre Zukunft riskiert. Viele waren jedoch insgeheim auch nach wie vor Gegner der erstaunlichen weltlichen Macht der Amun-Priester und der absoluten Macht eines Mannes im Besonderen: Eje, ein Mann, der nicht wirklich von dieser Welt war, denn sein Blut war kalt und sein Herz so voller Willkür und Gleichgültigkeit wie das Tropf-tropf-tropf einer Wasseruhr. Das heutige Ägypten ist das reichste und mächtigste Reich, das es jemals auf der Welt gegeben hat, und trotzdem fühlt sich niemand sicher. Angst, dieser unfassbare und allmächtige Feind, ist in uns alle eingefallen wie eine geheime Armee der Schatten.
Eilig machten wir uns alle zusammen auf den Weg, denn wie gewöhnlich waren wir spät dran. Das intensive Licht der Morgendämmerung hatte sich in ungeheure Morgenhitze verwandelt. Amenmose saß auf meinen Schultern, klatschte in die Hände und johlte vor Aufregung. Ich schob mich durch die Menschenmassen, indem ich die Leute anschrie, uns Platz zu machen. Dabei schienen meine offiziellen Insignien der Medjai weniger hilfreich zu sein als Thots Brüllen; er half uns, eine Schneise durch den aufgeregten Pulk zu schlagen, in dem verschwitzte Leiber einander im Kampf um mehr Platz und Luft anrempelten und die engen Gassen und Wege verstopften, die sich in Richtung des Großen Flusses wanden. Die Musik von Saiteninstrumenten und Trompeten versuchte die Schreie, Gesänge und Rufe von Männern zu übertönen, die laut kommunizierten, entweder, um einander fröhlich zu begrüßen, oder aber, um einander heftig zu beschimpfen. Angebundene Affen brabbelten, und in Käfigen eingesperrte Vögel kreischten vor sich hin. Straßenverkäufer priesen grölend ihre Waren und ihre Imbisse an und pochten auf die perfekte Qualität ihres Angebots. Ein Wahnsinniger mit ausgemergeltem Gesicht suchte mit wildem Blick den Himmel ab und verkündete dabei das Kommen der Götter und das Ende der Welt. Ich liebte das Ganze genauso wie mein Sohn.
Die Mädchen liefen hinter uns, trugen ihre feinsten Gewänder, und ihre Haare glänzten und dufteten nach Behen- und Lotosöl. Tanefert bildete das Schlusslicht, um sicherzustellen, dass uns keiner verloren ging und auch keiner versuchte, uns zu nahe zu kommen. Meine Mädchen werden allmählich Frauen. Wie werde ich mich fühlen, wenn die drei Prachtstücke meines Lebens mich verlassen und ihr eigenes Leben führen? Ich habe jede von ihnen geliebt, bevor sie den ersten Atemzug auf dieser Welt tat und auf ihren Namen reagierte, indem sie laut losbrüllte. Als die Erkenntnis, dass sie mich verlassen werden, zu schmerzen begann, drehte ich mich nach ihnen um. Sekhmet, die Älteste, lächelte sanft; sie ist die Gelehrte in unserer Familie und behauptet, sie könne mich denken hören, was eine beängstigende Vorstellung ist, wenn man bedenkt, über welchen Blödsinn ich mir meist den Kopf zerbreche.
»Vater, wir sollten uns beeilen.«
Damit hatte sie recht, wie immer. Der Augenblick, da die Götter eintrafen, nahte.
Wir fanden Sitzplätze auf den offiziellen Tribünen im Schatten der Bäume am Fluss. Am gesamten Ostufer hatte man Opferstände und Schreine aufgestellt, und gewaltige Menschenmengen hatten sich eingefunden, die erwartungsvoll der Ankunft des Schiffes harrten. Ich nickte diversen Leuten zu, die ich kannte. Unter uns scheiterten junge Medjai kläglich an der Aufgabe, Ordnung in der Menge herzustellen, aber das war während des Festes immer schon so gewesen. Ich schaute mich um. Die Anzahl an Soldaten war erstaunlich hoch, aber Sicherheit ist heutzutage zur Besessenheit geworden.
Im nächsten Moment schrie Thuju auf und zeigte mit dem Finger auf das erste der Ruderboote, das im Norden in Sicht kam; zugleich erhaschten wir einen ersten Blick auf die Bootsschlepper, die sich am Ufer damit abplagten, die Große Barke des Gottes Amun, die Userhat, zu ziehen. Aus der Ferne war der berühmte und uralte schwimmende Tempel aus Gold nur ein Schimmer auf dem glitzernden Wasser. Doch als er näher kam und sich zum Ufer drehte, wurden die Widderköpfe an Bug und Heck deutlich sichtbar, und die gebündelte Pracht der Sonne schlug auf die glänzenden Sonnenscheiben darüber ein und sandte ein blendendes, funkelndes Licht über das breite grüne und braune Wasser, das blitzend in die Menschenmengen schoss. Die Mädchen schnappten nach Luft und standen auf, winkten und johlten. Am Fahnenmast des Schiffes und am Ruder im Heck flatterten bunte Flaggen. Und mitten auf der Barke stand der goldene Schrein mit dem verborgenen Gott, den man die kurze Strecke von der Anlegestelle zum Tempeleingang in feierlicher Prozession durch die Menge tragen würde.
Die Ruderer im Heck des Schiffes und die Schlepper am Ufer zogen die Barke gekonnt an den steinernen Pier. Jetzt konnten wir den Schutzfries der Kobras über dem Schrein erkennen, die Kronen auf den Köpfen der Widder und die goldenen Falken auf ihren Pfählen. Amenmose war völlig still, und das Mündchen stand ihm weit offen, so staunte er über dieses Bild aus einer anderen Welt. Im nächsten Moment wurde der Trageschrein des Gottes zu gewaltigem und ohrenbetäubendem Getöse, das dafür sorgte, dass mein Sohn sich ängstlich an mich presste, auf die Schultern der Priester gehoben. Sie hatten Mühe, das Gleichgewicht zu halten unter der Last von so viel purem Gold, und balancierten langsam und vorsichtig über den Anlegesteg auf dem Pier. Die Menschenmassen schoben und drückten sich gegen die Soldaten, die mit verschränkten Armen eine Absperrlinie bildeten. Würdenträger, Priester und Herrscher aus dem Ausland knieten nieder und entboten ihre Opfergaben.
Der Tempel lag nur ein kurzes Stück vom Flussufer entfernt. Auf dem Weg befand sich eine Stelle, an der der Schrein kurz haltmachen würde, damit der verborgene Gott Opfergaben entgegennehmen konnte, bevor man ihn über das offene Gelände zu den Toren des Tempels trug.
Wenn wir die Ankunft des Trageschreins gut sehen wollten, wurde es Zeit, dass wir uns in Bewegung setzten.
Wir schoben und drückten uns durch die Menschenmenge zu Nachts großartigem Stadthaus, das nördlich des Tempeleingangs und ganz in der Nähe der Straße der Sphingen steht. Hier befinden sich ausschließlich die Villen der reichsten und mächtigsten Familien der Stadt, und mein alter Freund Nacht gehört zu diesen Auserwählten, obwohl er als Mensch so ganz und gar nichts von dem Hochmut und der Arroganz der grotesken Figuren an sich hat, die das Gros unserer sogenannten Eliteschicht ausmachen. Einmal mehr fiel mir auf, welch heftige Verachtung ich für diese Leute empfand, und ich versuchte, mich auf die unvermeidlichen Demütigungen einzustimmen, die diese Party mit sich bringen würde.
Nacht stand in seinem feinsten Leinengewand an der großen Eingangstür, um seine vielen reichen und berühmten Gäste willkommen zu heißen. Sein Gesicht besticht mit feinen, markanten Zügen, die sich mit der Zeit stärker ausgeprägt haben, und mit ungewöhnlich gesprenkelten, topasfarbenen Augen, die das Leben und die Menschen so zu beobachten scheinen, als seien sie zwar ein faszinierender, aber in der Ferne stattfindender Festzug. Er ist der intelligenteste Mensch, der mir je begegnet ist, und intellektuelles Denken und rationales Hinterfragen der Geheimnisse der Welt bedeuten ihm alles. Er hat keine Lebensgefährtin und scheint auch keine zu brauchen, denn sein Leben ist ausgefüllt mit guter Gesellschaft und Dingen, für die er sich interessiert. Er hat seit jeher etwas von einem Habicht an sich, ganz so, als hocke er zwar hier auf Erden, sei aber jederzeit bereit, mit einem kurzen Aufflackern seines imposanten Verstands in den Himmel aufzusteigen. Ich weiß nicht genau, warum wir Freunde sind, doch er scheint meine Gesellschaft stets zu genießen. Und meine Familie liebt er von ganzem Herzen. Als er die Kinder erblickte, nahm sein Gesicht einen entzückten Ausdruck an. Sie vergöttern ihn nämlich. Er umarmte sie, küsste Tanefert – die ihn meines Erachtens etwas zu sehr vergöttert –, und dann schaffte er uns rasch in die Stille seines prächtigen Gartens voller ungewöhnlicher Pflanzen und Vögel.
»Lasst uns nach oben auf die Terrasse gehen«, sagte er und reichte jedem der Kinder spezielle Süßigkeiten, die es immer nur zum Fest gibt – wie ein gütiger Zauberer. »Ihr seid schon fast zu spät, und ich will nicht, dass ihr irgendetwas verpasst an diesem besonderen Tag.« Er nahm die begeisterte Nedjmet auf den Arm, und die beiden älteren Mädchen folgten ihnen artig über die breite Treppe nach oben auf seine ungewöhnlich weitläufige Dachterrasse. Im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten, die das winzige bisschen Platz auf ihrem Dach dazu nutzen, Obst und Gemüse zum Trocknen auszulegen und Wäsche aufzuhängen, verfolgt Nacht auf seinem wesentlich größeren Areal sehr viel glamourösere Ambitionen: So beobachtet er dort beispielsweise die Bewegungen der Sterne am Nachthimmel, denn dieses Mysterium ist seine größte Passion. Und er nutzt den Platz für seine berühmten Feste, zu denen er Menschen aus allen Schichten einlädt. Heute tummelte sich hier eine große Gesellschaft, trank von seinem hervorragenden Wein, aß die fantastischen Speisen, die uns in Häppchen überall auf Tabletts auf Ständern erwarteten, und plauderte munter unter dem Schutz der wundervoll bestickten Sonnensegel und der Schirme, die von geduldigen, schwitzenden Dienern gehalten wurden.
Die Aussicht war eine der besten der Stadt. Unter uns taten sich in alle Richtungen die Dächer von Theben auf, ein Labyrinth aus Umbra und Terrakotta, vollgestopft mit rotem und gelbem trocknendem Obst und Gemüse, unbenutzten und ausrangierten Möbelstücken, Kisten, Vogelkäfigen sowie ebenfalls Menschengruppen, die sich auf diesen Aussichtsplattformen über dem Chaos der Straßen zusammengefunden hatten. Als ich auf dieses Panorama blickte, wurde mir bewusst, wie sehr die Stadt sich im Laufe des letzten Jahrzehnts ausgedehnt hatte.
Tutanchamun wollte dabei gesehen werden, wie die königliche Familie dem Amun ihre erneuerte Loyalität und Großzügigkeit erwies, indem sie für den Gott der Stadt und die Priester, denen seine Tempel gehörten und die sie verwalteten, neue Monumente und noch ehrgeizigere und großartigere heilige Bauwerke errichten ließ. Dazu war eine riesige Anzahl an Baumeistern, Kunsthandwerkern und vor allem Arbeitern vonnöten, deren Baracken und Zeltstädte um die Tempel herum aus dem Boden geschossen waren, wodurch sich die Grenze Thebens weiter hinaus in Richtung der Anbaugebiete verschoben hatte. Ich schaute nach Norden und sah das unregierbare Herz der Stadt mit seinen alten dunklen Gassen, seinen Märkten, Schweineställen, Werkstätten und winzigen Häusern, das von der unnatürlich gerade verlaufenden Linie der Straße der Sphingen, die vor meiner Geburt erbaut worden war, in zwei Teile geteilt wurde. Im Westen wand sich die glitzernde Silberschlange des Großen Flusses, und an den beiden Ufern strahlten blendend hell die Felder wie sorgfältig zerbrochene Spiegel an den Stellen, an denen sie von der Nilflut überschwemmt worden waren.
Sehr viel weiter in der Ferne, hinter den Felderreihen am Westufer, befanden sich in der Wüste die gewaltigen Totentempel aus Stein und dahinter wiederum, in einem geheimen und versteckt liegenden Tal, die unterirdischen Grabkammern der Könige. Südlich der Tempelanlage stand der Königspalast von Malqata zusammen mit den Quartieren für die Angestellten sowie deren Arbeitsräumen, und davor breitete sich der gewaltige künstliche See Birket Habu aus. Hinter der Stadt und ihren Außenbezirken verlief deutlich sichtbar die Grenze zwischen dem Schwarzen Land und dem Roten Land. Dort ist es möglich, mit einem Fuß in der Welt alles Lebenden zu stehen und mit dem anderen in der Welt aus Staub und Sand, in der die Sonne jede Nacht verschwindet und in die wir nach dem Tod unsere Geister schicken und unsere Verbrecher, damit sie dort verenden, die Welt, in der sich die Ungeheuer unserer Albträume herumtreiben, um uns in der großen öden Finsternis heimzusuchen.
Vor uns zog sich von Norden nach Süden, zwischen der großen Tempelanlage von Karnak und dem Südtempel, die Straße der Sphingen, die so leer war wie ein ausgetrocknetes Flussbett, wenn man von den Fegern absah, die hastig den letzten Staub und Schotter entfernten, damit alles makellos war. Vor der beeindruckend bemalten Lehmziegelmauer des Südtempels standen in geschlossener Front thebanische Armee-Einheiten und Gruppen von Priestern in weißen Gewändern, die sich der Hierarchie nach aufgestellt hatten. Nach dem quirligen Chaos am Pier herrschten hier Ordnung und Konformität. So weit das Auge reichte, hielten Medjai-Soldaten die Menschenmassen zurück, die sich überall drängten, sowohl seitlich des offenen Geländes als auch zu beiden Seiten der Straße der Sphingen; so viele Menschen, alle angezogen von der Traumvorstellung, an diesem Tag der Tage einen glückverheißenden Blick auf den Gott zu erhaschen.
Nacht stellte sich neben mich. Für einen Moment waren wir allein.
»Bilde ich mir das nur ein, oder ist die Atmosphäre irgendwie seltsam?«, fragte ich ihn.
Er nickte. »Es lag noch nie so viel Anspannung in der Luft.«
Allein die Schwalben schienen verzückt zu sein und sausten um unsere Köpfe. Diskret förderte ich den Stoffstreifen aus Leinen zutage und zeigte ihn ihm.
»Was kannst du mir zu dem hier sagen?«
Erstaunt schaute er darauf und las rasch, was da stand.
»Das ist ein ›Schutzzauber für die Toten‹, was eigentlich aber sogar du wissen solltest. Es ist allerdings ein ganz besonderer. Es heißt, dass Thot, der Gott der Schreiber und der Weisheit, ihn für den großen Gott Osiris geschrieben hat. Damit der Spruch seine Wirkung entfalten kann, muss die Tinte aus Myrrhe hergestellt werden. Das findet man im Allgemeinen nur bei den Bestattungen allerhöchster Personen.«
»Wie zum Beispiel?«, hakte ich verwirrt nach.
»Hohepriester. Könige. Wo hast du das gefunden?«
»Bei der Leiche eines lahmen Jungen. Ein König war der ganz bestimmt nicht.«
Jetzt war es Nacht, der verwundert aus der Wäsche schaute.
»Wann?«
»Ganz früh heute Morgen«, erwiderte ich.
Er dachte einen Moment über diese seltsamen Fakten nach, dann schüttelte er den Kopf.
»Dafür habe ich keine Erklärung«, sagte er.
»Ich auch nicht. Nur glaube ich halt nicht an Zufälle.«
»Wenn wir etwas einen Zufall nennen, tun wir das nur, weil wir zwar zwischen zwei Ereignissen eine Verbindung erkennen, die Bedeutung dieser Verbindung aber nicht erfassen können«, gab er kurz und präzise zurück.
»Alles, was du sagst, mein Freund, klingt stets völlig richtig. Du verfügst über die Gabe, Verwirrung in einen Sinnspruch zu verwandeln.«
»Ja«, meinte er lächelnd, »allerdings ist das für mich selbst wie Tyrannei, denn bei mir ist alles übersichtlicher, als es vernünftig ist. Und wie wir alle wissen, besteht das Leben hauptsächlich aus Chaos.«
Ich sah ihm dabei zu, wie er sich weiter über den leinenen Stoffstreifen und den merkwürdigen Schutzzauber den Kopf zerbrach. Er dachte über etwas nach, was er mir gegenüber nicht laut aussprach.
»Nun, es ist ein Mysterium. Aber komm jetzt«, meinte er in bestimmtem Ton, »denn das hier ist eine Party, und es sind viele Leute hier, die du kennenlernen solltest.«
Er griff nach meinem Ellbogen und schob mich in die schnatternde Menschenmenge.
»Du weißt, dass ich hochstehende Persönlichkeiten nicht ertragen kann«, murmelte ich.
»Och, nun sei doch kein Snob. Es sind heute viele Leute hier, die bemerkenswerte Interessen und Passionen haben – Architekten, Bibliothekare, Ingenieure, Schriftsteller, Musiker, und um das Maß vollzumachen, auch ein paar Geschäftsleute und Finanziers – denn Kunst und Wissenschaft sind auf kräftige Investitionen angewiesen. Wie soll unsere Kultur besser werden und wachsen, wenn wir unser Wissen nicht teilen? Und wo sollte ein Medjai wie du Umgang mit solchen Leuten pflegen, wenn nicht hier?«
»Du bist wie deine Bienen, fliegst von Blume zu Blume, probierst den Nektar mal hier, mal da …«
»Das ist eine recht gute Analogie, nur hört sich das an, als wäre ich ein Dilettant.«
»Mein Freund, ich würde dich niemals bezichtigen, ein Dilettant, Pfuscher oder Amateur zu sein. Du bist eine Mischung aus Philosoph und Abenteurer, der sein eigenes Innenleben erforschen will.«
Zufrieden lächelte er.
»Das gefällt mir. Diese Welt und das Jenseits sind voller Merkwürdigkeiten und Geheimnisse. Man würde viele Menschenleben benötigen, um sie alle zu verstehen. Und so enttäuschend es auch ist, habe ich doch den Eindruck, wir hätten nur ein einziges …«
Bevor ich elegant verschwinden konnte, stellte er mich einer Gruppe von Männern mittleren Alters vor, die sich unter dem Sonnensegel miteinander unterhielten. Sie waren alle hochwertig gekleidet in Gewänder und Juwelen feinster Qualität. Jeder Einzelne von ihnen nahm mich neugierig in Augenschein wie ein auf merkwürdige Weise interessantes Objekt, das man zum Schnäppchenpreis unter Umständen kaufen würde.
»Das hier ist Rahotep, einer meiner ältesten Freunde. Er ist der Leiter der hiesigen Medjai-Abteilung, die auf Morde und ungelöste Fälle spezialisiert ist! Einige von uns sind der Ansicht, dass er Chef der thebanischen Medjai hätte werden sollen, als die Stelle das letzte Mal neu besetzt wurde.«
Ich bemühte mich, diese öffentliche Schmeichelei so ruhig wie möglich hinzunehmen, obwohl ich so was hasse – wie Nacht sehr wohl wusste.
»Wie Euch allen bekannt sein dürfte, ist mein lieber Freund berühmt für seine Redekunst. Damit kann er Lehm in Gold verwandeln.«
Sie nickten alle gleichzeitig und schienen entzückt über diesen Kommentar.
»Die Redekunst ist eine gefährliche Gabe. Sie manipuliert den Unterschied, man könnte auch sagen die Kluft, zwischen der Wahrheit und dem, was sich als solche ausgibt«, sagte ein kleiner dicker Mann. Sein Gesicht sah aus wie ein Kissen, auf dem jemand gesessen hatte, seine blauen Augen blickten ebenso verwundert drein wie die eines Babys, und er hielt einen Becher in der Hand, der bereits leer war.
»Und in unserer Zeit ist diese Kluft das Mittel geworden, mit dem Macht ausgeübt wird«, entgegnete Nacht.
Dem folgte ein leicht betretenes Schweigen.
»Meine Herren, diese Versammlung scheint ja geradezu subversiv zu sein«, erklärte ich, um das Ganze etwas aufzulockern.
»Aber war sie das denn nicht immer schon?«, meinte ein anderer. »Die Redekunst ist Überredungskunst, seit der Mensch das Sprechen lernte und anfing, seinen Feind davon zu überzeugen, dass er eigentlich sein Freund sei …«
Alle lachten sie leise vor sich hin.
»Wie wahr. Aber heute ist das ja alles sehr viel raffinierter geworden! Eje und seine Mannen verkaufen uns Worte, als seien sie die Wahrheit. Aber Worte sind heimtückisch, ihnen ist nicht zu trauen. Ich muss das wissen!«, erklärte der blauäugige Mann großspurig.
Einige begannen zu lachen, hoben ihre Hände und schwenkten drohend die eleganten Finger.
»Hor ist Dichter«, klärte Nacht mich auf.
»Dann seid Ihr also ein Meister der mehrdeutigen Worte. Ihr kennt ihre verborgene Bedeutung. Das ist heutzutage eine sehr nützliche Gabe«, sagte ich.
Verzückt johlend klatschte er in die Hände. Ich stellte fest, dass er angetrunken war.
»Stimmt, denn wir leben in Zeiten, in denen keiner mehr sagen darf, was er wirklich meint. Nacht, mein Freund, wo hast du diesen bemerkenswerten Menschen gefunden? Einen Medjai, der Poesie versteht! Was kommt als Nächstes? Tanzende Soldaten?«
Die Gruppe lachte noch lauter, entschlossen, den Ton leicht und locker zu halten.
»Ich bin überzeugt, dass es Rahotep nichts ausmachen wird, wenn ich euch verrate, dass er selbst Poesie geschrieben hat, als er noch jünger war«, erklärte Nacht, als wolle er damit die Haarrisse kitten, die sich allmählich in der Unterhaltung auftaten.
»Ungemein schlechte Poesie«, führte ich weiter aus. »Und es ist nichts davon für die Nachwelt erhalten.«
»Aber was ist denn passiert?«, fragte der Dichter besorgt. »Warum habt Ihr aufgegeben?«
»Ich weiß es nicht mehr. Ich schätze mal, die Realität hat Besitz von mir ergriffen.«
Belustigt und mit großen Augen wandte sich der Dichter an die anderen.
»›Die Realität hat Besitz von mir ergriffen‹, das ist ein guter Spruch, den borge ich mir möglicherweise.«
Die anderen nickten ihm nachsichtig zu.
»Seid vorsichtig, Rahotep, ich kenne diese Schriftsteller; die sagen zwar ›borgen‹, meinen damit aber ›stehlen‹. Bald werdet Ihr Eure Worte auf einer Schriftrolle mit neuen Versen wiederfinden, die überall die Runde machen«, warnte mich einer der Männer.
»Und wie ich Hor kenne, wird es sich bei dem Werk um eine bösartige kleine Satire handeln und nicht um ein Liebesgedicht«, meinte ein anderer.
»Von dem, was ich tue, gehört nur sehr wenig in ein Gedicht«, sagte ich.
»Und das, mein Freund, ist der Grund dafür, dass es interessant ist, denn andernfalls ist alles nur künstlich, und wie leicht ermüdet einen das Künstliche«, erwiderte der Dichter und hielt einer vorübereilenden Dienerin seinen leeren Becher hin. »Lass mich jeden Tag die Wahrheit schmecken«, sprach er weiter. Das Mädchen trat zu uns, schenkte uns nach, ging dann wieder und nahm ihr sanftes Lächeln und die Aufmerksamkeit vieler, aber nicht aller Männer mit. Ich dachte, wie wenig dieser Mann doch von der Realität wusste. Dann wurde die Unterhaltung fortgesetzt.
»Die Welt hat sich in den letzten Jahren ganz sicher enorm verändert«, meinte ein anderer der Männer.
»Und trotz der Fortschritte in unserer internationalen Vormachtstellung, trotz unserer großen neuen Bauwerke und trotz des Wohlstands, den viele von uns inzwischen genießen …«
»Bla, bla, bla«, höhnte der Dichter.
»… hat sich längst nicht alles zum Besseren gewendet«, pflichtete ein anderer ihm bei.
»Ich bin gegen Veränderungen«, tönte Hor. »Die werden überbewertet. Sie machen nichts besser.«
»Na komm«, rief Nacht. »Das ist eine absurde Ansicht, die widerspricht jeglicher Vernunft. Das ist lediglich ein Zeichen des Alters, denn wenn wir älter werden, glauben wir, die Welt würde schlechter, die Manieren würden nachlassen, die Standards von Moral und das Wissen würden untergraben und – …«
»Und die Politik wird mehr und mehr zu einer jämmerlichen Farce«, fiel der Dichter ihm ins Wort und leerte neuerlich seinen Becher.
»Mein Vater beschwert sich ständig über so was«, meinte ich, »und ich will dann mit ihm darüber streiten, stelle aber jedes Mal fest, dass ich das nicht kann.«
»Dann lasst uns wenigstens hier ehrlich miteinander sein. Das große Mysterium ist, dass wir in einer Zeit leben, in der wir von Männern regiert werden, deren Namen wir kaum kennen und die in Ämtern sitzen, die undurchschaubar bleiben, und der Führung eines alten Mannes unterstehen, eines Größenwahnsinnigen, der noch nicht einmal einen königlichen Namen trägt, seinen grausamen Schatten aber über die Welt geworfen zu haben scheint, solange ich mich zurückerinnern kann. Dank der ehrgeizigen Ambitionen des großen Generals Haremhab sind wir in einen langen und bislang fruchtlosen Krieg mit unseren uralten Feinden verwickelt, obwohl Diplomatie da sicher sehr viel mehr hätte ausrichten können und uns den endlosen Druck auf unsere Finanzen erspart hätte. Und was die beiden königlichen Kinder angeht, so sieht es ganz danach aus, als erlaube man ihnen nicht, jemals erwachsen zu werden und ihre rechtmäßigen Plätze im Herzen des Lebens der Beiden Länder einzunehmen. Wie konnte das passieren, und wie lange kann das noch so weitergehen?«
Hor hatte die unaussprechliche Wahrheit in Worte gekleidet. Wie es schien, hatte keiner den Mut, etwas darauf zu erwidern.
»Wenn wir uns selbst anschauen, müssen wir einräumen, dass es uns finanziell sehr gut geht und wir in unseren verschiedenen Bereichen gut vorankommen. Wir verfügen über Wohlstand und Arbeit, und wir besitzen elegante Häuser und haben Dienstboten. Für uns ist es vielleicht ein fairer Kompromiss. Ich kann mir aber vorstellen, dass Ihr eine ganz andere Seite des Lebens kennt, oder?« Dies fragte mich ein großgewachsener eleganter Herr, der sich mir mit einer kurzen Verbeugung als Nebi vorstellte und von Beruf Architekt war.
»Ja, vielleicht seht Ihr die schreckliche Realität der Dinge, von der wir, die wir ein so wohlbehütetes Leben in Wohlstand führen, verschont bleiben«, fügte der Dichter mit einem Anflug von Hochmut in der Stimme hinzu.
»Warum begleitet Ihr mich nicht einfach mal eine Nacht lang und findet es selbst heraus?«, schlug ich vor. »Ich könnte Euch die finsteren Gassen und die Hütten zeigen, in denen ehrliche Leute, die einfach nur kein Glück hatten, von dem Abfall leben, den wir gedankenlos wegwerfen. Und ich könnte Euch mit ein paar höchst erfolgreichen Verbrechern bekannt machen, mit Experten in puncto Grausamkeit und Brutalität, für die Menschenleben eine Handelsware sind. Viele von denen haben elegante Amtsstuben in der Stadt und wunderschöne Ehefrauen und Kinder, die in den bezaubernden Villen der neuen Vorstädte ein angenehmes Leben führen. Diese Leute geben aufwendige Abendgesellschaften. Sie investieren in Immobilien. Aber sie erwerben ihren Reichtum mit Blut. Ich kann Euch die Realität dieser Stadt zeigen, wenn es das ist, was Ihr sehen wollt.«
Der Dichter fuhr sich theatralisch mit seinen Stummelfingern über die Schläfen.
»Ihr habt recht. Die Realität überlasse ich Euch. Zu viel davon kann ich nicht ertragen – wer kann das schon? Ich gebe zu, dass ich ein Feigling bin. Von Blut werde ich ohnmächtig, den Anblick armer Leute und ihrer entsetzlichen Gewänder hasse ich, und selbst wenn mich mal zufällig einer auf der Straße nur anrempelt, kreische ich auf, weil ich sofort fürchte, ich würde ausgeraubt und zusammengeschlagen. Nein, ich ziehe es vor, auch weiterhin in der kultivierten Gesellschaft von Worten und Schriftrollen in meiner komfortablen Bibliothek zu bleiben.«
»Worte sind heutzutage aber vielleicht auch nicht mehr sicher«, meinte ein anderer Mann, der weiter hinten stand, an der schattigsten Stelle des Sonnensegels. »Vergesst nicht, dass wir uns in der Gesellschaft eines Medjai befinden. Die Medjai sind selbst ein Bestandteil der Realität dieser Stadt und auch nicht gefeit gegen die Korruption und die Dekadenz, von der wir hier sprechen.« Dabei sah er mich kalt lächelnd an.
»Ah. Sobek. Ich habe mich die ganze Zeit schon gefragt, ob du dich an unserer Unterhaltung beteiligen würdest«, meinte Nacht.
Der Mann, den er damit ansprach, war fortgeschrittenen mittleren Alters und hatte kurzes graues Haar, das nicht gefärbt war. Seine graublauen Augen hatten einen stechenden Blick, und der Zorn auf die Welt stand ihm ins Gesicht geschrieben. Wir verbeugten uns voreinander.
»Ich halte Gespräche nicht für ein Verbrechen«, sagte ich vorsichtig. »Obwohl manche da möglicherweise anderer Meinung sind.«
»In der Tat. Heißt das, dass der Tatbestand eines Verbrechens nur vorliegt, wenn eine Tat ausgeführt wurde, und nicht, wenn beabsichtigt oder formuliert wird, sie zu begehen?«, wollte er wissen.
Die anderen sahen einander an.
»Ja, das ist richtig. Andernfalls wären wir alle Kriminelle und säßen hinter Gittern.«
Sobek nickte nachdenklich.
»Vielleicht ist die menschliche Fantasie das Ungeheuer«, meinte er. »Ich glaube, es gibt kein einziges Tier, das von seiner Fantasie gefoltert wird. Das wird nur der Mensch …«
»Die Fantasie ist in der Lage, das Beste und das Schlechteste in uns hervorzubringen«, pflichtete Hor ihm bei, »und ich weiß, was meine eigene gerne einigen Leuten antun würde.«
»Deine Dichtung ist Folter genug«, scherzte der Architekt.
»Und das ist der Grund, warum ein zivilisiertes Leben, Moral, Ethik und so weiter so wichtig sind«, erklärte Nacht mit Nachdruck. »Wir sind zur Hälfte Erleuchtete und zur Hälfte Ungeheuer. Anstand muss auf Vernunft und gegenseitigem Nutzen fußen.«
Sobek hob seinen Becher.
»Ich trinke auf deine Vernunft. Ich wünsche ihr allen nur erdenklichen Erfolg.«
Er wurde unterbrochen von einem Grölen, das von der Straße nach oben drang. Nacht klatschte in die Hände und rief:
»Es ist so weit!«
Daraufhin eilte die gesamte Runde auf die Brüstung der Terrasse zu und zerstreute sich, weil jeder der Männer nun um den besten Platz kämpfte.
Auf einmal stand Sekhmet neben mir.
»Komm, Vater, komm, oder du wirst alles verpassen!«
Dann zog sie mich mit sich. Wieder ertönte ein lauter Jubelschrei und dröhnte wie Donner durch die Straße unter uns und durch die Massen, die sich im Herzen der Stadt drängten. Wir hatten das offene Gelände vor den Tempelmauern perfekt im Blick.
»Was ist da los?«, fragte Thuju.
»Im Inneren des Tempels«, antwortete Nacht, »warten der König und die Königin auf den richtigen Moment, um zu erscheinen und die Götter willkommen zu heißen.«
»Und was ist im Inneren des Tempels?«
»Ein Mysterium in einem Mysterium in einem Mysterium«, sagte er.
Genervt blinzelte sie ihn an.
»Das beantwortet meine Frage nicht«, entgegnete sie. »Überhaupt nicht.«
Er lächelte.
»Da drin befindet sich ein außerordentliches neues Bauwerk: die Säulenhalle. Man hat viele Jahre daran gebaut, und sie ist gerade erst fertiggestellt worden. Es gibt auf der ganzen Erde nichts Vergleichbares. Die Säulen reichen bis in den Himmel, und es sind wundervoll bemalte Bilder darin eingemeißelt, die den König dabei zeigen, wie er Opfergaben darbringt. Und das Dach ist mit zahllosen goldenen Sternen der Göttin Nut bemalt. Dahinter befindet sich der gewaltige Sonnenhof, der von vielen großen, schlanken Säulen gesäumt ist. Und dahinter geht man dann durch ein Tor nach dem anderen, und hinter jedem werden die Decken niedriger und niedriger und die Schatten dunkler und dunkler – und diese Gänge führen in das Herz des Ganzen: zum verschlossenen Schrein des Gottes, in dem er bei Morgengrauen geweckt wird, mit den besten Speisen genährt und in die kostbarsten Gewänder gehüllt und in der Nacht wieder zu Bett gebracht wird. Es ist aber nur einigen wenigen Priestern und dem König gestattet, diesen Ort zu betreten, und niemandem, der da hinein darf, ist es erlaubt, jemals über das zu sprechen, was er dort erlebt hat. Und du darfst niemals jemandem verraten, was ich dir hier jetzt gerade anvertraut habe. Das ist nämlich ein großes Geheimnis. Und große Geheimnisse bringen immer große Verantwortung mit sich.« Mit strenger Miene sah er sie an.
»Ich will das sehen.« Pfiffig grinste sie ihn an.
»Das wird nie geschehen«, warf Sekhmet da auf einmal ein. »Du bist nur ein Mädchen.«
***
Nacht überlegte gerade, wie er auf diese Äußerung reagieren sollte, als die Trompeten eine ohrenbetäubende Fanfare bliesen. Das war für die Priester das Signal, sich zeitgleich auf den makellos gefegten Boden zu knien, und für die Soldaten, Habachtstellung einzunehmen, wobei ihre Speer- und Pfeilspitzen in der unerbittlichen Sonne glitzerten. Im nächsten Moment erschienen aus den Schatten der gewaltigen Tempelmauern zwei kleine Gestalten, die auf Thronen saßen, die von Bediensteten getragen und von hohen Regierungsbeamten und deren Gehilfen begleitet wurden. In dem Augenblick, da man sie aus der Dunkelheit in die Sonne trug, fiel das überwältigende Licht auf ihre Gewänder und hohen Kronen, die daraufhin gleißend hell erstrahlten. Vollkommene Stille legte sich über die Stadt. Sogar die Vögel verstummten. Die wichtigste Phase des Festrituals hatte begonnen.
Allerdings passierte eine ganze Weile gar nichts, ganz so, als seien sie zu früh zu einem Fest erschienen und keiner habe sich Gedanken darüber gemacht, wie man die beiden nun unterhalten könnte. Die königlichen Schirmträger zogen Sonnenschirme hervor und schützten die königlichen Gestalten mit den Kreisen aus Schatten. Dann verkündete weiter vorn ein Aufschrei die Ankunft des Gottes in seinem goldenen Schrein, der auf den Schultern seiner Träger ruhte. Langsam und unter sichtlicher Anstrengung bog die Prozession um die Ecke und tauchte auf wie ein Lichtblitz. Das Königspaar saß regungslos da wie Puppen, wie kostümierte, steife, kleine Puppen.
Angeführt von hochrangigen Priestern, die Gebete und magische Formeln sprachen, flankiert von Akrobaten und Musikern und gefolgt von einem weißen Opferstier, näherte sich der Gott. Endlich erhoben sich der König und die Königin: Tutanchamun, das Lebende Abbild des Amun, und Anchesenamun.
»Sie sieht aus, als hätte sie Angst.«
Ich schaute nieder auf Sekhmet und dann wieder auf die Königin. Meine Tochter hatte recht. Unter den Requisiten der Macht, der Krone und den Gewändern, sah die Königin nervös aus.
Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte ich, wie aus der dichten Menschenmenge, die unter Schirmen im grellen Licht der Sonne stand, mehrere Personen von anderen auf den ineinander verschlungenen Händen von Akrobaten vom Boden gehoben wurden, und im nächsten Moment erfolgte eine Reihe von flinken Bewegungen, und ich sah Arme, die irgendetwas warfen – kleine dunkle Bälle, die in hohem Bogen in die Luft flogen, über die Köpfe der Menge hinweg geradewegs in Richtung des aufrecht stehenden Königs und der Königin. Die Zeit schien plötzlich wie in Zeitlupe weiterzulaufen, wie sie das in den letzten Momenten vor einem Unglück stets tut.
Auf einmal explodierten Spritzer aus hellem Rot im makellosen Staub und auf den Gewändern des Königs und der Königin. Tutanchamun trat stolpernd einen Schritt zurück und sackte auf seinen Thron. Die Stille des tiefen Schocks hielt die Welt gleichsam eine Sekunde lang an. Im nächsten zerbrach sie in tausend Einzelteile voller Lärm, Aktivität und Geschrei.
Ich fürchtete, dass Tutanchamun tot war. Doch hob er langsam seine Hände, entsetzt, angewidert und nicht gewillt, das rote Zeug zu berühren, das über seine königlichen Gewänder tropfte und im Staub eine Pfütze bildete. Blut? Ja, aber nicht das Blut des Königs, denn dafür war da allzu plötzlich zu viel Blut. Der Schrein des Gottes geriet ins Wanken, weil die ihn tragenden Priester nicht wussten, wie sie reagieren sollten, und auf Anweisungen warteten, die nicht kamen. Anchesenamun sah sich verwirrt um. Und dann, als würden sie aus einem trägen Traum erwachen, hagelte es sowohl vonseiten der Priester wie der Armee Befehle.
Mir fiel auf, dass die Mädchen schrien und weinten, Thuju sich an mich presste und Tanefert die anderen zwei an sich drückte, während Nacht mir mit einem kurzen Blick zu verstehen gab, wie sehr ihn diese Freveltat schockierte und verwunderte. Die Männer und Frauen auf der Dachterrasse wandten sich einander zu, hielten sich die Hände vor den Mund oder suchten in diesem Augenblick der Katastrophe am Firmament Trost. Unter uns kam es zu einem Tumult, weil die Menge in Panik geriet, sich verwirrt umdrehte und die schützenden Reihen der Medjai zu durchbrechen begann, um auf die Straße der Sphingen zu gelangen und die Flucht vom Schauplatz des Verbrechens anzutreten. Die Medjai reagierten, indem sie auf jeden einschlugen, den sie mit ihren Schlagstöcken treffen konnten, Unbeteiligte an den Haaren mit sich rissen, Männer und Frauen zu Boden warfen – wo sie von anderen niedergetrampelt wurden – und so viele Menschen wie Vieh zusammentrieben, wie sie eben konnten.
Noch einmal schaute ich nach unten auf die Stelle, von der die Bälle geworfen worden waren, und erblickte das vor Angst verzerrte Gesicht einer jungen Frau. Ich war sicher, dass sie eine der Personen war, die diese Bälle geworfen hatten; ich sah mit an, wie sie sich umschaute, einzuschätzen versuchte, ob man sie beobachtet hatte, und sich dann zielstrebig abwandte und inmitten einer Gruppe junger Männer verschwand, die sich um sie geschart zu haben schienen, als wollten sie die Frau schützen. Sie spürte irgendetwas, schaute nach oben und sah, dass ich sie beobachtete. Einen Augenblick lang sah sie mir fest in die Augen, dann verbarg sie sich unter einem Sonnenschirm, weil sie wohl hoffte, so im allgemeinen Tumult unterzutauchen. Ich sah jedoch eine Gruppe von Medjai, die sich wie Fischer jeden schnappten, dessen sie habhaft werden konnten, und so saß sie in der Falle, zusammen mit vielen anderen.
Derweil wurden der König und die Königin mit unziemlicher Hast zurück in die Sicherheit der Tempelmauern geschleppt, und ihnen folgten der sich in seinem goldenen Schrein verbergende Gott und die Unmengen Würdenträger, die vor lauter Angst geduckt davonhuschten. Alle verschwanden sie jenseits der Tempeltore und ließen einen Aufruhr im Herzen der Stadt hinter sich, wie es ihn in dieser Form noch nie zuvor gegeben hatte. Ein paar mit Blut gefüllte Harnblasen – Waffen, die plötzlich so kampfstark waren wie der eleganteste Bogen und der treffsicherste Pfeil – hatten alles geändert.
Ich schaute auf die Straße unter uns, auf der es vor Menschen nur so wimmelte, die sich in Panik wanden, und für einen kurzen Moment verwandelte sich das Bild vor meinem geistigen Auge in einen Abgrund aus dunklen Schatten, und mittendrin erblickte ich die Schlange des Chaos und der Zerstörung, die insgeheim ständig zusammengerollt unter unseren Füßen liegt, und sah, wie sie ihre goldenen Augen aufschlug.
Ich wies meine Familie an, in Nachts Haus zu warten, bis es wieder sicher genug war, dass sie in Begleitung von dessen Hauswachen nach Hause zurückkehren konnten. Dann nahm ich Thot an die Leine und trat vorsichtig aus der Tür nach draußen auf die Straße. Medjai trieben die letzten Menschenansammlungen zusammen und verhafteten und fesselten jeden, von dem sie mutmaßten, dass er irgendetwas verbrochen hatte. Aus der Ferne drangen Rufe und Schreie durch die schwüle, rauchige Luft. Die Straße der Sphingen sah aus wie eine riesige Papyrusrolle, auf der die wahre Geschichte dessen, was sich hier soeben zugetragen hatte, auf dem eingetretenen Sand festgehalten war, hingekritzelt in Form der Fußspuren der fliehenden Menschen, die Tausende von Sandalen dabei zurückgelassen hatten. Abfall trieb ziellos dahin. Böen aus heißer Luft drehten sich zornig im Kreis und erstarben in Wirbeln aus Staub. Kleine Gruppen versammelten sich um die Toten und Verletzten, weinten und schluchzten die Götter an. Die verschmierten und zertrampelten Überbleibsel der vielen Blumendekorationen für das Fest wurden zu einer unangemessen versöhnlichen Opfergabe an den Gott all dieser Verwüstung.
Ich untersuchte das verspritzte Blut, das jetzt klebrig und in der Sonne zu schwarzen Pfützen erstarrt war. Thot schnüffelte elegant daran und sah mit flatterndem Blick zu mir auf. Fliegen kämpften erbittert um diese neuen Schätze. Behutsam hob ich eine der Harnblasen vom Boden und drehte sie in meiner Hand. Es war nichts Besonderes an ihr, ebenso wenig wie an der Tat selbst. Radikal waren die Originalität und die vulgäre Effektivität dieser abscheulichen Tat; denn die Täter hatten den König damit gedemütigt, als hätten sie ihn an den Füßen aufgehängt und mit Hundekot beschmiert.
Unter dem in Stein gemeißelten Bildnis unserer Standarte – dem Schakal Upuaut, dem Öffner der Wege – betrat ich das Hauptquartier der Medjai. Schlagartig war ich von Chaos umgeben. Männer unterschiedlichsten Ranges hasteten umher und brüllten Befehle und Gegenbefehle, womit sie demonstrierten, dass sie etwas zu sagen hatten und schwer beschäftigt waren. Durch die Menschenmenge hindurch erblickte ich Nebamun, den Chef der thebanischen Medjai. Sichtlich verärgert, mich zu sehen, starrte er mich an und bedeutete mir mit einer schroffen Geste, in seine Amtsstube zu kommen. Ich seufzte und nickte.
Er trat die schäbige Tür zu, und alsdann saßen Thot und ich geduldig auf unserer Seite seines niedrigen Tisches, der nicht unbedingt ordentlich, sondern mit Papyrusrollen, Essensresten und schmutzigen Öllampen übersät war. Sein breites Gesicht, aus dem wie immer dunkle Bartstoppeln stachen, sah finsterer aus denn je. Während er Thot mit einem verächtlichen Blick bedachte, den dieser unerschrocken erwiderte, schob er mit seinen Wurstfingern verschiedene Schriftstücke von einer Seite auf die andere – für einen Schreibtischhengst hatte er die falschen Hände. Er war ein Mann der Straße, kein Mann der Schriftrollen.
Ein persönliches Gespräch hatten er und ich bisher vermieden. Ich hatte mich aber bemüht, deutlich zu machen, dass ich keinen Groll gegen ihn hegte, weil er statt meiner befördert worden war. Für mich wäre sein Job nichts gewesen, obwohl mein Vater enttäuscht war und Tanefert es sich gewünscht hatte. Sie sähe lieber, wenn ich in einer sicheren Amtsstube arbeiten würde; sie weiß aber, dass ich es hasse, in einem stickigen Raum eingesperrt zu sein und mich mit dem langweiligen Unsinn interner Politik zu befassen. Nebamun tat das alles gern. Nur, jetzt hatte er Macht über mich, und wir wussten beide, dass es so war. Tief drinnen wurmte mich das, ein Gefühl, mit dem ich nicht gerechnet hatte.
»Wie geht es der Familie?«, erkundigte er sich desinteressiert.
»Gut. Und deiner?«
Er machte eine vage Handbewegung, die mich an einen gelangweilten Priester erinnerte, der eine störende Fliege verscheucht.
»Was für ein Fiasko«, meinte er kopfschüttelnd. Ich beschloss, für mich zu behalten, was ich mitangesehen hatte.
»Wer steckt deines Erachtens dahinter?«, erkundigte ich mich unschuldig.
»Ich weiß es nicht, aber wenn wir diese Leute finden, werde ich ihnen eigenhändig die Haut vom Leib ziehen, langsam und in schmalen Streifen. Und dann werde ich sie an Pfählen in die Mittagssonne der Wüste stellen, als Mahl für die Bulldoggenameisen und Skorpione. Und ich werde zuschauen.«
Ich wusste, dass ihm nicht genug Ressourcen zur Verfügung standen, um angemessene Ermittlungen anzustellen. Im Verlauf der letzten Jahre hatte man das Budget der Medjai immer wieder gekürzt und die Gelder der Armee zukommen lassen, und sehr viele, zu viele ehemalige Medjai waren mittlerweile entweder arbeitslos oder – für ein besseres Gehalt, als sie es je von der Medjai bezogen hatten – als private Sicherheitskräfte reicher Kunden und deren Familien tätig, sowohl in deren Privathäusern als auch in ihren mit Schätzen vollgestopften Grabkammern. Unter solchen Bedingungen die städtische Polizei zu leiten war nicht leicht. Also würde er tun, was er in der Regel tat, wenn ein ernsthaftes Problem vorlag: Er würde ein paar mutmaßliche Verdächtige verhaften, Anklagepunkte gegen sie erfinden und sie mit großem Spektakel hinrichten lassen. Das ist heutzutage der Lauf der Gerechtigkeit.
Er fläzte sich nach hinten, und ich sah, was für einen dicken Bauch er seit seiner Beförderung bekommen hatte. Der Speck, der für Wohlstand und Bequemlichkeit stand, schien Teil seines neuen Egos geworden zu sein.
»Ist schon eine Weile her, seit du eines deiner großen Projekte hattest, nicht wahr? Ich schätze mal, dass du hier herumschnüffelst, um dich irgendwie in die Ermittlungen einzumischen …«
Wie er mich beäugte, das weckte den Wunsch in mir, aufzustehen und zu gehen.
»Ich doch nicht«, erwiderte ich. »Mir gefällt das ruhige Leben.«
Er wirkte beleidigt. »Warum, zum Teufel, bist du dann hier? Besichtigst du die Räumlichkeiten?«
»Ich habe heute Morgen eine Leiche untersucht. Die Leiche eines Jungen, eines jungen Mannes, der unter interessanten Umständen …«
Er ließ mich nicht aussprechen.
»Um ein totes Balg scheren wir uns hier einen Scheißdreck«, fiel er mir ins Wort. »Schreib einen Bericht, leg ihn ab … und dann tu mir den Gefallen und verschwinde. Für dich gibt es hier heute nichts zu tun. Nächste Woche bin ich vielleicht in der Lage, dir irgendeine kleine Sache zuzuteilen, die du aufwischen kannst, nachdem die anderen die eigentliche Arbeit geleistet haben. Es ist an der Zeit, den jüngeren Kollegen eine Chance zu geben.«
Ich zwang mich zu einem Lächeln, hatte aber den Eindruck, dass es eher an das Zähnefletschen eines zornigen Hundes erinnerte. Das sah er. Er grinste, erhob sich, lief um den Tisch herum und öffnete mir mit vorgetäuschtem Eifer die Tür. Ich verließ den Raum. Laut fiel die Tür hinter mir ins Schloss.
Draußen auf dem Hof hatte man Hunderte unglücklicher Männer und Frauen aller Altersgruppen zusammengepfercht, die kreischten, dass sie unschuldig waren, Bittgesuche schrien oder einander beschimpften. Viele warfen mit dem irdischen Besitz um sich, den sie in diesem Moment bei sich trugen – Schmuck, Ringe, Kleidungsstücke, und hin und wieder war auch eine Botschaft dabei, die sie auf eine Tonscherbe gekratzt hatten –, um die Wachen dazu zu bringen, sie freizulassen. Niemand scherte sich darum. Man würde sie so lange festhalten, wie man das für erforderlich hielt. Systematisch und gnadenlos banden die Medjai die Hand- und Fußgelenke derer zusammen, die noch nicht gefesselt waren.
Ich betrat den Gefängnisblock durch den niedrigen dunklen Eingang, und sofort roch ich den scharfen und beharrlichen Gestank der Angst. In kleinen Zellen wurden gefesselte Gefangene gefoltert, indem man ihnen die Fuß- und Handgelenke ausrenkte oder aber mit harten Schlägen auf sie einprügelte, während ihre »Beichtväter« mit ruhiger Stimme ohne Unterlass die gleichen Fragen wiederholten, genau so, wie ein Vater sein lügendes Kind zur Rede stellt. Das jammervolle Wehklagen der Gefangenen wurde gar nicht zur Kenntnis genommen. Derartige Schmerzen und die Angst vor diesen Schmerzen konnte kein Mensch ertragen. Deshalb sagten die Opfer natürlich schon lange, bevor die Messer gezückt wurden und man ihnen die scharfen Klingen zeigte, alles, wovon man ihnen sagte, dass sie es sagen sollten.
Ich entdeckte sie in der dritten Zelle. Sie kauerte in einer dunklen Ecke auf dem stinkenden Boden.
Ich betrat den Käfig. Die Gefangenen machten mir Platz, als hätten sie Angst, ich würde sie treten. Sie verbarg ihr Gesicht unter ihrem schwarzen Haar. Ich baute mich vor ihr auf.
»Schau mich an.«
Sie hob den Kopf, und ich sah etwas in ihrem Gesicht, das mich berührte – vielleicht war es der Stolz, der darin geschrieben stand, vielleicht war es der Zorn, vielleicht auch die erstaunliche Jugend. Ich wollte ihre Geschichte hören. Mir war, als habe sie jene Art von Ungerechtigkeit heimgesucht, die ein ganzes Leben entstellen kann.
»Wie heißt du?«
Sie schwieg.
»Deine Familie wird dich vermissen.«
Sie sackte leicht in sich zusammen. Ich kniete mich vor sie.
»Warum hast du das getan?«
Immer noch nichts.
»Weißt du, dass es hier Männer gibt, die dich dazu bringen können, alles zu sagen, was sie hören wollen?«
Jetzt zitterte sie. Ich wusste, dass ich sie hätte melden müssen. Nur wurde mir in diesem Moment klar, dass ich das nicht tun konnte. Ich konnte dieses Mädchen nicht den Händen der Foltermeister übergeben. Damit hätte ich nicht leben können.
Sie drehte den Kopf zur Seite und wartete, dass über ihr Schicksal entschieden wurde. Ich starrte sie an. Was sollte ich tun?
Grob packte ich sie, riss sie auf die Füße und brachte sie aus der Zelle heraus. Ich war bekannt genug, keinen meiner Ausweise vorzeigen zu müssen. Ich nickte den Wachen einfach nur zu, als wollte ich sagen ›Die gehört mir‹, und schob sie vor mir durch den stinkenden Korridor.
»Halt den Mund, und hör auf zu zappeln«, flüsterte ich ihr in mahnendem Ton ins Ohr. Dann durchschnitt ich die Stricke, mit denen man ihr die Hände und Füße gefesselt hatte. Ein Ausdruck dankbaren Erstaunens legte sich auf ihre Züge. Sie wollte etwas sagen, aber ich bedeutete ihr, auch weiterhin keinen Mucks von sich zu geben. Mit einem Lappen, den ich in einen Topf mit Wasser tunkte, säuberte ich ihr Gesicht so gut ich eben konnte, und dabei befragte ich sie.
»Sprich leise. Wer hat diese Tat befohlen?«
»Niemand hat sie befohlen. Wir haben es aus eigenen Stücken getan. Irgendjemand muss gegen die Ungerechtigkeit und Korruption in diesem Staat protestieren.«
Ich schüttelte den Kopf über ihre Naivität.
»Bildest du dir ein, den König mit Blut zu bewerfen würde etwas ändern?«
Verächtlich sah sie mich an.
»Natürlich wird das etwas ändern. Wer hat denn bisher je den Mut gehabt, ein Zeichen zu setzen? Diese Tat wird niemand vergessen. Sie war erst der Anfang.«
»Und du warst bereit, dafür zu sterben?«
Überzeugt von ihren Idealen nickte sie. Wieder schüttelte ich den Kopf.
»Glaub mir, wenn du dich an jemandem abreagieren willst, dann bestimmt nicht an diesem Knaben in den goldenen Gewändern. Da gibt es andere, die sehr viel größere Macht besitzen und deine Aufmerksamkeit verdienen.«
»Ich weiß, was in diesem Land im Namen der Gerechtigkeit von mächtigen und reichen Männern verbrochen wird. Und Ihr? Ihr seid ein Medjai. Ihr seid ein Teil des Problems.«
»Vielen Dank. Warum tust du es?«
»Warum sollte ich Euch irgendetwas erzählen?«
»Weil ich, wenn du es mir nicht erzählst, nicht tun werde, was ich ansonsten zu tun beabsichtige: dich freizulassen.«
Verblüfft starrte sie mich an.
»Mein Vater …«
»Sprich weiter.«
»Mein Vater war einer der Schreiber im Dienste des früheren Königs. In Achet-Aton. Als ich noch klein war, sind wir alle in die neue Stadt gezogen. Er sagte, die neue Regierung böte ihm die Chance beruflichen Aufstiegs und finanzieller Sicherheit. Und danach sah es auch aus. Wir hatten ein gutes Leben. Wir hatten all die schönen Dinge, die er uns immer hatte geben wollen. Wir besaßen etwas Land. Aber als alles zusammenbrach, mussten wir zurück nach Theben ziehen, mit nichts. Man nahm ihm seine Arbeit, sein Land und alles, was er besaß. Er zerbrach fast daran. Und dann klopfte eines Nachts jemand an die Tür. Und als er sie öffnete, standen draußen Soldaten. Sie legten ihn in Ketten. Wir durften ihn zum Abschied nicht einmal mehr küssen. Und sie nahmen ihn mit. Wir haben ihn nie wiedergesehen.«
Eine Weile konnte sie nicht weitersprechen, nicht vor Trauer, wie ich sah, sondern vor Zorn.
»Meine Mutter legt nach wie vor jeden Abend ein Gedeck für ihn auf«, fuhr sie schließlich fort. »Sie sagt, dass sie erst an dem Tag damit aufhören wird, an dem sie sicher weiß, dass er tot ist. Die Männer dieses Königs haben uns das angetan. Und da wundert Ihr Euch, warum ich von Hass erfüllt bin?«
Ihre Geschichte war keineswegs ungewöhnlich. Viele Männer des alten Regimes hatten gelitten: Manche waren zu Zwangsarbeit verurteilt, andere enteignet worden, wieder andere waren einfach verschwunden. Ehemänner, Väter, Söhne – man hatte sie verhaftet, schweigend in Ketten abgeführt, und sie wurden nie wieder gesehen. Ich habe auch schon gehört, dass weiter im Norden an den Ufern des Großen Flusses Leichenteile angeschwemmt wurden. Augenlose, verfaulte Leiber, die sich in den Netzen der Fischer verfangen hatten und denen die Fingernägel, die Finger, die Zähne und die Zungen fehlten.
»Das tut mir leid.«
»Das braucht Euch nicht leidzutun.«
Inzwischen sah sie zumindest einigermaßen vorzeigbar aus. Ich führte sie nach draußen in den Hof. Die große Gefahr bestand darin, dass uns irgendjemand bemerkte, doch nutzten wir das allgemeine Chaos zu unseren Gunsten und schoben uns durch die Menge am Haupteingang mit der Schakal-Standarte nach draußen auf die belebte Straße.
»Ich kann nachvollziehen, was in dir vorgeht«, flüsterte ich ihr zu. »Ungerechtigkeit ist eine entsetzliche Sache. Aber denk mal nach. Dein Leben ist mehr wert als eine Geste. Das Leben ist eh schon kurz genug. Deine Mutter hat bereits genug verloren. Geh jetzt zu ihr nach Hause, und bleib da!« Ich bestand darauf, dass sie mir ihren Namen und ihre Adresse nannte für den Fall, dass ich beides in Zukunft brauchte. Und dann ließ ich sie frei – ganz so, als sei sie ein wildes Tier. Ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen, verschwand sie im Getümmel der Stadt.
Zu später Stunde kam ich wieder nach Hause. Thot und ich traten durch das Tor, aber anders als sonst trabte er nicht zu seiner Schlafstatt im Hof, sondern stellte sich mit erhobenem Schwanz auf und horchte angestrengt. Im Haus war es ungewöhnlich still. Vielleicht waren Tanefert und die Kinder immer noch bei Nacht. Allerdings brannte im Wohnzimmer, in dem wir nie sitzen, die Öllampe.
Ich lief zur Küchentür, drückte sie lautlos auf und trat über die Türschwelle. Aus der Wandnische strahlte das Licht einer weiteren Lampe, aber von den Kindern fehlte jede Spur. Ich betrat das Wohnzimmer. Tanefert saß auf einem Schemel unter den Wandmalereien, die wir mangels der erforderlichen finanziellen Mittel auch nach all diesen Jahren noch nicht haben fertigstellen lassen. Sie hatte mich noch nicht gesehen. Sie wirkte angespannt. Als ich näher trat, entdeckte ich einen zweiten Schatten auf dem Fußboden. Im nächsten Moment bewegte der Schatten seinen Arm, und mit einem Satz schoss ich in den Raum und verdrehte dem Mann den Arm hinter dem Rücken. Ein Kelch fiel klirrend zu Boden. Wein ergoss sich in einer kleinen Pfütze. Ich starrte in das herablassend dreinblickende Gesicht eines Herrn mittleren Alters, der eindeutig zur Elite gehörte, teuer gekleidet war und einen zwar erstaunten, aber nach wie vor gefassten Eindruck machte. Tanefert sprang auf, als wolle sie Habachtstellung annehmen. Wie es aussah, hatte meine Nervosität mir einen Streich gespielt.
»Guten Abend«, sagte der Mann ruhig in ironischem Ton.
Ich ließ von ihm ab. Er rückte seine imposante Ehrenkette aus Gold – ein außerordentlich schönes Stück – zurecht, und dann fiel ihm auf, dass er sich Wein über sein Gewand gegossen hatte. Enttäuscht blickte er auf den roten Fleck. Das war wahrscheinlich das Schlimmste, was ihm seit Jahren passiert war.
»Dieser Herr hat auf dich gewartet, um mit dir zu reden … schon ziemlich lange.« Meine Frau sah aus, als sei sie alles andere als zufrieden mit mir. Ich konnte mir vorstellen, dass die beiden sich nicht groß miteinander unterhalten hatten. Sie ging in die Küche, um einen Lappen und Wasser zu holen, und bedachte mich im Vorübergehen mit einem tadelnden Blick.
»Ich sollte mich dafür entschuldigen, dass ich auf diese Weise hier bei Euch aufgetaucht bin«, erklärte er mit vornehm leiser Stimme. »Unangemeldet. Unerwartet …«
»Und ohne dass es dafür eine Erklärung gäbe …«, fügte ich hinzu.
Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Was er sah, beeindruckte ihn nicht. Irgendwann schaute er mich wieder an.
»Wie sollen wir diese Unterredung fortsetzen? Ich befinde mich in einer misslichen Lage. In einem Dilemma …«
»Einer Zwickmühle?«
»Wenn Ihr es so ausdrücken wollt. In einer Zwickmühle. Und die Zwickmühle besteht darin, dass ich Euch nicht sagen kann, warum ich hier bin. Ich kann Euch nur bitten, mit mir zu kommen, um jemanden zu treffen.«
»Und Ihr könnt mir nicht sagen, um welchen Jemand es sich dabei handelt.«
»Das ist die Zwickmühle.«
»Es ist ein Geheimnis.«
»Nur hört man ja, dass Ihr in puncto Geheimnisse so etwas wie ein Experte seid. Ein ›Wahrheitssucher‹. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich einer solchen Person je begegnen würde, und dennoch stehe ich jetzt vor einer.«
Mit vernichtendem Blick starrte er mich an.
»Ihr könntet mir zumindest Euren Namen und Euren Titel verraten«, regte ich an.
»Mein Name ist Khay. Oberster Schreiber und Vorsteher des Königlichen Haushalts. Das ist alles, was ich Euch im Moment sagen darf.«
Was trieb ein so hoher Beamter, der ganz oben in der Palasthierarchie tätig war, an diesem sonderbaren Tag der Omen und des Blutes in meinem Wohnzimmer? Ich fand das dermaßen faszinierend, dass ich mich über mich selbst ärgerte. Ich schenkte jedem von uns einen neuen Kelch Wein ein. Er schaute auf seinen, war eindeutig nicht beeindruckt von dessen Qualität, trank ihn aber trotzdem, als handle es sich um Wasser.
»Bittet Ihr mich, jetzt mit Euch zu kommen?«
Er nickte zwar beinahe beiläufig, doch sah ich, dass er mich dringend brauchte.
»Es ist spät. Warum sollte ich meine Familie allein hier zurücklassen, ohne zu wissen, wohin ich gehe oder wann ich wiederkomme?«
»Eure Sicherheit kann ich selbstverständlich garantieren. Nun ja, garantieren kann ich, dass ich mich für Eure Sicherheit einsetzen werde, was, wie ich schätze, nicht so ganz dasselbe ist. Hundertprozentig garantieren kann ich, dass Ihr vor Morgengrauen wieder zu Hause sein werdet, wenn Ihr das wünscht.«
»Und wenn ich mich weigere?«
»Oh … Das wäre recht schwierig …« Er sprach nicht weiter.
Dann griff er in sein Gewand und zog aus einem Lederbeutel einen Gegenstand heraus.
»Mein Auftraggeber bat mich, Euch das hier zu zeigen.«
Es war ein Spielzeug. Ein Mann aus Holz und ein riesiger Hund mit weit aufgerissenen roten Augen, die mit Schnüren und Rollen bedient wurden. Sie waren an einem Holzstift befestigt, einem Aufhänger. Ich wusste, wenn man den drehte, hob der Mann die Arme, um sich gegen den hölzernen Hund zu wehren, der sich zeitgleich erhob, um ihn anzugreifen. Ich wusste das, weil ich dieses Spielzeug schon einmal gesehen hatte, vor vielen Jahren, im Kinderzimmer der königlichen Familie. Als die junge Königin, die man heute mit Blut besudelt hatte, noch ein kleines Mädchen gewesen war.
In der Küche erklärte ich Tanefert das Ganze. Sofort krochen die Mädchen aus ihrem Zimmer und versammelten sich im sicheren Kreis des Lampenscheins.
»Wer ist dieser Mann?«, wollte Thuju wissen.
»Er ist ein hoher Beamter.«
»Ein hoher Beamter von was?«, wisperte Sekhmet, die begeistert davon war, dass ein echter Spitzenmann der Elite in unser Haus gekommen war.
Tanefert brachte sie alle mit einem Sch! zum Schweigen und überredete sie, wieder in ihr Zimmer zu gehen. Nedjmet, die Süße, stand da und sah mich kaum einmal an. Ich hob sie hoch, küsste sie und versprach ihr, rechtzeitig zum Frühstück zurück zu sein.
»Wohin gehst du denn? Es ist dunkel draußen.«
»Ich treffe mich mit jemandem.«
»Musst du arbeiten?«
»Ja. Ich muss arbeiten.«
Ernst nickte sie, und ich reichte sie an Tanefert weiter, die mich neuerlich mit einem ihrer tadelnden Blicke bedachte.
»Ich werde Thot hierlassen, damit er euch bewacht.«
Sanft küsste sie mich und zog sich in unsere Schlafkammer zurück.
Wir erreichten den Hafen, die Stelle, an der die Fähren an- und ablegen. Tagsüber ist hier alles voller Boote und Schiffe jedweder Größe, von kleinen Schilfbooten und Passagierfähren bis hin zu den großen Handelsschiffen des Königreiches und den Steintransportern. Die Wirtschaft, die dafür sorgt, dass die Stadt blüht und gedeiht, reich bleibt und stets mit Luxusgütern, Baumaterialien und Lebensmitteln versorgt ist, hat hier ihre zentrale Basis. Hier werden geschäftliche Transaktionen besiegelt oder zerschlagen sich, hier werden Waren importiert oder eingeschmuggelt. In der Nacht herrscht indes Ruhe. Während der Nachtstunden wird kein Handel getrieben, weil es so gefährlich ist, nach Einbruch der Dunkelheit über den Großen Fluss zu segeln. Krokodile schwimmen unsichtbar umher und greifen im Schutz der Strömung und Strudel des schwarzen Wassers an.
Um das technisch hochentwickelte und elegante Boot, das wir bestiegen, zum Kentern zu bringen, hätte es allerdings eines ganzes Rudels von Krokodilen bedurft. Wir ließen uns in der von einem Vorhang abgeteilten Kabine nieder und brachten die kurze Überfahrt hinter uns, ohne ein Wort zu wechseln. Khay offerierte mir weiteren Wein, den ich ablehnte. Er zuckte mit den Achseln, goss sich selbst welchen ein und setzte sich, um ihn zu trinken. Ich beschäftigte mich mit dem Spielzeug, drehte an dem Aufhänger, damit der Hund mit den roten Reißzähnen und den gezackten Nackenhaaren aus grob ausgesägtem Holz den Mann immer und immer wieder ansprang. Und ich erinnerte mich an das kleine Mädchen, das vor vielen Jahren zu mir gesagt hatte: Guck mal! Das bist du …! Ich hatte allerdings nicht vor, die verschlossene Kiste zu öffnen, die diese Erinnerungen enthielt. Noch nicht. Während wir auf das Westufer zufuhren, schaute ich auf die flachen Dächer und weißen Mauern von Theben, die im Mondlicht leuchteten. Das Gros der vielen Menschen, die in der Stadt lebten, schlief um diese Uhrzeit, um am Morgen zu ihrer niemals endenden körperlichen Schwerstarbeit zurückkehren zu können. Nur die Reichen und Freien waren jetzt noch wach und feierten ihre privaten Feste, bei denen sie ihren Wein tranken und sich amüsierten, über die Ereignisse des vergangenen Tages tratschten, über Politik und deren Konsequenzen.
Wir legten nicht direkt am Westufer an. Stattdessen fuhren wir weiter, vorüber an den Wachposten am Ufer und dann hinein in einen langen, dunklen Kanal, der zwischen den Bäumen und Feldern verlief, in denen sich jetzt die Tiere der Nacht tummelten. Der Kanal, der in einer so schnurgeraden Linie gebaut worden war, wie Ingenieure das lieben, öffnete sich plötzlich in das gewaltige T-förmige Becken des Birket Habu. Schwärme von Nachtvögeln kabbelten sich auf seiner glatten, reglosen Oberfläche. In den Fels gehauene Rampen, die den angrenzenden Gebäudekomplex vor Überflutung schützten, versperrten die Sicht auf die Landschaft. Ich wusste aber, was sich hinter diesen Wällen verbarg: Malqata, eine gewaltige Palastanlage, in der die königliche Familie ihre streng bewachten königlichen Gemächer bewohnte und zu Tausenden Beamte, Soldaten und Diener lebten und arbeiteten, um dieser ihr seltsames Leben zu ermöglichen. Der Palast war bekannt unter dem Namen »Haus des Jubels«, nur hatte das finstere Gemäuer, das sich allmählich vor uns auftat, wenig an sich, was einen derart optimistischen Namen gerechtfertigt hätte. Der Palast war berühmt für seine Ausschmückung und das viele Geld, das seine Erbauung unter Tutanchamuns Großvater gekostet hatte, sowie für sein beeindruckendes Bewässerungssystem, das, wie gemunkelt wurde, sogar Badezimmer, künstliche Teiche und Gärten im Herzen des Palastgeländes mit Wasser versorgte. Es hieß, die Betten seien mit Ebenholz, Gold und Silber intarsiert. Es hieß, die Türrahmen seien aus purem Gold. Die Leute, die derartige Dinge über Traumpaläste behaupten, sind Menschen, die diese Paläste niemals von innen sehen werden.
Wir legten an dem riesigen Anlegesteg an, der sich an der gesamten Frontseite des Sees entlangzog. In Kupferschalen, die auf schmiedeeisernen Ständern ruhten, brannte Öl und verbreitete ein düsteres, unheilvoll gelb-orangefarbenes Licht. Die Palastwachen verbeugten sich tief, als Khay und ich vom Boot stiegen. Die Tiefe der Verbeugung war ein deutlicher Hinweis darauf, welches Ansehen dieser Mann hier genoss. Und wie es hochrangigen Männern seiner Art eigen ist, ignorierte er ihrer aller Anwesenheit völlig.
Über einen langen Prozessionsweg, der von Lampen und dem angenehm vertrauten Mond erleuchtet wurde, liefen wir auf die lang gezogenen und flachen Umrisse des Palastkomplexes zu, und dann – mein Herz wurde getrieben von dem Rätsel, das mich erwartete, meine Füße trieb die Unumgänglichkeit voran – traten wir ein in große Düsternis.
Der Vorsteher des Königlichen Haushalts hob eine brennende Öllampe aus einer der Wandnischen. Das gesamte Umfeld wirkte gedämpft, edel geschmückt und abgeschieden von der Außenwelt. Überall auf dem Korridor, durch den wir schnellen Schrittes gingen, standen auf Sockeln wunderschöne Statuen und Reliefs. Ich fragte mich, was sich in den vielen abgehenden Zimmern abspielte: Welche Treffen fanden dort statt? Welche Unterredungen? Welche Beschlüsse wurden dort getroffen, und wie weitreichend waren die Folgen dieser Beschlüsse der Führungsschicht für die ahnungslose und machtlose Welt da draußen? Wir liefen weiter, bogen immer mal wieder nach rechts oder nach links ab und kamen durch hohe, hallende Hallen, wo hie und da Höflinge in Grüppchen beieinanderstanden und sich beratschlagten sowie Wachen aufgestellt waren. Tiefer und tiefer führte uns unser Weg in den Palast. Er war ein Labyrinth aus Schatten. Manchmal kam uns ein Diener oder ein Wachsoldat entgegen. Alle hielten sie die Köpfe tief gesenkt, taten so, als würde es sie überhaupt nicht geben, und kümmerten sich um das Licht der Öllampen.
Gemächer über Gemächer mit Wänden, die mit grandiosen Szenen höchster Wonne und Muße bemalt waren – Vögel in den Schilfsümpfen, Fische in den klaren Wassern –, tauchten im Licht der Lampe auf und verschwanden wieder. Es wäre mir schwergefallen, hier wieder herauszufinden. Meine Schritte passten auch überhaupt nicht hierher – sie störten die enorme Stille. Khay lief auf seinen teuren, leisen Sandalen voraus. Ich beschloss, mehr Lärm zu machen, einfach nur, um ihm damit auf die Nerven zu gehen. Er weigerte sich, mein Benehmen auch nur mit einem Blick nach hinten zu kommentieren. Doch so seltsam es auch ist: Es stimmt, dass wir den Gesichtsausdruck eines Menschen an seinem Hinterkopf ablesen können.
Rasch passierten wir einen Kontrollpunkt, indem Khay die Elite-Einheiten, die vor den königlichen Gemächern Wache standen, einfach wegwedelte, und dann führte er mich durch einen weiteren Korridor ins Allerheiligste, wo wir schließlich vor einer riesengroßen Doppeltür stehen blieben. Darüber war ein Relief, das einen geflügelten Skarabäus zeigte, und die Tür selbst war aus dunklem Holz gefertigt und mit Intarsien aus Silber und Gold verziert. Er klopfte, und nach einem Moment der Stille schwangen die Türen auf, und wir wurden in ein großes Gemach geführt.
Prachtvolle Flächen und Möbel wurden von großen gehämmerten Schalen illuminiert, die überall an den Wänden standen und deren Flammen sehr leise brannten und ein klares Licht verströmten. Die Einrichtung und die Dekoration waren auf perfekte Weise zurückhaltend. Hier, schien der Raum zu sagen, konnte man in Ruhe sein Leben leben und sich wohlfühlen. Trotzdem hatte das Ganze aber auch etwas von einem Bühnenbild: Als müsse man damit rechnen, hinter den spektakulären Fassaden Schutt, Anstreicherpinsel und unfertige Arbeiten zu entdecken.
Durch die offenstehenden Türen, die nach draußen auf die Terrasse führten, trat leise eine junge Frau in den Raum und blieb auf der Türschwelle stehen – zwischen dem Licht des Feuers aus den großen Schalen und der Dunkelheit, die alles umgab. Sie schien von beidem ein wenig in sich zu tragen. Im nächsten Moment trat Anchesenamun ins Licht und kam näher. Ihre Züge hatten trotz ihrer jugendlichen Schönheit etwas bezaubernd Selbstbewusstes. Sie trug eine modische geflochtene Perücke, die glänzte und ihr Gesicht umrahmte, ein plissiertes Leinengewand, das unter der rechten Brust geknotet war und dessen fließender Schnitt ihre elegante und hübsche Figur unterstrich, und eine breite Goldkette aus mehreren Reihen mit Anhängern und Perlen. Bei jeder Bewegung klimperten die Reifen und Bänder, die an ihren Hand- und Fußgelenken baumelten. Ringe aus Gold und Elektron blitzten an ihren zarten Fingern. Ohrringe, die die Form goldener Scheiben hatten, funkelten im Lampenschein. Sie hatte sich die Augen sorgfältig mit Kajalstift ummalt und die schwarzen Linien auf etwas altmodische Weise weit nach außen gezogen. Als sie mich ansah, legte sich der Anflug eines Lächelns auf ihre Lippen, und ich begriff, dass sie sich bewusst so zurechtgemacht hatte, um ihrer Mutter ähnlich zu sehen.
Khay verneigte sich, und ich tat es ihm gleich und wartete dann, wie die Etikette es gebot, bis sie das Gespräch begann.
»Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich an dich erinnere oder ob das, woran ich mich erinnere, aus Geschichten stammt, die man mir erzählt hat.«
Selbstbeherrschung und Neugier schwangen in ihrer Stimme.
»Leben, Wohlstand und Gesundheit. Ihr wart noch sehr jung, Euer Majestät.«
»In einem anderen Leben. Einer anderen Welt. Vielleicht.«
»Vieles hat sich verändert«, sagte ich.
»Schau auf«, sagte sie ruhig, und dann schlug sie geheimnisvoll ihre dunklen Augen nieder, drehte sich um und erwartete, dass ich ihr nach draußen folgte.
Wir gingen auf die Terrasse. Khay entfernte sich nicht, sondern folgte uns in diskretem Abstand, sodass er uns zwar immer noch hören, aber auch vorgeben konnte, er würde genau das nicht tun. Irgendwo in der Dunkelheit plätscherte ein Brunnen. Die Luft war kühl und duftete. Über einen Zierweg, der von weiteren flackernden Lampen erleuchtet wurde, lief sie immer tiefer in die mondhelle Dunkelheit.
Ich erinnerte mich an das Mädchen, dem ich vor Jahren begegnet war: ein launisches und frustriertes kleines Ding. Und hier stand jetzt eine elegante, makellose, junge Frau. Die Zeit schien mich zu verhöhnen. Wo waren die Jahre geblieben? Vielleicht war sie sehr schnell erwachsen geworden, allzu plötzlich, wie es Menschen widerfährt, die in der Jugend verheerende Veränderungen durchmachen müssen. Ich dachte an meine eigenen Töchter, daran, wie ungezwungen sie mit den Veränderungen in ihrem Leben umgingen. Dank der Gnade der Schicksalsgötter brauchten sie weder eine Taktik noch ein bestimmtes Auftreten. Aber auch sie wurden erwachsen, wuchsen in ihre eigene Zukunft hinein.
»Du erinnerst dich also an mich«, sagte sie leise, während wir dahinschritten.
»Damals hattet Ihr einen anderen Namen«, erwiderte ich vorsichtig.
Sie drehte den Kopf zur Seite.
»Was das anging, hatte ich nur wenig Mitspracherecht. Ich war ein tollpatschiges, unzufriedenes Kind, keine richtige Prinzessin. Im Gegensatz zu meinen Schwestern. Doch da die nun alle tot sind, muss ich jetzt noch sehr viel mehr sein. Man hat mir ein völlig neues Ansehen verschafft, nur habe ich mich bisher vielleicht noch nie so richtig würdig gefühlt, die Rolle zu füllen, die man mir – zugeteilt hat. Ist das das richtige Wort? Oder ist das die Rolle, die mir bestimmt war?«
Es hörte sich an, als spreche sie über eine fremde Person und nicht über sich selbst.
Wir erreichten ein langes Wasserbecken in der Mitte des Innenhofes. An den vier Ecken hatte man Öllampen aufgestellt, und der Mond spiegelte sich in dem schwarzen Wasser, das wie im Traum säuselte. Der Ort hatte etwas Romantisches und Geheimnisvolles. Wir schlenderten am Rand des Beckens entlang. Und dabei hatte ich irgendwie das Gefühl, als bewegten wir uns auf den Kern der Sache zu.
»Meine Mutter hat immer gesagt, dass ich nach dir schicken soll, falls ich mich je in ernster Gefahr befinde. Sie versprach mir, dass du dann kommen würdest.«
»Und hier bin ich«, antwortete ich ruhig. Die Erinnerung an ihre Mutter hatte ich in einer Kiste im hintersten Winkel meines Hirns versteckt. Sie war zu gewaltig und zu hoffnungslos, als dass ich etwas anderes damit hätte tun können. Und die Tatsache, dass sie jetzt tot war, änderte nichts daran, denn die Frau lebte an einem Ort weiter, an dem ich keine Kontrolle über sie hatte: in meinen Träumen.
»Und da Ihr jetzt nach mir geschickt habt und ich hier bin, müsst Ihr Euch in ernster Gefahr befinden.«
Ein Fisch durchbrach die spiegelglatte Wasserfläche, und es bildeten sich konzentrische Ringe, die das Wasser leise an den Rand des Beckens plätschern ließen. Das Bild des Mondes zersplitterte und fügte sich langsam wieder zusammen.
»Mich beunruhigen Zeichen. Böse Omen …«
»Ich glaube nicht groß an Zeichen und böse Omen.«
»Das habe ich gehört, und das ist wichtig. Wir sind allzu leicht verängstigt, mein Gemahl und ich. Wir brauchen jemanden, der nicht so abergläubisch und furchtsam ist. Ich sehe mich selbst als einen modernen Menschen, der sich nicht so schnell vor Dingen fürchtet, die nicht da sind. Nur muss ich feststellen, dass ich das gar nicht bin. Dieser Palast hier ist da vielleicht nicht gerade hilfreich. Er ist dermaßen riesig und hat so überhaupt kein Leben, dass die Fantasie ihn mit allem bevölkert, wovor sie sich fürchtet. Da braucht bloß ein Windzug aus der verkehrten Richtung zu wehen, von unten aus dem Roten Land herein, und schon spüre ich hinterhältige Geister, die sich in den Vorhängen winden. Diese Zimmer hier sind zu groß, um ohne Angst darin schlafen zu können. Ich lasse die Lampen die ganze Nacht über brennen, vertraue der Zauberei, umklammere Glücksbringer wie ein Kind … Das ist lächerlich, denn ich bin kein Kind mehr. Ich kann mir nicht erlauben, mich den Ängsten eines Kindes zu ergeben.«
Sie drehte den Kopf zur Seite.
»Angst ist ein mächtiger Feind, aber auch ein nützlicher Freund.«
»Das klingt wie etwas, das nur ein Mann sagen kann«, erwiderte sie amüsiert.
»Vielleicht solltet Ihr mir sagen, warum Ihr Euch fürchtet«, sagte ich.
»Ich höre, dass Ihr gut zuhören könnt.«
»Meine Töchter behaupten etwas anderes.«
»Ach ja, Ihr habt Töchter. Eine glückliche Familie …«
»So einfach, wie sich das anhört, ist es nicht immer.«
Sie nickte. »Keine Familie ist einfach.«
Sie schwieg eine Weile, dachte nach.
»Mein Gemahl und ich wurden miteinander verheiratet, als wir beide noch sehr jung waren«, sagte sie dann. »Ich bin zwar ein paar Jahre älter als er, aber wir waren beide noch Kinder, die der Staat zum Zwecke eines Machtbündnisses miteinander vermählte. Uns hat keiner gefragt, ob wir das wollten. Jetzt werden wir für Staatsakte hervorgeholt wie Statuen. Wir vollziehen Rituale. Wir machen Gesten. Wir wiederholen die Gebete. Und dann stopft man uns wieder zurück in diesen Palast. Als Gegenleistung für diesen Gehorsam überschüttet man uns mit Luxus, Gefälligkeiten und Privilegien. Ich beklage mich nicht. Ich kenne nichts anderes. Dieser wunderschöne Schrein ist das einzige Zuhause, das ich seit vielen Jahren habe. Er ist ein Gefängnis, und trotzdem hat er sich immer wie ein Heim angefühlt. Ist es komisch, dass ich es so empfinde?«
Ich schüttelte den Kopf.
Wieder legte sie eine Pause ein und dachte nach.
»Nur, in letzter Zeit«, fuhr sie schließlich fort, »fühle ich mich nicht einmal hier mehr sicher.«
»Warum?«
»Das hat verschiedene Gründe! Zum einen vielleicht, weil ich spüre, dass sich die Atmosphäre irgendwie verändert. Dieser Palast ist eine sehr beherrschte, hochdisziplinierte Welt. Wenn sich hier etwas verändert, merke ich das sofort: Wenn Dinge beispielsweise nicht da sind, wo sie eigentlich sein sollten, oder plötzlich wie aus dem Nichts auftauchen. Dinge, die keinerlei Bedeutung haben könnten, wenn man sie allerdings aus einer anderen Perspektive betrachten würde, etwas Mysteriöses bedeuten könnten, etwas … Und dann heute …«
Plötzlich fehlten ihr die Worte. Sie zuckte mit den Achseln. Ich wartete darauf, dass sie weitersprach.
»Meint Ihr die Vorkommnisse beim Fest? Das Blut …?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Etwas anderes.«
»Könnt Ihr mir zeigen, was Ihr meint?«
»Ja. Aber vorher muss ich dir erst noch etwas anderes erzählen.«
Sie zog mich auf eine Bank, die in der Dunkelheit stand, und sprach auf einmal mit der verhalten leisen Stimme einer Verschwörerin.
»Was ich dir jetzt erzählen werde, ist ein Geheimnis, von dem nur ich selbst und ein paar wenige Männer meines Vertrauens wissen. Du musst mir dein Wort geben, dass du Stillschweigen darüber wahrst. Worte sind Macht, und Schweigen ist ebenfalls Macht. Diese Mächte gehören mir, und das muss respektiert und dem muss Folge geleistet werden. Wenn du das nicht tust, werde ich es erfahren und dich bestrafen.«
Ernst sah sie mich an.
»Ihr habt mein Wort.«
Zufrieden nickte sie und atmete tief durch.
»Tutanchamun wird in Kürze bekannt geben, dass er zum König gekrönt wird und den Thron seines Königreiches besteigt. Das hätte heute geschehen sollen, nachdem er sich mit den Göttern ausgetauscht hatte. Aber dazu konnte es ja dann nicht kommen. Aus den offensichtlichen Gründen. Heute hat man unseren Plan vereitelt. Aber aufhalten wird man uns nicht. Die Zukunft des Königreiches steht auf dem Spiel.«
Sie schaute mich an, um zu sehen, wie ich darauf reagierte.
»Er ist bereits der König«, gab ich vorsichtig von mir.
»Aber nur dem Namen nach, denn Regent ist Eje, und der hat in Wahrheit alle Macht. Er regiert das Reich. Er hält sich unsichtbar im Hintergrund, und unter diesem Deckmäntelchen tut er, was ihm beliebt. Wir sind lediglich seine Marionetten. Also müssen wir jetzt die Macht ergreifen. Solange noch Zeit ist.«
»Das wird sehr schwierig sein. Und sehr gefährlich.«
»Offenkundig. Also verstehst du jetzt, warum ich nach dir habe schicken lassen.«
Ich spürte, wie die Schatten des Palasts um mich her mit jedem Wort, das sie sprach, dunkler wurden.
»Darf ich Euch etwas fragen?«
Sie nickte.
»Seid Ihr überzeugt, dass Eje den König bei seinem Vorhaben nicht unterstützen würde?«
Mit einem Schlag sah Anchesenamun aus wie die einsamste Frau, die ich je erlebt hatte. Es war, als habe eine Windböe die Tür ihres Herzens aufgestoßen. In diesem Moment wusste ich, dass es kein Zurück gab aus dieser seltsamen Nacht und keinen Fluchtweg aus dem trostlosen Labyrinth dieses Palasts.
»Wenn er es wüsste, würde er uns beide vernichten.«
In ihrem Blick lag Entschlossenheit, aber auch Angst.
»Und Ihr wisst sicher, dass er es nicht weiß?«
»Ganz sicher wissen kann ich das nicht«, erwiderte sie. »Aus seinem Verhalten deutet aber nichts darauf hin. Er behandelt den König mit Verachtung und wie ein abhängiges Kind, obwohl dieser dem längst entwachsen sein müsste. Ejes Macht hängt von unserer Unterwürfigkeit ab. Nur tut er das Gefährlichste, was ein Mensch überhaupt tun kann: Er unterschätzt uns. Er unterschätzt mich. Aber ich werde das nicht länger dulden. Wir sind die Kinder unseres Vaters. Ich bin die Tochter meiner Mutter. Sie ist in mir, ruft nach mir, macht mir Mut und redet mir zu, meine Angst zu überwinden. Die Zeit ist gekommen, dass wir unsere Autorität und die Rechte unserer Dynastie geltend machen. Und ich glaube, ich stehe nicht allein mit dem Wunsch, nicht länger in einer Welt leben zu müssen, die von einem derart kaltherzigen Mann regiert wird.«
Ich musste gut nachdenken.
»Eje ist sehr mächtig«, erwiderte ich schließlich. »Überdies ist er äußerst clever und extrem skrupellos. Ihr werdet eine schlagkräftige und ungewöhnliche Strategie benötigen, um ihn zu überlisten.«
»Ich hatte sehr viel Zeit, ihn zu studieren, auch die Listigkeit seines Verstandes. Ich habe ihn beobachtet, glaube aber, dass er das nicht bemerkt hat. Ich bin ja eine Frau, und deshalb unter seiner Würde. Ich bin nahezu unsichtbar für ihn. Und – da kam mir eine Idee.«
Für einen kurzen Moment wagte sie auszusehen, als sei sie stolz auf sich.
»Ich bin überzeugt, dass Euch bewusst ist, was auf dem Spiel steht«, sagte ich vorsichtig. »Selbst wenn es Euch gelingt zu proklamieren, dass der König die Macht ergreift, wird Eje mit ziemlicher Sicherheit weiterhin die Zügel in der Hand behalten. Er hat viele einflussreiche Gruppierungen und Kräfte hinter sich.«
»Eje ist für seine Skrupellosigkeit berüchtigt. Wir verfügen aber ebenfalls über Verbündete, auch hat er große Feinde. Und dann ist da seine zwanghafte Ordnungsliebe. Er würde sich eher in zwei Teile zerhacken, als das Risiko einzugehen, dass die Welt neuerlich in Unordnung gerät.«
»Ich glaube, dass er eher tausend andere zerhacken würde, bevor er das mit sich selbst täte.«
Zum ersten Mal lächelte sie.
»Eje befasst sich mehr mit anderen, die seine Vormachtstellung bedrohen. Haremhab, der General, wartet nur auf seine Chance. Das weiß jeder. Und vergiss nicht, dass wir Eje gegenüber einen weiteren großen Vorteil haben. Den vielleicht größten überhaupt …«
»Und welcher ist das?«
»Die Zeit. Eje ist alt. Seine Knochen tun ihm weh. Seine Zähne tun ihm weh. Die Zerstörerin Zeit hat ihn aufgespürt und nimmt Rache an ihm. Wir hingegen, wir sind jung. Die Zeit ist unsere Verbündete.«
Sie saß da in der schlichten Schönheit ihrer Jugend, gewandet in das Gold des Sonnengottes, und lächelte bei dem Gedanken.
»Allerdings ist die Zeit auch berühmt dafür, eine Verräterin zu sein. Wir sind ihr alle ausgeliefert.«
Sie nickte.
»Es spricht für deine Weisheit, dass du das sagst. Aber unsere Zeit ist jetzt. Wir müssen diesen Moment beim Schopfe packen, um unseretwillen und der Beiden Länder willen. Wenn wir das nicht tun, sehe ich unser aller Zukunft als eine Ära der Finsternis.«
»Darf ich eine letzte Frage stellen?«
Sie lächelte.
»Ich habe gehört, dass du Fragen liebst. Ich sehe, dass das stimmt.«
»Wann wird Tutanchamun seine Krönung bekannt geben?«
»Das wird in den nächsten Tagen geschehen. Die Eröffnung der neuen Säulenhalle wurde verschoben. Wenn sie stattfindet, wird der König das Allerheiligste betreten. Das ist der richtige Zeitpunkt für eine Veränderung.«
Wie clever und flott sie war. Der König würde die Götter aufsuchen. Anschließend die Proklamation zu verkünden war perfektes Timing. Es vermittelte, dass die Götter die Übernahme der Macht gebilligt hatten. Ich spürte Erregung in mir, die Aussicht darauf, dass sich etwas änderte – etwas, was ich sehr lange nicht mehr empfunden hatte. Das Ganze konnte klappen. Nur wusste ich, dass mein Optimismus gefährlich war und mich zu Leichtsinn verleiten konnte. Für den Moment lebten wir immer noch in der Welt der Schatten.
»Ihr sagtet, dass Ihr mir etwas zeigen wollt.«
Das kleine Steinrelief war eine Darstellung von Echnaton und Nofretete, die zusammen mit ihren älteren Töchtern Aton anbeteten, die Sonnenscheibe, die das große Symbol ihrer Revolution gewesen war. Viele Sonnenstrahlen reichten von der Scheibe nieder, an deren Enden göttliche Hände seltsamen kleinen Menschengestalten, die ihre Arme hoben, um die göttlichen Segnungen zu empfangen, Anch-Kreuze entgegenhielten, das heilige Symbol des Lebens. Trotz der lang gezogenen Glieder – eine Darstellung, die typisch für jene Zeit war – handelte es sich zweifelsfrei um ein Familienporträt. Das Steinbild war nicht sehr alt, denn Wind und Zeit hatten es an den Rändern noch nicht zerfressen oder ausgewaschen. Er konnte nur aus der Stadt Achet-Aton stammen.
An dem Stück waren auch noch mehrere andere Dinge auffällig. Erstens hatte man den Namen des Aton aus dem Stein herausgeschlagen. Das war bedeutsam, denn Namen sind Macht, und diese Schändung sollte als Drohung verstanden werden, die direkt gegen die Seele von Re gerichtet war. Zweitens hatte man auch den großen Kreis der Sonnenscheibe, das Zeichen des Lebens, unkenntlich gemacht. Aber nichts davon war ungewöhnlich, denn dieser Bildersturm war seit der Abschaffung von Echnatons Religion gang und gäbe. Weit größere Bedeutung hatte die Tatsache, dass man der gesamten königlichen Familie Augen und Nasen herausgemeißelt hatte, sodass sie im Reich der Toten weder sehen noch riechen konnten. Anchesenamuns königliche Namen hatte man ebenfalls entfernt, wie ich sah, und das war eine sehr persönliche Schändung.
Das Relief war ein paar Stunden zuvor in einer Kiste in den königlichen Gemächern aufgefunden worden, genau zu dem Zeitpunkt, da der Festakt stattgefunden hatte. Die Beschriftung der Kiste wies den Inhalt als Geschenk für den König und die Königin aus. Niemand konnte sich erinnern, wann die Kiste angeliefert worden war, und es gab keinen Beleg dafür, dass man sie am Tor zu den Königlichen Amtsstuben vorgezeigt hatte. Es schien, als wäre sie einfach aus dem Nichts aufgetaucht. Die Kiste selbst war unscheinbar – ein hölzerner Kasten, vermutlich aus Akazienholz, wie sie in Theben üblich waren und überall hergestellt wurden. Ich durchwühlte das Stroh, in dem das Relief gelegen hatte. Keine Notiz. Keine Botschaft. Das geschändete Relief war die Botschaft. Es zu beschaffen musste einige Mühe gekostet haben, denn Achet-Aton, die Stadt des Großen Horizonts, war zwar noch nicht gänzlich verödet, verfiel aber langsam wieder zu dem Staub, aus dem man sie erbaut hatte, und es reiste kaum noch jemand dorthin. Sie stand jetzt im Ruf, ein verfluchter und verwaister Ort zu sein. Zusammen mit Khay standen wir da und zerbrachen uns die Köpfe über dieses mysteriöse Objekt.
»Glaubt Ihr, es besteht eine Verbindung zwischen diesem Steinrelief und dem, was heute vor dem Tempel passiert ist, und dass beides zusammen eine Bedrohung Eurer beider Leben darstellt?«, fragte ich.
»Jedes Ereignis für sich ist beängstigend«, erwiderte sie. »Aber beides an einem Tag …«
»Zwischen dem, was sich heute zugetragen hat, und dem Auffinden dieses Reliefs muss nicht unbedingt eine Verbindung bestehen«, gab ich zu bedenken.
»Woher willst du das wissen?«, fragte Anchesenamun sofort.
»Was da heute in aller Öffentlichkeit vorgefallen ist, war ein gezielter politischer Akt des Aufbegehrens. Das hier ist wesentlich persönlicher und in Eurem privaten Umfeld passiert.«
»Das klingt ein wenig vage«, meinte Khay.
»Das Erste war der geschmacklose Akt einer Gruppe, die keine anderen Möglichkeit hat, ihre Opposition und ihre Wut zum Ausdruck zu bringen. Diese Leute hatten keine anderen Möglichkeit, gegen die Mächtigen aufzubegehren, als den König während eines Festaktes mit etwas zu bewerfen. Das hatte zwar einen dramatischen Effekt, ist aber nur schwerlich der Akt mächtiger Menschen. Das sind Außenseiter, sie besitzen nicht wirklich Einfluss und leben am Rande der Gesellschaft. Das hier jedoch ist etwas ganz anderes: Das hier ist sehr viel wirkungsvoller, hat erheblich mehr Aussagekraft und ist viel raffinierter. Wer das hier getan hat, muss schreiben können, um die Macht von Namen wissen und eine Ahnung haben, welchen Effekt ein Bildersturm hat. Das hier hat nicht nur beträchtlicher Vorbereitungen bedurft, sondern auch genauer Kenntnisse der Sicherheitsmaßnahmen, die in den königlichen Gemächern herrschen. Deshalb können wir davon ausgehen, dass diese Tat hier von jemandem begangen wurde, der zur Elite gehört, aller Wahrscheinlichkeit nach zur Führungsschicht.«
»Was wollt Ihr damit unterstellen?«, fragte Khay steif.
»Dass das Stück von jemandem angeliefert wurde, der sich im Palast aufhält.«
»Das ist so gut wie unmöglich. Die königlichen Gemächer werden zu jeder Zeit aufmerksam bewacht.«
»Und trotzdem liegt das hier«, gab ich zurück.
Jetzt streckte er sein schmales Kinn in die Höhe. Er bebte vor Empörung wie ein zorniger Vogel. Doch ich sprach weiter, bevor er mir ins Wort fallen konnte. »Außerdem weiß der Täter ganz genau, was er tut«, sagte ich. »Denn das hier soll an der Stelle Angst erzeugen, an der es den größten Schaden anrichtet: in der Psyche des Königs und all derer, die ihm nahestehen.«
Beide starrten sie mich verdutzt an. Ich hatte vermutlich zu viel gesagt, als ich dem König irgendeine Form von menschlicher Schwäche unterstellt hatte. Nur war es für Etikette und politische Korrektheit jetzt zu spät.
»… das scheint der Täter sich zumindest zu erhoffen. Gehe ich recht in der Annahme, dass niemand etwas von dem hier weiß?«
Khay zog ein Gesicht, als habe er in saures Obst gebissen.
»Eje wurde in Kenntnis gesetzt. Er verlangt, über alles informiert zu werden, was in den königlichen Gemächern vorgeht.«
Eine Weile sprach keiner ein Wort.
»Du wirst bereits wissen, was ich dich jetzt fragen werde«, sagte Anchesenamun schließlich leise zu mir.
Ich nickte.
»Ihr wollt, dass ich herausfinde, wer dafür verantwortlich ist, dass Euch dieses Objekt geschickt und auf so gehässige Weise geschändet wurde.«
»Niederträchtige Menschen haben Zutritt zu den königlichen Gemächern. Diese Leute müssen identifiziert werden. Das allein reicht aber nicht. Außerdem will ich, dass du für meinen Gemahl und mich als unser – persönlicher Beschützer fungierst. Unser Bewacher. Jemand, der auf uns aufpasst. Jemand, den andere nicht sehen …«
»Ihr habt die Palastwache«, sagte ich.
»Der Palastwache kann ich nicht trauen.«
Mir war, als führe mich jeder Satz dieser Unterredung tiefer und tiefer in eine Falle.
»Ich bin nur ein einzelner Mann.«
»Du bist der einzige Mann. Und das ist der Grund, warum ich nach dir geschickt habe.«
Damit hatte sich die letzte der Türen, die mich vielleicht noch hier heraus und in das Leben, das ich für mich erwählt hatte, hätten zurückkehren lassen können, lautlos geschlossen.
»Und wie entscheidest du dich?«
Mir schossen verschiedenste Antworten durch den Kopf.
»Es wird mir eine Ehre sein, das Versprechen zu halten, das ich Eurer Mutter gegeben habe«, sagte ich irgendwann. Mein Herz krampfte sich zusammen angesichts der Konsequenzen, die diese wenigen Worte hatten.
Erleichtert lächelte sie mich an.
»Trotzdem kann ich aber meine Familie nicht im Stich lassen …«
»Vielleicht ist das ein Vorteil. Das hier muss unser Geheimnis bleiben. Du solltest also dein ganz normales Leben weiterführen und dann – …«
»Eje kennt mich aber. Andere werden von mir wissen. Ich kann nicht heimlich hier sein. Das würde mir meine Aufgabe unmöglich machen. Ihr solltet einfach behaupten, dass Ihr mich aufgrund der Drohungen, die Ihr erhalten habt, zusätzlich zur Palastwache einstellt. Sagt, dass ich als unabhängiger Sachverständiger die internen Sicherheitsmaßnahmen überprüfe.«
Sie sah Khay an, der sich daraufhin die Optionen durch den Kopf gehen ließ und schließlich einmal kurz nickte.
»Damit sind wir einverstanden«, erklärte sie.
Der Gedanke an das Doppelleben, das vor mir lag, machte mir Angst. Zugleich erregte er mich aber auch, das musste ich gestehen. Ich hatte Tanefert zwar das Versprechen gegeben, die Familie nicht im Stich zu lassen, gelangte aber zu dem Schluss, dass ich diesen Schwur nicht brechen würde, denn ich musste die Stadt nicht verlassen, um in diesem Fall hier zu ermitteln. Und da ich unter Nebamuns Fuchtel stand, gab es im Hauptquartier der Medjai zweifelsohne zu wenig Arbeit für mich. Ich fragte mich, warum ich mir hier selbst gut zuredete.
Khay stieß Laute aus, die signalisierten, dass es Zeit für uns wurde zu gehen. Formell verabschiedeten wir uns. Anchesenamun hielt meine Hände zwischen den ihren, als wolle sie damit die geheimen Dinge besiegeln, die wir besprochen hatten.
»Ich danke dir«, sagte sie, und dabei lag vollkommene Aufrichtigkeit in ihrem Blick. Und dann lächelte sie, dieses Mal offener und herzlicher, und schlagartig sah ich in ihrem Gesicht die Züge ihrer Mutter; nicht das Antlitz der wunderschönen Kunstfigur, die die Öffentlichkeit kannte, sondern das der lebendigen, warmherzigen Frau.
Und dann wurden hinter uns lautlos die großartigen Flügeltüren geöffnet, und wir entfernten uns, liefen rückwärts und mit geneigten Köpfen, bis die Türen sich wieder schlossen und wir uns in diesem endlos langen Korridor wiederfanden, in dem alles so gedämpft klang und von dem die vielen Türen abgingen, die alle gleich aussahen – wie eine Szene aus einem Albtraum.
Ich musste pinkeln, und außerdem wollte ich wissen, ob das Gerücht über die Wasserversorgung der Wahrheit entsprach. Khay führte mich durch einen Seitenkorridor. »Dritte Tür links.« Er rümpfte die Nase. »Ich erwarte Euch vor den Gemächern der Königin.« Dann drehte er sich um und ging.
Ich betrat den Raum. Er war lang und schmal und hatte einen Steinboden, auf den man kleine Teiche gemalt hatte, in denen Goldfische schwammen. Durch Gitter wehten die kühlen Düfte der Nacht herein. Die Flammen von ein paar Wachskerzen wiegten sich in dem Luftzug, den mein Eintreten verursachte. Ich verrichtete, was verrichtet werden musste. Es klang viel zu laut in dieser grässlichen, nahezu religiösen Stille. Ich kam mir vor, als würde ich in einem Tempel pinkeln. Dann wusch ich mir in einem Becken die Hände, indem ich Wasser aus einem Krug über sie goss – Wunderwerke der Sanitärinstallation gab es hier nicht. Als ich meine Hände trocknete, spürte ich plötzlich etwas – die Nackenhaare stellten sich mir auf, und ein Schatten huschte über die glänzende Oberfläche des Kupferspiegels –, und ich drehte mich ruckartig um.
Die Frau beobachtete mich mit vielsagender Miene, ihre gescheiten Augen leuchteten in dem schwachen Licht. Ihr schwarzes Haar hatte sie sich streng auf dem Hinterkopf zusammengebunden, ihr kantiges Gesicht wirkte seltsam ausgemergelt, und ihre Gewänder sahen aus, als bestünden sie aus Schatten.
»Wisst Ihr, wer ich bin?«, fragte sie leise und ruhig.
»Sollte ich das wissen?«
Enttäuscht schüttelte sie den Kopf.
»Ich bin hergekommen, um Euch zu sagen, wie ich heiße.«
»Auf dem Klo?«
»Ich bin Maia.«
»Euer Name sagt mir nichts.«
Verärgert schnalzte sie mit der Zunge.
Ich hörte auf, mir die Hände zu trocknen.
»Ich war die Amme des Königs. Er hat sich seit dem Tag seiner Geburt von mir genährt. Jetzt umsorge ich ihn, wie niemand sonst es kann.«
Sie musste in Achet-Aton gelebt haben. Sie musste das Leben von Echnaton und der königlichen Familie aus nächster Nähe miterlebt haben. Es war bekannt, dass die Mutter des Königs Kija war, Nofretetes Rivalin um die Rolle der Königlichen Gemahlin. Aber Kija war verschwunden. Und später hatte man dann Tutanchamun, Kijas Sohn, mit Anchesenamun vermählt, Nofretetes Tochter. Die Kinder erklärter Feindinnen, beide von Echnaton gezeugt, waren die letzten Überlebenden ihrer Dynastie und miteinander verheiratet. Aus politischer Sicht war das ein großartiges Bündnis. Für sie persönlich musste es indes die Hölle gewesen sein, denn Halbgeschwister lieben einander nur in den seltensten Fällen und erst recht nicht, wenn große Macht und großer Reichtum auf dem Spiel stehen.
***
Sie nickte, als beobachte sie mich dabei, wie ich mir das Ganze durch den Kopf gehen ließ. »Was möchtest du mir sagen?« Sie schaute sich um, war sogar hier auf der Hut.
»Traut diesem Mädchen nicht. In ihren Adern fließt das Blut ihrer Mutter.«
»Sie ist die Königin. Und das war auch ihre Mutter. Warum sollte ich ihr nicht trauen?«
»Da habt Ihr so viel Macht, und trotzdem habt Ihr nicht die leiseste Ahnung. Ihr seht die Wahrheit nicht. Ihr lasst Euch vom schönen Schein trügen.«
Ich spürte, wie sich mir vor Wut die Kehle zusammenzog.
»Hochmütiger Mann. Eitler Mann. Denkt nach! Ihre Mutter hat sich ihrer Rivalin entledigt, Kija, der Mutter meines Königs. Das darf nicht in Vergessenheit geraten. Das darf nie verziehen werden. Es sollte gerächt werden. Und trotzdem legt Ihr Euch wie ein Hund vor ihre Tür, um sie zu bewachen.«
»Du redest wie einer der Geschichtenerzähler auf dem Markt. Du kannst nichts von dem, was du hier sagst, beweisen. Und selbst wenn du recht hättest, ist das alles lange her.«
»Die Beweise liefern mir meine Augen. Ich sehe sie, wie sie wirklich ist. Sie ist das Kind ihrer Dynastie. Nichts wird sich ändern. Also bin ich hier, um Euch zu warnen. Sie interessiert sich nicht für das Wohlergehen ihres Gemahls. Sie interessiert sich ausschließlich für ihr eigenes Wohlergehen.«
Ich trat dichter an sie heran. Sie hüllte sich fester in ihre Gewänder.
»Ich könnte dich für das hier verhaften lassen.«
»Maia verhaften? Das würde der König niemals zulassen. Er ist mein Kind, und aus Liebe zu ihm mache ich hier den Mund auf. Denn außer mir liebt ihn niemand. Ohne mich ist er ganz allein in diesem Palast. Und außerdem kenne ich ihre Namen. Ich kenne die Namen der Schatten.«
»Was meinst du damit?«
»Schatten haben Macht«, erwiderte sie, und mit diesen geheimnisvollen Worten glitt sie an der dunklen Wand entlang und verschwand.
Am Anlegesteg gab Khay mir eine schriftliche Befugnis, die es mir fortan erlauben würde, auch ohne ihn in den Malqata-Palast zu gelangen und dort jederzeit um eine Audienz bei ihm zu ersuchen. Er erzählte mir, dass er in den Königlichen Quartieren wohne. Ich solle seine Hilfe in Anspruch nehmen, wann immer ich ihrer bedürfe. Alles, was er von sich gab, machte deutlich, dass er der Schlüssel zu allen Türen war, der Mann, dessen Wort Gesetz war und der nur etwas zu flüstern brauchte, um sofort bei den Mächtigen ein offenes Ohr zu finden. Ich wollte gerade gehen, als er mir ein Lederbeutelchen reichte.
»Was ist das?«
»Betrachtet es als einen kleinen Vorschuss.«
Ich schaute in den Beutel. Er enthielt einen goldenen Ring guter Qualität.
»Warum ist das nur ein kleiner Vorschuss?«
»Ich bin überzeugt, dass er angemessen ist.«
Seine Stimme zermahlte die Worte, wie der Mühlstein Schotter zu Staub zermahlt. Dann drehte er sich um und ging, ohne abzuwarten, was ich ihm unter Umständen gern geantwortet hätte.
Ich stand am Heck des Schiffes, als es ablegte, und blickte zurück, bis der Palast, in dem sich diese einsame Königin und dieser seltsame, verborgene junge König befanden, hinter den Schutzmauern des gewaltigen Sees verschwand.
Das Boot legte am äußersten Ende der Hafenanlage an, wo ich diskret aussteigen konnte. Den Rest des Weges legte ich zu Fuß zurück, vorbei an Hunderten ankernden Schiffen mit aufgemalten Augen, die in der Strömung des dunklen Wassers schaukelten und aneinanderprallten, deren Segel man eingeholt und verstaut hatte, und deren Besatzung zusammen mit einigen Hafenarbeitern hinter den gestapelten Waren an Deck schliefen, eingewickelt in ihre Träume wie eingerollte Seile. Erstaunt stellte ich fest, dass ganz am anderen Ende des Piers in der Dunkelheit zwei Boote entladen wurden. Die Arbeiter hatten keine Fackeln entzündet – aber das Licht des Mondes reichte vielleicht auch. Die Männer arbeiteten schweigend, luden rasch mehrere Tonbehälter von den Booten und auf einen Konvoi von Karren. Ich sah einen großen, dürren Mann, der zwischen den Arbeitern hin und her lief und das Ganze dirigierte. Wahrscheinlich Schmuggler, denn außer denen wagte es niemand, in der Dunkelheit auf dem gefährlichen Fluss zu fahren. Nun ja, das ging mich nichts an. Ich hatte andere Sorgen.
Das Laufen ist ein Heilmittel für mich, wenn ich verwirrt bin; manchmal ist es das Einzige, was mir das Gefühl vermittelt, noch bei klarem Verstand zu sein. Ich ging zurück durch die menschenleeren Straßen, und die nächtliche Stadt kam mir plötzlich vor wie ein leeres Theater, wie ein Bau aus Papyrus, Schatten und Träumen. Ich machte mich daran, alles, was sich mir an diesem außergewöhnlichen Tag geboten hatte, gründlich zu durchdenken. Die merkwürdig gehemmte Atmosphäre bei den Festivitäten; die frappierende Freveltat; das Mädchen im Gefängnisblock und ihr Zorn, der wie ein Wein zu etwas Schwerem und Starkem gereift war; das nächtliche Treffen mit der angsterfüllten Königin unseres Reiches; die Begegnung mit der Amme des Königs. Und was vielleicht das Schockierendste gewesen war: der tote Junge mit den auf so brutale Weise zertrümmerten Gliedern, den man im Tod in dieser so ekelerregend perfekten Pose aufgebahrt hatte, und der Zauberspruch auf dem Stoffstreifen. Was hatten all diese Dinge, die einzelnen Ereignisse dieses Tages, miteinander zu tun? Sofern sie überhaupt etwas miteinander zu tun hatten – denn ich neige dazu, Muster zu entdecken, wo es unter Umständen gar keine gibt. Trotzdem, ich hatte da so ein Gefühl – eine Intuition, die gedanklich nicht so recht zu fassen und schwer zu definieren war, wie der schimmernde Rand einer Scherbe, die für einen kurzen Moment inmitten von Trümmern aufblitzt, im nächsten aber schon wieder verschwunden ist. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ergab nichts einen Sinn. Ich weiß, ich liebe es, darüber nachzudenken, dass völlig unterschiedliche Dinge unter Umständen einen überraschenden Bezug zueinander haben können – mehr wie in einem Traum oder wie in einem Gedicht als in der Realität. Meine Kollegen belächeln mich, und vielleicht tun sie das zu Recht, nur finde ich trotzdem nicht, dass die Geheimnisse, die alle Menschen haben, jemals auf so logische Weise zu ergründen sind, wie sie behaupten, dass es der Fall wäre. Nur was nutzte mir das jetzt?
Als Nächstes dachte ich über das Relief nach. Auf den ersten Blick vermittelte es Feindseligkeit gegenüber der vorangegangenen Herrschaft des Aton, die der König ererbt und überlebt und (wie durch seine öffentlichen Erklärungen, seine Handlungen und die neu errichteten Bauwerke deutlich geworden war) inzwischen zerstört hatte. Der Bildersturm war jedoch nichts Ungewöhnliches, und die eigentlich interessante Frage lautete: Warum war das Relief dem König auf eine derart vorsätzliche, sogar intime Weise zugestellt worden? Unterschwellig signalisierte das Ganze eine ernsthafte Gefahr, denn die Zerstörung der Sonnenscheibe stand für die Zerstörung der Realität. Der König war auch die Sonne. Deshalb standen die Auslöschung der Sonne und, was noch schlimmer war, die Auslöschung der königlichen Namen für die Vernichtung des Königs und der Königin im Leben nach dem Tod. Und da war noch etwas: Die regelrechte Wildheit dieser Meißelspuren kündete von enormem, beinahe schon geisteskrankem Zorn. Es war, als sei jeder Schlag des Meißels ein Einschlagen auf die unsterbliche Seele des Königs gewesen. Nur warum? Und wer war dafür verantwortlich?
Ich blickte empor zum Mond, der inzwischen tief über die Dächer und die Pylone der Tempel gesunken war und jetzt aussah wie die Lichtsichel im linken Auge des Horus. Ich musste an das alte Märchen denken, das wir unseren Kindern erzählen und in dem es heißt, dass der Mond das zerstörte linke Auge des Horus sei und von Thot, dem Gott der Schreiber und Geheimnisse, geheilt und wiederhergestellt wurde. Inzwischen wissen wir es besser – wir kennen die Ordnung und den Lauf der himmlischen Gestirne, weil wir sie lange genug beobachtet haben. Unsere Sternkalender zeichnen ihren stetigen Lauf auf und wann sie immer wieder zurückkehren, im Verlauf eines Jahres und bis in alle Ewigkeit. Und da kam mir – ganz plötzlich – ein Gedanke: Was, wenn das Relief eine sehr viel naheliegendere Bedeutung hatte? Was, wenn es Eklipse bedeutete? Vielleicht stand das Ganze für eine echte Sonnenfinsternis. Vielleicht war die Eklipse der Lebenden Sonne nur eine Metapher. Nur was, wenn das nicht stimmte? Das schien eine mögliche Verbindung herzustellen, und irgendwie gefiel mir der Gedanke. Ich nahm mir vor, mit Nacht, der alles über solche Dinge wusste, darüber zu reden.
Ich lief durch meine Straße, drückte das Tor auf und betrat den Vorhof. Thot erwartete mich, saß wachsam auf seinen Hinterbeinen, als habe er gewusst, dass ich kam, und sich darauf vorbereitet, einen gescheiten Eindruck auf mich zu machen. Tanefert hatte vor einigen Jahren darauf bestanden, dass ich ihn kaufte, weil die Straßen der Stadt für einen Medjai wie mich immer gefährlicher geworden waren. Sie behauptete zwar, sie würde ihn als Wache für das Haus wollen, aber in Wahrheit ging es ihr darum, dass ich bei meiner Arbeit besser geschützt war. Um ihr eine Freude zu machen, hatte ich zugestimmt. Inzwischen erlaubte ich mir (wenn auch nicht laut) zuzugeben, dass ich das Tier für seine Intelligenz, seine Loyalität und seine Würde liebte. Schnuppernd sog er meinen Geruch in sich auf, als könne er daraus ableiten, was sich zugetragen hatte, und dann schaute er mir mit seinem alten, sanften, herausfordernden Blick in die Augen. Ich fuhr mit der Hand durch seine Mähne, und er umtänzelte mich in der Hoffnung, noch mehr Zuwendung zu bekommen.
»Ich bin müde, mein Alter. Du hast hier gedöst, während ich da draußen gearbeitet habe …«
Er trabte zurück zu seiner Schlafstatt und machte es sich bequem, schaute wachsam mit seinen topasfarbenen Augen in die Dunkelheit, sah alles.
Ich schloss das Tor und begab mich lautlos in die Küche. Dort wusch ich mir die Füße, trank dann aus einem Tontopf etwas Wasser und aß eine Hand voll Datteln. Danach ging ich so leise, wie ich eben konnte, durch den Korridor und zog den Vorhang auf, hinter dem sich unser Zimmer befand. Tanefert lag auf der Seite, und die Rundungen ihrer Hüften und ihrer Schultern sahen aus wie eine elegante Handschrift auf einer dunklen Schriftrolle, die das Licht der Lampe schrieb. Ich zog mein Gewand aus und legte mich neben sie. Das Lederbeutelchen platzierte ich neben dem Bett. Ich wusste, dass sie wach war. Ich kuschelte mich dicht an sie, legte meine Arme um ihren warmen Körper, presste meinen Leib gegen ihren und küsste ihre glatte Schulter. In der Dunkelheit drehte sie sich zu mir, halb lächelnd und halb genervt, küsste mich und gab sich meiner Umarmung hin. Mehr als alles andere auf der Welt fühlte sich das wie mein Zuhause an. Ich küsste ihr seidig glänzendes schwarzes Haar. Was sollte ich ihr über die Ereignisse des Abends erzählen? Sie wusste, dass ich nur in den seltensten Fällen über meine Arbeit sprach, und hatte Verständnis für meine Verschwiegenheit. Sie nahm sie mir niemals übel, denn sie wusste, dass ich diese Dinge voneinander trennen musste. Nur kann sie andererseits immer sehen, was mit mir los ist: Sie erkennt an meinem Gesichtsausdruck oder daran, wie ich einen Raum betrete, dass etwas nicht stimmt oder mich bekümmert. Es durfte keine Geheimnisse geben. Also erzählte ich ihr alles.
Sie hörte mir zu und streichelte dabei meinen Arm, als könne sie damit ihre eigene Unruhe bekämpfen. Ich konnte spüren, wie heftig ihr Herz schlug – dieser Vogel ihrer Seele im grünen Baum ihres Lebens. Ich kam zum Ende meiner Geschichte, und eine Weile regte sie sich nicht, ließ sich alles ruhig durch den Kopf gehen. Dabei sah sie mich zwar an, aber irgendwie auch durch mich hindurch, so ähnlich, wie man in ein Feuer blickt.
»Du könntest ihr eine Absage erteilen.«
»Sollte ich das deines Erachtens tun?«
Ihr Schweigen war beredt wie immer.
»Dann werde ich das hier morgen zurückbringen.«
Ich hob das Beutelchen vom Boden und ließ den goldenen Ring in ihre Handfläche gleiten.
Sie schaute darauf und gab ihn mir dann zurück.
»Verlang nicht von mir, dass ich dir sage, was du tun sollst. Du weißt, dass ich das hasse. Es ist nicht fair.«
»Aber was dann?«
Sie zuckte mit den Achseln.
»Was stört dich an der Sache?«
»Ich weiß es nicht. Ich hab ein ungutes Gefühl …«
»Wo?« Ich griff nach ihrem Körper.
»Sei nicht albern. Ich weiß, dass jeder Tag Gefahren mit sich bringt, aber was kann aus dem hier Gutes herauskommen? Palastintrigen und Mordanschläge auf den König? Das sind finstere Dinge. Die machen mir Angst. Aber schau dich an: Deine Augen funkeln wieder so …«
»Das liegt daran, dass ich völlig erschöpft bin …« Als Beweis dafür gähnte ich übertrieben.
Eine Weile sprach keiner von uns. Ich wusste, was sie dachte. Und sie wusste, was ich dachte.
Dann ergriff meine Frau das Wort.
»Wir brauchen dieses Gold«, sagte sie. »Und du kannst nicht aus deiner Haut. Du liebst mysteriöse Fälle.«
Und dann lächelte sie traurig in die Finsternis über das, was diese Worte bedeuteten.
»Ich liebe meine Frau und meine Kinder.«
»Aber sind wir als Fall mysteriös genug für den Wahrheitssucher?«
»Unsere Mädchen werden uns bald verlassen. Sekhmet ist fast sechzehn. Wie ist das passiert? Für mich ist es ein Mysterium, dass die Zeit so schnell vergangen ist, seit sie Bäuerchen gemacht haben, umhergekrabbelt sind und uns stolz und zahnlos angelacht haben. Und sieh sie dir jetzt an …«
Taneferts Finger umschlangen meine.
»Und jetzt schau uns an. Ein Ehepaar mittleren Alters, das seinen Schlaf braucht.«
Und so legte sie ihren Kopf auf das Kissen und schloss elegant ihre schönen Augen.
Ich fragte mich, ob der Schlaf mir in dieser Nacht die Ehre geben würde, und bezweifelte es. Ich musste mir Gedanken darüber machen, wie ich diesen neuen geheimnisvollen Fall angehen konnte, sobald die Sonne aufging, was sie sehr bald tun würde. Also streckte ich mich aus und starrte an die Zimmerdecke.
Kurz nach Tagesanbruch traf ich in den Räumen des Schatzamtes ein. Ein Putzmann arbeitete sich mit einer Bürste und einem Eimer rückwärts über den großartigen Fußboden, verspritzte mit flinken Bewegungen frisches Wasser und wischte anschließend so lange darüber, bis der Stein hell erstrahlte. Er ging methodisch und teilnahmslos dabei vor und hielt den Kopf auch weiterhin gesenkt, als die ersten Angestellten und Beamten zur Arbeit erschienen. Männer in weißen Gewändern, die mich und Thot mit einem kurzen neugierigen Blick bedachten, an dem Putzmann indes vorüberliefen, als würde er gar nicht existieren, und dabei mit ihren staubigen Sandalen gleich wieder schmutzige Abdrücke auf seinem makellosen Fußboden hinterließen. Er wischte sie weg, immer und immer wieder, mit unendlicher Geduld. Er war ein Mann, der niemals auf strahlend sauberen Steinen laufen würde. Zu keinem Zeitpunkt schaute er auf, um den Fremden anzusehen, der mit seinem geduldig neben ihm hockenden Pavian auf der Bank saß und auf irgendjemanden wartete.
Endlich bat mich ein hoher Beamter, der stellvertretende Leiter des Schatzamtes, in sein Amtszimmer. Trotz all seiner freundlichen Kompetenz wirkte er etwas unruhig. Ich kannte diese Art von Mensch: Loyal und insgeheim stolz auf das, was er erreicht hatte, genoss er die Früchte seines Standes – das komfortable Leben in einer hübschen Villa, ertragreiches Land und treu ergebene Diener. Ich ließ Thot angebunden draußen zurück. Wir nahmen einander gegenüber auf Stühlen Platz. Er rückte die paar Gegenstände, die auf seinem niedrigen Tisch standen – die kleinen Statuen, Tabletts, die Halterung für seine Rohrfeder, seine Mischpalette sowie zwei kleine Beutel für die rote und die schwarze Tinte – etwas anders zurecht und listete mir währenddessen all seine vielen Titel auf, von den Anfängen seiner Karriere bis zum derzeitigen Moment. Erst danach fragte er, wie er mir behilflich sein könne. Ich erklärte ihm, ich bäte um eine Audienz bei Eje.
Er tat so, als erstaune ihn das.
Ich schob ihm die Vollmacht zu, die Khay mir gegeben hatte. Er rollte das Schriftstück auseinander und überflog rasch die Schriftzeichen. Dann schaute er auf und sah mich mit einem anderen Gesichtsausdruck an.
»Ich verstehe. Könntet Ihr ein paar Minuten hier warten?«
Ich nickte. Er entschwand.
Eine Weile lauschte ich den belanglosen Geräuschen auf dem Korridor und dem aus der Ferne schallenden Gesang der Vögel am Fluss. Ich stellte mir vor, wie er an Türen klopfte, an eine nach der anderen, wie an Kisten, die in weitere Kisten geschachtelt waren, bis er die Schwelle zum Allerheiligsten erreicht hatte.
Als er zurückkehrte, sah er aus, als habe er einen langen Marsch hinter sich. Er war außer Atem. »Wenn Ihr mir folgen wollt …«
Wir schritten durch die tiefen Schatten und die langen Winkel aus Sonnenlicht, das in die Korridore fiel. Die Wachen an den Türen hoben ehrerbietig ihre Waffen. An der letzten Türschwelle ließ der Beamte mich allein. Weiter würde er nicht gehen. Ein arroganter kühler Gehilfe – einer von dreien, die angespannt vor dem Raum in Bereitschaft saßen – klopfte gegen die Tür wie ein nervöser Schuljunge und horchte in die Stille, die dem folgte. Er hörte offenbar etwas, denn er öffnete die Tür, und ich trat hindurch.
Es war niemand im Raum, und er enthielt nur das absolute Minimum an Mobiliar: Zwei Liegen, beide von exquisiter Machart, standen einander exakt gegenüber. Ein niedriger, auf rein funktionale Weise wunderschöner Tisch war genau in die Mitte zwischen den Liegen gestellt. Die Wände waren ungeschmückt, aber mit edlem Stein getäfelt, der auf der ganzen Länge gleich gemasert war. Selbst das Licht, das in den Raum fiel, war irgendwie minimalistisch, makellos und zurückhaltend. Ich kann perfekte Ordnung nicht ausstehen. Aus reinem Spaß an der Freude verrückte ich deshalb den Tisch ein wenig.
In zwei sich gegenüberliegenden Wänden waren Türen, die wirkten wie Entscheidungsfelder in einem Spiel. Ohne dass es mir aufgefallen war, hatte sich eine davon lautlos geöffnet. Eje stand in der Dunkelheit des Türrahmens und trug ein weißes Gewand, das in dem Licht erstrahlte, das aus einem hohen Fenster in den Raum fiel. Er sah aus wie ein Priester. Sein Gesicht war schwer zu erkennen.
Ich neigte den Kopf. »Leben, Wohlstand und Gesundheit«, sagte ich, wie es sich gehörte. Dann schaute ich auf und stellte erstaunt fest, dass sich die Zerstörerin, wie Anchesenamun es ausgedrückt hatte, trotz all der Macht, die Eje besaß, in den Jahren, seit wir einander das letzte Mal gesehen hatten, schwer an ihm zu schaffen gemacht hatte. Er bewegte sich vorsichtig und mit steifen Bewegungen, als traue er seinen eigenen Knochen nicht. Offenbar litt er unter Schüttelfrost, wenngleich er sich alle Mühe gab, das zu verbergen. Seine stechenden Reptilaugen hatten aber enormen Fokus und Konzentration. Er begutachtete mich mit der Aufmerksamkeit eines Sachverständigen, der ein Objekt von zweifelhaftem Wert in Augenschein nimmt. Mithin war es unvermeidbar, dass sein schmaler Mund Enttäuschung und Missbilligung zeigte. Ich nahm ihn meinerseits ins Visier. Auf seiner Stirn waren Furchen, um seine eisigen Augen herum saßen Falten, und die Haut auf seinen Wangen war straff gespannt; die Augen selbst waren eingesunken, fast wie im Tod. Da, wo man schwarze Mitesser entfernt hatte, hatte er rote Flecken. Ich konnte den Geruch der Pastille riechen, die er unter der Zunge hielt: Gewürznelken und Zimt, das Heilmittel gegen Zahnschmerzen, die Geißel des Alters.
»Setzt Euch«, sagte er sehr ruhig und leise.
Ich kam der Aufforderung nach und sah mit an, welch große Schwierigkeiten es ihm bereitete, auf der exquisiten niedrigen Liege Platz zu nehmen.
»Sprecht.«
»Euch wird zu Ohren gekommen sein, dass ich –«
»Halt.«
Er hob die rechte Hand. Ich sprach nicht weiter.
»Wenn die Königin es gewagt hätte, mich nach meiner Meinung zu fragen, hätte ich ihr verboten, nach Euch schicken zu lassen.«
Er taxierte mich von oben bis unten.
»Ich mag es nicht, wenn die städtische Medjai sich in die Verwaltung und die Angelegenheiten des Palasts einmischt.«
»Sie hat aus privaten, persönlichen Gründen nach mir schicken lassen«, erwiderte ich.
»Der Natur und der Hintergründe Eurer Beziehung zur königlichen Familie bin ich mir vollauf bewusst«, sagte er ruhig. »Und falls das Ganze keine rein private, persönliche Angelegenheit bleibt, dürft Ihr versichert sein, dass ich weder Euch noch Eurer Familie gegenüber Gnade werde walten lassen.«
Ich nickte, sagte aber nichts dazu.
»In jedem Fall bin ich zu dem Schluss gelangt, dass dieses Relief bedeutungslos ist. Man muss es einfach nur vernichten und vergessen.«
Seine fleckige, knochige Hand zitterte, als er den Knauf seines Gehstocks umfasste. Ich sah mir die penible Ordnung an, die in diesem Raum herrschte. Ihm fehlte jegliches Leben und somit auch alles Natürliche wie etwa Unordnung.
»Trotzdem scheint es den König und die Königin beunruhigt zu haben.«
»Sie sind Kinder. Die Ängste von Kindern sind irreal und unerheblich. Das Gespenst in der Gruft. Der böse Geist unter der Liege. Das ist Aberglaube. In den Beiden Ländern ist kein Platz für Aberglauben.«
»Vielleicht ist es kein Aberglaube, sondern Fantasie.«
»Zwischen dem einen und dem anderen besteht kein Unterschied.«
Für dich nicht, du hohles Stück, dachte ich.
»Nichtsdestotrotz«, fuhr er fort, »spricht das Ganze für ein Versagen der Ordnungskräfte. Die Palastbeamten hätten es entdecken müssen. Dass das Relief überhaupt auf das Palastgelände gelangen konnte, spricht für grobe Nachlässigkeit. Das wird nicht toleriert.«
»Es wird zweifellos eine Untersuchung geben, und man wird die Fehler beseitigen.«
Er ignorierte die Verachtung, die in meinem Ton mitschwang.
»Ordnung ist das oberste Gebot der Macht. Nach den anmaßenden Katastrophen der Vergangenheit stellt die glorreiche Herrschaft Tutanchamuns den Triumph der göttlichen, universellen Ordnung von maat nach dem Willen der Götter dar. Wir haben diese Beiden Länder wieder in Ordnung gebracht. Diese wird nicht gefährdet. Von nichts und niemandem.«
»Ihr habt ihn gerade erst ein Kind genannt.«
Er starrte mich an, und einen kurzen Moment dachte ich, er würde mich hinauswerfen. Er tat es nicht, also sprach ich weiter.
»Vergebt mir, dass ich hier weiter auf dem Thema herumreite, aber als diese Leute anfingen, den König mit dem Blut geschlachteter Schweine zu bespritzen, in aller Öffentlichkeit, während des Höhepunkts des Opet-Festes …«
»Eine Ausnahme. Diese paar Dissidenten sind unwichtig und werden eliminiert werden.«
Ihm fiel auf, dass der Tisch nicht richtig stand, und er runzelte die Stirn und stellte ihn wieder korrekt hin.
»Und dann das Relief. Am gleichen Tag wurde das aufgefunden? Irgendjemand, der zur obersten Führungsschicht gehört, hat sich gegen den König verschworen. Und wenn man sich die Gerüchte über das Scheitern der Feldzüge gegen die Hethiter vor Augen hält und die lange Abwesenheit von General Haremhab …«
Ich hatte den wunden Punkt getroffen. Mit seinem Gehstock schlug er auf den flachen Tisch, der zwischen uns stand. Dabei fiel eine Glasfigur um und zerbrach. »Eure Aufgabe besteht darin, das Gesetz anzuwenden«, kläffte er mich an. »Nicht darin, die Moral und die Umsetzung seiner Anwendung in Frage zu stellen.«
Er versuchte sich zu beruhigen.
»Ihr verfügt nicht über die Autorität, über irgendeine dieser Angelegenheiten zu sprechen. Womit verschwendet Ihr hier meine Zeit? Ich weiß, worum die Königin Euch gebeten hat. Warum sollte es mich interessieren, dass sie den Wunsch verspürt, sich ihren kleinen Fantasien von Angst und Beschütztwerden zu überlassen? Und was Euch persönlich anbetrifft – Ihr seht Euch als den Helden eines Märchens, in dem es um Wahrheit und Gerechtigkeit geht. Aber wer seid Ihr schon? Andere sind befördert worden, Euch hat man übergangen. Ihr hängt in einer Stellung auf der mittleren Ebene fest, bringt Eure Kollegen gegen Euch auf und habt nichts vorzuweisen. Ihr haltet Euch für vielschichtig und scharfsinnig, weil Ihr Euch für Poesie interessiert, aber trotzdem seid Ihr in unsicherer Stellung in einem Beruf tätig, in dem die Aufgabe im Mittelpunkt steht, das Gesetz brutal durchzusetzen. Das ist alles, was Ihr seid.«
Schweigen. Ich stand auf. Er blieb sitzen.
»Wir Ihr sagt, bin ich eine Figur aus einem Märchen: lächerlich, altmodisch und veraltet. Die Königin hat mich überredet. Ich kann nicht anders. Ich habe eine Schwäche für Damen, die sich in Notlagen befinden. Irgendjemand ruft das Wort ›Gerechtigkeit‹, und ich springe herbei wie ein Hund.«
»Gerechtigkeit … was hat die denn mit dem Ganzen hier zu tun? Nichts …«
Der spöttische Ton, mit dem dieser alte, vor sich hin faulende Mann das Wort ausstieß, ließ mich an all das denken, was nicht gerecht war.
Ich lief zur Tür.
»Ich gehe davon aus, dass ich Eure Zustimmung habe, mit den Ermittlungen in diesem mysteriösen Fall fortzufahren, gleichgültig, in welche Richtung mich das führt?«
»Die Königin ist Autorität genug. Ich unterstütze ihre Wünsche in allen Angelegenheiten.« Und damit meinte er: »Von mir wirst du keine Vollmacht bekommen.«
Ich lächelte, öffnete die Tür und ließ ihn und seine schmerzenden Knochen in seinem perfekten Amtszimmer allein. Zumindest hatte ich jetzt meine Rolle in dem Ganzen deutlich gemacht. Und ich hatte noch etwas Wichtiges erfahren: Er hatte keine Ahnung von Anchesenamuns Plan.
Ich kehrte zurück in meine eigene schäbige Amtsstube, die sich am falschen Ende des letzten Korridors befand, wo das Licht vor lauter Enttäuschung aufgibt und die Putzmänner sich nie hinbequemen. Dinge, die auf Macht hindeuteten, gab es hier nicht. Eje hatte natürlich recht. Ich kam beruflich nicht voran, drehte mich nur wie ein Blatt in einer Pfütze aus abgestandenem Wasser. Es war sogar so, dass sich der Glanz, der über der Begegnung der vergangenen Nacht gelegen hatte, jetzt in harsches Tageslicht verwandelte, und ich musste feststellen, dass ich kaum wusste, wo ich anfangen sollte. An Tagen wie diesem fühlte ich mich, wie das Sprichwort so schön sagt, mieser als der Kot von Geiern. Thot trabte vor mir her, denn er kannte den Weg, wie er alles weiß und kennt, was wichtig ist.
Kheti erwartete mich. Er hat die Angewohnheit, Dinge, die er herausgefunden hat, geradezu hervorzusprudeln, was ich nur an guten Tagen erträglich finde.
»Setz dich.«
Er wirkte verdutzt, zögerte einen Moment.
»Sprich.«
»Gestern Abend …«
»Halt.«
Er hielt inne und schaute mit offenem Mund Thot an, als könne das Tier ihm die Gründe für meine Gereiztheit liefern. Wir saßen da wie drei Idioten.
»Glaubst du an Gerechtigkeit, Kheti?«
Er erweckte den Eindruck, als verwirre ihn diese Frage.
»Was meinst du mit glauben …?«
»Es geht dabei um den Triumph des Glaubens über die Erfahrung, nicht wahr?«
»Ich glaube an Gerechtigkeit, glaube aber nicht, sie je mit eigenen Augen gesehen zu haben.«
Ich nickte, denn das war eine gute Antwort. Dann wechselte ich das Thema.
»Du hast neue Informationen?«
Er nickte.
»Etwas, was du mit eigenen Augen gesehen hast?«, bohrte ich weiter.
Wieder nickte er.
»Es wurde eine weitere Leiche gefunden.«
»Das ist enttäuschend«, erwiderte ich leise. »Wann wurde sie entdeckt?«
»Ganz früh heute Morgen. Ich bin zu dir nach Hause, um es dir mitzuteilen, aber du warst schon weg. Diese hier ist anders.«
Sie wäre wunderschön gewesen. Noch gestern Abend war sie eine junge Frau von achtzehn oder neunzehn Jahren gewesen, die gerade erst das Alter erreichte, in dem ihre Schönheit zu voller Blüte reifte. Nur war jetzt da, wo eigentlich ihr Gesicht und ihr Haar hätten sein sollen, eine Maske aus Blattgold. Eine der klebrigen Ecken schälte ich mit der Klinge meines Messers vorsichtig ab und sah, dass sich unter dem Gold kein Gesicht befand, lediglich ein Schädel, blutiges Gewebe und Knorpel. Denn irgendjemand, der über herausragende und entsetzliche Fertigkeiten verfügte, hatte sie völlig skalpiert und ihr Gesicht und Augen entfernt. In den Konturen der daraufgedrückten Maske waren immer noch Spuren ihrer Züge zu erkennen, denn die Maske hatte man in Form gepresst, bevor man sich an ihrer Schönheit vergangen hatte. Das konnte uns helfen, sie zu identifizieren.
Sie trug ein weißes Leinengewand, und darunter lag an ihrem Hals ein Anch-Kreuz an einer zarten Goldkette; ein außerordentlich schönes Schmuckstück, das seinen Träger beschützte, denn es war das Symbol für das Leben. Vorsichtig nahm ich es ab und legte das kalte Gold in meine Hand.
»Das hat nie und nimmer diesem Mädchen gehört«, sagte Kheti.
Ich ließ meinen Blick durch den schmucklosen Raum gleiten, in dem man sie aufgefunden hatte. Kheti hatte recht. Dafür war dieses Stück viel zu wertvoll. Es schien eine Kostbarkeit zu sein, möglicherweise das Erbstück einer sehr wohlhabenden Familie. Ich hatte eine Idee, wer der Besitzer war. Doch wenn ich richtig damit lag, machte die Tatsache, dass es jetzt hier aufgetaucht war, das Ganze nur noch wesentlich schlimmer.
»Sie hat eine Tätowierung«, sagte Kheti. »Hier.« Er zeigte mir eine Schlange, die sich um ihren Oberarm wand. Das Tier war primitiv und billig gearbeitet.
»Ihr Name war Neferet. Sie hat allein hier gewohnt. Der Vermieter behauptet, dass sie nachts gearbeitet hat. Also können wir getrost davon ausgehen, dass sie in einem der Etablissements tätig war. Oder in einem der Bordelle.«
Ich schaute auf den hübschen Körper. Warum gab es auch hier wieder so gar keine Anzeichen für Gewalt oder Gegenwehr? Niemand konnte derartige Höllenqualen aushalten, ohne sich zu wehren, sich die eigene Zunge oder die Lippen zu zerbeißen oder um sein Leben zu kämpfen, indem er an den Fesseln riss, mit denen die Hand- und Fußgelenke zusammengebunden gewesen sein mussten. Aber da war nichts. Es war, als sei all das hier in einem Traum vollführt worden. Ich inspizierte den Raum und suchte nach Hinweisen, konnte aber nichts finden. Als ich zu der schmucklosen Liege zurücklief, fiel das Sonnenlicht durch das schmale Fenster und geradewegs auf die Leiche des Mädchens. Und erst da entdeckte ich auf dem Regal neben der Liege, in einem schrägen Winkel aus hellem Morgenlicht, einen Kreis im Staub; den Abdruck eines Bechers, den man dort abgestellt hatte und der jetzt nicht mehr da stand.
Ein Geisterbecher, ein Becher aus Träumen. Ich erinnerte mich an meine erste Eingebung, dass der Mörder des lahmen Jungen diesem den Saft des Schlafmohns oder irgendein anderes starkes Rauschgift verabreicht hatte, um das Opfer ruhigzustellen, damit er sich an sein grauenvolles Werk machen konnte. Das Geheimnis, das sich hinter den Beiden Ländern unserer Zeit verbirgt – hinter seinen neuen Bauten und Tempeln, seinen gewaltigen Eroberungen und dem glitzernden Wohlstand und Erfolg, den man den Glücklichsten all derer verheißt, die herkommen, um körperliche Schwerstarbeit zu leisten, zu dienen und irgendwie zu überleben –, ist, dass mehr und mehr Leute das knirschende Elend, das alltägliche Leid und die endlose Banalität ihres Lebens mit den Trugbildern von Drogen mildern. Einstmals war der Wein das Mittel, mit dem man sich künstliche Glücksgefühle verschaffen konnte. Jetzt ist die Sache sehr viel komplexer, und was eines der größten Geheimnisse der Medizin gewesen war, ist für viele die einzige Wonne geworden, die sie in diesem Leben finden. Dass die Euphorie eine Illusion ist, spielt keine Rolle, zumindest nicht, bis die Wirkung nachlässt und denjenigen, der die Droge genommen hat, einsam und verlassen in dem gleichen Elend zurücklässt, das ihn zur Flucht aus der Realität veranlasst hat. Die Kinder der Elite-Familien verschaffen sich auf diese Weise inzwischen regelmäßig Erleichterung von der Anspannung und dem sogenannten Druck, den ihr in Reichtum gefristetes, bedeutungs- und sinnloses Leben mit sich bringt. Und andere, die aus dem einen oder anderen Grund keinen Halt im Gefüge ihrer Familien gefunden haben, müssen bald feststellen, dass sie sozial abstürzen in eine düstere Welt der Schatten, in der Leute für einen kurzen Moment der Glückseligkeit ihre letzte Habe veräußern – ihre Körper und ihre Seelen.
In der heutigen Zeit werden auf den jeweiligen Handelsrouten und -pfaden auch mit den entferntesten und merkwürdigsten Ecken der Welt Geschäfte gemacht. Folglich gelangen zusammen mit den Gütern, die für die wirtschaftliche Macht des Königreiches lebensnotwendig sind – Holz, Stein, Erze, Gold, Arbeitskräfte –, auch die neuen Luxusartikel zu uns, sowohl auf dem Landweg wie auch über das Meer und den Fluss: seltene Tierhäute, blitzgescheite Affen, Giraffen, Goldschmuck, Textilien, zarte neue Parfums … die endlose Parade moderner und begehrenswerter Objekte. Und selbstverständlich auch die geheimen Dinge, die Ware namens Träume.
Ärzte und Priester haben die wirkmächtigen Bestandteile gewisser Pflanzen seit jeher eingesetzt; einige davon, wie beispielsweise der Mohn, sind so stark, dass ein paar destillierte Tropfen in einem Humpen Wasser ausreichen, um die Sinne des Patienten in ausreichendem Maße zu benebeln, damit eine außergewöhnlich schmerzhafte Prozedur, wie eine Amputation, an ihm vorgenommen werden kann. Ich erinnere mich, dass ein Anzeichen dafür geweitete Pupillen sind. Ich weiß das, weil die Prostituierten, die nachts in der Stadt arbeiten, dieses Zeug nehmen, um ihre Verführungskraft zu erhöhen, weil es ihre stumpfen, müden Augen wieder heller erscheinen lässt. Nur ist die Dosierung eine heikle Sache – ist sie zu hoch, erstrahlen die Augen für einen Moment im seltsamen, unwirklichen Glanz der Droge, nur um sich im nächsten im Tod für immer zu schließen.
Ich erklärte Kheti, was mir da gerade durch den Kopf gegangen war.
»Aber warum tötet der Mörder das Opfer nicht einfach mit der Droge und stellt danach die Möbel um?«, meinte er.
Das war eine gute Frage.
»Es scheint dem Mörder wichtig zu sein, dass die ›Arbeiten‹ an einem noch lebenden Körper vorgenommen werden«, erwiderte ich. »Darum geht es bei seiner Besessenheit. Das ist sein Fetisch …«
»Ich hasse dieses Wort«, warf Kheti unnötigerweise ein. »Davon sträuben sich mir am ganzen Körper die Haare …«
»Wir müssen in Erfahrung bringen, wo dieses Mädchen gearbeitet hat«, sagte ich.
»Die jungen Dinger, die in der Stadt enden und das tun, was sie getan hat, kommen von überall und nirgendwo. Sie ändern ihre Namen. Sie haben keine Familien. Und sie kommen niemals wieder hier weg.«
»Geh in die Etablissements und in die Bordelle. Stell fest, ob irgendjemand sie dort kennt. Vielleicht wird sie ja vermisst.«
Ich reichte ihm das goldene Gesicht.
Er nickte. »Und was machst du?«
»Du musst das da tun, während ich einer anderen Sache nachgehe.«
Mit einem Anflug von Erheiterung sah er mich an.
»Jetzt würde jeder denken, dass du mich nicht mehr leiden kannst.«
»Ich konnte dich noch nie leiden.«
Er grinste.
»Du verschweigst mir irgendwas …«
»Das ist eine akkurate Schlussfolgerung. Die vielen Jahre, die wir zwei schon zusammen sind, waren also keine Zeitverschwendung.«
»Und warum traust du mir nicht?«
Ich griff mir ans Ohr, um klarzustellen, dass ich auch dazu nichts sagen würde, und deutete mit der anderen Hand auf Thot.
»Frag ihn. Er weiß alles.«
Mit regloser Miene sah der Pavian uns beide an.
Wir gingen in ein ruhiges Gasthaus, abseits des geschäftigen Teils der Stadt. Es war mitten am Morgen, und alle waren bei der Arbeit, also war außer uns niemand dort. Wir setzten uns auf die Bank, die ganz hinten stand, um Bier zu trinken und Mandeln zu essen. Bestellt hatte ich beides bei dem schweigsamen, aber wachsamen Besitzer, und wir saßen dicht nebeneinander, damit uns niemand belauschen konnte. Ich erzählte ihm alles, was sich am Vortag und in der Nacht zugetragen hatte. Über den mysteriösen Khay und Anchesenamun und das Relief.
Er hörte aufmerksam zu, sagte aber nichts, wenn man davon absah, dass er weitere Informationen darüber erbat, wie es im Palast aussah. Das war ungewöhnlich. Normalerweise geht Kheti alles rational an. Wir kennen uns seit vielen Jahren. Ich habe dafür gesorgt, dass man ihn als Medjai in Theben einstellte, damit er und seine Ehefrau aus Achet-Aton herauskamen. Seither war er mein Gehilfe.
»Warum sagst du nichts?«
»Ich denke nach.«
Er trank große Schlucke von seinem Bier, als mache das Nachdenken durstig.
»Diese Familie macht nichts als Probleme«, meinte er irgendwann.
»Welche Weisheit, ein wahres Juwel. Soll ich dir dafür jetzt etwa dankbar sein?«
Er grinste.
»Was ich meine, ist: Du solltest dich da raushalten. Das bringt nichts Gutes.«
»Genau das Gleiche hat meine Frau gesagt. Aber was soll ich deines Erachtens tun? Das Mädchen seinem Schicksal überlassen?«
»Du weißt nicht, was ihr Schicksal ist. Und sie ist kein Mädchen, sie ist die Königin. Du kannst nicht für jeden die Verantwortung übernehmen. Du musst an deine eigene Familie denken.«
Das ärgerte mich maßlos.
Er beobachtete mich.
»Du fühlst dich aber verantwortlich für sie, nicht wahr?«
Ich zuckte mit den Achseln, leerte meinen Becher in einem Zug und erhob mich, um zu gehen. Thot zerrte bereits an seiner Leine.
Wir liefen nach draußen, hinein in die Hitze und das Licht, und Kheti hatte Mühe, Schritt mit mir zu halten.
»Wohin gehst du jetzt?«, fragte er, während wir uns unseren Weg durch die Menschenmenge bahnten.
»Ich besuche meinen Freund Nacht. Und du wirst losgehen und alles über das Verschwinden dieses Mädchens in Erfahrung bringen. Du weißt, wo du damit anfangen musst. Sieh zu, dass du mir später Bescheid gibst.«
Ein Besuch bei meinem alten Freund Nacht in seinem Landhaus ist wie ein Spaziergang aus dem heißen, staubigen Chaos der Stadt in eine andere, ruhigere und vernünftigere Welt. Er hat seinen enormen Reichtum dazu genutzt, sich sein Leben so luxuriös und angenehm wie möglich zu gestalten und sich auf seinem hinter Mauern liegenden Anwesen vor der Stadt ein eigenes kleines Königreich aus Kunst und Wissen zu erbauen. Er war berühmt für die Blumen und Bienen, die er dort züchtete, was ihm einen ungewöhnlichen neuen Titel eingebracht hatte: ›Aufseher über die Gärtner des Amun‹. All die Tausende Bouquets, die bei den Festen die Tempel schmücken und den Göttern als persönliche Opfer dargebracht werden – um sie an das Leben nach dem Tod zu erinnern –, werden unter Nachts Aufsicht gezüchtet.
Ich ging durch das Südtor aus der Vorstadt hinaus und auf dem Pfad weiter, der zu seinem Haus führte. Die Sonne stand hoch am Himmel, und das Land flirrte in der Hitze des Mittags. Ich hatte keinen Sonnenschirm mitgenommen, aber die Palmen, die den Weg säumten, boten ausreichend Schutz. Während ich meines Weges ging, betrachtete ich die Fülle von Nutzpflanzen auf den sorgsam bestellten Ackerreihen, die sich in alle Himmelsrichtungen erstreckten. Hie und da schimmerten die Kanäle, die aufgrund der Nilschwemme übergelaufen waren, und in den geraden Wasserläufen spiegelte sich das klare Blauweiß des Himmels. Es begegneten mir nur wenige Menschen, denn die Arbeiter machten momentan alle Mittagspause, aßen und tranken ihr Bier oder schliefen nebeneinander aufgereiht und mit Kopftüchern über den Gesichtern in jedem Stückchen Schatten, das sie finden konnten: unter Karren, Palmen oder an den Seiten von Häusern und Getreidescheunen. Hoch über uns allen breiteten Falken ihre dunklen bronzefarbenen Schwingen aus, schwebten und kreisten und schauten dabei nieder auf die Welt. Ich habe mich schon häufig gefragt, wie die Welt wohl aus ihrer Perspektive aussieht, die kein Mensch, der dazu verdammt ist, auf seinen zwei Beinen auf der Erde zu bleiben, je sehen wird. Ich denke mir, dass man von dort oben die glitzernde Schlange des Großen Flusses sieht, die vom einen Ende der Welt bis zum anderen reicht; und an ihren Ufern erstrecken sich zu beiden Seiten die grünen und gelben Flecken der bebauten Flächen. Dahinter die endlose Weite des Roten Landes, in dem die königlichen Familien ihre Grabstätten aus ewigem Stein erbauen und ihre dazugehörigen Tempel, gleich an der Grenze zur Wildnis, der Wüste, dem Ort großer Einsamkeit. Vielleicht sahen die Falken, was wir nicht sehen konnten: was mit der Sonne passierte, wenn sie hinter dem unerreichbaren Horizont der sichtbaren Welt versank. Gibt es in der unendlichen Weite dahinter tatsächlich einen riesigen und bedrohlichen finsteren Ozean, in dem Götter und Ungeheuer leben und über den die Sonne auf ihrer Barke durch die Gefahren der Nacht reist? Ist es das, was uns diese Raubvögel mit ihrem schrillen, hohen Kreischen, das sich anhört wie ein Warnruf, immer und immer wieder sagen wollen?
Ich betrat den ersten Innenhof von Nachts weitläufigem, eingeschossigem Anwesen. Sein Diener Minmose kam nach draußen gerannt, um mich zu begrüßen und hastig ins Haus zu führen, wobei er mir beflissen einen Sonnenschirm über den Kopf hielt.
»Herr, die Hitze, die um diese Tageszeit herrscht, backt Euch das Hirn im Schädel wie ein Entenei. Wenn ich gewusst hätte, dass Ihr uns mit Eurem Besuch beehrt, hätte ich Euch einen Diener mit einem Sonnenschirm schicken können, der Euch begleitet hätte.«
»Es war eine spontane Idee«, erwiderte ich.
»Mein Herr arbeitet ganz am anderen Ende des Gartens an seinen Bienenstöcken«, erklärte er mir.
Er bot mir an, mich zu begleiten – erpicht darauf, wie ich wusste, Neuigkeiten aus der Stadt zu hören; denn obwohl sie nicht weit entfernt ist, fühlt sich das Landleben an wie das Leben in einer abgeschiedenen Welt. Da ich aber schon seit vielen Jahren herkomme, allein oder mit den Mädchen, kenne ich mich gut hier aus. Lautlos wie immer machte er sich davon und eilte in die Küche, um Erfrischungen vorzubereiten, und ich lief nach draußen in den zweiten Innenhof, wo ich erst einmal einen Moment stehen blieb, um den grandiosen Blick zu genießen, der sich vor mir auftat. In der Stadt sind wir zusammengepfercht wie Tiere. Hier, wo es den Luxus von Platz gibt, zwischen den hohen Mauern, die das Anwesen sichern, ist alles so friedlich. Es ist, als spaziere man plötzlich durch ein lebendig gewordenes Bild, auf dem das gute Leben nach unserem Tod dargestellt ist.
Im Schatten von Bäumen lief ich an einem langen Teich vorüber, der mit Steinen ausgekleidet war. Er war voller weißer und blauer Lotosblumen, versorgte mit seinem Wasser die Blumenbeete und Gemüseparzellen und beherbergte außerdem noch Nachts Zierfische. Gutgelaunte Gärtner, alte und junge, kümmerten sich ruhig und mit Hingabe um die Pflanzen und Bäume, wässerten, zupften Unkraut, beschnitten; ganz offensichtlich waren sie glücklich mit ihrer Arbeit, die sie mit Leib und Seele verrichteten. Die Schatten des Efeus rankten sich an den Lauben entlang. Überall blühten ungewöhnliche und exotische Pflanzen. Vögel scheuten sich nicht, all das zu nutzen, und sangen ihr Vergnügen in die Welt. Wasservögel tauchten zum Grund oder ließen es sich im kühlen Schatten der Papyruspflanzen gutgehen, die in dem lang gestreckten Teich wuchsen. Das Ganze war nahezu lächerlich schön, so wenig hatte es mit dem Größenwahn, dem Dreck und der Armut der Stadt gemein.
Ich fand Nacht inmitten seiner Bienenstöcke, er räucherte die Bienen gerade aus ihren Tonzylindern. Da ich kein Freund von Bienen und ihren Stichen bin, hielt ich mich in sicherer Entfernung und setzte mich in den Schatten eines Baumes, um mich dort auf seine Kosten zu amüsieren. Er sah nämlich aus wie der wahnsinnig gewordene Priester eines Wüstenkultes, wie er da umhertänzelte und den Rauch über die flaumige Wolke verrückter Insekten wedelte. Vorsichtig goss er den Inhalt der Waben in Tontöpfe, und bald standen viele davon aufgereiht auf einem Tablett.
Dann trat er zurück, nahm seine Schutzkapuze ab und sah, dass ich ihn beobachtete. Winkend kam er zu mir gelaufen und hielt mir einen Topf Honig hin.
»Für die Kinder.«
Wir umarmten einander.
Ein Diener brachte ihm eine Schüssel und einen Lappen, und dann kam Minmose mit Wein und Leckereien, die er auf einen niedrigen Tisch stellte. Nacht wusch sich sein verschwitztes, aber stets gepflegtes Gesicht. Dann setzten wir uns auf Stühle im Schatten, und er schenkte mir etwas Wein ein. Ich wusste, dass er hervorragend schmecken würde.
»Was führt dich denn her an einem Arbeitstag?«, fragte er.
»Ich bin bei der Arbeit.«
Aufmerksam sah er mich an, dann prostete er den Göttern zu und nahm einen großen Schluck von seinem Wein.
»Woran arbeitest du denn? An diesem Vorfall beim Fest?«
»Zum Teil auch daran.«
Er wirkte fasziniert.
»Ich kann mir vorstellen, dass es im Palast verrückter zugeht als in meinem Bienenstock …«
»Sicher ist, dass jemand mit einem Stock im königlichen Bienenstock herumstochert …«
Er nickte.
»Was war das Ganze denn deiner Meinung nach? Eine Hofintrige vielleicht?«, fragte er voller Enthusiasmus.
»Wahrscheinlich nicht. Ich halte es für einen Akt geistiger Verirrung. Im schlimmsten Fall hat irgendjemand aus der Oberschicht eine Horde törichter junger Leute angestachelt, einen Akt naiv-verantwortungsloser Gewalt zu begehen.«
Er wirkte beinahe enttäuscht.
»Das mag zwar angehen«, meinte er, »aber die Tat hatte trotzdem eine erstaunlich heftige Wirkung. Alle reden darüber. Sie scheint den Dissens katalysiert zu haben, der schon seit Jahren überall unter der Oberfläche brodelt. Es wird sogar über einen möglichen Staatsstreich gemunkelt …«
»Und wer würde den ausführen?«, fragte ich.
»Dafür kommt nur ein Mann in Frage«, entgegnete er mit einer gewissen Befriedigung. »General Haremhab.«
Ich seufzte.
»Das wäre keine Verbesserung gegenüber der jetzigen Regierung«, sagte ich.
»Es wäre eindeutig noch schlimmer, denn Haremhabs Vision von der Welt ist von seinem Leben in der Armee bestimmt. Ihm fehlt jede Menschlichkeit«, sagte er. »In Schwierigkeiten stecken wir aber in jedem Fall, denn das Ganze hat den König verletzbar wirken lassen. Und welcher König kann es sich leisten, verletzbar zu wirken? Es ist, als würde diese Dynastie von Generation zu Generation schwächer und absonderlicher. Und jetzt ist er machtlos …«
»Und wird immer wehrloser gegenüber anderen Einflüssen«, fügte ich hinzu.
Nacht nickte. »Er ist nie wirklich in der Lage gewesen, in irgendeiner Form seine Macht geltend zu machen, zum einen, weil das nach Echnaton niemand gebilligt hätte, und zum anderen, weil er unter der grässlichen Fuchtel von Eje aufgewachsen ist. Und als was für ein Tyrann der sich erwiesen hat. Kein Wunder, dass der Junge seine Macht nicht ausüben kann.«
Wir genossen es, die profunde Verachtung, die wir beide für den Regenten hegten, miteinander zu teilen.
»Ich habe Eje heute Morgen einen Besuch abgestattet«, sagte ich und beobachtete dabei Nachts Miene.
Er wirkte erstaunt.
»Warum, um alles in der Welt, hast du das denn getan?«
»Nicht, weil er mich sehen wollte, sondern weil ich es tun musste.«
»Wie merkwürdig«, meinte mein Freund, beugte sich vor und schenkte mir noch etwas mehr von dem hervorragenden Wein ein.
»Ich habe mich gestern Abend mit Anchesenamun getroffen«, sagte ich nach einer angemessen langen dramatischen Pause.
»Ah …«
Bedächtig nickte er vor sich hin und begann, die Puzzleteile zusammenzufügen, mit denen ich ihn hier so sorgsam fütterte.
»Sie hat einen ihrer Leute geschickt, um mich holen zu lassen.«
»Wen?«
»Khay. Den Obersten Schreiber«, erwiderte ich.
»Ja, den kenne ich. Läuft immer herum, als hätte ihm jemand einen goldenen Stock in den Arsch geschoben. Und was hat sie zu dir gesagt?«
»Sie wollte mir etwas zeigen. Einen Stein. Aus Achet-Aton. Ein Aton-Relief.«
»Interessant. Aber nicht ungewöhnlich.«
»Nicht, bis man sah, dass jemand die Aton-Scheibe ebenso komplett herausgemeißelt hatte wie die königlichen heiligen Namen und die Augen und Nasen der königlichen Familie«, sagte ich.
Nachts Blick glitt über das Idyll seines Gartens mit all seinen Farben und Schatten.
»Ich denke mir, dass so ein kleiner Bildersturm weitreichende Folgen hat, vor allem in diesem Palast.«
»Genau. Sie sind alle in Panik, weil sie nicht wissen, was das zu bedeuten hat.«
»Und was meinst du?«, wollte er wissen.
»Nun ja, es könnte lediglich bedeuten, dass irgendjemand, der sich über etwas beklagen will, das in der Vergangenheit passiert ist, seine Zeit darauf verschwendet hat, sich etwas einfallen zu lassen, womit man die königliche Familie auf fiese Weise beleidigen kann.«
»Aber der Zufall …«, bedrängte er mich.
»Ich weiß. Wir glauben nicht an Zufälle, stimmt’s? Wir glauben an Zusammenhänge. Der tote Junge mit den zerbrochenen Knochen, die kostbare Schutzformel, und jetzt haben wir zudem noch ein totes Mädchen mit einer Goldmaske, hinter der sich ihr fehlendes Gesicht versteckt.«
Nacht wirkte bestürzt.
»Wie grauenvoll! Was für eine Barbarei. Es wird immer schlimmer da draußen, keine Frage.«
Ich nickte.
»All diese Dinge wurden mit einer Perfektion und derart konsequent ausgeführt, dass ich den Verdacht hege, das Relief, das man im Palast gefunden hat, könne damit in Verbindung stehen. Ich frage mich, ob die Zerstörung der Sonnenscheibe ebenfalls eine spezifische Bedeutung haben könnte …«
»Welche Art von Bedeutung?«, fragte er skeptisch.
»Eine Sonnenfinsternis«, wagte ich, es auszusprechen.
»Na, das nenne ich eine sehr interessante Idee«, erwiderte er und verfolgte sie sogleich weiter. »Die Sonne im Kampf von den Mächten der Finsternis vernichtet und dann wiederhergestellt und neu geboren … das hat gewaltige Aussagekraft. Und trifft im Moment haargenau den Punkt …«
»Irgend so was«, antwortete ich. »Also dachte ich mir, ich konsultiere den Mann, der mehr über Sterne weiß als jeder andere, den ich kenne.«
»Nun ja, es ist nur ein Gleichnis«, erwiderte er lächelnd.
Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte.
»Erzähl mir mehr.«
»Lass uns einen Spaziergang machen«, schlug er vor.
Also liefen wir über einen der Wege durch seine Blumenbeete, und er begann zu erklären. Wie immer in solchen Fällen lauschte ich Nachts Worten, ohne sie ganz zu verstehen, denn ich wusste, wenn ich ihn unterbrach und Fragen stellte, führte das nur zu weiteren, gleichermaßen herrlichen, aber unendlich verwirrenden Abschweifungen.
»Überleg mal, wie wir die Mysterien der Welt um uns her verstehen. Re, der Sonnengott, segelt im Goldenen Schiff des Tages über den Blauen Ozean des Tages. Aber bei Sonnenuntergang nimmt der Gott ein anderes Schiff, das Schiff der Nacht, und entschwindet darauf in das Reich der Unterwelt. Der Schwarze Ozean der Nacht offenbart sich uns mit seinen funkelnden Sternen, – dem Hellen, dem strahlendsten von allen, und den fünf Sternen des Horus sowie den Sternen des Osiris, der Straße der Weiteren Gestirne am Firmament und dem wandernden Morgenstern –, und alle segeln sie über die dunklen Wasser und folgen der Sonne. Deren Reise mit all ihren Gefahren und Prüfungen wir niemals sehen, wir können sie uns immer nur vorstellen. Im Totenbuch vergleichen wir das mit der Reise der Seele nach dem Tod. Kannst du mir bis hierher folgen?«
Ich nickte.
»So einigermaßen …«
»Jetzt wird es diffiziler. Hör gut zu und konzentrier dich. Die größte dieser Gefahren, die bedeutsamste und zugleich geheimnisvollste, besteht in der dunkelsten Stunde der Nacht in der Vereinigung der Sonne mit dem Leib des Osiris. ›Die Sonne ruht in Osiris, Osiris ruht in der Sonne‹, wie der Spruch besagt. Das ist der geheimste Moment, in dem die Sonne wieder niedersteigt in die Urgewässer und deren chaotische Macht. Aber genau in diesem finsteren Moment bekommt Osiris neue Lebenskraft und wird wiedergeboren. Ich sage es noch einmal: Wir Lebenden können ein derartiges Ereignis nie mitansehen, denn es findet im entlegensten Winkel des Unbekannten statt, verborgen vor den Augen der Menschen. Aber auch hier gilt: Wir können es uns vorstellen, wenn auch nur mit großer Mühe. Dann, im Morgengrauen, kehrt die Sonne zurück, deutlich sichtbar und wiedergeboren, denn Re ist der Selbsterschaffer und der Schöpfer aller Dinge, die existieren. Und diese wiederkehrende Gestalt des Gottes nennen wir den Skarabäus, Cheper, der von selbst entstand, der sich aus dem Nicht-Sein ins Sein schiebt. Und so beginnt der neue Tag! So geht es immer weiter, Tag für Tag, Jahr für Jahr, Leben für Leben, Tod für Tod, Wiedergeburt für Wiedergeburt, unaufhörlich und auf ewig.«
Ich wusste, dass er es liebte, solche Reden zu schwingen. Mein Problem war, dass das Ganze zu sehr wie eine gute Geschichte klang. Und wie all die Geschichten, die wir uns selbst und unseren Kindern darüber erzählen, wie Dinge passieren und warum Dinge sind, wie sie sind, war sie nicht zu beweisen.
»Nur was hat das alles mit meiner Frage zu tun?«, hakte ich nach.
»Es gibt einen Moment, in dem wir, die Lebenden, diese göttliche Vereinigung miterleben können.«
»Während einer Sonnenfinsternis?«
»Genau. Es gibt natürlich unterschiedliche Erklärungen für ein solches Ereignis, je nachdem, welche Lehre man befragt oder welcher man anhängt. Eine ist die, dass die Göttin Hathor des Westens den Gott mit ihrem Leib bedeckt. Gewissermaßen eine göttliche Vereinigung von Licht und Dunkelheit. Eine andere Erklärung, die dem widerspricht, lautet, dass irgendeine finstere Macht, deren Namen wir nicht kennen und deshalb auch nicht nennen können, das Licht erobert – aber das Licht schöpft neue Kraft und triumphiert in der göttlichen Himmelsschlacht.«
»Zu unserem Glück.«
»In der Tat. Denn ohne Licht gibt es kein Leben. Das Königreich der Finsternis ist das Land der Schatten und des Todes. Es gibt aber Dinge, die wir selbst heute noch nicht verstehen. Ich bin allerdings überzeugt, dass unser Wissen dereinst einen Stand erreichen wird, der es uns ermöglicht, alle Dinge zu erklären, die existieren.«
Er blieb vor einem Granatapfelbusch stehen, fuhr mit der Hand durch die rosafarbenen Blüten – gerade groß in Mode – und zupfte schließlich ein paar halbverblühte heraus, als wolle er seine gottgleiche Macht über seine Schöpfung demonstrieren.
»Wie ein ›Buch über Alles‹ …«, schlug ich vor.
»Genau. Aber Worte sind nicht vollkommen, und die Fähigkeit unseres Schriftsystems, so schön es auch ist, hat im Hinblick darauf, die Schöpfung in all ihrer sinnfälligen und verborgenen Pracht zu beschreiben, seine Grenzen … Wir müssten also einen anderen Weg finden, Dinge zu beschreiben.«
»Und wie sollte der aussehen?«
»Na ja, das ist die Frage. Aber vielleicht liegt die Antwort nicht in Worten, sondern in Zeichen; eigentlich, in Zahlen …«
An diesem Punkt konnte ich einfach nicht mehr folgen, was mir häufig passiert, wenn ich mich mit Nacht unterhalte. Er ergeht sich mit solcher Leidenschaft in Spekulationen, dass das in mir zuweilen das Bedürfnis weckt, etwas völlig Praktisches und Unbedeutendes zu tun, wie beispielsweise den Hof zu fegen.
Er lächelte, als er den verwirrten Ausdruck auf meinem Gesicht sah.
Ich brachte unsere Unterhaltung zum Ausgangspunkt zurück.
»Wo wir gerade bei dem Thema sind: Da du Sternkalender benutzt, weiß ich, dass du den Beginn der Nilschwemme voraussagen kannst und den Anfang des Festes. Sind aus den Tabellen auch Sonnenfinsternisse abzulesen?«
Er dachte geraume Zeit nach, bevor er mir darauf antwortete.
»Ich glaube nicht. Ich habe mir auf der Grundlage meiner Beobachtungen meine eigenen Kalender erstellt, aber ich hatte bisher noch nie das Glück, einer Sonnenfinsternis beizuwohnen, denn das sind in der Tat seltene Ereignisse. Ich habe auf meiner Dachterrasse aber mal eine Mondfinsternis beobachtet. Mich fasziniert und verwirrt der konsequent kreisförmige Verlauf, der sowohl bei der Wiederholung kosmischer Ereignisse zu beobachten ist, als auch in der Form der Schatten, die sich über die Mondscheibe legen, denn sie bilden einen geschlossenen Kreis, wie wir ihn beim Vollmond und bei der Sonne sehen und ihn vielleicht auch bei einer totalen Sonnenfinsternis sehen würden. Das lässt die Vermutung zu, dass der Kreis die perfekte Himmelsform ist, sowohl als Idee – denn ein Kreis impliziert unendliche Wiederkehr – wie auch als reale Tatsache.«
Dankbar für eine Pause in diesem Schwall aus rasend schnellen Spekulationen fragte ich rasch:
»Aber wie könnten wir mehr darüber in Erfahrung bringen? Könntest du mich in die Astronomischen Archive bringen?«
»In den Bezirk des Tempels von Karnak? Zu dem ich Zutritt habe?«, fragte er lächelnd.
»Wie glücklich ich doch dran bin, einen Mann von derart hohem Rang zu meinen engen Freunden zählen zu können.«
»Dein Sarkasmus ist so was von … bourgeois«, erwiderte er in heiterem Ton.
Mit gebieterischer Körperhaltung und elegant schnellen Schrittes passierte Nacht die Sicherheitssperren vor dem Haupt-Pylon des Tempels von Karnak. Thot und ich folgten ihm, und ich blickte empor zu den großartigen Lehmziegelmauern, die sich hoch über uns erhoben. Und dann befanden wir uns plötzlich in den Schatten des »vollkommensten aller Orte«, einer verbotenen, geheimen Welt inmitten der Welt; denn niemand, der nicht der elitären Priesterkaste angehört, darf dieses gewaltige, uralte, aus Säulenhallen und düsteren Tempeln bestehende Steinlabyrinth betreten, dessen Wände mit zahllosen mysteriösen Reliefs verziert und von einem Irrgarten aus heiligen Schreinen umgeben sind, in den niemals die Sonne dringt und in dessen dunklem Schweigen die Götter umsorgt werden, indem man sie weckt, verehrt, ankleidet, nährt, wieder schlafen legt und in der Nacht bewacht.
Wir traten nach draußen auf einen offenen Platz. Wohin ich auch blickte, sah ich Männer, die zur Aristokratie gehörten, in strahlend weißes Leinen gehüllt waren und gemütlich ihren geheimnisvollen Tätigkeiten nachgingen. Übermäßig beschwerlich schien das Leben als Priester nicht zu sein. Zu festgesetzten Zeiten des Jahres finden sie sich für ihren Anteil an den gewaltigen Tempeleinkünften in den heiligen Bezirken ein, um eine Weile Dienst zu tun, was bedeutet, dass sie die alten Vorschriften der rituellen Reinheit befolgen – bei Sonnenaufgang im Heiligen See baden, sich ihre Leiber rasieren, weiße Leinengewänder tragen – und ganz genau, ohne jegliche Abweichung, gemäß den Anweisungen die einzelnen Aufgaben und Rituale der Verehrung erfüllen und vollziehen.
Allerdings sind alle Tempel, ob es sich um einen winzigen Schrein in einer staubigen Handelsstation an der südlichen Grenze handelt oder um die ältesten göttlichen Stätten der Beiden Länder, anfällig für die gesamte Bandbreite typisch menschlichen Verhaltens: Korruption, Bestechung, Diebstahl, Unterschlagung und alles, was es da sonst noch gibt, von Skandalen wegen verkürzter Gottesdienste sowie der Entwendung von Reliquien und geweihten Lebensmitteln bis hin zu nackter Gewalt und Mord. Je größer der Tempel, desto größer der Reichtum. Reichtum ist Macht. Und Karnak ist der größte aller Tempel. Sein Reichtum und seine Macht haben einen langen Kampf gegen den Reichtum und die Macht der königlichen Familie geführt – und ihn inzwischen gewonnen.
Das weite Gelände innerhalb der Umfassungsmauern beherbergte etwas, was für meine Augen aussah wie ein Mischmasch aus alter Zeit und Moderne: Pylone, Obelisken, Prachtstraßen, Statuen, Kapellen und nicht zugängliche Tempelanlagen mit gewaltigen Papyrussäulen und schattigen Hallen. Manche dieser Bauten waren gerade neu errichtet worden, andere befanden sich noch im Bau, einige hatte man abgerissen, wieder andere waren nur noch Ruinen. Es gab auch Magazine, Amtsstuben und Wohnhäuser für die Beamten und die Priester. Eigentlich war das Ganze eine kleine Stadt, die zwar herrschaftlich, aber dennoch chaotisch war. Es wimmelte nur so von Priestern, die durch die Portale und Pylone liefen und dabei von einer noch erheblich größeren Anzahl an Dienern und Gehilfen begleitet wurden. Vor uns erhob sich ein weiterer Pylon, der zu noch mehr Pylonen führte, durch die man schließlich zu den uralten Heiligtümern im Innersten des Tempels gelangte.
»Hinter diesen Höfen befindet sich der Heilige See«, sagte Nacht und zeigte dabei nach rechts. »Die Priester müssen sich zweimal am Tag und zweimal in der Nacht mit seinem Wasser besprengen und sich den Mund mit ein wenig Natron ausspülen.«
»Das ist ein schweres Leben«, sagte ich.
»Sei ruhig sarkastisch, aber in der Zeit, da die Priester in der Tempelanlage ihre Amtspflichten erfüllen müssen, ist ihnen der Geschlechtsverkehr absolut untersagt, und ich bin mir ziemlich sicher, dass du das für eine unzumutbare Auflage halten würdest«, erwiderte er mit der typischen Offenheit, die er im Hinblick auf solche Dinge an den Tag legte. »Aber die Priester leben natürlich immer nur vorübergehend hier. Anders als die Sänger, die Zeremonienmeister des Schreins, die Vorlesepriester, die Schreiber, die Stundenpriester, die dafür verantwortlich sind, dass die Rituale zum richtigen Zeitpunkt abgehalten werden … dabei sind es in Wahrheit die Verwaltungsangestellten, die Diener und die Leinweber, die Köche und Reinigungskräfte, die alles Erforderliche leisten, damit die Rituale perfekt vollzogen werden können. Man könnte sagen, dass der Gott Amun mehr Leute beschäftigt als der König.«
»Im Grunde ist das Ganze also eine riesengroße Regierungsabteilung …«, sagte ich.
»Genau. Aufseher überwachen jeden einzelnen Aspekt: wie der Landbesitz geführt wird, die Konten, das Militär, das Personal, die Felder, die Priester, die Kornkammern und das Schatzamt …«
Vor dem Eingang zu einer Reihe beeindruckender Gebäude blieb er stehen.
»Und das ist das Haus des Lebens, in dem sich das Skriptorium und die Bibliotheken befinden, die Archive und die Amtsstuben der Vorlesepriester.«
Wir traten ein. Direkt vor uns tat sich hinter Flügeltüren ein großer, stiller Raum auf.
»Das ist das Skriptorium«, flüsterte Nacht, als spräche er zu einem Kind, denn ich konnte mit eigenen Augen sehen, dass hier Männer verschiedenen Alters mit akribischer Genauigkeit Texte von alten Schriftrollen auf neue übertrugen oder miteinander verglichen. Die Atmosphäre in der Bibliothek war träge, denn es war mitten am Nachmittag, und manche der älteren Besucher der Archive arbeiteten nicht intensiv, sondern dösten über den Schriftrollen, die vor ihnen ausgebreitet lagen. An den Wänden befanden sich Holzregale, auf denen sich unendlich viele Schriftrollen stapelten, Papyrus über Papyrus, ganz so, als läge hier sämtliches Wissen, schriftlich abgefasst. Durch Obergadenfenster fiel das Licht der Sonne in den Raum und illuminierte die zahllosen Staubpartikel, die glitzernd niederschwebten wie winzige Fragmente von Ideen oder Hieroglyphen, die aus den Schriftrollen herausgebröselt und damit aus ihrem Zusammenhang gerissen und bedeutungslos geworden waren.
»Das hier sind die ältesten Archive der Welt«, fuhr Nacht im Flüsterton fort. »Viele der Texte, die hier aufbewahrt werden, stammen aus der Zeit des Anfangs unserer Welt. Papyrus ist bemerkenswert robust, aber manche Rollen sind so alt, dass sie in Ledermappen gelagert werden müssen und man sie nicht lesen kann. Andere können zwar auseinandergerollt werden, doch wird befürchtet, dass selbst der schwächste Sonnenstrahl die letzte Tinte ausbleichen könnte, sodass man sie nur bei Kerzenlicht lesen darf. Tatsache ist, dass manche sich bei Mondlicht mit ihnen befassen, aber ich schätze, dass dahinter auch viel Aberglaube steckt. Viele wurden in Zeichen abgefasst, die heutzutage unverständlich sind, und deshalb bestehen sie nur aus einem bedeutungslosen Gewirr von kindischen Zeichnungen. Das ist eine entsetzliche Vorstellung: ganze Welten, die für uns nur noch Blödsinn sind. Es ist ein Palast, in dem enormes Wissen zusammengetragen wurde, nur ist leider vieles davon unverständlich. Verlorenes Wissen … Verlorene Bücher …«
Er seufzte. Wir liefen hinaus und durch einen Korridor, von dem eine Tür nach der anderen abging.
»Hier werden die mythologischen und theologischen Traktate aufbewahrt sowie die Gedichte und die Originalvorlagen der Inschriften, die an den Tempelwänden und Obelisken zu sehen sind. Hier gibt es auch Künstlerateliers, in denen Kopien des Totenbuches angefertigt werden. Und dann befinden sich hier Räume, in denen Schulungen stattfinden und gelernt wird. Sowie verschiedene Lagerräume für Texte über Themen wie das Schreiben, das Ingenieurwesen, Poesie, Jura, Theologie, Magie, Medizin …«
»Und Astronomie«, fügte ich hinzu.
»Richtig. Da sind wir auch schon.«
Wir standen vor einem alten Mann, der das weiße Leinengewand und die Schärpe eines Vorlesepriesters trug und vor Doppeltüren stand, die mit einem Strick verschlossen und versiegelt waren. Er hatte prächtig weiße Augenbrauen und blickte uns mit unheilvoller Miene an.
»Ich bin Nacht«, stellte Nacht sich ihm vor.
»Willkommen«, erwiderte der Priester in einem Ton, der genau das Gegenteil vermittelte.
»Ich würde gern einige Schriftrollen aus dem Bereich Astronomie einsehen«, sagte Nacht.
Mit zusammengekniffenen Augen starrte der Priester ihn an und ließ sich die Bitte durch den Kopf gehen.
»Und wer ist Euer Begleiter?«, fragte er misstrauisch.
»Das ist Rahotep. Er ist der Leiter der Kriminalabteilung der thebanischen Medjai.«
»Warum muss ein Polizist Einsicht nehmen in astronomische Tabellen?«
»Sein Verstand dürstet nach Wissen, und ich bemühe mich, diesen Durst zu stillen«, entgegnete Nacht. Der Priester schien keinen anderen Grund finden zu können, uns den Eintritt zu verwehren, und so trat er mit einem tiefen Seufzer zur Seite; er bewegte sich dabei wie ein Nilpferd im Schlamm, brach murrend das Siegel und knotete die Stricke auf. Dann öffnete er die Türen und bedeutete uns mit einer kurzen Handbewegung, einzutreten.
Der Raum war sehr viel größer und höher, als ich erwartet hatte. An jeder Wand erhoben sich bis zur Decke Regale, und in der Mitte standen, aufgereiht wie Fischgräten, hohe Aufbewahrungskästen. In jedem der Regale lagerten unzählige Schriftrollen. Ich hätte nicht gewusst, wo ich hätte anfangen sollen, aber Nacht überflog die Schildchen, als suche er nach etwas Bestimmtem.
»Aus weltlicher Sicht ist Astronomie lediglich ein Teilbereich der Religion. Solange wir wissen, wo die wichtigen Gestirne auftauchen, damit die Tage und Feste und Feiern mit den Mondtabellen zusammenfallen, sind alle glücklich. Indes scheint noch niemandem aufgefallen zu sein, dass die Regelmäßigkeit, das Wiederholungsmuster, dem die unvergänglichen Sterne folgen, auf ein immens geordnetes Universum jenseits unserer Vorstellungskraft hindeutet.«
»Statt der alten Geschichten, die man uns seit Anbeginn der Zeit über Götter und Göttinnen erzählt und darüber, dass alles aus dem Papyrussumpf der Schöpfung entstanden und die Nachtwelt der Ort des ewigen Lebens ist …«
»In der Tat«, wisperte Nacht. »Die Sterne sind das ewige Leben, nur vielleicht nicht so, wie wir immer dachten. Ketzerei, natürlich«, sagte er mit einem seligen Grinsen.
Er breitete mehrere Schriftrollen auf den niedrigen Tischen aus, die zwischen den Aufbewahrungskästen standen, und dann zeigte er mir die Sterntabellen mit all den Zeichen und Zahlen, die in roter und schwarzer Tinte darin eingetragen waren.
»Pass auf: In dieser Spalte hier sind sechsunddreißig Gruppen von Sternen aufgeführt, aus denen sich die nächtliche Welt zusammensetzt. Die nennen wir die Dekane.«
Ich ließ meinen Blick über die Symbole in den einzelnen Spalten gleiten und rollte den alten Papyrus dabei immer weiter auf. Die Zeichen schienen endlos weiterzugehen. Nacht mokierte sich.
»Sei vorsichtig. Das muss man behutsam anfassen. Mit Respekt.«
»Und warum werden die Informationen auf diese Art festgehalten?«
»Jede Spalte weist die Sterne aus, die über einen Zeitraum von jeweils zehn Tagen vor Morgengrauen über dem Horizont aufgehen. Siehst du, hier ist der Hundsstern, der genau zum Zeitpunkt der Großen Flut aufgeht, am Beginn des Sonnenjahres. Und hier ist das Sternbild Sah, die Glorreiche Seele des Osiris, der helle Stern, der zu Anfang von peret aufgeht, der Zeit der Aussaat … du kennst doch bestimmt das Sprichwort, oder nicht? ›Ich bin der Stern, der die Beiden Länder erhellt, der sich vor die Sterne des Himmels stellt, auf den Leib meiner Mutter Nut.‹«
Ich schüttelte den Kopf.
»Manchmal habe ich das Gefühl, dass du absolut gar nichts weißt«, meinte er.
»Das hier ist nicht so ganz mein Fachgebiet. Aber was ist mit der Sonnenfinsternis?«, erinnerte ich ihn.
Die nächsten paar Minuten verbrachte er damit, viele weitere Tabellen einzusehen, rollte eine nach der anderen auf und wieder zusammen, und jede Schriftrolle wirkte älter und brüchiger als die davor.
Schließlich schüttelte er resigniert den Kopf.
»Es ist nichts darüber vermerkt. Das hätte ich nicht gedacht.«
»Eine Sackgasse.«
»Es war ein interessanter Gedankengang«, sagte er und fügte im Ton eines Schulmeisters hinzu: »Und zumindest weißt du jetzt ein bisschen was über das Thema.«
Wir verließen das Archiv, und der Priester beugte sich ungelenk nach vorn, um die Seile wieder zu verknoten und neu zu versiegeln. Nachdem wir uns ein paar Schritte entfernt hatten, sprach ich laut aus, was mir gerade durch den Kopf ging: »Wo werden denn die geheimen Bücher aufbewahrt?«
Nacht versuchte zu verbergen, wie sehr meine Frage ihn beunruhigte, aber das misslang.
»Wovon redest du? Was für geheime Bücher?«
»Die Bücher des Thot zum Beispiel.«
»Nun komm aber, die sind mehr Legende als Realität. Wie so viele angeblich geheime Bücher.«
»Es ist aber doch wahr, dass es eine Reihe von heiligen Schriften gibt, die nur Eingeweihte lesen dürfen, oder etwa nicht?«, fragte ich.
»›Eingeweihte‹? Worin sollten die eingeweiht sein? Und welche Themen sollten diese Schriften behandeln?«
»Oh, Themen wie die göttliche Geometrie«, gab ich locker zur Antwort.
»Von so etwas habe ich noch nie gehört«, erwiderte er steif und sah dabei über die Schulter, um sicherzustellen, dass niemand uns hören konnte.
»Natürlich hast du das, mein Freund«, sagte ich leise.
Wütend starrte er mich an.
»Was meinst du damit?«
»Du wusstest, dass diese Schriftrollen nichts beinhalten, was mich interessiert. Und ich bin dir dankbar dafür, dass du dir die Zeit genommen hast, mir zu zeigen, dass da nichts ist. Nur kenne ich dich sehr gut, und es gibt da eindeutig etwas, was du mir nicht sagst.«
Er besaß den Anstand zu erröten.
»Manchmal lassen sich wichtige Dinge nicht einfach so erörtern.«
»Was für Dinge?«
»Ich hasse dich regelrecht, wenn du deine Verhörtaktiken bei mir anwendest. Ich versuche nur zu helfen«, schimpfte er und meinte das nicht einmal ansatzweise als Witz.
»Dann werde ich dir sagen, was ich denke. Ich denke, dass es geheime Bücher gibt, unter anderem über Astronomie, und ich denke, dass du zu den Eingeweihten gehörst und einige von ihnen gelesen hast und weißt, wo sie aufbewahrt werden.«
Er starrte mir geradewegs ins Gesicht, mit einem Blick, der so eisig war, wie ich es noch nie bei ihm erlebt hatte.
»Was für eine lebhafte Fantasie du doch hast …« Und dann lief er von dannen.
Ich folgte ihm zurück nach draußen in die Helligkeit und Hitze des Spätnachmittags, und schweigend gingen wir unseres Weges. Dann blieb er plötzlich stehen und zog mich neben einem alten Tempel in eine schattige Ecke.
»Ich kann dich nicht belügen, mein Freund. Ich kann dir den Inhalt der Bücher aber auch nicht verraten. Ich habe einen heiligen Schwur geleistet.«
»Ich wollte aber doch auch nur wissen, ob sie existieren oder nicht.«
»Das ist aber bereits zu viel Wissen. Es muss geheim gehalten werden, ob es sie gibt oder nicht. Die geheimen Bücher sind in diesen düsteren Zeiten verboten. Geheimes Wissen ist wieder gefährlich geworden. Wie du sehr wohl weißt, könnte jeder, bei dem man solche Bücher findet oder auch nur Abschriften von Teilen dieser Bücher, mit dem Tode bestraft werden.«
»Sie existieren aber, sie werden von einem kleinen Kreis gelesen, und deshalb müssen sie irgendwo versteckt liegen. Wo sind sie also?«, fragte ich ihn geradeheraus.
»Das kann ich dir nicht sagen.«
Ich sah mich um und schaute auf die vielen Bauten auf dem Tempelgelände. Plötzlich wurde mir klar, dass es vielleicht auch in dieser geheimen Stadt noch eine weitere Stadt gab. Denn jedes Geheimnis birgt in seinem Innersten ein weiteres Geheimnis.
Wütend blitzte er mich an, jetzt machte er keinen Hehl mehr aus seinem Zorn.
»Du erwartest zu viel von unserer Freundschaft.«
Wir standen einander gegenüber in diesem befremdlichen Moment und sahen einander an. Um die Spannung zu lösen, neigte ich den Kopf.
»Dafür entschuldige ich mich. Berufliche Dinge sollten sich niemals zwischen alte Freunde stellen.«
Er nickte, beinahe zufrieden. Ich wusste, dass ich in dieser emotional aufgeladenen Situation nur noch sehr wenig von ihm erfahren würde.
»Sekhmet hat heute Geburtstag«, erinnerte er mich. »Oder hast du dir so viel über Sonnenfinsternisse und geheime Bücher den Kopf zerbrochen, dass du das vergessen hast? Ich werde heute mit dir und der Familie zu Abend essen.«
Ich griff mir mit der Hand an die Stirn. Vergessen hatte ich es nicht, denn bevor ich das Haus verließ, hatte Tanefert mich noch einmal daran erinnert. Ich hatte aber noch einer heiligen Familienpflicht nachzukommen.
»Und ich bin verantwortlich für das Festmahl, also mache ich mich besser auf den Weg, um die geheimen Zutaten einzukaufen, die ich niemals jemandem verraten darf, weil mir sonst die Todesstrafe droht. Bevor die heiligen, nur Eingeweihten bekannten Händler des Marktes ihre Stände schließen.«
Endlich gelang es ihm zu lächeln, und gemeinsam schritten wir durch das gewaltige Tor, das uns wieder dem Leben der Stadt zuführte. Danach trennten wir uns. Er ging nach Hause, und ich lief auf den Markt, um Fleisch, Gewürze und Wein zu besorgen.
Wir haben alle unsere Stammplätze, wo wir auf Stühlen an dem niedrigen, runden Tisch sitzen: mein Vater am Kopfende, Sekhmet und Thuju auf der einen Seite zusammen mit Kheti und seiner Frau, Tanefert und Amenmose auf der anderen mit Nacht und Nedjmet, der Süßen, die gern neben ihm sitzt und ihm die Arme um den Hals schlingt. Während sie ihre Liebesbekundungen inszeniert, beobachtet sie ihr Publikum. Wo hat sie diese Schöntuerei gelernt? Ich hatte unser Lieblingsessen gekocht – Gazelle in Rotwein. Das gibt es nur zu festlichen Anlässen.
Sekhmet wirkte entspannt und selbstbewusst. Sie trug ein neues plissiertes Gewand und die Ohrringe, die wir ihr zum Geburtstag geschenkt haben. Die Unsicherheit ihrer Teenagerjahre weicht allmählich einem neuen Selbstbewusstsein. Sie hat mehr gelesen als ich und erinnert sich an alles. Sie kann immer noch die unsinnigen Gedichte rezitieren, die wir uns ausgedacht haben, als sie noch ein Kind war. Bildung bedeutet ihr alles. Sie hat einmal ganz ernsthaft zu mir gesagt: »Ich kann nicht Athletin und Gelehrte sein.« Und so hat sie ihre Entscheidung getroffen.
Wenn ich an Abenden wie diesem im Kreise meiner Familie und meiner Freunde sitze, die Speisen vor uns auf dem Tisch stehen und die Lampen aus den Wandnischen leuchten, frage ich mich immer, was ich getan habe, dass ich solches Glück verdiene. Und in dunkleren Momenten mache ich mir Sorgen, dass meine Arbeit all das in Gefahr bringen könnte – denn wie sollten sie leben, wenn mir etwas passieren würde? Außerdem muss ich mich fragen: Warum reicht dieses Leben nicht? Und wie werde ich zurechtkommen, wenn mein Vater nicht mehr am Leben ist, die Mädchen verheiratet sind und in anderen Häusern leben und Amenmose irgendwo studiert, vielleicht in Memphis, und Tanefert und ich in der fremden neuen Stille unserer späten Jahre nur noch einander haben?
»Vater, ich frage mich die ganze Zeit, warum Mädchen in unserer Gesellschaft nicht die Möglichkeit bekommen, sich Bildung anzueignen und Karriere zu machen?«
Sekhmet beobachtete, welche Wirkung ihre Bemerkung erzielte, und schaufelte sich dabei ein großes Stück Gazelle in den Mund.
»Und so ganz nebenbei«, murmelte sie, »das hier ist köstlich.«
Nacht, Kheti und mein Vater sahen mich amüsiert an.
»Du hattest aber doch schon viele Möglichkeiten.«
»Nur weil Nacht mir Dinge beigebracht hat, die mir sonst niemand beibringen wollte …«
»Und sie ist eine brillante Schülerin«, fügte er stolz hinzu.
»Es kommt mir aber so vor, als hätte ich weniger Möglichkeiten, weil ich ein Mädchen bin und es in unserer Gesellschaft bei allem um die Überlegenheit des Mannes über die Frau geht. Und das ist lächerlich. Wir leben in einer modernen Welt. Dass mir inzwischen Brüste gewachsen sind, heißt doch nicht, dass ich den Verstand verloren habe.«
Mein Vater begann zu hüsteln, als habe er sich verschluckt. Nacht klopfte ihm auf den Rücken, aber der alte Herr hustete weiter, mit Tränen in den Augen. Ich wusste, dass es sich dabei um Tränen der Erheiterung handelte, doch ich wollte Sekhmet nicht beschämen. Ich zwinkerte ihm zu.
»In gewisser Weise hast du damit recht«, sagte ich. »Wenn du vorhast, etwas zu erreichen, musst du entschlossen sein.«
»Das habe ich vor. Ich will noch nicht heiraten. Ich möchte mehr lernen. Ich will Ärztin werden.«
Sie schaute über den Tisch hinweg auf ihre Mutter. Ich wusste sofort, dass sie bereits darüber gesprochen hatten. Ich sah Tanefert an, und sie erwiderte meinen Blick mit einem wortlosen Flehen, bitte rücksichtsvoll vorzugehen.
»Aber meine innig geliebte Tochter …«, hob ich an und hoffte, Nacht würde etwas beisteuern, das mir in meiner misslichen Lage half.
»Ja, mein innig geliebter Vater?«
Es fiel mir schwer, die besten Worte zu finden.
»Frauen werden nicht Ärztinnen.«
»Das stimmt nicht«, warf Nacht ein, was nun gerade nicht hilfreich war.
»Welchen Unterschied macht es, ob sie das in der Vergangenheit nicht geworden sind? Das ist es, was ich machen will. Es gibt so viel Leiden in dieser Welt, und das will ich ändern. Und es gibt auch viel zu viel Ignoranz. Wissen kann das Leiden und die Ignoranz mildern. Und überhaupt: Warum habt ihr mich Sekhmet genannt, wenn ihr nicht wolltet, dass eine Ärztin aus mir wird?«
»Warum habt ihr sie Sekhmet genannt?«, wollte Nedjmet wissen, die eine Chance witterte, sich an der Unterhaltung zu beteiligen.
»Weil der Name die Mächtige bedeutet«, erwiderte Tanefert.
»Die löwengestaltige Göttin Sekhmet kann Krankheiten schicken, kann sie aber auch zurückrufen«, führte Sekhmet selbst weiter aus.
»Wie ich sehe, hast du von deinem gescheiten Patenonkel eine Menge gelernt«, sagte ich.
»Ich habe Dinge mit ihm diskutiert.«
Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich wie die einzige Figur auf dem Brett, die immer noch auf dem ersten Spielfeld stand.
Plötzlich ergriff am anderen Ende des Tisches mein Vater das Wort.
»Sie wird eine großartige Ärztin werden. Sie ist ruhig, geht bei allem methodisch vor, und sie ist wunderschön anzusehen. Ganz im Gegensatz zu diesen übelriechenden und streitsüchtigen alten Männern, die ein paar brennende Kräuter in die Luft werfen und unsereinen den eigenen Urin trinken lassen. Ich würde sie mit Sicherheit mit meiner Versorgung betrauen, wenn ich mal alt und krank werde.«
Mit einem siegessicheren Lächeln auf den Lippen sah Sekhmet mich an.
»Dein erster Patient ist dir also schon mal sicher«, sagte ich. »Aber ist dir bewusst, was das bedeutet?«
Klug nickte sie.
»Es bedeutet jahrelanges Studium, und ich werde doppelt so gut sein müssen wie alle anderen, weil ich das einzige Mädchen unter all den Jungen sein werde. Und ich werde die Opposition der Elite ertragen müssen und die engstirnigen, kleingeistigen Beleidigungen der altmodischen Lehrer. Das werde ich aber überleben.«
Ich hatte keine Vorstellung, wie ich mich ihrem Wunsch widersetzen sollte, und in Wahrheit war ich stolz auf ihre Entschlossenheit. Das Einzige, was mich davon abhielt, sie von ganzem Herzen zu unterstützen, war das Wissen um den Kampf, der ihr bevorstand – das und die Wahrscheinlichkeit, dass sie versagte –, nicht aufgrund irgendeiner persönlichen Schwäche, sondern weil die in der Oberschicht sich weigerten, sie zu akzeptieren.
Ich wollte gerade etwas sagen, als Thot im Hof zu brüllen begann. Ein plötzliches Klopfen an der Tür brachte uns alle zum Schweigen. Ich stand auf und öffnete. Draußen stand ein großgewachsener, stämmiger und unfreundlich dreinblickender Mann, der die Uniform der Palastwache trug. Hinter ihm standen Wachsoldaten mit Schwertern, die im Licht der Öllampe, die in der Nische neben der Tür stand, glänzten.
»Ich weiß, wer Ihr seid«, sagte ich ruhig, bevor er etwas sagen konnte. »Gebt mir bitte ein paar Minuten.«
Ich lief zurück in den Raum. Meine Familie starrte mich an.
Tanefert behauptet, man habe immer die Wahl. Aber manchmal stimmt das nicht. Ich bat Kheti, mich zu begleiten, und Nacht, zu bleiben und mit den anderen weiterzufeiern. Sekhmet geleitete mich durch die Küche zur Tür. Sie warf einen prüfenden Blick auf die draußen wartenden Wachen und nickte.
»Mach dir keine Sorgen, Vater. Es ist wichtig, seine Arbeit zu tun. Deine Arbeit ist wichtig. Ich verstehe das. Und wir werden alle hier sein, wenn du zurückkommst.«
Und dann grinste sie und küsste mich auf die Wange.
Als wir wieder einmal den Großen Fluss überquerten – Kheti saß mir gegenüber, und Thot hatte sich zu meinen Füßen auf den Boden gekauert, denn er hält Boote und Wasser für heimtückisch und traut ihnen nicht –, blickte ich empor zum schwarzen Ozean der Nacht mit seinen geheimnisvoll glitzernden Sternen. Ich erinnerte mich an etwas, was mein Großvater mir mal gesagt hatte: Das wirklich Wichtige waren nicht die zahllosen Sterne, sondern die prachtvolle Finsternis, die sie umgab. Die Tabellen und Zeichen der verblichenen alten Papyrusdokumente, die Nacht mir am Nachmittag gezeigt hatte, schienen dieses größte aller Geheimnisse nur ganz primitiv darzustellen.
Die erfahrenen Ruderer brachten uns zum Palast-Anlegesteg, wo das schwarze Wasser sacht gegen die silbern im Mondlicht glänzenden Steine plätscherte. Khay erwartete uns. Im schimmernden Licht des Feuers, das aus den gehämmerten Kupferschalen drang, war zu sehen, dass sein knochiges Gesicht von Angst gezeichnet war. Ich stellte ihm Kheti als meinen Gehilfen vor. Er hielt sich respektvoll mit gesenktem Kopf im Hintergrund. Khay beäugte ihn und nickte.
»Sein Benehmen und seine Sicherheit unterliegen Eurer Verantwortung«, sagte er.
***
Ich habe gehört, es gibt Menschen, die in ihren Träumen immer wieder in die gleichen Situationen und Zwangslagen geraten. Jede Nacht werden sie von denselben Bildern des Grauens gequält und in Angst versetzt: albtraumartige Verfolgungsjagden durch endlose Tunnel; die flinken Bewegungen von Krokodilen, die sie in dem tiefen, schwarzen Wasser zwar nicht sehen können, aber deutlich spüren, dass sie da sind; der Anblick eines geliebten Menschen, der tot ist, unerreichbar in einer gewaltigen grauen Menschenmenge. Und dann wacht der gepeinigte Träumer schwitzend auf und weint hemmungslos um das, was er immer und immer wieder an diese Visionen aus dem Jenseits verloren hat. Dieser Palast mit seinen langen Korridoren, den vielen verschlossenen Türen und den stillen Vestibülen erinnerte mich jetzt an so etwas. Ich stellte mir vor, jeder der verschlossenen Räume enthalte einen anderen Traum, einen anderen Albtraum. Und trotzdem empfand ich keine Furcht, die Erregung hielt mich wieder einmal in ihrem monströsen und prachtvollen Klammergriff. Etwas Unerwartetes war geschehen. Und deshalb war ich so glücklich, wie ein Mensch es nur sein kann.
Wir passierten die Wache und betraten die königlichen Gemächer. Irgendwo in der Dunkelheit wurde eine Tür zugeschlagen, und die helle Stimme eines jungen Mannes rief bebend einen Befehl. Gesenkte Stimmen versuchten in eindringlichem und überzeugendem Ton, ihn zu beruhigen. Ein weiteres Mal wurde eine Tür zugeschlagen, und danach kehrte wieder diese gruftartige Stille ein. Khay, der die Bedeutung dieser Zeichen und Wunder kannte, eilte auf seinen teuren und makellos sauberen Sandalen voraus, bis wir von Neuem die großartigen Flügeltüren erreichten, die in Anchesenamuns Gemächer führten. Kheti sah mich an, mit hochgezogenen Brauen und sichtlich amüsiert über die Situation, in der wir uns befanden. Dann wurden die Türen plötzlich geöffnet, und wir traten ein.
In den Gemächern sah alles so aus wie beim letzten Mal. Die Lichter brannten an den gleichen Stellen. Die Türen, die auf die Terrasse und in die Gärten führten, standen offen. Anchesenamun, die von einem Soldaten bewacht wurde, saß ganz ruhig da und starrte wie hypnotisiert auf eine kleine, verschlossene Holzkiste, die auf der gegenüberliegenden Seite des Raums auf einem niedrigen Tablett stand. Als wir eintraten, drehte sie sich langsam zu uns um. Ihre Augen glänzten, und sie klammerte sich mit einer Hand an der anderen fest.
Die Kiste war nicht größer als die, in denen man Perücken aufbewahrt. Sie war mit einer Kordel verschnürt, die raffiniert verknotet war. Interessanterweise sah das Ganze eher aus wie ein magischer und nicht wie ein praktischer Knoten. Wie mysteriös das war – die Tatsache, dass der Macher des Ganzen eine Vorliebe für frustrierende, möglicherweise geisteskranke Puzzles hatte, schien auf beängstigende Weise zu all den anderen seltsamen Mysterien der letzten Tage zu passen. Statt die Kordel aufzuknoten, schnitt ich sie durch, denn sie war ein Beweisstück, und Nacht wusste vielleicht, was es mit ihrer besonderen Machart auf sich hatte. Ich hielt meinen Kopf dicht über den Deckel der Kiste und vernahm ein schwaches Geräusch: Es kam aus dem Inneren, irgendetwas bewegte sich da, plagte sich nahezu, allerdings so leise, dass es trotz der Stille in den Gemächern kaum zu hören war. Ich schaute kurz zu Kheti und Khay hinüber und hob dann vorsichtig den Deckel. Der süßliche Gestank von verwesendem Fleisch wehte in den Raum. Alle traten schnell einen Schritt zurück und pressten sich Stoff vor die Nasen.
Ich zwang mich, in die Kiste hineinzusehen. Weiße Maden krabbelten durch die Augenhöhlen eines menschlichen Schädels, durch die Nase, die Ohren und Kieferknochen. Ich sah ein Paar Schlüsselbeine und ein paar Wirbel, die man mit einer weiteren Kordel aneinandergeknotet hatte, sowie ein paar kleinere Schädel, die Vögeln oder Nagetieren gehört hatten. Knochen in allen Variationen – eindeutig Tierknochen und menschliche – waren zusammengewürfelt worden, um diese ekelerregende Totenmaske zu kreieren. Totenmasken werden normalerweise aus kostbarem Gold gefertigt, um die Verstorbenen den Göttern vorzustellen. Aber diese hier war vorsätzlich aus Schlachtabfällen als eine Art Anti-Maske gestaltet worden. Etwas Gold gab es da aber: eine Halskette mit einer königlichen Kartusche, in die ein Name geritzt war. Mit einer Zange, die griffbereit lag, zog ich sie heraus. Die Hieroglyphen bedeuteten: Tutanchamun.
Ich untersuchte die Kiste genauer. Um den Deckel herum hatte man auf der Innen- wie auf der Außenseite seltsame Symbole, Kurven, Sicheln, Punkte und gerade Linien eingeritzt und diese dann schwarz und rot bemalt. Die Sprache erkannte ich überhaupt nicht. Sie sah aus wie ein Fluch. Ich dachte, dass ich nicht erleben wollte, wie solche Worte laut ausgesprochen wurden. Ich wollte dem Menschen nicht begegnen, der die Sprache dieser Zeichen beherrschte. Ich stellte mir ein Ungeheuer vor. Und dort, mitten auf die Innenseite des Deckels, war ein Bildnis eingeritzt, das ich sofort erkannte: ein dunkler Kreis. Die zerstörte Sonne.
Khay, der sich penibel ein Leinentuch über Nase und Mund hielt, trat widerstrebend näher, schaute auf den Inhalt der Kiste und taumelte dann nach hinten, als sei der Boden unter seinen Füßen plötzlich uneben geworden. Der Soldat trat entschlossen vor und blickte mit militärischer Selbstdisziplin auf die Bescherung. Dann trat er zur Seite, um Anchesenamun vorzulassen. Khay versuchte, sie davon abzuhalten, in das Kistchen zu blicken, aber sie bestand darauf. Sie stellte sich dicht neben mich, hatte Mühe, den Gestank zu ertragen, senkte ihren Blick aber tapfer auf das Schlachtfeld in der Kiste. Sie konnte den Anblick nur einen kurzen Moment ertragen.
Da wurden plötzlich die großartigen Flügeltüren aufgestoßen, und mit einem frustrierten Aufschrei stürzte ein junger Mann in den Raum. Er hatte ein wunderschönes, mandelförmiges Gesicht und feine, zarte Züge. Er humpelte ein wenig und stützte sich leicht auf einen eleganten Gehstock. Von seinen schmalen Schultern hing ein funkelndes Pektorale aus Gold. Feinstes Leinen umhüllte seinen Körper, der im Grunde schlank, nur um die Taille herum breit war. Ein schwatzendes Äffchen hüpfte an einer Goldkette um seine Füße herum.
»Ich lasse nicht zu, dass man mich wie ein Kind behandelt«, brüllte Tutanchamun, Herr der Beiden Länder, Lebendes Abbild des Gottes Amun, in die Stille des Raumes.
Khay und der Soldat stellten sich vor die Kiste und versuchten, ihn dazu zu bringen, sich ihr nicht zu nähern, allerdings ohne dabei zu wagen, seinen königlichen Leib zu berühren. Er war aber trotz seines leichten Gebrechens zu schnell für sie: Tutanchamun bewegte sich mit der Verschlagenheit und Geschwindigkeit eines Skorpions. Er starrte auf die eingeritzten Zeichen und dann auf das Bild der Verwesung. Zuerst schien er wie hypnotisiert zu sein von dem, was er sah – von der Fäulnis des Ganzen. Dann, als er begann, die Bedeutung zu erfassen, veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Anchesenamun umfasste seine Hände und redete ihm gut zu, sich das nicht weiter anzusehen, sprach leise und behutsam auf ihn ein, vielleicht mehr wie eine ältere Schwester denn wie eine Ehefrau. Tutanchamun hob den Blick und schaute mich an, und ich sah, dass er die Augen seines Vaters hatte, nahezu feminine Augen, die einen unschuldigen, zugleich aber potenziell bösartigen Ausdruck hatten. Er sah die Halskette mit dem königlichen Namen und riss sie mir aus der Hand. Rasch senkte ich meinen Blick, wie die Etikette es gebot.
Während ich wartete und den Blick dabei auf den Fußboden heftete, dachte ich, wie viel interessanter Tutanchamun doch aussah, wenn man ihn aus der Nähe betrachtete. Aus der Ferne hatte er so unbedeutend gewirkt wie ein Schilfrohr. Doch wenn man ihm so nah war, spürte man sein Charisma. Seine schimmernde Haut sprach für das Leben eines Menschen, der nur selten im harschen Licht der Sonne an der frischen Luft war. Er wirkte eher wie ein Mondwesen. Seine Hände waren wunderschön und makellos. Und seine sehr langen Glieder und der elegante Glanz seiner goldenen Halskette, seiner goldenen Juwelen und seiner goldenen Sandalen schienen wie aus einem Guss zu sein. In seiner Gegenwart kam ich mir plump vor. Er wirkte wie eine seltene Spezies, die nur in einem sorgfältig gesicherten Umfeld aus Schatten, Geheimnistuerei und höchstem Luxus überleben konnte. Mich hätte es nicht gewundert, wenn ich zwischen seinen Schulterblättern die Federn von Flügeln oder zwischen seinen perfekten Zähnen winzige Juwelen entdeckt hätte. Es hätte mich nicht erstaunt zu erfahren, dass er ausschließlich vom Wasser einer göttlichen Quelle nippte. Ebenso wenig hätte mich überrascht zu hören, dass er hinter fest verschlossenen Türen in einem Kinderzimmer lebte, abgeschieden von der Außenwelt, deren Anforderungen er sich verweigerte. Ich konnte sofort sehen, wie groß seine Angst war; und im gleichen Moment begriff ich, dass derjenige, der hinter den beiden ›Geschenken‹ steckte, das sehr genau wusste. Tutanchamun warf die Halskette von sich.
»Diese Scheußlichkeit muss uns aus den Augen geschafft und vom Feuer vernichtet werden.«
Obwohl seine Stimme zitterte, hatte sie vornehme Modulationen und ein zartes Timbre. Wie viele Menschen, die leise sprechen, tat er das aus Gründen der Effekthascherei, weil er wusste, dass er die anderen damit zwang, die Ohren zu spitzen, um jedes seiner Worte zu verstehen.
»Bei allem Respekt, Euer Majestät, möchte ich Euch von der Vernichtung abraten«, sagte ich. »Die Kette ist ein Beweisstück.«
Khay, der ultimative Hüter der Etikette, schnappte nach Luft, weil ich soeben gegen das Protokoll verstoßen hatte. Ich musste damit rechnen, dass der König mich jetzt anbrüllen würde. Stattdessen schien er seine Meinung zu ändern. Er nickte, und dann sank er auf eine der Liegen und saß vornübergebeugt da. Jetzt sah er aus wie ein Kind, das von bösen Geistern heimgesucht wird. Vor meinem geistigen Auge sah ich die Welt aus seiner Perspektive: Er war allein in einem Palast voller Schatten, Grauen, Bedrohungen, Geheimnisse und widerstreitender Strategien. Man war versucht, ihn zu bemitleiden. Das brachte nur nichts.
Er bedeutete mir, näher zu treten. Ich stellte mich mit gesenktem Blick vor ihn.
»Du bist also der Wahrheitssucher. Sieh mich an.«
Ich tat es. Sein Gesicht hatte ungewöhnliche, feine Züge, und die hohen Wangenknochen unterstrichen die sanfte, aber überzeugende Kraft seiner großen, dunklen Augen. Die Lippen waren voll und sinnlich, und er hatte ein schmales, leicht fliehendes Kinn.
»Du hast meinem Vater gedient.«
»Leben, Wohlstand und Gesundheit, Majestät. Ja, diese Ehre hatte ich.«
Misstrauisch beäugte er mich, als müsse er sich erst vergewissern, dass ich das nicht ironisch gemeint hatte. Dann bat er Anchesenamun mit einer Geste, sich zu ihm zu setzen. Für einen kurzen Moment sahen sie einander an mit einem Blick, der stillschweigendes Einvernehmen verriet.
»Das ist nicht das erste Mal, dass man mein Leben bedroht. Aber wenn man das Relief nimmt und dann das Blut und jetzt das hier …«
Mit argwöhnischer Miene schaute er auf die anderen im Raum und beugte sich dann weiter zu mir vor. Ich spürte seinen warmen Atem, der so süß war wie der eines Kindes, auf meinem Gesicht, als er wisperte: »Ich fürchte, ich werde von Schatten gehetzt und verfolgt …«
Just in diesem Moment wurden neuerlich die Flügeltüren geöffnet, und Eje betrat die Gemächer. Selbst die Luft schien bei seinem Eintreten eisig zu werden. Ich hatte inzwischen mitbekommen, dass alle den König wie ein großartiges Kind behandelten. Eje sah ihn indes mit einer Verachtung an, die einen Stein zum Verwittern bringen konnte. Dann untersuchte er den Inhalt der Kiste.
»Komm her«, forderte er den König leise und ruhig auf. Nur zögerlich bewegte sich der König auf Eje zu.
»Das ist nichts. Miss ihm nicht eine Macht bei, die es nicht besitzt.«
Tutanchamun nickte unsicher mit dem Kopf.
Im nächsten Moment hob Eje mit der Geschwindigkeit eines Falken den Totenschädel, auf dem es vor Maden nur so wimmelte und aus dem die Würmer krochen, aus der Kiste und kredenzte ihn dem König, der angewidert und verängstigt zurückschreckte. Anchesenamun sprang vor, als wolle sie ihren Gemahl beschützen, doch Eje hob gebieterisch die Hand.
»Nicht«, sagte sie leise.
Der alte Mann ignorierte sie und starrte weiter den König an, während er den Totenschädel auf seiner ausgestreckten Hand hielt. Der junge König nahm sich zusammen, griff langsam und widerwillig nach vorn und nahm das ekelerregende Ding selbst in die Hand.
Jeder im Raum hielt gebannt und schweigend den Atem an, als der König in die leeren Augenhöhlen und auf das verwesende Schädelfleisch starrte.
»Wenn der Tod nicht mehr ist als diese hohlen Knochen und dieses absurd hässliche Grinsen«, flüsterte er, »haben wir nichts zu befürchten. Was von uns überleben wird, ist wesentlich großartiger.«
Im nächsten Moment warf er Eje den Schädel wieder zu, so plötzlich, dass der alle Mühe hatte, das glitschige Ding zu fangen, und dabei aussah wie der einsame Junge, der nicht gut in Ballspielen ist.
Der König lachte laut auf, und plötzlich mochte ich ihn – wegen seiner Unverfrorenheit. Er gab einem Diener ein Zeichen, ihm eine Schüssel und ein Leinentuch zu bringen, damit er sich die Hände waschen konnte. Das Handtuch ließ er hinterher absichtlich vor Eje auf den Boden fallen, und dann verließ er die Gemächer, gefolgt von seinem nervösen Äffchen.
Wortlos, wohl aber vor Wut keuchend, starrte Eje ihm nach, ließ den Schädel zurück in die Kiste fallen und wusch sich dann seinerseits die Hände. Anchesenamun trat vor.
»Warum behandelst du den König in Gegenwart anderer mit derartiger Respektlosigkeit?«
Jetzt fuhr Eje sie an.
»Er muss Mut lernen. Was für ein König kann den Anblick von Verwesung und Tod nicht ertragen? Er muss lernen, diese Dinge auszuhalten, ohne sich vor ihnen zu fürchten.«
»Es gibt viele Möglichkeiten, Mut zu lernen, und Angst ist gewiss nicht der beste Lehrmeister. Vielleicht ist sie der schlechteste.«
Eje lächelte und bleckte die schlechten Zähne hinter seinen schmalen Lippen.
»Angst ist ein großes und merkwürdiges Thema.«
»Ich habe in den letzten Jahren eine Menge darüber gelernt«, erwiderte sie. »Ich hatte einen äußerst fähigen Lehrer.«
Eine ganze Weile starrten sie einander an wie rivalisierende Katzen.
»Die Hirne der Schwachen und Verletzbaren dürfen diesem Unfug keine Bedeutung beimessen. Vielmehr muss er mit der Verachtung gestraft werden, die er verdient.«
»Da pflichte ich dir bei, und genau deshalb habe ich Rahotep beauftragt, entsprechende Ermittlungen anzustellen. Ich werde jetzt zum König gehen und überlasse es Euch, einen Schlachtplan zu erstellen, mit dem derartige Vorkommnisse in Zukunft zu verhindern sind.«
Sie verließ die Gemächer. Ich verneigte mich vor Eje und folgte ihr. Draußen, auf dem dunklen Korridor, zeigte ich ihr das Anch-Kreuz, das ich bei der Leiche des toten Mädchens gefunden hatte.
»Vergebt mir, dass ich Euch das hier zeige. Aber gestattet mir bitte die Frage: Erkennt Ihr dieses Stück?«
»Ob ich es erkenne? Es gehört mir. Meine Mutter hat es mir geschenkt. Wegen meines Namens und zu meinem Schutz.«
Das Anch-Kreuz – Anchesenamun … mein Bauchgefühl, das mir gesagt hatte, dass da eine Verbindung bestand, war richtig gewesen. Und selbst dieser Moment, da ich das Schmuckstück seiner rechtmäßigen Besitzerin zurückgab, schien plötzlich Teil des Plans zu sein, den der Mörder verfolgte.
»Woher hast du das?« Sie war plötzlich wütend und riss mir das Amulett aus der Hand.
Ich suchte nach einer Erklärung, die sie nicht beunruhigen würde.
»Es wurde gefunden. In der Stadt.«
Mit festem Blick sah sie mich an.
»Verheimliche mir die Wahrheit nicht. Ich will die Wahrheit erfahren. Ich bin kein Kind.«
»Es wurde an einer Leiche gefunden. An einer jungen Frau, einem Mordopfer.«
»Wie wurde sie ermordet?«
Zunächst antwortete ich nicht.
»Man hat sie skalpiert«, sagte ich schließlich widerstrebend. »Ihr das Gesicht vom Schädel geschnitten. Ihr die Augen entfernt. Darüber lag eine goldene Maske. Und sie trug das da.«
Sie schnappte nach Luft und schaute schweigend auf das Schmuckstück in ihrer Hand.
»Wer war sie?«, fragte sie leise.
»Ihr Name war Neferet. Ich nehme an, dass sie in einem Bordell gearbeitet hat. Sie war in Eurem Alter. Ich persönlich glaube, dass sie nicht gelitten hat. Und ich werde herausfinden, warum man Euer Amulett bei ihrer Leiche gefunden hat.«
»Irgendjemand muss es aus meinen Privatgemächern gestohlen haben. Wer könnte das getan haben? Und warum?«
Ängstlich lief sie auf dem Korridor auf und ab. »Ich habe recht. Es ist nirgendwo sicher. Schau dir diesen Ort hier an. Er besteht nur aus Schatten. Glaubst du mir jetzt?«
Sie hielt das Amulett hoch, das sich daraufhin drehte und in der Dunkelheit des Korridors schimmerte. Ich sah, wie ihr Tränen in die Augen stiegen.
»Ich werde das niemals wieder tragen können«, sagte sie, und dann lief sie ohne ein weiteres Wort davon.
Ich begab mich wieder in die Gemächer, und sofort ging Eje auf mich los.
»Bildet Euch ja nicht ein, diese Sache würde Eure Anwesenheit rechtfertigen. Das hat rein gar nichts zu bedeuten. Das ist reiner Unfug.«
»Es mag Unfug sein, hat aber genau so funktioniert, wie es von demjenigen, der sich den ausgedacht hat, beabsichtigt war.«
Er schnaubte.
»Und was hat der beabsichtigt?«
»Er hat aus dem Klima der Angst Kapital geschlagen.«
»Dem Klima der Angst. Wie poetisch.«
Am liebsten hätte ich ihn totgeschlagen wie eine Fliege.
»Und auch dieser ›Gabe‹ ist es gelungen, zum König persönlich vorzudringen. Wie konnte das passieren?«, fuhr er fort.
Jetzt richteten sich aller Augen auf den Soldaten.
»Man hat die Kiste in den Privatgemächern der Königin gefunden«, gab er widerwillig zu.
Das verblüffte selbst Eje.
»Wie ist das möglich?«, fragte er angespannt. »Was ist mit den Sicherheitsvorkehrungen in den königlichen Gemächern?«
»Ich habe keine Erklärung dafür«, sagte der Soldat beschämt.
Eje wollte ihn gerade anschreien, als sein Gesicht ganz plötzlich mürrische Züge annahm und er sich an den Kiefer griff, da ihn offenbar ein plötzlicher Anfall von Zahnschmerzen ereilte.
»Und wer hat die Kiste entdeckt?«, fuhr er fort, als der Anfall nachließ.
»Anchesenamun persönlich«, mischte Khay sich ein.
Eje sah sich die Kiste eine Weile nachdenklich an.
»So etwas wird nie wieder passieren. Ist dir klar, welche Strafe dir droht, wenn du versagst?«
Der Soldat salutierte.
»Und ich schlage vor, dass du und der großartige Wahrheitssucher euch miteinander bekannt macht. Vielleicht sind zwei Idioten zusammen besser als einer allein, obwohl die Erfahrung dagegen spricht.«
Er hielt inne.
»Es darf zu keinen weiteren Vorkommnissen dieser Art kommen. Die Sicherheit im Palast muss gewährleistet sein. Ihr werdet mir beide morgen vor der Zeremonie zur Eröffnung der Säulenhalle Bericht erstatten und mir Eure Vorschläge im Hinblick auf die Sicherheit des Königs unterbreiten.«
Und so zog er von dannen. Die Spannung im Raum ließ etwas nach. Der Soldat stellte sich mir als Simut vor, Kommandeur der Palastwache. Pflichtbewusst bekundeten wir einander Respekt und droschen artig unsere Phrasen, doch er sah mich an wie ein Mann, der sich an meinem Ruin weiden würde. Immerhin steckte ich meine Nase in seine Angelegenheiten.
»Wer hat Zugang zu den Privatgemächern der Königin?«, fragte ich.
»Die Zofen der Königin … der König, seine Dienerschaft, ihre Dienerschaft, sonst niemand …«, antwortete Khay.
»Vor jeder Tür, durch die man in die königlichen Gemächer gelangt, sind Wachen stationiert«, sagte Simut. »Um passieren zu dürfen, bedarf es einer entsprechenden Vollmacht.«
»Deshalb muss die Kiste von jemandem eingeschmuggelt worden sein, der über höchste Vollmachten verfügt und sich mit Leichtigkeit innerhalb der königlichen Gemächer bewegen kann«, antwortete ich. »Ich schätze mal, dass es innerhalb der königlichen Gemächer, hinter den einzelnen Kontrollstellen, weder Wachen noch Leibesvisitationen gibt, um der Familie ein wenig Intimsphäre einzuräumen. Richtig?«
Khay nickte, doch schien der Gedanke ihm Unbehagen zu bereiten.
»Die Kompetenz der Königlichen Wachen steht außer Frage, nur gibt es zweifelsfrei irgendwo eine große Schwachstelle, durch die es möglich war, dieses Objekt und das Relief hier einzuschmuggeln. Ihr werdet mir sicher beipflichten, dass es unerlässlich ist, die Sicherheitsmaßnahmen für den König und die Königin zu verschärfen, sowohl innerhalb der königlichen Gemächer als auch in der Öffentlichkeit. Wann soll die Säulenhalle eröffnet werden?«, fragte ich.
»In zwei Tagen«, erwiderte Khay. »Der Priesterrat von Karnak tritt aber schon morgen zusammen, und der Versammlung muss der König beiwohnen.«
»Morgen?« Ich runzelte die Stirn. »Das ist ein Jammer.«
Khay nickte.
»›Ein Jammer‹ ist, dass es ausgerechnet jetzt zu diesen ›Vorkommnissen‹ kommt, einen schlechteren Zeitpunkt könnte es gar nicht geben«, erwiderte er.
»Ein Zufall ist das nicht«, erklärte Simut in humorlos militärischem Ton. »Wenn das eine konventionelle Situation wäre, eine Schlacht, stünde mir der Feind gegenüber. Hier ist das anders. Dieser Feind ist unsichtbar. Er könnte einer von uns sein. Er könnte sich in diesem Moment in diesem Palast aufhalten. Mit der Palastanlage, dem Protokoll und der Hierarchie scheint er sich bestens auszukennen.«
»Mithin haben wir ein Problem«, sagte ich. »Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihr Männer, die zur Elite gehören, von hohem Rang sind und über entsprechende Macht verfügen, verhören könnt, ohne stichhaltige Beweise zu haben.«
»Das ist leider wahr«, erwiderte Khay mit matter Stimme, als habe ihn plötzlich sämtliche Energie verlassen.
»Nichtsdestotrotz ist jetzt jeder dieser Männer ein Tatverdächtiger. Eine Liste mit Namen wäre schon mal ein Anfang. Und ihnen ein paar simple Fragen zu stellen wie die, wo sie sich aufgehalten haben und so weiter, könnte uns helfen, die Personenzahl einzugrenzen. Wir müssen wissen, wer sich heute Abend in diesem Bereich des Palasts aufgehalten hat und über kein Alibi verfügt«, erklärte ich.
»Dabei dürfen wir aber nichts über diese Objekte verraten«, wandte Khay nervös ein. »Es ist zwingend erforderlich, dass wir darüber absolutes Stillschweigen bewahren.«
»Mein Assistent wird Euch gern dabei behilflich sein, die Liste zu erstellen und die Vorabbefragungen vorzunehmen«, erwiderte ich.
Khay sah zu Kheti herüber und wollte das Angebot gerade annehmen, als Simut dazwischenfuhr.
»Die Sicherheit in den königlichen Gemächern unterliegt meiner Verantwortung. Ich werde die Liste sofort anfertigen lassen.«
»Sehr schön«, entgegnete ich. »Und darf ich davon ausgehen, dass auf der Liste dann auch die Namen deiner eigenen Wachen stehen werden, die Zutritt zu diesem Bereich haben?«
Darüber wollte er sich mit mir streiten, aber ich ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen.
»Glaub es mir«, sagte ich, »ich habe weder einen Grund, noch verspüre ich den Wunsch, die Integrität deiner Wachen in Frage zu stellen. Ich bin aber überzeugt, du teilst meine Meinung, dass wir es uns nicht erlauben können, irgendeine Möglichkeit zu übersehen, ganz gleichgültig, wie unwahrscheinlich oder inakzeptabel sie uns erscheint.«
Irgendwann nickte er unglücklich, denn er musste mir beipflichten.
Und dann gingen wir alle unserer Wege.
»Was für ein Spektakel!«, meinte Kheti und blies seine Wangen auf. »Dieser Ort erinnert mich an eine besonders brutale Schule. Da gibt es immer die großen Jungen und die kleinen Jungen. Die einen schwingen ihre Fäuste, die anderen benutzen ihren Verstand. Da hat man die Despoten, die Krieger, die Diplomaten und die Diener. Und im Abseits gibt es auch immer ein sonderbares Kind, das ein anderes armes Wesen langsam zu Tode foltert. Das ist Eje«, endete er.
Das vom Mondlicht erleuchtete Land glitt an uns vorüber. Wir segelten durch den Kanal auf den Großen Fluss zu, und bevor ich etwas erwiderte, sah ich mir eine ganze Weile an, wie das dunkle Wasser unter dem Kiel verschwand.
»Sind dir die Zeichen auf der Innenseite des Deckels aufgefallen? Vor allem der schwarze Kreis? Das ist irgendeine Sprache …«
Kheti schüttelte den Kopf.
»Mir sind die ekelerregende Fantasie des Machers und seine Gier nach Blut und Eingeweiden aufgefallen«, erwiderte er.
»Er ist aber gebildet, äußerst geschickt und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Mitglied der Elite. Seine Begeisterung für Blut und Eingeweide, wie du es ausdrückst, liegt darin begründet, dass sie eine Bedeutung für ihn haben. Das sind keine eigenständigen Dinge für ihn, sondern Symbole.«
»Versuch mal, das dem Mädchen ohne Gesicht zu erklären oder dem Jungen mit den zertrümmerten Knochen, oder dem neuen Opfer, das wir noch nicht kennen und dem jetzt der Kopf fehlt!«, entgegnete er.
»Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Und liegen wir richtig mit unserer Vermutung, dass wir es in all diesen Fällen mit ein und demselben Täter zu tun haben?«, fragte ich ihn.
»Nun ja, denk nur an die Verbindungen, die da bestehen, und an den Zeitpunkt und den Stil«, antwortete er.
»Das habe ich bedacht. Es wurde dieselbe Bildsprache benutzt. Alle Fälle zeugen von derselben Besessenheit im Hinblick auf Verfall und Zerstörung. Und überstrahlt wird das Ganze meines Empfindens nach von einer Sehnsucht nach Schönheit und Perfektion. Es liegt fast so etwas wie Bedauern in diesen Taten. Eine groteske Art von Mitgefühl mit den Opfern …«
Kheti sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren.
»Wenn du so redest, bin ich immer froh, dass uns niemand zuhört. Wie kann Bedauern darin liegen, einem Mädchen das schöne Gesicht vom Schädel zu schälen? Ich sehe da lediglich entsetzliche barbarische Grausamkeit. Und überhaupt, inwiefern soll uns das weiterhelfen?«
Eine Weile saßen wir schweigend da. Thot, der zu meinen Füßen hockte, blickte zum Mond hoch. Kheti hatte natürlich recht. Vielleicht war das, womit wir es hier zu tun hatten, nichts als Wahnsinn. Bildete ich mir ein, Muster zu entdecken, wo unter Umständen gar keine waren? Und trotzdem spürte ich nach wie vor etwas. Unter den Morden und der Brutalität, unter dem bedrohlichen Bildersturm und der Zerstörung verbarg sich etwas, das tiefgründiger und noch finsterer war; irgendeine Suche oder Vision. Aber wenn wir recht hatten, also ein und derselbe Mann für all diese Taten verantwortlich war, galt es, eine noch wichtigere Frage zu beantworten: Warum? Warum tat er diese Dinge?
»Außerdem glaube ich, der Täter will, dass wir wissen, dass er ein Insider ist, denn das erhöht die Macht seiner Drohungen. Teil seines Spiels ist es, uns das Gefühl zu vermitteln, dass er uns alle beobachtet«, fuhr Kheti fort. Und als er das sagte, wurde mir plötzlich bewusst, dass die Geschenke und Morde noch einen weiteren gemeinsamen Nenner hatten: Rahotep, Wahrheitssucher.
Wir hatten gerade den Pier erreicht, und deshalb beschloss ich, diesen seltsamen Gedanken für mich zu behalten und erst mal noch für eine Weile in den hintersten Winkel meines Hirns zu verbannen. Er schien zu töricht und zu eitel zu sein, um ausgesprochen zu werden.
Ich verabschiedete mich von Kheti und lief mit Thot, der vor mir her trabte, durch die aufgrund der Ausgangssperre leeren Straßen nach Hause. Ich leinte den Pavian ab, damit er es sich auf seiner Schlafstatt bequem machen konnte, und betrat das dunkle Haus. Die Stille tadelte mich dafür, dass ich so lange fort gewesen war. Manchmal fühle ich mich, als gehörte ich nicht in dieses Haus, in dem junge Frauen, alte Männer und Babys leben. Ich hielt mich erst noch eine Weile in der Küche auf, bevor ich mich schlafen legte. Im Licht der Öllampe, die in der Nische stand und die Tanefert für meine Heimkehr angelassen hatte, schenkte ich mir einen großen Becher Wein ein – anständiger Rotwein aus der Oase Charga – und häufte mir ein paar getrocknete Feigen und Mandeln auf einen Teller.
Dann setzte ich mich auf meinen Stammplatz auf die Bank unter der Statue des Hausgottes, der weiß, dass ich nicht an ihn glaube, und dachte über Familien nach. Es kommt mir häufig so vor, als begännen alle Probleme und alle Verbrechen in den Familien. Selbst in den alten Geschichten unserer Ahnen sind es die eifersüchtigen Brüder, die einander töten, die erzürnten Ehefrauen, die ihre Gatten kastrieren, und die wütenden Kinder, die an ihren schuldigen oder unschuldigen Eltern Rache nehmen. Ich dachte darüber nach, wie schnell sich die zarte Zuneigung meiner Töchter auch heute noch in mörderischen Zorn verwandelte, wie sie einander liebevoll über das Haar strichen und der anderen im nächsten Moment die Haare mit bloßen Händen ausreißen wollten wegen irgendeiner Sache, die dermaßen unbedeutend war, dass sie sogar selbst vor Scham erröteten, wenn sie damit herausrücken mussten.
Und in der Ehe ist es genauso. Wir führen eine gute Ehe. Sollte ich Tanefert mit meinem ausbleibenden beruflichen Erfolg enttäuscht haben, so hat sie das bisher geschickt für sich behalten. Sie sagt, sie habe mich nicht meines Vermögens wegen geheiratet. Und dabei bedenkt sie mich dann immer mit einem wissenden Lächeln. Ich weiß aber, dass es auch Dinge zwischen uns beiden gibt, über die kein völliges Einvernehmen besteht und über die wir Stillschweigen bewahren, als würden Worte sie irgendwie zu schmerzlich real machen. Vielleicht ist das bei allen Paaren so, deren Beziehungen über viele Jahre hinweg gehalten haben; bei denen sich die Gewohnheit und die damit einhergehende Gefahr häuslicher Langeweile eingeschlichen haben. Selbst der Körper des anderen, der einem so vertraut ist und nach dem man sich einstmals so zwanghaft verzehrt hat, löst ein nicht zu leugnendes Verlangen nach der aufregenden Schönheit eines fremden Körpers aus. Zu viel Vertrautheit war eben nicht nur schön, sondern schadete auch … Will ich dem vielleicht entkommen, wenn ich mich an meiner erregenden Arbeit ergötze? Die Vorstellung erfüllt mich nicht gerade mit Stolz. Ich bin jetzt ein Mann, der seine Lebensmitte erreicht hat, und ich habe bei allem Angst vor dem Mittelweg … Warum kann ich nicht mit alledem zufrieden sein, was mir der Hausgott über mir geschenkt hat?
Wenn das schon für normale Leute wie uns so ist, wie viel seltsamer muss es dann erst einmal sein, wenn man in eine Familie hineingeboren wurde, die ein öffentliches Leben führt und deren Privatleben geschützt und immerzu wie ein entsetzliches Geheimnis gehütet werden muss? Trotz all ihres Reichtums und ihrer Macht werden die Kinder der königlichen Familie und der meisten führenden Familien in einer Atmosphäre groß, der es gänzlich an menschlicher Wärme fehlt. Worüber reden diese Menschen beim Abendessen? Über Staatsaffären? Über die Benimmregeln bei einem Bankett? Müssen sie sich immer und immer wieder die Geschichten über die Heldentaten ihres Großvaters, Amenophis des Großen, anhören, obwohl sie genau wissen, dass dessen Fußstapfen viel zu groß für sie sind? Und wenn meine Töchter sich schon um einen Kamm streiten, wie muss es da erst zugehen, wenn Geschwister einander um Schätze, Macht und die Beiden Kronen bekämpfen?
Ich hatte allerdings ein Geschwisterpaar erlebt, das nicht um Macht zu kämpfen schien. Sie machten den Eindruck, als hätten sie ein enges Verhältnis zueinander und würden einander unterstützen, vielleicht, weil das elende Dasein unter Eje sie miteinander verschweißt hatte. Die Zuneigung, die sie füreinander hegten, hatte aufrichtig gewirkt. Anchesenamuns Plan hatte nur einen Haken. Tutanchamun war kein Kriegerkönig. Er mochte geistige Tugenden besitzen, verfügte aber eindeutig nicht über körperlichen Heldenmut. Unseligerweise wollte die Welt aber, dass ihre Könige ihre Kraft und ihre Männlichkeit mit Paraden, Protestaktionen und gefährlichen Abenteuern unter Beweis stellten. Ja, Helden-Skulpturen konnte man aus Stein meißeln lassen, und beeindruckende Reliefs, die von Tutanchamuns wundersamen Taten, seinen Feldzügen und davon kündeten, wie er die alten Traditionen und Machtverhältnisse wiederhergestellt hatte, ließen sich in Tempeln aufstellen. Und Anchesenamuns Herkunft war auch hilfreich, denn obwohl sie noch jung war, hatte sie vieles von ihrer Mutter – die Schönheit, die Popularität, die geistige Unabhängigkeit. Und sie hatte heute Abend eine bemerkenswerte Standhaftigkeit bewiesen, indem sie sich mit Eje angelegt hatte. Tatsache blieb aber nichtsdestotrotz, dass das Drama um die Macht im Staat einen Haken hatte: Das Lebende Abbild des Gottes war ein gescheiter, aber verängstigter und nicht gerade heldenhafter junger Mann. Das machte sowohl ihn als auch die Königin verletzbar. Und derjenige, der den König mit Angst quälte, wusste das.
Tanefert stand in der Dunkelheit des Türrahmens und beobachtete mich. Ich rutschte zur Seite, damit sie sich zu mir setzen konnte. Sie tat es und knabberte an einer Mandel.
»Wird es jemals einen Abend geben, an dem ich sicher weiß, dass niemand an die Tür klopfen wird, um dich zu bitten, mit ihm zu gehen?«
Ich legte meinen Arm um ihre Schultern und presste sie fest an mich, aber das war nicht, was sie wollte.
»Das wird nie so sein«, sagte sie. »Niemals.«
Mir fiel nichts Hilfreiches ein, was ich hätte sagen können.
»Ich glaube, ich habe mich daran gewöhnt. Ich nehme es hin. Ich weiß, dass du diesen Beruf hast. Aber manchmal, so wie heute Abend, wenn wir feiern, will ich, dass du hier bist, und ich will wissen, dass du nicht fort musst. Und das ist nicht möglich. Weil Verbrechen und Grausamkeit und Blutvergießen ein Teil dessen sind, was Menschen einander antun, und deshalb wird es immer Arbeit für dich geben. Es werden immer wieder Leute mitten in der Nacht an die Tür klopfen.«
Sie drehte den Kopf zur Seite.
»Ich will immer hier bei euch sein«, stammelte ich. »Immer.«
Sie drehte sich wieder zu mir und sah mir in die Augen.
»Ich habe Angst. Ich habe Angst, dass du eines Tages nicht zu mir zurückkehrst. Und das könnte ich nicht ertragen.«
Traurig küsste sie mich, erhob sich und verschwand in der Finsternis des Korridors.
Als das Königspaar und das königliche Gefolge den großen Ratssaal von Karnak betraten, verstummten sämtlicher Lärm und alles Geschrei – wie zu Beginn eines dramatischen Theaterstücks. Das glühende Licht der Morgensonne brannte durch die Obergadenfenster in den steinernen Saal, und ein letztes lang gezogenes Raunen der Versammelten hallte von den großartigen Säulen wider. Dann war es endgültig still.
Seite an Seite bestiegen Tutanchamun und Anchesenamun das Podest und trampelten dabei mit ihren kleinen königlichen Füßen auf den Feinden des Königreiches herum, deren Darstellungen auf die Stufen gemalt waren. Sie drehten sich um und setzten sich auf die Throne, die in einem Kegel aus gleißendem Licht standen. Einerseits sahen sie aus wie kleine Götter, andererseits wirkten sie noch so unglaublich jung. Mit ihren makellosen Händchen umschlangen sie die Löwenklauen, in denen die Armlehnen der geschnitzten Throne endeten, als herrschten sie sogar über die Natur. Mir fiel auf, dass Anchesenamun flüchtig die Hand ihres Gemahls berührte, als wolle sie ihm damit Mut machen. In ihren weißen Leinengewändern und mit den prunkvollen Halsketten, die jeweils der Kopf und die gespreizten Flügel eines Geiers zierten, strahlten sie förmlich in all ihrer Pracht.
Die Männer des Rats sahen aus wie eine Galerie mit Gemälden grotesker Gestalten: uralte, von Dienern gestützte Knaben mit krummen Rücken, die ihre beste Zeit schon viel zu lange hinter sich hatten. Fette Gesichter, aus denen der ausschweifende Luxus und die Bestechlichkeit ihrer Klasse trieften. Züge, in die sich überheblicher Spott gegraben hatte, in die Falten der Alten ebenso wie in die faden Milchgesichter der Jungen. Weiche Hände und schlabbernde Bäuche. Hängebacken, die beinahe unmännliche Münder umwackelten, in denen sich mit Sicherheit Stümpfe verrottender Zähne aneinanderreihten. Ratsmitglieder, die mit raschem, schlauem Blick die sich ständig verändernden politischen Strömungen einschätzten und daraus die möglichen Züge des vieldimensionierten Spiels ableiteten, das sie spielten. Und die Tyrannen: diese stämmigen, wütenden Fieslinge, die immerzu auf der Jagd nach einem Opfer waren, nach jemandem, den sie angreifen und dem sie die Schuld zuschieben konnten. Mir fiel plötzlich auf, dass einer der Letztgenannten mich anstarrte. Es war Nebamun, der Chef der städtischen Medjai. Er sah wunderbar zornig aus, weil ich dieser Versammlung der Führungsschicht beiwohnte. Freundlich, als wolle ich ihm damit meinen Respekt bekunden, nickte ich ihm zu. Ich hoffte, dass er die Ironie, mit der ich das tat, in ihrer gesamten Tragweite zu schätzen wusste. Dann wandte ich den Kopf, um den König anzusehen. Endlich, als völlige Stille eingetreten war, ergriff Tutanchamun das Wort. Seine Stimme klang hell und leicht, war aber dank der Stille in dem großen Saal klar zu verstehen.
»Die Errichtung der Säulenhalle zu Ehren von Amun-Re, dem König der Götter, ist zu gleichen Teilen von diesem Tempel und von unserem königlichen Schatzamt finanziert worden. Das ist ein Zeichen für unser geschlossenes Vorgehen. Mit der Erbauung dieses grandiosen Monuments wurde auf Geheiß meines Großvaters, Amenophis III., begonnen. Er wäre stolz zu sehen, dass das, was er vor vielen Jahren angefangen hat, von seinem Enkelsohn endlich zur prachtvollen Vollendung geführt wurde.«
Er hielt inne und horchte in die erwartungsvolle Stille im Saal.
»Die Beiden Länder sind selbst ein großartiges Monument, ein grandioses Werk, das von ewiger Dauer ist. Und zusammen errichten wir ein neues Königreich; und diese neue Halle, die größte und ehrwürdigste, die es auf dieser Erde gibt und je gegeben hat, ist der Beleg für unsere Triumphe, unsere Träume und damit unsere Nähe zu den Göttern. Ihr großen Männer des Rates dieser großartigen Stadt und des Königreiches der Beiden Länder, ich lade euch alle zur feierlichen Eröffnung ein, denn ihr habt zur Erschaffung des Monuments beigetragen und sollt teilhaben an seiner Pracht.«
Seine Ansprache schallte leise durch die Stille im Saal. Viele nickten zustimmend und waren sichtlich zufrieden damit, wie er sie alle in seine Vision eingebunden hatte.
»Jetzt bitte ich unseren Regenten Eje, den Gottesvater, der uns stets so gute Dienste geleistet hat, euch in unserem Namen über weitere Staatsangelegenheiten zu informieren.«
Vielleicht war ich nicht der Einzige, für den die dezente Anwendung der Vergangenheitsform eine Anspielung auf gewisse neue und interessante Spannungen war. Eje hatte es ganz bestimmt mitbekommen, denn er hatte ein feines Gehör für Nuancen. Äußerlich ließ nichts darauf schließen. Er trat langsam aus den Schatten, überspielte die Schmerzen, die wie ein Hund an seinen alten Knochen nagten, und nahm seinen rechtmäßigen Platz unter dem König und der Königin ein. Mit gebieterischer Miene musterte er die Gesichter der Anwesenden. Sein Gesicht war hager, sein Blick unbarmherzig und unnachgiebig. Dann erstattete er mit seiner beinahe tonlosen Stimme dem König und dem Rat ausschweifend, gefühllos und formell Bericht. Ich sah mich um; sein Publikum beugte sich vor, um nur ja jedes Wort zu verstehen, ganz so, als seien sie alle wie hypnotisiert, nicht vom Inhalt seiner Worte, wohl aber davon, wie fesselnd leise er sie sprach, was so sehr viel effektiver war als demonstratives, hohles Lärmen. Dann kam er zum eigentlichen Punkt.
»Nach den schändlichen und untragbaren Vorkommnissen während des Festes hat eine umfassende Untersuchung stattgefunden, die von unserer städtischen Polizei schnell und effizient durchgeführt wurde.«
Er ließ seinen Blick durch die Runde der versammelten Männer schweifen, bis er Nebamun entdeckte. Er nickte ihm zu, und daraufhin begannen auch die Männer, die um diesen herumstanden, respektvoll zu nicken. Sofort schwoll Nebamun vor Stolz der Kamm.
»Die Rädelsführer waren geständig und wurden zusammen mit ihren Ehefrauen, ihren Kindern und allen weiteren Mitgliedern ihrer Sippen gepfählt. Ihre Leichen sind auf die Mauern unserer Stadt gelegt worden, damit sie jeder sehen kann. Obwohl für die begangene Tat keine Bestrafung ausreichend ist, wurde damit ein Exempel statuiert, und das Problem wurde ausgemerzt.«
Er legte eine Pause ein und musterte die Ratsherren, als fordere er sie heraus, diese Darstellung von Gerechtigkeit und Strafe in Frage zu stellen.
»Der Chef der städtischen Medjai hat mir versichert, dass es keine weiteren öffentlichen Störfälle dieser Art geben wird. Ich vertraue seiner Einschätzung. Die Tüchtigkeit, mit der er den Aufruhr untersucht hat, die Disziplin und das Engagement, mit denen er die Schuldigen hat verhaften und hinrichten lassen, waren vorbildlich. Ich wünschte, andere wären bei ihrer Arbeit mit dem gleichen Eifer bei der Sache. Somit gewähren wir ihm, in Anerkennung seiner Leistung, eine Goldene Ehrenkette, sowie, wirksam mit dem heutigen Tage, das doppelte Budget für die städtischen Medjai, die seinem Befehl unterstehen.«
Nebamun bahnte sich seinen Weg durch die bewundernde Menge, nahm die Anerkennung und den Beifall entgegen, das Kopfnicken und das Schulterklopfen, bis er schließlich vor dem hageren alten Mann stand und den Kopf vor ihm verneigte. Als Eje die Kette um den fetten Hals meines Vorgesetzten legte, verspürte ich das Bedürfnis, nach vorn zu laufen und sie ihm herunterzureißen. Denn wer von den hier Anwesenden wusste, welche Ungerechtigkeit und Grausamkeit er über unschuldige Menschen gebracht hatte, um diesen Moment hier zu erleben, dieses Gold zu empfangen? Mir drehte sich der Magen um vor Ekel. Er schaute auf, bezeigte Eje, dem König und der Königin mit diversen Gesten seine Dankbarkeit und gesellte sich dann wieder zurück zu seinen Kumpanen. Dabei bedachte er mich mit einem frostigen Kopfnicken. Ich wusste, dass er diese Auszeichnung dazu nutzen würde, mir das Leben in Zukunft noch schwerer zu machen.
Eje sprach weiter. »Ordnung ist alles. Wir haben die maat in den Beiden Ländern wiederhergestellt. Ich werde weder skrupellosen Elementen noch regimekritischen Kräften erlauben, die Stabilität und Sicherheit unseres Königreiches zu gefährden.«
Er sagte das, als würde die Tatsache, dass er es sagte, zwangsläufig zur Folge haben, dass es auch so kam; als sei er der alleinige Gebieter über diese Ordnung.
»Deshalb wollen wir uns jetzt den Hethiter-Kriegen zuwenden. Uns ist von siegreichen Schlachten berichtet worden, durch die zum einen neue Gebiete erobert wurden, zum anderen uns bereits gehörende Städte und Handelsrouten gehalten wurden und ihre Sicherheit verbessert werden konnte. Wir rechnen damit, dass die Hethiter uns bald ihre Verhandlungsbedingungen vorlegen werden. Der alte Feind der Beiden Länder befindet sich auf dem Rückzug!«
Das war nichts als eine leere Behauptung, die mit unterwürfigem Applaus bedacht wurde. Denn jeder wusste, dass wir weit davon entfernt waren, unsere Kriege zu gewinnen, und die Schlachten gegen die Hethiter waren nur die jüngsten Scharmützel im endlosen Konflikt in den Grenzgebieten und den Ländern zwischen den beiden Königreichen, und so leicht ließ sich das Ganze nicht lösen.
Eje sprach weiter. »Sofern es keine weiteren Dinge gibt, die mit meinen verehrten Freunden und Kollegen besprochen werden müssen, ziehen wir uns jetzt zum Bankett zurück.«
Mit unheilvollem Blick starrte er auf sein Publikum. Es herrschte Schweigen, und ich sah, dass niemand es wagte, ihm zu widersprechen.
Als er, gefolgt von Anchesenamun und Tutanchamun, von dem Podest stieg, gingen sie alle auf die Knie, langsam und wenig überzeugend, wie ein Haufen betagter Zirkusäffchen.
Im angrenzenden Saal warteten zahllose Ständer mit Tabletts. Auf jedem einzelnen türmten sich Speisen: Brot, Brötchen und Kuchen, alles frisch aus der Bäckerei; gebratenes Fleisch; dick glasiertes, gebratenes Geflügel; gebackener Kürbis und geröstete Schalotten; Honigwaben; ölig glänzende Oliven; riesige Reben blauer Trauben; eine erstaunliche Fülle von Feigen, Datteln und Mandeln. All die guten Dinge des Landes, zu Haufen aufgestapelt.
Was folgte, war ein lehrreiches Spektakel. Denn diese Männer, die noch nie in der Mittagssonne die Erde beackert oder eigenhändig ein Tier geschlachtet hatten, rasten zu den Ständern, als seien sie die verzweifelten Opfer einer Hungersnot. Sie legten weder Scham noch Manieren an den Tag, stießen einander mit den Ellbogen aus dem Weg und drückten und schoben sich, um die duftenden Berge aus Köstlichkeiten zu erreichen. Und diese Köstlichkeiten, deren Zubereitung sicher sehr viel Zeit in Anspruch genommen hatte, fielen dann von ihren überquellenden Tellern und wurden von den Sohlen ihrer Sandalen zerquetscht. Sie waren so gierig, dass sie sich selbst bedienten, statt zu warten, bis sie bedient wurden. Trotz der irgendwie abstoßend großen Mengen an Speisen, von denen das Gros der Bevölkerung nur träumen konnte, benahmen sie sich, als hätten sie entsetzliche Angst, es könne nicht genug davon geben. Als hätten sie irgendwie Angst, es wäre niemals genug, gleichgültig, wie viel man ihnen vor die Nase stellte.
Vielleicht war es naiv von mir, den beschämenden Luxus dieser Szenerie mit der Armut und dem Mangel an Wasser und Fleisch und Brot zu vergleichen, die das Leben all derer heimsuchen, die außerhalb dieser privilegierten Mauern leben. Es ließ sich aber nicht vermeiden. Der Lärm erinnerte mich an Schweine vor dem Trog. Während diese Fütterung vonstattenging, widmeten sich der König und die Königin, die jetzt auf einem anderen Podest saßen, einer langen Reihe hoher Offizieller und deren Gefolge, die einer wie der andere darauf warteten, ihren unterwürfigen Respekt zu bekunden und ihre jüngsten – zweifellos eigennützigen – Bittgesuche zu stellen.
Nacht gesellte sich zu mir.
»Welch abscheulicher Anblick«, sagte ich. »Die Reichen, wie sie wirklich sind. Hier geht’s zu wie in einer Fabel, deren Moral die Gier ist.«
»Es verdirbt einem zweifelsfrei den Appetit«, pflichtete er mir höflich bei, obwohl er weniger empört wirkte, als ich es war.
»Was sagst du zu Ejes Rede?«, fragte ich ihn.
Nacht schüttelte den Kopf.
»Ich fand sie ziemlich erschreckend. Das Ganze ist eine weitere Travestie der Justiz. In was für einer Welt wir leben! Es verdeutlicht aber zumindest, dass selbst Tyrannen ab einem gewissen Punkt zu kämpfen haben, um sich ihre Macht zu erhalten. Fakt ist, dass ein paar Hinrichtungen die überwältigenden Probleme dieses Staates nicht lösen werden. Und das weiß jeder hier, obwohl keiner es je zugeben würde. Er blufft, und das ist interessant, denn es signalisiert, dass er in riesigen Schwierigkeiten steckt.«
Ich erhaschte einen kurzen Blick auf Eje, der von seinen Höflingen umringt war. Einen Augenblick lang sah ich mir das Schauspiel an, seine Arroganz und seine herablassende Haltung, ihre hündischen Gesichter, ihr eingefrorenes, verzweifeltes Lächeln. Nebamun stand neben ihm und blickte bewundernd zu ihm auf wie ein dämlicher Hund zu seinem Herrn. Eje bemerkte, dass wir ihn ansahen; er registrierte es und speicherte es zusammen mit dem Ausdruck auf unseren Gesichtern als Information in der eisigen Gruft seines Hirns ab. Beipflichtend nickte er über etwas, was Nebamun sagte, und im nächsten Moment sah der Medjai plötzlich aus, als wolle er mich zu sich zitieren, um mich der arroganten Inquisition zu unterziehen, vor der ich mich schon die ganze Zeit fürchtete.
Doch genau in dem Moment, da der Lärm des Festmahls und der Rufe und Streitgespräche seinen Höhepunkt erreichte, brachte die Fanfare einer einzelnen langen Militärtrompete aus Silber alle zum Schweigen. Vollgestopfte Münder blieben offen stehen, Wachtel- und Gänsekeulen stachen auf halbem Weg zwischen Teller und Mund in die Luft, und alle drehten sie sich um und sahen, dass ein einsamer junger Soldat in die Mitte des Raums marschierte. Damit schien Eje nicht gerechnet zu haben. Es funkelte keine Selbstsicherheit in seinen Reptilaugen, sondern etwas anderes. Man hatte ihn nicht vorgewarnt, dass dieser Mann auftauchen würde. Ein Herold des Tempels trat vor und stellte ihn vor als den Boten von Haremhab, General des Heeres der Beiden Länder. Das Schweigen wurde beklemmender.
Der Soldat vollführte die vorgeschriebenen Kniefälle und bedachte Tutanchamun und Anchesenamun mit den korrekten Lobpreisungen. Eje begrüßte er nicht, als wisse er gar nicht, wer dieser war. Er schaute in den nunmehr totenstillen Raum, musterte die versammelten Vielfraße mit der moralischen Arroganz der Jugend und war, wie deutlich zu erkennen war, enttäuscht über ihre Käuflichkeit. Ein Anflug von Scham legte sich auf die Züge der vielen, die sich auch jetzt noch vollstopften. Die exquisit glasierten Tonschüsseln und aus Stein gemeißelten Teller wurden rasch und leise klappernd auf die Tabletts gestellt. Die ehrwürdigen Ratsmitglieder schluckten, wischten sich über die dicken Lippen und säuberten ihre fettigen Finger.
»Ich habe die Ehre, dem Großen Rat von Karnak eine Botschaft von Haremhab, dem General des Heeres der Beiden Länder, zu überbringen und selbige verlesen zu dürfen«, verkündete er voller Stolz.
»Diese Botschaft werden wir uns in aller Stille anhören«, sagte Eje und bewegte sich schnellen Schrittes nach vorn.
»Mein Befehl lautet, die Botschaft des Generals der kompletten Versammlung des Rates von Karnak zu verlesen«, erwiderte der Bote in selbstbewusstem Ton und so, dass alle es hören konnten. Der alte Mann knurrte.
»Ich bin Eje. Ich bin dein Vorgesetzter und der Vorgesetzte deines Generals. Meine Autorität wird nicht in Frage gestellt.«
Das schien den Soldaten zu verunsichern. Doch bereits im nächsten Moment ergriff Tutanchamun mit seiner ruhigen und klaren Stimme das Wort.
»Wir möchten hören, was unser großer General zu sagen hat.«
Anchesenamun nickte zustimmend und mit unschuldiger Miene. Ihrem Blick war jedoch anzusehen, welches Vergnügen es ihr bereitete, Eje in dieser ausweglosen Situation zu erleben. Denn in aller Öffentlichkeit hatte er keine andere Wahl, als dem Wunsch des Königs zu entsprechen. Einen Moment zögerte er, dann verneigte er sich demonstrativ.
»Dann sprich«, befahl Eje, und dabei schwang immer noch ein drohender Ton in seiner Stimme mit, »auf der Stelle.« Er wandte sich um.
Der Soldat salutierte, rollte ein Papyrusdokument auseinander und begann, die darauf niedergeschriebenen Worte seines Generals zu verlesen.
An Tutanchamun, das Lebende Abbild des Amun, Herr der Beiden Länder, und an seine Königin, Anchesenamun, und an die Herren des Rates von Karnak. Wenn Gerüchte sich verbreiten, als hätten sie Millionen Münder, flüstert mit ihnen die Furcht, werden Spekulationen gemurmelt, wird nuschelnd Verdacht geäußert. Doch beschreibt die Wahrheit die Dinge, wie sie wirklich sind. In ihrem Mund verändert sich nichts. Was soll ich also glauben, wenn ich auf meinen Feldzügen in den Ebenen von Kadesch von öffentlichen Angriffen auf den König in der großen Stadt Theben erfahre? Dass das mit Sicherheit ein Gerücht ist? Oder dass es die unvorstellbare Wahrheit ist?
Der Bote schwieg betreten. Er war nervös. Das konnte ich ihm nicht verdenken.
Die Beiden Länder stehen im Namen unseres Herrn Tutanchamun unter dem Oberbefehl von Eje. Warum sollte ich mir also Sorgen machen? Nur, ist das ein Gerücht oder die Wahrheit, dass es auch innerhalb des gesicherten Palasts zu Komplotten gegen den König gekommen ist?
Über diese Eröffnung schockiert richteten sich die Blicke aller auf Eje und das Königspaar. Eje setzte an, etwas darauf zu erwidern, doch Tutanchamun hob mit unerwarteter Autorität die Hand und brachte seinen Regenten zum Schweigen. Jetzt war das Publikum endgültig im Bann dieser erstaunlichen neuen Entwicklungen. Im nächsten Moment nickte der König dem Soldaten zu, der wusste, wie gewagt und ominös die Worte waren, die er zu verlesen hatte, und dennoch unerbittlich weiterlas, wenn auch schneller und schneller.
Wir haben also Feinde außerhalb unseres Reiches und Feinde im Inneren. Die Hethiter haben unlängst mit neuen Angriffen auf die reichen Häfen und Städte unseres Bündnispartners Amurru begonnen, unter anderem auf Kadesch, Sumur und Byblos, und wir haben Mühe, diese zu verteidigen. Warum? Weil uns die Ressourcen fehlen. Wir haben nicht genug Soldaten. Die uns zur Verfügung stehenden Waffen reichen nicht aus. Wir befinden uns in der misslichen Lage, unsere entscheidenden Bündnispartner in der Region weder stärken noch stützen zu können. Ich schäme mich, das zugeben zu müssen, doch die Wahrheit verlangt es mir ab. Es wird behauptet, die Außenpolitik unseres Königreiches werde heutzutage vernachlässigt zugunsten großer Bauwerke, die im Namen der Götter errichtet werden. Nichtsdestotrotz unterbreite ich dem König und dem Rat das Angebot, mich der Stadt Theben in dieser Zeit der Krise mit meiner Anwesenheit und meinen Diensten zur Verfügung zu stellen. Sollte es zwingend erforderlich sein, dass ich zurückkehre, werde ich das tun. Wir stehen an unseren Grenzen dem Feind gegenüber. Aber diese Feinde im Land stellen eine noch größere Bedrohung dar. Denn sie haben sich unter Umständen in das Herz unserer Regierung eingeschlichen. Denn was sind diese Drohungen gegen den König, gegen unser großes Symbol der Einheit sonst? Wie ist es möglich, dass wir so schwach sind, dass es überhaupt zu diesen bisher noch nie dagewesenen Angriffen kommen kann? Mein Bote, dessen sichere Rückkehr ich in Eure Hände lege, wird mir Eure Antwort übermitteln.
Aller Augen waren auf Eje gerichtet. Sein Patriziergesicht zeigte keinerlei Regung. Herrisch winkte er einem der Schreiber zu, der daraufhin mit einer Elfenbeinpalette und Rohrfedern nach vorn eilte und, als Eje das Wort ergriff, zu schreiben begann.
Wir begrüßen die Kommunikation mit dem ehrbaren General. Vernehmt unsere Antwort im Namen von Tutanchamun, Herr der Beiden Länder. Erstens. Es wurden diesem Feldzug sämtliche Soldaten und Waffen zur Verfügung gestellt, die angefordert wurden. Warum hat das nicht ausgereicht? Warum seid Ihr immer noch nicht mit einer Siegesparade heimgekehrt, mit gefesselten Gefangenen und Streitwagen, die beladen sind mit den abgehackten Händen toter Feinde, mit Schiffen, in deren Bug Ihr die besiegten Führer in Käfige gehängt habt, um sie dem König als Geschenke zu bringen? Zweitens. Der General erhebt haltlose Anschuldigungen im Hinblick auf die Kompetenz der Stadt und des Palasts, mit ihren eigenen Angelegenheiten fertigwerden zu können. Er hat auf Gerüchte gehört und ihren Lügen geglaubt. Dennoch hat er sich aus fadenscheinigen Gründen erboten, sich einfach seiner obersten Pflicht, seiner Aufgabe in der Schlacht von Kadesch zu entziehen. Das ist ein törichtes, verantwortungsloses und unnötiges Angebot. Ich zögere zwar, es so zu nennen, doch könnte es als Aufgabe seiner Stellung, als Rückzug aus seiner Verantwortung und im Grunde als Abtrünnigkeit gewertet werden. Der Befehl lautet Sieg, und was den angeht, versagt Ihr eindeutig. Vielleicht ist das der Grund, warum uns Euer Angebot just in diesem Moment erreicht. Eure Anweisungen von Tutanchamun, dem Herrn der Beiden Länder, lauten, an Euren Gefechtstützpunkten zu bleiben, zu kämpfen und zu siegen. Versagt nicht.
Das einzige Geräusch im Saal wurde von der Rohrfeder des Schreibers verursacht, die, während Eje sprach, über den Papyrus strich. Er reichte Eje die Schriftrolle, damit er sie versiegelte. Eje überflog den Text noch einmal, rollte das Dokument zusammen, verschnürte es und versah die Kordel mit seinem Siegel. Dann reichte er die Rolle dem Soldaten, der sich verbeugte, als er sie entgegennahm, und sie gegen die Schriftrolle eintauschte, die er bis jetzt mit sich geführt hatte.
Im nächsten Moment beugte Eje sich vor und flüsterte dem Soldaten etwas ins Ohr. Niemand konnte hören, was er sagte, aber die Wirkung, die seine Worte hatten, war dem Gesicht des Mannes deutlich anzusehen. Er sah aus, als sei soeben ein Fluch über ihn verhängt worden, der seinen Tod bedeutete. Ich empfand inzwischen beträchtliches Mitgefühl für ihn. Er salutierte und verließ den Saal. Und ich fragte mich, ob er noch so lange leben würde, dass er die Antwort würde überbringen können.
Nur gleichgültig, wie energisch und kraftvoll Ejes Worte waren, konnten sie doch nicht kitten, was zerbrochen war. Denn die Botschaft des Generals hatte die Illusion politischer Sicherheit zerstört. Und das leise Dröhnen der erregten und bestürzten Unterhaltungen, die begannen, kaum dass der Soldat den Saal verlassen hatte, war das Geräusch, das die Illusion von sich gab, als sie in Trümmer zerfiel. Ich sah, wie Anchesenamun diskret die Hand ihres Gemahls berührte, und im nächsten Moment erhob sich Tutanchamun. Für einen Moment sah er aus, als wisse er nicht so recht, warum er das getan hatte. Aber bereits im nächsten befahl er den Trompetern, den Raum mit ihren Fanfaren wieder zum Schweigen zu bringen, und dann ergriff er das Wort.
»Wir haben gehört, was der große General uns mitgeteilt hat. Er irrt sich. Das Große Land ist sicher und stark. Ein Königreich, das so herausragend, so großartig und so von ewiger Dauer ist wie die Beiden Länder, zieht Neid und Feindschaft auf sich. Doch werden wir allen Angriffen schnell und sicher trotzen. Widerspruch wird nicht geduldet. Und was die ›Komplotte‹ angeht, auf die der General anspielte, so handelt es sich dabei lediglich um Belanglosigkeiten. Gegen jene, die dafür verantwortlich sind, wird ermittelt, und sie werden eliminiert werden. Wir setzen unser Vertrauen auf diesen Mann.«
Plötzlich drehten sich alle um und sahen mich an, den Fremden in ihrer Mitte.
»Das ist Rahotep. Er ist der Leiter der Kriminalabteilung der städtischen Medjai. Wir betrauen ihn damit, den Behauptungen, die der große General im Hinblick auf unsere persönliche Sicherheit aufstellt, auf den Grund zu gehen. Er hat seine Befehle. Er hat die Vollmacht, die wir ihm gegeben haben, seine Ermittlungen durchzuführen, gleichgültig, wohin sie ihn führen.«
Auf einmal herrschte vollkommene Stille im Saal. Dann lächelte er und sprach weiter: »Es sind viele Staatsangelegenheiten zu erledigen. Mit der Arbeit, die für den heutigen Tag ansteht, haben wir gerade erst begonnen. Ich freue mich darauf, euch alle bei der Einweihung der Säulenhalle wiederzusehen.«
Zum zweiten Mal an diesem Tag wurde Eje ausgetrickst. Anchesenamun bedachte ihn mit einem kurzen Blick. Ihre Seele schien aus diesen Momenten etwas Mut geschöpft zu haben, das verriet ihr Blick. Darin glühte jetzt ein Funke Entschlossenheit, der viel zu lange nicht entfacht gewesen war. Als sie aus dem Raum schritt, schenkte sie mir ein ganz schwaches Lächeln. Dann entschwand sie, wurde aufgeklaubt von den aufgereiht wartenden Wachen und zurück in den Palast der Schatten eskortiert.
***
Nebamun verschwendete keine Zeit und trabte zu mir herüber. Er schwitzte. Sein Leinengewand war feucht, und nahezu unmerklich zuckten die kleinen roten Adern unter seinen trüben Augen. Keuchend hielt er mir einen seiner fetten kleinen Finger vors Gesicht.
»Egal, was du vorhast, Rahotep, vergiss eines nie dabei: Halte mich auf dem Laufenden. Ich will genau wissen, was vorgeht. Tu das, egal, welche Befugnisse der König dir gibt, denn wenn du es nicht tust, wirst du, wenn das hier alles vorbei ist und du deinen kleinen Privatauftrag erfüllt hast – vorausgesetzt du kommst damit überhaupt auf einen grünen Zweig, was ich bezweifle –, zu mir kommen und mit mir reden müssen. Und dann komm nur. Dann wirst du nämlich sehen, was bei der städtischen Medjai noch für dich übrig ist.«
Ich lächelte und verneigte mich vor ihm.
»Aller Ruhm ist nur von kurzer Dauer, und es ist ein weiter Weg zurück in die Masse. Ich werde sehr beschäftigt sein. Ich werde einen Bericht für dich schreiben.«
Dann drehte ich mich um und ging schnellen Schrittes davon in dem Wissen, dass ich mit diesen Worten meine Zukunft aufs Spiel gesetzt hatte, um ihm meine Verachtung zu zeigen, und dass ich ihn zu sehr hasste, als dass mich das einen Deut gekümmert hätte.
Als ich die Tempelanlage durch das Tor verließ, trat Kheti plötzlich aus der Menschenmenge, die sich hinter den Sicherheitsabsperrungen drängte.
»Komm schnell mit«, sagte er mit atemlos klingender Stimme.
»Ein weiteres Opfer?«
Er nickte.
»Allerdings ist der Mörder dieses Mal bei seiner Arbeit gestört worden. Beeil dich.«
Ich zögerte. Eigentlich musste ich jetzt los, um zusammen mit Simut die Befragungen all derer vorzunehmen, die Zutritt zu den königlichen Gemächern hatten. Ich wusste aber, dass mir hier keine Wahl blieb.
Wir rannten durch die Menschentrauben, um zu dem Haus zu gelangen, das sich in einem entlegenen Viertel der Stadt befand. Alles und jeder bewegte sich zu langsam; Leute liefen kreuz und quer oder blieben mitten auf dem Weg stehen; mit Lehmziegeln, Abfall oder Gemüse beladene Esel blockierten die engen Gassen; all die alten Leute der Stadt schienen ewig zu brauchen, um die Straßen zu überqueren. Also sprangen wir von einer Seite zur anderen und um die diversen Hindernisse herum, brüllten dabei, man solle uns den Vortritt lassen, drückten und schoben Dummköpfe, Arbeiter, Beamte und Kinder zur Seite und ließen hinter uns eine Schneise tumultartiger Verärgerung zurück.
Der junge Mann lag auf seinem Bett. Er war etwa im gleichen Alter wie der erste Junge und litt ebenfalls an einem ähnlichen Gebrechen. Auch ihm hatte man die Knochen zertrümmert. Dadurch war seine Haut von entsetzlichen Blutergüssen übersät. Und dann hatte der Mörder den Skalp, der dem jungen Mädchen gehört haben musste, ihr nunmehr verzerrtes Gesicht mit dem langen, schwarzen, stumpfen Haar, das aussah wie eine Ledermaske, die in großer Hitze geschmolzen war, über den Kopf des Opfers gestülpt. Die Hautränder ihres Gesichts waren mit beispielloser Präzision auf die Stirnpartie des Gesichts des Jungen genäht worden – doch hatte dem Täter die Zeit gefehlt, seine schauerliche Arbeit zu beenden. Die toten Lippen des Mädchens, die vertrocknet waren und sich kräuselten, umsäumten das kleine, dunkle Loch, hinter dem sich einstmals ihr Mund befunden hatte. Behutsam hielt ich mein Ohr davor. Und da hörte ich es: ein ganz schwaches Atmen, das wie der Hauch einer Feder mein Gesicht berührte.
Schnell zog ich mein Messer hervor, begann so vorsichtig wie eben möglich die Nähte aufzutrennen und nahm die scheußliche Maske schließlich herunter. Durch Wundwasser und Rückstände von Blut klebte das Gesicht des Mädchens förmlich auf dem des Jungen, und ich musste es herunterziehen; nur widerwillig lösten sich die beiden Gesichter voneinander. Das Gesicht des Jungen war leichenblass, wie blutleer, und übersät mit den blutigen Punkten, die von der Handarbeit des Mörders herrührten. Noch schrecklicher war, dass da, wo seine Augen hätten sein sollen, nur noch leere, blutige Augenhöhlen waren. Ich hielt Kheti das Gesicht das Mädchens hin, denn obwohl es in kläglichem Zustand war, konnte es uns helfen, sie zu identifizieren.
Im nächsten Moment schnappte der Junge plötzlich ganz schwach nach Luft, es klang eher wie ein leiser Aufschrei. Er versuchte sich zu bewegen, was seine zertrümmerten Knochen aber nicht zuließen; und dann durchflutete ihn eine Schmerzwoge.
»Versuch ganz still zu liegen. Ich bin ein Freund. Wer hat dir das hier angetan?«
Er konnte mir nicht antworten, denn sein Kiefer war gebrochen.
»War es ein Mann?«
Er hatte Mühe, mich zu verstehen.
»Ein junger Mann oder ein alter Mann?«
Jetzt fing er an zu zittern.
»Hat er dir irgendein Pulver verabreicht oder einen Saft gegeben, den du trinken musstest?«
Kheti griff nach meiner Schulter.
»Er kann dich nicht verstehen.«
Jetzt fing der Junge an zu stöhnen, leise und erbarmungswürdig wie ein Tier in entsetzlicher Not. Er erinnerte sich an das, was ihm widerfahren war. Luft zu holen schien plötzlich unvorstellbar schmerzhaft zu sein. Instinktiv griff ich nach seiner Hand, aber daraufhin wurde das Stöhnen zu einem grauenvollen Schmerzensschrei. Da ich um jeden Preis verhindern musste, dass er starb, benetzte ich seine Lippen und seine Stirn mit etwas Wasser. Das schien ihn zu beleben. Er öffnete leicht den Mund, als flehe er um mehr Wasser, und so gab ich es ihm. Aber dann verlor er das Bewusstsein. Entsetzt beugte ich mich über ihn, horchte wieder an seinem Mund und vernahm – den Göttern sei Dank – ein ganz schwaches Atmen. Er war noch am Leben.
»Wir brauchen einen Arzt, Kheti. Sofort!«
»Ich kenne aber keine Ärzte«, stammelte er.
Ich zermarterte mir das Hirn. Und dann hatte ich plötzlich eine Idee.
»Schnell, wir müssen ihn zu Nachts Haus tragen. Wir haben nicht viel Zeit.«
»Aber wie …?«, gab er zurück und hob dabei die Hände.
»Auf seinem Bett, du Idiot. Wie wohl sonst?«, schrie ich ihn an. »Ich will, dass er am Leben bleibt, und Nacht kann das erreichen.«
Und so bedeckte ich den Körper des Knaben zum Schrecken seiner Familie mit einem Leinentuch, als sei er bereits tot, und Kheti und ich hoben das Bett vom Boden – das selbst nicht schwer war, und sein gebrechlicher Leib hatte auch nicht viel Gewicht –, und dann bahnten wir uns unseren Weg durch die Straßen. Ich trug das Kopfteil, lief also voran, schrie jeden an, uns Platz zu machen, und versuchte dabei die ganze Zeit, die neugierigen Gesichter der Leute zu ignorieren. Sie schoben sich überall, um einen Blick auf das zu erhaschen, was wir da schleppten und diesen Wirbel verursachte. Doch sobald sie das weiße Laken über dem Körper erblickten, schlussfolgerten sie, dass wir eine Leiche transportierten, traten zurück und verloren schnell das Interesse. Ganz anders reagierte Nacht, als ich ihm den versehrten Leib unter dem Tuch zeigte. Kheti und ich waren schweißgebadet und lechzten danach, kühles Wasser zu trinken; doch der Junge war mir wichtiger. Auf der Straße hatte ich nicht gewagt, seinen Zustand zu überprüfen, und nur die ganze Zeit gebetet, dass ihm das unvermeidbare Ruckeln und Schuckeln des Bettes keine allzu großen Qualen bereitete. Ich hoffte, dass er nur ohnmächtig und nicht, um der Götter willen nicht, bereits im Reich der Toten war.
Nacht befahl den Dienern, den Jungen in eines seiner Gemächer zu tragen, und dann untersuchte er ihn vorsichtig. Kheti und ich sahen ihm nervös dabei zu. Als er fertig war, wusch er sich in einer Schüssel die Hände und bedeutete uns mit einem ernsten Nicken, wir sollten mit ihm nach draußen kommen.
»Mein Freund, ich muss gestehen, dass das hier das merkwürdigste Geschenk ist, das du mir je mitgebracht hast. Womit habe ich das verdient? Der Leib eines lahmen Knaben, die Knochen zerschmettert, das Gesicht voller seltsamer Nadelstiche, die Augen herausgerissen? Ich habe keine Vorstellung, nicht die geringste, was dich veranlasst haben könnte, ihn zu mir zu bringen, wie eine Katze, die ihrem Herrn die Überreste ihres Beutezugs nach Hause schleppt …«
Er war wütend. Und wie ich feststellte, galt für mich das Gleiche.
»Zu wem hätte ich ihn denn sonst bringen sollen? Ohne fachkundige Hilfe wird er sterben. Ich muss ihn aber an einem sicheren Ort wissen, bis es ihm wieder gut geht. Er ist meine einzige Spur. Nur er kann mir sagen, wer ihm das angetan hat. Vielleicht könnte er uns helfen, den Täter zu identifizieren. Wird er überleben?«
»Man hat ihm die Kiefergelenke ausgerenkt. Beide Arme und beide Beine sind an mehreren Stellen gebrochen. Ich fürchte, dass sich in seinen Augenhöhlen Infektionen bilden werden. Und neben all diesen mysteriösen Grausamkeiten, die man dem Körper des Jungen auf so präzise Weise zugefügt hat, sind da Nadelstiche in seinem Gesicht. Was hat es damit auf sich?«
Ich zog das Gesicht des Mädchens aus meiner Tasche und zeigte es ihm. Angewidert wandte Nacht sich ab.
»Als wir ihn fanden, war das hier auf sein Gesicht genäht. Es gehört zu einer anderen Leiche, die wir gefunden haben. Dieses Gesicht hier gehörte einem Mädchen. Ihr Name war Neferet.«
»Pack dieses Ding bitte weg«, jammerte Nacht. »Ich kann einfach nicht mit dir reden, wenn du mir die Überreste eines menschlichen Körpers unter die Nase hältst.«
Das leuchtete mir ein. Ich reichte das Gesicht an Kheti weiter, der es nur widerwillig ergriff und dann mit akribischer Vorsicht zurück in die Tasche steckte.
»Können wir jetzt reden?«
Nacht nickte.
»Im Gegensatz zu dir bin ich an derart brutale Handlungen unserer Spezies nicht gewöhnt. Ich habe nie in einer Schlacht gekämpft. Bin nie beraubt oder überfallen worden. Habe mich nie mit jemandem geprügelt. Wie du sehr wohl weißt, verabscheue ich Gewalt. Allein schon der Gedanke daran bereitet mir Übelkeit. Verzeih mir also, wenn ich das, was für dich der Alltag ist, als maßlos schockierend empfinde.«
»Ich verzeihe dir. Aber sag mir: Kannst du ihn retten?«
Er seufzte.
»Möglich ist es. Vorausgesetzt, es bildet sich keine Infektion. Knochenbrüche können wir wieder einrichten. Das Blut können wir nicht heilen.«
»Und wann, meinst du, werde ich mit ihm reden können?«
»Mein Freund, dieser Junge ist im wahrsten Sinne des Wortes zertrümmert worden. Es wird Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis diese Verletzungen ausgeheilt sind. Sein Kiefer ist eine Katastrophe. Wenn er überlebt, wird er Zeit benötigen, um sich daran zu gewöhnen, dass er blind ist. Es wird eine Weile dauern, mindestens einen Monat, bis er wieder sprechen kann. Vorausgesetzt, sein Geist hat durch die Sache keinen Schaden genommen und er ist überhaupt in der Lage zu verstehen, was man ihn fragt, und sich zu artikulieren.«
Ich starrte auf die Tür, die ins Zimmer des Jungen führte. Er war meine einzige Hoffnung. Ich fragte mich, was er mir erzählen konnte und ob es in einem Monat nicht längst zu spät war.
»Und was machen wir jetzt?«, fragte Kheti, als wir draußen vor Nachts Haus standen. Seine Stimme klang ruhig, aber er wirkte schockiert.
»Hast du irgendetwas über Neferets Arbeitsplatz herausfinden können?«
»Ich habe die Liste auf ein paar Etablissements eingrenzen können«, antwortete er. »Denen sollten wir einen Besuch abstatten.«
Er zeigte mir die Liste.
»Schön. Wann?«
»Am besten nach Sonnenuntergang. Wenn bei denen der Betrieb losgeht.«
Ich nickte.
»Warte im ersten auf mich. Und bring das da mit«, sagte ich und meinte damit das Gesicht, das er wieder in die Ledertasche gesteckt hatte.
»Was hast du nun vor?«, wollte er wissen.
»Ich würde jetzt gern nach Hause gehen, eine Flasche anständigen Rotwein trinken und meinem Sohn sein Abendessen füttern. Ich muss aber zum Palast zurück. Heute Nachmittag haben die Befragungen all derer stattgefunden, die Zutritt zu den königlichen Gemächern haben. Denen hätte ich eigentlich beiwohnen sollen.«
»Willst du, dass ich mitkomme?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Ich will, dass du zur Familie des Jungen gehst und ihnen erklärst, dass wir uns um ihn kümmern. Sag ihnen, dass er am Leben ist und wir zuversichtlich sind. Und sorg vor allem dafür, dass der Junge bewacht wird. Stell zwei Wachen ab, die den Eingang zu Nachts Haus rund um die Uhr im Auge behalten. Wir wollen nicht, dass dem Jungen noch einmal etwas zuleide getan wird. Wir können nicht riskieren, ihn zu verlieren.«
»Was ist, wenn er stirbt?«, fragte Kheti leise.
»Das weiß ich nicht«, gab ich zurück. »Bete zu den Göttern, dass er überlebt.«
»Du glaubst doch nicht an Götter«, erwiderte er.
»Das hier ist ein Notfall. Deshalb erwäge ich, meine Einstellung zu ändern.«
Ich musste mir verkneifen zu rennen, als ich mir – dieses Mal aus der Erinnerung heraus – meinen Weg zu den königlichen Gemächern bahnte. Tagsüber waren hier mehr Leute: In verschiedenen Räumen wurden Delegationen hoher Beamter, ausländischer Minister, Abgesandte und Machthaber unterhalten. Ich zeigte den Wachen meine Vollmacht, und sie überprüften sie sorgsam, bevor sie mich passieren ließen. Zumindest der Sicherheitsdienst war besser geworden.
»Bringt mich zu Simut«, befahl ich. »Auf der Stelle.«
Er und Khay waren in Khays Dienstzimmer. Als ich zur Tür hereinkam, sahen sie mich beide säuerlich an.
»Es tut mir leid. Ich hatte einen weiteren Notfall.«
»Welcher Notfall könnte denn wichtiger sein als dieser hier?«, tönte Khay mit wichtigtuerischer Miene.
Simut reichte mir schweigend eine Schriftrolle. Ich überflog die Liste, die gerade mal zehn Namen umfasste: die Leiter der Königlichen Domänen; der Wesir des Nordens und der Wesir des Südens; Huy, der Vizekönig von Kusch; der Obervermögensverwalter; der Kammerherr; der Fächerträger der Rechten Hand des Königs …
»Ich habe alle, die im Verlauf der letzten drei Tage in den königlichen Gemächern waren, hergebeten und befragt. Es ist ein Jammer, dass du dem nicht beiwohnen konntest. Dass man sie warten ließ, behagte ihnen nicht, und dass man sie befragte, behagte ihnen ganz und gar nicht. Das hat die allgemeine Unsicherheit, die im Palast herrscht, nur noch weiter verstärkt. Und ich fürchte, ich habe nichts herausgefunden, was irgendeinen von ihnen verdächtig macht«, sagte er.
»Willst du damit sagen, dass sie alle behaupten, Alibis zu haben?«, fragte ich gereizt. Ich ärgerte mich nicht nur über ihn, sondern auch darüber, wie viel Sorge mir bereitete, dass es hier keinerlei Fortschritte gegeben hatte. Er hatte recht. Ich hätte hier sein sollen.
Er nickte.
»Selbstverständlich sind wir im Moment noch dabei, die alle zu überprüfen, und morgen früh werde ich dir dazu Bericht erstatten.«
»Wo sind die Männer jetzt?«
»Ich habe sie gebeten zu warten, bis du kommst und mit ihnen sprichst. Was hätte ich auch sonst tun sollen? Es ist inzwischen dunkel, und sie sind erbost, weil sie nicht nach Hause zu ihren Familien zurückkehren können. Sie behaupten bereits, in den königlichen Gemächern gefangen gehalten zu werden.« Er schnaubte.
»Nun, wenn man bedenkt, was auf dem Spiel steht, sollte das noch unsere geringste Sorge sein. Wo stehen diese Männer? Ich meine, wem gegenüber sind sie loyal?«
Sofort ging Khay auf mich los.
»Ihre Loyalität gilt dem König und den Beiden Ländern. Wie könnt Ihr es wagen, etwas anderes zu unterstellen?«
»Ja, ja, das ist die offizielle Version, die kenne ich. Aber wer von denen gehört zu Ejes Männern?«
Unsicher sahen sie einander an. Aber es war Simut, der antwortete: »Alle.«
Als ich den Raum betrat, unterbrachen die großen Männer des Königreiches schlagartig ihre Gespräche, verstummten und drehten sich wie an einer Schnur gezogen um. Mit unverhohlener Feindseligkeit sahen sie mich an, blieben aber sitzen, um mich auch damit ihre Verachtung spüren zu lassen. Ich sah, dass man ihnen in Hülle und Fülle Wein und Speisen serviert hatte. Khay stellte uns alle vor, tat das wie immer mit übertriebener Sorgfalt, und so fiel ich ihm sofort ins Wort, als sich die erste Gelegenheit bot.
»Es ist kein Geheimnis mehr, dass irgendjemand irgendwie in den königlichen Gemächern Objekte hinterlegt, die darauf abzielen, den König und die Königin in Angst zu versetzen und zu bedrohen. Wir sind zu der Schlussfolgerung gelangt, dass es nur eine einzige Möglichkeit gibt, diese Objekte trotz der ausgezeichneten Sicherheitsvorkehrungen, die im Palast herrschen, dort zu deponieren, und zwar indem sie jemand hier hereinbringt, der über höchste Vollmachten verfügt und überall Zutritt hat. Und ich fürchte, meine Herren, das bedeutet, dass es sich bei dem Täter um einen von Euch handelt.«
Einen Augenblick lang herrschte eisiges Schweigen, dann sprangen sie alle auf und bellten Khay, Simut und mich empört an. Khay versuchte, die Gemüter auf diplomatische Weise zu beruhigen; er wedelte dabei mit den Händchen, als spräche er mit kleinen Kindern.
»Meine Herren, bitte! Bedenkt, dass dieser Mann die öffentliche Unterstützung des Königs genießt. Er tut hier lediglich, im Namen des Königs, seine Pflicht. Und wie Ihr Euch gewiss erinnert, ist er befugt, seine Ermittlungen durchzuführen, und ich zitiere hier die königlichen Worte ›gleichgültig, wohin sie ihn führen‹.«
Das zeigte Wirkung.
»Es tut mir leid, Euch derartige Unannehmlichkeiten zu bereiten«, sprach ich weiter. »Mir ist bewusst, dass Ihr alle vielbeschäftigte Menschen seid, äußerst bedeutsame Stellungen innehabt und zu Hause sicher besorgte Familien auf Euch warten …«
»Wenigstens das ist mir erspart geblieben«, schnaubte einer in der Runde.
»Und ich würde Euch jetzt liebend gern sagen, dass alles erledigt ist, Euch danken und die Tür öffnen, damit Ihr gehen könnt. Das geht aber leider nicht. Bedauerlicherweise werde ich mit jedem Einzelnen von Euch separat sprechen müssen, und darüber hinaus muss ich jeden Beamten und Bediensteten befragen, der in irgendeiner Form mit Eurer Arbeit in diesem Palast zu tun hat …«
Das wurde wieder mit entrüstetem Getöse quittiert, das noch in vollem Gange war, als plötzlich laut gegen die Tür geklopft wurde. Ich war der Erste, dem das auffiel, die anderen brachte es erst peu à peu zum Schweigen. Mit großen Schritten ging ich zur Tür, wütend, weil man mich störte. Zu meinem Entsetzen sah ich Anchesenamun draußen stehen. In der Hand hielt sie einen kleinen Gegenstand.
***
Das magische Figürchen war kaum größer als meine Handspanne. Eingewickelt in ein Leinentuch hatte man es vor das Schlafgemach des Königs gelegt. Wenn es nicht so widerwärtig niederträchtiger Natur gewesen wäre, hätte man es für ein Spielzeug halten können. Die aus dunklem Wachs gefertigte Figur hatte eine menschliche Gestalt, der es jedoch an Ausdruck und Detail mangelte; sie sah aus wie ein halbentwickelter Fötus aus dem Jenseits. Man hatte Kupfernadeln durch den Kopf getrieben, seitlich durch die Ohren, durch die Augen und den Mund in den Hinterkopf sowie vom Scheitelpunkt des Schädels senkrecht nach unten. Keine davon traf den Körper, ganz so, als gelte der Fluch ausschließlich dem Kopf, der Heimstatt allen Denkens, aller Fantasie und aller Furcht. In den Bauchnabel hatte man schwarze Menschenhaare gedrückt, als wolle man der reglosen Masse der Figur auf diese Weise die Seele des erwählten Opfers einflößen. Ich fragte mich, ob es sich bei den Haaren um die des Königs handelte, denn sonst wäre es magisch gesehen nicht effektiv gewesen. Auf der Rückseite hatte man sorgfältig die Namen und Titel des Königs ins Wachs geritzt. Die Verwünschung würde den Tod der Person und seiner Namen zur Folge haben und seine Seele damit auch für das Leben nach dem Tod zerstören. Menschen, die an die Wirksamkeit solcher Figürchen glaubten, hielten sie für mächtige, alte Zaubermittel. Es war ein weiterer Versuch, Angst und Schrecken zu verbreiten. Allerdings war diese Drohung wesentlich persönlicher als die anderen, sogar noch persönlicher als die Totenmaske; denn mit der Figur wurde die unsterbliche Seele des Königs verflucht.
Auf der Rückseite des Figürchens hatte man eine kleine Schriftrolle in das Wachs gedrückt. Ich zog sie heraus und rollte sie vorsichtig auseinander. Mit roter Tinte hatte man winzige Zeichen auf den Papyrus geschrieben, die genau so aussahen wie die Zeichen, die man in den Innen- und Außenrand des Deckels der Kiste mit der Totenmaske geritzt hatte. Unter Umständen bedeuteten sie nur Blödsinn, denn bei Verwünschungen wird oft nur Blödsinn geredet, doch sie konnten natürlich auch in einer verbürgten Zaubersprache abgefasst sein.
Während ich meine Untersuchung des Objekts fortsetzte, standen Anchesenamun, Khay und Simut ungeduldig neben mir.
»So kann das nicht weitergehen«, tönte Khay, als reiche es, das auszusprechen, um zu erwirken, dass es auch so kam. »Das ist eine absolute Katastrophe …«
Ich schwieg.
»Drei Mal ist man in die Privatgemächer des Königs eingedrungen«, blökte er im Ton einer Ziege weiter. »Drei Mal hat man ihn verängstigt und –«
»Wo ist er jetzt?«, fiel ich ihm ins Wort.
»Er hat sich in andere Gemächer zurückgezogen«, erwiderte Anchesenamun. »Sein Leibarzt kümmert sich um ihn.«
»Und wie hat er auf das hier reagiert?«
»Er ist – aufgewühlt.« Sie sah mich an, seufzte und sprach dann weiter. »Als wir die Todesfigur fanden, bekam er plötzlich kaum noch Luft, und sein Herz krampfte sich zusammen wie ein Knoten in einem Seil. Ich hatte Sorge, er würde an dem Grauen sterben. Und morgen ist die Einweihung der Säulenhalle. Der muss er beiwohnen. Das hier hätte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt passieren können.«
»Der Zeitpunkt wurde mit Absicht so gewählt«, erwiderte ich.
Wieder schaute ich auf das Figürchen.
»Wer immer das getan hat, scheint in der Lage gewesen zu sein, echte Haare des Königs dort anzubringen.«
Ich zeigte es Khay. Voller Abscheu schaute er auf das Figürchen.
»Doch scheint bisher niemandem aufgefallen zu sein«, erklärte Simut mit seiner langsamen Sprechweise und überlauten Stimme, »dass all die sogenannten Verdächtigen genau zu der Zeit, da das hier aufgefunden wurde, in einem Raum zusammensaßen. Es ist nicht möglich, dass einer von denen das abgelegt hat.«
Damit hatte er natürlich recht.
»Geht bitte zu den Herren«, bat ich Khay, »entschuldigt Euch in meinem Namen bei ihnen und lasst sie gehen. Dankt ihnen, dass sie mir ihre Zeit geopfert haben.«
»Aber was genau soll ich ihnen sagen?«, stöhnte Khay.
»Sagt ihnen, dass wir eine neue Spur haben. Eine vielversprechende neue Spur.«
»Wenn das doch bloß wahr wäre«, erwiderte er in bitterem Ton. »Mir kommt es so vor, als stünden wir dieser Gefahr völlig machtlos gegenüber. Die Zeit läuft uns davon, Rahotep.«
Er schüttelte den Kopf und ging, und Simut begleitete ihn, vorsichtshalber.
Ich wickelte die Todesfigur in ein Leinentuch und steckte sie in meine Tasche, weil ich wollte, dass Nacht sich die Zeichen ansah; vielleicht konnte der mit der Sprache etwas anfangen. Anchesenamun und ich standen immer noch auf dem Korridor. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich fühlte mich plötzlich wie ein Tier, das in der Falle sitzt und geduldig sein Schicksal erwartet. Dann fiel mir auf, dass die Türen, die ins Schlafgemach des Königs führten, einen Spaltbreit offen standen.
»Darf ich?«, fragte ich. Sie nickte.
Das Zimmer erinnerte mich an den Traum, den ein Kind von dem Raum hat, in dem es spielen und seiner Fantasie freien Lauf lassen möchte. Hunderte Spielzeuge waren darin, wurden in Holzkisten, auf Regalen oder in geflochtenen Körben aufbewahrt. Einige waren alt und morsch, als hätten sie bereits vielen Generationen von Kindern gehört, aber die meisten waren noch recht neu und bestimmt auf persönlichen Auftrag hin angefertigt worden: mit Intarsien verzierte Kreisel; Murmel-Kollektionen; eine Schatulle, in deren Oberseite ein elegantes Senet-Brett eingearbeitet war; darunter befand sich eine Schublade für die Spielfiguren aus Ebenholz und Elfenbein, und das Ganze stand auf eleganten Füßchen aus Ebenholz. Es gab auch massenhaft Tiere aus Holz und Ton, deren Kiefer und Gliedmaßen man bewegen konnte. Unter anderem waren da eine Katze, deren Kiefer sich mit einem Strick öffnen ließ, geschnitzte Heuschrecken, deren Flügel so lebensecht flatterten wie die ihrer lebendigen Vorlagen, ein Pferd auf Rädern und ein Vogel mit einem breiten Schwanz, der wunderschön bemalt war und picken konnte. Ich erblickte dickliche Elfenbeinzwerge, die auf einem breiten Stück Holz saßen und an Fäden hingen, an denen man sie von der einen Seite zur anderen tanzen lassen konnte. Und neben dem vergoldeten Bett, dessen Kopfteil aus blauem Glas gefertigt war, in das ein Schutzspruch eingeritzt war, saß ein einzelner aus Holz geschnitzter Affe mit rundem, grinsendem, beinahe menschlichem Gesicht und langen, beweglichen Gliedmaßen, mit denen er sich von einem imaginären Baum zum anderen schwingen konnte. Es gab auch Malpaletten mit Vertiefungen voller Farben. Zwischen den Spielzeugtieren steckten Jagdstöcke und Bögen und Pfeile und eine Silbertrompete mit goldenem Mundstück. Und an der gegenüberliegenden Wand des Zimmers waren überall Käfige, in denen winzige Vögel flatterten und dabei ab und an gegen die dünnen Stangen ihrer prächtigen hölzernen Paläste stießen, in denen es an nichts fehlte, nicht einmal an winzigen Schlafkammern, Wachtürmen und Schwimmbecken.
»Wo ist der Affe des Königs?«, fragte ich.
»Der ist beim König«, gab Anchesenamun zur Antwort. »Dieses Tier bedeutet ihm sehr viel.« Und dann, als wolle sie die Kindlichkeit des Königs erklären, fügte sie hinzu: »Ich habe Jahre gebraucht, um den König für unseren Plan zu erwärmen, und morgen soll er umgesetzt werden. Irgendwie muss er die Kraft dazu aufbringen, trotz des Ganzen hier. Irgendwie muss ich ihm helfen, das zu schaffen.«
Beide ließen wir unsere Blicke durch den Raum und über seine bizarre Ausstattung schweifen.
»Er liebt dieses Spielzeug mehr als alle Reichtümer der Welt«, erklärte sie ruhig und ohne viel Hoffnung in der Stimme.
»Vielleicht gibt es einen guten Grund dafür«, erwiderte ich.
»Es gibt einen Grund, und den kann ich nachvollziehen. Das hier sind die Schätze seiner verlorenen Kindheit. Es ist aber an der Zeit, diese Dinge wegzupacken. Es steht zu viel auf dem Spiel.«
»Vielleicht liegt die Kindheit in einem jeden von uns vergraben. Vielleicht bestimmt sie unsere Zukunft«, sinnierte ich.
»Wenn das stimmt, hat meine Kindheit mich dem Untergang geweiht«, entgegnete sie ohne Selbstmitleid.
»Vielleicht nicht, weil Ihr Euch dessen bewusst seid«, erwiderte ich.
Argwöhnisch sah sie mich an.
»Du redest nie wie ein Medjai.«
»Ich rede zu viel. Dafür bin ich bekannt.«
Fast lächelte sie.
Und dann sagte sie seltsamerweise: »Und du liebst deine Frau und deine Kinder.«
»Ja«, erwiderte ich wahrheitsgemäß, »das stimmt.«
»Aber genau an der Stelle bist du verletzbar.«
Diese Feststellung bestürzte mich.
»Inwiefern?«
»Es bedeutet, dass man dich zerstören kann, indem man andere zerstört. Eines hat man mir beigebracht: dass mir niemals jemand etwas bedeuten darf, denn wenn ich jemanden liebe, ist meine Liebe für diesen Menschen ein Todesurteil.«
»Das ist Überleben. Nicht Leben. Und außerdem erlaubt es dem anderen Menschen nicht zu lieben. Vielleicht hat man nicht das Recht, das zu tun. Nicht das Recht, diese Entscheidung für den anderen zu treffen«, sagte ich.
»Vielleicht«, gab sie zur Antwort. »Nur ist es in meiner Welt eine Notwendigkeit. Die Tatsache, dass ich mir wünschte, es wäre anders, vermag daran nichts zu ändern.«
Sie begann, unruhig durch den Raum zu laufen.
»Jetzt bin ich es, die Unsinn redet«, sagte sie. »Warum gebe ich solche Dinge von mir, wenn ich mit dir zusammen bin?«
»Eure Aufrichtigkeit ehrt mich«, gab ich vorsichtig zurück.
Sie bedachte mich mit einem sehr, sehr langen Blick, als müsse sie überlegen, ob diese Antwort vielleicht zweideutig war, sagte aber nichts weiter.
»Darf ich Euch eine Frage stellen?«, sprach ich sie schließlich wieder an.
»Natürlich darfst du das«, meinte sie und fügte mit einem angedeuteten Lächeln hinzu: »Ich will nicht hoffen, dass ich eine Tatverdächtige bin.«
»Derjenige, der diese Gegenstände hier einschmuggelt, kann sich ziemlich problemlos in den königlichen Gemächern bewegen. Wie sollten die Sachen sonst hier enden? Ich muss also wissen, wer Zutritt zu diesem Zimmer hier hat. Sicher die Kammerherren, Zofen, seine Amme …«
»Maia? Ja. Sie tut die ganz persönlichen, intimen Dinge für den König. Mich hasst sie natürlich. Sie gibt meiner Mutter für alles die Schuld und meint, weil ich unter Umständen von Verbrechen profitiert habe, die vor meiner Geburt begangen wurden, sollte ich jetzt dafür büßen.«
»Sie ist nur eine Dienerin«, erklärte ich.
»Sie flüstert dem König ihren Hass ins Ohr. Sie steht ihm näher als eine Mutter.«
»Ihre Liebe zum König steht aber außer Frage …«, sagte ich.
»Sie ist berühmt für ihre Loyalität und ihre Liebe«, erwiderte sie, wie nebenbei, und lief weiter durch den Raum. »Das ist alles, was sie hat.«
»Wer könnte sonst noch hier herein?«
Sie hob den Spielzeugaffen vom Boden und nahm ihn mit gleichgültiger Miene in Augenschein. »Nun, ich natürlich … Ich gehe aber nur äußerst selten in dieses Zimmer. Ich habe keinen Grund, hierherzukommen. Ich verspüre nicht den Wunsch, mit Spielzeug zu spielen. Ich habe ihn darin bestärkt, andere Dinge zu tun.«
Sie legte den Affen wieder zurück.
»Ganz abgesehen von allem anderen kann ich nur schwerlich eine Verdächtige sein, denn ich war es, die dich gebeten hat, den Fall zu untersuchen. Oder kommt das schon mal vor, dass sich genau die Person als die schuldige Partei erweist, die um eine Untersuchung bittet?«
»Manchmal. Angesichts Eurer Stellung denke ich mir, dass andere die Situation auslegen werden, wie es ihnen beliebt. So könnten sie beispielsweise behaupten, Ihr hättet gewollt, dass Euer Gemahl vor Angst wie gelähmt ist, damit Ihr selbst die Macht ergreifen könnt.«
Mit einem Schlag verloren ihre Augen sämtliche Farbe, wie ein Teich, wenn die Sonne untergeht.
»Die Leute stellen ihre Spekulationen an, das lieben sie. Daran kann ich nichts ändern. Meinen Gemahl und mich verbindet aber sehr viel mehr als nur das geteilte Leid. Zwischen uns besteht ein tiefes Band der Geschichte. Er ist das Einzige, was ich noch von dieser Geschichte habe. Und ich würde ihm niemals etwas zuleide tun, denn mal abgesehen von allem anderen würde das schwerlich meine persönliche Sicherheit erhöhen. Wir brauchen einander. Um beide zu überleben und eine Zukunft zu haben. Uns verbindet aber auch eine gegenseitige Fürsorglichkeit und tiefe Zuneigung …« Sie strich mit ihren sorgsam manikürten Fingern über die Laubsägearbeit eines der Vogelkäfige und klopfte sacht dagegen, sodass der Vogel, der darin saß, sie mit einem Auge beäugte und dann so weit davonflatterte, wie er eben konnte.
Dann drehte sie sich wieder zu mir um. Ihre Augen glänzten.
»Ich spüre überall Gefahr, in allem, in den Wänden, den Schatten. Die Angst kriecht mir durch den Verstand und die Haare wie Millionen Ameisen. Siehst du, wie meine Hände zittern? Und das tun sie immer.«
Sie streckte sie mir entgegen und schaute dabei auf sie nieder, als seien sie illoyal. Dann fand sie zu ihrem Selbstvertrauen zurück.
»Der morgige Tag wird unser aller Leben verändern. Ich möchte, dass du der Zeremonie beiwohnst.«
»Nur Priestern ist der Zutritt auf das eigentliche Tempelgelände gestattet«, erinnerte ich sie.
»Priester sind lediglich Männer in der richtigen Kleidung. Wenn du dir den Kopf rasierst und dich in weiße Leinengewänder hüllst, wirst du für einen Priester durchgehen. Wer sollte wissen, dass du keiner bist?«, meinte sie. Ein Gedanke, der ihre Laune sichtlich hob. »Manchmal hast du den Gesichtsausdruck eines Priesters. Du siehst aus wie ein Mann, der Mysteriöses gesehen hat.«
Ich wollte gerade darauf antworten, als Khay zurückkehrte. Demonstrativ verbeugte er sich.
»Die hohen Herren sind gegangen. Entrüstet und Drohungen ausstoßend, sollte ich vielleicht hinzufügen.«
»Das ist ihre Art«, erwiderte Anchesenamun, »und das wird vorübergehen.«
Wieder verbeugte sich Khay.
»Rahotep wird uns morgen zur Einweihungsfeier begleiten«, sprach sie weiter. »Man wird ihn angemessen kleiden müssen, damit seine Anwesenheit nicht gegen das Protokoll verstößt.«
»Sehr wohl«, erwiderte er im trockenen Ton eines Menschen, der nur Befehle befolgt.
»Ich möchte gern den Leibarzt des Königs kennenlernen«, sagte ich plötzlich.
»Pentu behandelt den König gerade«, gab Khay zurück.
»Ich bin überzeugt, dass er Rahotep ein paar Minuten seiner Zeit opfern wird«, erwiderte Anchesenamun. »Sag ihm, dass ich ihn um diese Gefälligkeit bitte.«
Wieder verbeugte sich Khay.
»Ich muss jetzt zum König«, sagte sie. »Es muss noch so viel erledigt werden, und es ist nur noch so wenig Zeit.«
Dann fügte sie ruhig hinzu: »Kannst du heute Nacht hierbleiben, in den königlichen Schlafgemächern? Die Vorstellung, dass du hier bist, wäre sehr tröstlich für mich.«
Ich erinnerte mich an meine Verabredung mit Kheti.
»Leider muss ich zurück in die Stadt. Ich ermittle noch in einem anderen Fall, und an dem muss ich heute Nacht weiterarbeiten. Das lässt sich, fürchte ich, nicht vermeiden.«
Sie sah mich an.
»Armer Rahotep. Du versuchst, zwei Leben unter einen Hut zu bringen. Du wirst uns morgen früh Beistand leisten.«
Ich verneigte mich, und als ich wieder aufblickte, war sie verschwunden.
Pentu lief mit hinter dem Rücken verschränkten Armen auf und ab. Die Anspannung schien sein hageres, hochmütiges Gesicht auszudörren. Kaum dass ich den Raum betreten und man hinter uns den Vorhang zugezogen hatte, musterte er mich vom Scheitel bis zur Sohle, als sei ich ein lästiger Patient.
»Warum müsst Ihr mit mir reden?«
»Mir ist klar, dass Ihr ein vielbeschäftigter Mann seid. Wie geht es dem König?«
Er schaute zu Khay herüber, der nickte und damit signalisierte, dass er antworten solle.
»Er hat eine Panikattacke erlitten. Nicht zum ersten Mal. Seine Psyche ist sensibel und reagiert auf alles. Das wird vorübergehen.«
»Und wie behandelt Ihr ihn?«
»Ich habe den Anfall bekämpft, indem ich das wirksame Schutzgebet des Horus gegen die Dämonen der Nacht rezitiert habe.«
»Und hat es sich als wirksam erwiesen?«
Er runzelte die Stirn. »Selbstverständlich«, erwiderte er in einem Ton, in dem mitschwang, dass mich das überhaupt nichts anging. »Außerdem habe ich den König dazu bringen können, Heilwasser zu trinken. Er ist jetzt sehr viel ruhiger.«
»Was für ein Heilwasser?«, fragte ich.
Er schnaubte.
»Damit es seine magische Wirksamkeit erlangt, muss das Wasser über eine geweihte Stele gegossen werden, und nachdem es die Heilkraft der Steinschnitzereien absorbiert hat, wieder aufgefangen werden.«
Herausfordernd sah er mich an, als solle ich ihn nur weiter befragen.
Wir schwiegen einen Moment.
»Ich danke Euch«, sagte ich dann. »Die Welt der Medizin ist mir fremd.«
»Eindeutig. Wenn das alles ist …«, meinte er gereizt und wandte sich zum Gehen, aber Khay machte ein paar besänftigende Gesten, und so blieb er.
Es wurde Zeit, dass ich hervorstrich, wo meine Stärken lagen.
»Lasst es mich ohne Umschweife auf den Punkt bringen«, hob ich an. »Es ist inzwischen dreimal gelungen, in die königlichen Privatgemächer einzudringen. Jedes Mal wurde ein Gegenstand zurückgelassen, der eine sowohl physische als auch, zumindest von der Absicht her, metaphysische Bedrohung für den König darstellte. Ich habe also allen Grund, davon auszugehen, dass derjenige, der diese Dinge tut, Ahnung von Arzneibüchern hat und –«
»Was wollt Ihr damit unterstellen?«, brüllte Pentu. »Will dieser Mann etwa andeuten, dass er mich oder meine Angestellten verdächtigt?« Zornig blitzte er Khay an.
»Verzeiht mir, wenn ich mich da ungeschickt ausgedrückt habe. Meine Überzeugung beruht auf anderen Vorkommnissen, auf Ereignissen, die sich außerhalb des Palasts zugetragen haben. Ich denke aber, dass diese Staatsangelegenheit und die Konsequenzen, die sie auf die psychische Befindlichkeit des Königs hat, absolute Priorität für uns haben sollte. Denn wenn derjenige, der das Ganze verbrochen hat, die Dinge, die er getan hat, so leicht vollführen kann, was hat er dann bisher nicht getan?«
Er und ich sahen einander schweigend an.
»Warum setzen wir uns nicht?«, schlug Khay diplomatisch vor und nutzte damit die Gunst des Augenblicks.
Also nahmen wir auf den niedrigen Bänken Platz, die an der Wand standen.
»Erstens, da ich Grund zu der Annahme habe, dass der Täter selbst Arzt ist, wäre es hilfreich zu wissen, wie die Palastärzte organisiert sind und wer unmittelbaren Kontakt zum König hat«, sagte ich.
Pentu saß steif da und räusperte sich.
»Als Leibarzt des Nordens und des Südens habe allein ich direkten Kontakt mit dem König. Kein anderer Arzt darf zu ihm, es sei denn, ich bin dabei. Sämtliche Behandlungen werden von mir verordnet und autorisiert. Selbstverständlich sind wir auch mit der medizinischen Versorgung der Königin und der anderen Mitglieder der königlichen Familie betraut, und darüber hinaus behandeln wir alle, die in den königlichen Privatgemächern arbeiten, einschließlich der Dienerschaft.«
»Ihr sagtet ›andere Mitglieder der königlichen Familie‹. Wer ist denn da außer der Königin sonst noch?«
Er schaute zu Khay herüber.
»Ich meinte damit die Familien derer, die dem König und der Königin dienen«, erwiderte er mit eigentümlicher Gleichgültigkeit.
»Wie viele Ärzte arbeiten für den Palast?«
»Sämtliche Ärzte der Beiden Länder unterstehen meiner Autorität. Nur sehr wenige von uns sind Koryphäen in allen Bereichen der Mysterien, aber es gibt Spezialisten für das Auge, entweder für das linke oder für das rechte, für den Bauch, die Zähne, den Anus sowie die versteckt liegenden Organe, und die können auf der Stelle hinzugezogen werden, falls sich das als erforderlich erweist.«
»Und wenn ich richtig informiert bin, gibt es da Unterschiede, was die ärztliche Kompetenz angeht. Stimmt das?«
»Es liegt doch wohl auf der Hand, dass es da Unterschiede gibt. Meint Ihr nicht, dass es wichtig ist, zwischen einem Knochenklempner zu unterscheiden, der irgendwo auf einem Marktplatz herumwerkelt, und denjenigen unter uns, die eine akademische Ausbildung genossen und Bücher studiert haben, die uns qualifizieren, Pflanzen und Magie zu nutzen, um korrekte Heilmittel zu verabreichen?«, fauchte er.
»Diese Bücher finde ich faszinierend«, erwiderte ich.
»Die könnt Ihr ruhig faszinierend finden, nur sind es geheime Bücher, das ist der Sinn der Sache.«
Freundlich lächelte ich ihn an.
»Ich bitte um Vergebung. Wird der König zum gegenwärtigen Zeitpunkt mit irgendetwas behandelt? Abgesehen von dem Heilwasser?«
»Körperlich ist er stabil und erfreut sich bester Gesundheit. Ich habe ihm aber zusätzlich auch noch einen Schlaftrunk verordnet. Er hat einen schweren Schock erlitten. Er braucht Ruhe vor dem morgigen Tag. Er darf nicht gestört werden. Ich werde heute Nacht bei ihm Wache halten.«
Dieses Mal hatte Simut dafür gesorgt, dass sich die Sicherheitsmaßnahmen in den königlichen Gemächern auch auf das versiegelte Allerheiligste erstreckten. An jeder Biegung des Korridors hatte man jeweils zwei Wachen aufgestellt. Und als wir die eigentlichen Schlafgemächer erreichten, standen dort je zwei Wachmänner rechts und links neben der Tür und zwei weitere gegenüber. Die Türen waren geschlossen, aber Pentu schob sie leise auf und bedeutete mir, einen kurzen Blick in den Raum zu werfen.
Öllampen erhellten das Zimmer, das dem König vorübergehend als Schlafgemach diente; sie standen in den Wandnischen, auf dem Fußboden und in noch größerer Anzahl um sein Bett herum, sodass er aussah wie ein junger Gott inmitten einer Sternkonstellation aus Lampen. Man hatte sie entzündet, um die Dunkelheit der Welt, die ihn umgab, zu verbannen, doch im Vergleich zu derart bedrohlichen, gefährlichen Kräften machten sie einen schwächlichen Eindruck. Anchesenamun hielt die Hand ihres Gemahls und sprach beruhigend auf ihn ein. Ich sah die Vertrautheit, die zwischen ihnen herrschte, spürte, wie sie ihm ein Gefühl von Sicherheit vermittelte und dass sie die Tapferere und Stärkere von beiden war. Ich konnte mir aber immer noch nicht vorstellen, wie ein derart zartes Paar ehrgeizigen Demagogen und Diktatoren wie Eje und Haremhab morgen die Macht entreißen wollte. Ich wusste jedoch, dass ich lieber unter Anchesenamuns Herrschaft lebte als unter der Herrschaft einer der beiden Männer. Und ich wusste, dass sie gescheit war. Sie hatten sie unterschätzt. Sie hatte sie beobachtet und von ihnen gelernt, und vielleicht hatte sie sich mittlerweile auch etwas von der Skrupellosigkeit angeeignet, die sie benötigen würde, um in diesem Gewirr von Ungeheuern zu überleben. Für einen kurzen Moment schauten sie beide auf und sahen mich im Türrahmen stehen. Ich verneigte mich. Tutanchamun, Herr der Beiden Länder, starrte mich mit frostiger Miene an und befahl mir dann mit einer Handbewegung, ich möge mich entfernen.
Pentu schlug mir die Tür vor der Nase zu.
Ich beeilte mich, um mich mit Kheti in dem Viertel der Stadt zu treffen, das Männer nach einem harten Arbeitstag in ihren Beamtenstuben aufsuchen. Ich war sehr spät dran; das wenige Licht, das die Straßen und Wege erhellte, drang aus den kleinen Fenstern der Häuser, in denen man Öllampen entzündet hatte. Betrunkene Männer, Beamte und Arbeiter bevölkerten die engen Gassen. Manche eilten allein, schweigend und verstohlen ihres Weges, andere torkelten johlend und brüllend in Gruppen von einem Etablissement zum anderen. Mädchen mit zur Schau gestellten Brüsten, schlanke, durchtrieben dreinblickende Knaben und einige, die sowohl das eine als auch das andere sein konnten, schoben sich so geschickt durch das Gewühl, dass sie die Männer dabei berührten, und drehten sich noch einmal kurz nach hinten um, bevor sie in dubiose Hauseingänge entschwanden, die in winzige, mit Vorhängen abgeteilte Parzellen führten, in denen sie ihrem Gewerbe nachgingen. Eine der Frauen trat an mich heran.
»Ich kann dir Wonnen bereiten, die du dir gar nicht vorstellen kannst«, hauchte sie mit ausgelaugt klingender Stimme.
Ich fand den niedrigen, anonymen Hauseingang in einer langen Lehmziegelmauer, die von der Hauptdurchgangsstraße abging. Ich lief an dem dicken Türsteher und seiner dicken Tür vorbei und durch den Gang. Normalerweise sind diese Etablissements wie ein Kaninchenbau aus stickigen Räumen, deren niedrige Decken mit dem schwarzen Talgrauch vieler Nächte bedeckt sind, aber dieses hier war ganz anders. Dieses hier war eine Aneinanderreihung von Räumen und Innenhöfen. Alles war von hochwertiger Qualität: Exquisite Gemälde, ausgesprochen gute Kunst, und feinste Gobelins hingen an den Wänden. Das Ganze hatte den Glanz von Reichtum und Erfolg; und dort drängten sich elegante, erfolgreiche Männer, ihre Gefolgsleute und die Frauen, die ihnen dienten, und sie tranken und unterhielten sich – brüllten ihre Meinung über Bierkrügen, Weinkelchen und Tellern, auf denen sich die feinsten Speisen türmten, lachend oder verächtlich heraus. Gesichter tauchten vor mir auf und verschwanden wieder in der Menge: Eine extrem geschminkte Frau, die teuer angezogen war, brüllte mit erregtem Blick wie ein Esel; einem rotgesichtigen älteren Mann stand der Mund weit offen wie einem schreienden Baby; und versteckt in einer Ecke erblickte ich das kantige, schmierige, schmale Profil eines jungen Mannes, der mit niemandem sprach, aber alles beobachtete und auf seine Gelegenheit wartete wie eine Hyäne bei einem Festgelage.
An den Wänden hingen Gemälde mit Kopulationsdarstellungen: Männer trieben es mit Frauen, Männern mit Männern, Männer mit Knaben, Frauen mit Frauen. Jede der Figuren hatte ein karikaturartiges Grinsen der Ekstase auf dem Gesicht, das man mit ein paar roten und schwarzen Strichen skizziert hatte. Unvorstellbar gewaltige Schwänze ragten hervor. Diverse Penetrationen wurden vollführt. Ich hatte solche Dinge bereits auf satirischen Schriftrollen gesehen, die konfisziert worden waren, aber noch nie in größerem Maßstab.
Kheti erwartete mich, und ich bestellte mir einen Krug Wein. Die fleckige, fahle Haut der nicht mehr jungen Dienerin sah aus, als habe sie seit vielen Jahren kein Sonnenlicht mehr gesehen.
»Ich habe sehr, sehr langsam getrunken«, sagte er, um mir vor Augen zu halten, wie massiv ich mich verspätet hatte.
»Eine Eins für Selbstdisziplin, Kheti.«
Wir suchten uns eine Ecke und setzten uns beide mit dem Rücken zu den anderen im Raum, weil wir nicht wollten, dass unsere Anwesenheit unnötig auffiel – denn leichtfertig begibt sich kein Medjai in ein Etablissement dieser Art. Unzählige reiche Männer, deren Geschäfte alles andere als rechtmäßig waren, frequentierten diese Etablissements und fanden unter Umständen Vergnügen daran, sich mit Gesetzeshütern wie Kheti und mir an einem Ort anzulegen, an dem wir nur auf wenige Freunde zählen konnten.
Der Wein wurde serviert. Wie ich erwartet hatte, war er überteuert und schmeckte nicht überwältigend. Innerlich versuchte ich, die seltsame Ähnlichkeit zu verarbeiten, die diese beiden Welten miteinander hatten: der Malqata-Palast mit seinen totenstillen Steinkorridoren, seinen elitären Schauspielern und dem leisen Drama um Macht und Verrat und dieser Spielplatz lärmenden Nachtlebens. Ich nahm an, dass sich an beiden Orten das Gleiche abspielte – männliche Begierde wurde befriedigt, jede Nacht.
»Irgendwelche weiteren Spuren?«, fragte ich.
»Ich habe mich umgehört. Das stellt sich allerdings als schwierig dar, weil das junge Volk inzwischen aus dem gesamten Königreich kommt. Einige von ihnen sind als Sklaven oder Gefangene hier, während andere einfach nur verzweifelt aus dem von Fliegen verseuchten Nichts flüchten wollten, das sie ihr Zuhause nannten, um auf den goldenen Straßen der Stadt ihr Glück zu machen. Die meisten kommen aufgrund der Versprechungen der Werber, die ihre Heimatorte aufsuchen, aber viele werden sogar von ihren eigenen Familien verkauft. Babylonier, Assyrer, Nubier … Wenn sie Glück haben, enden sie in Theben oder Memphis.«
»Und wenn sie Pech haben, irgendwo, wo es weniger romantisch zugeht, in einer Garnisonsstadt wie Bubastis oder Elephantine«, sagte ich. »Lange halten sie nirgendwo durch. Das Einzige, was sie zu bieten haben, ist ihre Schönheit und ihre Jugend. Aber sobald die mal weg sind … sind sie nur noch menschlicher Schrott.«
Ich schaute mich um und sah in den jungen Gesichtern den Schaden, den es anrichtete, diese anspruchsvollen Kunden Nacht für Nacht zu bedienen. Verzweifelte Gesichter, die zu breit lächelten, zu aufgesetzt, weil sie zu sehr versuchten zu gefallen; hübsche Mädchen und hübsche Knaben, die wie lebende Puppen auf den Knien der abstoßenden Kerle saßen, die sich einmal die Woche oder einmal im Jahr Frischfleisch leisten konnten. Alle wirkten sie überzeichnet und wild. Eine junge Frau mit ruinierten Augen lief an uns vorüber; man hatte ihr die Nase abgeschnitten. Sie sah aus, als bewege sie sich an unsichtbaren Schnüren, die von einem unsichtbaren Marionettenspieler betätigt wurden. Sie schwebte durch die Menge davon.
»Interessanterweise transportieren im Rahmen dieses Handels aber auch viele von denen illegale Drogen über die Grenzen oder flussabwärts. Das ist eine billige Liefermethode. Jeder weiß, dass es passiert, und die jeweiligen Mengen sind zu klein, um sich damit abzugeben; und die Grenzwachen werden bestochen oder nehmen einen schnellen Fick als Schmiergeld. Selbst wenn ein paar wenige geschnappt werden, um ein Exempel zu statuieren, überwiegt der Profit die Verluste um ein Vielfaches.«
»Was für eine wunderbare Welt das ist«, sagte ich.
Kheti lachte leise in sich hinein.
»Sie könnte eine Renovierung gebrauchen.«
»Sie verfällt nur immer mehr«, sagte ich voller Pessimismus.
»Das sagst du immer. Du wüsstest gar nicht, was du sagen solltest, wenn tatsächlich mal was Gutes passieren würde«, erwiderte er mit seinem so typischen und so lästigen Optimismus. »Du bist mieserer Laune als Thot, und der ist ein blödes Tier.«
»Thot hat nie miese Laune. Und er ist nicht einmal ansatzweise so blöde wie das Gros der zweibeinigen Kreaturen, die hier herumlaufen. Er ist nachdenklich.«
Ich trank meinen Wein.
»Wem gehört der Laden?«
Er zuckte mit den Achseln.
»Denjenigen, denen das Gros dieses Viertels gehört. Wahrscheinlich einer der großen Familien, die mit den Tempeln verbunden sind, die zweifellos einen dicken Prozentsatz der Profite einstreichen.«
Ich nickte. Es war hinreichend bekannt, dass der gewaltige Reichtum der Tempel auf diversen, äußerst einträglichen Investitionen in der gesamten Stadt und den Gauen des Königreiches beruhte.
»Und mit wem treffen wir uns hier?«
»Mit der Geschäftsführerin. Sie ist eine gescheite Person.«
»Ich bin überzeugt, sie ist eine Seele von Mensch.«
Vorüber an blinden Musikern, die an ihren Instrumenten zupften, obwohl niemand ihnen zuhörte, bahnten wir uns unseren Weg durch die blökende Menge und schlichen anschließend durch einen stillen Gang, der nur von ein paar wenigen Öllampen erhellt wurde.
Von dem gingen weitere Flure ab, in denen sich hinter eleganten Vorhängen Räumlichkeiten verbargen, die groß genug waren für eine bequeme Matratze. Fette alte Kerle verkrochen sich in die Parzellen, um uns nicht über den Weg zu laufen, und zarte Mädchen und kichernde Knaben glitten an uns vorüber wie alberne Zierfische. Trotz des Weihrauchs, der überall verbrannt wurde, roch die abgestandene Luft nach menschlichen Ausdünstungen: Schweiß, verpesteter Atem, stinkende Füße, widerliche Achseln. Irgendwo hechelte und stöhnte jemand, hinter einem anderen Vorhang raspelte ein Mädchen Süßholz und kicherte, und gleich daneben agierte eine Frau mit der tiefen, leidenschaftlichen Inbrunst einer Hofsängerin. In der Ferne hörte ich Wasser spritzen und Gelächter.
Am Ende des Flurs war eine Tür, und davor standen zwei Schlägertypen, die so groß, ausdruckslos und hässlich waren wie unfertige Statuen. Wortlos unterzogen sie uns einer Leibesvisitation.
»Kann irgendjemand Zwiebeln riechen?«, fragte ich, da mir ein widerlicher Atem in die Nase stieg.
Der Schlägertyp, der mich abtastete, hielt kurz inne. Sein Gesicht erinnerte mich an einen lädierten Kochtopf. Der andere Typ legte beruhigend seine Pranke auf die breite Schulter des Kollegen und riet ihm mit einem wortlosen Kopfschütteln, meinen Sarkasmus zu ignorieren. Der Typ schnaubte wie ein Bulle und zeigte dann mit seinem Stummelfinger geradewegs auf die Stelle zwischen meinen Augen. Ich lächelte und schob den Finger weg. Der andere Knabe klopfte gegen die Tür.
Wir traten ein. Der Raum war niedrig und klein, aber auf dem Tisch stand eine Vase mit frischen Lotosblüten. Die Geschäftsführerin begrüßte uns mit höflicher Distanz. Sie trug eine langhaarige, kastanienbraune Perücke, wie es der letzte Schrei war, aber ihre feinen, wohlgeformten Züge zeigten keinerlei Regung, wirkten nahezu eingefroren, als habe sie längst vergessen, wie man lächelt. Sie bot uns Stühle und Kissen an. Sie selbst nahm elegant gegenüber von uns Platz, stützte das Kinn auf ihre Hand und wartete auf das, was da kommen würde.
»Sag mir bitte, wie du heißt.«
»Tacherit«, antwortete sie mit klarer Stimme.
Sie war also Syrerin.
»Ich heiße Rahotep.«
Schweigend nickte sie.
»Wir haben lediglich ein paar Fragen, das ist alles. Du persönlich brauchst dir also keine Sorgen zu machen.«
»Die mache ich mir auch nicht«, erwiderte sie gelassen.
»Wir untersuchen eine Mordserie.«
Leicht spöttisch hob sie die Augenbrauen.
»Wie aufregend.«
»Diese Gewalttaten waren ungewöhnlich brutaler Natur«, sprach ich weiter. »Kein Mensch verdient, auf die Weise zu sterben, wie diese jungen Leute gestorben sind. Ich versuche zu verhindern, dass noch weitere auf die gleiche Weise ihr Leben verlieren.«
»In diesen düsteren Zeiten ziehen die Leute es vor, den Blick von Dingen abzuwenden, die sie lieber nicht sehen wollen«, erwiderte sie ausweichend. Ihre Stimme klang dermaßen tonlos, dass ich nicht zu sagen vermochte, ob das ironisch oder ernst gemeint war.
»Ich will, dass du begreifst, wie ernst die Lage ist.«
Ich warf das tote Gesicht mit der fleckigen Krone aus schwarzem Haar vor ihr auf den Tisch.
Trotz der schonungslosen Fakten, die da plötzlich vor ihr lagen, blieben ihre Gesichtszüge wie versteinert. Aber in ihrem Blick veränderte sich etwas. Endlich: eine Reaktion. Sie schüttelte ihre rote Mähne.
»Nur ein Ungeheuer kann einer Frau so etwas antun.«
»Was er getan hat, ist grausam, hat aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Bedeutung. Das war kein impulsiver Akt der Gewalt oder Leidenschaft. Dieser Mensch hier hat Gründe zu morden, und er tut es auf eine Art und Weise, die vermutlich für keinen anderen, wohl aber für ihn selbst Sinn ergibt. Es gilt, diesen Sinn zu verstehen«, sagte ich.
»Wenn das so wäre, gäbe es keine Ungeheuer.«
»Die gibt es auch nicht, es gibt nur Menschen.«
»Ich weiß nicht, ob ich mich dadurch besser oder schlechter fühle«, erwiderte sie.
»Das geht mir genauso«, erwiderte ich. »Wir müssen herausfinden, wer dieses Mädchen war. Wir glauben, dass sie vielleicht hier gearbeitet hat.«
»Vielleicht hat sie das. Wir haben viele Mädchen, die hier arbeiten.«
»Aber vermisst du eines?«
»Manchmal verschwinden diese jungen Dinger einfach. Das passiert ständig. Niemand interessiert sich dafür, was mit ihnen passiert. Es kommen immerzu neue.«
Ich beugte mich vor.
»Dieses Mädchen ist einen grauenvollen Tod gestorben. Das Mindeste, was wir tun können, ist, ihren Namen zu benutzen. Sie hatte eine Schlangentätowierung am Oberarm. Ihr Vermieter hat uns gesagt, dass sie Neferet hieß.«
Sie warf erneut einen kurzen Blick auf das Gesicht, und dann sah sie mich an und nickte.
»Ja, dann kannte ich sie. Sie hat hier gearbeitet. Viel wusste ich nicht über sie. Die Geschichten, die sie erzählen, kann man nie glauben. Sie schien mir aber eines der unschuldigeren und gutgläubigeren Mädchen zu sein. Sie hatte ein sonderbar trauriges Lächeln. Das hat sie für einige unserer Kunden nur noch anziehender gemacht. Sie erweckte den Eindruck, als gehöre sie in eine bessere Welt als diese hier. Sie behauptete, man habe sie geraubt und dass ihre Familie sie liebe, und deshalb war sie überzeugt, dass sie eines Tages kommen würden, um sie hier herauszuholen …«
»Woher sie stammte, hat sie nicht erzählt?«
»Ich glaube, sie kam aus einem Bauerndorf im Norden von Memphis. An den Namen kann ich mich nicht erinnern.«
»Es ist davon auszugehen, dass sie ihrem Mörder hier begegnet ist. Was bedeutet, dass er einer deiner Kunden ist. Er ist ein älterer Mann und gehört zur Elite. Ein gebildeter Mann. Möglicherweise ein Arzt.«
Sie schaute mich an.
»Wisst Ihr, wie viele dieser Männer Etablissements wie diesem hier diskrete Besuche abstatten? Und außerdem sind meine Angestellten angewiesen, den Kunden niemals Fragen zu ihrem Privatleben zu stellen.«
Ich versuchte mein Glück auf andere Weise.
»Gibt es irgendwelche Kunden oder Angestellte, die in diesem Etablissement Drogen nehmen?«
»Was für Drogen?«, hakte sie unschuldig nach.
»Schlafmittel. Schlafmohn …«
Sie tat so, als müsse sie da erst einmal überlegen.
»Wir würden niemanden akzeptieren, der in dieser Hinsicht nicht unbescholten ist. Ich tu, was in meiner Macht steht, um solche Dinge zu verhindern. Ich führe ein sauberes Geschäft.«
»Aber die Drogen sind überall …«
»Man kann mich weder für die Angewohnheiten meiner Kunden zur Rechenschaft ziehen, noch für das, was meine Angestellten in ihrer Freizeit treiben«, antwortete sie mit fester Stimme.
»Sie müssen die Droge aber irgendwo kaufen«, sagte ich.
Sie zuckte mit den Achseln und vermied es tunlichst, mir dabei in die Augen zu sehen.
»Händler, Mittelsmänner und Lieferanten gibt es immer. Wie in jedem Geschäftsbereich, und erst recht, wenn sich mit den Geschäften ein Vermögen verdienen lässt.«
Ich schaute zu Kheti hinüber.
»Mich verwirrt schon seit langer Zeit, wie es möglich ist, eine derart große Nachfrage zu stillen. Ich meine, es werden an der Grenze nur wenige junge Leute festgenommen. Folglich schmuggeln viele den Stoff erfolgreich in die Städte und in Etablissements wie dieses hier. Das ist eine direkte und bequeme Handelsroute, die kaum Risiken birgt. Wir wissen, dass die jungen Leute, die herkommen, um hier zu arbeiten, Drogen schmuggeln. Aber selbst wenn es Tausende davon gäbe, wären die nicht in der Lage, einen derart begehrten Luxusartikel in der Menge zu transportieren, die nötig ist, um die Nachfrage zu befriedigen. Mithin ist mir das Ganze ein Rätsel.«
Sie senkte den Blick.
»Wie ich bereits sagte, habe ich mit solchen Dingen nichts zu tun.«
Ich nahm sie eingehend in Augenschein. Mir fiel auf, dass ihre Pupillen geweitet waren. Sie bekam mit, dass ich das sah.
»Es wäre ein Leichtes für mich, einen Trupp Medjai anzufordern und den Laden hier durchsuchen zu lassen«, sagte ich. »Dass das Gros deiner Kunden eine Entlarvung begrüßen würde, bezweifle ich.«
»Und ich bezweifle, dass Euch bewusst ist, wie wenige es schätzen würden, wenn Ihr so etwas Dummes tätet. Was meint Ihr denn, wer hierherkommt? Unsere Kunden gehören den höchsten Kreisen der Gesellschaft an. Sie würden einem kleinen Beamten, wie Ihr es seid, niemals gestatten, irgendwelchen Ärger zu machen.«
Sie schüttelte den Kopf, erhob sich und läutete ein winziges Glöckchen. Sofort wurde die Tür geöffnet, die beiden Schlägertypen standen parat, und sie lächelten uns nicht an.
»Die Herren möchten sich verabschieden«, sagte sie.
Leise und ruhig waren wir gegangen, aber als wir erst einmal draußen waren, tauschten die beiden Schläger einen Blick, nickten einander zu, und im nächsten Moment verpasste mir der Kerl, den ich veralbert hatte, einen sehr harten Schlag ins Gesicht. Ich gebe zu, dass es ein platzierter Schlag war, und es tat weh. Der andere boxte auf Kheti ein, weniger gemein und wohl nur, um uns beiden die gleiche Behandlung zuteilwerden zu lassen.
»Nun seid doch nicht so empfindlich«, rief ich ihnen nach, bevor sie die Tür hinter sich zuschlugen, und rieb mir dabei mein Kinn. Dann standen wir auf der düsteren und plötzlich totenstillen Straße.
»Wage nicht, mir zu erklären, das hätte ich nicht anders verdient«, sagte ich zu Kheti.
»Gut, dann verkneife ich mir das«, erwiderte er.
Wir machten uns auf den Weg durch die Dunkelheit.
»Also«, meinte Kheti, »wie kommt denn nun all dieses Zeug in die Beiden Länder? Diese Kinder können das unmöglich bewerkstelligen.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Ich glaube, dass diese Kinder, diese Kuriere, lediglich ein Ablenkungsmanöver sind. Sie sind unwichtig. Der Transport muss in sehr viel größeren Mengen ablaufen. Aber wenn der Drogenschmuggel auf Schiffen erfolgt, werden die Hafenbeamten bestochen, und wenn sie auf dem Landweg hergeschafft werden, bekommen die Grenzposten Schmiergeld.«
»Irgendwo macht also jemand ein Vermögen«, sagte er. »Und das muss ein sehr mächtiger Mann sein, der über sehr viele gute Beziehungen verfügt.«
Ich seufzte.
»Es gibt Tage, an denen fühlt unsere Arbeit sich an, als wolle man die Wasser des Großen Flusses mit bloßen Händen aufhalten.«
»Darüber zerbreche ich mir fast jeden Morgen den Kopf«, erwiderte Kheti. »Aber dann stehe ich auf und gehe zur Arbeit. Und dadurch bekomme ich dann Gelegenheit, Zeit mit dir zu verbringen, was zumindest ein bisschen entschädigt.«
»Wie gut du doch dran bist, Kheti«, sagte ich. »Nur überleg mal: Wenigstens sehen wir jetzt die Verbindungen klarer. Es war bei jedem der Morde vonnöten, die Opfer zu betäuben, sehr wahrscheinlich mit der Droge. Das Mädchen hat hier gearbeitet. Aller Wahrscheinlichkeit nach liefern die Kuriere die Drogen hier an. Sie werden vermutlich von Etablissements wie diesem in der ganzen Stadt vertrieben. Das ist doch schon mal was.«
»Und vergiss nicht, dass der Mörder überdies dafür sorgt, dass du zwischen zwei Welten hin und her tänzelst«, sagte er und grinste mich schief an.
Wenn wir recht hatten, also ein und dieselbe Person für beide Verbrechensserien verantwortlich war, tat ich hier nur eines: Ich sprang von Indiz zu Indiz wie ein Hund, der einer Spur aus Leckerchen folgt und die Augen dabei fest auf den Boden heftet, sodass er nichts anderes mehr sieht.
Ich wünschte Kheti eine gute Nacht und machte mich zur Abwechslung mal auf den Weg zu meinem eigenen Zuhause.
Der starre Blick der grellen Spätvormittagssonne verschonte nichts und niemanden. Die Hitze ließ die Stadt wie gebacken wirken, hart und trocken, braun, gelb und weiß. Ich blickte nach oben und sah einen Falken, der mit dunklen, weit ausgebreiteten Schwingen durch die gleißende Helligkeit schwebte, sich elegant immer wieder neu ausrichtete und von der heißen Wüstenluft tragen ließ. Er war Horus, und sein rechtes Auge war das Sonnenauge, sein linkes das Mondauge. Was sah er, wenn er auf unsere seltsame kleine Welt niederblickte, auf diese Welt aus Statuen und Ungeheuern, Menschenmassen und Paraden, Tempeln und Bruchbuden, Villen und Schweineställen? Was hielt er von dieser Prozession winziger Gestalten, die sich im Schutz dürftiger Sonnenschirme feierlich gemessenen Schrittes ihren Weg über die von perfekt gestutzten Bäumen gesäumte Straße der Sphingen bahnte und auf den Südtempel zu bewegte? Sah er mich? Fiel ihm auf, dass ich mich wie ein Schauspieler verkleidet hatte und die weißen Gewänder eines Priesters trug? Sah er uns alle? In unserer grünen Welt aus Feldern und Bäumen, abhängig von der glitzernden Schlange des Großen Flusses und umzingelt von der Endlosigkeit des ewigen Roten Landes? Was sah er jenseits des Horizonts? Ich beobachtete, dass er sich geraume Zeit hoch über uns in der Luft hielt; dann flog er mit einer Bewegung, die aussah wie ein Schulterzucken, Richtung Fluss davon und verschwand über den Dächern.
***
Ich hatte schlecht geschlafen, wieder mal. Ich hatte von dem Jungen geträumt. Im Traum trug er das Gesicht des jungen Mädchens Neferet, und sie lächelte mich geheimnisvoll an. Dann begann ich, ihr Gesicht langsam und vorsichtig herunterzuschälen, aber sie lächelte weiter. Und als ich ihr das Gesicht schließlich über den Kopf nach hinten zog, erblickte ich darunter nichts als Schwärze und roch den süßlichen Gestank der Verwesung. Abrupt war ich aufgewacht, mit hämmerndem Schädel. Vielleicht war der derbe Wein vom Vorabend noch derber gewesen, als ich gedacht hatte. Tanefert hatte am Morgen keinerlei Mitgefühl für mich aufgebracht. Und als ich mit kahlgeschorenem Schädel vom Barbier zurückkehrte, hatte sie nur den Kopf geschüttelt.
»Wie sehe ich aus?«, hatte ich gefragt und mir dabei mit der Hand über die polierte Glatze gestrichen.
»Du siehst aus wie ein Riesenbaby«, hatte sie erwidert, was nicht gerade hilfreich war.
»Also nicht wie ein Tempelpriester?«
Sie lachte laut auf, was ich ihr zugutehielt.
»Eher nicht … Und komm erst wieder nach Hause, wenn das alles nachgewachsen ist.«
Zu beiden Seiten der Straße der Sphingen standen geordnete Menschentrauben stumm und wie aufgestellt in der sengenden Hitze, in der sich kein Lüftchen regte. Doch sobald der König und die Königin in ihrem Streitwagen an ihnen vorüberfuhren, schrien sie ihnen Lobpreisungen zu. Tutanchamun trug die Blaue Krone und war von dicht beieinanderstehenden Palastwachen umringt; die Federn ihres Kopfputzes wippten, und ihre frisch polierten Pfeile und Bögen schimmerten im Licht. Die gesamte Straße war von Soldaten der thebanischen Truppen gesäumt. Simut hatte ganze Arbeit geleistet und alle Ressourcen zum Einsatz gebracht, die seinem Kommando unterstanden. Eje folgte in seinem Streitwagen. Simut und ich fuhren zusammen. Hochkonzentriert behielt er alles im Blick, suchte nach irgendeiner Kleinigkeit, die nicht so war, wie sie hätte sein sollen, nach irgendeinem Anzeichen dafür, dass es Probleme geben könnte. Das Schlusslicht bildete ein langer, schlurfender Rattenschwanz aus zahlreichen anderen Priestern und Palastbeamten, zu denen auch Khay gehörte, und die trugen alle die gleichen weißen Gewänder, und jeder von ihnen hatte seine schwitzenden Diener dabei, die Sonnenschirme über ihre Herren hielten. Mir fiel ein streunender Hund auf, der diese merkwürdig triste Kavalkade begleitete und zwischen den Schatten der Bäume und den marschierenden Soldaten umherstrich. Immerzu bellte er und fletschte die Zähne, als habe er soeben den Schatten eines Feindes oder eines Eindringlings erspäht. Da schoss plötzlich einer der thebanischen Soldaten mit einem Pfeil auf ihn und tötete das Tier. Erschrocken wandte die Menge sich um, jedoch geriet niemand in Panik, und der Zug bewegte sich weiter.
Als wir endlich den Eingang zum Tempel erreichten, lief mir der Schweiß bereits den Rücken hinunter. Man hatte ein Sonnensegel aus Leinen vor den gewaltigen, mit Gold und Silber geschmückten Doppeltüren angebracht, die in die neue Säulenhalle führten. Als ich selbst noch ein Junge gewesen war, hatte der Großvater des Königs mit der Erbauung der Halle begonnen, ein ehrgeiziger Plan, bei dessen Umsetzung ein Gewirr aus kleinen, uralten Schreinen einem gewaltigen, düster-modernen Bau weichen sollte, dessen Steinsäulen in den Himmel ragten und deren jede einen Umfang hatte, dass eine Menschentraube Platz darauf fand. Das Wunder der Welt sollte es werden, und mir wurde nun heute das außerordentliche Privileg zuteil, es mit eigenen Augen sehen zu dürfen.
Das Gelände vor dem Tempel war übersät mit Tausenden weiß gewandeter Priester – so vielen, dass der weite offene Platz, als sie auf die Knie sanken, aussah wie ein gewaltiger weißer See. Die Tempelmusikanten stimmten ein neues Stück an. Simuts dunkle Augen waren überall. Vorbereitet auf sämtliche Eventualitäten überprüften sie die Stellungen seiner Bogenschützen auf den Tempelmauern, die exakte Formation seiner Wachsoldaten, die den König und die Königin zum Schutz flankierten, und auch sonst alles und jeden. Dieses Mal durften keine Fehler passieren, durfte es keine Überraschungen geben, kein Blut und keine Massenpanik.
Endlich wurden die Tempeltrompeten angehoben. Sie strahlten im hellen Licht, und dann erklang eine Fanfare, und wir schritten durch die prächtigen Türen und die mit Schnitzereien verzierten, gewaltigen Steinblöcke der Außenmauern in die grandiose Säulenhalle. Im ersten Moment erinnerte mich das Ganze an ein Schattenreich. Perfekt gemeißelte Säulen, die einen wesentlich größeren Umfang hatten als jede Palme – jede war so dick wie mindestens zehn Palmen –, ragten in die kühle, dunkle und geheimnisvolle Luft. Vierzehn dieser jeweils etwa dreißig Ellen hohen Säulen, die in zwei imposanten Reihen standen, trugen das gewaltige Dach wie eine kolossale Arkade aus Stein einen Nachthimmel aus Granit. Gleißend helles Licht schoss in dünnen Strahlen aus den hohen, schmalen Obergadenfenstern nieder, und darin schwebten und tanzten für einen kurzen Moment kleinste Staubpartikel. An jeder Stelle, an der das intensive Licht den Stein berührte, illuminierte es die bemalten Reliefs, die alle Flächen zierten.
Der lange Rattenschwanz aus Würdenträgern und Beamten schlurfte hinter uns herein. Sie versammelten sich, indem sie einander drückten und schoben und klagten, weil sie alle einen Platz unter den gewaltigen Säulen finden wollten. In der atemberaubenden Architektur der Halle wirkten sie mickrig und unbedeutend. Sie klangen wie eine Herde Ziegen, die keuchend, hustend und schlurfend beim Anblick dieses neuen Wunders erstaunt ihre kurzen Kommentare wisperten. Doch waren das hier die Männer, von denen Ruhm und Macht des Königreiches abhingen. Die hohen Beamten des Palastes, die hohen Beamten der Ministerien, die hohen Beamten der Tempel; all jene, die ihre Macht und ihren Wohlstand unter Echnaton, dem Vater des Königs, verloren und jetzt zurückbekommen hatten und behaupteten, in den Beiden Ländern wieder die maat hergestellt zu haben. Was sie natürlich in Wahrheit wiederhergestellt hatten, war ihre eigene unerbittliche Autorität und das Recht, die unendlichen Ressourcen und Geschäftsmöglichkeiten der Beiden Länder zum Wohle ihrer eigenen Schatzkammern zu verwalten und weiterzuentwickeln. Und der König war trotz seiner Passivität die Ikone dieser Restauration. In einem anderen heiligen Bezirk, im Tempel von Karnak, war zu Beginn seiner Regenschaft auf seine Anordnung hin – oder besser gesagt, auf Anordnung Ejes, die in seinem Namen erfolgte – eine Steinstele aufgestellt worden, in die man Worte gemeißelt hatte, die für die Ewigkeit gedacht und sehr berühmt geworden waren: »Es ging drunter und drüber im Land, und die Götter hatten sich vom ganzen Land abgewandt. Aber nach vielen Tagen bestieg meine Majestät den Thron des Vaters und herrschte über das Reich des Horus, und jetzt unterstanden sowohl das Schwarze wie auch das Rote Land seiner Macht.« Folglich sah es so aus, als sei das, was der Großvater nicht fertiggestellt hatte, jetzt unter der Herrschaft des Enkels vollendet worden. Und das kurze Intermezzo unter Echnaton versuchte man einfach zu vergessen. Man kümmerte sich nicht um die Bauwerke aus jener Zeit, ignorierte Echnatons Bildnisse, sprach seinen Namen nicht aus, gedachte seiner nicht, ganz so, als habe es ihn nie gegeben. Das Einzige, was vielen noch lebhaft im Gedächtnis war, obwohl sie es verdrängten, war die Erinnerung an seine religiöse Aufklärung und an seinen Versuch, den traditionellen Priestern alle Macht zu entziehen.
Der König und seine Entourage wurden gebeten, die Wanddekoration in Augenschein zu nehmen, mit der die gesamte neuen Außenmauer verziert war. Priester hielten Fackeln hoch oder stellten sich in Gruppen zusammen, damit ihre weißen Gewänder das einfallende Licht reflektierten und dadurch die Details der farbenfroh bemalten Reliefarbeiten auch an den Stellen sichtbar wurden, an denen sie in der Dunkelheit verborgen lagen. Durch das Flackern der Flammen sahen die bunten Darstellungen aus, als würden sie sich bewegen. Ich war sehr bemüht, ganz in der Nähe des Königs und der Königin zu stehen, auch, weil ich mir diese Wunder ansehen wollte. Zunächst einmal illuminierte gleich am Eingang ein gleißender Sonnenstrahl – durch Zufall oder weil man es gezielt so eingerichtet hatte – die in Stein gemeißelten Gesichtszüge des Königs. Ich beobachtete, wie er sich vor sein steinernes Bildnis stellte und den Tempelgott begrüßte. Der leibhaftige Tutanchamun, ein Wesen aus Fleisch und Blut mit kindischen Ängsten und einem zarten Gesichtchen, begutachtete sein steinernes Ebenbild, das die breiten Schultern und die entschlossenen, gebieterischen Züge eines Königs hatte. Ich muss gestehen, dass sie einander überhaupt nicht glichen, wenn man vom Profil und den Ohren absah, die sorgfältig nachempfunden waren.
Alle liefen sie weiter und schlurften an der langen Westmauer entlang. Hier waren Steingravuren, auf denen die während des Opet-Festes stattfindende rituelle Schiffsprozession der Götter nach Karnak zu sehen war. In minutiösem Detail waren die gelenkigen Akrobaten, die Barken mit ihren Takelagen und die blinden Musikanten mit ihren Instrumenten dargestellt. Jedes einzelne Gesicht sah aus wie das Porträt eines Menschen, den ich in einer Menge hätte wiedererkennen können. Ich fragte mich, ob mein eigenes Gesicht und die Gesichter meiner Familie vielleicht auch darunter waren.
Als Nächstes bewegte sich die Gruppe um den König, gespannt und unter großem Geschubse, in Begleitung sämtlicher Beamten und Diener quer durch die Halle zur gegenüberliegenden Mauer, auf der die Geschichte des Festes weitererzählt wurde. Tutanchamun und die Königin schritten langsam daran vorüber, sahen sich die Darstellungen aufmerksam an und lauschten dem Hohepriester und seinen Messdienern, die sich respektvoll zu ihnen herabbeugten, Lobpreisungen und Informationen wisperten und ohne jeden Zweifel die frappanten Kosten erwähnten und die bemerkenswerten Fakten auflisteten, die bewiesen, welch großartige Arbeit der Tempel leistete, wenn er die Darstellungen des Königs und der Götter glorifizierte. Das Ganze ging seinen vorgezeichneten Gang.
Als sie sich wieder dem Eingang näherten und aufgefordert wurden, sich den letzten Teil der Wanddekoration in der Ecke anzusehen, in der die bedeutendste Szene dargestellt war – in der sich der König ins Innere des Schreins und damit in die Gegenwart des Gottes begab –, geschah etwas. Tutanchamun war gerade dabei, sich unter der Regie des Hohepriesters durch die Inschriften zu lesen, die diesen allerheiligsten aller Momente beschrieben, als er plötzlich voller Panik zurückwich. Der Hohepriester war dermaßen schockiert und beschämt, dass er sich die Hände vor die Augen hielt, als sei er soeben Zeuge einer entsetzlichen Schändung geworden. Die Palastwachen, die das Königspaar umringten, zückten sofort die Krummdolche und gingen in Verteidigungsstellung. Die Leute, die hinter mir standen, reckten die Hälse, um zu sehen, was da los war. Ich schob mich durch die Wachen. Eje sah sich die Gravur, auf die der Hohepriester mit seinem Stab zeigte, bereits genauestens an. Er gestattete mir, mich dicht neben ihn zu stellen, damit auch ich sie in Augenschein nehmen konnte. In einer Kartusche waren die königlichen Namen Tutanchamuns komplett herausgeschlagen worden.
Eje übernahm das Kommando. Ruhig redete er auf den bebenden Tutanchamun ein, während Anchesenamun versuchte, ihrem Gemahl dabei zu helfen, einen Schluck Wasser zu trinken. Eje befahl, dass das geschändete Bildnis zugedeckt wurde, damit man es nicht sehen konnte, und instruierte all die, die es bereits gesehen hatten, mit strenger Miene und unter Androhung der Todesstrafe, niemals ein Wort darüber zu verlieren. Die Namen würden sofort neu eingemeißelt werden. Anchesenamun flüsterte Tutanchamun etwas ins Ohr, und nach einer Weile nickte er. Und sodann tat das Königspaar so, als sei alles in bester Ordnung, und fuhr mit der Besichtigung fort. Als Anchesenamun an mir vorüberschritt, sah sie mich an. Wir konnten aber nicht miteinander sprechen.
Rasch gingen wir alle zwischen den großartigen Säulen durch die Halle zurück auf den Sonnenhof, wo sich weitere Priesterscharen versammelt hatten, die sich vor dem König und der Königin auf den Boden warfen. Nach der Zeit in der Dunkelheit blendete uns das gleißende Licht der Mittagssonne. Die Gruppe hielt sich in den hohen Schatten der gewaltigen Papyrussäulen, die an drei Seiten entlangliefen. Als wir über den Sonnenhof schritten, herrschte eine seltsame Stille – denn jeder wusste, dass etwas Beunruhigendes geschehen war; doch wurde die Zeremonie fortgesetzt, als sei nichts gewesen. Schließlich betraten wir den ältesten Teil des Tempels. Uralt war die Finsternis, die mich umgab. Überall waren Bildnisse zu sehen, die den alten König, Amenophis, dabei zeigten, wie er Amun-Re, dem Gott des Tempels und der Stadt, seine Opfer darbrachte. Die königliche Entourage durchquerte eine von Säulen gesäumte Opferkammer. An den Wänden – in die Ewigkeit des Steins gemeißelt – trieb Amenophis die heiligen Stiere und brachte an dem Ort, an dem die Goldene Barke des Gottes während des Festes ausruhte, seine rituellen Blumen- und Weihrauchopfer dar. Ich hatte gehört, dass es hinter dieser Kammer viele kleine Kapellen gab, die aus dem Allerheiligsten herausführten, und sich entlang der Seitenmauern sogar noch kleinere Kammern befanden, in denen in tiefer Dunkelheit goldene Bildnisse der Götter standen. Nur durften weder ich noch die meisten anderen Menschen an dieser Stelle weitergehen. Allein der König und die höchstrangigen Priester konnten das Heiligtum des Amun im dunklen Herzen des Tempels betreten, den Schrein, in dem seine Statue, seine irdische Hülle, angebetet, genährt und gekleidet wurde.
Nun war es so weit, und Tutanchamun musste allein weitergehen, hinein in das Mysterium des Allerheiligsten. Anchesenamun durfte ihn nur in die Vorkammer begleiten, aber nicht weiter. Der König machte einen nervösen Eindruck, schien jedoch zusehends Mut zu schöpfen. Anchesenamun und er gingen weiter, verschwanden beide, und um uns her wurde es totenstill.
Die heißen Leiber der zahllosen Menschen, die in der kleinen Kammer und auf dem Sonnenhof dahinter zusammengepfercht waren, verströmten den Geruch von Weihrauch und Schweiß. Die Priester intonierten Gebete. Blechern klingende Sistren wurden geschwenkt. Die Tempelsängerinnen stimmten die Hymnen an. Die Zeit schien gar nicht vergehen zu wollen, und ich sah, dass Eje leicht den Kopf hob, als frage er sich, ob alles in Ordnung war.
Und dann kamen der König und die Königin plötzlich gemeinsam zurück. Er hatte sich der Blauen Krone entledigt und trug jetzt die Doppelkrone von Ober- und Unterägypten. Auf seiner Stirn blitzten der Geier und die Kobra und verliehen ihm göttlichen Schutz. Sie trug die hohe Doppelfederkrone ihrer Mutter Nofretete – und proklamierte damit sich selbst zur Königin und Göttin. Tutanchamun wirkte jetzt alles andere als zaghaft oder verängstigt. Vielmehr starrte er mit arroganter Miene auf die verblüffte Menge der Priester und Würdenträger in der Kammer und dahinter im Sonnenhof. Er wartete eine Weile, und dann ergriff er mit seiner leisen, eindringlichen Stimme das Wort.
»Die Götter haben sich Tutanchamun, dem Lebenden Abbild des Amun, im Tempel von Amun offenbart. Ich besitze die königlichen Namen: den Horusnamen Starker Stier, mit vollkommenen Geburten, den Nebtinamen König der Beiden Länder mit vollkommenen Gesetzen, den Thronnamen Herr an Gestalten, ein Re, Herrscher der Maat. Mit diesen meinen königlichen Namen trage ich die Doppelkrone und halte den Krummstab der Herrschaft und die Geißel des Osiris. Ich erkläre, dass ich von diesem Tage an König bin, in Name und Tat.«
Namen sind Macht. Sie schaffen die Realität, die sie bezeichnen. Das hier war die Deklaration einer neuen Unabhängigkeit. Die Krönung eines neuen Königs. Erstaunen und Ehrfurcht erfassten die Menge nach dieser verblüffenden und völlig unerwarteten Verkündigung. Ich hätte Gold dafür gegeben, Ejes Gesicht sehen zu können, als er die Worte vernahm. Er hielt seinen knöchernen Schädel aber gesenkt.
Der König sprach weiter: »Dies möge überall in den Beiden Ländern proklamiert werden. Ich erkläre, dass ich diesen Tag feiern werde mit einem neuen Fest, im heiligen Namen des Amun-Re. So werde es auf ewig festgehalten in der Schrift der Götter, und lasset diese Worte durch alle Gaue der Beiden Länder schallen, auf dass jeder Untertan des Königshauses die großartige Wahrheit erfahre.«
Sofort eilten die Schreiber mit ihren Utensilien nach vorn, hockten sich im Schneidersitz auf den Boden, schoben sich ihre Gewänder über die Knie wie kleine Tische und schrieben alles auf ihren Schriftrollen nieder.
Im nächsten Moment stellte sich Anchesenamun, wie sie es viele Male geprobt hatten – dass es so gewesen sein musste, fiel mir erst jetzt auf –, neben Tutanchamun, und so blieben sie nebeneinander stehen, bis die Menge die Eröffnung und die Bedeutung der Worte verdaut hatte und auf die Knie fiel, um sich vor ihnen in den Staub zu werfen. Ich fragte mich, wie Eje auf diesen kühnen Zug im großen Schachspiel um die Macht reagieren würde. Er wandte sich den unzähligen Gesichtern zu, die gespannt darauf warteten, dass er die Degradierung nicht kampflos hinnahm. Dazu war er aber zu klug. Er ließ sich Zeit, wartete, lange und mit Bedacht, ganz so, als halte er das Schicksal der Beiden Länder in den Händen, bevor er zu sprechen begann.
»Die Götter sind allwissend«, erklärte er. »Wir, die wir unser Leben der Aufgabe verschrieben haben, das Königshaus zu unterstützen und zu stärken und die verlorene Ordnung in den Beiden Ländern wiederherzustellen, feiern diese Proklamation. Der König ist König. Mögen die Götter einen großartigen König aus ihm machen.«
Auch das schrieben die Schreiber nieder, und dann gaben sie auf ein Signal von Eje ihre Schriftrollen weiter, die flugs von Hand zu Hand durch die ganze Kammer gereicht wurden. Gehilfen sammelten sie ein, damit Abschriften davon angefertigt werden konnten, sowohl auf Schriftrollen als auch auf Steinstelen, die man überall im Land und in den unterworfenen Gebieten verteilen würde. Und dann stellte Eje sich an die Spitze der Menschenmenge und kniete sich vor dem Königspaar in den Staub wie ein altes Ungeheuer vor seine Kinder, langsam und steif und mit der bedrohlichen Ironie, die er wie kein anderer allem, was er tat, einzuflößen vermochte. Anchesenamun und Tutanchamun hatten für diesen Moment und für den Erfolg ihrer Deklaration alles riskiert. Die nächsten Tage würden zeigen, ob sie gewonnen oder verloren hatten.
Der König und die Königin verließen den Tempelkomplex, überquerten den Sonnenhof, wo die Priester sich auf dem sorgfältig gefegten Boden erniedrigten, und schritten durch die Säulenhalle zu ihrem bereitstehenden Streitwagen, der sie in zügigem Tempo fortbrachte und dabei golden erglühte.
Bevor ich ihnen zusammen mit Simut in dessen Streitwagen folgte, sah ich mich noch einmal um, schaute auf das mit Menschen übersäte Gelände vor der Säulenhalle und sah Eje in der Mitte des Ganzen stehen. Reglos wie ein Stein sah er uns allen nach. Es schien, als brächen und ergössen sich um ihn her Wogen von Spekulationen und Erregung. Die Neuigkeit würde sich sehr schnell überall in der Stadt herumsprechen; in den Ministerien und in den Schreibstuben, in den Korn- und in den Schatzkammern; und nach einer offiziellen Proklamation in Theben würden Boten sie in alle großen Städte und Orte tragen – nach Memphis, Abydos, Heliopolis und Bubastis sowie in den Süden nach Elephantine und in die Garnisonsstädte Nubiens.
Wir folgten dem königlichen Streitwagen zum Fluss zurück, wo sich eine große Menschenmenge versammelt hatte, die laut Gebete sprach und Beifall klatschte, und dann bestiegen wir das königliche Schiff, um den Fluss zu überqueren. Der König und die Königin blieben während der Überfahrt in ihrem privaten Bereich. Der Vorhang war zugezogen. Als wir ablegten und der Lärm, der am Anlegesteg geherrscht hatte, leiser wurde, konnte ich hören, dass sie sich leise miteinander unterhielten. Die Worte waren nicht zu verstehen, doch vernahm ich den Klang von Anchesenamuns Stimme, die beruhigend und aufmunternd auf die quengelige Stimme ihres Gemahls einredete.
Als das Schiff vor dem Palast anlegte, ging das Königspaar von Bord und wurde an Land sofort von einer geschlossenen Reihe von Palastwachen umringt, die zu ihrem Schutz abgestellt waren. Sie eilten in den Palast, als sei sogar das Licht der Sonne gefährlich.
Khay begleitete Simut und mich. Endlich wirkte er mal begeistert, und er sprach auch ganz schnell.
»Eje wird wütend sein!«, wisperte er. »Damit hatte er nicht gerechnet.«
»Ihr indes schon«, sagte ich.
»Nun ja, ich darf mich rühmen, dass ich das Vertrauen der Königin genieße. Sie hätte diesen Schachzug in dem großen Spiel nicht gewagt, ohne vorher aus denen, die ihr nahestehen, ein Netzwerk aus Anhängern zu bilden.«
Das wird sie auch brauchen, dachte ich. Eje hielt die Beiden Länder im Würgegriff, er herrschte nach wie vor über die Priesterschaft, die Ministerien und das Schatzamt. Haremhab kontrollierte die Armee.
»Aber um Haaresbreite wäre es wieder eine Katastrophe geworden. Wie konnte das passieren? Dem muss sofort nachgegangen werden. Zum Glück hat es den König nicht von seiner Proklamation abgehalten«, sagte Khay.
Simut reagierte gereizt.
»Man bringt den Oberarchitekten bereits her, damit er verhört werden kann.«
»Und Ihr, Rahotep, seid noch keinen Schritt weitergekommen. Ihr wisst immer noch nicht, wer der Schuldige sein könnte, der sich, wie es den Anschein hat, nicht nur innerhalb der königlichen Privatgemächer, sondern auch auf dem Gelände des heiligen Tempels frei bewegen kann!« Khay sagte das, als sei es nun an der Zeit, die Schuldzuweisungen gleichmäßig zu verteilen.
»Wir kämpfen gegen einen Schatten«, erwiderte ich.
»Was absolut nichts besagt«, spöttelte er zu meiner Verärgerung.
»Wichtig ist, dass wir begreifen, wie dieser Mann denkt. Alles, was er tut, ist seiner Ansicht nach ein Hinweis. Also müssen wir uns jede Sachlage sorgfältig ansehen und versuchen, die jeweilige Bedeutung zu entziffern und zu verstehen. Das Problem ist, dass er all unsere Bemühungen, die Situation in den Griff zu bekommen, damit untergräbt, dass er immer wieder neue Dinge anzettelt. Für ihn ist das ein elegantes Spiel. Er fordert uns heraus, will, dass wir ihn verstehen, seine Beweggründe sehen und ihn dann schnappen. Bislang sind wir da in keinerlei Hinsicht erfolgreich gewesen. Wir haben noch gar nicht richtig angefangen, ihn ernst zu nehmen. Vielleicht haben wir ihn aber auch zu ernst genommen, denn wenn wir einfach ignorieren würden, was er treibt: Welche Macht hätte er dann noch?«
»Ihr redet wie ein Krieger, der seinen Feind bewundert«, erwiderte Khay in sarkastischem Ton.
»Ich kann seine Intelligenz und seine Fähigkeiten respektieren, ohne zu bewundern oder zu respektieren, wie er sie nutzt.«
Anchesenamun und Tutanchamun erwarteten uns im Empfangssaal, wo sie auf zwei offiziellen Thronen saßen. Die Stimmung war euphorisch, obwohl auch ein gewisses Maß an Angst zu spüren war, denn reibungslos war das Ganze nicht verlaufen.
Khay, Simut und ich entboten unsere formellen Glückwünsche.
Tutanchamun sah uns hochkonzentriert an.
»Neigt die Köpfe vor mir«, brüllte er im nächsten Moment und sprang dabei auf. »Wie ist es möglich, dass man mich wieder so demütigt? Wie kann es angehen, dass ich immer noch nicht sicher bin, nicht einmal in meinem eigenen Tempel?«
Alle standen wir schweigend und mit gesenkten Köpfen da.
»Aber mein Gemahl«, warf Anchesenamun rasch ein, »lasst uns unsere Optionen überdenken. Lasst uns den guten Rat dieser getreuen Männer annehmen.«
Er setzte sich wieder auf seinen kleinen Thron.
»Schaut auf.«
Wir spurten.
»Keiner von euch war bislang in der Lage, mich vor all diesen Gefahren zu bewahren. Ich hatte aber eine Idee. Und ich finde, dass es eine sehr gute Idee ist. Im Grunde könnte sie all unsere Probleme auf einen Schlag lösen.«
Wir warteten darauf, dass er weitersprach. Unsere Gesichter verrieten bestimmt eine ganze Palette an Emotionen.
»Auf welch altehrwürdige Weise proklamiert ein neuer König seine Macht und seinen Mut? Mit einer Löwenjagd! Wir haben uns selbst zum König ernannt. Es gibt also kein geeigneteres Mittel, dem Volk unsere Tauglichkeit zu beweisen, als zur Jagd ins Rote Land zu ziehen und mit der Trophäe eines Löwen zurückzukehren.«
Khay war der Erste, der etwas dazu sagte.
»Ein Geniestreich«, ging er es sehr vorsichtig an, »eindeutig. Das würde ein äußerst positives Bild in der Öffentlichkeit schaffen. Aber habt Ihr bedacht, Majestät, welch großer Gefahr Ihr Euch damit aussetzen würdet?«
»Bin ich daran nicht gewöhnt? Hier, in meinen eigenen Gemächern, die angeblich sicher sind, angeblich beschützt werden, herrscht größere Gefahr«, erwiderte er übelgelaunt.
Sacht legte Anchesenamun ihre Hand auf die des Königs.
»Darf ich etwas sagen?«, fragte sie ihn.
Er nickte.
»Es kommt mir so vor«, sagte sie, »als hinge der Erfolg des Königtums in großem Maße von der sorgfältig inszenierten Darstellung dieser Herrschaft ab, von der Macht und den Tugenden, die die Person des Königs nach außen zeigt. Siegesparaden, Triumphzüge und so weiter sind die Mittel, mit denen wir dem Volk gegenüber die Glorie des Königtums vermitteln. Deshalb könnte eine symbolische Jagd, bei der der König gut geschützt und die innerhalb einer der großen Jagdgebiete abgehalten wird, momentan äußerst nützlich sein.«
»Das ist ein fabelhafter Kompromiss«, meinte Khay sogleich. »So etwas lässt sich schnell organisieren. Wenn wir einen Löwen in die Einzäunung des Jagdparks schaffen und vielleicht auch noch ein paar wilde Hirsche …«, sprach er hoffnungsvoll weiter.
Aber die Miene des Königs verfinsterte sich.
»Nein. Eine rituelle Jagd ist nicht genug. Tapferkeit und Können müssen unter Beweis gestellt werden. Welche Würde liegt darin, einen Löwen zu töten, der bereits gefangen wurde und nicht mehr fliehen kann? Man muss mich dabei erleben, wie ich einen Löwen töte. Und das muss in der Wildnis geschehen, in seinem Lebensraum. Man muss mich dabei erleben, wie ich in einem Land des Chaos meine königliche Autorität geltend mache. Daran darf nichts Symbolisches sein«, erklärte er.
Das brachte uns alle zum Schweigen.
Jetzt war es an Simut, etwas zu sagen. Er war weniger diplomatisch.
»Im Jagdpark können wir das Umfeld sichern. Und damit Eure Sicherheit garantieren. Aber die Wüste birgt große Gefahren.«
»Damit hat er recht«, pflichtete Anchesenamun ihm bei. »Geht es nicht hauptsächlich um das Spektakel?«
Tutanchamun schüttelte den Kopf.
»Jeder wird wissen, dass ich ein Tier getötet habe, das in der Falle saß; mehr nicht. Das ist nicht die richtige Geste, um mit ihr meine königliche Herrschaft zu beginnen. Ich bin ein guter Jäger. Ich werde mich beweisen. Wir werden in die Wüste gehen.«
Khay versuchte es noch einmal.
»Hat Euer Majestät berücksichtigt, dass wir, um die Jagdgefilde im Nordwesten oder Nordosten zu erreichen, Memphis passieren müssen? Das ist vielleicht nicht gerade … wünschenswert. Schließlich ist das Haremhabs Stadt«, murmelte er weiter, »und der Stützpunkt seiner Armee.« Er schien nicht so recht zu wissen, wie er es ausdrücken sollte.
Wieder stand Tutanchamun auf, wobei er sich elegant auf seinen goldenen Gehstock stützte.
»Ein Besuch des Königs in Memphis ist zu diesem Zeitpunkt höchst wünschenswert. Wir beabsichtigen, ein engeres Verhältnis zu Haremhab aufzubauen. Er ist ein alter Verbündeter, und für den Fall, dass ihr das vergessen haben solltet: Er war in Memphis mein Lehrer. Er ist schon zu lange in die Hethiter-Kriege verwickelt. Wir werden mit allem zu Gebote stehenden Prunk reisen. Es ist erforderlich, dass ich dort erscheine, jetzt mehr denn je, gerade weil es Haremhabs Stadt ist. Mein Besuch muss meine neue Autorität unter Beweis stellen. Und wenn das vollbracht ist, werde ich in einem Triumphzug nach Theben zurückkehren und durch die Straßen der Stadt paradieren, sodass jeder wissen und anerkennen wird, dass Tutanchamun der König ist, nicht nur dem Namen nach, sondern auch aufgrund seiner Taten.«
Das Ganze hatte eine solche Tragweite und so viele mögliche Auswirkungen, dass uns die Köpfe schwirrten. Wieder ergriff Anchesenamun das Wort:
»Der König hat recht. Er muss dabei gesehen werden, wie er König ist und Dinge tut, die Könige tun. Das ist zwingend erforderlich und muss getan werden. Um eine wichtige Sache müssen wir allerdings bitten. Das ist meine persönliche Bitte …«
Sie sah mich unverwandt an.
»Rahotep, wirst du den König begleiten? Du und Simut wäret gemeinsam für seine Sicherheit verantwortlich.«
Wie war das denn jetzt passiert? Warum hatte ich nach allem die Arschkarte gezogen? Wie hatte ich mich so tief in diese Situation hineinmanövriert, dass ich jetzt nur noch die Wahl hatte weiterzulaufen? Ich erinnerte mich an Anchesenamuns erste Bitte, an ihr Flehen, das Not und Furcht verursacht hatten. Ich beschloss, jetzt noch nicht über die Konsequenzen nachzudenken, die das hier zu Hause für mich haben würde, oder über die Schuldzuweisungen, die auf mich niedergehen würden.
Ich neigte den Kopf. Simut sah mich an und nickte zustimmend.
»Wir werden ein gut geschultes und absolut vertrauenswürdiges Team brauchen. Aber lasst uns nur wenige Leute mitnehmen, ohne Aufwand und überflüssigen Prunk: einen Koch, Fährtenleser, Diener und eine Hand voll Wachen. Alle müssen sowohl vom Palast als auch vom Schatzamt auf ihren Leumund überprüft werden. Das heißt: von Eje persönlich«, sagte ich.
»Das ist ein gescheiter Vorschlag«, erwiderte Anchesenamun, »so beziehen wir den Regenten in die Vorbereitungen mit ein, statt ihn auszuschließen; denn wenn er ausgeschlossen wird, ist er gefährlicher.«
Khay begriff, dass ihm keine andere Wahl blieb als zuzustimmen.
»Ich werde mit Simut alle erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen für den Besuch in Memphis treffen«, sagte er.
»Großartig«, meinte Tutanchamun und klatschte in die Hände. Mir fiel auf, dass er zum ersten Mal glücklich aussah.
Das Haus wirkte wie ausgestorben, als ich dort eintraf. Mir wurde bewusst, wie selten ich tagsüber hier war. Ich fühlte mich wie ein Fremder, ganz so, wie Männer sich häufig schon mal in ihrem eigenen Heim fühlen. Ich rief laut einen Gruß, aber nur Thot reagierte auf meine Stimme und trabte mit erhobenem Schwanz zu mir.
Tanefert war auf dem Dach und goss die Pflanzen. Eine Weile blieb ich schweigend auf der obersten Treppenstufe unter dem Dachvorsprung stehen und beobachtete sie einfach nur dabei, wie sie selbstbewusst und gedankenverloren von einem Topf zum nächsten ging. Sie hat inzwischen ein paar silberne Strähnen in ihrem nachtschwarzen Haar, und sie weigert sich – zu Recht –, die zu färben oder herauszurupfen. Wir sind schon so viele Jahre zusammen, mehr als die Hälfte meines Lebens. Ich weiß, was für ein Glück ich gehabt habe. Das Leben, bevor ich ihr begegnete, ist nur noch wie der verschwommene Traum von einer anderen Welt; und das Leben seither ist eine neue Geschichte – mit unseren Mädchen, die jetzt schon fast junge Frauen sind, und mit meinem Sohn, der späten Überraschung.
Sie stellte die Gießkanne auf den Boden und streckte ihren Rücken durch. Ihre vielen Armreife rutschten glitzernd und klimpernd über ihre zarte Haut. Einen Moment kamen sie mir vor wie die Jahre, die wir jetzt zusammen sind, denn ich hatte ihr jedes Jahr zu unserem Hochzeitstag einen neuen Reif geschenkt.
Da entdeckte sie mich. Da es äußerst merkwürdig war, dass ich um diese Uhrzeit hier auftauchte, sah sie mich fragend an. Ich lief zu ihr, legte meinen Arm um ihre Schulter, und dann standen wir schweigend nebeneinander und blickten nieder auf die Stadt. Es war Spätnachmittag, und die Sonne hatte sich zur anderen Seite des Großen Flusses begeben, wo sie jetzt über dem Westufer hing. Wir hatten einen unverstellten Blick auf sämtliche Dächer unseres Viertels, die voller Wäsche waren, die man in die Hitze gehängt hatte, voller Gemüse, das auf Gestellen trocknete, voller ausrangierter oder recycelter Möbelstücke und Vogelkäfige.
»Deine Pflanzen blühen und gedeihen«, hob ich zaghaft an, um dem Schweigen ein Ende zu machen.
»Sie brauchen nicht viel, nur Wasser, Sonne und ein wenig Aufmerksamkeit …«
Mehr sagte sie nicht, bedachte mich aber mit einem ihrer vielsagenden Blicke. Wie immer hatte sie meinen Gesichtsausdruck sofort richtig gedeutet. Leicht würde sie es mir hier nicht machen. Sie wartete, spielte mit einem braunen vertrockneten Blatt.
Ich überlegte, wie ich das Thema wohl am besten anschnitt.
»Ich muss für ein paar Tage fort.«
Sie starrte weiter auf den Horizont und genoss die frische, leichte Brise aus dem Norden. Sie schüttelte ihr feines schwarzes Haar, und für einen Moment fiel es ihr ins Gesicht. Dann strich sie es wieder glatt und steckte es zu einem glänzenden Knoten zusammen.
Sacht drehte ich sie zu mir und nahm sie in die Arme. Aber sie verspannte sich unter der Berührung.
»Versuch nicht, es damit in Ordnung zu bringen. Ich habe Angst.«
Ich presste sie noch fester an mich, und sie entspannte sich ein wenig.
»Du und die Kinder bedeuten mir mehr als alles andere auf der Welt. Kheti hat den Auftrag, auf euch alle aufzupassen und zu helfen, wenn ihr irgendetwas braucht.«
Sie nickte.
»Wie lange wirst du fort sein?«
»Zehn Tage etwa … höchstens zwei Wochen.«
»Das Gleiche hast du beim letzten Mal behauptet. Und du hast versprochen, so etwas nie wieder zu tun.«
»Es tut mir leid. Glaub mir, ich hatte keine andere Wahl.«
Sie bedachte mich mit einem Blick, wie er finsterer nicht hätte sein können.
»Man hat immer die Wahl.«
»Nein, das ist nicht wahr. Ich habe nie den Eindruck, dass ich mich frei entscheiden kann. Ich fühle mich immer, als säße ich in einer Falle, in der ich von Umständen abhängig bin, auf die ich keinerlei Einfluss habe. Und mit jedem Schritt, den ich gehe, egal in welche Richtung, gerate ich nur tiefer in die Falle.«
»Und ich habe Angst davor, dass es an der Tür klopft«, erwiderte sie. »Dass ich sie öffnen muss und draußen ein grimmiger Medjai steht, der sich mit formeller Miene darauf vorbereitet, mir die schlechten Nachrichten zu überbringen.«
»Das wird nicht passieren. Ich kann auf mich aufpassen.«
»Sicher kannst du da nie sein. Dazu ist diese Welt viel zu gefährlich. Und ich weiß, dass du dich nie so lebendig fühlst wie in Augenblicken größter Gefahr.«
Dazu konnte ich nichts sagen.
»Wohin gehst du?«
»Auf die Jagd.«
Obwohl ihr nicht danach zumute war, lachte sie.
»Das ist kein Witz. Ich begleite den König in die Jagdgefilde im Norden von Memphis.«
Ihre Miene verfinsterte sich wieder.
»Warum?«
Ich führte sie über die Treppe nach unten, und wir setzten uns in die schattige Stille unseres kleinen Vorgartens. Thot beobachtete uns aus seiner Ecke. Der Lärm der Welt – die Straßenverkäufer, die schreienden Kinder, die zurückschreienden Mütter – war nur in der Ferne zu hören. Ich erzählte ihr alles.
»Anchesenamun …«
»Ja?«
»Vertraust du ihr?«
Ich zögerte, und das fiel ihr auf.
»Sei vorsichtig«, sagte sie und wollte das gerade weiter ausführen, als das Tor zur Straße mit einem Knall aufflog und Thuju und Nedjmet in den Hof stürzten. Sie stritten über etwas, was offenbar von enormer Wichtigkeit war. Nedjmet warf sich auf den dösenden Thot, der inzwischen gelernt hatte, ihre plumpen Liebesbekundungen zu tolerieren. Thuju schloss Tanefert und mich in die Arme, aß ein wenig Obst und lehnte sich dabei gegen meine Knie. Ich bewunderte ihre geschmeidige Anmut und ihr schimmerndes Haar.
Tanefert ging ins Haus, um ihnen Wasser zu holen. Meine zweitälteste Tochter erzählte mir derweil, was ihr gerade durch den Kopf ging.
»Ich weiß nicht, ob ich heiraten werde.«
»Warum nicht?«
»Weil ich schreiben und denken und selbst für mich sorgen kann.«
»Das schließt aber nicht aus, dass du jemandem begegnest, den du lieben kannst …«
»Nur warum sollte man sich damit begnügen, nur einen einzigen Menschen zu lieben, wo es doch so viele Menschen gibt?«
Ich strich ihr über die Haare.
»Weil Liebe eine Entscheidung ist, mein Schatz.«
Sie ließ sich das durch den Kopf gehen.
»Alle sagen, dass sie sich gar nicht dagegen wehren können.«
»So fühlt sich das an, wenn man sich verliebt. Bei wahrer Liebe ist es anders.«
Zweifelnd verzog sie das Gesicht.
»Warum ist es dabei anders?«
Im gleichen Moment kam Tanefert mit dem Wasserkrug zurück. Sie füllte vier Becher und wartete dabei auf meine Antwort.
»Wenn man sich verliebt, ist das romantisch und wundervoll, und das ist eine ganz besondere Zeit. Eine Phase, die sich anfühlt, als würde sonst nichts eine Rolle spielen. Aber Liebe zu leben, jahrein, jahraus, in einer wahrhaftigen Partnerschaft, das ist ein echtes Geschenk.«
Thuju sah uns beide an, und im nächsten Moment hob sie den Blick gen Himmel und meinte: »Das klingt so alt.« Und dann lachte sie und trank ihr Wasser.
Kurz darauf brachte das Kindermädchen Amenmose nach draußen in die Kühle des frühen Abends. Er war gerade von seinem Nachmittagsschläfchen aufgewacht und streckte verschlafen und quengelig die Ärmchen aus, damit man ihn auf den Arm nahm. Ich schwang ihn auf meine Schultern, damit er mit seinem kleinen Stock an den Vogelkäfigen rütteln konnte. Nicht lange, und er hatte sämtliche Tiere in helle Aufregung versetzt, sodass sie empört sangen. Daraufhin hob ich ihn wieder von meinen Schultern und gab ihm ein wenig Honigkuchen und Wasser. Sekhmet kam ebenfalls nach Hause und gesellte sich zu uns, hob ihren kleinen Bruder auf den Schoß und spielte mit ihm.
Mein Vater kam zurück von seiner nachmittäglichen Partie Senet, die er mit seinen alten Kumpanen spielt. Wir begrüßten einander, und dann setzte er sich auf seinen Stammplatz auf die Bank und beobachtete uns mit seinem faltigen Gesicht aus der schattigen Ecke. Die Mädchen setzten sich zu ihm und begannen zu plappern. Tanefert fing an, sich Gedanken über das Abendessen zu machen, und gab dem Kindermädchen ein paar Anweisungen, woraufhin die sich verneigte und in die Vorratskammer entschwand. Ich stellte eine Platte mit Feigen auf den Tisch und goss meinem Vater und mir einen kleinen Becher Wein ein; er kam aus der Oase Dachla.
»Ein Trankopfer an die Götter«, meinte er, hob das Glas und lächelte mit seinen weisen, goldfarbenen Augen, während er Taneferts stille Traurigkeit beobachtete.
Ich schaute auf meine Familie, die sich an diesem normalen Abend hier im Hof meines Hauses versammelt hatte, und hob meinerseits das Glas, um den Göttern, die mir solches Glück beschert hatten, ein Trankopfer zu bringen. Meine Frau hatte zweifelsohne recht. Warum sollte ich dieses Leben, dieses Hier und Jetzt, für das Unbekannte aufs Spiel setzen? Und trotzdem rief es nach mir, und ich konnte nicht nein sagen.