Dein Gesicht wurde geöffnet im Haus der Finsternis
Totenbuch, Sargtexte
Spruch 169
Am nächsten Tag segelte die Geliebte des Amun lautlos in den Hafen des Malqata-Palastes. Es war kurz nach Sonnenuntergang, und der zunehmend dunkler werdende Himmel sorgte für eine unheilschwangere Atmosphäre, die dem Anlass angemessen war. Niemand sprach ein Wort. Es war, als sei die ganze Welt zum Schweigen gebracht worden; das Einzige, was zu hören war, war das trauervolle, sich stetig wiederholende Eintauchen und Durchziehen der Ruder. Das Wasser hatte eine eigentümlich matte, seidig-graue Farbe, wie vor einem Sandsturm. Auf dem langen Steinpier des Palasts standen nur ein paar Gestalten. Mir fiel auf, dass auf dem Steg lediglich eine einzige Lampe brannte. Wir hatten einen Boten vorausgeschickt, der die Nachricht überbracht hatte. Die schlimmste Nachricht. Unsere Rückkehr mit dem König hätte ein Triumph sein sollen. Stattdessen brachten wir ihn heim zu seiner Gruft.
Ich stand neben dem Leichnam des Königs. Er wirkte so klein und so zerbrechlich. Er war jetzt in sauberes weißes Leinen gewickelt. Nur sein Gesicht war zu sehen, sein teilnahmsloses, regungsloses, ausdrucksloses Gesicht. Seine Seele war nicht mehr da. Diese steife Hülle war alles, was noch von ihm übrig war. Es gibt auf dieser Welt nichts Tristeres als einen toten Körper.
Simut ging an Land, während ich beim König auf das Eintreffen der Wachen wartete. Ich hörte ihre Schritte auf dem Landungssteg, und in der Stille, die folgte, betrat Eje die königliche Kabine. Er beugte sich über die Leiche von Tutanchamun und sah sich die Katastrophe aus der Nähe an. Dann beugte er sich unter Mühen noch tiefer nach unten und legte seinen Mund vor das linke Ohr des Königs, vor das Ohr, durch das der Odem des Todes eindringt. Und ich hörte ihn flüstern: »Im Leben warst du ein unbrauchbares Kind. Dein Tod muss jetzt etwas aus dir machen.«
Dann richtete er sich steif wieder auf.
Ungerührt von diesen Worten lag der König auf seinem goldenen Totenbett. Eje musterte mich kurz; dabei sahen seine Augen aus wie kleine Steine, sein grausames Gesicht zeigte keinerlei Emotion. Im nächsten Moment bedeutete er den Wachen, ohne ein Wort zu sagen, den Leichnam des Königs auf die Totenbahre zu legen. Sie trugen ihn hinaus.
Simut und ich folgten der Bahre durch die endlosen Korridore und Säle des Malqata-Palastes. Keine Menschenseele war zu sehen. Auf einmal kam es mir so vor, als seien wir Diebe, die einen gestohlenen Gegenstand in seine Grabkammer zurückbrachten. Wie ich mir vor Augen führte, lagen wir aber zumindest noch nicht in Ketten. Aber das war unter Umständen nur noch eine Frage der Zeit. Es war völlig egal, wie sich der Unfall in Wirklichkeit ereignet hatte: Man würde uns für den Tod des Königs verantwortlich machen. Wir waren für seine Sicherheit verantwortlich gewesen, und wir hatten versagt. Plötzlich wollte ich nur noch nach Hause. Ich wollte aus diesen Sälen und diesen von Gleichgültigkeit regierten Korridoren der Macht rennen, die schwarzen Wasser des Großen Flusses überqueren, leise die Straße zu meinem Haus hinauflaufen, hinter mir die Tür schließen, mich neben Tanefert zusammenrollen und schlafen, und wenn ich viele, viele Stunden geschlafen hatte, vom Licht der Sonne erwachen und feststellen, dass all das hier nur ein Traum gewesen war. Die Wirklichkeit wurde für mich zur Folter.
Wir wurden zu den Privatgemächern des Königs eskortiert und mussten draußen vor der Tür warten. Die Zeit schleppte sich auf unheimliche Weise dahin. Gedämpfte Stimmen, die ab und an laut wurden, drangen durch die dicken Holztüren. Simut und ich sahen einander an, doch sein Gesichtsausdruck verriet mir weder, was er dachte, noch, was er empfand. Dann öffneten sich die Türen plötzlich, und wir wurden eingelassen.
Man hatte Tutanchamun, den Herrn der Beiden Länder, auf sein Bett gelegt und seine zarten Hände über der Brust gefaltet. Ordnungsgemäße Totengewänder trug er noch nicht. Er war umringt von den Spielzeugen und Spielkisten seiner verlorenen Kindheit. Sie schienen jetzt seine Grabbeigaben zu sein, die Dinge, die er im Totenreich viel mehr schätzen würde als die goldenen Requisiten seiner königlichen Herkunft. Anchesenamun blickte auf das tote Gesicht ihres Gemahls. Als sie zu mir aufschaute, sah ich, dass der Schmerz und die Niederlage ihre Züge verhärmt hatten. Wie konnte sie mir je vergeben? Ich hatte bei ihr ebenso versagt wie beim König. Sie war jetzt allein in diesem Palast der Schatten. Sie war zur letzten Überlebenden ihrer Dynastie geworden. Niemand ist verletzbarer als eine verwitwete Königin, die keinen Erben hat.
Da schlug Eje plötzlich mit seinem Gehstock auf den Steinboden.
»Wir dürfen hier nicht in Trauer versinken«, tönte er. »Dafür ist keine Zeit. Es muss viel zu viel erledigt werden. Der Welt gegenüber muss der Eindruck erweckt werden, als sei das hier nicht passiert. Niemand darf ein Wort über das verlieren, was er gesehen hat. Das Wort Tod wird nicht in den Mund genommen. Es werden weiterhin frische Speisen und saubere Gewänder in seine Gemächer getragen. Seine Amme wird ihn weiter versorgen. Derweil werden wir seinen Leichnam hier reinigen und schön zurechtmachen, und da sein eigenes Grabmal noch lange nicht fertig ist, setzen wir ihn in meiner Gruft in der königlichen Nekropole bei. Das ist angemessen, und es wird nicht lange dauern, alles dafür herzurichten. Die Goldsärge wurden bereits in Auftrag gegeben. Seinen Grabschatz werde ich zusammenstellen, und ich werde auch aussuchen, was für seine Beisetzung benötigt wird. All das wird rasch erledigt, und vor allem in aller Stille. Und erst wenn er beigesetzt wurde, ebenfalls in aller Stille, erst dann werden wir seinen Tod bekannt geben.«
Für einen Moment war es totenstill im Raum. Doch hatte dieser befremdende Vorschlag Anchesenamun aus ihrer Trauer gerissen, und so brach sie das Schweigen bald.
»Das ist unzulässig und unzumutbar«, erklärte sie. »Ihm müssen bei der Totenfeier und dem Begräbnis die vollen Ehren und Würden erwiesen werden. Warum sollen wir so tun, als sei er nicht tot?«
Zornig lief Eje auf sie zu.
»Wie kannst du bloß so naiv sein?«, schimpfte er. »Begreifst du nicht, dass die Stabilität der Beiden Länder auf dem Spiel steht? Nichts im Leben einer Dynastie macht sie so verletzbar und birgt ein vergleichbar großes Potenzial für Desaster wie der Tod eines Königs. Es gibt keinen Erben. Was daran liegt, dass dein Leib unfähig war, etwas anderes zu produzieren als verkrüppelte tote Säuglinge«, fügte er mit einem spöttischen Grinsen hinzu.
Ich warf Anchesenamun einen Blick zu.
Nackte Wut blitzte aus ihren Augen. »Das war der Wille der Götter«, sagte sie zu ihm.
»Wir müssen diese Situation in den Griff bekommen, bevor das Chaos uns alle übermannt. Unsere Feinde werden jetzt versuchen, uns zu vernichten. Ich bin der Gottesvater, der das Rechte tut, und was ich bestimme, wird geschehen. Wir müssen mit allen erforderlichen Mitteln die Ordnung der maat bewahren. Schon jetzt erhalten die Medjai-Divisionen die Anweisung, öffentliche und private Versammlungen zu verhindern und jedes Mittel anzuwenden, um einen öffentlichen Aufruhr in den Straßen im Keim zu ersticken. Sie werden in der gesamten Stadt und entlang der Tempelmauern stationiert.«
Das klang nach Ausnahmezustand. Welcher Aufruhr konnte so bedrohlich sein? Wen meinte er mit Feind? Nur Haremhab. Der stellte in diesem Moment die größte Gefahr für Eje dar. Haremhab, General der Beiden Länder, konnte jetzt mit Leichtigkeit einen Feldzug organisieren, um die Macht an sich zu reißen. Er war jung, er befehligte die Mehrheit der Armeedivisionen, und er war nicht nur skrupellos, sondern auch intelligent. Eje war alt. Ich sah ihn an, wie er da stand mit seinen schmerzenden Knochen und Zähnen und seiner Manie für Ordnung. Seine irdische Macht, die lange Jahre so absolut gewirkt hatte, schien plötzlich gefährdet und geschwächt. Allerdings durfte man ihn nicht unterschätzen.
Anchesenamun sah das alles.
»Es gibt einen anderen Weg«, sagte sie. »Mit einem sofortigen und starken Nachfolger auf dem Thron ließen sich sämtliche Probleme lösen.« Und dann fügte sie voller Stolz hinzu: »Ich bin die Letzte meiner großen Dynastie und beanspruche die Krone im Namen meines Vaters und meines Großvaters.«
Die Verachtung, mit der er sie ansah, hätte einen Stein zum Bröckeln bringen können.
»Du bist nichts weiter als ein schwaches Mädchen. Ergeh dich nicht in Fantasien. Du hast einmal versucht, dich gegen mich aufzulehnen, und bist gescheitert. Ich werde mich selbst in Kürze zum König krönen müssen, denn anders geht es nicht, weil es außer mir niemanden gibt, der fähig ist zu regieren.«
Das provozierte sie.
»Erst nach Ablauf der Tage der Reinigung darf ein neuer König ausgerufen werden. Alles andere wäre ein Sakrileg.«
»Widersetze dich mir nicht. So wird es geschehen. Es ist nicht zu vermeiden, und Unvermeidlichkeit ist der zwingendste Grund, den es gibt«, brüllte er, und dabei zitterte der Stock in seiner Hand.
»Und was wird aus mir?«, fragte sie, angespannt zwar, aber trotz seines Zorns ruhig und beherrscht.
»Wenn du Glück hast, heirate ich dich. Das hängt allerdings davon ab, wie nützlich ein derartiges Arrangement wäre. Von seinem Wert überzeugt bin ich keineswegs.«
Spöttisch schüttelte sie den Kopf.
»Wie kannst du von irgendetwas überzeugt sein? Ich bin die Königin.«
»Nur dem Namen nach! Du hast keine Macht. Dein Gemahl ist tot. Du stehst ziemlich allein da. Denk also gut nach, bevor du neuerlich den Mund aufmachst.«
»Ich dulde nicht, dass du so mit mir sprichst. Ich werde eine öffentliche Erklärung abgeben.«
»Und das werde ich verbieten und mit allen Mitteln verhindern.«
Sie starrten einander an.
»Rahotep ist mein persönlicher Leibwächter. Vergiss das nicht.«
Er lachte nur.
»Rahotep? Der Mann, der den König beschützen sollte und ihn tot nach Hause gebracht hat? Das spricht für seine Fähigkeiten.«
»Der Tod des Königs war nicht seine Schuld. Er ist treu. Nur das zählt«, erwiderte sie.
»Jeder Hund ist treu. Das macht ihn nicht nützlich. Simut wird dir eine Leibwache zur Verfügung stellen. Für den Moment darfst du in aller Stille trauern. Während ich mir Gedanken über deine Zukunft mache. Was Rahotep angeht«, meinte er, »so war ihm eine klare Verantwortung übertragen worden, und trotzdem ist das Schlimmste passiert.« Und beiläufig fügte er hinzu: »Über sein weiteres Schicksal werde ich entscheiden.«
Ich hatte gewusst, dass er so etwas sagen würde. Ich dachte an meine Frau und an meine Kinder.
»Was ist mit dem Löwen?«, fragte Simut. »Es darf nicht so aussehen, als sei der König ohne Trophäe heimgekehrt.«
»Töte den zahmen, und stell ihn zur Schau«, antwortete Eje desinteressiert. »Den Unterschied wird keiner bemerken.«
Und mit diesen Worten ging er, wobei er darauf bestand, dass Anchesenamun ihn begleitete. Simut und ich blieben zurück und standen vor dem schlanken Leichnam des Königs, dieses jungen Mannes, dessen Leben man uns anvertraut hatte. Sein Anblick war ein Spiegel unseres Versagens. Etwas war hier zu Ende gegangen, in diesem Häufchen Haut und Knochen. Und etwas anderes hatte begonnen: der Kampf um die Macht.
»Ich bezweifle, dass sich das geheim halten lässt«, sagte Simut. »Das schafft nicht einmal Eje. Die Menschen können Zeichen deuten, und wenn der König plötzlich nicht mehr in der Öffentlichkeit auftritt, wird das sehr schnell auffallen. Da es so unmittelbar nach dem Trara um die königliche Jagd passiert und alle auf seine triumphale Heimkehr warten, wird es zu haltlosen Spekulationen kommen.«
»Und deshalb muss Eje Tutanchamun so rasch wie möglich beisetzen lassen und sich selbst zum König ausrufen«, erwiderte ich. »Und Haremhab muss er sich so lange wie möglich vom Leib halten.«
»Nur hat der General die Instinkte eines Schakals«, sagte Simut. »Ich bin sicher, dass er diesen Tod wittert und die Gelegenheit nutzen wird, Eje die Stirn zu bieten. Das stimmt nicht gerade erwartungsfroh.«
Wir standen beide da und blickten nieder auf das zarte, tote Gesicht des Königs. Es war auch noch ein Spiegel für etwas anderes: Wenn dieser Machtkampf nicht schnell entschieden wurde, drohte der Gesamtheit der Beiden Länder eine Katastrophe.
»Am meisten besorgt mich, dass Anchesenamun beiden Männern wehrlos ausgeliefert ist«, sagte ich.
»Das ist Anlass zu großer Sorge«, gab er zu.
»Es wäre ein Desaster, wenn Haremhab ausgerechnet jetzt nach Theben zurückkehrte.«
»Und es wäre ein Desaster, wenn er diesen Palast beträte«, führte Simut weiter aus. »Nur, wie wollte man ihn daran hindern? Schließlich lebt seine Gemahlin hier. Vielleicht sollte man die fortschicken.«
Das war mir neu.
»Mutnedjmet? Die wohnt hier im Palast?«
Er nickte.
»Aber ihr Name ist in der ganzen Zeit kein einziges Mal gefallen«, sagte ich.
Er neigte den Kopf näher zu mir hin.
»In der Öffentlichkeit wird nicht über sie gesprochen. Hinter vorgehaltener Hand wird behauptet, sie sei eine Irre. Sie lebt in einer Zimmerflucht, die sie nie verlässt. Es heißt, ihre einzige Gesellschaft seien zwei Zwerge. Ob das so ist, weil sie es selbst so will oder weil ihr Gemahl es so verfügt hat, weiß ich nicht.«
»Du meinst, dass sie hier eingesperrt ist?«
»Nenn es, wie du willst. Aber sie verfügt über keinerlei Freiheiten. Sie ist das Familiengeheimnis.«
Mein Verstand raste wie ein Hund, der witterte, dass er dem Knochen, den er vergraben hatte, plötzlich ganz nah war.
»Ich muss mich jetzt um so einiges kümmern«, sagte er. »Unterhalten wir uns also woanders mal über die Sache weiter. Was wirst du jetzt tun?«
»Ich habe offenbar keine Zukunft«, erwiderte ich mit einer Leichtigkeit, die ich nicht empfand.
»Du bist aber noch nicht in Ketten.«
»Ich fürchte, falls ich versuche, diesen Palast zu verlassen, werde ich einem merkwürdigen Unfall zum Opfer fallen.«
»Dann verlass ihn nicht. Du hast hier eine Aufgabe. Beschütze die Königin. Als Gegenleistung biete ich dir den Schutz meiner Wachsoldaten und das Maß an Sicherheit, das die Autorität meines Namens mit sich bringt.«
Dankbar nickte ich.
»Aber zuerst muss ich jetzt etwas tun. Ich muss mit Mutnedjmet sprechen. Weißt du, wo sich ihre Gemächer befinden?«
Simut schüttelte den Kopf.
»Das wird geheim gehalten, sogar vor mir. Du kennst aber jemanden, der dich sehr wahrscheinlich hinführen könnte.«
»Khay?«
Er nickte.
»Frag ihn. Und vergiss nicht: Was passiert ist, war nicht deine Schuld. Und meine Schuld war es auch nicht.«
»Meinst du, dass die Welt das glauben wird?«, erwiderte ich.
Er schüttelte den Kopf.
»Es ist aber die Wahrheit, und die hat immer noch einen gewissen Wert, auch in diesem Zeitalter von Lug und Trug«, antwortete er. Und dann drehte er sich um und verließ die Gemächer des Königs und ließ mich allein mit dem toten Jungen zurück.
Warum hatte bislang niemand Mutnedjmet erwähnt? Nicht einmal Anchesenamun, ihre eigene Nichte? Dabei war Nofretetes Schwester, die Gemahlin Haremhabs, des Generals der Beiden Länder, die ganze Zeit im Malqata-Palast eingekerkert gewesen. Vielleicht war sie einfach nur eine arme Irre und damit die lebende Schande ihrer Familie, sodass man sie deshalb aus der Öffentlichkeit entfernt und weggesperrt hatte. Nichtsdestotrotz war sie ein Bindeglied zwischen dem Königshaus und Haremhab. Er hatte in die Macht eingeheiratet und, wie es schien, der Gefangenschaft seiner Gemahlin zugestimmt.
Ich ließ mir diese Dinge gerade durch den Kopf gehen, als die Tür des Schlafgemachs langsam und lautlos geöffnet wurde. Ich wartete, um zu sehen, wer da kam. Eine von dunklen Gewändern verhüllte Gestalt bewegte sich geräuschlos über den Steinboden auf das Bett zu.
»Bleib stehen!«
Die Gestalt erstarrte.
»Dreh dich um«, sagte ich.
Die Gestalt drehte sich langsam zu mir. Es war Maia, die Amme. Die Verachtung, die sie für mich empfand, stand ihr ins Gesicht geschrieben. Ihre Züge waren von Trauer verzerrt. Im nächsten Moment spuckte sie mich an, mit Bedacht und Präzision. Sie hatte nichts mehr zu verlieren. Ich wischte mir ihren Speichel vom Gesicht. Sie trat neben den Toten. Zärtlich beugte sie sich über den König und küsste ehrerbietig seine kalte Stirn.
»Er war mein Kind. Seit dem Tag seiner Geburt habe ich ihn genährt und umsorgt. Er hat dir vertraut. Und schau dir an, was du nach Hause gebracht hast. Ich verfluche dich. Ich verfluche deine Familie. Auf dass ihr alle ins Verderben stürzen möget, wie ihr mich ins Verderben gestürzt habt.« Jetzt war ihr Gesicht vor Zorn kreidebleich.
Ohne meine Antwort abzuwarten und ohne überhaupt eine Antwort von mir hören zu wollen begann sie, den Leichnam mit natronhaltigem Wasser zu waschen. Ich setzte mich auf einen Schemel und sah ihr dabei zu. Sie ging mit grenzenloser Liebe und Fürsorglichkeit vor und in dem Bewusstsein, dass sie ihn hier und jetzt zum letzten Mal in ihrem Leben berühren konnte. Sie wusch seine erschlafften Arme, seine herabbaumelnden Hände, nahm sich jeden Finger einzeln vor und säuberte sie wie die eines hilflosen Kindes. Sanft fuhr sie mit ihrem Lappen über die reglose, schmale Brust, wischte über jede Rippe, über die schmalen Schultern, in den Achselhöhlen. Dann strich sie mit ihrem Lappen über das gesunde Bein und anschließend vorsichtig um die schwärende Wunde des gebrochenen herum, als könne er die Schmerzen auch jetzt noch spüren. Schließlich kniete sie sich zu seinen Füßen auf den Boden. Ich hörte, wie sie den Lappen leise in die Schüssel mit dem parfümierten Wasser tauchte, wie es plätscherte, als sie ihn auswrang, und dann lauschte ich dem Klang der kreisenden Bewegungen, mit denen sie die Zwischenräume zwischen seinen Zehen wusch, seine zarten Knöchel und seine toten Füße, die sie küsste, als sie mit ihrer Arbeit fertig war.
Lautlos weinte sie vor sich hin, die Tränen tropften von ihrem Kinn. Dann kreuzte sie nach alter Tradition seine Arme, damit sie den Krummstab und die Geißel halten konnten – die königlichen Insignien von Ober- und Unterägypten sowie von Osiris, dem ersten König, dem Herrn des Totenreiches –, die andere ihm zu gegebener Zeit in die Hände stecken würden. Zu guter Letzt nahm sie aus einer seiner Kleiderkisten eine elegante Goldkette und einen mit Juwelen besetzten Brustschmuck, in dessen Mitte ein Skarabäus eingelegt war, der eine kleine rote Sonnenscheibe aus Karneol nach oben ins Licht des neuen Tages schob. Beides legte sie ihm an.
»Jetzt ist er bereit für den Obersten Einbalsamierer«, flüsterte sie.
Und dann setzte sie sich am äußersten Ende des Zimmers auf einen Schemel, so weit von mir weg wie eben möglich, und begann, leise ihre Gebete zu sprechen.
»Maia«, sprach ich sie an.
Sie ignorierte mich. Ich versuchte es noch einmal.
»Wo sind die Gemächer von Mutnedjmet?«, fragte ich sie.
Sie öffnete die Augen.
»Ach! Jetzt, da es zu spät ist, stellt er die richtige Frage.«
»Sag mir, warum das die richtige Frage ist.«
»Warum sollte ich dir irgendetwas sagen? Für mich ist es zu spät. Für dich ist es zu spät. Du hättest früher auf mich hören sollen. Ich werde nichts mehr sagen. Ich werde für immer schweigen.«
Ich wollte gerade darauf bestehen, dass sie sprach, als die Tür geöffnet wurde und der Oberste Einbalsamierer das Schlafgemach betrat. Er trug die schakalköpfige Maske des Anubis, des Totengottes, und wurde von seinen Gehilfen begleitet. Normalerweise hätte man den Leichnam aus den Gemächern heraus und in eine Einbalsamierungskammer geschafft, wo man ihn gewaschen, seine Organe entnommen, ihn mit Salz getrocknet und anschließend einbalsamiert und bandagiert hätte. Da Eje aber auf Geheimhaltung bestand, nahm ich an, er hatte befohlen, dass der Leichnam in den Gemächern verblieb. Ein Vorlesepriester begann, die ersten Anweisungen und Zaubersprüche zu verlesen, während die kleineren Angestellten des Einbalsamierers die erforderliche Ausrüstung in die Gemächer brachten – Instrumente, Haken, Obsidianklingen, Harze, Wasser, Salz, Palmwein, Gewürze und die vielen Stoffstreifen, die für den langwierigen Prozess vonnöten waren. Sie stellten das schräge, hölzerne Einbalsamierungsbrett auf vier Holzblöcke, hoben den Leichnam des Königs respektvoll vom Bett und legten ihn darauf. Sehr viel später im Verlauf des langen Rituals würde man den einbalsamierten Leib dann in ein Leichentuch hüllen und anschließend bandagieren; und dann würde man, weil dies hier ein König war, zwischen den einzelnen Lagen und in den Falten der feinen Leinenstreifen kostbarste Juwelen verstecken, Ringe, Armreife, Ketten und Amulette, von denen viele mit Zaubersprüchen beschriftet waren, die besonderen Schutz versprachen – denn jede Handlung musste sich genauestens an die Traditionen halten, wenn sie im Leben nach dem Tod einen Wert haben sollte. Schließlich würde man dem Leichnam die Totenmaske aufsetzen, damit der Mensch anhand dieses letzten Gesichts aus Gold zu erkennen war, was es seinem ka und seinem ba ermöglichte, sich in der Gruft wieder mit seinem Leib zu vereinigen.
Der Oberste Einbalsamierer stand am unteren Ende des Arbeitstisches und blickte auf den Leichnam des Königs nieder. Alles war bereit. Es konnte mit der Reinigung begonnen werden. Er wandte den Kopf in meine Richtung. Ich konnte das Weiß seiner Augen durch die eleganten Löcher in seiner schwarzen Maske sehen. Eine lähmende Stille machte sich breit, und seine Gehilfen drehten sich alle in meine Richtung und starrten mich an. Es war für mich an der Zeit zu gehen.
Ich klopfte an die Tür von Khays Amtsstube. Es dauerte nur einen Moment, und sein Gehilfe öffnete mir.
»Mein Herr ist beschäftigt«, erklärte er hektisch und versuchte, mir den Weg zu der Tür zu versperren, die in die eigentliche Amtsstube führte.
»Ich bin überzeugt, dass er für mich ein paar Sekunden seiner kostbaren Zeit wird erübrigen können.«
Ich durchquerte den Vorraum und betrat Khays Dienstzimmer. Sein knochiges Gesicht war gerötet. Er war völlig perplex und nicht nüchtern genug, um das zu überspielen.
»Der große Wahrheitssucher liefert einen grandiosen Auftritt …«
Auf seinem niedrigen Tisch sah ich einen vollen Becher Wein stehen und gleich daneben auf einem Sockel eine kleine Amphore.
»Es tut mir leid, Euch zu so später Stunde zu stören. Ich dachte, Ihr wäret vielleicht schon zu Hause, bei Eurer Familie. Habt Ihr ein Heim und eine Familie?«
Er schielte mich an.
»Was wollt Ihr, Rahotep? Ich bin beschäftigt …«
»Das sehe ich.«
»Einige wenige von uns sind immer noch bestrebt, kompetente Arbeit zu leisten.«
Ich ignorierte diesen Einwurf.
»Ich habe etwas Seltsames herausgefunden.«
»Wie erfreulich, dass der Herr Wahrheitssucher etwas herausgefunden hat …«
Sein Mund schien etwas schneller zu arbeiten als sein Verstand.
»Mutnedjmet wohnt auf dem Gelände dieses Palastes.«
Ruckartig hob er das Kinn, und seine Augen nahmen einen argwöhnischen Ausdruck an.
»Was hat das denn mit Eurer Aufgabe hier zu tun?«
»Sie ist Haremhabs Gemahlin und Anchesenamuns Tante.«
Er verzog das Gesicht und klatschte in die Hände.
»Wie akribisch Ihr doch die Ahnentafel studiert habt!«
Trotzdem war er plötzlich nervös, das vermochte seine Ironie nicht zu verbergen.
»Ihr könnt mir also bestätigen, dass sie hier im Palast festgehalten wird?«
»Wie ich bereits sagte, hat das mit Eurer Aufgabe hier nichts zu tun.«
Ich trat dichter an ihn heran. Die Haut um seine Augen war faltig und aufgedunsen und durchzogen von geplatzten Äderchen, die sacht pochten. Er alterte rasant; nicht mehr lange, und er sah aus wie ein Mann in mittleren Jahren. Der Stress, den seine gehobene Stellung mit sich brachte, trug nur noch weiter dazu bei, und er war nicht der Erste, der sich mit Wein darüber hinwegtröstete.
»Da bin ich gänzlich anderer Meinung, also beantwortet mir bitte meine Frage.«
»Ich bin nicht dazu da, mich von Euch verhören zu lassen.«
Jetzt wurde er aggressiv.
»Wie Ihr wisst, haben der König und die Königin mich befugt, meine Ermittlungen durchzuführen, gleichgültig, in welche Richtung sie mich führen«, erwiderte ich. »Und ich kann nicht verstehen, warum es da eine so große Sache sein sollte, mir eine schlichte Frage zu beantworten.«
Zunächst zögerte er noch, blinzelte mich an. Dann antwortete er:
»Sie wird nicht hier festgehalten, wie Ihr es ausgedrückt habt. Sie lebt in den königlichen Gemächern, hat dort ihren eigenen Wohnflügel und damit bis zu ihrem Lebensende ein bequemes und sicheres Zuhause.«
»Ich habe etwas anderes gehört.«
»Nun, die Leute reden Mist.«
»Wenn das alles so schön und einfach ist, warum hat mir dann noch niemand davon erzählt?«
»Ha! Ihr seid verzweifelt bemüht, irgendeine Richtung zu finden, in der Ihr Eure aussichtslosen Ermittlungen führen könnt. Nur ist das Ganze inzwischen mehr oder minder unsinnig geworden, und ich möchte Euch davon abraten, diese Richtung weiterzuverfolgen.«
»Warum?«
»Weil es nichts bringen würde.«
»Wie könnt Ihr da so sicher sein?«
»Sie ist eine arme geisteskranke Frau, die ihre Gemächer seit vielen Jahren nicht verlassen hat. Was könnte die wohl zu tun haben mit all diesem …«
Er drehte sich um. Seine Hände zitterten leicht, als er den Weinkelch hob und einen großen Schluck davon nahm.
»Bringt mich zu ihr. Jetzt.«
Er stellte seinen Kelch allzu schnell wieder ab, sodass etwas Wein auf seine Hand spritzte. Das schien ihn zu erzürnen, und statt die Tropfen abzuwischen, leckte er sie ab.
»Ermittlungstechnisch gesehen habt Ihr keinen Grund für so eine Unterredung.«
»Soll ich Eje oder die Königin mit meiner Bitte belästigen?«
Er zögerte.
»Wo gerade so viele andere, wirklich lebenswichtige und kritische Dinge anstehen, ist das Ganze einfach zu lächerlich, nur denke ich mir mal, wenn Ihr darauf besteht …«
»Dann lasst uns gehen.«
»Es ist schon spät. Die Prinzessin wird sich bereits zur Ruhe begeben haben. Morgen.«
»Nein. Jetzt. Wer weiß, wie lange geisteskranke Frauen aufbleiben?«
Wir machten uns auf den Weg durch die Korridore. Ich hoffte, mir die Strecke irgendwie einprägen zu können, als würde ich sie aus der Vogelperspektive sehen, um auf den Papyrus meiner Erinnerung einen entsprechenden Plan zu zeichnen, der mich in die Lage versetzen würde, die genaue Stelle, an der sich ihre Gemächer befanden, jederzeit wiederzufinden, sofern das nötig war. Aber das war nicht einfach, denn breite Korridore schrumpften zu sich windenden Gängen, die immer schmaler wurden. Wo gerade noch wunderschöne Gemälde von Papyrus-Marschen die Wände und Flüsse voller makelloser Fische den Boden unter unseren Füßen geziert hatten, waren jetzt profan gestrichene Gipswände und Böden aus gestampftem Lehm. Die Hauptkorridore säumten feingeschwungene Öllampen, hier hingen gewöhnliche Lampen, wie man sie in jedem leidlich anständigen Haus fand.
Schließlich gelangten wir zu einer schlichten Tür. Es waren keine Insignien auf dem Oberbalken. Es standen keine Wachen davor. Es hätte die Tür zu einem Lagerraum sein können. Die Riegel hatte man mit einem Seil zusammengebunden und versiegelt. Khay schwitzte, winzige Schweißperlen hatten sich auf seiner vornehmen Stirn gesammelt. Ich nickte. Er klopfte, nicht gerade selbstbewusst. Wir horchten, aber es rührte sich nichts.
»Sie muss sich bereits zur Ruhe begeben haben.«
Er entspannte sich sichtlich und wollte wieder gehen.
»Klopft fester«, schlug ich vor.
Da er zögerte, übernahm ich die Sache selbst und schlug mit der Faust gegen die Tür.
Es regte sich auch weiterhin nichts. Vielleicht war das hier ja tatsächlich ein sinnloses Unterfangen.
Und dann hörte ich Schritte, die Geräusche von Füßen, die sehr leise über den Boden liefen. Schwaches Licht schien unter der Tür hindurch. Es war eindeutig jemand dort. Und im nächsten Moment erstrahlte mitten auf der Tür ein winziger Stern aus Licht, genau auf Augenhöhe. Die Person, die auf der anderen Seite stand, beobachtete uns durch ein Guckloch.
Und dann wurde plötzlich mit wahnsinniger Heftigkeit an der Tür gerüttelt.
Khay wich verschreckt zurück.
Also brach ich das Siegel, knotete flugs die Seile auf, mit denen die Riegel zusammengebunden waren, und stieß die Tür auf.
Die düstere Kammer wurde von der Öllampe erhellt, die sie in der Hand hielt, und von billigen Kerzen, die qualmend in den Wandnischen standen und alles in ein trostloses Licht tauchten. Mutnedjmet, Schwester von Nofretete und Gemahlin von Haremhab, war extrem dünn. Ihre Haut, die aussah, als habe sie noch nie die Sonne gesehen, klebte förmlich auf ihren eleganten Knochen, die unter den Falten ihres schlichten Gewands schmerzhaft deutlich zu sehen waren. Ihr Schädel war rasiert. Sie trug keine Perücke. Ihre Schultern hingen nach vorn. Ihr Gesicht hatte die gleichen hohen Wangenknochen, die das Gesicht ihrer Schwester ausgezeichnet hatten, strahlte aber nicht deren Selbstvertrauen aus und war irgendwie maskenhaft, und ihre Augen hätten einen schwermütigen Ausdruck gehabt, wenn der Blick nicht so apathisch gewesen wäre. Sie war ein hohles Wesen. Sie strahlte eine verzweifelte und traurige Hilfsbedürftigkeit aus, die nicht zu lindern war. Zugleich wusste ich aber, dass ihr keinesfalls zu trauen war, denn unter all dieser matten Trägheit lag ihr Verlangen, zusammengerollt wie eine Kobra und zum Angriff bereit.
Zu ihrer Rechten und zu ihrer Linken stand jeweils ein Zwerg. Beide trugen die gleichen hochwertigen Gewänder, den gleichen Schmuck sowie identische Dolche, was darauf hindeutete, dass sie einen hohen Rang hatten. Das war nicht ungewöhnlich, denn schon viele Männer mit dieser Statur und diesem Äußeren hatten sich an den Königshöfen der Vergangenheit in verantwortliche Positionen hochgearbeitet. Ungewöhnlich war indes, dass sie Zwillinge waren. Sie machten nicht den Eindruck, als seien sie über die nächtliche Störung glücklich.
Mutnedjmet starrte mich nach wie vor an, mit gesenktem Kopf, verständnislosem Blick und schlaff offen stehendem Mund. Sie schien nicht erfassen zu können, wer ich sein könnte oder was ich wohl hier wollte.
»Warum hast du mir nichts mitgebracht?«, maunzte sie in einem Ton, aus dem weit mehr sprach als nur Enttäuschung.
»Was hätte ich Euch denn mitbringen sollen?«, fragte ich.
Mit dumpfem Blick begutachtete sie mich, ließ im nächsten Moment eine beachtliche Schimpftirade auf mich niedergehen, und dann schlurfte sie davon und verschwand in einer angrenzenden Kammer. Die Zwerge sahen uns weiterhin unfreundlich an. Ich schätzte, dass sie ihre Dolche zu benutzen wussten. Ihre kleine Statur gereichte ihnen möglicherweise noch zum Vorteil; denn wie ich mir betrübt eingestehen musste, ließ sich unterhalb der Gürtellinie jede Menge Schaden anrichten.
»Wie heißt ihr?«
Sie wechselten einen kurzen Blick, als wollten sie sagen: ›Wer ist der Idiot?‹
Khay schaltete sich ein.
»Wir sind nur hier, um der Prinzessin einen kurzen Besuch abzustatten.«
»Sie empfängt keine Besucher«, erwiderte einer der Zwerge mit unerwartet sonorer Stimme.
»Überhaupt keine?«, hakte ich nach.
»Warum wollt Ihr sie besuchen?«, fragte der andere mit der gleichen Stimme.
Es war, als spreche man zu zwei Gesichtern mit ein und demselben Hirn. Das Ganze hatte eine leicht komische Note.
Ich lächelte.
Das gefiel ihnen überhaupt nicht, und ihre kleinen Hände griffen nach ihren Dolchen. Khay begann, sich in Ausflüchten zu ergehen, kam aber nicht weit.
»Ach, nun lasst sie doch herein«, kreischte sie aus der angrenzenden Kammer. »Ich will Gesellschaft. Mir ist alles recht, wenn ich nur mal etwas Abwechslung von euch beiden bekomme.«
Wir schritten durch den Korridor, von dem einige mehr oder weniger leere Vorratsräume abgingen, sowie ein Küchenbereich, der mit Regalen ausgestattet war, auf denen Vorratstöpfe und Krüge standen, und gelangten in einen recht großen Salon. Wir nahmen auf Schemeln Platz, während sie es sich auf einem Bett bequem machte. Der Raum war schlicht und irgendwie unzureichend möbliert, als habe sie von der Familienvilla nur die letzten zweitklassigen Stücke geerbt. Sie beobachtete uns aus ihren glanzlosen Augen, die sie mit viel zu viel Kajal umrandet hatte, der überdies nicht akkurat aufgetragen war. Khay musterte sie wie einen vergammelten Fisch.
»Ich bringe Euch Rahotep, den Wahrheitssucher. Er hat darauf bestanden, Eure Bekanntschaft zu machen.«
Hochnäsig sah sie ihn an und kicherte.
»Was für ein langweiliger Braten der ist. Den würde ich nicht einmal an eine Katze verfüttern … du indes …«
Sie schaute mir geradewegs in die Augen.
Ich ignorierte diese aufdringliche Anspielung. Daraufhin gackerte sie los und warf dabei den Kopf in den Nacken wie eine Schauspielerin in einem Melodram.
Ich wich ihrem Blick nicht aus, sondern sah sie weiterhin an.
»Oh. Ich verstehe, der starke und schweigsame Typ. Perfekt.«
Sie versuchte mich anzuschmachten wie eine Kurtisane, bekam es aber nicht hin, fing an zu kichern, und im nächsten Moment erlitt sie einen hysterischen Anfall.
Irgendjemand hatte sie unlängst ausreichend beliefert. Sie befand sich noch in der euphorischen Phase. Bald würde diese enden, und dann geriet sie wieder in den Klammergriff ihres grimmen Verlangens. Ich spürte, wie mir die Erregung in die Brust stieg wie eine wundervolle Panik, denn das hier war das bislang fehlende Bindeglied. Nur, war diese Frau in der Lage, die Dinge zu tun, von denen ich annahm, dass sie sie getan hatte? Konnte sie das Relief, die Kiste mit der Maske aus Leichenteilen und die Puppe deponiert haben? Sie wohnte in den königlichen Gemächern, doch ihr Freiraum schien nicht größer zu sein als der eines eingesperrten Tieres. Ihre Räume waren von außen versiegelt. Irgendjemand überwachte sie – nur wer? Ihr Gemahl konnte das nicht, zumindest nicht persönlich, denn der war weit weg. Es musste jemand sein, der regelmäßig Zutritt zum Palast und insbesondere zu diesen Gemächern hier hatte. Darüber hinaus musste es jemand sein, der sie beliefern konnte. Die Frage quälte mich. War derjenige, der die jungen Menschen ermordet hatte, derselbe, der die Prinzessin manipulierte? Wenn ich langsam, vorsichtig und präzise eine Frage nach der anderen stellte, war ich vielleicht in der Lage zu beweisen, dass das stimmte.
»Wer beliefert Euch?«, fragte ich sie.
»Womit?«, erwiderte sie mit funkelnden Augen.
»Mit dem Schlafmohn.«
Sofort sprang Khay von seinem Schemel.
»Das ist eine haarsträubende Verletzung des Protokolls und eine widerwärtige Anschuldigung.«
»Setzt Euch hin und haltet den Mund!«
Er war zutiefst beleidigt.
»Ihr habt Eure eigene Sucht«, fügte ich zu meinem persönlichen, rachgierigen Vergnügen hinzu. »Von Wein abhängig zu sein unterscheidet sich nicht von dem, was sie tut. Ohne könnt Ihr nicht leben, und das Gleiche gilt für sie. Wo ist der Unterschied?«
Er schnaubte vor Wut, stellte aber fest, dass er dem nichts entgegenzusetzen hatte.
»Das ist wahr«, sagte sie leise. »Das ist das Einzige, was ich habe. Ich habe versucht, kein Opium mehr zu nehmen. Aber ohne ist das Leben so enttäuschend. Einfach nur langweilig. So – nichts.«
»Und trotzdem sitzt Ihr da und lebt dafür. Und seht aus, als wäret Ihr bereits tot.«
Traurig nickte sie.
»Aber wenn man es genommen hat, fühlt man sich selig.«
Sie schien vom Zustand der Seligkeit ebenso weit weg zu sein wie eine Frau, die gerade im Maul eines Krokodils steckt.
»Wer bringt es Euch?«, fragte ich sie.
Sie bedachte mich mit einem geheimnisvollen Lächeln und beugte sich weiter zu mir vor.
»Das würdest du gern wissen, nicht wahr? Ich durchschaue dich. Du bist genauso verzweifelt wie ich. Du brauchst deine Antworten, wie ich meine Droge brauche. Du weißt, wie sich das anfühlt …«
Sie glitt mit ihrer kalten Hand unter mein Gewand. Das bewirkte rein gar nichts bei mir, also zog ich sie heraus und gab sie ihrer Besitzerin zurück.
Zärtlich rieb sie sich das Handgelenk.
»Jetzt werde ich dir gar nichts verraten«, meinte sie wie ein bockiges Kind.
»Dann werde ich jetzt gehen«, erwiderte ich und stand auf.
»Nein, geh nicht«, rief sie. »Sei nicht grausam. Man darf so ein armes Mädchen doch nicht einfach im Stich lassen.«
Wieder maunzte sie wie eine Katze.
Ich drehte mich wieder zu ihr um.
»Dann werde ich noch eine Weile bei Euch bleiben. Aber nur, wenn Ihr mit mir redet.«
Sie drehte die Hüften wie ein verführerisches Kind. Bei einer Frau mittleren Alters sah das jämmerlich aus. Dann klopfte sie mit der Hand auf den Schemel, und so setzte ich mich wieder.
»Frag mich, was du willst.«
»Sagt mir nur, wer Euch mit der Droge beliefert.«
»Niemand.«
Ganz plötzlich fing sie wieder an zu gackern.
»Das ist ermüdend«, erklärte ich.
»Das ist ein kleiner, privater Scherz zwischen ihm und mir. Er erzählt mir immer, er sei niemand. Nur weiß er nicht, dass ich darüber lache, weil ich sehe, dass er ein leeres Gesicht hat.«
»Was meint Ihr damit?«
»Du weißt, was ich damit meine. Ihm fehlt irgendwie die Seele. Er ist ein hohler Mensch.«
»Und wie alt ist er? Wie groß?«
»Er ist mittleren Alters. Er ist so groß wie du.«
Ich schaute sie an. Ich spürte, dass es da noch weitere Verbindungen gab.
»Wie ist sein Name?«
»Er hat keinen Namen. Ich nenne ihn ›der Doktor‹.«
Der Doktor.
»Erzähl mir etwas über seine Stimme.«
»Sie ist nicht laut, aber auch nicht allzu leise. Nicht jung und nicht alt. Nicht sanft, aber ebenso wenig hart. Es ist eine ruhige Stimme. Es schwingt eine seltsame Güte darin, manchmal zumindest. Eine Art von Milde.«
»Wie sehen seine Haare aus?«
»Grau. Die sind alle grau«, trällerte sie.
»Und seine Augen?«
»Oh, seine Augen«, schwärmte sie. »Die sind auch grau, manchmal aber auch blau und manchmal beides. Sie sind das einzig Schöne an ihm.«
»Was ist so schön an ihnen?«
»Sie sehen Dinge, die andere nicht sehen können.«
Ich ließ mir das durch den Kopf gehen.
»Erzähl mir von den Botschaften.«
»Nein, das kann ich nicht tun«, erwiderte sie. »Dann wäre er böse mit mir. Er wird mich nie wieder besuchen, wenn ich das mit den Botschaften verrate.«
Ich schaute zu Khay hinüber, der verwundert lauschte.
»Und wann kommt er?«
»Das weiß ich nie. Ich muss warten. Wenn ich ihn tagelang nicht gesehen habe, ist das schrecklich.«
»Werdet Ihr dann krank?«
Sie ließ den Kopf hängen und nickte kläglich.
»Und dann kommt er und bringt mir seine Geschenke, und alles ist wieder gut.«
»Mit seinen Botschaften gibt er dir Anweisungen, gewisse Dinge für ihn zu tun. Stimmt das?«, fragte ich.
Widerwillig nickte sie.
»Dinge an bestimmte Stellen zu legen?«
Sie zögerte einen Moment, nickte dann erneut und beugte sich zu mir herüber.
»Er erlaubt mir, über die Flure zu gehen«, flüsterte sie laut, »und ab und an, wenn sonst niemand dort ist, auch in die Gärten. Gewöhnlich in der Nacht. Ich bin hier tagelang eingesperrt. Ich werde wahnsinnig vor Langeweile. Ich verzehre mich nach Licht, nach Leben. Er ist aber sehr streng, und ich muss immer schnell wieder zurück, denn andernfalls gibt er mir nicht, was ich brauche; und er mahnt mich immer, sehr vorsichtig zu sein, damit mich niemand sieht, denn wenn man mich sähe, würden alle schrecklich zornig, und dann gäbe es nie wieder Geschenke …«
Mit großen und plötzlich unschuldigen Augen sah sie mich an.
»Wer sollte denn böse werden?«
»Sie würden es.«
»Eure Familie? Euer Gemahl?«
Sie nickte kläglich.
»Sie behandeln mich, als wäre ich ein Tier«, fauchte sie.
»Lässt Euch sonst niemand mal hier heraus oder erlaubt Euch ein paar Freiheiten?«
Sie sah mich an, zögerte einen Moment, dann schüttelte sie den Kopf. Es gab da also jemanden, der Mitleid mit ihr hatte. Ich glaubte zu wissen, wer das war.
Ich sah, wie sie anfing, nervös hin und her zu rutschen, und dabei unablässig mit den Fingern irgendein unsichtbares Gewirr aus Fäden entknotete.
»Was ist denn alles so los in der großen weiten Welt?«, fragte sie, als sei ihr ganz plötzlich wieder eingefallen, dass es die immer noch gab.
»Da ist alles beim Alten«, antwortete Khay. »Da hat sich nichts verändert.«
Sie sah mich an.
»Ich weiß, dass er lügt«, sagte sie ruhig.
»Ich kann Euch nichts sagen«, antwortete ich.
»Meine Welt ist hier drinnen.« Sie tippte sich sacht an die Schläfe, als sei die ein Spielzeug. »Ich lebe jetzt schon sehr lange darin. Meine Welt ist herrlich, und die Kinder sind glücklich, und das Volk tanzt auf den Straßen. Das Leben ist ein Fest. Niemand wird je alt, und keiner weiß, was Tränen sind. Überall sind Blumen und Farben und wundervolle Dinge. Und Liebe wächst wie Obst an einer Rebe.«
»Dann schätze ich mal, dass Euer Gemahl nicht in dieser Welt lebt. Richtig?«
Sofort schaute sie auf, und ihr Blick war auf einmal hochkonzentriert.
»Hast du etwas von meinem Gemahl gehört? Wann hast du ihn gesehen?«
»Vor ein paar Wochen, in Memphis.«
»In Memphis? Was tut er da? Er hat mich schon so lange nicht mehr besucht. Er ist seit Jahren fort und führt Kriege. Das behauptet zumindest der Doktor …«
Sie sah aus, als fühle sie sich belogen.
»Woher weiß der Doktor, was Euer Gemahl so alles tut?«, fragte ich.
»Das weiß ich nicht. Er erzählt mir immer, was es Neues gibt. Er hat gesagt, mein Gemahl sei ein großer Mann und dass ich stolz auf ihn sein müsste. Er hat gesagt, er würde bald heimkehren und dass dann alles anders würde.«
Bei diesen unheilverheißenden Worten schaute ich zu Khay hinüber.
»Nur fürchte ich, dass mein Gemahl mich nie so geliebt hat, wie ich ihn geliebt habe, und dass er das auch niemals tun wird. Weißt du: Er hat kein Herz. Und vielleicht sehnt er meinen Tod jetzt sogar herbei, denn den einen Zweck habe ich erfüllt, und den anderen kann ich jetzt nicht mehr erfüllen, da habe ich versagt. Menschen haben keinerlei Bedeutung für ihn.«
»In welcher Hinsicht habt Ihr versagt?«, fragte ich.
Unverwandt sah sie mich an.
»Ich bin unfruchtbar. Ich habe ihm keinen Erben geschenkt. Das ist der Fluch, der auf unserer Dynastie lastet. Und schau, was er getan hat, um mich dafür zu bestrafen.«
Sie schlang die Hände um ihren kahlrasierten Schädel. »Er hat mich geisteskrank gemacht. Er hat Dämonen in mein Hirn gesperrt. Eines Tages werde ich so lange mit dem Kopf gegen die Wand rennen, bis mir das Gehirn aus dem Schädel läuft, und dann wird es endlich vorbei sein.«
Ich griff nach Mutnedjmets Händen und hielt sie fest in meinen. Die Ärmel ihres Gewands rutschten ein wenig hoch, und ich sah Narben an ihren Handgelenken, die inzwischen verheilt waren. Sie wollte, dass ich sie sah.
»Ich werde jetzt gehen. Wenn der Doktor das nächste Mal kommt, solltet Ihr vielleicht besser nicht erwähnen, dass ich Euch besucht habe. Ich möchte nicht, dass er Euch keine Geschenke mehr bringt.«
Sie nickte, aufrichtig und zugleich in höchstem Maße verunsichert.
»Besuch mich bitte, bitte, bitte wieder«, sagte sie. »Wenn du wiederkommst, erinnere ich mich vielleicht noch an mehr Dinge, die ich dir erzählen kann.«
»Ich verspreche, dass ich es versuchen werde.«
Damit schien sie sich zufriedenzugeben.
Sie bestand darauf, mich zur Tür zu begleiten. Die Zwerge tauchten wieder auf und umschwirrten sie wie heimtückische Haustiere. Immer und immer wieder sagte sie »Auf Wiedersehen, Auf Wiedersehen«. Immer und immer wieder, bis ich hinter uns die Tür schloss. Ich wusste, dass sie auf der anderen Seite stand und lauschte, wie die Seile wieder verknotet wurden. Die Seile über dem Sarg, in dem sie lebendig begraben war.
Schweigend begaben wir uns auf den Rückweg. Khay machte inzwischen einen ziemlich nüchternen Eindruck.
»Ich habe das Gefühl, ich schulde Euch eine Entschuldigung«, sagte er nach einer Weile.
»Akzeptiert«, erwiderte ich.
Wir verneigten uns voreinander.
»Ihr müsst den Namen dieses Doktors kennen«, sagte ich.
Sein Gesicht ging in Enttäuschung über.
»Ich wünschte, es wäre so. Ich wusste natürlich, dass sie hier war und warum. Ich bin für den praktischen Teil ihrer Versorgung verantwortlich. Befohlen wurde das Ganze aber von Eje, möglicherweise nach Absprache mit Haremhab. Dieser ›Doktor‹ benötigte also lediglich einen Passierschein für die königlichen Gemächer, und den hätte man heimlich ausstellen können. Es ist alles schon so lange her, und ihr Benehmen war so entsetzlich peinlich. Ich schätze, wir haben sie alle einfach vergessen und uns mit Dingen befasst, die uns wesentlich wichtiger erschienen. Sie war das schmutzige Familiengeheimnis, und jeder war froh, sie los zu sein.«
»Seid Ihr denn sicher, dass Eje für ihre Lebensumstände verantwortlich ist?«
»Ja. Zu Anfang war er das zumindest.«
Ich dachte darüber nach.
»Hat sie recht mit dem, was sie über Haremhab sagt?«, fragte ich.
Er nickte.
»Haremhab hat sie aus Machtgründen geheiratet. Er hat sie nach allen Regeln der Kunst verführt, aber das Einzige, was er wollte, war der Eintritt in die königliche Familie. Er wusste, dass es außer ihm niemanden gab, der sie haben wollte, und somit war es eine Art Handel.«
»Was meint Ihr damit?«
»Sie war so etwas wie eine beschädigte Ware. Sie war immer schon etwas seltsam. Bereits in ihrer Kindheit hatte sie Depressionen und hysterische Anfälle. Es war also leicht, an sie heranzukommen. Die Familie war erpicht darauf, sie irgendwie einsetzen zu können, und die Allianz mit einem aufsteigenden Stern der Militärwelt schien damals kostbar. Es war abzusehen, dass er Karriere machen würde. Warum also nicht die Armee in die Familie einbinden? Und im Gegenzug wurde ihm eine bemerkenswerte Beförderung zuteil. Zu dem Handel gehörte aber auch, dass er als Mitglied der Familie verpflichtet war, sich zu benehmen; ihr in der Öffentlichkeit zumindest dem Anschein nach den Status einer verheirateten Frau zu geben und die Armee dazu einzusetzen, die strategisch wichtigen Ziele und internationalen Interessen der Familie zu verfolgen. Und angesichts des Handels war das letzten Endes auch in Haremhabs ureigenem Interesse.«
»Und ist das der Grund, warum Mutnedjmet immer noch im Malqata-Palast eingesperrt ist? Warum schickt man sie nicht zu ihrem Gemahl?«
»Sie müssen da ein Arrangement getroffen haben, das beiden Seiten zum Nutzen gereichte. Sie hatte den Verstand verloren. Sie stellte für beide Parteien eine Belastung dar; sie ist der Preis, den er für seinen Ehrgeiz gezahlt hat. Sie liebt ihn, aber er findet sie abstoßend. Er will sie loswerden. Für Eje war sie auch ein Problem, denn sie gehört zwar zur königlichen Familie, war in der Öffentlichkeit aber zu nichts zu gebrauchen. Deshalb war es im Interesse beider Parteien, dass sie aus dem Leben verschwand, ohne real zu sterben, und eine Art Unperson wurde. Für den Moment wird sie am Leben gehalten. Und wie Ihr gesehen habt, ist das arme Ding ziemlich irre.«
»Und Haremhab?«
»Das skrupellose Jungkrokodil wurde rasch zu groß für seinen Teich. Er wuchs und wuchs und wuchs. Und schon bald waren ihm die feinen Speisen und die kostbaren Juwelen nicht mehr genug. Er wird sich ihrer entledigen, sobald es ihm zupasskommt, das zu tun. Er hat uns seit Langem im Visier: Eje, Tutanchamun, Anchesenamun, uns alle. Und ich fürchte, nach dem katastrophalen Tod des Königs ist seine große Stunde jetzt gekommen.«
Seine Worte schienen ihn nun endgültig ausgenüchtert zu haben. Er ließ seinen Blick über den blanken und kalten Luxus schweifen und schien den Palast für einen kurzen Moment als das zu erkennen, was er in Wahrheit war: ein Grabmal.
»Aber eines ist jetzt klar«, sagte ich.
»Und was ist das?«
»Sowohl Eje als auch Haremhab machen mit dem Doktor gemeinsame Sache. Eje hat ihre Versorgung arrangiert. Haremhab weiß, wie seine Frau gefangen gehalten wird. Nur bleibt die Frage: Wer hat den Doktor angeheuert zu tun, was er getan hat? Hat Haremhab dem Doktor befohlen, seine Gemahlin opiumsüchtig zu machen? Oder ist der Doktor selbst auf diese Idee gekommen? Und hat der Doktor eigene Ziele damit verfolgt, den König zu terrorisieren, oder hat er das auf Weisung von jemand anderem getan? Haremhabs vielleicht?«
»Oder Ejes«, erwiderte Khay.
»Kann sein. Denn der wollte nicht, dass der König seine Macht selbst in die Hand nahm, wie er es getan hat. Nur deutet seine Reaktion auf das, was passiert ist, eindeutig darauf hin, dass er nicht wusste, wie die Gegenstände in die Gemächer gekommen sind. Das Ganze fühlt sich auch überhaupt nicht an wie etwas, was Eje tun würde.«
Khay seufzte.
»Keine der Möglichkeiten stimmt erwartungsfroh. Wie auch immer, jetzt, da der König tot ist, dürfen wir sicher sein, dass Haremhab bald hier eintreffen wird. Er hat Wichtiges zu erledigen. Die Zukunft steht ihm weit offen. Er braucht nur Eje und die Königin zu erobern, und die Beiden Länder gehören ihm. Und diesen Tag fürchte ich aus tiefster Seele.«
***
Es war schon sehr spät. Wir standen wieder vor den großen Flügeltüren, die in die Privatgemächer der Königin führten. Davor hatte man Nachtwachen postiert. Ich bat Khay, allein weiterzugehen, damit ich unter vier Augen mit der Königin sprechen konnte. Er nickte, drehte sich dann aber noch einmal zu mir um und zögerte einen Moment, als wollte er mich etwas Vertrauliches fragen.
»Macht Euch keine Sorgen«, sagte ich. »Euer Geheimnis ist bei mir sicher.«
Er sah aus, als erleichterte ihn das. Er sah aber auch so aus, als wollte er mir noch etwas anderes sagen.
»Was?«
Er zögerte.
»Für Euch ist das hier kein sicherer Ort mehr.«
»Ihr seid heute Abend schon der Zweite, der mir das sagt«, erwiderte ich.
»Dann wisst Ihr, dass Ihr sehr vorsichtig sein müsst. Das hier ist ein Teich mit vielen Krokodilen. Passt auf, wohin Ihr tretet.«
Er tätschelte meinen Arm und lief dann langsam durch den langen und stillen Korridor, zurück zu seiner Amphore mit gutem Wein, die sich in der Folge immer weiter leeren würde. Ich wusste, dass mir die Zeit davonlief. Ich hatte aber endlich eine Spur. Und wenn ich Glück hatte, war es Nacht gelungen, das Leben des Jungen zu retten, und er war jetzt gesund genug, um reden zu können. Und dann konnte ich den Fall möglicherweise lösen. Den Doktor identifizieren. Ihn daran hindern, weitere Verstümmelungen und weitere Morde zu begehen. Und danach konnte ich ihm die Frage stellen, die mir im Hirn brannte wie ein loderndes Feuer: Warum?
Ich klopfte an die Tür. Die Kammerzofe öffnete sie einen Spaltbreit und sah mich ängstlich an. Ich schob mich an ihr und ihren Protesten vorbei und betrat die Gemächer, in die man mich bei meinem ersten Besuch geführt hatte. In einem anderen Leben, dachte ich, bevor ich dieses Labyrinth der Schatten betrat. Es hatte sich nichts verändert. Die Türen, die auf die Terrasse und in den Garten führten, standen immer noch offen, aus den gehämmerten Schalen strahlte Licht, und das Mobiliar war nach wie vor makellos. Ich erinnerte mich, dass das Ambiente mir vorgekommen war wie Anchesenamuns persönliche Bühnendekoration. Beunruhigt trat sie aus ihrem Schlafgemach – und war erleichtert, als sie sah, dass ich es war.
»Warum bist du hier? Es ist sehr spät. Ist etwas passiert?«
»Lasst uns nach draußen gehen.«
Unsicher nickte sie, legte sich einen dünnen Schal um die Schultern und trat durch die Türen nach draußen auf die Terrasse. Die Zofe zündete rasch zwei Lampen an und huschte dann auf ein Fingerzeichen ihrer Herrin davon. Schweigend und mit den Lampen in der Hand gingen wir zum Teich und setzten uns in der Dunkelheit auf dieselbe Bank, auf der wir damals gesessen hatten, und nur unsere Lampen hielten die Finsternis der Nacht von uns fern.
»Warum habt Ihr mir nicht von Mutnedjmet erzählt?«
Zunächst versuchte sie, mich unschuldig anzuschauen, aber dann seufzte sie.
»Ich wusste, dass du es, wenn du gut wärst in deinem Beruf, irgendwann selbst herausfinden würdest.«
»Das beantwortet meine Frage nicht.«
»Warum ich es dir nicht erzählt habe? Erklärt sich das nicht von selbst? Sie ist unser schreckliches Familiengeheimnis. Aber warum fragst du mich das? Sie kann doch unmöglich etwas mit dem zu tun haben, was hier passiert ist.«
»Und Ihr dachtet, das würde niemand klarer beurteilen können als Ihr.«
Sie wirkte verletzt.
»Warum sagst du das jetzt?«
»Weil sie die Person ist, die das Relief, die Kiste und das Figürchen hier eingeschmuggelt hat.«
Sie lachte kurz auf.
»Das ist unmöglich, sie –«
»Sie ist opiumsüchtig. Wie Euch bekannt ist. Sie hat einen Arzt. Er nennt sich der Doktor. Er nutzt ihre Sucht für seine Zwecke. Zum Dank dafür, dass sie seine Gaben in den königlichen Gemächern deponierte, hat er sie mit Schlafmohn beliefert. Er nährt ihre Sucht, und sie tut alles, was er verlangt. Hinzu kommt, dass derselbe Mann junge Menschen in der Stadt ermordet und verstümmelt und ebendiese Droge benutzt hat, damit sie sich nicht wehren konnten.«
Sie hatte Mühe, das alles so schnell zu verkraften.
»Nun, dann hast du das Rätsel ja gelöst. Du brauchst ihn jetzt nur noch zu verhaften. Dann hast du deine Aufgabe erfüllt und kannst in dein normales Leben zurückkehren.«
»Sie kennt seinen Namen nicht. Ich bin sicher, dass Eje oder Haremhab ihn kennen. Aber deshalb bin ich nicht hier.«
»Nein?«, fragte sie besorgt.
»Ihr habt Mutnedjmet besucht und aus ihren Gemächern gelassen.«
»Selbstverständlich nicht.
»Ich weiß, dass Ihr es getan habt.«
Beleidigt stand sie auf, leugnete es aber nicht noch einmal. Dann setzte sie sich wieder hin und bemühte sich um ein versöhnlicheres Gebaren.
»Ich hatte Mitleid mit ihr. Früher war sie nicht unbedingt bedauernswert, aber inzwischen ist sie ein hoffnungsloser Fall. Und sie ist immer noch meine Tante. Sie und ich sind die Einzigen, die von unserer großen Dynastie noch übrig sind. Sie ist das einzige Bindeglied zu meiner Vergangenheit. Ein nicht gerade beruhigender Gedanke, oder?«
»Ihr müsst von ihrer Sucht gewusst haben.«
»Ja, ich schätze, tief drinnen habe ich davon gewusst, nur ist sie immer seltsam gewesen, das war sie schon in meiner Kindheit. Also habe ich vermieden, mir Gedanken darüber zu machen, und es hat auch nie jemand darüber gesprochen. Ich bin davon ausgegangen, dass Pentu sie medizinisch betreut.«
»Und als Euch bewusst wurde, welche Ausmaße ihre Sucht angenommen hatte, fühltet Ihr Euch außerstande, ihr zu helfen.«
»Ich wagte nicht, mich zwischen ihren Gemahl und Eje zu stellen. Es stand so viel anderes auf dem Spiel.«
Sie wirkte beschämt.
»Ich konnte nicht riskieren, dass es zu einem öffentlichen Skandal kam. Vielleicht war das feige. Ja, jetzt denke ich, dass das feige war.«
»Glaubt Ihr, dass Mutnedjmet jemals verraten hat, dass Ihr sie von Zeit zu Zeit besucht und nach draußen lasst?«
»Sie wusste, dass ich niemals würde wiederkommen können, wenn sie das täte.«
»Es war also ein Geheimnis, und Ihr konntet ihr trauen, es zu bewahren?«
»Im gleichen Maße, wie ich ihr mit allem anderen trauen konnte.«
Sie sah aus, als sei ihr unbehaglich zumute.
»Lasst mich ganz direkt sein. Vielleicht habt Ihr diesen Doktor mal gesehen. Vielleicht wusste er nichts von Euren Besuchen. Vielleicht seid Ihr ihm zufällig irgendwann einmal begegnet.«
»Ich habe ihn nie gesehen«, sagte sie, und aus ihrem Blick sprach wache Aufrichtigkeit.
Enttäuscht drehte ich den Kopf zur Seite. Der Mann war wie ein Schatten; ich sah ihn immer aus dem Augenwinkel heraus, bekam ihn aber nie zu fassen, denn er entfloh jedes Mal sofort wieder in die Finsternis.
»Aber Ihr habt immer noch vor irgendetwas Angst«, sprach ich weiter.
»Ich habe vor vielen Dingen Angst, und wie du weißt, kann ich meine Furcht nicht gut verbergen. Ich habe Angst davor, allein zu sein, und ich habe Angst davor zu schlafen. Die Nächte kommen mir länger und dunkler vor denn je. An diesem trostlosen Ort scheint kein Kerzenlicht hell genug zu sein, um mir die Schatten vom Leib zu halten.«
Auf einmal wirkte sie völlig verloren.
»Ich will, dass du mich hier herausholst«, sagte sie. »Ich kann hier nicht bleiben. Ich fürchte mich zu sehr.«
»Wohin sollte ich Euch denn bringen?«
»Du könntest mich mit zu dir nach Hause nehmen.«
Ich war erstaunt, dass sie auf so eine Idee kam.
»Das kann ich selbstverständlich nicht.«
»Warum denn nicht? Wir könnten zusammen verschwinden. Wir könnten uns gleich jetzt auf den Weg machen.«
»Zu diesem Zeitpunkt? Da die Beisetzung des Königs ansteht, alles im Ungewissen liegt? Da wollt Ihr verschwinden?«
»Für die Bestattungsfeierlichkeiten kann ich zurückkommen. Ich werde mich verkleiden, und du nimmst mich einfach mit. Das wird keinem auffallen.«
»Ihr denkt nur an Euch selbst. Von dem Moment an, da Ihr nach mir habt schicken lassen, habe ich alles für Euch riskiert. Und jetzt denkt Ihr, ich würde auch meine eigene Familie aufs Spiel setzen? Die Antwort ist nein. Ihr müsst hier im Palast bleiben und Euch um die Beisetzung des Königs kümmern. Ihr müsst Eure Machtstellung behaupten. Und ich werde Euch jederzeit dabei zur Seite stehen.«
Sie wurde wütend und bekam auf einmal ganz vulgäre Züge.
»Ich dachte, du wärest ein edler Mann, ich dachte, du hättest Ehrgefühl.«
»Die Sicherheit meiner Familie geht mir über alles«, erwiderte ich und fügte gedankenlos hinzu: »Was Ihr vermutlich nicht nachvollziehen könnt.« Dann sprang ich auf, denn ich konnte keine Sekunde länger sitzen bleiben.
»Es tut mir leid«, sagte sie irgendwann und senkte den Blick.
»Es sollte Euch leid tun.«
»Du darfst dir nicht herausnehmen, so mit mir zu reden, wie du es gerade getan hast«, sagte sie.
»Ich bin der Einzige, der Euch die Wahrheit sagt.«
»Du sorgst dafür, dass ich mich selbst nicht leiden kann.«
»Das ist nicht meine Absicht«, erwiderte ich.
»Das weiß ich.«
»Ich verspreche Euch, ich werde nicht zulassen, dass Euch ein Leid geschieht.«
Sie forschte in meinem Gesicht, als suche sie nach der Bestätigung, dass ich die Wahrheit sagte.
»Du hast recht. Ich kann nicht vor allem davonlaufen, vor dem ich mich fürchte. Es ist besser zu kämpfen, als zu flüchten …«
Wir gingen über den dunklen Pfad zurück.
»Was beabsichtigt Ihr zu tun?«, fragte ich sie. »Eje ist erpicht darauf, alles so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, die Einbalsamierung, die Bestattung und seine Krönung.«
»Ja, nur kann selbst Eje nicht über die Zeit befehligen. Der Leichnam muss für das Begräbnis vorbereitet werden, das Grabmal muss entsprechend eingerichtet werden, und die Rituale müssen peinlich genau eingehalten werden. All das dauert die vorgeschriebene und erforderliche Anzahl von Tagen …«
»Trotzdem. Gerade Eje ist ein Mann, der Wege finden wird, das alles weniger aufwendig zu gestalten.«
»Möglich. Aber wie will er erklären, dass der König sich so lange von allem zurückzieht? Aus dem Schweigen sickern die Gerüchte wie das Wasser aus einem undichten Krug …«
Sie blieb plötzlich stehen und sah mich mit strahlenden Augen an, als sei ihr soeben etwas Wichtiges eingefallen.
»Wenn ich überleben will, bleiben mir nur wenige Alternativen. Entweder ich verbünde mich mit Eje oder mit Haremhab. Es ist brutal, sich zwischen den beiden entscheiden zu müssen, und beide Alternativen erfüllen mich mit nichts als Abscheu. Nur eines weiß ich: Um unabhängig von den beiden meine Autorität als Königin und als letzte Tochter meiner Familie anmelden zu können, mangelt es mir im Moment noch an der Unterstützung, die ich in den Ministerien und – trotz Simuts Hilfe – auch in der Armee benötige. Vor allem angesichts der Aggressivität und des Ehrgeizes dieser beiden Männer.«
»Es gibt da aber auch noch einen dritten Weg«, sagte ich. »Wenn Ihr Eje und Haremhab gegeneinander ausspielt …«
Sie sah mich an und strahlte übers ganze Gesicht.
»Genau! Beide sähen mich lieber tot, sind sich aber im Klaren darüber, dass ich lebend sehr wertvoll bin, für den einen wie für den anderen. Und ich könnte jeden in dem Glauben lassen, dass der andere mich haben will, dann kämpfen sie vielleicht bis aufs Blut darum, wer mich besitzen darf. Wie Männer das so tun.«
Sie sprach mit solcher Überzeugung und Leidenschaft, dass ihr Gesicht plötzlich aussah wie das ihrer Mutter.
»Warum starrst du mich so an?«, wollte sie wissen.
»Ihr seht aus wie jemand, den ich früher einmal gekannt habe«, antwortete ich.
Sie wusste sofort, um wen es sich handelte.
»Du hast mein Mitgefühl, Rahotep«, sagte sie. »Sicher vermisst du deine Familie und dein Leben. Ich weiß, dass du nur hier bist, weil ich dich habe holen lassen, um mir zu helfen. Es ist meine Schuld. Aber von jetzt an werde ich dich beschützen. Mit all der Macht, die ich besitze. So gering die auch ist.«
»Und ich werde für Euch tun, was ich kann. Vielleicht können wir einander beschützen.«
Wir verneigten uns voreinander.
»Ich muss Euch jetzt allerdings um eine Gefälligkeit bitten«, sagte ich.
Rasch versah sie mich mit allem, was ich benötigte: mit Papyrus, einer Rohrfeder, einer Palette mit roter und schwarzer Tinte, Siegelwachs und einem kleinen Behälter mit Wasser. Ich schrieb schnell, und die Gefühle von Liebe und Verlust, die ich empfand, ließen die Worte nur so aus der Feder fließen.
An meine geliebte Frau und meine Kinder
Statt nach Hause zurückzukommen, sende ich Euch diesen Brief. Meine Aufgabe nimmt mich länger in Anspruch, als ich gehofft hatte. Von meiner Reise bin ich unbeschadet zurückgekehrt. Noch ist es mir jedoch nicht möglich, zu Euch zurückzukehren. Und ich kann auch nicht abschätzen, wann ich wieder heimkommen werde. Ich wünschte, es wäre anders. Mögen die Götter Euch helfen, mir mein Fortsein zu vergeben. Ich füge einen versiegelten Brief an Kheti bei. Bitte gebt ihm den so bald wie möglich.
Die Liebe, die ich für Euch empfinde, wird mich erstrahlen lassen.
Rahotep
Dann schrieb ich Kheti, berichtete ihm, was mir widerfahren war, und sagte ihm genau, was er für mich tun musste. Ich rollte beide Briefe zusammen, steckte die Rollen ineinander, siegelte sie und gab sie Anchesenamun.
»Gebt Simut diese Briefe, und weist ihn an, sie meiner Frau zu überbringen.«
Sie nickte und versteckte sie in ihrer Schreibtruhe.
»Traust du ihm?«
Ich nickte.
»Er wird in der Lage sein, diese Briefe unbemerkt zu überbringen. Ihr könntet das unmöglich«, sagte ich.
Ich dachte an meine Familie und spürte, wie mein Herz sich zusammenkrampfte, als rieben in meiner Brust Glassplitter gegeneinander. Dann hörten wir plötzlich beide Lärm auf dem Korridor, und im nächsten Moment wurden die Flügeltüren aufgestoßen.
Eje betrat die Gemächer. Simut folgte ihm und schloss hinter sich die Tür.
Eje fixierte mich mit seinen wie versteinert wirkenden Augen. Wieder einmal roch ich Gewürznelken und Zimt, den Geruch, der von den Pastillen herrührte, die er immerzu lutschte, um die Schmerzen in seinem faulenden Kiefer zu lindern. Dass er mitten in der Nacht hier auftauchte, konnte nur schlechte Neuigkeiten bedeuten. Er setzte sich auf eine Liege, strich penibel seine Gewänder glatt und bedeutete Anchesenamun mit einem Kopfnicken, gegenüber von ihm Platz zu nehmen.
»Haremhabs Staatsschiff ist nördlich der Stadt gesichtet worden«, sagte er ruhig. »Er wird in Kürze hier eintreffen. Und dann wird er, da bin ich sicher, um eine Audienz mit der Königin ersuchen. Ich fürchte, er weiß, dass der König tot ist, obwohl es keine Bekanntmachung gegeben hat und auch nicht geben wird. Wie er das in Erfahrung gebracht hat, muss herausgefunden werden. Zunächst einmal haben wir aber andere Prioritäten. Wir müssen uns einigen, wie wir mit dieser unseligen Eventualität umgehen wollen.«
Bevor Anchesenamun etwas darauf erwidern konnte, sprach er weiter.
»Er wird sich ohne jeden Zweifel ebenso wie ich überlegt haben, welche Vor- und Nachteile eine Verbindung mit dir mit sich bringt. Genau wie ich wird er erfassen, welchen Wert deine Herkunft hat und welchen Beitrag dein Prestige zur zukünftigen Stabilität der Beiden Länder leisten könnte. Ich bin sicher, dass er dir anbieten wird, dich zu heiraten. Er wird dir das Angebot mit günstigen Bedingungen schmackhaft machen und behaupten, Söhne zu zeugen, dich in deiner Rolle als Königin zu stärken und dass er die Wachsamkeit der Armee der Beiden Länder im Rücken hat, um eure gemeinsamen Interessen zu verfolgen und zu wahren.«
»Das sind interessante und, rein oberflächlich betrachtet, auch günstige Bedingungen«, erwiderte sie.
Wütend blitzte er sie an und sprach weiter: »Du bist nach wie vor eine Närrin. Er wird sich Mutnedjmets entledigen und dich heiraten, um seine Position als legitimes Mitglied der Dynastie weiter zu stärken. Aus dem gleichen Grund wird er Söhne zeugen. Sobald du ihm die geliefert hast, wird er dich davonjagen, wenn nicht Schlimmeres. Schau, was er seiner eigenen Gemahlin angetan hat. Nimm sein Angebot an, und er wird dich letzten Endes vernichten.«
»Bildest du dir ein, das wüsste ich nicht?«, gab sie zurück. »Haremhab hasst meine Familie und alles, wofür sie stand. Er hat den Ehrgeiz, seine eigene Dynastie zu gründen. Für mich lautet die Frage, ob mein Überleben und das Überleben meiner Dynastie durch meine Kinder mit ihm gesicherter ist, als es andernfalls der Fall wäre. Was für eine Alternative bleibt mir?«
»Zu glauben, dass irgendetwas, was mit dir zu tun hat, durch ihn gesichert wäre, ist dermaßen naiv, dass es an Idiotie grenzt.«
Sie stand auf und wanderte durch den Raum.
»Nur, durch dich wären mein Leben und die Zukunft meiner Dynastie auch nicht gewährleistet«, sagte sie.
Er bedachte sie mit seiner persönlichen Version eines Lächelns, diesem Grinsen, das an das eines Krokodils erinnerte.
»Nichts in diesem Leben ist sicher. Es geht immer nur um Taktik und ums Überleben. Deshalb solltest du dir durch den Kopf gehen lassen, welche Vorteile es dir bringen würde, ein Bündnis mit mir einzugehen.«
Herrisch sah sie ihn an.
»Ich bin keine Närrin. Deshalb habe ich mir bereits durch den Kopf gehen lassen, welche Vorteile es dir bringen würde, ein Bündnis mit mir einzugehen.« Sie blieb stehen und sah ihn an. »Durch eine Ehe mit mir würdest du endgültig ein legitimes Mitglied meiner Dynastie.« Langsam schritt sie um ihn herum. »Jetzt, da der König tot ist, wäre ich für dich das Mittel zum Zweck, das Gefährt für all deine Ambitionen. Als König, der nicht nur regiert, sondern auch den Titel innehat, könntest du noch mehr und noch größere Macht für dich beanspruchen.«
»Meine Ahnen sind der königlichen Familie seit vielen Generationen eng verbunden. Meine Eltern haben deinen Eltern gedient. Als König könnte ich dir jedoch als Gegenleistung für die Ehe die Unterstützung der Priesterschaft, der Ministerien und des Schatzamtes bieten, was dich vor Haremhab und der Armee schützen würde. Denn da mach dir nur ja nichts vor: Er plant einen Staatsstreich.«
»Ich verstehe. Das ist auch eine interessante Perspektive. Nur was ist mit der Zukunft? Du bist sehr alt. Wenn ich dich anschaue, sehe ich einen traurigen, alten Mann. Einen Mann, der der Schmerzen in seinen Zähnen und in seinen Knochen überdrüssig ist. Der der Anstrengung des Ganzen überdrüssig ist. Des Lebens müde ist. Du bist nur noch ein Haufen alter Knochen. Deine Männlichkeit ist nur noch Erinnerung, und selbst die ist verwittert. Wie solltest du mir einen Erben schenken?«
Hass funkelte in seinen Augen, aber er weigerte sich, auf die Provokation zu reagieren und zornig zu antworten.
»Erben können auch auf andere Weise gezeugt werden. Mit meiner Hilfe dürfte sich leicht ein geeigneter Vater für deine Kinder finden lassen. Jedoch wird die Unterhaltung hier jetzt allzu persönlich. Das Allerwichtigste ist, zum Wohle der maat zu regieren. Was ich tue, tue ich ausschließlich zum Wohle der Stabilität und der Vormachtstellung der Beiden Länder.«
Jetzt attackierte sie ihn.
»Deine Nachkommen sind nichts als Schatten. Ohne mich wirst du außer Staub nichts hinterlassen. Nach deinem Tod – und der wird nicht mehr lange auf sich warten lassen, denn keine Macht im Königreich kann dich vor der Sterblichkeit erretten – wird Haremhab deinen Namen tilgen lassen, von den Wänden sämtlicher Tempel im Land. Er wird deine Statuen abbauen und dein Grabmal zerstören lassen. Ein Nichts wirst du sein. Als hättest du nie gelebt. Es sei denn, ich gelange zu dem Schluss, dass du mir nützlich sein könntest. Denn nur durch mich kann dein Name überleben.«
Ohne jede Gefühlsregung hatte er ihr zugehört.
»Du machst den Fehler, dich in Hass zu ergehen. Gefühle zuzulassen wird dir am Ende den Strick drehen, wie es das bei Frauen immer tut. Denn eines vergiss nicht: Allein durch mich kannst du lange genug überleben, um all das zu vollbringen, was du gern vollbringen möchtest. Du solltest inzwischen wissen, dass ich mich vor dem Tod nicht fürchte. Ich weiß, was der Tod ist. Er versteht das.«
Und dabei zeigte er mit dem Finger auf mich.
»Er weiß, dass danach nichts mehr kommt. Es gibt kein Totenreich, und es gibt keine Götter. Das ist alles Blödsinn, Kinderkram. Das Einzige, was wirklich existiert, ist die Macht in den Händen roher Menschen. Das ist der Grund, warum wir alle so versessen darauf sind, sie an uns zu bringen. Womit sollten die Menschen sich sonst gegen ihren unvermeidlichen Untergang absichern?«
Eine ganze Weile sprach niemand ein Wort.
»Ich werde mir alles, was du gesagt hast, durch den Kopf gehen lassen«, sagte sie schließlich. »Und ich werde mich mit Haremhab treffen. Und erst wenn ich sämtliches Für und Wider abgewogen habe, werde ich mich entscheiden. Das wird dann die richtige Entscheidung sein, sowohl für mich und meine Familie wie auch für die Stabilität der Beiden Länder.«
Er erhob sich von der Liege und schlurfte Richtung Tür. Doch bevor er hinausging, drehte er sich noch einmal steif zu ihr um. »Wäge sorgfältig ab, welches der beiden Szenarien das kleinere Übel ist. Haremhabs Armee oder meine Welt. Und dann treffe deine Entscheidung.«
Mit diesen Worten verschwand er.
Sofort begann die Königin, wieder im Raum auf und ab zu gehen.
»Haremhab ist schon hier. Das ist zu früh! Aber warum wartet er noch?«, fragte die Königin.
»Weil er weiß, dass er damit eine gespannte Atmosphäre und Angst erzeugen kann. Das ist Taktik. Er will den Eindruck erwecken, er habe die Lage im Griff. Gebt ihm nicht diese Macht über Euch«, erwiderte ich.
Einen Moment lang sah sie mich an.
»Du hast recht. Wir verfolgen unsere eigene Taktik. An die muss ich mich halten. Ich darf mich nicht von der Angst irreleiten lassen.«
Ich nickte und verneigte mich.
»Wohin gehst du?«, wollte sie ängstlich wissen.
»Ich muss noch etwas mit Eje besprechen. Ich muss ihn etwas fragen. Simut wird bei Euch bleiben, bis ich zurückkomme.«
Ich schloss die Tür hinter mir und lief der schlurfenden Gestalt durch den finsteren Korridor nach. Als er meine Schritte hörte, blieb Eje stehen und drehte sich argwöhnisch um. Ich verneigte mich.
»Was ist jetzt wieder los?«, blaffte er mich an.
»Ich habe eine Frage, auf die ich eine Antwort brauche.«
»Verschwendet mit Euren törichten Fragen nicht meine Zeit. Dafür ist es zu spät. Ihr hattet eine Aufgabe und habt versagt. Verschwindet.«
Und dabei wedelte er herablassend mit seiner knochigen Hand vor meinem Gesicht.
»Mutnedjmet ist hier im Malqata-Palast eingesperrt. Das wurde vor Jahren so veranlasst, auf Eure Weisung und, wie ich annehme, nach Absprache mit Haremhab. Und ich nehme ebenfalls an, dass man sie seither mehr oder weniger vergessen hat.«
Er wirkte erstaunt, als er ihren Namen hörte.
»Und?«
»Sie ist opiumsüchtig. Wer sie mit der Droge beliefert? Die Antwort lautet: jemand, der sich heimlich um sie kümmert. Zum Dank für die Droge, die sie natürlich verzweifelt benötigt, hat sie seine Anweisungen befolgt. Sie war es, die das Relief, die Totenmaske und die Puppe in die königlichen Gemächer geschmuggelt hat. Soll ich Euch sagen, wie sie diesen mysteriösen Mann nennt? Sie nennt ihn den ›Doktor‹.«
Jetzt hörte Eje mir mit ernster Miene zu.
»Hättet Ihr das doch bloß ein paar Wochen früher herausgefunden!«
»Hätte man mir doch bloß ein paar Wochen früher von ihr erzählt«, erwiderte ich.
Er wusste, dass ich mit diesem Einwand richtig lag.
»Ich glaube, dass Ihr seinen Namen kennt«, sprach ich weiter. »Denn Ihr seid der Einzige, der ihn damals mit ihrer Pflege betraut haben kann.«
Er ließ sich das Ganze lange durch den Kopf gehen. Sich dazu äußern zu müssen schien ihm zutiefst zu widerstreben.
»Vor zehn Jahren habe ich einen Arzt zu ihrer Pflege abgestellt«, hob er schließlich an. »Er war mein Leibarzt gewesen. Nur erwies er sich als unfähig, mir zu helfen. Er war nicht qualifiziert genug und verfügte nicht über genug Kenntnisse, um mich von den Malaisen zu heilen, die mich befielen. Also ernannte ich Pentu zu meinem Leibarzt und gab dem Mann die Aufgabe, sich um Mutnedjmet zu kümmern. Das wurde unter der Hand arrangiert, und er wurde gut dafür bezahlt – sowohl für seine Arbeit als auch für seine unbedingte Diskretion. Seine Aufgabe bestand darin, sie für den Moment am Leben zu erhalten. Für den Fall, dass er seine Schweigepflicht bräche, drohten ihm schwere Strafen.«
»Und wie hieß der Mann?«
»Sein Name war Sobek.«
Meine Gedanken begannen zu rasen, rasten durch alles hindurch, was sich inzwischen ereignet hatte, und zurück zum Tag des Festes, zu dem Tag des Blutes, dem Tag, an dem wir in dem düsteren Zimmerchen den Jungen mit den gebrochenen Knochen gefunden hatten, dem Tag, an dem Nacht auf dem Dach seines Stadthauses die Party gegeben hatte. Ich erinnerte mich an den schweigsamen Mann fortgeschrittenen mittleren Alters, den Mann mit dem kurzen grauen Haar, das noch nie gefärbt worden war, und der knochigen, überschlanken Statur eines Menschen, der niemals etwas allein deshalb verzehrt, weil es einfach lecker ist. Ich erinnerte mich an dieses so überhaupt nicht markante, ja fast schon schlichte Gesicht – dieses leere Gesicht, wie Mutnedjmet es ausgedrückt hatte – und an seine gefühllosen, kalten, graublauen Augen, aus denen die Intelligenz stach und so etwas wie Zorn. Ich hörte, wie er sagte: »Vielleicht ist die menschliche Fantasie das Ungeheuer. Ich glaube, es gibt kein einziges Tier, das von seiner Fantasie gegeißelt wird. Das wird nur der Mensch …«
Und ich erinnerte mich, wie mein alter Freund Nacht, der, wie es sich jetzt darstellte, ein Kollege oder Bekannter dieses Meisters der Verstümmelung und des Mysteriums war, ihm antwortete: »Und das ist der Grund, warum ein zivilisiertes Leben, Moral, Ethik und so weiter so wichtig sind. Wir sind zur Hälfte Erleuchtete und zur Hälfte Ungeheuer. Unser Anstand muss auf Vernunft und gegenseitigem Nutzen fußen.«
Vor meinem geistigen Auge sah ich, wie der grauhaarige Mann seinen Kelch hob und antwortete:
»Ich trinke auf die Vernunft. Ich wünsche ihr allen Erfolg.«
Sobek. Der Doktor.
»Ihr seht aus, als hättet Ihr ein Gespenst gesehen«, sagte Eje.
Simuts Elitesoldaten bezogen Stellung in den angrenzenden Straßen, die in tiefer Dunkelheit lagen, und auf den Dächern der Nachbarhäuser. Durch die nächtliche Ausgangssperre war es totenstill in der Stadt, wenn man von einigen Hunden absah, die sich unter dem Mond und den Sternen aggressiv durch die Dunkelheit anbellten.
Kheti hatte Thot mitgebracht, und der Pavian freute sich so sehr über unsere Wiedervereinigung, dass er mich umtänzelte und dabei leise vor sich hin brabbelte. Doch blieb uns nur wenig Zeit. Kheti und ich hatten wichtige Dinge zu besprechen. Auf dem Weg hierher hatte er mir rasch im Flüsterton erzählt, dass meine Familie in Sicherheit war und es allen gut ging; und dank Nachts Pflege hatte sich der Zustand des Jungen gebessert. Dann hatte er wissen wollen, wie ich herausgefunden hatte, dass Sobek unser Mörder war. Ich erklärte ihm alles.
»Dann haben wir es also geschafft«, meinte er begeistert.
»Leider nicht«, erwiderte ich.
Und nachdem er mir hatte schwören müssen, das Geheimnis niemandem zu verraten, erzählte ich ihm vom Tod des Königs. Das verschlug ihm die Sprache, was ja nicht häufig vorkam.
»Sag was, Kheti. Du gibst doch immer irgendeinen haarsträubend optimistischen Kommentar ab.«
Er schüttelte den Kopf.
»Hierzu fällt mir keiner ein. Das ist eine totale Katastrophe. Ein Desaster.«
»Vielen Dank.«
»Damit meine ich nicht, dass es deine Schuld war. Du hast alles getan, was man von dir verlangt hat. Du hast die Befehle befolgt, die der König dir persönlich gegeben hatte. Nur was wird jetzt aus uns? Es herrscht bereits Unruhe in der Stadt. Keiner weiß, was los ist. Es ist, als stünden die Beiden Länder am Rande des Abgrunds, und wir könnten jeden Moment in die Tiefe stürzen.«
»Es sind düstere Zeiten, Kheti. Aber sei nicht so melodramatisch. Das bringt nichts. Hat es in der Stadt noch weitere Morde wie die an dem Jungen und Neferet gegeben?«
Er schüttelte den Kopf.
»Soweit mir bekannt ist, nicht. Es wurde keiner gemeldet. Es ist überall sehr ruhig geworden. Das mit den Morden hat sich auf der Straße herumgesprochen, und schnell hat man auch in den Etablissements davon erfahren. Die Leute haben Angst bekommen. Vielleicht passen sie einfach besser auf.«
Das verwirrte mich.
»Aber ein Mörder wie dieser braucht ständig neue Opfer. Im Allgemeinen wird die Sehnsucht, wieder zu töten, mit jeder Tat größer. Das wird zu einer unstillbaren Gier. Dass er zwanghaft handelt, wissen wir. Womit befasst er sich also jetzt zwanghaft? Warum hat er mit dem Morden aufgehört?«
Er zuckte mit den Schultern.
»Vielleicht ist er abgetaucht.«
Er deutete mit dem Kopf in Richtung des Hauses.
»Vielleicht ist er da drin. Vielleicht hast du ihn schon so gut wie geschnappt.«
»Beschrei es nicht«, erwiderte ich. »Bei so was werde ich abergläubisch.«
Sobeks Haus befand sich in einer guten Gegend, in einer Straße, in der ein unauffälliges Wohnhaus neben dem anderen stand. Seines unterschied sich in nichts von den anderen. Ich nickte Simut zu. Daraufhin gab er den Wachen, die auf den Dächern postiert waren, ein Zeichen, und sofort sprangen sie lautlos wie Mörder von einem Dach zum nächsten. Auf einen weiteren Handbefehl von ihm gingen die Soldaten, die uns eskortierten, mit Äxten auf die massive Holztür los. Es dauerte nicht lange, und sie hatten sie eingeschlagen. Ein paar Nachbarn, die der plötzliche Tumult aufgeschreckt hatte, tappten in ihren Nachtgewändern nach draußen, wurden aber in entschiedenem Ton angewiesen, zurück in ihre Häuser zu gehen. Ich lief voraus in die Eingangshalle, gefolgt von den Soldaten, die über Handzeichen miteinander kommunizierten, mit den Waffen im Anschlag ausschwärmten und jeden Raum besetzten. Andere kamen über das Dach ins Haus und sicherten die Räume im Obergeschoss. Alle Zimmer waren gleichermaßen uninteressant. Das Haus sah aus, als wohne ein alleinstehender Mann darin, denn die Möbel waren praktisch, die Dekoration war extrem bescheiden, und es fehlte der normale Müll des Alltags. Der Ort wirkte leblos. Im Obergeschoss standen Holzkisten, die brauchbare, aber biedere Kleidung und ein paar nichtssagende, alltägliche Schmuckstücke enthielten. Es war niemand da. Er war mir wieder entwischt. Wir hatten irgendetwas übersehen. Oder doch nicht? Es war, als hätte er gewusst, dass wir kommen würden. Und er hatte keine Spuren hinterlassen. Nur, wie hatte er das wissen können? Bitter enttäuscht ging ich durch die einzelnen Räume, suchte nach irgendetwas, was mich weiterbringen konnte.
Da ertönte plötzlich ein Ruf. Er kam von der Hinterseite des Hauses, von dem Gelände auf der anderen Seite des Innenhofes. Simut und seine Soldaten standen vor einer kleinen Tür, die aussah, als führe sie in einen Lagerraum. Die Seile waren verknotet, und zwar, wie es aussah, zu dem gleichen magischen Knoten, mit dem die Kiste verschnürt gewesen war, die die verwesende Totenmaske enthalten hatte. Auf dem Siegel war ein Zeichen, und das erkannte ich ebenfalls sofort wieder: ein dunkler Kreis. Die zerstörte Sonne. Euphorie machte sich in mir breit. Ich versuchte, ruhig zu bleiben, durchschnitt das Seil mit meinem Messer, um den Knoten und das Siegel nicht zu zerstören, und dann drückte ich die Tür auf.
Im nächsten Moment stach mir eiskalte, stickige Luft in die Nase, die den hohlen Geruch einer Gruft hatte, die nach langer Zeit geöffnet wurde und in der die Finsternis am Ende sogar die Luft erstickt hatte. Kheti reichte mir eine Lampe, und vorsichtig betrat ich den Raum. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass das hier unter Umständen eine Falle war. Ich hielt die Lampe vor mich und versuchte zu erkennen, was sich jenseits des zitternden Lichtkegels befand.
Der Raum schien eine bescheidene Größe zu haben. An der einen Wand befand sich eine lange Arbeitsbank, auf der Tongefäße in verschiedenen Größen standen und ein beeindruckendes Sortiment an chirurgischen Instrumenten lag: Obsidianmesser, spitze Haken, lange Sonden, Schröpfgefäße, Furcht erregende Zangen. Alles lag akkurat nebeneinander. Etwas weiter dahinter standen aufgereiht kleine Glasphiolen mit Stöpseln, und eine jede war mit einem Etikett gekennzeichnet. Eine öffnete ich. Sie schien leer zu sein. Ich nahm sie an mich, um sie bei Tageslicht genauer untersuchen zu können. Weiter unten auf den Regalen standen noch mehr Phiolen. Ich öffnete sie aufs Geratewohl; wie es aussah, enthielten sie eine Vielzahl an Kräutern und Gewürzen. Nur in der letzten war eine Substanz, die ich kannte: das Pulver des Schlafmohns. Weiter hinten auf dem Regal standen noch viele weitere Gläser, und alle enthielten sie die gleiche Substanz: ein beträchtlicher Vorrat. Die Bank war ordentlichst aufgeräumt, alles war äußerst effizient.
Doch als ich einen weiteren Schritt vortrat, spürte ich, wie es unter meinen Sandalen knackte und knirschte. Ich ging mit meiner Lampe in die Hocke und sah, dass der Boden mit Knochen übersät war: mit kleinen Schädeln und Flügeln von Vögeln; mit den Skeletten von Mäusen und Ratten; den Kieferknochen und Läufen von Hunden, Pavianen, Hyänen und Schakalen; und auch mit größeren Knochen, von denen ich fürchtete, dass es sich um menschliche handelte, sowie zertrümmerten Knochensplittern. Es war, als sei ich in ein Massengrab allen Lebens getreten. Ich hielt die Lampe hoch, um tiefer in die Finsternis schauen zu können. Und dort entdeckte ich etwas noch Seltsameres: Von der Decke hingen Schnüre herab, und an denen baumelten zahllose Knochen und Knochenteile und formten die Skelette fremder, unmöglicher Kreaturen, die teils Vogel, teils Hund und teils Mensch waren.
Bemüht, nicht noch auf weitere der sterblichen Überreste zu meinen Füßen zu treten, und von Abscheu erfüllt, weil es sich nicht vermeiden ließ, mit den baumelnden Knochen in Berührung zu kommen, die ich in meinen Haaren wie auch auf meinem Rücken spürte, tastete ich mich weiter vor und erspähte am Ende des Raumes ein großes, niedriges und nur schemenhaft erkennbares Objekt. Als ich näher herankam, sah ich, dass es sich dabei um einen Einbalsamierungstisch handelte. Auf der Bank stand eine kleine Holzkiste. Auf die Wand hinter der Bank hatte man einen großen schwarzen Kreis gemalt. Die zerstörte Sonne. Ich hielt die Lampe dichter daran und entdeckte überall um den Kreis herum diese seltsamen, bestürzenden Zeichen, die ich auch auf dem Innen- und Außenrand des Kistendeckels gefunden hatte: Kurven, Sicheln, Punkte und Striche. Den Kreis selbst hatte man mit Blut beschmiert, mit schwarzem Blut, das zum Teil heruntergelaufen war und lange Linien gebildet hatte. Ich sah mir den Einbalsamierungstisch genauer an. Im Gegensatz zu der Schweinerei an der Wand war dieser pedantisch sauber, und das Gleiche galt für die chirurgischen Instrumente, die aufgereiht an den Wänden hingen. Nur waren es keine Heilinstrumente. Es waren Folterinstrumente. Mit wie vielen Opfern hatte er in diesem Raum experimentiert, während sie um Barmherzigkeit flehten? Um ihr Leben. Oder um die Gnade, sterben zu dürfen.
Die Holzkiste war mit einem Etikett versehen. Darauf stand in ordentlicher Handschrift ein einziges Wort: »Rahotep.« Die Kiste war also Sobeks Geschenk für mich. Mir blieb nichts anderes übrig, als sie zu öffnen. Ich weiß, dass ich das, was ich im nächsten Moment sah, für den Rest meines Lebens sehen werde, jedes Mal, wenn ich einzuschlafen versuche: Augen. Menschliche Augen. Paarweise ausgelegt wie Juwelen auf einem Tablett. Ich dachte an Neferet und an die beiden Jungen. Allen hatten die Augen gefehlt. Und hier war eine Kiste voller fragender, verschreckter Augen, die mich anstarrten wie ein winziges Publikum, das mir größte Aufmerksamkeit schenkte.
Ich schloss die Kiste und übergab die Augen wieder der Dunkelheit. Er verhöhnte mich mit diesem Geschenk. Er hatte mich hereingelegt. Er wusste, dass ich in Erfahrung bringen würde, wo er wohnte. Er wusste, dass ich immer noch nicht begriffen hatte, was er tat. Die Augen waren wie Zeichen – er beobachtete mich. Und wenn er mich beobachtete, was wusste er dann sonst noch? Mit einem Mal schnürte mir die Furcht die Kehle zu: Vielleicht wusste er von meiner Familie – er hatte sie schließlich bei der Party auf dem Dach von Nachts Stadthaus gesehen. Ich musste sie beschützen. Sofort wollte ich Kheti losschicken, damit er eine sichere Bewachung organisierte. Aber da kam mir schon der nächste Gedanke: Wie war er dahintergekommen, dass ich von seiner Beziehung zu Mutnedjmet wusste? Und der nächste Gedanke schoss gleich hinterher: Wir hatten nicht dafür gesorgt, dass Mutnedjmet bewacht wurde.
Kaum dass das Boot im Hafen des Malqata-Palastes angelegt hatte, stürmten Simut und ich durch die bewachten Eingangstüren und rannten die langen Korridore hinunter. Verzweifelt versuchte ich mich zu erinnern, wie man zu Mutnedjmets Gemächern gelangte, aber das düstere Labyrinth des Palastes verwirrte mich nur.
»Bring mich zu Khays Dienstzimmer!«
Simut nickte, und wir rannten weiter. Ich machte mir gar nicht erst die Mühe, an die Tür zu klopfen, sondern stürmte gleich hinein. Khay schlief tief und fest, lag schnarchend auf seiner Liege, den Kopf im Nacken, die Kleider noch am Leib, der Weinkelch leer. Brutal schüttelte ich ihn, und er schreckte hoch wie ein Mann, der nach einem Unfall das Bewusstsein wiedererlangt, und starrte uns beide mit wildem Blick an.
»Bringt uns zu Mutnedjmets Gemächern! Sofort!«
Verdutzt sah er mich an, aber ich packte ihn, riss ihn auf die Füße und schob ihn gewaltsam durch die Tür. »Nehmt Eure Hände von mir!«, tönte er mit quengeliger Stimme. »Ich bin durchaus in der Lage, ohne Hilfe zu gehen.«
Er stolperte los und versuchte, seinem Erscheinungsbild wieder so etwas wie Würde zu verleihen.
Die Türen zu Mutnedjmets Gemächern waren geschlossen, und die Seile waren verknotet und versiegelt. Als wir darauf zugingen, spürte ich ein leichtes Knirschen unter meinen Füßen. Verwirrt ging ich in die Hocke, und im nächsten Moment sah ich im Schein unserer Lampen etwas glitzern. Ich fuhr mit der Fingerspitze darüber und rieb mir dann damit über die Lippen. Natronsalz. Vermutlich war es aus einem Sack gerieselt, den jemand in die Gemächer getragen hatte. Aber warum tat man so was?
Ich brach die Siegel auf, und vorsichtig traten wir ein. In den Räumen war es totenstill und finster. Von den Zwillingen fehlte jede Spur. Ich hielt die Lampe hoch und lief durch den Korridor, der in den Salon führte. Doch als ich an den Vorratsräumen vorbeiging, sah ich, dass etwas nicht stimmte. Der Inhalt zweier großer Vorratskrüge – der eine war voller Korn, der andere voller Mehl gewesen – war auf dem Fußboden zu ordentlichen Haufen aufgeschüttet worden. Simut sah mich an. Vorsichtig hob ich den Deckel von einem der beiden Krüge. Darin saß eine gutangezogene kleine Gestalt bis zur Brust in ihrem eigenen Blut. Als ich genauer hinschaute, sah ich den Griff seines juwelenbesetzten Dolches, den man dem Zwerg ins Herz gerammt hatte. Den kleinen Hinterkopf hatte man ihm ebenfalls eingeschlagen. Ich öffnete den anderen Krug. Das gleiche Bild.
Wir betraten den Salon. Dort hatte ein Kampf stattgefunden. Möbel waren umgeworfen worden. Kelche lagen zerschmettert auf dem Fußboden. Und auf einer niedrigen, vergoldeten Bank lag ein dunkles, graues Häufchen. Ganz vorsichtig schaufelte ich händeweise das Salz herunter. Mutnedjmets Augenhöhlen starrten mich an, weiß und leer; ihr hageres Gesicht, das von den Salzkristallen glitzerte, war dermaßen ausgedörrt und faltig, dass es den Anschein hatte, die Zeit habe es von einem Augenblick zum anderen ausgesaugt. Die Lippen waren verschrumpelt und weiß, und der offene Mund war so trocken wie ein Leinentuch, das man in die Mittagssonne gelegt hat.
»Was ist mit ihr passiert?«, wisperte Simut.
»Das Natron hat ihr sämtliche Flüssigkeit aus dem Körper gezogen. Ihre inneren Organe dürften sich inzwischen in einen dunkelbraunen Brei verwandelt haben.«
»Sie hat also noch gelebt, als er ihr das da angetan hat?« Angesichts einer derart ausgeklügelten Barbarei konnte der Soldat nur den Kopf schütteln.
»Auf diese Weise zu sterben muss lange gedauert haben. Sie muss vor Durst fast wahnsinnig geworden sein. Und das ist es, was ihn fasziniert. Menschen ganz genau dabei zu beobachten, wie sie leiden und sterben. Ich bin mir allerdings sicher, dass er das nicht nur tut, weil es ihm Vergnügen bereitet, ihren Qualen beizuwohnen. Der Schmerz ist nur ein Teil des Gesamtprozesses, nicht dessen Ziel. Erreichen will er etwas anderes. Etwas Originelleres.«
»Aber was?«, fragte Simut.
Ich starrte auf die arme Frau ohne Augen. Das war die entscheidende Frage.
Als wir wieder zurück durch die Gänge liefen, erinnerte ich mich plötzlich an die kleine Glasphiole, die ich in Sobeks Laboratorium gefunden hatte. Ich öffnete sie, aber obwohl sie mit dem Stöpsel verschlossen und das Datum so sorgfältig darauf vermerkt war, schien sie leer zu sein. Nur am Boden entdeckte ich kleine Rückstände einer glitzernden weißen Substanz. Ich tupfte mir ein wenig davon auf den Finger und leckte es vorsichtig ab. Wieder Salz, aber kein Natronsalz. Eine andere Art von Salz. Es schmeckte vertraut. Ich wusste nur nicht, woher ich den Geschmack kannte.
Haremhabs prachtvolles Staatsschiff, die Glorie von Memphis, ankerte inzwischen auf den stillen Wassern des Sees. Dräuend erhob es sich über seinem schimmernden Spiegelbild und sah aus wie eine gefährliche Waffe. Besonderen Schutz gewährte dem Schiff das Horusauge, das in gleichmäßigen Abständen auf den gesamten Rumpf gemalt war. Zwischen den einzelnen Augen befanden sich andere Bildnisse wie der Widderkopf des Amun, geflügelte Falken und Darstellungen des Königs, der mit den Füßen seine Feinde zertrampelte. Über die Gucklöcher an den Seiten schritt in kühner Haltung Month, der Gott des Krieges und Beschützer der Waffen; und die Decksaufbauten waren mit bunten Kreisen bemalt. Selbst die einzelnen Ruderblätter zierte das Horusauge. Noch bedrohlicher wurde der Anblick durch die Leichen der sieben hethitischen Soldaten, die man an den Füßen aufgehängt hatte, sodass sie sich langsam in der Morgensonne drehten, während sie in deren Licht verwesten.
»Meinst du, er hat sich schon blicken lassen?«, fragte ich Simut, der neben mir stand und mit mir dieses einschüchternde Schiff begutachtete.
»Nein. Ihm wird daran gelegen sein, seinen großen Auftritt im Palast bestmöglich zu nutzen.«
»Kennst du ihn persönlich?«, wollte ich wissen.
Simut starrte auf das Schiff.
»Ich war in Memphis Kadett, als er bereits Stellvertretender Kommandeur des Nördlichen Heeres war. Ich erinnere mich, dass er mal kam, um eine Rede zu halten. Bei einem privaten Fest für Offiziere der Ptah-Division, von denen man annahm, dass sie Karriere machen würden. Damals hatte er bereits in die königliche Familie eingeheiratet. Jeder wusste, dass er in Bälde General werden würde, und man behandelte ihn fast so, als sei er der König. Seine Ansprache war interessant. Er sagte, die Amunpriester hätten eine tiefgreifende Schwäche: Ihr Tun sei darauf ausgerichtet, Reichtümer anzuhäufen, und seiner Meinung nach konnte die Sehnsucht nach Reichtum in den Menschen nie befriedigt werden, sondern wurde immer größer und endete schließlich in Dekadenz und Korruption. Wie er argumentierte, entstand dadurch sowohl logischerweise als auch unvermeidlicherweise ein Kreislauf, der zu Instabilität in den Beiden Ländern führte, die uns unseren Feinden gegenüber verwundbar machen würde. Er sagte, die Armee habe die heilige Pflicht, diesen Kreislauf zu durchbrechen, indem sie für Ordnung sorge. Das Recht dazu könne sie sich aber nur erhalten, wenn sie ethisch und moralisch unantastbar bliebe.«
»Wenn Menschen von ethischer und moralischer Unantastbarkeit sprechen, meinen sie damit, dass sie ihre Unsittlichkeit und Amoral unter dem Deckmäntelchen der Tugend verbergen«, erwiderte ich.
Simut sah mich an.
»Für einen Medjai kannst du dich gut ausdrücken.«
»Ich weiß, wovon ich rede«, antwortete ich. »Menschen sind nicht in der Lage, sich absolut ethisch und moralisch zu verhalten. Und das ist gut so, denn wenn sie es wären, wären sie meines Erachtens nicht mehr menschlich.«
Knurrend starrte Simut auf das großartige Schiff im Hafen.
»Er hat auch etwas über die königliche Familie gesagt, was ich nie vergessen habe«, sprach er schließlich weiter. »Er sagte, für sie habe Priorität, den Fortbestand ihrer Dynastie als Stellvertreter der Götter auf Erden zu sichern. Und das wäre selbstverständlich in Ordnung, solange es mit den Interessen der Beiden Länder vereinbar sei. Er sagte aber, wenn es Unstimmigkeiten oder Aufruhr gäbe oder wenn die königliche Familie bei ihren göttlichen Pflichten versage, sollten die Beiden Länder ihren eigenen Bedürfnissen und Wertvorstellungen Priorität geben. Nicht denen der königlichen Familie. Und deshalb habe ausschließlich die Armee, die weder nach persönlicher Macht noch nach persönlichem Reichtum strebe, sondern lediglich die Ordnung in der Welt erhalten wolle, die heilige Pflicht, ihre Herrschaft zum Wohle des Überlebens der Beiden Länder zu erzwingen.«
»Und was meinte er deiner Ansicht nach mit ›Unstimmigkeiten oder Aufruhr‹?«, hakte ich nach.
»Er deutete auf die Gefahren hin, die damit einhergehen, dass ein König die Kronen erbt, der viel zu jung ist, um in irgendeiner Form sinnvoll regieren zu können, und es unter der Schirmherrschaft eines Regenten tun muss, dessen Interessen undurchsichtig sind. Ich glaube aber, dass er unterschwellig etwas anderes meinte.«
Er senkte die Stimme.
»Ich glaube, er spielte darauf an, dass innerhalb der Familie nach wie vor Aton verehrt wurde. Der verbannte Gott des Vaters. Es war noch jedem in bester Erinnerung, dass diese gefährliche Religion schon einmal entsetzliches Chaos angerichtet hatte, und man durfte nicht zulassen, dass sie noch einmal hochkam. Er spielte darauf an, dass die Armee es nicht tolerieren würde, falls es Anzeichen gab, dass sie ins öffentliche Leben zurückkehrte.«
»Ich glaube, das siehst du richtig. Und das ist auch Anchesenamuns Schwäche. Denn für sie ist es ebenso schwierig, wie es für ihren Gemahl schwierig war, sich nicht nur von den Misserfolgen ihres Vaters zu distanzieren, sondern auch von der Wurzel allen Übels: der verbotenen Religion.«
Anchesenamun war von ihren Kammerzofen umringt, die sie für den offiziellen Empfang herrichteten. Die schweren Düfte von Parfums und Ölen wehten durch die Stille. Kleine goldene Tiegel sowie blaue und gelbe Glasbehälter standen geöffnet vor ihr. Sie hielt einen Fisch in den Händen, der aus blauem und gelbem Glas gefertigt war, und goss einen intensiv duftenden Extrakt aus seinen gespitzten Lippen.
»Haremhab hat um eine Audienz ersucht«, begrüßte sie mich. »Heute Mittag.«
»Wie wir erwartet haben.«
Sie sah mich kurz an und schaute dann wieder in den polierten Kupferspiegel und widmete sich weiter der eingehenden Betrachtung ihres Erscheinungsbildes. Sie trug eine kunstvoll gearbeitete Perücke aus kurzem, dicht gelocktem Haar und ein Gewand aus feinstem, mit Goldfäden besticktem, plissiertem Leinen, das unter ihrer rechten Brust verknotet war, was ihre Figur betonte. Ihre Arme waren geschmückt mit Armreifen und sich windenden Kobras aus Gold. An ihrem Hals hingen an Goldfäden, die so dünn waren, dass man sie fast nicht sehen konnte, mehrere Anhänger, und auf ihrer Brust lag ein aufwendig gearbeitetes goldenes Amulett, das Nechbet zeigte, die Göttin mit der Geierhaube, die die Symbole der Ewigkeit hielt und schützend ihre blauen Flügel ausbreitete. Als Nächstes legten ihre Zofen ihr ein beeindruckendes Kleidungsstück um die Schultern, einen Schal, der aus vielen kleinen Goldscheiben gefertigt war. Sie drehte sich damit im Kreis und glitzerte im Licht der Kerzen umwerfend. Dann ließen ihre Zofen sie in ihre Sandalen schlüpfen – einen Traum aus Riemchen, die aus feinstem Gold gefertigt und mit kleinen goldenen Blumen verziert waren. Und schließlich wurde ihr die hohe Krone auf den Kopf gesetzt und mit einem Goldband gesichert, das die schützenden Kobras schmückten. Als ich sie das letzte Mal in den königlichen Gewändern gesehen hatte, hatte sie ängstlich gewirkt. Heute wirkte sie in höchstem Maße majestätisch.
Sie drehte den Kopf zu mir.
»Wie sehe ich aus?«
»Ihr seht aus wie die Königin der Beiden Länder.«
Sie lächelte zufrieden. Dann schaute sie auf den glitzernden Schal, der um ihre Schultern geschlungen war.
»Er hat meiner Mutter gehört. Ich hoffe, dass mich ein Hauch von ihrem großartigen Geist beschützen wird.«
Im nächsten Moment fiel ihr auf, welch düsterer Stimmung ich war, und sie sah mich wieder an.
»Es ist etwas passiert, nicht wahr?«, fragte sie plötzlich.
Ich nickte. Sie verstand und schickte ihre Zofen hinaus. Als wir allein waren, überbrachte ich ihr die Nachricht vom Tode Mutnedjmets. Ganz ruhig saß sie da, und die Tränen rannen ihr über die Wangen und verschmierten das Make-up aus Kajal und Malachit, das man gerade erst so sorgfältig aufgetragen hatte. Immer und immer wieder schüttelte sie den Kopf.
»Ich habe sie im Stich gelassen. Wie konnte das passieren? Hier im Palast? Während ich hier geschlafen habe?«
»Sobek ist sehr klug.«
»Aber Eje und Haremhab sind genauso für ihren Tod verantwortlich wie dieser bösartige, abscheuliche Mann. Sie haben sie eingesperrt und in den Wahnsinn getrieben. Und sie war die Letzte meiner Familie. Jetzt bin ich ganz allein. Schau mich an.«
Sie blickte auf ihre königlichen Gewänder.
»Ich bin nichts weiter als eine Puppe, der man diese Gewänder anzieht.«
»Nein, Ihr seid wesentlich mehr. Ihr seid die Hoffnung der Beiden Länder. Ihr seid unsere einzige Hoffnung. Ohne Euch ist die Zukunft düster. Haltet Euch das immer vor Augen.«
Tausend Menschen verstummten und verneigten sich tief, als die Königin den Saal betrat. Die Empfangshalle des Palastes war für Haremhabs Besuch üppig geschmückt worden. In kupfernen Schalen brannte Weihrauch. Überall standen Vasen mit riesigen und aufwendigen Blumenbouquets. Die Palastwachen säumten den Weg zum Thron. Mir fiel auf, dass Eje nicht anwesend war. Die Königin erklomm das Podest, sah zu ihren Ministern und setzte sich. Und dann warteten wir, in einer Stille, die wir länger erdulden mussten, als irgendeiner von uns erwartet hatte. Der General verspätete sich. Die Tropflaute der Wasseruhr maßen nicht nur die Zeit, die verging, sondern auch die Demütigung, die durch sein Nichterscheinen immer größer wurde. Ich blickte auf die Königin. Sie kannte dieses Spielchen und bewahrte die Fassung. Und dann, endlich, hörten wir seine Militärfanfare, und bereits im nächsten Augenblick durchquerte er, gefolgt von seinen Offizieren, mit großen Schritten die Halle. Vor dem Thron blieb er stehen und starrte die Königin überheblich an. Erst dann neigte er den Kopf. Sie blieb sitzen. Das Podest schenkte ihr einen Höhenvorteil über den General.
»Schaut auf«, erklärte sie ruhig.
Er tat es. Sie wartete darauf, dass er sprach.
»Leben, Wohlstand und Gesundheit. Jeder in den Beiden Ländern weiß um meine Loyalität. Ich lege sie zusammen mit meinem Leben zu Euren königlichen Füßen.«
Seine Worte schallten durch die Halle, in der eintausend vornehme Ohrenpaare auf jede Nuance lauschten.
»Wir vertrauen schon lange auf Eure Loyalität. Sie bedeutet uns mehr als Gold.«
»Es ist meine Loyalität, die mir heute den Mut gibt«, erwiderte er ominös.
»Dann sprecht, General.«
Er sah sie an, und im nächsten Moment richtete er das Wort an alle, die sich in der Halle versammelt hatten.
»Was ich sagen möchte, ist ausschließlich für die Ohren der Königin bestimmt und ließe sich in einem intimeren Umfeld besser zur Sprache bringen.«
Sie neigte den Kopf.
»Unsere Minister sind ein Teil von uns. Was könnte es zu besprechen geben, was sie nicht hören dürfen?«
Er lächelte.
»Angelegenheiten, die nicht mit dem Staat, sondern mit dem Menschen zu tun haben.«
Eindringlich sah sie ihn an. Dann erhob sie sich und forderte ihn auf, sie in einen angrenzenden Vorraum zu begleiten. Er folgte ihr, und das Gleiche tat ich. Er wollte mich erbost angehen, aber sie erklärte mit fester Stimme:
»Rahotep ist meine persönliche Leibwache. Er begleitet mich immer und überall. Und ich verbürge mich für seine Integrität und seine Verschwiegenheit.«
So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu fügen.
Ich stand wie ein Wachsoldat neben der Tür. Sie saßen einander gegenüber auf Liegen. In dieser eher häuslichen Umgebung wirkte er auf nahezu drollige Weise wie ein Fremdkörper, ganz so, als würden Wände und Kissen nicht zu ihm passen. Es wurde Wein eingeschenkt, und dann entfernten sich die Diener. Sie spielte das Spiel des Schweigens und wartete darauf, dass er den ersten Zug machte.
»Ich weiß, dass der König tot ist. Ich spreche Euch mein aufrichtiges Beileid aus.«
Er beobachtete aufmerksam, wie sie auf seine Worte reagierte.
»Wir danken Euch für Euer Beileid. Wie wir Euch auch für Eure Loyalität danken. Und wir sprechen Euch unsererseits unser Beileid aus zum entsetzlichen und viel zu frühen Tod Eurer Gemahlin, meiner Tante.«
Er reagierte weder erstaunt noch traurig auf diese Neuigkeit, sondern nickte nur.
»Diese Nachricht erfüllt mich mit Trauer«, erwiderte er und fügte, wie es sich gehörte, allerdings mit einer gehörigen Portion Ironie, hinzu: »Doch möge ihr Name auf ewig weiterleben.« Anchesenamun war dermaßen angewidert von seiner Eitelkeit und Verderbtheit, dass sie den Kopf abwandte.
»Gab es da noch etwas, was der General gern sagen wollte?«
Er verzog den Mund zu einem schwachen Lächeln.
»Ich habe einen simplen Vorschlag zu unterbreiten, und da es sich dabei um eine delikate Angelegenheit handelt, hielt ich es für richtiger, das persönlich und in einem privaten Umfeld zu tun. Um mehr Zartgefühl zu beweisen. Immerhin seid Ihr die trauernde Witwe eines großen Königs.«
»Sein Tod hat uns alle eines großen Mannes beraubt«, antwortete sie.
»Nichtsdestotrotz muss unsere persönliche Trauer hinter dringenderen Erwägungen zurückstehen.«
»Seht Ihr das so?«
»Es steht jetzt viel auf dem Spiel, Madame. Ich bin überzeugt, dass Ihr Euch dessen bewusst seid.«
Seine Augen funkelten. Ich sah, welch großes Vergnügen es ihm bereitete, sich wie ein bewaffneter Jäger an sein ahnungsloses Opfer heranzuschleichen.
»Ich bin mir der komplexen Gefahren, der die Beiden Länder in diesem Augenblick des Wandels ausgesetzt sind, vollauf bewusst.«
Er lächelte und hob die Hände, als wolle er ihr etwas offerieren.
»Dann können wir uns offen unterhalten. Ich bin überzeugt, dass uns beiden das Wohl der Beiden Länder am Herzen liegt. Und deshalb bin ich hier: um Euch ein Angebot zu machen. Oder vielleicht besser gesagt, um Euch einen Vorschlag zu unterbreiten.«
»Und der ist?«
»Ich biete Euch ein Bündnis an. Die Ehe.«
Sie tat so, als überrasche sie das.
»Die Ehe? Meine Trauerzeit hat gerade erst begonnen, und Eure eigene Gemahlin ist auch erst vor Kurzem gestorben. Und da sprecht Ihr schon von Ehe? Wie könnt Ihr nur so unsensibel sein? Menschen, die ehrliche Trauer empfinden, haben gewisse Rechte, und Menschen, die nur so tun, als würden sie trauern, müssen zumindest ein gewisses Maß an Anstand wahren.«
»Meine Trauer geht nur mich allein etwas an. Wir können diese Dinge ruhig jetzt schon besprechen, damit Ihr Zeit habt, sie Euch in Ruhe zu überlegen. Und zu gegebener Zeit die richtige Entscheidung zu treffen.«
»Ihr sprecht, als gäbe es nur eine mögliche Antwort.«
»Was aus mir spricht, ist die Leidenschaft, die ich empfinde«, erwiderte er, ohne dabei das Gesicht zu verziehen, »aber ich bin von ganzem Herzen überzeugt, dass es wirklich so ist.«
Sie sah ihn an.
»Ich habe Euch meinerseits einen Vorschlag zu unterbreiten.«
Misstrauisch sah er sie an.
»Und worum geht es dabei?«
»In schwierigen Momenten wie diesem ist man der großen Versuchung ausgesetzt, aus politischen Gründen Bündnisse einzugehen. Viele davon sind äußerst verlockend. Nur bin ich die Tochter von Königen, die dieses Reich zur größten Macht gemacht haben, die unsere Welt je gesehen hat. Mein Großvater hatte die Vision, diesen Palast und viele der Monumente dieser großen Stadt erbauen zu lassen. Ein anderer meiner Vorfahren, der große Thutmosis III., hat aus der Armee der Beiden Länder das beste Heer gemacht, das es je gegeben hat. Ein Heer, das Ihr jetzt zu großartigen Triumphen führt. Wie sollte ich die Macht, die mein Blut und mein Herz geerbt haben, also besser und verantwortlicher repräsentieren als dadurch, in Thutmosis’ Namen zu regieren und darauf zu vertrauen, dass ich auf die Unterstützung meiner treuen Offiziere zählen kann?«
Er lauschte, ohne eine Regung zu zeigen, dann stand er auf.
»Ein Name ist eine schöne Sache. Eine Dynastie ist eine schöne Sache. Allerdings ist das Königreich kein Spielzeug. Es besteht nicht nur aus Prunk und Palästen. Es ist eine grobschlächtige, schmutzige und kraftvolle Bestie. Und die muss mit nackter Willenskraft einer Autorität unterworfen werden, die sich nicht davor fürchtet, im Notfall all ihre Stärke unter Beweis zu stellen, um Macht auszuüben – gleichgültig, wie hoch der Preis ist. Und das ist Männersache.«
»Ich bin eine Frau, aber mein Herz ist zu dem gleichen Zorn und der gleichen Autorität fähig wie das Herz jedes Mannes. Glaubt es mir.«
»Vielleicht seid Ihr wirklich die Tochter Eurer Mutter. Vielleicht habt Ihr den Willen und die Courage, Eure Feinde einfach totzuschlagen.«
Sie musterte ihn.
»Unterschätzt mich nicht. Ich bin eine Frau, aber gelernt habe ich in der Welt der Männer. Ihr dürft versichert sein, dass ich Euer Angebot besonnen und genau erwägen werde.«
»Wir müssen Eure Erwägungen und die Möglichkeiten, die ich Euch offeriere, noch detaillierter besprechen. Ich stehe Euch jederzeit zur Verfügung. Ich habe nicht die Absicht, diese Stadt zu verlassen, solange die Situation nicht geklärt ist – zu unser beider Zufriedenheit. Ich bin als Privatmann hier, zugleich aber auch als Oberbefehlshaber des Heeres der Beiden Länder. Ich habe meinen Pflichten nachzukommen und werde das mit aller Härte und Präzision tun, wie mein Beruf es mir gebietet.«
Dann verneigte er sich, drehte sich um und entschwand.
So schnell ich konnte, arbeitete ich mich durch den Lärm und das Chaos der überfüllten Straßen auf Nachts Haus zu. Die Luft flirrte vor Helligkeit. Die Rufe der Straßenverkäufer und Mauleseltreiber ärgerten mich ebenso wie die Schreie der überall herumtollenden Kinder. Alle standen sie mir im Weg, ihretwegen kam ich nicht schnell genug voran. In meinem Hirn ging es zu, als würde dort jemand mit einem Messer auf Fliegen einstechen. Alles, was geschehen war, seit ich das letzte Mal hier gewesen war, kam mir vor wie ein seltsam hohler Traum, aus dem ich immer noch nicht wieder erwacht war. Sobek war irgendwo, und trotzdem war ich nicht in der Lage, ihn aufzuspüren. Wie konnte mir das gelingen? Ich musste an den Ort zurückkehren, an dem ich ihm zum ersten Mal begegnet war, und zu dem Menschen, der uns miteinander bekannt gemacht hatte.
Ich klopfte an die Tür. Vorsichtig wurde sie von Nachts Diener Minmose geöffnet. Es befriedigte mich sehr zu sehen, dass hinter ihm zwei Medjai mit gezogenen Waffen standen.
»Oh, Ihr seid es, Herr. Ich hatte gehofft, dass Ihr es seid.«
Ich betrat das Haus, wies mich den Wachen gegenüber aus, und Minmose erklärte mir, sein Herr sei auf dem Dach. Ich stieg die breiten Holzstufen hinauf und trat einmal mehr auf die elegante offene Terrasse. Mein alter Freund hatte es sich unter dem bestickten Sonnensegel bequem gemacht, erfreute sich an der leichten Brise aus dem Norden und brütete über einer Schriftrolle, genoss also den Luxus von Freizeit, von der ich in meiner Welt der Politik, der Machtkämpfe und der Verstümmelungen schon gar nicht mehr wusste, dass es sie gab. Beglückt, mich zu sehen, stand er auf.
»Du bist zurück! Die Tage sind so schnell vergangen, und ich dachte mir, inzwischen ist er bestimmt zurück, aber ich hörte nichts und –«
Er sah meinen Gesichtsausdruck und brach seine Begrüßungsrede mitten im Satz ab.
»Um Himmels willen«, stieß er besorgt hervor. »Was ist passiert?«
Wir setzten uns in den Schatten, und ich erzählte ihm, was sich zugetragen hatte. Da es ihm nicht möglich war, dabei still sitzen zu bleiben, stand er gleich wieder auf und begann, mit im Rücken verschränkten Armen um mich herumzutigern. Erst als ich vom Unfall des Königs und von seinem Tod erzählte, blieb er plötzlich wie versteinert stehen.
»Durch seinen Tod ist alles in Gefahr geraten, die gesamte Ordnung, die große Dynastie. Wir verfügen seit Jahrhunderten über Wohlstand und Stabilität, und jetzt ist das plötzlich alles in Gefahr. Das eröffnet anderen Wege, die Macht an sich zu reißen, Haremhab natürlich …«
Daraufhin erzählte ich ihm vom Auftritt des Generals im Palast.
Kopfschüttelnd setzte Nacht sich wieder hin und sah auf einmal so verunsichert und ängstlich aus, wie ich es noch nie zuvor bei ihm erlebt hatte.
»Wenn keine friedliche Einigung erwirkt wird, gibt es in den Beiden Ländern einen Bürgerkrieg«, murmelte er.
»Die Lage ist in der Tat katastrophal. Doch ist es möglich, dass Anchesenamun ihren Status und ihr Prestige dazu nutzt, genau das zu tun, was du sagst, eine friedliche Einigung zu erwirken.«
»Ja, sowohl Eje als auch Haremhab würden von einer Verbindung mit ihr profitieren«, sinnierte er.
»Nur so groß dieses Problem auch ist, in all seiner Tragweite«, sagte ich, »das, mein Freund, ist nicht der Grund, warum ich hier bin.«
»Ach du liebe Güte!«, meinte er ängstlich. »Was könnte denn noch schlimmer sein?«
»Zunächst einmal: Wie geht es dem Jungen?«
»Er erholt sich langsam.«
»Kann er schon sprechen?«, fragte ich.
»Ich fürchte, mein Freund, dafür ist es noch ein bisschen zu früh. Er hat aber gut auf die Behandlung angesprochen und war inzwischen in der Lage, ein paar Worte zu sagen. Er hat nach seiner Familie gefragt und nach seinen Augen. Er will wissen, was mit seinen Augen passiert ist. Außerdem hat er gesagt, ein guter Geist habe in der Finsternis seines Leidens zu ihm gesprochen. Ein Mann mit einer freundlichen Stimme.«
Ich nickte und versuchte nicht zu zeigen, wie sehr mich diese letzte Bemerkung berührte.
»Nun, das sind ja mal gute Neuigkeiten.«
»Du hast mir aber immer noch nicht gesagt, warum du hier bist. Und das macht mir ein bisschen Angst«, sagte er.
»Ich glaube, ich bin dahintergekommen, wie der Mann heißt, der die Objekte in den Malqata-Palast eingeschmuggelt hat. Der Mann, der das Leben und die Seele des Königs bedroht hat.«
Erfreut beugte Nacht sich vor.
»Ich wusste, dass du das schaffst.«
»Des Weiteren glaube ich, dass derselbe Mann sich auf so grausame Weise an dem Jungen und an dem toten Mädchen vergangen hat sowie an dem anderen toten Jungen.«
Jetzt machte Nacht einen bestürzten Eindruck.
»Derselbe Mann?«
Ich nickte.
»Und wer ist dieses hinterhältige Untier?«
»Ich werde es dir sagen, aber lass mich vorher bitte mit dem Jungen reden.«
Als der Junge zwei Paar Sandalen hörte, begann er, panisch zu wimmern.
»Hab keine Angst«, sagte Nacht mit sanfter Stimme. »Ich habe einen Herrn mitgebracht, der einer meiner ältesten Freunde ist und dich besuchen möchte.«
Der Junge entspannte sich. Ich setzte mich neben ihn. Er lag auf einem flachen Bett in einem angenehm kühlen Raum. Der größte Teil seines Körpers war nach wie vor bandagiert, und ein weiterer Verband war um seinen Kopf gewunden, um die entstellten Augenhöhlen zu verbergen. Die Einstichstellen, an denen man das Gesicht des Mädchens auf seines genäht hatte, waren inzwischen verheilt und hatten winzig kleine Narben hinterlassen, die aussahen wie Sterne. Der Anblick rührte mich so sehr, dass ich hätte weinen können.
»Mein Name ist Rahotep. Erinnerst du dich an mich?«
Er drehte den Kopf in meine Richtung und lauschte dem Klang meiner Stimme wie ein intelligenter Vogel, der über ein entferntes Verständnis der menschlichen Sprache verfügt. Und dann legte sich ein dankbares Lächeln auf seine Lippen.
Ich sah Nacht an, der aufmunternd nickte.
»Ich bin froh, dass es dir gut geht. Ich möchte dir gern ein paar Fragen stellen. Ich muss dich zu dem befragen, was passiert ist. Wäre das in Ordnung?«
Er hörte auf zu lächeln. Aber schließlich nickte er, allerdings nur zaghaft. Dadurch kam mir eine Idee.
»Wir werden Folgendes tun«, sagte ich zu ihm. »Ich werde dir eine Frage stellen, und du kannst dann entweder mit ja antworten, indem du mit dem Kopf nickst, oder aber du beantwortest sie mit nein, indem du den Kopf schüttelst. Kannst du das für mich tun?«
Langsam nickte er.
»Der Mann, der dir wehgetan hat: Hatte er kurzes, graues Haar?«
Der Junge nickte.
»War es ein älterer Mann?«
Wieder nickte er.
»Hat er dir etwas zu trinken gegeben?«
Der Junge zögerte einen Moment, dann nickte er.
Und nun fragte ich ihn, und dabei begann mein Herz, schneller und schneller zu schlagen:
»Hatten seine Augen eine irgendwie grau-blaue Farbe? Wie Steine in einem Fluss?«
Der Junge begann zu zittern. Er nickte, erst einmal, dann ein zweites Mal und dann immer und immer wieder. Er nickte und nickte und nickte und holte überhaupt nicht mehr Luft, als sei er vor lauter Angst vor der Erinnerung an diese eisigen Augen plötzlich dem Wahnsinn verfallen.
Nacht versuchte, den Jungen zu beruhigen, und legte ihm einen kühlen, feuchten Lappen auf die Stirn. Irgendwann hörte die Panikattacke auf. Ich wünschte, ich hätte ihm diese Qual ersparen können.
»Es tut mir leid, mein Freund, dass ich dich bitten musste, dich an solche Dinge zu erinnern. Aber du hast mir enorm geholfen. Ich werde dich nicht vergessen. Ich weiß, dass du mich nicht sehen kannst, aber ich bin dein Freund. Und ich gebe dir hier ein Versprechen. Niemand wird dir jemals wieder etwas zuleide tun. Darauf gebe ich dir mein Wort. Vertraust du mir?«, fragte ich ihn.
Und dann wartete ich, bis er schließlich langsam, misstrauisch und nur sehr zaghaft nickte.
Kaum dass wir wieder draußen waren, stellte Nacht mich zur Rede.
»Was war das denn?«
»Jetzt kann ich dir den Namen des Mannes nennen, der all diese Dinge verbrochen hat«, erwiderte ich. »Aber mach dich auf eine böse Überraschung gefasst. Du kennst ihn nämlich.«
»Ich?«, entgegnete Nacht, sowohl verwundert als auch mit einer gewissen Wut.
»Er heißt Sobek.«
Starr wie eine Statue und mit albern offenstehendem Mund stand mein alter Freund da.
»Sobek?«, wiederholte er ungläubig. »Sobek …?«
»Er war früher mal Ejes Leibarzt. Eje hat ihn rausgeschmissen und einen neuen eingestellt. Sobek hat er eine andere, weniger wichtige Aufgabe zugeteilt. Die geisteskranke Mutnedjmet zu versorgen. Nur hat er die auf sehr persönliche Weise versorgt. Er hat eine Opiumsüchtige aus ihr gemacht, und am Ende hat sie alles für ihn getan, was er wollte. Jetzt ist sie ebenfalls tot.«
Langsam sank er auf die nächstgelegene Bank, als habe das Übermaß an Informationen ihn völlig erschöpft.
»Du hast ihn also gefasst?«, fragte er.
»Nein. Ich habe keine Ahnung, wo er sich aufhält oder wo er als Nächstes zuschlagen wird. Und ich brauche deine Hilfe.«
Aber Nacht starrte weiter entsetzt vor sich hin.
»Was ist los?«, fuhr ich ihn an.
»Nun ja, er ist ein Freund. Das ist ein großer Schock für mich.«
»Bestimmt ist es das. Und du hast mich mit diesem Mann bekannt gemacht, auf dieser Terrasse hier. Damit hast du dich in keinster Weise schuldig oder gar zu einem Komplizen gemacht. Es bedeutet jedoch, dass du mir helfen kannst, ihn zu schnappen.«
Er schaute weg.
»Mein Freund, warum habe ich plötzlich das Gefühl, dass es da – wieder mal – etwas gibt, was du mir nicht sagst? Ein weiteres deiner Geheimnisse?«
Er antwortete mir nicht.
»Du musst mir meine Fragen klar verständlich und in vollem Umfang beantworten. Falls du dich weigerst, werde ich Zwangsmaßnahmen ergreifen müssen. Für Spielchen ist das Ganze hier zu wichtig, und dafür ist auch keine Zeit mehr.«
Er war verwundert über meinen Ton. Wir starrten einander an. Er sah, dass es mir ernst war mit dem, was ich gesagt hatte.
»Wir sind beide Mitglieder eines Geheimbundes.«
»Was für eine Art von Geheimbund?«
Nur äußerst widerwillig sprach er weiter: »Wir haben uns dem Streben nach Wissen um des Wissens willen verschrieben. Ich meine damit die Erforschung, Untersuchung und das Studium geheimen Wissens. Mit derart esoterischem Wissen kann man sich heutzutage nur noch im Untergrund befassen. Es ist unzulässig geworden. Vielleicht war es schon immer etwas, was nur eine eingeweihte Elite zu schätzen wusste, der Wissen über alles andere ging. Wir bewahren die alten Traditionen und die alten Weisheiten und setzen sie fort.«
»Wie?«
»Wir sind Eingeweihte«, stammelte er. »Wir erhalten die geheimen Rituale, die geheimen Bücher …«
»Jetzt kommen wir endlich voran. Und um was geht es in diesen Büchern?«
»Um alles. Medizin. Sterne. Zahlen. Aber sie haben alle eines gemeinsam.«
Er zögerte.
»Und was ist das?«, hakte ich nach.
»Osiris. Er ist unser Gott.«
Osiris. Der König, der gemäß der alten Geschichte einstmals die Beiden Länder regiert hatte, aber verraten und ermordet wurde und dann, durch die Liebe und Treue seiner Gemahlin Isis, aus dem Totenreich wiederauferstanden war. Osiris, den wir als einen Mann mit schwarzer oder grüner Haut als Sinnbild seiner Fruchtbarkeit darstellen – sein Geschenk der Wiederauferstehung und des ewigen Lebens –, der in die weißen Verbände des Todes gewickelt ist und den Krummstab, die Geißel und die Weiße Krone trägt. Osiris, von dem behauptet wird, dass er uns alle nach unserem Tod erwartet, um das Totengericht über uns zu halten, der Oberste Richter, der nur darauf wartet, unsere Beichte zu hören.
Ich lehnte mich zurück, und eine ganze Weile sah ich Nacht aufmerksam an. Mir war, als sei dieser Mann, den ich für einen engen Freund hielt, fast so etwas wie ein Fremder für mich geworden.
»Ich entschuldige mich für meine Wortwahl und Ausdrucksweise. Unsere Freundschaft bedeutet mir viel, und ich möchte sie nicht gefährden. Mir blieb nur keine andere Wahl. Ich musste dich dazu bringen, mir das hier zu erzählen. Du bist meine einzige mögliche Verbindung zu diesem Mann.«
Er nickte, und so ganz allmählich wurde unser Miteinander wieder etwas herzlicher.
»Du hast gesagt, ich könnte dir helfen«, meinte er irgendwann. »Was hast du damit gemeint?«
»Das erkläre ich dir sofort. Sag mir vorher bitte eines: Hat dieser Geheimbund ein Symbol?«
Wieder zögerte er.
»Unser Symbol ist ein schwarzer Kreis. Das ist das Zeichen dessen, was wir die Nachtsonne nennen.«
Endlich hatte ich die Antwort auf dieses Rätsel gefunden. Ich zitierte seine Worte: »Die Sonne ruht in Osiris, Osiris ruht in der Sonne.«
Misstrauisch sah er mich an.
»Mein Freund, eines muss ich wissen: Als ich dir das Relief mit der zerstörten Sonne beschrieb, und als ich dich nach der Sonnenfinsternis fragte und wir in die Astronomischen Archive gegangen sind … da hattest du die Verbindung bereits erkannt, die da bestand. Stimmt das?«
Er nickte kläglich.
Eine ganze Weile ließ ich ihn an dem spitzen Haken seiner Schuldgefühle baumeln.
»Was bedeutet das Ganze?«, fragte ich schließlich.
»Einfach umrissen bedeutet es, dass sich in der finstersten Stunde der Nacht die Seele des Re mit dem Leib und der Seele des Osiris vereinigt. Das erlaubt es Osiris, und damit allen Toten der Beiden Länder, wiedergeboren zu werden. Es ist der heiligste und bedeutsamste Moment der gesamten Schöpfung. Aber noch nie hat ein Sterblicher ihn miterlebt. Er ist das größte Mysterium, das es gibt.«
Er schwieg einen Moment und war nicht gewillt, mir in die Augen zu sehen.
»Ich hatte dich das schon einmal gefragt. Und dieses so entscheidende Detail hast du mir nicht verraten. Ich hätte Sobek viel schneller als Täter identifizieren können. Ich hätte Menschenleben retten können.«
Auf seinem Gesicht machte sich neuerlich Frustration breit.
»Wir sind ein Geheimbund!«, erwiderte er »Entscheidend ist bei dem Begriff das Wort ›geheim‹! Und ich habe seinerzeit wirklich keinen zwingenden Grund gesehen, die geheimen Schwüre zu brechen, die ich geleistet habe.«
»Und wie sich herausgestellt hast, lagst du damit verkehrt«, antwortete ich.
Ich musste ihm zugutehalten, dass er nickte und ein erschüttertes Gesicht machte.
»Wir scheinen nicht einmal in der Lage zu sein, die Konsequenzen unserer kleinsten Taten abzuschätzen, das liegt außerhalb unserer Macht. Ich versuche, mein Leben im Griff zu haben, aber wie ich gerade erlebe, hat das Leben mich im Griff. Und in diesem Moment fühle ich mich, als hätte ich das Blut unschuldiger Menschen auf dem Gewissen.«
»Nein, das hast du nicht. Aber solltest du das Bedürfnis verspüren, moralische Buße zu tun, dann hilf mir jetzt. Bitte.«
Er nickte.
»Ich schätze mal«, sagte er, »denn das wäre nur logisch, dass Sobek entweder für Eje oder für Haremhab arbeitet, aller Wahrscheinlichkeit nach für Letztgenannten, denn der profitiert in großem Maße vom Tod des Königs.«
»Und falls das stimmt, ist es zwingend erforderlich, dass er geschnappt wird, bevor er weiteres Unheil anrichten kann. Haremhabs Staatsschiff ankert in der Nähe des Malqata-Palasts. Er hat Anchesenamun einen Heiratsantrag gemacht. Sie überlegt sich sein Angebot.«
»Mögen die Götter uns vor diesem Los bewahren«, erwiderte er ruhig. »Sag mir, was du vorhast.«
»Ich glaube, dass Sobek von Visionen besessen ist. Überdies glaube ich, dass ihn halluzinogene Substanzen und Mysterien faszinieren. Und er scheint davon fasziniert zu sein, was in dem kurzen Moment zwischen Leben und Tod passiert. Ich glaube, dass er seinen Opfern deshalb Drogen verabreicht und ihnen dabei zuschaut, wie sie sterben. Er sucht nach etwas in diesem Augenblick. Hält das einem Vergleich mit den Interessen deines Geheimbundes stand – der Augenblick von Finsternis und Erneuerung?«
Nacht nickte.
»Jetzt ist Folgendes passiert: Pentu, der Leibarzt des Königs, hat mir gegenüber erwähnt, dass es da einen sehr seltenen Pilz gibt, der angeblich die Macht göttlicher Visionen verleiht. Er sagte, das Einzige, was man mit Bestimmtheit darüber wisse, sei, dass er nur im entlegenen Norden der Welt wächst. Weißt du irgendetwas darüber?«
Nacht nickte.
»Natürlich. Er wird in den geheimen Büchern erwähnt. Ich kann dir sehr viel mehr darüber erzählen. Es wird behauptet, dass es sich dabei um einen Pilz mit einem roten Hut handelt, der nur in den abgeschiedenen Wäldern der Silberbäume mit den goldenen Blättern gedeiht. Es wird viel darüber spekuliert, ob er überhaupt existiert. Niemand hat so ein Ding jemals in der Hand gehalten. Es wird aber behauptet, er sei ein Mittel, durch das seine Priester für die Welt sterben, die Götter schauen und dann ins Leben zurückkehren. Es wird ebenfalls behauptet, dass es sich um ein sehr starkes Gift handelt, das unsachgemäß dosiert zu Wahnsinn führen kann. Ich habe das Ganze immer für eine Art esoterische Fabel zur spirituellen Erleuchtung gehalten und nicht für etwas, was in der realen Welt existiert.«
»Hier zählt jetzt nur, dass er existieren könnte, und wenn jemand einen solchen Pilz hätte, wäre dieses Ding für einen Mann wie Sobek ein Objekt der zwanghaften Begierde. Ein Traumbild ist zuweilen sehr viel beeindruckender als jede Realität …«, sagte ich.
Nacht schüttelte zweifelnd den Kopf.
»Dein Plan hängt von etwas ab, das nicht existiert.«
»Sobek hat die Macht der Fantasie gegen uns eingesetzt. Mithin ist es so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit, ihn jetzt mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Oder etwa nicht?«
»Was für eine merkwürdige Welt das ist«, erwiderte er. »Kriminalbeamte der Medjai beschreiben ihre Arbeit mit poetischen Worten, in denen es um Gerechtigkeit geht.«
Ich ignorierte diese geistreiche Bemerkung und sagte rasch:
»In jedem Fall bist du die Person, die so tun wird, als sei sie in den Besitz des geheimnisvollen Zauberpilzes gelangt.«
Fassungslos sah er mich an.
»Ich?«
»Wer sonst? Ich kann mich doch wohl kaum in deinem Geheimbund sehen lassen, oder?«
Er zuckte mit den Schultern, da er begriff, dass er mit dem Rücken zur Wand stand.
»Wir werden uns sehr gut überlegen müssen, wie du an das Ding herangekommen sein willst«, fuhr ich fort. »Woher beziehst du das Saatgut für die seltenen Pflanzen in deinen Gärten?«
»Das schicken mir Händler aus dem gesamten Königreich. Lass mich mal nachdenken. Ah!«, meinte er schon im nächsten Moment. »Es gibt da einen in Karkemisch, einer Stadt an der mitannischen Grenze. Der beliefert mich mit äußerst seltenen und interessanten Samen und Blumenzwiebeln, die aus dem Norden kommen.«
»Hervorragend. Das ist eine Verbindung, die Sobek nachprüfen kann. Du könntest behaupten, dein Lieferant habe das Halluzinogen von einem Händler bezogen, der Kontakte an der neuen Handelsroute hat«, schlug ich vor.
»Das wäre sogar einigermaßen plausibel. Im Osten des großen Binnenmeeres, gleich hinter den Nordgrenzen des Königreiches Hatti, gibt es eine sagenumwobene und unpassierbare Gebirgskette, auf der immer Schnee liegt und die kein Reisender überlebt. Es wird aber auch behauptet, es gäbe eine geheime Route, die durch diese Berge in ein anderes Reich führt, das dahinter liegt, und in dem gibt es angeblich endlose Wälder und trostlose Täler, die zu Eis gefroren und weiß sind wie purer Sandstein, und dort leben primitive Völker mit bleicher Haut, strohgelben Haaren und blauen Augen, die Felle von Tieren und die Federn von goldenen Vögeln tragen und in Palästen aus Eis wohnen.«
»Das hört sich entsetzlich an«, sagte ich.
Ich hatte Nacht in eine gefährliche Situation gebracht. Er wusste aber, dass mir keine andere Wahl blieb. Wenn ich recht hatte, dass unser Mann, der ein Mitglied des Geheimbundes war, besessen war von Träumen und Visionen, war das der beste Köder.
»Das Einzige, was du jetzt noch tun musst, ist Folgendes«, erklärte ich ihm. »Du musst deinen Geheimbundkumpanen unauffällig eine Botschaft in eurer zweifellos geheimen Sprache zukommen lassen, in der du ihnen ankündigst, dass du das Halluzinogen morgen Abend zu einem Treffen mitbringst, damit sie es inspizieren und mit diesem Wunderwerk der Visionen experimentieren können. Vielleicht könntest du sie sogar mit der Aussicht auf einen Menschenversuch locken.«
»Und darf ich fragen, an wem ich den vornehmen sollte?«, erkundigte er sich nervös.
»Angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, bin ich sicher, dass Kheti bereitwillig das Opfer spielen würde.«
»Nun, eine Botschaft zu schicken ist nicht erforderlich. Morgen feiern wir die letzte Nacht der Mysterien des Osiris. Ich schätze mal, dir ist nicht bekannt, dass sein Fest im letzten Monat der Nilflut begangen wird. Wenn das Wasser zurückgeht, feiern wir mit Ritualen die Wiederauferstehung. Nach Tagen und Nächten des Jammers feiern wir den Triumph des Gottes. Und das geschieht morgen Abend.«
Ich wollte unbedingt nach Hause, nachsehen, ob alles in Ordnung war und der Wachmann, den Kheti hatte organisieren sollen, seine Pflicht tat. Meine Familie brauchte Schutz, ich durfte da keinerlei Risiko eingehen. Doch als ich im Gewirr der schmalen Altstadtstraßen um eine Ecke bog, sah ich plötzlich einen Gegenstand durch die Luft schwirren, und im nächsten Augenblick spürte ich einen Schlag gegen meine Schläfe, eine schmerzhafte Wärme, die sich sofort über die gesamte Seite meines Kopfes verteilte, und dann wurde es dunkel um mich her.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem verdreckten Boden des Gässchens. Thot leckte mir mit seinem nassen Maul das Gesicht. Über mir türmten sich die Schatten von vier Männern auf. Sie trugen die Röcke der Armee. Einer von ihnen versuchte, Thot zu treten, aber der fletschte sofort die Zähne und ging auf ihn los.
»Ruf dein Tier zurück«, befahl einer der Männer.
Ich schluckte die Galle herunter, die mir in den Hals gestiegen war, und stand langsam wieder auf.
»Thot!«
Auf der Stelle gehorchte er und stellte sich artig neben mich, behielt die Soldaten aber weiter wachsam im Blick. Ich erlaubte ihnen, mich in Ketten zu legen, und dann bildeten sie meine persönliche Unehrengarde und schafften mich hastig zum Hafen. Dort stießen sie mich zusammen mit Thot auf ein Boot, und gemeinsam machten wir uns auf den Weg über den Großen Fluss. Die Stelle, an der wir auf der gegenüberliegenden Uferseite anlegten, lag etwas weiter im Norden. Man schob mich in einen bereitstehenden Streitwagen, auf dem Thot sich aufgrund des Platzmangels zu meinen Füßen auf den Boden kauern musste, und dann fuhr man uns mit enormer Geschwindigkeit über die Steinwege, die zu den Hügeln und Totentempeln in der Wüste führten; und dann bogen wir nach Nordosten ab, auf das Versteckte Tal zu. Dort zerrte man mich wieder aus dem Streitwagen heraus und zwang mich, die steinigen, von der Hitze gebackenen Hänge hinaufzumarschieren, die sich grau und orangefarben über uns erhoben. Die Luft war so trocken wie Zunder, und unsere Atemzüge klangen in der Stille wie lautes Keuchen. Plötzlich fragte ich mich, ob man mich hier vielleicht zu irgendeinem Wüstengrab eskortierte, nur schien mir das ein absurder Weg zu sein, sich meiner zu entledigen. Wenn sie beabsichtigten, mich zu töten, hätten sie mir ja einfach den Schädel einschlagen und mich den Krokodilen zum Fraß vorwerfen können. Nein, man brachte mich hier zu jemandem.
Folglich war ich nicht erstaunt, dass mich auf der Spitze des Hügels – unter uns tat sich im Dunst der Spätnachmittagshitze die große grüne Ebene auf, in die Theben eingebettet lag und die sich bis weit in den Osten erstreckte – eine Gestalt erwartete, die neben einem Pferd in der flirrenden Hitze unter einem Sonnenschutz saß. Auch von der Seite erkannte ich ihn sofort. Haremhab schien die Hitze ebenso wenig auszumachen wie einer Eidechse. Verächtlich registrierte er, dass ich schwitzte und außer Atem war. Er blieb auf der kreisrunden Stelle im Schatten stehen, ließ mich indes in der Sonne schmoren. Ich wartete darauf, dass er das Wort an mich richtete.
»Ich bin verwirrt«, meinte er plötzlich. »Warum vertraut die Königin dir?«
»Warum habt Ihr mich hergeholt, wenn Ihr Euch nur mit mir unterhalten wollt?«, entgegnete ich.
»Beantworte meine Frage.«
»Ich bin der persönliche Leibwächter der Königin. Warum sie mir vertraut, werdet Ihr sie fragen müssen.«
Er trat näher auf mich zu.
»Versteh mich richtig«, sagte er. »Wenn ich auf meine Fragen keine zufriedenstellenden Antworten bekomme, werde ich nicht zögern, deinem Pavian den Kopf abzuschneiden. Ich sehe, dass du das Tier gern hast. Es hat mir nicht behagt, dass du meiner Unterredung mit der Königin beigewohnt hast, und dadurch fühle ich mich nur noch mehr dazu veranlasst, die Anwendung von Gewalt für erforderlich zu halten.«
Ich ließ mir meine wenigen Möglichkeiten durch den Kopf gehen.
»Ich bin ein Kriminalbeamter der städtischen Medjai. Die Königin hat mich zu sich gerufen, damit ich in einem Fall ermittelte.«
»Worum ging es bei diesem Fall?«
Ich zögerte. Sofort nickte er einem seiner Männer zu, der daraufhin sein Messer zückte.
»In den königlichen Gemächern waren suspekte Gegenstände aufgefunden worden«, sprach ich weiter.
»Es wird Zeit sparen, wenn du so ausführlich wie möglich antwortest.«
»Diese Gegenstände bedrohten das Leben des Königs.«
»Jetzt kommen wir hier endlich voran. Und zu welchem Ergebnis bist du bei deinen Ermittlungen gekommen?«
»Wir wissen noch nicht, wer der Täter war.«
Skeptisch sah er mich an.
»Dann kannst du nicht gerade gut sein.«
Er bedeutete mir, seinem Blick zu folgen und in die andere Richtung zu schauen, nieder auf das Versteckte Tal, das weit in der Ferne, tief in den Hügeln im Westen lag. Auf dem vernarbten, staubgrauen Talboden wimmelte es von winzigen Figuren: Arbeiter.
»Weißt du, was das da ist?«, fragte er mich.
Ich nickte.
»Das ist das Grabmal des Königs, das für seine Bestattung hergerichtet wird«, sagte er. »Oder besser gesagt, das ist Ejes Grabmal, das hergerichtet wird, damit der König dort bestattet werden kann.«
Es erschien mir klüger, nichts darauf zu erwidern.
»Du fragst dich sicher, was ich von dir will.«
»Ich nehme an, dass es da etwas gibt«, antwortete ich, »obwohl ich mir nicht vorstellen kann, was ein einfacher Kriminalbeamter der Medjai Euch zu bieten hätte.«
»Du hast Einfluss auf die Königin. Zwei Dinge musst du für mich tun. Zum einen will ich, dass du die Königin dazu bewegst, meinen Heiratsantrag anzunehmen. Und zum anderen verlange ich, dass du mir im Detail über die Unterredungen berichtest, die Eje mit ihr führt. Ist das klar? Das wird sich selbstverständlich vorteilhaft auf deine Zukunft auswirken. Du bist ein ehrgeiziger Mann, und das sollte nicht nur respektiert werden, der Ehrgeiz sollte auch befriedigt werden.«
»Gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr, wenn ich nicht tue, was Ihr von mir verlangt, meinen Pavian hinrichten werdet?«
»Nein, Rahotep. Wenn du nicht tust, was ich von dir verlange, oder es dir nicht gelingt, die Königin von den Vorteilen zu überzeugen, die unsere Heirat mit sich bringen würde, werde ich deine Familie hinrichten. Du ahnst ja nicht, was ich alles über dich weiß. Deine drei Mädchen. Dein kleiner Sohn. Deine wunderschöne Gemahlin und dein greiser Vater. Stell dir einfach vor, was ich ihnen alles antun könnte, wenn es mir beliebte. Und dich würde ich selbstverständlich am Leben lassen, damit du alles mitansehen kannst und keinen Moment ihrer Qualen versäumst. Und anschließend würde ich dich zu lebenslanger Zwangsarbeit in den Goldminen von Nubien verurteilen, wo du dann zwischendurch, wenn du gerade mal Zeit hast, ihrer aller Tod beweinen kannst.«
Ich bemühte mich, tief durchzuatmen und nur ja nichts preiszugeben. Ich war in diesem Moment versucht, ihm alles zu sagen, dass ich Sobek als Täter identifiziert hatte und wusste, welche Verbindung zwischen ihm und Haremhabs Gemahlin bestanden hatte. Ich war versucht, ihn nach den Blutblasen zu fragen, mit denen man den König und die Königin während des Festes beworfen hatte. Allerdings befand ich mich momentan in einer Lage, die er unter Kontrolle hatte, deshalb behielt ich meine Informationen besser für mich. Sie waren das Einzige, was ich hatte. Ich würde sie mir für einen günstigeren Zeitpunkt aufheben.
Ich wollte seinen Vorschlag gerade annehmen, als aus irgendeinem unfassbaren Grund – denn bis zum Abend waren es noch etliche Stunden – in auffallendem Maße das Tageslicht schwand. Es war, als würden die Luft und das Licht plötzlich stocken. Jedem fiel das auf. Für einen Moment wirkten Haremhab und seine Soldaten verwirrt. Thot fing an, im Kreis zu laufen, und brabbelte dabei mit angelegten Ohren ängstlich vor sich hin. Bereits im nächsten Moment ertönten aus jedem Winkel des Tals und aus den Siedlungen in der Ferne unnatürliche Schreie und Tiergeheul. Alle standen wir da, hielten uns die Hände über die Augen und starrten nach oben in die Sonne und versuchten zu verstehen, was da vor sich ging. Im Himmelreich schien sich eine gewaltige Katastrophe zu ereignen. Mit einem Mal bildeten sich riesige Schatten, jagten über die Steigungen und Senkungen der Berghänge, und es war, als erhöben sich die Geister und Seelen der Unterwelt aus dem roten Fels, um das Licht der Lebenden zu bezwingen.
Aus der Ferne vernahm ich schrille Töne, die mahnend durch die Stille riefen. Das mussten die Zeremonialtrompeten sein, die ihre Not von den Tempelmauern bliesen. Die gewaltigen Pforten des Pylons wurden jetzt geschlossen, die Menschen ausgesperrt, und im Inneren der Tempelanlage huschten weißgewandete Priester los, um Opfer zu bringen, die Re vor der noch nie zuvor dagewesenen Finsternis bewahren sollten, die plötzlich über alles hinwegfegte.
Es fühlte sich an wie das Ende der Welt. Ich dachte an die Kinder und an Tanefert. Ich hoffte, dass sie alle daheim waren, im Haus, wo sie zumindest eine solide Holztür schützte. Ich hoffte, dass sie keine Angst hatten. Die Kraft der gewaltigen Schatten nahm immer mehr zu, sie sammelten sich und hüllten alles in ein seltsames Zwielicht. Dann wurde es plötzlich totenstill. Selbst der Nordwind, der am Spätnachmittag immer aufkam, wurde zusehends schwächer und erstarb dann gänzlich. Die Welt wirkte auf einmal wie ausgestorben. Auf den Feldern, die sich unter uns in der Ferne auftaten, sah ich nur noch einige Maultiere, die unsicher und unbewacht herumstanden, und die letzten paar Arbeiter, die über ihre sorgfältig bestellten Äcker um ihr Leben rannten. Ich hörte die schwachen Schreie eines verlassenen Kindes, konnte es aber nicht ausmachen und hätte es ohnehin nicht sehen können, weil die Finsternis immer schneller und immer stärker um sich griff.
In der Zwischenzeit spendete die Sonne nur noch so wenig Licht, dass es mir möglich war, mir das außerordentliche, unerklärliche Spektakel, das sich am Himmel vollzog, durch den Maschendraht meiner ineinandergeschlungenen Finger anzusehen. Auf die große Sonnenscheibe hatte sich der schwarze Rand eines geschwungenen Schwertes gelegt. Im nächsten Moment schossen riesige, sich ringelnde Bänder aus Licht und Schatten, die aussahen wie Lichtreflexe am Boden eines im Sonnenlicht liegenden Teiches, über das Land unter uns, dann über unsere Köpfe hinweg und schließlich weiter ins Rote Land. Ich streckte meine Hände nach ihnen aus, um sie zu fangen, aber aus irgendeinem Grund waren sie auf meiner Haut gar nicht zu sehen. Und dann wurde das Licht noch schwächer und nahm eine seltsam graue Farbe an, die an ein Kleidungsstück, das man zu häufig gewaschen hat, erinnerte.
Alles begann zu rasen. Der große schwarze Vogel der Nacht warf sich gänzlich auf das Antlitz des Tages, mit einem Schlag erstrahlten die unvergänglichen Gestirne am Firmament, und der Tag wurde zur Nacht – in einem einzigen Augenblick, den Tropfen einer Wasseruhr nicht messen konnten. Re, der Herr über die Ewigkeit, entschwand ebenso, wie er bei Sonnenuntergang am Horizont des Himmels versank. Das Einzige, was jetzt noch von ihm übrig war, war eine schmale Korona aus Licht, die die große schwarze Scheibe der siegenden Finsternis umkränzte. Es sah aus, als sei der Sonnengott gezwungen worden, sich zu ergeben. Um mich her war tiefe Nacht, und trotzdem sah ich, so unfasslich das auch war, die Ränder des Horizonts in der Ferne in den Orange- und Gelbtönen des Sonnenuntergangs leuchten. Auf einmal war es kalt, wie im Winter, und totenstill.
Und dann sah ich mit meinen eigenen Augen etwas, was ich zeit meines Lebens nicht vergessen werde: Das gewaltige Auge der Schöpfung starrte geradewegs auf mich nieder. Das Schwarz der Pupille, die strahlend weiße Korona der Iris und für den Bruchteil einer Sekunde ein dünnes, tiefrotes Band, das aussah, als sei es aus Blut, und die Ränder der Finsternis umflackerte. Ich konnte nicht atmen, und die Welt blieb stehen und verstummte. Das war das herrlichste Mysterium, das ich je gesehen hatte.
Doch so plötzlich, wie die Dunkelheit das Licht erobert hatte, so plötzlich verlagerte sich das Gleichgewicht der Kräfte wieder, und ein schimmernder, nur ganz zart strahlender Bogen zeichnete sich auf der einen Seite ab und blitzte auf wie die feingeschliffene Klinge eines goldenen Messers im Sonnenlicht, um die Finsternis mit seinem Triumph zu blenden. Zunächst verwandelte sich die Farbe der Welt wieder in ein schimmerndes Grau, und die seltsamen Bataillone aus Licht und Schatten wanden sich neuerlich über uns hinweg, nur dieses Mal in entgegengesetzter Richtung, von uns weg und wieder nach oben. Und rasch nahm der Himmel wieder die so vertraute blaue Farbe an. Die Sterne verblassten, und die Welt füllte sich neuerlich mit Farben, Leben und Zeit.
Haremhab war hingerissen. So verzückt hatte ich ihn noch nie erlebt. Er sah mich an, und sein so attraktives, unfreundliches Gesicht hatte einen triumphalen Ausdruck.
»Hast du das gesehen? Die Finsternis hat den Aton verschlungen. Das ist ein Zeichen der Götter, dass sie die korrupte Macht dieser armseligen Familie nicht länger unterstützen.« Und sodann schlug er sich triumphierend mit der Faust auf die Brust und rief entschlossen in die Runde: »Es wird eine neue Ordnung geben! Das dort oben ist eine neue Sonne, und sie strahlt nieder auf ein neues Zeitalter!« Diszipliniert jubelten seine Soldaten ihm zu.
Danach ritt er in Begleitung seiner rennenden Mannen den unfruchtbaren Hügel hinunter, und Thot und ich konnten allein zusehen, wie wir zum Palast zurückkamen. Während unseres Rückweges über die staubigen Pfade konnte ich an nichts anderes denken als an das Himmlische Auge. Das Symbol des schwarzen Kreises war Wirklichkeit geworden. Mein Bauchgefühl hatte mich nicht getäuscht. Das Symbol war nicht nur das Zeichen eines Geheimbundes, es war auch eine Prophezeiung von etwas Realem, das kommen würde. Mir fiel plötzlich ein, was Nacht über den schwarzen Kreis gesagt hatte: »Er bedeutet, dass sich in der finstersten Stunde der Nacht die Seele des Re mit dem Leib und der Seele des Osiris vereinigt. Das ermöglicht es Osiris und damit allen Toten der Beiden Länder, wiedergeboren zu werden. Es ist der heiligste und bedeutsamste Moment der gesamten Schöpfung.«
Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto zwiespältiger wurden meine Gefühle. Hatte dieses Himmelsereignis ein Wunder der Wiedergeburt prophezeit oder eine bevorstehende Katastrophe?
Das Personal rannte konfus durch die Korridore wie Ameisen durch eine Kolonie, in der spielende Kinder mit Stöckchen herumgestochert hatten. Ich betrat die Gemächer der Königin, die sich angespannt mit Eje, Khay und Simut besprach.
Eje warf mir kurz einen Blick zu. Sein Gesicht war vor Müdigkeit eingefallen. Zur Abwechslung sah er mal beunruhigt aus.
Simut berichtete gerade über die Nachwehen der Sonnenfinsternis.
»In der Stadt ist es zu beträchtlichem Chaos gekommen. Vor den Tempeltoren haben sich Menschenmengen versammelt, die sich weigern, sich wieder aufzulösen. Es ist zu Plünderungen gekommen, Gebäude sind in Brand gesteckt worden … und ich muss dazu sagen, dass die Medjai die Situation nur noch weiter verschlimmert haben, indem sie versuchten, die Menschenmassen in den Griff zu bekommen. In einigen Stadtbezirken ist es zu Straßenschlachten mit regimekritischen Elementen gekommen und …«
»Das Volk ruft nach dem König«, fiel Khay ihm ins Wort. »Sie weigern sich zu gehen, bis der König erscheint und zu ihnen spricht.«
Eje saß ganz ruhig da und suchte so verbissen nach einer Lösung, dass ich meinte, sein Gehirn surren zu hören. Dadurch, dass er sich geweigert hatte, den Tod des Königs zu verkünden, saß er jetzt in der Falle. Gefangen im Netz seiner eigenen Lüge.
»Das ist nur eines unserer Probleme«, sagte Simut. »Haremhab wird die Gelegenheit nutzen, seine Divisionen in die Stadt zu holen, damit sie die Unruhen niederschlagen.«
»Und wo sind diese Divisionen?«, blaffte Eje.
»Soweit uns bekannt ist, sind sie in Memphis. Eindeutige Informationen unseres Geheimdienstes liegen uns dahingehend allerdings nicht vor«, gab er zu. »Selbst der schnellste Bote braucht mindestens drei Tage, um Befehle von hier nach Memphis zu bringen, und dann müssen sie mobil machen und nach Süden segeln. Es sei denn, Haremhab hat alles vorausgesehen und Divisionen bereitgestellt, die schneller Richtung Theben marschieren können.«
Es folgte eine Schweigeminute, die jeder in der Runde zum Anlass nahm, um sich zu überlegen, wie die wenige kostbare Zeit, die uns noch blieb, am besten genutzt werden konnte.
»Ich werde zum Volk sprechen«, sagte Anchesenamun auf einmal.
»Was willst du den Leuten denn sagen?«, erwiderte Eje. Mit einem Mal flackerte Neugier aus seinen bösen Augen.
»Ich werde ihnen die Wahrheit sagen. Ich werde ihnen sagen, dass das, was sich am Himmel zugetragen hat, ein Zeichen für die erneuerte Ordnung auf Erden war. Ich werde ihnen erklären, dass der König während der Finsternis mit dem Gott vereint wurde und jetzt im Totenreich wiedergeboren ist. Ich bleibe hier, als seine Nachfolgerin und mit seiner Billigung. Wenn ich das täte, würden wir damit jeden Versuch Haremhabs, nach der Macht zu greifen, im Keim ersticken.«
Sie sahen einander an, Widersacher, vereint durch zwingende Not.
»Du bist ein cleveres Kind. Das ist eine gute Geschichte. Nur wird sie viele misstrauisch stimmen.«
»Die Finsternis war ein großartiges und seltenes Ereignis. Es war ein beispielloses Spektakel, und das muss das Volk begreifen. Meine Worte werden die Menschen überzeugen müssen.«
Rasch überdachte Eje, welche Auswirkungen ihr Vorschlag haben konnte und welche Möglichkeiten er eröffnete.
»Du hast meine Unterstützung, aber Worte sind Macht und müssen sorgsam gewählt werden. Wenn du über dich selbst sprichst, würde ich statt ›Nachfolgerin‹ das Wort ›Stellvertreterin‹ vorziehen.«
Sie dachte darüber nach.
»Damit sind wir wieder bei dem Thema, über das wir uns nicht einigen können. Es bleibt uns nur wenig Zeit, und eine andere Lösung sehe ich nicht. Warum sollte ich mich nicht Nachfolgerin nennen? Das bin ich schließlich.«
»Das Blut deiner Ahnen fließt in deinen Adern. Nur vergiss nicht: Du kannst nicht regieren, ohne Macht über die Ministerien zu haben. Und die Macht habe ich.«
»In meinem Namen«, parierte sie sofort.
»Das stimmt. Und genau deshalb gilt es, eine Strategie zu entwickeln, die uns beiden zum Nutzen gereicht.«
Sie ließ sich die Sache durch den Kopf gehen. Sie musste sich schnell entscheiden.
»Gut.«
»Und der Inhalt der Rede wird zwischen uns abgesprochen?«, fragte er.
Sie sah Khay an, und der nickte.
»Selbstverständlich.«
»Dann bereite dich gut vor, denn dieser Auftritt ist der wichtigste deines Lebens.«
Kaum dass Eje fort war, sprang sie auf.
»Wo bist du gewesen?«, fragte sie gereizt und mit einem Anflug von Wut in der Stimme. »Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.«
»Ich war in der Stadt und habe meinen Freund Nacht besucht. Und auf dem Rückweg erhielt ich die Einladung zu einer Audienz bei Haremhab, die ich nicht ablehnen konnte.«
Sie wirkte erstaunt.
»Du hast sie angenommen?«
»Mir blieb kaum eine andere Wahl. Sie haben mich gefangen genommen.«
»Und was hat er zu dir gesagt?«
Wir setzten uns zusammen, und ich erzählte ihr, was ich alles über Sobek in Erfahrung gebracht hatte und dass ich jetzt durch den Zeugen, den Jungen, beweisen konnte, dass Sobek auch für die Morde in der Stadt verantwortlich war. Zu guter Letzt teilte ich ihr mit, was Haremhab zu mir gesagt hatte. Einen Moment lang wirkte sie verwundert.
»Wir müssen deine Familie vor ihm schützen.«
»Ja, aber wir müssen auch nachdenken. Bisher hat er nur Drohungen gegen sie ausgesprochen, und solange er nicht weiß, wie Ihr Euch entscheidet, wird er sie nicht in die Tat umsetzen. Derweil müssen wir Sobek schnappen, und was das angeht, habe ich einen Plan. Sobald wir uns den geschnappt haben, können wir ihn verhören und herausfinden, ob und wie Haremhab oder Eje in seine Taten verwickelt sind. Und diese Informationen werden Euch große Macht verleihen.«
Sie nickte, und aus ihren Augen strahlte das Feuer der Euphorie. Auf einmal sah sie für sich selbst und ihre Dynastie einen Weg in die Zukunft.
»Diese Finsternis hat mich geschockt. Ich fühle mich plötzlich, als würden die Götter mich beobachten. Als könnten sie in mein Innerstes blicken. Alles steht auf dem Spiel, nicht nur die Zukunft meiner Dynastie, sondern auch das Schicksal der Beiden Länder. Aber seltsamerweise fühle ich mich zum ersten Mal seit vielen Monaten – richtig lebendig.«
Rauch wehte über das riesige freie Gelände vor dem Tempel. Die Menschenmassen reichten bis zur Straße der Sphingen. Einige sangen, andere brüllten, die meisten beteten. Ich beobachtete sie vom Dach des Tempeltores. Schnell und unbemerkt waren wir zunächst per Schiff und dann per Streitwagen unter dem Schutz von Simuts Wachen zum Tempel gelangt. Jetzt hoben die Trompeter auf sein Zeichen ihre langen, silbernen Instrumente Richtung Horizont und bliesen eine Fanfare. Schlagartig verwandelte sich die chaotische Unzufriedenheit der Massen in Aufmerksamkeit. Das Spektakel, nach dem sie verlangt hatten, begann.
Die Königin trat aus dem Tor. Sie trug die goldenen Staatsgewänder und die Kronen, und als deutlich wurde, dass sie allein war, wurde aus der Stille ein einziges Kreischen und Brüllen. Doch sie strahlte förmlich in den langen, flachen Schatten des frühen Abends. Sie lief weiter nach vorn, bestieg das Podest, ignorierte das Jammern und Klagen, stand einfach nur da und stellte sich dem großen Biest der Massen. Sie wartete darauf, dass man sie sprechen ließ. Wer den stärkeren Willen hatte, würde siegen. Endlich wurde es still. Ich sah Tausende von Gesichtern; verzückt, verängstigt, treu ergeben sahen sie, wie sie da stand in all ihrer Pracht.
»Dies ist ein Tag der wundersamen Omen gewesen«, rief sie in die Menge. »Die Götter haben sich uns offenbart. Wir wollen zu ihnen beten.«
Anmutig hob sie die Arme, und nicht lange, und viele folgten ihrem Beispiel. Und jene, die es nicht taten, waren zumindest zum Schweigen gebracht.
»Re, der König der Götter, hat über die Mächte der Finsternis und des Chaos triumphiert. Das Leben ist erneuert worden. Die Pracht und die Macht der Beiden Länder sind erneuert worden. Doch hat er sich in diesem Moment etwas genommen, was er unbedingt haben wollte. Was er genommen hat, bedeutet uns viel. Mehr als Gold und mehr als das Leben. Und so stehe ich hier jetzt vor euch als die Tochter von Königen und als die Tochter der Göttin Maat, die Gerechtigkeit und Ordnung schafft, um euch die Botschaft zu übermitteln, welch großes Opfer wir gebracht haben und wie groß der Gewinn des Gottes ist. Denn in jenem Augenblick der Finsternis, den alles, was lebt, miterlebt hat, wurde König Tutanchamun mit Re vereint, wie der König mit Re vereint werden muss. Und wie es geschrieben steht in den großen Büchern, ist er nun eins mit dem König der Götter. Und die Welt ist erneuert. Die Welt ist wiedergeboren.«
Laut schallten ihre Worte über das Gelände. Heulen und Wehklagen wurden laut, verbreiteten sich in der Menge und in der Stadt. Ich sah Leute, die sich einander zuwandten. Viele schienen überzeugt zu sein, ein paar wenige zuckten mit den Achseln, als seien sie sich nicht sicher, ob sie das glauben sollten. Sie kannten die Geschichte, dass der König der Erneuerung des Lebens geopfert wurde, denn das ist eine der ältesten Geschichten, mit denen uns der Lauf der Welt erklärt wird. Und Anchesenamun hatte sie sich sehr klug zunutze gemacht. Die Massen konnten ihre Worte durchaus überzeugen. Die Elite würde jedoch mit Sicherheit einer anspruchsvolleren Erklärung bedürfen, allerdings würde es ihnen schwerfallen, die Geschichte in Zweifel zu ziehen.
Anchesenamun legte nach.
»Jetzt stehe ich hier vor euch. Ich bin die Lieblingstochter des Re. Ich bin maat. Ich bin die Ordnung über das Chaos. Ich bin das Auge des Re am Bug des Schiffes der Götter. Unter meiner Herrschaft werden unsere Feinde in der Finsternis verderben und wird unsere Welt im Licht der Götter blühen und gedeihen.«
Diesen Worten folgte eine überzeugungskräftige Trompetenfanfare, und danach jubelte das Gros der Massen ihr zu. Der Mut und die Schönheit der Königin schienen sie überzeugt zu haben. Ich sah aber auch, dass es andere gab, die sich abwandten und unzufrieden die Köpfe schüttelten. Noch war die Schlacht um die Beiden Länder nach dem Tod Tutanchamuns nicht gewonnen. Wenn ich beweisen konnte, dass zwischen Haremhab und Sobek eine Verbindung bestand, konnte der General seine Stellung nicht länger behaupten. Wenn ich das nicht schaffte, sah ich im Moment nichts, das ihn daran hindern konnte, die Herrschaft über das Königreich im Namen der Armee an sich zu reißen.
Am gleichen Abend noch kehrte ich zurück zu Nachts Stadthaus, dieses Mal in Begleitung von Thot. Minmose erbot sich, mir den Schädel zu rasieren, denn wenn ich die Tempeltore passieren wollte, musste mein Äußeres wieder einmal dem eines Priesters entsprechen. Während ich mit einem Lappen um den Hals unter seiner Klinge saß, traf Kheti ein. Er hatte das Glück, keine rituellen Waschungen über sich ergehen lassen zu müssen, denn er spielte Nachts Versuchskaninchen – eine nicht-elitäre Rolle.
»Hast du eine Wache vor mein Haus postiert?«, fragte ich ihn als Allererstes.
Er nickte. »Tanefert hielt das für eine Zumutung und war nicht glücklich darüber. Ich habe mich aber bemüht, ihr so gut wie möglich zu erklären, dass das nötig ist, ohne sie zu ängstigen.«
Erleichtert atmete ich auf.
»Und hast du ihr eingeschärft, dass die Kinder in keinem Fall ausgehen dürfen?«
»Habe ich getan. Mach dir keine Sorgen. Sie sind alle in Sicherheit. Sie werden Tag und Nacht bewacht.« Im nächsten Moment begann er, leise zu kichern, und meinte: »Als Priester wirkst du äußerst unglaubwürdig.«
»Sei vorsichtig, Kheti. Nicht mehr lange, und du befindest dich in einer Lage, mit der du dich noch erheblich mehr kompromittieren könntest.«
Er nickte.
»Genau das gefällt mir so an meiner Arbeit. Jede Nacht was anderes. Am einen Abend gehe ich auf den Straßen Streife, am nächsten schlucke ich gefährliche Halluzinogene …«
»Nacht hat etwas zusammengebraut, was zwar haargenau aussieht wie der Pilz, aber überhaupt keine Wirkung hat.«
»Heißt das, dass ich die Wirkung spielen muss?«, fragte er.
»Ja«, antwortete Nacht, der gerade, in weiße Gewänder gehüllt, den Raum betrat. »Ich habe aus gemahlenen Bohnen ein Simulacrum des getrockneten Pilzes hergestellt.«
»Ich hasse Bohnen«, erwiderte Kheti. »Meine Frau kocht die immer, aber sie haben entsetzliche Folgen bei mir …«
»Mehr als einen Mundvoll brauchst du nicht davon zu konsumieren, also sollten sich die widerlichen Konsequenzen in Grenzen halten«, sagte Nacht. Und fügte sogleich hinzu: »Was mit Sicherheit für uns alle eine Erleichterung sein wird.«
»Aber über was für Dinge soll ich denn reden, wenn ich das Pulver genommen habe?«, wollte Kheti wissen.
»Zu Anfang über gar nichts. Und dann stellst du dir einfach vor, dass das Licht des Himmels sich dir offenbart hat. Und gestattest deinem Geist, die Erleuchtung der Götter zu empfangen.«
»Und wie sieht das aus?«, fragte Kheti.
Nacht bedachte mich mit einem skeptischen Blick.
»Denk an Licht. Beschreibe die Schönheit des Lichts, und dass du die Götter siehst, die im Licht wandeln, als sei Licht gleichbedeutend mit Denken und Denken gleichbedeutend mit Licht.«
»Werde ich versuchen«, meinte Kheti zögerlich.
Nacht hatte Streitwagen bestellt, die uns von seinem Haus über die lange Straße der Sphingen zum Großen Tempel von Karnak brachten. Die Straßen waren finster. Mir fiel auf, dass zahlreiche Geschäfte vernagelt, die Innenräume anderer Läden von Rauch geschwärzt waren – Schäden, zu denen es während der Unruhen gekommen war. Doch schien jetzt wieder Ruhe in der Stadt eingekehrt zu sein. Wir erreichten die Tore, und Nacht sprach mit den Tempelwachen, die Kheti und mich im Licht ihrer Lampen in Augenschein nahmen. Nacht war in der Stadt eine Berühmtheit, und ich betete, dass sie ihm nur wenige Fragen stellten. Eine ganze Weile plauderte er fröhlich mit ihnen, dann winkte man uns mit einem letzten fragenden Blick durch. Wir ließen das Tor hinter uns und gelangten einmal mehr auf den gewaltigen, in der Dunkelheit nur schemenhaft erkennbaren Platz im Inneren der Tempelmauern. Hinter den großartigen und leicht erhöht stehenden gehämmerten Schalen, in denen man auf der gesamten Anlage Öl entzündet hatte, sodass sie aussahen wie kleine Sonnen, verschwand alles in undeutlichem Halbschatten.
Nacht zündete seine Öllampe an, und wir überquerten den offenen Platz und liefen auf das Haus des Lebens zu. Doch statt dort hineinzugehen, führte er uns rechts an dem Bauwerk entlang. Wir folgten ihm durch mehrere dunkle Gänge an verschiedenen Gebäuden vorbei – Werkstätten und Dienststuben, die in der Nacht verlassen waren. Die Wege wurden schmaler, und statt an Häusern führten sie bald an Lagerräumen und Speichern vorüber, bis wir schließlich die hohe hintere Mauer der Tempelanlage erreichten. Genau dort befand sich ein winziger, uralter Bau. Als wir näher kamen, sah ich, dass die Gestalt des Osiris, des Totengottes, überall in die Wände gemeißelt war. Er trug seine weiße Krone, die mit zwei Federn geschmückt und mit zahlreichen Paneelen voller Inschriften versehen war.
»Diese Kapelle ist Osiris geweiht«, wisperte Kheti.
»Ganz recht«, entgegnete Nacht. »Dem Gott des Totenreiches, dem Gott der Nacht, der Finsternis und des Todes vor dem Leben … aber in Wahrheit ist er natürlich der Gott des Lichts jenseits des Lichts, wie wir es ausdrücken. Der Gott der Erleuchtung und des geheimen Wissens.« Kheti nickte, als verstünde er, und dann sah er mich an und hob fragend die Brauen.
Wir gingen durch die Vorkammer und betraten den kleinen, dunklen Innenraum des Tempels. Rasch zündete Nacht die Öllampen an, die überall in den Wandnischen standen. Der schwere Duft von Weihrauch wehte durch die Luft. Er wies mir einen Platz hinter einer der Säulen unweit des Eingangs zu. Von dort aus hatte ich alles im Blick, sowohl das Geschehen wie auch jeden, der sich näherte. Dann machten wir es uns bequem und warteten. Und irgendwann trafen nacheinander zwölf weitere Männer ein, die weiße Gewänder trugen. Zwei davon erkannte ich wieder, denn sie waren bei Nachts Dachparty gewesen: der Poet mit den blauen Augen und der Architekt. Alle Anwesenden trugen eine Goldkette um den Hals, an der ein goldener Anhänger hing. Darauf war ein Kreis aus Obsidian: die schwarze Sonnenscheibe. Äußerst aufgeregt begrüßten sie Nacht, und dann inspizierten sie Kheti wie einen Sklaven, der zum Verkauf stand. Schließlich fehlte nur noch Sobek. Ich spürte, wie mein Plan mir wie Sand zwischen den Fingern zerrann. Ging er mir am Ende doch nicht in die Falle?
Nacht versuchte, Zeit zu schinden.
»Einer von uns fehlt noch«, sagte er irgendwann laut genug, dass ich es hören konnte. »Wir sollten auf Sobek warten.«
»Da bin ich anderer Ansicht«, rief einer der Männer, »denn es wird immer später, und wir sollten ohne ihn mit der Zeremonie beginnen. Warum sollte der Gott auf Sobek warten?« Im Chor pflichteten die anderen Männer ihm bei. Nacht hatte keine andere Wahl, als anzufangen. Aus meinem Versteck hinter der Säule sah ich mit an, wie er Kheti mit einem schwarzen Tuch die Augen verband, damit er nicht mitverfolgen konnte, was um ihn herum vorging. Dann trug man eine kleine Kiste herein, und aus der wurde eine goldene Truhe zutage gefördert. Die Truhe wurde geöffnet und enthielt eine Tonschale, deren Form der Gestalt eines Menschen glich, und darauf lag etwas, was aussah wie ein Weißbrot oder ein Kuchen, und auch das hatte die Form eines menschlichen Körpers.
Nacht stellte sich vor den Kuchen und stimmte ein Loblied an: »Ehre sei dir, Osiris, Herr der Ewigkeit, König der Götter, dir, der du viele Namen hast, dessen Gestalten heilig, dessen Eigenschaften verborgen sind …«, und so ging es immer weiter, bis die Beschwörung irgendwann endete. Dann wurde der Kuchen aus der Schale gehoben, in vierzehn Stücke geteilt, und jeder der Männer verzehrte feierlich eines davon. Ich nahm an, dass diese vierzehn Kuchenstücke die vierzehn Teile repräsentierten, in die Seth, der eifersüchtige Bruder des Gottes, Osiris zerstückelte, nachdem er ihn ermordet hatte. Jetzt wurde der Gott durch das Ritual in jedem der Männer wiedergeboren. Ein Stück des Kuchens wurde für Sobek übriggelassen.
Nachdem die mysteriöse Zeremonie beendet war – und ich gestehe, dass ich sehr enttäuscht war, da es sich dabei lediglich um ein symbolisches Mahl zu handeln schien –, versammelten sich die Männer für das Experiment des Abends um Nacht. Er zog einen Lederbeutel aus seinem Gewand und schwang dann erst einmal eine lange Rede – zum Teil, um weiter Zeit zu schinden –, indem er immer und immer wieder ausführte, was er über die Potenz und die Eigenschaften dieses Pilzes der Götter wusste, und dass er hoffe, das Gewächs verursache Visionen der Götter. Von Sobek fehlte nach wie vor jede Spur.
Als ihm schließlich bewusst wurde, dass keine Zeit mehr blieb, öffnete Nacht den Beutel und entnahm mit einem Kosmetiklöffelchen eine Probe des Pulvers. Fasziniert von seiner legendären Wirkmächtigkeit nahmen die Eingeweihten es genauestens in Augenschein. Den nach wie vor mit verbundenen Augen dasitzenden Kheti plagte inzwischen sicher arges Lampenfieber, denn jetzt nahte der große Moment des Experiments. Doch plötzlich verkündete Nacht: »Lasst uns dieses Wunder nicht an einen einfachen Diener verschwenden. Ich selbst werde den Pilz der Götter zu mir nehmen.«
Die Männer im Rund nickten begeistert. Ich konnte mir vorstellen, wie das Kheti erleichterte. Nacht musste zu der Überzeugung gelangt sein, dass Khetis Schauspielkünste nicht ausreichen würden, und vielleicht dachte er sich auch, dass er auf seine eigene künstlerische Darbietung mehr Zeit verwenden konnte, für den Fall, dass Sobek doch noch auftauchte.
»Du bist in der Lage, uns deine Visionen im Detail und gebildet zu beschreiben, dazu ist der Diener nicht fähig«, meinte der blauäugige Poet herablassend.
»Und wir werden alles aufschreiben, was du sagst, wenn du die Vision hast.«
»Vielleicht verwandelst du dich in ein lebendes Orakel«, meinte ein anderer aufgeregt.
Mit großen und feierlichen Gesten gab Nacht einen Löffel des Pulvers in einen Becher mit frischem Wasser und trank es in bedächtigen, langsamen Schlucken. Es war totenstill im Raum, und alle Männer starrten verzückt und erwartungsvoll in Nachts ernstes Gesicht. Zunächst passierte gar nichts. Er lächelte und zuckte leicht mit den Achseln, als sei er enttäuscht. Aber dann wich der ernste Ausdruck von seinem Gesicht, und an seine Stelle trat angestrengte Konzentration. Hätte ich nicht gewusst, dass er das Ganze nur spielte, wäre ich von der Echtheit seiner Vision überzeugt gewesen. Zunächst hob er langsam und mit nach oben gedrehten Handflächen die Arme, dann auch den Blick. Nun schien er sich in einem Trancezustand zu befinden. Mit weit geöffneten Augen und ohne zu blinzeln, starrte er auf eine substanzlose Erscheinung, die überhaupt nicht da war.
Und im nächsten Moment wurde das, was bis jetzt nur eine schauspielerische Glanzleistung gewesen war, Realität. Ein Schatten fiel auf den Kranz zwischen dem Halbschatten des Altarraums und dem Licht der ruhig brennenden Öllampen. Die Gestalt, die diesen Schatten warf, bestand aus reiner Schwärze; sie war klein, fast so klein wie ein Tier, und der schwarze Umhang, der sie vom Scheitel bis zur Sohle verhüllte, verbarg sowohl ihre Körperformen als auch ihre Gesichtszüge. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als lege sich ein Umhang eisiger Furcht über mich. Ich zog mein Messer aus der Scheide, packte die Gestalt von hinten und hielt ihr die Klinge an die Kehle.
»Geh drei Schritte weiter vor.«
Die Gestalt schlurfte wie ein Schlachttier auf dem Markt ins Licht der Öllampen. Mit ungläubigen Mienen starrten die Eingeweihten auf diesen Eindringling, dessen Auftauchen so unerwartet wie inakzeptabel war.
»Dreh dich um«, befahl ich.
Sie gehorchte.
»Nimm die Kapuze herunter.«
Sie tat es und zog langsam den Stoff von ihrem Kopf.
Das Mädchen war kaum älter als meine Tochter Sekhmet. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen. Sie sah aus wie ein Mädchen, an dem man auf der Straße vorbeigehen würde, ohne es zu bemerken. Zitternd und japsend saß sie auf der niedrigen Bank und umklammerte mit den Händen einen Becher mit Wasser. Nacht legte ihr behutsam einen Stoffschal um die Schultern und entfernte sich dann wieder, zum einen, damit wir zwei ungestört waren, zum anderen, um die Mitbrüder seines Geheimbundes, deren Protest mit jeder Sekunde lauter wurde, zu beruhigen.
Sanft griff ich unter ihr Kinn und hob es an, um sie dazu zu bringen, mich anzusehen.
»Was ist passiert? Wer bist du?«
Tränen quollen aus ihren Augen.
»Rahotep!«, stieß sie aus. Dann begannen ihre Zähne erneut so heftig zu klappern, dass sie nicht weitersprechen konnte.
»Ich bin Rahotep. Warum bist du hier? Wer hat dich geschickt?«
»Ich kenne seinen Namen nicht. Er hat gesagt, ich soll sagen: Ich bin der Dämon, der Boten entsendet, um die Lebenden ins Reich der Toten zu locken.«
Sie starrte uns an. Kheti und ich sahen einander an.
»Wie hast du uns gefunden?«
»Er hat mich entführt, mitten auf der Straße. Er sagt, dass er meine Familie tötet, wenn ich Rahotep nicht eine Botschaft überbringe.«
Sie verzog das Gesicht, und ihre Augen füllten sich von Neuem mit Tränen.
»Und wie lautet die Botschaft?«
Sie konnte die Worte kaum aussprechen.
»Du musst in die Katakomben kommen. Allein …«
»Warum?«
»Du hast etwas, was er haben will. Und er hat etwas, was du haben willst«, antwortete sie.
»Was hat er denn, was ich haben will?«, fragte ich langsam nach.
Auf einmal konnte sie mir nicht mehr in die Augen sehen und begann wie wild zu zucken.
»Deinen Sohn«, wisperte sie.
Ich rannte durch die Schatten der Nacht. Thot lief an meiner Seite. Kheti folgte uns vielleicht. Ich drehte mich nicht um. Die Geräusche meiner Sandalen, die über den staubigen Boden stampften, meines Blutes, das mir durch den Schädel rauschte, und meines Herzens, das im Käfig meiner Brust wie wild hämmerte, drangen wie aus weiter Ferne zu mir.
Das Haus war bewacht worden. Kheti hatte Tanefert angewiesen, die Kinder unter keinen Umständen nach draußen zu lassen oder irgendjemandem die Tür zu öffnen. Das Haus sollte aussehen, als sei es zugesperrt. Wie war es Sobek also gelungen, ihn zu entführen? Ich stellte mir vor, wie Tanefert sich grämte, die Kinder in Panik waren. Und ich war nicht da, um sie zu retten. Was, wenn das Ganze ein Bluff war? Was, wenn es kein Bluff war? Ich rannte nur noch schneller.
Er wollte sich in den Katakomben mit mir treffen. Ich musste allein kommen. Wenn ich jemanden mitbrachte, würde der Junge sterben. Ich musste das Halluzinogen mitbringen. Wenn ich das nicht tat, würde der Junge sterben. Wenn ich mit irgendjemandem über die Sache sprach, würde der Junge sterben. Ich musste allein kommen.
Ich erreichte den Hafen, riss das erstbeste Schilfboot aus seiner Verankerung und begann, wie ein Wahnsinniger über den Großen Fluss zu paddeln. Dieses Mal scherten mich die Krokodile nicht. Der Mond war ein weißer Stein. Das Wasser war schwarzer Marmor. Ich glitt über die spiegelglatte Fläche aus Schatten, als sei ich eine winzige Statue meiner selbst, die in Begleitung von Thot auf einem Spielzeugboot die Wasser des Todes überquerte, um Osiris gegenüberzutreten, dem Gott der Unterwelt.
Am Westufer angekommen rannte ich weiter, und die Luft kühlte sich ab, als ich die Westgrenze der Anbauflächen überquerte. Jetzt war ich ein Tier, all meine Sinne waren geschärft, ebenso meine Rachegelüste. Ich war in eine neue Haut geschlüpft, und sie hatte die Farbe des Zorns. Die Zähne in meinem Kiefer fühlten sich an, als seien sie scharf wie Edelsteine. Doch raste mir die Zeit davon, denn ich hatte gewaltige Entfernungen zurückzulegen und Angst, zu spät zu kommen.
Ich hörte erst auf zu rennen, als ich den Eingang zu den Katakomben erreichte. Ich blickte nieder auf Thot, der mit mir Schritt gehalten hatte. Heftig hechelnd schaute er zu mir auf. Mit wachem und intelligentem Blick. Ich legte ihm den Maulkorb an, damit er nicht anschlug. Er verstand. Ich war zwar nicht allein gekommen, aber er würde still sein. Dann nahm ich einen letzten Atemzug der frischen Nachtluft, und wir schritten unter dem mit uralten Ornamenten verzierten Türsturz hindurch und stiegen die Stufen hinab, die in die Finsternis jenseits aller Finsternis führten.
Wir gelangten in ein niedriges Gewölbe. Ich horchte in die monumentale Stille. In derart heiliger Stille hielt man es für möglich, hören zu können, wie die Toten keuchten, wenn sie zu Staub zerfielen, oder uns mit Seufzern zu überreden versuchten, ihnen im Reich der Toten Gesellschaft zu leisten, um ihre Wonnen mit uns zu teilen. Irgendjemand hatte eine Wandleuchte für mich angezündet. Sie brannte reg- und lautlos, unbeeindruckt von den Strömen der Luft oder der Zeit. Ich nahm sie in die Hand und lief los. Überall gingen Tunnel ab, verzweigten sich unergründlich in alle Richtungen, und jeder dieser Tunnel führte in tiefe, niedrige Kammern, in denen sich vom Boden bis zur Decke Tontöpfe in allen nur erdenklichen Formen und Größen stapelten. Es mussten Abermillionen sein, und alle enthielten sie die einbalsamierten Gebeine von Ibissen, Falken und Pavianen … Thot, der von den Gebeinen seiner Spezies umgeben war, schnupperte die Friedhofsluft und spitzte die Ohren, um auch den leisesten Laut zu vernehmen – eine Sandale, die über den staubigen Boden schritt, Stoff, der raschelnd über die Haut eines Menschen strich –, Dinge, die ich nicht wahrnehmen konnte, die ihm aber sofort signalisieren würden, ob Sobek und mein Sohn in der Nähe waren.
Im nächsten Augenblick hörten wir beide etwas: den Schrei eines verlorenen Kindes in Not, der kläglich aus den Tiefen der Katakomben schallte. Die Stimme meines Sohnes … nur woher kam sie? Thot zerrte plötzlich an seiner Leine, und zusammen mit unseren Schatten, die uns im Lichtschein unserer Lampe begleiteten, folgte ich ihm in gebückter Haltung in den Gang, der sich zu unserer Linken auftat. Der Tunnel verlief abschüssig. Weitere Tunnel gingen davon ab, verzweigten sich in verschiedene Richtungen und in unendliche Dunkelheit. Wo war er? Wie sollte ich ihn retten?
Dann hörten wir wieder einen schrillen, lauten Schrei, nur kam er dieses Mal aus einer anderen Richtung. Thot drehte sich um und zog an der Leine, zwang mich, ihm zu folgen. Er führte mich in einen Seitengang, der sich am Ende in zwei weitere teilte. Hochkonzentriert horchten wir, jeder unserer Sinne war geschärft, jeder Muskel angespannt. Es folgte erneut ein Schrei, und zwar von rechts. Wir hasteten in den entsprechenden Gang und vorüber an weiteren Kammern, die mit Töpfen vollgestopft waren. Diese hier sahen aus, als stünden sie schon sehr lange dort, denn die meisten waren zertrümmert, sodass in bizarrem Winkel Knochen und Schädelteile aus ihnen herausragten.
Jeder weitere Schrei, der ertönte, führte uns tiefer und tiefer in die Katakomben. Dadurch wurde mir bewusst, dass es, selbst wenn ich meinen Sohn retten konnte, nahezu unmöglich sein würde, jemals wieder hier hinauszufinden. Und mein nächster Gedanke war: Das ist ein Spiel. Er lockte mich in die Falle. Ich blieb stehen. Als der nächste Schrei ertönte, rief ich laut: »Ich werde nicht weitergehen. Komm zu mir. Zeige dich.«
Meine Stimme schallte durch die Gänge, hallte von den Wänden des Labyrinths wider, dann verstummte sie. Umzingelt von unendlicher Finsternis standen Thot und ich im schwachen Lichtkegel unserer Lampe da und warteten. Zunächst geschah nichts. Aber dann schimmerte plötzlich etwas in der Dunkelheit. Es war unmöglich abzuschätzen, wie nah oder wie weit entfernt dieser winzige Lichtpunkt war. Wir konnten aber sehen, dass er größer und größer wurde, und als er schließlich die Wände des Ganges erhellte, sah ich in seiner Mitte einen Schatten. Er bewegte sich auf uns zu.
Er trug die schwarze Schakalmaske des Anubis, des Wächters der Nekropole. Seine bemalten Zähne strahlten weiß in die Dunkelheit. An seinem Hals sah ich eine Zeremonialkette aus Gold.
»Du hast deinen Pavian mitgebracht«, sprach er mit leiser, tonloser Stimme.
»Er hat darauf bestanden, deine Bekanntschaft zu machen.«
»Er ist Thot, Protokollant des Totengerichts. Vielleicht hat er sich damit einen Platz in unserer Runde verdient«, erwiderte er.
»Nimm die Maske ab, Sobek, und schau mir in die Augen«, sagte ich.
Meine Worte schallten durch die riesigen Katakomben, sodass ihre Labyrinthe aus Finsternis und Schweigen mir vorkamen wie das gewaltige Ohr der Götter. Belauschten sie jedes Wort? Langsam zog er die Maske herunter. Endlich standen wir einander von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Hasserfüllt starrte ich in seine steingrauen Augen.
»Du hast meinen Sohn, und ich will ihn zurückhaben«, sagte ich. »Wo ist er?«
»Er ist hier, ich habe ihn gut versteckt. Ich werde ihn dir zurückgeben. Aber vorher musst du mir etwas geben.«
»Ich habe es bei mir, aber ich werde es dir erst aushändigen, wenn ich meinen Sohn wiederhabe und ihn in Sicherheit weiß.«
»Zeig es mir.«
Ich hielt den Lederbeutel hoch, damit er ihn im Licht der Lampe sehen konnte. Gierig schaute er darauf.
»Wir befinden uns in einer ausweglosen Situation. Solange ich den Beutel nicht habe, werde ich dir nicht verraten, wo der Junge ist. Und du wirst dafür sorgen, dass der Beutel erst in meinen Besitz gelangt, wenn du das Kind hast. Wir sollten also klug sein und das Ganze anders angehen«, meinte er.
»Und was schwebt dir da vor?«
»Das Leben deines Kindes kostet dich lediglich eine kurze Unterhaltung mit mir. Ich habe dich lange Zeit für einen hochgeschätzten Kollegen gehalten. Schließlich sind wir einander sehr ähnlich.«
»Wir haben nichts zu bereden. Du und ich haben nichts miteinander gemein. Ich will nur meinen Sohn. Lebend. Wenn du ihm etwas angetan hast, wenn du ihm auch nur ein einziges Haar gekrümmt hast …«
»Dann wirst du dich entweder in Geduld üben müssen, um ihn wiederzubekommen«, fiel er mir kühl ins Wort, »oder ich werde dir gar nichts verraten. Ich habe auf diesen Moment hier gewartet. Denk nach, Wahrheitssucher. Auch du hast Fragen. Vielleicht kenne ich die Antworten.«
Ich zögerte. Wie alle Mörder seiner Sorte war er einsam. Er verzehrte sich danach, verstanden zu werden.
»Worüber willst du dich unterhalten?«
»Lass uns über den Tod reden. Denn der fasziniert uns beide. Der Tod ist das größte Geschenk, denn er allein gibt uns Erhabenheit und Vollkommenheit, indem er uns von der Hoffnungslosigkeit und Banalität dieser Welt aus Blut und Staub erlöst«, sagte er.
»Der Tod ist kein Geschenk. Er ist ein Verlust«, entgegnete ich.
»Nein, Rahotep. Du fühlst dich am lebendigsten, wenn du dem Tod ganz nah bist. Ich weiß, dass du es so empfindest, trotz der heilen kleinen Welt deiner Familie. All diese herzigen Kinder und dein liebendes Weib … Aber Sterbliche sind nichts weiter als Säcke aus Blut und Knochen und widerwärtigem Gewebe. Das Herz, das famose Herz, von dem unsere Dichter und die Liebenden faseln, ist lediglich ein Fleischklumpen. Alles verwest.«
»Das nennt man die Natur des Menschen. Wir machen das Beste daraus. Was du treibst, ist auch in höchstem Maße banal. Du tötest hilflose, unter Drogen stehende Jungen und Mädchen und kleine Tiere. Du häutest sie, brichst ihnen die Knochen und reißt ihnen die Augen heraus. Und? Das ist nichts Besonderes. Im Grunde ist es armselig. Du bist wie so ein Schuljunge, der Insekten und Katzen quält. Ich habe schon wesentlich Schlimmeres erlebt. Mich interessiert nicht, warum oder wie du sie getötet hast. Das spielt keine Rolle. Du hast da zu deinem persönlichen Vergnügen eine Schau abgezogen, und das Ergebnis war eine Art Panoptikum des Todes. Du redest von Erhabenheit, hast dich aber tief in die Katakomben verkrochen, ein einsames, frustriertes Kerlchen, das von allen gehasst wird, ein Versager, der verzweifelt haben will, was in diesem kleinen Lederbeutel steckt.«
Er atmete inzwischen schneller. Ich musste ihn weiter reizen.
»Weißt du, dass einer der Jungen nicht gestorben ist?«, sprach ich weiter. »Er hat überlebt. Er hat dich beschrieben. Er kann dich identifizieren.«
Er schüttelte den Kopf.
»Ein Zeuge ohne Augen? Nein, Rahotep, du bist hier derjenige, der verzweifelt ist. Du bist der Versager. Der König ist tot, deine Karriere ist zu Ende, dein Sohn ist in meiner Gewalt.«
Ich hatte Mühe, mich zusammenzureißen, ihn nicht gegen die Wand der Katakombe zu knallen und ihm mit der Lampe das Gesicht zu Brei zu schlagen. Aber das durfte ich nicht tun, denn wie hätte ich dann Amenmose finden sollen? Außerdem fehlten mir immer noch Antworten.
»Was diese absurden Gegenstände betrifft, die du für den König hast hinterlegen lassen, deine merkwürdigen kleinen Geschenke: Hast du ernsthaft geglaubt, die würden ihm Angst einjagen?«
Mit finsterer Miene sah er mich an.
»Ich weiß, dass sie ihn in Angst und Schrecken versetzt haben. Sie haben ihm und diesem Mädchen genau das gezeigt, wovor sie sich am meisten fürchteten. Ich brauchte ihrer Todesangst lediglich einen Spiegel vorzuhalten. Nichts hat größere Macht als Angst. Angst vor der Dunkelheit, vor Verfall, vor Zerstörung und Untergang … und vor allem: die Angst vor dem Tod. Von ihr werden die Menschen getrieben. Diese Angst begleitet alles, was wir haben, und alles, was wir tun. Angst hat eine grandiose Macht, und ich habe sie gut eingesetzt!« Sobeks Stimme hatte jetzt einen angespannteren Ton.
Ich trat näher auf ihn zu.
»Du bist ein erbärmlicher, trauriger, perverser alter Mann. Eje hat dich rausgeschmissen, und aus Rache hast du einen Weg gefunden, dir wieder wichtig vorzukommen.«
»Eje war ein Narr. Er hat nicht begriffen, wen er da vor sich hatte. Er hat mich entlassen. Er hat sich über meine Behandlungsmethoden beschwert. Aber jetzt bedauert er das. Alles, was inzwischen passiert ist, das gesamte Chaos, die Ängste und die Furcht, dafür bin allein ich verantwortlich, ich habe sie ausgelöst! Selbst du, Rahotep, der berühmte Wahrheitssucher, konntest mich nicht aufhalten. Siehst du es immer noch nicht? Ich habe dich rufen lassen. Ich habe dir die Spur gelegt, vom ersten Moment an bis zu diesem Augenblick. Und der Gestank von Korruption und Tod hat dich dermaßen fasziniert, dass du ihr gefolgt bist wie ein Hund.«
Ich hatte es gewusst, es vor mir selbst aber nicht wahrhaben wollen. Das sah er mir an.
»Ja. Jetzt begreifst du. Und jetzt bekommst du Angst. Angst zu versagen.«
Ich sprach weiter, um mich von dieser Angst zu befreien.
»Aber warum hast du Tutanchamun gehasst? Warum hast du angefangen, ihn zu attackieren?«
»Er war die Saat einer Dynastie, die immer weiter verfiel und immer verderbter wurde. Er war untauglich. Er war unmännlich. Sein Geist war schwach und sein Leib mit Makeln behaftet. Er konnte keine gesunden Nachkommen zeugen, nur verkrüppelte, nutzlose Dinger. Er besaß keinerlei Heldenmut. Ich konnte nicht zulassen, dass er König wurde. Das musste verhindert werden. Früher, als die Menschen noch weise und nicht wie heute Narren waren, gab es den heiligen Brauch, den König zu töten, wenn seine Fehler oder Defizite Wohl und Macht des Landes gefährdeten. Ich habe diese edle Sitte wieder eingeführt. Ich habe die alten Rituale vollzogen. Ihm wurden die Knochen gebrochen, sein Gesicht wurde weggeworfen, ihm wurden die Augen ausgerissen, und seine Totenmaske wurde aus verwesenden Dingen erstellt, damit die Götter ihn im Totenreich nicht erkennen können. Ich habe dem Land die Hoffnung auf einen neuen König gegeben. Haremhab wird König werden. Er verfügt über Macht und Männlichkeit. Er wird Horus sein, der König des Lebens. Und der Kindkönig wird im Dunkel der Vergessenheit versinken, und niemand wird seinen Namen jemals wieder in den Mund nehmen.«
Endlich hatte er den General erwähnt. Ich hakte nach.
»Warum Haremhab?«
»Die Zustände in diesem Land kann man nur beklagen. Unsere Grenzen werden bedrängt, unsere Schatz- und Kornkammern sind leer, und in unseren Tempeln und Palästen regieren Huren, Diebe und Fantasten. Nur Haremhab verfügt über die Autorität, den Beiden Ländern wieder zu Ruhm und Glanz zu verhelfen.« Und dann brüllte er: »Ich bin es, der die Macht über die Lebenden hat. Ich bin es, der die Götter sieht. Ich bin die dunkle Sonne. Ich bin Anubis. Ich bin die Finsternis!«
»Du hast also alles, was du getan hast, auf Haremhabs Befehl hin getan? Die Gegenstände im Palast, das Relief in der Säulenhalle, der Mord an Mutnedjmet? Und als Gegenleistung hat er dir Ruhm und Macht versprochen?«
»Ich nehme keine Befehle entgegen! Haremhab hat meine Fähigkeiten erkannt und meine Taten angeordnet. Aber er ist Soldat. Für die größeren Wahrheiten fehlt ihm jedweder Sinn. Das gesamte Ausmaß meiner Arbeit kennt er noch gar nicht, denn das geht weit über die Macht und die Politik dieser Welt hinaus. Denn was nützt uns diese Welt, wenn wir nicht auch nach dem Jenseits greifen?«
Mit meiner Lampe in der Hand schritt ich um ihn herum. Ich wusste, da war noch mehr.
»Vielen Dank für dein Geschenk, die Kiste mit Augen. Ich schätze mal, sie stammten von den Opfern, die ich gefunden habe.«
Selbstzufrieden nickte er.
»Sie wurden für dich gesammelt. Ein Tribut. Und ein Zeichen.«
»Augen sind alles, nicht wahr? Ohne sie verschwindet die Welt für uns. Leben wir in Finsternis. Aber wie bei einer Sonnenfinsternis ist die Dunkelheit an sich schon eine Offenbarung. ›Die Sonne ruht in Osiris. Osiris ruht in der Sonne!‹«
Er nickte.
»Ja, Rahotep; endlich fängst du an zu begreifen, die Wahrheit zu sehen …«
»Ich habe ein paar Glasphiolen in deiner Werkstatt gefunden. Was enthielten die?«, fragte ich.
»Das hast du auch nicht herausgefunden?«, kläffte er mich auf einmal verächtlich an. Knurrend stellte Thot sich neben mich.
»Ich habe Salz geschmeckt …«, sagte ich.
»Du hast nicht weit genug gedacht. Ich habe die letzten Tränen der Toten gesammelt, die Tränen, die ihnen in dem Moment, da sie den Tod nahen sahen, aus den Augen rannen. Die geheimen Bücher verraten uns, dass diese Tränen ein Elixier sind, das die Essenz all dessen enthält, was die Sterbenden in den letzten Momenten erleben, da sie vom Leben in den Tod übergehen.«
»Aber als du die Tränen getrunken hast – nichts. Nur Salz und Wasser, mehr nicht. So viel zu den Mysterien der geheimen Bücher.«
Er seufzte.
»Sie zu trinken sorgte für Wonnen, die dafür entschädigten.«
»Gehe ich recht in der Annahme, dass du deinen Opfern Drogen verabreicht hast, damit es einfacher war, deine Barbareien an ihnen zu begehen? Ich denke mir mal, sie haben sich nicht gewehrt. Ich schätze mal, du konntest ihnen im Detail zeigen, welche Qualen du ihren armen Leibern zufügtest.«
»Wie immer bist du nicht in der Lage, die tiefere Bedeutung zu erfassen. Zum einen habe ich sie getötet, um den König zu warnen. Ich wollte aber auch noch etwas anderes, etwas Tiefschürfenderes.«
»Du wolltest dabei zusehen.«
Er nickte.
»Der Augenblick des Todes ist der glorreichste Moment des Lebens. Diesen Augenblick mitzuerleben, zu sehen, wie die sterbliche Hülle ihre Seele hergibt, um sie aus größter Finsternis ins Licht des Totenreiches entschwinden zu lassen, bedeutet, dem großartigsten Hochgefühl beizuwohnen, das dieses Leben zu bieten hat.«
»Aber deine Experimente sind gescheitert, nicht wahr? All die gebrochenen Knochen, die Goldmasken und die toten Gesichter erwiesen sich als lächerliche Requisiten. Da war keine Erhabenheit. Die Droge sorgte für Illusionen, aber nicht für Visionen. Die Toten sind einfach nur gestorben, und außer Schmerz und Leid hast du in ihren Augen nichts gesehen. Und deshalb brauchst du das hier.«
Ich schwenkte den Lederbeutel vor seinen faszinierten Augen hin und her. Er wollte danach greifen, aber Thot baute sich sofort drohend vor ihm auf, und ich hielt den Beutel weiter weg.
»Eines verrate mir noch, bevor ich dir das hier aushändige und du mir meinen Sohn zurückgibst. Wie bist du in den Besitz des Schlafmohns gelangt?«
Das Erstaunen, das in seinen gefühllosen Augen aufflackerte, befriedigte mich.
»Da ist sehr leicht dranzukommen«, erwiderte er vorsichtig.
»Natürlich, für medizinische Zwecke, in kleinen Mengen, für einen Arzt wie dich. Hier geht es aber um wesentlich mehr, es wird insgeheim Handel damit getrieben. Ich glaube, dass du darüber sehr viel weißt.«
»Ich weiß nichts darüber«, murmelte er.
»Unsinn. Die Nachfrage nach dem Luxus ihrer Wonnen ist inzwischen so hoch, dass es gar nicht genug verzweifelte Mädchen und Jungen gibt, die man als Schieber benutzten könnte, um sie zu decken. Die werden lediglich weiter eingesetzt, um die städtische Medjai vom eigentlichen Vertriebsnetz abzulenken. Ich will dir von diesem Vertriebsnetz erzählen. Der Schlafmohn wird in den Ländern der Hethiter angebaut, und sein Saft wird dann per Schiff durch den Hafen nach Theben geschmuggelt. Die Droge wird in den Etablissements gelagert und auch verkauft. Alle Beamten, auf sämtlichen Ebenen – von den Grenzsoldaten über die Hafenbeamten bis hin zu den Schreibtischhengsten, die den Etablissements ihre Lizenzen ausstellen –, beziehen Schmiergelder. Jeder muss überleben, ganz besonders in diesen schweren Zeiten. Was ich faszinierend finde, ist jedoch das hier: Die Hethiter sind unsere Feinde, wir führen Krieg gegen sie. Wie gelingt es also der Fracht, in diesen Kriegszeiten aus dem Land unserer Feinde die von der Armee gesicherte Grenze zu passieren? Darauf gibt es nur eine Antwort. Und die lautet: Die Armee ist ebenfalls in den Handel verstrickt.«
»Welch außerordentliche Fantasie! Warum sollte die Armee über eine derartige Sache hinwegsehen?«, spottete er.
»Das viele Geld, das sich mit einem solch geheimen Handel verdienen lässt, versetzt Haremhab in die Lage, sich wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Königlichen Schatzamt zu verschaffen. Das ist die moderne Welt. Die Zeiten, in denen auf primitive Weise geplündert, geraubt und gestohlen wurde, sind lange vorbei. Und eine Armee, die sich aus eigenen Mitteln finanziert, gut ausgestattet und bestens ausgebildet ist, ist ein äußerst gefährliches Monstrum.«
Er schwieg eine ganze Weile.
»Selbst wenn diese haarsträubende Fantasterei der Wahrheit entspräche, hätte das Ganze nichts mit mir zu tun«, meinte er dann.
»Selbstverständlich hat es das. Du weißt das alles. Du bist der Doktor. Deine Kenntnisse über Halluzinogene machen dich zu einem sehr wertvollen Mitarbeiter. Haremhab hat dich nicht nur eingestellt, damit du seiner geisteskranken Frau Drogen verabreichst, er wollte dich auch als Aufseher über seine Geschäfte hier in Theben. Du überwachst die Ankunft der Ladungen im Hafen, und du sorgst dafür, dass sie sicher an die Etablissements weitergeleitet werden. Ich glaube indes nicht, dass Haremhab das gesamte Ausmaß deiner ekelhaften privaten Aktivitäten kennt. Oder doch?«
Mit seinen leeren Augen sah er mich an.
»Sehr gut, Wahrheitssucher. Meine Kunstwerke waren mein persönlicher Tribut an Haremhab. Sie waren ein Beitrag zu seinem Machtkampf, meine Spende aus Chaos und Furcht. Aber was nützt dir dieses Wissen? Es gereicht dir eher zur Verdammnis. Ich kann dich nicht gehen lassen. Du sitzt in dieser Unterwelt aus Finsternis in der Falle. Du wirst nie ins Licht zurückfinden. Also kann ich dir jetzt getrost die Wahrheit sagen. Und dich dann dabei beobachten, wie du leidest. Deiner Trauer beiwohnen zu dürfen wird wie eine Vision sein, und die wird mich blendend für die andere Vision entschädigen. Ich bin schließlich kein Narr. Wer weiß schon, ob das, was du da mitgebracht hast, überhaupt echt ist und nicht nur eine Fälschung?«
Und dann stieß er einen Schrei aus, der exakt so klang wie die Schreie meines verschwundenen Jungen. Das Obsidianmesser der Angst stach mir zwischen die Rippen und traf mich mitten ins Herz. War Amenmose, mein Sohn, tot? Ich spürte, dass es zu spät war. Er hatte gewonnen.
»Was hast du mit meinem Sohn gemacht?« Mir brach fast die Stimme.
Ich trat einen Schritt auf ihn zu. Sofort trat er einen Schritt zurück und hob seine Lampe, um mich zu blenden und sein Gesicht zu verbergen.
»Weißt du, was Osiris dem Großen Gott in die Ohren weinte, als er im Totenreich eintraf? ›Oh, was ist das hier für ein verlassener Ort? Hier gibt es kein Wasser, keine Luft, die Tiefe ist unergründlich, die Finsternis so schwarz wie die Nacht. Muss ich hoffnungslos hier wandeln, wo man nicht in Frieden leben und die Sehnsucht nach Liebe befriedigen kann?‹ Ja, mein Freund, ich habe deinen Sohn zu einer kleinen Opfergabe für den Totengott Osiris gemacht. Ich habe ihn sehr, sehr gut in den Untiefen dieser Katakomben versteckt. Noch ist er am Leben, aber du wirst ihn niemals finden, auch nicht, wenn du alle Zeit der Welt hättest. Ihr werdet beide hier verhungern, verschollen in eurem ureigenen Totenreich. Jetzt, Rahotep, ist dein Gesicht wirklich im Haus der Finsternis geöffnet worden.«
Ich wollte mich auf ihn stürzen, und Thot stellte sich auf die Hinterbeine, knurrte ihn an und fletschte die Zähne, aber im gleichen Moment warf Sobek seine brennende Öllampe auf mich und verschwand in der Finsternis.
Ich nahm Thot den Maulkorb ab, und er sprang davon in die Dunkelheit. Hinter mir an der Wand loderte rot das brennende Öl, das aus Sobeks Lampe gespritzt war. Ich hörte Thot brüllen und anschließend, zu meiner Freude, laute Schreie. Doch brauchte ich Sobek lebend, damit er als Zeuge aussagen und vor allem, damit er mir meinen Sohn zurückgeben konnte. Laut und mit Nachdruck rief ich meinem Pavian einen Befehl zu und rannte dabei durch den finsteren Tunnel auf die Gestalt zu, die auf dem Boden kauerte. Ich hielt meine Lampe hoch. Thot hatte Sobek tief in die Kehle gebissen; eine weitere Fleischwunde hatte ihm die eine Gesichtshälfte zerfetzt, das Auge aus der Augenhöhle gerissen, und seine Wange hing lose herunter, sodass der Knochen und die Blutgefäße darunter freigelegt waren. Aus der Wunde am Hals sickerte schwarzes Blut. Ich kniete mich auf den Boden und zog sein ruiniertes Gesicht dicht an meines heran.
»Wo ist mein Sohn?«
Das Blut gurgelte in seinem Mund, als er zu lachen versuchte.
Ich drückte ihm meine Daumen fest auf die Augen.
»Was siehst du jetzt?«, wisperte ich ihm ins Ohr. »Nichts. Da ist nichts. Du bist ein Nichts. Es gibt kein Totenreich. Diese Finsternis, die du siehst, ist deine Ewigkeit.«
Ich drückte fester und fester, so fest, dass ich das versehrte Auge zurück in die Augenhöhle schob. Er trat mit den Beinen in den Staub wie ein Schwimmer, der sich auf dem Festland vor dem Ertrinken retten will, und quiekte wie eine Ratte. Ich spürte das Blut unter meinen Fingern, drückte aber trotzdem weiter, bis sein verderbtes, barbarisches Herz den letzten Tropfen Blut aus seinem Körper gepumpt hatte und er tot war.
Dann stand ich auf und trat mit den Füßen auf seinen nutzlosen Leichnam ein, stampfte auf den Überresten seines Gesichts herum, immer und immer wieder. Als mich die Kräfte verließen, sank ich auf den Boden und begann zu schluchzen, denn ich hatte versagt. Sein Tod hatte nichts bewirkt. Ich hatte mich versündigt. Die Öllampe brannte jetzt sehr schnell aus. Aber das interessierte mich nun nicht mehr.
Und dann – hörte ich etwas. In weiter, weiter Ferne: die wimmernden Schreie eines Kindes, das aus einem Albtraum erwachte und feststellte, dass es mutterseelenallein war, in der Finsternis …
»Ich komme!«
Amenmose antwortete mir, indem er noch lauter schrie.
Thot jagte los, hinein in die Untiefen der Finsternis, und ich folgte ihm, denn er nahm mir sämtliche Entscheidungen ab, indem er selbstsicher mal nach links und mal nach rechts lief. Derweil schrie Amenmose weiter, und ich schrie zurück, und so schrien wir um unser beider Leben, ein Vater und ein Sohn.
Thot fand ihn am Ende eines extrem niedrigen Stollens. Sein Köpfchen ragte aus einem Topf heraus, der selbst für einen ausgewachsenen Pavian groß genug gewesen wäre. Sein Gesicht war von Tränen und Dreck verklebt, und seine Schreie klangen untröstlich. Mit scharrenden Bewegungen suchte ich auf dem Boden nach einem Stein, mit dem ich den Topf zertrümmern konnte, ohne ihn zu verletzen. Und zugleich küsste ich den heulenden Jungen, versuchte, ihn ein wenig zu beruhigen, und rief immer und immer wieder »Amenmose, mein Sohn«. Der erste Schlag brachte den tönernen Topf nicht zum Bersten, sondern sorgte lediglich dafür, dass der Kleine nur noch lauter zu heulen begann. Erst nach einem weiteren, festeren Schlag brach der Topf entzwei. Ich zog an den Scherben, der Dreck fiel mir entgegen, und dann hielt ich endlich den zitternden, kalten und verdreckten Körper meines Sohnes in den Armen.
Inzwischen flackerte die Lampe. Wir mussten versuchen, hier herauszukommen, bevor sie ganz erlosch. Ich rief Thot einen Befehl zu. Er brüllte, als verstehe er genau, was ich wollte, und sprang voraus. Ich klemmte mir meinen Sohn unter den Arm und rannte ihm nach, war aber nicht in der Lage, zugleich auch noch die Flamme zu schützen.
Allzu bald hauchte sie ihr Leben aus.
Vollkommene Finsternis. Der Junge wimmerte und fing wieder an zu weinen. Beruhigend redete ich auf ihn ein, versuchte, ihn zu trösten.
»Thot!«
Der Pavian sprang sofort neben mich, und ich tastete nach seinem Halsband und legte ihm im Dunkeln die Leine an, wie ich es im Hellen schon so häufig getan hatte. Danach lief er tiefer in die Schwärze, und ich konnte ihm nur folgen und dabei versuchen, den Jungen vor Schaden zu bewahren, denn wir prallten ständig gegen irgendwelche Wände oder stolperten auf dem unebenen Boden. Hoffnung, dieses zerbrechlichste aller Gefühle, flackerte ebenso schwächlich in mir, wie das Licht der Lampe am Ende geflackert hatte. Verzweifelt küsste ich die Augen meines Sohnes. Er war jetzt still, als tröste es ihn, dass ich in der Dunkelheit bei ihm war, als sei dadurch jetzt jedes Schicksal akzeptabel.
Mit einem Mal sah ich für den Bruchteil einer Sekunde Licht in der Dunkelheit aufblitzen. Vielleicht hatte ich es mir nur eingebildet, vielleicht war es nur ein Fantasiegebilde meines verzweifelten Hirns gewesen. Doch fing Thot neuerlich zu brüllen an, und im nächsten Moment flackerten zwei Lichter auf, und ich vernahm Rufe, die klangen, als würden sie aus weiter Ferne, aus der verlorenen Welt des Lebens und des Sonnenlichts, zu mir dringen. Ich brüllte zurück. Die Lichter drehten und sammelten sich und kamen auf uns zu wie die heilige Errettung von den Schatten. Während sie näher und näher kamen, blickte ich nieder auf das Gesichtchen meines Sohnes. Als er die Lichter in der Finsternis erblickte, riss er die Augen weit auf und schaute darauf, als seien sie Teil einer Fabel, der Teil, der ihn in seiner Schauergeschichte zum Happy End geleiten würde.
Im flackernden Licht der ersten Lampe erkannte ich ein vertrautes, besorgt und zugleich erleichtert dreinblickendes Gesicht. Kheti.
Als ich Amenmose den Weg hinauf und ins Haus getragen hatte, war Tanefert auf die Knie gesunken, mit offenem Mund, aus dem lautlos die Qual und die Erleichterung schrien. Sie nahm ihn in die Arme und ließ ihn nicht mehr los. Irgendwann, nachdem ich lange genug sanft auf sie eingewirkt hatte und es mir gelungen war, ihn aus ihrem Klammergriff zu befreien und in sein Bettchen zu legen, ging sie dann auf mich los, schlug mit ihren Fäusten auf meinen Körper und mit den Händen auf mein Gesicht ein, als wolle sie mich zerreißen. Und die Wahrheit ist, dass ich das nur zu gern geschehen ließ.
Dann wusch sie den Jungen mit kühlem Wasser, trocknete ihn anschließend mit unendlicher Zärtlichkeit ab, und dabei sprach sie die ganze Zeit beruhigend auf ihn ein. Er war müde und quengelig. Als er endlich eingeschlafen war, sah sie ihm beim Schlafen zu, ganz so, als wolle sie niemals wieder von seiner Seite weichen. Ihr Gesicht war immer noch tränennass. Meinem Blick wich sie aus. Ich konnte nicht reden. Ich hob die Hand, um ihr sanft mit den Fingern über die Wange zu streichen, aber sie ignorierte mich. Ich wollte meine Hand gerade wieder wegziehen, als sie plötzlich danach griff, sie umklammerte und küsste. Ich nahm sie in die Arme und hielt sie ebenso fest, wie sie unseren Sohn gehalten hatte.
»Vergib mir das nie, und ich werde es mir selbst auch nie vergeben«, sagte ich irgendwann.
Jetzt sah sie mich ruhig mit ihren dunklen Augen an.
»Du hast mir versprochen, unsere Familie würde niemals durch deine Arbeit zu Schaden kommen«, sagte sie einfach nur.
Das stimmte. Ich hielt mir mit beiden Händen den Kopf. Sie strich mir darüber, als sei ich ein Kind.
»Wie hat er ihn entführt?«
»Ich musste uns etwas zum Essen besorgen. Die Kinder waren es leid, ewig das Gleiche zum Abendessen vorgesetzt zu bekommen. Sie langweilten sich und waren frustriert. Und ich konnte nicht die ganze Zeit im Haus bleiben. Das war unmöglich. Also beschloss ich, auf den Markt zu gehen. Das Dienstmädchen sollte auf sie aufpassen. Der Wachmann stand vor der Tür. Sie sagt, die Kinder hätten auf dem Hof gespielt, und sie selbst hätte die Wäsche gemacht. Und plötzlich hörte sie nur noch Geschrei. Sie rannte nach draußen – und Amenmose war verschwunden. Das Tor stand offen. Der Wachmann lag auf dem Boden, und aus seinem Schädel strömte Blut. Sekhmet hatte versucht, den Mann daran zu hindern, Amenmose zu entführen. Er hat mit der Faust auf sie eingeschlagen. Dieses Untier hat mit der Faust auf meine Tochter eingeschlagen. Das war meine Schuld.«
Schluchzend rollte sie sich zusammen. Doch es bestand für sie kein Grund mehr zu weinen. Jetzt konnte ich sie in die Arme nehmen und trösten.
»Dieses Untier ist tot. Ich habe ihn umgebracht.«
Tanefert hob ihr tränennasses Gesicht, sah mich bestürzt an und begriff, dass ich die Wahrheit gesagt hatte.
»Stell mir heute bitte keine weiteren Fragen. Ich werde darüber reden, sobald ich kann. Er ist aber tot. Er kann uns kein Leid mehr zufügen«, versicherte ich ihr.
»Er hat uns bereits zu viel Leid zugefügt«, erwiderte sie mit einer Aufrichtigkeit, die mir fast das Herz brach.
Die Köpfe der Mädchen schoben sich durch den Vorhang. Tanefert schaute auf und versuchte zu lächeln.
»Ist alles in Ordnung mit ihm?«, fragte Thuju und kaute an ihrer Jugendlocke.
»Er schläft, seid also leise«, antwortete ich.
Nedjmet starrte ihn an.
Doch als Sekhmet ihn erblickte, brach sie in Tränen aus. Ich sah den schwarzen Bluterguss neben ihrem Auge, die Kratzspuren auf ihren Armen und die Hautabschürfungen an ihren Beinen. Sie schluchzte so sehr, dass sie kaum Luft bekam, und die Tränen schossen ihr nur so aus den Augen.
»Wie konntest du das zulassen?«, weinte sie mit gebrochener Stimme.
Ich spürte die Scham, die sich über mich legte wie ein Mantel aus Lehm. Zärtlich küsste ich ihre Stirn, wischte ihr die Tränen vom Gesicht und sagte zu allen: »Es tut mir so leid.« Und dann verließ ich den Raum.
Ich setzte mich auf die niedrige Bank im Hof. Die Geräusche der Straße drangen zu mir, als kämen sie aus einer anderen, fernen Welt. Ich dachte über all die vielen Dinge nach, die geschehen waren, seit Kheti in jener Nacht an die Wand neben unserem Schlafzimmerfenster geklopft hatte. Jetzt klopfte mein Herz, gegen meine Rippen. Ich hatte meiner Familie großes Unrecht zugefügt, indem ich fortgegangen war. Zu dem Zeitpunkt hatte es nicht danach ausgesehen. Und vielleicht hatte ich auch keine andere Wahl gehabt. Aber Tanefert hat recht: Man hat immer die Wahl. Ich hatte mich für das Mysterium entschieden, und ich hatte einen hohen Preis dafür gezahlt. Und ich wusste nicht, wie ich den entstandenen Schaden jemals wieder in Ordnung bringen sollte.
Irgendwann kam Sekhmet nach draußen. Schniefend wischte sie sich mit ihrem Gewand über das Gesicht, setzte sich aber neben mich. Elegant hockte sie sich auf ihre Beine und lehnte ihren Körper gegen meinen. Ich legte meinen Arm um sie.
»Entschuldige«, sagte sie leise, »so etwas Schreckliches hätte ich nicht sagen dürfen.«
»Es war die Wahrheit. Ich verlasse mich darauf, dass du mir die Wahrheit sagst.«
Verständig nickte sie, als mache sie sich den Kopf dieser Tage einfach ein bisschen zu schwer mit dem vielen Denken.
»Warum hat dieser Mann Amenmose entführt?«
»Weil er mir unbedingt massiv wehtun wollte. Er wollte mir zeigen, dass er mir eines der wichtigsten Dinge meines Lebens einfach wegnehmen kann.«
»Warum tut ein Mensch so etwas?«
»Ich glaube nicht, dass ich das weiß. Vielleicht werde ich es niemals wissen.«
»Was ist aus ihm geworden?«
»Er ist tot.«
Sie nickte und dachte darüber nach, sagte danach aber nichts mehr, und so saßen wir zwei einfach nur beieinander und lauschten dem lärmenden Chaos des Lebens auf der Straße. Wir sahen mit an, wie die Sonne aufging, höher und höher stieg und die Schatten vertrieb, und schließlich hörten wir die Mädchen lärmen: Sie waren in der Küche und begannen, das Essen vorzubereiten, stritten und lachten wieder.
Als ich wusste, dass meine Familie in Sicherheit war, stattete ich dem Palast einen letzten Besuch ab, um abschließend Bericht zu erstatten. Bei dem Gedanken daran, dieses Reich der Schatten neuerlich betreten zu müssen, krampfte sich mir das Herz zusammen. Anchesenamun musste jedoch unbedingt wissen, was ich über Haremhab in Erfahrung gebracht hatte – auf welche Weise er die neue Armee finanzierte und dass Sobek in seinen Diensten gestanden hatte. Diese Dinge waren entscheidende Waffen für ihre Verhandlungen. Sie konnte die Informationen als Druckmittel gegen den General einsetzen, durchblicken lassen, dass sie alles wusste, und ihm drohen, ihr Wissen an die große Glocke zu hängen, ihn damit bloßzustellen und in der Folge seines Amtes zu entheben. Das würde ihr die Möglichkeit geben, in ihrem Machtkampf mit Eje und Haremhab eine Waffenruhe zu erwirken. Sie, Khay und Simut starrten mich staunend an, als ich ihnen alles erklärte. Und nachdem sie mich gefragt hatten, was sie darüber hinaus noch wissen wollten, hatte ich mich verabschiedet. Ich hatte behauptet, Zeit mit meiner Familie zu brauchen, um mich von dem, was geschehen war, zu erholen. Ich verneigte mich, entfernte mich rückwärts, wie es vorgeschrieben war, drehte mich dann aber einfach um, ohne die Erlaubnis dazu erhalten zu haben. Ich hoffte aus tiefer Seele, dass man nie wieder von mir verlangen würde, diese totenstillen Hallen zu betreten.
***
Im Laufe der nächsten Tage legte sich eine anhaltende, drückende Hitze über das Land. Die Sonne brannte so gnadenlos vom Himmel, dass sich selbst die Schatten vor ihr verkrochen. In der Stadt brodelten die Prognosen, die Illusionen und die Gerüchte. Die Ankunft von Haremhabs Schiffen mit mehreren seiner Memphis-Divisionen hatte lautes Zetern und Furcht ausgelöst. Sie ankerten unweit des Hafens am Ostufer, und man rechnete jeden Moment mit einem Angriff oder der Belagerung der Stadt, aber die Tage vergingen, und nichts geschah. Die beständige Hitze und die unbeständige Zukunft erschwerten das alltägliche Leben und ließen es unbedeutend erscheinen, und dennoch gingen die Menschen weiterhin ihren gewohnten Beschäftigungen nach und arbeiteten, aßen und schliefen. Des Nachts herrschte indes eine strengere Ausgangssperre, als es sie je zuvor gegeben hatte, und so fühlte ich mich manches Mal, wenn ich mit Thot auf dem Dach saß, weil ich wieder mal nicht schlafen konnte, mir über alles und nichts den Kopf zerbrach und dabei zu den Sternen emporblickte, viel zu viel Wein trank und mir anhörte, wie die Wachhunde und streunenden Hunde einander zornig anbellten, als sei ich der letzte Mensch auf dieser im Mondlicht liegenden Welt.
Ab und an starrte ich über das Chaos der Dächer in Richtung des Malqata-Palastes, der in weiter Ferne am anderen Ende der Stadt lag. Ich versuchte, mir vorzustellen, welche Anspannung dort immer noch herrschte, welche Machtkämpfe dort nach wie vor ausgetragen wurden, während der Leichnam von Tutanchamun die letzten Tage der Reinigung durchlief und auf die Bestattung vorbereitet wurde. Ich stellte mir Haremhab auf seinem Staatsschiff vor, das immer noch im Palasthafen vor Anker lag, Khay, der weintrinkend in seinem Dienstzimmer hockte, und Eje, der allein in seinen perfekten Gemächern saß und vor Schmerzen in seinem Kiefer die Fäuste ballte. Und ich stellte mir vor, wie Anchesenamun rastlos durch ihre vom Licht der Öllampen erleuchteten Gemächer lief und dabei versuchte, Wege zu ersinnen, das Brettspiel der Politik zu gewinnen und die Zukunft ihrer ungeborenen Kinder zu sichern. Und mich selbst sah ich auch, sah, wie ich grübelnd und trinkend in der Dunkelheit kauerte und mich mehr mit Thot als mit sonst jemandem unterhielt, vielleicht, weil er dabei gewesen war. Er allein verstand es. Und er konnte nicht darüber reden.
***
Und dann eines Abends, kurz nach Sonnenuntergang, hörte ich jemanden klopfen. Als ich das Tor öffnete, sah ich draußen einen Streitwagen stehen und einen Begleitschutz, der gleich aus mehreren Palastwachen bestand, was auf meiner chaotischen Straße wie eine Fata Morgana wirkte. Entsprechend verwundert und zugleich verschreckt streckten die Leute rechts und links die Köpfe aus den Häusern und begafften die Erscheinung. Irgendwie rechnete ich damit, dass Khays knochiges Gesicht zum Vorschein kommen und er mich mit trübsinniger Miene begrüßen würde. Aber die Augen, die mich zaghaft ansahen, waren die Anchesenamuns. Sie hatte sich verkleidet und trug ein schlichtes Leinengewand.
»Ich sehe, ich habe dich überrascht. Darf ich hereinkommen?«, fragte sie in einem Ton, der darauf schließen ließ, dass ihr nicht wohl war bei der Frage.
Ich hatte mir vorgenommen, mich nie wieder auf einen dieser Menschen einzulassen oder in ihre Palastintrigen hineinziehen zu lassen, mich einfach zu verweigern. Nur stellte ich jetzt fest, dass ich ihr die Tür nicht vor der Nase zuschlagen konnte. Ich nickte, und vorsichtig entstieg sie ihrem Gefährt in ihren qualitativ hervorragenden goldenen Sandalen – die waren viel zu gut für diese Straße – und betrat im Schutz eines Sonnenschirms mein bescheidenes Heim.
Tanefert war in der Küche. Als wir hindurchliefen, um in den Wohnraum zu gelangen, in dem wir fast nie sitzen, sah sie, wer da gekommen war, und schien in eine Art Trance zu verfallen. Aber bereits im nächsten Moment erinnerte sie sich, was sich in einem solchen Fall geziemte, und verneigte sich tief.
»Mögen Euer Majestät Leben, Wohlstand und Gesundheit beschieden sein«, sagte sie leise.
»Ich hoffe, du wirst mir diesen unerwarteten Besuch verzeihen«, erwiderte die Königin. »Es ist ungehörig von mir, uneingeladen herzukommen.«
Tanefert war dermaßen verblüfft, dass sie nickte. In aller Ruhe nahmen die beiden Frauen einander in Augenschein.
»Geht bitte durch in den Empfangsraum. Ich werde Erfrischungen bringen«, sagte Tanefert.
Wir nahmen auf den Bänken Platz, und peinliches Schweigen machte sich breit. Anchesenamun ließ ihren Blick durch den einfachen Raum schweifen.
»Ich habe dir nie gedankt für all das, was du für mich getan hast«, sagte sie. »Ich weiß, dass du für deine Treue einen hohen Preis zahlen musstest. Am Ende war er viel zu hoch. Vielleicht bist du bereit, das hier als eine Art Entschädigung anzunehmen, so unzulänglich sie auch ist.«
Sie reichte mir einen Lederbeutel. Ich öffnete ihn und zog eine goldene Ehrenkette heraus. Es war ein wunderschönes und kostbares Stück von erstklassiger Qualität und Fertigung, und von dem, was es wert war, konnte ich meine Familie jahrelang ernähren. Ich nickte und ließ sie zurück in den Beutel gleiten, empfand nichts von dem, was ich eigentlich angesichts der Tatsache, dass man mir eine derartige Kostbarkeit schenkte, hätte empfinden müssen.
»Vielen Dank.«
Es folgte Schweigen. Aus der Küche konnte ich hören, wie Tanefert das Tablett vorbereitete.
»Das Geschenk ist nur ein Vorwand. Die Wahrheit ist, dass ich dich jeden Tag sehen wollte, mich aber gezwungen habe, nicht nach dir zu schicken. Ich konnte mich nicht dazu überwinden«, behauptete sie. »Mir wurde bewusst, wie sehr ich mich daran gewöhnt hatte, mich auf dich zu verlassen.«
»Und trotzdem seid Ihr jetzt hier«, erwiderte ich, vielleicht etwas zu harsch.
»Ja. Jetzt bin ich hier. Ich habe mir oft vorgestellt, wie du lebst, wie dein Haus aussieht und deine Familie. Ich würde sie gern kennenlernen. Wäre das möglich?«
Die Mädchen bekamen immer sofort mit, wenn wir Besucher hatten, und waren jedes Mal darauf aus, sie persönlich kennenzulernen. Ich hörte, dass sie sich bereits in der Küche versammelt hatten und in eindringlichem Ton auf ihre Mutter einredeten, sie sicher bedrängten, um herauszufinden, wer die fremde Frau war. Ich holte sie ins Zimmer. Und es ist ihnen zugutezuhalten, dass sie zwar einen Moment große Augen machten, dann aber auf die Knie sanken und sich perfekt verneigten.
Anchesenamun dankte ihnen und bat sie, sich zu erheben und sich vorzustellen. Dann kam mein Vater herein. Er war dermaßen verwundert über diesen außerordentlichen Gast, dass er mit der Unbeholfenheit eines alten Elefanten auf seine schmerzenden Knie sank. Tanefert gesellte sich ebenfalls zu uns und trug Amenmose auf dem Arm.
Er war müde und rieb sich die Augen.
»Darf ich ihn mal halten?«, fragte Anchesenamun.
Meine Frau reichte ihr das Kind, und die Königin der Beiden Länder nahm ihn vorsichtig auf ihren Schoß und blickte mit sanfter Miene in seine Augen, die zweifelnd zu ihr emporblickten. Sie lachte über seinen skeptischen Gesichtsausdruck.
»Er weiß nicht so recht, was er von mir halten soll«, sagte sie.
Doch genau in diesem Moment reagierte der Junge auf ihr Lachen, erwiderte es mit einem breiten Grinsen, und ihre Züge hellten sich auf und spiegelten das Entzücken, das sie in diesem Augenblick empfand.
»Kinder sind ein großes Geschenk«, sagte sie leise und hielt ihn noch eine ganze Weile, bis sie ihn widerwillig seiner Mutter zurückgab.
Ich redete den Mädchen gut zu, uns allein zu lassen, und sie taten es, indem sie sich daran ergötzten, sich immer und immer wieder zu verbeugen und zeitgleich rückwärts aus dem Zimmer zu laufen, sodass sie schließlich vor lauter Begeisterung ineinanderprallten. Dann waren wir wieder unter uns.
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihr nur hergekommen seid, um mich zu bezahlen und die Bekanntschaft meiner Kinder zu machen.«
»Nein. Ich habe eine Art Einladung für dich. Sie ist zugleich aber auch ein Appell.«
»Und um was handelt es sich dabei?«
Sie atmete tief durch und seufzte.
»Die Tage der Reinigung sind beendet. Es ist an der Zeit, den König zu bestatten. Nur habe ich ein Problem.«
»Haremhab?«
Sie nickte.
»Ich muss mich dringend entscheiden, welche Richtung ich einschlagen will. Ich habe ihn vorsichtig an einer langen Leine gehalten und glaube, dass er sich ziemlich sicher ist, dass ich seinen Heiratsantrag annehmen werde. Und Eje glaubt, dass ich einsehen werde, wie klug und weise sein Vorschlag ist.«
»In dem Moment, in dem Ihr Eure Entscheidung bekanntgebt, wird es also gefährlich werden«, sagte ich.
»Jawohl. Und ich muss es tun, sobald der König bestattet wurde. Also bin ich zu dem Schluss gelangt, dass ich sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt beide brauche, wenn ich die Doppelkrone für mich beanspruchen und meine Dynastie fortführen will. Eje hat sich erboten, mich in meiner Rolle als Königin zu unterstützen, vorausgesetzt, er behält weiterhin die Kontrolle über die Ministerien und politischen Entscheidungen. Ich würde hinnehmen müssen, dass er den Thron besteigt und König wird –«
Sie sah meinen bestürzten Gesichtsausdruck, sprach aber weiter. »Zum Ausgleich behalte ich aber meinen Rang, bewahre mir meine Unabhängigkeit und baue mir innerhalb der Regierungsstellen eigene Kontakte und Beziehungen auf. Durch mich bekommt seine Macht die Legitimität, die er braucht. Eje ist alt und hat keine Kinder, seine Regierungszeit als König dürfte nur noch wenige Jahre dauern. Danach wird er alle Macht und allen Einfluss mir übertragen und kann in Ruhe sterben. So haben wir es miteinander abgesprochen. Habe ich damit den für mich günstigsten Weg gewählt?«
»Und Haremhab?«
»Das ist schwieriger. Trotz des Abscheus, den ich für ihn empfinde, muss ich jede Möglichkeit in Betracht ziehen, jede Option, die sich mir bietet. Ihm steht eine gewaltige Streitmacht zur Seite. Insgesamt unterstehen mehr als dreißigtausend Soldaten seinem Befehl. Seine Generation sind alles andere Männer, und die neue Armee bietet ihnen eine Aussicht auf Macht und Erfolg, die sie ansonsten nicht hätten. Stell dir vor, was die anrichten könnten! Wenn er den Thron bestiege, hätte das jedoch einen direkten Konflikt mit Eje und den Ministerien zur Folge, und ich glaube, das würde die Beiden Länder ebenso destabilisieren wie ein Bürgerkrieg. Die zwei Männer sind sich dessen bewusst, und sie erkennen beide, dass das keinem von ihnen einen klaren Vorteil verschafft. Ein Bürgerkrieg käme zu diesem Zeitpunkt niemandem zugute. Außerdem ist das Gros von Haremhabs Divisionen nach wie vor weit weg und kämpft in den Hethiter-Kriegen; selbst wenn man dort einen Waffenstillstand aushandeln könnte, würden bis zu ihrer Rückkehr Monate vergehen, und das würde als massive Niederlage des Generals gewertet. Trotzdem ist er sehr gefährlich.
Dank dir habe ich die Informationen über den Schlafmohnhandel und könnte sie verwenden, um seinen Ruf im Hinblick auf sein vermeintlich unantastbares Ethos und seine Moral zu schädigen. Nur wird das Ganze sehr schwer zu beweisen sein, und ich halte es für nahezu unmöglich, ihn als den Drahtzieher dieses Handels zu überführen. Außerdem bin ich zu dem Schluss gelangt, dass sich eine derartige Kontroverse zu diesem Zeitpunkt, da alles für eine neue Einheit getan werden muss, allzu schädlich auswirken könnte. Also muss ich ihn weiterhin wie einen Löwen im Käfig in Schach halten, und das auf eine Weise, die sicherstellt, dass die Armee mehr oder weniger freiwillig mit uns kollaboriert. Und um das zu erreichen, muss ich ihn in der wirklichen Welt der Männer und ihres Ehrgeizes mit etwas locken, was er haben will. Also werde ich ihm die Aussicht auf eine Heirat bieten, allerdings unter der Bedingung, dass wir warten, bis Eje tot ist. Und wenn das Glück mir hold ist, bietet sich mir vorher ja vielleicht eine bessere Alternative, denn die Wahrheit ist, dass ich niemals mit diesem Mann das Bett würde teilen können. Er hat das Herz einer Ratte.«
Eine Weile saßen wir schweigend da.
»Ihr habt gesagt, Ihr habt eine Bitte«, erinnerte ich sie schließlich.
»Ich habe gesagt, dass es sich dabei um einen ›Appell‹ handelt und um eine Einladung«, berichtigte sie mich.
»Was ist es?«
Nervös stockte sie.
»Wirst du mich zum Begräbnis des Königs begleiten? Es soll morgen Nacht stattfinden.«
So kam es, dass ich den Beisetzungsfeierlichkeiten beiwohnte, um Tutanchamun, dem einstigen Herrn der Beiden Länder und Lebenden Abbild des Amun, das letzte Geleit zu geben, worum er selbst mich in den letzten Stunden seines Lebens gebeten hatte. Eingewickelt in weißes Leinen lag der Leichnam im Innersten der Särge in seinem Schlafgemach im Palast. Er sah sauber und ordentlich aus, wie eine große, gut gearbeitete Puppe, die man mit Goldfäden umwickelt und mit Amuletten geschmückt hatte.
Wie es sich gehörte, legte Anchesenamun einen Kranz aus frischen blauen, weißen und grünen Blumen um seinen Hals. Er trug auch einen goldenen Halsschmuck mit einem Geier, darunter ein Pektorale mit einem Skarabäus, und auf seiner Brust einen goldenen Falken. Seine Arme waren gekreuzt, und Hände aus Gold hielten die königlichen Insignien Krummstab und Geißel. Ich musste daran denken, dass ich der letzte Mensch gewesen war, der die echte Hand des Königs gehalten hatte, als das Leben ihn verließ. Den Kopf des Leichnams schmückte ein Gegenstand, der von unfassbarer Schönheit war: eine Totenmaske, die ein ungemein fähiger Handwerker aus purem Gold gefertigt hatte, damit sie das stolze Antlitz des Gottes Osiris schauen konnte. Der Künstler hatte aber auch die Augen des Tutanchamun akkurat dargestellt, den gescheiten, wachen, brillanten Blick unter den dunkel geschwungenen Brauen aus Lapislazuli. Sie waren aus Quartz und Obsidian und blickten voller Zuversicht in die Ewigkeit. Auf seiner Stirn erhoben sich schützend der Geier und die Kobra. Ich konnte mir vorstellen, dass das hier das Gesicht war, mit dem er den Göttern gegenüberzutreten gewünscht hätte.
Feierlich zogen wir in einer Prozession durch den Palast. Man gestattete mir, gleich hinter Anchesenamun zu gehen und neben Simut, der erfreut war, mich zu sehen, und mir zunickte. Eje schritt neben der Königin. Er lutschte auf einer seiner Pastillen aus Gewürznelke und Zimt herum, deren Geruch gelegentlich in meine Richtung wehte. Er hatte also wieder mal Zahnschmerzen. Es war schwer, Mitleid mit ihm zu empfinden. Als wir durch das Westtor nach draußen traten, schlug uns die kühle Nachtluft entgegen, und die Sterne schimmerten hell in den Tiefen des ewigen Ozeans der Nacht. Die Mumie lag in ihrem offenen Sarg auf einem vergoldeten Katafalk, der von einem Kobra-Fries beschützt wurde und mit Girlanden dekoriert war; die übrigen Särge, die man ineinandergestellt hatte, folgten auf einem weiteren Gestell, das wegen seines gewaltigen Gewichts von Ochsen gezogen wurde. Zwölf hohe Beamte, darunter auch Khay und Pentu, trugen weiße Gewänder und weiße Trauerbinden um die Stirn. Auf ein Signal hin stießen sie im Chor einen Ruf aus und zogen dann an den Seilen, um den ersten, leichten Katafalk auf seinen Rollen über die Steine des Prozessionsweges zu ziehen.
Wir nahmen die Hauptstraße, zunächst in westlicher, dann in nördlicher Richtung. In der Ferne zeichneten sich die Umrisse flacher Gebäude vor den im Mondlicht silbern glänzenden Felsen ab: der Totentempel der Hatschepsut. Es war eine anstrengende Prozession, die nur langsam vorankam. An den strategisch wichtigen Stellen der Route hatte Simut Wachposten aufgestellt, die mit Pfeil und Bogen bewaffnet waren. Still ruhte das Land unter den wachsamen Augen des Mondes. Die Nacht warf seltsame Schatten. Irgendwann erreichten wir den Rand des Tals der Könige und liefen in westlicher Richtung weiter, bogen dann nach links ab, kurz darauf wieder nach links und bewegten uns somit in den östlichen, den geheimsten Teil der Nekropole und zwischen den riesigen Schutzwällen aus abgetragenem Fels auf den Eingang der Grabkammer zu.
Als wir endlich dort anlangten, sah ich, dass man bereits Unmengen Gegenstände entladen und mit weißen Leinentüchern abgedeckt hatte – als ziehe ein gewaltiger Haushalt in einen anderen Palast um. Das mussten die Grabbeigaben sein, mit denen man die Gruft möblieren und dekorieren würde, sobald die Rituale vollzogen und die Särge geschlossen waren und man den Sarkophag versiegelt hatte.
Lampen erleuchteten die sechzehn in den Fels geschlagenen Stufen, die hinunter in die Grabkammer führten. Während die anderen alle darauf warteten, dass mit den Ritualen begonnen wurde, stieg ich hinab. Der Anblick, der sich mir im Schein der Lampen bot, war schockierend: Der Eingang zur Grabkammer war noch nicht fertiggestellt, im Gang schien für die Zeremonie noch nicht einmal richtig aufgeräumt worden zu sein. Auf den Stufen standen immer noch Krüge mit Binden und Natron und Wasserschalen der Arbeiter, die man nur hastig zur Seite geschoben hatte. Ich trat durch die in den Fels geschlagene Türöffnung in die Vorkammer.
Auch hier waren die Arbeiten noch nicht abgeschlossen. Auf dem abschüssigen Fußboden und den nach wie vor unverputzten Wänden waren die roten Markierungen und Linien der Steinmetze zu sehen. Man hatte den Boden noch nicht gefegt, überall lagen Splitter und Bröckchen des Sandsteins. Hie und da glitzerte Gold an den Wänden, und zwar an den Stellen, an denen die Arbeiter beim Transport des königlichen Mobiliars in der Eile mit ihrer Last entlanggeschrammt waren. Die Luft roch verbrannt – nach Kerzenwachs, Ölen, Weihrauch, Binse –, ja selbst die nur grob behauenen Felsen der Wände und der niedrigen Decke schienen vom beißenden Geruch der vielen Meißel durchdrungen zu sein, die sich hier Schlag für Schlag, Stück für Stück durch den Fels gearbeitet hatten.
Ich wendete mich nach rechts und betrat die Sargkammer. Die Wände waren geschmückt, allerdings nur schlicht und unaufdringlich. Für etwas Prachtvolleres und Eleganteres hatte offenbar die Zeit nicht gereicht. Die vielen massiven Einzelteile der insgesamt vier goldenen Schreine hatte man gegen die Wände gelehnt, wo sie darauf warteten, in der dunklen Enge zusammengebaut zu werden, sobald die Särge im Sarkophag verstaut waren. Jedes dieser Teile war aus herrlich vergoldetem Holz gefertigt und auf der nicht vergoldeten Innenseite mit Anweisungen beschriftet, die besagten, welche Außenseite an welche andere Außenseite angrenzte, und so weiter. Den größten Platz nahm bereits jetzt ein riesiger gelber Steinsarkophag in Anspruch. Seine Ecken waren mit aufwendig gearbeiteten Steingravuren dekoriert, die detaillierte Darstellungen der einander überlappenden Flügel der Götter zeigten.
Ich bog erneut nach rechts ab und warf einen Blick in die Schatzkammer. Sie war bereits mit einer Vielzahl von Gegenständen bestückt. Der riesige Schrein machte es unmöglich, jetzt noch größere Dinge durch die Sargkammer zu tragen. Das Erste, was ich sah, war eine schwarze, glänzende, lebensgroße Skulptur des Anubis, der die Ohren gespitzt hielt, als höre er aufmerksam zu. Seltsamerweise hatte ihm jemand eine Decke über den Rücken gelegt, als solle die ihn warm halten während seiner Wache in der endlosen Finsternis. Hinter ihm stand ein riesengroßer goldener Kanopenschrein. Vor die eine Wand hatte man diverse versiegelte schwarze Schreine und Truhen gestellt. Vor der gegenüberliegenden Wand standen weitere Schreinkisten, neben Anubis jede Menge Schatullen aus Elfenbein und Holz.
Da gerade niemand in der Nähe war, nahm ich mir eine davon vor und öffnete sie vorsichtig. Im Inneren befand sich ein prächtiger Fächer aus Straußenfedern. Die Inschrift darauf lautete: »Aus Straußenfedern, die Seine Majestät bei der Jagd in den Wüsten östlich von Heliopolis erwarb.« Ich dachte an den Fächer, den er mir versprochen hatte. Auf den vielen Schatullen standen mehrere wunderbar detaillierte und bemalte Schiffsmodelle, komplett mit Segeln und Takelage im Miniaturformat. Mir fiel eine kleine Holzkiste zu meinen Füßen auf. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, hob den Deckel und sah, dass sich zwei winzige Särge darin befanden: Anchesenamuns totgeborene Töchter, wie ich annahm.
Als ich mir gerade den Kopf über die winzigen sterblichen Überreste zerbrach, die inmitten dieses Gewirrs aus goldenen Objekten standen, stieß Khay zu mir.
»Wenn diese Kinder gesund und nicht viel zu früh zur Welt gekommen wären, sähe die Welt um uns her heute anders aus«, sagte er.
Ich nickte.
»Viele Sachen hier sind Familienerbstücke«, erwiderte ich. »Gegenstände mit den Namen einzelner Familienmitglieder und andere mit dem Bildnis des Aton.«
»Das stimmt. Schaut Euch beispielsweise das hier an: Paletten, Schatullen und Armreife, die seinen Halbschwestern gehört haben. Und dort, versteckt unter den Tüchern, stehen Wein aus der Stadt Achet-Aton und Staatsthrone mit dem Aton-Symbol. Diese Dinge gehören zum königlichen Privatbesitz, sind heute aber verboten und werden hier jetzt in dieser Grabkammer der Ewigkeit übergeben. Was auch gut ist.«
»Ich denke mir, dass es Haremhab zum Nutzen gereichen würde, diese Schätze in seinen Besitz zu bringen. Er könnte Anchesenamun damit erpressen, sie beschuldigen, heimlich immer noch der gescheiterten Religion verbunden zu sein. Also nutzt Eje die Gelegenheit, um die Symbole einer gescheiterten Vergangenheit zusammen mit dem letzten König dieser Ära zu begraben.«
»Genau. Deshalb diese unziemliche Hetze und Heimlichtuerei.«
»Und seht Euch an, worauf das Ganze am Ende hinausläuft: Holz, Gold, Juwelen und Knochen.«
Wir liefen über die Treppe wieder nach oben in die nächtliche Welt. Ich sah, dass die Sterne allmählich schon verblassten. Bald würde der neue Tag anbrechen. Der Augenblick war gekommen, das letzte Ritual zu vollziehen. Eje trug jetzt das Leopardenfell eines Priesters und auf seinem alten Schädel die Blaue Königskrone, die mit goldenen Sonnenscheiben geschmückt war. Er war derjenige, der das Ritual der Öffnung des Mundes vornehmen und damit zum Nachfolger werden würde. Der Sarg mit der Mumie wurde senkrecht aufgestellt, und hastig legte Eje das gezackte Peschkefmesser auf den toten Mund des Königs und anschließend auf die anderen Sinnesorgane – die Nase, die Ohren und die Augen –, um ihnen ihre Macht zurückzugeben und der Seele des Königs zu erlauben, wieder eins zu werden mit seinem Körper, damit er im nächsten Leben wiedergeboren werden konnte. Alles geschah genau nach Vorschrift, allerdings so schnell wie eben möglich, ganz so, als habe Eje Sorge, man könne ihn mittendrin unterbrechen. Mir fiel auf, dass Simuts Wachsoldaten sowohl auf dem Kamm des Tals als auch vor dem Eingang Stellung bezogen hatten.
Unter größten Mühen wurden die Särge nach unten in die Sargkammer getragen. Unsere kleine Trauergemeinde folgte im Gänsemarsch. Kaum dass wir in der Vorkammer standen, wurde die Luft heiß und drückend. Keiner sprach ein Wort, aber aufgrund der Akustik in der Kammer klangen die Atemzüge der Anwesenden laut, nervös und angestrengt. Da mir die Köpfe anderer Männer weitgehend die Sicht versperrten, sah ich nur ab und an Ausschnitte dessen, was sich in der Sargkammer abspielte, in der die Rituale fortgesetzt wurden: Ich sah die Seite des Sarges, der unter größten Anstrengungen angehoben wurde, sah das kurze Aufblitzen eines goldenen Anhängers, und dann roch ich den Duft des warmen Harzes, das in den innersten Sarg gegossen wurde. Gebete und Beschwörungen wehten unergründlich durch die Finsternis. Endlich wurden die letzten Vorbereitungen getroffen, um den Steindeckel auf den Sarkophag zu setzen; ich hörte das Ächzen von Seilen und Flaschenzügen und das Grunzen der Männer, die sich in der Enge damit abplagten. Und im nächsten Moment ertönte ein lautes Krachen und anschließend ein schockiertes Aufkeuchen derer, die mit eigenen Augen gesehen hatten, was passiert war: Einer der Arbeiter hatte seine Ecke fallenlassen, und der Steindeckel war auf den Sarkophag geschlagen und in zwei Teile zerbrochen. Der Aufseher erkannte aber offenbar sofort, dass daran nun nichts mehr zu ändern war, und klatschte in die Hände. Daraufhin wurden die Bruchstellen einfach wieder zusammengefügt, rasch mit Gips verfugt, und den Riss übermalte man mit gelber Farbe, um den Makel zu übertünchen.
Danach ging es weiter mit dem Aufbau der vier Grabschreine, die um den Sarkophag herum aufgestellt wurden. Das dauerte lange. Die Arbeit bereitete den Männern Probleme, die eine gewisse Komik mit sich brachten. Verzweifelt versuchten sie im schwachen Licht der Lampen, den jeweiligen Verwendungszweck der verschiedenen Einzelteile zu ergründen, konnten sich jedoch nicht einigen, in welcher Reihenfolge was warum und wie bewegt werden musste, damit es geräuschlos dort aufgestellt wurde, wo es hingehörte. Endlich war es vollbracht, und die Männer, die vor Schweiß glänzten und vor Anstrengung keuchten wie erschöpfte Maultiere, verschwanden. Jetzt waren zwischen dem großen goldenen Schrein und den geschmückten Wänden nur noch so etwa zwei Ellen Platz. Nach einem ganz speziellen Muster, das allein für sie einen Sinn machte, legten Priester Ritualgegenstände aus: hölzerne Ruder, Lampen und Kisten, Weinkrüge und ein Bouquet aus Oliven und Persea. Die Türen des Schreins wurden versiegelt. Im Inneren war ein vergoldeter Schrein in den anderen geschachtelt; und im Herzen dieses großen, kalten Nests aus geschnitztem und mit Gold intarsiertem Holz und gelbem Stein lag klein und verletztlich unter einem Baldachin aus Gold und von Schätzen umgeben der magere, ausgeweidete und mumifizierte Leib des toten Königs. Ganz plötzlich erinnerte ich mich an ihn, als stünde er vor mir, sah den entzückten Ausdruck auf seinem Gesicht, als er unter den Wüstensternen darauf wartete, dass die Jagd begann, als er noch lebte.
Wir neigten unsere Häupter und traten respektvoll einen Schritt zurück. Eje und Anchesenamun kamen als Letzte. Dann bewegten wir uns langsam weiter nach hinten, rückwärts aus dem Vorraum heraus und ließen den König in der Steinkammer zurück, allein, mit seinem Gold, seinen Grabbeigaben, seinen Liegen, Masken und kleinen Schiffen, mit seinen Spielbrettern und den Stühlen, auf denen er als Kind gesessen hatte, und mit den Schalen, aus denen er getrunken hatte – mit all den Dingen dieser Welt, die er in der nächsten wieder brauchen würde, einer Welt, in der die Zeit keine Macht hatte und die Finsternis sich in ewiges, niemals schwindendes Licht verwandelte. Das wird zumindest behauptet.
Wir hielten den Leichenschmaus und beobachteten derweil, wie die letzten Grabbeigaben nach unten getragen wurden, mit denen die Vorkammer und die kleinere Seitenkammer, die sich gleich links dahinter befand, bestückt wurden: Streitwagenräder und die abgesägten beziehungsweise auseinandermontierten Teile goldener Streitwagen; herrlich bemalte und mit Einlegearbeiten verzierte Kisten; und drei elegante Liegen, von denen eine die Form eines Löwen hatte und mit Löwenköpfen geschmückt war. Ihre goldenen Gesichter mit den blauen Schnauzen und den goldenen Augen, die einen weisen, ernsten und mitleidigen Ausdruck hatten, funkelten mich in der Dunkelheit an und warfen im Lampenschein mächtige Schatten an die Wand, als sie daran vorübergetragen wurden. Unter eine der Liegen wurden weiße Behältnisse gestellt, die Opferspeisen enthielten. Hell leuchtete im Licht der Lotoskelch aus Alabaster, den ich auf dem Schiff in Tutanchamuns Gemächern gesehen hatte. Da waren Stühle und Throne, die mit den Symbolen des Aton geschmückt waren, und zwei lebensgroße Statuen von Wächtern, die geflissentlich die Unordnung ignorierten. An der Wand aufgehäuft lagen in Schilf gewickelte silberne Trompeten, goldene Gehstöcke und in Gold getunkte Pfeile. Als Nächstes wurden zahllose Weinkrüge, deren Beschriftungen anzeigten, dass sie bereits alt waren und aus der Zeit Echnatons stammten, und Unmengen Alabastergefäße mit Ölen und Parfums in die kleine Seitenkammer getragen sowie Hunderte Körbe mit Obst und Fleisch, die dann alle auf Stühle, Kisten und ein langes vergoldetes Bett gestapelt wurden. Überall war Gold, so viel, dass mir von seinem berühmten Glanz ganz übel wurde.
Schließlich war es an der Zeit, Tutanchamuns Grabkammer für die Ewigkeit zu versiegeln. Seltsamerweise beschlich mich das Gefühl, als seien wir, die Lebenden, die sich auf dem Gang drängten, auf der verkehrten Seite der Steintür, die man in aller Hast zwischen uns und der jetzt menschenleeren Vorkammer hochgezogen hatte. Im nervös flackernden Licht der Kerzen wirkten die Mienen der Versammelten – Adlige, Priester und die junge Königin – wie die Gesichter von Verschwörern, die gemeinsam ein Verbrechen begingen.
Ich empfand einerseits so etwas wie Abscheu und Entrüstung, andererseits aber auch Mitleid, als die Steinmetze sich in ihrer dreckigen Arbeitskleidung ans Werk machten, die letzten Steine in die Mauer drückten, die dabei laut knirschten, dann mit groben Bewegungen den nassen, dunkelgrauen Putz aufbrachten und ihn mit Tüchern glätteten, damit die Nekropolenwächter abschließend ihre ovalen Insignien des Anubis hineindrücken konnten. Zahllose Hände griffen nach vorn, um sich dort für alle Zeiten zu verewigen, allerdings auf eine Weise, die routinemäßig und ungeduldig wirkte und damit im Widerspruch zu den anderen Symbolen stand. Große Liebe des gesamten Landes … Bildnisse der Götter zu erschaffen, auf dass sie ihm den Atem des Lebens einhauchen mögen …
Dann schlurften wir wie eine Horde Tiere rückwärts durch den Gang und hielten dabei unsere schwächlichen Lampen hoch. Anchesenamun legte einen letzten Blumenstrauß auf die Treppenstufen – Alraunen, blaue Wasserlilien, Nachtschatten, Oliven- und Weidenzweige; hoffnungsvolle, zarte, kurzlebige Blumen des Frühlings der Welt. Ihr Gesicht war tränennass. Ich bildete das Schlusslicht, und als ich mich ein letztes Mal umdrehte, sah ich, wie die dunkle, stetig steigende Schattenflut unserer davonschreitenden Gestalten eins wurde mit der großen Finsternis der Ewigkeit, die uns jetzt die sechzehn Stufen hinauf folgte, wo sie mit weiteren Steinen versiegelt wurde, für alle Zeit.
Die Mondsichel war versunken und lag jetzt über dem Rand des sich schwarz und blau abzeichnenden Tals. Unsicher standen wir in der Runde, unter den späten Sternen, im Land der Lebenden. Doch waren wir nicht allein. In der Dunkelheit wartete eine imposante Gestalt, und hinter ihr standen bewaffnete Männer, deren Waffen im Licht des Mondes blitzten. Haremhab. Ich suchte nach Simuts Wachposten und erkannte in der Dunkelheit die Umrisse zusammengesunkener Körper, getöteter Leiber.
Der General trat vor, um Eje und Anchesenamun zur Rede zu stellen.
»Habt Ihr es nicht für angemessen gehalten, mich einzuladen, um dem König das letzte Geleit zu geben?«, fragte er in forderndem Ton.
Eje trat ihm entgegen.
»Ich bin der König. Ich habe die Rituale vollzogen und die Thronfolge angetreten. Ich werde meine Thronbesteigung und meine bevorstehende Krönung am Morgen bekannt geben.«
»Und was ist mit Euch, Königin? Habt Ihr so wenig von meinem Angebot gehalten, dass Ihr es für überflüssig hieltet, es mit mir zu besprechen, bevor Ihr die Entscheidung gefällt habt, die zu dieser jämmerlichen Situation hier führte?«
»Ich habe alles in Betracht gezogen. Ich bin die Witwe Tutanchamuns, Erneuerer der Götter, und ich bin die Enkeltochter von Amenophis, dem Glorreichen. Und du bist nicht von edlem Geblüt.«
»Wie könnt Ihr es wagen, meine Herkunft in Frage zu stellen?«, knurrte er drohend mit seiner tiefen Stimme.
Sie überlegte. Es war so weit. Haremhab konnte kaum noch erwarten zu erfahren, was sie zu sagen hatte.
»Uns sind Informationen zugetragen worden, vertraulich und streng geheim, die uns verwundert und enttäuscht haben. Sie werfen ein bestimmtes Licht auf das Ansehen und die Integrität der Armee.«
Sie ließ die gefährlichen Worte in der Luft hängen.
»Der Ruf und die Integrität der Armee sind tadellos«, erwiderte Haremhab drohend.
»Wenn der General davon überzeugt ist, weiß er nicht über alles Bescheid, was in seinen eigenen Divisionen vor sich geht«, erwiderte sie. »Es gibt Elemente innerhalb der Armee, die zum Zwecke der persönlichen Bereicherung Handel mit den Hethitern treiben, mit unseren erklärten Feinden.«
Er trat näher, und sein Atem formte Nebel in der kalten Nachtluft.
»Wagt Ihr wirklich, meine Divisionen des Verrats zu beschuldigen? Ihr?« Spöttisch sah er sie an. Aber sie bot ihm die Stirn.
»Ich gebe hier lediglich wieder, was mir gesagt wurde. Vielleicht entspricht es nicht der Wahrheit. Vielleicht aber doch. Der Schlafmohn, wie ich höre, wird über die Frontlinien geschmuggelt. Handel mit dem Feind? Es wäre höchst bedauernswert, wenn sich eine derartige Vermutung bei den Ministerien herumsprechen würde, in den Tempeln, in der Öffentlichkeit«, sagte sie.
Mit einer einzigen flinken Bewegung zog Haremhab sein Krummschwert, und die polierte Klinge funkelte im Mondlicht. Für einen Moment fürchtete ich, er würde ihr den Kopf abschlagen. Er hielt seine Waffe in seiner behandschuhten Faust in die Höhe, und zeitgleich zielten seine Soldaten mit ihren eleganten und tödlichen Pfeilen auf unsere Herzen und warteten nur noch auf seinen Befehl, uns alle stillschweigend abzuschlachten. Simut trat vor, um die Königin zu beschützen, und bedrohte Haremhab mit seinem Dolch. Die beiden Männer starrten einander mit der Intensität von Hunden an, die bereit waren, sich einen blutigen Kampf zu liefern. Aber Anchesenamun ließ sich nicht unterkriegen und griff ein.
»Ich glaube nicht, dass es deiner Sache dienlich wäre, uns zu ermorden. Dir fehlt es an der Macht, die Kontrolle über alle Ministerien und Tempel der Beiden Länder zu übernehmen. Zu viele deiner Soldaten kämpfen im Krieg. Denk genau nach. Hör dir meinen Vorschlag an. Das Einzige, was ich will, ist Ordnung in den Beiden Ländern, und um diese Ordnung zu erhalten, muss die Macht zwischen uns dreien gleichwertig aufgeteilt werden. Eje wird als König regieren, denn er kontrolliert die Ministerien des Königreiches. Du wirst General bleiben. Mit dem geheimen Handel muss Schluss sein. Wenn der aufhört, hast du viel zu gewinnen. Die Zukunft.«
Langsam senkte Haremhab sein Schwert und bedeutete seinen Männern, ihre Bögen wieder herunterzunehmen.
»Und wie sieht diese Zukunft aus? Wirst du diesen gebrechlichen alten Knochenhaufen ehelichen?«, fragte er und fuchtelte dabei verächtlich mit der Hand in Ejes Richtung.
»Mein König ist tot, aber nur ich kann einen Erben hervorbringen, einen Sohn, der wiederum König sein wird. Das ist meine Bestimmung, und die werde ich erfüllen. Den Vater meines Sohnes werde ich mir sorgfältig aussuchen, er wird der Tauglichste und Beste der Besten sein. Ich werde ihn mir selbst aussuchen, kein Mann wird über mich zu bestimmen haben. Den Mann, der sich als fähig erweist, dieser edle Herr zu sein, werde ich zu meinem Gemahl nehmen. Und er wird König werden, an meiner Seite. Zu gegebener Zeit werden wir gemeinsam die Beiden Länder regieren. Und vielleicht werdet Ihr, mein Herr, Euch als fähig erweisen, dieser mir ebenbürtige Mann zu sein.«
Jetzt meldete Eje sich zu Wort, der bisher während dieses gesamten Wortwechsels den Mund gehalten hatte.
»Das sind die Bedingungen«, erklärte er und fügte hinzu: »Ihr solltet wissen, dass über uns und am Eingang zum Tal eintausend Palastwachen postiert sind. Sie sind darauf eingestellt, alles zu tun, was erforderlich ist, um unsere Sicherheit zu gewährleisten. Wie lautet Eure Antwort?«
Haremhab schaute nach oben, und auf den Steilhängen standen plötzlich zu beiden Seiten neue Reihen dunkler Gestalten, die Bögen in den Händen hielten.
»Habt Ihr Euch eingebildet, ich hätte nicht jeden einzelnen Schritt vorausgesehen, den Ihr Euch möglicherweise hättet einfallen lassen können?«, sprach Eje weiter.
Haremhab betrachtete die beiden. Dann trat er sehr dicht an sie heran.
»Wunderbar: ein alter Mann mit Zahnschmerzen und ein schwaches Mädchen mit Träumen von Glanz und Gloria, die nach den Zügeln der Macht greifen, und ein nutzloser Medjai, der gelernt hat, dass seine Familie niemals in Sicherheit sein wird. Hört zu …«
Und dann breitete er die Arme aus, als wolle er die gewaltige Stille der Nacht und der Wüste umarmen, die uns alle wie Zwerge erscheinen ließ.
»Wisst Ihr, was das ist?«, sprach er. »Das ist der Klang der Zeit. Ihr hört nichts als Stille, und dennoch brüllt sie wie ein Löwe. Es gibt keinen Gott, nur die Zeit, und ich bin ihr General. Ich werde warten. Meine Stunde naht, und wenn sie schlägt, triumphal und glorreich, werdet Ihr zwei nur noch Staub sein, wie auch Eure Namen nur noch Staub sein werden, denn ich werde sie auslöschen, jeden einzelnen von ihren Steinen entfernen. Und Eure Paläste werden meine Paläste werden, und statt Eurer Dynastie wird es eine neue Dynastie geben, die meinen Namen trägt und in der auf jeden starken Vater ein heldenhaft tapferer Sohn folgt, Generation für Generation, hinein in die Zukunft, bis in alle Ewigkeit.«
Und dann lächelte er, als sei der Sieg ihm gewiss, drehte sich um und marschierte, gefolgt von seinen Soldaten, in die Dunkelheit davon.
Mit unheilvoller Miene sah Eje ihm nach.
»Dieser Mann hat nichts als Flausen im Kopf. Komm, es gibt viel zu tun.«
Im nächsten Moment wimmerte er plötzlich auf und griff sich an seinen Kiefer. Wie es schien, konnte keine Macht der Welt die Schmerzen lindern, die seine faulenden Zähne ihm bereiteten.
Bevor sie in ihre ungewisse Zukunft entschwand, sprach Anchesenamun mich leise an.
»Ich habe mich an dich gewandt und um Hilfe gebeten. Du hast alles riskiert, um mir in dieser schweren Zeit zu helfen. Ich habe gehört, wie er deine Familie bedroht hat. Sei also versichert, dass ich alles tun werde, was in meiner Macht liegt, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. Du weißt, ich möchte, dass du mein persönlicher Leibwächter wirst. Dieses Angebot bleibt bestehen. Es würde mich glücklich machen, dich zu sehen.«
Ich nickte. Traurig schaute sie auf den versiegelten Eingang zur Gruft ihres verstorbenen, jungen Gemahls. Dann drehte sie sich um und ging, gefolgt von Khay und den anderen Adligen, und alle bestiegen sie ihre Streitwagen, die sie über die lange gepflasterte Straße zum Palast der Schatten zurückbringen würden, wo sie die gnadenlose Aufgabe erwartete, für eine sichere Zukunft der Beiden Länder zu sorgen. Ich dachte an das, was Haremhab über Macht gesagt hatte, dass sie eine grobschlächtige Bestie sei. Ich hoffte, dass die Königin lernte, sie zu zähmen.
Simut und ich standen da und sahen ihnen nach. Rasch wich die Finsternis dem Licht der Morgendämmerung.
»Ich fürchte, Haremhab hat recht. Eje wird nicht mehr lange leben, und ohne einen Erben kann die Königin nicht regieren. Nicht, solange Haremhab darauf wartet, dass seine Stunde schlägt.«
»Richtig. Sie entwickelt sich aber zusehends zu einer mächtigen Frau. Das hat sie von ihrer Mutter. Und das gibt mir Hoffnung«, sagte ich mit einem völlig überraschenden Anflug von Optimismus.
»Komm«, schlug Simut vor, »lass uns auf den Gipfel des Hügels steigen und dabei zusehen, wie an diesem neuen Tag die Sonne aufgeht.«
Also kletterten wir über die Pfade, die sich wie Narben in das unebene, düstere, alte Fell des Hügels gegraben hatten, und schon bald taten sich vor uns in einem gewaltigen Panorama die schemenhaften Umrisse der Welt auf: die fruchtbaren Felder, die es schon seit ewigen Zeiten gab, die endlos dahinströmenden Wasser des Großen Flusses und die schlafende Stadt mit ihren grandiosen Tempeln und Türmen, ihren prächtigen, stillen Palästen, ihren Gefängnissen und Hütten, ihren ruhigen Wohngegenden und den düsteren Armenvierteln in der Ferne. Ich sog tief die kalte, frische Luft ein. Sie erfrischte und stärkte mich. Die letzten Sterne verblassten, und der Horizont hinter der Stadt bekam plötzlich einen rötlichen Glanz. Der König war tot. Ich erinnerte mich an seine Augen und an sein goldenes Gesicht, daran, wie er unten in der Finsternis lag, in der er vielleicht in diesem Moment sah – wer wusste das schon? –, wie das Totenreich sich vor ihm auftat, das Licht der Ewigkeit erstrahlte und seine Seele sich wieder mit seinem Körper vereinte.
Mir reichte völlig, was meine Augen von unserer Welt sahen. Der Rauch der ersten Feuer begann sich in die stille, reine Luft zu winden. In weiter Ferne hörte ich die ersten Vögel singen. Ich legte meine Hand auf Thots Kopf. Mit seinen weisen, alten Augen schaute er zu mir auf. Meine Kinder und meine Frau schliefen sicher noch. Wenn sie aufwachten, wollte ich gern bei ihnen sein, um sie zu begrüßen. Ich musste einen Weg finden, fest daran glauben zu können, dass wir trotz der Gefahren und Bedrohungen der Zukunft, die vor uns lag, ein sicheres Leben führen konnten. Ich schaute hoch in den indigoblauen Himmel und auf den Horizont, der mit jedem Moment lichter wurde. Bald würde es hell sein.