ZWEITER TEIL


Das Gestern gehört mir, ich kenne das Morgen

Sargtexte


Spruch 17

24


Die Sonne war hinter den flachen Dächern des Malqata-Palastes versunken, und aus den Tälern schwand das letzte Tageslicht. Rot und golden erglühte hinter uns die lange, flache Hochebene der Westlichen Wüste. Die schwarzen Wasser des Großen Sees waren so träge, dass es unheimlich wirkte. Sie hatten den silbernen Schimmer geschliffenen Obsidians. Und der dunkle Himmel spiegelte sich in der glatten Oberfläche, es sei denn, ein unsichtbarer Katzenfisch regte sich und verursachte damit ein sachtes Kräuseln. Über dem Ganzen hing wie der gewölbte Rumpf eines weißen Bootes der abnehmende Mond im immer dunkler werdenden Indigoblau des Himmels, an dem gerade die ersten Sterne aufgingen. Auf der gesamten Länge des Anlegestegs entzündeten Diener Lampen und Fackeln, sodass er von geheimnisvoll orangefarbenem Licht erleuchtet wurde.

Alles, was für eine königliche Reise lebensnotwendig war, wurde langsam und unter Mühen auf das großartige königliche Staatsschiff geladen, die Geliebte des Amun. Es hatte eine lange, elegante Form und wundervolle Proportionen, mit einem hohen, ausgeschmückten Bug und Schnitzereien am Heck; die detailgetreuen Szenen, mit denen die Aufbauten auf dem Oberdeck bemalt waren, zeigten den König, wie er in der Schlacht seine Feinde vernichtete. Die großen Segel waren eingeholt, die langen Ruder noch hochgeklappt und gegen die Kabinen gelehnt; oben auf den hohen Mastspitzen spreizten königliche Falken ihre goldenen Flügel im silbernen Licht des Mondes. Die Konstruktion schien auf den stillen Wassern des Sees perfekt die Balance zu halten. Gleich daneben lag ein weiteres, beinahe ebenso schönes Schiff vor Anker, der Stern von Theben. Zusammen waren die beiden ein Traumpaar. Sie waren nicht nur die prächtigsten Transportmittel, die je von einer Kultur erbaut worden waren, und boten jedweden Luxus; aufgrund des Wissens und der Handwerkskunst, mit denen man sie gebaut hatte, vermochten sie jeden Vorteil zu nutzen, den die Elemente Wind und Wasser zu bieten hatten: auf dem Hinweg die Strömungen, die das Wasser des Flusses unaufhörlich hinab ins Delta trieben, und auf dem Rückweg die zuverlässigen Nordwinde, die uns nach Hause wehen würden.

Ich machte mir Sorgen. Das, wovon ich mir erhofft hatte, dass es eine schnelle und relativ kleinformatige Angelegenheit werden würde, hatte sich zu einer problematischen Übung in puncto Politik und Wahrung des äußeren Scheins entpuppt. Ich hätte voraussehen müssen, dass nichts einfach sein würde. Zwischen den Privatsekretären des Königs, der Abteilung, die für seine Sicherheit verantwortlich war, und nahezu jeder anderen Dienststelle der Regierung hatte es vertrauliche Zusammenkünfte, Streitigkeiten und jede Menge Korrespondenz gegeben, und dabei war es schlichtweg um alles gegangen. Neben Auseinandersetzungen darüber, wie man den König nach den Mühsalen seiner Regierungsgeschäfte unterhalten und wie er bei der Ausübung seiner Regierungsgeschäfte wirken sollte, waren zwischen den einzelnen Ministerien langatmige Dispute über die Passagierliste ausgebrochen, über die Vorräte, die Möbel, die zwingend mitgeführt werden mussten, und den offiziellen Zeitplan. Alles war ein Problem gewesen. Aber um dieses Chaos hatte Eje sich gekümmert. Ich hatte ihn seit der Proklamation im Tempel nicht wiedergesehen, doch er schien die Idee der Jagd zu unterstützen. Überdies war beschlossen worden, dass Anchesenamun in Theben bleiben würde, um die Interessen des Königs während der Zeit zu wahren, da die Regierungsgeschäfte in seiner Abwesenheit weitergeführt wurden. Eje würde auch hierbleiben. Nichts, was er bisher getan hatte, ließ darauf schließen, dass er die Proklamation des Königs nicht unterstützte.

Um den Jungen machte ich mir ebenfalls Sorgen. Nacht erzählte mir, er mache nur sehr langsam Fortschritte und dass ich mehr nicht erwarten durfte. »Rechne mit dem Schlimmsten, tröste dich mit allem, was weniger schlimm ist, und betrachte jeden Erfolg, als sei er ein Hochstapler«, hatte er mir wie ein Schulmeister geraten, als ich in seinem Stadthaus vorbeischaute, um mich nach dem Befinden des Jungen zu erkundigen. Aufgrund der vielen Schienen und Leinenverbände, mit denen mein alter Freund die schrecklichen Verletzungen zu heilen versuchte, sah der Junge fast aus wie eine Mumie. Erfreut stellte ich fest, dass zumindest die Nadelstiche in seinem Gesicht verschorften und ganz allmählich abheilten. Selbstverständlich konnte er nichts sehen, aber als ich zu ihm sprach, verriet mir sein Gesicht, dass er meine Stimme wiedererkannte.

»Erinnerst du dich an mich?«, fragte ich ihn ruhig.

Er nickte.

»Ich muss verreisen, aber ich übergebe dich der Fürsorge dieses Herrn. Sein Name ist Nacht. Er wird dich versorgen, bis ich zurückkehre. Hab keine Angst. Er ist ein guter Mensch. Und wenn ich wiederkomme, werden du und ich uns unterhalten. Verstehst du mich?«

Und irgendwann nickte er langsam. Mehr konnte ich nicht tun. Darüber hinaus konnte ich mich nur weiter an die Hoffnung klammern, dass er noch am Leben sein würde, wenn ich nach Theben zurückkehrte.

Das erregte Gackern, Schnattern und Meckern der panischen Hühner, Enten und Ziegen, die herbeigeschleppt wurden, um lebend auf die Schiffe verladen zu werden, riss mich aus meinen Gedanken. Gleichzeitig trugen Sklavenmannschaften bereits geschlachtete Tiere aufs Schiff, die in Salz gepökelt in großen Kisten lagerten, sowie ganze Tierleiber, weiße, milchige Knochen in weichen, dunklen Fleischschwarten. Obst und Gemüse, das ganze Lagerhäuser hätte füllen können, säckeweise Getreide, Silberteller, feinstes Leinen, Kelche und Becher … es erweckte den Eindruck, als rüsteten wir uns für eine Reise in die Ewigkeit. Ein Aufseher überwachte das Ganze, marschierte herrisch durch die Arbeitertrupps und hakte die einzelnen Posten auf einer langen Papyrusrolle ab, auf der alles, was unter Umständen gebraucht wurde, sorgfältig aufgelistet war. Ich stellte mich vor und bat ihn, mir zu erklären, was da im Einzelnen verladen wurde. Er nickte und bedeutete mir, ihm in die Lagerräume zu folgen.

»Diese Vorräte sind nur für den König und sein Gefolge – die Lebensmittel für die Soldaten und Bediensteten werden auf ein anderes Transportschiff geladen, das den königlichen Schiffen vorausfahren und jeden Abend alles für die Ankunft des Königs vorbereiten wird«, sagte er.

Plötzlich lief er zwischen zwei Wachsoldaten hindurch nach rechts und betrat einen randvollen Lagerraum.

»Und das ist die königliche Ausrüstung.«

Er stand da, die Hände in die Hüften gestemmt, und sein sachkundiges Auge hatte alles im Blick. Diener traten lautlos ein und begannen, mit seiner Erlaubnis und auf seine Anweisung hin, alles herauszuräumen.

Bei der Ausrüstung handelte es sich um vier Streitwagen und ein gewaltiges Aufgebot an Waffen – Pfeile, Bögen, Speere, Dolche, Wurfstöcke und Peitschen in mit Gold und Silber intarsierten Kisten. Daneben alles, was erforderlich war, damit der König es bequem hatte: Fächer, Sessel, Klappstühle, Betten, Kisten, Throne, Baldachine, Alabasterlaternen, Trinkbecher aus Alabaster, Kelche aus Gold, schränkeweise Gewänder für offizielle Anlässe, Jagdkleidung, Kultgewänder aus Leinen, Juwelen, Halsketten, Schminke, Salben und Öle. Alles war mit den kostbarsten Materialien verziert oder aus den feinsten Hölzern hergestellt. Nur hier, aufgehäuft am Pier, inmitten der Dunkelheit, die lediglich von den Fackeln erhellt wurde, die jetzt im kalten Nachtwind aus dem Roten Land erzitterten, sah die königliche Ausrüstung eher aus wie die Requisiten eines obdachlosen Gottes. So viel Kram für eine derart kurze Reise; kein Wunder, dass Anchesenamun sich von der Last des Königinnendaseins und dem vielen Gold wie erdrückt fühlte.

Ich ließ sie mit ihrer Arbeit fortfahren und kehrte zum Schiff zurück, um dabei zuzusehen, wie man den zahmen jungen Löwen des Königs an seiner Kette an Bord führte. Das Tier schnupperte die fremde Nachtluft und zerrte an seiner kurzen Leine. Es war ein prächtiges Tier, das geschmeidig Kopf und Schultern wiegte, während es lautlos über das Deck zu seinem bequemen und luxuriösen Käfig am Heck tappte. Dort legte der Löwe sich nieder, leckte sich die weichen Pfoten und schaute mit ernstem Blick in die große weite Welt der Nacht, die jenseits der verschlossenen Gitter so nah und doch so unerreichbar fern für ihn war. Dann gähnte er, als akzeptiere er das Los, in einem so luxuriösen Gefängnis zu sitzen, und legte den Kopf nieder, um zu dösen.

Im nächsten Moment spitzte er plötzlich die Ohren, wandte den Kopf und schaute auf den Pier, wo auf einmal Unruhe herrschte. Es folgte eine kurze Trompetenfanfare. Umgeben von einer Entourage aus Offiziellen und Wachen erschien des Königs zarte, elegante Gestalt. Anchesenamun lief mit bedecktem Kopf ein paar Schritte hinter ihm. Sie verabschiedeten sich voneinander, höflich und in aller Form, und ich sah, dass Eje sich vorbeugte und dem König etwas ins Ohr flüsterte. Khay stand aufmerksam daneben, als hoffe er, gebraucht zu werden. Dann forderte Simut – in voller Militäruniform – den König auf, an Bord zu gehen. Vorsichtig, elegant und mit einer gewissen Skepsis stieg Tutanchamun in Begleitung seines goldgeschmückten Äffchens auf das Schiff und wirkte dabei in seinen weißen Gewändern wie ein Ibis, der durchs Schilf stakst. Als er das Deck betrat, drehte er sich um und vollführte mit der Hand eine Geste, die den Leuten galt, die noch an Land standen. Es war ein sonderbarer Moment, als beabsichtige er, jetzt entweder eine Rede zu halten oder zu winken wie ein Kind. Alle standen sie schweigend da und erwarteten etwas. Im nächsten Moment nickte er einfach nur, als falle ihm nichts Besseres ein, und dann verschwand er rasch in der Kabine.

Während Eje in eine Diskussion mit dem Kapitän des Schiffes vertieft war, winkte Anchesenamun mich zu sich.

»Pass auf ihn auf«, sagte sie leise und drehte dabei unaufhörlich an den goldenen Ringen, die ihre zarten und perfekt manikürten Finger zierten.

»Ich mache mir um Eure Sicherheit Sorgen. Hier im Palast, mit Eje …«

Sie sah mich an.

»Ich bin das Alleinsein gewohnt. Und Eje scheint zu dem Entschluss gelangt zu sein, das, was er nicht bekämpfen konnte, zu unterstützen«, flüsterte sie.

»Wirklich?«

»Ich traue ihm natürlich ebenso wenig, wie ich einer Kobra trauen würde. Es ist fast beunruhigender, einen scheinbaren Verbündeten in ihm zu haben als einen klaren Feind. Doch verschafft er uns die Kooperation der Ministerien und die Unterstützung der Priester. Ich schätze, dass er nach wie vor glaubt, er könne uns nach seinen eigenen großartigen Vorstellungen lenken.«

»Er ist ein nüchterner Pragmatiker. Er hat sofort begriffen, dass Widerstand die Dinge schwieriger gestaltet hätte als eine Zusammenarbeit. Er hat aber trotzdem immer noch große Macht …«, sagte ich vorsichtig.

Sie nickte.

»Ich werde nicht den Fehler begehen, ihn zu unterschätzen oder ihm zu trauen. Nur ist da jetzt ein Gleichgewicht. Wie er seine Macht öffentlich ausübt, muss vom König autorisiert werden. Und außerdem haben er und ich einen gemeinsamen Feind.«

»Haremhab?«

»Genau. Der König ist immer noch naiv, was den General betrifft. Wo immer er im Moment auch sein mag, ich bin überzeugt, dass er bereits die nächste Phase seines Feldzugs an die Macht plant. Sei also vorsichtig in Memphis, denn das ist seine Stadt, nicht unsere.«

Ich wollte gerade darauf antworten, als Eje, der ja über die Gabe verfügte, immer genau dann aufzutauchen, wenn das am wenigsten erwünscht war, mich unterbrach.

»Ihr habt Eure Vollmachten und Papiere?«, fragte er mich in dem für ihn so typischen gebieterischen Ton.

Ich nickte.

»Der König hat seine große Proklamation gemacht, und diejenigen, die ihm am nächsten stehen, haben ihn in seinem Ehrgeiz unterstützt. Jetzt muss die königliche Jagd erfolgreich zu Ende geführt werden. Es wäre eine herbe Enttäuschung, wenn er ohne Löwentrophäe zurückkehren würde«, fügte er in vertraulicherem Ton hinzu, der aber trotzdem so trocken klang wie rieselnder Sand.

»Ich habe keine Ahnung, wie man Löwen jagt«, sagte ich. »Ich bin für seine Sicherheit und sein Wohlergehen verantwortlich und dafür, ihn hierher zurückzubringen, in eine sichere Zukunft.«

»Ihr werdet genauestens tun, was Euch befohlen wurde. Und wenn Ihr versagt, werdet Ihr persönlich einen hohen Preis dafür zahlen.«

»Was meint Ihr damit?«

Er tat so, als überrasche ihn die Unschuld meiner Frage. »Missverständlich habe ich mich ja nun wirklich nicht ausgedrückt«, meinte er.

Ohne ein weiteres Wort verbeugte er sich und schlug Anchesenamun vor, dass sie sich für die Abfahrt des Schiffes bereitmachten.

Die rund sechzig Ruderer griffen unter dem Schandeck nach ihren Rudern und begannen, das großartige Schiff unter Einsatz all ihrer Körperkraft zum Rhythmus der Trommel vom Steg wegzusteuern. Aus der langsam größer werdenden Entfernung sah ich, wie Anchesenamun und Eje uns nachsahen. Schließlich wandte sie sich, ohne zu winken, um und verschwand im finsteren Palast wie eine bleiche Gestalt, die in das Reich der Toten zurückkehrte. Eje blieb stehen und schaute uns nach, bis wir aus seinem Blickfeld verschwanden. Ich sah auf die schwarzen Wasser. Sie strudelten und gurgelten, als rühre ein Zauberer seltsame Glücksfälle und Schicksalsstürme zusammen.

25


Simut gesellte sich zu mir, und so standen wir gemeinsam am Heck des goldenen Schiffes, als die Stadt hinter uns verschwand. Theben, die Stadt meiner Geburt, die Stadt meines Lebens. Dunkel lagen sie unter dem Nachthimmel, die düsteren Vorstädte und Baracken, die steilen hohen Mauern der Tempel und Pylone, die an den Stellen, an denen der Mond sie illuminierte, weiß erstrahlten. Und trotz all der vielen Menschen, die in ihr lebten, kam es mir so vor, als sei die Stadt hohl, als schwanke sie gefährlich wie etwas, das aus Papyrus und Schilf gebaut ist und durch einen einzigen scharfen Windzug zum Einsturz gebracht werden kann. Ich stellte fest, dass die Fantasie Entfernungen überbrücken kann, aber das Herz kann das nicht. Ich dachte an die Kinder, die jetzt schliefen, und an Tanefert, die wach in unserem Bett lag; die Kerze auf dem Tischchen daneben brannte noch, und sie dachte an mich, der ich auf diesem goldenen Schiff war, das sich immer weiter von ihr entfernte. Ich hatte beschlossen, Thot bei ihr zu lassen, damit er in der Nacht das Haus bewachte. Das Tier hatte bei unserem Abschied tieftraurig ausgesehen, als wüsste es, dass ich für geraume Zeit ging.

»Ist deine Familie jetzt allein hier?«, fragte ich Simut.

»Ich habe keine Familie. Was das angeht, habe ich ganz zu Anfang meiner Karriere eine Entscheidung getroffen. Als ich jung war, hatte ich nur wenige Verwandte, und die wenigen, die ich hatte, waren mir keine Hilfe. Also gelangte ich zu dem Schluss, dass ich das als erwachsener Mann nicht vermissen würde. Die Armee ist meine Familie. Und das ist sie mein Leben lang gewesen. Ich bereue da nichts.«

Das war die längste Ansprache, die er mir je gehalten hatte. Nach einer Pause, in der es den Anschein hatte, als überlege er, ob er mir etwas noch Intimeres anvertrauen konnte, sagte er: »Ich glaube, dass es gefährlicher ist, den König auf dieser Reise zu beschützen als im Palast. Da hatten wir zumindest Kontrolle über die Sicherheitsmaßnahmen. Wir hätten neu organisieren können, wer Zutritt zu den einzelnen Palastbereichen erhält … aber hier draußen kann alles passieren.«

Diese Meinung teilte ich, aber wir waren nun mal hier und mussten mit Umständen fertigwerden, die uns überforderten, weil sie außerhalb unserer Kontrolle lagen.

»Was hast du denn im Hinblick auf die geschändete Steingravur beim Oberarchitekten des Tempels in Erfahrung bringen können?«, fragte ich ihn.

»Er hat gesagt, die letzten Wochen der Bauarbeiten seien katastrophal gewesen. Sie hinkten dem Zeitplan hinterher, weil die Reliefs viel zu langsam fertiggestellt wurden, und die Einteilung der Handwerker geschah auf Weisung des leitenden Künstlers. Aufgrund des Zeitdrucks erfolgten nur unzureichende Sicherheitsüberprüfungen, viele der Arbeiter waren nicht registriert, was sie eigentlich hätten sein sollen, und jetzt will natürlich niemand für die Gravur verantwortlich gewesen sein … Irgendein skrupelloses Element hätte sich Zutritt zur Baustelle verschaffen können, allzu schwierig wäre das nicht gewesen …«

Mit unheilvoller Miene stierte er in das dunkle Laub am Flussufer, als würden sich hinter jeder Palme Meuchelmörder verstecken.

»Ich bin ebenso wenig glücklich über diese Mission wie du. Memphis ist ein Schlangennest …«

»Ich kenne die Stadt gut. Ich bin dort ausgebildet worden. Zum Glück habe ich meine eigenen Kontakte in der Stadt«, sagte er.

»Und was hältst du von Haremhab?«, fragte ich.

Er starrte auf den dunklen Fluss.

»Meiner Meinung nach ist er ein großartiger General, militärisch gesehen. Auf menschlicher Ebene betrachtet könnte ich das von ihm nicht behaupten …«

Genau in diesem Moment trat ein junger Offizier zu uns, salutierte vor Simut und sprach mich an. »Der König möchte Euch sehen.«

Und so führte man mich in die königlichen Gemächer. Sie verbargen sich hinter schweren Vorhängen, die man zugezogen hatte, um diesen Bereich noch privater und intimer zu gestalten. Vom König und seinem Äffchen fehlte jede Spur. Duftende Öllampen illuminierten die üppige und elegante Ausstattung. Ich ließ meinen Blick über die vielen Kostbarkeiten schweifen, von denen eine einzige ausgereicht hätte, eine Familie ein Leben lang zu ernähren. Ich nahm einen Alabasterkelch in die Hand, der die Form einer weißen Lotosblüte hatte. Er war mit einer Inschrift aus gestochen scharfen, schwarzen Hieroglyphen versehen. Ich las sie mir laut vor:

Lebe dein ka


und mögest du Millionen von Jahren verbringen


du, der du Theben liebst


mit dem Gesicht im Nordwind


und mit deinen Augen Glückseligkeit erblicken

»Das ist ein wunderschönes Gedicht«, sagte der König mit seiner hellen, hohen Stimme.

Er hatte den Raum betreten, ohne dass es mir aufgefallen war. Ich stellte den Kelch vorsichtig wieder zurück. Dann verneigte ich mich vor ihm und entbot ihm meine Wünsche für seinen Frieden, seine Gesundheit und seinen Wohlstand.

»Lebe dein ka … geheimnisvolle, aber wundervolle Worte. Wie ich höre, hast du selbst einmal Gedichte geschrieben. Was meinst du, was die Worte bedeuten?«, fragte er mich.

»Das ka ist die geheimnisvolle Lebenskraft, die allem innewohnt, allen Dingen und jedem Einzelnen von uns …«

»Es ist das, was uns von den Toten unterscheidet und von toten Dingen. Aber welche Wahrheit steckt dahinter? Was heißt das, dass man es voll ausleben soll?«

Ich ließ mir die Frage durch den Kopf gehen.

»Ich schätze, es ist ein Aufruf an jeden Menschen, gemäß dieser Wahrheit zu leben, weil wir dadurch, dass wir das tun, wenn wir dem Gedicht Glauben schenken, glücklich werden, womit die Glückseligkeit in der Ewigkeit gemeint ist. Millionen von Jahren …«

Er lächelte und zeigte mir seine perfekten kleinen Zähne.

»Es ist in der Tat ein großes Mysterium. Ich selbst fühle mich im Moment beispielsweise, als würde ich endlich wirklich mein ka leben. Diese Reise und diese Jagd sind mein Schicksal. Aber du teilst die Ansichten dieses Gedichts vielleicht nicht. Oder doch?«, fragte er.

»Ich habe Probleme mit dem Wort Glückseligkeit. Ich bin ein Medjai. Ich erlebe nicht viel Glückseligkeit. Vielleicht suche ich aber auch nur an den verkehrten Stellen danach«, gab ich vorsichtig zur Antwort.

»Für dich ist die Welt ein harscher und gefährlicher Ort.«

»Das ist richtig«, gab ich zu.

»Die Vernunft gibt dir recht«, antwortete er. »Trotzdem glaube ich, dass es auch anders sein kann.«

Er setzte sich auf den einzigen Stuhl im Raum. Passend zu allem anderen war auch das kein gewöhnlicher Stuhl, sondern ein kleiner Thron, der aus Ebenholz gefertigt, zum Teil mit Blattgold überzogen und mit Einlegearbeiten aus Glas und buntbemalten Steinen verziert war, die geometrische Muster formten. Was mich erstaunte, war, dass ich kurz, bevor er Platz darauf nahm, ganz oben am Stuhl die Sonnenscheibe erblickte – das Symbol der Regierungszeit und Herrschaft seines Vaters, das inzwischen lange verbannt war. Er stellte seine Pantoffeln auf die Fußstütze, in die eine Darstellung von Ägyptens Feinden als Gefangene in Fesseln eingearbeitet war, und schaute mich mit seinem so seltsam intensiven Blick an.

»Verwirrt dich dieser Thron?«

»Es ist ein wunderschönes Stück.«

»Er wurde zu Zeiten meines Vaters für mich angefertigt.«

Das Äffchen sprang auf seinen Schoß und beobachtete mich nervös mit seinen feucht glänzenden Augen. Mit der Hand strich er dem Tier über das winzige Köpfchen, und es plapperte ihm irgendetwas zu. Er gab dem Kleinen eine Nuss zum Knabbern und spielte mit der anderen Hand an dem herrlichen Anhänger, der an einer Kette an seinem Hals hing.

»Aber die Symbole darauf sind heute nicht mehr erlaubt«, warf ich vorsichtig ein.

»Nein. Sie sind verboten. Aber nicht alles an der Aufklärung meines Vaters war falsch. Ist das nicht sonderbar, dass ich das Gefühl habe, ausgerechnet mit dir offen darüber reden zu können? Ich bin mit seiner Religion groß geworden, und vielleicht ist das der Grund, dass sie sich für mich richtig anfühlt, nicht so, dass ich alles Wort für Wort glaube, aber aus spiritueller Sicht; da fühlt sie sich so richtig an wie das eigene Herz.«

»Aber Ihr, Majestät, habt ihre Abschaffung und Verbannung angeordnet.«

»Ich hatte keine andere Wahl. Der Lauf der Zeit arbeitete gegen uns. Ich war noch ein Kind. Eje setzte sich durch, und zum damaligen Zeitpunkt hatte er recht – denn wie hätten wir sonst die Ordnung in den Beiden Ländern wiederherstellen sollen? Aber im stillen Kämmerlein meines Herzens und meiner Seele verehre ich nach wie vor diesen einen Gott, den Gott des Lichts und der Wahrhaftigkeit. Und ich weiß, dass ich damit nicht allein stehe.«

Die Tragweite dieser Aussage war verblüffend. Hier saß der König und bekannte sich dazu, einer verbannten Religion anzuhängen, deren Wahrzeichen man in seinem Namen zerstört und von deren Priestern man sich auf seine Weisung hin distanziert hatte. Ich fragte mich, ob das auch für Anchesenamun galt.

»Eines muss ich dir gestehen, Rahotep. Obwohl ich weiß, dass es die Pflicht eines Königs ist, sich dabei zu zeigen, wie er einen Löwen, den König der Tiere, besiegt und tötet, verspüre ich in Wahrheit nicht den geringsten Wunsch, so etwas zu tun. Warum sollte ich eine derart herrliche Kreatur und ihre wilde Seele töten? Lieber würde ich ihn in all seiner Macht und Anmut beobachten und von seinem Beispiel lernen. In meinen Träumen habe ich manchmal den kraftvollen Körper eines Löwen und zum Denken den weisen Kopf von Thot. Nur dann wache ich auf und erinnere mich, dass ich ich bin. Und einen Augenblick später erinnere ich mich dann, dass ich der König bin und sein muss.«

Er blickte auf seine Arme und Beine, als seien sie Fremde.

»Ohne einen kraftvollen Geist ist ein kraftvoller Körper bedeutungslos.«

Er lächelte, beinahe entzückt, als freue er sich über meinen linkischen Versuch, ihm zu schmeicheln. Mir kam plötzlich der merkwürdige Gedanke, er würde mich mögen.

»Erzähl mir von meinem Vater«, sagte er und deutete mit der Hand auf einen niedrigen Schemel, auf dem ich zu seinen königlichen Füßen Platz nehmen konnte.

Mit seiner Aufforderung überraschte er mich einmal mehr. Sein königlicher Verstand funktionierte auf eigentümliche Weise; er bewegte sich unerwartet schnell und seitwärts, und damit irgendwie wie ein Krebs.

»Was würdet Ihr gern wissen?«, erwiderte ich.

»Meine Erinnerung an ihn verblasst mit jedem Tag mehr. Ich klammere mich an gewisse Bilder, aber die sind wie ein alter Gobelin: Die Farben sind verblichen, die Stickereien ausgefranst, und ich habe Angst, dass ich mich bald gar nicht mehr an ihn erinnern kann.«

»Ich glaube, dass er ein großer Mann war, der eine gänzlich neue Vision von der Welt hatte. Was er getan hat, bedurfte großen persönlichen Mutes und eines enormen politischen Willens. Ich glaube allerdings auch, dass er die Fähigkeit der Menschen, sich selbst zu vervollkommnen, völlig überschätzt hat. Und das war der Haken an seiner großen Erleuchtung und Aufklärung«, sagte ich.

»An Vollkommenheit glaubst du also auch nicht?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Nicht in diesem Leben. Der Mensch ist zur Hälfte Gott, zur Hälfte ein Untier.«

»Das ist eine sehr skeptische Einschätzung. Die Götter haben mehrmals Versuche unternommen, eine perfekte Menschheit zu erschaffen, waren aber jedes Mal unzufrieden mit dem Ergebnis und haben ihre Arbeit weggeworfen und die Welt dem Chaos überlassen. Ich glaube, das ist es, was meinem Vater passiert ist. Das war aber nicht das Ende der Geschichte. Erinnerst du dich an sie? Re mit den Knochen aus Silber und der Haut aus Gold, mit den Haaren und Zähnen aus Lapislazuli und dem Auge, aus dessen Blick die Menschheit geboren wurde, verstand die Heimtücke, die in den Herzen der Menschen wohnte, und schickte Hathor zur Erde, damit diese in der Gestalt von Sekhmet der Rächerin jene niedermetzelte, die sich gegen ihn verschworen hatten. Doch tief drinnen hatte Re Mitleid mit seinen Kreaturen. Und deshalb änderte er seine Meinung. Und er täuschte die Göttin. Er braute das rote Bier der Götter, und das war so köstlich, dass sie sich betrank und nicht bemerkte, dass das, was die Wüste befleckte, nicht das Blut der Menschheit war; und nur deshalb haben wir ihre Rache überlebt, aufgrund des Mitleids von Re.«

Er streichelte sein Äffchen, als sei das die Menschheit und er selbst Re.

»Überlegst du jetzt, warum ich dir diese Geschichte wohl erzählt habe?«, fragte er leise.

»Ich frage mich, ob Ihr es getan habt, weil Ihr nicht Euer Vater seid. Vielleicht habt Ihr sie mir erzählt, weil er die Welt, obwohl er nach Vollkommenheit strebte, an den Rand einer entsetzlichen Katastrophe geführt hat. Und vielleicht wollt Ihr die Welt aufgrund Eures Mitleids vor einer Katastrophe bewahren«, schloss ich.

Er sah mich an.

»Vielleicht denke ich genau das. Aber was ist mit Hathor und ihrer Gier nach Blut?«

Ich antwortete ihm ehrlich. »Das weiß ich nicht«, sagte ich.

»Ich glaube, Vergeltung folgt einem Muster. Ein Verbrechen hat ein weiteres Verbrechen zur Folge, das wieder ein Verbrechen zur Folge hat und so weiter, bis zum Ende aller Dinge. Wie können wir uns also von diesem Muster lösen und diesem Labyrinth aus Rache und Leid entkommen? Nur durch einen Akt außerordentlicher Vergebung … Aber sind die Menschen fähig zu derartiger Barmherzigkeit? Nein. Die Verbrechen meines Vaters hat man mir bis heute nicht verziehen. Vielleicht wird man sie mir nie verzeihen. Und falls das so ist, muss ich beweisen, dass ich besser bin als er. Und deshalb sind wir hier, reisen, umringt von Furcht, durch die Dunkelheit, damit ich im Triumphzug mit einem wilden Löwen zurückkehren kann. Vielleicht werde ich mir dadurch dann selbst als König einen Namen machen können; nicht als Sohn meines Vaters. Eine merkwürdige Welt ist das. Und du bist hier, um mich vor ihr zu beschützen, wie das Auge von Re.«

Er griff in sein Gewand und zog einen Ring hervor, den ein kleines, aber sehr feines Schutzauge zierte. Er gab ihn mir. Ich steckte ihn an meinen Finger und bedankte mich, indem ich mich verneigte.

»Ich gebe dir dieses allsehende Auge, auf dass dein Blick so kraftvoll werde wie der des Re. Unsere Feinde sind wie Schatten. Immer mit uns. Du musst sie sehen. Du musst lernen, in der Finsternis zu sehen.«

26


Die starke Strömung trieb uns voran, immer weiter Richtung Norden, auf Memphis zu. Simut und seine Männer hielten Tag und Nacht Wache. Ich war unruhig, konnte nicht schlafen und fühlte mich auf dem Wasser wie in einer Falle. Jedes Mal, wenn der König ein wenig frische Luft schnappte, was nicht häufig vorkam, stellten wir sicher, dass wir uns nicht gerade in der Nähe irgendwelcher Dörfer befanden. Aber selbst dann drohte aus jedem Feld und jedem Palmenhain Gefahr, denn wir boten eine extravagante Zielscheibe. Ich stand an Deck und sah bitterarme Dörfer an uns vorübergleiten, die man in den Schatten von Dattelpalmen gebaut hatte, enge, sich windende Lehmstraßen, in denen es von nackten Kindern und Hunden wimmelte, und aus einem einzigen Raum bestehende Hütten, die kaum größer waren als ein Stall, in denen ganze Familien zusammen mit ihren Tieren hausten. Auf den Feldern bewirtschafteten Frauen, die wundersamerweise bunte und saubere Gewänder trugen, die makellos grünen und goldenen Ackerreihen mit Gerste und Weizen, Zwiebeln und Kohl. Alles sah idyllisch und friedlich aus, aber nichts ist, wonach es aussieht: Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang rackerten diese Frauen sich ab, um ihre Getreidesteuern entrichten zu können, die sie zahlen mussten, um das Land überhaupt bewirtschaften zu können, das sie aller Wahrscheinlichkeit nach von einer der reichen Familien gepachtet hatten, die behaglich auf ihren kostbar eingerichteten und luxuriösen Anwesen in Theben lebten.

***

Nach drei Tagen näherten wir uns der beinahe ausgestorbenen Stadt Achet-Aton. Ich stand am Bug und schaute auf den Höhenzug aus zerklüfteten roten und grauen Felsen hinter der Stadt. Erst vor wenigen Jahren war das hier der Schauplatz von Echnatons großem Experiment gewesen: eine neue, strahlende, weiße Hauptstadt der Zukunft; gewaltige Türme, offene Sonnentempel, Behörden und Vorstädte, die aus Luxusvillen bestanden. Nach dem Tod von Tutanchamuns Vater waren die Ministerien jedoch Stück für Stück wieder nach Theben oder Memphis zurückgekehrt. Und dann war wie ein Rachefluch die Pest gekommen und hatte Hunderte dahingerafft, die hiergeblieben waren, weil sie keine Arbeit hatten oder nicht wussten, wohin sie hätten gehen sollen. Es wurde behauptet, diese Pest habe auch die anderen Töchter Echnatons und Nofretetes getötet, denn sie waren seitdem aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Jetzt hieß es, dass die Stadt, wenn man von dem wenigen Personal, das für die Grundversorgung notwendig war, absah, so gut wie ausgestorben, von Fliegenlarven befallen und immer mehr dem Verfall geweiht war. Doch wie Simut mir zu meinem Erstaunen mitteilte, verspürte der König den sehnlichen Wunsch, der Stadt einen Besuch abzustatten.

Und so kam es, dass wir früh am nächsten Morgen, gerade als die ersten Vögel zu singen begannen, die Flussnebel wie ein eisiger Hauch über die glänzenden schwarzen Wasser wehten und sich die Schatten der Nacht noch lang auf dem Boden rekelten, in Begleitung einer Einheit Wachsoldaten von unserem ankernden Schiff auf den ausgetrockneten Boden der Geschichte traten.

Mit dem König, der seine weißen Gewänder und die Blaue Krone trug und einen goldenen Gehstock mit einem gläsernen Knauf mit sich führte, einem Wachsoldaten vor uns und Wachen hinter uns, die alle Rüstungen und frisch polierte Waffen trugen, um damit jeden neugierigen Bauern abzuschrecken, der von diesem unerwarteten Besuch aus einer anderen Welt wie geblendet war, machten wir uns über menschenleere Trampelpfade, die nur wenige Jahre zuvor belebte Durchgangsstraßen gewesen waren, auf den Weg in Richtung Stadt. Als wir den eigentlichen Stadtkern erreichten, sah ich sofort, welche Folgen der Exodus hatte: Die Mauern, einstmals frisch gestrichen, waren jetzt zu staubigem Grau und Braun verblasst. In den früher sorgsam bepflanzten, stilvollen Gärten wuchs jetzt wild das Unkraut, und die Wasserbecken der Reichen waren geborsten und leer. Ein paar Beamte und Diener gingen auf diesen ausgestorbenen Pfaden immer noch zur Arbeit, aber nicht sehr zielstrebig, wie es schien, und blieben wie angewurzelt stehen, um verblüfft unser Grüppchen in Augenschein zu nehmen. Sobald der König an ihnen vorüberschritt, fielen sie auf die Knie.

Schließlich standen wir auf der Königlichen Straße. Die Sonne hatte den Horizont inzwischen erklommen, und schlagartig war es heiß. Die Prachtstraße, die früher gefegt worden war, um für die Ankunft der goldenen Streitwagen von Echnaton und der königlichen Familie in makellosem Zustand zu sein, war jetzt ein leerer Hohlweg für Geister und den staubigen Wind. Wir kamen zum Ersten Pylon des Großen Aton-Tempels. Die hoch in den Himmel ragenden Lehmziegelmauern zerbröckelten. Die langen, bunten Fahnen, die früher im Nordwind geflattert hatten, waren zerfetzt und ihre Farben von der bleichenden Macht der Sonne versengt. Die hohen Holztore hingen in verrosteten Scharnieren. Einer der Wachsoldaten stemmte sie auf, und das Einzige, was das ausgelaugte Holz dem entgegenzusetzen hatte, war ein widerwilliges Ächzen und Knarren. Wir betraten den gewaltigen Platz. Früher hätten hier Hunderte von Opfertischen gestanden und Tausende von Anbetern in strahlend weißen Gewändern, die ihre Hände gemäß des neuen Rituals der Sonne entgegenstreckten, Obst und Blumen ins Licht hielten und sogar Babys, um den Segen der Abendsonne zu empfangen. Die vielen Steinstatuen von Echnaton und Nofretete starrten immer noch über den gewaltigen Platz, aber das Einzige, was sie jetzt noch sahen, war Verfall, das Scheitern ihrer großen Vision. Ein paar der Skulpturen waren umgestürzt und lagen entweder mit den Gesichtern nach unten da oder aber starrten blind in den Himmel.

Der König lief voraus und gab uns zu verstehen, dass er ein paar Minuten mit sich allein sein wollte. Während wir stehen blieben und trotzdem versuchten, ein Auge auf ihn zu halten, wisperte Simut: »Die ganze Stadt zerfällt wieder zu Staub.«

»Ich schätze mal, mehr ist sie nie gewesen.«

»Man bräuchte bloß wieder ein bisschen Wasser zuzugeben«, scherzte er traurig.

Diese überraschend humorige Einlage brachte mich zum Schmunzeln. Er hatte recht. Man brauchte bloß Wasser zuzugeben und Lehm herzustellen, die Ziegel in der Sonne trocknen zu lassen, dann Putz und Farbe beizumengen, Holz und Kupfer von der Insel Alašija, Gold aus den Minen Nubiens sowie jahrelange körperliche Schwerstarbeit, Blut, Schweiß und viele Tote von sonst irgendwo – und siehe da: eine Vision des Himmels auf Erden. Für die Errichtung dieser Vision aus ewigem Stein hatte es indes sowohl an Zeit als auch an Geld gemangelt, und deshalb verwandelte sie sich jetzt wieder in den Staub zurück, aus dem man sie erschaffen hatte.

Der König stand vor einer großen Steinstatue seines Vaters. Eingemeißelte Schatten sorgten für ihre kantigen Gesichtszüge, die alle Eigenschaften der Macht verkörperten. Früher war das die ultimative Darstellung königlicher Herrschaft gewesen. Der Stil mit seinen merkwürdig unklaren und lang gezogenen Formen galt aber bereits heute als ein Ding der Vergangenheit. Mit undurchdringlicher Miene stand der junge König inmitten der trostlosen Ruinen einer großen Vision: ein kleiner, gebrechlicher Mensch vor seinem mächtigen Steinvater. Und dann tat er etwas Sonderbares: Er sank auf die Knie und betete die Statue an. Wir beobachteten ihn dabei und fragten uns, ob wir es ihm gleichtun sollten. Aber niemand in seinem Gefolge schien dazu bereit zu sein. Ich ging zu ihm und hielt ihm einen Sonnenschirm über den Kopf. Als er aufblickte, sah ich, dass seine Augen voller Tränen waren.

Wir besuchten die einzelnen Paläste der Stadt und stiegen dabei über seltsame Indizien hinweg, die verrieten, dass hier früher Menschen gelebt hatten: zerbrochene Krüge und leere Weinbecher, deren Inhalt längst verdunstet war; kleine Haushaltswaren wie Tassen und Teller, die noch nicht kaputt, aber voller Sand und Staub waren. Wir wanderten durch hohe, ausgeschmückte Hallen, die einstmals die Heimstatt enormen Wohlstands und hervorragender Musik gewesen waren und in denen jetzt Vögel, Schlangen, Ratten und Holzwürmer nisteten. Unter unseren Füßen lagen die früher so grandios bemalten Böden mit den Wassergärten voller glasierter Fische und Vögel, die jetzt vom Zahn der Zeit verblichen und gerissen waren.

»Ich stelle fest, dass ich mich plötzlich an Dinge erinnere, die ich vergessen hatte«, sagte der König mit leiser Stimme. »Ich war damals noch ein kleiner Junge. Ich bin im Nördlichen Flusspalast aufgewachsen. Jetzt erinnere ich mich aber, dass man mich mal in diese Halle hier gebracht hat.« Wir standen in der Halle des Königspalastes am Fluss. Staubig und grell fielen die langen Strahlen der Morgensonne in den Saal. Eine Vielzahl anmutiger Säulen stützte die imposante Decke, die immer noch das kräftige Indigoblau des Nachthimmels und das glitzernde Gold der Sterne zierten.

»Mein Vater sprach nur selten mal. Ich hatte Ehrfurcht vor ihm. Wir beteten manchmal zusammen. Ab und an brachte man mich her, damit ich ihn allein besuchen konnte. Das war immer ein besonderer Anlass. Dann zog man mich festlich an und trug mich durch endlose Korridore voller Schweigen und beängstigender, düsterer, hässlicher, alter Männer, die sich tief vor mir verbeugten, aber niemals etwas zu mir sagten. Und dann geleitete man mich zu ihm. Oft ließ er mich geraume Zeit warten, bis er mich zur Kenntnis nahm. Ich wagte nicht, mich zu rühren. Ich hatte Angst.«

Ich wusste nicht, wie ich auf diese unerwartete Beichte reagieren sollte. Also revanchierte ich mich, indem ich etwas über mich erzählte.

»Mein Vater ist auch ein schweigsamer Mensch. Er brachte mir bei, wie man angelt. Als ich noch ein Kind war, verbrachten wir oft nach Einbruch der Abenddämmerung viele Stunden auf einem Schilfboot, fuhren darin am Flussufer entlang. Keiner von uns beiden sprach ein Wort. Stattdessen genossen wir das Schweigen.«

»Das ist eine schöne Erinnerung«, sagte er.

»Es waren einfache Zeiten.«

»Einfache Zeiten …«

Er wiederholte die Worte mit einer merkwürdigen Sehnsucht nach der Vergangenheit, und plötzlich war ich mir sicher, dass er in seinem Leben niemals einfache Zeiten erlebt hatte. Vielleicht sehnte er sich danach am meisten. Wie die Armen sich nach großen Reichtümern verzehren, so glauben die Reichen in ihrer himmelschreienden Arroganz, sie sehnten sich nach Schlichtheit und Armut.

Der König starrte empor zum ›Fenster der Erscheinung‹, jenem Balkon, auf dem sein Vater einstmals hoch über seinem Volk gestanden und Geschenke, Kostbarkeiten und Ehrenketten verteilt hatte. Über dem Balkon war ein Relief, das die Sonnenscheibe des Aton mit den vielen Strahlen der Sonne zeigte, die wie schlanke Arme nach unten reichten, an deren Enden zarte Hände das Anch-Kreuz des Lebens offerierten. Nur war der Balkon jetzt leer, und es war niemand da, der derartige Segnungen hätte austeilen oder empfangen können.

»Ich erinnere mich an diese Halle. Ich erinnere mich an die vielen Männer, die sich hier versammelt hatten, und an langes Schweigen. Ich erinnere mich, dass sie mich alle anstarrten. Ich erinnere mich …«

Er stockte einen Moment. »Aber mein Vater war nicht hier«, fuhr er dann unsicher fort. »Ich erinnere mich, dass ich ihn gesucht habe. Eje war aber da. Und an seiner Seite musste ich durch die Menschenmenge hindurch in diesen Raum da gehen …«

Er zeigte mit der Hand auf eine Tür.

»Und was ist dann passiert?«

Langsamen Schrittes lief er über die verblassenden Flussszenen auf dem großartigen Fußboden auf die Tür zu, deren kunstvolle Holzschnitzereien für die Termiten ein grandioses Festmahl gewesen waren. Er drückte sie auf. Ich folgte ihm in einen lang gestreckten Saal. Sämtliche Möbel und was sonst noch darin gewesen sein mochte waren entfernt worden. Die hohle Akustik erinnerte an die eines Hauses, das seit Langem nicht bewohnt war. Er begann zu frösteln.

»Nach dem hier war nichts mehr wie vorher. Meinen Vater habe ich danach nur noch einmal gesehen, und als er mich erblickte, fing er an zu schreien wie ein Geisteskranker. Er hob einen Stuhl vom Boden und versuchte, mir den über den Kopf zu ziehen. Dann setzte er sich auf den Fußboden und weinte und stöhnte. Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe. Weißt du, er war ziemlich verrückt. Es war ein schreckliches Geheimnis, aber ich wusste davon. Man brachte mich von hier weg nach Memphis. Ich erhielt meine Erziehung, lebte mit meiner Amme zusammen, und Haremhab wurde mein Lehrer. Er versuchte, mir ein guter Vater zu sein. Selbst der Name meines Vaters wurde nie wieder erwähnt. Es war, als habe er niemals existiert. Mein eigener Vater war zu einer Unperson geworden. Und dann machte man mich eines Tages fertig für die Krönung. Da war ich neun Jahre alt. Ich wurde mit Anchesenpaaton vermählt. Man gab uns neue Namen. Ich, der ich mein Leben lang Tutanchaton geheißen hatte, wurde jetzt in Tutanchamun umbenannt. Sie wurde Anchesenamun. Namen sind Macht, Rahotep. Wir verloren, wer wir gewesen waren, und wurden etwas anderes. Wie waren wie kleine Waisen, die sich verirrt hatten, verwirrt und unglücklich. Und ich wurde mit der Tochter der Frau verheiratet, von der behauptet wurde, sie habe meine Mutter auf dem Gewissen. Die Überraschung war, dass ich Anchesenamun mochte. Und irgendwie ist es uns gelungen, einander nicht wegen der Vergangenheit zu hassen. Wir wissen, dass die nicht unsere Schuld ist. Und im Grunde ist sie so ziemlich der einzige Mensch auf der ganzen Welt, dem ich vertrauen kann.«

Die Gefühle, die in ihm tosten, brachten seine Augen zum Glitzern. Ich gelangte zu dem Schluss, dass ich nicht schweigen konnte.

»Wer war Eure Mutter?«

»Ihr Name ist ebenso wie der Name meines Vaters zu Staub zerfallen und davongeweht worden.«

»Kija«, sagte ich.

Bedächtig nickte er.

»Ich bin froh, dass du von ihr weißt. Damit lebt zumindest ihr Name irgendwo weiter.«

»Ich kenne ihren Namen. Ihr Schicksal kenne ich nicht.«

»Sie ist verschwunden. Eines Nachmittags war sie noch da, und dann – am gleichen Abend – war sie verschwunden. Ich erinnere mich, dass ich zu ihren Kleidertruhen gerannt bin und mich in einer davon versteckt und mich geweigert habe, wieder herauszukommen, denn das Einzige, was noch von ihr übrig war, war der Duft in ihren Kleidern. Ich hebe sie immer noch auf, obwohl alle mich davon zu überzeugen versucht haben, dass ich sie hergeben solle. Das werde ich nicht tun. An manchen Tagen riechen sie immer noch schwach nach ihr. Das ist sehr tröstlich.«

»Und Ihr habt nie herausgefunden, was ihr zugestoßen ist?«, fragte ich.

»Wer würde mir da schon die Wahrheit sagen? Und die Leute, die das Geheimnis kannten und hüteten, sind inzwischen tot. Abgesehen von Eje … Und der würde es niemals verraten. Also bleibt das Ganze ein Rätsel für mich. Manchmal wache ich in der Nacht auf, weil sie in meinen Träumen nach mir gerufen hat – aber ich kann nie verstehen, was sie sagt. Und wenn ich dann aufwache, verliere ich sie jedes Mal wieder aufs Neue.«

Irgendwo in den Schatten sang ein Vogel.

»Die Toten leben in unseren Träumen weiter – meinst du nicht, Rahotep? Hier drinnen sind sie unsterblich. Solange wir leben.«

Und dabei tippte er sich sacht an den Kopf und sah mich aus seinen goldenen Augen an.

27


Zwei Tage später brachte uns die starke Strömung des Großen Flusses in die südlichen Außenbezirke der Stadt Memphis. Die antiken Nekropolen, die man oberhalb des landwirtschaftlich genutzten Areals dicht an den Rand der Wüste gebaut hatte, sowie der zeitlose Tempel und die Pyramide von Sakkara – die ersten monumentalen Bauwerke der Beiden Länder – verbargen sich weit oben in der Hochebene. Simut beschrieb mir die anderen Bauten, die weiter nördlich lagen, die wir vom Fluss aus aber auch nicht sehen konnten: die strahlend weißen Pyramiden von Cheops und seinen Königinnen, der erst in jüngerer Zeit erbaute Tempel des Horus im Horizont und die grandiose Sphinx, an der Thutmosis IV. die Traumstele errichten ließ, die davon erzählte, dass er schwor, die Sphinx vom Sand zu befreien, wenn er zum König gekrönt würde – was tatsächlich geschah, obwohl er zu diesem Zeitpunkt keinen legitimen Anspruch auf den Thron hatte.

Im Vergleich zu der gewaltigen Metropole, die sich langsam vor unseren Augen auftat, wirkte Theben wie eine kleine Siedlung. Wir fuhren geraume Zeit weiter, vorbei an den vielen Tempelanlagen der Außenbezirke, vorbei an den riesigen Nekropolen, die im Westen an die Wüste grenzten, vorbei an den Vorstädten der Mittelschicht und den Armenvierteln, diesen Slums der Menschheit, deren chaotische Barackenviertel bis zum endlosen Grün der Felder reichten. Und überall ragten über den flachen Behausungen weiße Tempelmauern in den Himmel.

Umringt von einem Begrüßungskomitee aus Schiffen, Barken, kleineren Privatyachten und Ruderbooten fuhren wir in den Haupthafen. Am Pier gab es mehrere Anlegestege. Dort ankerten Handels- und Flottenschiffe aus vielen Ländern, aus denen Unmengen kostbarer Hölzer geladen wurden und bergeweise Minerale, Steine und Korn. Die Menschen drängten sich zu Tausenden auf den langen gepflasterten Straßen, die parallel zum Großen Fluss verliefen. Fischer hielten in ihrer Arbeit inne und blickten empor zu dem prächtigen königlichen Schiff. Dabei tropfte ihnen das Wasser der Netze, die sie gerade einholten, über die Arme, während sich flatternd zu ihren Füßen, auf dem Boden der kleinen Boote, silbern und golden ihre bisherige Ausbeute wand. Von den Frachtbooten starrten verstaubte Arbeiter, die bis zu den Knien in Unmengen Korn oder auf grob behauenen Steinplatten standen. Von überfüllten Fähren winkten Kinder, die von ihren Eltern hochgehoben wurden. Der Lärm zog Schaulustige an, die ihre Werkstätten, Lagerräume und Geschäfte verließen.

Tutanchamun trat an den Vorhang seiner Kabine. Er bedeutete mir, zu ihm zu kommen. Nervös zupfte er an seiner Kleidung. Er trug seine weißen königlichen Gewänder und die Doppelkrone.

»Sehe ich gut aus?«, fragte er mich beinahe schüchtern. »Ich muss gut aussehen. Viele Jahre sind vergangen, seit ich Memphis zum letzten Mal besucht habe. Und dass ich mich mit Haremhab getroffen habe, ist auch schon eine ganze Weile her. Er muss sehen, wie ich mich verändert habe. Ich bin nicht mehr der Junge, den er bevormunden kann. Ich bin der König.«

»Majestät, dass Ihr der König seid, ist eindeutig.«

Er nickte zufrieden. Im nächsten Moment zentrierte er sich wie ein großer Schauspieler, der sich bereit macht, ins Rampenlicht zu treten, und sein Gesicht unter der Doppelkrone nahm den Ausdruck absoluter Überzeugtheit an, der ihm soeben noch gefehlt hatte. Die Intensität des Augenblicks und die Anforderungen, die damit einhergingen, brachten das Beste in ihm hervor. Er blühte auf, wenn er Publikum hatte. Und dieses Publikum hier würde das größte sein, das er je gehabt hatte. Der Löwenpfleger übergab dem König den jungen Löwen, der an seiner Leine lief, und dann trat Tutanchamun an Deck und unter tosendem Beifall ins Licht des Re. Ich sah, wie er gezielt eine Haltung annahm, die Macht und Triumph ausstrahlte. Wie aufs Stichwort begann der junge Löwe zu brüllen. Die Menge, die nicht sehen konnte, dass das Raubtier von seinem emsigen Pfleger mit einer scharfen Speerspitze zu dem heroischen Brüllen animiert wurde, brüllte daraufhin nur noch enthusiastischer zurück, nicht wie eine Vielzahl von Einzelpersonen, sondern wie ein einziges großes Raubtier.

Das Spektakel, mit dem man uns am Pier willkommen hieß, war eine sorgfältig inszenierte und bewusst überwältigend gestaltete Zurschaustellung der militärischen Macht dieser Hauptstadt. So weit das Auge reichte, paradierten Soldaten in die schimmernde Arena, perfekt gedrillte Reihen der einzelnen Divisionen, von denen jede nach dem Schutzgott des Gaues benannt war, in dem man die Wehrpflichtigen und Offiziere aushob. Dazwischen liefen Tausende von Kriegsgefangenen, zusammen mit ihren Frauen und Kindern. Man hatte sie gefesselt, mit Seilen am Hals aneinandergebunden und so zu einer Haltung völliger Unterwerfung gezwungen: Libyer in Umhängen mit langen Seitenlocken und Kinnbärten, Nubier in ihren kurzen Röcken und Syrer mit langen Spitzbärten. Hunderte schöne Pferde – Kriegsbeute – tänzelten auf ihren eleganten Hufen. Abgesandte der bezwungenen Länder fielen auf die Knie, flehten um Gnade, darum, dass man ihren Völkern den Odem des Lebens nicht entziehen möge.

Und mittendrin, im Herzen des Ganzen, stand neben einem leeren Thron in der prallen Sonne eine einsame Gestalt, ganz so, als gehöre alles, was hier vorgeführt wurde, ihm. Haremhab, Oberbefehlshaber und General des Heeres der Beiden Länder. Ich erkannte ihn sofort an seiner stocksteifen Haltung. Reglos wie eine finstere Statue stand er da und wartete.

Tutanchamun ließ sich Zeit, ließ sie alle warten wie ein Gott und ergötzte sich am Beifall der Menge. Die alten Botschafter schwankten inzwischen in der Hitze, die Menschenmassen lechzten nach den Wasser- und Obstverkäufern, und die Offiziellen der Stadt schwitzten in ihrem Ornat. Endlich ließ er sich herab, in Begleitung von Simut und einer geschlossenen Reihe aus königlichen Wachen vom Schiff zu steigen. Wieder schrien die Menschen ihren Beifall und ihre Loyalität heraus, und die Würdenträger bedachten ihn mit den üblichen Gesten des Respekts und der Huldigung. Der König selbst zeigte keinerlei Reaktion, als sei dieses ganze Schauspiel irgendwie unbedeutend und unwichtig für ihn.

Als er die heißen Steine der Stadt betrat, schwärmten die Wachen auf ein Handzeichen von Simut aus und umringten den König wie Tänzer in einer einstudierten Choreografie, Pfeil und Bogen im Anschlag. Simut und ich suchten mit den Augen die Menschenmenge und die Dächer ab, ob von irgendwo Ärger drohte. Haremhab wartete auf den richtigen Moment. Dann bot er dem König respektvoll an, auf dem Thron Platz zu nehmen. Doch erweckte diese extrem arrogante Geste den Eindruck, als sei der König der weniger mächtige Mann. Der eisige Ausdruck auf Haremhabs Zügen schien sogar die Fliegen zu vertreiben. Er drehte sich zur Menschenmenge um. Eine folgsame Stille machte sich breit. Dann wandte er sich mit lauter Stimme an jeden Einzelnen der Tausenden, die da versammelt waren.

»Ich spreche zu Seiner Majestät, Tutanchamun, Herr der Beiden Länder. Ich bringe ihm die Führer aller ausländischen Territorien, damit sie ihn anflehen, sie am Leben zu lassen. Diese niederträchtigen Ausländer, die die Beiden Länder nicht kennen, ich lege sie ihm für alle Ewigkeiten zu Füßen. Von den äußersten Gebieten Nubiens bis hin zu den entferntesten Regionen Asiens, sie alle unterstehen dem Befehl seiner großen Hand.«

Dann brachte Haremhab vorsichtig sein Knie auf den Boden, senkte mit arroganter Demut sein gepflegtes Haupt und wartete darauf, dass der König sich für seine formelhaften Worte bedankte. Die Sekunden tropften dahin wie Wasser in einer Uhr, denn Tutanchamun ließ ihn so lange wie eben möglich dort knien, in aller Öffentlichkeit in ehrerbietig gebückter Haltung. Ich war beeindruckt. Der König nutzte die Gelegenheit zu seinen Gunsten. Die Menschenmenge schwieg weiter und beobachtete diese richtiggehende Konfrontation zwischen den beiden Männern aufmerksam, ein Streitgespräch in der Sprache des Erscheinungsbilds und Protokolls. Endlich, er passte den richtigen Moment genau ab, legte der König ein Geschenk um den Hals des Generals, das aus fünf prächtigen Halsketten bestand. Er brachte es jedoch fertig, das auf eine Art und Weise zu tun, dass die Ketten wirkten wie die Last der Verantwortung und nicht wie eine Gabe des Respekts. Dann half er dem General, sich wieder zu erheben, und umarmte ihn.

Als Nächstes begrüßte der König, wie das Protokoll es vorschrieb, die anderen hohen Beamten und nahm ihre Ehrerbietungen entgegen. Endlich bestieg er das Podest mit dem Thron, das unter einem Baldachin stand und etwas Linderung der sengenden Hitze auf den Steinen bot. Auf Haremhabs Befehl zogen dann sämtliche Divisionen sowie alle Kriegsgefangenen am König vorüber, ein Spektakel, das von Trompeten und Trommeln untermalt wurde. Es dauerte Stunden. Doch der König bewahrte die ganze Zeit über seine steife Haltung und seinen geistesabwesenden Blick, und das, obwohl er unter der Doppelkrone so sehr schwitzte, dass ihm das Wasser heruntertropfte und seine Tunika durchnässte.

Auf den Streitwagen ging es in die Stadtmitte. Simut und ich fuhren voraus, vor Tutanchamun, der von seinen Laufwachen flankiert wurde, deren Waffen im senkrecht stehenden Licht der Sonne blitzten. Mir fiel auf, dass die Wohnhäuser und öffentlichen Bauten hier nicht anders aussahen als in Theben, es gab nur wesentlich mehr davon: Die Stadthäuser waren wegen Platzmangels in die Höhe gebaut worden, und weiter unten in den Seitenstraßen befanden sich die bescheideneren Behausungen derer, die sich im Dienste der Armee abrackerten, der Institution, um die sich in dieser Stadt alles drehte. Diese Gebäude bestanden jeweils aus nur einem Raum, der zugleich Arbeitszimmer, Stall und Zuhause war und direkt an der schmutzigen Straße lag. Auf den königlichen Straßen und den gepflasterten Prozessionswegen, die von Sphingen, Obelisken und Kapellen gesäumt wurden, hatte man keine Schaulustigen zugelassen, sodass wir uns rasch auf den Palast von Memphis zubewegten. Über den heftigen Lärm der Räder hinweg, die über die zerfurchten Pflastersteine ratterten, wies Simut mich auf die berühmten Sehenswürdigkeiten hin: im Norden der gewaltige Lehmziegelbau der alten Zitadelle und die Weißen Mauern, denen die Stadt ihren Namen verdankte, und im Süden der Große Tempel des Ptah mit seiner trapezförmigen Umfassungsmauer. In südlicher Richtung verlief ein Kanal bis ganz hinunter zu der im Außenbezirk liegenden Tempelanlage der Göttin Hathor. Während unserer Fahrt glitzerten rechts und links von uns weitere Kanäle auf, die den Fluss und den Hafen mit dem Stadtkern verbanden.

»Es gibt mindestens fünfundvierzig verschiedene Sekten in der Stadt, und jede hat ihren eigenen Tempel«, rief er stolz. »Und draußen im Westen liegt der Tempel des Anubis.« Ich stellte mir die Einbalsamierer, die Sargmacher, die Masken- und Amuletthersteller und die Totenbuch-Schreiber vor, all die hochspezialisierten Handwerker, die sich in einem solchen Viertel drängten, um der komplexen Aufgabe nachzugehen, diesen mächtigen Gott und Hüter der Nekropolen und Grabstätten gegen Bösewichte zu schützen. Leider war für neugierige Besichtigungstouren keine Zeit.

Simut war sehr daran gelegen, dass wir vor dem König eintrafen. Um einen Blick auf seine Ankunft vor dem Großen Palast von Memphis zu erhaschen, hatten sich schon jetzt in der Enge der Straßen und Gassen gewaltige Menschenmengen eingefunden, die man allerdings nicht in die Nähe des offenen Platzes vor den Palasttürmen ließ. Nichtsdestotrotz war das hier in puncto Sicherheit ein Albtraum, denn der Platz war gestopft voll mit Würdenträgern aus dem In- und Ausland, hohen Beamten und Männern der Oberschicht. Simuts Vorhut bezog schnell Position; reibungslos und ohne Lärm zu verursachen, nahmen sie ihre Stellungen ein und befahlen Leuten in bestimmtem Ton, den Weg zu räumen, um dem König eine sichere und geschützte Durchfahrt zu ermöglichen. Sie wussten genau, was sie taten, und bewegten sich wie einstudiert nach Mustern, die sie viele Male geübt und ausgeführt hatten. Ihr mustergültig brüskes Verhalten ließ niemanden, nicht einmal die Palastwachen von Memphis, an ihrer Autorität zweifeln. Als Nächstes bezogen die königlichen Bogenschützen ihre Positionen und zielten mit ihren großartigen Pfeilen auf die Dächer.

Dann traf der König ein, umringt von weiteren Wachsoldaten, und die Tempeltrompeten ertönten von den Mauern. Ihr Klang im Verein mit den Jubelschreien der Massen und den gebellten Befehlen der Kommandeure war ohrenbetäubend. Doch ehe wir uns versahen, glitt der königliche Reiterzug aus der staubigen Hitze, Helligkeit und Kakophonie der Straßen in die kühle Stille der ersten Empfangshalle. Schlagartig waren wir alle in relativer Sicherheit. Hier warteten noch mehr hohe Beamte auf die Ankunft des Königs. Es war das erste Mal, dass ich ihn aus der Nähe bei einem offiziellen Anlass erlebte. Während er mir im Palast manchmal vorgekommen war wie ein kleiner Junge, der sich verirrt hatte, benahm er sich jetzt wie ein König: Seine Haltung war aufrecht und würdevoll, sein schönes Gesicht ruhig und gelassen. Dessen Ausdruck lechzte weder mit einem unsicheren Lächeln nach Anerkennung, noch trug es mit arrogantem Hochmut seine Macht zur Schau. Sein Charisma beruhte auf seinem ungewöhnlichen Erscheinungsbild, auf seiner Jugend und dieser anderen Besonderheit, die er, wie ich mich erinnerte, schon als kleiner Junge besessen hatte: Er sah aus wie eine alte Seele in einem jungen Körper. Selbst der goldene Gehstock, den er überall mit sich führte, stellte eine Bereicherung seiner Persönlichkeit dar.

Simut hatte mich gewarnt, dass von General Haremhabs Seite massiver politischer Druck ausgeübt worden war, dass der König während seines königlichen Besuchs im Palast übernachtete. Eje hatte indes darauf bestanden, dass der König den erforderlichen Empfängen beiwohnte und dann zum Schiff zurückkehrte, damit man noch in der gleichen Nacht weiterreisen konnte. Das war die richtige Entscheidung. Memphis war gefährlich. Die Stadt war das Verwaltungszentrum der Beiden Länder, hier befanden sich aber auch das Hauptquartier des Heeres sowie Kasernen. Unglücklicherweise konnte man auf die Loyalität der Armee in diesen heiklen Zeiten nicht unbedingt bauen, gerade weil sie Haremhab unterstand.

Der Lärm von Hunderten von Männern aus der Führungsschicht schallte durch den Saal. Diplomaten, Offizielle aus dem Ausland, wohlhabende Geschäftsleute, hochrangige Offiziere, alle prahlten, bellten und quasselten sie einander selbstherrlich an und arbeiteten sich dabei durch die Menschenmenge, jeder für sich und darauf bedacht, sich zu einem Vorgesetzten zu stellen, um mit ihm zu sprechen und ihn zu beeindrucken oder Kollegen und Untergebene bei ihm schlechtzumachen. Ich arbeitete mich ebenfalls durch die lärmende Menge und hielt mich dabei in unmittelbarer Nähe des Königs. Ich sah, wie er nickte, wenn seine beiden Beamten ihm nacheinander einzelne Personen vorstellten, wie er sich mit jedem Bittsteller und Würdenträger befasste, sich kurz mit ihnen unterhielt, elegant auf Lobpreisungen und Opfergaben reagierte und dabei jedem der Männer das Gefühl vermittelte, er sei wichtig und man werde ihn nicht vergessen.

Dann entdeckte ich plötzlich Haremhab, der im Schatten einer der Säulen stand. Irgendein einfältiger Bürokrat redete auf ihn ein. Das langweilte ihn offenbar zu Tode, aber sein Blick klebte die ganze Zeit auf dem König. Er fixierte ihn mit der Eleganz und Konzentration eines angriffsbereiten Leoparden und erinnerte dabei für einen kurzen Moment an einen Jäger, der seine Beute ins Visier nimmt. Doch dann bemerkte der König den Blick, und Haremhab reagierte sofort und begann zu lächeln. Im nächsten Moment lief er auf den König zu, wobei ein dramatischer Lichtstrahl auf seine Züge fiel, der sein Gesicht so weiß erscheinen ließ wie Marmor. In Begleitung des jungen Offiziers, der in Theben seinen Brief verlesen hatte, bahnte er sich seinen Weg durch die Menge. Ich trat noch dichter an den König heran.

»Es ist eine Ehre, Euer Majestät neuerlich in Memphis begrüßen zu dürfen«, erklärte der General formell.

Tutanchamun erwiderte sein Lächeln, allerdings mit sichtlicher Skepsis.

»Ich habe viele gute Erinnerungen an diese Stadt. Ihr wart mir hier ein guter und getreuer Freund.«

Neben dem selbstbewussten, athletisch gebauten älteren General wirkte der König zart und schmächtig. Jene, die den Wortwechsel mitbekamen, auch der junge Offizier, warteten schweigend darauf, dass Haremhab weitersprach.

»Ich freue mich, dass Ihr es so empfunden habt. Ich hatte damals das Privileg, Euer Stellvertreter und militärischer Lehrmeister zu sein. Ich erinnere mich gut daran, dass Ihr mich in mancherlei Staatsangelegenheiten und im Hinblick auf politische Entscheidungen um Rat gebeten habt, und Ihr habt auf mich gehört. Jemand hat mal gesagt, ich könne den Palast beruhigen … wenn das sonst niemand schafft.«

Er lächelte, ohne dabei den Mund zu öffnen. Der König lächelte zurück, nur noch zaghafter. Er hatte einen feindseligen Unterton in Haremhabs Stimme vernommen.

»Leider vergeht die Zeit. Das scheint alles so lange her zu sein …«

»Damals wart Ihr ein Junge. Heute salutiere ich dem König der Beiden Länder. Alles, was wir sind, und alles, was wir haben, untersteht Eurer königlichen Macht.« Und er vollführte eine knappe Verbeugung.

»Wir schätzen Eure Zuneigung sehr. Sie bedeutet uns viel. Wir möchten all Eure Worte und all Eure Taten ehren …«

Der König brachte den Satz nicht zu Ende.

»Euch wird aufgefallen sein, dass sich hier in Memphis vieles verändert hat«, fuhr Haremhab mit einem anderen Thema fort.

»Uns ist zu Ohren gekommen, dass Ihr viele Projekte habt«, erwiderte der König. »Uns ist zu Ohren gekommen, dass Ihr in der Nekropole von Sakkara eine große neue Grabkammer für Euch errichtet.«

»Es handelt sich nur um eine kleine, private Gruft. An ihrer Erbauung und Ausschmückung erfreue ich mich in meiner spärlichen Freizeit. Es wäre mir eine Ehre, sie Euch zu zeigen. Die Reliefs an den Wänden sind sehr schön.«

Er grinste, als würde er sich über einen kleinen Scherz amüsieren, aber sein Blick war kühl und reserviert.

»Was stellen diese Reliefs dar? Die zahlreichen militärischen Triumphe von General Haremhab?«

»Dort sind die glorreichen Feldzüge in Nubien dargestellt, die dem triumphalen Kommando Eurer Majestät unterstanden«, antwortete der General.

»Ich erinnere mich an die glorreichen und triumphalen Feldzüge, die in meinem Namen geführt wurden.«

»Vielleicht vergisst Eure Majestät Ihren eigenen bedeutenden Beitrag zu deren glorreichem Triumph.«

»Ich vergesse nichts«, erwiderte der König geradeheraus.

Es folgte eine kurze Stille, in der Haremhab überlegte, was er antworten sollte. Er hatte etwas an sich, was an ein Krokodil erinnerte, dessen Augen mit konstant wachsamem Blick auf der Wasseroberfläche lagen, während sein Körper von der Dunkelheit darunter verdeckt wurde.

»Der König muss hungrig und durstig sein nach seiner Reise. Er muss ordentlich essen, bevor er auf seine königliche Jagdexpedition geht«, sagte er in einem Ton, mit dem man eigentlich eher zu einem Kind sprechen würde. Dann klatschte er in die Hände, und auf der Stelle tauchten Diener auf, die wunderschöne Steingutteller mit köstlichen Speisen herbeitrugen. Sie wurden dem König auf Tabletts dargeboten, aber er ignorierte sie, und erst da fiel mir auf, dass ich bisher noch gar nicht gesehen hatte, dass er hier irgendetwas gegessen oder getrunken hatte.

Gebieterisch erteilte Haremhab dem jungen Offizier einen Befehl. Daraufhin entfernte sich der junge Mann, und wir warteten, aber weder Haremhab, noch der König sagten etwas, um das Schweigen zu brechen. Ich fragte mich, was Tutanchamun wohl jetzt von diesem Mann dachte, den er seinen guten Vater genannt hatte.

Der Offizier kehrte zurück und führte an einer Leine einen hochrangigen syrischen Kriegsgefangenen mit sich, dem man die Hände so im Rücken zusammengebunden hatte, dass es ihn zwang, in der traditionell gebeugten Haltung des gefangengenommenen Feindes zu gehen. Der Mann, der körperlich in erbärmlichem Zustand war – sein Schädel war schlecht rasiert und von üblen Schnitten übersät, seine Glieder waren spindeldürr –, starrte mit stolzem Blick, in dem der Zorn der Demütigung loderte, nieder auf den Fußboden. Der Offizier nahm eine der mit Speisen gefüllten Schüsseln in die Hand und reichte sie Haremhab, der dem Gefangenen den Mund aufriss, als sei er ein Tier. Der Mann hatte Angst, wusste aber, dass ihm keine andere Wahl blieb; und entsetzlichen Hunger hatte er in jedem Fall. Vorsichtig kaute er, dann schluckte er ängstlich. Alle warteten wir, ob er sich nun gleich krümmen und dann zusammenbrechen würde – infolge von Gift oder auch einfach nur schlechter Kochkunst. Natürlich geschah nichts dergleichen, aber Haremhab ließ ihn von jeder der dargebotenen Speisen kosten. Schließlich wurde er an den Rand des Saals geführt, wo man ihn zwang, sich mit dem Gesicht zur Wand hinzustellen, damit der König sehen konnte, ob er langsam reagierenden Giftstoffen zum Opfer fiel. Der Effekt dieser seltsamen Vorstellung war verblüffend, denn Haremhab sorgte dafür, dass das Ganze den Eindruck vermittelte, als könnte auch der König der zwangsernährte Gefangene sein.

»Wir wissen alle bestens Bescheid über die Gefahren und offenen Bedrohungen, denen der König ausgesetzt war, selbst in seinem eigenen Palast. Jetzt könnt Ihr mit absolutem Vertrauen von unserem Bankett essen, wenn Ihr das wünscht«, erklärte Haremhab in angespanntem Ton.

Und alle sahen mit an, wie der König elegant nach einem winzigen Stückchen Entenfleisch griff, es langsam verzehrte und dann lächelnd meinte: »Wir sind gesättigt.«

Wie sich herausstellte, war diese merkwürdige kleine Episode nur ein seichtes Geplänkel im Vergleich zu den Reden, die als Nächstes folgten. Als Haremhab auf das Podest stieg, wurde es schnell still im Saal. Wer den Mund voll hatte, schluckte herunter, fettige Finger wurden in Fingerschüsseln sauber gewaschen, und die Diener entfernten sich. Der General starrte über die versammelte Menge. Sein attraktives Gesicht, dem er offenbar nie gestattet hatte, sich in ausdrucksstarker Mimik zu ergehen, nahm autoritäre Züge an: Haremhab streckte das Kinn vor und setzte einen Ausdruck gefasster und unbeirrbarer Überlegenheit auf. Er wartete, bis es totenstill war. Dann sprach er, nicht nur ohne zu stocken, sondern mit Kraft und Überzeugung, was er mit selbstbewussten Gesten unterstrich, die irgendwie einstudiert und peinlich wirkten, sowie mit gelegentlichen, beinahe spöttischen Einwürfen, deren Humor sich meiner Einschätzung nach jeden Moment in Boshaftigkeit verwandeln konnte. Er hieß den König und sein Gefolge formell willkommen und sicherte die uneingeschränkte Hilfe mit allen städtischen Ressourcen zu – die er langatmig auflistete, nur um uns daran zu erinnern, welche Macht und welcher Reichtum ihm auf Abruf zur Verfügung standen –, um dessen Sicherheit und Vergnügen während dem zu garantieren, was er ›diese Kurzvisite‹ auf dem Weg zur königlichen Jagd nannte. Er schaffte es, dass sich das Ganze anhörte wie eine Beschwerde und nicht wie eine Ehrenbezeugung, und ich versuchte, im Gesicht des Königs zu lesen, welche Reaktion das bei ihm auslöste. Doch dieser starrte weiter geradeaus.

Dann fuhr Haremhab fort: »In dieser Zeit erhöhter Unsicherheit in den Beiden Ländern ist die Armee das mächtige Organ der Ordnung und Gerechtigkeit, das die unsterblichen großen Werte und Traditionen unseres Königreiches verteidigt. Erfolgreich verfolgen wir unsere territorialen Interessen in Amurru. Kriege sind eine Notwendigkeit, um unsere Vormachtstellung und Autorität in der Welt aufrechtzuerhalten und unsere Grenzen zu erweitern. Es obliegt meiner Verantwortung, diese Kriege zu gewinnen. Recht und Ordnung, die in unserem Staat beispielhaft sind, müssen erhalten und weiter vervollkommnet werden, und deshalb bitten wir den König und seine Berater, weitere Geldmittel für das hehre Ziel zur Verfügung zu stellen, die Armeedivisionen aufzustocken und damit unseren glorreichen Triumph zu garantieren, durch den sich die Investition, um die wir hiermit formell ersuchen, reich bezahlt machen wird.«

Er hielt inne. Ich sah mich in dem großen Saal um. Alle waren jetzt hundertprozentig bei der Sache, warteten gebannt darauf, was der König antworten würde. Das Publikum schenkte ihm völlige Stille, damit auch jedes leise gesprochene Wort verstanden wurde.

»Der Krieg ist der natürliche Zustand der Menschheit«, hob er irgendwann an. »Er ist eine große und edle Sache. Wir unterstützen und finanzieren die Armee der Beiden Länder. Wir applaudieren ihrem General. Sein Ziel ist unser Ziel: der Triumph unserer Ordnung durch die rechtmäßige Ausübung der Macht. Wir haben während dieser langen Jahre der Schlachten durchgängig unsere Unterstützung gewährt in dem vertrauensvollen Glauben an unseren General, der uns immer wieder versichert, dass diese Kriege erfolgreich zum Abschluss gebracht werden. Aber selbstverständlich werden viele Forderungen an unser großes Schatzamt gestellt. Der König und seine Berater tragen die Verantwortung, dass diese vielen und oftmals gegensätzlichen Bitten im Gleichgewicht stehen. Die maat ist die göttliche Ordnung des Universums, und in unseren Städten und Ländern wird diese göttliche Ordnung mittels angemessener Finanzierungen gewahrt, die sich aus den Beiträgen zusammensetzen, die von jedem Einzelnen gefordert werden. Deshalb bitten wir den General der Beiden Länder, vor uns allen, die wir hier versammelt sind, zu erklären und zu rechtfertigen, warum die Armee jetzt trotz unserer ohnehin schon freigebigen Unterstützung noch weitere Zuschüsse erbittet.«

Haremhab trat vor, als habe er sich auf diesen Schritt vorbereitet.

»Der Grund für unsere Bitte ist nicht nur die erfolgreiche Beendigung unserer Auslandskriege. Wir haben überdies vor, die Präsenz und die Macht der Armee im Inland zu verstärken. Denn wie deutlich wurde, sind innerhalb unserer eigenen Gesellschaft zerstörerische Kräfte am Werk. Den Berichten zufolge haben diese Kräfte nicht nur ihren Weg in unsere Tempel und Regierungsstellen gefunden, sondern auch in das Herz des Königspalastes. Wir fragen uns, wie es überhaupt möglich war, dass es zu solch einem Hochverrat kommen konnte.«

Ein Raunen ging durch die Menge, denn was in Haremhabs Worten mitschwang, war Zweifel an der Autorität des Königs.

Tutanchamun ließ sich jedoch nicht beirren.

»Menschen neigen dazu, abtrünnig zu werden und mit gezinkten Karten zu spielen, das ist der Lauf der Welt. Es gibt immer Männer, die Macht anstreben, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen: Männer mit Verrat in den Herzen und Aufwieglertum in den Hirnen. Doch seid versichert, dass wir stets über diese Männer triumphieren werden, denn ihre kleinkarierte Unzufriedenheit hat keinerlei Macht über unsere königliche Herrschaft. Die Götter werden sich an jedem Einzelnen von ihnen rächen.«

Tutanchamuns Ruhe war beeindruckend. Er starrte Haremhab mit unmissverständlichem Blick in die Augen. Wieder trat der General vor.

»Worte haben Macht. Aber Taten haben noch mehr Macht. Wir beten für die Sicherheit des Königs und erinnern ihn, dass ihm eine großartige Armee zur Verfügung steht, um die Beiden Länder sowohl gegen den Feind im Inneren zu verteidigen als auch gegen den, der an unseren Grenzen lauert.«

Langsam neigte Tutanchamun sein elegantes Haupt.

»Und in Anerkennung Eurer Loyalität sowie in der Erwartung Eures großen Sieges gewähren wir zur Unterstützung der Divisionen weitere Ressourcen für die Kriegszüge. Wir bitten unseren General, an die Front zurückzukehren, denn wohin gehört ein General, wenn nicht zu seinen Soldaten im Kampf?«

Die Anwesenden erkannten, dass dieser Moment in seiner Rede ihrer lautstarken Unterstützung bedurfte, und jubelten laut, und so wirkte das Ganze wie ein Triumph für den König. Aber die Offiziere der Armee standen am Rand des Saales und beobachteten das Drama wie Schakale, die darauf warteten, endlich jemanden töten zu können. Und dadurch sah das applaudierende Publikum aus wie eine Horde Äffchen.

28


Wir reisten noch am gleichen Nachmittag ab. Der Himmel war vor Hitze milchig weiß, und die Menschenansammlungen waren klein und zurückhaltend. Die Strömung trieb uns rasch hinter die großen Außenbezirke der Stadt. Wir hatten die potenziellen Gefahren des Staatsbesuches überlebt. Hier auf dem großen Schiff, auf dem Großen Fluss, bildete ich mir ein, das Umfeld besser kontrollieren zu können. Weiter im Norden, im gewaltigen Marschland des Deltas, würde der Fluss sich allmählich verändern und in zahllose Ausläufer verzweigen, die sich ihrerseits immer und immer wieder teilten, um am Ende in Form eines riesigen, feinverästelten und nicht schiffbaren Fächers ins nördliche Meer zu fließen. Bereits bevor es dunkel wurde, ankerten wir an einer Stelle, die man dafür auserkoren hatte, weil sie abgeschieden war. Es gab keine Städte in der Nähe, und selbst die Dörfer der Gegend waren ein ganzes Stück weg. Wir begaben uns früh zur Ruhe.

Die Karawane, die sich am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang auf den Weg machte, war nicht gerade klein. Zu ihr gehörten Delegationen von Diplomaten, Repräsentanten und hohen Beamten, deren Funktion darin bestand, dem König bei Bedarf zur Verfügung zu stehen, vor allem aber, die Taten des Königs zu bezeugen und schriftlich festzuhalten, denn schon bald würden die Berichte über seine blutigen Jagderfolge und seinen Heldenmut in die Jagd-Skarabäen geschnitten, die man dann überall in den Beiden Ländern verteilte. Und selbstverständlich gehörten zum Gefolge auch uniformierte königliche Wachen, Läufer zum Schutz der Karawane sowie Streitwagenlenker und Waffenmeister, die die Speere, Pfeile, Netze und Schilde des Königs transportierten. Dann waren da der Jagdmeister und seine Gehilfen, die Hunde- und Gepardenführer sowie die Treiber und Fährtenleser, deren Sachkenntnis im Hinblick auf die Gewohnheiten und Schlupfwinkel der Tiere für den Erfolg der Jagd von essenzieller Bedeutung war. Und das unmittelbare Umfeld des Königs bildeten meine Person, Simut und der Leibarzt Pentu.

Die Morgenluft war kalt und klar, der Mond stand niedrig am Himmel, die Sterne verblassten allmählich. Nebel wehten über die dunklen Wasser, und irgendwo versteckt begannen die ersten Vögel zu singen, als wollten sie Re mit ihrer Musik herbeizaubern. Trotz der frühen Morgenstunde schienen alle hellwach und wie beflügelt zu sein, sowohl von der Schönheit der Landschaft, die so perfekt war wie eine großartige Wandmalerei, als auch von der Aussicht auf das Abenteuer der Jagd. Die Pferde scharrten mit den Hufen, als sie abgeleint wurden, und der Atem von Mensch und Tier formte Nebel in der eisigen Dunkelheit.

Auf zerfurchten Pfaden fuhr unser seltsamer Konvoi vorüber an stillen grünen und schwarzen Feldern, auf denen sich nichts regte. Nur die Frühaufsteher unter den Bauern und ein paar barfüßige Kinder, die es vor Sonnenaufgang auf ihr Stück Land trieb, um von ihrem Wasserrecht Gebrauch zu machen, erhaschten einen Blick auf das Spektakel. Staunend starrten sie und zeigten mit den Fingern auf uns wie auf einen fantastischen Traum.

Als wir den äußeren Rand der Anbaugebiete erreichten, hielten wir inne. Vor uns lag das Rote Land. Wie immer beeindruckte mich die gewaltige Stille seiner scheinbaren Leere – heiliger als jeder Tempel, zumindest für mich. Die Sonne hatte gerade den Horizont erklommen, und so drehte ich mich um und spürte sofort die willkommene Wärme ihrer ersten Strahlen auf meinem Gesicht.

Der König stand aufrecht auf seinem Streitwagen und hob die Hände seinem Gott Re entgegen. Sein Oberkörper war nackt, und er trug einen kurzen Rock und einen Schal über der Schulter. Für einen kurzen Moment schienen sein Gesicht und sein Körper zu erstrahlen. Er hielt seinen jungen Löwen an einer kurzen Lederleine und versuchte trotz seiner zarten Gestalt und seines goldenen Gehstocks wie ein König auszusehen. Die Jagdmannschaften wie die Soldaten brüllten auf und stießen alsdann einen lang gezogenen Heulton aus, mit dem zum einen der Beginn der Jagd gefeiert und zum anderen eine Warnung an die bösen Geister der Wüste ausgesprochen wurde. Nachdem dieser Teil des Rituals beendet war, preschte der König mit seinem Streitwagen voran, und auf sein Signal hin überquerten auch wir die ewige Grenze zwischen dem Schwarzen und dem Roten Land.

Wir folgten einer Route, die gerade nach Westen führte, und die aufgehende Sonne warf die schrägen Schatten unserer marschierenden Gestalten direkt vor uns auf den Boden. Die Fährtenleser und die Hälfte der Wachsoldaten liefen voraus und legten unseren Weg fest. Wir stiegen langsam die Hochebene der Wüste hinauf, die Luft flirrte vor Hitze. Die trockene Luft trug jedes Geräusch. Laut und deutlich hörte ich, wie die hölzernen Achsen knarrten, wie Pferde ab und an auf dem lockeren Schotter stolperten und die Diener und Esel unter ihren Lasten keuchten. Wir halten die Wüste für einen Ort, an dem nichts und niemand ist, aber das stimmt nicht. Sie ist von uralten und neueren Pfaden durchzogen, die markiert und kartiert sind und von Menschen wie Tieren in den von Gestrüpp bewachsenen Boden gestampft wurden. Auf unserem Weg durch die Hitze des Morgens begegneten uns gelegentlich Viehtreiber und Hirten, diese schlanken und knochigen Nomaden, die ständig unterwegs sind. Sie waren unrasiert, hatten extrem kurz geschnittenes Kopfhaar und ihre Röcke zwischen den Beinen verknotet. Auf dem Rücken trugen sie kleine Rollen mit Vorräten und ein paar Töpfe, und in den knöchernen Händen hielten sie ihre langen Gehstöcke, mit deren Hilfe sie sich langsam und träge vorwärtsbewegten, immerzu, weiter und weiter. Ihre dürren und widerstandsfähigen Tiere, die sich mit der gleichen Trägheit bewegen, knabbern an allem, was sie finden können, und finden jedes Wasserloch, das sich in den schimmernden Winkeln aus Hitze und Licht versteckt.

Während wir an diesem Morgen unseres Weges liefen, stießen die Fährtenleser hin und wieder seltsam schrille Rufe aus, die wie jene von Tieren oder Vögeln klangen, um damit zu verkünden, dass sie etwas gesichtet hatten: eine kleine Herde Wüstengazellen oder Antilopen, Strauße oder Karakale, die regungslos da standen und uns aus sicherer Entfernung beobachteten, bis der Wind ihnen unsere Witterung in die Nase trieb und sie im nächsten Moment in einem Wirbelwind aus Staub verschwanden.

Als die Sonne in den Zenit kletterte, machten wir halt, um unser Lager aufzuschlagen. Die Fährtenleser fanden eine Stelle, die im Schutz eines langen, niedrigen Felsvorsprungs im Norden lag, was von Vorteil war, denn hier draußen war der Wind, der in der Nacht aus dieser Richtung wehte, nicht kühl, sondern kalt. Mit geübter Disziplin machten sich alle an die ihnen zugeteilten Aufgaben. Rasch entstand eine Siedlung aus Zelten, quasi aus dem Nichts. Gekonnt wurde Holz gerieben, der Funkenschlag zur Flamme geblasen. Tiere wurden geschlachtet, und der köstliche Duft von gebratenem Fleisch wehte durch die Wüstenluft. Ich hatte Hunger. Der König sah dabei zu, wie das Zeltlager aufgebaut wurde. Er saß auf seinem Reisethron, genoss den Luxus eines schattenspendenden weißen Baldachins und fächerte sich selbst Luft gegen die große Hitze des Tages und die Fliegen zu. In dieser Welt, in der es keine Mauern gab, sah er neben seinen Kisten und seinen vergoldeten Reisemöbeln aus wie ein Gott, der dieser Welt einen kurzen Besuch abstattete. Es schien alles in Ordnung zu sein.

Ich lief auf die nächstgelegene Anhöhe, um das umliegende Terrain in Augenschein zu nehmen. Dort hielt ich mir die Hand über die Augen, um sie vor dem grellen Licht zu schützen. Gleichgültig in welche Richtung ich blickte, es war nirgendwo etwas zu sehen, nur die weiße und graue und rote Ödnis der Wüste, die hie und da von zähen Wüstenbüschen durchsetzt war. Ich schaute nach unten auf das kreisrunde Lager. Die Pferde, Packesel, Dickhornschafe und Kurzhaarziegen, die man an Holzpfähle gebunden hatte, mampften das Futter, das man für sie mitgeführt hatte. Die Enten hatte man aus ihren Käfigen gelassen, und so watschelten sie jetzt umher und pickten außer sich vor Wut auf dem wenig vielversprechenden Wüstenboden herum. Die Jagdhunde und -geparden, die in der Hitze bellten und hechelten, wurden von ihren Führern beaufsichtigt und voneinander ferngehalten. Die Zelte waren inzwischen fast alle aufgestellt, das des Königs hatte man genau in die Mitte des Lagers platziert, damit es den maximalen Schutz bekam. Die goldene Kugel, die die Mittelstange krönte, strahlte in der Sonne. Die Jagd-Streitwagen standen nebeneinander auf Ständern. Das Ganze sah aus wie eine Fata Morgana der Zivilisation. Dann allerdings drehte ich mich neuerlich um und schaute in die Ferne, in die leere, unmenschliche Weite der Wüste. Wir waren zum Vergnügen hier, aber in dieser Umgebung sahen unsere kleinen bunten Zelte und Wägelchen aus wie Kinderspielzeuge, die man mitten in eine endlose Einöde gestellt hatte.

Im nächsten Moment erspähte ich sehr weit in der Ferne Gestalten, die wie Stöckchen aus Schatten wirkten und so winzig waren wie Insekten, deren Weg durch die Ödnis, wie mir bewusst wurde, aber irgendwann zu unserem Lager führen würde. Schwitzend von der Glut der Nachmittagssonne eilte ich wieder nach unten ins Lager und alarmierte die Wachen. Simut kam mir auf halbem Weg entgegen.

»Was?«

»Da kommen Fremde – vielleicht sind es nur Viehhirten, nur haben sie keine Tiere.«

Die Wachen machten sich auf den Weg, und schon bald brachten sie die Männer zu uns, stupsten sie mit ihren blitzenden Speeren. Es sah aus, als prallten hier zwei Welten aufeinander: unsere Welt mit ihren sauberen weißen Gewändern und den polierten Waffen und ihre bettelarme Nomadenwelt mit ihrer minimalen, grellbunten und grell gemusterten Kleidung, ihren rasierten Schädeln und dem breiten Fletschen der nur spärlich vorhandenen Zähne. Sie waren Honigsammler, die in den Randgebieten der Wüste wohnten. Ihr Anführer trat vor, verneigte sich respektvoll und offerierte einen Krug als Opfergabe.

»Ein Geschenk für den König, denn er ist der Herr der Bienen.«

Der Mann stammte aus dem Delta, und somit war die Biene nicht nur seine Existenz, sondern auch das Symbol seiner Region. Wilder Honig ist wertvoll, viel wertvoller als die Sorte, die in den Tonwaben der Stadtgärten gezüchtet wird. Es heißt, der Geschmack sei so intensiv wie die Tränen des Re, denn die Bienen sammeln den Nektar seltener Wüstenblumen, die früher als alle anderen erblühen. Diese Männer brachten ihr Leben damit zu, den Wüstenrand abzulaufen und den Jahreszeiten und der kurzlebigen Blütezeit zu folgen. Ich war geneigt, sie für ungefährlich zu halten – sie waren so dürr wie ihre Gehstöcke, die Abnutzung und Alter dunkel gefärbt hatten. Was konnten sie schon gegen die Macht unserer zahllosen Waffen ausrichten? Ich befahl, dass man ihnen Wasser und etwas zu essen gab, und verdeutlichte ihnen, dass sie weiter ihres Weges ziehen dürften. Sie verneigten sich respektvoll und entfernten sich.

Ich wog den Honigkrug in meinen Händen. Das raue Gefäß war mit Bienenwachs versiegelt. Zunächst überlegte ich, es zu öffnen, entschied mich dann aber dagegen.

»Was sollen wir damit machen?«, fragte ich Simut.

Er zuckte mit den Schultern.

»Vielleicht solltest du es dem König zeigen«, meinte er. »Er ist bekannt dafür, schrecklich gern Süßes zu essen …«

Ich lief zum Zelt des Königs, und man meldete ihm mein Kommen. Ich trat ein. Das helle Licht der Wüste fiel herein, erstrahlte auf den Mustern der Leinentücher, die an den Wänden hingen. Um auch für die kurze Zeit eine gewisse Palastatmosphäre zu schaffen, hatte man die königlichen Requisiten aufgestellt und ausgelegt: Liegen, Stühle, wertvolle Gegenstände, Matten und so weiter und so fort. Es war warm hier drinnen. Diskret hinter dem König stand ein Fächerträger. Er tat so, als sehe und höre er nichts, wedelte nur immerzu durch die stickige Luft. Der König aß gerade. Als ich mich verneigte und ihm den Krug zeigte, sah ich meinen eigenen Schatten an der Zeltwand, der aussah wie eine Tempelskulptur, die dem Gott eine heilige Opfergabe darbietet.

»Was ist das?«, fragte er fröhlich, wusch sich die Finger in einem Schüsselchen und hielt sie dann einem Diener hin, damit der sie trocken tupfte.

»Das ist wilder Honig von Wüstenblumen. Das Geschenk einiger Sammler.«

Er nahm den Krug in seine eleganten Hände und sah ihn sich genauer an.

»Ein Geschenk der Götter«, meinte er lächelnd.

»Ich schlage vor, dass wir ihn einlagern, und wenn wir wieder in Theben sind, wird er Euch an diesen Jagdausflug erinnern.«

»Ja. Eine gute Idee.«

Er klatschte in die Hände, und sofort kam ein Diener und brachte den Krug weg.

Ich verneigte mich und bewegte mich rückwärts Richtung Ausgang, doch er bestand darauf, dass ich bei ihm blieb. Er bot mir einen Platz auf der Liege an, die gegenüber von ihm stand. Er wirkte erheblich unbeschwerter als bisher, und ich fing an zu glauben, dass diese Reise die richtige Entscheidung gewesen war. Fern zu sein vom Palast der Schatten und seinen Gefahren schien seine Lebensgeister zu beflügeln.

Wir tranken ein wenig Wein, und man servierte uns weitere Schüsseln mit Fleisch.

»Werden wir heute Abend jagen?«, fragte er.

»Die Fährtenleser sind zuversichtlich, dass sie etwas finden werden. Nicht weit von hier ist eine Wasserstelle. Wenn wir uns der gegen den Wind und lautlos nähern, werden dort bei Sonnenuntergang viele verschiedene Tiere sein. Die Fährtenleser haben mir allerdings auch erzählt, dass es inzwischen nur noch sehr wenige Löwen gibt.«

Enttäuscht nickte er.

»Wir haben sie so häufig gejagt, dass sie fast ausgestorben sind. In ihrer Weisheit haben sie sich tiefer in ihre Reviere zurückgezogen. Aber vielleicht folgt ja einer von ihnen meinem Ruf.«

Schweigend aßen wir eine Weile.

»Ich stelle fest, dass ich die Wüste liebe«, meinte er dann auf einmal. »Warum verdammen wir etwas so Reines und Schlichtes und nennen es einen Ort der Barbarei und der Furcht?«

»Menschen fürchten sich vor dem Unbekannten«, erwiderte ich. »Deshalb müssen sie ihm vielleicht einen Namen geben, der den Eindruck erweckt, sie hätten Kontrolle darüber. Nur sind Worte nicht, was sie zu sein scheinen.«

»Was meinst du damit?«

»Ich meine, dass sie glatt sind. Worte können von einer Sekunde zur anderen eine andere Bedeutung annehmen.«

»Das entspricht nicht dem, was die Priester uns erzählen. Die behaupten, die heiligen Worte seien die größte Macht der Welt. Sie sind die Geheimsprache der Schöpfung. Der Gott sprach, und die Welt entstand. Ist es nicht so?«

Er sah mich an, als forderte er mich heraus, ihm zu widersprechen.

»Aber was, wenn Worte von Menschen und nicht von Göttern geschaffen werden?«

Einen Moment wirkte er beunruhigt, aber dann lächelte er.

»Du bist ein merkwürdiger Mensch und ein ungewöhnlicher Medjai. Man könnte meinen, du bist der Ansicht, selbst die Götter seien unsere Erfindung.«

Ich zögerte, darauf zu antworten. Das fiel ihm auf.

»Nimm dich in Acht, Rahotep. Solche Gedanken sind Blasphemie.«

Ich neigte den Kopf. Er bedachte mich mit einem langen, aber keineswegs feindseligen Blick.

»Ich werde mich jetzt ein wenig ausruhen.«

Und so war meine königliche Audienz zu Ende.

Ich trat aus dem Zelt. Die Sonne hatte den Zenit wieder verlassen, und es war still im Lager, denn außer den Wachsoldaten, die unter Sonnenschirmen um unsere kleine Zeltstadt herum postiert standen, hatten sich alle zurückgezogen, um der erdrückenden Nachmittagshitze zu entgehen. Ich verspürte nicht das Bedürfnis, weiter über Götter, Menschen und Worte nachzudenken. Ich war ihrer müde, sowohl der Worte wie auch der Menschen und Götter. Ich lauschte dem grandiosen Schweigen der Wüste, und es klang wie die schönste Melodie, die ich seit Langem gehört hatte.

29


Der Jagdmeister, der in Begleitung seines obersten Fährtenlesers war, winkte mich zu sich. So leise wie möglich kletterte ich über den mit Buschwerk bewachsenen Boden auf die niedrige Anhöhe, von der sie die Wasserstelle beobachteten. Vorsichtig lugte ich über den Rand des verwitterten Felsvorsprungs und schaute nach unten. Es bot sich mir ein außerordentliches Bild. Im Licht der späten Abendsonne schoben sich lautlos Herden von Gazellen und Antilopen und ein paar wilde Rinder an der Wasserstelle vorbei. Nacheinander tranken sie, und danach blickten sie entweder aufmerksam in die Ferne der nunmehr goldenen Savanne oder senkten ihre eleganten Häupter, um zu grasen. Die Fährtenleser hatten die Wasserstelle ein paar Stunden zuvor gegraben, um so viele Tiere wie möglich anzulocken. Einige schnüffelten voller Unbehagen an dem dunklen Boden, witterten die Nähe von Menschen, doch ihr Bedürfnis zu trinken war stärker.

»Das mit dem Wasser hat geklappt«, flüsterte der Jagdmeister. »Jetzt lässt sich hier gut jagen.«

»Es ist nur weit und breit kein Löwe zu sehen.«

»Die kommen über lange Zeiträume hinweg ohne Wasser aus. Und sie sind rar geworden. Es gab mal sehr viele, wie es auch mal viele Leoparden gab, die ich selbst noch nie gesehen habe.«

»Und wie machen wir das jetzt? Jagen wir, was da ist, oder warten wir erst noch ab?«

Er ließ sich die Möglichkeiten durch den Kopf gehen.

»Wir könnten eine Antilope töten, sie liegen lassen und warten, ob der Löwe kommt und sie frisst.«

»Als Köder?«

Er nickte.

»Aber selbst wenn wir das Glück haben, auf einen zu stoßen, bedarf es enormer Fähigkeiten, großen Mutes und vieler Jahre Übung, um einen wilden Löwen zu jagen und zu töten.«

»Dann trifft es sich gut, dass wir in unserer Gruppe ein paar fähige Jäger haben, die dem König im Augenblick seines Triumphs zur Seite stehen können.«

Statt etwas darauf zu erwidern, bedachte er mich mit einem liebenswürdig skeptischen Blick.

Der Fährtenleser, der bislang geschwiegen, das Spektakel an der Wasserstelle und den Betrieb, der plötzlich dort herrschte, aber keine Sekunde aus seinen wachsamen Augen gelassen hatte, ergriff plötzlich das Wort: »Einen Löwen wird es heute Abend hier nicht geben. Und meiner Ansicht nach auch an keinem anderen Abend.«

Der Jagdmeister schien diese Meinung zu teilen.

»Das Mondlicht würde uns zwar helfen, aber wir könnten hier noch viele Stunden warten, ohne dass irgendetwas passiert. Es wäre besser, den König und seine Jäger mit dem zu beschäftigen, was uns im Moment zur Verfügung steht. Alles ist vorbereitet, also lasst uns jagen. Das wird eine gute Übung sein. Und morgen ist auch noch ein Tag. Wir suchen einfach tiefer in der Wildnis weiter.«

Also näherten wir uns später gegen den kühlen Nordwind, der aufgekommen war, aus südlicher und östlicher Richtung. Der Sonnenuntergang färbte das Firmament golden, orangefarben und blau. Diejenigen, die dazu eingeladen worden waren, an der Jagd teilzunehmen – sowohl die Männer der Führungsschicht in ihrer schicken Jagdkleidung als auch die professionellen Jäger –, standen wartend auf ihren Streitwagen bereit, verscheuchten mit ihren Fächern die unweigerlich umhersurrenden Fliegen und beruhigten im Flüsterton ihre ungeduldigen Pferde. Bogenschützen überprüften ihre Pfeile und Bögen. Eine erwartungsvolle Spannung lag in der Luft. Ich lief durch die Menge auf den König zu. Er fuhr einen schlichten, wendigen und praktischen Streitwagen. Das Teil verfügte über robuste Holzräder, und seine leichte, offene Konstruktion war für das raue Terrain gut geeignet. Die beiden exquisiten Pferde, die gefederten Kopfschmuck, vergoldete Scheuklappen und prachtvolle Decken trugen, konnten es kaum noch erwarten loszugaloppieren. Der König stand auf einem Leopardenfell, das die Lederriemen auf dem Wagenboden bedeckte. Er trug einen weißen Leinenschal, der ihm über die Schultern drapiert war, und einen langen Lendenschurz, der zwar zur Sicherheit verknotet war, allerdings so, dass er sich immer noch bequem darin bewegen konnte. Seine Schutzhandschuhe lagen griffbereit, damit seine empfindlichen Hände nicht der Reibung und dem Zug der Lederzügel ausgesetzt wurden, sofern er wünschte, diese seinem Wagenlenker abzunehmen, der sich respektvoll an der Seite hielt. Ebenfalls griffbereit lagen sein goldener Gehstock und ein goldener Fächer, der aus prächtigen Straußenfedern gefertigt war und einen Elfenbeingriff hatte. Wiederum daneben lagen ein herrlicher Bogen und ein Kasten mit vielen Pfeilen, bereit für die Jagd.

Tutanchamun machte einen aufgeregten und nervösen Eindruck.

»Wurde einer gesichtet?«

Ich schüttelte den Kopf. Ich hätte nicht sagen können, ob ihn das enttäuschte oder erleichterte.

»Es haben sich aber massenhaft Gazellen, Antilopen und Strauße eingefunden, sodass nicht alles verloren ist. Und das hier ist ja auch die erste Jagd. Wir müssen Geduld haben.«

Die Pferde wieherten und strebten vorwärts, aber er zog geübt an den Zügeln.

Dann hob er seinen Arm, um die Aufmerksamkeit der Jagdgesellschaft auf sich zu lenken, hielt ihn geraume Zeit ganz still und ließ ihn dann fallen. Die Jagd hatte begonnen.

Wer zu Fuß unterwegs war, schwärmte rasch und lautlos mit Pfeil und Bogen im Anschlag in östlicher Richtung aus. Die Streitwagen warteten eine Weile, bevor sie sich aus südlicher Richtung auf den Weg machten. Ich stellte mich auf meinen Streitwagen. Ich bewunderte seinen leichten, schwingenden Aufbau. Die Erregung, die in der sich rapide abkühlenden Luft lag, brachte die Pferde zum Schnauben. Über uns hatte der Vollmond den Horizont erklommen. Er tauchte uns alle in sein fahles Licht, als seien wir Zeichnungen in einer Fabel mit dem Titel Die nächtliche Jagd. Ich schaute in das Gesicht des Königs: Er sah so jung aus, trotz der Krone und der Kobra auf der Stirn. Er sah aber auch entschlossen und stolz aus. Er spürte, dass ich zu ihm herüberblickte, wandte den Kopf in meine Richtung und lächelte. Ich nickte ihm zu, erst dann verneigte ich mich.

Und dann schwärmten wir aus. Knirschend bewegten sich unsere Räder über den grobkörnigen und unebenen Boden, bis sich sämtliche Jagdstreitwagen gleichmäßig auf dem offenen Gelände, das so breit war wie eine Arena, verteilt hatten. Als wir alle unsere Stellungen bezogen hatten, stieß der Jagdmeister einen geübten Schrei aus, der den Bogenschützen galt, die man nach Osten geschickt hatte. Weit vor uns in der Ferne konnte ich schemenhaft die ahnungslosen Tiere an der Wasserstelle ausmachen – ein paar Silhouetten im schwindenden Licht. Einige hoben nervös die Köpfe, als sie den seltsamen Ruf vernahmen. Und dann, auf ein Signal des Jagdmeisters, hoben die Treiber plötzlich zu einer entsetzlichen Kakophonie an, indem sie ihre Hölzstöcke gegeneinander schlugen, und schlagartig rasten die Tiere in Panik los und rannten, wie es seitens der Jagdstrategen vorausgeplant worden war, auf die Streitwagen zu. Schon aus der Ferne hörte ich das Stampfen ihrer Hufe, die näher und näher kamen. Jeder der Männer griff fest nach seinen Zügeln, und dann – angeführt vom König, der seinen Befehl vom Jagdmeister erhielt – brausten die Streitwagen los. Mit einem Schlag befanden wir uns mittendrin in einer Schlacht.

Die Jagdhunde und -geparde rasten voraus und auf die wilden Tiere zu, die ihnen entgegenrannten. Jeder, der einen Streitwagen lenkte, hatte einen Speer auf Schulterhöhe gehoben oder, falls er einen Lenker dabeihatte, einen Pfeil in den Bogen gelegt und zielte damit … Doch auf einmal spürten die panischen Herden die Gefahr, die ihnen drohte, und scherten wie eine Wand nach Westen aus. Also teilten sich unsere Streitwagen entsprechend auf, und damit war die Jagd unter der Pracht des Mondes, dessen Licht ermöglichte, alles im Detail zu sehen, in vollem Gange. Ich schaute hinüber und sah, wie der König auf seine Beute fixiert war, wie er seine Pferde antrieb. Auf das Lenken seines Streitwagens verstand er sich erstaunlich gut. Ich folgte ihm, hielt den Abstand zwischen uns so gering wie möglich und sah, dass Simut das Gleiche tat, sodass wir eine Art Wagenburg bildeten. Ich fürchtete, den König könne während der Jagd ein angeblich fehlgeleiteter Pfeil oder Jagdspeer treffen, denn die pfiffen nur so durch die Luft und über unsere Köpfe hinweg, bevor sie vor uns auf den Boden fielen.

Die panischen Herden wirbelten Staubwolken auf, die nicht nur ablenkend wirkten, sondern auch äußerst unangenehm für Augen und Kehle waren, sodass wir mit nach wie vor hoher Geschwindigkeit etwas mehr nach Norden steuerten, um wieder besser sehen zu können. Den langsameren Tieren versagten bereits die Kräfte, vor allem den Straußen. Und ich sah mit an, wie der König zielte und einen ganz besonders großen erwischte. Ein Jagdhund schnappte sich den gefallenen Vogel im Genick und begann, ihn nach hinten zu ziehen, knurrend, denn er kämpfte mit dem gewaltigen Gewicht. Der König strahlte mich begeistert an. Aber weiter vor uns rannten immer noch die größeren Jagdtrophäen. Wir trieben unsere Pferde an, schneller und schneller zu galoppieren. Die Streitwagen ratterten über den holprigen Boden. Ich blickte nach unten auf die Achsen und betete, dass meine nicht brach. Die Zähne klapperten mir im Schädel, meine Knochen wurden durchgerüttelt und durchgeschüttelt. In meinen Ohren war ein konstantes Summen. Am liebsten hätte ich vor lauter Erregung gekreischt wie ein Kind.

Es gelang dem König, einen neuen Pfeil in seinen Bogen einzuspannen, und er hob ihn, um zu zielen. Ich gelangte zu dem Schluss, dass es auch für mich an der Zeit war, endlich aktiv zu werden, und so tat ich es ihm gleich. Vor uns erspähte ich eine geschwind dahinspringende Antilope und erkor sie zu meinem Opfer. Ich riss an den Zügeln und scherte nach rechts aus, zwang das Pferd, noch schneller zu laufen, bis ich die Beute richtig im Blick hatte. Dann ließ ich den Pfeil durch eine plötzliche Lücke zwischen den Leibern der anderen Tiere vom Bogen fliegen. Für den Bruchteil einer Sekunde passierte überhaupt nichts, aber dann sah ich, dass die Antilope plötzlich einen Schritt aussetzte, ihre Beine sich gleichsam verhedderten, und im nächsten Moment stürzte sie zu Boden. Die Herde raste weiter, um das gefallene Tier herum, und viele der Streitwagen setzten ihre Verfolgungsjagd fort.

Jetzt war auf einmal alles still um uns her. Der Pfeil hatte die Flanke des Tieres getroffen, und dickes, dunkles Blut quoll aus dem dampfenden Leib und floss auf die Erde. Die Augen waren weit geöffnet, sahen aber nichts mehr. Fliegen, diese unsterblichen Begleiter des Todes, umschwirrten die Wunde bereits und brummten dabei vor ekelerregender Erregung. Ich empfand sowohl Stolz als auch Mitleid. Gerade noch war dieser Kadaver aus Fleisch und Knochen ein lebendes Wesen voller Anmut und Energie gewesen. Ich bin an die Leiber der Toten gewöhnt, an geschundene, ausgeweidete, aufgeschlitzte Leichen und den süßlichen Verwesungsgestank verrottenden menschlichen Fleisches. Aber dieses Tier, getötet bei einer glorreichen Jagd, schien in eine andere Kategorie zu gehören. Voller Dankbarkeit sprach ich ein Gebet, um der Seele des Tieres meinen Respekt zu erweisen.

Der König fuhr auf seinem Streitwagen auf mich zu, begleitet von Simut, der auf seinem folgte. Sie hielten neben mir, und so standen wir im Mondlicht da, und der heiße Atem unserer Pferde klang wie Trompetenstöße in der kalten Nachtluft der Wüste. Der König gratulierte mir. Simut nahm das Tier in Augenschein und lobte seine Qualität. Der Jagdmeister stieß zu uns, bedachte mich ebenfalls mit einem respektvollen Lob und wies seine Gehilfen an, das Tier zusammen mit all den anderen, die im Zuge der Jagd getötet worden waren, einzusammeln. An Fleisch würde es uns nicht mangeln.

Im Lager hatte man inzwischen Fackeln entzündet, die im Kreis um ein großes Feuer in der Mitte flackerten. Am Rand des Lagers befand sich der Arbeitsplatz des Metzgers. Voller Selbstvertrauen hackte und schnitt er sich mit seinem Beil und seinen Messern durch die weichen und wehrlosen Leiber der toten Tiere, die aufgereiht neben ihm hingen. Die abgehackten Hufe warf er gleichgültig auf einen großen Haufen, die glitschigen Eingeweide hob er in riesigen Bündeln mit den Armen hoch, die besten Teile warf er in einen Kessel. Im Umfeld standen mehrere Bogenschützen Wache, um ihn und das Fleisch vor Hyänen und Wüstenfüchsen zu schützen.

Seine persönliche Trophäe, der Strauß, war dem König präsentiert worden. Er glitt mit den Fingern durch die prächtigen weißen und braunen Federn.

»Ich habe viele Fächer«, meinte er beiläufig. »Und deshalb, Rahotep, werde ich diese hier zu einem speziellen Geschenk für dich verarbeiten lassen, damit du dich immer an diese herrliche Jagd erinnerst.«

Ich verneigte mich. »Es wäre mir eine Ehre.«

Durstig tranken wir Wasser, und dann schenkte man uns aus einem hohen Krug Wein in unsere goldenen Trinkbecher. Das frisch gekochte Fleisch unserer Jagdbeute wurde uns auf hervorragend gehämmerten Goldtellern serviert, die auf die Schilfmatten gestellt wurden. Aus einer Vielzahl von Bronzemessern suchte ich mir eines aus. Der König aß mit Bedacht, sah sich alles, was man ihm auf den goldenen Tellern vorsetzte, erst einmal ganz genau an, bevor er vorsichtig ein wenig davon probierte. Trotz der körperlichen Anstrengung der Jagd aß er nicht mit großem Appetit. Derweil hatte ich das Gefühl, kurz vor dem Hungertod zu stehen, und genoss jeden Bissen dieses köstlichen Fleisches, das so sehr viel intensiver schmeckte und um ein Vielfaches zarter war als alles, was man bei den Metzgern in der Stadt kaufen konnte.

»Mögt Ihr keine Antilope?«, fragte ich ihn.

»Es befremdet mich, das lebende Tier dabei beobachtet zu haben, wie es um sein Leben rannte, und jetzt dieses Stück totes … Fleisch in der Hand zu halten.«

Seine kindliche Aufrichtigkeit brachte mich um Haaresbreite zum Lachen.

»Jeder frisst jeden. Mehr oder weniger …«

»Ich weiß. Ein Hund frisst den anderen. Das ist die Welt der Menschen. Und dennoch finde ich die Vorstellung irgendwie – barbarisch.«

»Als meine Kinder noch jünger waren, jammerten sie immer, wenn wir zu Hause eine Ente oder ein Kaninchen schlachteten, flehten mich an, das Tier am Leben zu lassen. Aber sobald ich die Federn gerupft oder das Fell oder die Haut wie Kleidungsstücke abgezogen hatte, versiegten ihre Tränen, und sie bettelten mich an, ihnen das Herz zu zeigen, und fragten, ob sie die Glückspfote behalten dürften. Und anschließend aßen sie ohne ethische Bedenken den Gulasch und baten um Nachschlag.«

»Kinder sind unsentimental. Vielleicht bringt man ihnen aber auch nur bei, so zu sein, weil wir ihre Ehrlichkeit nicht ertragen können. Oder ihre Grausamkeit.«

»Hat man Euch beigebracht, sentimental zu sein?«

»Ich bin in einem Palast groß geworden, nicht in einem liebevollen Heim. Die Mutter hat man mir genommen, der Vater war unnahbar wie eine Statue. Meine Gefährten waren eine Amme und ein Äffchen. Ist es da erstaunlich, dass ich meine Liebe den Tieren geschenkt habe? Dass die mich liebten, wusste ich zumindest, und ihrer Liebe konnte ich trauen.«

Behutsam fütterte er seinem Äffchen ein wenig von dem Fleisch und wusch sich danach elegant die Finger in einer Schüssel.

Just in diesem Moment wurden wir unterbrochen, und zwar von einem Schatten, der auf die Zeltwand neben dem Eingang fiel. Sofort umklammerte ich mit der Hand den Griff meines Dolches, den ich versteckt in meinem Gewand bei mir trug. Der Schatten kam näher, und das Licht des Feuers draußen ließ ihn überlebensgroß erscheinen. Der König rief, er möge bitte hereinkommen. Es war sein persönlicher Diener. Er brachte ein Tablett mit frisch gebackenem Honigkuchen und eine Schüssel mit Bienenwaben. Vor lauter Begeisterung begannen die Augen des Königs zu funkeln. Der Gehilfe verneigte sich und stellte das Tablett vor uns ab. Der Koch musste beschlossen haben, den König zum Abschluss des nächtlichen Mahls nach der Jagd mit einem besonderen Leckerbissen zu beglücken.

Geschwind griff Tutanchamun mit seinen zarten Fingern nach den Küchlein, während ich – aus reinem Instinkt heraus – nach seinem Handgelenk griff.

»Wie kannst du es wagen, mich anzufassen!«, schrie er auf.

»Verzeiht mir, Majestät. Es lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen …«

»Was?«, schimpfte er gereizt und erhob sich.

»Dass dieser Honig sicher ist. Wir wissen nicht, woher er stammt. Ich würde das Risiko lieber nicht eingehen …«

Im nächsten Moment sprang das Äffchen mit den gewitzt glänzenden Äuglein von seiner Schulter, klaubte sich ein Stück Honigwabe aus der Schüssel und flitzte damit in eine Ecke.

»Schau dir an, was jetzt passiert ist!«, jammerte der König verärgert.

Er näherte sich dem Äffchen und stieß dabei zärtliche Laute aus, aber das Tier misstraute ihm und flitzte an der Zeltwand entlang in die gegenüberliegende Ecke, wo es mit ängstlich blinkenden Äuglein an seinem Schatz zu knabbern begann. Wieder lief der König dem Tierchen nach, und ich näherte mich ihm aus einem anderen Winkel. Doch dieses Geschöpf war einfach zu schnell für uns und flitzte neuerlich davon. Das Tier rannte zwischen meinen Beinen hindurch, schnappte dabei mit seinen scharfen, kleinen Zähnen nach meiner Hand und rannte dieses Mal ans äußerste Ende des Zeltes, wo es sich auf seinen Popo setzte und schnatternd mampfte, bis die gesamte Honigwabe verzehrt war. Wieder lief der König dem Tierchen nach, und da es jetzt nichts mehr zu verlieren hatte, trottete es auf ihn zu, willig und vielleicht sogar in der Hoffnung auf weitere Leckerchen. Doch bereits im nächsten Moment geschah etwas Merkwürdiges. Es sah aus, als würde das Kleine plötzlich über seine eigenen Füßchen fallen, als habe es von einer Sekunde zur anderen verlernt, wie man läuft; und dann rollte es sich zu einem Ball zusammen, drehte, wand und krümmte sich und stieß dabei Schmerzensschreie aus. Der König rief um Hilfe, und im Nu stürzten Simut und die Wachen herbei. Doch kam jegliche Hilfe zu spät. Gnädigerweise starb das Äffchen schnell. Und ich war heilfroh, dass nicht der König am Würgegriff des Gifts gestorben war.

Behutsam hob er das tote Tier vom Boden und presste es fest an seinen Körper. Er drehte sich um und schaute in die Runde.

»Was starrt ihr alle so!«, brüllte er.

Keiner von uns wagte, ein Wort zu sagen. Für einen kurzen Moment fürchtete ich, er würde mir den kleinen Leichnam an den Kopf werfen. Stattdessen drehte er sich um und trug ihn in sein Schlafgemach, um mit ihm allein zu sein.

Draußen stand der Mond tief am schwarzen Horizont. Es war bitterkalt. Die Wachen des Königs begaben sich wieder auf ihre Posten, stampften mit den Füßen auf den Boden, um warm und wach zu bleiben, oder liefen auf und ab und stellten sich hin und wieder neben die Feuerschale, die wie eine kleine Sonne in ihrem schwarzen Käfig loderte. Rote Funken sprühten in die Nacht und verglühten. Um uns ungestört unter vier Augen unterhalten zu können, liefen Simut und ich aus dem Lager heraus. Dort, jenseits des Feuerscheins, erstreckte sich endlos das gewaltige, silbern glänzende Wüstenland. Unter der tiefen Schwärze des Nachthimmels war es schöner als im harschen Licht und in der sengenden Hitze des Tages. Ich schaute auf und hatte den Eindruck, als strahlten die Millionen Sterne in dieser Nacht heller als je zuvor. Das Firmament glitzerte in unsterblicher Perfektion. Derweil hatten wir hier auf Erden mal wieder Probleme.

»Es scheint, als sei er nirgendwo sicher«, sagte Simut nach einiger Zeit. »Es ist, als könne ihm nichts, was wir tun, Sicherheit geben.«

Wir hatten den Gehilfen und den Koch befragt, die hastig erklärt hatten, Tutanchamun habe persönlich darum gebeten, dass sie Honigkuchen aus dem Honig machten. Beide waren entsetzt darüber, mit ihrem Tun zu den Geschehnissen beigetragen zu haben – und erst recht über die Unterstellung, Komplizen gewesen zu sein.

»Der König liebt süße Speisen«, sagte der Koch und rang dabei seine riesigen, schweißnassen Hände. »Er verlangt immer, dass zum Abschluss eines Mahls etwas Süßes serviert wird.«

»Ich war nicht einverstanden mit seiner Entscheidung«, fügte der Gehilfe hochnäsig hinzu, »aber den Wünschen des Königs muss bedingungslos entsprochen werden.« Nervös beobachtete er den Koch.

Ich wusste, dass sie die Wahrheit sagten, denn ich hatte es mit eigenen Augen gesehen, und es gab keinen Zweifel daran, dass derjenige, der den Honig geschickt hatte, ebenfalls wusste, wie gern der König Süßes aß.

»Wenn wir diese Honigsammler zu fassen kriegen, können wir sie direkt dazu befragen«, sagte ich. »Die werden schnell gestehen, wer sie angewiesen hat, den Honig zu bringen.« Aber Simut schüttelte den Kopf.

»Ich habe den Jagdmeister bereits danach gefragt. Er hat mir versichert, dass es zwecklos wäre, sie in der Dunkelheit aufspüren zu wollen. Und bei Morgengrauen werden sie, wie er sagt, verschwunden sein, wenn sie nicht gefunden werden wollen, denn sie kennen sich in der Wüste aus.«

Wir ließen uns die Möglichkeiten, die uns noch offenstanden, durch den Kopf gehen.

»Der König lebt noch, und das ist das Allerwichtigste.«

»Richtig. Aber wer verfügt über so viel Einfluss, dass man sogar hier draußen« – er deutete mit den Händen auf die nächtliche Wüste und das gewaltige Firmament mit den unzähligen Sternen – »versucht, ihn zu vergiften?«

»Ich glaube, da kommen nur zwei Personen in Frage«, erwiderte ich.

Er sah mich an und nickte. Wir verstanden einander.

»Und ich weiß, welchen ich für den wahrscheinlicheren Kandidaten halte«, sagte er leise.

»Haremhab?«

Er nickte. »Wir befinden uns in seinem Revier, und es dürfte ein Leichtes für ihn gewesen sein mitzuverfolgen, wie wir vorankommen. Auch käme es ihm gerade recht, wenn der König nicht zu Hause stürbe, sondern weit weg von seinem Hof. Und das Chaos, das folgen würde, wäre perfekt für seinen Machtkampf mit Eje.«

»Das ist alles wahr, obwohl man einwenden könnte, dass er der Erste ist, den man in diesem Fall verdächtigen würde, und genau deshalb ist er als der Schuldige vielleicht nicht so – naheliegend.«

Simut knurrte.

»Eje hingegen ist clever genug, aus der Ferne etwas zu arrangieren, was Haremhab in Verdacht bringt«, sprach ich weiter.

»In jedem Fall würden beide vom Tod des Königs profitieren.«

»Und in jedem Fall sind beides Männer, die über immensen Einfluss und Macht verfügen. Eje hat keine Kontrolle über die Armee, aber trotzdem braucht er sie. Haremhab hat keine Kontrolle über die Ministerien, aber trotzdem braucht er sie. Und beide wollen die Kontrolle über das Königshaus haben. Langsam glaube ich, dass der König nichts weiter für sie ist als ein Hindernis, das in ihrer eigenen großen Schlacht zwischen ihnen steht«, sagte ich.

Er nickte.

»Was sollen wir deines Erachtens tun?«, fragte er mich.

»Ich bin der Ansicht, dass wir hierbleiben sollten. Am wichtigsten ist, einen Löwen zu töten. Das wird den König trösten und ihm wieder neues Selbstvertrauen geben.«

»Da pflichte ich dir bei. Unter irgendeinem Vorwand zurückzukehren wäre ein Zeichen des Scheiterns. Er hat die Ziele sehr hoch gesteckt. Wir dürfen nicht versagen.«

Wir liefen zurück zur Feuerstelle, um uns zu wärmen.

»Ich werde heute Nacht zusammen mit den Soldaten Wache halten«, bot Simut an.

»Und ich werde fragen, ob der König irgendetwas braucht, und, falls es sein Wunsch ist, in seinem Zelt schlafen.«

Und so trennten wir uns.

30


Tutanchamun saß auf seinem Reisethron, starrte ins Leere und hielt das tote Äffchen wie ein Baby auf seinem Schoß. Ich neigte den Kopf und wartete darauf, dass er etwas sagte.

»Du hast mir das Leben gerettet«, sprach er irgendwann mit tonloser Stimme.

Ich schwieg.

»Dafür wirst du belohnt werden«, fuhr er fort. »Schau auf.«

Ich tat es und sah zu meiner Erleichterung, dass sich innerlich etwas Bedeutsames bei ihm getan hatte.

»Ich muss gestehen, dass all das, was in den letzten Wochen passiert ist, mein Herz mit großer Furcht erfüllt hat. Manchmal fürchtete ich mich davor, am Leben zu sein. Und so wurde die Furcht zu meinem Gebieter. Der König der Beiden Länder darf sich aber nicht fürchten. Es ist an der Zeit, dass ich meine Furcht besiege und aufhöre, ihr Macht über mich zu geben. Was soll sonst aus mir werden? Leichte Beute für jeden Schatten?«

»Furcht ist menschlich, Majestät«, erwiderte ich vorsichtig. »Es ist aber weise zu lernen, wie sie einen täuschen und beherrschen kann, um sie bekämpfen und besiegen zu können.«

»Das stimmt. Und indem ich das lerne, lerne ich zugleich, wie jene mich täuschen wollen, die sich meiner Furcht bedienen, die Bildnisse des Todes benutzen, um mich in Angst und Schrecken zu versetzen. Aber wenn ich dem Tod keine Macht gebe, hat auch die Furcht keine Macht. Ist das nicht wahr, Rahotep?«

»Es ist wahr, Majestät. Nur fürchten alle den Tod. Das ist eine vernünftige Furcht.«

»Und trotzdem kann ich mir nicht erlauben, weiterhin in Furcht vor ihm zu leben.«

Er blickte nieder auf das tote Äffchen und streichelte zärtlich sein Fell.

»Der Tod ist nur ein Traum, aus dem wir an einem prachtvolleren Ort erwachen.«

Da war ich anderer Ansicht, und deshalb sagte ich nichts dazu.

»Ich kenne dich inzwischen gut genug, Rahotep. Ich sehe, wenn du nicht sagst, was du denkst.«

»Der Tod ist ein Thema, das zu diskutieren mir widerstrebt.«

»Und dennoch ist der Tod dein täglich Brot.«

»Vielleicht, Majestät. Aber ich empfinde keine Liebe für den Tod.«

»Da du ihn schon so oft gesehen hast, könnte ich mir vorstellen, dass du ihn irgendwie enttäuschend findest«, meinte er und traf es damit auf den Punkt.

»Er ist enttäuschend und zugleich frappierend. Ich schaue auf Leichen, die am Tag zuvor noch gelebt, geredet und gelacht, ihre belanglosen kleinen Schandtaten verübt und sich an ihren Liebesaffären ergötzt haben und von denen jetzt nur noch ein regloser Sack übrig ist, der aus Blut und Eingeweiden besteht. Was ist da passiert? Mein Verstand kann nach wie vor nicht erfassen, wie das wohl sein mag, tot zu sein.«

»Wir sind einander ähnlich«, meinte er lächelnd, »wir denken beide zu viel.«

»In den frühen Morgenstunden ist es immer am schlimmsten. Dann wird mir bewusst, dass ich dem Tod wieder einen Tag näher bin. Ich fürchte mich vor dem Tod derer, die ich liebe. Ich fürchte mich vor meinem eigenen Tod. Ich denke über das Gute nach, das ich nicht getan habe, über die Liebe, die ich nicht zu schätzen wusste, und über die Zeit, die ich verschwendet habe. Und wenn ich mich lange genug in dieser sinnlosen Reue gesuhlt habe, denke ich über die Leere des Todes nach. Darüber, nicht mehr hier zu sein. Nirgendwo mehr zu sein …«

Er schwieg eine Weile, und ich fragte mich, ob ich zu weit gegangen war. Dann klatschte er plötzlich lachend in die Hände.

»Was für eine wunderbare Gesellschaft du doch bist, Rahotep! Dieser Optimismus, diese gute Laune …«

»Ihr habt recht, Majestät. Ich grüble zu viel. Meine Töchter sagen immer, ich solle öfter mal lachen.«

»Das stimmt. Eines besorgt mich nur. Nichts von dem, was du sagst, kündet vom Glauben an die Götter.«

Ich ließ mir etwas Zeit mit meiner Antwort, denn der Boden, auf dem sich unsere Unterhaltung bewegte, fühlte sich plötzlich so dünn an wie Papyrus.

»Ich kämpfe mit meinem Glauben. Und es fällt mir schwer zu glauben. Vielleicht lebe ich darüber meine Ängste aus. Der Glaube sagt uns, dass unsere Seele unsterblich ist. Doch so sehr ich mich auch bemühe, ich muss feststellen, dass ich das immer noch nicht glauben kann.«

»Das Leben an sich ist heilig, Rahotep. Der Rest ist ein Mysterium.«

»In der Tat, Majestät. Und manchmal, wenn ich in den frühen Morgenstunden da liege und im Hirn meine nichtigen Gedanken wälze, schleicht das Licht sich heran, und der Tag bricht an, und die Kinder wachen auf, und die Straße vor dem Haus füllt sich mit Menschen und buntem Treiben, wie das auf jeder Straße geschieht, in der ganzen Stadt und in jeder Stadt im Land. Und dann erinnere ich mich, dass es Arbeit gibt, die getan werden muss. Und stehe auf.«

Einen Moment lang sagte er nichts.

»Du hast recht«, meinte er dann. »Die Pflicht ist das Einzige, was zählt. Große Werke müssen zur Vollendung geführt werden. All das, was in letzter Zeit passiert ist, hat mich nur noch weiter in meiner Entschlossenheit bestärkt, mein Amt als König im Sinne meiner großen Vorfahren zu erfüllen. Die Herrschaft der Finsternis muss ein Ende haben. Es ist an der Zeit, im Namen der großen Könige meiner Dynastie Licht und Hoffnung in die Beiden Länder zu bringen.«

Angesichts dieser heldenhaften Worte verneigte ich mich erneut. Und gestattete mir, darüber nachzudenken, wie die Welt wohl werden würde, wenn das Licht die Schatten am Ende tatsächlich besiegen könnte.

Er füllte zwei Kelche mit Wein, reichte mir einen davon und bot mir einen Stuhl an, damit ich mich zu ihm setzte.

»Ich weiß, wer einen Grund hat, meinen Tod zu wollen. Haremhab ist machtgierig. Für ihn bin ich lediglich ein Hindernis auf dem Weg zu seiner eigenen Dynastie. Und Eje wird sich der neuen Ordnung widersetzen, weil sie ihm seine Macht nimmt. Aber mit ihm werden Anchesenamun und ich schon fertig.«

»Die Königin ist eine großartige Hilfe.«

»Sie hat einen analytischen Verstand und einen Sinn für Strategie, während ich mich darauf verstehe, unsere Strategien wirkungsvoll in Szene zu setzen. Das ist eine glückliche Fügung. Wir waren von Kindheit an aufeinander angewiesen, zuerst aus reiner Not heraus, aber das verwandelte sich rasch in gegenseitige Bewunderung.«

Er stockte.

»Erzähl mir von deiner Familie, Rahotep.«

»Dank der Gnade meiner Frau habe ich drei prächtige Töchter und einen kleinen Sohn.«

Er nickte.

»Da hast du in der Tat großes Glück. Anchesenamun und mir ist das noch nicht gelungen, und für unsere Nachfolge ist es zwingend erforderlich, dass wir Kinder großziehen. Zweimal haben wir schon versagt, weil die Babys tot zur Welt kamen. Mädchen, sagte man mir. Ihrer beider Tod hatte gravierende Folgen für uns. Meine Gemahlin fühlte sich dadurch … verflucht.«

»Aber Ihr seid beide noch jung. Ihr habt Zeit.«

»Das stimmt – Zeit haben wir. Die Zeit ist auf unserer Seite.«

Eine Weile sprachen wir beide nicht. Auf den Zeltwänden tanzte das schwache Licht der Feuerschale. Ich wurde plötzlich müde.

»Ich werde heute Nacht draußen vor Eurem Zelt schlafen«, sagte ich.

Er schüttelte den Kopf.

»Das ist nicht nötig. Ich werde mich nicht länger vor der Dunkelheit fürchten. Und morgen werden wir wieder jagen, und vielleicht ist das Glück uns hold und beschert uns das, wonach wir suchen: einen Löwen.«

Ich stand auf und verneigte mich. Rückwärts bewegte ich mich Richtung Ausgang und wollte das Zelt gerade verlassen, als er unerwartet noch einmal das Wort an mich richtete.

»Rahotep. Ich möchte, dass du, sobald wir wieder in Theben sind, mein persönlicher Leibwächter wirst.«

Für einen Moment war ich stumm vor Erstaunen.

»Das ehrt mich, Majestät«, sagte ich dann. »Aber diese Stellung hat doch Simut inne.«

»Ich möchte jemanden einstellen, der sich ausschließlich auf meine Sicherheit konzentriert. Dir kann ich vertrauen, Rahotep; davon bin ich überzeugt. Meine Gemahlin und ich brauchen dich.«

Ich muss einen sehr verdutzten Eindruck gemacht haben, denn er sprach weiter.

»Du wirst für deine Arbeit großzügig entlohnt werden. Ich bin überzeugt, dass das deiner Familie zum Nutzen gereichen wird. Und du würdest nicht mehr über deine berufliche Zukunft bei der städtischen Medjai nachdenken müssen.«

»Das ist zu viel der Ehre. Könnten wir das Ganze noch einmal besprechen, wenn wir wieder in Theben sind?«

»Ja. Aber erteile mir keine Absage.«

»Leben, Wohlstand und Gesundheit, Majestät.«

Er nickte, und ich verneigte mich. Aber bevor ich endgültig das Zelt verließ, rief er mir nach:

»Ich unterhalte mich gern mit dir, Rahotep. So gern unterhalte ich mich mit keinem anderen Mann.«

Draußen blickte ich empor zum Mond und dachte darüber nach, wie seltsam das Schicksal doch war, wie viele grundverschiedene Dinge mich an diesen Ort geführt hatten, in diese Wildnis, zu diesem Augenblick. Und mir fiel auf, dass ich – trotz allem – lächelte. Nicht nur über meine absonderlichen Audienzen beim mächtigsten Mann der Welt, der irgendwie immer noch ein Kind war, auch über die Unvorhersehbarkeit des Geschicks, oder des Glücks, das mir jetzt etwas in Aussicht gestellt hatte, wovon es bisher den Anschein gehabt hatte, dass es mir immer versagt bleiben würde: eine Beförderung. Und ich ergab mich einem seltenen und deshalb umso köstlicheren Gefühl: Triumph! Triumph über diesen trampeligen Paragrafenreiter Nebamun. Ich würde es genießen, mir anzusehen, wie er vor Wut zu kochen begann, wenn ich ihm mitteilte, dass ich von nun an nicht mehr auf ihn angewiesen war.

31


Einer der Fährtenleser kehrte an jenem Abend mit Neuigkeiten zurück. Er hatte die Spuren eines Löwen entdeckt. Allerdings ziemlich weit entfernt, sehr viel tiefer im Roten Land. Wir trafen uns alle in Simuts Zelt.

»Er ist ein Nomade«, sagte der Fährtenleser.

»Was heißt das?«, fragte Simut.

»Er gehört keinem Rudel an. Die jungen Männchen leben allein in der Wüste, bevor sie sich wieder ein Rudel suchen, bei dem sie bleiben können, um Jungtiere zu zeugen. Während die Weibchen stets gemeinsam jagen und immer bei der Gruppe bleiben, in der sie geboren wurden. Also müssen wir ihm in sein Revier folgen.«

Wir einigten uns, das Lager abzubauen und alles an die Stelle zu schaffen, an der die Fährte gefunden worden war. War das Lager dort neu aufgebaut, konnten wir den Löwen in Ruhe aufspüren und den richtigen Moment abpassen, um ihn zu jagen. Vorräte an Lebensmitteln und Wasser hatten wir genug, sie reichten noch für mindestens eine Woche. Und falls der Löwe sich noch tiefer in die Wüste verzog, konnten wir erneut weiterziehen und uns notfalls in den entlegenen Oasen Nachschub an Lebensmitteln und Wasser besorgen.

Ich sah dabei zu, wie unsere temporäre Zeltstadt wieder abgebaut wurde. Die goldenen Möbel, die Küchengeräte und die in Käfigen gehaltenen Tiere wurden auf Karren geladen. Die Ziegen wurden aneinandergebunden. Die Gabeln, Messer und riesigen Kessel des Kochs wurden auf die Esel verfrachtet. Und schließlich wurde das Zelt des Königs demontiert, die Mittelstange herausgezogen, die goldene Kugel heruntergenommen, die langen Stoffbahnen zusammengefaltet und weggepackt. Mit einem Schlag sah es aus, als seien wir niemals hier gewesen – so flüchtig war der Eindruck, den wir in der gewaltigen Weite der Wüste hinterlassen hatten. Das Einzige, was noch an uns erinnerte, waren das wilde Durcheinander unserer Fußspuren auf dem Boden und der Ring aus schwarzer Asche, der die Stelle unserer Feuerschale markierte und den die sachte Nordbrise bereits verwehte. Ich stampfte mit den Füßen auf das noch glühende Holz und musste dabei an den schwarzen Kreis im Innendeckel der kleinen Kiste im Palast der Schatten denken. Zeichen hatte es viele gegeben, aber dieses hatte mich von Anfang an am meisten beschäftigt. Ich wusste immer noch nicht, was es bedeutete.

Die Sonne hatte ihren Zenit bereits überschritten, als wir aufbrachen, um tiefer ins Rote Land vorzudringen. Die Luft flirrte über der trostlosen und unfruchtbaren Landschaft. Wir kamen nur langsam voran, liefen durch ein breites, leeres, flaches Bett aus Schiefer und Schotter, durch das vielleicht irgendwann in alter Zeit ein großer Fluss geströmt war – denn es ist bekannt, dass der Wind die Sanddünen von einer Stelle an die andere bläst, sodass gelegentlich die Knochen seltsamer Meereskreaturen gefunden werden. Nur hier sah es aus, als sei irgendeine Katastrophe passiert – verursacht von der Zeit und den Göttern –, die alles in dieser Welt in dieses graue und rote Felsgestein und in diesen Staub verwandelt hatte, die vom Ofen der Sonne gebacken wurden. Die großen Sandmeere, von denen jene erzählten, die sie bereist hatten, mussten sehr viel weiter im Westen liegen.

Ich fuhr neben Simut.

»Vielleicht ist das Glück uns endlich hold«, sagte er leise – denn die stille Luft trug jeden einzelnen Laut weiter.

»Wir brauchen jetzt nur noch den Löwen aufzuspüren.«

»Und dann müssen wir alles tun, um dem König zu seinem Triumph zu verhelfen«, antwortete er.

»Er ist wild entschlossen, das Tier selbst zu töten. Allerdings ist es eine Sache, einen Strauß inmitten einer Herde panischer Tiere zu erlegen, und eine ganz andere, es mit einem Wüstenlöwen aufzunehmen und ihn zu töten«, sagte ich.

»Ganz meine Meinung. Wir werden unsere besten Jäger um ihn herum gruppieren müssen. Wenn die den Löwen vorab kampfunfähig machen, wird der König sich vielleicht damit zufriedengeben, ihm den Todesstoß zu versetzen. Dann hätte er das Tier immer noch selbst getötet.«

»Ich hoffe es.«

Eine Weile fuhren wir weiter, ohne etwas zu sagen.

»Vom Tod seines Äffchens scheint er sich gut erholt zu haben.«

»Wenn das überhaupt etwas bewirkt hat, dann hat es ihn nur noch in seiner Entschlossenheit bestärkt.«

»Ich habe dieses mickrige Tierchen nie leiden können. Ich hätte dem schon vor langer Zeit den Hals umgedreht …«

Wir lachten leise.

»Es tut mir leid, dass das Kleine leiden musste, aber am Ende war es doch noch zu was nutze.«

»Aufgrund seiner Gier fand der Vorkoster ein tragisches Ende«, erwiderte Simut mit einem sarkastischen Grinsen, was er sich nur selten erlaubte. »Wie ein Fabelwesen. Das ist die Moral von der Geschicht.«

Nachdem wir uns stundenlang durch den von den Göttern verlassenen Ozean aus grauem Kies und Staub gequält hatten, gelangten wir endlich in eine andere, seltsame und wilde Landschaft, in der die Kunstfertigkeit des Windes das blasse Felsgestein in fantastische Formen verwandelt hatte, die jetzt von der Pracht des Sonnenuntergangs in Gelb- und Rottöne getaucht wurden. Das Feuer war schnell entfacht, die Zelte waren rasch wieder aufgebaut, und bald wehten köstliche Essensdüfte durch die klare Luft.

Der König trat in den Eingang zu seinem Zelt.

»Komm, Rahotep, lass uns ein paar Schritte gehen, bevor es dunkel wird.«

Und so spazierten wir an den bizarr geformten Felsen entlang und genossen es, dass die Luft allmählich kühler wurde.

»Das ist eine andere Welt«, sagte er. »Wie viele dieser Welten, die vielleicht noch sonderbarer sind, liegen da noch im Roten Land verborgen?«

»Vielleicht ist die Welt viel größer, als wir glauben, Majestät. Vielleicht ist das Rote Land nicht das einzige Land der Lebenden. Es gibt Geschichten über Länder, die aus Schnee sind, und über Länder, in denen immer alles grün ist«, erwiderte ich.

»Ich möchte der König sein, der fremde Länder und neue Völker entdeckt und ihnen neue Wege weist. Ich träume davon, dass der Ruhm unseres Reiches dereinst in unbekannten Welten und in der fernen Zukunft weiterlebt. Wer weiß, aber vielleicht überdauert ja das, was wir heute in unserer Welt tun, sogar die Zeiten! Warum nicht? Wir sind ein großartiges Volk, das Gold und Macht besitzt. Unser Bestes ist wunderschön und wahrhaftig. Rahotep, ich bin froh, dass wir hergekommen sind. Ich habe mit dem Befehl die richtige Entscheidung getroffen. Weg vom Palast, weg von diesen Mauern und Schatten. Ich fühle mich wieder lebendig. Ich habe mich so lange nicht mehr lebendig gefühlt. Das ist gut. Und das Glück wird mir jetzt hold sein. Ich kann die Zukunft körperlich spüren, zum Greifen nah, kann spüren, dass sie gut wird, und hören, wie sie mir zuruft, ich soll sie Wirklichkeit werden lassen …«

»Das ist eine großartige Bestimmung, Majestät.«

»Das stimmt. Ich spüre es, tief in meinem Herzen. Das ist mein Schicksal als König. Die Götter warten darauf, dass ich es erfülle.«

Während wir uns unterhalten hatten, waren die strahlenden Sterne am großen Ozean der Nacht aufgegangen, in all ihrer geheimnisvollen Pracht. Wir beide standen unter ihnen und blickten empor.

32


Am nächsten Tag brachen wir bei Sonnenuntergang mit unseren Streitwagen auf, anständig bewaffnet und gut mit Proviant versorgt. Die Fährtenleser hatten das Gelände erkundet und weitere Spuren gefunden. Das Herzstück des Reviers des Löwen schien sich etwas abseits vom Lager auf den niedrigen, schattenspendenden Klippen zu befinden. Die waren zweifellos ein sicherer Hafen vor allem, was an diesem harschen Ort überleben konnte. Um ihn anzulocken, führten wir den Kadaver einer frisch geschlachteten Ziege mit. Nachdem wir unsere Streitwagen in Fächerformation aufgestellt hatten, beobachteten wir aus sicherer Entfernung, wie einer der Fährtenleser mit dem toten Tier durch die graue Landschaft ritt, es dort ablegte und dann zu uns zurückkehrte.

Der Mann bezog neben mir Stellung.

»Er wird sehr hungrig sein, denn Beute gibt es hier draußen nur wenig für ihn, und wir haben ihm ein Festmahl serviert. Ich hoffe, er wird sich damit ködern lassen, bevor es dunkel wird.«

»Und wenn nicht?«

»Müssen wir es morgen wieder versuchen. Es wäre unklug, sich ihm in der Dunkelheit zu nähern.«

Und so warteten wir schweigend, während die Sonne sich immer weiter senkte. Unmerklich wurden die Schatten der Klippen vor uns länger und länger, bis sie, wie eine langsam steigende Flut, den Tierkadaver erreichten, als wollten sie ihn fressen. Der Fährtenleser schüttelte den Kopf.

»Jetzt ist es zu spät«, flüsterte er. »Wir können morgen wiederkommen.«

Aber im gleichen Moment spannte er sich an wie eine Katze.

»Schaut. Da ist er …«

Ich starrte in die immer dunkler werdende Landschaft, sah aber nichts, bis mir schließlich auffiel, dass sich ganz leicht etwas bewegte, Schatten auf Schatten. Keinem war die Reaktion des Fährtenlesers entgangen, und plötzlich ging ein Ruck durch die Reihe der Männer und Pferde. Der Fährtenleser hob die Hand, um zu absoluter Stille zu mahnen. Gespannt warteten wir. Dann bewegte der Schatten sich vorwärts, näherte sich schleichend und verstohlen dem Kadaver. Der Löwe hob den Kopf, um mit den Augen das Gelände abzusuchen, als frage er sich, wo dieses fertige Festmahl wohl hergekommen sein mochte, und dann ließ er sich zufrieden nieder, um zu speisen.

»Was machen wir jetzt?«, flüsterte ich dem Fährtenleser zu.

In aller Ruhe überlegte er sich seine Antwort.

»Es ist zu spät, um ihn jetzt noch zu jagen, denn wir könnten dabei leicht seine Spur verlieren. Das ist hier schwieriges Gelände. Wir wissen aber jetzt, dass er unsere Gaben annimmt, und deshalb können wir morgen wiederkommen und ihn etwas früher mit weiterem Frischfleisch locken. Ein junges Männchen wie dieses hat enormen Appetit, er wird seit Langem nicht mehr gut gefressen haben. Und morgen werden wir gut vorbereitet sein und in Positionen stehen, aus denen wir ihn besser umzingeln können.«

Simut nickte beipflichtend. Doch plötzlich, ohne jede Vorwarnung und ohne Begleiteskorte, schoss der Streitwagen des Königs nach vorn und raste über den unebenen Boden, schneller und schneller. Damit hatte keiner von uns gerechnet. Ich sah, wie der Löwe den Kopf hob, als fühle er sich von dem Lärm in der Ferne gestört. Simut und ich trieben unsere Pferde an und preschten dem König hinterher. Wieder schaute ich zum Löwen, und ich sah, dass er den Kadaver jetzt wegschleppte, um sich damit hinter den Klippen zu verstecken, wo wir ihn niemals finden würden. Ich näherte mich dem Streitwagen des Königs und brüllte ihm zu, er solle anhalten. Er drehte sich zu mir, bedeutete mir jedoch mit einer Geste, er könne oder wolle mich nicht hören. Sein Gesicht strahlte vor Erregung. Wild schüttelte ich den Kopf, aber er grinste nur wie ein Schuljunge und wandte sich ab. Die Räder der Streitwagen schepperten bedrohlich, und die Achsen stießen hämmernde Klagelaute aus, so sehr hatte die Holzkonstruktion mit dem holprigen Terrain zu kämpfen. Ich schaute auf, und für einen kurzen Moment sah ich den Löwen. Er stand einfach nur da und starrte. Derweil hatte der König noch eine ganze Strecke zurückzulegen, und das wilde Tier wirkte nicht sonderlich beunruhigt.

Der König raste weiter, und ich sah, dass er Mühe hatte, die Kontrolle über seinen Streitwagen zu behalten und gleichzeitig einen Pfeil in seinen Bogen einzulegen. Jetzt drehte der Löwe sich um und begann zu rennen. Seine Schritte waren so lang und schwungvoll, dass es aussah, als würde er fliegen, in völlig durchgestreckter Körperhaltung, mit unglaublicher Geschwindigkeit, geradewegs auf die Sicherheit der dunklen Klippen zu. Ich peitschte mein Pferd voran und schloss dichter zum König auf. Ich war überzeugt, ihm würde einleuchten, dass keine Chance bestand, den Löwen unter diesen Bedingungen zu jagen. Aber da schoss sein Streitwagen mit einem Mal in die Luft, als sei er gegen einen Felsen geprallt, und knallte dann wieder auf die Erde zurück. Dabei zerbrach das linke Rad, löste sich, und die Speichen und Felgen barsten und flogen davon, und das Gefährt fiel auf die linke Seite. In wildem Tempo wurde es von den panischen Pferden über den unebenen Boden geschleift. Ich sah, wie der König sich entsetzt an der Seite des Streitwagens festklammerte. Doch schon im nächsten Moment flog sein Körper wie eine Stoffpuppe in die Luft und schlug mit voller Wucht auf dem Boden auf, drehte und drehte sich, immer und immer wieder, bis er regungslos in der Dunkelheit liegen blieb.

Ich riss an meinen Zügeln, und mein Streitwagen kam schlingernd zum Stehen. Ich rannte zum König. Er bewegte sich nicht. Ich sank neben ihm auf die Knie. Tutanchamun, das Lebende Abbild des Amun, gab Laute von sich, die zwar Worte zu formen versuchten, es aber nicht schafften. Er schien mich nicht zu erkennen. Da war Blut. Dunkel und glänzend bildete es im Staub der Wüste eine Pfütze.

Sein linker Oberschenkel stand in einem übelkeiterregenden Winkel über dem linken Knie. Vorsichtig schälte ich den blutdurchtränkten Stoff seines Gewandes von der Haut. Stücke zersplitterten Knochens stachen durch das zerfetzte Fleisch und die Haut. Die Wunde war grauenvoll tief und voller Kies und Dreck. Er stieß ein entsetzliches Stöhnen aus, das von akuten Schmerzen kündete. Ich goss Wasser aus meiner Feldflasche über die Wunde und wusch das dunkle, dicke Blut damit herunter. Ich hatte Angst, er würde sterben, hier und jetzt, mitten in der Wüste, unter dem Mond und den Sternen, während meine Hände seinen Kopf hielten wie ein Kelch aus Albträumen.

Simut stieß zu uns und warf nur einen Blick auf die katastrophale Wunde.

»Ich werde Pentu holen«, brüllte er mir zu. »Beweg ihn nicht.« Dann ritt er schon wieder davon.

Der Fährtenleser und ich blieben beim König. Vor Schock hatte dieser angefangen, auf das Heftigste zu zittern. Ich riss das Leopardenfell vom Boden seines Streitwagens und deckte ihn so vorsichtig wie möglich damit zu.

Er versuchte, etwas zu sagen. Ich senkte den Kopf, um seine Worte verstehen zu können.

»Es tut mir leid«, wiederholte er immer und immer wieder.

»Es ist nur eine Fleischwunde«, erwiderte ich, um ihn zu beruhigen. »Der Arzt ist schon auf dem Weg. Ihr werdet wieder ganz gesund.«

Wie aus weiter Ferne sah er mich an, gefangen in seiner Agonie, und da wusste ich: Er wusste, dass ich log.

Pentu kam und untersuchte zunächst den Kopf des Königs. Die Schwellungen auf der einen Seite des Gesichts rührten von Blutergüssen und langen Kratzern, doch blutete er weder aus der Nase noch aus den Ohren, sodass Pentu zu dem Schluss gelangte, dass der Schädel nicht gebrochen war. Das war zumindest schon mal etwas. Als Nächstes untersuchte er im Lichtschein unserer Fackeln die Wunde und den gebrochenen Knochen. Er blickte auf, sah Simut und mich an und schüttelte den Kopf. Nicht gut. Wir stellten uns etwas abseits, damit der König uns nicht hören konnte.

»Wir haben Glück, dass die Beinarterie nicht durchtrennt wurde«, erklärte er uns. »Er verliert aber trotzdem sehr viel Blut. Wir müssen die Fraktur sofort einrichten.«

»Hier draußen?«, fragte ich.

Er nickte.

»Bis das erledigt ist, darf er auf keinen Fall bewegt werden. Ich werde eure Hilfe brauchen. Dieser Knochen ist schwer einzurichten, denn es handelt sich um eine komplizierte Fraktur, und die Muskeln von Bein und Oberschenkel sind kräftig. Da der Knochen gesplittert ist, werden die Bruchstellen nicht richtig aufeinanderpassen. Wir können den König aber erst wieder bewegen, wenn das erledigt ist.«

Er schätzte den Winkel des zertrümmerten Knochens ab. Die Gliedmaßen Tutanchamuns sahen aus wie die Körperteile einer geschundenen Puppe. Pentu schob ihm ein zusammengerolltes Stück Stoff zwischen die klappernden Zähne. Dann hielt ich seinen Oberkörper und seinen Oberschenkel fest, Simut die andere Seite seines Körpers, und Pentu drückte mit geübtem Griff auf den Oberschenkelknochen und schob die gebrochenen Enden wieder zusammen. Das Geräusch, das das Einrichten verursachte, klang wie das Aneinanderreiben von Knorpel und erinnerte mich an meine Arbeit in der Küche, daran, wie es sich anhört, wenn ich eine Gazelle entkeule, indem ich den Beinknochen aus dem Hüftgelenk herausdrehe. Das hier war Metzgerarbeit. Im nächsten Moment übergab sich der König und verlor das Bewusstsein.

Im flackernden Licht der Fackeln machte Pentu sich erneut ans Werk. Aus einem Kistchen, das aus Vogelknochen gefertigt war, zog er eine gebogene Kupfernadel, und damit nähte er die hässliche Wunde. Anschließend rieb er Honig und Öl darauf und bandagierte das Ganze fest mit Leinenbinden. Schließlich schiente er das Bein, polsterte die Schiene mit Stoff aus und sicherte sie mit verknoteten Stoffstreifen.

Der König wurde in sein Zelt getragen. Seine Haut war klamm und bleich. Wir versammelten uns um ihn und beratschlagten im Flüsterton, was nun zu tun war.

»Eine üblere Form von Fraktur gibt es nicht«, erklärte Pentu ernst. »Zum einen ist der Knochen nicht nur gebrochen, sondern zersplittert, und zum anderen hat die Fraktur die Haut durchstoßen, sodass das Gewebe jetzt anfällig für Infektionen ist. Er hat sehr viel Blut verloren. Der Bruch ist aber zumindest wieder eingerichtet. Lasst uns zu Re beten, dass das Fieber vergeht und die Wunden gut heilen.«

Uns alle hatten Angstgefühle befallen.

»Er schläft jetzt, und das ist gut. Seine Seele wird die Götter des Totenreiches um mehr Zeit und mehr Leben bitten. Lasst uns beten, dass sie sich überreden lassen.«

»Was sollen wir nun tun?«, fragte ich.

»Aus medizinischer Sicht wäre es am vernünftigsten, ihn schnellstens nach Memphis zurückzutransportieren«, sagte Pentu. »Dort kann ich ihn zumindest fachgerecht behandeln.«

»Aber in Memphis«, fiel Simut ihm ins Wort, »wäre er von seinen Feinden umgeben. Es ist davon auszugehen, dass Haremhab immer noch dort ist. Ich bin der Meinung, dass wir ihn heimlich, still und leise nach Theben zurückbringen müssen, und das so schnell wie möglich. Und dieser Unfall muss geheim gehalten werden, bis mit Eje abgestimmt wurde, welche offizielle Version der Ereignisse an die Öffentlichkeit gelangen soll. Falls es dem König bestimmt ist zu sterben – mögen ihm Leben, Wohlstand und Gesundheit beschieden sein –, so muss das in Theben geschehen, im Kreise seiner Anhänger und in der Nähe seines Grabmals. Und wir müssen die Kontrolle behalten, wie sein Tod interpretiert wird. Und wenn er überlebt, kann er zu Hause natürlich am besten gepflegt werden.«

Wir bauten das Lager noch in der gleichen Nacht ab und begaben uns auf unsere traurige Reise. Unter den Sternen machten wir uns durch die Wüste auf den Rückweg zum Schiff, das in weiter Ferne auf dem Großen Fluss ankerte, der uns alle wieder nach Hause in die Stadt bringen würde. Ich versuchte, nicht über die Konsequenzen nachzudenken, die es für uns alle und für die Zukunft der Beiden Länder haben würde, wenn der König starb.

33


Ich hielt Wache am Krankenlager von Tutanchamun, der sich von Fieber und Schmerzen gepeinigt durch die Tage und Nächte unserer Heimfahrt nach Theben quälte. Sein Herz schien zu rasen, schwach und flatternd, wie ein winziger Vogel, der in seiner Brust gefangen war. Pentu behandelte ihn mit Abführmitteln, um zu verhindern, dass sich in den Därmen Fäulnis bildete, die sich in der Folge aufs Herz ausweitete. Und er kämpfte mit der Beinwunde, nahm die hölzernen Schienen regelmäßig ab, um die Stoffpolsterung zu erneuern und dem zertrümmerten Knochen zumindest den Hauch einer Chance zu geben, wieder zusammenzuwachsen.

Er hatte sich sehr bemüht, die Wunde sauber zu halten, hatte zu Anfang frisches Fleisch daraufgelegt und später Umschläge aus Honig, Fett und Öl. Doch jedes Mal, wenn er die Verbände wechselte, um weiteres Zedernharzöl aufzutragen, sah ich, dass die Wundränder nach wie vor auseinanderklafften, und inzwischen kroch unter der Haut in sämtliche Richtungen ein tiefschwarzer Schatten durch das Gewebe. Der Geruch des verwesenden Fleisches war ekelerregend. Pentu versuchte es mit allem, sogar mit einem Sud aus Zwiebeln, Essig, Weidenrinde, Gerstenmehl und der Asche einer Pflanze, deren Namen er nicht verraten wollte, und mit einer weißen Salbe, die aus Mineralen hergestellt wurde, die in den Wüstenminen der Oasenstädte geschürft wurden. Nichts funktionierte.

***

Am zweiten Morgen unserer Reise erlaubte mir Pentu, mit dem König zu sprechen. Nach einer langen, schmerzhaften Nacht schien ihn das helle Tageslicht, das in sein Schlafgemach fiel, zu beruhigen und aufzuheitern. Man hatte ihn gerade erst gewaschen und ihm ein frisches Leinengewand angezogen. Trotzdem war er schon wieder schweißgebadet, und seine Augen hatten keinerlei Glanz.

»Leben, Wohlstand und Gesundheit«, sagte ich, nur sehr leise, da ich mir der grimmen Ironie, die unter den gegebenen Umständen in dieser Höflichkeitsfloskel lag, bewusst war.

»Kein Wohlstand, weder Schätze noch Gold, kann dir das Leben und die Gesundheit wiedergeben«, hauchte er.

»Der Arzt ist zuversichtlich, dass Ihr wieder ganz gesund werdet«, erwiderte ich und versuchte, nur ja meinen aufmunternden Gesichtsausdruck beizubehalten.

Er starrte mich an wie ein verwundetes Tier. Er wusste es besser.

»Letzte Nacht hatte ich einen seltsamen Traum«, sagte er, dann rang er nach Luft. Es dauerte eine Weile, bis er ausreichend Kraft geschöpft hatte, um weitersprechen zu können. »Ich war Horus, Sohn des Osiris. Ich war der Falke, der hoch am Himmel schwebt und sich den Göttern nähert.«

Ich wischte ihm die Schweißperlen von der heißen Stirn.

»Ich flog mitten unter den Göttern.« Und mit ernstem Blick sah er mir in die Augen.

»Und was ist dann geschehen?«, fragte ich.

»Etwas Schlimmes. Ich fiel langsam zur Erde, tiefer und tiefer … Dann öffnete ich die Augen. Ich schaute auf die vielen Sterne in der Finsternis. Und wusste plötzlich, dass ich sie nie erreichen würde. Und langsam erloschen sie, einer nach dem anderen, schneller und schneller.«

Er umklammerte meine Hand.

»Und plötzlich bekam ich große Angst. Sämtliche Sterne starben. Alles war dunkel. Und dann wachte ich auf … und jetzt fürchte ich mich davor, wieder einzuschlafen.«

Er zitterte. Mit aufrichtigem Blick und großen glänzenden Augen sah er mich an.

»Eure Schmerzen haben diesen Traum geboren. Nehmt ihn Euch nicht zu Herzen.«

»Vielleicht hast du recht. Vielleicht gibt es kein Totenreich. Vielleicht ist da nichts.«

Wieder sah er aus, als habe er panische Angst.

»Ich habe mich geirrt. Das Totenreich existiert. Zweifelt nicht daran.«

Eine Weile sprachen wir beide nicht. Ich wusste, dass er mir nicht glaubte.

»Bring mich bitte nach Hause. Ich möchte nach Hause.«

»Das Schiff kommt gut voran, und der Nordwind weht zu unseren Gunsten. Schon bald werdet Ihr zu Hause sein.«

Er nickte kläglich. Noch geraume Zeit hielt ich seine heiße, klamme Hand, dann drehte er das Gesicht zur Wand.

Pentu und ich gingen nach draußen an Deck. Die Welt der grünen Felder und der Feldarbeiter glitt an uns vorüber, als sei nichts geschehen.

»Wie schätzt Ihr seine Chancen ein?«, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf.

»Normalerweise ist ein derart katastrophaler Knochenbruch nicht zu überleben. Die Wunde ist böse entzündet, und er wird immer schwächer. Ich mache mir große Sorgen.«

»Er scheint starke Schmerzen zu haben.«

»Ich versuche, ihm alles zu verabreichen, was mir zur Verfügung steht, um sie zu lindern.«

»Opium, den Saft des Schlafmohns?«

»Den werde ich ganz bestimmt verschreiben, falls die Schmerzen noch heftiger werden. Nur möchte ich damit warten, bis es unbedingt erforderlich ist …«

»Warum?«, fragte ich.

»Das ist die wirksamste Droge, die wir haben. Nur macht diese Wirksamkeit sie auch so sehr gefährlich. Er hat ein schwaches Herz, und ich möchte es nicht noch weiter schwächen.«

Beide starrten wir eine Weile wortlos auf die vorübergleitende Landschaft.

»Darf ich Euch eine Frage stellen?«, sprach ich ihn irgendwann an.

Er nickte verhalten.

»Ich habe gehört, dass es geheime Bücher gibt, die Bücher des Thot?«

»Das erwähntet Ihr bereits bei anderer Gelegenheit.«

»Gehe ich recht in der Annahme, dass sie medizinisches Wissen enthalten?«

»Und wenn sie das täten?«, entgegnete er.

»Ich würde gern wissen, ob sie Abhandlungen über geheime Substanzen enthalten, von denen man Visionen bekommen kann …«

Pentu sah mich an, als müsse er sich seine Antwort reiflich überlegen.

»Falls es derartige Substanzen gäbe«, meinte er dann, »würden nur Männer davon erfahren, die sich durch außerordentliche Klugheit und Status das Recht verdient haben, in solches Wissen eingeweiht zu werden. Aber warum wollt Ihr das überhaupt wissen?«

»Weil ich neugierig bin.«

»Das ist nicht unbedingt die Art von Erklärung, die einen ermuntert, streng gehütete Geheimnisse preiszugeben«, erwiderte er.

»Trotzdem. Alles, was Ihr mir erzählen könnt, wäre sehr hilfreich.«

Er zögerte.

»Es wird behauptet, dass es da einen Zauberpilz gibt. Er ist nur in den Regionen im Norden zu finden. Angeblich gewährt er Visionen der Götter … Die Wahrheit ist jedoch, dass wir gar nichts Genaues über diesen Pilz wissen. In den Beiden Ländern hat ihn noch nie jemand gesehen und erst recht nicht damit experimentiert, um seine Zauberkraft beweisen oder widerlegen zu können. Warum fragt Ihr danach?«

»Ich habe da so ein Gefühl«, antwortete ich.

Das gefiel ihm ganz und gar nicht.

»Vielleicht braucht Ihr mehr als ein Gefühl, Rahotep. Vielleicht ist es an der Zeit, dass Ihr selbst mal eine Vision habt.«

Im Verlauf der letzten Nacht unserer Reise verschlimmerte sich das Fieber des Königs und hatte er entsetzliche Schmerzen. Der schwarze Schatten der Infektion fraß sich immer weiter in das Gewebe seines Beins. Sein schmales Gesicht bekam einen feuchten und teigigen Teint, und seine glanzlosen Augen, die er zwischendurch immer mal wieder flatternd öffnete, hatten die Farbe von Elfenbein. Sein Mund war wie ausgetrocknet, die Lippen gerissen, die Zunge gelb und weiß verfärbt. Sein Herz schien jetzt langsamer zu schlagen, und er hatte kaum noch die Kraft, den Mund zu öffnen, um Wasser zu trinken. Endlich behandelte Pentu ihn mit dem Saft des Schlafmohns. Der beruhigte den König wunderbar, und plötzlich verstand ich, wie wirkmächtig Opium war und was es so beliebt machte.

Einmal, in den frühen Morgenstunden, öffnete er die Augen. Ich brach mit der Etikette und legte seine Hand in meine. Selbst das Flüstern fiel ihm jetzt schwer, und das Opium benebelte seine Sinne so sehr, dass er Mühe hatte, die einzelnen Worte zu artikulieren. Er schaute auf den Ring, den er mir geschenkt hatte, den Ring mit dem schützenden Auge des Re. Und dann mobilisierte er seine letzten Kräfte und sprach.

»Wenn es mein Schicksal ist, zu sterben und ins Reich der Toten zu ziehen, so habe ich folgende Bitte an dich: Begleite meinen Leichnam so lange, wie du kannst. Begleite mich in meine Gruft.«

Ernst sah er mich mit seinen mandelförmigen Augen an. Der nahende Tod stand ihm nackt und mit seltsamer Intensität in sein eingefallenes Gesicht geschrieben.

»Ihr habt mein Wort«, versprach ich ihm.

»Die Götter erwarten mich. Meine Mutter ist dort. Ich kann sie sehen. Sie ruft nach mir …«

Und dann schaute er ins Leere und sah dort jemanden, der meinem Blick verborgen blieb.

Seine Hand war klein und leicht und heiß. So behutsam wie möglich hielt ich sie zwischen meinen eigenen Händen. Ich schaute auf den Ring mit dem Auge des Re, den er mir geschenkt hatte. Der Ring hatte an ihm versagt, und für mich galt das Gleiche. Ich spürte seinen zarten Pulsschlag, der immer schwächer und immer langsamer wurde, bis er kurz vor Sonnenaufgang einen langen, leisen und letzten Seufzer ausstieß, der weder von Enttäuschung noch von Seligkeit kündete. Und damit flog der Vogel seiner Seele heraus aus Tutanchamun, dem Lebenden Abbild des Amun, und hinein in die Ewigkeit des Totenreiches, und sacht glitt seine Hand aus der meinen.

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