Die Netze

Das Haus stand am Jenissej, unmittelbar vor dem hohen, steüen Ufer.

Unten legten die Schiffe an.

Im Frühjahr sah man dort die ersten Dampfer. Und die letzten Eisschollen. Wenn sie tosend und berstend gegen die Landungsstelle stießen, klang es wie eine Drohung: Wumm! Standgehalten?

Standgehalten! wummerte das Ufer als Echo zurück.

Das schief gewordene Haus klammerte sich verzweifelt an den Boden. Jahraus, jahrein brandeten die Wellen gegen das Ufer, unterhöhlten es. Brocken auf Brocken stürzte ins Wasser. Unaufhaltsam kroch der Hang auf das Häuschen zu. Schon klafften Risse zwischen den Balken. Moosbatzen hingen heraus, weiß, wie gargekocht. In weiten Wellen krümmte sich das grünschimmlige Dach. Schief war das Haus, gebrechlich, aber es stand.


Es stand...


Heute schreibt mir der Vater, es sei eingestürzt. Während ich den Brief in meinen Händen halte, tauchen Bilder auf, Erinnerungen: Stepan, er schüttelt die Faust, droht Sjowka und mir.

Jetzt erst weiß ich, daß wir endgültig gesiegt haben. Niemand vermochte zu sagen, woher er gekommen war, dieser Stepan Shuikow. Eines Tages stand er da und kaufte das alte Haus. Er bekam es fast geschenkt. Wer wollte schon darin wohnen. Über kurz oder lang mußte es zusammenbrechen. Stepan hatte es genommen. Bald besaß er ein Boot. Es sprach sich herum, daß er schwarz fischte. Sein Gerät bezog er wie die Mitglieder der Fischereigenossenschaft aus dem Kaufhaus.

Wenn wir in die Schule gingen, begegneten wir gewöhnlich seinem Lastwagen, einem robusten „SIL". Vom Holzwerk bis zum Lager am Jenissej sind es achthundert Meter. Mit Bohlen beladen hin, leer zurück, zwanzigmal am Tage, das macht müde.

Um sieben Uhr abends aber fand man ihn todsicher in seinem Boot. Er ruderte stets die gleiche Strecke, quer über den Fluß. Was er am andern Ufer trieb? Wer wußte das zu sagen? Der Jenissej ist breit und groß. Und verschwiegen. Vermutungen gab es viele, Gerüchte: Er ist ein Fischdieb.


Mein Vater Wollte sich die Haare raufen, wenn er daran dachte, daß er diesem Kerl die Zuzugsgenehmigung erteilt hatte. Jedoch wer konnte damals, als Stepan das wacklige Häuschen kaufte, ahnen, was wir später erfuhren?

Unsere Fischer hatten auf den Zugereisten einen heiligen Zorn. Sie beschlossen, ihm aufzulauern, der Sache auf den Grund zu gehen, ihn zu überführen. Es blieb bei dem Entschluß. Der gute Wille war vorhanden. Was fehlte, war Zeit, die hatten unsere Leute nicht.

Nur die Fischereikontrolle blieb hart. Für sie ging es ums Prinzip: Wer wen. Die Kollegen von der Fischereikontrolle rupften mit Stepan ein Hühnchen. Oder war es umgekehrt? Jedenfalls leisteten sie sich ein Ding, über das die Menschen am Jenissej eine Woche lang lachten.

Vom frühen Abend an lagen sie bei der Klosterinsel auf der Lauer. Zu ihrer Verfügung hatten sie ein Gleitboot. Gegen fünf Uhr morgens sichteten sie Stepan. Er ruderte heimwärts, gemächlich, allein. Sie waren zu dritt, mit achtzig PS auf dem Kasten. Er besaß zwei Ruder und seine Muskeln. Aber sein Boot war schmal, schnittig, schob eine schöne Bugwelle vor sich her, auch wenn es nur langsam über das Wasser glitt.

Als er fünfhundert Meter von ihnen entfernt war, warfen sie den Motor an. Sie wollten ihm den Weg abschneiden. Er ruderte wie der Teufel, als hielte er zwei Strohhalme in den Händen. Wer am Ufer stand und zusah, mußte ihn bewundern. Das Gleitboot hatte seine Not. Der Motor war nicht richtig eingesetzt, es stimmte etwas mit dem Schwerpunkt nicht. Bis zum großen Graben, der tief ins Land führt und zu beiden Seiten von dichtem Purpurweidengestrüpp überhangen ist, betrug die Entfernung einen Kilometer. Wenn Stepan den großen Graben erreichte, hatten die von der Fischereikontrolle das Nachsehen. Stepan dachte jedoch nicht daran, sich auf diese Weise aus der Schlinge zu ziehen. Er behielt seinen geraden Kurs aufs andere Ufer bei. Als er ausstieg und sich eine Zigarette ansteckte, war das Gleitboot nach wie vor fünfhundert Meter entfernt. Trotzdem, seine Besatzung frohlockte: Es war eine Kapitulation. Stepans Nerven hatten der Belastung nicht standgehalten. Das Gleitboot erreichte das Ufer, die drei von der Fischereikontrolle sprangen an Land, sahen das Netz im Bug des Shuikowschen Bootes, die Fische — und waren zu aufgeregt, um alles näher in Augenschein zu nehmen.


„Wirst du ein Protokoll unterschreiben?"

„Aber gewiß", erwiderte Stepan. „Nur wüßte ich nicht, wofür das gut sein sollte."

„Damit wir schwarz auf weiß besitzen, daß du beim Fischen gegen die gesetzmäßigen Bestimmungen verstoßen hast."

„Macht keine Witze. Ist denn ein neues Gesetz rausgekommen?"

„Das Gesetz ist alt. Wir werden dir den Paragraphen noch unter die Nase halten."

„Warum droht ihr mir?" beschwerte sich Stepan.

„Das vertrage ich nicht. Ich bin eine ängstliche Natur. Meßt erst mal mein Netz aus. Dann reden wir weiter."

Da wurden die Kollegen von der Fischereikontrolle stutzig. Sie sahen genau hin, nahmen das Netz hoch und wußten sofort, daß alles seine Richtigkeit hatte. Der Fang betrug nicht mehr als zehn Kilogramm, das Netz war höchstens fünfundzwanzig Meter groß. Beides entsprach den gesetzlichen Vorschriften. Sie verzichteten sogar darauf, es nachzumessen.

„Warum hast du nicht gestoppt?"

Stepan lächelte. „Ich wollte warm werden. Eine Art Frühsport."

Am gleichen Tage wurde er von meinem Vater zur Miliz vorgeladen.

„Shuikow", sagte mein Vater, „hör gut zu, Shuikow. Ich ermahne dich heute zum letzten Mal. Laß die Dummheiten sein."

Stepan stellte sich verwundert. „Dummheiten? Wie meinen Sie das, Chef?"

„Das weißt du ganz genau. Gesetzesverstöße werden hier nicht geduldet."

„Gesetzesverstöße?" fragte Stepan entgeistert. „Habe ich jemanden beleidigt, eine Schlägerei angefangen, mich betrunken?"

„Hör zu, Shuikow", erwiderte mein Vater, „du machst mir nichts vor. Ich werde dich festnageln. Das ist sicher. Einmal habe ich dich bereits ertappt. Und verwarnt. Wenn du ein zweites Mal erwischt wirst, gehst du ins Kittchen."

„Ach, das meinen Sie", staunte Stepan. „Nein, das ist längst vorbei. Ich habe es aufgegeben. Was dachten Sie? Ich stehe zu meinem Wort. Wo werde ich mich unglücklich machen?"

„Uns machst du unglücklich", verbesserte mein Vater, „uns."

Stepan reckte sich. „Chef, wie sprechen Sie mit mir? Was sollen die Drohungen? Ich bin ein Sowjetmensch, genau wie Sie. Wenn ich mir etwas zuschulden kommen lasse — bitte, dann ziehen Sie mich dafür zur Rechenschaft. Aber beleidigen dürfen Sie mich nicht."

„Du bist ein Dieb, Shuikow", sagte mein Vater, „ein gewissenloser Parasit. Du stiehlst unsere Fische."

„Ich habe einen Plan und erfülle ihn mit hundertzwanzig Prozent. Gelegentlich werde ich beim Bezirkskomitee vorsprechen müssen."

„Sprich vor, bei wem du willst", erwiderte mein Vater.

Natürlich tat Stepan nichts dergleichen. Nach wie vor fuhr er tagsüber seinen „SIL", nachts fischte er im Jenissej an Stellen, die allein er kannte.

Gegen sechs Uhr kehrte er zurück. In seinem Boot schwammen große Blutlachen. Er fühlte sich so sicher, daß er auf die Mühe verzichtete, das Fischblut fortzuwaschen. Zu Hause angekommen, stieg er in den Wagen und verbrachte den ganzen Tag am Steuer. Seine Hände, die das Lenkrad hielten, waren von scharfen Angelhaken zerstochen. Sjowka wunderte sich, wie er das aushielt, und ich staunte auch.

War es möglich, daß Habsucht einem Menschen solche Kräfte verlieh?

Wir bewunderten Stepan und konnten ihn nicht ausstehn. So erging es allen, die ihn kannten. Eines Sonntagabends schlichen wir uns an sein Haus. Feiertags blieb er gewöhnlich daheim. Wir sahen durchs Fenster. Er saß am Tisch und blinzelte gähnend in die Lampe. Daß er nichts anderes tat als gähnen, erschien uns unheimlich. Wir spürten die Finsternis, die Kälte des Abgrunds im Rücken und gingen auf Zehenspitzen davon. Sjowka tastete die Erde ab. Als das Gesuchte gefunden war, holte er weit aus. Gleich darauf klapperte und schepperte etwas auf dem Dach. Es klang merkwürdig hohl. Dann quietschte die Tür. Ein grauer Schatten fiel auf die Treppe.

„Wem juckt denn da das Fell!" schimpfte Stepan.

„Mir", flüsterte Sjowka. Die Tür fiel ins Schloß.

Unsere Angst war wie fortgeblasen.

Sjowka meinte, wir beide könnten Stepan fangen. Im Grunde genommen sei das eine Kleinigkeit. Das ganze Problem bestehe darin, daß unsere Fischer keine Zeit hätten und die von der Kontrolle einen Abschnitt von zweihundert Kilometern überwachen müßten. Was aber meinen Vater angehe — nun ja, das sei ein alter Mann, der nur noch blinde Drohungen ausspreche und der Sache nicht gewachsen sei.

Die letzte Bemerkung erregte meinen Widerspruch. „Er hat ihn schon einmal ertappt."

„Damals war Stepan noch leichtsinnig. Jetzt ist er auf der Hut. Wir müssen ihn verfolgen. Kannst du nicht ein Fernglas besorgen?"

„Nein", erwiderte ich kurz und bündig. Ich war wütend. Er hatte meinen Vater beleidigt.

„Dann werde ich mich eben um eins kümmern", bemerkte Sjowka.


Tags darauf brachte ich ein Fernglas mit.

Es war Juni, weder Tag noch Nacht. Wir gingen im Hellen zu Bett und standen bei Sonnenlicht auf. Zu Hause einzuschlafen fiel schrecklich schwer. Am Ufer war es offenbar leichter. Sjowka hatte die erste Wache. Als ich ihn ablösen wollte, lag er in tiefem Schlaf. Stepan sei bestimmt nicht aufgetaucht, beteuerte er.

Ich fuhr ihn an. „Flunkere nicht. Du hast ja noch das Muster von den Grashalmen auf der Backe. Wir müssen zu zweit aufpassen. Dann kann so was nicht passieren."


Das nächste Mal zogen wir gemeinsam auf Posten. Es war gegen zwei Uhr und ausgesprochen ruhig. Wir hörten das Gemurmel des Stromes. Nicht weit von uns entfernt schwammen einige Taucher auf dem Wasser. Als sie mit den Flügeln schlugen, ging es mir durch und durch: Das ganze Ufer schien davon zu rauschen. Ich starrte auf den Jenissej, bis mir schien, der Fluß hebe sich höher und höher und trete aus den Ufern.

Endlich erblickten wir drüben einen schwarzen Strich, der gegen die Strömung schwamm, bald jedoch hinter den Büschen verschwand.

„Dort gibt es viele Buchten", sagte Sjowka, „merk dir genau die Stelle."

Etwa eine Stunde später kam das Boot wieder zum Vorschein. Es näherte sich der Siedlung. Wir lagen am Rande des Steilufers auf dem Bauch und schauten abwechselnd durchs Glas. Beim letzten Mal sah ich Stepans Gesicht so dicht vor mir, daß ich die Schweißperlen auf seiner Stirn zählen konnte. Shuikow ruderte schnell. Er wollte nicht zu spät zur Arbeit kommen.

Wenige Tage danach bat ich meinen Vater erneut, sein Boot benutzen zu dürfen.

„Nein", war die Antwort, „ich hab's einmal untersagt. Dabei bleibt es."

„Und wenn ich das Boot diesmal sehr dringend brauche?" fragte ich.

„Auch dann nicht. Das ist der Jenissej und nicht der Dnepr."

„Stimmt", sagte ich, „nicht der Dnepr und nicht der Parana."

„Nicht was?"

„Der Parana. Ein Fluß in Südamerika."

„Na schön", meinte mein Vater.

„Und nicht der Rio Grande."

„Na schön. Das Boot bekommst du trotzdem nicht."

„Übrigens ist das ein und derselbe Fluß."

„Daß du mir nicht das Boot anrührst", sagte er warnend.

Natürlich rührte ich es an. Wenn wir Stepan gefangen hatten, würde man uns alles vergeben. Daß wir ihn fingen, stand für uns fest.

Als Vater eingeschlafen war, schlich ich in sein Zimmer, zog die Pistole aus der Ledertasche, schüttelte den Schlüssel auf die flache Hand und tat die Pistole zurück. Sjowka ging einen Schritt weiter. Er brachte das Gewehr seines Vaters angeschleppt, freilich ohne Patronen. Es war eine Jagdflinte, die am ganzen Jenissej nicht ihresgleichen hatte, ein Drilling, bestehend aus zwei nebeneinanderliegenden Läufen für Schrot und einem dritten darüber, für Kugeln.


Gegen dieses Prachtstück hätte man glatt ein Motorboot eintauschen können, aber Sjowkas Vater wollte sich davon nicht trennen.

Um drei Uhr ruderten wir ans andere Ufer, zogen das Boot ins Weidengebüsch und legten uns auf die Lauer.

Es war eine sonnige, windstille Nacht. Unzählige Mücken summten uns um die Ohren. Wir scheuchten sie von den Gesichtern, fuchtelten wie toll mit den Armen, aber die Biester setzten sich auf den Rücken und die Beine und stachen durch die Kleidung. Einige waren dreist genug, sich auf den Händen niederzulassen. Nach einer halben Stunde schien die Haut mit Mückengift gesättigt. Ich verspürte am ganzen Körper ein Kribbeln und Jucken, als hätte ich mich in Brennesseln gewälzt.

„Ich möchte nur wissen, wovon sie sich ernähren würden, wenn wir nicht gekommen wären", meinte Sjowka tiefsinnig.

Nach einer Stunde waren wir dermaßen zerstochen, daß wir schlechte Laune bekamen und uns beinah in die Wolle gerieten.

Zum Glück nahte Stepan. Wir hatten ihn gar nicht bemerkt. Als wir das Plätschern der Ruder hörten, war er nur noch zehn Meter entfernt. Wir erstarrten, wagten uns nicht zu rühren, bis sein Boot hinter einer Biegung des Grabens verschwand. Ich verstehe heute noch nicht, wo ich die Kraft hernahm, fünf Minuten lang diese Strapazen auszuhalten. Als ich beide Hände gegen die Stirn preßte, platzten die prall gewordenen Mücken wie reife Schoten. Es knallte richtig.

Wir fuhren hinterher. Unsere Ruder verursachten einen Höllenlärm. Endlich entdeckten wir das aufs Land gezogene Boot. Inzwischen mochte eine halbe Stunde vergangen sein. Wir sahen einen schmalen Pfad, der in die Taiga führte.

Unseren Kahn versteckten wir in einer kleinen Bucht.

Ich sprang ans Ufer und schaute mich um. Von hier waren weder das Dorf noch der Jenissej zu sehen. Ich blickte Sjowka fragend an.

„Komm", flüsterte mein Freund.

„Laß das Gewehr lieber hier", riet ich.

„Und wenn es gestohlen wird?"

Sjowka bog vorsichtig die Zweige auseinander und schritt voraus.

Der Pfad führte auf eine Wiese, wo nur wenig Bäume wuchsen. Dort erblickten wir Stepan. Er ging von einem Stamm zum andern und hängte sein Fanggerät auf: eine etwa fünfhundert Meter lange Schnur mit ungefähr zweihundert Stahlhaken. Am anderen Ende der Wiese stand eine Laubhütte. An den eingerammten Pfählen waren mehrere Reihen Netze aufgespannt, insgesamt etwa dreihundert Meter. Ein beachtlicher Reichtum. Wenn der unserer Fischereikontrolle in die Hände fiel, würde es diesem Stepan Shuikow mindestens zwei Jahre Gefängnis eintragen.

Wir standen zusammengekauert hinter den Sträuchern und wußten nicht, was wir tun sollten.

Stepan setzte seinen Rundgang fort.

Sjowka hielt das Gewehr umklammert. Die Mücken zerstachen ihm Arme und Gesicht. Es sah aus, als hätte er graue Handschuhe angezogen. Um die Plagegeister fortzujagen, schnitt er komische Grimassen, aber die Mücken saßen wie angeleimt auf der Haut. Schließlich wurde es ihm zu bunt. Er zog das Gewehr in die Schulter. „Hände hoch!"

Stepan stöhnte auf und ließ die Fangleine fallen. Wir hörten das Klirren der Haken. Langsam drehte sich der Fischdieb um.

„Hände hoch!"

Aus dem Gebüsch gähnten ihn die Mündungen dreier Läufe an.

„Aber Genosse", sagte er halblaut, „laß die Scherze."

„Gehen Sie voraus, vorwärts marsch!" befahl Sjowka und machte den Fehler, auf die Wiese zu treten.

Als Stepan den Jungen sah, verwandelte sich sein Gesicht. Er dachte nicht daran, die Hände zu heben, sondern kam langsam auf uns zu.

„Hände hoch!" wiederholte Sjowka verzweifelt. Stepan näherte sich von der Seite, packte mit der Linken die Drillingsläufe, zog Sjowka auf sich zu und schlug ihn mit der Rechten ins Gesicht. Mein Freund fiel hin. Stepan hielt das Gewehr gegen das Licht, genauso bedächtig, wie er alles übrige getan hatte, stellte fest, daß es nicht geladen war, und schmetterte es gegen den Stamm einer Birke. Der Kolben flog ab. Stepan bückte sich, um ihn aufzuheben. Er schleuderte ihn mitsamt den Läufen zu Sjowka hin.

„Das war mal ein Gewehr", sagte er, „und kein schlechtes."

Erst jetzt wurde mir bewußt, daß ich die ganze Zeit untätig dabeigestanden hatte. Ich sprang an Sjowkas Seite.

„Du hau ab", forderte Stepan mich auf. „Vor der Miliz hab ich Achtung."

Sjowka rappelte sich hoch. Seine Nase blutete, die getroffene Wange hatte sich bläulich verfärbt. Kerzengerade stand er vor Stepan, weinte nicht, zuckte mit keiner Wimper. Die Mücken fielen über sein verquollenes Gesicht her, aber er stand und starrte den Fischdieb an.

„Schlagen Sie doch zu", keuchte er. „Verschwinde. Für heute reicht's."

„Schlagen Sie doch zu."

Stepan lachte auf und ging zu seinen Netzen.

Sjowka verharrte wie angewurzelt neben der Birke. Schließlich las er die abgesplitterten Teile des Gewehres zusammen, und wir machten uns auf den Heimweg.

Zu Hause wurde ich von meinem Vater empfangen. Eigentlich mußte er längst auf seiner Dienststelle sein. Er hatte es vorgezogen zu warten, bis ich kam.

„Was hast du an meiner Pistole zu suchen gehabt?" fragte er mich.

„Ich habe sie nicht angerührt."

„Was du an meiner Pistole zu suchen gehabt hast, will ich wissen."

„Steck doch den Schlüssel nicht in die Revolvertasche", entgegnete ich, „dann gehe ich nicht an deine Pistole."

Mein Vater schnallte das Koppel ab. Ich stand reglos im Zimmer. Er legte es zusammen und kam auf mich zu.

„Versprich mir, daß so was nicht wieder vorkommt."

Ich fürchtete mich vor nichts. So groß war mein Haß auf Stepan.

„Na, wird's bald!"

Ich schwieg.

Mein Vater lief rot an. Er gab mir einen leichten Klaps auf die Hand. Ich rannte in mein Zimmer und drehte den Schlüssel um. Nebenan wanderte Vater auf und ab. Ich hörte seine Schritte. Danach rückte er die Stühle zurecht. Schließlich kam er an die Tür.

„Boris."

Ich gab keine Antwort.

„Boris, für seine Taten muß man geradestehen können. Letztes Jahr sind drei Jungen ertrunken. Errinnerst du dich nicht?"

Ich schwieg auch jetzt. Mein Vater seufzte. Wieder hörte ich seine Schritte. Nach einer Weile klappte die Haustür. Ich ging ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch entdeckte ich den Bootsschlüssel, darunter einen Zettel. „Boris, heute wird es spät, geh essen." Ein Rubel lag daneben. Mein Vater war mir doch der liebste Mensch auf Erden, trotz allem.

Nach dem Mittagessen ging ich zu Sjowka. Die Tür öffnete seine Mutter. Sie hatte verweinte Augen.

„Da bist ja auch du", sagte sie, „ganz zerstochen und übernächtig. Wo wart ihr?"

„Wo sollen wir gewesen sein?" fragte ich dumm.

„Das möchte ich von dir wissen. Wer hat das Gewehr zerschlagen?"

„Welches Gewehr?"

„Das weißt du sehr genau. Los, raus mit der Sprache. Was habt ihr gemacht?"

„Na nichts", erwiderte ich kleinlaut, „eine kleine Bootsfahrt, was sonst."

„Bleib ihm bloß vom Halse", schimpfte Sjowkas Mutter.


Eine Woche darauf kam er zu mir. „Hast du es keinem erzählt?"

„Nein."

„Behalt's auch weiter für dich."

„Wir müßten die Stelle der Fischereikontrolle zeigen. Meinst du nicht?"

„Dort gibt's nichts mehr zu holen."

„Woher willst du das wissen?"

„Ich weiß es eben. Sprich mit keinem drüber. Ich werde schon alles machen."

„Und ich?"

„Wenn es soweit ist, sage ich dir Bescheid."

„Vater gibt mir neuerdings den Bootsschlüssel", erklärte ich.

Nach einer Kunstpause erwiderte Sjowka: „Boris, wie du weißt, habe ich für ein Zelt gespart. Das Geld hat jetzt Lomakin. Dafür darf ich sein Boot ausleihen."

„Aber wir können doch unseres nehmen", entgegnete ich, „verlang dein Geld zurück."

„Damit wäre er nicht einverstanden. Ich habe sein Boot schon benutzt. Konnte ja nicht ahnen, daß die Sache so günstig steht. Außerdem ist seins schön leicht."

„Dann eben ohne mich."

„Was ist denn? Du hast doch nichts abgekriegt." Sjowka ging fort. Ich konnte mir nicht erklären, womit ich ihn beleidigt hatte. Mir fiel ein, daß seine Mutter gesagt hatte, ich sollte ihm vom Halse bleiben. Ich faßte einen Entschluß: Mit unserer Freundschaft ist es aus.


Fünf Tage darauf kam Sjowka zu mir.

„Boris, eine tolle Sache. Komm schnell."

„Ich habe kein Interesse", gab ich gelangweilt zurück.

„Boris, Menschenskind, laß das Getue. Ich habe seinen neuen Schlupfwinkel entdeckt. Los, wir nehmen dein Boot."

Ich weiß nicht, wie es ihm gelungen war, Stepans Versteck ein zweites Mal zu finden. Wahrscheinlich hatte er den ganzen Tag auf dem Strom zugebracht. Seine Haut glich gegerbtem Leder.

Wir brachen am Tage auf, lange bevor Stepan Feierabend hatte. Diesmal mußten wir noch weiter rudern.

Wieder gelangten wir auf eine Wiese. Ich sah die eingerammten Pfähle, die aufgespannten Netze, die Fangleine. Sie war in mehreren Reihen zwischen die Bäume gehängt. Die Stahlhaken schaukelten hin und her. Wenn zwei zusammenstießen, klingelte es wie ein feines Glöckchen.

Sjowka holte Rasierklingen aus der Tasche.

Ich versuchte ihn zurückzuhalten. „Wozu? Wir nehmen den Kram mit und liefern ihn bei der Fischereikontrolle ab."

Sjowka schüttelte den Kopf. „Er soll wissen, daß ich es gewesen bin."

Ohne weitere Umschweife trat mein Freund an das erste Netz und zersäbelte es völlig.

„Wenn er das wieder flickt, will ich nicht mehr Sjowka heißen", verkündete er und säbelte weiter. „Jetzt die Fangleine."

Insgesamt brauchten wir eine halbe Stunde, um die Netze in einen Haufen zerfetztes Garn zu verwandeln, die Leine in viele winzige Stücke zu zerschneiden und die Haken im Jenissej zu versenken. Aber selbst danach hatte Sjowka sein Mütchen noch nicht gekühlt. Als wir zurückgerudert waren, stöberte er Stepans Boot auf und schlug mit einem Hammer drei Löcher in die Planken.

Sonntag früh bummelten wir ans Ufer.

Stepan stand bei seinem Boot. Er besserte die schadhaften Stellen mit Blechflicken aus. Die Nägel, die er verwendete, waren winzig klein. Uns würdigte er keines Blickes, obwohl wir in einem Abstand vorüberschlenderten, daß er uns unmöglich übersehen konnte.

Erst als das letzte Stück Blech festgenagelt war, fragte er: „Hast du mein Boot so zugerichtet?"

„Allerdings", erwiderte Sjowka.

„Na, dann tritt doch mal näher, wenn du kein Feigling bist."

„Sie haben es ja auch nicht weiter", entgegnete mein Freund.

Stepan stand auf. Sjowka bückte sich und nahm einen Stein in die Hand.

„Verdammter Schweinehund", grunzte Stepan. Er kam heran.

Sjowka hob den Arm.

Ich packte ihn an der Schuler. „Sjowka, was machst du denn!"

Stepan grinste. „Richtig, Miliz, gib's ihm." Sjowka bekam böse Augen. „Misch dich nicht in Dinge, die dich nichts angehn", fuhr er mich an. Er ließ den Stein fallen und kletterte den Hang hoch. Wieder lachte Stepan.

„Dieb!" rief ich und stürzte hinter Sjowka her. Jetzt taten mir die zerfetzten Netze kein bißchen mehr leid.

Als wir am Montag gegen Mittag durch eine Straße gingen, wurden wir von Shuikows Lastwagen eingeholt. Auf gleicher Höhe mit uns drosselte Stepan den Motor, lehnte sich heraus und fragte: „Hast du meine Netze so zugerichtet?"

Es klang beinah fröhlich.

„Allerdings", erwiderte Sjowka.

Wie der Wind war Stepan aus dem Auto. Ehe wir uns versahen, stand er neben uns. Wir rannten, was wir konnten, kamen aber nicht weit, wenige Meter. Da ich als zweiter lief, packte er mich am Kragen. Ich sah seinen verzerrten Mund, sein Gesicht. Er glich gar nicht mehr dem Mann, den wir tags zuvor am Ufer getroffen hatten, und besaß sogar kaum noch Ähnlichkeit mit dem von der Waldwiese. Gleich wird er mich totschlagen, dachte ich, und ich schrie, daß es durch die ganze Straße schallte. Sjowka hörte meine Schreie. Er kam zurückgelaufen. An den Häuserfronten wurden Fenster aufgestoßen. Ich starrte Sjowka an. Er war meine letzte Hoffnung.

Als Stepan den Arm losließ, wandte ich mich um. Neben mir stand mein Vater. Er hatte Stepan gepackt.

„Was geht hier vor?" fragte er. Stepan schüttelte sich. „Nichts weiter, Genosse Chef. Ich wollte die beiden gerade zu Ihnen bringen."

„Boris, was war los?"

„Das Boot haben sie mir kaputt gemacht", antwortete Stepan statt meiner, „den Boden zertrümmert, Genosse Chef. Ein neues Boot."

„Ihr kommt mit", befahl mein Vater, „und Shuikow, Sie gehen an die Arbeit. Ich werde sehen, was los ist."


Mein Vater führte uns zur Dienststelle.

„Wer war das?" fragte er, als wir ihm in seinem Arbeitszimmer gegenüberstanden.

„Ich", erwiderte Sjowka.

„Wir", verbesserte ich ihn.

„Warum habt ihr das getan?"

Ich leckte mir die Lippen. „Weil er ein Dieb ist. Er hat Netze wie die Fischereigenossenschaft und eine Fangleine mit zweihundert Haken."

„Woher weißt du das?"

„Das sagen alle Leute", schaltete sich Sjowka schnell ein.

„Solange er nicht überführt wird, ist er kein Dieb", wies mich Vater zurecht. Er zog fünf Rubel aus der Tasche. „Für die Reparaturkosten. Bring ihm das Geld."

„Ich gehe nicht zu ihm", widersprach ich. Vater zuckte die Achseln. „Dann gehe ich selbst. Du verstehst, daß die Sache für dich dadurch nicht angenehmer wird."

Das sah ich ein und erklärte mich bereit, hinzugehen. „Na schön", sagte ich und nahm das Geld.

Nun hört mal zu, Freunde", sprach Vater weiter, „wozu braucht ihr das Boot?"

„Für Spazierfahrten", gab Sjowka zurück.

,,Wo führen sie euch denn hin, diese Spazierfahrten?"

„Nur am Ufer lang", sagte ich.

„Soso." Mein Vater wiegte den Kopf. „Na gut."

Den Geldschein schoben wir unter Stepans Tür. Wenn er ihn fand, würde er Augen machen.


Fast einen Monat blieb er in seinen vier Wänden. Wir feierten schon unseren Sieg. Gleichzeitig taten wir alles, um ihm nicht wieder über den Weg zu laufen.

Ende Juli sahen wir sein Boot auf dem Jenissej. Aber wir fuhren jetzt für die Genossenschaft das Heu von den entfernteren Wiesen ein. Daher ging es uns wie den Erwachsenen. Wir hatten keine Zeit.

Als wir eines Tages eine neue Fuhre holen wollten und an dem großen Graben vorüberruderten, hatte Sjowka einen Einfall. „Weißt du, wollen wir nicht mal schnell an der Stelle nachsehn, wo wir ihn das erstemal getroffen haben?"

Da vom Jenissej ein kalter Wind landeinwärts strich, war es mit den Mücken nicht so schlimm. Wir suchten den alten Pfad und fanden ihn nicht. Nach langem fruchtlosem Umherirren stießen wir auf die vertraute Wiese und sahen sofort, daß wieder Netze aufgespannt waren. Funkelnagelneue Netze! Ich traute meinen Augen kaum. Hatte Stepan wirklich nicht mit uns gerechnet?

Sjowka zerbrach sich hierüber nicht den Kopf. „Da hast du eine Klinge", sagte er.

Die Wiese kam mir verändert vor.

Dort stand die Laubhütte, und da war auch die Birke, an der Stepan das Gewehr zerschmettert hatte, aber jetzt lag sie auf der Erde, die Wurzeln in die Luft gereckt, und daneben...

Daneben hockte Stepan.

Er stützte sich mit den Händen auf, blickte uns groß an. Seine Beine waren verdreht.

Da fiel mir ein, daß sein „SIL" heute nicht durchs Dorf gefahren war. Ich wich zurück.

„Jungs", flehte er, „kommt her, Jungs, ich tue euch nichts."

Wir traten näher und begriffen, was geschehen war. Die stürzende Büke hatte ihm beide Beine zerschmettert. Stepan war ein kräftiger Mensch. Er hatte den schweren Stamm beiseite geschoben, aber gehen konnte er nicht.

In dieser Minute tat er mir leid. Ich verzieh ihm alles. Auf Sjowkas Gesicht las ich kein Mitleid. Dennoch war er der erste, der Stepan unter die Arme griff. Einen schweren Mann durchs Dickicht zu schleifen ist keine Kleinigkeit. Die Weidemuten waren biegsam wie Stahlfedern. Sie schlugen uns ins Gesicht und Stepan um die Beine. Kein Laut kam über seine Lippen. Er schloß nur bisweilen die Augen und knirschte mit den Zähnen.



Wir legten ihn in unser Boot. Seinen Kahn, den wir vorhin nicht bemerkt hatten, band Sjowka am Heck fest. Wir sahen die nasse, von Haken gespickte Schnur und einen blutigen Sterlet, der den Innenraum des Bootes zur Hälfte ausfüllte.

Lange Zeit lag Stepan unbeweglich. Wir dachten, er sei bewußtlos geworden. Als wir die Flußmitte erreicht hatten, schlug er die Augen auf.

„Sjowka", sagte er, „hör zu, Sjowka, wirf die Leine ins Wasser."

Sjowka tat, als hätte er nichts gehört. Er ruderte weiter.

„Sjowka, dafür komme ich ins Gefängnis. Hörst du, sobald ich kuriert bin, sperren sie mich ein."

Sjowka stellte sich taub.

„Kinder, bei mir im Zimmer findet ihr Geld. Unter dem Fensterbrett. Das Geld für die Fische, die ich verkauft habe. Nehmt es euch. Ich brauche es nicht. Hier ist der Schlüssel."

Stepan versuchte, sich auf die Seite zu wälzen, um an die Gesäßtasche zu kommen. Es gelang ihm nicht.

Sein Kopf lag hilflos an der Bootswand. Er blickte uns an. In dem Gesicht zuckte kein Muskel.

„Boris", ordnete Sjowka an, „wenn wir drüben sind, läufst du zur Miliz. Ich gebe auf ihn acht."

„Auf wen willst du achtgeben? Auf mich? Ich rücke nicht aus. Wirf die Leine ins Wasser, Sjowka. Ich kaufe dir ein Gewehr, ein gutes wie das alte, das ich zerbrochen habe."

„Nein", sagte Sjowka.

„Du hast meine Netze zerschnitten."

„Allerdings", erwiderte Sjowka.

„Also sind wir quitt, mehr als das. Und daß ich dich geschlagen habe, tut mir leid. Entschuldige."

Sjowka senkte das Kinn auf die Brust. Er ruderte schneller. Das Ufer war schon nahe. Stepan stemmte die Hände gegen den Boden des Bootes.

Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse und sagte:

„Daß du so sein kannst, hätte ich nicht gedacht. Ich bin verwundet, vielleicht ein Invalide, hilflos, und du willst mich verraten."

Sjowka lief rot an, ließ die Ruder fahren.

„Wer hat heimlich gefischt?" rief er. „Wir? Ich bin ein Verräter?"

Er zog Stepans Boot heran und kippte es um. Die Leine fiel klatschend ins Wasser, sank auf den Grund. Der blutende Sterlet, der noch lebte, glitt zappelnd hinterher. Er bewegte matt die Flossen und versuchte, Tiefe zu gewinnen.

„Du bist ein Verräter!" schrie Sjowka. „Du!"

Wir stießen ans Ufer.


Sjowka sprang aus dem Boot und ging ohne sich umzublicken davon.

Stepan verließ unser Dorf an dem Tage, als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde.

Vor mir liegt der Brief meines Vaters. Ich stecke ihn ein und laufe auf die Straße. Von einer Telefonzelle aus rufe ich an. Es dauert lange, bis ich den Kommandanten so weit habe, daß er bereit ist, Sjowka aus Zimmer neununddreißig, das im dritten Stock liegt, herunterrufen zu lassen.

„Sjowka!" schreie ich in den Hörer. „Hurra,

Sjowka, das Haus ist eingestürzt!"

„Bist du schwachsinnig geworden?" fragte Sjowka.

„Oder hast du schon Examen gemacht?"

„Weder noch. Ich möchte nur nach Hause fahren. Kommst du mit?"

„Im Sommer können wir darüber reden", erwiderte Sjowka.

„Dann laß dich wenigstens mal sehen. Ich habe einen interessanten Brief."

„Komm du lieber", schlägt Sjowka vor, „bei mir geht es schlecht."

Ich hänge den Hörer auf den Haken und renne zur nächsten Haltestelle der Straßenbahn.

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