London

Das Leitungsgremium des Globalen Wirtschaftsrats tagte in einem großen Konferenzraum im obersten Stockwerk des schmucklosen neomodernen Büroturms aus Glas und Stahl, wo das Hauptquartier des GEC sich befand. Ursprünglich hatte der GEC seine Niederlassung in Amsterdam gehabt, doch wegen des steigenden Meeresspiegels und der schweren Stürme, die über der Nordsee tobten, war die Stadt nicht mehr zu halten gewesen. Während die Holländer vergeblich versuchten, das Ijsselmeer zu bändigen, als die Grachten überliefen, die Gassen der Altstadt und die Giebelhäuser überschwemmt wurden und das unerbittliche Meer sich das Land zurückholte, das die Menschen ihm in Jahrhunderten harter Arbeit abgerungen hatten, war der GEC nach London geflohen.

Nicht dass London vor den orkanartigen Stürmen und den Überschwemmungen sicher gewesen wäre. Aber die Themse war leichter zu beherrschen als die Nordsee. Zumal der größte Teil von London noch immer über dem steigenden Meeresspiegel lag.

Die Zusammenkünfte des Globalen Wirtschaftsrats waren für gewöhnlich auf die neun ständigen Mitglieder und die paar Privilegierten beschränkt, die eingeladen wurden, um ihren Standpunkt darzulegen oder ein Anliegen vorzubringen. Die Medien waren von den Treffen ausgeschlossen, und es gab auch keine Besuchergalerie.

Trotzdem sah Vasily Malik der Zusammenkunft des Leitungs-Gremiums mit einem unguten Gefühl entgegen. Dan Randolph hatte eine Anhörung verlangt, und Randolph war ein notorischer Unruhestifter.

Vasily Sergejewitsch Malik war so stattlich, dass er als Video-Star hätte durchgehen können. Er war groß für einen Russen, knapp über einen Meter achtzig, breitschultrig und muskulös. Malik war etwa im gleichen Alter wie Dan Randolph und hielt sich durch einen strengen täglichen Übungsplan fit — und durch Verjüngungs-Therapien, über die nur seine Ärzte in Moskau Bescheid wussten. Die meisten Leute glaubten, dass er das Haar tönte, denn es war früher schon einmal grau gewesen. Freilich wusste niemand, dass er durch Telomerase-Injektionen die jugendliche Spannkraft zurückerlangt hatte. Malik freute sich über dieses Geheimnis. Seine eisblauen Augen funkelten humorvoll.

Bis er an Dan Randolph dachte. Sie waren einmal Todfeinde gewesen, in der Politik, im Geschäft und sogar in der Liebe. Durch den katastrophalen Treibhauseffekt waren sie dann wider Willen Verbündete geworden. Die alte Feindschaft war begraben, aber nicht vergessen; sie hatten sich arrangiert, während jeder auf seine Art versuchte, das zu retten, was von der irdischen Zivilisation noch übrig war.

Wir vertreten nach wie vor unterschiedliche Standpunkte, sagte Malik sich, als er seinen Platz am Tisch des Ausschusses einnahm. Er fungierte in dieser Sitzung als Vorsitzender und wusste, dass Randolph sich auf ihn einschießen würde. Es ist nichts Persönliches, sagte Malik sich immer wieder. Das hat sich längst erledigt. Unsere heutigen Differenzen resultieren nur aus unterschiedlichen Einstellungen, Beurteilungen und Erwartungen.

Trotzdem verkrampfte sich ihm der Magen beim Gedanken, sich wieder mit Randolph zu befehden.

Der Konferenzraum war gediegen, ohne jedoch protzig zu wirken. Die Tapete war in schlichtem Grau gehalten, doch dafür handelte es sich um eine hochwertige Relieftapete. Die großen Fenster, die eine ganze Wand einnahmen, waren mit dezenten Vorhängen verhängt. Es gab eine lange Anrichte aus poliertem Mahagoni, auf der eine große Auswahl an Getränken — von Quellwasser bis zu eisgekühltem Wodka — und Tabletts mit Kanapees standen. Der Tisch, an dem die Mitglieder des Ausschusses saßen, bestand auch aus Mahagoni; jeder Platz war mit einem integrierten Computer und einem elektronischen Griffel ausgestattet. Die Stühle hatten hohe Lehnen, eine dicke Polsterung und Bezüge aus mattschwarzem Leder.

Randolph hatte darauf bestanden, dass der Raum mit einem Desinfektionsmittel behandelt wurde, ehe das Zusammentreffen stattfand. Man hatte Malik versichert, das Spray sei erforderlich, aber geruchlos. Trotzdem rümpfte er die Nase, als er sich auf den Stuhl in der exakten Mitte des Tischs setzte. Als alle neun Mitglieder des Gremiums es sich am langen Tisch bequem gemacht hatten, bedeutete Malik der uniformierten Wache an der Tür, die Zeugen des heutigen Tages einzulassen.

Dan Randolph kam durch die Tür und ging schnurstracks zum Zeugentisch. Er war mit einem maßgeschneiderten marineblauen Anzug bekleidet und machte einen stabilen und gesunden Eindruck auf Malik. Randolph hatte das Kinn vorgeschoben. Er rechnet mit einem Kampf, sagte Malik sich.

Hinter Randolph kamen noch zwei weitere Personen. Einer war ein gnomenhafter dunkelhaariger Mann, Randolphs Technik-Experte. Malik warf einen Blick auf die Informationen, die der im Tisch eingebaute Computerbildschirm parat hatte: Es handelte sich um Lyall Duncan, einen Ingenieur. Die andere Person war eine große blonde Frau, die zu jung aussah, um eine Expertin in irgendetwas zu sein — außer vielleicht als Betthäschen für Randolph. Er drückte ein paar Tasten, und der Bildschirm identifizierte sie als eine Elektronik-Ingenieurin aus Kalifornien.

Maliks und Randolphs Blicke trafen sich, als der Amerikaner am Zeugentisch Platz nahm. Ein leichter Abdruck im Gesicht zeigte, dass er einen Mundschutz getragen hatte. Das übliche freche Grinsen hatte Randolph diesmal aber nicht aufgesetzt. Er wirkte entschlossen und todernst.

Malik unterdrückte ein Stöhnen und rief die Versammlung zur Ordnung.

Sie gingen zuerst die üblichen Tagesordnungspunkte durch, derweil Randolph angespannt dasaß und sie beobachtete wie ein Leopard, der eine Antilopenherde ins Visier genommen hat. Schließlich kamen sie zu Randolphs Anliegen: Antrag auf die Finanzierung eines neuen Raketenantriebssystems.

Malik stellte Randolph formell den anderen Mitgliedern des Gremiums vor, obwohl die meisten Dan bereits kannten. Dann — wobei er sich ganz weit weg wünschte — bat Malik Dan, seinen Antrag zu begründen.

Randolph schaute zum Gremium hinüber und ließ den Blick über die ganze Länge des Tischs schweifen. Er hatte weder Notizen vor sich liegen noch Dias oder Videos. Es befand sich nichts auf dem kleinen Tisch außer einer Silberkaraffe und einem Kristallglas. Langsam stand er auf.

»Seit dem Eintritt des Klimakollaps«, hob er an, »als das Erdklima sich auf so dramatische Art und Weise veränderte — nein, sogar schon vor dem Klimakollaps —, steht fest, dass die Menschen der Erde die Ressourcen des Weltalls brauchen. Energie, Rohstoffe, Mineralien: Alle Ressourcen, die die Erde braucht, um die daniederliegende Wirtschaft wieder auf die Beine zu stellen, sind im Überfluss im interplanetaren Raum vorhanden.«

Er legte eine kurze Pause ein und fuhr dann fort: »Und nicht nur das; wenn es uns überhaupt gelingen soll, das globale Klima zu stabilisieren und ein weitere Zunahme der ohnehin schon katastrophalen Erwärmung zu verhindern, dann muss ein großer Anteil der irdischen Schwerindustrie ins All verlegt werden.«

»Das ist unmöglich«, blaffte der Vertreter Nordamerikas, ein teiggesichtiger weißhaariger Professor in der für Akademiker typischen Tweedjacke.

Randolph schaute ihn verdrießlich an. Früher hatte Jane Scaldwell Nordamerika im Gremium vertreten.

»Heute ist es wirtschaftlich nicht durchführbar«, sagte er leise. »Wenn Sie aber die Finanzierung bewilligen, wird es in einem Jahr möglich sein.«

»In einem Jahr?«

»Unmöglich!«

»Wie können Sie…«

Malik tippte mit dem Notebook-Griffel leicht auf den Tisch, und die Stimmen verstummten.

Randolph lächelte ihm angespannt zu. »Ich danke Ihnen, Herr Vorsitzender.«

»Bitte erläutern Sie das näher«, sagte Malik.

»Das Problem bei der wirtschaftlichen Erschließung des Alls sind die Kosten, die für die Rohstoffgewinnung im Asteroidengürtel anfallen. Mit den Metallen und organischen Mineralien von den Asteroiden werden die Menschen Zugang zu einem Pool von natürlichen Ressourcen bekommen, der die Reserven des Planeten Erde bei weitem übersteigt.«

»Die Menschen der Erde«, fragte der Vertreter von Pan-Asien. »Oder die Firmen, die zu den Asteroiden fliegen und sie ausbeuten?«

»Die Menschen«, sagte Randolph ungerührt. »Wenn Sie die hierfür erforderlichen Geldmittel bereitstellen, wird meine Firma die Arbeit zum Selbstkostenpreis ausführen.«

»Zum Selbstkostenpreis?«

»Ohne irgendwelche Aufschläge?«

»Zum Selbstkostenpreis«, wiederholte Randolph.

»Vorher würden wir Ihre Kostenrechnung aber von unseren Sachverständigen überprüfen lassen«, sagte die Frau, die Schwarzafrika vertrat, mit ernster Miene.

»Natürlich«, erwiderte Randolph mit einem angedeuteten Lächeln.

»Warten Sie einen Moment«, sagte Malik. »Was genau würden wir mit unserem Geld finanzieren? Sie haben uns noch nicht einmal gesagt, was Sie überhaupt vorhaben.«

Randolph atmete tief durch und sagte dann: »Wir müssen ein Fusionsraketen-System entwickeln.«

Wieder redete das Gremium lautstark durcheinander. Malik musste diesmal etwas lauter mit dem Griffel tippen, bis die Anwesenden verstummten.

»Ein Fusionsraketen-System?«, fragte er Randolph.

»Wir haben bereits einen kleinen Prototyp einer Fusionsrakete entwickelt und getestet«, sagte Randolph und drehte sich in Richtung von Duncan. »Dr. Duncan wird es Ihnen erklären, wenn Sie das wünschen. Als wir diese Anhörung beantragten, haben wir detaillierte Protokolle für jeden von Ihnen eingereicht. Ich bin sicher, dass Ihre Technikexperten sich schon damit befasst haben.«

Ein zögerliches Kopfnicken des Gremiums.

»Wenn Sie es wünschen, kann ich Ihnen auch ein Video der Flugversuche vorführen, die wir durchgeführt haben.«

»Das wird wohl nicht nötig sein«, sagte Malik.

»Der Schlüssel für jegliche Operation im Weltraum sind die Transportkosten«, sagte Randolph. »Die Raumclipper, die von Masterson Aerospace entwickelt wurden, haben die Kosten für den Flug zum Erdorbit reduziert. Sie haben die Erschließung des Erde-Mond-Systems ermöglicht.«

»Und es Selene ermöglicht, uns wie Bittsteller zu behandeln«, knurrte der Vertreter Südamerikas.

»Wozu brauchen wir überhaupt Fusionsraketen?«, fragte Malik. Dabei hob er die Stimme, um eine Diskussion darüber zu unterdrücken, dass die Mond-Nation auf der Unabhängigkeit vom GEC beharrte.

»Wegen der Transportkosten«, beeilte Randolph sich zu sagen. »Fusionsraketen werden die Flugdauer und Brennstoff-Kosten für Missionen zu den Asteroiden auf ein Niveau senken, wo sie unter dem Kosten-Nutzen-Aspekt vertretbar werden.«

»Vertretbar für wen?«

»Für die gesamte Menschheit«, sagte Randolph schroff und schaute leicht gereizt. »Wie schon gesagt, bin ich bereit, das Fusionssystem zu entwickeln und die Expedition zum Asteroidengürtel zum Selbstkostenpreis durchzuführen.«

»Unter der Leitung des GEC?«

Randolph knirschte vernehmlich mit den Zähnen. »Nein. Das wäre ein bürokratisches Desaster. Aber ich wäre bereit, das Projekt unter die Aufsicht des GEC zu stellen. Sie werden uneingeschränkten Zugang zu unseren Büchern haben. Das ist wohl fair genug.«

Malik lehnte sich im Polstersessel zurück und überließ Randolph der Befragung durch die anderen Mitglieder des Gremiums. Die Fragestellungen waren überwiegend trivial, oder es handelte sich um Fragen, die früher schon gestellt und auch beantwortet worden waren. Malik wusste, dass die meisten Mitglieder des Gremiums sich nur aus dem Grund verlauten ließen, weil sie sich selbst so gern reden hörten.

Er hatte das Video von Randolphs Flugversuchen schon gesehen. Er hatte die technischen Daten der Fusionsrakete mit den besten Wissenschaftlern und Ingenieuren der Welt erörtert. Der Duncan-Antrieb funktionierte. Es gab vom technischen Standpunkt keinen Grund zu der Annahme, dass er nicht auch in einem interplanetaren Raumschiff funktionieren würde.

Wir sollten es finanzieren, sagte Malik sich. Wir sollten Randolph jede erdenkliche Unterstützung gewähren. Aber das werden wir natürlich nicht tun.

»Mit welchem Brennstoff wird diese Rakete eigentlich betrieben?«, fragte jemand.

»Mit dem Brennstoff, der auch für die Fusionskraftwerke verwendet wird, die hier auf der Erde Strom erzeugen«, sagte Randolph geduldig. »Wasserstoff- und Heliumisotope.«

»Wie das Helium-drei, das auf dem Mond gewonnen wird?«

»Richtig«, sagte Randolph und nickte.

»Das ist aber ein sehr teurer Brennstoff«, murmelte der Vertreter des indischen Subkontinents. »Sehr teuer.«

»Dafür ist der Verbrauch sehr gering«, sagte Dan mit einem gezwungenen Lächeln.

»Selene hat den Preis für Helium-drei im letzten Jahr zweimal erhöht«, wandte der Vertreter der Islamischen Liga ein. »Gleich zweimal! Und ich habe keinen Zweifel, dass sie ihn demnächst wieder erhöhen werden.«

»Wir gewinnen den Brennstoff aus dem All selbst«, sagte Randolph mit leicht erhobener Stimme.

»Aus dem All selbst?«

»Und wie?«

»Der Sonnenwind weht durch den interplanetaren Raum. Und es ist auch der Sonnenwind, der Helium-drei und Wasserstoff-Isotope im Mondboden ablagert.«

»Sie meinen Regolith«, präzisierte der Vertreter des Vereinten Europas.

»Richtig, Regolith«, sagte Randolph.

»Und wie wollen Sie den Brennstoff aus dem Sonnenwind gewinnen?«

»Auf die gleiche Art, wie ein Flugzeug die Triebwerke mit Luft versorgt«, erwiderte Randolph. »Wir saugen ihn im Flug an.«

Malik sah, dass der schottische Ingenieur, der neben Randolph saß, unbehaglich auf dem Stuhl herumrutschte.

»Ansaugen? Wirklich?«

»Sicher«, sagte Randolph. »Wir verwenden einen elektromagnetischen Einlass… ein großes trichterförmiges Magnetfeld. Damit werden wir den benötigten Brennstoff im Flug ansaugen.«

»Und welche Größe muss dieser Einlass haben?«

Randolph zuckte in theatralischer Manier die Achseln. »Das herauszufinden ist Sache der Techniker. Auf den ersten Missionen zum Gürtel werden wir — wie eine konventionelle Rakete — den Brennstoff in Tanks mitführen. Später werden wir dann imstande sein, Brennstoff aus dem Sonnenwind zu gewinnen. Was uns wiederum in die Lage versetzen wird, eine größere Nutzlast pro Schub-Einheit zu transportieren.« Randolph drehte sich auf dem Stuhl und fragte: »Ist das so richtig, Lyall?«

Duncan, der Ingenieur, schaute zweifelnd, gab aber die opportune Antwort: »Ja.«

Mit einem Blick auf die Uhr tippte Malik wieder mit dem Griffel auf den Tisch und sagte: »Mr. Randolph, ich danke Ihnen für diesen überaus interessanten Vortrag.«

Randolph heftete seine grauen Augen auf Malik. »Das Gremium wird über Ihren Antrag beraten und Sie von seiner Entscheidung in Kenntnis setzen«, fuhr der Russe fort.

»Der Zeitfaktor ist ausschlaggebend«, sagte Randolph.

»Das wissen wir«, sagte Malik. »Aber wir müssen dieses Konzept umfassend und gründlich erörtern, bevor wir darüber zu befinden vermögen, ob wir es finanziell unterstützen oder nicht.«

Zögernd stand Randolph auf. »Ich verstehe. Auf jeden Fall danke ich Ihnen, dass Sie mich angehört haben. Es eröffnet sich Ihnen hier eine großartige Möglichkeit… und Sie tragen zugleich eine enorme Verantwortung.«

»Dessen sind wir uns wohl bewusst«, sagte Malik. »Noch einmal vielen Dank.«

Randolph nickte und verließ, gefolgt vom Ingenieur und der Blondine, den Konferenzraum.

Malik musste sich nun der Formalität unterziehen, eine Diskussion mit den anderen Mitgliedern des Gremiums zu führen, aber er wusste jetzt schon, wie die Antwort lauten würde. Im Geiste formulierte er schon den Bescheid des Gremiums an Randolph, als Dan den Raum noch nicht einmal verlassen hatte.


Lieber Mr. Randolph:

Obwohl Ihr Vorschlag der Entwicklung eines Fusionsraketen-Systems technisch machbar erscheint, ist der Globale Wirtschaftsrat nicht in der Lage, einen signifikanten Teil seiner Ressourcen in ein Vorhaben zu investieren, bei dem es sich um ein reines Weltraum-Projekt handelt. Die Fördermittel des GEC sind für die nächsten fünf Jahre ausschließlich Programmen vorbehalten, die darauf abzielen, die Auswirkungen der globalen Klimaänderung zu lindern und nationale Regierungen beim Wiederaufbau und der Umsiedlung von Bevölkerungsgruppen zu unterstützen.

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