Marc und Caro nicken and?chtig.

»Zum Ablauf: Vor euch hat sich auch ein P?rchen vorgestellt, und nach euch kommt noch eins. Wir haben aber leider nur einen Platz zu vergeben. Seid also bitte nicht entt?uscht, wenn es diesmal nicht klappt. Das h?tte nichts mit euch pers?nlich zu tun, sondern schlicht und ergreifend mit der Tatsache, dass wir auf einen freien Platz momentan mehr als zehn Bewerber haben.«

Unfassbar ! Die Eltern stehen Schlange, um ihre Kinder hierherbringen zu d?rfen ? Und deswegen auch der ganze Zirkus mit dem Tragetuch, das sich Marc sonst niemals freiwillig umbinden w?rde ? Nur, damit er jetzt als total f?rsorglicher, seine Brut ?berall mit sich rumschleppender Menschenvater r?berkommt. Auweia. Die menschliche Kindererziehung wird mir immer r?tselhafter. Wieso legen die meisten Menschen im Restaurant oder Caf? auf eine gewisse Optik Wert, und wenn es um die lieben Kleinen geht, dann steht eine Murkelbude wie diese hoch im Kurs ? Ob Menschen das irgendwie kuschelig finden ?

Marc hat sich Henri mittlerweile abgeknotet und legt ihn ganz vorsichtig auf ein Matratzenlager neben mir. Dann hockt er sich neben Carolin und nimmt ihre Hand. Das soll bestimmt auch sehr f?rsorglich und sympathisch wirken.

»Also, Carolin und ich sind schon Typen, die sich gern einbringen. Ich finde es gut, wenn man mit anpackt.«

Er l?chelt ein sehr anpackendes L?cheln.

Die T?r ?ffnet sich noch einmal, ein Mann und eine Frau kommen rein und setzen sich ebenfalls zu uns auf den Boden. Das m?ssen dann wohl J?rg und Karin sein.

Richtig geraten. Genauso stellen die beiden sich vor. J?rg wiederholt im Grunde genommen das, was D?rte schon erz?hlt hat. Marc l?chelt noch anpackender, Caro spielt nerv?s mit einer Haarstr?hne. Karin erz?hlt, dass sie zw?lf Kinder betreuen, wie so ein Tag bei den Purzelzwergen aussieht und welche Angebote sie den Kindern machen. Dabei ist ziemlich viel von fr?hkindlicher Bildung die Rede, was ich ziemlich gut finde, da unser kleiner Henri doch leider dumm wie Brot ist. Offensichtlich besteht f?r ihn noch Hoffnung, hurra !

»Wir nehmen die Kinder am liebsten, wenn sie genau ein Jahr sind. Dann ist die Eingew?hnung am leichtesten, haben wir festgestellt. Vorher fremdeln sie meist noch, sp?ter w?re die Zeit in unserer Gruppe eigentlich zu kurz – die Kinder verlassen uns ja mit dem dritten Geburtstag. Wie alt ist Henri noch mal genau ?«

»Zehn Monate«, gesteht Carolin. »Aber er ist wahnsinnig weit f?r sein Alter«, beeilt sie sich, eine dicke L?ge hinterherzuschieben.

Karin und D?rte sagen dazu nichts. So etwas kennen sie wahrscheinlich schon.

»Wie k?nntet ihr euch denn einbringen ? Macht ihr irgendetwas, was die Initiative voranbringen k?nnte ?«, will J?rg dann von Marc wissen. »Ein Handwerk vielleicht ? Oder bist du Anwalt oder Steuerberater ?«

»?h, nicht direkt. Ich bin Tierarzt. Also, wenn ihr mal Meerschweinchen f?r die Kinder kauft, kann ich mich drum k?mmern.«

D?rte, Karin und J?rg gucken wenig ?berzeugt. Ich bin es allerdings auch nicht. Ich m?chte mir nicht ausmalen, wie sich ein Meerschwein in einer Horde von zw?lf Henris f?hlen w?rde.

Dann r?uspert sich Caro.

»Nun ja, ich bin Geigenbauerin. Das ist ein bisschen wie M?beltischler. Wenn hier mal etwas gebaut werden muss, dann kriege ich das bestimmt hin. Holz ist meine Leidenschaft.«

Sie l?chelt. Fast ein wenig sch?chtern, s?ss ! Ich w?rde Carolin sofort einen Platz geben, und diesem J?rg kann ich ganz genau ansehen, dass er gerade das Gleiche denkt – M?bel hin oder her.

»Tischlerin – das ist nat?rlich praktisch !« Karin nickt wohlwollend. »Tats?chlich wollen wir demn?chst ein neues Spielpodest mit einer Kletterrampe und einem T?rmchen einbauen. Da k?nnen wir noch Hilfe brauchen.«

»Kein Problem«, versichert Caro.

»Aber wir haben auch ein paar regelm?ssige Dienste, die von Eltern erledigt werden m?ssen«, erkl?rt D?rte weiter. »Zweimal die Woche wird von Eltern geputzt, und ausserdem kochen wir auch zweimal selbst. Von montags bis mittwochs haben wir eine K?chin, die Helene. Sie hat aber nur einen Minijob bei uns, deshalb kochen donnerstags und freitags die Eltern. Ihr w?rt also so alle f?nf, sechs Wochen jeweils einmal mit Putz-und einmal mit Kochdienst dran.«

Grossartig. Wo Marc doch schon einen Nervenzusammenbruch bekommt, wenn unsere Putzfrau mal krank wird. Dann ist das hier bestimmt genau das Richtige f?r ihn. Trotzdem l?sst er sich nichts anmerken, sondern l?chelt unverdrossen weiter.

»Ich finde eine frische, ausgewogene K?che ja total wichtig f?r Kinder«, lehnt sich Caro, die unangefochtene Meisterin im Fischst?bchenbraten, jetzt ganz weit aus dem Fenster.

Nur gut, dass Hedwig nicht da ist. Die w?rde bestimmt einen Lachkrampf bekommen.

Auch D?rte scheint auf derlei Beteuerungen von Eltern nicht mehr viel zu geben, denn sie zieht die Augenbrauen zusammen und sagt in leicht sp?ttischem Tonfall: »Ja, ja, ausgewogen ist wichtig – das bedeutet allerdings nicht Pizza an den geraden und Spaghetti mit Ketchup an den ungeraden Tagen. Daranm?ssen wir unsere Eltern manchmal erinnern.«

Sie l?chelt s?ffisant.

»Nein, nein, nat?rlich nicht«, beeilt sich Caro zu versichern, guckt aber ein wenig ertappt.

»Habt ihr denn so weit noch Fragen ?«, will J?rg wissen.

Caro und Marc sch?tteln den Kopf.

»Okay, das w?re es eigentlich schon. Ich melde mich dann heute Abend, ob es geklappt hat.«

Nach einer kurzen Tour durch das doch ziemlich kleine Reich der Purzelzwerge werden wir wieder nach draussen entlassen. Caro winkt dem Auswahlausschuss noch einmal freundlich durch das Schaufenster zu, Marc tut es ihr gleich. Dann spazieren wir mit dem immer noch schlafenden Henri Richtung Werkstatt.

»Und«, meint Caro, als wir eine Ecke weiter sind, »meinst du, das hat geklappt ?«

Marc zuckt mit den Schultern.

»Weiss nicht, schwer zu sagen. Ich habe jedenfalls mein Bestes gegeben. War ja ganz niedlich da drinnen. K?nnte ich mir schon gut vorstellen.«

»Ja, ich auch. Wobei – Henri ist doch noch so klein. Die L?sung mit der Tagesmutter war mir im Grunde genommen sympathischer.«

Wieder Schulterzucken.

»Tja, das hat eben nicht sollen sein. Wir k?nnten aber immer noch meine Mutter …«

»Marc ! Nicht wieder das Thema !«

»Nein, ich meinte ja nur …«

»Ich weiss, was du meintest. Und ich finde es nicht gut. Lass uns lieber hoffen, dass es mit den Purzelzwergen klappt.«

»Klar. Also, ich zwitschere jetzt mit Henri wieder ab. Was denkst du, wann du wieder zu Hause bist ? Ich wollte noch mal kurz in die Praxis.«

»Nicht vor f?nf. Aber mach dir nichts draus – ich finde, bisher hast du nicht besonders viel von deinem Tierarztdasein geopfert.«

Caro klingt gereizt.

Freunde, nicht streiten ! Sonst m?ssen wir wieder einen Ausflug zu den verr?ckten Schafen machen !

Bei der Werkstatt angekommen, werde ich schon von Herrn Beck erwartet, der am Vorgartenzaun hin-und herl?uft.

»Mann, da seid ihr ja endlich !«

»Waren wir verabredet ?«

Ich kann mich nicht daran erinnern.

Beck ignoriert meinen Einwand.

»Ich muss dir dringend etwas erz?hlen. Ich habe etwas herausgefunden.«

»Dann leg mal los.«

»Nein, nicht hier. Du musst mit nach oben kommen. Dann zeige ich es dir.«

»Ich wollte jetzt eigentlich erst mal in die Werkstatt. Bestimmt bekomme ich gleich etwas zu fressen.«

»Echt, Herkules. Fressen ist nicht alles. Bitte, komm mit hoch !«

Das sagt der Richtige ! Gegen Herrn Beck sah ich selbst in beleibteren Tagen gertenschlank aus. Weil Fressen f?r mich ebennicht alles ist. Aber einen Moment kann mein Napf vielleicht wirklich noch warten. Immerhin habe ich bei den Purzelzwergen ja Teile der Fussbodendekoration verspeist.

»Na gut, denn mal los.«

Ohne ein weiteres Wort flitzt Herr Beck Richtung Haust?r. Ich bin nicht mehr angeleint und kann gleich hinterhersausen, Carolin ist offenbar so in Gedanken, dass sie das gar nicht bemerkt. Kurz darauf sitzen wir vor Ninas Wohnungst?r.

»Und jetzt ?«

»Na, ich gehe durch die Katzenklappe in die Wohnung.«

Grossartig. Das bringt mich richtig weiter. Da passe ich bestimmt nur zur H?lfte durch. Bleibt der Rest eben draussen, was macht das schon.

»Hm. Du passt da wahrscheinlich nicht durch, oder ?«

»Korrekt.«

»Bist du ganz sicher ?«

»Todsicher. Auf Schloss Eschersbach hatten wir auch so eine, die war aber ein bisschen gr?sser. Das ging so gerade eben. Aber diese hier – keine Chance.«

»Verstehe ich nicht. Du bist doch schlanker als ich.«

»Ja, aber zum einen bist du wendiger als ein Hund. Und zum anderen habe ich l?ngere Beine. Das macht mich f?r kleine ?ffnungen ein bisschen sperrig. Kurz: Ich glaube nicht, dass das funktioniert.«

»Macht nichts. Wenn ich erst mal drin bin, lotse ich Nina zur T?r. Sie wird dir ?ffnen. Das klappt schon.«

»Ist die denn zu Hause ? Die arbeitet doch normalerweise tags?ber.«

Deswegen ja auch seit Neuestem die Katzenklappe– damit Herr Beck eigenst?ndig nach draussen und spazieren gehen kann. An der Kellert?r unten ist auch noch mal eine, so kommt er auch allein in den Garten. Aber f?r mich ist das nichts. Habe ich schon mal vorsichtig probiert. Hat nicht funktioniert. Daniel musste mich gewissermassen rausschrauben. Auf einen weiteren Versuch lege ich keinen gesteigerten Wert.

»Das ist es ja eben. Nina ist zu Hause. UND heult. UND telefoniert. In einer fremden Sprache. Mit einem fremden Mann. Diesmal habe ich es genau geh?rt. Aber ich habe auch etwas anderes entdeckt. Also, bleib mal sitzen.«

Ich seufze und hocke mich brav vor die T?r. Wieso h?re ich bloss immer auf den doofen Kater ? Kurz darauf kommen Schritte auf der anderen Seite der T?r n?her. Nina. Ihren Gang erkenne ich sofort. Die T?r wird ge?ffnet.

»Tats?chlich. Da sitzt ja noch einer. Na, komm rein, Herkules.«

Nina klingt schwer erk?ltet. Vielleicht hat sie aber auch tats?chlich geweint. Ich blicke mich kurz um und entdecke Herrn Beck an der Schwelle zu Ninas K?che.

»Hey, komm mal her.«

Ah, ein gemeinsames Fresschen ? Keine schlechte Idee. Sofort stehe ich neben Beck und werfe einen erwartungsvollen Blick in die K?che. Allein: Kein Napf zu sehen. Entt?uscht gucke ich Herrn Beck an.

»Und ?«

»Na, da oben ! Auf dem Tresen ! «

Ich schaue nach oben. Dort steht eine Flasche.

»Beck. Da steht eine stinknormale Flasche. Sonst nichts. Mal Butter bei die Fische – was willst du mir sagen ?«

»Pfff, das ist keine stinknormale Flasche. Das ist Champagner.«

»Aha.«

»Champagner. Diese Flaschenform erkenne ich sofort. Ein ganz edler Tropfen. Verstehst du ?«

Offen gestanden nicht. Aber ich bem?he mich, es mir nicht anmerken zu lassen, was nicht schwierig ist, denn Herr Beck redet sowieso einfach weiter.

»Und da steht auch nicht sonst nix, sondern wenn du den Blick mal Richtung Sp?le lenken w?rdest, k?nntest du noch etwas anderes sehen.«

Ich tue, wie mir geheissen. Okay, da stehen noch ein paar Bl?mchen.

»Blumen«, bemerke ich trocken.

Herr Beck gibt daraufhin einen fauchenden Laut von sich.

»Quatsch. Langstielige Rosen sind das. Und zwar ziemlich viele. Verl?sslich kann ich nur bis circa zehn z?hlen – und das sind deutlich mehr. Deutlich !«

»Tut mir leid. Ich weiss immer noch nicht, worauf du hinauswillst.«

»Das ist doch offensichtlich. Rosen ! Champagner ! Irgendein Mann versucht, Nina f?r sich zu gewinnen.«

»Tja, wahrscheinlich Alexander. Will seiner S?ssen eine Freude machen, weil es gerade nicht so l?uft. Wenn Caro irgendwie sauer ist, bringt Marc auch gern mal Blumen mit. Ein ganz alter Trick. Wundere mich sowieso, dass der immer noch funktioniert.«

»Aber das ist es doch gerade. Die sind nicht von Alexander. Die kamen heute fr?h mit einem Boten. Zusammen mit der Flasche Champagner. Und einem Brief. Den hat Nina gelesen. Und dann hat sie geheult. Und dann telefoniert. Mit diesem Typen. Sie war so aufgel?st, dass sie nicht daran gedacht hat, wieder ins Schlafzimmer zu fl?chten. Ich konnte also jedes Wort h?ren.«

»Und «, will ich wissen, »was haben sie besprochen ?«

Langsam werde ich doch neugierig.

»Na, es war doch in dieser anderen Sprache. Die konnte ich nicht verstehen. Aber der Mann klang flehentlich, Nina zwar traurig, aber bestimmt. Dann hat sie aufgelegt, und kurz darauf hat noch dreimal jemand versucht anzurufen. Sie ist aber nicht rangegangen. Das war bestimmt dieser Typ.«

»Hm. Das ist wirklich seltsam. Schade, dass Nina nicht mit dir dar?ber spricht. Oder wenigstens mit Carolin. Dann w?ren wir jetzt schlauer.«

Beck nickt.

»Tja, ich muss das wohl weiter beobachten. Aber irgendwann kriege ich es schon noch raus. Ach so, und dann ist heute noch etwas Bemerkenswertes passiert. Jedenfalls aus deiner Sicht. H?tte ich fast vergessen, dir zu erz?hlen.«

»Echt ? Was denn ? Immer raus damit !«

»Cherie ist unten in der Werkstatt. Daniel hat sie heute Morgen mitgebracht. Jedenfalls hoffe ich, dass sie noch da ist. Sonst h?ttest du sie ziemlich knapp verpasst.«

Cherie ! Mit einem Schlag bekomme ich Herzrasen und Ohrenrauschen.

»Warum hast du das denn nicht gleich gesagt, als ich angekommen bin ?«

Herr Beck macht grosse Augen und schaut unschuldig.

»Na, ich dachte, die Geschichte mit Nina sei dir erst mal wichtiger. Nach der hast du mich doch neulich extra gefragt.«

Jaul ! Dieser bl?de Kater !

ZEHN

Was ist schlimmer als ein schlecht gelaunter Dackel ? Ein sehr schlecht gelaunter Dackel ! Als ich nach unten in die Werkstatt gehetzt gekommen bin, war Cherie bereits mit Daniel verschwunden, und nur ihr s?sser Duft hing noch in der Luft. Jaul !

Und jetzt schleift mich eine ebenfalls schlecht gelaunte Carolin hinter sich her, denn offenbar hat es mit Henri und den Purzelzwergen doch nicht geklappt. Jedenfalls deute ich so den Anruf, den Carolin gerade erhalten hat. Nach einem erfreut-aufgeregtenHallo folgte ein sehr entt?uschtesSchade, kurz darauf hat sie sich ihre Tasche geschnappt und ist mit mir wieder aus der Werkstatt raus. Anscheinend will sie ganz schnell nach Hause, ich komme kaum hinterher. Das will schon etwas heissen, denn sonst ist es meist andersherum.

Und so kommt zu meiner schlechten Laune nun auch noch, dass ich nicht mal in Ruhe pinkeln kann. Als wir an unserem Haus ankommen, bin ich echt froh, dass der kleine Spaziergang zu Ende ist. Was f?r ein bescheidener Tag !

Marc wartet oben bereits auf uns. Klar, der will ja noch in die Praxis. Allerdings traut er sich nicht, das noch mal zu sagen. Bestimmt eine schlaue Taktik. Caro riecht gerade so, als k?nne sie gleich einen Mord begehen. Hoffentlich sind alle K?chenmesser gut verstaut.

Allerdings schreit sie dann gar nicht rum, sondern weint.

»So ein Mist ! Ich hatte so gehofft, dass es klappt. Was sollen wir denn jetzt bloss machen ? Was sollich denn jetzt machen ? Den Auftrag k?nnen wir vergessen, den schafft Daniel nicht allein. Am besten, wir machen gleich die ganze Werkstatt dicht. Hat sowieso alles keinen Sinn.«

»Ach, Spatzl !« Marc nimmt Carolin in den Arm und dr?ckt sie. »Das tut mir so leid. Aber das kriegen wir schon irgendwie hin. Ich habe auch schon eine Idee, wie.«

»Ja ?«

Carolin klingt zweifelnd, Marc gibt ihr ein Taschentuch, in das sie lautstark trompetet.

»Komm mal mit ins Wohnzimmer, ich erkl?re es dir in Ruhe.«

Brav trottet Caro hinter Marc her und setzt sich neben ihn aufs Sofa. Henri ist auch da und versucht an der Sofakante etwas, was entfernt an Klimmz?ge erinnert. Ich deute das mal als Bem?hen, von allein aufzustehen. Mann, entwickeln sich Menschen langsam ! Das kann doch jeder Dackel schon nach zwei Wochen !

»Bei mir haben sie ja ebenfalls wegen der Absage angerufen«, beginnt Marc. »Kurz nachdem dein Anruf kam, hatte ich auch diesen J?rg an der Strippe. Und der hat mir noch etwas Interessantes erz?hlt. Wir haben zwar nicht den Aprilplatz bekommen – aber wenn wir wollen, k?nnen wir einen Platz im August haben. Nach den Sommerferien wechseln n?mlich drei Kinder in den Kindergarten, und sie haben bisher erst zwei Pl?tze besetzt – mit M?dchen. Deswegen h?tten sie gern noch einen Jungen. Sie fanden uns sehr nett und w?rden uns den Platz deshalb geben. Normalerweise nehmen sie die Kleinen zwar am liebsten mit einem Jahr, aber Henri ist dann auch erst vierzehn Monate alt, das w?rde noch passen. Wir m?ssten nur vier Monate ?berbr?cken. Erschlag mich bitte nicht gleich, aber ich habe f?r diesen Notfall Hedwig gefragt. Sie w?rde es sehr gern machen. Und es w?re nur f?r den ?bergang, keine Dauerl?sung. Grosses Indianerehrenwort !«

Interessiert schaue ich zwischen Marc und Caro hin und her. Gibt es wirklich Schl?ge ? Eine echte Keilerei ist bei den Menschen, die ich so pers?nlich kenne, ziemlich selten. Obendrein ist Caro doch ein ganzes St?ck kleiner als Marc. Das w?re schon interessant zu beobachten. Aber anstatt Marc zu hauen, legt Caro die Stirn in Falten und sagt erst mal nichts.

Dann, nach einer Weile, r?uspert sie sich. »Wahrscheinlich hast du recht, und das ist eine gute Idee. Ich weiss auch nicht, warum ich auf Hedwig immer so allergisch reagiere. Vielleicht, weil ich immer noch nicht das Gef?hl losgeworden bin, dass sie insgeheim entt?uscht ist, dass du nicht mehr mit Sabine zusammen bist.Ich f?hle mich st?ndig so, als w?rde ich von ihr eine schlechte Note bekommen – weisst du, was ich meine ?«

Marc nickt.

»Klar weiss ich, was du meinst. Und das sollte dich gleichzeitig beruhigen. Dieses Gef?hl gibt sie doch allen. Es liegt nicht an dir. Ich weiss, du redest nicht gern ?ber meine Ex, aber Sabine ging es mit Hedwig genauso, als wir noch verheiratet waren.«

»Echt ?« Caro ringt sich zu einem L?cheln durch. »Das ist tats?chlich tr?stlich. Ich komme mir immer vor wie die schlechtere Schwiegertochter.«

Marc grinst.

»Das musst du nicht.«

»Trotzdem. Hedwig ist auch dauernd so ?bergriffig. Alles weiss sie besser. Deswegen mache ich mir schon ein bisschen Sorgen, dass sie bei Henri alles an sich reisst. Und uns wieder ?berall reinredet.«

Ich denke dar?ber nach, ob ich Caro verstehen kann. Pers?nlich komme ich mit Hedwig bestens klar. Aber sie ist eben eine starke Pers?nlichkeit. Die Rudelchefin – ich erw?hnte es bereits. Diese hier offensichtlich ungekl?rte Rangordnung f?hrt selbstredend zu Problemen – nicht nur bei Hunden. Aber was w?re die L?sung ? Henri doch in die Werkstatt mitzunehmen ? Vielleicht k?nnte ich dort auf ihn aufpassen und ihn vom Geigenzerst?ren abhalten. Ich k?nnte mir vorher ein paar Tipps von Zottel holen – so wie der seine Schafe in die Hinterl?ufe zwickt, k?nnte ich es doch mit den Waden von Henri machen. Nur dann, wenn er sich doch mal in b?ser Absicht einer Geige n?hern sollte, klaro. Das w?rde dem Kleinen wahrscheinlich nicht gefallen, aber Caro m?sste sich ?berhaupt keine Sorgen machen, dass ich mich zu sehr in seine Erziehung einmische. Okay – ich k?nnte ihm nat?rlich zeigen, wie man einen Baum anpinkelt. Das m?sste Henri eigentlich hinkriegen. Immerhin bewegt er sich seit einigen Tagen auf allen vieren fort.

»Ich weiss, dass meine Mutter so ist. Aber ich habe ihr auch ganz klar gesagt, dass wir eine Unterst?tzung brauchen, keine Aufsichtsratsvorsitzende.«

Caro lacht, ich verstehe den Witz leider nicht. Aber egal. Wenn Caro lacht, ist es immer ein gutes Zeichen. Dann ist die Lage doch nicht hoffnungslos, und sie gibt der Geschichte mit Hedwig eine Chance.

»Na gut. Wenn du meinst, dass die Botschaft bei ihr angekommen ist, dann freue ich mich nat?rlich auf ihre Hilfe.«

»Die Botschaft ist ganz sicher angekommen. Mach dir keine Sorgen. Sie wird sich nicht einmischen, sondern nur helfen. Und falls sie es doch macht, k?mmere ich mich darum.«

»Also, ich finde, mit fast einem Jahr ist Henri doch gross genug, ohne Schnuller auszukommen. Ich habe Marc damals von Anfang an keinen Schnuller gegeben.«

Hedwig h?lt einen von Henris Schnullern mit spitzen Fingern ?ber die Sp?le in der K?che. T?usche ich mich, oder hat Carolin schon Schaum vor dem Mund ? Hedwig ist gerade erst gekommen und hat schon drei tolle Verbesserungsvorschl?ge f?r das Babyhandling gemacht. Einmal ging es ums F?ttern (»lieberselbst kochen anstatt Gl?schen«), dann um die Windeln (»wo ist eigentlich sein T?pfchen ? Ich kann doch schon mal mit ihm ?ben«), und gerade jetzt ist der Schnuller das Thema. Eigentlich wollte Caro Hedwig wohl erkl?ren, worauf sie achten soll, solange sie auf Henri aufpasst. Aber soeben l?uft es eher andersherum. Hedwig erkl?rt Caro, wie man sich um ein Kleinkind k?mmert. Wuff ! Ich kann f?rmlich riechen, wie sich eine gewisse Spannung in der K?che aufbaut.

Wo ist eigentlich Marc ? Der wollte sich doch um alles k?mmern. Inklusive seine Mutter in Schach zu halten. Die gleiche Frage scheint sich Caro auch gerade zu stellen.

»Hedwig, ich muss mal kurz runter zu Marc. Bin gleich wieder da.«

Sehr schlaue Taktik. Sich nicht allein mit der Rudelf?hrerin anlegen, sondern Verst?rkung holen. K?nnte von mir sein. Tats?chlich taucht Marc keine f?nf Minuten sp?ter auf. Allein. Oha. Krisengespr?ch.

»Mutter, ich muss doch noch mal kurz mit dir sprechen.«

Er setzt sich an den K?chentisch, Hedwig setzt sich daneben.

»Es ist wegen des Schnullers, richtig ?«

Sie klingt fast ein bisschen reum?tig.

»Auch. Aber nicht nur. Man k?nnte auch sagen, wegen des T?pfchens. Oder wegen der Gl?schen. Es geht ums Prinzip, verstehst du ?«

»Aber ich will doch nur helfen !«, verteidigt sich Hedwig. »Caro ist eine junge Mutter, und sie macht das alles ganz toll – doch ich dachte, es ist gut, wenn ich sie von meiner Erfahrung profitieren lasse. Das war keinesfalls b?se gemeint !«

»Ich weiss. Trotzdem: Halt dich doch mal ein bisschen zur?ck. Sonst kommt deine Hilfe leicht als Bevormundung r?ber.«

Dazu sagt Hedwig nichts. Wahrscheinlich ist sie beleidigt.

Marc seufzt.

»Ich hatte gehofft, du verstehst, was ich meine. Dass du uns so tatkr?ftig unter die Arme greifst, finde ich toll. Aber Henri ist unser Kind, und einige Sachen entscheiden wir deshalb so, wiewir es f?r richtig halten. Auch, wenn du anderer Meinung sein solltest. Ich f?nde es zwar sehr schade, wenn das nicht gehen sollte, aber dann m?ssen wir es eben leider lassen.«

Hedwig schaut zu Boden, unsere Blicke treffen sich. Sie sieht sehr zerknirscht aus. Jetzt tut sie mir leid ! Ich glaube ihr, dass sie es nur gut mit ihren Ratschl?gen meint.

Nach einer Weile r?uspert sie sich.

»Ich werde mich bem?hen, mich in Zukunft etwas zur?ckzuhalten. Aber du musst mir glauben: Das war alles nur gut gemeint. Ich freue mich doch so, mich um meine Enkelkinder k?mmern zu k?nnen.«

»Das weiss ich doch. Und das finde ich auch toll. Caro hat sich auch dar?ber gefreut und weiss es sehr zu sch?tzen. Ich glaube, ihr m?sst euch da nur ein wenig aufeinander abstimmen. Dann klappt das schon.«

Hedwig nickt. Und ich hoffe sehr, Marc liegt richtig mit seiner Einsch?tzung. Vier Monate k?nnen vermutlich ganz sch?n lang sein, wenn hier st?ndig dicke Luft ist. Vielleicht sollte ich mich dann f?r tags?ber nach einer andren Bleibe umsehen ? Ob es so etwas wie die Purzelzwerge auch f?r Hunde gibt ?

Der restliche Nachmittag verl?uft aber ganz friedlich. Caro zeigt Hedwig noch einmal alle Sachen von Henri. Sie spielen zusammen, dann kommt Luisa nach Hause, und wir gehen alle eine Runde Gassi. Wieder zu Hause angekommen backt Hedwig mit Luisa einen Kuchen, und Luisa erz?hlt von unserem abenteuerlichen Ausflug zum Leuchtturm.

»Stell dir vor, eines der Schafe hat Henri gebissen und seine Kinderkarre umgeschubst !«

Hedwig zieht die Augenbrauen hoch, und man kann genau erkennen, dass sie sich vermutlich denkt, wie unverantwortlich es war, den kleinen Henri einer solchen Gefahr auszusetzen. Aber sie sagt nichts, ringt sich stattdessen ein L?cheln ab und fragt mit sanfter Stimme:

»Was wolltet ihr denn an dem Leuchtturm, mein Schatz ?«

»Na, das Trauzimmer besichtigen. Weisst du, Marc und Caro wollen doch nur eine ganz kleine Hochzeitsfeier, und auf den Leuchtturm passen sowieso nur elf Leute. Und dann kommt der Leuchtturmw?rter und verheiratet Papa und Caro.«

Hedwig schnappt h?rbar nach Luft. Mir scheint, dass sie in den Plan mit der sehr kleinen Hochzeit noch nicht eingeweiht war.

»Bitte,was will dein Vater auf dem Leuchtturm ?«

»Heiraten. Aber wahrscheinlich doch nicht auf dem Leuchtturm, der war von innen ganz sch?n scheusslich, hat mir und Caro ?berhaupt nicht gefallen. Jetzt suchen sie etwas anderes Kleines zum Heiraten.«

»Aha.«

Mehr sagt Hedwig dazu nicht, aber es ist wirklich toll, wie sie in diese zwei Silben Emp?rung f?r eine mindestens zweist?ndige Rede packt. Tolle Frau ! Luisa scheint das allerdings nicht zu bemerken, denn sie plappert munter weiter.

»Also, ich f?nde ein richtig grosses Fest ja sch?ner, aber das will Carolin irgendwie nicht. Sie m?chte zu ihrer Hochzeit nur die Leute einladen, die ihr am wichtigsten sind.«

»Da kann ich ja nur hoffen, dass ich dabei bin«, kommentiert Hedwig sehr schmallippig.

»Aber Oma«, lacht Luisa, »nat?rlich bist du dabei. Du bist doch ganz wichtig.«

Hedwig greift?ber den K?chentisch und dr?ckt Luisas Hand.

»Danke, mein Kind. Manchmal bin ich mir da nicht mehr so sicher.«

Luisa guckt?berrascht, sagt aber nichts. Stattdessen steht sie auf und linst in den Ofen.

»Ich glaube, unser Kuchen ist fertig. Den hol ich mal raus.«

Kurz darauf steht ein dampfender Schokokuchen auf dem Tisch und riecht wirklich verf?hrerisch. Hoffentlich schneidet ihn Hedwig gleich auf. Dann sind meine Chancen auf einen Probierhappen nicht schlecht. Wenn hingegen erst mal Marc zu Hause ist, kriege ich garantiert nichts ab. Er ist der Meinung, dass Schokolade f?r Hunde sehr sch?dlich ist. Aber selbst wenn – an einem St?ckchen w?rde ich bestimmt nicht sterben.

Caro kommt wieder in die K?che.

»Hm, das riecht aber lecker ! Gibt es schon was ?«

»Er muss eigentlich noch ein bisschen abk?hlen«, erkl?rt Hedwig. »Aber ich schneide schon mal ein St?ck f?r Marc raus. Das will ich ihm in die Praxis bringen.«

»Ach, lass doch. Keine Umst?nde. Der ist in einer Stunde sowieso wieder hier.«

Hedwig sch?ttelt den Kopf.

»Nein, nein, das ist ja keine M?he. Ich bringe ihm gern ein St?ck, solange es noch warm ist.«

Sie verfrachtet ein Kuchenst?ck auf einen Teller und holt eine Gabel aus der K?chenschublade, dann kramt sie eine Serviette aus dem Regal.

»Ich bin gleich wieder da.«

»Wie du meinst.«

»Ja, warm ist es am leckersten. Ausserdem wollte ich Marc sowieso noch etwas fragen.«

Schwupp. Weg ist sie. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich weiss, was Hedwig Marc fragen will. Mit Henri hat es diesmal bestimmt nichts zu tun.

ELF

Sag mal, k?nntet ihr am Wochenende vielleicht Herrn Beck nehmen ?«

Nina und Carolin haben sich in ihrem Lieblingscaf? Violetta getroffen. Eigentlich wollte Caro Nina von unserem Forschungstrip in Sachen Hochzeit erz?hlen, doch Nina kann sich darauf kaum konzentrieren. Selbst die Geschichte mit den Schafen entlockt ihr nicht einmal ein L?cheln. Kurz: Sie h?rt offenbar ?berhaupt nicht zu.

»Wieso ? Willst du wegfahren ?«

»Nein, ich bekomme Besuch. Aber der hat eine Katzenallergie, und ich muss vorher einmal komplett die Wohnung von Becks Haaren befreien.«

»Von mir aus. Beck und Herkules verstehen sich ja gut, das d?rfte kein Problem sein. Wer besucht dich denn ?«

»Ach, eine Bekannte aus Stockholm.«

Stockholm– da hat Nina das gesamte letzte Jahr verbracht. Sie ist n?mlich Psychologin an der Universit?tsklinik und erforscht zusammen mit anderen Psychologen und ?rzten, warum es Menschen gibt, die so viel trinken oder anderes Zeugs nehmen, dass sie davon krank werden. Dort hat sie auch ihren Freund Alexander kennengelernt – also, nicht weil der zu viel trinkt oder so, sondern weil der als Arzt in der gleichen Klinik arbeitet. Nina hat aber nicht nur in Hamburg, sondern eben auch in diesem Stockholm geforscht und war in dieser Zeit nur ab und zu am Wochenende da. Um Herrn Beck hatte sich w?hrend Ninas Abwesenheit allerdings immer Alexander gek?mmert, ich wundere mich, warum wir den fetten Kater diesmal aufs Auge gedr?ckt kriegen. Die gleiche Frage scheint sich auch Caro zu stellen.

»Wo ist eigentlich Alexander ? Nimmt der sonst nicht immer die Katze ? W?re doch fast praktischer – immerhin wohnt er im Stockwerk ?ber dir.«

»Alex ist am Wochenende nicht da, und ich kann Herrn Beck nicht die ganze Zeit allein lassen. Da langweilt der sich doch nur. Zwischendurch um ihn k?mmern ist aber auch schwierig, da m?sste ich mich dann immer wieder gr?ndlich enthaaren, bevor ich in meine Wohnung zur?ckgehe. Ich will ja keinen Asthmaanfall bei meinem Besuch riskieren.«

»Nee, klar – wenn es so schlimm ist, ist das auch viel zu gef?hrlich. Also, einverstanden, ich nehme ihn. Vielleicht packst du mir ein kleines Carepaket f?r ihn zusammen, sprich, Sachen, die er gern frisst, und sein K?rbchen.«

Nina grinst.»K?rbchen geht in Ordnung. Fressen tut er alles gern. Da kannst du wirklich nehmen, was gerade wegmuss. Im Umgang ist Herr Beck sehr w?hlerisch, beim Futter ?berhaupt nicht.«

Hihi, selten ist der Kater so treffend charakterisiert worden. Aber kein Wunder. Nina ist schliesslich Fachfrau. Eine Psychologin, so weiss ich mittlerweile, besch?ftigt sich n?mlich mit den Sachen, die im Kopf passieren. Nat?rlich meist im menschlichen Kopf, aber offenbar kann sie sich auch ganz gut in einen Kater einf?hlen.

»Ab wann m?chtest du denn mit deinem Fr?hjahrsputz beginnen ?«

»Nun ja, wenn du Beck schon am Freitagvormittag holen k?nntest, w?re das toll.«

Caro nickt.

»Kein Problem. Mach ich. Ich bin Freitag sowieso in der Werkstatt, ich habe jetzt ein Top-Kinderm?dchen.«

»Richtig, diese Tagesmutter, Frau Langhagen. Hast du schon erz?hlt.«

»Hm«, seufzt Carolin tief, »leider nicht. Hedwig k?mmert sich momentan um ihn.«

»Echt ? Aber das wolltest du doch auf keinen Fall !«

»Richtig. Diese bl?de Tagesmutter hat uns leider im letzten Moment versetzt. Jetzt haben wir zwar einen Krippenplatz f?r Henri, aber erst ab August. Ich muss allerdings unbedingt jetzt schon wieder arbeiten, sonst geht Daniel und mir ein M?rderauftrag fl?ten.«

Nina nickt.

»Verstehe. Mit Kindern ist es wahrhaftig manchmal ganz sch?n kompliziert. Da habe ich es doch deutlich leichter.«

W?hrend Ninas Bekannte eine Katzenallergie hat, hat Nina bekanntermassen eine Kinderallergie. Sie kriegt zwar nicht gerade Pickel, wenn sie die lieben Kleinen sieht – aber offen gestanden ist es nur so knapp davor. Mit Henri geht sie trotzdem ganz niedlich um, aber das ist auch die grosse Ausnahme.

»Ja, mit Kleinkind zu arbeiten hatte ich mir deutlich leichter vorgestellt. Also, wenn ich Freitag in die Werkstatt komme, kannst du mir Monsieur gleich vorbeibringen. Hedwig kommt um halb zehn, ich d?rfte also um zehn da sein.«

Ein Wochenende mit Herrn Beck. Fast wie in alten Zeiten. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich richtig darauf freue !

Als wir am Freitag in der Werkstatt auftauchen, sind wir etwas sp?t dran. Marc hatte noch irgendetwas Wichtiges mit Caro in der Praxis zu besprechen. Weil es dringend ohne Hedwig sein musste, sch?tze ich mal, ging es entweder wieder ums Kindererziehen oder ums Heiraten. Langsam wird’s langweilig. Jedenfalls ist Nina schon da und quatscht mit Daniel. Herr Beck lungert vor der K?chent?r herum und sieht nicht so gl?cklich aus, wie ich es erwartet h?tte.

»Hey, Kumpel«, raune ich ihm im Vorbeitraben zu, »freust du dich denn nicht wenigstens ein bisschen ? Ein echtes M?nnerwochenende, nur du und ich ?«

»Ja, grossartig«, murmelt der Kater knapp.

Begeisterung klingt anders. Schade, f?r mich gibt es nur eine Sache, die ich mir noch sch?ner vorstellen k?nnte – n?mlich ein Wochenende mit Cherie, aber das steht wohl leider nicht zur Diskussion. Ich verkneife mir einen Kommentar und laufe mit Caro in den grossen Werkstattraum.

»Hallo, Nina, guten Morgen, Daniel ! H?lt dich die Dame von rechtschaffener Arbeit ab ?«, will Caro l?chelnd wissen.

Daniel sch?ttelt den Kopf.

»Nein, nein, sie gew?hrt mir tiefe Einblicke in die weibliche Psyche. Die kann ich immer gebrauchen, auch wenn ich noch nicht genau weiss, wie ich die gesch?ftlich umm?nze. Privat habe ich da allerdings schon eine Idee.«

»Ach, ihr redet ?ber Yoga.«

Caro grinst.

»Ha, ha. Sehr witzig, Frau Kollegin.«

»Ich habe eine T?te mit Sachen f?r Herrn Beck vorne in den Flur gestellt. Wenn du nicht noch irgendwelche Fragen hast, w?rde ich mich jetzt mal ans Putzen machen.«

Nina dreht sich schon zum Gehen, die scheint es wirklich eilig zu haben.

»Nee, ist okay. Ich komm klar. Ausserdem habe ich mit Marc doch den Fachmann par excellence zu Hause.«

Nina rauscht ab, und nun gesellt sich auch Herr Beck zu uns.

»M?nnerwochenende. Pah ! Abgeschoben werde ich. Und die Nummer mit der ›alten Bekannten‹ kann Nina auch ihrer Grossmutter erz?hlen. Ich bin doch nicht bl?d. Mr Rosen-und-Champagner kommt zu Besuch, und niemand soll es merken. Wahrscheinlich ist auch die Geschichte mit der Katzenhaarallergienur ein M?rchen, weil sie selbst mich nicht dabeihaben will, wenn der Typ anreist.«

Ich bin v?llig perplex. Er denkt, Nina hat gelogen ? »Aber, aber – wie kannst du dir da so sicher sein ?«

»Mann, Dackel, das ist doch logisch ! Kaum war klar, dass Alex am Wochenende seine Eltern besucht und gar nicht da ist, schon sagt sich die omin?se Freundin aus Stockholm an. Apropos Stock: Da kannste doch mit ’nem Stock dran f?hlen.«

»H?h ?«

»Ich meine, das ist doch eindeutig eine L?ge.«

Ach so.»Na, du wirst ja sehen, wer da tats?chlich auf der Matte steht.«

»Nein, werde ich eben nicht ! Ich bin doch bei euch. So ein Mist.«

Stimmt, das hatte ich gerade verdr?ngt. Herr Beck ist ja gar nicht bei Nina, sondern bei mir. Jetzt verstehe ich auch, warum ihn das so ?rgert.

»Aber vielleicht kannst du es hinterher erschnuppern ?«

»Haha ! Ein echter Jagdhundwitz. Du weisst genau, dass meine Nase mit dem Alter nicht besser geworden ist. Ausserdem will ich es sehen, und zwar mit eigenen Augen. Ich lasse mich doch hier nicht hinters Licht f?hren wie ein Maik?tzchen. Von einem Menschen ! Pah ! Aber ich weiss mir schon zu helfen. Ich werde da sein. Darauf kann Nina Gift nehmen.«

Herr Beck, Teufelskerl ! Ich bin ein bisschen beeindruckt von dieser markigen Ansage. Endlich mal ein Haustier, das nicht einfach alles mit sich machen l?sst. Manchmal erinnert mich Herr Beck in letzter Zeit an meinen eigenen Opili. Der war zwar ein treuer Begleiter seines alten Herrn, aber durchaus meinungsstark. Wenn er den Fuchs links im Wald vermutete, dann ging es linksrum. Auch wenn der Alte lieber nach rechts gegangen w?re. Ein schlauer Mensch h?rt eben auf seinen Vierbeiner ! Ein nicht so schlauer muss damit rechnen, dass sein Haustier eigenm?chtig t?tig wird, und genau das scheint Herr Beck gerade zu planen. Ich merke, wie sich meine R?ckenhaare von der Rutenspitze bis zum Nacken aufstellen – Mann, ist das aufregend ! Ich will mitmachen !

»Weisst du«, schlage ich vor, »vielleicht k?nnten wir heute Abend zusammen abhauen ? Und dann helfe ich dir dabei, Nina zu beschatten !«

»Unabh?ngig davon, dass du wahrscheinlich keine grosse Hilfe bist, w?rde ich dir als Freund den Gefallen tun und dich mitnehmen. Aber wie willst du denn heimlich in die Wohnung von Nina kommen ? Du weigerst dich doch bisher, dir mit der Katzenklappe M?he zu geben.«

Keine grosse Hilfe ? Wuff ! Beck ist nicht nur meinungsstark. Er ist auch ahnungslos. Und die Kombination aus beidem, meinungsstark und ahnungslos, ist offen gestanden nicht besonders sympathisch.

»Also, wenn ich dir keine Hilfe bin, dann bleibe ich nat?rlich zu Hause. Es ist mir zwar schleierhaft, wie du ohne mich aus unserer Wohnung rauskommen willst, aber das ist dann nicht mein Problem.«

Ich kann auch unfreundlich, wenn ich will ! Herr Beck mustert mich kopfsch?ttelnd.

»Ein Kater kommt ?berall raus.«

Mir platzt der Kragen– oder besser: das Halsband ! »Weisst du, Beck, manchmal bist du einfach ein elender Klugscheisser !«

Herr Beck mustert mich k?hl.

»Falsch. Ich bin kein Klugscheisser, ich weiss es wirklich besser.«

Okay, Herr Beck ist doch nicht wie mein Opili. Opili war n?mlich nicht so verdammt arrogant. Auch wenn er wahrscheinlich tats?chlich die meisten Sachen besser wusste, liess er es nicht so raush?ngen wie der doofe Kater. Er war eben ein weiser Dackel-Mann. Ich beschliesse, nichts mehr zu sagen und hiermit einem seiner weisen Ratschl?ge zu folgen: Unratvorbeischwimmen lassen. Stattdessen trabe ich zu Carolins Werkbank und mache es mir davor gem?tlich. Um diese Uhrzeit scheint n?mlich immer die Sonne – wenn sie denn mal scheint – auf die Holzdielen vor der Bank und w?rmt diese ein bisschen an. Herrlich !

Es dauert keine f?nf Minuten, dann ist Beck wohl klar geworden, dass Klugscheissen ganz sch?n einsam macht. Jedenfalls taucht er neben mir auf und macht es sich ebenfalls bequem. Dann holt er tief Luft.

»Na gut. Dann komm halt mit.«

Ich sage nach wie vor nichts.

»Okay, deine Idee ist vermutlich nicht schlecht – je nachdem, was bei Nina wirklich vor sich geht, ist es unter Umst?nden besser, zu zweit zu sein, und ich k?nnte deine Hilfe brauchen.«

Nee, das reicht mir noch nicht ganz.

»Herkules. Entschuldige, ich war bl?d zu dir. W?rdest du mir heute bitte helfen ?«

Wuff ! Opili hatte recht ! Die Sache mit dem Unrat funktioniert !

»Ich helfe dir gern, Beck. Vielleicht sollten wir schon mal einen Schlachtplan auskl?geln.«

Als wir am Nachmittag wieder in der Wohnung ankommen, werden wir von Henri st?rmisch begr?sst. Er krabbelt uns mit einem Affenzahn entgegen und ruft begeistert:

»Gagaah ! Mam mam mam !«

Dann setzt er sich hin und klatscht in die H?nde. Ich muss zugeben, dass dieser Freudenschrei verd?chtig nachMama klang. Gut, dass Marc nicht da ist. Es h?tte ihn vermutlich frustriert. Hedwig taucht aus der K?che auf.

»Hallo, Carolin.«

Sie klingt ein bisschen unterk?hlt.

»Hallo, Hedwig. Und, alles in Ordnung hier ?«

Falls Caro die K?hle auch wahrgenommen hat, hat sie jedenfalls beschlossen, fr?hlich dar?ber hinwegzugehen.

»Ja. Alles gut. Henri hat gut gegessen und geschlafen. In der Zeit habe ich mal ein bisschen Klarschiff in der Wohnung gemacht. Hier sieht es ja manchmal … ach, egal. Eingekauft habe ich auch. Luisa hat ihre Hausaufgaben schon gemacht und ist dann zu irgendeiner Ella abged?st. Sie kommt um sechs wieder. F?r euren Besuchskater habe ich in der K?che zwei N?pfe klargemacht. Ach – und die gr?sste Sensation: Henri kann endlich richtig allein und frei sitzen ! Auf einmal hat’s geklappt !«

Immerhin: Jetzt l?chelt Hedwig.

»Danke, toll, was du alles gemacht hast«, erwidert Caro.

Richtig. Ganz alte Hundetrainer-Schule: Wenn etwas gut gemacht wurde, ganz doll loben. Am besten ein Leckerli anbieten.

»Willst du vielleicht noch etwas bleiben und ein St?ck Kuchen mit mir essen ? Ich glaube, wir haben noch Muffins im Schrank.«

Ah, perfekt ! Sehr gut, Carolin !

»Eigentlich wollte ich gleich los. Sag mal, hat Marc schon mit dir gesprochen ?«

Hm, schon ist Hedwigs L?cheln wieder verschwunden.

»Nein, wor?ber ?«

Carolin tut ganz ahnungslos, aber das nehme ich ihr nicht ab.?ber irgendetwas hat sie sich doch heute fr?h mit Marc unterhalten.

»Ach, nichts Wichtiges. Ich bin auch in Eile. Erz?hl ich dir ein anderes Mal.«

Komisch. Vornehme Zur?ckhaltung ist doch sonst gar nicht Hedwigs Art. Aber weil ich gedanklich schon bei unserer sp?teren Flucht aus der Wohnung und der ?berwachung von Ninas Besuch bin, bin ich auch nicht neugierig. Was auch immer es ist, ich werde es schon irgendwann erfahren.

Herr Beck ist mittlerweile in die K?che gelaufen.N?pfe klar f?r den Besuch– das hat ihn bestimmt magisch angezogen. Und richtig: Dort finde ich ihn. And?chtig sitzt er vor zwei Sch?lchen, die Hedwig f?r ihn vorbereitet hat. Soweit ich das vom T?rrahmen aus erschnuppern kann, ist in dem einen frisch gekochtes H?hnerherz. Hm, lecker ! Bestimmt gibt es f?r mich aucheine Portion. Ich laufe ebenfalls zu den N?pfen und setze mich neben Herrn Beck. Bingo: Mein Napf ist auch randvoll mit der K?stlichkeit. Ich weiss wirklich nicht, was Carolin immer gegen Hedwig hat …

»So«, verk?ndet Beck mit vollem Maul, »dann lass mal h?ren: Wie kommen wir hier nachher raus ?«

»Dar?ber habe ich mir tats?chlich schon Gedanken gemacht: Es gibt von dieser Wohnung aus zwei Ausg?nge auf die Terrasse, die eine Treppe zum Garten hat. Einmal kommt man vom Wohnzimmer hin. So spaziere ich meistens in den Garten. Allerdings kontrolliert Marc abends immer, ob die T?r auch geschlossen ist. Da m?ssten wir also schon relativ fr?h abhauen, und dann werden die uns bestimmt suchen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie bei der Fahndung auch in der Werkstatt gucken und Nina fragen, ist bestimmt ziemlich hoch. Das ist demzufolge nicht so klug. Die zweite Terrassent?r geht von Luisas Kinderzimmer ab. Die ist zwar selten offen, aber wenn, vergisst Luisa oft, sie abends wieder zu schliessen. Deswegen folgender Plan: Wir m?ssen Luisa irgendwie dazu bringen, die T?r zu ?ffnen. Und dann tun wir so, als ob wir unbedingt in ihrem Zimmer schlafen wollten. Das ist bestimmt nicht so schwer, weil Luisa garantiert sowieso m?chte, dass wir das tun. Sie mag dich ziemlich gern – erst recht, seit wir damals zusammen abgehauen sind.«

»Ja, stimmt. Sie ist ein liebes M?dchen. Und unsere Flucht war tats?chlich eines der gr?ssten Abenteuer, die ich jemals erlebt habe.«

»Geht mir genauso. Eigentlich war die Idee wirklich irre. Per Anhalter in einem Viehtransporter bis M?nchen ! Aber Luisa war ja wild entschlossen. Sie wollte unbedingt zu ihrer Mutter. Gut, dass wir sie begleitet haben.«

Beck nickt.

»Junge, Junge, wenn ich daran zur?ckdenke …«

Er kichert in sich hinein, wobei er sich prompt an einem St?ck H?hnerherz verschluckt und husten muss. Ich schubse ihn kurz an, er spuckt das St?ckchen aus und atmet tief durch.

»Danke, Kumpel !«

Da nich f?r, wie der Hamburger sagt. Der Kater wird schliesslich noch gebraucht.

»Also, wenn Luisa sp?ter eingeschlafen ist, machen wir uns vom Acker. Das f?llt dann niemandem mehr auf. Und bis die hier alle wach werden, sind wir l?ngst zur?ck. Ein perfekter Plan !«

Wie perfekt er ist, zeigt sich ein paar Stunden sp?ter. In Luisas Zimmer Quartier zu beziehen ist richtig einfach. Wie von mir vorhergesagt, bittet sie Marc von allein, Herrn Becks Katzendecke und mein K?rbchen ins Zimmer nehmen zu d?rfen. Als Herr Beck dann beginnt, an ihrer Terrassent?r zu kratzen, ?ffnet sie diese bereitwillig.

»Na, dann kommt, ihr beiden ! Drehen wir noch eine schnelle Runde durch den Garten, bevor’s ins Bett geht !«

Gesagt, getan. Es folgt eine kurze Schnuppertour im Garten, bei der ich so tue, als w?rde ich Beck meine Lieblingsecken zeigen. Als N?chstes wirft Luisa noch ein bisschen St?ckchen, und selbst Herr Beck versucht sich beim Apportieren. Sieht schon sehr ulkig aus, wenn eine Katze einen geworfenen Stock wieder zur?ckschleppt ! Selbst Luisa muss dar?ber lachen. Zum Schluss noch ein paar Spr?nge ?ber das Eimerchen, das Henri in dem kleinen Sandkasten hat liegen lassen, dann geht es zur?ck ins Kinderzimmer, wo wir uns wieder brav auf die Decke und ins K?rbchen legen. Luisa liest uns noch eine sehr seltsame Geschichte ?ber einen Esel, einen Hund, eine Katze und einen Hahn vor, die zusammen vor ihren alten Besitzern davonlaufen. Komisch, wie sie gerade heute darauf kommt ? Aber nachdem sie ihr Licht ausgemacht hat, dauert es nicht lang, dann h?ren wir an Luisas regelm?ssigem Atem, dass sie eingeschlafen ist.

Vorsichtig schleichen wir wieder zur T?r. Sie steht tats?chlich noch offen, und so sind wir kurz darauf wieder im Garten, winden uns durch die Hecke erst in den Vorgarten und stehen daraufhin vorm Haus.

»So. Teil eins des Plans hat schon mal tadellos funktioniert«, stelle ich fest.

»Richtig. Stellt sich nur die Frage, wie wir dich bei Nina reinkriegen. Durch die Katzenklappe willst du ja nicht.«

»Na ja, ich k?nnte es noch mal versuchen.«

»Und wenn du stecken bleibst ? Dann ist aber Matth?i am Letzten. Denn dann m?sste ich Nina holen, um dich zu befreien, und eine unbemerkte ?berwachung k?nnten wir zu den Akten legen.«

»Vielleicht haben die ja auch die Balkont?r ge?ffnet. Es ist heute tats?chlich ziemlich warm f?r einen Fr?hlingstag. Irgendwas f?llt uns schon ein. Auf alle F?lle will ich es versuchen.«

Herr Beck seufzt.

»Na, dann los.«

ZW?LF

Du musst dir schon ein bisschen mehr M?he geben. Allein kriege ich dich da nicht durch.«

Mein erster Versuch, durch die Katzenklappe im Keller zu kommen, ist schon in die Hose gegangen. Ich schaffe es nur zur H?lfte, dann verl?sst mich mein Elan, und ich kriege mein Hinterteil nicht mit durch, sondern bleibe mit beiden L?ufen auf der Erde. Immerhin haben wir keine menschliche Hilfe gebraucht, um mich wieder herauszubekommen. Ich konnte meine erste H?lfte ganz vorsichtig zur?ckziehen und habe mir dabei nur ein ganz kleines bisschen die Schlappohren geklemmt. Ich muss einfach entschlossener sein, sonst fehlt mir der n?tige Schwung, der den ganzen Hund durch die bl?de Klappe bringen kann.

Ich gehe ein paar Schritte zur?ck, dann nehme ich Anlauf und presche entschlossen auf die Klappe zu – nur, um im letzten Moment eine Vollbremsung zu machen.

Herr Beck faucht laut auf.

»Herkules, jetzt mach endlich ! Das kann doch nicht so schwierig sein ! Seit wann bist du bloss so ?ngstlich ? Ich dachte immer, du stammst von sieben Fantastillionen Jagdhundahnen ab ? Denk an die Wildschweinjagd, an deine Vorfahren, an was auch immer – aber gib verdammt noch mal Gas !«

Richtig ! Gas geben ! Und zwar sofort ! Wieder ein Anlauf, und zwar ein ganz entschlossener, dann schliesse ich die Augen, springe – und bleibe ganz am Ende mit meinem letzten Drittel h?ngen. Jaul ! Ich h?nge in der Luft, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes ! Wie soll ich mich da nur wieder rauswinden ? Meine Hinterl?ufe zappeln in der Schwebe, meine Schnauze h?ngt daf?r auf der anderen Seite knapp ?ber dem Boden. Verfluchte Sch… !

Und was macht der bl?de Kater ? Der lacht doch tats?chlich. Ich hingegen fange an zu heulen.

»Herkules, wenn du w?sstest, wie komisch das von hier hinten aussieht, w?rdest du auch lachen.«

»Ja, vielen Dank auch f?r deine grossartige Hilfe !« Immerhin heule ich die letzten Worte nicht mehr, sondern knurre sie.

»Ach, Gottelchen. Nun stell dich mal nicht an. Ich helfe dir ja gleich. So geht es tats?chlich besser. Warte mal kurz.«

Leider kann ich nicht sehen, was Herr Beck damit meint. Und sagen tut er nichts mehr. Er scheint sich ein bisschen von der Klappe zu entfernen. W?hrend ich noch dar?ber nachdenke, was Herr Beck wohl vorhat, trifft mich auf einmal ein gewaltiger Schlag direkt zwischen meine Hinterl?ufe auf den Allerwertesten. Der Stoss ist so heftig, dass er tats?chlich den letzten Rest von mir durch die Klappe bugsiert. Sehr unsanft knalle ich auf meineempfindliche Dackelnase und bleibe einen Moment benommen auf dem Kellerboden hinter der Klappe liegen. Aua ! Verdammt, was war das ?

Dann klappert es, und kurz darauf sitzt Herr Beck neben mir.

»Du magst nicht so fett sein wie ich, eine Elfe bist du aber auch nicht gerade. Beim Schubsen habe ich mir garantiert eine ziemliche Beule geholt.« Er reibt sich mit einer seiner Vorderpfoten an seiner Stirn entlang.

»Mann, das tat jetzt richtig weh ! Was hast du gemacht ?«

»Dich mit Anlauf durch die Klappe geschoben. Das w?re sonst doch nie etwas geworden. Dass ihr Hunde aber auch so steif sein m?sst ! Du solltest ein bisschen Gymnastik machen. Wenn du ein echter Jagdhund w?rst, m?sstest du ja auch mal in den Bau. Ist mir schleierhaft, wie du das in dieser Verfassung schaffen wolltest.«

»Hey, Moment mal, was heisst dennWenn du ein echter Jagdhund w?rst ? Ichbin ein echter Jagdhund !«

Herr Beck schaut mich belustigt an.

»Meinst du ? Egal, f?r diese Diskussion haben wir keine Zeit. Los, hoch zu Nina !«

M?glichst unauff?llig und leise traben wir die Stufen zu ihrer Wohnung hoch, was eigentlich unn?tig ist, denn unter Ninas Wohnung ist sowieso nur die Werkstatt, und die ist um diese Uhrzeit nat?rlich l?ngst verlassen. Vor ihrer T?r angekommen hocken wir uns erst mal hin und lauschen. Es ist ziemlich still, aber ein fernes Gemurmel verr?t, dass jemand im hinteren Teil der Wohnung sein muss. Es ist zwar sehr leise, aber es sind eindeutig zwei verschiedene Stimmen zu vernehmen. Aha. Die omin?se Freundin ist zu Besuch. Und ihre Stimme ist tats?chlich auffallend tief. Beck scheint mit seinem Verdacht auf der richtigen Spur zu sein.

»So, Herkules. Es w?re grossartig, wenn du es diesmal selbst durch die Klappe schaffst. Erstens war die Aktion eben sehr schmerzhaft, zweitens war sie sehr laut. Da k?nnen wir gleich einpacken, wenn wir hier so rumrumpeln. Also, mehr Einsatz, Kumpel !«

Der hat gut reden. Aber es stimmt nat?rlich. Wenn wir hier die T?r halb eintreten, wird Nina bestimmt sofort nachsehen, was los ist, und wir fliegen auf. Ich nehme all meinen Mut zusammen, k?mmere mich nicht weiter um mein rasendes Herz und sause los. Entschlossen springe ich auf die ?ffnung zu und mache mich m?glichst lang und schmal. Es machtklapp-klapp– dann lande ich sicher auf der anderen Seite. Sensationell ! Mit dieser Nummer kann ich mit Sicherheit im Zirkus auftreten. Am liebsten w?rde ich vor Freude laut bellen, verkneife es mir aber.

Ein weiteresKlapp-Klapp, dann sitzt Beck neben mir und maunzt anerkennend.

»Nicht schlecht, Dackel, nicht schlecht.«

Leise schleichen wir durch den Flur, in den nur schwaches Licht f?llt, den Stimmen entgegen. Sie kommen aus dem Schlafzimmer. Ninas Stimme – eindeutig. Und ein Mann – ebenso eindeutig nicht Alexander. Und ich kann endlich nachvollziehen, was Herr Beck mit »andere Sprache« meint. Denn ich h?re jedes Wort, was die beiden miteinander sprechen – gleichzeitig verstehe ich gar nichts.

Die T?r zum Zimmer steht einen Spalt auf, wir huschen hinein. Nun wird klar, warum das Licht, das in den Flur f?llt, so schwach ist: Nina hat nicht die normale Lampe angemacht, sondern sehr viele Kerzen angez?ndet, die ?berall im Zimmer stehen, den Raum in ein flackerndes Licht tauchen und ihm damiteine ganz seltsame Stimmung verleihen. Irgendwie – ich weiss gar nicht, wie ich es beschreiben soll. Ob es das ist, was die Zweibeinerromantisch nennen ?

»Los, weiter !«, raunt mir Herr Beck zu. »Sonst sehen die uns doch gleich !«

Mitdie sind nat?rlich Nina und der fremde Mann gemeint, die gemeinsam auf Ninas grossem Bett liegen und sich sehr angeregt in dieser seltsamen Sprache unterhalten. Momentan haben die beiden nur Augen f?r sich selbst, aber es stimmt nat?rlich: Wenn wir die Situation weiter beobachten wollen, sollten wir hier nicht wie angenagelt stehen bleiben.

Der Kater hat offensichtlich auch schon eine Vorstellung davon, was ein idealer Beobachtungsposten sein k?nnte, er steuert direkt auf die T?r der kleinen Kammer zu, die vom Schlafzimmer abgeht und Nina als begehbarer Kleiderschrank dient. Sehr schlau ! Von da haben wir die optimale Aussicht, und Nina und der Typ werden momentan garantiert keinen Gedanken an die Kleiderkammer verschwenden – obwohl beide nackt sind und sich unter normalen Umst?nden durchaus die Frage stellen k?nnten, was man denn mal Sch?nes anziehen sollte. Aber damit ist gerade nicht zu rechnen, denn die ganze Szenerie, die sich uns hier darbietet, sieht mir ganz schwer nach dem Auftakt f?r etwas aus, bei dem sich Menschen ungern von anderen Sachen ablenken lassen: Sex. Oder Liebe. Oder beides. Das weiss man beim Menschen nie so genau.

Wir huschen in die Kammer, vorsichtig?ffnet Herr Beck mit einem Tatzenstoss die T?r ein wenig weiter. Dann h?pfen wir beide auf das unterste Regalbrett, auf dem ein paar Schuhe herumstehen. So. Ein echter Logenplatz. Kann losgehen.

Tats?chlich nimmt der Mann gerade die Flasche Champagner, die vor ein paar Tagen zusammen mit den Rosen angekommen ist, giesst zwei Gl?ser ein und reicht Nina eins davon.

»Thanks.« Sie trinkt, stellt dann das Glas wieder ab. Auch der Mann hat sein Glas abgestellt, nimmt Nina in den Arm und k?sst sie auf den Mund. Die erwidert den Kuss. Allerdings nur kurz, dann schiebt sie den Mann ein St?ck von sich weg und betrachtet ihn nachdenklich.

»S?ren, we can’t go on like this.«

»Nina, believe me, I love you.«

»But you have a wive and children and I have a boyfriend. I feel bad about this.«

H? ? Was ist los ? Ich werfe Herrn Beck einen Blick zu.

Der sch?ttelt den Kopf.

»Sag ich doch«, fl?stert er. »Man versteht kein Wort.«

»Aber dem Ton nach ist es irgendwie ein Krisengespr?ch«, merke ich an.

»Stimmt. Allerdings ein ungew?hnlicher Aufbau f?r ein Krisengespr?ch: Beide nackt, Kerzen, Champagner. Da w?re doch nach meiner Erfahrung vom menschlichen Paarungsverhalten eher mal Sex angesagt.«

»Tja. Vielleicht ist der Typ auch Psychologe. Dann reden die vielleicht nur stundenlang, und es ist f?r sie genauso gut wie Sex.«

»Oder sie hatten schon Sex und machen gerade eine Pause. Wir wissen ja nicht, wie lange der Kerl schon da ist. Um wirklich zu wissen, was hier gespielt wird, m?ssen wir das Ganze wohl l?nger beobachten.«

Nina steht vom Bett auf und nimmt die Flasche Champagner.

»Hey, where are you going ?« Der Mann guckt Nina verwundert an. Scheint eine Frage gewesen zu sein.

»I’m just putting the champagne into the fridge.«

Sie verl?sst das Zimmer, Mr Fremdsprache bleibt auf dem Bett liegen und schaut an die Zimmerdecke. Er ist gr?sser als Alexander und bestimmt einige Jahre ?lter. Denn w?hrend Alexander noch ein ganz glattes Gesicht hat, hat der hier schon ziemliche Falten um die Augen. Die kann ich selbst auf die Entfernung sehen. Hellere Haare als Alexander hat er auch, sogar noch heller als die von Caro. Seine Arme sind sehr kr?ftig und muskul?s, er sieht aus wie ein Mensch, der nicht im Sitzen arbeitet, sondern richtig. Vielleicht ein Stallbursche ? Die Burschen auf Schloss Eschersbach waren auch sehr kr?ftig – das brachte die Arbeit auf dem Hof so mit sich.

Klick, klick. Bilde ich mir das ein, oder habe ich gerade ein Ger?usch geh?rt, das klingt, als ob ein Schl?ssel im Haust?rschloss gedreht wird ? Nein, keine Einbildung – auch Herr Beck scheint es geh?rt zu haben.

»Ach du Scheisse ! Kommt jetzt etwa Alexander nach Hause ? Er hat jedenfalls auch einen Schl?ssel zur Wohnung. Na, das wird gleich lustig !«

Die T?r zum Schlafzimmer fliegt auf, und mit einem Riesensatz steht Nina wieder neben dem Bett. Sie packt den Mann am Arm und zieht ihn vom Bett hoch.

»Quick ! My boyfriend’s coming home.«

»But you said …«

»No time for talking ! GET UP ! And get into the wardrobe over there !«

Als er steht, schubst ihn Nina in Richtung Kleiderkammer. Auch wenn ich die Worte nicht verstehe– der Inhalt ist klar: Nina will ihn verstecken. Und da f?llt ihr nat?rlich der gleiche Ort ein, an den auch wir als Erstes gedacht haben. Oje, oje ! Gleich wird’s hier eng.

»Denkst du das Gleiche wie ich ?«, maunzt Herr Beck.

Ich nicke.

»Okay, dann sollten wir uns mal ein bisschen in die Klamotten verkr?meln.«

Gesagt, getan– Beck und ich kriechen so weit es geht in eine Ecke der Kammer und dr?cken uns zwischen die langen Kleider von Nina. Keine Sekunde zu fr?h – denn jetzt wird die T?r zur Kammer noch weiter ge?ffnet, Nina schiebt den Typen hinein, es klirrt kurz. Das m?ssen die Gl?ser sein. Klar, die w?rden Besuch verraten. Dann schliesst Nina die T?r. Es ist stockfinster, aber ich brauche den Mann nicht zu sehen, um festzustellen, wie aufgeregt er ist. Sein Atem geht schnell, er riecht nach Schweiss. Lieber Menschengott, mach, dass Alexander ganz schnell wieder geht und wir alle heil aus dieser Kammer kommen.

»Hallo, Schatz ! Wo steckst du denn ?«

Alexanders Stimme schallt?ber den Flur, und seine Schritte kommen n?her.

»Im Schlafzimmer. Ich habe schon fast geschlafen.«

Ninas Stimme klingt verr?terisch zittrig, hoffentlich bemerkt Alexander das nicht.

»Schon so m?de ?«

Jetzt ist Alexanders Stimme so laut und nah, dass er im Schlafzimmer angekommen zu sein scheint. Der Atem von dem Herrn im Schrank wird unregelm?ssiger und hektischer – und irgendwie pfeifend. Kein Wunder, in seiner Haut m?chte ich gerade nicht stecken. Ich m?chte momentan noch nicht mal in meiner Haut stecken, obwohl meine Situation ungleich besser ist als seine.

»Ich hab’s mir anders ?berlegt und bin nach dem Abendessen gefahren. Hatte Sehnsucht nach dir.«

»Wie sch?n. Ich bin aber total m?de.«

»Soll ich uns noch ein Glas Wein holen ?«

Bitte, bitte nicht ! Ich will nicht die restliche Nacht mit einem fremden Mann im Kleiderschrank verbringen.

»Nee, du. Ich will schlafen. Lass uns mal morgen quatschen.«

Eine ausgezeichnete Idee. Los, Alexander ! Husch ins K?rbchen, und zwar in dein eigenes !

»Wie du meinst.«

Alexander klingt entt?uscht, scheint die Geschichte aber zu kaufen. Der Dielenboden knarrt, Alexander geht wohl wieder. Wuff ! Endlich !

Den Schritten nach m?sste Alexander schon fast an der T?r sein, da beginnt Ninas fremder Besucher zu husten. Also, nicht nur einmal kurz, sondern mehrmals. Erst klingt es sehr gepresst, ganz so, als w?rde er versuchen, es zu unterdr?cken, aber dann wird es st?rker. Was auch st?rker wird, ist das pfeifende Ger?usch, das mir eben schon an seinem Atem aufgefallen ist. Eindeutig: Er pfeift und hustet. Unglaublich – kann der sich nicht noch zwei Minuten zusammenreissen ?

»Heilige ?lsardine !«, faucht Beck. »Was soll denn das ? Der soll gef?lligst Ruhe geben.«

Alexander ist wieder stehen geblieben.

»Was ist denn das f?r ein Ger?usch ?«

»Welches Ger?usch ?«

»Na, da hat doch jemand gehustet.«

»Ich h?r nix«, behauptet Nina tapfer.

Leider wird das Pfeifen noch lauter, das Husten klingt fast wie ein W?rgen. Was ist bloss auf einmal los ?

»Ach, du liebe G?te !«, maunzt Beck. »Sag bloss, der Typ ist wirklich gegen Katzen allergisch. Ich dachte, das sei eine Ausrede, um mich loszuwerden, aber vielleicht hat Nina die Wahrheit gesagt.«

»H? ?« Mehr f?llt mir dazu nicht ein.

»Na, es gibt tats?chlich Menschen, die auf Katzenhaare so reagieren wie der Typ jetzt. Vor allem, wenn man sie mit einer Katze in den Kleiderschrank sperrt. Ich habe da auf einmal ein gaaanz schlechtes Gef?hl …«

Ein neuer Hustenanfall– aber nicht nur das: Der baumlange Kerl geht auf einmal vor uns in die Knie, sein Atem pfeift und rasselt, ich kann die Panik des Mannes genau riechen. Todesangst. Er hat echte Todesangst. Ob so eine Allergie richtig gef?hrlich ist ? Oder ist es die Angst, gleich ein paar von Alexander auf die Schnauze zu kriegen ?

»Nina, da ist doch jemand im Schrank !« Alexander klingt w?tend und fassungslos.

»Nein, ich … ?h …. das stimmt gar nicht !«

»Mach die T?r auf !«

»Nein. Ich will, dass du jetzt gehst. Raus aus meiner Wohnung, Alexander !«

»Nina, du …«

»Raus, habe ich gesagt !«

Ob sie ihn tats?chlich so loswird ? Dann w?rde er sich zwar seinen Teil denken k?nnen, aber, wie das Anwaltsherrchen von Herrn Beck seinerzeit so sch?n sagte: glauben ist nicht wissen. Vielleicht kriegt Nina so noch die Kurve.

Den Bruchteil einer Sekunde sp?ter er?brigt sich diese ?berlegung. Mit einem lauten Pfeifen geht unser Schrankmitbewohner zu Boden, dabei schl?gt sein Kopf mit einem lauten Knall an der Kammert?r an. Die T?r wird aufgerissen, an den Kleidern vorbei kann ich sehen, dass Alexander in der T?r?ffnung steht. Okay. Soeben istaus Glauben Wissen geworden.

Zwischen zwei pfeifenden Atemz?gen presst der Mann ein Wort hervor: »Help !« Help ? Hm. Ob das wohlEntschuldigen Sie bitte, dass ich nackt aus dem Kleiderschrank Ihrer Freundin gefallen bin. Es wird nicht wieder vorkommen heisst ? Vermutlich nicht. Daf?r war es dann doch zu kurz.

Alexander schaltet das Licht in der Kammer an und kniet sich neben den Mann. Der macht jetzt ein Ger?usch, das wiehu… hu… hu… hu… klingt.

»Scheisse, Nina, ruf sofort die 112 an. Wir brauchen dringend einen Rettungswagen.« Und an den Mann gewandt: »Versuchen Sie, ganz ruhig zu bleiben.«

Na, Alexander hat vielleicht Nerven. Will den Typen verhauen und bestellt vorher schon mal vorsichtshalber die Ambulanz. Oder verstehe ich da etwas falsch ?

»S?ren kann kein Deutsch.« Nina klingt verheult.

»S?ren ? Aha. Scheisskerl. Egal.«

Alexander beugt sich neben den Mann.»S?ren, you have to stay calm. Please, pretend you give me a kiss and breathe out very slowly through your lips.«

Von meinem Blickwinkel sieht es nun so aus, als w?rde S?ren versuchen, Alexander zu k?ssen. Jedenfalls formt er einen Kussmund. Eine interessante Entwicklung. K?ssen sich jetzt die M?nner ? Und falls ja – ob Nina dann eifers?chtig wird ?

»Was machst du denn da ?«, will Nina auch tats?chlich wissen, als sie mit dem Telefon in der Hand wieder neben Alexander auftaucht.

»Dein Liebhaber hat offensichtlich einen schweren Asthmaanfall. Ich versuche, ihn per Lippenbremse so atmen zu lassen, dass sich seine Bronchien wieder weiten. Wann kommt die Rettung ?«

Ach so. Alexander will ihn nicht verm?beln, sondern retten. Sehr noble Geste !

»Keine Ahnung, wann die kommen !«

»Hat er ein Spray mit ?«

»Keine Ahnung !« Nina heult.

»Ist er gegen irgendwas allergisch ?«

»Gegen Katzen. Aber ich habe Beck heute fr?h weggebracht.«

»Aha. Von langer Hand geplant. Wundervoll. Aber irgendwo m?ssen hier noch viele Katzenhaare sein. Hey, S?ren, breathe out slowly. Form your mouth, as if you were kissing. Breathe out ! And slowly, very slowly !«

Alexander kniet sich hinter S?ren, will ein bisschen Platz schaffen, schiebt die Kleider weg – und erwischt dabei den Schwanz von Herrn Beck. Sofort dreht er sich zu uns um. In der zwischen den Kleidern entstandenen L?cke sitzen wir wie auf dem Pr?sentierteller.

»Herr Beck ! Herkules ! Was macht ihr denn hier ? Nina, schaff sofort den Kater raus. Raus mit ihm !«

Er schl?gt nach Beck, der maunzt laut auf und rennt zu Nina. Ich bleibe wie angenagelt sitzen, unf?hig, einen klaren Gedanken zu fassen. S?ren scheint kaum noch Luft zu bekommen. Alexander packt ihn bei den Schultern.

»S?ren, do you have a spray ? Salbutamol ? Asthmaspray ?«

S?ren sch?ttelt den Kopf.

»Auch egal, das kriege ich momentan sowieso nicht in ihn rein. So, komm, S?ren, ab in die K?che.«

In die K?che ? Ich kann mir nicht vorstellen, dass S?ren gerade Hunger hat.

»Nina, ich brauch deine Hilfe. Sperr die Katze im Wohnzimmer ein. Ich setzte deinen Freund hier vor den ge?ffneten K?hlschrank, feuchte, kalte Luft hilft oft. Bleib bei ihm. Ich glaube, ich habe in meinem Arztkoffer noch Cortison. Das spritze ich ihm jetzt.«

Er schleppt S?ren in die K?che, ich laufe hinterher. Dann schiebt Alexander einen Stuhl vor den K?hlschrank, verfrachtet S?ren darauf und ?ffnet die T?r.

»Oh, Champagner ! Grossartig. Da hattet ihr beiden wohl bisher einen richtig netten Abend. Breathe out slowly. Very slowly through your lips. Out, understand ? Good ! Very good ! Nina, wo bleibst du !«

Nina taucht auf und stellt sich neben S?ren.

»Versuch, ihn zu beruhigen. Und h?r endlich auf zu heulen. Du musst jetzt Ruhe ausstrahlen, sonst wird er noch panischer. Ich hole meinen Koffer von oben.«

Nina tut, wie ihr geheissen, und streichelt ?ber S?rens Wange. Im Licht des K?hlschranks sieht sein Gesicht irgendwie ziemlich blau aus. Ungesund ! Kurz darauf ist Alexander mit einer Tasche wieder da, w?hlt darin und zieht schliesslich ein Fl?schchen und eine Spritze daraus hervor.

»So. Ein Gramm Cortison, dann d?rfte das Leben f?r deinen Freund gleich sch?ner aussehen. Salbutamolspray hab ich auch noch. Vielleicht krieg ich das gleich in ihn rein.«

Er nimmt S?rens Arm und sticht die Spritze hinein. Als er fertig ist, greift er S?rens beide Arme und legt sie auf dessen Oberschenkel, sodass S?ren fast schr?g im K?hlschrank liegt.

»Slowly out. Now, can you breathe in a little ?«

S?ren nickt.

»Wonderful. It’s getting better. Now take this.« Er gibt ihm eine l?ngliche runde Dose mit einem R?hrchen dran. »That’s Salbutamol. Do you know, how it works ?«

S?ren nickt wieder. Es w?rde mich zu sehr interessieren, wor?ber sich die beiden gerade unterhalten.

»Four times, okay ?«

Wieder ein Nicken.

Alexander sch?ttelt die Dose und gibt sie S?ren. Der nimmt das R?hrchen in den Mund und atmet ein. Zweimal, dreimal, viermal. Dann h?rt er auf und st?tzt sich wieder auf seine Oberschenkel. Tats?chlich klingt sein Atem nicht mehr ganz so pfeifend und wird langsam ruhiger.

Es klingelt an der T?r. Das muss der Krankenwagen sein. Alexander greift seine Tasche, geht zur Wohnungst?r und ?ffnet. Zwei M?nner in hellen Jacken kommen in den Flur.

»Guten Abend, Kollegen. Alexander Klein mein Name. Der Patient ist in der K?che. Zustand nach Status asthmaticus. Schwerer Katzenhaarallergiker. Ich bin Arzt, war zuf?llig da. Habe ihm schon ein Gramm Cortison intraven?s gegeben und eben vier H?be Salbutamol. Akute Krise ist beendet, aber er sollte in ein Krankenhaus.«

Die M?nner nicken.

»Wow. Da hat er ja Gl?ck gehabt, dass Sie gerade vorbeigekommen sind.«

»Wie man es nimmt«, erwidert Alexander knapp. »Aber ich muss jetzt leider los. Habe noch einen anderen Notfall. Etwas mit dem Herzen.«

Dann nimmt er die Tasche und seine Jacke, die noch am Haken neben der T?r h?ngt, und geht.

Notfall mit dem Herzen. Ich weiss genau, welches Herz gemeint ist. In diesem Moment tut mir Alexander sehr, sehr leid.

DREIZEHN

Nachdem die Rettungssanit?ter S?ren mitgenommen haben, ist es in der Wohnung ganz still. Nina steht immer noch wie bet?ubt in der K?che, sie tr?gt das Nachthemd, das sie sich ?bergeworfen hatte, als Alexander so ?berraschend kam. Nach einer Weile ?ffnet sie die K?hlschrankt?r, nimmt den Champagner heraus und trinkt. Und zwar direkt aus der Flasche. Ein sehr ungew?hnlicher Anblick. Soweit ich weiss, trinkt man das Zeug sonst eher aus Gl?sern.

Etwas ratlos trabe ich in Richtung Wohnzimmer. Dort ist Herr Beck nach wie vor eingesperrt. Als er mich kommen h?rt, kratzt er an der T?re.

»Hey, Kumpel ! Kannst du mich irgendwie rauslassen ?«

Ich setze mich vor die geschlossene T?r.

»Wie denn ? Die Klinke ist ganz weit oben, da komme ich nicht ran. Ich ?berlege auch gerade, ob ich nicht besser wieder abhaue. Mein Gef?hl sagt mir, dass wir hier m?glicherweise noch richtig ?rger bekommen. Nina kippt sich gerade den ganzen Champagner rein, guckt finster und sieht auch sonst nicht so aus, als w?re sie in der richtigen Stimmung, um Haustiere zu verw?hnen.«

Herr Beck sondert ein Fauchen ab.

»Nix da, hiergeblieben ! Mitgefangen, mitgehangen. Du wolltest unbedingt mit, dann kannst du dich nicht einfach so vom Acker machen und mir den ganzen ?rger ?berlassen.«

So ungern ich es zugebe– hier hat der Kater recht. Es w?re ziemlich feige, nun durch die Katzenklappe wieder zu verschwinden und so zu tun, als w?re ich gar nicht dabei gewesen. Eines echten Jagdhundes unw?rdig. Und eines guten Freundes sowieso.

Nina kommt aus der K?che, greift sich das Telefon, das mittlerweile auf dem kleinen Schr?nkchen neben der Wohnungst?r liegt, und tippt eine Nummer ein.

»Caro ? Hier ist Nina. Ich weiss, es ist schon fast zehn Uhr, aber kannst du trotzdem unbedingt kommen ? Es ist WIRKLICH dringend. ?brigens: Falls du deinen Hund vermisst, der ist hier.«

Schluck. Die Hoffnung, zumindest bei Caro und Marc wieder heimlich unterzuschl?pfen, kann ich hiermit wohl offiziell begraben. Die Frage ist nur, wie viel ?rger genau mich erwartet: ein bisschen, durchschnittlich oder richtig ?rger ?

»Also, nur, dass ich es verstehe: Dein nackter Liebhaber ist deinem Freund aus dem Kleiderschrank entgegengefallen ? Und der musste ihn dann retten ? Weil er sonst erstickt w?re ?«

Kurz nach dem Telefonat sitzt Caro in Ninas Wohnzimmer auf dem Sofa. Ich glaube, eigentlich soll sie ihre Freundin tr?sten, aber momentan klingt sie nicht mitf?hlend, sondern am?siert. Das ist f?r Nina nat?rlich doof, es erh?ht jedoch meine Chance, mit nur ein bisschen ?rger davonzukommen, deutlich. Eine gut gelaunte Caro wird bestimmt Gnade vor Recht ergehen lassen.

»S?ren ist nicht mein Liebhaber«, erkl?rt Nina trotzig.

»Verstehe. Und warum genau hat er sich nackt in deinem Kleiderschrank versteckt ?«

»Erwar mein Liebhaber. Aber ich hatte die Aff?re schon beendet.«

Herr Beck wirft mir einen vielsagenden Blick zu. Man muss kein Meister der Verh?rtechnik sein, um an diesem Punkt noch mal nachhaken zu wollen. Caro geht’s genauso.

»Tja, von aussen betrachtet – und das ist sicherlich die Sichtweise, die Alexander einnehmen wird – k?nnte man glatt denken, die Aff?re sei noch voll im Gange.« Sie grinst.

»Mann, Carolin – das weiss ich doch selbst. Deswegen versuche ich ja, es dir zu erkl?ren, aber ich habe das Gef?hl, dass dich gar nicht interessiert, wie es wirklich ist. Sollte es aber. Schliesslich bist du meine Freundin.«

Caro h?rt schlagartig auf zu grinsen.

»Tut mir leid. Das war doof von mir. Wie ist es denn wirklich ?«

Nina holt tief Luft– dann f?ngt sie zu weinen an. Auweia. Selbst der Kater schaut ratlos. Die toughe Nina in Tr?nen aufgel?st: An diesen Anblick muss ich mich erst mal gew?hnen. Caro schaut auch erschrocken, aber dann legt sie ihren Arm um Ninas Schulter und zieht sie mit einemSchhh, Schhh ganz eng an sich heran.

Nach einer Weile hat sich Nina wieder beruhigt. Caro gibt ihr ein Taschentuch, in das sie laut schn?uzt, dann beginnt Nina, ihr Herz auszusch?tten.

»Ich habe S?ren letztes Jahr in Stockholm kennengelernt.«

»War er in deiner Forschungsgruppe ?«

Nina sch?ttelt den Kopf.

»Nein. S?ren ist Bildhauer. Er hatte eine grosse Ausstellung in unserer Klinik. Da habe ich ihn das erste Mal gesehen.«

Bildhauer? Klingt brutal. Und seit wann kann es denn ein Beruf sein, etwas zu verhauen ? Noch dazu so etwas Wehrloses wie ein Bild. Na gut, es gibt auch Boxer, das habe ich schon einmal im Fernsehen gesehen. Aber die pr?geln sich gegenseitig. Und irgendwann f?llt einer um, und der andere sieht auch nicht gerade taufrisch aus, darf daf?r aber so eine Art Bauchbinde hochhalten. Ob S?ren so etwas ?hnliches macht ? Das w?rde nat?rlich erkl?ren, warum er solche Muckis hat.

»Oh, ein K?nstler. Klingt interessant.«

Klingt interessant ? Ich finde, es klingt absurd. Kunst ist doch so etwas, was Aurora macht– also, vor vielen Leuten Geige spielen. Oder meinetwegen auch, den alten von Eschersbach auf ein grosses St?ck Stoff zu malen, damit er es im Salon aufh?ngen kann. Aber ein Bild zu verhauen – was soll denn daran bitte sch?n Kunst sein ? Dieser S?ren wird mir langsam suspekt. Doch wahrscheinlich habe ich das falsch verstanden. Ist auch kein Wunder. Als Dackel ist man nicht so h?ufig im Museum.

»Ja, ein K?nstler. Seine Skulpturen sind wundervoll. Stark, wild und rau – aber auch verletzlich.« Ninas Stimme bekommt einen vertr?umten Klang, und ich frage mich, was genau Skulpturen sind. »Er hatte sie ?berall auf dem Klinikgel?nde aufgestellt. Ich habe ihn beobachtet, wie er einige von ihnen aus dem Transporter lud. Allein, wie er sie in den Armen hielt, sah so verdammt sexy aus ! So kr?ftig und z?rtlich zugleich.«

»Und lass mich raten – er fasst nicht nur Statuen kr?ftig und z?rtlich zugleich an«, sagt Caro mit einem un?berh?rbaren Grinsen und kassiert daf?r sofort einen b?sen Blick von Nina. »’tschuldigung, war nicht so gemeint«, murmelt sie daraufhin.

Aha. Ein wichtiger Hinweis ! Skulpturen scheinen Statuen zu sein. Und davon hatten wir im Schlosspark jede Menge. Engel, J?nglinge und vor dem Haupthaus sogar ein Reiterstandbild. Allerdings h?tte man keine dieser Statuen einfach durch die Gegend tragen k?nnen, daf?r sind sie eindeutig zu gross und zu schwer, selbst f?r jemanden mit Armen wie S?ren. Wenn S?ren nun hauptberuflich Stein in Statuen verwandelt, istdas nat?rlich schon eine Kunst, das sehe ich ein. Interessant finde ich, dass selbst Menschenfrauen wie Nina f?r m?nnliche Kraft empf?nglich zu sein scheinen. Ich meine, Nina lebt eigentlich nur mit dem Kopf. Sie redet viel, sie arbeitet nicht mit den H?nden, und Alexander ist von der gleichenSorte. Ich h?tte nie gedacht, dass ein Mann Nina mit Kraft beeindrucken kann. Ist aber wohl so. Wieder etwas gelernt.

»Zur Ausstellungser?ffnung waren alle Klinikmitarbeiter eingeladen. Ich kam etwas sp?ter, hatte sogar erst ?berlegt, gar nicht hinzugehen.«

»Echt ? Warum ?«

»Ach, ich war so schlecht drauf an dem Tag. Hatte mich mit Alexander am Telefon total gestritten, und in der Projektgruppe lief es gerade auch nicht optimal. Meine Laune war grauenhaft. Ich glaube, eigentlich bin ich nur zu der Ausstellung gegangen, um mich gepflegt zu betrinken. Damit habe ich dann auch unverz?glich angefangen.«

Wuff. Frauen und Alkohol. Eine Kombination, die ich nicht besonders sch?tze. Ach was: Menschen und Alkohol passen meiner Meinung nach nicht zusammen. Da ist der Mensch nun ein vernunftbegabtes Wesen, und dann tut er manchmal alles daf?r, diese Vernunft schon im Keim zu ersticken. Zwei Flaschen Wein, und der Durchschnittsmensch ist auf dem Niveau von Frau M?llers Wellensittich, jede Wette !

»Und dann ?«, erkundigt sich Caro neugierig.

»Nach dem dritten Glas Sekt fiel mir auf, dass S?ren wirklich der einzig interessante Mann auf dieser Veranstaltung war. Also habe ich mich mit ihm unterhalten. Auf Englisch, denn ich kann kein Schwedisch und er kein Deutsch.«

Sieh an, es spricht nicht jeder Mensch jede Sprache. Manchmal verstehen sie sich demzufolge nicht. Das erkl?rt auch, warum Beck und ich heute Abend kein Wort verstanden haben – Nina, S?ren und Alex haben sich in einer Art Gemeinschaftssprache f?r Menschen unterhalten.

»Smalltalk auf Englisch, wie cool !«

»Nee, gar nicht Smalltalk und gar nicht cool: Wir hatten noch keine f?nf Minuten miteinander gesprochen, da haben wir uns fast gezofft. Ich weiss nicht, wie S?ren das geschafft hat, noch dazu in einer anderen Sprache, jedenfalls hatte er mich in null Komma nix auf der Palme. Ich habe irgendeine harmlose Bemerkung gemacht, und er hat sie gleich extrem tiefsch?rfend hinterfragt. So, als ob ich v?llig naiv und ahnungslos w?re und er der grosse Meister. Das konnte ich nat?rlich nicht auf mir sitzenlassen, und schon hatten wir den sch?nsten Streit ?ber die Kunst und den Kommerz.«

Ich weiss zwar nicht genau, was Kommerz ist, aber das mit dem Streit glaube ich trotzdem sofort. Denn unsere Nina l?sst sich von niemandem die Welt erkl?ren, und schon gar nicht in diesem Englisch. Das ist so was von klar, klarer geht’s nicht. Da h?lt sie nat?rlich dagegen, drei Glas Sekt hin, drei Glas Sekt her. Teufelsweib !

»Na, das klingt nicht gerade wie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft …« Caro lacht, und auch Nina muss grinsen.

»Och, zu viel Harmonie ist auch langweilig. Wir mussten unseren Streit jedenfalls ganz dringend ausdiskutieren. Und als sich die Veranstaltung aufgel?st hat, sind wir in die n?chste Kneipe weitergezogen. S?ren war mittlerweile zum Thema Freiheit und der Sozialismus skandinavischer Pr?gung ?bergegangen. Da habe ich ihn gek?sst. Ich konnte nicht anders. Warum, weiss ich auch nicht mehr so genau.«

»Vielleicht wolltest du, dass er aufh?rt zu reden.«

Nina kichert.

»Kann sein. Ist ja auch nicht so ein sexy Thema. Jedenfalls k?sste ich ihn, und dann k?sste er mich, und ich dachte mir nur: WOW ! Es war, als ob ich an eine Hochspannungsleitung gefasst h?tte.«

Dieses Gef?hl kann ich nur zu gut nachempfinden. Als Cherie mir das erste Mal ?ber meine Schnauze geschleckt hat, dachte ich auch, mich h?tte der Schlag getroffen. Gleichzeitig machte mein Herz einen Riesensatz, so, als wollte es aus meinem Maul hinaush?pfen. Wenn es mit S?ren genauso war, dann muss es Liebe sein. Oje, die arme Nina ! Hat nur ein Herz, aber zwei M?nner.

Caro sagt erst mal nichts, sondern macht nur grosse Augen.

»Jedenfalls haben wir dann eine ganze Weile rumgeknutscht, bis sie in der Kneipe auch irgendwann schliessen wollten. Da war mir aber schon klar, dass ich gern die Nacht mit S?ren verbringen will.«

Caro schnappt h?rbar nach Luft.

»Mensch, Nina – hast du denn ?berhaupt nicht an den armen Alexander gedacht ?«

Nina zuckt mit den Schultern.

»Nein. Eigentlich nicht mehr. Zu Beginn des Abends schon, aber da war ich auch noch so sauer auf Alex, dass ich kein schlechtes Gewissen beim Flirten hatte.«

»Aber wor?ber hast du dich so mit ihm gestritten ?«

»Alexander w?re es am liebsten gewesen, ich w?re jeden Freitag in den Zug nach Hamburg gestiegen. Er hingegen hat mich in der ganzen Zeit vielleicht ein-oder zweimal besucht. Es musste immer alles nach seinem Dienstplan gehen. Dass ich in Stockholm auch totalen Stress hatte, hat ihn nie interessiert, den Herrn Doktor.«

»Bist du nicht ein bisschen ungerecht ? Alexander ist doch immer sehr stolz auf deinen Job. Er hat jedenfalls allen hier st?ndig von deinem Forschungsprojekt erz?hlt und was f?r eine tolle Wissenschaftlerin du bist.«

Nina zuckt mit den Schultern.

»Weiss nicht. Mein Gef?hl war jedenfalls, dass sich bei uns immer alles um den Halbgott in Weiss drehte.«

Halbgott in Weiss ? Wer soll das denn nun schon wieder sein ? Gott ist eine Art h?heres Wesen und sozusagen der Chef vom Ganzen, so viel habe ich aus Gespr?chen der Menschen untereinander schon mitbekommen. Er hat auch einen Sohn, Jesus, der ihn auf der Erde vertritt. Gerade an Weihnachten wurde viel ?ber die beiden gesprochen. Irgendwie hing da auch noch der Weihnachtsmann mit drin, vielleicht als eine Art Abteilungsleiter ? Von einem Halbgott habe ich aber noch nie geh?rt – ob das wohl eine weitere Hierarchieebene ist ? Gewissermassen Gott, Jesus, Weihnachtsmann, Halbgott ? Und was hat das mit dem Stockholm-Aufenthalt von Nina zu tun und damit, dass Alex sie nie besuchen wollte ? Seltsam, seltsam.

»Aha. Also war S?ren Rache ?«, will Caro wissen.

Nina sch?ttelt den Kopf.

»Nein, so nun auch wieder nicht. Aber ich f?hlte mich irgendwie im Recht. Jedenfalls sind wir dann aus der Kneipe gewankt, beide ziemlich betrunken, und S?ren hat mich gefragt, ob ich noch mit zu ihm kommen wollte, er w?rde nicht weit weg wohnen. Ich hatte nichts dagegen.«

Jetzt sch?ttelt Caro den Kopf.

»Auweia, Nina !«

»Ich bin die ganze Nacht bei ihm geblieben. Ehrlicherweise erinnere ich mich nur noch bruchst?ckhaft – aber diese St?cke sind wundersch?n. Wir haben viel geredet und gelacht. Na ja. Nat?rlich nicht nur.« Sie macht eine Pause und seufzt.

Carolin lacht.

»Schon klar. Erspare mir die Details.«

»Irgendwann sind wir dann eingeschlafen. Als ich morgens wach wurde, f?hlte ich mich seltsamerweise immer noch gut. Dieses Gef?hl hielt allerdings nur bis zum Fr?hst?ck. Auf dem Weg in die K?che stolperte ich n?mlich ?ber Gegenst?nde, die eindeutig Kindern geh?rten. Kleinen Kindern. Davonhatte S?ren kein Wort erw?hnt. Ich war fassungslos, habe sofort mein Zeug zusammengesucht und bin abgehauen.«

Gut. Das mit den Kindern ist wahrscheinlich ein Punkt, den sich Menschen normalerweise erz?hlen, wenn sie sich kennenlernen. Wobei es sehr f?r S?rens Menschenkenntnis spricht, dass er es nicht getan hat. Schliesslich hat Nina doch diese Kinderallergie. Zwar nicht so stark wie S?rens Katzenallergie – schliesslich musste sie noch nie ins Krankenhaus, wenn sie Henri auf dem Arm gehalten hat, und eine Spritze musste ihr Alexander deswegen auch noch nicht geben. Trotzdem ist ihre Allergie doch so ausgepr?gt, dass sie es mit Kindern nie lang aush?lt. Wahrscheinlich w?re sie also mit S?ren gar nicht mitgegangen, wenn sie gewusst h?tte, dass er mit kleinen Kindern zusammenwohnt.

»Ja, aber wieso ging die Geschichte dann ?berhaupt weiter ?«, will Caro wissen. »Nach diesem Klopper gab es doch gar keinen Grund, diesen Typen noch ein einziges Mal zu sehen.«

Stimmt. Da hat Caro vollkommen recht. Denn die Kinder ist der doch vermutlich nicht einfach losgeworden.

»S?ren liess nicht locker. Er rief mich im Krankenhaus an, immer wieder. Wollte wenigstens noch einmal mit mir essen gehen. Mir alles erkl?ren. Irgendwann habe ich nachgegeben. Denn ehrlicherweise musste ich sowieso st?ndig an ihn denken.«

»O Mann, Nina ! Ein Typ mit Kindern !«, st?hnt Caro.

»Ja, ich weiss. Jedenfalls waren wir dann essen, und er hat mir ganz offen erz?hlt, dass er verheiratet ist und zwei Kinder hat. Und dass es mit seiner Frau schon lange nicht mehr gut l?uft.«

»Und das hast du geglaubt ? Das ist doch so platt, platter geht es nicht !«

»Ich habe ihn gefragt, warum er das nicht gleich gesagt hat. Er hat das mit einer Gegenfrage beantwortet – n?mlich, ob ich eigentlich einen Freund h?tte. Tja, von Alexander hatte ich ihm tats?chlich auch nicht erz?hlt. Und da sassen wir dann, wir beiden Betr?ger. Es f?hlte sich furchtbar an und gleichzeitig wundersch?n. Ich hatte mich in ihn verliebt.«

»Und dann ?«

»Von da an haben wir uns getroffen. Erst ganz selten, dann immer h?ufiger. Ich war gl?cklich, mit S?ren zusammen zu sein. Aber gleichzeitig wurde mir immer klarer, dass es so nicht ewig weitergehen w?rde. Ich hatte mittlerweile auch Alexander gegen?ber ein m?rderschlechtes Gewissen. Also sagte ich S?ren, dass wir uns entscheiden m?ssten. Entweder w?ren wir ein Paar, dann m?ssten wir uns beide von unseren Partnern trennen. Oder wir k?nnten uns nicht mehr sehen.«

»Lass mich raten – von seiner Familie wollte er sich dann aber doch nicht trennen.«

»Genau. Er sagte, er liebe mich ?ber alles, aber das k?nne er seinen Kindern nicht antun. Da habe ich Schluss gemacht. Und seitdem ganz schlimmen Liebeskummer. Insofern ist es auch gut, dass Alexander jetzt Bescheid weiss. Es w?re sowieso nicht l?nger gutgegangen. Egal, was aus S?ren und mir noch wird – dass ich mich so in ihn verliebt habe, heisst wohl, dass es zwischen mir und Alexander nicht mehr stimmt.«

»Puh ! Das ist wirklich ein Gest?ndnis ! Aber nun verstehe ich auch, warum du in letzter Zeit so schlecht auf das Thema Liebe und Hochzeit zu sprechen bist. Ich meine, du hast es mal angedeutet – aber dass es so dramatisch ist, h?tte ich nat?rlich nicht gedacht.«

Nina nickt.

»Ja, es war mir unangenehm, mit dir dar?ber zu sprechen. Ich sehe wirklich nicht gut aus in dieser Geschichte, das weiss ich schon selbst.«

»Und wie geht es weiter ?«

»Keine Ahnung. Sch?tze mal, ich bin jetzt wieder Single. Alexander kann ich nun wirklich nicht mehr unter die Augen treten. Und was S?rens Besuch anbelangt: Ich wusste eigentlich vorher, dass das eine Schnapsidee ist. Aber er wollte so gern kommen, und ich habe ihn so vermisst. Na ja. Ich werde ihn nachher mal im Krankenhaus besuchen.«

»Mitten in der Nacht ?«

»Ich glaube nicht, dass S?ren heute besonders gut schlafen kann.«

»Kein Schlaf des Gerechten ? Dann nimm ihm doch den restlichen Schampus mit.« Caro kichert.

»Ha, ha ! Sehr witzig.«

»’tschuldigung. Konnte ich mir nicht verkneifen. Klar, fahr ihn besuchen, da freut er sich bestimmt. War f?r ihn bestimmt einer der schlimmsten Abende seines Lebens. Wobei er es verdient hat. Genau genommen habt ihr es beide verdient.«

»Schon gut. Das weiss ich ja selbst. Und dass ihn ausgerechnet Alexander dann noch retten musste – was f?r eine unglaubliche Geschichte ! Unglaublich furchtbar. Ich lege an dieser Stelle ein Gel?bde ab: Nie wieder fremdgehen ! Viel zu stressig.«

»Sehr gut, ich bin deine Zeugin und erinnere dich beizeiten daran.«

»Eine Sache w?rde mich allerdings brennend interessieren.«

»Und zwar ?«

»Wie kam der fette Kater in den Kleiderschrank ? Du hast ihn doch heute Morgen mitgenommen. Also: Wie haben es Herkules und Beck geschafft, bei euch zu t?rmen und sich zu mir durchzuschlagen ? Und vor allem: warum ?«

Caro zuckt mit den Schultern.

»Ich habe nicht die geringste Ahnung. Aber dies ist definitiv einer der Momente, in denen ich w?nschte, der Dackel k?nnte mit mir sprechen.«

VIERZEHN

Das Wochenende verbringe ich damit, mich wie ein ganz normales Haustier zu verhalten. Fressen, schlafen, spielen, ab und zu mal einen Baum anpinkeln– keine Extravaganzen. Nach der Aktion mit Beck stehe ich hier unter Dauerbeobachtung, und ich f?rchte, wenn ich mir noch eine Schote leiste, werden sie mich irgendwann auch in der Wohnung anleinen.

Nur Luisa ist stolz darauf, dass ihr Dackel offensichtlich?ber aussergew?hnliche Begabungen verf?gt. Vergn?gt erz?hlt sie ihren Freundinnen am Telefon von meinem abendlichen Ausflug – wobei sie wesentliche Details wie den nackten Liebhaber im Kleiderschrank gar nicht kennt, die hat Caro n?mlich nur Marc erz?hlt. Der hat daraufhin den Kopf gesch?ttelt und etwas gemurmelt, das wieWeiber klang.

Und so h?tte der Sonntag auch ein sehr friedlicher Sonntag werden k?nnen, wenn nicht Hedwig ihren Besuch f?r nachmittags angek?ndigt h?tte. Seit ihrem Anruf ist die Stimmung im Hause Neumann-Wagner irgendwie – angespannt !

»Marc, ich m?chte, dass du deiner Mutter endlich klipp und klar sagst, dass sie sich aus unseren Hochzeitsvorbereitungen raushalten soll !«

»Das habe ich ihr doch l?ngst gesagt, Spatzl.«

Marcs Stimme klingt beschwichtigend. Das nutzt ihm aber nichts, Caro bleibt hart.

»Offenbar nicht deutlich genug. Sie hat mich vorgestern gefragt, ob du schon mit mir gesprochen h?ttest. Das klang eher so, als solltest du mich ?berreden, so zu feiern, wie sie sich das vorstellt.«

Marc seufzt. Tief.

»Ich habe es dir doch schon gesagt – Hedwig war ein bisschen verschnupft, weil sie von Luisa erfahren hat, dass wir erstens ?berhaupt diesen Sommer heiraten wollen und zweitens das Ereignis im ganz kleinen Kreis stattfinden soll. Es w?re wahrscheinlich besser gewesen, wir h?tten ihr das gleich gesagt.«

Caro schnaubt.

»Was denn gleich gesagt ? Wir wissen doch selbst noch nichts Genaues und haben mit der Planung gerade erst angefangen. Ihr kann es doch v?llig egal sein, ob wir zehn, hundert oder f?nfhundert Leute einladen. Sie wird in jedem Fall dabei sein. Ich fand es v?llig in Ordnung, sie erst zu informieren, wenn alles steht.«

»Ist ja gut, nun werd doch nicht so heftig !« Marc hebt beschwichtigend die H?nde.

»Ich werde nicht heftig !«

Wird sie wohl. Komisch, warum geht sie bei diesem Thema immer so an die Decke ? Marc sagt nichts mehr, sondern schnappt sich die Zeitung vom Wohnzimmertisch und setzt sich zum Lesen auf das Sofa.

»Hey, was ist jetzt ? Redest du gleich mit deiner Mutter oder nicht ?«

»Ja, ich rede mit ihr. Versprochen. Ich verstehe nur nicht, warum du so ein Drama daraus machst.«

»Ganz einfach: Weil es ein Drama ist ! Deine Mutter will alles bestimmen, selbst Sachen, die sie nun wirklich nichts angehen.«

»Also, neulich hast du dich noch aufgeregt, weil du das Gef?hl hattest, meine Mutter w?rde Sabine f?r die bessere Schwiegertochter halten. Nun ist sie entt?uscht, weil wir unsere Hochzeit nicht gross feiern wollen, was doch wohl eindeutig ein Zeichen daf?r ist, wie sehr sie sich ?ber unsere Heirat freut – nun passt dir das auch wieder nicht. Langsam glaube ich, du hast etwas gegen meine Mutter.«

Wuff, Vorsicht ! Dieser Streit geht in eine Richtung, die ich als Menschenkenner f?r gef?hrlich halte. DieDeine Mutter-Diskussion f?hrt bestimmt geradewegs in einen Riesenzoff ! Ich kann sp?ren, wie meine Rute anf?ngt zu jucken. Kein gutes Zeichen, ?berhaupt kein gutes Zeichen !

Das scheint sich auch Caro zu denken, denn jetzt h?lt sie kurz die Luft an, l?chelt dann, setzt sich neben Marc, nimmt ihm die Zeitung weg und k?sst ihn.

»Quatsch, mein Lieber. Nat?rlich mag ich Hedwig, schliesslich verdanke ich ihr dich !«

Marc gibt ein langgezogenesMhhmmm von sich, zieht Caro ganz dicht an sich heran, und schwupps liegen die beiden auf dem Sofa und k?ssen sich weiter. Hach, ein sch?nes Bild !

Findet Luisa allerdings gar nicht. Als sie mit Henri an der Hand ins Wohnzimmer spaziert kommt, ruft sie sofort:»Iieeeh, voll peinlich, ihr ! H?rt mal auf ! Hier sind Kinder im Raum !«

Marc und Caro richten sich lachend wieder auf.

»Na h?r mal, Luisa, die H?lfte der hier anwesenden Kinder g?be es ohne unser Gekuschel gar nicht«, bemerkt Marc grinsend.

Aber Luisa verdreht nur die Augen, murmeltEcht jetzt und geht wieder raus. Henri hingegen krabbelt auf allen vieren zu seinen Eltern, um sich auch ins Get?mmel zu st?rzen. Und schon liegen die drei ineinander verknotet auf der Couch, kitzeln sich gegenseitig, lachen und juchzen. Ob da auch noch ein Pl?tzchen f?r mich ist ? Ich taxiere kurz eine m?gliche Stelle zur Landung, dann springe ich hoch und schlabbere Caro durchs Gesicht. Die quiekt zwar vor ?berraschung, schmeisst mich aber nicht runter. Herrlich, so ein menschlich-tierisches Rudel !

Die Wohnungst?r im Flur schliesst sich mit einem lauten Knall. Marc setzt sich auf.

»Nanu ? Ist Luisa etwa gegangen ?«

»Scheint so. Kein Wunder, wer will schon seinen Sonntag mit so peinlichen alten Leuten wie uns verbringen ?«

»Trotzdem – abmelden k?nnte sie sich wenigstens noch. Moment, ich schau mal nach ihr.«

Marc springt auf und l?uft auf die andere Seite der Wohnung. Wenn man dort im Badezimmer das Fenster ?ffnet, kann man auf die Strasse gucken.

»Hey, Luisa«, h?ren wir ihn rufen, »wo willst du denn hin ?« Die Antwort verstehen wir nicht, auf alle F?lle ist sie kurz. »Ja, ist in Ordnung. Aber sag demn?chst bitte Bescheid, wenn du das Haus verl?sst.«

Marc kommt zur?ck ins Wohnzimmer. Caro schaut ihn fragend an.

»Wohin will sie denn ?«

»Zum B?cker. Kuchen kaufen f?r Hedwigs Besuch. An sich ja keine schlechte Idee.«

»Stimmt. Aber das kann sie doch einfach sagen.«

»Tja. Vielleicht kommen wir langsam in die Pubert?t.«

»Mit elf ? Ein bisschen fr?h, oder ?«

Marc zuckt mit den Schultern.

»Weiss nicht. Ist ja mein erstes Kind. Aber wenn ich Luisa von der Schule abhole, dann habe ich schon das Gef?hl, dass die heute alle ein bisschen fr?her dran sind. Mit allem. Wenn nicht Pubert?t, dann irgendetwas, was direkt davor kommt.« Er seufzt.

Pubert?t ? Was ist das denn ? Eine Art Krankheit ? Gar eine Kinderkrankheit ? So wie die Windpocken, die Luisa vorletzten Sommer hatte ? Davon soll es ja einige geben; Hedwig hatte damals noch von Krankheiten erz?hlt, die so lustige Namen wie Mumps oder R?teln hatten. Es gibt da jedoch eine besondere Medizin, damit man gar nicht erst krank wird. Impfen heisst das und wird auch bei Hunden angewandt. Ich kann ein Lied davon singen, denn an das Brennen der Spritze bei der Tollwutimpfung kann ich mich nur zu gut erinnern. Hedwig hatte jedenfalls geschimpft, weil Luisa nicht gegen Windpocken geimpft war. Offensichtlich sind Marc und Caro da nachl?ssig und haben bestimmt auch nicht gegen Pubert?t geimpft. Deswegen m?ssen sie sich nun Sorgen machen. Selbst schuld also, aber vielleicht ist es noch nicht zu sp?t, und man k?nnte Luisa noch dagegen impfen.

»Och, Vatti, hast du es so schwer ?«, zieht ihn Caro auf.

Marc schneidet eine Grimasse und nickt heftig.

»Und ob. Wie du selbst schon festgestellt hast, bin ich in meiner Familie umringt von schwierigen Frauen: Luisa, Hedwig – dich nicht zu vergessen ! Wie gut, dass ich jetzt wenigstens mit Henri einen Mann an meiner Seite weiss !«

»Frechheit !«, ruft Nina gespielt emp?rt und versetzt Marc einen Stoss in die Rippen. Das finde ich allerdings auch – denn noch vor Henri war doch wohl eindeutig ich der Mann an Marcs Seite. St?ndig werde ich hier unter Wert verkauft, und wie gern w?rde ich nun beweisen, dass ich hier nicht nur das dumme Haustier bin. Lasse es aber, schliesslich – siehe oben – muss ich die n?chsten Tage wohl auf betont harmlos machen.

Eine ganze Weile sp?ter klingelt es. Vermutlich Luisa und der Kuchen. Hoffentlich eine ganz kr?melige Sorte, denn dann sind meine Chancen, etwas abzubekommen, nicht schlecht. Schneller als der Staubsauger bin ich auf alle F?lle !

Diesmal steht Caro auf und geht zur T?r.

»Oh, hallo ! Na, dann kommt mal alle rein.«

Alle ? Redet Caro mit dem Kuchen ? Sehr ungew?hnlich. Und wonach riecht das hier auf einmal so intensiv ? Diesen Geruch kenne ich doch … es ist … hm …

Zwei Sekunden sp?ter ist klar, dass sich mein Frauchennicht mit einem St?ck M?rbeteig unterhalten hat. Im Wohnzimmer erscheint tats?chlich Luisa, aber dicht gefolgt von Hedwig und Daniel. UND Cherie ! Mit einem lauten WUFF springe ich vom Sofa und st?rze auf sie zu.

»Cherie, was machst du denn hier ?«

Sie schaut mich aus ihren grossen braunen Augen an.

»Hallo, Herkules ! Das ist eine sehr, sehr lange Geschichte. Erz?hl ich dir sp?ter.«

Ja, sp?ter ist wahrscheinlich besser. Denn gerade habe ich vor Aufregung so starkes Ohrenrauschen, dass ich wahrscheinlich nur die H?lfte der Geschichte verstehen w?rde. Auch Marc ist mittlerweile aufgestanden.

»Hallo, Mutter. Hallo, Daniel. Das ist ja eine ?berraschung !«

»Wir haben uns alle beim B?cker getroffen«, erkl?rt Hedwig. »Ich wollte Kuchen f?r meinen Besuch besorgen.«

»Und ich verbringe den Tag in der Werkstatt und hatte schlicht Hunger«, erg?nzt Daniel.

»Und ich hatte die tolle Idee, dass gleich alle mitkommen !«, erkl?rt Luisa fr?hlich.

»Ja, warum nicht ? So ein Sonntagskaffee in gr?sserer Runde hat doch was. Ich setz mal Kaffee auf«, beschliesst Caro und verschwindet Richtung K?che.

»Luisa, hilf Caro bitte und deck hier im Wohnzimmer auf. Du kannst Teller und Tassen auch auf den Couchtisch stellen.«

Luisa verdreht die Augen.

»Mann, immer ich. Mach du doch auch mal was. Ich bin doch nicht das Dienstm?dchen !«

Wuff, warum ist sie denn auf einmal so eine Zicke ? Sie ist doch sonst ein sehr hilfsbereites Kind.

»Und ich bin nicht dein Butler !«

Marc guckt sie scharf an, sie st?hnt noch einmal herzzerreissend, trabt dann aber auch in die K?che, wo der Geschirrschrank steht. Also, wenn Pubert?t tats?chlich eine Krankheit ist, dann hat sie Luisa schon. Impfen zwecklos.

Kurz darauf sitzen oder liegen wir alle um den Couchtisch herum. Die Menschen essen Kuchen oder in Henris Fall Banane. Wir Hunde schlabbern die entstehenden Kr?mel vom Boden auf. Ein ganz entspannter Sonntagnachmittag. Oder besser: Esk?nnte ein ganz entspannter Sonntagnachmittag sein, wenn ich nicht so wahnsinnig aufgeregt w?re. Meine Nase kribbelt wie verr?ckt, und das Ohrenrauschen legt sich auch nur sehr langsam. Ich rutsche noch ein bisschen n?her an Cherie heran und geniesse die W?rme, die von ihrem K?rper ausgeht.

»Nun sag doch mal, was f?r eine lange Geschichte gibt es denn zu erz?hlen ?«, frage ich sie neugierig.

»Ach, mein Frauchen spinnt mal wieder«, beginnt Cherie in einem sehr leidenden Ton, der nichts Gutes vermuten l?sst.

Tats?chlich ist ihr Frauchen Claudia sehr sprunghaft. Nett, aber unberechenbar. Ich kenne sie nicht besonders gut, aber das war mir auch schon aufgefallen. Als ich Cherie vor zwei Jahren an der Alster zum ersten Mal traf, hatte Claudia gerade einen Typen kennengelernt. Und kaum war es mir endlich gelungen, mich mit Cherie anzufreunden, schon zog Claudia mit dem Mann zusammen, und sie und Cherie waren von einem auf den anderen Tag wie vom Erdboden verschluckt.

Genauso pl?tzlich tauchten sie allerdings auch wieder auf, als mit dem Kerl Schluss war. Cherie erz?hlte, dass Claudia nachts aus der gemeinsamen Wohnung get?rmt ist – so schlecht wurde sie dort behandelt. Dann lernte sie Daniel kennen. Und kurz darauf lieben. Zack, schon zogen die beiden in einen Vorort namens Volksdorf. Wenn ich bedenke, wie lange es bei Caro gedauert hat, ihr Herz an Marc zu verschenken, dann geht bei Claudia wirklich immer alles in Lichtgeschwindigkeit. Doch vielleicht ist das nicht unbedingt ein Erfolgsrezept.

»Claudia hat bis vor Kurzem noch in einer Boutique gearbeitet und Kleidung verkauft. Das war ein super Job, ich durfte sogar mitkommen und hatte in dem kleinen B?ro neben dem Verkaufsraum meinen Korb stehen. Dann fing sie auf einmal mit Yoga an, und mittlerweile ist es das Einzige, was ihr noch wichtig ist.«

Cherie klingt sehr traurig, und ich schlecke ihr zum Trost einmal an der Schnauze entlang. Wuff, was f?r ein tolles Gef?hl ! Ich schlecke gleich noch einmal, und Cherie l?sst es sich gefallen. Wahnsinn ! Ich glaube, ich bin s?chtig danach – verglichen damit bedeutet mir Fleischwurst rein gar nichts. Dann bem?he ich mich allerdings um geregelte Konversation. Cherie soll nicht denken, dass mich ihre Sorgen nicht interessieren.

»Yoga ?«, frage ich also nach. »Davon hat Daniel erz?hlt. Er lag neulich im Vorgarten und hat sehr seltsame Dinge veranstaltet.«

»Tja, dann k?nnt ihr nur hoffen, dass es ihn nicht so packt wie Claudia. Die hat auch erst einen ganz harmlosen Kurs besucht. Dann hat sie es immer ?fter zu Hause ge?bt und irgendwann Daniel zu einem Seminar geschleppt. Das ging ?ber mehrere Tage, ich musste solange zu einer Freundin. Und jetzt arbeitet Claudia gar nicht mehr in der netten Boutique, sondern organisiert mit ihrem Yoga-Lehrer Swami selbst Kurse. Und die wiederum finden nun am Wochenende immer bei uns zu Hause statt, und weil der doofe Swami Angst vor Hunden hat und ihn sowieso alles st?rt, was nicht mit Yoga zu tun hat, haben Daniel und ich an diesen Tagen praktisch Hausverbot. Kannst du dir so etwas vorstellen ? Ein Hund, der nicht in der Wohnung seines Frauchens sein darf ? Das ist doch ein Skandal !«

»Stimmt«, gebe ich Cherie recht, denn das ist wirklich ungew?hnlich. Ungew?hnlich ist aber auch, dass Daniel sich das bieten l?sst. Ich glaube nicht, dass Marc hier am Sonntag immer das Feld r?umen w?rde. Irgendetwas stimmt doch bei Daniel und Claudia nicht – den Verdacht hatte Caro ja auch schon. Wenn es allerdings dazu f?hrt, dass ich Cherie nun endlich wieder h?ufiger sehe, soll es mir sehr willkommen sein. Ich bin schliesslich f?r mein eigenes Herz zust?ndig, das von Daniel interessiert mich nur am Rande. Und meinem Herzen geht es gerade ziemlich gut.

»Sag mal, Mutter, ich wollte noch mal ?ber die Hochzeit mit dir sprechen«, beginnt Marc nun pflichtschuldig mit dem Thema, das Caro ihm vorhin aufgetragen hatte. Allerdings kann ich schon an seiner Stimme erkennen, wie wenig erpicht er darauf ist.

W?hrend sich Marc also qu?lt und ich sehr zufrieden vor dem Tisch liege und Cherie anschmachte, tritt mir Caro einmal fast auf die Rute, erwischt aber nur die Haare an der Spitze. Jaul, das ziept ! Anstatt sich bei mir zu entschuldigen, guckt sie nur kurz – und tritt dann Marc vor das Schienbein. Was soll das denn ? Marc beugt sich etwas zu ihr vor.

»Hey, was ist los ?«, fl?stert er in Caros Ohr.

»Nicht dieses Thema«, zischt Caro zur?ck.

»Aber ich sollte meine Mutter auf die Hochzeit ansprechen, schon vergessen ?«

»Ja – aber doch nicht, wenn Daniel danebensitzt. Ich habe ihm noch gar nicht …« Sie bringt den Satz nicht zu Ende.

»Oh – ihr wollt heiraten ?«, fragt Daniel erstaunt.

»Sehen Sie, Daniel, Sie hatten auch noch nichts davon geh?rt, oder ?«, ergreift Hedwig das Wort.

»Nein«, best?tigt Daniel, »das ist mir v?llig neu.«

»Tja, das liegt wohl daran«, kl?rt ihn Hedwig auf, »dass Carolin und mein Sohn nur ein sehr, sehr intimes Fest planen. Ich finde es ja schade, aber ich werde nat?rlich nicht gefragt.«

Daniel schaut Caro erstaunt an.

»Du willst heiraten und mich nicht dazu einladen ? Mich, deinen ?ltesten Freund ?«

Ich versuche, einen Blick auf Caros Gesicht zu erhaschen. Tats?chlich, ihre Gesichtsfarbe wird deutlich dunkler.

»?h, nein, so stimmt das doch gar nicht. Wir wissen noch gar nicht genau, wie wir feiern wollen. Aber eine Riesenfeier wird es wohl eher nicht werden. Das w?re mittlerweile auch rein organisatorisch gar nicht mehr drin – wir wollen im Sommer feiern, und es ist schon April.«

»Also, an der Zeit soll es nicht liegen. Ich k?nnte euch mit der Organisation helfen«, bietet Hedwig sofort an. »Dann bekommen wir bis zum Sommer bestimmt noch eine sehr sch?ne Feier hin. Ich habe heute schon mal mit meinen Chorschwestern gesprochen, die h?tten zum Beispiel grosse Lust, euch mit musikalischer Begleitung eine Freude zu machen. Ihr wollt doch kirchlich heiraten, oder ? Das fand ich schon bei deiner ersten Hochzeit sehr stimmungsvoll, Marc. Gut, dass wir evangelisch sind, da hast du ja noch ein paar Versuche frei.«

Hedwig l?chelt, Marc verzieht das Gesicht, und Caro sieht aus, als habe sie auf etwas sehr Saures gebissen.

Davon g?nzlich unbeeindruckt redet Hedwig munter weiter.

»Wann genau im Juni soll es noch mal sein ?«

»Im Juni ?« Daniel klingt fassungslos. »Und du hast mir noch nichts erz?hlt ? Jetzt bin ich schon ein bisschen … na ja, entt?uscht.«

Ich kann Caros Schweiss riechen, das Ganze ist ihr sehr unangenehm.

»Ich wollte es dir erz?hlen, aber ich habe noch nicht … ?h …«

»Was hast du noch nicht ?«

»?h … ?h …«

Caro scheint von einer Art Sprachl?hmung befallen.

»Sie hat noch nicht den passenden Moment gefunden«, springt Marc in die Bresche, »denn ich hatte sie gebeten zu warten, weil ich … ?h …«

Auch Sprachl?hmung ? Leute, langsam wird es peinlich ! Gebt doch einfach zu, dass ihr Daniel nicht dabeihaben wollt, sondern lieber mit drei doofen Schafen zusammen auf einem Leuchtturm genau in der Mitte von Garnichts heiraten w?rdet. Marc r?uspert sich. Los, Mann, gestehe !

»Sie hat dir noch nichts gesagt, weil ich dich fragen wollte, ob du mein Trauzeuge werden willst. Das wollte ich nat?rlich von Mann zu Mann machen, bei einem sch?nen Bier. Aber jetzt ist es ja raus. Also, wie schaut’s aus, Daniel: Willst du mein Trauzeuge werden ?«

H? ? Langsam verstehe ich hier ?berhaupt nichts mehr. Ich denke, er wollte irgendeinen omin?sen Georg fragen. Wie kommt er denn auf einmal auf Daniel ?

Daniel guckt ebenso?berrascht wie ich. Dann nickt er langsam und klopft Marc auf die Schulter.

»Danke, Mann. Das ehrt mich. Mach ich nat?rlich gern.«

F?NFZEHN

Und Tante Inge ? Ihr wollt doch nicht etwa Tante Inge nicht einladen. Marc, sie ist immerhin deine Patentante !«

Der Kuchen ist l?ngst aufgegessen, das nachfolgende Abendbrot schon abger?umt, Henri schl?ft, Luisa liegt auch im Bett, Daniel und Cherie sind gegangen – aber Hedwig werden wir einfach nicht los. Seitdem Daniel das unselige H-Wort in den Mund genommen hat, scheint sie an unserem Sofa zu kleben. Marc hat schonein paar Anl?ufe genommen, ihr deutlich zu machen, dass sie nicht das Festkomitee f?r die Hochzeit ist. Vergeblich. Carolin rollt schon wieder mit den Augen, sch?tze mal, es wird nicht mehr lange dauern, und sie geht an die Decke.

»Hedwig, echt jetzt !«

Richtig gesch?tzt. Hat nicht mehr lang gedauert.

»Wenn wir eine kleine, intime Hochzeitsfeier wollen, dann ist das eindeutig unsere Sache. Ich freue mich, dass du so Anteil nimmst, aber die G?steliste musst du schon Marc und mir ?berlassen !«

Hedwig schnappt nach Luft und sieht sich hilfesuchend nach ihrem Sohn um. Der versucht ganz offensichtlich, sich m?glichst klein zu machen, aber damit kommt er bei keiner der Damen durch.

Carolin funkelt ihn b?se an.

»Sag du doch auch mal was dazu,Schatz !«

Marc zieht den Kopf noch mehr zwischen die Schultern, antwortet jedoch.

»Ja, also, Mutter – Carolin hat ganz recht. Wir wollen eine kleine Feier, eigentlich nur im engsten Kreis.«

»Ach, und deine Patentante geh?rt nicht dazu ? Das ist nicht dein Ernst ! Ich weiss noch genau, als du so furchtbare Koliken hattest als Baby, und ich hatte n?chtelang nicht geschlafen, und Inge ist extra gekommen, obwohl wir nicht mal ein G?stezimmer hatten, dein Vater war ja noch Assistenzarzt und verdiente wenig Geld, aber Inge war es egal, sie hat auch auf dem Sofa geschlafen, jedenfalls hat sie dich die ganze Nacht rumgetragen und sich um dich gek?mmert, damit ich mal zu Kr?ften kommen konnte, eine Riesenhilfe war das von der Inge, ich weiss gar nicht, wie ich ohne sie … Ach, du warst so ein s?sses Baby, und ich …«

Hedwig redet, ohne Luft zu holen. Erstaunlich, wie viele Worte aus dieser?lteren Dame ohne jegliche Pause herausstr?men k?nnen.

Rums ! Marc haut mit der flachen Hand auf den Couchtisch.

»Mutter ! Jetzt ist es mal gut ! Ich verstehe, was du meinst. Aber bitte respektiere unseren Wunsch !«

Hedwig kneift die Augen zu ganz schmalen Schlitzen zusammen.

»Nun schrei mich doch nicht an ! Ich will euch doch nur helfen. Aber bitte – wenn meine Hilfe nicht gew?nscht wird, dann eben nicht. Ich muss mich nicht aufdr?ngen. Ich dachte, ihr seid froh. Sabine war damals sehr froh ?ber meine Hilfe. Es ist ein sehr sch?nes Fest geworden. Und Sabine und ich sind uns ?ber die Vorbereitungen sehr nahegekommen. Hier bin ich dagegen offenbar immer unerw?nscht.«

Carolin seufzt und sch?ttelt den Kopf.

»Nein, Hedwig, du bist nat?rlich nicht unerw?nscht. Ich weiss ja, dass du uns nur helfen willst. Das finde ich auch sehr nett von dir. Und wenn es dir so wichtig ist, dann k?nnen Marc und ich ja noch einmal dar?ber nachdenken, ob wir doch ein bisschen gr?sser feiern, okay ?«

Von jetzt auf gleich beginnt Hedwig zu strahlen, als ob man eine Lampe in ihr angeknipst h?tte.

»Das ist doch eine gute Idee ! Genau – denkt mal dr?ber nach.«

»Machen wir, versprochen.«

Huch, warum ist Carolin denn auf einmal so weichgesp?lt ?

Als Hedwig sp?ter gegangen ist, stellt Marc Caro genau meine Frage.

»Sag mal, Schatz – was war denn auf einmal mit dir los ? Ich werfe mich tapfer dem Feind entgegen, und dann kommst du und sagst, dass wir noch einmal dr?ber nachdenken ? Das habe ich nicht ganz verstanden.«

»Ach, als sie sagte, dass sie sich damals mit Sabine bei der Hochzeitsplanung so nahgekommen ist, hat es mir irgendwie einen Stich gegeben. Weil ich doch immer das Gef?hl habe, dass sie Sabine lieber mag als mich. Und da dachte ich mir, vielleicht verpasse ich wirklich eine Chance, unser Verh?ltnis zu verbessern. K?nnte doch sein, oder ?«

Marc zuckt mit den Schultern.

»Weiss nicht. Ich finde nicht, dass ihr Verh?ltnis zu Sabine so gut war. Das scheint sich in der Erinnerung ein bisschen zu verkl?ren. Wenn ich es richtig zusammenbekomme, haben sich die beiden Damen dar?ber gestritten, ob es eine Hochzeitskutsche geben soll und ob Sabine einen Schleier tr?gt.Meine Mutter hat ihren n?mlich aufbewahrt, aber Sabine wollte ihn nicht.«

Caro seufzt.

»Oh, oh, oh. Ich will auch keine Kutsche. Und einen Schleier finde ich albern.«

»Na, wenn wir doch auf dem Leuchtturm heiraten, dann werden wir um die Kutsche durch das Watt nicht herumkommen. Oder willst du auf Gummistiefeln zum Altar waten ?«

»Auch keine schlechte Idee, dann erledigt sich der Schleier von selbst. Der passt bestimmt nicht zu den Gummistiefeln.«

Schleier ? Gummistiefel ? Versteh ich alles nicht. Ich hoffe nur, dass die Leuchtturmnummer nicht wieder ernsthaft zur Diskussion steht. Ich sehe keinen Sinn darin, die G?steliste bei den Menschen m?glichst kurz zu halten, nur damit dann lauter verr?ckte Schafe an der Zeremonie teilnehmen.

Am n?chsten Morgen ?bernimmt eine sehr gut gelaunte Hedwig unseren Henri, und Caro und ich dackeln ab in die Werkstatt. ?ber die Hochzeit haben die beiden Damen nicht mehr gesprochen, und ich frage mich, ob sie tats?chlich einen gemeinsamen Nenner finden werden. Halte ich f?r eher ausgeschlossen, aber bei Menschen weiss man ja nie.

»Guten Morgen, ihr zwei !«, begr?sst uns Daniel fr?hlich, als wir in den Werkraum kommen. »Das war ein ausgesprochen netter Nachmittag gestern – vielen Dank ! Ich war so schlecht gelaunt, als ich beim B?cker ankam. Wenn mich Luisa nicht eingesammelt h?tte, w?re das ein echter Scheisstag geworden. Dieser Swami geht mir mittlerweile so auf den Keks …«

Caro stellt ihre Tasche ab und zieht ihren Stuhl neben Daniels Werkbank.

»Ich fand es auch sehr sch?n. Allerdings hatten wir abends noch eine Riesendiskussion mit Hedwig ?ber die Ausmasse unseres Festes. Ich glaube, sie w?rde am liebsten jeden einladen, den sie kennt. Einerseits finde ich es nat?rlich sch?n, dass sie sich so freut, andererseits m?chte ich keine Mammutveranstaltung.«

»Verstehe. Ich freue mich ?brigens total, dass Marc mich gebeten hat, sein Trauzeuge zu werden. Als ich von der Hochzeit geh?rt habe, war ich im ersten Moment schon ein bisschen angefasst. Aber das hat sich Gott sei Dank schnell gekl?rt – dass Marc warten wollte, bis er mich mal unter vier Augen erwischt, ist ja klar … Nee, echt prima. Ich bin mir bei Marc immer nicht so ganz sicher, ob ihm unsere enge Freundschaft nicht manchmal suspekt ist, aber dann ist die Sorge doch v?llig unbegr?ndet. Klasse !«

Caro murmelt nurJa, ja undIch hol uns mal’nen Kaffee. Von Marcs Freund Georg sagt sie nichts. Dann verschwindet sie in der K?che, um kurz darauf mit zwei Bechern zur?ckzukehren, von denen sie einen Daniel in die Hand dr?ckt.

»Wer wird eigentlich dein Trauzeuge ?«, will der wissen.

»Nina. Ich habe sie schon gefragt. Sie hat gesagt, sie macht es gern – ich hoffe, das stimmt immer noch.«

»Wieso soll das nicht mehr stimmen ? Mit Marc hat sie doch ihren Frieden gemacht, oder ?«

»Klar, das meine ich auch nicht. Aber Nina hat gerade ziemlichen Liebeskummer, da ist die gedankliche Besch?ftigung mit einer Hochzeit vielleicht nicht so passend.«

»Liebeskummer ?«, fragt Daniel erstaunt.

»Ja. Vielleicht auch eher Liebeschaos. Du hast das Drama am Freitag verpasst, oder ?«

»Welches Drama ?«

»Nina hatte Herrenbesuch, weil sie dachte, dass Alexander am Wochenende nicht da sei. Aber dann kam Alex ?berraschend wieder und …«

PPPFFFFF ! Bevor Caro ihren Satz zu Ende gesprochen hat, prustet Daniel seinen Schluck Kaffee font?nenartig ?ber die Werkbank und bekommt einen Hustenanfall. Hoffentlich ist das nicht der Beginn einer Hundeallergie ! Caro nimmt ihm schnell den Becher ab und klopft ihm auf den R?cken. Noch ein paar Huster, dann hat sich Daniel wieder beruhigt.

»Nina hattewas ? Herrenbesuch ? Also einen Lover, und die beiden wurden von Alexander erwischt ? Ichfasse es nicht !«

»Tja«, pflichtet ihm Caro bei, »sch?n ist anders. Aber die Geschichte geht noch viel unglaublicher weiter. Offenbar hatte Nina in letzter Sekunde versucht, S?ren, so heisst der Typ, in ihrer Kleiderkammer zu verstecken. Da sassen allerdings schon Herr Beck und Herkules. Und dann hat S?ren einen Eins-a-Asthmaanfall bekommen, weil er Katzenhaarallergiker ist, und Alexander musste ihn vor dem Erstickungstod retten. Ist das nicht der Knaller ?«

Daniel lacht.

»Klingt wie etwas, an dem man sich die Filmrechte sichern sollte.«

»Nina fand es nat?rlich nicht so lustig, aber ich glaube, ihr Liebhaber hat es lebend ?berstanden.«

»Ja, hat er, da kann ich dich beruhigen. Wenn es der Typ ist, den ich meine – den habe ich heute fr?h im Treppenhaus gesehen. Gross, blond, schon ein bisschen ?lter.«

Genau ! Das ist S?ren ! Ich fange an zu bellen. Die beiden betrachten mich erstaunt, dann grinst Daniel.

»Wenn das mal keine eindeutige Identifizierung war ! Sehr cool, Herkules. Du verstehst anscheinend jedes Wort. Kluges Hundchen ! Das bringt mich auf eine ganz andere Frage: Wieso sassen denn Herkules und Beck in Ninas Schrank ? Ihr hattet doch Freitagmorgen hier noch eine aufwendige Kater?bergabezelebriert.«

Caro zuckt mit den Schultern.

»Tja, das ist eines der ungel?sten R?tsel dieses Universums. Die beiden m?ssen irgendwie bei uns abgehauen sein und dann durch die Katzenklappe zu Nina. Allerdings war es wirklich ein Riesenzufall, dass bei uns ?berhaupt eine Terrassent?r aufstand. Normalerweise kontrolliert Marc das abends immer, aber diesmal hatte Luisa die T?r in ihrem Kinderzimmer ge?ffnet. Da m?ssen die beiden entwischt sein.«

»Wer weiss – vielleicht hatten die beiden das geplant ? Vielleicht wusste Herr Beck von dem anstehenden Besuch ?«

»Jetzt klingst du schon wie eine Elfj?hrige. Luisa behauptet auch, Herr Beck h?tte sie ?berhaupt erst dazu gebracht, die T?r zu ?ffnen, er habe die Flucht bestimmt geplant.«

Daniel kratzt sich am Kopf.

»Und wenn sie recht hat ?«

Genau ! Und wie recht Luisa hat ! Sie hat uns vollkommen durchschaut, das kluge Kind !

»Daniel, Herr Beck ist ein Tier. Bestimmt ein schlaues Tier, aber immer noch ein Tier. Tiere planen so etwas nicht. Luisa brauchte nur eine Ausrede, weil sie vergessen hat, ihre T?r wieder zu schliessen. Alles andere ist totaler Quatsch.«

Ich kann nicht anders, jetzt muss ich einfach jaulen. Wahrscheinlich schneide ich mir damit ins eigene Fleisch, denn eigentlich wollte ich den Ball nach Freitag sch?n flach halten, aber das kann ich nicht so unkommentiert auf uns Haustieren sitzenlassen. Wetten, dass sich selbst der Wellensittich der alten M?ller mehr Gedanken ?ber sein Frauchen macht als umgekehrt ? Woher nimmt der Mensch nur diesen Hochmut ? Sicher, ich kann nicht lesen und nicht schreiben, und ich verwechsle auch schon mal, ob etwas einen Monat oder ein Jahr her ist – aber ich bin nicht dumm ! Und Herr Beck ist es schon gleich gar nicht !

Zwischenzeitlich bin ich von Jaulen zu Knurren?bergegangen.

Daniel und Caro schauen mich mit grossen Augen an, schliesslich kniet sich Caro neben mich und krault mich hinter den Ohren.

»Sag mal, was ist denn los mit dir, Herkules ? Habe ich dich beleidigt ? Habt ihr euren Ausflug wirklich geplant ?« Sie schaut zu Daniel hoch. »Meinst du, das kann sein ? Aber wie ist das m?glich ?«

Daniel setzt sich auch auf den Boden.

»Ich habe dir doch von unseren Terriern erz?hlt. Meine Eltern hatten immer welche. Das waren wirklich sehr intelligente Tiere – sie konnten die unglaublichsten Dinge. Also, wenn die sich in den Kopf gesetzt hatten, irgendwohin zu kommen, dann haben sie es auch geschafft. War eine der leichteren?bungen. Und Katzen sind doch auch sehr schlau. Sch?tze, wenn die beiden wirklich zu Nina wollten, dann war das f?r die nur eine Kleinigkeit. Eine Elfj?hrige kriegen die jedenfalls locker ausgetrickst.«

»Aber warum ?«

»Wie gesagt: Herr Beck hat das mit dem Besuch irgendwie mitgekriegt – und war offenbar misstrauisch geworden. Ist wahrscheinlich eine treuere Seele als sein Frauchen.«

Daniels Grinsen reicht von einem bis zum anderen Ohr. Irgendwie habe ich das Gef?hl, dass sich sein Mitleid mit Nina in sehr engen Grenzen h?lt.

»Ich weiss nicht, ob ich das glauben soll.« Caro wiegt ihren Kopf unschl?ssig hin und her. »Aber komisch ist es schon. Immerhin hatten sich die beiden auch sehr zielstrebig ins Schlafzimmer geschlichen. H?tten sie das nicht gemacht, Nina und ihre Aff?re w?ren wahrscheinlich gerade noch einmal davongekommen.«

»Okay. Das l?sst nur einen Schluss zu.« Daniel macht eine Kunstpause.

»N?mlich ?«

»Falls du jemals vorhast, deinen angehenden Ehemann zu betr?gen: Sperr den Hund gut weg !«

Grrrr, das w?rde mein Frauchen sowieso niemals machen. Carolin hat schliesslich ein Herz aus Gold. Wenn ich wider Erwarten allerdings so einen Betrug mitbek?me – mit dem Burschen w?rde ich nicht so z?rtlich umgehen wie Zottel mit seinen Schafen. Den w?rde ich geh?rig in den Hintern beissen, jawoll !

»Dann ist jetzt wohl Schluss zwischen Alexander und Nina, oder ?«

Carolin nickt.

»Sch?tze mal schon.«

»Wobei: Vielleicht verzeiht ihr Alexander ja. Ich glaube, er liebt sie sehr.«

»Das glaube ich auch. Umgekehrt bin ich mir da indessen nicht so sicher. Nina ist doch eigentlich niemand, der l?gt und betr?gt. Wenn sie sich in diesen S?ren verliebt hat, dann stimmt zwischen ihr und Alexander definitiv etwas nicht.«

»Die Liebe kommt, die Liebe geht.«

Daniel l?chelt, aber auf einmal klingt er traurig. Das ist aber auch eine komplizierte Sache mit der Liebe und den Menschen. Ich weiss nicht, wie lange ich noch mit ihnen zusammenleben muss, um das jemals wirklich zu durchdringen. Wobei: Das Mysterium ist ?berhaupt nicht auf Zweibeiner beschr?nkt. Mir geht es mit Cherie nicht anders. Einerseits habe ich mich gestern so sehr gefreut, sie zu sehen, und w?nschte, das w?re wieder h?ufiger der Fall. Andererseits habe ich fast ein bisschen Angst, dass mein Herz unglaublich wehtun wird, wenn ich sie ?fter treffe. Ich sollte mir ein Beispiel an Herrn Beck nehmen: In der Beziehung haben es Einzelg?nger wirklich deutlich leichter.

Es klingelt an der Werkstattt?r. Ich trabe nach vorn, Daniel kommt hinterher und ?ffnet die T?r. Es ist Alexander. Er sieht grauenhaft aus. Und riecht auch so. Ausserdem tr?gt er eine Sonnenbrille, was hier im Hausflur eigentlich v?llig unn?tig ist. Ich sagte es schon: Menschen und Alkohol. Keine gute Kombination. Aber anscheinend eine f?r schlechte Zeiten.

»Oh, hallo, Alex !«

»Hi.«

»Willst du nicht reinkommen ?«

»Nee, ich muss gleich wieder los. Ich hab nur eine Bitte – k?nnt ihr in den n?chsten Tagen mal nach meiner Post sehen ? Ich habe zwar einen Nachsendeantrag gestellt, aber es dauert ein bisschen, bis der l?uft. Mein Mitbewohner Simon ist gerade im Urlaub, sonst h?tte ich den gebeten.«

»Nachsendeantrag ?«, echot Daniel unsicher.

»Tja. Ich hau ab. Bin raus aus der Nummer. Caro wird’s dir ja erz?hlt haben. Ich halte es mit Frau Dr. Nina Bogner keine f?nf Minuten mehr unter einem Dach aus. M?bel hol ich sp?ter, ist eh nicht viel – ich muss schlicht erst mal raus hier. Sobald Simon wieder da ist, soll er sich einen neuen Mitbewohner suchen.«

»?h …«

Eine sehr intelligente Bemerkung.

»Also, w?rdest du ?«

Daniel nickt stumm.

»Danke, Kumpel. Hier sind Briefkasten-und Wohnungsschl?ssel. Und hier«, er dr?ckt Daniel noch einen kleinen Zettel in die Hand, »sind meine Handynummer und die Adresse meiner Eltern. Kannst du mir da einmal pro Woche alles hinschicken ? Falls ein Paket kommt, leg’s einfach in die Wohnung.«

»Ja, okay. Dann mach’s mal gut.«

Nun nickt Alexander wortlos. Daniel klopft ihm auf die Schulter, dann dreht sich Alex um und geht.

»Wer war denn das ?«, will Caro wissen, als wir wieder im Werkraum ankommen.

»Alexander«, antwortet Daniel. »Hier im Haus ist offensichtlich gerade ein Zimmer frei geworden. Vielleicht sollte ich mir das mal anschauen. Schl?ssel habe ich schon.«

»Wie meinst du das denn ?«

Genau, wie meint er das ?

»Ach, weisst du, ich habe eigentlich immer weniger Lust, in einem Yoga-Institut zu wohnen.«

SECHZEHN

Meinst du, es ist ein schlechtes Omen f?r unsere Hochzeit, dass unsere beiden Trauzeugen mitten in den sch?nsten Beziehungskrisen stecken ?«

Ein paar Tage sind vergangen, seitdem Alexander morgens in der Werkstatt aufgekreuzt war, und tats?chlich ist er seitdem spurlos verschwunden. Carolin mustert Marc ?ber den Rand ihres Wasserglases. Der l?chelt.

»Och, ich w?rde sagen minus mal minus ergibt plus. Und ausserdem glaube ich nicht an Omen.«

Carolin und ich haben Marc in der Mittagspause zum Essen abgeholt, jetzt sitzen wir im Caf? Violetta, und die beiden denken ?ber die Hochzeit nach. Ich hingegen bin nicht wirklich bei der Sache, sondern ?berlege, wie ich mich verhalten soll,falls Daniel tats?chlich ?ber der Werkstatt einzieht undfalls er dann auch Cherie mitnimmt. Okay, ich gebe zu, das sind ungelegte Eier, verbunden mit zwei Falls. Aber ich kann den Gedanken daran einfach nicht absch?tteln. Zweimal schon dachte ich, ich sei am Ziel und Cherie w?rde meine Gef?hle erwidern. Zweimal wurde ich entt?uscht, und es tat verdammt weh. Soll ich das meinem kleinen Dackelherzen noch einmal zumuten ? Es noch mal versuchen ? Und was, wenn es wieder nicht klappt ? Sterbe ich dann endg?ltig an gebrochenem Herzen ? Ich lege den Kopf auf meine Vorderl?ufe und starre vor mich hin. Das Leben eines kleinen Hundes kann verdammt schwierig sein. Was sind dagegen schon Sorgen bei der Hochzeitsvorbereitung ? Wenigstens haben Marc und Caro ?berhaupt jemanden gefunden, der sie heiraten will!

»Lass uns doch noch mal einen Blick auf die G?steliste werfen«, schl?gt Carolin vor, »vielleicht finden wir ja einen Kompromiss, mit dem auch deine Mutter gut leben kann.«

»Ja, und lass uns auch gleich einen Lottoschein ausf?llen. Wenn schon so ungew?hnliche Dinge passieren, knacken wir bestimmt auch den Jackpot.«

Ich kann Marcs Gesicht nicht sehen, weil er zu hoch?ber mir sitzt, aber seine Stimme klingt nach einem sehr breiten Grinsen. Offenbar hat er einen Witz gemacht, den ich nicht verstehe. Kompromiss, Lottospielen ? Egal, interessiert mich momentan sowieso nicht. Hat schliesslich nichts mit Cherie zu tun.

»Also, wenn wir deine Patentante einladen, dann w?rde ich auch die Schwester meiner Mutter einladen. Ich glaube, meine Mutter ist sonst beleidigt.«

»Okay. Kenne ich die ?«

»Meine Mutter ? Nat?rlich, du Flegel !«

Beide lachen.

»Nee, im Ernst – ich glaube, du hast Tante Agnes noch nie gesehen. Die ist aber sehr nett. Ein bisschen esoterisch angehaucht, aber nett.«

»Esoterisch ? Hm, da h?tten wir sie ja neben Yoga-Claudia setzen k?nnen. Aber so wie es ausschaut, kommt mein neuer Trauzeuge wohl ohne Begleiterin.«

»Ich finde es ?brigens sehr nett, wie du mir mit Daniel aus der Klemme geholfen hast. Wenn du nicht behauptet h?ttest, dass du ihn im M?nnergespr?ch fragen wolltest, w?re er wohl ziemlich gekr?nkt gewesen. Danke, dass du daf?r Georg geopfert hast.«

Sie schiebt unter dem Tisch ihr Bein zu Marc hin?ber und streicht ihm damit ?ber sein Schienbein. Eine sehr vertraute Geste – in diesem Moment beneide ich die beiden um ihre Gef?hle f?reinander.

»Hab ich gern gemacht, Spatzl. Und so dicke sind Georg und ich sowieso nicht mehr. Merkst du schon daran, dass du ihn kaum kennst. Insofern ist das mit Daniel ohnehin eine gute Idee.«

»Finde ich auch. Das Lustige ist, dass Daniel ernsthaft Angst hatte, dass du meine Freundschaft zu ihm irgendwie beunruhigend findest.«

Caro lacht. Marc nicht.

»Na ja, sooo abwegig ist der Gedanke nicht.«

»Wieso ?«

Caro klingt irritiert.

»Na ja, immerhin h?ngst du jeden Tag mit Daniel rum. Du siehst ihn h?ufiger als mich. Und dass Daniel mal schwer in dich verknallt war, ist nun wirklich kein Geheimnis.«

Caro zieht ihr Bein wieder zur?ck.

»Du glaubst doch nicht etwa ernsthaft, dass zwischen uns irgendetwas laufen w?rde ?«

»Das habe ich auch nicht gesagt. Ich meine ja nur, dass es tats?chlich ein seltsames Gef?hl ist, wenn die eigene Frau einen so guten Freund hat, der mal was von ihr wollte.«

Dazu sagt Caro nichts mehr. Was sollte sie auch ? Daniel war wirklich schwer verliebt in Caro, und das weiss sie nat?rlich.

»Nun lass uns mal mit der G?steliste weitermachen«, wechselt sie einfach das Thema. »Also Hedwig, meine Eltern, Nina, Daniel, ob mit oder ohne Claudia, Tante Inge, Tante Agnes, Georg und seine Frau, deine Cousine Edda. Sind schon mal zehn Leute. Dann Stefanie und Tom, schliesslich waren wir gerade bei denen eingeladen, und wir kennen uns immerhin schon seit der Grundschule. Wer noch ?«

»?ber meinen Cousin und seine Freundin w?rde sich Hedwig freuen, und ich habe auch ein ganz gutes Verh?ltnis zu Michael. Eigentlich ein besseres als zu Edda.«

»Stimmt«, pflichtet ihm Caro bei, »Michael und Susanne sind nett. Was ist denn mit Jens und Nicola ?«

»Gute Idee. Ihre beiden T?chter sind so alt wie Luisa, das passt auch ganz gut. Und vielleicht Frau Warnke ?«

Genau ! Die Sprechstundenhilfe von Marc hat immerhin jedes Mal ein Leckerli f?r mich parat.

»Okay. Frau Warnke, mit ihr h?tten wir neunzehn. Weitere Vorschl?ge ?«

»Luisa w?re happy, wenn wir ihre Mutter einladen.«

»Nein. Kommt nicht in Frage. Die Frau hat mir den letzten Nerv geraubt, die will ich auf keinen Fall auf meiner Hochzeit sehen.«

»Verstehe ich. Bin ich auch nicht scharf drauf. Muss ich Luisa nur noch erkl?ren. Somit sind wir bei neunzehn plus wir drei und Henri. Das ist doch eine gute Zahl. Und immer noch eine sehr ?berschaubare Veranstaltung. Da passen wir locker in das Kaminzimmer vom Kloster Uetersen.«

In diesem Moment h?re ich das vertraute Ger?usch von Gummireifen, die ?ber den Fussboden rollern. Ein Kinderwagen kommt n?her. Und zwar nicht irgendeiner, sondern unserer ! Hedwig und Henri sind da.

»Hallo, ihr zwei !«, gr?sst Hedwig freundlich. »Frau Warnke hat mir erz?hlt, dass ihr hier essen seid. Ich dachte, bei meinen sensationellen Neuigkeiten darf ich euch einen Besuch abstatten.«

»Gr?ss dich, Mutter ! Sensationen h?ren wir nat?rlich immer gern. Setz dich doch zu uns.«

Marc steht auf und schiebt noch einen Stuhl f?r Hedwig an den Tisch. Henri scheint zu schlafen, jedenfalls h?re ich aus dem Kinderwagen keinen Mucks.

»Na, was gibt’s denn ?«, fragt Carolin neugierig.

Hedwig setzt sich auf den Stuhl und strahlt mit der Kerze auf dem Tisch um die Wette.

»Ja – also: Haltet euch fest ! Ihr k?nnt im Michel heiraten ! Der ist im Juni eigentlich schon immer ein Jahr vorher ausgebucht, aber mein Chorleiter ist um drei Ecken mit dem Kantor verwandt. Und der hat mal nachgeforscht, ob sich nicht doch etwas machen l?sst. Stellt euch vor: Es ist gewissermassen noch genau eine Schicht am 15. Juni frei – wenn man das so nennen darf. Ist das nicht ein Gl?ck ?«

»?h … im Michel ?«

Marc klingt entsetzt, und ich frage mich, warum.Michel klingt doch sehr nett. Ich habe keine Ahnung, wo das ist, aber dem Namen nach ist das bestimmt irgendetwas ganz Kleines, Kuschliges.

»Ja, im Michel. Toll, oder ?«

»Mutter, St. Michaelis ist riesig ! Da passen ein paar hundert Leute rein, eher wahrscheinlich ein paar tausend.«

»Aber es die bekannteste Hamburger Hauptkirche, das Wahrzeichen unserer Stadt ! Denk doch mal an deine Freunde aus S?ddeutschland – die w?ren bestimmt begeistert !«

Jetzt mischt sich Carolin ein, und ich h?re ihrer Stimme an, dass sie sich wirklich bem?ht, freundlich zu sein.

»Hedwig, ich finde es ganz lieb von dir, dass du dir solche Gedanken machst. Aber wir haben gerade ?ber die G?steliste gesprochen und mehr als vierundzwanzig Leute werden wir auf keinen Fall werden. Da w?ren wir in so einer grossen Kirche doch ein sehr verlorenes H?uflein. Ausserdem bin ich mir gar nicht sicher, ob wir kirchlich heiraten wollen.«

»Oh.« Hedwig klingt sehr entt?uscht. »Wollt ihr euch denn den Michel nicht wenigstens mal angucken ? Vielleicht ladet ihr doch mehr Leute ein, und dann passt es wieder gut. Gib mir doch mal eure G?steliste, bestimmt habt ihr irgendjemanden vergessen.«

»Hedwig, ich kenne den Michel. Ich bin schliesslich geb?rtige Hamburgerin und habe die Kirche bestimmt schon zwanzigmal mit Freunden aus ganz Deutschland besichtigt.« Schwupp – schon klingt Caro nicht mehr ganz so freundlich. »Und die Liste haben wir nur im Kopf. So viele Namen stehen nicht drauf, als dass ich da viel schreiben m?sste.«

Hedwig seufzt.

»Na gut, wie ihr meint. Stefan, mein Chorleiter, hat euch den Termin f?r eine Woche reserviert. Ihr k?nnt gern noch mal dr?ber nachdenken. Ich mach mich wieder auf den Weg, bevor Henri hier drinnen noch wach wird.«

Sie r?ckt den Stuhl nach hinten, steht auf und rollert mit dem Kinderwagen Richtung Ausgang.

»Puh«, sagt Caro, als Hedwig ausser H?rweite ist, »die ist echt hartn?ckig. Wenn wir nicht aufpassen, landen wir zur Trauung im Michel, zum Empfang im Anglo-German Club, und die Feier findet dann im grossen Ballsaal vom Hotel Atlantic statt.«

Marc lacht.

»Ganz auszuschliessen ist das nicht. Vielleicht sollten wir vorsichtshalber schon mal dar?ber nachdenken, wen wir notfalls noch einladen k?nnen. Damit’s im Michel nicht so leer aussieht.«

Nach der Mittagspause werden wir bereits von Herrn Beck erwartet, der nerv?s vor dem Haus hin-und herschleicht.

»Hey, Kollege, gut, dass ihr wieder da seid !«

»Wieso ? Was’n los ?«

»Weiss nicht genau. Irgendwas stimmt nicht mit Nina. Die hatte sich eben tierisch mit Daniel in der Wolle, aber ich hab’s nicht richtig mitbekommen, weil sie sich in der Werkstatt gestritten haben. Dann ist sie heulend rausgerauscht, und Daniel ist auch weg. Ich hab gerade ein ganz komisches Gef?hl. Hast du vielleicht eine Ahnung, was da los sein k?nnte ?«

Also echt. Da ist man gerade mal eine Stunde nicht am Platz, schon bricht Chaos aus. Ach, diese Menschen !

»Nein, leider nicht. Bei uns war alles ganz normal, bis auf die Tatsache, dass Hedwig sich Marcs und Caros Hochzeit ganz anders vorstellt als die beiden selbst. Trotzdem haben sie sich nicht gestritten. Insofern stimmt das mit ›normal‹ gar nicht. Mein Mittag war auch ungew?hnlich. Ungew?hnlich friedlich.«

»Ja, ja. Mach du nur weiter mit Wortklauberei. Ich muss dennoch unbedingt wissen, was da los ist. Ich kann das Gef?hl nicht leiden, dass sich Menschen, die ich mag, miteinander streiten.«

Oha ! Der Kater wird altersmilde ! Normalerweise interessiert sich Herr Beck n?mlich nicht wirklich f?r menschliche Beziehungsprobleme jedweder Art. Bei mir war das schon immer anders: Wenn sichmeine Menschen streiten, m?chte ich am liebsten schlichten. Ist nur leider gar nicht so einfach, wenn man nicht sprechen kann. Wobei ein beherztes Aufs-Sofa-Springen und Die-H?nde-der-Streitparteien-Zusammenknuddeln auch schon geholfen hat.

»Sch?tze mal, sobald Daniel zur?ckkommt, wissen wir mehr. Wenn es etwas Ernstes war, wird er es Carolin erz?hlen. So lange wirst du dich wohl gedulden m?ssen.«

Herr Beck gibt ein langgezogenesPfffffvon sich und trottet uns hinterher in die Werkstatt. Auch gut, habe ich wenigstens ein bisschen Gesellschaft. Und jemanden, dem ich in Sachen Cherie mein Herz aussch?tten kann. Wenngleich der es vermutlich gar nicht h?ren will.

»Cherie war neulich bei uns zu Hause.«

Beck g?hnt.

»Ich weiss. Haste schon erz?hlt.«

»Und seitdem muss ich st?ndig an sie denken.«

Wieder ein G?hnen. Na, grossartig, die Anteilnahme !

»Und ? Was denkst du da so ?«

»Ich ?berlege, ob ich ihr noch einmal eine Chance geben soll. Oder ob ich mich nie wieder davon erhole, wenn es diesmal auch nicht klappt mit uns.«

Der Schwanz von Herrn Beck wippt hin und her. Der Kater scheint sich zu am?sieren.

»Obdu ihr eine Chance geben sollst ? Habe ich da eine neue Entwicklung verpasst ? War das bisher nicht eher umgekehrt ?«

Grrrr, jaul. Beck legt die Tatze in die Wunde.

»Ja. Nein. ?h … ja und nein.«

»H? ? Also, wie war es denn nun ?«

Ich hole tief Luft.

»Ich meine, ja. Es war bisher umgekehrt, und nein, du hast keine Entwicklung verpasst. Was ich aber eigentlich sagen wollte und insofern ?berlege, ob ich ihr noch eine Chance geben soll: Ist es nicht besser, mein Herz ihr gegen?ber ganz zu verschliessen ? Damit es nicht wieder wehtut ? Sie gewissermassen zu ignorieren und ihr so keine Chance zu geben ? In meinem Herzen ?«

»Auweia, Herkules, was ist das denn f?r ein Geschwurbel ? Man k?nnte glatt denken, dass du auch diesen Yoga-Chakra-Beziehungsquatsch-Kurs belegt hast. Soll ich dich anstatt Herr Kules lieber Herr Swami nennen ?« Er gibt ein b?sartiges Gekicher von sich, das wie das Gemecker einer Ziege klingt,nur fauchiger. »Ausserdem ist noch gar nicht klar, wann du die Dame das n?chste Mal siehst. Das w?rde ich erst ganz entspannt abwarten.«

»Ich dachte ja nur,falls Daniel in Alexanders Wohnung zieht undfallser dann Cherie mitnimmt.«

»Nanu, wieso sollte denn Daniel in Alex’ Wohnung ziehen ?«

»Oh, hast du das etwa noch nicht mitbekommen ?«

»Nee, was denn ?«

»Alexander wohnt nicht mehr ?ber euch. Er hat Daniel seine Schl?ssel in die Hand gedr?ckt, hat ihn gebeten, ihm die Post hinterherzuschicken, und ist weg.«

Hihi, daf?r, dass Herr Beck sonst das Gras wachsen h?rt, ist er in dieser Angelegenheit bemerkenswert uninformiert. Und das, obwohl es dabei auch um sein Frauchen geht. Irgendwie freut mich das.

»Echt ?«

»Und dann hat Daniel sich ?berlegt, ob die WG nicht etwas f?r ihn w?re, schliesslich hat er momentan gar keine Lust mehr, mit Claudia zusammenzuwohnen, zumal dauernd ihr doofer Swami da ist. Stell dir vor, der mag Cherie nicht. Immer, wenn ein Kurs ist, muss Daniel mit Cherie verschwinden, obwohl das doch eigentlich Claudias Hund ist. Und deswegen halte ich es nicht f?r v?llig abwegig, dass Daniel und Cherie demn?chst in die WG ?ber eurer Wohnung einziehen.«

»Donnerwetter – das ist tats?chlich spurlos an mir vorbeigegangen. Warum hat mir Nina denn nichts davon gesagt ?«

Wuff, ich muss unwillk?rlich mit den Augen rollen. Als ob Menschen ihren Haustieren immer alles erz?hlen w?rden ! Ich meine, es w?re nat?rlich sinnvoll, weil wohl niemand einen Menschen besser kennt als sein Haustier und wahrscheinlich viel ?rger vermieden werden k?nnte, wenn der Mensch dann umgekehrt mal darauf h?ren w?rde, was sein Haustier ihm begreiflich zu machen versucht. Aber so ist es eben nicht, und das sollte Beck, der alte Haudegen, eigentlich wissen.

»Ja, warum wohl ? Vielleicht, weil sie sich nicht mit ihrer Katze unterh?lt ? Jedenfalls nicht ?ber so Menschenkrams ?«

Herr Beck ignoriert meinen Einwand und brabbelt etwas Unverst?ndliches in seine Schnurrbarthaare.

»Oder aber sie wusste es selbst noch nicht. Dann konnte sie dir gar nichts davon erz?hlen. M?glicherweise ist das auch der Grund, warum sie sich mit Daniel gestritten hat. Er hat ihr das mit der Wohnung erz?hlt, und sie war deswegen sauer. Oder traurig, wenn sie sogar geheult hat. Hast du doch selbst gesagt.«

»Pah, warum sollte sie denn deswegen traurig sein ? Kann ihr doch egal sein, ob Daniel in die WG zieht.«

Beck schaut v?llig verst?ndnislos.

»Immerhin ist ab dem Moment v?llig klar, dass Alexander endg?ltig weg ist. M?glicherweise hat sie ihn doch noch ein bisschen lieb, und es tut ihr leid.«

»Da sieht man mal, wie schlecht du Nina kennst. Nina ist wie ich – die h?ngt ihr Herz nicht so sehr an einen Typen, dass sie weint, wenn er weg ist. Ausserdem hatte sie ihn schon mehr oder weniger gegen diesen S?ren eingetauscht.«

»Klasse. Ein Typ, der in Stockdingsda noch eine andere Familie sitzen hat. Nee, nee, mein Lieber. Ich glaube, Nina ist klar geworden, dass sie nun wirklich allein ist. Einsam und allein. Und deswegen hat sie sich mit Daniel gestritten. Er war der ?berbringer der schlechten Nachricht.«

Nun ist es Herr Beck, der mit den Augen rollt.

»So ein Quatsch. Nina ist nicht einsam und allein. Sie hat doch mich.«

Ich sch?ttle den Kopf. Der Kater will es einfach nicht wahrhaben. Da k?nnte ich mir die Schnauze fusselig reden, er w?rde mich nicht verstehen. Ging mir ?hnlich, als Carolin solchen Kummer wegen ihres bl?den Exfreundes Thomas hatte. Da konnte ich auch nicht gleich einsehen, dass ich ihr als Freund nicht reiche. So ist es eben, wenn man sein Frauchen sehr liebt. Ist irgendwie auch r?hrend.

Immer noch murrend legt sich Beck auf die Decke, die vor meinem K?rbchen im Werkraum liegt.

»Deine Theorien werden auch immer wilder, Herkules. Warten wir doch einfach auf Daniel, dann werden wir erfahren, wor?ber sie sich gestritten haben. Ich garantiere dir eins: Nicht ?ber die Wohnung und Alexander. Das Thema hat Nina f?r sich abgehakt. Jede Wette.«

Es dauert tats?chlich nicht mehr lang, und Daniel kommt zur?ck. Erst dreht sich der Schl?ssel im Schloss, dann steht Daniel im Flur, unter dem Arm eine grosse Tasche, aber leider keine Cherie an der Leine. Ob meine Theorie doch falsch ist ? Andererseits ist die Tasche schon ziemlich volumin?s, da k?nnten gut und gern Sachen f?r einen kleinen Umzug drin sein. Also abwarten und ?hrchen spitzen.

Gespannt beobachte ich, wie Daniel zu uns in die Werkstatt kommt, und aus den Augenwinkeln kann ich genau sehen, dass auch Herr Beck sehr aufmerksam geworden ist. Ob ich noch schnell mit ihm um etwas wette ? Vielleicht, dass er mir eine Fleischwurst aus dem K?hlschrank klaut – er kommt da bestimmt viel besser dran als ich.

»Hallo, Daniel ! Ich habe dich schon vermisst. Wir m?ssen noch die Lasuren f?r die Celli absprechen. Frau Hohwenser h?tte gern bald eine Auskunft. Ich selbst bin mir da gerade etwas unsicher.«

»Klar, machen wir. Ich musste nur eben ein paar Sachen aus Volksdorf holen. Ziehe tats?chlich erst mal in das alte Zimmer von Alex ein.«

»Oh.«

Mehr sagt Carolin nicht dazu. Ich werfe dem Kater einen ersten triumphierenden Blick zu.

»Und weisst du, wer eine richtige Vollmeise hat ?«

Caro zuckt mit den Schultern.

»Nee, wer denn ? Die Hohwenser ?«

»Nein, die doch nicht. Deine Freundin Nina. Die hat sie nicht mehr alle. Ich habe sie heute im Treppenhaus getroffen. Ich kam von Simon, der ist aus dem Urlaub zur?ck und hat mir noch mal das Zimmer gezeigt. Sie kam mit in die Werkstatt und hat mich gefragt, was ich in Alexanders Wohnung wollte. Ich habe nur gesagt, das sei nicht mehr Alexanders Wohnung, ich h?tte sein Zimmer ?bernommen.«

»Ja, und dann ?«

»Dann ist sie v?llig ausgerastet und hat mich beschimpft. Dass ich mich jetzt zwischen sie und Alexander dr?nge. Und ob ich ernsthaft von ihrem Ungl?ck profitieren wolle. Ich wusste echt nicht, wie mir geschieht. Na, da habe ich mal kurz darauf hingewiesen, mir sei zu Ohren gekommen, sie selbstsei nicht ganz unschuldig an seinem Auszug. Da hat sie angefangen zu heulen und ist raus. Hysterische Ziege !«

»Auweia ! Das ist furchtbar. Die arme Nina !«

Caro ist sichtbar mitgenommen von der Geschichte.

»Was heisst denn hierarme Nina ? Ist doch selbst schuld. Ich kann jedenfalls echt nichts daf?r. Sie hat doch mit dem Kerl gev?gelt, nicht ich. Doch das ist wieder typisch Nina Egozentrisch Bogner – es muss jemand anderes f?r ihr Elend verantwortlich sein, denn sie macht immer alles richtig. ?tzend ! Wenn die nicht aufpasst, wird sie mal einsam und allein enden. Sie ist doch genau der Typ Frau, der irgendwann nur noch ’ne Katze hat. Und die hat Nina ja schon, ha, ha !«

Zusch ! Mit einem eleganten Sprung hechtet Beck von der Decke zielstrebig auf die ge?ffnete Terrassent?r zu – und ist verschwunden. Schade. F?r die Wette ist es nun zu sp?t. Die Fleischwurst w?re eindeutig mein.

SIEBZEHN

Irgendetwas plant Hedwig. Irgendetwas. Ich weiss nur noch nicht, was. Aber die Art, wie ausgesprochen vorsichtig sie heute um Luisa herumschleicht und mit welch sanfter Stimme sie dabei spricht, macht mich extrem misstrauisch. Normalerweise ist Hedwig eine Frau der klaren Ansagen. Wenn Luisa aus der Schule nach Hause kommt, gibt es Mittagessen, dann wird Henri in sein Bettchen verfrachtet, und als N?chstes werden zack, zack die Hausaufgaben gemacht. Heute allerdings von milit?rischer Ordnung keine Spur. Stattdessen die Frage, ob’s noch ein Dessert sein darf. Hier stimmt doch was nicht !

»Sag mal, Engelchen, so richtig viele Freunde haben Papa und Carolin wohl nicht, oder ?«

Aha ! Ein Ausforschungsversuch !

Luisa l?ffelt rasch den Rest des Schokopuddings, bevor sie antwortet.

»Doch, wieso ?«

»Ach, ich meine nur so. Ich weiss gar nicht, ob die beiden ab und zu mal mit Freunden verabredet sind und ob sie eigentlich einen grossen Bekanntenkreis haben. Wen sie zum Beispiel einladen w?rden, wenn sie eine Party feiern wollten.«

Nachtigall, ick h?r dir trapsen … Party ? Feiern ? Sollte Hedwig wieder auf ihr derzeitiges Lieblingsthema zusteuern ?

»Also, Papa hat ganz viele Freunde. Das kann ich dir auch zeigen.«

»Zeigen ? Wo denn ?«

»Na, in Papas Computer. Bei Facebook kannst du alle seine Freunde sehen. Das sind bestimmt dreihundert oder so. Ich habe sein Passwort. Darfst du aber Papa nicht erz?hlen, dann krieg ich ?rger.«

»Kind, ich weiss gerade gar nicht, wovon du redest. Wieso kann man Papas Freunde denn im Computer sehen ?«

Eine sehr berechtigte Frage. Versteh ich auch nicht.

»Na, also, Facebook das ist so eine Art Treffpunkt im Internet. Da kann man seine Freunde treffen. Auch die, die man nicht pers?nlich kennt. Ich zeig’s dir.«

Wie bitte ? Kann man Freunde haben, die man noch nie gesehen hat ? Ich h?tte das bis zum heutigen Tage f?r ausgeschlossen gehalten, aber tats?chlich sitzen Hedwig und Luisa kurz darauf vor dem kleinen Fernseher, der sich Computer nennt, und Luisa erkl?rt Hedwig, dass Marc viele Freunde hat, die er gar nicht kennt. Verr?ckt, eindeutig verr?ckt. Wie soll man jemanden sch?tzen lernen und ihm vertrauen, wenn man ihm noch nie begegnet ist ? Beim Menschen scheint es so etwas aber zu geben – ich kann es kaum fassen. Marc hatin seinem Computer mindestens dreihundert Freunde. Von denen er allerdings nur die H?lfte pers?nlich kennt. Die anderen sind nurFacebook-Freunde, so nennt Luisa sie jedenfalls. Hedwig kommt aus dem Staunen nicht heraus– und ich auch nicht.

Facebook-Freunde. Gut, hat wahrscheinlich auch Vorteile, wenn man seine Freunde nicht pers?nlich kennt. Herr Beck zum Beispiel ist seit dem Vorfall mit der Fleischwurstwette immer noch beleidigt. Und das, obwohl ich ihm die Wette noch nicht einmal vorgeschlagen habe und unsere Nicht-Wette schon ein paar Tage her ist. Wenn wir uns nur per Computer kennen w?rden, dann h?tte ich das ganze Schlamassel mit Alexander nicht mitbekommen und er nicht, dass Daniel umziehen will. Dann w?re zwischen uns alles in bester Ordnung gewesen, und wir h?tten uns einfach ?ber etwas anderes unterhalten als Ninas Beziehungsprobleme. Ich frage mich nur gerade, wie man sich ?berhaupt mit jemandem unterh?lt, den man nie trifft.

Die gleiche Frage treibt offenbar Hedwig um.

»Und dein Vater ist mit all diesen Menschen befreundet ? Aber wie steht er denn in Kontakt mit denen ? Telefonieren die immer, oder wie geht das ?«

Luisa kichert und sch?ttelt den Kopf.

»Nein, Oma. Mit Facebook-Freunden chattet man.«

»Man macht was ?«

»Na, man chattet. Das ist eine Unterhaltung per Computer. Guck mal, hier …« – sie zeigt auf etwas, was ich von unterhalb des Schreibtisches nicht sehen kann – »kannst du erkennen, wer im Moment online ist. An dem gr?nen Punkt.«

»Online ?«

»Ja. Wer sich auch gerade so auf Facebook rumtreibt. Und den kannst du dann anchatten, also gewissermassen anquatschen. Und wenn der Lust hat, dann chattet der zur?ck. Und dann seid ihr in der Unterhaltung, dem Chat. Dann tippst du ein, was du sagen willst, und er seine Antwort. Total praktisch. Ich w?re froh, wenn ich schon selbst bei Facebook w?re. Darf ich aber noch nicht. Papa findet, ich bin daf?r noch zu klein. Echt mies.« Sie seufzt. »Aber eine E-Mail-Adresse habe ich immerhin schon. Muss ich halt mit meinen Freundinnen mailen. Und das geht tats?chlich nur mit Leuten, die man wirklich kennt. Sonst hat man ihre Adresse nicht.«

Hedwig l?chelt und streichelt ihrer Enkelin ?ber den Kopf.

»Ach, mein Schatz, ich finde es gar nicht so schlimm, wenn man die Leute, mit denen man sich im Internet unterh?lt, auch im wahren Leben kennt. Da hat dein Vater schon recht, wahrscheinlich musst du noch nicht ?berall mitmachen. Aber sag mal, wenn das alles Freunde von Papa sind, kann man die auch per Facebook zu einer Party einladen ?«

Luisa nickt.

»Klar. Das geht sogar ganz einfach. Du machst bei Facebook eine Seite f?r die Veranstaltung, und dann schickst du die Einladung an jeden, den du dabeihaben willst. Dann wissen alle, wann die Party ist, und k?nnen zu-oder absagen. Wieso ?«

Jaul, Hedwig wird doch nicht etwa… ?

»Oooch, mir scheint, Papa braucht noch ein bisschen Hilfe bei den Einladungen zur Hochzeit. Ich dachte, so k?nnte ich ihm ein bisschen helfen.«

Grrr, tats?chlich. Ich lag mit meinem komischen Gef?hl von Anfang an richtig. Hedwig will mit Gewalt die G?steliste f?r die Hochzeit aufstocken !

»Super, Oma – das ist eine richtig coole Idee ! Hochzeitseinladung per Facebook ! Dann wird es vielleicht doch noch ein richtig tolles, grosses Fest und nicht so ’ne kleine popelige Feier.«

Luisa ist begeistert, ich bin es nicht. An die Hochzeit von dieser Stefanie erinnere ich mich mit Grausen. Nein, so etwas wollen wir sicher nicht. Und noch sicherer nicht mit Leuten, die nur im Computer unsere Freunde sind !

»Luisa, ich bin ganz deiner Meinung. Aber wie schaffe ich es, Papas Freunden Bescheid zu sagen, ohne dass er es merkt ? Das soll doch auch eine ?berraschung werden.«

»Das ist doch ganz einfach. Wir legen dir einen Facebook-Account zu, Oma. Wir melden dich da an, und dann kannst du allen Freunden von Papa, die du dabeihaben willst, eine Einladung schicken. Ich glaube, ich kann dir von den meisten sagen, ob Papa sie wirklich kennt. Die fragst du dann, ob sie auch deine Freunde sein wollen, und dann l?dst du sie ein. Kannst ja sagen, dass es geheim bleiben soll.«

»Puh. Ist das schwierig ? Schaffen wir das noch, solange Henri schl?ft ?«

»Klar. Kein Problem. Du musst dir nur einen anderen Namen ausdenken, sonst merkt Papa gleich, dass du auch auf Facebook bist. Der kriegt n?mlich gezeigt, wenn irgendjemand so ziemlich dieselben Freunde hat wie er. Also, wie willst du heissen ?«

Hedwig?berlegt.

»Wie findest du Romy Bardot ?«

»Hm, bisschen seltsam. Wie kommst du da drauf ?«

»Es ist eine Kombination aus Romy Schneider und Brigitte Bardot.«

»Kenn ich beide nicht. Aber ist auch egal, Hauptsache, Papa checkt nicht gleich, was Sache ist.«

»Findest du Brigitte Schneider besser ?«

Luisa nickt.

»Okay, dann nehmen wir Brigitte Schneider.«

Luisa sagt nichts, sondern beugt sich?ber den Computer und f?ngt an zu tippen. Nach einer Weile dreht sie sich wieder zu Hedwig-Brigitte.

»Fertig. Du hast jetzt ein Konto auf Facebook als Brigitte Schneider. Angemeldet bist du auf meine E-Mail-Adresse, aber die brauchst du nicht weiter. Jetzt schickst du allen Freunden von Papa eine Freundschaftsnachricht, erkl?rst kurz, wer du wirklich bist und dass du eine ?berraschungshochzeitsfeier planst. Das finden die unter Garantie alle cool. Was allerdings gut w?re, w?re ein Foto f?r das Profilbild. Das kann ich eben mit meinem Handy machen und dann hochladen.«

Hedwig-Brigitte runzelt die Stirn.

»Na, aber dann erkennt mich dein Vater doch sofort.«

»Stimmt. Was k?nnten wir denn stattdessen nehmen ?« Forschend sieht sich Luisa im Wohnzimmer um, dann bleibt ihr Blick an mir h?ngen. »Oma, ich hab’s.«

ACHTZEHN

Daf?r, dass Carolin eigentlich nur zur Arbeit will, donnert sie sich gerade ganz sch?n auf. Die Werkstatt ist normalerweise ein Fall f?r Jeans, T-Shirt und Pferdeschwanz. Anmalen tut Caro sich sonst auch nicht, aber jetzt steht sie schon eine ganze Zeit vorm Spiegel. Ausserdem hat sie einen Rock anund eine Bluse. Sonderbar. So kenne ich sie eigentlich nur vor Abendterminen, wenn sie zum Beispiel mit Marc ins Theater geht. Ob das Theater ab und zu auch morgens aufmacht ? Ich bin mir nicht ganz sicher, was da so geschieht, aber aus Erz?hlungen reime ich mir zusammen, dass es eine ganz entfernte ?hnlichkeit mit dem Fernsehen haben muss. Menschen erz?hlen dort offenbar Geschichten f?r Menschen, die sich wieder andere Menschen ausgedacht haben. Oder so ?hnlich.

Caro malt ihre Lippen nun mit einem besonders dicken Stift an, betrachtet sich noch einmal pr?fend im Spiegel, dann kommt sie aus dem Bad, geht zur Garderobe und greift nach meiner Hundeleine.

»So, Hedwig ! Ich bin jetzt weg. Herkules nehme ich mit, dann kannst du mit Henri drinnen bleiben. Bei der Erk?ltung ist das wahrscheinlich am besten.«

Hedwig kommt aus Henris Zimmer in den Flur.

»St?rt der Hund denn nicht ?«

»Nee, glaube ich nicht. Die haben selbst auch einen Hund. Ansonsten lasse ich ihn im Auto. Bis sp?ter !«

Wie ? Ich darf mit ins Theater ? Und dort gibt es auch Hunde ? Das ist ja interessant ! Ich hoffe, ich muss nicht davor im Auto warten, denn das verspricht spannend zu werden. Schnell wetze ich zur T?r. Nicht dass sich Caro das noch einmal anders ?berlegt.

Draussen ist ein warmer Fr?hlingstag – schade, dass wir offenbar mit dem Auto fahren. Ich h?tte grosse Lust auf einen ausgedehnten Spaziergang. Aber so h?pfe ich schwungvoll auf den Beifahrersitz, als mir Caro die T?r ?ffnet. Hoffentlich dauert die Fahrt nicht so lang !

Sie dauert lang. Als ich gerade eingeschlafen bin, h?lt Caro endlich an.

»Wir sind da, mein S?sser. Ich bin gespannt, wie es dir gef?llt. Ich war beim ersten Mal sehr beeindruckt.«

Sie steigt aus und?ffnet meine T?r, ich recke und strecke mich kurz, dann springe ich aus dem Auto. Ich lande in einem Kiesbett und schaue erwartungsvoll nach oben. Wow – wir parken vor einem grossen Geb?ude, das ein bisschen an Schloss Eschersbach erinnert. Es hat ein Portal und S?ulen und zwei T?rme. Die sind zwar nicht ganz so hoch wie die von Schloss Eschersbach, aber auch ziemlich eindrucksvoll. Jedoch scheint es keinen richtigen Park zu dem Schloss zu geben, es ist zwar umgeben von einem gr?sseren Platz, aber direkt hinter der ersten Baumreihe sind schon die Nachbarh?user zu sehen. F?r ein normales Haus ist es trotzdem ein echter Hingucker.

»Sch?n, oder ? Eine richtige Villa an der Elbchaussee, die h?tte man doch selbst gern.«

Ja, ich k?nnte mir so ein Anwesen auch gut als Residenz f?r Carl-Leopold von Eschersbach vorstellen. Standesgem?ss eben. Und wennElbchaussee bedeutet, dass hier auch irgendwo die Elbe ist, w?re mit Sicherheit der ein oder andere Elbspaziergang drin. Allerdings wundere ich mich langsam, wo die anderen Besucher des Theaters sind. Soweit ich weiss, ist Theater doch eher eine Gruppenveranstaltung – etwas, wo ganz viele Menschen hingehen. Ausser uns ist jedoch weit und breit niemand zu sehen. Carolin scheint das nicht zu st?ren, zielstrebig geht sie auf das Portal zu. Na gut, sehen wir uns das Ganze mal aus der N?he an.

Caro dr?ckt die Klingel neben den T?rfl?geln des Portals, die T?r ?ffnet sich mit einem leisen Summen und gibt den Blick auf eine grosse Halle frei. Immer noch kein Mensch zu sehen. Daf?r kann ich eindeutig einen Hund erschnuppern.

Am hinteren Ende der Halle sind mehrere T?ren, eine davon wird nun ge?ffnet, und endlich kommt der erste Mensch zum Vorschein. Es ist eine Frau, ebenfalls gut gekleidet, vom ?usseren und der Bewegung her allerdings ?lter als Carolin.

»Hallo, Frau Neumann ! Ich freue mich, dass es heute geklappt hat !«

»Das war doch selbstverst?ndlich, Frau Hohwenser. Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass ich Herkules dabeihabe ?«

Die Frau lacht uns freundlich an.

»Klar, kein Problem. Da wird sich unsere Biene freuen. Kommen Sie beide rein !«

»Danke. Ich bin schon ganz gespannt, welche neuen St?cke noch dazugekommen sind. «

Aha ! St?cke ! Genau, davon hat Marc gesprochen: Theaterst?cke. Dann sind wir wohl wirklich in einem Theater. Die Frau, die offenbar Hohwenser heisst, weist uns den Weg durch die T?r, hinter der ein Treppenhaus liegt. Der Hundegeruch wird st?rker, und ich werde langsam ein wenig nerv?s.

Frau Hohwenser l?uft die Treppe vor uns hoch und redet gleichzeitig mit Carolin.

»Mein Vater hatte zuerst ?berlegt, diesen Teil des Nachlasses in S?ddeutschland zu behalten. Als er aber von meiner Idee der historischen Sammlung h?rte, war er gleich begeistert. Die Lieferung ist gestern angekommen, ich bin schon ganz neugierig, was Sie dazu sagen.«

»Wenn die St?cke auch nur ann?hernd so gut erhalten sind wie der Rest der Sammlung, dann ist das eine ziemliche Sensation.«

Leute, nun macht es doch nicht so spannend f?r einen armen Dackel ! Wann geht es denn nun los mit dem sensationellen Theaterst?ck ?

Ein Stockwerk h?her und eine weitere T?r sp?ter stehen wir in einem Raum, in dem es verd?chtig nach altem Holz riecht. Fast wie in der Werkstatt. Ich bin entt?uscht. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Gelegenheit, l?nger ?ber diese Entt?uschung zu sinnieren, bleibt aber nicht. Denn aus der gegen?berliegenden Ecke des Raumes kommt nun tats?chlich ein anderer Hund auf mich zugest?rmt. Ein anderer Dackel ! Genauer gesagt: eine Dackelin. Und was f?r eine: grosse braune Augen und langes, seidig gl?nzendes rotbraunes Fell. Mit anderen Worten – eine sehr attraktive Frau ! Nat?rlich nicht so sch?n wie Cherie, aber trotzdem ansehnlich. Es ist fast schade, dass mich andere H?ndinnen so gar nicht als Frau interessieren, diese hier ist wirklich h?bsch. Aber eben nicht Cherie.

»Ach, sehen Sie mal, wie meine Biene sich freut ! Das ist ja nett !«

Frau Hohwenser klatscht begeistert in die H?nde.

Da will ich an Begeisterung nat?rlich in nichts nachstehen und mache schnell mal eine paar Luftspr?nge und anschliessend M?nnchen.

Carolin lacht.

»Wie Sie sehen, ist die Freude ganz unsererseits !«

»Ihrer ist auch ein Dackel, oder ?«

»Fast. Ein Dackelmix.«

Grrrr ! Was soll das, Caro ? Musst du mich unbedingt vor den Damen blossstellen ? Das h?tten die doch von allein vielleicht nicht gemerkt.

»Ach, das sieht man auf den ersten Blick gar nicht.«

Eben. Sag ich doch. Biene beschnuppert mich neugierig. Ich lasse sie gew?hren.

»Wohnst du hier ?«, will ich schliesslich wissen.

Sie setzt sich und betrachtet mich.

»Ja. Ich bin gewissermassen der Hofhund. Biene. Aber das weisst du ja schon.«

»Ich bin Herkules. Eigentlich Carl-Leopold von Eschersbach – aber Herkules reicht v?llig.«

»Angenehm. Biene von der Harkortsh?he. Hier sind sonst fast nie andere Hunde. Sehr ruhig, sehr langweilig.«

Von der Harkortsh?he. Aha. Dieser Name in Verbindung mit Bienes?usserst reinrassigem Langhaardackelaussehen f?hrt dazu, dass ich mich unwohl f?hle. Unterlegen. Ich beschliesse, das Thema zu wechseln.

»Und du wohnst hier im Theater ?«

Biene macht grosse Augen – falls es ?berhaupt m?glich ist, ihre Augen noch gr?sser zu machen.

»Wieso Theater ?«

»Na, das ist hier doch ein Theater, oder ?«

V?llig verst?ndnislos blickt sie mich an.

»Ich weiss zwar nicht genau, was ein Theater ist – aber eines weiss ich. Dies hier ist keines. Das w?re mir doch aufgefallen.«

Hm. Kein Theater ? Trotz der sensationellen St?cke ? Aber was genau ist es dann ? Und was machen wir hier ?

»Du meinst, hier gibt es keine Menschen, die andern Menschen, also ganz vielen, Geschichten von wieder anderen Menschen erz?hlen ? So ?hnlich wie Fernsehen, nur anders ?«

»So ?hnlich wie Fernsehen, nur anders ? ?h … nee. Glaub ich nicht. Wir haben einen Fernseher, aber ganz viele Menschen sind hier nur selten. Vorn an der Elbe, da sind viele. Vor allem bei gutem Wetter laufen die da in Heerscharen rum. Dann haben sie oft auch Hunde dabei, das ist dann ganz nett. Aber sonst ? Nee.«

»Tja. Dann ist das wohl ein Missverst?ndnis.«

»Wolltet ihr denn ins Theater ?«

Unschl?ssig wedele ich mit dem Schwanz hin und her.

»Dachte ich. Scheint aber nicht zu stimmen.«

»Ich glaube, ihr seid wegen der Instrumente da. Ich habe dein Frauchen schon mal gesehen. Da hat sie sich den ganzen alten Krempel da dr?ben angesehen. Ein Mann war auch dabei, machte einen ganz netten Eindruck.«

Ach so. Instrumente. Na klar. Wir sind nicht zum Spass hier, sondern Carolin erledigt einen Job. Warum bin ich da nicht von allein draufgekommen ? Schade, dann wird’s doch eher langweilig hier. Ich g?hne und lege mich hin.

Biene legt sich neben mich.

»Ich find’s sch?n, dass du da bist. Soll ich dir mal unseren Garten zeigen ? Die sind hier doch bestimmt noch besch?ftigt.«

Ich bin unschl?ssig. Biene scheint nett zu sein, doch irgendwie auch ein bisschen aufdringlich. Und sie ist zwar h?bsch, aber bestimmt blasiert.Von der Harkortsh?he. Oder ich bin heute nicht so in Stimmung f?r Konversation.

Sie scheint zu merken, dass ich z?gere.

»Ach, nun komm schon. Ist doch spannender, als hier auf dein Frauchen zu warten.«

Stimmt. Ich seufze und raffe mich auf. Sie l?uft zur?ck in Richtung der Treppe, ?ber die wir eben gekommen sind, ich folge ihr. Wieder in der grossen Halle traben wir zu einem kleinen Flur, von dem wiederum ein Zimmer abgeht. Hier steht eine Terrassent?r offen, durch die Biene verschwindet. Okay, ist wahrscheinlich wirklich besser, als bei dem sch?nen Wetter weiter hier drinnen rumzuh?ngen. Also hinterher.

Wuff ! Sagte ich vorhin, dass diesem Haus zum Schloss der Park fehlt ? Na, da kannte ich seine R?ckseite noch nicht !Garten ist die Untertreibung des Jahres. Eine riesige Rasenfl?che, eingefasst von haushohen Eichen und ges?umt von akkurat angelegten Beeten, f?ngt direkt hinter der Terrasse an und erstreckt sich bis hinunter zur Elbe. Uns trennt kein einziges anderes Haus von dem gewaltigen Fluss – fast sieht es so aus, als ob das grosse Schiff, das dort gerade entlangf?hrt, direkt durch den Garten kommt.

Ich bin wirklich beeindruckt, und das merkt man mir wohl auch deutlich an, denn Biene gibt mir einen kurzen Stups in die Seite.

»Hey, vergiss das Atmen nicht. Ich hab doch gleich gesagt, dass es im Garten spannender ist.«

»Gibt es hier auch Kaninchen ?«

»Klar. Kaninchen. Amseln. Maulw?rfe. Du kannst hier alles jagen, was du willst. Du bist auch ein Jagdhund, oder ?«

Ich nicke.

»Und ob. Ich stamme aus einer ganz ber?hmten Dackelzucht. Alle meine Vorfahren sind zur Jagd gegangen. Das haben wir im Blut, wir von Eschersbachs.«

Stolz hebe ich die Nase. Ich mag einBetriebsunfall gewesen sein, wie es irgendein Mensch mal bezeichnet hat. An meinen hervorragenden Instinkten?ndert das ?berhaupt nichts !

Biene ist Gott sei Dank zu h?flich, um weitere Fragen zu diesem Thema zu stellen, stattdessen h?pft sie munter vor mir die Stufen der Terrasse zum Rasen hinunter.

»Komm, Herkules, ich zeige dir mal, wie blendend man sich hier am?sieren kann.«

Die n?chste Stunde verbringen wir damit, um die Wette zu wetzen, Kaninchen einzusch?chtern und Eichh?rnchen die B?ume hochzujagen. Wir legen uns mit einer Elster an und m?ssen mehrmals ihrem Schnabel ausweichen, aber das st?rt Biene ?berhaupt nicht, sie ist beeindruckend mutig und hart im Nehmen.Dackel eben. Dann rollen wir uns im Sandstrand auf der anderen Seite des Zaunes, der das Grundst?ck von der Elbe trennt, und bekommen sogar einmal nasse Pfoten, als ein besonders grosses Schiff vorbeikommt. Es ist herrlich !

Als pl?tzlich Caro und Bienes Frauchen auf der Terrasse auftauchen und nach uns rufen, w?rde ich mich am liebsten taub stellen. Aber Frau Hohwenser pfeift nur einmal hoch und schrill, schon l?uft Biene zu ihr. So ein gut erzogener Hund ! Wenn Herr Beck hier w?re, es w?rde all seine Vorurteile ?ber uns best?tigen. Langsam trotte ich auf Caro zu.

»Meine G?te, wie siehst du denn aus, Herkules ? Du bist ja v?llig verdreckt und sandig !« Carolin sch?ttelt tadelnd den Kopf. »Wie soll ich dich denn nach Hause transportieren, ohne dass Marc einen Schlag kriegt, wenn er das Auto sieht ? Am besten, du nimmst im Kofferraum Platz.«

Ich, im Kofferraum ? Was f?r eine bodenlose Unversch?mtheit ! Emp?rt jaule ich auf.

Frau Hohwenser lacht.

»Da ist aber jemand gar nicht einverstanden mit Ihrem Plan. Warten Sie, ich gebe Ihnen eine alte Decke mit, da kann das Kerlchen drauf Platz nehmen. Es freut mich ja, dass die beiden anscheinend so viel Spass hatten. Das n?chste Mal, wenn ich in Ihre Werkstatt komme, nehme ich Biene einfach mit.«

Als ich das h?re, wedele ich mit dem Schwanz. Das ist eine ausgezeichnete Idee ! Biene ist ein richtig klasse Kumpel, auf so jemanden trifft man wirklich nicht alle Tage. Ich werfe ihr einen kurzen Blick zu – sie scheint das Gleiche zu denken wie ich. Jedenfalls wirkt auch sie sehr gl?cklich. Wer h?tte gedacht, dass mein Ausflug ins Theater so ein Erfolg wird ?

NEUNZEHN

Aber was ist denn so schlimm daran, wenn Mama zur Hochzeit kommt ? Ihr habt gesagt, dass ihr nur Familie einladen wollt. Und Mama ist eindeutig Familie.«

Luisa klingt entt?uscht und w?tend. Marc seufzt.

»Luisa, ich habe doch schon versucht, es dir zu erkl?ren: Wenn Mama zur Hochzeit kommt, f?hlen sich Caro und ich nicht wirklich wohl. Und das w?re bei der eigenen Hochzeit schade, meinst du nicht auch ?«

»Ach, und ob ich mich wohlf?hle, ist anscheinend v?llig egal. Das interessiert euch ?berhaupt nicht.« Okay, jetzt klingt das Kind nur noch w?tend. »Du hast mal zu mir gesagt, dass es manchmal besser ist, wenn sich Eltern trennen, weil sie sich sonst nur noch streiten w?rden, und sie sich besser verstehen, wenn sie nicht mehr ein Paar sein m?ssen.«

»Ja, das habe ich gesagt. Und das stimmt auch.«

»Nee, das stimmt offensichtlich nicht. Denn wenn ihr euch jetzt besser verstehen w?rdet, dann k?nntest du Mama ruhig einladen. Das war also gelogen.«

Marc holt tief Luft und will anscheinend etwas sagen, l?sst es dann aber. Irgendwie habe ich schon sch?nere Abende im Hause Wagner-Neumann erlebt. Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt, seit es wieder um das Thema Hochzeit geht. Dabei ist Hedwig nicht mal da, um sich mit kreativen Vorschl?gen in die weitere Planung einzubringen. Es war Luisa, die noch einmal mit Fragen zur Einladungspolitik um die Ecke kam. Ohne dabei freilich zu erw?hnen, dass sie mit Oma bereits an einer kleinen Erweiterung der G?steliste arbeitet. Ungefragt Sabine einzuladen hat sie sich aber offenbar nicht getraut.

Luisa funkelt Marc angriffslustig an. Ich ahne das Schlimmste, und bevor sie noch zur n?chsten Attacke ausholen kann, h?pfe ich kurz entschlossen auf ihren Schoss. Vielleicht kann sie eine Runde Dackelkuscheln wieder gn?diger stimmen. Tats?chlich r?ckt sie ihren Stuhl noch weiter vom K?chentisch weg und beginnt, mich zu kraulen.

»Braver Herkules, lieber Herkules. Manchmal glaube ich, du bist der Einzige, der mich hier versteht. Ausser Oma. Und Henri. Aber der z?hlt noch nicht. Papa ist jedenfalls richtig ?tzend.«

Marc tut so, als ob er das alles nicht h?rt, und f?ngt an, betont fr?hlich zu pfeifen, w?hrend er irgendetwas in einem der K?chenschr?nke sucht.

»M?chtest du auch einen Tee, Engelchen ?«

»Nein. Ich m?chte, dass du Mama einl?dst.«

»Dar?ber m?chte ich jetzt nicht mehr mit dir sprechen.«

Marc gibt sich alle M?he, gelassen zu klingen. Aber dass er mittlerweile ziemlich gereizt ist, h?re ich als ge?bter Zweibeinerversteher sofort.

»Okay, aber dann m?sst ihr wenigstens den Willi einladen.«

Oh, gute Idee ! Willi ist ein sehr alter Freund, den ich gleich in meinen ersten Tagen bei Carolin kennengelernt habe. Er wohnte damals praktischerweise auf einer Parkbank, so habe ich ihn bei einem meiner ersten Spazierg?nge dort entdeckt. In der Zwischenzeit ist er in eine kleine Wohnung umgezogen, aber ich treffe ihn immer noch, wenn ich in unserem Viertel unterwegs bin. Er verkauft n?mlich mittlerweile Zeitungen vor unserem Supermarkt, und dort bindet mich Caro oft neben Willi an, und er passt dann auf mich auf.

Marc scheint von der Idee allerdings nicht ganz so begeistert zu sein wie ich.

»Willi ? Wie kommst du denn auf den ?«

»Ganz einfach: Ich finde, der geh?rt zur Familie.«

»Findest du.«

»Ja. Und er ist einrichtig guter Freund.«

»Hm, ich weiss nicht. Das ist vielleicht nicht so passend.«

»Wieso nicht ?«

»Na, Willi ist schon reichlich speziell.«

»Ach, f?hlt ihr euch da wieder nicht wohl, oder wie ? Weil der Willi nicht so viel Geld hat wie alle anderen. Und nicht so tolle Klamotten, oder was ?«

Jaul, sie kann aber auch ganz sch?n krabitzig sein, unsere kleine Luisa. Ob das auch an dieser Krankheit namens Pubert?t liegt ? Marc wirft ihr einen reichlich leidenden Blick zu. Wette, er fragt sich gerade, ob die Freuden eigener Kinder nicht masslos ?bersch?tzt werden.

»Das ist doch Quatsch, Luisa. Nat?rlich ist Willi ein Freund und ein netter Kerl. Ich frage mich nur, ob so eine Hochzeitsfeier das Richtige f?r ihn ist. K?nnte ja sein, er mag so etwas gar nicht.«

»Tja: Frag ihn. Dann bist du schlauer.«

Marc hebt die H?nde.

»Okay, ich verspreche dir, ich frage erst mal Caro, was sie davon h?lt. Und wenn sie die Idee gut findet, dann frage ich Willi. Einverstanden ?«

»Einverstanden. Und wenn du gerade dabei bist: Frag sie gleich auch noch mal nach Mama. Vielleicht hat sie doch nichts dagegen, und du bildest dir das nur ein. F?r mich w?re das wichtig. Falls es dir nicht total egal ist, was mir wichtig ist.«

Marc st?hnt, sagt aber nichts mehr. Ob das der Grund ist, warum Hunde schon als Welpen abgegeben werden ? Damit man ihren Muttertieren stundenlange Diskussionen mit dem Nachwuchs erspart ? Und sie in der neuen Familie sind, bevor sie sich mit Pubert?t anstecken k?nnen ? W?re jedenfalls eine M?glichkeit. G?be es sie auch f?r Menschenkinder, Marc w?rde sie wahrscheinlich gerade in Erw?gung ziehen.

Die Wohnungst?r wird ge?ffnet, Caro kommt mit Henri vom Kinderarzt wieder.

»Hallo, wo seid ihr denn alle ?«, ruft sie gut gelaunt in den Flur.

»Hier«, brummelt Marc zur?ck, und kurz darauf steht auch Caro mit Henri auf dem Arm in unserer K?che.

»Also, Henri ist topfit. Hat die U6 quasi mit Auszeichnung bestanden. Er ist etwas gr?sser als der Durchschnitt, sein Kopfumfang ist perfekt und sein freier Sitz mit geradem R?cken und locker gestreckten Beinen vorbildlich.«

Donnerwetter– klingt ganz so, als w?re sie mit Henri bei der Rassetauglichkeitspr?fung gewesen. Das heisst, eher nach Zuchtrichter als nach Kinderarzt. Ob es so etwas auch bei Menschen gibt ? U6 scheint dann so etwas zu sein wie die offene Jugendklasse auf der Hundeausstellung. Tja, man lernt nie aus.

»Und hast du ihn auch mal nach dem Sprechen gefragt ?«, erkundigt sich Marc.

Caro nickt.

»Nat?rlich. Super Sprachentwicklung, seine Silbenverdopplung ist wie aus dem Lehrbuch. Henri ist ein kleiner Supermann.«

Aus Caros Stimme tropft der Mutterstolz nur so heraus, aber ich muss zugeben, dass auch ich beeindruckt bin. So gute Noten h?tte ich nicht f?r m?glich gehalten, wo Henri doch so bl?d ist. Am Ende ist unser Kleiner noch ein echter Champion ! W?hrend ich mir in Gedanken schon ausmale, wie Henri als Weltjugendsieger einen gigantischen Pokal ?berreicht bekommt, mischt sich Luisa ins Gespr?ch ein.

»Super, das mit Henri. Aber Papa und ich haben uns hier auch ?ber ein paar wichtige Sachen unterhalten. ?ber eure Hochzeit n?mlich und da …«

»Mensch, Hochzeit – gut, dass du es sagst !«, unterbricht Caro Luisa mitten im Satz. »Das h?tte ich ja fast vergessen, Marc ! Bevor ich mit Henri zum Arzt bin, hat Frau Holtrop angerufen.«

Marc runzelt die Stirn.

»Wer war noch gleich wieder Frau Holtrop ?«

»Die leitet die Gastronomie im Kloster Uetersen.«

»Stimmt, so hiess die. Und was wollte sie ?«

»Am 15. Juni klappt es bei ihnen leider nicht. Es gab ja schon eine Option auf diesen Termin, von der sie dachte, dass die Leute sie nicht einl?sen w?rden. Machen sie aber doch, die haben sich heute bei ihr gemeldet. Wir m?ssen uns also schleunigst nach einer Alternative umsehen.«

Caro zieht einen Stuhl zu sich und setzt sich neben Marc. Der gibt ihr einen Kuss und nimmt dann Henri auf seinen Schoss.

»Hm, Uetersen klappt also nicht ? Doof. Mir hat es da richtig gut gefallen. Und wenn wir doch einen anderen Tag nehmen ?«

»Habe ich auch schon ?berlegt. Als wir nur ganz klein feiern wollten, w?re das kein Problem gewesen. Aber mittlerweile haben wir f?nfundzwanzig G?ste, die H?lfte davon kommt nicht aus Hamburg. Ich f?rchte, zu einer Feier am Wochenende gibt es da gar keine Alternative.«

»Ja, wahrscheinlich hast du mit dieser Einsch?tzung recht. Aber was ist denn mit der Trauung ? Die sollte doch im Kloster stattfinden. Klappt die auch nicht ?«

»Den Termin haben wir zwar sicher, aber was bringt uns das ? Dann traut uns der Standesbeamte im Konventsaal, aber wir k?nnen dort nicht feiern. Schon ein kleiner Empfang danach wird schwierig, wenn zeitgleich eine andere grosse Party stattfindet.«

»Scheisse. Was machen wir jetzt ?«

»Ich werde morgen mal alle Hamburger Standes?mter anrufen und fragen, ob irgendjemand noch einen Termin am 15. Juni vergibt. Wenn das nicht klappt, dann bleibt uns wohl nichts anderes ?brig, als erst in Uetersen zu heiraten und dann zur Feier wieder nach Hamburg zu fahren. Irgendein nettes Restaurant werden wir hier schon finden. Am Datum w?rde ich jedenfalls nicht mehr r?hren.«

Marc nickt.

»Ach, Mist, wir h?tten mal bei dem Plan mit der kleinen Feier bleiben sollen. F?r ein gr?sseres Fest sind wir schon viel zu sp?t dran.«

»Bedank dich bei deiner Mutter«, erwidert Caro trocken. »Die grosse Sause war schliesslich ihre Idee. Immerhin k?nnten wir noch auf den Michel ausweichen. Da passen wir mit f?nfundzwanzig Leuten auch locker rein.«

Gut. Ich gehe da jetzt rein. Und ich bin souver?n und witzig. ?h, hab ich was vergessen ? Ach so: gelassen. Ich bin selbstverst?ndlich gelassen. JAUL ! Ich kann das nicht. Ich kann nicht einfach inmeine Werkstatt spazieren, wenn ich genau weiss, dass Cherie auch dort ist.

»Herkules, was machst du da ?«

Herr Beck kommt um die Ecke gebogen und sieht, wie ich vor dem Hauseingang sitze, mich hinlege, wieder aufstehe, mich dann wieder hinsetze, schliesslich wieder liege. So geht das schon seit einiger Zeit, aber ich kann mich nicht aufraffen, einfach durch die T?r zu marschieren. Ich kann es nicht.

Carolin ist nicht einmal aufgefallen, dass ich ihr nicht gefolgt bin. Gut, ich bleibe oft im Vorgarten und komme dann durch die Terrassent?r nach, vor allem, wenn so sch?nes Wetter ist wie heute. Aber gerade jetzt finde ich sie da trotzdem reichlich unsensibel. Gut, dass ich wenigstens noch einen wahren Freund hier habe, dem auff?llt, dass etwas mit mir nicht stimmt.

»Ich habe Angst, Beck.«

Beck legt sich neben mich und wedelt mit dem Schwanz hin und her.

»Wovor ?«

»Vor Cherie. Genauer gesagt, davor, wie es mit uns weitergeht. Noch genauer gesagt davor, dass es ?berhaupt nicht weitergeht.«

»Eines kann ich dir mit Sicherheit sagen: Wenn du hier draussen liegen bleibst, geht es garantiert nicht weiter. Und wenn du drinnen rumliegst und nichts machst, bestimmt auch nicht.«

Ratlos lege ich die Schnauze auf die Vorderl?ufe.

»Aber was soll ich dennmachen ? Was kann ich?berhaupt machen ?«

Beck?berlegt einen Moment, bevor er antwortet.

»Du musst dich interessant machen.«

»Aha.«

Ein super Tipp. Und so leicht umzusetzen…

»Nee, mal im Ernst – wenn es irgendwie geht, mach dich mal ein bisschen rar.«

»Wie denn ? Ich wohne quasi in der Werkstatt, und sie auch !«

»Ja, dann eben im ?bertragenen Sinne. Ignoriere Cherie einfach. Frau Wiese hat immer gesagt: Willste gelten, mach dir selten. Und ich glaube, da ist was dran.«

Rar machen. Cherie ignorieren. Ich glaube nicht, dass ich dazu in der Lage bin. Da m?sste ich schon mit Augenbinde in der Werkstatt aufkreuzen. Sehr unauff?llig.

Beck scheint zu merken, dass ich mehr als skeptisch bin.

»Am besten w?re es nat?rlich, du k?nntest sie eifers?chtig machen. Das ist immer ein probates Mittel.«

»Was ist das ?«

Gott, red doch nicht so geschwollen daher, Kater. Vor dir sitzt ein liebeskranker Hund !

»Ein besonders wirksames Mittel. Mach sie eifers?chtig. Dazu br?uchten wir allerdings eine andere H?ndin. Ich glaube nicht, dass Cherie deine Liebe zu einem alten, fetten Kater besonders beeindrucken wird.«

Grossartig ! Eine andere H?ndin. Die zu besorgen ist ?berhaupt kein Problem. Da stelle ich mich doch einfach schnell in den Park, belle einmal laut und eindrucksvoll, schon werden sie in Heerscharen kommen. Die sind dann alle hinter mir her, Cherie erkennt ihren Fehler, und die Sache ist geritzt. Ha, ha ! Guter Witz !

»Echt, Beck. Hast du keine anderen Tipps auf Lager ? Wo soll ich denn jetzt so schnell eine H?ndin herkriegen, die mich anbetet und auf die Cherie dann eifers?chtig ist ?«

»Hm. Guter Punkt. Es w?re aber schon sehr praktisch. W?rde auch reichen, wenn du ganz offensichtlich die H?ndin anbetest. Cherie m?sste eben merken, dass es neben ihr auch andere sch?ne Frauen gibt.«

Andere sch?ne Frauen. Woher nehmen, wenn nicht stehlen ? Ich habe leider wegen Cherie in letzter Zeit auch ?berhaupt nicht mehr auf andere Damen geachtet. K?nnte fast schw?ren, dass mir keine begegnet sind. Wobei – stimmt ja gar nicht ! Stimmt ?berhaupt nicht !

Ich springe hoch und sch?ttle mich. Auf geht’s ! Erst ignorieren, dann eifers?chtig machen.

»Beck, du bist einfach genial !«

Der schaut mich v?llig verwirrt an.

»?h, bin ich ?«

»Bist du.«

Und schon sause ich Richtung Werkstatt. Attacke !

ZWANZIG

Manchmal braucht man nur ein Qu?ntchen Gl?ck. Kaum habe ich Cherie einen Tag lang mehr schlecht als recht ignoriert – was im Wesentlichen nur bedeutete, dass ich ihr nicht mehr auf Schritt und Tritt gefolgt bin –, schon k?ndigt sich am n?chsten Morgen genau der Besuch an, den ich f?r meine Taktik brauche. Und zwar tut er das durch hektisches Aufr?umen und Putzen der Werkstatt seitens Carolin. Selbst Daniel wundert sich, warum Carolin auf einmal anf?ngt, im Flur staubzusaugen, und schaut von seiner Werkbank auf.

»Sag mal, habe ich irgendetwas verpasst ?«

»Ja, hast du. Frau Hohwenser hat vorhin angerufen. Sie ist gerade in der N?he und will kurz vorbeikommen. Ich m?chte nicht, dass sie den Eindruck erh?lt, ihre wertvollen Instrumente w?rden demn?chst in einer ollen Rumpelbude liegen. Du k?nntest ?brigens schnell mal die K?che in Ordnung bringen.«

Hohwenser. Bienes Frauchen ! Mit einem Mal bin ich wie elektrisiert: Das ist meine Chance ! Ich werde Cherie zeigen, dass sie nicht die einzige attraktive Frau auf diesem Planeten ist. Und dass ein schneidiger Kerl wie ich alle M?glichkeiten hat, wuff ! Begeistert springe ich von meinem Platz neben Carolins Bank und schmeisse mich in Position. Wenn Biene durch die T?r kommt, soll sie gleich sehen, wie sensationell gut ich eigentlich aussehe.

»Wirst du eigentlich irgendwie krank, Herkules ?«

Cherie mustert mich.

»Nein. Warum ?«

»Du bist seit gestern so komisch.«

»Komisch ?«

Sehr gut ! Es ist ihr also schon aufgefallen.

»Na, so abwesend.«

»Findest du ?«

»Ja. Finde ich. Du hast gestern kein Wort mit mir gesprochen. Hast du Halsschmerzen ?«

Ich k?nnte mich kringeln ! Es funktioniert tats?chlich – Cherie macht sich meinetwegen Gedanken. Das sollte ausbauf?hig sein.

»Nee, ich hab keine Halsschmerzen. Ich bin gedanklich ganz woanders. Habe da neulich jemanden kennengelernt.«

»Aha.«

Mehr sagt Cherie dazu nicht. Gut, war vielleicht ein bisschen platt. Egal. Hauptsache, die Botschaft kommt an.

Kurze Zeit sp?ter klingelt es an unserer T?r. Ich ?berlege, ob ich gleich nach vorne st?rzen soll, bleibe dann aber auf meinem Platz. Schliesslich will ich m?glichst l?ssig wirken. Hoffentlich ist Biene ?berhaupt mitgekommen. Dass ich Cherie nur durch Erz?hlungen von meiner neuen Bekanntschaft eifers?chtig machen kann, wage ich zu bezweifeln.

Als Caro die T?r ?ffnet, weiss ich sofort, dass meine Sorge unbegr?ndet ist. Noch bevor ich Biene sehen kann, habe ich sie erschnuppert. Los geht es mit der Operation Herzensbrecher ! Offenbar hat Biene auch gleich gemerkt, wo sie sich befindet, denn schon kommt sie in den Werkraum gelaufen und begr?sst michfreudig.

»Hey, Herkules ! Du wohnst wirklich hier, wie toll !«

Sie springt vor mir hin und her und schleckt mir schliesslich einmal ?ber die Schnauze. Ah, das ist doch mal ein geb?hrender Empfang ! Ich stelle mich ganz dicht neben Biene und versuche, aus den Augenwinkeln Cheries Reaktion zu beobachten. Hoffentlich hat sie das auch alles gesehen !

»Biene, wie sch?n, dass du da bist ! Soll ich dir gleich mal alles hier zeigen ? Wir haben auch einen Garten, nat?rlich nicht so ein Riesenteil wie bei euch, aber nicht schlecht.«

Mittlerweile ist auch Cherie von ihrem Platz aufgestanden.

»Willst du mir deine neue Bekannte nicht mal vorstellen ?«

T?usche ich mich, oder klingt Cherie tats?chlich schon ein wenig zickig ? Grandios ! Die Beck’sche Strategie scheint zu verfangen.

»Oh, nat?rlich, entschuldige. Das ist Biene von der Harkortsh?he. Biene stammt aus einer extrem vornehmen Familie und wohnt in einer Art Schloss.«

Bei dieser Vorstellung schaut Biene sch?chtern zu Boden.

»Ach, nun ?bertreib mal nicht. So toll ist es auch wieder nicht.«

»Doch, ist es – sei nicht so bescheiden ! Euer Garten ist ein Park, und der reicht bis zur Elbe. Toll ! Cherie wohnt hier im Haus in einer Studenten-WG.«

Cherie funkelt mich b?se an, sagt aber nichts dazu.

»Was ist denn eine WG ?«, will Biene wissen.

»Ach, das ist, wenn sich mehrere Leute eine Wohnung teilen. Ist ganz praktisch, vor allem, wenn man nicht so viel Geld hat.«

»Interessant. Kannte ich gar nicht.«

»Kein Wunder – du bist ja gewissermassen eine Tochter aus gutem Hause. Da gibt es das wahrscheinlich gar nicht. Komm, ich zeig dir den Garten.«

Als ich an Cherie vorbei zur Terrassent?r laufe, knurrt sie mir ins Ohr: »Was soll denn das ? Bin ich etwa nicht aus gutem Hause ? Und ?berhaupt: Daniel ist nicht arm. Der hatte nur keine Lust mehr auf Yoga.«

Ich mache, was mir Beck geraten hat– Cherie ignorieren und einfach weiterlaufen. Biene folgt mir, und kurz darauf stehen wir im Garten.

»Ui, hier ist es aber auch sch?n.«

»Genau wie du«, versuche ich mich an einem Kompliment. Vielleicht ein bisschen klebrig, aber ich habe eben nicht viel ?bung. Biene scheint’s nicht zu st?ren, die legt den Kopf schief und wedelt mit dem Schwanz.

»Gott, Herkules, schlimmer geht’s nimmer !« Cherie ist uns gefolgt und teilt Bienes Freude ?ber meine Charmeoffensive nicht. »Das ist ja zum Fremdsch?men !«, raunt sie mir zu.

Ich gebe mich unbeeindruckt und mache einfach weiter.

»Weisst du, Biene, heute ist ein ganz besonderer Tag f?r mich.«

»Ehrlich ?«

»Ja. Denn heute kann ich mein bescheidenes Heim endlich jemandem zeigen, der mir wirklich wichtig ist: n?mlich dir !«

»Oh, danke, das ist aber nett !«, antwortet Biene artig, w?hrend Cherie im Hintergrund anf?ngt zu jaulen.

»Weiter hinten im Garten gibt es sogar einen Durchgang zu einem richtigen Park. Dort gibt es auch Kaninchen und Eichh?rnchen – genau wie bei dir. Willst du mal sehen ?«

»Gern.«

Gemeinsam laufen wir zum hinteren Gartent?rchen. Cherie folgt uns in sicherem Abstand. Die Pforte steht einen Spalt offen, sodass wir uns gar nicht erst durch die Latten quetschen m?ssen. Auf der anderen Seite des Zauns bleiben wir stehen, und Biene schaut sich um. Sie ist sichtlich beeindruckt.

»Wow – und das geh?rt alles zu eurem Haus ?«

»Ja, gewissermassen schon«, ?bertreibe ich ein wenig.

»Nein, ?berhaupt nicht«, widerspricht Cherie, die schon wieder neben uns steht. »Das hier ist ein ?ffentlicher Park, in dem jeder spazieren gehen kann. Mit unserem Haus hat der rein gar nichts zu tun.«

Menno, was soll das denn ? Ich meine, nat?rlich will ich in Wirklichkeit Cherie eifers?chtig machen – wie ein Trottel will ich trotzdem nicht vor Biene dastehen.

»Ach so.« Biene klingt verunsichert. Ich glaube, Cherie ist ihr nicht geheuer. »Aber sch?n ist er trotzdem. Wollen wir ein bisschen herumlaufen, Herkules ?«

»Gern.« Ich ?berlege einen kurzen Augenblick, ob ich mich traue, richtig cool zu sein – und dann drehe ich mich zu Cherie und sage es einfach: »Tsch?ss, Cherie, wir sehen uns sp?ter.«

Uff, es ist raus. Cherie schaut mich v?llig fassungslos an, dreht sich um und trottet wieder in unseren Garten. Jaul, hoffentlich habe ich es mit der Taktik nicht ?bertrieben !

Nachdem ich Biene meine Lieblingsecken im Park gezeigt habe, traben wir wieder in die Werkstatt zur?ck. Normalerweise w?re ich so lange geblieben, bis Caro am Zaun aufgetaucht w?re und nach mir gerufen h?tte. Aber obwohl der kleine Ausflug mit Biene viel Spass gemacht hat, f?hle ich mich nicht ganz wohl in meinem Fell. Ich komme mir vor wie ein L?gner oder jedenfalls wie ein Schauspieler, und das behagt mir nicht.

Cherie liegt auf ihrer Decke neben Daniels Werkbank und w?rdigt uns keines Blickes, als wir wieder reinkommen. Das ist bestimmt ein Zeichen daf?r, dass der Trick funktioniert, und ich sollte ?ber den Dingen stehen – trotzdem gibt es mir einen Stich. Sie ist sauer auf mich, ein Zustand, mit dem ich nicht gut umgehen kann. Hoffentlich hat Herr Beck wirklich recht mit seiner These, und ich bin auf dem besten Weg in ihr Herz. F?hlt sich gerade gar nicht so an.

Biene hingegen ist bestens gelaunt. Sie ist fr?hlich, weil wir fast ein Eichh?rnchen geschnappt haben, und stolz, mit mir zusammen einen Kaninchenbau ausgehoben zu haben. Ohne Kaninchen zwar, aber mit jeder Menge Spass. Wir sind noch dreckiger als bei unserem Ausflug an die Elbe, und ihr Frauchen schl?gt die H?nde ?ber dem Kopf zusammen, als sie uns sieht.

»Du liebe G?te, Frau Neumann, schauen Sie mal, die beiden sehen schlimm aus. Biene verdreckt Ihnen die ganze Werkstatt – das ist mir aber unangenehm !«

Carolin lacht.

»Das muss es nicht sein. Wahrscheinlich hat Herkules mal wieder den Jagdhund raush?ngen lassen, und die beiden waren verbotenerweise im Park und haben hinter Kaninchen hergebuddelt. Ich muss das hintere Grundst?ck echt besser sichern, irgendwann kriege ich sonst garantiert richtig ?rger.«

Sie beugt sich zu mir herunter und krault mich unten am Hals.

»Herkules, du weisst doch, dass du das nicht darfst ! Aber war bestimmt sch?n, oder ?«

Daniel dreht sich mit einem Grinsen zu Caro.

»Da siehst du mal, wie gut erzogen mein Hund ist. Wohnt noch keinen Monat hier und weiss schon, dass er im Park nichts zu suchen hat. Vorbildlich !«

Von wegen, wenn der w?sste ! Cherie w?re bestimmt auch gern mitgekommen. Der Blick, den sie mir jetzt zuwirft, sorgt jedenfalls daf?r, dass sich mir die Nackenhaare aufstellen. Wuff, sie ist richtig w?tend !

Das Telefon klingelt, und Daniel geht ran.

»Carini, hallo. Frau Neumann ? Ja, die ist da. Moment.« Er reicht Caro den H?rer. »Ist f?r dich. Das Standesamt Altona.«

»Neumann. Genau.« Sie lauscht und f?ngt an zu l?cheln. »Oh, das ist ja toll. Richtig. Am 15. Juni, 14 Uhr. Passt super. Danke, dass Sie an uns gedacht haben.« Sie greift nach einem Blatt auf ihrer Werkbank und wedelt mit der Hand, Daniel gibt ihr einen Stift. »Ja, habe ich notiert. Machen wir gleich heute noch. Okay, da rufe ich an.« Kurze Pause. »Ja. Super ! Vielen, vielen Dank ! Tsch?ss.«

Kaum liegt der H?rer wieder auf dem Tisch, schon macht Caro einen Luftsprung.

»Hurra ! Endlich mal gute Neuigkeiten in Sachen Hochzeit ! Das war das Standesamt Altona – da hat eben ein Paar seinen Samstagstermin abgesagt. Und weil ich erst gestern dort angerufen hatte, konnte sich der Beamte noch an mich erinnern und hat Bescheid gesagt. Und jetzt haben wir den Termin. Klasse, oder ?«

Daniel nickt, Frau Hohwenser l?chelt.

»Ach, Sie wollen heiraten ?«

»Ja, schon in drei Wochen. Aber ehrlich gesagt ist bei unseren Vorbereitungen so einiges schiefgegangen. Wir haben n?mlich ?berraschend einen Wedding-Planer an Bord bekommen, und seitdem ist unser Fest nicht mehr ganz so, wie wir uns das eigentlich vorgestellt haben.«

»Einen Wedding-Planer ?« Frau Hohwenser klingt erstaunt. »Ich dachte immer, den muss man extra engagieren. Wie kann man denn ?berraschend an den geraten ?«

Caro lacht.

»Na ja. Es ist nicht wirklich ein Profi, sondern meine angehende Schwiegermutter. Sie meint es vermutlich gut. Aber das Gegenteil von gut ist eben gut gemeint.«

»Oh, oh«, Frau Hohwenser seufzt, »das kenn ich – allerdings von meiner eigenen Mutter. Die mischte sich auch in bester Absicht immer in alles ein.«

»Na ja, eigentlich wollten wir ganz klein und beschaulich in einem alten Kloster in Uetersen heiraten – nur wir, unsere Kinder und Eltern und die Trauzeugen. Mit zehn Leuten ist man nat?rlich viel beweglicher bei der Planung. Aber kaum hatte Hedwig ihre Finger im Spiel, schon hat sich die G?stezahl mehr als verdoppelt, und nun passt es mit dem Termin nicht mehr, und wir brauchen pl?tzlich eine neue Location. Und ein neues Standesamt. Also habe ich gestern alle Hamburger Standes?mter angerufen, ob sie am 15. Juni noch einen Termin frei haben. Ich habe aber selbst nicht geglaubt, dass das noch klappt.«

Auch Daniel scheint sich mittlerweile f?r das Hochzeitsdrama zu interessieren, jedenfalls hat er seinen Stuhl zu Caros Bank gezogen.

»Normalerweise trauen die Standes?mter samstags nicht, oder wie ?«

»Doch, schon. Aber so kurz vorher sind nat?rlich meistens alle Termine weg. Als sich der Standesbeamte in Altona gestern meine Nummer notiert hat – nur f?r den Fall der F?lle, wie er sagte –, dachte ich, das macht der nur, um mich zu tr?sten. Ich war n?mlich schon ganz sch?n verzweifelt.Tja, und jetzt, tataa, ist wohl ein Termin geplatzt. Eine Aussentrauung im Gartensaal vom Gosslerhaus in Blankenese. Ein ganz toller Ort !«

»Aussentrauung ?«

Daniel ist genauso unwissend wie ich.

»Ja, aussen im Sinne von nicht in den Amtsr?umen des Standesamtes.«

»Das Gosslerhaus ist wirklich sch?n«, best?tigt Frau Hohwenser, »liegt mitten in einem traumhaften Park. Ist gar nicht weit von uns, ich gehe da ab und zu mit Biene spazieren.«

»Ja, so ein Gl?ck !«, freut sich Caro. »Und ich dachte schon, wir m?ssten nur f?r die Trauung nach Uetersen fahren. Dreiviertelstunde hin, Dreiviertelstunde zur?ck und dann feiern in Hamburg.« Sie atmet tief durch. »Jetzt brauchen wir nur noch ein nettes Restaurant an der Elbe. Feiern k?nnen wir im Gosslerhaus selbst nicht, nach uns findet noch eine Trauung statt. Da gibt’s nur ein Glas Sekt, und dann m?ssen wir das Feld r?umen. Aber das Problem l?se ich auch noch.«

»Nun, ich will jetzt nicht Ihrer Schwiegermutter Konkurrenz machen, aber ich h?tte da eine Idee.« Bienes Frauchen l?chelt. »Sie k?nnten doch bei uns feiern. Wir haben unser Haus schon ?fter an Filmteams vermietet – ich w?rde denken, mehr Chaos k?nnen Sie mit Ihrer Hochzeit auch nicht anrichten. Fr?her haben wir oft richtig grosse Feste bei uns gefeiert. Als unsere Familienstiftung ihr f?nfzigj?hriges Bestehen beging, hatten wir fast f?nfhundert G?ste ! Aber seit mein Mann tot ist und meine Tochter in den USA studiert, ist es ziemlich ruhig bei uns geworden. Eigentlich viel zu ruhig.«

Caro reisst erstaunt die Augen auf.

»Meinen Sie wirklich ? Ist das nicht viel zu viel Aufwand f?r Sie ?«

Frau Hohwenser sch?ttelt den Kopf.

»Nein. Wie ich schon sagte: Es ist viel zu ruhig bei uns. Zeit, das zu ?ndern ! Alles, was Sie brauchen, ist ein guter Caterer. Vielleicht darf sich Ihre Schwiegermutter ja um den k?mmern, dann hat sie etwas zu tun.«

Daniel lacht und knufft Caro in die Seite.

»Das trifft den Nagel auf den Kopf: Hedwig sollte man gut besch?ftigt halten. Dann kommt sie nicht so schnell auf dumme Gedanken. Und wenn es noch etwas anderes zu organisieren gibt, helfe ich auch gern. Bin ja schliesslich Trauzeuge.«

Caro r?uspert sich.

»Ich w?rde gern mit meinem Mann vorbeikommen und ihm Ihr Haus zeigen. Wenn er die Idee genauso toll findet, nehme ich Ihr grossz?giges Angebot gern an.«

Frau Hohwenser nickt.

»Machen Sie das. Eine Bedingung habe ich aber doch noch. Sozusagen anstelle der Miete.«

Sie macht eine kleine Kunstpause.

»N?mlich ?«, fragt Caro.

»Sie m?ssten zwei weitere G?ste einplanen. Biene und mich. Wir w?rden gern mitfeiern. Ich war schon so lange bei keinem sch?nen Fest mehr.«

Caro l?chelt und reicht Frau Hohwenser die Hand.

»Abgemacht.«

Ich kann sehen, wie Cherie ihre Schnauze unter ihren Vorderl?ufen vergr?bt. Der Gedanke an eine gemeinsame Feier mit Biene scheint ihr ?berhaupt nicht zu gefallen.

EINUNDZWANZIG

Und stell dir vor, der Sascha kann sogar das Ave Maria. Was meinst du, wie bewegend das wird !«

Hedwig ist allein bei der Vorstellung so ger?hrt, dass sie in ein Taschentuch schn?uzt. Caro verdreht die Augen, Marc h?stelt.

»Mutter, ich weiss jetzt nicht – Ave Maria ? Wir heiraten doch gar nicht kirchlich.«

»Na gut, er kann aber auch wundersch?nAmazing Grace singen.«

»Ja, ganz wundersch?n. Das allerdings passt eher zu einer Beerdigung«, ?tzt Caro.

Hedwig schnaubt emp?rt.

»Euch kann man es aber auch nicht recht machen ! Und wenn ihr es schon nicht sch?tzt: Denkt doch mal an eure G?ste ! Stellt euch vor, ihr kommt nach der Trauung auf diese wundersch?ne Terrasse in diesem grossartigen Park, und dann steht da der Chor und begr?sst euch. Das ist doch ein Traum !«

Wieder ein lautes Schn?uzen.

»Ja, ein Alptraum«, fl?stert Caro Marc schnell ins Ohr. Der muss sich alle M?he geben, nicht zu kichern.

»Ich finde es wirklich toll, dass du uns eine Freude machen willst, Mutter, aber meinst du nicht, es ist ein bisschen ?bertrieben, wenn f?r eine Hochzeitsgesellschaft mit f?nfundzwanzig Leuten ein Chor kommt, der doppelt so viele Mitglieder hat ?«

»Nein, das finde ich ?berhaupt nicht.« Hedwig guckt ihren Sohn ?ber den K?chentisch hinweg sehr b?se an. »Der Orff-Chor ist normalerweise das ganze Jahr ?ber ausgebucht. Hochklassige Konzerte bestreiten die. Private Veranstaltungen nur ganz ausnahmsweise. Du weisst gar nicht, wie viel ?berredungskunst es mich gekostet hat, Jean noch einen Termin aus den Rippen zu leiern.«

Marc seufzt, und Caro sagt dazu gar nichts, sondern schnappt sich ihre Tasse und verschwindet aus der K?che.

»Wer ist denn nun gleich wieder Jean ? Ich dachte, der Typ heisst Sascha«, will Marc wissen.

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