In der Mitte der Bucht hörte Wenka auf zu rudern. Er lauschte. Das Geräusch, das von der nahen Insel her an sein Ohr drang, war lauter geworden. Durch die Fäuste blickte Wenka über das Sonnenfunken sprühende Wasser. Zuerst sah er die Masten. Dann tauchte eine niedrige Deckkabine über den Steinen auf. Zum Schluß kroch der ganze Trawler ums Kap. Anfangs behielt das Schiff seinen Kurs bei. Nach einer Weile schwenkte es auf die Sonnenstraße ein, die zu dem Boot führte.
Wenka lachte, legte sich in die Ruder und begann zu kurven. Auch der Trawler vollführte eine Schwenkung, bis er abermals auf den Bug des Bootes zielte. Wenka gebrauchte nur das rechte Ruder. Danach wurde auf dem Trawler das Steuer scharf in die gleiche Richtung geworfen. Das Boot war jedoch wendiger, es fuhr in einem kleinen Kreis, das Schiff in einem großen. Der Abstand zwischen den beiden Fahrzeugen betrug noch immer hundert Meter.
„Wenka, du bist ein Schuft!" erklang es vom Trawler durch das Sprachrohr. „Halt an, sonst ramme ich dich!"
Es war eine Kapitulation. Wenka lachte wieder. Er ließ die Ruder fahren.
In weitem Bogen glitt der Trawler auf das Boot zu. Aus der Deckkabine kam der Steuermann, ein Bursche in braunem Sweater und mit Turnschuhen an den nackten Füßen.
„Wenka", rief er drohend, „willst du mit uns Katze und Maus spielen?"
„Ich habe gar nicht gewußt, daß ihr in der Nähe wart", erwiderte Wenka mit ernstem Gesicht. „Bei der ,Möwe' ist das anders. Die hört man schon von weitem."
Die Matrosen an Bord feixten. Der Steuermann hatte früher auf der „Möwe" gedient und war wegen seiner Schlafmützigkeit auf den Trawler versetzt worden.
„Verschwinde!" knurrte der Steuermann.
„Schön", erwiderte Wenka, „mache ich." Er bewegte die Ruder. Langsam entfernte sich sein Boot von dem Trawler.
Das behagte dem Steuermann wenig. Er schlug einen anderen Ton an. „Warte doch!! Trägst du Briefe aus?"
„Natürlich."
„Für mich ist nichts dabei?"
„O doch."
„Wirklich?"
„Wirklich."
„Und wenn du lügst?"
„Und wenn ich nicht lüge?" fragte Wenka.
„Was ist es denn für eine Handschrift?" rief einer der Matrosen. „Eine männliche?"
Auf dem Trawler wurde gelacht. Über einen Monat war das Schiff auf der unruhigen Barentssee gekreuzt. Jetzt ging es heim. Die Männer waren bereit, sich über den dümmsten Witz zu freuen.
„Eine Frauenhandschrift", antwortete Wenka. Er wußte, daß der Steuermann, der aus einer anderen Gegend stammte, Post von einer gewissen Jelena Bogatkina aus Kalinin erwartete.
„Was wird im Kino gespielt?"
„Jetzt läuft ein deutscher Film", erwiderte Wenka, „für Jugendliche unter sechzehn nicht zugelassen."
„Und in dem andern?"
„Ein italienischer, auch erst ab sechzehn."
Der Steuermann lachte. „Pech für dich."
„Was heißt Pech?" Wenka tat erstaunt. „Ich war schon drin. Es ist großer Quatsch. Nichts als Knutschen."
Die leichte Brise trieb das Boot vom Trawler ab. Man mußte wieder schreien. Wenka fühlte sich geschmeichelt. Seinetwegen hatte das Schiff in der Mitte der Bucht gestoppt. Von ihm, ausgerechnet von ihm wollte die Mannschaft sämtliche Neuigkeiten erfahren.
Als nach vielem Hin und Her die Sirene heulte und der Trawler seine Fahrt zum Heimathafen fortsetzte, fiel Wenka ein, daß er vergessen hatte zu fragen, wann das Schiff seines Vaters vom Fang zurückkehrte.
Er stöhnte, wendete und ruderte weiter. Der Bug bohrte sich durch die Sonnenstraße. Hinter dem Heck glitzerten Tausende scharfkantiger Funken. Die Sonnenstraße sah aus, als wäre ein Verschwender hier entlanggekommen und hätte Diamanten und Edelsteine hingeschüttet, damit ein lichtsprühender Pfad entstand.
Hinter dem Halbrund der Bucht erhoben sich blaue Berge. An ihrem Fuße standen die Gebäude des Staatlichen Fischkombinats. Wenka brauchte noch eine Stunde, um das Ufer zu erreichen. Als er angekommen war, nahm er das in Wachstuch gehüllte Paket mit den Briefen und sprang aus dem Boot.
Offenbar hatten ihn die Leute schon von weitem erspäht. Als er durch die Häuserreihen schritt, wurden zu beiden Seiten die Fenster aufgerissen.
„Wenka, ist für mich nichts dabei?"
„Leider nein."
„Hast du was für mich?"
„Nein, nein, heute kriegt nur einer was."
Aus der Werkstatt kam Ilja Sykow, ein Maschinist, heraus.
„Tag, Seemann. Bist du zu den Briefträgern übergelaufen?"
„Jawohl", erwiderte Wenka. „Ilja Iwanowitsch, wo finde ich Schawrow? Ich habe einen Einschreibebrief für ihn. Er soll wohl hier arbeiten. Ich habe ihn nie gesehen." „Zeig mal her."
Der Maschinist drehte den Brief in der Hand. Um besser sehen zu können, ließ er das Licht darauffallen. Über sein Gesicht huschte ein zufriedenes und — wie es Wenka schien — schadenfrohes Lächeln.
„Sieh mal an", meinte er, ,,P. E. Schawrow. Ja, das hat seine Richtigkeit. Da hat sie ihn also doch noch aufgespürt." Er beugte sich zu Wenka herab und flüsterte ihm ins Ohr: „Er ist in der Werkstatt, bringt gerade Schwimmer an. Geh rein und laß ihn eigenhändig unterschreiben. Er wird bestimmt versuchen, die Annahme zu verweigern. Du mußt Rückgrat zeigen."
„Warum will er den Brief nicht haben?" wunderte sich Wenka.
„Das ist seine Art. Ein komischer Kerl."
In der Werkstatt war ein Netz aufgespannt. Davor stand ein Mann, der dreißig Jahre alt sein mochte. Da er bis zum Gürtel nackt war, konnte Wenka die Tätowierung auf seiner Brust erkennen: eine Katze, die eine Maus jagt.
„Guten Tag", grüßte Wenka, „Sie haben Post."
Der Mann streckte die Hand aus, warf einen Blick auf den Absender und reichte den Brief zurück.
„Wer sagt dir denn, daß er an mich gerichtet ist?"
„Dort steht P. E. Schawrow. Das sind Sie."
„Na und?"
„Na ja, das ist eben Ihr Brief", erklärte Wenka unsicher.
„Und wer bist du?"
„Wie soll ich das sagen?"
„Doch nicht der Briefträger?" „Ach wo, ich helfe nur aus."
„Wenn du nicht der Briefträger bist, brauchst du dir keine grauen Haare wachsen zu lassen. Verwandte habe ich nicht, und ich wüßte nicht, wer mir schreiben sollte. Also, es hat mich sehr gefreut."
„Aber Sie sind doch P. E. Schawrow?" vergewisserte sich Wenka leise.
„Ob ich P. E. bin oder XYZ, das kann dir doch völlig gleichgültig sein."
Geknickt schlich Wenka davon.
,,Er war wohl sauer?" fragte Sykow.
„Er will den Brief nicht haben", erwiderte Wenka zerknirscht.
Sykow trat an die Werkstattür und sprach in das Halbdunkel hinein: ,,Paschka, warum machst du es dem Jungen so schwer? Er tut nur seine Pflicht. Nimm den Brief. Ja?"
„Seit wann hast du mir Vorschriften zu machen?" Paschkas Stimme klang böse. „Kümmere dich darum, daß dein Motor in Ordnung ist. Ob ich den Brief annehme oder nicht, geht dich einen Dreck an."
Sykow lachte. „Falls ich dir nicht genüge, trommeln wir die Brigade zusammen. Wenn die Jungs dich vornehmen, wirst du schon sehen, wen es angeht."
Schawrow warf Wenka eine giftigen Blick zu und stiefelte hinaus. Wenka, der kein Wort verstand, spürte, wie ihm der Gaumen trocken wurde. Er fühlte sich ungerecht behandelt. So war bisher noch niemand mit ihm umgesprungen.
„Du darfst nicht lockerlassen", ermutigte ihn Sykow. „Das ist jetzt sehr wichtig. Klar?"
„Ich habe die Nase voll", sagte Wenka.
„Wie du meinst. Nur mußt du wissen, daß er in Leningrad einen fünfjährigen Sohn hat. Weil er kein Geld schicken will, verkriecht sich der Bursche vor seiner Frau und dem Kleinen. Neulich hat er geprahlt, daß sie ihn hier nicht finden werden. Wie du siehst, hat seine Frau es trotzdem geschafft. Sie ist viel zu gut, schickt ihm noch Briefe, statt die Angelegenheit dem Gericht zu übergeben."
Stimmte denn das alles? Wenka blickte Sykow an. Der Maschinist machte ein ernstes Gesicht. Da gab es also tatsächlich einen Mann, der sich verborgen hielt, weil ihm das Geld leid tat, das er Frau und Kind schicken sollte! Wie war so etwas möglich? Wenka stellte sich vor, was wäre, wenn sein Vater plötzlich auf den Gedanken käme, sich zu verstecken, und die Mutter am Tisch säße, um einen Brief zu schreiben Aber das war Unsinn. Vater würde dergleichen nie fertigbringen.
Wenka preßte den Brief in der Hand, die auf einmal feucht geworden war, und rannte los, um Schawrow zu suchen.
Er traf ihn im Wohnheim, allein.
„Nehmen Sie bitte den Brief", sagte Wenka. Schawrow lachte. Er ging an die Tür und machte sie zu.
„Du bist doch ein kluger Junge", begann er heiter, „noch dazu einer mit Charakter. Weißt du, wir machen es folgendermaßen. Du schreibst ,Empfänger verzogen' auf die Quittung. Schon ist alles in Butter. Na komm, sei kein Spielverderber."
„Nein, das geht nicht."
„Du brauchst nicht zu denken, daß es umsonst sein soll. Das verlangt kein Mensch." Schawrow kniff ein Auge zu. „Da, steck ein, das ist deins."
Auf dem Tisch lag ein Jagdmesser mit roter Scheide und einem Griff aus Kunststoff. Auf der Klinge war eine Rinne angebracht. Damit das Blut abfließen kann, überlegte Wenka. Er brauchte nur die Hand auszustrecken, und schon gehörte das Messer für immer ihm. Der Gedanke an die Blutrinne ließ ihn erschauern.
„Nehmen Sie den Brief", flehte er, „ich muß weiter."
„Wie du willst." Schawrow ließ das Messer im Tischkasten verschwinden. „Warte einen Augenblick." Er ging hinaus.
Wenka wartete eine halbe Stunde. Als noch immer niemand kam, verließ er das Heim. Von der Außentreppe aus sah er die Menschen, die bei den Booten standen und sich anschickten, auszufahren. Zwischen den vielen Köpfen leuchtete Schawrows weiße Schirmmütze.
Mit einem Satz war Wenka unten. Er lief zum Ufer. „Nehmen Sie den Brief", rief er Schawrow zu, als er die Boote erreicht hatte.
„Mach nicht solchen Lärm", zischte Schawrow ungehalten. „Gib ihn mir morgen."
Wenka war tief gekränkt. Mit bleichem Gesicht stand er vor Schawrow, hielt den Brief in der ausgestreckten Hand und wiederholte: „Nehmen Sie ihn, nehmen Sie ihn!"
Viel hätte nicht gefehlt und er wäre in Tränen ausgebrochen.
Die Fischer merkten, daß etwas nicht stimmte. Sie kamen heran. Mit ernsten Augen betrachteten sie den Jungen und den Mann. Noch begriff niemand von ihnen, was vorging.
„Also gib her!" Schawrow lachte auf. Mit einer schwungvollen Unterschrift bestätigte er den Empfang des Briefes. „Dann ist mein Lohn eben futsch."
Wenka steckte die Quittung ein. Als er zu seinem Boot ging, rief ihm Schawrow nach: „Hast du das Messer nicht gestohlen? Sonst rück's raus. Ich werde nachsehen."
„Paschka, halt die Luft an", wies ihn ein Fischer zurecht. „Laß den Wenka in Frieden. — Na, Postbote, weiter hast du nichts?"
Der „Postbote" drehte sich nicht um. Er schüttelte den Kopf.
Inzwischen hatte die Ebbe begonnen. Das Meer war zurückgegangen. Wenkas Boot lag auf dem Trockenen. Der Junge stemmte eine Schulter gegen den Rand, er schob und stieß, mußte jedoch einsehen, daß er allein nichts ausrichten konnte. Das Boot rührte sich nicht von der Stelle. Bis zum Wasser waren es drei Meter. Da gab er sich geschlagen, kletterte hinein und setzte sich auf die Bank. Immer weiter wich das Meer vom Ufer zurück. Er kniff die Lippen zusammen und schaute griesgrämig zu. Es war wie das unentwegte Vorrücken eines Minutenzeigers — eine Bewegung, die man bemerkt und gleichzeitig nicht bemerkt. Man braucht nur eine Weile die Augen zu schließen und dann wieder zu öffnen, um zu sehen, daß der Zeiger inzwischen auf den nächsten Strich gerückt ist.
Während Wenka noch seinen Betrachtungen nachhing, rief jemand: „Sonnst dich wohl, Postbote?"
Wenka fuhr herum. Hinter ihm standen zwei Frauen, die er nicht kannte. Sie trugen einen Korb mit Salz, setzten ihn am Strand ab und lachten spöttisch. Wenka starrte mürrisch vor sich hin. Von der Ebbe überrascht zu werden ist eine Schande für jeden Seemann, auch wenn er nichts dafür kann.
Doch die Frauen waren gar nicht so. Sie griffen in die Rudergabeln und schoben das Boot mitsamt dem auf der Bank hockenden „Briefträger" ins Meer.
„Schönen Dank auch", riefen sie ihm nach. Endlich kam Wenka zu sich. „Ja, schönen Dank", murmelte er verwirrt. Die Frauen hoben lachend den Korb an.
Wieder war da der Pfad, zog wie ein feuriger Schweif hinter dem Boot her. Ständig begleitete er Wenka. Der ruderte, ohne sich umzublicken. Die Richtung stimmte, solange die Bootsspur auf dem diamantenen Pfad blieb und es schien, als habe er ihn selber angelegt.
Über der Hügelkette, die das Ufer säumte, hingen reglose Haufenwolken. Man hätte sie für eine Fortsetzung des Höhenzuges halten können. Von den Hängen ergossen sich Lichtströme aufs Meer. War das ein Blitzen und Gefunkel überall! Wenka fand, Menschen wie Schawrow dürfte es nicht geben, dann wäre die Welt noch schöner.
Dreißig Meter vom Boot entfernt stieß der Kopf einer Robbe aus dem Wasser. Das Tier blickte Wenka mit scheuen, in ewiger Furcht geweiteten Augen an. „Hier ist ein Brief für Sie, ich bitte um Ihre Unterschrift!" schrie Wenka hinüber.
Lautlos tauchte der Robbenkopf unter, war plötzlich verschwunden, wie in Nichts aufgelöst. Wenka spürte Erleichterung. Er wurde fröhlich, als hätte er es Schawrow tüchtig gegeben.
Das Boot fuhr am Ufer entlang. In der Ferne erhob sich eine bewaldete Insel, schien schaukelnd und schwankend auf dem Meer zu treiben. An dieser Stelle wußte Wenka jedesmal, wieviel Ruderschläge noch zu tun waren.
„Tausendzweihundert", murmelte er vor sich hin und begann zu zählen: „Eins — und zwei — und drei..."
Als er bei sechshundert angelangt war, blickte er wieder hinüber. Noch immer trennte ihn eine große Strecke von der Insel. Wenkas Bewegungen wurden ruhiger. Er zog die Ruder langsam durch und hielt sie eine Weile in der Luft, bevor er sie erneut ins Wasser senkte.
„Tausendeinhundert und..."
Endlich war zu hören, wie im Rücken die Wellen mit leisem Geplätscher ans Ufer rollten, was bedeutete, daß die Entfernung bis zur Insel noch dreißig Meter betrug. Jetzt ruderte Wenka hastig, mit kurzen Schlägen.
„Hundertundeins — hundertundzwei..." Bei tausendeinhundertsiebenundneunzig schurrte das Boot über die Ufersteine. Zufrieden streckte Wenka den schmerzenden Rücken. Das letztemal hatte er sich um zehn Ruderschläge verrechnet.
Er kletterte auf das mit Flechten bedeckte Geröll und wickelte sein Essen aus: zwei mit Steinbutt belegte Butterschnitten — Frühstück und Mittagbrot. Er verspeiste beides auf einmal. Während der Mahlzeit lag er auf dem Bauch und spürte, wie die Wärme der erhitzten Kiesel durch die Kleidung drang. Mit behaglichem Schmatzen plätscherten Wellen gegen die Steine, spritzen an ihnen hoch und wichen zurück ins Meer. Wenn Wenka die Augen schloß, war ihm, als zittere und schwanke das Geröll unter seinem Körper gleich dem Boot, mit dem er hergerudert war.
Er hätte gern ein wenig geschlafen, aber dazu war keine Zeit. Um die Müdigkeit abzuschütteln, stand er auf und hüpfte mehrere Male an der gleichen Stelle.
Als sich das Boot fünfhundert Meter von der Insel entfernt hatte, begann Wenka wieder zu zählen, allerdings ohne ein einziges Mal den Kopf zu heben und sich zu orientieren. Die Folge war, daß er auf eine ganz zufällige Zahl kam: siebenhundertdreiunddreißig.
Der Strand war steinig. Hinter einem schmalen Uferstreifen begann die steile, von Felsblöcken übersäte Böschung. Hier gab es keinen Pfad, Wenka mußte auf allen vieren kriechen und sich an den drahtigen Wacholderbüschen festklammern. Als die höchste Stelle erreicht war, verschnaufte er ein wenig. Dann begann der Abstieg. Um nicht ins Rutschen zu kommen, rannte er von Stein zu Stein.
Vor einem Häuschen — der zeitweiligen Unterkunft einer Feldmesserabteilung — standen mehrere Arbeiter. Als sie Wenka bemerkten, beugte sich einer über das Dreibeinstativ und richtete das Beobachtungsfernrohr des Theodoliten auf den näher kommenden Jungen.
,,Wir grüßen die Post", rief er. „Aber warum läufst du denn nicht wie ein normaler Mensch?"
„Wie laufe ich sonst?" fragte Wenka.
„Guck mal hier durch."
Wenka stellte sich ans Fernrohr. Anfangs begriff er gar nichts. Himmel und Erde waren vertauscht. Die Wolken segelten unten, die Hügel standen kopf, wie Eiszapfen hingen daran die Tannen. Na, ich danke, dachte Wenka, ich muß eine sehr komische Figur abgegeben haben.
„Gehen Sie doch auch mal ein Stück", bat er, „vielleicht bis zu diesem Stein dort."
„Wir haben das Gehen satt", erwiderte der Arbeiter, der neben dem Fernrohr stand, „seit dem Frühjahr ziehen wir durch die Gegend. — Für wen hast du was mitgebracht?" „Für Lisunow."
„Also für mich."
In Wenkas Hand raschelte ein zerknitterter Brief. Lisunow riß den Umschlag auf. Beim Lesen schien er allmählich zu entrücken. Ein ungläubiges Lächeln stahl sich über sein Gesicht. Wenka befürchtete, auch Lisunow könnte den Brief sogleich zurückweisen. Auf einmal wurden ihm alle diese Menschen zuwider. Außerdem war er wütend, weil Lisunow ihn in dieser komischen Stellung gesehen hatte.
Das Lächeln wurde breiter. Lisunow meckerte los, leise zuerst, dann lauter. Schließlich riß er sich die Mütze vom Kopf und schleuderte sie auf die Erde.
„Briefträger", jubelte er, „was sagst du nun dazu? Ist das nicht wunderbar! Wie soll man es anders nennen?"
„Ein Einschreiben", bemerkte Wenka, um Mißverständnissen auf alle Fälle vorzubeugen. „Hier müssen Sie Ihren Namen hinsetzen."
„Mit meinem Blut werde ich unterschreiben", rief Lisunow. „Kinder, stellt euch vor. Mein Schwesterchen war gerade aus den Windeln raus, und eine Kälte war das. Im Thermometer gefror das Quecksilber. Es war noch Krieg. Der Zug fuhr ab. Meine Schwester kam nicht mit. Wo haben wir nicht hingeschrieben! An den Rundfunk, an die Zeitungen. Alles umsonst. Jetzt ist sie da. Die ,Komsomolka' hat sie gefunden."
Lisunow überstürzte sich, als säße er im Kino und sollte die Szenen eines vor seinen Augen abrollenden Films beschreiben.
„Das kostet eine Kleinigkeit", sagte jemand, der hinter Wenka stand.
Lisunow sah und hörte nichts mehr.
„Inzwischen hat sie sogar geheiratet", rief er, außer sich vor Freude. „Ganze vier Jahre alt war sie damals. Jetzt wohnt sie mit ihrem Mann bei uns in Murmansk. Ist das nicht ein Wunder?"
Er reichte Wenka ein Foto. Darauf sah man ein schlankes Mädchen in gestreiftem Kleid. Sie lehnte an einem Gemälde mit weißhäuptigen Bergen, die an Sektflaschen erinnerten. Ein Reiter sprengte durchs Gebirge, und eine „TU" flog darüber hinweg. Am Fuße der Berge wogte das Meer. Ein Ozeandampfer schaukelte auf den Wellen. Das Mädchen guckte ängstlich, als fürchte es, der Reiter könnte lebendig werden und den Säbel erheben.
Während Wenka noch die Fotografie betrachtete, trat der Abteilungsleiter aus dem Häuschen.
„Kommt, Genossen, es ist Zeit", sagte er. „Nanu, Lisunow, du bist ja heute so gut gelaunt?"
„Ich habe auch allen Grund. Meine kleine Schwester ist gefunden worden."
„Soso", meinte der Abteilungsleiter, „na, dann mußt du etwas springen lassen. — Hast du den Brief gebracht?" wandte er sich an Wenka.
„Jawohl."
„Tüchtig, tüchtig. Wie heißt du?"
Wenka runzelte die Stirn. Die nächsten Fragen würden lauten: Wie alt bist du? In welche Klasse gehst du? Wie sieht dein Zeugnis aus? Erstaunlich, wie sehr sich die Erwachsenen in ihrem Denken gleichen.
Der Abteilungsleiter machte eine Ausnahme. Er drang nicht weiter in Wenka, sondern sagte nur mit strenger Miene: „Das nächste Mal bin ich aber dran. Hast du gehört?"
„Wenn etwas dabei ist, bringe ich es mit."
„Ich muß gleich ein Telegramm schicken", sprudelte Lisunow hervor, ergriff Wenka am Arm und dreht ihn zu sich herum. „Kannst du es aufgeben?"
„Aber ja."
„Diktiere, ich schreibe", schlug der Abteilungsleiter vor. Er zog ein Notizbuch aus der Kartentasche.
„Ja, vielleicht so: .Willkommen, mein liebes Schwesterchen. Punkt.'"
„Wozu Punkt?" fragte Wenka. „Einer kostet drei Kopeken."
„Trotzdem, mit Punkten ist es besser", entgegnete Lisunow in feierlichem Ton, „es gehört sich so."
Als das Telegramm diktiert war, drückte er Wenka drei Rubel in die Hand.
„So viel macht das nicht", erklärte Wenka. „Geben Sie mir einen Rubel, der reicht bestimmt. Wenn ich etwas rauskriege, bringe ich es Ihnen."
„Nein, nimm. Den Rest behältst du für Bonbons. Sollst deine Reise nicht umsonst gemacht haben." „Das geht nicht", erwiderte Wenka, „wir arbeiten ohne Bezahlung." „Was heißt wir?"
„Unsere ganze Klasse. Wir haben einen Beschluß gefaßt. Jeder leistet in den Ferien zehn gute Taten."
„Und wieviel hast du schon begangen?" wollte der Abteilungsleiter wissen.
„Das kann ich nicht sagen. Bei denen, die in der Stadt eingesetzt sind, zählen die Briefe. Sie haben bereits mehr als tausend ausgetragen. Dazu kommen noch Zeitungen. Sie haben ihre Verpflichtung längst erfüllt."
„Und wieviel Briefe sind bisher durch deine Hände gegangen?"
„Erst sechzehn."
„Nicht gerade eine Menge", gab der Abteilungsleiter zu. Er schielte Wenka von der Seite an. „Es ist nicht meine Schuld", erwiderte der.
„Komm her." Der Abteilungsleiter holte die Karte aus der Tasche und breitete sie auf einer Stufe aus.
„Zeig uns mal deine heutige Reiseroute. Ich möchte wissen, wo du überall gewesen bist."
„Zuerst im Staatlichen Fischkombinat."
Durch die blaue Fläche der Bucht zog der Bleistift eine Linie.
„Dann bist du zu uns gekommen?"
„Ja."
Eine zweite Linie kroch am Ufer entlang und endete auf einer Bergkuppe.
„Und anschließend geht's nach Hause?"
„Ja."
Eine dritte Linie durchschnitt die Bucht. Sie verband sich mit der ersten und zweiten.
„Das sind zweiundzwanzig bis dreiundzwanzig Kilometer", stellte der Abteilungsleiter fest. „Und wieviel Briefe hast du ausgetragen?"
„Zwei."
„Wie werden die berechnet? Als eine Tat, als eine halbe, als vier?"
„Das weiß ich nicht", gestand Wenka. „Das Postboot hat einen Motorschaden. Da bin ich eingesprungen."
Die Arbeiter lachten. Sechzehn Briefe, dachte Wenka, wie wenig das ist! Er bekam einen Schreck.
Im Herbst sollten sämtliche Schüler auf einer Versammlung über ihre Taten berichten. Wie würde er dastehen?
Wenka blickte Lisunow an. Der war wieder mit seinem Brief beschäftigt. Beim Lesen zog er beide Brauen in die Höhe und schüttelte fassungslos den Kopf. Das Lächeln wich nicht von seinem Gesicht.
Wenka seufzte, steckte den Dreirubelschein tiefer in die Tasche und wanderte den Hügel hinab. Er hatte die Hälfte des Weges zurückgelegt, als Lisunow rief: „Wenka, bleib gesund. Schönen Dank, Wenka!"
Auf dem Pfad, der ins Gebirge führte, standen sieben Menschen. Sie winkten. Die abgekühlte Abendsonne sank müde der Hügelkette entgegen. Die Berge nahmen ein tieferes Blau an. Von den Inseln krochen lange Schatten aufs Wasser. Doch hinter dem Boot lag wie vordem der glitzernde Diamantenpfad. Nur die von den Riemen hinterlassenen Strudel gähnten darin als schwarze Trichter.
Im Takt der Ruderschläge klang es über die still gewordene Bucht: „Zweitausendzweihundertfünf — zweitausendzweihundertsechs — zweitausend-zweihundertsieben..."