Geweckt wurde Pawlik von einer fetten Hummel. Sie kurvte vor dem Fenster und flog mit unwilligem Gebrumm mehrmals gegen die Scheibe. Pawlik kroch aus dem Bett. Er stieß beide Fensterflügel auf. Mit sanftem Klatschen schlugen Blätter gegen die Scheiben. Ein taukühler Fliederzweig kam ins Zimmer gekrochen, schüttelte mehrere Tröpfchen auf das Fensterbrett. Husch, stob die Hummel davon, in der Morgensonne wie eine goldene Glasperle leuchtend, bis sie verschwand.
„Dumme Hummel!" murmelte Pawlik.
Er trat an den Waschtisch, kippte etwas Wasser in die hohle Hand und rieb sich damit die Stirn und eine Gesichtshälfte ab. Seine Sorgenfalten hatten sich geglättet.
Wenn er den Zeigern auf der Wanduhr glauben Schlupfloch nicht fand.
Heute war alles erlaubt, auf einem Floß zu fahren, an den Fluß zu laufen, an den Teich, an die Bahn. Wenn man das Ohr auf die Schienen legte, hörte man das Geräusch des nahenden Zuges. Pawlik wußte nicht, was er zuerst tun sollte. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Am liebsten hätte er alles auf einmal getan.
Er erhob sich und ging auf die Straße.
Hinter dem dürftigen Zaun des Nachbarhauses grub ein Junge mit auffallend hellen Wimpern den Garten um.
„Shoka, he, Shoka!" rief Pawlik.
Shoka schlug mit dem Spaten auf einen großen Klumpen ein und untersuchte interessiert das aufgelockerte Erdreich.
„Shoka", fragte Pawlik im Flüsterton, „Shoka, was machst du da — hm?"
„Würmer ausgraben. Siehst du das nicht?" Pawlik seufzte. Nach dieser Antwort stand bereits fest, daß mit Shoka heute nichts anzufangen war. Überhaupt, dachte Pawlik, ist er für mich bloß zu sprechen, wenn er nicht weiß, was er machen soll. Pawlik mag Shoka sehr und fürchtet ihn auch ein wenig. Was Shoka bestimmt, geschieht, da gibt es keine Widerrede. Shoka ist stark. Er kann Pawlik an den Armen packen und durch die Luft schleudern. Er ist gewandt, kann reiten.
„Laß mich mal graben", schlug Pawlik vor.
Wortlos legte Shoka den nächsten Erdklumpen auf die Seite.
„Gib doch her", drängte Pawlik.
„Laß mich in Ruhe. Ich habe so schon nichts geschafft. Gleich kommt Witka. Denkst du, ich will mit leeren Händen dastehn?"
„Du gehst wohl mit ihm?"
„Mit wem denn sonst?"
„Nehmt ihr mich mit?"
„Sonst noch was?" entgegnete Shoka von oben herab.
Pawlik druckste eine Weile herum, dann ging er weg.
„Ich habe ein Fischnetz", rief ihm Shoka nach, „und einen Angelhaken. Geschenke von einem Sommerfrischler."
Shoka wollte nur angeben. Pawlik dachte, er mache sich über ihn lustig, und war beleidigt. Er überlegte, was erst geschehen müßte, damit Shoka ihn um einen Gefallen bäte.
Angenommen, Shokas Haus würde abbrennen. Shoka käme zu Pawlik, um sich Pawliks Angel auszubitten. „Du hast doch ein Netz", würde Pawlik sagen. Shoka begänne zu weinen. Und zu schluchzen: „Ich habe gar nichts, rein gar nichts habe ich mehr, das Haus ist abgebrannt und alles, alles mit." Das wäre für Pawlik der Augenblick, wo er lachen könnte. „Weißt du noch, als du Fische fangen wolltest, hast du mich nicht mitgenommen. Von mir kriegst du nicht so viel."
Ganz deutlich stellte sich Pawlik dieses Gespräch vor.
Er sah Shokas bittendes Gesicht und lächelte. Vor Vergnügen schüttelte er den Kopf.
Auf dem Hof des elterlichen Hauses angekommen, ergriff Pawlik den Rechen und ging hinter den Schuppen, wo ein Haufen alter Sägespäne im Schatten lag. Er harkte die Späne auseinander. Auf der Erde wimmelte es von Würmern. Pawlik las sie gleichzeitig in zwei Blechdosen. Als sich hinter ihm Schritte näherten, wußte er: Das kann nur Shoka sein.
Er drehte sich nicht um.
„Wie geht das Geschäft?" fragte Shoka.
„Zwei halbe Büchsen sind es schon", erwiderte Pawlik.
„Schenkst du mir ein paar? Ich habe nur drei Stück. Gleich kommt Witka." Pawlik schnaufte. Shoka machte ein Gesicht, als wäre tatsächlich das Haus abgebrannt. Einfach zum Schreien.
„Meinetwegen kannst du alle haben", sagte Pawlik, „ich brauche sie nicht."
Nach so viel Großzügigkeit hätte Shoka Pawlik mitnehmen müssen. Statt dessen ergriff er die Büchsen mit den Würmern und empfahl sich.
Daran ist nur dieser Witka schuld, überlegte Pawlik. Dem kann natürlich auch das Haus abbrennen. Dann kommt Witka zu Pawlik. Er bittet ihn um ein Lager für die Nacht, fleht, weint und legt den Kopf an die Tanne, die auf dem Hof wächst. Pawlik sieht ihn belustigt an, lacht und verläßt das Haus für immer, um auf einer Elektrolok Maschinist zu werden.
Als Pawlik an diesem Punkt angelangt war, kam Shoka ein zweites Mal.
„Hast du Witka gesehen?"
„Hier war niemand."
„Um sechs wollte er mich wecken. Jetzt ist es schon neun."
„Zehn", sagt Pawlik mißgünstig. „Bildest du dir ein, der kommt noch?"
„Na klar", entgegnet Shoka, seiner Sache nicht ganz sicher. „Wir sind doch für heute verabredet. Auf Witka kannst du dich verlassen."
„Und wer hat dir von deinem Karren das eine Rad geklaut?"
„Das Rad, stimmt ja, das Rad." Shoka erinnerte sich deutlich. Er wurde böse. „Kein Wort kann man ihm glauben. Er lügt wie gedruckt."
„Hmhm, so ist das", gab Pawlik bereitwillig zu.
Shoka geriet in Weißglut. „Na warte", stieß er drohend hervor, „dem werde ich die Hammelbeine noch langziehn."
„Richtig", feuerte ihn Pawlik mit helltönender Stimme an. „Das Haus müßte ihm abbrennen. Das wäre gut. Was?"
Aber da kam Shoka nicht mit. „Das Haus?" meinte er, schon friedfertiger. „Nein. Warum? Sie haben so ein schönes neues. Kommst du mit?"
„Ich?"
„Wer sonst. Euer Schwein?"
Shoka lachte. Pawlik war nicht beleidigt. Im Gegenteil, er übertönte Shokas Lachen, obwohl er wußte, daß eigentlich kein Grund dazu war.
„Nimm einen Topf mit", empfahl Shoka, „wir kochen uns eine Fischsuppe. Ich will nicht erst noch mal rüberlaufen. Du hast es näher." Wie der Wind war Pawlik im Haus. Er kehrte mit einem weißen Emailletopf zurück. Es war ihm klar, daß ihn unangenehme Dinge erwarteten, aber bis da war es noch lange hin. Jetzt hieß es schnell machen, ehe es sich Shoka anders überlegte.
Sie trabten die staubige Straße runter und gelangten auf eine mit Heuhaufen bedeckte Wiese, sprangen über einen Graben, schlurften über das Stoppelfeld, um von den kurzen, harten Grashalmen nicht gepiekt zu werden.
Kein Lüftchen wehte. Über der Wiese lag eintöniges Zirpen. Grashüpfer sangen ihr Lied. Am Himmel wärmten sich weiße Wolken in der Sonne. Komisch, daß sie nicht braun werden, dachte Pawlik, oder vielleicht werden sie braun, und dann sind es Regenwolken?
Pfeifend kam eine Elektrolok aus dem Wald gesaust.
„Zwei Maschinisten, hast du gesehen?" schrie Pawlik.
„Meinetwegen zwei Dutzend", brummte Shoka.
„Man könnte so schön zwischen den Schienen laufen, aber von einer zur anderen Schwelle ist es blödsinnig nah und bis zur nächsten blödsinnig weit. Dabei könnte es so bequem sein, aber das ist ihnen ganz egal, wenn sie ihre Bahnlinie bauen. An uns Fußgänger denkt keiner."
,,Da hast du auch recht", pflichtete ihm Pawlik bei. Er wollte noch fragen, warum es auf der Lokomotive zwei Maschinisten gab, doch in diesem Augenblick trat ein feister Feriengast aus dem Gestrüpp hervor.
,,Oh", sagte er und kam näher, „noch zwei Angler?"
Pawlik und Shoka blickten ihn schweigend an.
„Seid ihr auf den Mund gefallen?' fragte der Urlauber, der sich große Mühe gab, freundlich zu erscheinen. „Oder habt ihr Angst vor mir?"
„Man nicht", erwiderte Shoka.
„Na, das ist recht", rief der Dicke fröhlich. „Ich bin genauso ein Angler wie ihr. Wir Fischfänger müssen zusammenhalten. Stimmt's?"
„Nein", erwiderte Shoka.
„Warum nein?"
„Das wissen wir auch nicht."
Der Angler lachte schallend und kniff ein Auge zu. Sein Gesicht sah aus, als wollte er jeden Augenblick in Tränen ausbrechen.
„Wie wär's mit einigen Angelhaken?" fragte er unerwartet. „Ich schenke euch welche." Es war ein verlockendes Angebot. Das dicke Ende kam hinterher. „Ihr zeigt mir dafür, wo man etwas fangen kann. Sicher kennt ihr die richtigen Stellen?"
Shoka zog eine mürrische Grimasse.
„Nein. Warum?"
Der Urlauber gab sich nicht so leicht geschlagen, zog eine Büchse aus der Tasche, schraubte den Deckel ab und schüttete mehrere Angelhaken auf die flache Hand: schwarze, gelbe, große, kleine — sogar weiße, die hatte Pawlik noch nie gesehen. Pawlik tat einen Schritt auf die Hand zu, aber Shoka zog ihn am Ärmel.
„Onkel, wir müssen weiter", sagte Shoka.
„Also, sind wir uns einig?" fragte der Angler mit frischer Stimme. „Nehmt ihr mich mit?" Er griff in die Tasche. „Ihr kriegt auch einen halben Rubel."
„Nein", sagte Shoka unerbittlich.
Der Angler zwinkerte und schüttete ärgerlich die Haken zurück. Sein Gesicht verriet, daß er zutiefst beleidigt war. Pawlik hatte Mitleid mit ihm, wollte ein paar tröstende Worte sagen, etwa, daß sie auch keinen günstigen Fleck kannten, aber ehe er dazu kam, hatte Shoka ihn fortgezogen. Sie gingen auf dem Damm weiter. Pawlik sah sich mehrmals nach dem dicken Angler um.
„Diesem Fettwanst die Stelle zeigen", empörte sich Shoka, „so weit kommt das."
„Aber gut waren die Haken, ja, Shoka?" meinte Pawlik.
Ihr Weg führte durch den Wald. Sie mußten noch lange laufen, bis sie die Niederung erreichten, wo sich hinter von Riedgras überwucherten Ufern die Orlinka, ein faules Flüßchen, verbarg.
Blaue Libellen schwirrten über das dunkle Wasser. Ein zwischen Schilfstauden gespanntes Spinnennetz glänzte wie reinseidenes Gewebe. Die gerade aufgerichteten Riedstengel, die mit Flaum bedeckten Büsche, die grünen Wasserlinsen, die Blätter der Seerosen — alles war reglos, wie in der Hitze erschlafft. Ungetrübte Stille lagerte über der Orlinka. Als ein Frosch ins Wasser sprang, knallte es wie ein Pistolenschuß.
Auf Zehen, um die Fische nicht zu verscheuchen, schlichen die beiden Jungen näher. Pawlik warf die Angel aus und erstarrte.
Nahe am Ufer schwamm das Spiegelbild der Sonne, ein gleißender, die Augen schmerzender Fleck. Pawlik blinzelte. Er fürchtete, sich zu rühren. Shoka könnte wütend werden.
Shoka war jedoch der erste, der das Schweigen nicht mehr ertrug.
,,Hier habe ich mal einen Barsch gefangen", flüsterte er, „so ein Ding, riesig."
„Ja?" staunte Pwalik. Es war nur ein Hauch.
„Vor dem Krieg gab's hier Barsche wie Sand am Meer. Die Faschisten haben sie mit Granaten getötet."
„Ja", bestätigte Pawlik. Er stellte sich einen feisten Faschisten vor, der eine Handgranate in den Fluß wirft. Der Faschist sah dem Angler von vorhin nicht unähnlich.
„Shoka", flüsterte Pawlik besorgt, „hör mal, Shoka, dieser Angler, der Fettwanst, ob das nicht ein Spion war?"
Shoka riß die Angel aus dem Wasser.
„Da haben wir ihn", brüllte er, „da haben wir den Spion gefangen."
Pawlik sprang hoch. Vergessen war der dicke Angler.
„Hurra, ein Spion!"
„Ins Gefängnis mit ihm!" schrie Shoka.
„Ins Gefängnis", heulte Pawlik.
Shoka schöpfte Wasser in den Topf und ließ den Barsch hinein. Die beiden brachen ein paar Zweige ab, rutschten auf Knien an das „Gefängnis" heran und pieksten den „Spion", bis er mit dem Bauch nach oben schwamm. Dann warfen sie wieder die Leinen aus. Drei Stunden saßen sie noch am Ufer, fingen aber nichts mehr.
„Jetzt kochen wir uns eine Suppe", schlug Shoka vor.
„Von einem Fisch?"
„Das geht. Man muß nur mehr Wasser nehmen", erklärte Shoka sachverständig.
„Hast du ein Messer, zum Abschuppen?"
„Ein Barsch wird gekocht, wie man ihn aus dem Wasser zieht. Hole etwas Holz." Shoka war ein As.
Pawlik suchte trockenes Reisig zusammen. Shoka legte die Stücke kreuz und quer übereinander. Er zündete den Haufen an. In der Sonne bemerkte man die Flammen nicht. Ehe es sich die beiden versahen, war alles niedergebrannt.
„Diese dünnen Dinger." Shoka stöhnte unzufrieden. „Alles muß man selber machen."
Er ging nach Holz. Pawlik kroch dichter ans Feuer heran und blies aus Leibeskräften in die Glut. Er hatte den sehnlichen Wunsch, Shoka bei seiner Rückkehr mit einer gargekochten Fischsuppe zu überraschen. Am Rand des Topfes begann es zu summen, aber das Wasser blieb ruhig.
Shoka brachte einen Armvoll trockene Zweige angeschleppt, warf sie neben der Feuerstelle nieder und sagte ungehalten: „Am Weg ist noch mehr. Beeil dich."
Von Schuldgefühl getrieben, rannte Pawlik los, gehorsam, fragte nicht einmal, wo das Holz lag.
„Den nicht", meinte Shoka trocken, als Pawlik einen Fichtenast herbeischleifte. Pawlik glühte vor Anstrengung.
Er wollte kehrtmachen, aber Shoka winkte ab. „Bei uns herrscht Ordnung", sagte er. „Laß es kochen. Wir gehen baden."
Sie zogen sich aus und sprangen mit Anlauf ins Wasser.
„Hurra!" jauchzte Shoka, tauchte und erwischte Pawlik an einem Bein.
Pawlik atmete ein, tauchte gleichfalls unter, bekam Shokas Kopf zu packen. Er zog ihn an sich. So stießen sie zusammen, unter Wasser, Stirn gegen Stirn.
„Burrrl", sagte Shoka. „Burrrl", antwortete Pawlik.
Beide sahen die Blasen, die silbrig schimmernd an die Oberfläche stiegen. Sie tauchten gemeinsam auf und wollten sich ausschütten vor Lachen.
Als sie genug getobt hatten, schwamm Pawlik ans Ufer, sank erschöpft ins Gras.
Shoka plumpste daneben. Nach einer Weüe rappelte er sich hoch und versuchte, auf einem Bein hüpfend, in die Hose zu kommen. Als das Kunststück vollbracht war, lief er ans Feuer, starrte verdutzt in die Flammen, nahm schließlich einen Zweig, spießte den Topf an einem Henkel auf und schleuderte ihn beiseite.
„Komm her, rasch!" rief er.
Pawlik ahnte nichts Gutes. Dann sah er, was geschehen war. An Stelle des weißen Topfes lag ein völlig verrußtes Gefäß im Gras. Das Wasser war verdampft, die Emaille gesprungen und abgeblättert. Auf dem Boden klebte ein verkohltes Etwas mit Barschkopf. Der Topf knisterte und knackte.
„In den Fluß", empfahl Shoka. Mit einem Stock schleppte er ihn ans Ufer. Im Wasser platzte die letzte Emaille ab. „Ist das schlimm für dich?" fragte Shoka. Pawlik nickte.
„Sag einfach, der Topf ist gestohlen worden", schlug Shoka vor. „Heute morgen habe ich ein paar zweifelhafte Gestalten gesehen."
„Wirklich?" fragte Pawlik mit einem Klang von Hoffnung in der Stimme.
„Ehrenwort."
Ein Lächeln stahl sich über Pawliks Gesicht. Shoka war doch ein richtiger Freund, trotz allem. Mutig und klug.
Mit dem gewesenen Topf spielten sie auf der Wiese Fußball, bis er in den Fluß fiel.
,,Jetzt hat die liebe Seele Ruh", stellte Shoka befriedigt fest.
„Aber der Deckel liegt noch zu Hause in der Küche", wandte Pawlik ein.
Sie lachten. Von Müdigkeit übermannt, sanken sie wieder ins Gras. Am Himmel standen unbewegliche Wolken.
Aus der Ferne klang Motorengeräusch herüber. „Ein Hubschrauber", sagte Shoka. „Hat bestimmt gelöscht. Es wird gebrannt haben."
„Warum?"
„Bei dieser Trockenheit kein Wunder. Einen Waldbrand zu löschen ist bestimmt nicht einfach."
„Ich hätte Lust dazu", sagte Pawlik träge.
„Ich auch. Wie es heißt, kommen die Hubschrauber bald in den Handel. Dann können wir uns einen kaufen, einen mit Tretmotor und chemischem Benzin. Briefträger und Polizisten kriegen ihn kostenlos geliefert", murmelte Pawlik.
Sie schliefen lange und fest. Im Schlaf hörte Pawlik den Hubschrauber zurückkehren. Er kreiste über ihnen und ruinorte immer lauter, konnte einfach nicht davonfliegen. Dann begann er aus Bordkanonen zu schießen, und Pawlik wachte auf.
Eine riesige graue Wolke mit golden schimmerndem Rand zog über die Wiese. Scharfe Donnerschläge erschütterten die Erde. Im Wald ächzten und stöhnten die von einem heftigen Windstoß zu Boden gedrückten Bäume.
Auch Shoka war aufgewacht und hochgesprungen. Die beiden nahmen ihre Angeln. Sie rannten unter eine hohe Fichte. Von hier aus sahen sie das reglose Gras, das Gesträuch, alles wie erstarrt. Die Stille war bedrückend, unheilverkündend. Nach einer Minute begann es in der Ferne zu lärmen. Ein dumpfes Getöse, das schnell näher kam. Dichte Schleier legten sich über die Wiese. Es regnete in Strömen. Am anderen Ufer der Orlinka leuchtete der Steilhang in samtenem Rot, goldene Feuerschlangen zuckten zur Erde.
„Ungemütlich", flüsterte Pawlik.
Die Fichte gewährte ihnen nicht lange Schutz gegen den Regen. Dicke, kalte Tropfen fielen in den Nacken.
Shoka meinte: „Komm, wir rennen nach Hause. Naß sind wir sowieso."
Pawlik machte einen Buckel. „Ja. Dann werden wir wenigstens warm."
Sie rannten aus dem Wald aufs Feld, waren in Sekundenschnelle bis auf die Haut durchnäßt. Angenehm, dachte Pawlik, wie ein warmes Bad.
Ein braunes Rinnsal schäumte durch den Graben am Eisenbahndamm. Shoka lief runter und schlurfte gegen die Strömung.
„Guck mal, ich wate durch einen Fluß", rief er.
Sogleich war Pawlik hinter ihm. In dem Graben gab es Späne und kleine, spitze Steine, die sich in die Fußsohlen bohrten. Was tat's? Der blaue Streifen, der in der Ferne am Himmel leuchtete, der den Rücken peitschende Regen, das trübe, rauschende Wasser — alles war so herrlich, daß Pawlik nur einen Wunsch hatte: etwas ganz Besonderes zu unternehmen.
„Shoka!" Shoka drehte sich um.
Pawlik warf beide Beine nach vorn. Er saß nun mitten im Graben. Um noch lächerlicher zu wirken, kniff er die Augen zu und verzog den Mund. Seine ausgestreckten Hände plantschten im Wasser.
Shoka lachte kurz auf. Dann lief er weiter. Pawlik hinterher.
Er sang.
„Regen, Regen allerwegen,
dieser Regen ist ein Segen,
dieser Segen ist ein Regen,
Regen, Segen allerwegen."
Mit diesem Lied auf den Lippen marschierte er weiter, schlenkerte rhythmisch die Arme. Das Wasser spritzte.
Plötzlich hörte der Regen auf, als hätte jemand oben einen Hahn zugedreht. Der Stadtrand war erreicht. Am anderen Ende der Straße wurde die Sonnenscheibe sichtbar. Sie sank dem Horizont entgegen.
„Neun Uhr", sagte Shoka, „ganz schön lange unterwegs gewesen."
Pawlik blinzelte gegen den verschwindenden Rand der Sonne.
„Halb zehn", meinte er aufs Geratewohl.
Auf der Treppe des Kaufladens saß der dicke Urlauber mit dem Rucksack, völlig durchnäßt. Er bewirtete den Schäfer mit Bier und erkundigte sich geflissentlich nach den Stellen, wo man am günstigsten angeln konnte. Aber auch der Schäfer wußte keinen Rat. Pawlik dachte: Wenn ich eine solche Stelle finde, führe ich den Onkel hin und verlange nicht einmal einen Haken dafür.
Sie gingen um die Kolchosherde herum.
Langsam trotteten die Kühe weiter. Pawlik trat dicht an eine heran und patschte sie in die feuchte, dampfende Seite. Früher hätte er so etwas nie getan. Heute fürchtete er sich vor nichts.
Es war ein erstaunlicher, ein glücklicher Tag.
Kurz vor Shokas Haus trafen sie auf Witka.
„Na, du bist mir einer", schimpfte Witka, „den ganzen Tag habe ich auf dich gewartet."
„Ist ja nicht wahr", entgegnete Shoka, „ich habe gewartet."
Das brachte Witka auf. „Nein", schrie er, „ich auf dich."
„Er hat gewartet, das stimmt", mischte sich Pawlik ein.
Witka sah ihn argwöhnisch an.
„Was willst du denn, du Wicht, halt gefälligst die Klappe, wenn du nicht gefragt bist, sonst geht's dir schlecht."
Pawlik verkroch sich sicherheitshalber hinter Shokas Rücken.
„Dem hast du den Mund nicht zu verbieten", schrie Shoka und tat einen Schritt auf Witka zu. „Dresche kriegt er", entgegnete Witka hitzig und trat gleichfalls einen Schritt nach vorn.
„Von dir nicht", schrie Shoka noch lauter und rückte abermals vor.
„Gib acht, daß du nicht eine Tracht mitbeziehst", drohte Witka, wich jedoch zwei Schritte zurück.
„Von dir nicht!" rief Shoka mit Donnerstimme und ging mit vorgeschobener linker Schulter auf Witka zu.
Witka sprang zurück.
„Räder klauen", fauchte Pawlik, „das kannst du."
„Das war erst der Anfang", brüllte Witka. „Das nächstemal nehme ich den ganzen Karren mit."
Shoka bückte sich und hob einen Stein auf. Witka verschwand schleunigst hinter der Zaunecke.
„Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben", ertönte es aus der Ferne.
„Das ist auch nicht nötig", gab Shoka zurück. „Pawlik ist viel besser als du. Sieh zu, daß du Land gewinnst."
Als Pawlik diese Worte hörte, wurde er unsagbar mutig. Er las den Stein auf, den Shoka geworfen hatte, und rannte an die Ecke. Witka war schon außer Sicht.
„Morgen gehen wir wieder hin", sagte Shoka. „Gut?"
Pawlik warf sich in die Brust. „Und weiter. Da wird was gefangen."
„Ich wecke dich", versprach Shoka, „aber du mußt dich um einen Topf kümmern. Denke mal, wenn wir so viel fangen."
Diese Worte stimmten Pawlik nachdenklich. Zu Hause saß Mutter. Sie wunderte sich natürlich, wo der neue Emailletopf geblieben war. Pawlik verspürte leichtes Bauchweh. Shoka aber durfte er nicht vor den Kopf stoßen. Wenn ein neuer Topf gebraucht wurde, mußte er ihn beschaffen.
„Ich bringe einen mit", erwiderte Pawlik. „Wir haben ja noch drei, die sind alle größer als der weiße."
Und tapfer stieg er die Treppe hoch.