Mein Freund Stjopka

Es war letzten Sonnabend in der Erdkundestunde, als Stjopka Chokkanen eine Vier bekam. Ich sage: Schuld daran war nur sein loses Mundwerk. Es heißt, die Finnen sind ein schweigsames Volk. Nun, Stjopka ist Finne, aber mit dem Mund immer voraus. Deswegen sind wir Freunde. Wunderbar, daß er nie um eine Antwort verlegen ist, selbst wenn er sie sich aus den Fingern saugen muß. Was Stjopka an mir gefällt, ist meine zurückhaltende Art. Wenn ich schweige oder nur zustimmend murmele, hat er freie Bahn. Dann kann man etwas erleben, denn wie gesagt: Auf den Mund gefallen ist er gerade nicht. Ich werde seit jeher für meine Bescheidenheit gelobt. Früher fand ich das schön. Im Laufe der Zeit entwickelte ich mich zu einem so bescheidenen Menschen, daß es mir selbst zuwider ist. Manchmal überkommt mich die Sehnsucht nach etwas anderem. Dann spinne ich eine Geschichte zurecht, freilich nur für mich. Nicht selten haben meine Gedanken Format und könnten es mit denen von Chokkanen aufnehmen. Aber in seiner Gegenwart leide ich unter Hemmungen. Daher bleibe ich meistens stumm wie ein Fisch. Was mir an meinem Freund noch gefällt, ist, daß er auf Bestellung fuchsteufelswild wird. Das ist eine ganz besondere Gabe. Wenn wir aus der Schule nach Hause gehen und unterwegs von den Kindern der Touristenstation belästigt werden, läuft er krebsrot an, auf seinem Hals schwillt die Ader. Dann fällt seine Büchertasche in den Schmutz, und mit geballten Fäusten geht er auf die Frechdachse los. Die nehmen schleunigst Reißaus, obwohl es eine Kleinigkeit wäre, Stjopka in diesem Zustand k. o. zu schlagen. Während er wie rasend mit den Armen fuchtelt, macht er nämlich die Augen zu.

Unsere Freundschaft begann rein zufällig. Wir waren benachbart und lernten uns kennen, das war unvermeidlich. Bald fanden wir Gefallen aneinander. Wir schworen Freundschaft fürs Leben, um Freud und Leid in Zukunft redlich miteinander zu teilen. Als Stjopka kurze Zeit danach sieben schmiedeeiserne Haken auftrieb, behielt er drei für sich, drei schenkte er mir, den letzten warf er in einen Brunnen. Darauf brauchten wir einen ganzen Tag, um den Haken mit Hilfe eines Magneten wieder aus dem Wasser zu fischen, damit er keinem in den Eimer geriet.

Als im Frühjahr Vaters Bekannter, ein Jäger, zu uns kam und bei der Abreise eine halbe Schachtel Patronen liegenließ, lief ich zu Stjopka. Er stibitzte von seinem Vater eine Flinte. Wir gingen ziemlich tief in den Wald, warfen abwechselnd unsere Mützen in die Luft und schossen danach. Stjopka erwies sich als der bessere Schütze. Er traf seine Mütze, ich verfehlte mein Ziel. Das war der Grund, weshalb er zu Hause eine Tracht Prügel bezog und ich nicht. Eine Woche lang sprach er kein Wort mit mir.

Ich beneide ihn. Erstens schießt er besser als ich. Zweitens ist eine Tracht Prügel sehr schnell vergessen, und hinterher tut man den Eltern noch leid. Mich bemitleidet keiner. Wenn meine Eltern mich erziehen wollen, führen sie immer Beispiele aus ihrem tugendreichen Leben an. Sie müssen die reinsten Engel gewesen sein. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich ihre ewige Litanei anödet. Wenn sie mir eine Predigt halten, fange ich zu husten an, so raffiniert, daß den Trick niemand merkt. Aber das ist nur Wasser auf ihre Mühle. Gleich fallen sie über mich her: ,,Du mußt auch immer ohne Mütze rumlaufen. Da siehst du, wohin das führt. Die Schwindsucht wirst du dir noch holen. Wenn du endlich einsehen würdest, daß wir nur dein Bestes wollen."

Meine Meinung hierzu ist: Falls man einem Menschen wirklich gut will, sollte man nicht soviel Aufhebens machen, denn wenn jemand immer wieder dasselbe zu hören kriegt, gewöhnt er sich daran, und das ganze Geschrei ist für die Katz.

Einmal riß mir die Geduld, und ich platzte heraus: „Erstens nicht die Schwindsucht, sondern höchstens Tuberkulose, und zweitens wird Tbc heutzutage mit Penicillin geheilt. Das ist überhaupt kein Problem mehr."

Nun hatte ich mir erst recht den Mund verbrannt und mußte mir eine Stunde lang anhören, was für ein ungehobelter Klotz ich geworden, was eigentlich in mich gefahren sei, früher wäre ich doch die Bescheidenheit in Person gewesen und so weiter. Dieses Gerede über Bescheidenheit hing mir zum Halse raus. Es war das Schlimmste, was sie mir antun konnten. In meinen Augen ist Bescheidenheit ein viel ärgeres Übel als Tuberkulose.

Stjopka ist ein wahres Wunder an Unbescheidenheit. Er tut, was er sich in den Kopf setzt. Kürzlich hat er den Einfall gehabt, sich in Nina Poljanskaja zu verlieben, und es ist ihm gelungen. Die Klasse ist im Bilde, denn seither läßt Stjopka keine Pause verstreichen, ohne das Mädchen zu puffen und zu knuffen. Nina aber hat sich ihrerseits in Stjopka verliebt. „Chokkanen", schilt sie ihn aus, „du Esel, laß das sein." Im Grunde genommen hat sie jedoch gar nichts dagegen. Unsere ganze Klasse beneidet die beiden.

Letzten Sonnabend erwischte Stjopka eine Vier. Er wollte mir einreden, diese schlechte Zensur hätte er wegen der Poljanskaja einstecken müssen. Ich glaube das nicht, sondern bleibe dabei: Schuld hat sein loses Mundwerk.

Gekommen ist es so. Anna Naumowna fragte Stjopka nach der Beschaffenheit der Atmosphäre. Er erklärte, daß die Luft unten dicker und oben dünner sei. Die Namen der Luftschichten hatte er vergessen. Anna Naumowna stellte ihm Hilfsfragen. Stjopka wußte indessen, daß ihm nichts mehr einfallen würde. Da versuchte er wie gewöhnlich zu flunkern und der Lehrerin ein X für ein U vorzumachen.

Sie fragte nach den Luftschichten, er aber phantasierte: „Jawohl, Anna Naumowna, in der oberen Schicht ist das Atmen völlig unmöglich. Wie ich gelesen habe, flog neulich ein Adler zu hoch. Er verirrte sich in den luftarmen Raum und ist dort elend zugrunde gegangen."

Die Geschichte hatte er natürlich frei erfunden. „Chokkanen, hast du meine Frage verstanden?" wies ihn die Lehrerin zurecht. „Gib gefälligst eine exakte und deutliche Antwort. Also noch einmal. In welche Schichten gliedert sich die Erdatmosphäre? Nun? In die Tropo..."

„Jawohl, Anna Naumowna, wenn in einem Düsenflugzeug die Kabine platzt, wird der Pilot von einer Luftwelle erdrückt. Das ist es ja eben. Unten haben wir sehr dicke Luft."

Jetzt wurde Anna Naumowna böse. „Schäme dich, Chokkanen, diese wichtigen Dinge nicht zu beherrschen. Selbst wenn du im Lehrbuch nicht nachgelesen hast, mußt du doch wissen, worin sich heutzutage, im Zeitalter der Sputniks, jedes kleine Kind auskennt. Oder liest du etwa auch keine Zeitschriften?"

„Im Zeitalter der Sputniks" ist ein Lieblingsausdruck von Anna Naumowna. Als der erste Satellit gestartet wurde, kam sie, eine Zeitung schwenkend, in die Klasse gestürmt, las die ganze Stunde daraus vor und erklärte die Arbeitsweise der Geräte, mit denen der Satellit ausgerüstet war.

Unser Land hatte als erstes einen Sputnik gestartet, außerdem gab es in der Stunde keine Leistungskontrolle. Es war ein doppelter Grund zur Freude. Seit damals heißt es bei Anna Naumowna stets „im Zeitalter der Sputniks", sooft sie sich über uns ärgert.

Als Stjopka diesen gefürchteten Satz vernahm, wußte er, daß die Sache für ihn nicht besonders gut stand. Er machte sich auf eine Drei gefaßt. Zu allem Überfluß malte Poljanskaja eine Fratze mit einer lang herausgesteckten Zunge auf ihr Löschblatt und rückte verstohlen zur Seite, damit Stjopka es unmöglich übersehen konnte. Von jedem anderen Schüler hätte er diesen kleinen Ulk gelassen hingenommen. Daß aber Nina ihren Schabernack mit ihm trieb, brachte ihn auf. Vor Empörung wackelte er sogar mit den Ohren.

Da er nicht wußte, wie er dem Mädchen die Frechheit im Augenblick anders heimzahlen sollte, rächte er sich durch seine Antwort an die Lehrerin: „Doch, Anna Naumowna, Zeitschriften lese ich gern. Neulich stand in einem Artikel, an unserer Schule gibt es alle möglichen Arten von schwachsinnigen Künstlern."

Anna Naumowna errötete.

„Wie meinst du das, Chokkanen?"

Stjopka fürchtete, sie könnte die Bemerkung auf sich beziehen, und beeilte sich zu erklären: „Sie sind nicht gemeint, Anna Naumowna. Ehrenwort, an Sie habe ich nicht gedacht." Das machte alles noch schlimmer.

„Setz dich, Chokkanen. Für dein Wissen bekommst du eine Drei, für dein Verhalten eine Fünf. Im Mittel ergibt das die Note Vier. Nach dem Unterricht bleibst du hier. Ich habe mit dir zu reden."

Als die letzte Stunde um war, leistete ich ihm Gesellschaft. Wir warteten auf dem Flur, bis Anna Naumowna kam.

„Chokkanen", sagte sie, „weshalb kannst du deine Zunge nicht im Zaum halten? Wenn man dir eine Frage stellt, faselst du wer weiß was für ungereimtes Zeug. Was soll dieser Unsinn von Adlern, Piloten und Künstlern?"

„Na, wenn die immer..." „Wer ist ,die'?"

„Eben die. Sie waren nicht gemeint, Anna Naumowna, Ehrenwort."

„Deine Geheimnisse kannst du für dich behalten", entgegnete die Lehrerin. „Mir geht es nur darum, daß du dich zu einem klugen und gebildeten Menschen entwickelst. Morgen wirst du in die Schule kommen und so lange mit mir arbeiten, bis du das gesamte Wochenpensum beherrschst."

„Morgen ist Sonntag."

„Denkst du, mir macht es Spaß, mich auch noch an Feiertagen mit dir herumzuplagen, Chokkanen? Ich habe Familie, zwei Kinder, das weißt du selbst. Aber was sein muß, muß sein."

„Das ist wahr", gab Stjopka zu, „was sein muß, muß sein. Im Zeitalter der Sputniks gehen wir sogar sonntags in die Schule."

Ich stand neben ihm und ärgerte mich nicht minder als er. Für morgen hatten wir uns eine Tour nach dem Steinbruch vorgenommen. Wir wollten beim Granitsprengen zusehen. Daraus wurde nun nichts. Trotzdem hätte sich Stjopka den letzten Satz sparen sollen. Es war eine Unverschämtheit.

Anna Naumowna ging kopfschüttelnd davon.

„Die wird mich noch kennenlernen", sagte Stjopka.

„Gib nicht an, Stjopka. Was willst du denn machen."

„Ich meine nicht Anna Naumowna. Nina."

„In die bist du doch verliebt."

„Seit zwei Stunden hasse ich sie", knurrte Stjopka.

Auf unserem Heimweg grübelte ich immerfort darüber nach, wie ich ihm klarmachen konnte, daß es besser gewesen wäre, sich diese Bemerkung mit dem „Zeitalter der Sputniks" zu verkneifen. Stjopka aber hatte die Ungezogenheit bereits vergessen. Das ist bei ihm immer so. Unangenehmes vergißt er schnell und bildet sich ein, daß alle anderen auch nicht mehr daran denken.


Sonntag morgen holte ich Stjopka ab. Es bestand für mich keine Notwendigkeit, mit in die Schule zu gehen. Da ich zu Hause jedoch nichts anzufangen wußte, begleitete ich ihn. Bis zu unserer Schule ist es nicht weit. Wenn man sich anstrengt, kann man es in fünf Minuten schaffen. Stjopka überredete mich jedoch, einen Umweg durch den Wald zu machen, am Marmorsee vorbei bis zur Bahnlinie, und von dort ist es nur ein Katzensprung. Zur Begründung seines Vorschlags führte er an, ein wenig frische Luft tue ihm gut, nach einem Spaziergang arbeite sein Kopf immer viel besser. Außerdem wolle er den gesamten Stoff noch einmal laut wiederholen.

Im Wald lag hoher Schnee. Als wir uns zu einem Pfad durcharbeiteten, drang er in die Filzstiefel. Natürlich dachte Stjopka nicht daran, auch nur einen Satz zu wiederholen. Er lief voraus und hatte weiter nichts im Kopf, als heimlich die Zweige zu schütteln, damit ich die Schneedusche abkriegte. Als ihm das zu langweilig wurde, jaulte er ein Lied, das er im Radio gehört hatte: „Der Ring mein's Feinsliebchens sank auf den Meeresgrund..."

Er kannte nur eine Zeile. Die wiederholte er mit unermüdlichem Eifer. „Feinsliebchen" hatte es ihm besonders angetan. Jedesmal, wenn er an diese Stelle gelangte, glitt ein Lächeln über sein Gesicht. Ich meinte, er sollte endlich ans Lernen denken, das könnte nicht schaden. Aber wenn Stjopka vom Feinsliebchen singt, ist mit ihm nichts anzufangen.

Später hob er die Nase in die Luft und staunte. „Ist die Atmosphäre aber blau! Wie kommt das eigentlich, Mischa?"

Am Marmorsee saß auf einer kleinen Halbinsel ein Angler. Jeden Sonntag kommen Leute aus der Stadt zu uns auf die Karelische Landzunge, um hier zu angeln, aber wir haben noch nie erlebt, daß jemand im Marmosee etwas gefangen hätte außer Krebsen.

„Beißen sie?" erkundigte sich Stjopka höhnisch.

Der Angler zeigte sich hocherfreut über die Frage. Wahrscheinlich ging ihm die Einsamkeit auf die Nerven.

„Und wie", erwiderte er, „vorhin war es ein Vergnügen." Er klopfte auf den Rucksack. „Drei Kilo werden schwerlich reichen, lauter kleine Dinger. Auf einmal klappt es nicht mehr. Es ist wie verhext."

Wir konnten uns das Lachen kaum verbeißen, denn im Marmorsee gibt es keinen Stichling, das wußten wir genau. Dazu ist das Wasser viel zu faulig. Stjopka meinte mit einem Blick auf den Rucksack, das sei kein Wunder, hier wimmle es ja bekanntlich nur so von Spiegelkarpfen.

Auf diese frohe Kunde antwortete der Mann mit einem Seufzer. „Nein, Karpfen habe ich noch nicht gefangen", flüsterte er, „nur Barsche."

Wir gingen weiter. Er blieb sitzen und harrte gespannt auf den ersten Spiegelkarpfen. Uns sollte es recht sein. Angler haben alle einen kleinen Vogel. Sie hocken von früh bis spät an der gleichen Stelle und warten verbissen auf ein Wunder. Die Hoffnung ist ihr großer Tröster.

Stjopka und meine Wenigkeit waren kaum zwischen den Bäumen untergetaucht, als wir einen Schuß hörten. Gleich darauf schrie jemand aus Leibeskräften: „Halte ihn, halte ihn, er entkommt!"

„Spaßvogel", sagte Stjopka. „Den soll ich wohl mit bloßen Händen fangen?" Er dachte, es wäre ein Hase.

Gleich darauf krachte es zu unserer Rechten im Unterholz. Ein Elch trat heraus, sah uns stehen und wendete sich zur Seite. Wir waren nicht weniger erschrocken als er. Seine Augen hatten wild gefunkelt. Offenbar war es ein böser Elch, oder er hatte einfach Angst.


Wenige Augenblicke später sprangen zwei Männer aus den Büschen, ihren umgeschlagenen Filzstiefeln und dem sonstigen Aufzug nach zu urteilen Sonntagsjäger. Sie erhoben ein Geschrei, daß man meinen konnte, sie hätten zu tief ins Glas geguckt. Mit leichten Sprüngen jagte der Elch durchs Gebüsch. Seine Beine schienen den Boden nicht zu berühren. Es sah aus, als schwebte er darüber hin.

Die Sonntagsjäger nahmen ihn zu gleicher Zeit aufs Korn. Hart knallten die Schüsse. Der Elch stürzte, setzte sich auf die Hinterbeine, wühlte die Schaufeln in den Schnee, der sich unter seinem Bauch rot färbte. Aber er atmete noch.

„Sergej Sergejewitsch", brüllten die beiden, die sich wie Betrunkene benahmen, „hierher! Er ist fertig."

Wir hörten, daß noch jemand durch die Büsche keuchte, und sahen, wie die Zweige auseinandergebogen wurden. Auch der dritte fluchte, als er auf die Lichtung trag.

„Wo ist er? Ach dort. Herrlich. Laßt sein. Ich gebe ihm selber den Gnadenschuß." Er setzte den Flintenkolben in die Schulter, zielte und zog beide Bügel durch. Der Elch richtete sich auf, warf den Kopf zurück, sank zusammen. Er lag still.

Dann sagte dieser Sergej Sergejewitsch: „Tretet näher. Ich werde euch verewigen." Die Sonntagsjäger gingen zu dem Elch und setzten ihm einen Fuß auf den Rücken. Die Flinten hielten sie so, als wollten sie einen Bajonettangriff unternehmen. Sergej Sergejewitsch zückte seinen Fotoapparat.



Als die beiden anderen aufgenommen waren, meinte er: „Jetzt bin ich dran."

Ich stand dabei und hatte schreckliches Mitleid mit dem toten Tier. Es tat mir leid wie ein Mensch. In unserer Gegend haben sich die Elche stark vermehrt, und zutraulich sind sie, kommen bis vor die Häuser.

Stjopka und ich haben im Geschäft Salz gekauft. Das mögen sie sehr.

„Komm", sagte Stjopka, er zupfte mich am Ärmel, „das sehen wir uns aus der Nähe an."

Dazu hatte ich keine Lust. Ich wollte den toten Elch nicht sehen. Stjopka drängte mich jedoch so lange, bis ich mitging. Wir wünschten einen guten Morgen.

„Guten Morgen, wenn ihr anständige Leute seid", entgegnete Sergej Sergejewitsch. „Wo brennt's denn?"

„Wir wollen uns den toten Elch ansehen", erklärte Stjopka.

„Nur ihr zwei?" fragte Sergej Sergejewitsch und schaute sich nach allen Seiten um. „Oder kommt noch jemand?" „Nein, wir sind allein."

Mein Blick fiel auf den Elch. Mein Mitleid wuchs noch. Seine Augen standen weit offen. Darin spiegelten sich die Bäume, der Himmel, ich. Nur war alles viel kleiner als in Wirklichkeit. Ich sah schnell wieder weg.

„Das wär's", brummte Sergej Sergejewitsch. „Jetzt habt ihr lange genug geglotzt. Schert euch weiter."

„Warum?" wunderte sich Stjopka. „Haben Sie den Wald gemietet?"

„Darüber brauche ich dir keine Rechenschaft abzulegen. Vorwärts, verpeste hier nicht die Atmosphäre."

Als Sergej Sergejewitsch das sagte, bekam Stjopka runde Augen.

„Seit wann haben Sie mir Vorschriften zu machen?" fragte er heiser.

„Verschwindet endlich", fauchte Sergej Sergejewitsch und sah sich unverwandt um, „sonst mache ich euch Beine."

Stjopka trat ein paar Schritte zurück. Dann schrie er: „Sagen Sie mal, Sie, haben Sie eigentlich einen Jagdschein?"

Die drei Sonntagsjäger traten nervös von einem Bein aufs andere, und einer raunte: „Gehen wir erst mal, Sergej Sergejewitsch. Wir haben bis zum Abend Zeit."

„Zeigen Sie Ihren Jagdschein her, sonst hole ich meinen Vater!" schrie Stjopka.

Sergej Sergejewitsch stürzte sich auf ihn. Stjopka sprang zur Seite. Als er sich in Sicherheit gebracht hatte, schimpfte er weiter: „Aha, so ist das, ihr habt gar keine Jagderlaubnis. Na wartet, das sage ich meinem Vater."

Schließlich klemmten alle drei die Flinten unter den Arm und suchten das Weite. Nun war es sicher, daß sie keine Erlaubnis hatten. Wilddiebe waren sie, gemeine Spitzbuben, weiter nichts.

Stjopka kam ganz dicht heran und flüsterte mir ins Ohr: „Los, Mischa, hinterher."

„Wozu? Allein werden wir mit denen nicht fertig."

„Irgendwo müssen sie hingehen. Oder denkst du, sie übernachten im Wald? Wir rufen Leute und halten sie fest. Es sind doch Wilddiebe."

Die Spitzbuben traten auf den Pfad. Sie blickten sich nach uns um.

Stjopka lief etwa fünfzig Meter in die entgegengesetzte Richtung und brüllte aus Leibeskräften: „Das willkürliche Töten eines Elches wird mit Zwangsarbeit bis zu einem Jahr oder mit einer Geldstrafe in Höhe von fünfhundert Rubel geahndet." Stjopkas Vater ist Jäger. In seinem Haus hängen Tafeln mit den Jagdgesetzen. Stjopka kennt sie auswendig.


Die Wilddiebe hatten es plötzlich sehr eilig. Ich mußte lachen. Das waren erwachsene Männer, und sie liefen vor uns davon. Als Stjopka aber nicht aufhörte, einen Paragraphen nach dem anderen hinter ihnen herzuschreien, wurde es Sergej Sergejewitsch schließlich zu bunt. Er machte kurzentschlossen kehrt und rannte auf uns zu. Stjopka ergriff das Hasenpanier. Ich blieb verwirrt stehen. Sergej Sergejewitsch war krebsrot im Gesicht. Er stampfte mit den Stiefeln auf wie ein Stier. Offenbar ging es ihm jedoch nur darum, Stjopka das Fell zu gerben. Von mir nahm er keine Notiz. Das fand ich kränkend. „Wilddieb", flüsterte ich ihm nach, so leise, daß ich es selber kaum hörte.

Stjopka rannte eine Weile auf dem Pfad weiter, bog dann in den Wald ein und stapfte durch den hohen Schnee. Sergej Sergejewitsch immer hinterher, bis er sich in seinem Pelzmantel verfing. Zum Schluß standen sie sich in einem Abstand von zwanzig Metern gegenüber. Sergej Sergejewitsch fluchte.

„Vater", brüllte Stjopka wie am Spieß, „hierher!"

Sergej Sergejewitsch erkannte, daß er gegen den Jungen nichts ausrichten konnte. Er wich zurück. Stjopka folgte ihm. Sergej Sergejewitsch spuckte aus und rannte los. Stjopka blieb ihm auf den Fersen. „

Du räudiger Wilddieb", schallte es durch den Wald, „lauf nur, mir entkommst du nicht. Personen, die sich des Verstoßes gegen die oben angeführten Verbote schuldig machen, werden gerichtlich zur Verantwortung gezogen."

Immer mutiger wurde Stjopka, immer näher rückte er an die Wilddiebe heran, die wie ein scheuendes Pferdegespann durch das Unterholz jagten.

Als den dreien schon die Sachen am Leibe dampften, kamen wir auf einer unbekannten Straße heraus. „Gleich nageln wir sie fest", sagte Stjopka. „Hier fahren bestimmt Autos."

Die Wilderer schwenkten auf die rechte Seite ab, und wir erblickten einen blauen Pobeda, der am Straßenrand parkte. Im Nu saßen sie alle drin. Der Schlag klappte zu, die Räder drehten sich. Es war so schnell gegangen, daß wir nicht einmal die Nummer erkannt hatten. Wie begossene Pudel standen wir auf der Straße.'

„Warum hast du ihnen auch solche Angst eingejagt", meinte ich vorwurfsvoll zu Stjopka. „Von den Gerichten hättest du nicht auch noch anzufangen brauchen. Es wäre viel vernünftiger gewesen, sie still und heimlich zu verfolgen. Dann hätten wir jetzt wenigstens die Nummer."

„Ich wollte ihnen keine Angst machen, sie nur ein bißchen ärgern. Konnte ich ahnen, daß sie solche Angsthasen sind?"

Wir hörten Motorengeräusch und fuhren herum. Vor uns stand ein Lastwagen. Der Fahrer reckte den Oberkörper durchs Fenster. Er drohte mit der Faust. „Ihr wißt wohl nicht, daß die Straße rutschig ist! Wegen euch Parasiten landet man noch im Gefängnis."

Ich sah, daß Stjopkas Blick unruhig hin und her hüpfte, ein Zeichen dafür, daß er scharf nachdachte.

„Genosse Schofför", rief er, „das war keine böse Absicht. Wir tippeln gerade ins Krankenhaus zum Bruder. Wenn Sie uns bis Priosersk mitnehmen könnten?"

„Zu welchem Bruder?" wollte der Fahrer wissen.

„Zu meinem", erwiderte Stjopka. „Sie haben ihm den Bauch aufgeschnitten."

Der Fahrer schwieg eine Weile. Dann fragte er: „Wie alt ist er?"„Fünf."

„Sind das Geschichten. So ein kleiner Kerl und muß schon operiert werden. Los, steigt ein."

Wir setzten uns neben ihn. Als wir einige Meter gefahren waren, fragte der Schofför: „Und was sagen die Ärzte? Wird er durchkommen?"

„Er ist nicht mehr", antwortete Stjopka.

„Dann fahrt ihr wohl zum Begräbnis?"

„Nein. Ich habe überhaupt keinen Bruder."

Der Fahrer bremste so scharf, daß der Wagen ins Schleudern geriet.

„Raus mit euch! Lausebengel."

„Genosse Schofför", flehte Stjopka, „ich meine es ehrlich und hätte bestimmt nicht geschwindelt. Aber wenn wir die Wahrheit sagen, wird uns ja immer nicht geglaubt. Wir müssen wirklich ganz schnell zur Miliz."

„Und dann wohl zur Schwester?" fragte der Schofför.

„Nein, das mit der Miliz ist wahr. Ehrenwort." Stjopka erzählte ihm, wie sich alles zugetragen hatte.

Danach sagte der Schofför: „Mußtest du erst schwindeln?? Wenn du ehrlich gewesen wärst, hätte ich euch auch mitgenommen."

„Nein, nein", entgegnete Stjopka, „das weiß ich besser. Es muß schon jemand tot sein oder im Sterben liegen, sonst ist man verraten und verkauft."

Der Fahrer lachte und startete erneut. Er konnte sich nicht wieder beruhigen. Um ein Haar wäre ihm eine Kuh unter die Räder geraten.

Er brachte uns bis zur Miliz, ging sogar mit uns hinein.

Der diensthabende Offizier war ein junger Leutnant mit roten Wangen. Stjopka erstattete ihm Bericht. Um seine Worte noch eindrucksvoller zu machen, fügte er hinzu: „Sie hatten auch alle einen Dolch bei sich."

Ich stand neiderfüllt neben meinem Freund. Nie im Leben wäre ich auf einen so brauchbaren Trick verfallen. Vielleicht hätte es dieser Lüge gar nicht bedürft. Der Leutnant funkelte ohnedies mit den Augen.

„Habt ihr die Nummer erkannt?" „Leider nein." Er setzte sich wieder hin.

„Zu dumm. Wie soll ich nach ihnen fahnden lassen?"

„Leutnant, weißt du was", schaltete sich der Fahrer ein, „komm in meinen LKW. Die Spitzbuben sind bestimmt aus der Stadt, da könnte ich wetten. Auf der Landstraße werden wir sie erwischen. Einundsechzig Kilometer von hier ist der Kontrollposten. Die Genossen sollen den Wagen anhalten. Ruf doch an. Welche Farbe hat das Auto?"

„Es ist blau", erwiderte Stjopka.

Alles vollzog sich haargenau so, wie der Fahrer vorausgesagt hatte. Eine Stunde später waren wir am Ziel. Allerdings erblickten wir nicht nur einen blauen Pobeda, sondern gleich vier. Die Insassen standen auf der Straße, gestikulierten und schimpften, was das Zeug hielt. Der eine jammerte, er käme zu spät ins Theater, ein anderer wollte sein Flugzeug nicht verpassen.

Ein dritter griff sich an die Pelzmütze und stieß mit dem Stiefelabsatz gegen die Motorhaube seines Autos.

„Begreifen Sie doch", regte er sich auf, „dieser Wagen ist nicht blau, sondern ultramarin. Nicht blau, ul-tra-ma-rin!"

Unser Fahrer wiegte bedenklich den Kopf. „Na, die werden dir die Hölle heiß machen, Leutnant. Sehen ganz danach aus."

Der Leutnant stieg aus. Sogleich stürzten sich alle auf ihn.

„Haben Sie veranlaßt, daß wir hier festgehalten werden?"

„Wie Verbrecher behandelt man uns."

„Geben Sie mir Ihren Namen."

„Nicht einmal sonntags hat mein seine Ruhe."

Stjopka lief um einen Pobeda herum und rief: „Hier sind sie, Genosse Leutnant, kommen Sie her, hier sind sie!"

Die Menschen machten einen Lärm wie eine Betonmaschine.

Der Leutnant sprach auf jeden einzelnen ein, aber keiner hörte ihm zu. Der Mann mit der Pelzmütze zog ihn am Ärmel zu seinem Auto. Er schrie ununterbrochen, daß der Wagen nicht blau, sondern ultramarin sei. Ich war im Fahrersitz geblieben und hatte auch jetzt keine Lust auszusteigen. Eigentlich hatten wir ja das Donnerwetter heraufbeschworen und nicht der Leutnant. Zum Glück eilte der Inspektor herbei, der die blauen Pobedas angehalten hatte.

„Aber Genossen, beruhigen Sie sich doch", sprach er auf die erregten Menschen ein. „Der Leutnant erfüllt nur seine Pflicht. Warum machen Sie ihm das Leben schwer? Es lag der Befehl vor, jeden blauen Pobeda zu stoppen. Eine halbe Stunde haben Sie hier zugebracht, Bürger, länger nicht, aber durch dieses kleine Ungemach beigetragen, eine Verbrecherbande dingfest zu machen. Jetzt können Sie Weiterreisen — außer diesem Wagen da, der bleibt hier. Schönen Dank", sagte er, zog den Handschuh aus und streckte jedem die Hand hin, „schönen Dank auch Ihnen, und Ihnen gleichfalls."

Sie wechselten noch ein paar Worte miteinander, dann stiegen alle in die Autos und fuhren davon. Nicht einmal den Namen des Leutnants hatten sie notiert. Der mit dem Ultramarin-Pobeda hinterließ sogar seine Anschrift für den Fall, daß ein Zeuge gebraucht wurde.

„Nun, Leutnant", sagte der Inspektor, „das Weitere besorgen Sie wohl selbst?"

„Jawohl, Genosse Hauptmann."

„Alles Gute."

Der Inspektor setzte sich auf sein Motorrad und brauste davon.

Bis jetzt waren die Wilddiebe in ihrem Wagen geblieben. Als der Leutnant herantrat, kletterten sie heraus und sahen ihn böse an. „Ihre Papiere."

„Bitte sehr", sagte Sergej Sergejewitsch herablassend.

Der Leutnant prüfte die Dokumente und fächelte damit in der Luft.

„Hier ist das Wort Verbrecher gefallen", ließ sich Sergej Sergejewitsch hochmütig vernehmen. „Offenbar waren wir damit gemeint?" Er spielte die gekränkte Leberwurst.

Die beiden anderen standen grimmig lächelnd neben ihm.

„Zeigen Sie mir Ihre Jagderlaubnis", verlangte der Leutnant.

„Vielleicht sind Sie so liebenswürdig, mir zu erklären, was dies nun wieder zu bedeuten hat. — Freunde, versteht ihr das?" wandte er sich an seine Kumpane.

„Kein Wort", erwiderten die mit Unschuldsmiene, „der reinste Zirkus."

Der Leutnant sagte: „Im Wald haben Sie einen Elch geschossen. Diese beiden Jungen haben es gesehen."

„Diese beiden Rowdys", entgegnete Sergej Sergejewitsch blasiert. Viel hätte nicht gefehlt und er wäre vor lauter Vornehmheit geplatzt. „Niemand bestreitet, daß die beiden Strolche eine blühende Phantasie haben. Aber geradestehen für alles, was uns angetan wurde, müssen Sie. Wir waren tatsächlich im Wald. Von einem Elch haben wir allerdings nichts bemerkt und auch keinen einzigen Schuß abgegeben. Ich sehe zwar keinerlei Veranlassung, mich vor Ihnen zu rechtfertigen, bin jedoch bereit, einen Beweis zu liefern." Er klappte sein Jagdgewehr auf und sagte: „Sehen Sie sich die Läufe innen an. Die sind spiegelblank. Oder meinen Sie, ich hätte sie unterwegs gereinigt?"

Der Leutnant wandte sich an Stjopka. „Kannst du mir die Stelle zeigen, wo der Elch liegt?"

„Von der Straße aus nicht. Aber wenn wir zuerst nach Hause gehen und dann an den Marmorsee, ist es eine Kleinigkeit."

Die Wilddiebe würdigten Stjopka keines Blickes. „Da haben Sie es", geiferte Sergej Sergejewitsch, „die Strolche wissen selbst nicht, wie sie sich rausreden sollen. Ich will gar nicht bestreiten, daß irgendwo im Wald ein toter Elch liegt. Nehmen wir an, Sie begehen tatsächlich die Torheit, dort hinzufahren. Was gedenken Sie weiter zu tun? Wollen Sie das Tier fragen, wer es erschossen hat?"

„Sie haben es erschossen", schrie Stjopka aufgebracht, „er hat noch die Frechheit, den Mund aufzureißen. — Mischa, gib du's ihm", forderte er mich auf.

Ich stand wie vom Donner gerührt. In meinem Leben war mir noch nie ein Mensch begegnet, der so kaltschnäuzig gelogen hätte wie dieser Sergej Sergejewitsch. Der Leutnant blickte gleichfalls betroffen drein. Freilich, selbst wenn wir den Elch fanden — wie sollte den drei Spitzbuben das Verbrechen nachgewiesen werden? Wir hatten damit gerechnet, daß die Wilddiebe ihre Tat gestehen würden, sobald man sie ihnen auf den Kopf zusagte.

Der Schofför, der bis jetzt geschwiegen hatte, erklärte: „Ich glaube den Jüngen. Der da" — er zeigte auf Sergej Sergejewitsch — „ist ein Mistkäfer."

„Das geht entschieden zu weit", heulte Sergej Sergejewitsch empört. „Nicht genug damit, daß sie einen an der Weiterfahrt hindern, jetzt wird man auch noch angepöbelt. Geben Sie unverzüglich unsere Papiere her. Und glauben Sie nicht, daß ich so mit mir umspringen lasse. Das kommt in die ,Prawda', darauf können Sie Gift nehmen."

„Beschwer dich bei deiner Großmutter über mich", entgegnete der Schofför trocken. „Fahren wir, Leutnant. Hier kommen wir doch nicht weiter."

Der Leutnant konnte sich offenbar nicht von den Papieren trennen. Er hielt sie in den Händen, fuchtelte damit herum, lief vor Verlegenheit rot an, traf aber keine Anstalten, sie ihren Eigentümern zurückzugeben.

Stjopka war dem Weinen nahe. An seinem Hals schwoll die Ader. Ich fürchtete, daß er gleich einen Wutanfall bekommen und sich auf die Wilddiebe stürzen würde. Er lief jedoch nur zu dem blauen Pobeda, riß den Fotoapparat vom Polster an sich und suchte das Weite. Sergej Sergejewitsch wurde bleich wie der Tod. Unverzüglich nahm er die Verfolgung auf.

„Bleib stehen, du Schuft!"

Was man alles erleben kann! Dieser aufgeblasene Dickwanst wollte es mit meinem Freund Stjopka aufnehmen. Na ja, hundert Meter hielt er durch, dann gab er auf. Stjopka raste weiter. Ich habe ihn selten so in Form gesehen wie bei jenem Spurt.

Der Leutnant verlor endgültig die Fassung. Er bekam kugelrunde Augen wie daheim unser Kater. „Was soll das heißen", herrschte er mich an. „Ihr seid tatsächlich Rowdys."


Sergej Sergejewitsch war stehengeblieben. Er rang nach Luft. Als Stjopka sah, daß sein Verfolger nicht mehr weiter konnte, machte er gleichfalls halt.

„Sofort gibst du den Apparat zurück!" rief der Leutnant.

„Ich traue mich nicht", erwiderte Stjopka. Er stand so weit von uns entfernt, daß seine Worte kaum zu verstehen waren. „Ich bleibe lieber hier. Sonst schlägt er mich noch."

„Los, ins Auto", befahl der Leutnant, „hin zu ihm."

Ich hatte kaum Zeit, in den Wagen zu springen, schon gab der Fahrer Gas. Wir sausten an Sergej Sergejewitsch vorüber. Stopka lief nicht weiter. Er hängte den Apparat an einen Ast und wartete mit zufriedener Miene am Straßenrand, bis wir heran waren.

„Bleib stehen!" kommandierte der Leutnant.

„Ich bin doch schon stehengeblieben", gab Stjopka zur Antwort und feixte, daß der Mund von einem Ohr bis zum andern reichte.

Der Leutnant sprang ab, packte Stjopka am Arm und stieß ihn in den Wagen. „Wir sprechen uns später."

„Ja, Genosse Leutnant, die Sache ist so...", begann Stjopka.

„Sei still. Mit dir unterhalte ich mich nicht."

„Lassen Sie mich erst ausreden."

„Mit dir unterhalte ich mich nicht!"

„Bitte sehr", erwiderte Stjopka gekränkt, „wie Sie wollen."

Wir fuhren zurück. Der Apparat baumelte am Ast. Als wir in Priosersk angekommen waren, stellte der Leutnant dem Schofför eine Bescheinigung aus und verabschiedete sich von ihm. Wir mußten uns an die Wand setzen. Auch der Leutnant nahm sich einen Stuhl. Er schwieg. Das war selbst für mich zuviel. „Genosse Leutnant", platzte ich heraus, „Ehrenwort, wir haben die Wahrheit gesagt. Wenn Sie nur mit in den Wald kämen."

Der Leutnant nahm ein Messer, malte damit auf dem Tisch. Nach einer Weile stand er auf.

„Kommt."

Wir gingen durch die Straße und dachten: Wo bringt er uns hin? Nicht etwa ins Gefängnis? Er schritt voraus, sah sich kein einziges Mal um, obwohl es schon dämmrig wurde. Ausrücken wäre eine Kleinigkeit gewesen. Doch weshalb sollten wir? Wir waren unschuldig, trotteten brav hinter ihm her.

„Warum hast du den Apparat zurückgegeben?" flüsterte ich Stjopka zu. „Sie sind mit dem Elch auf dem Film."

Stjopka blieb mir die Antwort schuldig. Er schmollte.

Der Leutnant hatte ihn beleidigt.

Wir gingen in ein Restaurant. Der Leutnant bestellte Tee und Pfannkuchen.

„Eßt."


Wir waren wütend auf ihn. Aber hungrig waren wir auch. Wir griffen zu. Er saß uns gegenüber und spielte mit der Tischdecke, ohne selber zu essen.

Schließlich sagte er: „Hört her, ihr beiden. Jetzt wollen wir offen miteinander reden. Haben sie den Elch geschossen oder nicht? War vielleicht überhaupt kein Elch da?"

Stjopka kaute mit vollen Backen, als hätte er die Frage nicht gehört.

„Ja, es stimmt", antwortete ich, „sie haben ihn geschossen."

„Ich lasse euch laufen", fuhr der Leutnant fort, „nur müßt ihr mir die Wahrheit sagen. Wenn sie ihn tatsächlich getötet haben, werden sie keine Beschwerde einreichen. In diesem Fall möchte ich die Sache weiterverfolgen, sie den Untersuchungsorganen übergeben, den Experten. Die Nummer vom Pobeda hab ich notiert. Wenn ihr aber alles nur erfunden habt, dann bekomme ich wegen euch Scherereien. Schenkt mir wengistens reinen Wein ein, damit ich weiß, woran ich bin."

Stjopka nahm das letzte Stück Pfannkuchen aus dem Mund. Es wanderte zurück auf den Teller.

„Sie wollten sich mit uns nicht unterhalten. Das haben Sie selber gesagt."

„Doch, ich will. Ihr müßt mir aber reinen Wein einschenken."

Stjopka ist kein Freund von allzu graden Wegen. „Machen Sie die Augen zu", forderte er den Leutnant auf.

„Laß die Scherze", erwiderte der.

„Dann drehen Sie sich wenigstens um."

Der Leutnant stöhnte, wandte sich jedoch ab. Stjopka zog eine Filmkassette aus der Tasche und legte sie auf den Tisch.

„Bitte."

„Was soll das nun wieder bedeuten?" Stjopka schmunzelte. „Wir sind lange genug um die Wette gerannt. Ich habe den Film rausgenommen. Als der Elch tot war, gingen sie mit ihren Gewehren hin und fotografierten sich. Jetzt brauchen wir nur noch die Abzüge. Dann ist der Fall klar."

Der Leutnant fuhr vom Stuhl hoch. „Hoffentlich hast du den Film nicht belichtet."

„Ach", gab Stjopka entrüstet zurück, „ich bin doch kein Anfänger. Ich hab ihn erst durchgedreht. Jetzt müßten wir ihn entwickeln lassen. Bei uns im Dorf kenn ich einen Fotografen."

„Nein, nein, mir genügt, daß ich euch kennengelernt habe. Auf die Bekanntschaft des Fotografen kann ich verzichten. Den Film gebe ich ins Labor. Vorher bringe ich euch nach Hause."

„Na gut, nehmen Sie die Kassette", willigte Stjopka ein, „aber wie steht's mit einer Bescheinigung für die Schule? Eigentlich mußte ich heute zum Unterricht."

Der Leutnant lachte. „Keine Sorge, das bringen wir in Ordnung. In welcher Schule seid ihr?"

Stjopka sagte es ihm. Der Leutnant begleitete uns ein Stück die Straße entlang. Dann hielt er einen Wagen an. Wir fuhren fast bis vor die Haustür.

Am Montag eilte Anna Naumowna im Laufschritt auf Stjopka zu.

„Chokkanen, wo warst du gestern?"

„Ich bin sehr früh von zu Hause fortgegangen. Ich wollte in die Schule, aber dann kam es anders."

Die Klasse lachte. Die Poljanskaja wurde rot. Offenbar hatte sie sich übers Wochenende noch mehr in meinen Freund verliebt.

„Daß du nicht hier warst, habe ich gemerkt. Nur weiß ich immer noch nicht, warum es anders kam."

„Weil wir ein paar Spitzbuben fangen mußten. Mein Freund Krylow und ich."

Die Klasse war entzückt, davon zeugte das Gelächter. Man kannte doch Stjopka, diesen Windhund. Sogar Anna Naumowna biß sich auf die Lippen, um ernst zu bleiben.

„Und? Habt ihr sie erwischt?"

„Natürlich — das heißt, nicht die Spitzbuben persönlich, nur zwei Fotos von ihnen. Aber das ist ja egal. Der Leutnant holt die Untersuchungsorgane."

Anna Naumowna runzelte die Stirn.

„Hör mal, Chokkanen, jetzt reicht mir das mit deinen Fliegern, Künstlern, Spitzbuben, Leutnants, Untersuchungsorganen..."

„Adlern", schrie die Klasse.

„Und mit deinen Adlern. Nach dem Unterricht wirst du zwei Stunden hierbleiben. Ich habe mit dir ein ernstes Wort zu reden, das letzte."

Anna Naumowna hatte kaum ausgesprochen, als die Tür aufging und der Sportlehrer eintrat.

„Chokkanen und Krylow zum Direktor", meldete er. „Was haben sie denn nun schon wieder ausgefressen?" Anna Naumowna stöhnte. „Das weiß ich auch nicht", erwiderte der Sportlehrer, „da ist jemand von der Miliz gekommen. Der hat nach ihnen gefragt."

Anna Naumowna wurde leichenblaß.

„Kinder, was habt ihr wieder angestellt? Schnell, sagt es mir."

Uns war selber nicht ganz wohl zumute. Schwitzend, mit pochenden Herzen traten wir den schweren Gang zum Direktor an. Anna Naumowna begleitete uns. Sie klopfte. Schon beim Öffnen der Tür sahen wir unsern Leutnant. Er saß am Tisch. Der Direktor hielt einige Fotos in der Hand.


„Ah, unsere Detektive", begrüßte uns der Direktor. „Na, Chokkanen, was macht dein Bruder? Haben sie ihm den Bauch wieder zugenäht?"

Der Leutnant lachte. Er hatte also gepetzt. Es gab keine Liebe mehr unter den Menschen.

Der Direktor stimmte in das Lachen ein.

„Der Genosse Leutnant sprach von zwei Jungen aus unserer Schule. Ich zerbrach mir den Kopf und kam nicht darauf, wen er meinte. Aber als er die Geschichte von der Operation erzählte, wurde mir alles klar. Das konnte nur Chokkanen gewesen sein. Na, und wo der steckt, darf Krylow natürlich nicht fehlen."

Der Direktor reichte uns die Fotos. Es war alles gut getroffen: der Elch, die Wilddiebe, ihre Gewehre. Leid tat mir nur, daß wir beide fehlten. Wir hätten uns dazustellen sollen.

Anna Naumowna blickte mir über die Schulter.

„Lieber Himmel, das ist ja barbarisch! Dann stimmt es wohl tatsächlich, daß ihr diesen Menschen das Handwerk gelegt habt?"

„Ja, so kann man sagen", bestätigte der Leutnant, „es ist ausschließlich ihr Verdienst."

„Und was wird jetzt mit den Wilderern geschehen?"

„Sie kommen vor ein Gericht. Ich habe sämtliche Materialien den Untersuchungsorganen übergeben. Unsere beiden Helden werden als Zeugen vorgeladen. Aber machen Sie sich keine Sorgen."

„Nein", sagte der Direktor, „jetzt machen wir uns keine mehr."

Der Leutnant verabschiedete sich. Zum Andenken schenkte er uns die beiden Fotos.

Das eine bekam die Poljanskaja. Stjopka wollte es so. Das andere nagelten wir an den Gartenzaun und benutzten es als Zielscheibe für unsere Schneebälle.

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