15

Tanis stand außerhalb des Tempels und dachte über die Worte des alten Zauberers nach. Dann räusperte er sich. Die Liebe muß triumphieren!

Er wischte seine Tränen weg und schüttelte verbittert den Kopf. Fizbans Magie würde dieses Mal nicht funktionieren. Die Liebe spielte in diesem Spiel nicht die allerkleinste Rolle. Raistlin hatte vor langer Zeit die Liebe seines Zwillingsbruders für seine eigenen Zwecke verzerrt und mißbraucht und Caramon schließlich als aufgedunsene Masse schwabbeligen Fleisches und Zwergenschnapses zurückgelassen. Marmor verfügte eher über die Fähigkeit zur Liebe als diese steinerne Jungfrau Crysania. Und was Kitiara betraf... Hatte sie jemals geliebt?

Tanis zog ein finsteres Gesicht. Eigentlich wollte er nicht an sie denken, nicht schon wieder. Aber jeder Versuch, die Erinnerungen an sie in den dunklen Verliesen seiner Seele zu verschließen, ließ das Licht nur noch heller über sie scheinen. Er ertappte sich dabei, daß er an die Zeit zurückdachte, als sie sich in der Nähe von Solace in der Wildnis kennengelernt hatten. Tanis hatte eine junge Frau entdeckt, die gegen Goblins um ihr Leben kämpfte, und war zu ihrer Rettung geeilt – nur um zu erfahren, daß sich die junge Frau im Zorn gegen ihn wandte und ihn beschuldigte, ihr den Spaß verdorben zu haben!

Tanis war von ihr gefesselt. Bis dahin hatte seine Liebe ausschließlich einem zierlichen Elfenmädchen, Laurana, gegolten. Aber das war eine kindliche Romanze gewesen. Er und Laurana waren zusammen aufgewachsen, denn ihr Vater hatte den Mischling aus Barmherzigkeit aufgenommen, als seine Mutter bei der Geburt gestorben war. Lauranas mädchenhafte Vernarrtheit in Tanis – eine Liebe, die ihr Vater niemals gebilligt hätte – war tatsächlich teilweise der Grund, daß der Halb-Elf seine Elfenheimat verlassen hatte und mit dem alten Flint, dem Zwergenschmied, durch die Welt gezogen war.

Tanis hatte zuvor niemals eine Frau wie Kitiara getroffen – kühn, mutig, schön und sinnlich. Sie machte kein Geheimnis aus der Tatsache, daß sie den Halb-Elfen bei ihrer ersten Begegnung attraktiv gefunden hatte. Eine verspielte Schlacht zwischen ihnen endete in einer leidenschaftlichen Nacht unter Kitiaras Felldecken. Danach waren die beiden oft zusammen und reisten gemeinsam oder in Begleitung ihres Freundes Sturm Feuerklinge und von Kitiaras Halbbrüdern Caramon und Raistlin.

Als Tanis sich selbst seufzen hörte, schüttelte er wütend den Kopf. Nein! Er nahm all diese Gedanken, schleuderte sie in die Dunkelheit zurück, verschloß und verriegelte die Tür. Kitiara hatte ihn niemals geliebt. Er hatte sie amüsiert, mehr nicht. Er hatte sie unterhalten. Als sich die Gelegenheit bot, das zu bekommen, was sie wirklich wollte – Macht —, hatte sie ihn verlassen, ohne noch einen Gedanken an ihn zu verlieren. Aber während er noch den Schlüssel zu den Verliesen seiner Seele umdrehte, hörte Tanis wieder Kitiaras Stimme. Er hörte die Worte, die sie in der Nacht des Niedergangs der Königin der Finsternis gesprochen hatte, der Nacht, in der Kitiara ihm und Laurana zur Flucht verholten hatte.

»Leb wohl, Halb-Elf. Vergiß nicht, ich tue dies aus Liebe zu dir!«

Eine dunkle Gestalt, wie die Verkörperung seines eigenen Schattens, tauchte neben Tanis auf. Der Halb-Elf zuckte in einer plötzlichen, unvernünftigen Angst zusammen, daß er vielleicht ein Bild seines eigenen Unbewußten heraufbeschworen hatte. Aber die Gestalt grüßte ihn, und Tanis erkannte, daß sie aus Fleisch und Blut war. Er seufzte erleichtert auf und hoffte, daß dem Dunkelelfen nicht aufgefallen war, wie geistesabwesend er gewesen war. Tatsächlich hatte er Angst, daß Dalamar seine Gedanken geahnt haben könnte. Er räusperte sich mürrisch und sah den schwarzgekleideten Magier an.

»Ist Elistan...«

»Tot?« fragte Dalamar kalt. »Nein, noch nicht. Aber ich habe das Nahen einer Person gespürt, deren Anwesenheit ich recht unbehaglich finden würde, und da meine Dienste nicht länger erforderlich waren, bin ich gegangen.«

Tanis hielt auf dem Rasen ein und drehte sich, um dem Dunkelelfen ins Gesicht zu sehen. Dalamar hatte seine schwarze Kapuze nicht heruntergezogen, und seine Gesichtszüge waren im friedlichen Zwielicht deutlich sichtbar. »Warum hast du das getan?« wollte Tanis wissen.

Auch der Dunkelelf blieb stehen und betrachtete Tanis mit einem leichten Lächeln. »Was getan?«

»Daß du zu Elistan gegangen bist! Um seinen Schmerz zu lindern?« Tanis machte eine weite Handbewegung. »Wie ich beim letzten Mal erlebt habe, läßt dich das Betreten dieses Bodens die Qualen eines Verdammten erleiden.« Sein Gesicht wurde grimmig. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Schüler von Raistlin sich so sehr um jemanden sorgt.«

»Das ist wahr«, erwiderte Dalamar ruhig. »Raistlins Schüler gibt persönlich nicht die wertloseste Münze dafür, was aus dem Kleriker wird. Aber Raistlins Schüler ist rechtschaffen. Er wurde unterwiesen, seine Schulden zu zahlen, unterwiesen, niemandem verpflichtet zu sein. Steht das im Einklang mit dem, was du über meinen Meister weißt?«

»Ja«, gab Tanis widerwillig zu, »aber...«

»Ich habe eine Schuld zurückgezahlt, weiter nichts«, erklärte Dalamar. Als er seinen Weg über den Rasen fortsetzte, sah Tanis wieder den Ausdruck von Schmerzen auf seinem Gesicht. Der Dunkelelf wollte offensichtlich diesen Ort so schnell wie möglich verlassen. Tanis hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. »Weißt du«, fuhr Dalamar fort, »Elistan ist einmal in den Turm der Erzmagier gekommen, um meinem Meister zu helfen.«

»Um Raistlin zu helfen?« Tanis hielt wieder an. Er war sprachlos. Dalamar blieb jedoch nicht stehen, und Tanis war gezwungen, ihm nachzueilen.

»Ja«, sagte der Dunkelelf, der sich wenig darum kümmerte, ob Tanis ihn hörte oder nicht, »niemand weiß davon, nicht einmal Raistlin selber. Der Meister wurde vor ungefähr einem Jahr krank, sehr krank. Ich war allein und verängstigt. Ich wußte nichts über Krankheiten. In meiner Verzweiflung bat ich Elistan zu kommen, und er kam.«

»Hat... hat er... Raistlin geheilt?« fragte Tanis staunend.

»Nein.« Dalamar schüttelte den Kopf. Sein langes schwarzes Haar fiel über seine Schultern. »Raistlins Krankheit ist jenseits aller Heilkünste, ein Opfer, das er für seine Magie gebracht hat. Aber Elistan war in der Lage, die Schmerzen des Meisters zu lindern und ihm Ruhe zu geben. Und darum habe ich nichts weiter getan, als meine Schuld zurückzuzahlen.«

»Sorgst... sorgst du dich um Raistlin so sehr?« fragte Tanis zögernd.

»Was soll dieses Gerede über Sorge, Halb-Elf?« murmelte Dalamar ungeduldig. Sie hatten fast den Rand des Rasens erreicht. Die Abendschatten breiteten sich über ihn wie besänftigende Finger und streckten sich sanft aus, um die Augen der Erschöpften zu schließen. »Wie Raistlin kümmert mich nur eine Sache – und das ist die Kunst und die Macht, die sie verleiht. Dafür habe ich mein Volk aufgegeben, meine Heimat, mein Erbe. Dafür werde ich in die Dunkelheit verbannt. Raistlin ist der Meister, mein Lehrer, mein Meister. Er ist in der Kunst geübt, einer der Geübtesten, die jemals gelebt haben. Als ich mich der Versammlung freiwillig zur Verfügung stellte, ihn auszuspionieren, wußte ich, daß ich mein Leben opfern würde. Aber wie gering ist der Preis für die Gelegenheit, bei einem so Begabten zu lernen! Wie konnte ich es mir leisten, ihn zu verlieren? Selbst jetzt, wenn ich daran denke, was ich ihm antun muß, und wenn ich an sein Wissen denke, das bei seinem Tod verloren geht, würde ich fast...«

»Fast was?« fragte Tanis scharf in plötzlicher Angst. »Ihn fast durch das Portal lassen? Kannst du ihn wirklich aufhalten, wenn er zurückkommt, Dalamar? Wirst du ihn aufhalten?«

Sie hatten die Grenze des Tempelanwesens erreicht. Sanfte Dunkelheit legte sich über das Land. Die Nacht war warm und mit den Düften neuen Lebens erfüllt. Hier und dort zwitscherte zwischen den Espen verschlafen ein Vogel. In der Stadt wurden brennende Kerzen in die Fenster gestellt, um die Lieben nach Hause zu führen. Solinari glimmerte am Horizont, als ob die Götter ihre eigene Kerze angezündet hätten, um die Nacht zu erhellen. Tanis’ Augen wurden von dem Fleck eisiger Schwärze inmitten der warmen, duftenden Abendluft angezogen. Der Turm der Erzmagier erhob sich düster und unheilvoll. In seinen Fenstern flackerten keine Kerzen. Er fragte sich kurz, wer oder was in dieser Schwärze wartete, um den jungen Lehrling willkommen zu heißen.

»Ich erzähle dir von den Portalen, Halb-Elf«, erwiderte Dalamar. »Ich werde dir erzählen, was mein Meister mir erzählt hat.« Seine Augen folgten Tanis’ Blick und glitten zum obersten Zimmer im Turm. Als er dann sprach, war seine Stimme leise: »Dort oben befindet sich in einer Ecke des Laboratoriums eine Tür, eine Tür ohne Schloß. Fünf Drachenköpfe aus Metall umgeben sie. Wenn du darauf siehst, wirst du nichts erkennen – einfach nichts. Die Drachenköpfe sind kalt und still. Das ist das Portal. Außer diesem existiert noch eins – es befindet sich im Turm der Erzmagier in Wayreth. Das einzige andere, soweit uns bekannt ist, war in Istar und wurde während der Umwälzung zerstört. Das Portal in Palanthas wurde damals aus Sicherheitsgründen zur magischen Festung Zaman gebracht, als der Mob des Königspriesters versuchte, den Turm zu übernehmen. Es kehrte wieder nach Palanthas zurück, als Fistandantilus Zaman zerstörte. Vor langer, langer Zeit von Magiern geschaffen, die schnellere Kommunikationswege untereinander wünschten, führten die Portale zu weit – sie führten sie zu anderen Ebenen.«

»In die Hölle«, murmelte Tanis.

»Ja. Zu spät erkannten die Magier, was für eine gefährliche Pforte sie ersonnen hatten. Denn wenn jemand von dieser Ebene die Hölle betritt und durch das Portal zurückkehrt, erhält die Königin der Finsternis Einlaß in diese Welt, was sie schon so lange begehrt. Folglich stellten die Magier mit Hilfe der heiligen Kleriker von Paladin sicher – so hofften sie zumindest —, daß niemand die Portale jemals zu benutzen vermag.

Nur ein Mensch von tiefgründiger Bösartigkeit, der seine Seele selbst der Dunkelheit verschrieben hat, könnte hoffen, das erforderliche Wissen zu erhalten, um diese schreckliche Tür zu öffnen. Und nur jemand mit Güte und Reinheit, mit völligem Vertrauen in jene Person auf dieser Welt, die niemals Vertrauen verdient hat, könnte die Tür offenhalten.«

»Raistlin und Crysania.«

Dalamar lächelte zynisch. »In ihrer unendlichen Weisheit haben diese vertrockneten alten Magier und Kleriker niemals vorausgesehen, daß die Liebe ihren großen Plan umwerfen könnte. Du siehst also, Halb-Elf, wenn Raistlin versucht, das Portal von der Hölle aus wieder zu durchschreiten, muß ich ihn aufhalten. Denn die Königin wird direkt hinter ihm stehen.«

Nichts an Dalamars Erklärung zerstreute Tanis’ Zweifel. Gewiß schien sich der Dunkelelf der großen Gefahr bewußt zu sein. Gewiß wirkte er ruhig und zuversichtlich... »Aber kannst du ihn aufhalten?« drängte Tanis, und sein Blick fuhr – ohne es zu wollen – zur Brust des Dunkelelfen, wo er die fünf Löcher gesehen hatte, die in die glatte Haut gebrannt waren.

Dalamar bemerkte Tanis’ Blick und bewegte seine Hand unwillkürlich an seine Brust. Seine Augen wurden dunkel und gehetzt. »Ich kenne meine Grenzen, Halb-Elf«, sagte er leise. Dann lächelte er und zuckte die Achseln. »Ich will offen zu dir sein. Falls mein Meister die volle Kraft seiner Macht erreicht haben sollte, wenn er versucht, wieder durch das Portal zu kommen, dann kann ich ihn nicht aufhalten. Niemand könnte das. Aber das wird nicht der Fall sein. Er wird bereits einen Großteil seiner Macht verbraucht haben, wenn die Lakaien der Königin vernichtet sind. Er wird geschwächt und verletzt sein. Seine einzige Hoffnung ist, die Dunkle Königin auf seine Ebene herauszulocken. Hier kann er seine Kraft wiedererlangen, hier wird sie die Schwächere sein. Und folglich, ja, weil er verletzt sein wird, kann ich ihn aufhalten. Und ja, ich werde ihn aufhalten!«

Als er den immer noch zweifelnden Blick Tanis’ sah, verzerrte sich Dalamars Lächeln. »Verstehst du, Halb-Elf«, sagte er kühl. »Mir wurde genug angeboten, so daß es die Mühe wert ist.« Damit verbeugte er sich, murmelte einen Zauberspruch und verschwand.

Aber als er aufbrach, hörte Tanis Dalamars weiche Elfenstimme durch die Nacht tönen: »Du hast zum letzten Mal die Sonne gesehen, Halb-Elf. Raistlin und die Dunkle Königin haben sich getroffen. Takisis sammelt nun ihre Lakaien um sich. Die Schlacht beginnt. Morgen wird es keinen Sonnenaufgang geben.«

Загрузка...