Ein Scherz

Als ich die Klasse betrat, saßen nur wenige Schüler auf ihren Plätzen. Die meisten drängten sich um Kostja Radushny, der in einer Ecke stand und etwas erzählte. Ich wartete an der Tür, und sie zerstreuten sich lachend. Sie zerstreuten sich, das sagt sich leicht her. In Wahrheit war es so: Sie liefen durch die Klasse, versperrten einander den Weg, kletterten über die Bänke und waren redlich darauf bedacht, soviel Lärm wie möglich zu machen. In dem schmalen Gang neben den Fenstern organisierten sie ein „Gedränge" wie beim Rugby. Sie schoben und schubsten sich. Nach außen hin wünschte jeder nichts sehnlicher, als so schnell wie möglich auf seinen Platz zu kommen.


Ich wartete, kannte ja meine Schüler. Die ersten zehn Minuten nach den Ferien gehörten ihnen, da war Narrenfreiheit — nach einem ungeschriebenen Gesetz.

Meine Klasse legte Wert darauf, ihren Kopf durchzusetzen. Warum nicht. Ich hatte mir längst abgewöhnt, den unnachgiebigen Prinzipienreiter zu spielen, dem eine Perle aus der Krone fällt, wenn er einmal zehn Minuten verschenkt. Als es soweit war, kamen sie von selbst zur Ruhe.

„Guten Morgen, 6a", grüßte ich. „Guten Morgen, Juri Wassiljewitsch", erwiderte ein Schüler,

„Juri Wassiljewitsch, guten Morgen", ein zweiter, „schönen guten Morgen", ein dritter. Nach langem Durcheinander piepste auf der letzten Bank ein dünnes, aber deutliches Stimmchen: „Juri, guten Morgen, Wassiljewitsch."

Das war meine Klasse. Kein bißchen verändert hatte sie sich während der letzten zwei Wochen. Am ersten Tag nach den Ferien närrisch zu grüßen war !hre eigene Erfindung. Sie bildete sich tüchtig was darauf ein.


Ich begann. „Nun, die Ferien sind zu Ende."

„Die Ferien sind zu Ende", bestätigte Kost ja Radushny mit Grabesstimme.

„Ach ja", jemand auf der ersten Bank seufzte, „zu Ende."

„Restlos zu Ende", erklang es aus einer Ecke.

„Zu Ende, zu Ende."

Während sie sprachen, sahen sie mich mit vor Wonne funkelnden Augen an. Keiner versuchte, sich hinter dem Rücken seines Vordermanns zu verstecken. Die Klasse freute sich, daß es nach ihrem Kopf ging. „Schön", sagte ich, „und nun nehmt eure neuen Rechenhefte vor. Wir beginnen heute mit Algebra."

An den Büchertaschen rasselten die Verschlüsse, die Bankdeckel klapperten. Danach wurde es still. Zehn Minuten waren um.

„Bisher hatten wir es stets nur mit Zahlen zu tun. Wenn wir addieren wollten, verfuhren wir folgendermaßen."

Ich ging an die Tafel und schrieb: 2 + 3 = 5.

„Jetzt stellt euch einmal vor, unsere Additionsaufgabe hieße nicht 2 + 3, sondern meinetwegen 6 + 8 oder 4 + 5 oder sonstwie, und ich sollte an Stelle der Zahlen eine für alle diese Aufgaben gültige Formel einsetzen. Wie würde ich verfahren? Nun, ich könnte zum Beispiel statt der Ziffern Buchstaben verwenden."


Ich schrieb:


2 ersetzen wir durch a


3 ersetzen wir durch b


Also: 2 + 3 = 5 oder a + b = c.


Die Schüler beugten sich über ihre Hefte. Nur Kostja nicht. Er galt als größter Witzbold der Klasse und hielt sehr auf seinen Ruf.


Er meldete sich. „Juri Wassiljewitsch, etwas verstehe ich nicht. Wenn Sie schreiben a + b, muß auf der rechten Seite doch ein anderer Buchstabe auftauchen."

Ich sah ihn an. „Nämlich welcher?" Noch hoffte ich, er würde den Mund halten und den Erfolg der Stunde nicht gefährden. Aber wenn es darum geht, die Klasse zum Lachen zu bringen, kennt Kostja kein Erbarmen.

„Ein L", platzte er heraus. Sein Zeigefinger wies auf Anja Melnikowa und Boris Jewremow.

In dem nun einsetzenden Gelächter drohte das letzte Interesse an der algebraischen Wissenschaft unterzugehen. Einer trampelte vor Vergnügen. Anja Melnikowa bekam einen roten Kopf, Boris Jewremow drehte sich zum Fenster um und starrte unverwandt auf das einförmige Weiß der zugefrorenen Bucht. Er tat völlig unbeteiligt, aber ich konnte sehen, wie er langsam und unauffällig von Anja abrückte.

Etwas mußte geschehen. „Radushny", sagte ich, „verlaß die Klasse."


Am nächsten Tag kam seine Mutter. Sie nestelte an dem Rand ihres Tuches und murmelte mit müder Stimme die üblichen Entschuldigungen. Ich stand erst in meinem zweiten Dienstjahr. Es war mir sehr peinlich, von einer immerhin etwas betagten Dame wegen der Verfehlung ihres Sohnes um Verzeihung gebeten zu werden. Als sie wieder ging, war ich heilfroh.

Zwei Tage saß Radushny wie ein Mäuschen. Der Vorfall in der Algebrastunde war bereits vergessen. Am Wochenende rief ich Anja an die Tafel. „Wir haben in unserer ersten Algebrastunde eine Gleichung kennengelernt. Schreib sie an."

Anja nahm ein Stück Kreide und begann sehr richtig:

a + b = ...

An dieser Stelle zögerte ihre Hand, eine Sekunde nur, aber das entschied alles.

„L!" flüsterte ihr jemand zu.

„Wer war das?"

„Ich." Radushny fuhr in die Höhe. „Entschuldigen Sie, Juri Wassiljewitsch. Sie haben ja selber gesagt, daß ich mit der Zunge meinen Gedanken voraus bin. Es ist mir nur so herausgerutscht."

Ich musterte ihn. Er sprach die Wahrheit, es war ihm „nur so herausgerutscht".

„Vor mir brauchst du dich nicht zu entschuldigen."

„Natürlich, Juri Wassiljewitsch", erwiderte Kostja salbungsvoll, „ich verstehe." Er blickte Anja an und sagte höflich, allzu höflich: „Anja, entschuldige bitte. Du auch, Boris. Entschuldigt alle beide."

Kostja seufzte und machte ein gequältes Gesicht. Er litt, er triefte vor Reue. In seiner Stimme schwang so viel Zärtlichkeit, daß die 6a entzückt aufheulte.


Anja legte die Kreide in den Kasten und schlich mit gesenktem Blick auf ihren Platz. Sie begnügte sich mit der äußersten Kante der Bank, als hätte sie Angst, Boris könnte beißen. Boris wurde rot. Er ballte die Fäuste. Ich fürchtete, er werde gleich auf Radushny losschlagen.

Unsere 6a, die einhelligste Klasse der Schule, wenn es darum ging, Lärm zu machen, hatte noch nicht gelernt, kameradschaftlich zu sein. Sie war vergnügt und lachte. Alles andere hatte keine Bedeutung. Was in Boris Jewremow vorging, merkte keiner. Die Sache mit der Gleichung mußte auf dem schnellsten Wege aus der Welt geschafft werden, ehe es zu spät war.

„Hört zu, Freunde", sagte ich, als sich das Gelächter etwas gelegt hatte, „wie ihr euch gegenüber Anja und Boris verhaltet, ist übel."

Ich hielt eine Rede, eine schwungvolle Rede, und führte aus, daß man auf Gemeinheit mit Gemeinheit antworten kann, auf einen Schlag mit einem Gegenschlag. Was aber soll der tun, über den sich die anderen lustig machen? Wenn mir jemand in Wort oder Tat zu nahe tritt, werde ich mich wehren. Dem Gelächter ist man schutzlos preisgegeben.

Ausgiebig und eindringlich führte ich ihnen das Verwerfliche ihres Tuns vor Augen. Ich war begeistert von meiner Rede, insbesondere darum, weil es mir gelang, die richtigen Worte zu finden. Meine Schüler hörten mir aufmerksam zu. Als ich geendet hatte und fragte: „Ist das jetzt klar?" erscholl es im Chor: „Jaaa."

An diesem Tage konnte mir nichts meine ausgezeichnete Laune verderben.

Als ich am nächsten Morgen in die Klasse trat, hatte jemand auf den Tafelrand geschmiert: A + B = Liebe. Ich sah es sofort.

Mein Blick huschte über lauter Unschuldsmienen. Die Schüler saßen wie Engel, mit gefalteten Händen und aufmerksamen, ehrlichen, ernsten Augen, das aufgeschlagene Heft und ein Löschblatt vor sich auf der Bank. Die Schmiererei am Tafelrand hatte natürlich niemand gesehen. Sie waren ja hier, um zu lernen, ausschließlich um zu lernen.

Daß meine gestrige Rede auf unfruchtbaren Boden gefallen war, stimmte mich zornig. Ich war drauf und dran, eine strenge Untersuchung der Angelegenheit in die Wege zu leiten, kam aber, während ich das Klassenbuch aufschlug, zu der Einsicht, daß dies wohl doch nicht die richtige Methode sei. Meine Worte hatten das Gegenteil von dem bewirkt, was sie erreichen sollten, und die Aufmerksamkeit der Klasse erst recht auf diese törichte Gleichung gelenkt. Ich zog es vor, mit Stillschweigen über die Sache hinwegzugehen und mich auf eine sachliche Feststellung zu beschränken: „Ordnungsdienst, die Tafel ist nicht gewischt."

Ein Seufzer der Enttäuschung lief durch die Klasse. Schade...

In der Pause kam Boris zu mir.

„Juri Wassiljewitsch, darf ich mich auf einen anderen Platz setzen?"

Ich war der Klassenleiter und hätte fragen müssen: Weshalb? Aber die Geschichte hing mir nachgerade zum Halse heraus. Ich war es überdrüssig zu tun, als wüßte ich nicht, was gespielt wurde.


So sagte ich nur: „Gut, zieh um."

„Danke", murmelte Boris, ohne mich anzusehen, und ging fort.

Während der großen Pause kam Kolja Bokow ins Lehrerzimmer.

Er bat mich in eine Ecke, wo wir nicht gehört werden konnten, und flüsterte:


„Juri Wassiljewitsch, was die Klasse macht, ist nicht richtig. Ich meine a + b."

„Es ist abscheulich. Du kannst den anderen bestellen, falls sich das noch einmal wiederholt..."

„Natürlich", flüsterte Kolja, „was geht es uns an, wenn sich zwei verlieben."

Er beobachtete mich, um zu sehen, welchen Eindruck seine Worte machten.

„Gut. Und was willst du hier?"

„Es gehört sich nicht für einen Pionier", erwiderte Kolja.

Ein merkwürdiger Bursche, dieser Bokow, ordentlich, sauber, bescheiden, aber er liebte es, gewichtige Worte in den Mund zu nehmen. Das hatte ich schon mehrmals feststellen können. Ich wußte auch, daß er Radushny heimlich haßte. Vergangenes Jahr hatten beide lange gewetteifert, wer wohl der witzigere sei. Die anderen mochten Koljas Späße nicht sonderlich. Sie waren ihnen zu gesucht, zu offensichtlich gewollt. Radushny kam auf den ersten Platz.

Ich überlegte: Worauf will er nur hinaus? „Du hast ganz recht", erwiderte ich, „es gehört sich nicht für einen Pionier. Nur verstehe ich nicht, weshalb du mit mir darüber sprichst. Das mußt du demjenigen sagen, der solchen Unfug an die Tafel schreibt. Weißt du, wer es war?" Bokow wurde rot.

„Nun — eigentlich — das heißt ...", stotterte er. „War es Radushny?"

„Nun — eigentlich — habe ich es nicht selber gesehen."

Er ließ den Kopf hängen und fingerte an der Gürtelschnalle. Sein ganzes Gebaren deutete darauf hin, daß ich ins Schwarze getroffen hatte.

Ich zuckte mit den Schultern. „Wenn du es nicht gesehen hast, brauchen wir kein Wort mehr darüber zu verlieren. Geh in die Klasse."


Nach dem Unterricht hielt ich Radushny zurück. „Hör zu, Kostja, wenn ich auf der Tafel noch einmal solchen Blödsinn sehe, geht es einem Schüler schlecht."

„Welchem Schüler?"

„Dem Schmierfinken."

„Eigentlich ist doch nichts dabei", meinte Kostja. „Ein kleiner Scherz. Aber die beiden zieren sich — unheimlich. Sie wissen ja selbst, wenn jemand keinen Spaß verträgt, zieht man ihn gern noch mehr auf." Ich war empört. „Warum macht ihr euch über sie lustig?"

„Na ja, sie gehen immer zusammen und schreiben Briefe. Wenn man sich täglich sieht, braucht man die Post nicht zu belästigen. Das ist lächerlich. Sehen Sie mal, Juri Wassiljewitsch, dort ist die Melnikowa."

Ich schaute durchs Fenster. Anja ging langsam über den Schulhof. Sie schritt durchs Tor, blickte sich um und verschwand.

„Und an der Ecke steht Jewremow. Er denkt, wir wissen das nicht. Sehen Sie, dort, am Zaun."

Zwischen den Häusern tauchte Anja wieder auf, nicht mehr allein, in Begleitung von Boris.

„Was habe ich gesagt!" rief Kostja triumphierend aus.

Ich erwiderte trocken: „Also, Radushny, entweder nie mehr ein Plus an der Wandtafel, oder..."

„Damit habe ich nichts zu tun", erklärte Kostja unbekümmert.

„Wer sonst?"

„Keine Ahnung."

„Das glaube ich dir nicht."

„Bitte sehr." Kostja machte ein gekränktes Gesicht. „Wenn was los ist, steckt Radushny dahinter. Das bin ich gewöhnt."

Auf seine beleidigte Miene gab ich nicht viel. Ich kannte ihn lange genug, um zu wissen, daß er die Gabe besaß, jederzeit den Ausdruck anzunehmen, der am zweckmäßigsten schien. Offenbar mißtraute ich ihm zu Recht. Von Stund an hörte der Unfug mit „a + b" auf.

Ein Monat verging. Ich wüßte nicht, daß in der Klasse noch jemand von Anja und Boris gesprochen hätte. Die beiden trafen sich nicht mehr heimlich, sondern verließen zusammen das Schulgebäude, obwohl sie nach wie vor getrennt saßen. Der Unterricht verlief ohne Störungen. Ich war zufrieden.

Doch ich sollte mich zu früh gefreut haben.

Unser Städtchen besteht zur Hälfte aus Holz- und zur Hälfte aus Steinhäusern. Nach drei Seiten ist der Ort von hohen Hügelketten eingeschlossen, die vierte gibt den Weg zum Meer frei, das sich in einer breiten Bucht herandrängt. Unsere Schule steht auf einem Hügel in unmittelbarer Nähe der Bucht. Das ist ein Unglück.

Durch den Gürtel der Nadelbäume dringt das Gerassel von Ankerketten und das Knattern der Motorboote herüber. Wenn die Kinder durch die Klassenfenster einen Trawler erspähen, rätseln sie herum, wo er hinfährt. Der Streit beginnt zwar in der Pause, wird aber nicht selten während der Stunde fortgesetzt.


Links von der Schule fließt die Niwa. Auch das ist ein Unglück. Die Flutwellen dringen in den Fluß ein. Diejenigen Schüler, die am Fenster sitzen, finden ein unerklärliches Vergnügen daran, die Bewegungen des Wasserspiegels zu verfolgen und herumzuraten, wie lange es dauern wird, bis die kleine Insel in der Mitte der Niwa nicht mehr zu sehen ist.


Die schönste Zeit für den Lehrer ist der Winter. Der währt bei uns ein halbes Jahr. Kein Wasserflugzeug surrt durch die Luft, die Trawler laufen nicht aus. Der Fluß ist eine glatte, weiße Fläche, auf der es nichts gibt, was die Blicke fesseln könnte. Desgleichen die Bucht: erstarrt, mit Schnee bedeckt. Am anderen Ende der Niwa erhebt sich der „Fräuleinsfels", eine steile Wand. Überall nur Schnee und Stein. So läßt sich's aushalten. Im Winter kommen die Schüler besser voran. Nur der letzte machte in dieser Beziehung eine Ausnahme.

Als ich an einem Februarmorgen in die Klasse trat, sah ich, daß sich sämtliche Schüler vor den Fenstern drängten. Sie stießen sich an, faßten einander um die Schultern, lachten und waren dermaßen übermütig, daß ich fünf Minuten brauchte, um sie leidlich zu beruhigen.

„Was gibt's dort Interessantes zu sehen?" „Das läßt sich schlecht beschreiben", meinte Radushny. Er strahlte vor Freude.

Ich trat ans Fenster und erblickte das weiße Band der Niwa, die mit Rauhreif bedeckten Drähte der Hochspannungsleitung, auf dem Ufer verschneite Barkassen — das gewohnte Bild. Neu war nur die Gleichung, die auf der Felswand prangte. Gegen den dunklen Untergrund hoben sich die riesigen, fast mannshohen weißen Buchstaben deutlich ab. A + B = L



Ich drehte mich um. Es wurde mäuschenstill im Raum. Am Ausdruck meines Gesichts sahen die Schüler, daß ich nicht geneigt war, ihre Begeisterung zu teilen.

„Von uns war das keiner", brummte jemand.

Da gerieten alle in Bewegung. Sie lärmten und schrien, die einen, weil sie sich beleidigt fühlten, andere vor Empörung, die dritten aus bloßer Freude am Toben.

„Nein, wir waren das nicht."

„Wir nicht, Juri Wassiljewitsch."

„Wir wissen auch nicht, wer es war." „Was können wir dafür?"

Ich sah Radushny an. Er grölte gleichfalls. Als sich unsere Blicke trafen, verstummte er, schürzte die Lippen und senkte die Stirn.


Er, dachte ich.

Nach dem Unterricht hielt ich ihn zurück. Ich war meiner Sache so sicher, daß ich sehr grob mit ihm umsprang. Schmollend, mit gerötetem Kopf stand er vor mir und leugnete alles — daß er die Tafel besudelt hatte, daß er für die Inschrift auf der Felswand verantwortlich sei. Er besäße überhaupt keine Farbe. Bitte schön, ich könnte ihn ja durchsuchen lassen.

„Wer war es dann?" fragte ich.


„Das weiß ich nicht", erwiderte Kostja ärgerlich, „und wenn ich es wüßte, würde ich es nicht sagen. Er soll sich selber melden."

Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen.

Eine verzwickte Geschichte. Die Schüler wußten anscheinend tatsächlich nichts. Ich war nach wie vor überzeugt, daß Radushny dahintersteckte. Aber wie sollte ich ihn überführen? Außerdem bin ich Lehrer und kein Detektiv.

Da war guter Rat teuer. Anja und Boris getrauten sich nicht mehr, miteinander zu sprechen. Die Klasse merkte das sehr schnell, auch mir blieb es nicht verborgen.


Bald trug die Felswand eine neue Inschrift.

A + B = ?

Von der stillen Hoffnung getrieben, wenigstens einen Anhaltspunkt zu finden, machte ich mich eines Abends zum „Fräulein" auf.

Auf der Niwa lag hoher Schnee. Er quoll in die Stiefel. Im Halbdämmer reckte sich der mächtige Felsen. Von der Seite gelangt man bequem bis zur halben Höhe und kann dann einen schmalen Sims benutzen, der sich waagerecht über die Wand zieht.

Vorsichtig tat ich den ersten Schritt, die Brust gegen den Stein gepreßt, und suchte mit den Händen Halt. Im Rücken spürte ich die gähnende Leere des Abgrunds.

Der Fels war kalt. Die nackten Finger wurden klamm, aber ich tastete mich weiter. Als der dritte Schritt getan war, stand ich vor dem A. Ich ließ eine Hand sinken und kratzte an der trockenen Farbe. Mein Körper geriet ins Schwanken. Die Wand wich zurück, Zentimeter nur, aber ich hatte Mühe, das Gleichgewicht wiederzufinden.

Diese wenigen Sekunden waren die schrecklichsten in meinem bisherigen Leben. Als ich den seitlichen Hang wieder erreicht hatte und mit dem Abstieg begann, zitterten mir die Knie, und das Hemd klebte am Rücken. Ich schwitzte trotz der fünfundzwanzig Grad Kälte, die an jenem Abend gemessen wurden.

Erst daheim kam mir völlig zu Bewußtsein, in welcher Gefahr ich geschwebt hatte. Und der Schöpfer dieser Inschrift hatte auch noch Farbtopf und Pinsel halten müssen. Es konnte kein Feigling sein. Radushny! Mein Verdacht schien eine neue Bestätigung gefunden zu haben. Radushny, der weder sich noch andere schonte, wenn er eine Gelegenheit sah, Lorbeeren zu ernten.

Wenige Tage danach traf ich Anja und Boris vor dem Kino. Ich ging auf die beiden zu, um ihnen zu sagen, daß sie den dummen und bösartigen Scherz nicht weiter beachten sollten. Boris hatte mich gesehen. Er wandte sich schroff ab und lief fort.


„Boris", rief Anja, ,,ich habe doch die Karten!"

Boris blieb stehen. Im grünen Licht der Reklame war sein Gesicht bleich und böse.

Er sah ins Leere. „Deine Karten kannst du zerreißen", heulte er, rannte weiter und war bald um die Ecke verschwunden. Ich betrachtete Anja, die kaum noch die Tränen zurückhalten konnte. Doch ist es mir nicht gegeben, einen Menschen zu trösten. Wieder stellte ich mich ahnungslos.


Anja und Boris waren ein Herz und eine Seele gewesen, seit der ersten Klasse befreundet. Etwas mußte geschehen, um dem unbekannten „Künstler" das Handwerk zu legen.


Ich wandte mich an Bokow. „Kolja, du weißt offenbar, wer den Unsinn damals an die Tafel geschrieben hat, sicher derselbe Schmierfink, der auch der Urheber dieser Inschrift ist. Wir werden jetzt beide zu diesem Schüler gehen und mit ihm reden. Das ist besser für ihn. Über kurz oder lang wird er sich doch verraten."

Bokow wurde verlegen. Ich verstand das. Nie in meinem Lehrerdasein hatte ich einem Schüler je solche verfängliche Fragen gestellt. Trotzdem beschloß ich, hart zu bleiben.

„Nun?"

„Juri Wassiljewitsch, ich weiß es nicht."

„Und das soll ich dir glauben? Du mußt doch einsehen, daß es einfach gemein ist, sich gegenüber seinen Kameraden so aufzuführen. Es sind eure Freunde."

Bokow trat von einem Bein aufs andere. Er zupfte an seinem Hemd und vermied es, mich anzusehen.


Das Gespräch ging ihm offenbar sehr nahe. Schließlich bequemte er sich zu folgender Aussage: „Das weiß in der ganzen Klasse keiner. Alle fragen rum, niemand weiß was."

„Und wer hat das an die Tafel geschrieben?"

„An welche Tafel?"

„Auf den Tafelrand, nach den Ferien."

„Wissen Sie das wirklich nicht?"

„Nein."


Bokow schluckte. Über der Nasenwurzel krochen seine Brauen zusammen. Er dachte angestrengt nach. Es war eine Qual, ihn zu sehen. Ich ging ans Fenster, um es ihm leichter zu machen, mit sich ins reine zu kommen.

„Warum fragen Sie immer mich?" meinte Bokow vorsichtig.

„Das habe ich dir schon erklärt. Weil ich den Eindruck habe, daß du Bescheid weißt."

„Nein", sagte er nach einer Pause, „ich weiß es auch nicht."

„Dann geh jetzt. Vergiß unser Gespräch. Verstehst du?"

„Natürlich", rief er erleichtert aus, „natürlich, auf Wiedersehen, Juri Wassiljewitsch." Nach wie vor stand das weiße Fragezeichen an der Felswand. Allmählich wurde die Farbe blasser. Im April war es kaum noch zu erkennen. Am Ersten Mai zogen die Schulklassen durch die Hauptstraße ans Meer, um dort ein Feuer zu machen. Sie marschierten in Achterreihen, fröhlich, lärmend, hielten sich bei den Händen. Anja und Boris gingen nebeneinander, sangen Lieder wie alle anderen und warfen feuchte Schneeklümpchen in die vorderen Reihen.

Am dritten Mai leuchtete eine frische Inschrift von dem Fräuleinsfelsen. A + B = !!!



Melnikowa und Jewremow kamen nicht in die Schule.

Ich unterrichtete, aber in mir kochte es. Ich weiß nicht, was ich mit dem „Künstler" getan hätte, wenn er mir an diesem Morgen unter die Augen geraten wäre. Die Schüler witterten meine Stimmung. Kein Blick stahl sich zur Fensterscheibe, niemand lachte. Die Klasse saß still, war nicht ganz bei der Sache.

Als es läutete, warf ich wütend hin: „Nach dem Unterricht ist Versammlung", und rannte hinaus.

Die nächste Stunde hatte ich in einer anderen Klasse. Zwanzig Minuten nach Beginn vernahm ich aufgeregtes Gemurmel, das von draußen kam. Ich trat ans Fenster. Vor der Felswand hatte sich eine Menschenmenge eingefunden. Ich traute meinen Augen nicht, aber es war eine Tatsache: Das A und das halbe B hatte jemand mit schwarzer Farbe überpinselt.

Zwei Männer schleppten einen Jungen. Ich konnte die Gesichter nicht erkennen, wußte jedoch, daß sie Boris Jewremow trugen. Sie bewegten sich auf die Poliklinik zu. Ich stand am Fenster und hatte zu sprechen aufgehört.

Als ich an den Tisch zurückging, trafen mich viele verständnislose Blicke.

„Ich muß euch für eine Viertelstunde allein lassen", sagte ich, „verhaltet euch still."

Wie ich war, ohne Mantel, rannte ich aus der Klasse, den Berg hoch, auf dem die Klinik stand. Den Pförtner, der sich mir in den Weg stellte, schob ich beiseite. Im Operationssaal wusch sich ein Mann in weißem Kittel die Hände. Boris war nicht zu sehen.

„Was ist mit dem Jungen?" Der Arzt drehte sich um.

Er runzelte die Stirn und sagte: „Junger Mann, auf seine Kinder muß man besser achtgeben."


„Es ist nicht meiner."

„Natürlich", entgegnete der Arzt nachdenklich, „für einen so großen Jungen sind Sie zu jung. Was suchen Sie dann im Operationssaal?"

„Ich bin sein Lehrer."

„Also muß man auf seine Schüler besser achtgeben", brummte der Arzt, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen. Er wusch sorgfältig seine Hände, jeden Finger einzeln.

„Ich habe Sie gebeten, mir zu sagen, was mit ihm ist", erwiderte ich gereizt. Ich hätte ihn ohrfeigen können.

„Nichts Besonderes." Der Arzt zog die eine Hand heraus und bearbeitete die andere. „Er hat großes Glück gehabt. Das Schultergelenk ist ausgekugelt. Wenn wir es einrenken, wird er etwas schreien, aber das geht vorüber. Und jetzt seien Sie so liebenswürdig und verlassen Sie den Saal."

„Danke, schönen Dank, Herr Doktor", rief ich erfreut.

Als ich wieder in der Schule war, näherte sich die fünfte Stunde ihrem Ende. Die Schüler empfingen mich mit großen Augen.


Sie wußten schon Bescheid. Das sah ich ihnen an.


„Was machen wir nun?" fragte ich.

Sie schwiegen betreten.

„Juri Wassiljewitsch", ließ sich endlich einer vernehmen, „wird er wieder gesund?"

„Das weiß ich nicht. Darüber hättet ihr euch vorher den Kopf zerbrechen sollen."

„Wir sind es nicht gewesen. Wir nicht. Niemand weiß was." Wie auf Kommando kamen die Kinder nach vorn, umringten meinen Tisch und schrien durcheinander. In diesem Lärm verstand man sein eigenes Wort nicht.

Ich ließ den Blick über die Gesichter gleiten, fand darauf Entrüstung, gekränkten Stolz, Zorn.

Nein, aus meiner Klasse war es wirklich keiner, dachte ich erleichtert. Dann sah ich plötzlich Bokow.

Er schrie nicht wie die anderen, sondern stand ganz hinten und starrte schweigend auf den Fußboden.

„Ruhe!" forderte ich.


Die Klasse nahm keine Notiz davon.


„Ruhe! Ich weiß, wer es gewesen ist."


Das Getöse riß ab wie eine Radiosendung, wenn man den Apparat ausschaltet.

„Setzt euch hin!"


Sie zerstreuten sich aufreizend langsam.


„Ich weiß es. Aber der Betreffende soll den Mut haben, sich zu melden."

Schweigen.

„Nun gut, dann werde ich jeden einzeln fragen. Skopin, du?"

„Nein."

„Bogatyrewa?"

„Aber, Juri Wassiljewitsch!"

„Radushny?"

Radushny stieß geräuschvoll die Luft aus und schüttelte den Kopf.

„Klenow?"

„Juri Wassiljewitsch, wie können Sie..."

„Bokow?"

Bokow stand auf. Seine Lippen zitterten. Für einen Augenblick tat er mir leid.

„Warum — ich? Nein, ich..."

Ja oder nein?"

„Guckt euch doch seine Stiefel an", brüllte Radushny, „da klebt ja noch die Farbe dran."

Im Nu waren alle wieder auf den Beinen.

„Juri Wassiljewitsch", flehte Bokow mit brüchiger Stimme, „kann ich es Ihnen allein sagen, draußen „Nein, hier, vor allen."

Bokow wandte sich ab. Mit gesenktem Blick schlich er zur Tür.

„Kinder, er hat seine Mappe vergessen", rief Kostja.

Mehrere Schüler stürzten an seine Bank. Die Tasche, die daraufliegenden Hefte, der Füllfederhalter, das angeknabberte Frühstücksbrot — alles flog durch den Raum und fiel vor der Tür nieder. Bokow bückte sich nicht. Er stakste hinaus. Die Klasse schwieg.

Am Abend sprach mich Bokow auf der Straße an. „Juri Wassiljewitsch, ich war es nicht, Ehrenwort, ich nicht."

„Warum bist du dann aus der Klasse gerannt und hast uns nichts erklärt?"

„Wegen der Farbe. Ich habe bloß die Büchse gehalten. Zufällig ist etwas auf meine Filzstiefel getropft. Aber geschrieben habe ich nicht, nur dabeigestanden."

„Wer hat geschrieben?"

„Ein Bekannter von mir. Er geht in eine andere Schule. Richtige Freunde sind wir gar nicht. Ich habe ihm die Geschichte erzählt, und er wollte gleich schreiben. Da habe ich die Farbe besorgt und angerührt. Entschuldigen Sie, Juri Wassiljewitsch, aber das kommt nie wieder vor. Ich will auch alles ehrlich sagen, wie es gewesen ist. Wenn Sie wollen, gebe ich Ihnen die Adresse. Rote Straße zehn, die Wohnung..."

„Ich brauche keine Adresse", unterbrach ich ihn. „Bokow, ich denke, es ist besser, wenn du uns verläßt. Auf eigenen Wunsch."

„Ich habe doch alles ehrlich zugegeben", heulte Bokow.

Am anderen Tag kam seine Mutter. Sie trug dem Direktor die Bitte vor, ihren Sohn an eine andere Schule zu versetzen. Mir ging sie geflissentlich aus dem Weg. Der Direktor erhob keine Einwände. Im Sommer wurde die Inschrift trocken und bröcklig. Der Herbstregen spülte sie fort. Boris ist längst wieder gesund. Er sitzt mit Anja auf einer Bank. Wie in alten Zeiten.

Загрузка...