I Furor

2 Pompes funèbres

Der schwarze Lack spiegelte stark, warf das Licht zurück und blendete mich. Die Sonne brannte an diesem Morgen wie auf einem Mafiabegräbnis, auf dem Parkplatz schimmerten teure dunkle Wagen wie hohe Wellen, ich setzte meinen roten Opel hinzu und schritt über den Schotterboden zum Friedhofstor, gehemmt, gebremst, mit schweren Beinen wie unter Wasser, mit den Armen ein prekäres Gleichgewicht errudernd, Gang über Meeresgrund.

Odilo war tot.

Ein ähnlicher schwarzer Wagen war über ihm zusammengeschlagen, hatte sich mit ihm eingerollt und ihn mitgerissen in die Nacht, über die Leitplanke, einen Hang hinab. Er war angeschnallt, der Airbag hatte funktioniert, aber ab einem bestimmten Maß der Gewalteinwirkung sind die Sicherheitseinrichtungen im Innern eines Gefährtes nur noch kosmetisch. Er war nüchtern, oder jedenfalls hatte er keinen Alkohol getrunken. Er fuhr schnell, es gab keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf dieser Strecke, die er hätte unzulässigerweise überschreiten können. Es war eine dunkle Nacht, mondlos, Schichtwolken. Er fuhr ohne Licht.

Diese Tatsache hatte mir seine Mutter am Telefon mitgeteilt. Sie berichtete die Fakten, sie wirkte gefaßt.

Jetzt stand sie am Friedhofstor, ihre Augen glitten unstet hinter den dünnen Schleiern, die von ihrem Hut fielen und jeden fremden Blick vor ihrem Gesicht zerstreuten, in oszillierende Muster auflösten, vernichteten.

Sie gab mir die Hand, eine schmale kühle Hand, besteckt mit mehreren klobigen Ringen, ich bemühte mich, sie nur sanft zu drücken.

Frau Leonberger. Es tut mir sehr leid.

Altfried.

Ihre Stimme klang freundlich wie immer, sachlich, wie sie auch am Telefon geklungen hatte, verbindlich, als sei ich tatsächlich ein Freund der Familie und nicht nur eine hartnäckige Laune ihres Sohnes, ein nicht ganz standesgemäßer Kumpel, mit dem er sich von seinem sonstigen Leben zu entspannen pflegte.

Altfried. Noch einmal von ihren Lippen, die in grellem Rot geschminkt waren, Signalrot, wie eine Warnung, in ihre Nähe zu kommen, ein Abstandhalter, der zu ihrem alltäglichen Erscheinungsbild gehörte, an diesem Tag aber leicht hysterisch wirkte, als sei die Lippenfarbe clownesk verschmiert, aber sie war nicht im geringsten verschmiert, vergewisserte ich mich, sie war wie sie sein sollte, wie alles an dieser Frau, sie war exakt.

Altfried. Beschwörend, beruhigend, beschwichtigend.

Ich weiß, daß mein Name tröstet. Ich bin benannt nach dem heiligen Altfried, Bischof von Hildesheim. Altfried, mit langem katholischen Dehnungs-E, das sich absetzt von der nordischen, heidnischen, altdeutsch-germanischen Schreibweise Altfrid, die eine Zeitlang wieder beliebter war, weil sie reckenhafter klang, kämpferischer, während in meinem Namen der Friede das entscheidende Element bildet, etwas harmlos, etwas bieder, aber seltsam tröstlich, was ich oft daran merke, daß meine Patienten dem Klang dieses Namens vertrauen und ihn manchmal mantraartig vor sich hinsprechen, obwohl es mein Vorname ist und wir uns in der Klinik mit den Patienten nicht duzen. Die Patienten sind meist darauf aus, dem Therapeuten nahezukommen, alle Grenzen, die sie überschreiten können, überschreiten sie, und die Kenntnis meines Vornamens, das Aussprechen meines Vornamens, einfach so, sinnierend, wie um ihn sich besser einzuprägen, ist eine Strategie der Machtergreifung, der Selbsterhöhung, ein typisches magisches Ritual.

Frau Eleonore Leonberger hat mich stets beim Vornamen genannt. Ich war zwar schon volljährig, als ich Odilos Bekanntschaft machte, aber in ihren Augen noch ein Kind, etwas unbeholfen, zu dick, aus einfacheren Verhältnissen, was sie meinen Manieren, meiner Kleidung, meiner Ausdrucksweise anmerkte und was mir erst in ihrer Gegenwart zum ersten Mal bewußt geworden war. Mein Vorname aus ihrem Munde war wohl eine noble Geste, eine familiäre Zuvorkommenheit, die mich eingemeinden sollte, dennoch empfand ich es als unpassend, weit mehr als bei meinen Patienten, und in ihrem Fall wäre es mir lieber gewesen, sie hätte Herr Janich zu mir gesagt.

Ihre Lippen verzogen sich jetzt zu einem Lächeln, ihre Augen konnte ich nicht sehen, sie wies mir den Weg zur Kapelle und begrüßte weitere Trauergäste, die mit dünnen Sohlen den Kies zum Knirschen brachten und feinen weißen Staub aufwirbelten.

Mir schien, ich hatte während des gesamten Begräbnisses diesen hellen Staub vor Augen. Steinstaub, von schweren Schritten, vom strengen Wind hochgewirbelt, ich mußte unablässig blinzeln, um nichts in die Augen zu bekommen, und doch oder gerade deswegen tränten sie, ich sah alles verschwommen, dabei hatte ich mir vorgenommen, mich zu konfrontieren, mir den Tod genau anzusehen.

Ein Märzmorgen, der warm zu werden versprach, die Sonne stach schon, stach um so mehr, als noch kein grünes Blatt vorhanden war, sie abzuschirmen. Den Weg zur Kapelle säumte eine Rotdornallee. Die Knospen schwollen, in der Luft hingen bereits Blütendüfte, auch wenn man keine Blüten sah, auf dem Kiesweg zeichneten sich die scharfen Schatten kahler Äste ab, harkten wippend, wenn ein Windstoß kam.

Von den Gräbern war die Winterdekoration bereits entfernt worden, in den Behältern für Pflanzenabfälle häuften sich Fichtenzweige und lädierte Gestecke mit hartem weißen Islandmoos, aus denen rote Schleifen hervorblinkten. Auf den frisch geharkten Gevierten stachen Primeln ins Auge, fast schmerzte es, diese Frühblüher zu sehen in ihren Plakatfarben, feuerrot, dottergelb, passionsviolett, die unbeweglich blanken Tulpen in flaschengrünen Steckvasen, die künstlich anmutenden Narzissenbündel, in denen an Holzstäbchen bunte Plastikeier steckten.

Im älteren Teil des Friedhofs war aus den Grabfeldern ein Wald gewachsen. Verwitterte Steintafeln hingen schief im Boden und drohten umzustürzen, wurden von abgebrochenen, bemoosten Ästen in ihrer Schieflage gehalten, an rostigen Gittern bröckelten die stilisierten Lilien, die eisernen Mohnkapseln, die Ranken und Rosenblüten unter dem feinen Flechtenschimmer, der aufgeklebt aussah, wie der Rasenstaub einer Modelleisenbahn. Auf dem Waldboden der Hauch von ungezählten Sibirischen Blausternen, ein himmlisches Blau, das einlud, dort zu lagern, sich mit einer Picknickdecke hinzubetten, das mich, bevor ich die Kapelle betrat, für einen Moment erfreute.

Die klamme Kühle saugte mich ein, der Geruch brennender Kerzen, die schwüle Süße der Lilienblüten. Vor dem Sarg bordeten die Blumenkränze über, in vornehmem Weiß gehalten, als habe man sich abgesprochen. In den Bänken saßen einzelne Trauergäste, die noch ein Gebinde auf dem Schoß hielten, es in raschelndem Blumenpapier verborgen hielten, auf den passenden Zeitpunkt der Übergabe wartend, sich mit beiden Händen am leichten Knitterpapier, seiner Luftigkeit festhaltend.

Ich stellte mich hinter der letzten Bank auf, die Hände gefaltet, ohne Blumenstrauß. Ich war kein naher Verwandter des Verstorbenen. Meine Trauer hielt sich in vernünftigen Grenzen, ich hatte Odilo in den letzten Jahren seltener gesehen, in meinem Alltag spielte er keine Rolle, und sein Hinscheiden würde in meinem Leben kaum eine Veränderung bringen. Dennoch ist das Faktum des Todes ein gemahnendes: an die eigenen Versäumnisse, mögliche Lieblosigkeiten, die ganz persönliche Hinfälligkeit.

Natürlich wäre es nötig gewesen, mich mehr um ihn zu kümmern. — Ein Satz, den ich innerlich testete, den mir meine Erziehung wie automatisch eingegeben hatte, den ich auf alle ähnlichen Fälle hätte anwenden können, auf Odilo nicht. Man kümmerte sich nicht um ihn. Man widmete ihm Aufmerksamkeit, eine ganze Menge sogar, aber er wußte es stets so einzurichten, daß der andere von ihm abzuhängen schien, seiner Gegenwart bedürftiger schien als umgekehrt. Er hat mir immer das Gefühl gegeben, daß seine Anwesenheit in meinem Leben eine Gnade war, und ich glaube, zu meiner Beerdigung wäre er nicht gekommen.

Als die Musik einsetzte, senkte ich den Kopf. Durch Musik bin ich leicht zu erschüttern. Gegen Musik errichte ich keinen inneren Schutzwall, noch die trivialste Untermalung eines Werbespots erreicht mich, jeden Country-Song summe ich mit, mein fülliger Leib zuckt allen Beats nach, selbst wenn ich mich in der Öffentlichkeit bemühe, nicht rhythmisch mit dem Kinn zu nicken. Frau Leonberger hatte ein Streichquartett engagiert, es spielte einen getragenen Satz von Schostakowitsch, eine demonstrative, düstere, leidende Musik, die in der Kapelle erst zu leise, dann zu laut war, laut gegen die Wände schwappte, an denen auf weißen Fackelattrappen elektrische Kerzen brannten, ewige Elektroflammen, die nicht einmal flackerten, wie man es von italienischen Inszenierungen kennt, von jeder Krippenbeleuchtung, nein, diese Flammen standen starr, wie Frau Leonberger starr stand, die in der ersten Reihe ihren Platz gefunden hatte, wie alles starr stand, da man jetzt die Türen schloß.

Ein Redner trat an den Ambo, ich hörte ihm nicht zu.

Schwarzlackierte Autos, schwarzlackierte Schuhe, schwarzlackierter Sarg. Frau Leonberger hatte auch mich gebeten, eine Rede zu halten. Rückblick, nannte sie das, Lebensrückblick, ich als sein guter Freund, zudem Psychiater, wisse doch sicher manches, was der Familie entgehe, eine tiefgründige Analyse und Würdigung erhoffte sie sich, und ich hatte nicht die Kraft, das Ansinnen abzuschlagen, aber dann saß ich nächtelang vor dem weißen Blatt und fand keinen Anfang, überhaupt keinen Ansatz, ich wußte nichts über Odilo, gar nichts, und es lag mir nicht, die glänzende Fassade, an der er sein Leben lang gearbeitet hatte, diese Fassade, die sein Leben war, nun meinerseits noch einmal nachzuarbeiten. Am Telefon deutete Frau Leonberger meine Verwirrung, meine Beklemmung, den nur mühsam unterdrückten Ärger als von Trauer überwältigt und meine belegte Stimme als tränenerstickt, und sie sah sich gezwungen, meine Verweigerung zu akzeptieren, ja mir in besonderer Weise Mut zuzusprechen für meinen weiteren Lebensweg, der ohne ihren Sohn nur ein unbedeutender, farbloser, verzweifelter sein konnte.

Erfolgreich abgeschlossen, schmetterte der Redner, hochgebildet, brillierte in, Eleonore Leonberger hatte ihn gut instruiert.

Auf den schwarzen Autos, den Lackschuhen, dem Sarg lag diese blendende Schicht, diese irritierende Spiegelung, ein Lichtermeer, ein Abglanz, etwas Helles, Grelles, das ich nicht ansehen konnte, ohne daß mir die Augen tränten.

Odilo Leonberger, geboren, gestorben, promoviert, Biologe, aussichtsreiche Karriere, ledig, mutmaßlich kinderlos.

Ein paar Urkunden, ein paar Vortragstexte, ein paar bahnbrechende Forschungsergebnisse. Von seinem Leben war nichts übriggeblieben.

Noch einmal ergriffen die Streicher ihre Instrumente, das Publikum ballte die Faust ums Papiertaschentuch, ich war derjenige, der sich bereits nach den ersten Tönen hemmungslos schneuzte.

Heulen und Zähneklappern um den Sarg, während seine polierte Oberfläche wie undurchdringlich lächelte, ein körperloses Lächeln, das den unansehnlichen Körper im Innern ersetzte oder verschleierte, der Schmelz lenkte von ihm ab, er war verführerisch, beweglich, ließ sich nicht fixieren, er lockte und blendete, eine sinnlose Korona um den unsichtbaren Schmerzensmann oder vielmehr seine zerquetschten Reste, die man mit einem Schneidbrenner aus dem Blech hatte trennen müssen und niemandem mehr zeigte. Ich habe diesen Körper also nicht mehr gesehen, einmal kurz habe ich versucht, ihn mir vorzustellen, um das Bild dann rigoros zu verdrängen — als sei all der psychische Druck, der auf Odilo sein Leben lang gelastet hat, ins Physische umgeschlagen, und als habe sich daran wieder gezeigt, daß das Fleisch schwächer ist als der Geist, konnte sein Körper dem, was die sogenannte Seele über Jahre hinweg ohne merklichen Schaden ertragen hatte, in keiner Weise standhalten.

Ich hatte meine schwarzen Lacklederschuhe am Vorabend besonders gründlich geputzt. Es sind meine Beerdigungsschuhe. Normalerweise trage ich Braun, Schwarz steht mir nicht, es nimmt mir den Schwung. Während der Redner sprach, blickte ich andächtig auf meine Schuhe. Es störte mich, daß sie vom Staub des Kieswegs überpudert waren, fast kam es mir vor, als mache dieser Staub die ganze Feierlichkeit zunichte. Ich stellte versuchsweise einen Fuß auf die gepolsterte Kniebank, brachte es aber nicht über mich, mich vorzubeugen und den Schuh mit meinem Taschentuch abzuwischen. Ich würde keuchen müssen bei dieser Operation, ich würde mit rotem Gesicht von der Kniebank auftauchen, es lag mir nichts daran, den Nebenstehenden ein pietätloses Schauspiel zu bieten, daher hob ich den Fuß verstohlen an die Wade und wischte das Schuhleder an meiner Anzughose ab.

Die schwarzglänzenden Gegenstände dieses Vormittags, der gewölbte Spann der Schuhe, die Kühlerhauben und Kotflügel, der geschwungene Deckel des sogenannten letzten Gefährts schoben sich übereinander und rundeten sich. Schwarze Kugelform, Reichsapfel, Weltkugel, barocke Gottesform, die einzige Form, die man dem an sich Formlosen grundsätzlich zugestand, in der man sich die Engel dachte, sphärisch, harmonisch, in sich selbst zurückführend, autonom; schwarze Sonne, die kein Licht ausstrahlte, die das Licht vielmehr in sich zurücknahm, in die auch Odilo sich jetzt zurückgezogen hatte, unangreifbar, perfekt. Selbst in seinem Tod schien er es so einzurichten, daß man ihn beneidete.

Die Trauergäste wie in einem Spiegelkabinett: peinlich verzerrt, gestreckt und gestaucht, Figuren in einer Blase, mit übermäßigen Bäuchen, langen Hälsen, die Rundungen in Regenbogenstreifen schillernd, Menschen in Anzügen und Kostümen durch einen Wassertropfen gesehen, ich konnte niemanden von ihnen erkennen.

Meine Schwester sah ich erst am Ausgang. Sie wartete auf mich, etwa dort, wo zu Beginn Odilos Mutter gestanden hatte.

Ich möge sie mitnehmen, verlangte sie, zu meinem Erstaunen in einem Ton, als habe sie alles Recht der Welt, in diesem Moment Forderungen zu stellen, als sei sie von uns beiden die Hauptleidtragende und nicht ich. Mein Erstaunen über ihren fordernden Ton verdeckte zunächst mein Erstaunen darüber, sie überhaupt hier anzutreffen. Erst als wir im Auto saßen, begann ich mich darüber zu wundern, daß sie der Beerdigung meines Freundes beigewohnt hatte. Daß ich sie während der gesamten Zeremonie nicht bemerkt hatte. Daß sie mich offenbar durchaus bemerkt und mich am Ende abgepaßt, aber während der Bestattung meine Nähe nicht gesucht hatte. Um mich in meiner Trauer nicht zu stören? Üblicherweise hielt man seinem Bruder, wenn man schon da war, bei solchen Gelegenheiten die Hand.

Mila neben mir auf dem Beifahrersitz krallte die Finger um den Sicherheitsgurt an ihrer Schulter. Dabei traten ihre Knöchel weiß hervor, sie strangulierte den Gurt. Kurz vor der Kreuzung, an der sie sich entscheiden mußte, ob ich sie zum Bahnhof oder zu unseren Eltern bringen sollte, hob ich fragend die Brauen.

Fahr mich nach Hause, sagte sie.

Mila lebte in Berlin, wir allerdings befanden uns in einem Vorort von Köln.

Etwas in ihrem Ton hinderte mich, auch nur eine Frage zu stellen. Mila war die Jüngere von uns beiden, sie hat meine Rolle als älterer Bruder, klüger, erfahrener, niemals in Frage gestellt, im Gegenteil hat sie mich bewundert, obwohl ich nicht hübsch war wie sie, nicht sportlich, nicht im jugendlichen Sinne imposant. Ich war dicklich, vorlaut, ein Eigenbrötler, sie aber hat meine Schwächen nicht gegen mich verwendet, und sie hat es nie für sich ausgenutzt, daß ich sie vergötterte.

Ich fuhr Richtung Autobahn, ich stellte keine Frage, ich rief die Eltern nicht an, mit denen ich den Abend hatte verbringen wollen, ich rechnete mir selbstbetrügerisch aus, daß ich nachts gegen eins zurück sein konnte.

Wir hatten die Trauerfeier als erste verlassen. Wir waren im Pulk der Gäste zum Tor geschwemmt worden, dort hatten wir uns abgesetzt, ich für meinen Teil, ohne mich zu verabschieden, was mir unangenehm war, da Frau Leonberger auf Etikette Wert legte, während die anderen sich auf die schwarzen Wagen verteilten und zu einem nahegelegenen Restaurant fuhren, in das auch ich eingeladen worden war, um dort ein Menü zu mir zu nehmen, das ich später erlesen hätte nennen können, wenn ich Lust gehabt hätte, meiner Chefin von meinem Wochenende zu berichten.

3 Tapeten eines Lebens

Wer von einer Beerdigung kommt, sieht überall Särge.

Wir fuhren durch das erzbischöfliche Köln. Durch das römische Köln, durch das kölsche Köln. Im Innenstadtbereich wurden Kisten umherkutschiert. Ich überholte einen Schrank, der auf offener Ladefläche fuhr. Neben uns an der Ampel hielt ein Transporter mit polnischer Aufschrift, durchgestrichene Ls, zungenbrecherische CZs, für mich keinerlei Hinweis, worin die Ladung bestand. Rostige Waggons eines Güterzugs glitten über den Rhein. Hartnäckig verschlossene Kisten bewegten sich im Straßennetz, Kisten, die sich zu Ketten aneinanderreihten, die sich in langen Prozessionen voranbewegten, sich über die Fahrspuren schlängelten, abrissen und sich neu verbanden.

Schon am Mittag überfüllte Abfallkörbe, ein Stapel Pappkartons vor einer Altpapiertonne, ein Koffer, aus dem Kleidung quoll. Verworfene Geschenke, verschnürte Fetische, Reliquien in ihren Behältern. Mieter hockten in ihren Raumkapseln, Flaschen fielen in Glascontainer, Postsendungen in Briefkästen, minimalistische Verstecke.

Auch wir fuhren in einer solchen beklemmenden Kiste, von der wir uns Halt versprachen und Sicherheit.

Ich war in eigenartiger Verfassung, ich wollte auf keinen Fall, daß Mila es bemerkte, die wohl ebenfalls in eigenartiger Verfassung war, sie sprach nicht, sie starrte geradeaus, Kistenträume. Odilo war mein erster Toter, nicht der erste Verstorbene, den ich gekannt hatte, aber der erste Verstorbene in meinem Alter, erst jetzt, sagte ich mir, war in meinem Leben ein Einschnitt gemacht, der erste Tote aus meiner Generation, es mußte mich daher betreffen, mir Mahnung sein oder Stimulans. Natürlich kam mir mein Leben verfehlt vor, so gehörte es sich nach einer Beerdigung, Rückschau und Buße, natürlich fühlte ich mich verdammt dazu, ein enttäuschender Inhalt in einer enttäuschenden Verpackung zu sein.

Ich hatte mein Leben damit verbracht, in Kisten zu sitzen, lebendig begraben in schön ausgekleideten Kisten, den Blick auf Tapeten gerichtet. Ich habe Tapeten angestarrt, auch rohe Wände, aber meistens Tapeten, ich habe mich auf die Wandverkleidungen konzentriert, als könnte ich so besser erfassen, was sich zwischen diesen Wänden ereignete.

Rauhfasertapete

Klinisch weiß, nahm sie das Leben in der Klinik vorweg. Ich bewohnte ein 12-qm-Zimmer in einem Studentenwohnheim, das an einen Friedhof mit altem Baumbestand grenzte und immer im Schatten blieb. Mein Zimmer war im Erdgeschoß gelegen, und ich blickte, wenn ich von den Büchern aufsah, auf einen Rhododendronbusch, der das wenige Tageslicht, welches die Bäume noch durchließen, schluckte.

Das Weiß der Tapete setzte dem wenig entgegen. Es war angegraut von den Ausdünstungen disziplinierter Medizinstudenten, viele von ihnen aus China oder dem Iran, die keine Zeit verschwendeten, die keine Freizeit kannten. Der Reiskocher in der Gemeinschaftsküche. Die Dusche auf dem Flur. Ich wusch mich am Waschbecken in meinem Zimmer. Vor diesem Waschbecken erlernte ich den Gebrauch des Waschlappens, den ich seit Kindheitstagen nicht mehr benutzt hatte, neu, ich lernte den Waschlappen zu schätzen, er machte mich unabhängig. Ich hatte es nicht nötig, im Bademantel über den Flur zu laufen, zufälligen Blicken ausgesetzt, ich kam nicht in die Verlegenheit, fremde Haare in den Abfluß brausen zu müssen. Ich fuhr am Wochenende zu unseren Eltern, um zu duschen, ich saß mit ihnen auf der Terrasse und aß Kirschkuchen, während die Waschmaschine im Keller meine Wäsche schleuderte, ich brachte ausgelesene Bücher mit und lagerte sie in meinem Jugendzimmer, ich nahm jede Woche ein Glas selbstgekochte Marmelade mit zurück.

Die Rauhfasertapete war durchstochen. Sie trug unzählige Stecknadelspuren von Vorgängern, die sich ihre Klause mit Kalendern und Kunstdrucken geschmückt hatten. Ich hängte nichts auf, mich elektrisierte vielmehr die Kargheit, ich konzentrierte mich auf die Erhebungen der Tapete, schiefe Perlen, über die ich die Finger gedankenverloren gleiten ließ, Noppen, die Körperkontakt erforderten, die mich zu unwillkürlichen Kerbungen mit dem Fingernagel verleiteten, ich stellte Kerbtiere aus Perlen her, Käfer, die massenhaft auf den Wänden wimmelten, wahnhafte Käfer, mit denen ich mich professionell zu befassen begann.

Ich als der Ältere habe die Nachkriegssparsamkeit unserer Eltern geerbt. Meine Schwester ist davon schon nicht mehr betroffen, sie hat zu Geld ein vernünftiges Verhältnis, sie gibt es aus, ohne dabei zu übertreiben. Ich hingegen drehe auch heute noch jede Münze dreimal um, obwohl dies in Anbetracht meines Gehalts nicht erforderlich ist und obwohl mir klar ist, daß dieser Automatismus vor allem bei geringfügigen Summen einsetzt, während ich größere Beträge wesentlich lässiger behandele, als verlöre ich dort den Überblick, als sei in solchen Dimensionen jede Realität überschritten und bräuchte nicht mehr berücksichtigt zu werden, als sei mir in Geldangelegenheiten ab einem gewissen Punkt plötzlich alles egal.

Damals allerdings verfügte ich über wenig Geld und schränkte mich ein. Ich frühstückte in Wasser gekochte Haferflocken mit einer Prise Salz und einem Löffel Zucker. Ich nannte diese Speise großspurig Porridge. Abends bereitete ich mir in der Gemeinschaftsküche Spaghetti mit einer Sauce aus Zwiebeln und Tomatenmark zu, Spaghetti al pomodoro e cipolla, ein klassisches Gericht, mit dem ich die reiskochenden Flurnachbarn allabendlich beeindruckte. Ich benutzte Teebeutel mehrmals hintereinander, bis sich die Flüssigkeit nicht mehr nennenswert färbte, ich verlängerte Mineralwasser mit Leitungswasser. Ich darbte nicht, im Gegenteil, ich nahm zu.

Bereits im ersten Semester hatte sich mein Verhältnis zu meiner Finanzsituation in eine Art sportlichen Ehrgeiz verwandelt, der sich darauf belief, die Ressourcen optimal zu nutzen. Die Heizkosten waren in der Zimmermiete inbegriffen, daher war ich nie gezwungen, mit Schal und Handschuhen am Schreibtisch zu sitzen, wie ich es von Kommilitonen hörte, die sich andernorts eingemietet hatten. Ich sparte nicht an Büchern, ich sparte in unserer Stadt allerdings an öffentlichen Verkehrsmitteln und fuhr bei jedem Wetter mit dem Rad. In der Kölner Bucht regnete es oft.

Diese Lebensweise behielt ich bei, als ich ein Begabtenstipendium der Studienstiftung erhielt. Ich führte mein bescheidenes Leben weiter und kaufte mir einen Kleinwagen. Ich begann, Erlkönige zu jagen.

Historische Makulaturtapete

Es waren die Jahre, in denen ich, einem äußerst gedrängten Stundenplan folgend, auf meinem Weg zu den Lehrveranstaltungen die immer gleichen Stadtstraßen abfuhr, Straßen mit überladenen Fassaden im Zuckerbäckerstil, Straßen, die mich mit ihrer adretten Häuslichkeit, ihrer Versuchsküchenhaftigkeit, ihrer Schulkochbuchmäßigkeit verseuchten, Jahre, in denen ich täglich am letzten Domizil des irre gewordenen Musikers Schumann vorbeikam, der Heilanstalt Endenich. Für einen angehenden Psychiater schien mir das ein Omen, wenn ich auch nicht sicher war, wofür. Meine künftige Tätigkeit kam mir angesichts der dürftigen Heilerfolge bei Geisteskrankheiten damals oft drückend und überflüssig vor. Robert Schumann, Ludwig van Beethoven, Friedrich Nietzsche — alle fähigen Personen, die mit Bonn in Kontakt kamen, endeten bekanntlich in völliger Zerrüttung.

Einem halb religiösen Bedürfnis folgend, nahm ich mir regelmäßig nach der Mensa eine Stunde Zeit und besuchte Schumanns Zimmer. Die Räume der Heilanstalt beherbergten inzwischen die Musikbibliothek der Stadt, nur Schumanns Zimmer im Obergeschoß hatte eine museale Konservierung erfahren. Ein honiggelb getünchtes, anheimelndes Zimmer mit angenehm knarrendem Holzboden; der Ausblick auf Bonn und den Kreuzberg, der zu Schumanns Zeit eine gewisse erleichternde Weite erbracht haben mußte, war inzwischen verbaut. Von den Tobezellen im Park (kleinen Häuschen, in denen die Patienten ans Bett gefesselt lagen, bis sie ruhiger wurden) war nichts mehr zu sehen, auch die winzigen Krankenkammern für weniger privilegierte Patienten, der Empfangsraum und das Untersuchungszimmer waren nicht mehr vorhanden. Noch erhalten: das Schumannsche Vorzimmer, in dem ein Pfleger über ihn gewacht hatte, sowie das Tafelklavier.

Im Schumannzimmer dominierte die honiggelbe Tapete, dominierte alles mit ihrem klebrigen Charme. Schumann hatte in diesem Zimmer keine Nahrung mehr zu sich genommen, weil er glaubte, sie sei vergiftet. Schumann war in den Rhein gesprungen, um sich das Leben zu nehmen. Schumann hörte geisterhafte Klänge, er wähnte sich von Geistern umgeben, die ihm Musik eingaben, himmlisch schöne sowie höllisch schreckliche Musik.

Waschbare Fondtapete mit bläulichen Streublumen

Lange Stunden habe ich an unserem Küchentisch gesessen und mit einem Buntstift auf kariertes Papier gezeichnet, immer wieder zur Tapete aufgeblickt, und wenn später in meinem Leben der Ausdruck blümerant fiel, dachte ich, er bezeichne dieses Tapetengefühl: dort gesessen zu haben seit meiner Säuglingszeit, seit der Kinderwagenaufsatz mit mir darin auf dem Tisch stand, meine Mutter mich aufrichtete und ich beidhändig, breit lachend, auf die Wand patschte; dieses Gefühl, seither, mit den Unterbrechungen eines anderen Lebens, in dieser Küche gesessen zu haben, vor meinen Schulheften, vor meinem Malblock, dort gesessen zu haben, solange ich denken kann.

Ich zeichnete an reglosen Nachmittagen die Gemüsewerbung aus den Wurfsendungen ab, ich zeichnete eine Stillebentapete mit Wildbret und Früchten, ich zeichnete Apfel- und Birnentapete, Kirsch- und Pfirsichdekor.

Meine Mutter besuchte alte Leute aus der Kirchengemeinde im Krankenhaus, und ich zeichnete einen Abwehrzauber, ich wollte Fülle und Opulenz beschwören, aber meine Kinderkritzeleien taugten nicht einmal für mich selbst. Ich saß vor spärlich hingeworfenen Blümchen, vor Armut, Gebet und Gehorsam — Klosterküche, blaublumige Küche, eine Küche wie aus dünnem Porzellan. Ich hatte Angst, mich in dieser Küche zu bewegen, ich fürchtete mich, die Töpfe und Teller zu berühren, als könnte ich eine Oberflächenspannung zerstören, die diesen Raum noch eine Weile in seiner Form hielt. Streublümchen, Mehlsuppen, Himbeersaft — was blieb, war die Himbeersafttapete meiner Kindheit, Milch mit Haut, weichgekochte Eier, Zichorienkaffee. Was blieb, waren Fastenspeisen, Enthaltsamkeit, Schonkost; als halte man sich zeitlebens inmitten einer Krankheit auf.

Korktapete

Ich war einer jener dicken kleinen Jungen, altklug und übereifrig, die heiße Sommertage in ihrem Kellerlabor verbringen und gegen Abend in weißem Kittel auf die Wiese rennen, ein Etwas mit enormer Rauchentwicklung am ausgestreckten Arm haltend, um es unter freiem Himmel explodieren zu lassen. Ich gehörte zu den Jungen, die monatelang mit einem Detektivkoffer zur Schule gingen, vor Unterrichtsbeginn einen überraschenden Putzfimmel an den Tag legten und ausgesuchte Flächen entfetteten, um nach jeder Stunde hektisch Pult und Türklinke mit Graphitpuder abzupinseln und eine Fingerabdruckkartei des Lehrkörpers anzulegen. Ich gehörte zu denen, die ihren Heimweg daraufhin taxierten, wo sich ein geheimer Briefkasten einrichten ließ, ungeachtet dessen, daß man mit den in Frage kommenden Briefpartnern den ganzen Vormittag im selben Raum verbrachte, ich untersuchte Höhlungen in alten Baumstämmen, tastete in Mauerspalten, hob lose Pflastersteine an und legte probeweise leere Zettel ein; dann durchschritt ich die Schleuse ins Elternhaus. Die Naturkorkwand in der Diele neutralisierte meinen kriminalistischen Impetus, sie stufte mich von einem Geheimagenten zurück zu einem Kind, das sich auf das Mittagessen freut. Ich stellte meinen Tornister vor der Kiefernholztruhe ab, warf einen Seitenblick auf die Postkarten mit Sinnsprüchen, die unsere Mutter an den Kork gepinnt hatte, Man sieht nur mit dem Herzen gut, Jedes Kind ist ein Geschenk, Die schönste Sonne ist ein fröhliches Gesicht, ich senkte den Kopf vor dem Messingkreuz, hinter dem ein Palmzweig steckte, der in Wahrheit ein vertrockneter Buchsbaumzweig aus unserem Vorgarten war, in der Kirche gesegnet, das Jahr über unseren Eingang weihend. Hat uns dieser Brauch Segen gebracht?

Plastik-Quetschdruck-Tapete

Einmal wöchentlich besuchten wir Tante Sidonia. Wir saßen steif auf der Polstergarnitur. Tante Sidonia eilte zum Wäscheschrank und legte Handtücher über die hohe Rückenlehne des Sofas, damit unser fettiges Haar nicht die Bezüge befleckte. Der Körper ein Ölkännchen? Wir hatten kein fettiges Haar, am Vorabend des Tantenbesuches badeten wir, aber bei Tante Sidonia begannen wir zu triefen und zu tropfen, zu sabbern und zu krümeln, begannen wir wieder zum Baby zu werden, und Tante Sidonia legte uns das Handtuch wie ein rückwärtiges Lätzchen an.

Ich empörte mich still, denn den Vormittag über war ich nahezu körperlos gewesen, und mir haftete noch der Weihrauchhauch aus dem Meßdienerheim in den Kleidern.

Mila war das Handtuch gleichgültig, sie lehnte ihren Kopf nicht ans Polster, sie verbrachte die Besuche bei der Tante auf der Sofakante, gerade aufgerichtet, versunken in den graugrünen Bezugsstoff, der von Moosgrün zu Lindgrün zu einem grünlichen Chamois changierte, je nachdem, wie das Licht fiel, wie man ihn strich. Mila war damit beschäftigt, das Sofa mit dem Strich und gegen ihn zu betrachten. Es zu berühren, mit dem Finger darauf zu malen, wagte sie nicht.

Japanische Grastapete

Zu Hause durfte Mila auf dem Sofa hüpfen. Sie tänzelte divenhaft um den Wohnzimmertisch, übte kleine Ballettschritte vor den dänischen Weichholzmöbeln und machte Spagat.

Im Raum stand die Forderung, glücklich zu sein, natürlich zu sein und normal. Wir kamen dieser Forderung klaglos nach, wir waren glückliche Kinder und bewiesen unseren Eltern Tag für Tag, daß unser aller Leben in den Bahnen der Normalität verlief. Wir waren die normalsten Kinder der Siedlung, wir gaben uns Mühe, nicht hervorzustechen, wir waren demonstrativ angepaßt.

Es sollte uns gut und besser gehen, und es ging uns besser. Wir verhielten uns artig. Uns fehlte nichts. Wir waren zufrieden. Und die Familie war ihrerseits mit uns zufrieden.

Trotzdem nagte an uns ein Schuldgefühl: Es schien, daß wir die Forderungen, die an uns gerichtet waren, nie ganz erfüllen konnten. Wir spielten Glück. Ich spielte die Rolle des glücklichen Kindes bravourös. Ich steigerte mich in eine stilisierte Kindheit hinein, ich entwickelte eine regelrechte Leidenschaft der Wohlgeratenheit. Aber ich wäre lieber ein Mädchen gewesen. Und ein Faible für Abweichung wurde zu meinem heimlichen Laster.

Mila saß auf der Fahrt nach Berlin an den Sicherheitsgurt geklammert, sie sprach nicht mit mir, sie war blaß, unter den Achseln hatte ihre Bluse Schweißflecken, die immer noch wuchsen. Sie saß sehr aufrecht, sie verzog keine Miene, etwas Herrisches ging von ihr aus, das ich an ihr nicht kannte. Hätte sie eine Jacke getragen, die die Achseln verdeckte, ich hätte ihr kaum etwas angemerkt.

Ich hatte den Klassiksender eingestellt, wir fuhren schweigend zu klassischer Musik, schweigend seit zwei geschlagenen Stunden, aber jetzt drehte ich die Lautstärke auf ein Minimum zurück und betrachtete meine Schwester von der Seite, sie nahm mich nicht wahr, sie sah angestrengt durch die Windschutzscheibe, die Lippen zusammengepreßt, wie ich es sonst nur von Tante Sidonia kannte. Es war derselbe ein wenig verbitterte Zug, bei Mila nur angedeutet, den unsere Tante gewöhnlich um den Mund trug und der sich bei dieser längst von einer Gewohnheit zu einem körperlichen Merkmal verfestigt, sich unauslöschlich in ihre Miene eingegraben hatte.

An der Scheibe klebte die Märzlandschaft, klebte dort penetrant und deprimierend mit ihren grau zerdrückten Wiesen und überschwemmten Äckern und ihrer lichten Monotonie; ich hätte jetzt gerne die zäh an uns haftende Landschaft von meinen Fenstern entfernt. Die matschigen, gleichwohl funkelnden Felder, die keimende Saat, die riesigen Pfützen, in denen zerfetzte Wolken schwammen, mit dem Eiskratzer abgeschabt, oder einfach an der richtigen Ecke gezogen, von der aus sich alles ablösen würde.

Kopfschmerzen, Übelkeit, Engegefühl: Ich riß an der Landschaftstapete. Sie war spröde, holzig, sie riß darunterliegende Schichten mit. Die Beerdigung hatte mich zermürbt. Etwas in meinem Inneren begann Tapeten abzureißen, als sei ich ein leerer Raum, mit den modischen Mustern vergangener Jahre beklebt. Ich riß wütend die Schichten ab, als bildete ich mir ein, neu anfangen zu können.

Meine Schwester sah mich nicht an, sie betrachtete meinen Handrücken, die blasse Haut mit den Sommersprossen und den roten Härchen, sie sah auf meine Hände, die das Lenkrad würgten.

Ob ich mich an ihren Tigertraum erinnere.

Ich erinnerte mich. Wir bewohnten noch ein gemeinsames Zimmer. Mila war von einem Alptraum aufgeschreckt und zu mir ins Bett gekrochen, ihr hatte wieder von einem gewaltigen Tiger geträumt, der ihre Puppe verfolgte, und zwar die schwarzgelockte, dunkelhäutige Puppe, die keinem Familienmitglied ähnelte. Die Puppe gewann unwahrscheinlicherweise einen Vorsprung, obwohl der Tiger ungleich größer und schneller war, dann aber schleuderte der Tiger nach der Art eines Frosches seine meterlange klebrige Gummizunge und bekam die Puppe wohl zu fassen, aber das vermutete ich nur, denn Mila behauptete, in diesem Moment aufgewacht zu sein und den Ausgang des Traumes verpaßt zu haben.

Die schwarze Puppe hatte keine Chance. Der Tiger reichte weiter, als man selbst einem Tiger zuzugestehen bereit war, die phallische Komponente der Macht nahm ich als Kind mit Gelassenheit zur Kenntnis, die träumerische Übertreibung erstaunte mich, die Tigerzunge selbst leuchtete mir unmittelbar ein. Ein bedeutender Tigerstreifen, der sich abgelöst und verselbständigt hat, verdickt und beweglich, chamäleonklebrig, erobernd, ausgreifend.

Diesen Tiger empfand ich durchaus als bedrohlich, aber das eigentlich Gruselige war die Tatsache, daß die Identität der Puppe wechselte. Mila erzählte, daß sie selbst als diese Puppe vor dem Tiger flüchtete, daß sie aber auch von außen die Puppe laufen sah, die dann jemand anderes sein sollte, meistens unsere Mutter, manchmal auch unser Vater oder sogar ich. Mir war daran unheimlich, daß das Ich meiner Schwester einmal in dieser Puppe steckte, dann wieder hilflos von außen zusehen mußte, und daß es problemlos mit meinem vertauscht werden konnte.

Seit unserer Kindheit war von diesem Traum nicht mehr die Rede gewesen, aber ich erinnerte mich ausgezeichnet.

Daß ich mich sehr gut erinnere, behauptete ich also in jenem auffordernd-verständnisvollen Ton, den ich mir im Laufe meiner Berufstätigkeit zur Gewohnheit gemacht habe und der früher einmal nur für Mila zur Verfügung stand.

Mila nickte nur und starrte vor sich hin. Pyramidenschweigsamkeit.

Eigentlich hätte ich erwartet und auch durchaus angemessen gefunden, daß sie sich in irgendeiner Form erklärte. Ich wartete noch eine Weile, als Psychiater muß man warten können, die Kunst besteht darin, ohne Druck und ohne Vorwurf zu warten, bis der Patient bereit ist, sich zu äußern, aber Mila war nicht mein Patient, und deshalb erläuterte ich ihr, daß ich diesen Traum auf übermäßigen Fernsehkonsum zurückführte.

Auf die gewaltverherrlichenden Zeichentrickfilme, in denen sich vermenschlichte Tiere jagten und auf brutale Weise zu Tode kamen, graue Kater in Scheiben geschnitten, lustige Mäuse auf jede erdenkliche Weise malträtiert und verstümmelt, Panther, gegen die Wand geschleudert und plattgedrückt. Auf die Raubtiere, sagte ich, die sich ständig verformten, die in die Häckselmaschine, in den Fleischwolf, die unter die Räder gerieten, von der Dampfwalze zu einer Fläche gewalzt. Aber dann kam die Wiederauferstehung, die unsterbliche Figur nahm ihre alte Form wieder an, fand aus der Flächigkeit zum Volumen zurück im Handumdrehen, nach dem Vorbild der Schwimmtiere, die man nur aufblasen muß, und die Jagd konnte erneut beginnen.

Den Tigertraum meine ich von Mila so oft erzählt bekommen zu haben, daß ich mich an ihn erinnere, als wäre es mein eigener Traum gewesen. Beinahe ärgerte es mich, daß sie nun Anspruch darauf erhob.

Es sei ein Tagesrest, sagte ich also, geblieben von den Gummipuppen des Kinderfernsehens und vielleicht den Werbespots der Autoindustrie, wo eine Raubkatze über die Steppe raste und nicht nur die Geschwindigkeit der Maschine, sondern auch Freiheitswahn und dunkle Eleganz verkörpern sollte, also das Geheimnis, das auch der schwarzen Puppe innewohnte.

Mila nickte wieder, es war klar, daß sie jetzt gar nichts mehr sagen würde, daß sie imstande war, wesentlich länger in einer Schweigesituation zu verharren als ich, und daß ich den Zorn, den das Begräbnis in mir hatte hochkochen lassen, an ihr auslassen wollte.

Ich zuckte mit den Schultern, fand einen ekelhaften Popsender und drehte das Radio auf volle Lautstärke, gewann wieder die linke Spur und legte jaguarhaft an Tempo zu. Mila ließ den Gurt los und lehnte den Kopf an die Scheibe, starrte nach vorn, etwas Willenloses meinte ich von der Seite in ihrem Blick zu finden und gleichzeitig etwas Unerbittliches, wie eine Beerdigung es einem auferlegt, wenn man nur die Wahl hat, sich entweder mit dem Tod oder mit dem Toten zu identifizieren.

Seiden-Präge-Tapete

Mila bekam zur Einschulung eine Katze und ein eigenes Zimmer. Sie übernahm Verantwortung, und der Tigertraum wurde von Katzenträumen verdrängt. Die Katze, weiß und rosapfotig wie ein Albinokaninchen, aber mit vergißmeinnichtblauen, kornblumenblauen, zichorienblauen Augen, wurde zu meinem bevorzugten Beobachtungsobjekt. Ich schlich ihr nach, wenn sie durch das Haus schlich, ich zählte die Mäuse, die sie fing, ich kontrollierte, ob und wie oft sie ihr Katzenklo benutzte und auf welchen Kissen sie sich niederließ. Die Katze besaß ein Katzenkissen auf der Kiefernholztruhe im Flur, das sie mied, sie besaß ein Frotteetuch auf Milas Fensterbank, das sie stark nutzte, sie schlief nachts zu Milas Füßen, was sie nicht durfte. Weil die Katze so weiß war, konnte sie sich unerkannt in den Federbetten des Elternschlafzimmers verbergen, im Sommer preßte sie sich auf die kühlen weißen Fliesen des Badezimmerbodens, sie wälzte sich auf meinem Teppich und stieß weißes Katzenhaar ab. Ich hatte den Eindruck, daß ich auf die Katze mit einer leichten Allergie reagierte. Manchmal mußte ich anhaltend niesen, manchmal fühlte sich meine Zunge pelzig an.

Zeitlose Streifentapete fürs Jugendzimmer

Kompensatorisch hängte ich in meinem Zimmer Apothekenposter mit großen Raubkatzen auf. Infame Apothekenposter, die die Kinder werbend an das Thema Krankheit heranführen sollten, ihnen das Thema Krankheit eigenartigerweise dadurch schmackhaft zu machen versuchten, daß auf ihnen jeweils eine Verkörperung von absoluter Gesundheit abgebildet war. Ich heftete einen brüllenden Löwen über mein Bett und einen schwarzen Panther an die Zimmertür. Abends im Bett sah ich die Schönheit der Linie, der wehrhaften Bewegung vor mir, ich stellte mir vor, ein solcher Panther zu sein, der in kraftvoller Eleganz über die Steppe jagt, dann wurde ich, kurz bevor ich einschlief, ein Königstiger, ein Sibirischer Tiger, ein Säbelzahntiger, der sich aus den Streifen der Tapete löste und meine Träume durchschritt.

Als Mila mit Pferdebildern konterte, tauschte ich das Pantherposter gegen einen Jaguar und den Löwen gegen einen Ferrari. Auch dies gab die Apotheke her. Ich frage mich manchmal, wie ich als Einzelkind durch die Pubertät gekommen wäre. So arbeitete ich mich an meiner Schwester ab, ich reagierte auf ihre Aktivitäten mit Gegenaktivitäten, genaugenommen mit kurzen Krankheiten, die mich in die Apotheke führten und die ich dann als Gegenaktivitäten auszugeben in der Lage war.

Linkrusta-Imitation

Im Werkraum in unserem Keller waren drei Wände kahl, auf der vierten prangte ein Stück Tapete mit goldenen Rankenornamenten, das Tante Sidonia aus der Wohnung ihres Dienstherrn mitgebracht hatte. Als die Pfarrerswohnung aufgelöst wurde, rettete sie diesen Tapetenrest und drängte ihn unseren Eltern auf. Unseren Eltern schien er für die eigenen Wohnräume zu altmodisch, wegwerfen wollten sie ihn nicht, schließlich klebten sie ihn in den Keller.

Die goldgrauen Schlingen umrankten die Ecken, umringten das Zimmer. Schimmernde Siegeskränze zwangen zu Anstand und Strebsamkeit, zu bedächtigem Handeln, gemessenem Gang. Wir schlichen auf Zehenspitzen vor dieser Tapete, wir senkten die Stimme.

Hier bereitete unser Vater seine Unterrichtsstunden vor, feilte seine Vorführstücke an der Werkbank zurecht, entwarf Tafeldiagramme, breitete maßstäbliche Zeichnungen aus.

Die Tapete hing wie übermäßiger Silberschmuck der Weihnachtstanne in seinem Rücken, wie das Lametta, das unsere Tante jedes Jahr neu aufgebügelt hatte, zu viele Facetten, zu viel Verzierung, zu oft wiederverwendet, Lametta, dessen unzählige Knicke längst stumpf geworden waren, lahmer Behang aus Andacht und Sparsamkeit, der längst nicht mehr aussah wie Silberfäden, sondern wie Eisen, wie Blei, ein mit Blei begossener Baum, der uns feinfädig-schwerfällig die Zukunft voraussagte, eine nach unten gerichtete Zukunft, von der Erdanziehungskraft bestimmt.

4 Glühbirnengleichnis

Man spricht vom Verlöschen des Lebenslichtes, man spricht davon, daß jemand in den Schatten eingeht, daß er ins Dunkel zurückkehrt, aus dem er kam. Als handele es sich bei diesem Dasein um einen Kurztrip durch Tag und Nacht, klar umrissen wie eine Kaffeefahrt, einsteigen in die Welt, aussteigen, und als bliebe der Tod, sobald wir eingestiegen sind, außerhalb.

In Milas Küche hing eine klassische Eßtischlampe, die das Licht nicht streut, sondern auf die Tischplatte ausrichtet. Die Lampe hing zu hoch, und sie hing nicht über dem Tisch, der an der Wand befestigt war und ausgeklappt wurde, die Mahlzeiten verliefen im Halbschatten. An diesem Abend entspannte mich das. Von schräg unten sah ich die klare Birne und ihren Glühdraht, es kam mir so vor, daß sie uns nicht im Blick hatte, und es schien mir besser so.

Mila nahm aus dem Kühlschrank eine schon angebrochene Flasche Cola und goß uns beiden ein Glas ein, als hätten wir einfach nur vor, gemeinsam Abendbrot zu essen. Sie hatte eine so selbstverständliche Art, diese Cola mit Eleganz zu servieren, mit langen kühlen Fingern die Gläser zurechtzurücken, ihr kinnlanges Haar zurückzuwerfen, sich dem Kühlschrank zuzuwenden, um den Rest zurückzustellen, daß ich das bereits etwas abgestandene Getränk, das sie mir vorsetzte, zu mir nahm wie einen edlen Aperitif. Dergleichen funktioniert vielleicht nur bei der eigenen Schwester, mit der man Kaufladen gespielt hat, Puppenküche und Restaurant. Mila jedoch war nicht zum Spielen aufgelegt, über ihrer Nasenwurzel stiegen senkrecht zwei Falten auf, ihre Mundwinkel bebten, das Zwielicht am Tisch zeichnete die maskenhafte Miene weich, als verschwände ihr wahres Gesicht dahinter im Halbdunkel. Ich hatte sie noch nie so angespannt gesehen. Von ihr ging eine unangenehme Energie aus, Wut, Ratlosigkeit und etwas wie ein schäbiger Triumph. Ich schob meinen Stuhl ein Stück zurück, duckte mich in die düsterste Ecke, bemühte mich hinter meinem Glas um Unauffälligkeit. Der braune Schaum platzte lahm und prickelte kraftlos in mein Gesicht, es würde kleben.

Gründlich ausgeleuchtet war in diesem Raum nur ein Teil des Fußbodens. Die Glühbirne blickte auf rotes Linoleum, darauf schwammen einige Brotkrümel, Teilchen von braunen Zwiebelschalen, die weißen leichten Hüllen von Knoblauchzehen, die jeder Lufthauch weiterbewegte, vor dem Mülleimer lag etwas Kaffeesatz.

Diese Dinge lagen und lagen nicht, sie wurden achtlos ausgestreut und regelmäßig aufgefegt, manchmal eine Mohrrübenscheibe, manchmal ein Tomatenstrunk. Aus der Sicht der Glühbirne, einäugig und unbeweglich, fehlte es diesem Bild an Tiefe, es kam einem abstrakten Gemälde nahe, in dem die Farben von größerer Bedeutung waren als die Form. Ein Bild, dessen Grundton gleich blieb, auf dem sich nur winzige Details, störrisch und flüchtig und wiederholbar, ab und zu verschoben.

Was die Glühbirne sah, waren Milas Bewegungen beim Aufsetzen des Teekessels, war ich, der ich den Raum verließ und wiederkam, war die Katze, die weißblitzend über die Dielen huschte und auf die Fensterbank sprang, ein Wischen nur, eine Unschärfe, die nicht stillhielt.

Was die Glühbirne sah, war eine Stubenfliege, die kopfüber am Lampenschirm entlanglief. Die Glühbirne sah aus nächster Nähe die behaarten Fliegenbeine, den borstigen Leib, das Schillern und Irisieren, die geäderten Flügel. Auf dem äußersten Rand trippelte die Fliege immer im Kreis, ein Endlospfad, auf dem sie mit ihren Haftfüßen festhing, eine ziellose Strecke, die sie mit mechanischem Eifer zurücklegte, automatische Fliegenflucht, Rennebahn.

Die Glühbirne sah nicht, daß sich die Wand in hell und dunkel teilte, als wäre sie in zwei verschiedenen Farben gestrichen. Die Horizontlinie, die die Bereiche trennte, schaukelte, wenn die Lampe leicht ins Pendeln geriet.

Auf dem Rand des Schattenfrieses, der die Decke und das obere Drittel der Küche verdüsterte, lief riesenhaft die Fliege. In allen Details, den staksigen Beinen, den Borsten, den monströsen Augen, übermäßig vergrößert, krabbelte ihr Schattenriß über die Wand und ließ seine plump-filigranen Glieder auf der einen Höhe rund um den Raum gleiten, nur an einer Stelle führte die Linie, leicht versetzt, über den Schrank; ein lächerlicher, wie ein Blechspielzeug aufgezogener und unermüdlich abschnurrender Fliegendämon, der uns kindlich-kriecherisch umkreiste, als wären wir der Mittelpunkt eines Karussells.

Meine Schwester goß Tee auf, sie senkte den Kopf über die Kanne, sie bemerkte nichts. Ich aber verfolgte das diabolisch geblähte Bild, es zog wieder und wieder seinen Kreis um uns, und die Geschwindigkeit schien zuzunehmen.

Mich schwindelte leicht, und gerne hätte ich meiner Schwester vorgeschlagen, das Deckenlicht zu löschen und statt dessen die Leuchtröhre über der Spüle anzuschalten, aber ich wagte sie nicht einmal auf das Schauspiel hinzuweisen, als dürfe nichts ihre Verschlossenheit, ihre Verstocktheit, ihren schweigenden Trotz unterbrechen. Der Tee war stark, er hatte zu lange gezogen, eine Assam-Sorte, die nach Kaffee schmeckte.

Als mir später bewußt wurde, daß wir den ganzen Abend nur schwarze Getränke zu uns genommen hatten, fand ich das passend und befriedigend. Wir hatten die fade Cola ausgetrunken, ein paar Dosen bitterer italienischer Pomeranzenlimonade, starken Kräuterlikör.

Auf der Fensterbank schlief die Nachfolgerin der alten Perserkatze, sie schnarchte leicht. Als die Erstkatze das Zeitliche gesegnet hatte, war ohne jede Rücksicht auf mich umgehend eine neue Katze angeschafft worden, die der alten aufs Haar glich. Mila hatte sich bei ihrem Umzug nach Berlin nicht von ihr trennen wollen. Ein Effekt war, daß ich unsere Eltern wieder entspannter besuchte, Mila jedoch seltener sah, als ich angemessen gefunden hätte. Meine Katzenallergie war nicht heftig, ich bekam keine Asthmaanfälle, aber sie beeinträchtigte mich. Wenn sich die Katze in der Nähe aufhielt, röteten sich meine Augen, mein Rachen begann zu jucken, ich nahm es meiner Schwester zuliebe in Kauf. Schlimmer war, daß Mila sich gewöhnlich über mich empörte, daß sie der Ansicht war, ich ließe meine Augen mit Absicht tränen, um sie ins Unrecht zu setzen. An diesem Abend war sie mit anderem beschäftigt. Sie sah mich nicht an.

Odilos Mutter hatte alle Personen benachrichtigt, die in seinem Adreßbuch standen. Die meisten Menschen, mit denen er Umgang gepflegt hatte, kannte sie nicht. Sie benachrichtigte sie pflichtgemäß, es interessierte sie nicht, wer an der Bestattung teilnehmen würde. Insgeheim erfüllte es sie wohl mit Groll, daß ihr Sohn überhaupt seine Zeit mehr und mehr mit Fremden verbracht hatte, sie versuchte, es vor sich selbst zu verbergen, und gab sich leutselig. Schon damals war sie ausgesprochen freundlich, ja übertrieben zugewandt gewesen, wenn ich Odilo traf, es schien mir oft, als halte sie sich für den eigentlichen Anlaß meines Besuchs, sie lachte und scherzte und brachte uns teures Gebäck, aber es war nur ein Manöver, ihre besitzergreifende Haltung von ihrem Sohn für kurze Zeit auf mich zu verschieben.

Ich konnte mir gut vorstellen, daß es ihr gelungen war, meine Schwester aufs höflichste zu informieren, mit ihr am Telefon zu sprechen und sie im selben Atemzug zu ignorieren, als sei Mila nur ein Gegenstand, etwas, das man abhakt. Meine Schwester hatte sich entsprechend während der Zeremonie in ein Ding verwandelt. Sie war in ein strenges schwarzes Kostüm gekleidet. Ich hatte nicht gewußt, daß sie eine so förmliche Gewandung überhaupt besaß, und nicht geglaubt, daß sie, die mit Kleidung so heikel war, dergleichen jemals anziehen würde. Aber es war ihr gelungen, damit in der Menge zu verschwinden, weder von mir noch von Odilos Mutter bemerkt zu werden. Und auch jetzt saß sie in diesem Kostüm am Tisch, als wäre sie nicht da, als sei dieser schwarze Stoff nur ein Stellvertreter, während sie selbst sich anderswo befand.

Ich bestellte beim asiatischen Restaurant um die Ecke ein Reisgericht für sie und ein Nudelgericht für mich, ich nahm die Lieferung an der Tür entgegen, wir lösten schweigend die Alufolie vom Styropor. War es meiner Schwester zuzumuten, an einem solchen Tag aus einer Wegwerfpackung zu essen? Überhaupt irdische Nahrung zu sich zu nehmen? Mit einer gewissen Ergebenheit stand ich nochmals auf, um Teller aus dem Schrank zu nehmen, aber Mila stocherte schon im Reis, schaufelte verbissen Gemüse in sich hinein, schob Fetzen von Hühnerfleisch zur Seite.

Die Geräusche, die Gerüche hatten die Katze geweckt. Sie erhob sich von ihrem Kissen, gähnte, buckelte, sprang von der Fensterbank und strich mir klagend um die Beine. Mein Hals schwoll an, ich bückte mich und tätschelte sie. Gleichzeitig bemühte ich mich, sie von mir wegzuhalten. Mila reichte ihr mechanisch ein Stück Geflügel unter den Tisch. Das zog die Katze von mir ab, wenn ich auch nicht gutheißen konnte, daß sich die menschlichen und tierischen Mahlzeiten auf diese Weise vermischten. Aber ich hatte, solange ich denken konnte, zu diesem Thema geschwiegen.

Gewöhnlich stellt sich nach einer Beerdigung Erleichterung ein, weil man selbst noch lebt und auch noch länger weiterzuleben gedenkt; eine vom ärztlichen Standpunkt aus gesehen völlig normale und auch gesunde Regung, die meiner Schwester keineswegs fremd war. Wir hatten teilgenommen, als man die Großeltern mütterlicherseits, unsere Großtanten und den Cousin unseres Vaters zu Grabe getragen hatte, Mila war immer gefaßt geblieben. Als Vierjährige hatte sie sich einmal auf ihren Stuhl gestellt und in die Trauergesellschaft gerufen: Et kütt wie et kütt. Und auf diese Einstellung hatte ich mich seither bei ihr verlassen können.

Jetzt: Befriedigung, aber keine Erleichterung, Schmerz, aber keine Trauer, eine eigenartige Intimität mit dem Tod, die ich abstoßend fand.

Ich selbst fühlte mich erleichtert. Ich war erstaunt, in welchem Ausmaß ich mich erleichtert fühlte. Nicht nur, weil wir die Zeremonie hinter uns gebracht hatten. Sondern als wäre eine Last von mir abgefallen, deren Existenz ich bisher, weil sie dauerhaft war, nicht bemerken konnte.

Aber war Erleichterung die richtige Bezeichnung? Eine kurze Erleichterung, abgelöst von einer Empfindung des Verlassenseins, auch diese nur kurz — ich hatte Odilo in den letzten Jahren so selten gesehen, daß es mir schwerfiel, an seine endgültige Abwesenheit zu glauben.

Meine Schwester umklammerte mit beiden Händen eine Dose Bitterorangenlimonade, die Katze leckte sich die Pfoten, strich über ihre Schnurrhaare und begab sich auf Milas Schoß, um sich dort einzurollen und weiterzuschlafen.

Es war normalerweise nicht ihr Stil, Dosenlimonade im Kühlschrank zu lagern. Sie mied Verpackungsabfall, sie trank Leitungswasser und Tee, ich fragte mich, woher die Dosen kamen, die man nur in Italien zu kaufen bekam, ich fragte mich, warum ihre Adresse in Odilos Adreßbuch stand.

Mein Freund — mein Widersacher? Es erboste mich, daß er meine Schwester offenbar näher kannte, wie es unsere selige Großmutter formuliert hätte, sie gekannt hatte, ein Skandal für mich, ein Affront gegen mich, eine Überschreitung von Grenzen, die ich zwar nicht gesetzt, aber deren Einhaltung ich vorausgesetzt hatte. Meine persönlichen Grenzen: Hingen sie nicht mit denen meiner Schwester zusammen? War er mir nicht, und auch noch ohne mein Wissen, zu nahe getreten? Zustände wie vor hundert Jahren, als viele die Schwester ihres besten Freundes ehelichten, nicht mangels anderer Gelegenheit, jemanden kennenzulernen, vielmehr um sich durch diesen Schritt auch der besonderen Verbundenheit des Freundes zu versichern, sich mit dessen Familie zu vereinigen, also in diesem Falle auch mit mir. Ein heimtückischer Übergriff, eine Zumutung. Körperlich bestand zwischen Mila und mir keine Ähnlichkeit, wir hatten keine gemeinsamen Merkmale, als seien alle Erbanlagen gerecht und ohne Wiederholung zwischen uns aufgeteilt worden. Mila dunkelhaarig, dunkeläugig, beweglich und extrovertiert, ich blaß und rotblond, empfindlich, auf Innenschau eingestellt.

Was mochte sie an Odilo gefunden haben, wenn man vorerst das Kriterium, daß er mein Freund war, außer acht ließ? Er war durchaus kein schöner Mann, nicht auf landläufige Art anziehend, er war ein ewiger Junggeselle und ein Muttersöhnchen, er war konservativ und verklemmt, er war Karrierist und Einzelkind, was mochte sie an ihm gefunden haben, wenn nicht, daß er für sie, wie für alle anderen, unerreichbar war?

Ein nicht direkt unerwünschtes, aber doch nicht erhofftes Kind, empfangen zu einer Zeit, da Eleonore Leonberger an ihre Fruchtbarkeit nicht mehr glaubte, ein Spätling. Er lebte mit seiner Mutter in einem Vorstadthaus in Klinkeroptik, mit schmiedeeisernen Fenstergittern und einem Treppenhaus aus gelben Glasbausteinen. Im Haus hatte es ehemals ein Geschäft gegeben. Das Ladenlokal war zum Wohnzimmer umgewandelt worden, man hatte das Schaufenster, das etwas hervortrat, mit Gardinen verhängt, und auf der überbreiten Fensterbank zog seine Mutter Kakteen und Azaleen und Orchideen, Pflanzen mit Doppel-E.

Er war als Kind bereits erwachsen gewesen, er hatte seine Jugend übersprungen. Von Kindern und Jugendlichen fühlte er sich in Frage gestellt. Er sah an ihnen vorbei, als fürchte und wünsche er ihre Aufmerksamkeit.

Odilo trug zu Hause Strickjacken wie der Kanzler, er war jemand, von dem man sich vorstellen konnte, daß er auch mit vierzig noch bei seiner Mutter wohnte, nachts, wenn sie zu Bett gegangen war, vor dem Fernseher saß und onanierte, auf eine eigenartige Weise Hausherr und auf eine ebenso eigenartige Weise zurückgeblieben; er suchte das Stockfleckig-Unbewegliche seiner Herkunft, die desolate Situation, seiner Mutter der Gattenersatz zu sein, mit Arroganz zu kompensieren.

Dieser Ort, der Vorort, Halbort, wo er wohnte, war einer jener Orte, an denen man auf das Älterwerden wartete, ein Ort, den man selbst als vorläufig betrachtete und der seinerseits unveränderlich blieb, ein Ort, dem das Vorläufige, notdürftig Angebaute, das Vorgartenhafte zum Dauerzustand geriet, und man mußte sich wundern, daß er es nicht anstrebte, den Ort seiner nicht einmal mißratenen, sondern schlicht ausgebliebenen Jugend zu verlassen, um endlich ein Leben zu führen, das seinem Erwachsenenstand, seinem Anspruch, seinem Intellekt entsprach.

Mila trank ihre Limonade aus und drückte ihre Dose mit einem Knacken zusammen. Sie knackte immer weiter, penetrant, knackfroschhaft, wütend und wild, unausstehlich, und ich leerte hastig meine eigene Dose, legte sie auf den Boden und trat hinein. Trat so hinein, daß sich die runden Scheiben von Deckel und Boden um meine Beerdigungsschuhe klemmten, wie ich es früher einmal auf dem Schulhof gelernt hatte. Knackend schritt ich in der Küche auf und ab.

Ich, sagte ich schließlich, muß unsere Eltern anrufen.

Die Eltern erwarteten, daß ich bei ihnen an diesem, meinem Kölner Abend übernachtete. Ich, sagte ich, weiß nicht, wie ich es ihnen erklären soll.

Die Fliege kreiste jetzt unter der Decke, die Katze blinzelte, ihre rosa Nase zuckte, sie streckte eine Pfote heraus, drehte sich und rollte sich behaglich wieder zusammen. Die Katze war faul und verwöhnt, sie ließ sich nur selten dazu herab, Fliegen zu fangen.

Unsere Mutter vor dem gedeckten Kaffeetisch, der Kaffee allmählich verdampft. Unser Vater am Fenster, die Auffahrt beobachtend. Das ganze Gerede vom Autounfall wieder akut.

Mila hob die Brauen. Du sagst ihnen, du kommst dort nicht weg. Die Trauerfeier dehnt sich ins Endlose aus. Seine Mutter hat dich in Anspruch genommen. Du mußt sie trösten. Sie zahlt dir ein Hotel.

Das sagte sie nicht, sie teilte es mit durch ihren Blick. Ausgeschlossen offenbar, den Eltern gegenüber ihre Teilnahme am Begräbnis zu erwähnen. Ausgeschlossen aber auch, den Eltern solche Märchen aufzutischen. In unserer Familie war es üblich, daß Verabredungen eingehalten wurden. Ich jedenfalls war zu Zuverlässigkeit erzogen. Und bisher war ich imstande gewesen, mein Leben so zu organisieren, daß mir, wenn ich etwas zugesagt hatte, nicht plötzlich etwas dazwischenkam.

Der Brummer heftete sich erneut an die Kante des Lampenschirms, nahm seinen Lauf wieder auf. Ich zwang mich, nicht mehr auf die Wand und den huschenden Schatten zu sehen, aus den Augen, aus dem Sinn.

Das Haus an der Beke, dem begradigten Bach, in den Rohre ragten. Im Winter der Bodennebel, weil das Abwasser, welches der Bach führte, warm war. Odilo, der abends im Dunkeln noch spazierenging, Formeln memorierte, nachdachte, Odilo, der durch den Bodennebel schritt.

Jetzt seine Mutter in diesem Haus, von Dämmerlicht umgeben. Mit alten Gewohnheiten, die nicht mehr zählten. Ihre demonstrative Stärke und das Mitleidheischende in dieser Demonstration.

Ich ging zum Telefon im Flur, hob den Hörer mit schlaffer Hand, mit einer Hand wie geronnenes Eiweiß, ich sprach mit belegter Stimme, mit einer Stimme, die in all ihre Einzelklänge zerfiel.

Ich kam mit dem Mantel über dem Arm zurück.

Mila schob die Katze weg und stand auf. An ihrem schwarzen Wollrock hafteten weiße Haare, sie schüttelte sie nicht ab. Ich sah mich die nächsten Tage mit Bindehautentzündung verbringen, mit Ausschlägen und Atemnot. Ich sah auch meinen dunklen Anzug weiß übersät, ich würde in ihm nach Hause fahren und mein Auto kontaminieren. Aber es war nicht der Zeitpunkt, kleinlich aufzurechnen.

Ich nahm sie in den Arm, ich drückte sie fest an mich.

5 Verblendklinker

Odilos Elternhaus lag neben den Weck-Werken in einem gemischten Wohngebiet. Von seinem Studierzimmer aus blickte er auf eine Zypressenwand, die den Palisadenzaun zum Glaswerk verdeckte. Man hörte Tag und Nacht die Bundesstraße, man hörte die Bahnlinie, auf der tags der Personennahverkehr und nachts der Güterverkehr vorüberrollte, man hörte ein nie nachlassendes Summen, da das Werk die Produktion in der Nacht nicht stoppte. Speziell des Nachts hörte man die Gabelstapler, die hinter dem Zaun die Paletten mit den Einmachgläsern verluden, ein durchdringendes Raunen, ein Einflüstern, gegen das man sich nicht schützen konnte.

Die Gläser waren gut abgepolstert; kein Scheppern, kein Klirren. Aber man bildete es sich ein, daß sich bei dem unentwegten Hin- und Hermanövrieren auch die Ware bewegte auf ihrem Weg zum Verladebahnhof; ich bilde mir ein, daß ihn das Knirschen, mit dem dickwandiges Glas aneinanderstieß, die ganze Nacht wachhielt. Haushaltskonservenglas, Weithalsgetränkeflaschen. Kerzenlicht-Glas, Verpackungsglas, Glasbausteine. Eine Umgebung aus Glas, das man nie zu Gesicht bekam.

Seine Mutter, Apothekerstochter, heiratete unter Niveau. Sein Vater erlag allzufrüh einer Krankheit, die Mutter lebte von ihrem Erbteil. Blieb in dem Haus mit der weißen Klinkerfassade, dessen Lage ihren Ansprüchen nicht angemessen schien, blieb dort aus Trotz.

Sie nahm es dem Gatten übel, daß er sie alleingelassen hatte, weigerte sich, ihr Schicksal zu akzeptieren, und zog Odilo wie ein Scheidungskind auf. Wenn man ihm begegnete, erfaßte man augenblicklich die Resignation seiner Mutter bei der Erziehung. Ihr fehlte das Einschätzungsvermögen, daß seine kindliche Affektiertheit nicht altersgemäß war, daß sein Erwachsenengehabe auf Verzweiflung beruhte, und sie beabsichtigte auch nicht, dagegen anzuwirken. Sie hatte ein Kind, vernünftig und ruhig, mit dem sie sich austauschen konnte. Ein fleißiges, ein ehrgeiziges Kind, überbehütet, eingeschlossen, verwöhnt, und doch in den entscheidenden Punkten im Stich gelassen. Er war schon als Kind ganz auf sich gestellt. Schon als Kind war er einer von denen, deren Leben sich leicht zur Patientengeschichte entwickeln kann. Schon als Kind sah ihn sein Umfeld als Fall.

Er bezog das väterliche Arbeitszimmer, das noch die Möbel des Verstorbenen enthielt. Sein Vater hatte diese Möbel kaum genutzt, er war den ganzen Tag außer Haus gewesen. Odilo hingegen empfand diesem Raum gegenüber eine Verpflichtung, er bemühte sich, in ihn hineinzuwachsen, sich wie eine Intarsie in ihn einzubetten. Ich sehe ihn sepiafarben in diesem Raum, er vergilbt immer mehr, er verschwindet in einem erschreckenden Tempo in der Umgebung, den dämpfenden Teppichen, den hohen Bücherregalen mit ledergebundenen Klassikern, er geht chamäleonhaft in dieser Umgebung auf.

Den Tag vor seinem Unfall, es war ein Samstag, verbrachte er, so viel weiß ich von Frau Leonberger, in äußerster Normalität.

Er wohnte immer noch im Haus seiner Mutter. Oft witzelte er darüber, daß er die Rolle des Partnerersatzes blendend ausfülle, aber er sah keinen Grund, die Situation zu verändern. Warum sollte er eine teure andere Wohnung suchen, wenn er ausreichend Räume zur Verfügung hatte, und wer sollte seiner Mutter Gesellschaft leisten, die anfallenden Reparaturen im Haus erledigen, den Garten pflegen, wenn nicht er?

Er stand im Morgengrauen auf und setzte sich an den Schreibtisch. Er beobachtete, wie es zwischen den Eibenzweigen heller wurde, wie der fahle Tag in sein Zimmer drang, die alten Möbel zu atmen begannen. Mit einem karierten Stofftaschentuch entfernte er eine Staubflocke, die sich auf halber Höhe an der Velourstapete festgesetzt hatte.

Er arbeitete, bis es richtig hell war, dann knotete er den Gürtel seines Morgenmantels fest, setzte in der Küche die Kaffeemaschine in Betrieb, wusch sich, während der Kaffee durchlief, im Gäste-WC, trug die Warmhaltekanne leise in den ersten Stock zu seinem Arbeitsplatz. Etwas später trat er barfuß auf die Terrasse hinaus, um Atemübungen auszuführen.

Er schritt über die bereifte Wiese, vorüber am ehemaligen Hühnerstall, in welchem jetzt Gartengeräte lagerten, der Sonnenschirm und die zerlegte Hollywoodschaukel, er schüttete Ölsamen in das Vogelhaus zwischen zwei Rhododendronbüschen, ließ die restlichen Körner auf den Boden des Pappkartons zurückrieseln, und die harten Halme unter seinen Sohlen knackten. Er hinterließ eine dunkle Trittspur im Gras. An der Schwelle zur Küche lag ein Handtuch bereit, er trocknete sich die Füße ab und zog Kniestrümpfe an.

Die kleinbürgerliche Umgebung, in die er nicht paßte. Der Friseursalon an der Ecke, dessen Besuch er vor sich selbst gewissermaßen geheimhalten mußte. Von außen blickte er auf die damenhaften türkisblauen Trockenhauben, die mit sehr langen Hälsen und hochtoupierten Schaufrisuren beieinanderstanden und einen Leistungsvergleich ihrer Haargebilde anstellten. Er selbst begnügte sich mit einer normalen Kabinenfrisur. Ließ sich die Haare sehr kurz schneiden, soldatisch kurz, den Nacken ausrasieren. Das kurze Haar stand ihm nicht.

Der Friseur nahm ihm den Umhang ab, er wackelte mit dem Kopf, eine rasend schnelle, kleine Bewegung, wie ein nasser Hund sich schüttelt, ein Tick, den er sich für diese Friseurbesuche vorbehielt, als gelänge es ihm damit, Dinge ungeschehen zu machen.

Die drei Stufen hinab auf den schmalen Bürgersteig, der verlassen dalag, wie ausgefegt. Die Damenhauben kicherten elegant, dazwischen sein Gesicht, mondweiß schwebte es um die türkisen Türme, fast haarlos, sehr nackt. Es löste sich in immer größerer Helligkeit auf, bis es im Spiegeln der Scheibe verschwand.

Gegen Mittag brachte er zwei Tortenstücke vom Konditor mit. Er bereitete zwei Teller vor, wickelte das Seidenpapier vorsichtig ab und faltete es zärtlich zusammen, er zog das Fettpapier von der Sahnegarnierung und leckte es sauber, bevor er es wegwarf. Er deckte den Kaffeetisch, stellte eine Kerze auf, und während er wartete, daß seine Mutter herunterkam, wedelte er mit einem antistatischen Tuch über den Porzellanpfau, der unentwegt einstaubte. Er besprühte die Orchideen. Seine Mutter kam.

Narkotisierter Nachmittag. Er saß an seinem Schreibtisch, das Licht schien vom aufgeschlagenen Buch, von unten her auf sein Gesicht zu fallen. Er arbeitete unentwegt. Er hatte kein Hobby. Er brauchte kaum Schlaf.

Seine Mutter war außer Haus. An den Samstagen fuhr sie zum Einkaufen nach Köln. In einer Zimmerecke plätscherte ein Aquarium, Neonfische standen in Sekundenstarre, Wasserpflanzen wiegten sich in hypnotisierendem Algentempo, und das Plätschern schien sich in grünlichen Blasen vom Aquarium zu lösen, anzuschwellen, ich sehe Odilo in diesem Grün phosphoreszieren, dann erreicht die Blase die Zimmerwände und zergeht, während sich die nächste schon bildet: Er schien immer wieder aufzuflackern in diesem allgemeinen Sepiaton, inmitten der wuchtigen alten Möbel seines Zimmers, die er behutsam berührte, als wären es Haustiere, groß und geduldig.

Unten drehte sich der Schlüssel in der Tür, seine Mutter stellte ihre Handtasche auf die Anrichte, hängte den Mantel in den Garderobenschrank, stieg aus den Schuhen, die irgendwo verschwanden, schlüpfte in schwarze Samtpantoletten mit Keilabsatz. Niemand, nicht einmal sie selbst, bekam in diesem Haushalt das Innere eines ihrer Schuhe zu Gesicht. Niemand sollte das verfärbte Leder, die dunkleren Druckpunkte, wo der Fuß die innere Sohle berührte, diese seltsame geruchsintensive Intimität wahrnehmen; skandalös genug, daß die Verformungen des Außenleders, die Beulen, die ihr Hammerzeh jedem Schuh zufügte, nicht kaschiert werden konnten, nicht durch das Tragen von Hüten, Pelz noch Parfüm; der Blick ging nach unten, alles fiel auf. Frau Leonberger bewegte sich mit sehr kleinen Schritten, auch wenn sie keine langen Schlauchröcke trug, die sie behindert hätten. Sie schob die Füße voran, ohne sie wirklich vom Boden zu lösen, es waren vornehme und zähe Schritte, aber dennoch wirkte sie mit diesen Pantoffelschrittchen immer kränklich, sie wirkte anfällig und älter, als sie war.

Seine Mutter kam die Treppe herauf, sie klopfte an, trug einen schweren Duft herein, das Blitzen von Gold. Für einen Moment verharrte sie in der offenen Tür, wie jemand, der sich vergewissert hat, daß die Kinder keinen Unfug treiben, und der sich nun noch eine kurze Weile der Versunkenheit erlaubt, ihr Spiel betrachtend, ihre Freiheit und Friedlichkeit. Aber Frau Leonberger sah nicht auf ihren Sohn, sie sah aus dem Fenster auf die Eibenzweige, deren schwarze Nadeln kreuz und quer gegen die Scheibe stießen, sich überlagerten, eine abstrakte Fläche, die alles verschloß.


Schwere Tischtücher, Porzellan mit Goldrand, Silberbesteck. Die kalte Mahlzeit, die sie einnahmen, Graubrot mit Salami, Schwarzbrot mit Heringssalat, schwarzer Tee mit Milch.

An den Rändern bodenlange Vorhänge, düstere Möbel, ein hochgepolstertes Sofa, in das man keinen Millimeter einsank. Auf der Anrichte sangen Sammlerfiguren in einem stummen, domestizierten Engelschor.

Er saß steif am Tisch, sein Teller bereits leer. Nur seine Füße bewegten sich, er hielt die Fersen am Boden und rollte wieder und wieder die Zehen ein. Verlegene Wellen, peinlicher Aufruhr, ein verwüstetes Meer in ihm, das er durch Körperspannung zurückhalten wollte.

Die Straßenlaternen im Dunst, Luft, die nach Kartoffelschalen schmeckte. Lichtglocken, die nicht weit reichten, Lampen im Einmachglas. Er ging wie jeden Abend um den Häuserblock, etwas vorgebeugt, seine Gedanken ordnend. Die Feuchtigkeit hing in den zugewachsenen Vorgärten mit ihren Eiben, ihren Lebensbäumen und Wacholdersträuchern, in den Moosen auf niedrigen Mauern, sie hängte sich in sein kurzgesäbeltes Haar. Er zog die Jacke fest um sich, er ging sehr schnell.

Sein Schönheitsbedürfnis, seine Liebe zur Natur — er war Abend für Abend vor die Aufgabe gestellt, die erbärmlichen Bepflanzungen der Siedlung, die gepflasterten Einfahrten mit grasbewachsenem Mittelstreifen, die den Verkehr beruhigenden Rabatten, die Gelbflechten auf den Bordsteinen mit dem Blick eines Zen-Mönchs zu sehen. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die Muster, die Wiederholungen, die Regelmäßigkeiten, auf den einen immer wiederkehrenden Vogelbeerbaum die ganze Straße lang. Dann auf die Abweichungen, den bizarren Wuchs einer Araukarie, das feine Rascheln von trockenem Pampasgras. Er nötigte sich selbst, aus der Vorhölle der Vorstadtsiedlung einen Vorhof der Ästhetik zu schaffen.

6 Dunkelbilder

Ich sitze in meinem Büro und pfeffere einen Radiergummi gegen ein paar Tablettenschachteln, die ich als halbharte Ziele auf dem Besucherstuhl aufgebaut habe. Wut, wenn sie denn schon ausgelebt werden soll, auf keinen Fall an leidensfähigen Objekten abreagieren, Regel Nr.2. Ich bleibe auch selbstredend zu den Patienten ausgesprochen höflich, ich habe noch nie einen Pfleger in barschem Ton zurechtgewiesen, Kommunikation in heiligenhafter Beherrschtheit ist mir zur zweiten Natur geworden, Regel Nr. 1.

Haloperidol fällt, Lorazepam fällt, Amitriptylin fällt, auch Diazepam. Amphetamin, eine schmale elegante Schachtel, nicht leicht zu erwischen, bleibt stehen, ich verschreibe gerne Amphetamin. Und ich nehme es auch gerne selbst, wenn ich Diagnosen schreiben muß wie jetzt und mich nicht darauf konzentrieren kann.

Ich notiere mir meine vier Punkte, ich stelle alle Packungen wieder auf.

Ich hebe schon die Hand, um wieder auszuholen, als mir bei dieser Bewegung einfällt, wie ich im Traum dieser Nacht eine Klingel drückte, und für einen Moment bin ich wieder von atemloser Erwartung gepackt.

Dann hole ich Schwung und fahre in der Wurfbewegung fort, der Radiergummi prallt gegen die Wand, ich werfe einen Kugelschreiber nach, ich fege mir die Tablettenschachteln in den Arm, lasse sie eine nach der anderen an die Wand klatschen.

Ich fuhr im Traum mit meinem Dreigangrad an den Strohblumen-, den Kopfsalat- und Rotkohlfeldern des Vorgebirges entlang. Es roch nach Kamille und zerhäckselten Rübenblättern. Auf meinem Gepäckträger klemmte ein Einkaufskorb aus dem Lebensmittelladen. Der rote Plastikgriff schlug bei jeder Bodenwelle gegen das Metallgitter, und im Korb hüpfte die Sammelbüchse scheppernd ein Stück in die Höhe. Ich war in Mission meiner Meßdienergruppe unterwegs, wir unterstützten notleidende Kinder in Ruanda, und ich war übereifrig losgefahren, ich strampelte in eine Gegend, die bisher niemand in Betracht gezogen hatte. Sie lag außerhalb unserer Kirchengemeinde, sie gehörte nicht zum Sammelgebiet.

Weiße Klinkerfassade hinter düsteren Nadelgewächsen. Schwarze Eibenzweige schnellten von meinen Speichen zurück, als ich mein Fahrrad über die Bruchsteinplatten schob, den Ständer ausklappte.

Ich drückte die Klingel, ein Junge meines Alters, dünn und dunkelhaarig, öffnete die Tür.

Frau Leonberger sei nicht da.

Er trug braune Cordhosen mit Knieflicken, einen kamelfarbenen Pullover, Altmännerschlappen aus grauem Filz.

Auch Kinder könnten spenden, erklärte ich. Rappelte großspurig mit der Büchse. Man habe Taschengeld. Not in Ruanda. Ein Opfer bringen.

Opfer? erwiderte er verächtlich. Seine Mutter hätte eventuell etwas gespendet, aber er persönlich halte nichts davon. Man befriedige sich doch nur selbst in dem Gefühl, etwas Gutes zu tun. Ich solle mich nicht ausnutzen lassen. Meine Fähigkeiten besser verwenden.

Ich fand diese Reaktion für ein Kind in meinem Alter unerhört. Vor mir selbst mußte ich einräumen, daß ich eigens zu weit gefahren war, um mit einer besonders schweren Büchse positiv aufzufallen, daß ich es auf das Gemeinschaftsgefühl abgesehen hatte, das Schulterklopfen, die Verkündung in der Sonntagsmesse, daß die Sammlung soundso viel eingebracht habe, und davon gehe allein folgender Betrag auf das Konto des Meßdieners Altfried J.

Unsinn, sagte ich, man hilft anderen. Wann seine Mutter wiederkomme?

Sie käme erst, wenn es dunkel sei. Bis dahin, befand er herablassend, müsse ich längst zu Hause sein.

Aber er werde mir etwas zeigen, was wertvoller sei als die paar Mark, auf die es mir offenbar ankomme.

Auf seinen Wink hin zog ich meine Schuhe aus und stellte sie auf die innere Fußmatte. Zwischen die Schuhe plazierte ich die Büchse, als würde sie dadurch bewacht, und folgte ihm eine Treppe hinab.

In dem Kellerraum, in den er mich führte, blinkten im Licht, das vom Flur einfiel, mehrere leere Aquarienbecken. Dann glitt die Tür ins Schloß, es war finster, ich glaubte mich eingesperrt. Unter meinen Füßen fühlte ich eine Bastmatte, dann spürte ich seinen Körper neben mir, seine Schulter lehnte an meiner, sein Kopf mußte dem meinen relativ nah sein. Ich drehte das Gesicht weg, ohne die Berührung aufzugeben.

Siehst du es?

Er hatte das Kellerfenster abgedichtet, die Dunkelheit war vollkommen. Ich sah nicht das geringste. Es roch unangenehm nach Fisch. Ich meinte, mir diesen Fischgeruch einzubilden, weil ich zuvor die Aquarien gesehen hatte, imaginäre Ausdünstungen dieser Aquarien also, aber schließlich ging das Licht an und ich sah die Heringe, zwei Salzheringe auf einem Teller.

Siehst du es, sagte er. Sie leuchten.

Normalerweise hätte ich etwas Freches entgegnet, aber ich spürte noch immer seine Schulter an meiner, ich befand mich, so gut wie eingesperrt, auf Socken in seinem Keller, und ich hielt den Mund.

Sie leuchteten, erläuterte er, weil sich auf ihnen ein Photobakterium vermehre. Sie leuchteten nicht wirklich selbst, sondern das Bakterium, Vibrio fischeri, ziehe seine Energie, seine Lichtenergie aus den toten Fischen. Er habe den Versuch nachgestellt, und man könne es wirklich sehen.

Als das Licht erneut ausging, meinte ich ein vages Schimmern wahrzunehmen. Ich war mir nicht sicher. Wenn eine Glühlampe verlöscht, sieht man immer ein Nachleuchten in sich selbst.

Solche Experimente kann jeder machen, sagte ich, während ich hinter ihm die Kellertreppe hochstieg. Besser, du würdest spenden.

Arme Kinder, knurrte er, als wir die Treppe ins obere Stockwerk erklommen. Ein altertümlich eingerichteter Raum mit einem wuchtigen Eichenschreibtisch, auf dem ein buntes Federmäppchen lag, ein Stapel seiner Schulhefte, ein Zeichenblock, von dem eine Micky Maus lachte. Er zog die Schublade auf, entnahm einer Brieftasche einen Zehnmarkschein und faltete ihn schmal zusammen.

Unten warteten meine Schuhe auf der Matte, nicht mehr einwandfrei riechende Turnschuhe, deren Innenfutter halb in Fetzen hing. Ich zog sie an und nahm die Büchse an mich. Er steckte den Schein durch den Schlitz und klopfte noch einmal gönnerhaft nach. Niemand hatte bisher mehr als ein oder zwei Mark gespendet.

Ich schaltete vom zweiten in den dritten Gang und fuhr durch den Wind über die Felder. Die Büchse wie Blei auf dem Gepäckträger. Ich hatte den Eindruck, daß alles an mir nach Fisch roch.

Gleichaltrige: Wir waren keine Schulkameraden. Wir besuchten mitnichten dasselbe Gymnasium. Aber wir teilten dennoch Ort und Zeit, das Aufwachsen im Rheinland, die Kindheit im gleichen Großklima, teilten die Prägungen der Gegend, den Abscheu vor Karnevalsfestivitäten, die Weigerung, im rheinischen Singsang zu sprechen, das Grundgefühl, in dieser Region stets im Abseits zu sein. Biographische Aufrechnung: Ich hatte in der Grundschule eine Klasse übersprungen. Da ich zwei Jahre Zivildienst leistete, er hingegen wegen seines Herzfehlers von der Wehrpflicht befreit wurde, war er mir schließlich im Studium ein Jahr voraus. Als ich ihn kennenlernte, studierten wir bereits, und er verbrachte seine Tage im Labor.

Er bettete Gewebeproben in Paraffin ein, zerschnitt das so stabilisierte Material in hauchdünne Scheiben, legte die Präparate unter das Mikroskop. Er entnahm Brutschränken Zellkulturen, hantierte mit flüssigem Stickstoff, ließ aus der Pipette Tropfen in Reagenzgläser fallen.

Odilo kam sehr früh, er kam vor allen anderen, hielt die Augen gesenkt. Er blickte an sich herab, sah auf den billigen Bodenbelag, sah sich voranschreiten. Die Institutsflure blendete er aus, ihn empörte die schönheitsabstinente Bauweise der siebziger Jahre, er stellte sich genau so auch die Flure im Sozialamt, in allen demütigenden Ämtern vor.

Bevor er mit der Arbeit begann, hielt er sich eine Weile in dem Vorzimmer auf, in dem das Aquarium stand. Es war ein Raum ohne Tageslicht. Sein Vorgesetzter, ein lässiger Typ, der in Turnschuhen ins Institut kam und sich von den Studenten duzen ließ (was Odilo eisern verweigerte), hatte aus einer Laune heraus auf Institutskosten dieses Aquarium anschaffen lassen. Es beherbergte einige Tannenzapfenfische, an denen sich Leuchtorgane beobachten ließen, und diente weniger der Forschung als vielmehr Repräsentationszwecken. Sollten sich jemals Gäste in diesem Institutsbereich einfinden, würde ihnen gleich ersichtlich sein, womit man sich hier befaßte.

Der Tannenzapfenfisch besaß große gelbe Schuppen, die braun umrandet waren und ihm das Aussehen eines Mischwesens aus Tannenzapfen und Ananas verliehen. Das Leuchtorgan wurde bei geöffnetem Maul sichtbar; an den inneren Lippen lockte es Beute an, die dann im Schlund verschwand. Odilo schloß die Tür, schaltete das Licht aus, setzte sich vor das Becken und meditierte über die blaugrünen Punkte, die durch die Dunkelheit zuckten. Die Leuchtpunkte glitten körperlos vorüber, ihn faszinierte ihre fraglose Eleganz, und doch dienten sie ausschließlich der Täuschung, verübten sie einen Betrug am Gejagten, was man mißbilligen konnte. Odilo allerdings vermied es, einen Gedanken der Mißbilligung zu denken.

Er dachte daran, daß sein dilettantischer Vorgesetzter als erstes Meerestier einen Laternenfisch bestellt hatte, der einige Lichtblitze produzierte und bald verendete, da die Druckverhältnisse im Becken nicht seinem Bedürfnis entsprachen. Der Laternenfisch hatte Licht ausgesandt, wenn ihm das leuchtende Zifferblatt einer Armbanduhr vorgehalten wurde. Er reagierte nicht auf Taschenlampen und größere Scheinwerfer; das Licht mußte so dosiert sein, daß er es als seinesgleichen erkannte.

Dann verdrängte Odilo auch den Gedanken an den bedauernswerten Laternenfisch und legte sich neben das Becken auf den Boden. Aus den Augenwinkeln verfolgte er die Punkte, die an einer gedachten Linie entlangliefen, von ihr ausschwärmten, zurückfanden, er schloß die Augen und atmete tiefer, entspannte sich, ließ seinen rechten Arm schwerer werden, wie er es im Entspannungskurs gelernt hatte, er stellte sich vor, sein bleischwerer Körper werde vom Glanz des Universums erfüllt. Es war ganz einfach. Zehn Minuten autogenen Trainings ersetzten ihm drei Stunden Schlaf.

Die Lichter unter seinen Lidern verschoben sich geräuschlos. Nur die Apparaturen des Beckens rauschten, die Pumpe dröhnte, im Hintergrund summte etwas. Odilo erhob sich, als er hörte, wie sich der Fahrstuhl in Bewegung setzte.

Er fing mit einem Griff eine Maus aus ihrem Käfig, setzte ihr einen Nasenkegel auf, durch den das Anästhetikum verabreicht wurde, und hielt sie fest, bis sie betäubt zusammensackte. An der vorgesehenen Körperpartie rasierte er die Maus, zuerst mit einem elektrischen Rasierer, dann entfernte er überzähliges Haar mit einem handelsüblichen Gel. Er desinfizierte die Haut, zog sie straff, stach die Spritze ein. Er legte die schlafende Maus in ihren Käfig zurück. Wenn sie wieder zu sich kam, sollte sie ein wenig laufen, damit sich der injizierte Stoff D-Luciferin Firefly, die Leuchtsubstanz des amerikanischen Glühwürmchens, richtig verteilte.

Er schloß die Tür der Lichtbox und nahm zunächst ein Dunkelbild des leeren Kastens auf. Dies war entscheidend, um Hintergrundflimmern und Störsignale berücksichtigen und später eliminieren zu können. Dann steckte er die Schnauze der Maus wieder in den Nasenkegel, befestigte ihren kleinen Körper an einem Sicherheitsnetz, folgte routinemäßig den Anweisungen.

Das Tier wird schwach belichtet aufgenommen, um seine Körperposition und die Lage der Organe zu bestimmen.

Ein Biolumineszenzbild wird sofort im Anschluß aufgenommen.

Nach der Bilderserie nochmals ein Dunkelbild.

Auf dem Computerbildschirm legte Odilo die Dunkelbilder übereinander. Das Dunkelfeld wies erhebliche Unregelmäßigkeiten auf, es zeigte verzitterte Wellen wie auf einer Meeresoberfläche bei wenig Wind. Er lud das Biolumineszenzbild hoch und subtrahierte von diesem das gemittelte Dunkelbild. Das Lichtsignal brach ellipsenförmig aus der Schwärze; kein Mond, eher ein Loch, ein Glutkern, der sich vorfrißt und alles zu entzünden droht; ein Loch, das den Blick, der vom Schwarz abprallte und auf sich selbst zurückgeworfen wurde, in sich hineinzog, in eine gleißende äußerste Ferne.

Bestimmen Sie eine Region des Interesses, um das Signal zu messen und zu integrieren.

Er zeichnete die Region des Interesses ein, lud das Lichtbild hoch und legte das Biolumineszenzbild darüber, ließ den Hintergrund transparent werden.

Die Maus lag ausgebreitet auf dem Sicherheitsnetz, die Beine von sich gestreckt, den Schwanz locker zwischen den Hinterbeinen. Die Fußsohlen waren nach oben gekehrt und zeigten ihre Nacktheit, die Ohren fast durchscheinend, der Kopf leicht angehoben aufgrund des Nasenkegels, der Nacken warf feine speckige Falten.

Auf den übereinandergelegten Aufnahmen war das Lichtsignal in Regenbogenfarben dargestellt. Die höchste Intensität markierte ein roter Fleck, umgeben von gelben, grünen, türkisfarbenen Ringen, die am Rand in ein zerfranstes Violett ausliefen. Im Hintergrund ließ sich das Innere der Lichtbox erkennen, das Metallgehäuse mit seinen Vorrichtungen, über das wie ein Tennisnetz quer das Netz mit der Maus gespannt war. Der bunte Fleck an ihrem Oberschenkel wirkte übertrieben, wie eine Comiczeichnung, die auf einem realistischen anatomischen Foto die Aufschlagstelle des Balls markiert.

Mittags brachte ihm eine Kollegin aus den Niederlanden, die ihn nicht interessierte, eine Ochsenschwanzsuppe aus dem Automaten im Foyer. Er löffelte die Brühe mit höflicher Todesverachtung, nickte zu den Ausführungen der Kollegin, registrierte alarmiert, daß sie unter Kopfschuppen litt, die den Kragen ihrer dunkelblauen Bluse sprenkelten, er duldete gleichwohl, daß sie das gebrauchte Plastikgeschirr für ihn entsorgte, verabschiedete sie und desinfizierte seinen Arbeitstisch.

Die Maus wird sanft erwärmt, bis die Venen der Schwanzwurzel leicht geschwollen sind. Hier erfolgt die Injektion.

Für die Aufnahmen, die über eine Zeitspanne von 30 Minuten bis zu einer Stunde erfolgen sollten, wird die betäubte Maus auf den Rücken gelegt, mit Hand- und Fußfesseln versehen, der Schwanz abgedeckt.

Wie äußerst verlangsamte Blitze kriecht nun das Licht die Leisten der Maus hinauf, durchzieht die Lymphbahnen bis zur Achsel, illuminiert die Lage der Lymphknoten in normalem Gewebe.

Die Maus wird in ihren Käfig zurückgesetzt. Üblicherweise erholen sich die Tiere innerhalb von fünf Minuten.

Mein sogenanntes Bereitschaftszimmer im Schloß ist in Wahrheit ein Dauerbereitschaftszimmer, ich stehe Tag und Nacht zur Verfügung, ich wohne hier. Außer dem Bereitschaftszimmer, in dem ich schlafe, wurde mir ein Büro zugeteilt, das zugleich als Therapiezimmer dient. Ich empfange hier die Patienten zu Einzelgesprächen. Für die Gruppentherapie ist das Büro zu klein, diese findet im Speisesaal statt und beginnt damit, daß alle Teilnehmer die Tische zur Wand rücken und in der Mitte einen Stuhlkreis bilden. Schon an dieser minimalen Initiative entzünden sich die ersten Konflikte, und wir beginnen in medias res. Ich bin mir mit meiner Chefin nicht einig, ob wir diese Initialinitiative durch Verlegung der Gruppensitzungen in die Bibliothek lieber vermeiden oder im Gegenteil das Initiatorische noch verstärken sollen, indem wir die Patienten auffordern, die Tische nach den Gesprächsrunden und also vor den Mahlzeiten in ihre alte Ordnung zurückzurücken. Hierfür ist bislang das Küchenpersonal zuständig, die Patienten bilden den Stuhlkreis, das Küchenpersonal löst den Stuhlkreis wieder auf. Frau Dr. Z. findet das bourgeois und tröstet sich damit, daß auch das Küchenpersonal zum Teil aus Patienten besteht, die dort Hilfsdienste verrichten, ich hingegen glaube, daß die Gespräche im Kreis größere Effekte zeitigen, wenn zu einem stillen, besinnlichen Ende gefunden wird, alle in stummer Andacht auf ihre Zimmer gehen und das Geschehene nachwirken lassen können, ich glaube, daß ein neuerliches Schieben der Tische und Umsetzen der Bestuhlung, mit dem damit verbundenen nervenzerrüttenden Quietschen, Ratschen und Poltern, der lärmenden Sperrigkeit alle guten Ansätze sofort wieder zunichte macht. Die Ruhe des Kreises soll bis zuletzt bleiben: So viel Luxus muß sein.

Bevor ich die Medikamentenpackungen aufsammele, alles zurück an seinen Platz stelle, werte ich den nächsten Anamnesebogen aus. Ich gebe mir Mühe, zu klaren Ergebnissen zu kommen, denn ich muß die Diagnose mit Frau Dr. Z. besprechen. Sie hält nichts von Vagheit, nichts vom Wahrscheinlichkeitscharakter einer Störung, sie mutmaßt nicht.

Etwas später verlasse ich mein Büro, die Diagnosen säuberlich unterm Arm, und stoße fast mit dem Patienten B. zusammen. Ich sehe es an seinem Mienenspiel, erst erschreckt, dann ertappt, dann verärgert, daß er an meiner Tür gelauscht hat. Tablettenschachteln, die gegen die Wand klatschen, können recht laut werden, und ich zucke selbst zusammen bei dem Gedanken, er könnte Frau Dr. Z. petzen, daß der Arzt Janich seinen Patienten den Podex versohle. Ich räuspere mich und sage zu Herrn B., daß ich mir nichts vorzuwerfen habe. Ich räuspere mich und teile ihm mit, daß in fünf Minuten die Sport- und Entspannungsstunde beginnt, an der er sonst immer teilnimmt. Herr B. setzt sich verstockt auf einen der Wartestühle in meinem Korridor und macht keine Anstalten, sich zum Sport zu begeben. Dabei hat er bereits Sportkleidung angetan, einen Trainingsanzug mit Reflektorstreifen, die im schummerigen Korridor markante Signale aussenden.

Biolumineszenz war die große Leidenschaft von Odilo. Von ihm weiß ich sehr genau, zu welchem Behuf die lebenden Wesen Leuchtmittel einsetzen. Beim Anblick von Herrn B. höre ich wieder Odilos dozierende Stimme, und ich rattere vor mir selbst pflichtschuldigst die verschiedenen Funktionen herunter, als könnte ich Odilo damit Ehre erweisen.

Fünffacher Grund der Biolumineszenz:

1. Anziehen eines Geschlechtspartners

2. Schutz — Täuschung — Tarnung

3. Abschreckung — Warnung — Blendung

4. Anlocken von Beute

5. Orientierung — Wegbahnung

Im Fall von Herrn B. dient die Reflexionsfolie vor allem der Selbsttäuschung, wie ja die meisten von den Patienten angestrengten Maßnahmen der Tarnung, Täuschung und Selbsttäuschung dienen. Es ist offensichtlich, was ihn daran fasziniert. Jemand, der sich seiner Mängel zu bewußt ist, der sich schutzlos und dünnhäutig, häßlich und sterblich fühlt, hat selbstverständlich ein Interesse daran, größer, schrecklicher, giftiger und gefährlicher zu scheinen (Punkt 3), hat den Wunsch, sein Ungenügen an sich und der Welt zu kaschieren (Punkt 2), die eigene Unscheinbarkeit und Entfremdung in einen künstlichen Nimbus zu verwandeln (Punkt 1). Tatsächlich scheint Herrn B.s Körper im Korridorhintergrund zu verschwimmen, während sich die Leuchtstreifen in den Vordergrund drängen und die Blicke auf sich ziehen. Ihm mag es sogar bei der Orientierung (Punkt 5) helfen, wenn er glaubt, daß sich sein zersprengtes Ich hinter einem grellen Gitter verbirgt; ein leuchtender Käfig, in dem die Persönlichkeitsanteile toben.

Im Normalfall strebt ein leuchtendes Lebewesen nur einen vorrangigen Nutzen an und arbeitet nicht die gesamte Liste ab. Glühwürmchen beispielsweise leuchten, um einander zum Zwecke der Fortpflanzung leichter zu finden. Herr B. ist ein Fall, der praktisch alle Anwendungen abdeckt. Und was den Punkt 4, Anlocken von Beute, betrifft, muß ich mir redlicherweise die Frage stellen, ob es sich bei der Beute etwa um mich handeln soll.

Ich schließe etwas zu demonstrativ die Tür zum Therapiezimmer ab, ich sehe währenddessen über meine Schulter auf die Reflexionsfolie, die unstet durch den Raum zieht wie die Flugbahnen eines Leuchtkäferschwarms.

Dann nicke ich Herrn B. noch einmal freundlich, aufmunternd, vorwurfslos zu und begebe mich zur Sitzung mit Frau Dr. Z.

Wie war die Beerdigung? fragt Frau Dr. Z., und leider habe ich mir auf diese Frage keine passende Antwort zurechtgelegt. Wie ist eine Beerdigung? Ich sage vorsichtig, die Beerdigung sei gewesen, wie Beerdigungen eben so seien. Ich seufze bedeutungsvoll, so daß Frau Dr. Z. sowohl tiefe Trauer als auch angemessene Gefaßtheit, Mitgefühl und Abgeklärtheit herauszuhören vermag. Ich bin jemand, dem nichts Menschliches fremd ist, jemand, der auf Schicksalsschläge nicht mit Verzweiflung und nicht mit Verhärtung reagiert, sondern in der Lage ist, sich seine Würde zu bewahren und ein differenziertes Spektrum an Empfindungen spielen zu lassen. Wie Beerdigungen eben so seien, sage ich weltläufig, und ich füge hinzu, diese Beerdigung sei sehr pompös gewesen, im Vergleich sehr pompös, sage ich, als hätte ich Vergleichsgrößen vorliegen, als vergliche ich Woche um Woche eine Beerdigung mit der anderen, vergleichsweise pompös, sage ich, und Frau Dr. Z. nickt befriedigt und sieht ihr Vorurteil bestätigt, daß wir im Westen eben zu sehr auf Äußerlichkeiten bedacht sind, übertriebener Blumenschmuck, Sarg aus tropischen Edelhölzern, selbst der Tod noch Ware, sie sieht ihre Auffassung bestätigt, daß uns im Westen eine gewisse aufgeklärte Härte fehlt, welche allein eine authentische Konfrontation mit den Realitäten des Alltags ermöglicht. Da ich aber schon für Pompösität ein Bewußtsein zu entwickeln im Begriffe bin, hofft sie im stillen, daß sie mich noch hinbiegen, mich noch zu einem Menschen machen kann. Im Vergleich sehr pompös, sage ich also, und Frau Dr. Z. nickt wissend und mitleidig und weist mir den Stuhl an, auf den ich mich setzen soll. Ich öffne meine Mappe und nehme die Papiere heraus. Wir beginnen.

7 Methoden der Jagd

Wenn die dünne Schneeschicht höherer Lagen gerade wieder schmilzt, der Nieselregen die Straßen in ein Matschparadies verwandelt, die Tage am kürzesten sind, muß der Zeitpunkt als ideal gelten. Nacht und Nebel. Die ideale Witterung für Erlkönige, deren Aktivitäten zum Weihnachtstauwetter ihr Jahreshoch erreichen, da sie dann sowohl besonders unauffällig bleiben, als auch auf einen gewissen Prüfstand gestellt werden können: Schlechte Sicht, Bodennässe, glatte Fahrbahn, diese Art von Voraussetzungen lassen sich mit künstlichen Mitteln kaum herstellen.

Es war der optimale Tag, wie er nur in der dunkelsten Zeit des Jahres zu erwarten ist, wenn sich die Energie auf dem Tiefpunkt befindet, die Stadtbewohner schon im Vorweihnachtsstreß, die Landbewohner vor dem Fernseher verkrochen, die Bevölkerung also blind für alles, was in ihrer nächsten Umgebung vorgeht.

Nebel werden. Selbstvernebelung. Tarnkleidung je nach Wetterlage. Aber auf die Kleidung kommt es nur nachrangig an. Die innere Haltung entscheidet. Selbstvernebelung, ein Zustand, in dem ich mir entgleite. Eine Trance, eine eigenartige Abwesenheit. Ich bewege mich auf besondere Weise, nach innen gekehrt, ich gehe verborgen im Hall meiner Schritte, ich tarne mich mit mir selbst. In diesem Zustand, gefangen in unscharfer Bewegung, kann ich durch eine belebte Einkaufsstraße gehen, ohne daß mich jemand bemerkt. Auch wenn ich der einzige Passant bin auf leerem Platz, werde ich von der Umgebung geschluckt. Gewohnheiten ablegen, unbestimmt werden. Eine Pflastersteinreihe werden, eine Asphaltdecke, mit der Hauswand verschmelzen. Es gelingt mir am besten bei Hauswänden aus den fünfziger Jahren, ornamentfreie, langweilige Flächen, der Anstrich stark eingedunkelt und verschmutzt, klapprige Briefkastenschlitze, der Sockel verklinkert, Garagentore. Mich als Garagentor vor eine solche Wand spannen, im Rücken die Wäschestangen spüren, die knappen Rasenflächen, die flatternden Laken. Seitlich die Aschentonnen bemerken, die Altpapierstapel. Auf dem schmalen Bürgersteig Kölns gehen die Leute an mir vorbei, ohne mich zu sehen. Sie müssen mir ausweichen, sie sind gezwungen, einen Schritt auf die Fahrbahn zu tun, aber sie glauben, sie hätten andere Gründe, ein ausgespuckter Kaugummi, den sie großzügig umrunden, eine lose Bodenplatte, ein Aufsteller vor einem Kiosk, der für Speiseeis wirbt. Chamäleon der Innenstädte. Parkbank werden. Telefonzelle werden. Verkehrsschild werden. Es fällt leicht, wenn ich mich neben länglichen Objekten aufstelle. Ich kann mich verschatten, dem immer dichteren Schatten angleichen, mich vom Schatten der Objekte überlappen lassen. Neben einem Abfallkorb, wenn ich also Abfallkorb, Schatten des Abfallkorbs bin, werfen die Leute ihre Zigarettenschachteln und Plastikflaschen auf mich. Wenn ich mich neben einem öffentlichen Telefon vernebele, sprechen die Leute in den Hörer, als gäbe es mich nicht oder als sei ich ihr Beichtvater. Es hat damit zu tun, die eigene Ausstrahlung zu drosseln. Um sich herum Wolken zu bilden, Wolken der Unnahbarkeit, der Uninteressantheit, der Ereignislosigkeit.

Bei Regen ist es am einfachsten. Unter Schirmen nehmen Fußgänger ohnehin nichts wahr. Autofahrer achten auf die Fahrbahn und haben mit betropften, beschlagenen Scheiben nur begrenzte Sicht. Es fällt leicht, sich dem Tempo des Regens anzupassen, sich in ihn hineinzuducken, in ihm zu verschwinden.

Die Ruhe des Regens mit der eigenen Unruhe nähren. Sich in seinem Glitzern verstecken. Sich mit diesem unsteten Glanz durch ein quecksilbriges Denken, huschende Bewegungen zur Deckung bringen.

Odilo stieg zu, er schnallte sich an, er verstellte sich die Rückenlehne etwas nach hinten.

Unser erster gemeinsamer Ausflug, unter meiner Leitung. Ich war unsicher, ob es sich als gute Idee erweisen würde, ihn mitzunehmen. Er war, in gewisser Hinsicht, wenig belastbar. Man konnte ihm die Niederungen des gewöhnlichen Lebens nur bedingt zumuten. Er gab sich keinen sinnlosen Vergnügungen hin, schließlich ging der Riß in der Welt durch ihn persönlich hindurch.

Was hatte er an? Er trug eine grüne Lodenjacke mit Hirschhornknöpfen, er glaubte damit meiner Anweisung zu entsprechen, etwas Gedecktes, Waldgemäßes, möglichst Schlichtes anzuziehen, mit dem man beim Wandern in abgelegenen Eifelregionen nicht auffiel.

Ich möge losfahren, sagte er im Tonfall eines Fahrlehrers, und ich fuhr sofort los.

Er saß neben mir, schweigsam und müde, ohne daß die Müdigkeit ihn gelockert hätte. Zwar hielt er sich breitbeinig, die Arme weit, die Hände offen, ganz Lässigkeit, ganz Abenteuer, doch ging diese Ausflugspose mit einem zu hohen Muskeltonus einher, einer Anspannung, die zu seinem Habitus gehörte und ihm, trotz oder wegen aller Bemühung, etwas Linkisches und Steifes verlieh, als sei er stets darum bemüht, sich zusammenzunehmen, etwas Verborgenes nicht nach außen dringen zu lassen.

Sein einziger Ausrüstungsgegenstand die Brille, die er immer wieder abnahm, sich die Augen rieb, von einer sinnlosen Konzentration erschöpft.

Er war unterdurchschnittlich groß, es fiel nicht auf, wenn er saß. Im Stehen reichte er mir nur bis zur Schulter, aber seltsamerweise gelang es ihm dennoch, den Eindruck zu vermitteln, daß ich zu ihm aufschauen müsse. Wenn ich ihn vor mir sehe, sehe ich ihn wie aus Untersicht, einen schlanken, drahtigen Mann, der sich körperlich stark verändern konnte: unangenehm verzerrt, ja häßlich, jedenfalls auf den ersten Blick. Dann wieder: eine geschmeidige Art, sich zu bewegen, eine animalische Anmut, eine instinktive Bewegungsschönheit, die einsetzte, sobald er seinen Körper vergaß.

Ein schwerer Schädel mit stark gewölbten Brauen, so weit vorspringend, daß sie mich an die Ansätze von Hörnern erinnerten und ich mich manchmal dabei ertappte, wie ich erwartete, daß er den Kopf senkte und zum Angriff überging.

Sein Gesicht disproportioniert, die Augen etwas zu klein, die Nase etwas zu breit, eine hohe Stirn, schmale Lippen, starker Bartwuchs, so daß auf seiner Haut immer ein schmutziger Schimmer lag, ein wenig schönes Gesicht, dessen Unausgegorenheit jedoch in Vergessenheit geriet, wenn er einen ansah.

Dunkle Augen, die tief in den Höhlen lagen, Augen von fragwürdiger, unbestimmbarer Farbe. Mal das öde Braunblau aufgewühlter See, mal, je nach Lichteinfall, ganz schwarz, als seien seine Pupillen dauerhaft erweitert. Augen, die etwas Verkniffenes, Stechendes besaßen, als träte aus ihnen ein Sehstrahl, der auf die Welt zustieß und die Dinge berührte, sie streichelte und strafte und manipulierte. Ein hypnotisierender Blick, der wie von einer Sonnenbrille kam und aus der Anonymität operierte, ein irritierender Blick, vor dem man sich entblößt fühlte und zugleich auf eine unerhörte Art gewürdigt.

Im Wagen war es klamm, es roch nach den Bananen, die als eiserner Proviant auf dem Rücksitz lagen, und es roch nach ihm, seinem Haarwaschmittel, seinem Rasierwasser, nach dem süßlichen Waschpulver, das seine Mutter verwendete und das sich mit dem Aroma seiner Haut zu einem Duft vermischte, an dem ich ihn mit geschlossenen Augen aus jeder Menschenmenge hätte herausfinden können.

Auf der Frontscheibe hinterließ der Sprühregen Tausende winziger Punkte. Im leichten Niederschlag, im unsteten Licht trat die angenehme Rundheit der Kanaldeckel zutage, satt lagen sie vor uns, schlürfend, schimmernd. Der Bürgersteig, sonst stumpf und staubig, schien jetzt nachgiebig und aufgequollen, wie eine Gummimatte.

Das Licht spielte eine große Rolle. Bereits bei bedecktem Wetter erfuhr eine ganz normale Straße eine berückende Veränderung hin zu größerer Weichheit. Das Tageslicht, durch Wolken gesiebt, fiel pudrig über sie hin. Alles verlief gedämpfter, gab sich bescheidener gegenüber dem Besserwisserischen sonnenbeschienener Dinge, ihrer fraglosen Existenz, ihrer Anspruchshaltung.

Jetzt ließ der Nieselregen die Bordsteinkanten verschwimmen, die Betonwürfel vor einem Fußweg, die niedrigen Vorgartenmauern schienen porös zu werden, als dringe unentwegt Feuchtigkeit in sie ein, als öffneten sie sich unmerklich immer weiter, bis sie sich aufgelöst haben würden. Sie standen uns, erklärte ich Odilo, nunmehr nicht starr gegenüber, sondern sie verhielten sich, als begönnen sie uns aufzunehmen in ihre Geheimnisse, ihre Verschwiegenheiten, in die unbändige Macht der Landschaft.

Dies, erörterte ich Odilo, seien die Bedingungen, auf die es ankomme; unter solchen Bedingungen richte man die Aufmerksamkeit nicht mehr auf das Vordergründige, vielmehr lerne man, auf eine hintergründige Weise zu sehen.

Alberich, dem Elfenkönig, oblag es, den Hort der Nibelungen zu bewachen. Er ging zu diesem Behuf in einen Mantel gekleidet, der ihn unsichtbar machte: eine Pelerine, die das Licht so zurückwarf, als sei da nichts. Die modernen Erlkönige werden von ihren Firmen getarnt. Die Hersteller testen sie unter extremen Bedingungen, um alle Bestandteile einer Belastungsprobe auszusetzen. Man mietet Rennstrecken oder andere Gelände an, die hohe Geschwindigkeiten zulassen und dem Fahrer ausreichend Herausforderung bieten. Die Prototypen, die in dieser Phase das Werk verlassen, sollen vor den Augen der potentiellen Käufer geheim bleiben, damit sich das Interesse nicht vorzeitig vom Vorläufermodell abwendet. Dies aber geschieht unausweichlich, das Interesse von Käufer und Presse richtet sich sogleich auf das Neue, Unbekannte, und die Modelle, die sich auf öffentlichen Straßen zeigen, werden verhüllt. Man benutzt keine Tarnmuster im eigentlichen Sinne, man strebt nicht an, sie optisch völlig zum Verschwinden zu bringen, man bemüht sich nur, ihr wahres Aussehen zu verschleiern. An den entscheidenden Stellen sind die Prototypen mit auffälligem Material beklebt, das die Erscheinung bedeutend verändert. Dunkle Folie trägt dazu bei, Proportionen unkenntlich zu machen, psychedelische Muster und Karos lösen die Umrißlinien auf. Sie verwirren den Betrachter, weil er nicht weiß, was er fixieren soll, das Objekt tritt ihm so stark entgegen, daß er unwillkürlich zurückweicht, es simuliert eine Bewegtheit, die einen bedrohlichen Unterton besitzt, die ihn in ihrer betonten, ja übertriebenen Sichtbarkeit anzugreifen scheint.

Flecktarnmuster funktionieren entgegengesetzt, sie zerstreuen den Gegenstand auf eine Weise in der Umgebung, daß seine Anwesenheit nicht bemerkt werden kann. Das Problem besteht bei klassischem Fleckmuster darin, daß die Umgebung eines beweglichen Körpers nicht konstant bleibt, daß die Tarnung nur auf eine bestimmte Stelle paßt, etwa Potato Pattern, Kartoffeltarn, auf ein Kartoffelfeld, Flower Camo, Blumencamouflage, auf eine wilde Alpenwiese, Eichentarnung in ein entsprechendes Waldstück, ein Waldstück, das sich zu verselbständigen scheint, sobald der Jäger es verläßt und seinerseits als wandelnder Eichenbaum, Äste und Zweige auf die Jacke gedruckt, den Weg bis zum abgestellten Fahrzeug in Waldrandnähe zu überbrücken sucht.

Während meiner Studienzeit ist es mir einmal gelungen, mit einer Prototypaufnahme echtes Geld zu verdienen. Es war ein Glückstreffer, ich fuhr von Köln nach Aachen, kam irgendwo auf freier Strecke an eine Kreuzung, flache Landschaft, Stoppelfelder zu allen Seiten, als sich der Wagen näherte, auffällig gestaltet mit schwarzweißen Kringeln, die sich vergrößerten, wie Seifenblasen schillerten, rotierten und verpufften und aus dem Nichts neu ausdehnten. Meine Kamera lag auf dem Beifahrersitz, als das Gefährt an der Kreuzung einbog, von rechts an mir vorüberglitt, sonst niemand außer uns. Ich knipste durchs offene Fahrerfenster, ich dachte nicht nach.

Nie wieder ist mir ein Erlkönig begegnet, aber ich fahre seitdem systematisch die nur unvollkommen geheimgehaltenen Strecken ab, die empfohlenen, hoch gehandelten Strecken, auf denen sie angeblich schon gesichtet wurden.

Erlkönige — man hätte einfach ein paar Wochen warten können und die Bilder wären ohnehin in allen Zeitschriften zu sehen gewesen. Mir aber ging es genau um diese paar Wochen, ich konnte durchaus nicht warten, und im übrigen war ein Zeitschriftenfoto, ein von einem anderen aufgenommenes Foto nicht im geringsten zu vergleichen mit einem eigenen. Ein eigenes Foto enthält die Konfrontation mit dem Objekt. Es ist von einem höheren Realitätsgrad, es verspricht bedeutend mehr Erkenntnisse, es kommt einer realen Ansicht nahe. Das Objekt zeigt sich ohnehin verhüllt; ein Foto läßt einiges von seinem wahren Aussehen erahnen, aber bei einer Konfrontation wäre man fähig, das Verdeckte, Unsichtbare, Getarnte intuitiv zu erfassen, man wäre imstande, durch die Äußerlichkeiten hindurchzusehen.

Erlkönigjäger. Wir suchten, erklärte ich Odilo, nach einer verborgenen Schönheit, einer Schönheit, die sich nicht sofort erschloß, für die man den Blick hatte schulen müssen, damit er die Verhüllungen, die albernen Abklebungen, die Karotarnungen durchdrang.

Ein exzentrisches Hobby, merkte Odilo zweiflerisch an.

Ich hatte damit gerechnet, daß Einwände kommen würden. Von Odilos Seite kamen stets Einwände, als läge es in seiner Natur, jede Initiative anderer, ihre unbefangene Herangehensweise, ihre optimistische Gutgläubigkeit, ihr Vertrauen in sich und die Welt zu untergraben.

Odilo pflegte selbstredend kein Hobby. Einer wie er wußte seine Interessen beruflich zu verwerten, er wußte aus dem, was ihn beschäftigte, klingende Münze zu schlagen. Er wünschte seine gesamte Tätigkeit dem größeren Nutzen zuzuführen. Ein Hobby war Zeitverschwendung, Selbstbetrug, ein Ausweichen vor dem Ernst des Lebens, die Verweigerung von Verantwortung.

Ich wußte nichts zu erwidern, aber natürlich mußte ich mich fragen, ob diese Fahrten in Wahrheit nicht zum Abschalten dienten, zum Ausweichen, eine Fluchtbewegung, als Suche getarnt, um für ein paar Stunden aus allem heraus zu sein.

Ein Hobby, sagte ich schließlich schlapp. Meinetwegen ein Hobby. Warum nicht.

Ich fuhr auf direktem Weg zum Nürburgring. An einer Forststraße stiegen wir aus, schlugen uns ein Stück querfeldein durch den Wald und wanderten dann lange am Zaun der Nordkurve entlang.

Ich steckte hier und da das Objektiv durch den Maschendraht. Ich vermeinte auch, Motorengeräusch zu hören, das sich näherte. Wir lauschten eine Weile, auch Odilo lauschte und verhielt sich reglos, das Geräusch schwoll an, streifte uns und verklang dann wieder, vermutlich war es von der Straße gekommen.

Die Tanzplätze der Elfen befinden sich, wie es heißt, an mild-feuchten Stätten, in Flußauen in der Nähe von Erlengebüschen, auf blumenbewachsenen Hügelgräbern, auf abgelegenen Wiesen bei Frühdunst. Der typische Aufenthaltsort des Erlkönigs entspricht diesem Schema des Feuchten vollkommen, nur ist das Liebliche ins männlich Markante gewendet, und er bevorzugt vereiste Seen, verregnete Wälder, vernebelte Steppen.

Methoden der Jagd. Wer die Gewohnheiten seiner Jagdbeute genau kennt, kann sich so plazieren, daß er die Beute an ihren üblichen Wechseln und Äsungsplätzen erwartet. Auf dem Ansitz harrt der Jäger aus. Das Wild wird in seinen Abläufen kaum gestört. Es erscheint dort, wo es immer erscheint. Man benötigt lediglich Geduld.

Von Vorteil ist es, einen höher gelegenen Standort zu wählen, um den Wegen des Wildes, da man ihm nicht nachschleicht, mit dem Auge folgen zu können. Unabdinglich ist es, einen Ort zu wählen, der mit den Vorlieben der Beute so übereinstimmt, daß diese ihn nicht nur aufsucht, sondern auch, aus Faulheit, aus Gewohnheit, aus Verzückung, in der Aufmerksamkeit nachläßt und nicht sofort flieht.

Die Pirschjagd hält man gemeinhin für die anspruchsvollste aller Jagdarten. Der Jäger bewegt sich allein durch das Gelände, ohne Hund. Er sollte durchtrainiert sein und über eine ausgezeichnete Körperbeherrschung verfügen, denn das wichtigste bei der Pirsch sind Lautlosigkeit und Unsichtbarkeit. Die Anpassungsfähigkeit des ausgezeichneten Jägers ist eine absolute. Er gleicht sich der Umgebung so vollständig an, daß er unbemerkt wie unter einer Tarnkappe vorankommt. Er paßt sich aber auch an das Wild an. Er muß dessen Wege vorausahnen, dessen Bewegungen wie seine eigenen kennen. Man muß dahin gelangen, mit dem Wild eins zu werden, man muß die Verletzung, die man ihm zufügt, am eigenen Körper spüren.

Das Wild, das man schießt, stirbt einen stellvertretenden Tod. Der Jäger stirbt mit ihm, aber der Jäger ersteht wieder auf und lebt weiter. Und zwar, wenn man so will, geläutert. Die Kraft der Beute ist auf ihn übergegangen, ihre Eleganz, ihre Schnelligkeit, ihre Macht.

Es war mittlerweile einige Grad kälter geworden. Der Nieselregen wurde stärker und ging in Schneeregen über. Odilo nahm immer häufiger seine Brille ab und wischte sie mit einem Stofftaschentuch trocken. Ein trüber Tag, sprach ich beschwörend auf ihn ein, Rutschgefahr, minimale Sicht, die Bedingungen seien die besten. Wir bräuchten nur etwas Geduld.

Odilo klopfte sich den nassen Schnee von den Schultern, keineswegs anklägerisch, er wirkte unbeteiligt.

Waldeinsamkeit. Weihnachtstauwetter. Den Zaun entlang ein aufgeweichter Trampelpfad. Unsere Schuhe lösten sich bei jedem Schritt mit einem Schmatzen. Odilo tippte Zweige an, legte einer Baumrinde die Hand auf. Er berührte alles in diesem Wald, als sei es sein Eigentum. Stechpalmenblätter kratzten über den Stoff meines Anoraks. Die Beeren waren rot und reif. Odilo riß eine ab und zerkaute sie. Sie sind giftig, murmelte ich, aber so, daß er es nicht hörte. Er trug ungeeignetes Schuhwerk. Schon beim Aussteigen war er in eine Pfütze getreten, die tiefer war, als sie aussah, und in der er bis über den Knöchel versank. Er hatte keinen Schreckenslaut von sich gegeben, er hatte keine Beschwerde getan, er hatte nur kommentarlos den Fuß geschüttelt und gewartet, daß wir losgingen. Wie war ich darauf verfallen, ihn mitzunehmen? Ich war aufgeregt, ich machte mir Hoffnungen, aber er bremste mit seinem kühischen Kauen der giftigen Beere meinen Elan.

Wir hatten den Tag damit verbracht, um den Nürburgring zu kurven, hier und da auszusteigen, durch Schneematsch und über trübe Feldwege zu stapfen, wir hatten Schallschutzwände betrachtet und waren in den langweiligsten Orten der Republik eingekehrt, um uns mit einem lauwarmen Tee bei Laune zu halten. Wir fuhren im Kreis, es war ein weiträumiges Umkreisen des Ziels oder auch nur ein zielloses Kreisen, Schweifen, Streunen. Das endlose Fahren tröstete uns. Wir sprachen kaum miteinander auf dieser Strecke, es ging nur darum, unterwegs zu sein, mit einem vagen Ziel.

Wir befanden uns bereits auf dem Rückweg. Wir hatten nichts gesehen. Seltsamerweise löste das bei mir ein Gefühl der Befriedigung aus, als hätten wir nichts verpaßt, als könnte alles noch kommen.

Nacht, Beginn einer kühlen Dezembernacht, Schneeregen, schlechte Sicht, kein Sternenhimmel. Endlos wiederholte Schlieren des Scheibenwischers, quietschendes Gummi, ein Wegwischen der Dinge, unwirklich.

Wir suchten Zuflucht unter der Lichtkapuze der Tankstelle, ein Schutzmantel, der die Zapfsäulen vom Wald abschirmte und in die Depressivität des Spätherbstwetters eine therapeutische Buntheit mischte, rotes und gelbes Licht, segenspendend wie die Weihnachtsdekoration in den Städten, aber auch verführerisch, einzutreten und etwas zu kaufen, Benzin, Bier, Schokolade, ein modernes Knusperhaus mitten im Wald. Der dickflockige Regen fiel grau und gleichmäßig, ein unmenschliches Gleichmaß. Auf alle Straßen sanken kieselhelle Brosamen, die sofort wegschmolzen, die uns in den Wald locken wollten, zwischen die immer gleichen Stämme und verfaulten Blätter.

Wir stiegen an der Tankstelle aus, und es schien, als prallte der Wald auf uns, sein schwerer Geruch, nasses Nadelholz, sein Wogen, Wiegen, Wallen.

Odilo warf die Wagentür zu und machte unwillkürlich ein paar Schritte zum Wald hin, nicht tänzelnd, nicht leichtfüßig, eher wie angezogen von etwas, dem er gleichzeitig Widerstand leistete, er trat schwerfällig vor, wie gezwungen, stolperte über eine flache Steinkante, die an der Einfahrt kümmerlichen Rasen umfriedete, stieg über die rutschige Kante in die Rasenpfützen hinein, stand so einen Moment, auf den schwarzen Wald starrend, sich in diesem Wald, seiner Unsichtbarkeit verlierend, bis ihn ein heftiger Windstoß erfaßte, in seine offene Jacke fuhr und die Schöße hob.

Er kehrte zurück unter die Überdachung, er betrachtete seine schemenhafte Spiegelung in der Tanksäule, seine Jacke streifte die meine. Ich hängte den Tankstutzen ein und betrat den erleuchteten Verkaufsraum.

Länger als nötig hielt ich mich an der Kasse auf, begutachtete Kaugummis und Knallbrause, plauderte ostentativ mit der jungen Frau, die kassierte, und versuchte das Gefühl zu genießen, einziger Kunde an einem abgelegenen, wenn auch nicht unzugänglichen Ort zu sein, in einer düsteren, dünnbesiedelten Gegend, die, für deutsche Verhältnisse, Wildnis war.

Als ich wieder zurückkam, gruppierten sich die Zapfsäulen wie die bewegten Figuren in einem Märchenwald, Figuren, die den Kopf von einer Seite zur anderen wenden, den Arm mit dem Flechtkörbchen heben und senken konnten. Odilo stand wieder abseits.

Sternenhimmel, Sterntaler; Schneeregen ersetzte die Sterne, ein bewegliches, herabstürzendes Firmament. Er hatte seine Brille abgenommen und rieb sie sinnlos trocken, in die Wasserflocken starrend, ohne etwas zu sehen, ohne etwas sehen zu wollen, in ein Grübeln, eine geheimnisvolle Gedankenfolge versunken, die mich ausschloß, ähnlich wie die Landschaft ihn ausschloß, ihn an den Rand drängte und dann wieder ansog, als gäbe es ein unbekanntes Zentrum, in das sich einzudringen lohnte.

Ich sah ihn von hinten, seinen Rücken in der Lodenjacke vor einer Wand aus Schneeregen, dahinter wiederum, im Dunkeln nur zu erahnen, der Nadelwald in äußerster Zurückgezogenheit. Schichten von Regenvorhängen, Schichten von Finsternis.

Seltsamerweise sah ich ihn so, als falle nur direkt vor ihm der Niederschlag, als betrachte er, und nur er allein, wie die halbgefrorenen Tropfen, die halbgetauten Flocken, dieser unklare Aggregatzustand, das bestirnte Firmament ersetzt hatten und ihm entgegenfielen. Er hielt die Brille in der Hand und rieb sie mechanisch, das Gesicht den wäßrigen Sternen entgegengehoben, das Haar blau vom Tankstellenlicht. Ich weiß nicht, ob er hektisch blinzelnd in das Flimmern starrte, oder ob er die Augen geschlossen hielt und das Stürzen des Nachthimmels allein mit seinem Gesicht, mit einer Art umfassender Blindheit, einer gesteigerten Dunkelheit auffangen wollte.

8 Auerhähne

Es hatte das Gerücht gegeben, sie testeten jetzt im Tagebau. Es hatte geheißen, die Konzerne arbeiteten jetzt zusammen, es hieß, eine Hand wäscht die andere, und man munkelte, die abgebauten Flächen eigneten sich für die Autohersteller vortrefflich, um Wüstenbedingungen zu simulieren.

Wir kletterten den Wall hinauf, rutschiger Lehmboden, feuchtes Gras. Der Wall war gerade so hoch, daß man von der Straße aus nicht über ihn hinwegsehen konnte. Wir ignorierten das Verbotsschild und erreichten den Grat. Jenseits des Walls öffnete sich eine weite Fläche, ihre Ausdehnung beeindruckte wesentlich stärker als ihre Tiefe, so daß man die Tiefe, verwirrt, nicht einschätzen konnte. Seitlich stiegen sanft Terrassen ab. Unten der schwarze Block. Das Kohleflöz.

Odilo neben mir ging den Wall ein paar Meter auf und ab, sah hierhin und dahin, als nähme er vom Tagebau überhaupt nichts wahr. Tatsächlich war die Senke mit diesiger Luft gefüllt, beständig wirbelte Staub auf, verbarg die Maschinen hinter einem Schleier, die monströsen Bagger mit ihren Schaufelrädern, die sich mit einer kaum merklichen Langsamkeit voranfraßen, die Absetzer, die das Erdreich auf Fließbänder füllten, die Bänder, die unablässig liefen und deren Bewegung von weitem wie Stillstand schien.

Die Grube eine Spielzeugwelt. Spielende Baggerfahrer, spielerisch aufleuchtende Positionslichter, modellbauhaft winzige Pkw. Kein verschlingendes Chaos: Es war eine vollkommen geordnete Abtragung, bei der alle Prozesse ermüdend präzise abliefen, eine Operation, die mit der Ruhe des Hintergrunds vor sich ging. Das Erdinnere, Millionen Jahre alt, lag bloß, aber in mir entstand kein Gefühl von Schamhaftigkeit. Diese Grube war nicht mehr als ein Betriebsgelände, ein gewaltiger Exzeß der Nüchternheit, der Routine, womöglich der Vernunft. Arbeit spielte sich dort ab, scheinbar kleinteilige Arbeit, die man aus der Entfernung wie mit dem Gleichmut der Ewigkeit sah; Arbeit, so stetig wie das Rinnen einer Sanduhr — erst bei den letzten Körnern merkt man erschrocken, daß etwas zu Ende gegangen ist.

Schwarz und stumm lag das Flöz, speicherte unvorstellbare Zeitmassen; jetzt nagten die Bagger an dieser Zeit, zermalmten den Boden, der unsere Vergangenheit war. Feuchtkalte Bauernhöfe ringsum, klamme Dörfer, platte Felder. Vor uns die schnöde Kohlengrube. Wir am Rand.

Der Wind an der Abbaukante blies kalt, ich zog meinen Reißverschluß hoch. Auf der Böschung klebte der Lößboden wie Blei an meinen Sohlen. Hinter uns, auf der verwilderten Wiese an der Straße, mäanderten die Rohre der Pumpvorrichtungen.

Tagebau, das Erzeugen von Leere bei Tag und bei Nacht. Am hellichten Tag, in erleuchteter Nacht, pausenlos wurde Erdgeschichte vernichtet. Die Grube erstreckte sich bis zum Horizont, und sie rückte in der Fläche bedrohlich vor. O daß mein Sinn ein Abgrund wär. Und meine Seel’ ein weites Meer. Daß ich dich möchte fassen.

Unentwegt gruben die Bagger, erzeugten ein mahlendes Grundgeräusch, ein beständiges Flüstern, das auf das Flöz hinredete, sich in den schwarzen Block bohrte und ihm etwas einredete, dem Stein zusprach, ihn beschwor, daß er Brot werde, daß er es zulasse, sich zu verwandeln in das, was uns zukam, uns not tat, uns nützte, Herrschaft und Herrlichkeit.

Odilo hatte sich neben mich gestellt, er starrte in das öde Loch, erst jetzt, nachdem ich für mich längst befunden hatte, es gebe hier gar nicht so viel zu sehen. Mir war schon etwas langweilig geworden. Es war eine künstliche Wüste, die sich als Testgelände, da war ich mir sicher, nicht eignete. Odilo hingegen schien plötzlich von Faszination ergriffen. Er blickte in die verschleierte Ferne, seine Augen glänzten feucht, ein Lächeln spielte um seine Lippen, das ich nicht deuten konnte, ein ironisches Lächeln, er lächelte immer so, als verspräche man ihm auf einen Augenblick alle Reiche der Welt und als gehöre es zu den Vorzügen seines Charakters, dem nicht zu widerstehen.

Ich trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Der Wind wehte durch den Stoff meiner Jacke hindurch, und es kam mir vor, als wehe er durch meinen Körper, als sei ich nicht vorhanden. Ich steckte die Hände in die Taschen, zog sie wieder hervor, sah auf die Uhr.

Odilo stand an der äußersten Kante der Böschung, dahinter ging es relativ steil bergab. Auch das beunruhigte mich. Er stand dem Loch zugewandt, leicht nach vorn gebeugt, die Arme leicht ausgebreitet, als käme es ihm nicht in den Sinn, daß auf dem unebenen Untergrund die Gefahr bestand, zu stolpern und zu fallen, vielmehr als sei er bereit und imstande, gleich abzuheben. Über den Abraum zu segeln, über die Erden und Maschinen hinweg, ein Großgrundbesitzer, der seinen Fuhrpark prüft.

Ich warte im Auto, sagte ich entnervt.

Odilo atmete ein. Wandte den Blick nicht vom Flöz. Gerne, befand er. Er komme gleich nach.

Ich saß erst kurze Zeit im Wagen, als ich ihn die Böschung umständlich heruntersteigen sah. Meiner alten Gewohnheit der Unterwürfigkeit folgend, stieg ich aus und hielt ihm den Wagenschlag auf.

Gigantisch, urteilte er knapp. Er sei froh, das Gelände gesehen zu haben. Eindrucksvoll. Eine Bewußtseinserweiterung.

Nicht weit vom Tagebau entfernt fuhren wir durch ein leeres Dorf. Sehr saubere Straßen und Gehwege, eine Backsteinkirche, eine besprühte Bushaltestelle, kein Mensch zu sehen. Ich hielt vor der einzigen Restauration. Ein grüngelber Schriftzug Pizza leuchtete über einem vorspringenden Schaufenster. Braune Samtvorhänge faßten dieses Fenster theatralisch ein. Zwischen den gerafften Bordüren präsentierten sich zwei ausgestopfte Auerhähne. Auerhähne!

Begeistert wies ich mit dem Zündschlüssel auf die Lokalität, schon einen Fuß auf der Straße. Odilo saß noch angeschnallt und begriff erst allmählich, daß wir hier, genau hier etwas essen gehen würden, in einer zünftigen Dorfwirtschaft, nach einem langen erfolglosen Tag.

Wir überquerten die Straße, unsere Schritte klangen hohl. In den alten rheinischen Dörfern drängen sich die Häuser eng zusammen, die Gehwege sind so schmal, daß man kaum auf ihnen balancieren kann, die Hausmauern erheben sich direkt an der Straße. Keine Pflanzen, keine Vorgärten, kein Schmutz auf der Schauseite, nur hier und da ein Geranienkübel.

Wir saßen beim Fenster, direkt neben mir hing einer der theatralischen Vorhänge, und wenn ich mich zur Seite lehnte, konnte ich den staubigen Samt an meiner Wange spüren, paradiesisch weich, wie es dem Staub eigen ist. Ich hätte den Wunsch gehabt, in einem Bett aus reinem Staub zu schlafen.

Im Hintergrund murmelten die Einwohner des Ortes, auch dies wirkte einschläfernd auf mich, wenn auch nicht beruhigend, und als ich mich für einen Moment diesem hypnotischen Murmeln hingab, von ihm fortgetragen werden wollte, schrak ich hoch von dem dumpfen Laut, mit dem unser Essen kam.

Vorsuppe, ich Erbsen-, er Spargelcreme-. Mir ein Fläschchen Maggi auf den Tisch geknallt, ihm ein Salz- und Pfefferset. Odilo entfaltete spitzfingrig die dünnknisternde Imbißbudenserviette und wischte damit über das Besteck. Er behauchte den Löffel, auf dem man noch kalkige Tropfenspuren sah, wienerte ihn mit der spröden Serviette blank.

Ich tauchte ungerührt den Suppenlöffel ein. Aus den Augenwinkeln sah ich die Auerhähne. Sie gruben vergeblich im Boden, sie scharrten und schabten, ihre rauhfiedrigen Füße rutschten von dem dunkel gebeizten Brett, auf dem man sie ausgestellt hatte, immer wieder ab. Ich stellte mir vor, daß ihre Krallen Spuren hinterließen, lange häßliche Kratzer, wie es Hunden unterläuft in einer Wohnung mit Parkett, wie es, in weniger bescheidenem Ausmaß, den Baggern gelang, die ihre Klauenschaufeln in fruchtbaren Lößboden drückten. Die beiden Hähne schlugen ihr kleines schwarzes Rad, sie schritten ruckartig, mit der abgehackten Nervosität eines Sekundenzeigers, sie reckten die Hälse mit dem schillernden Gefieder in potenter Pracht. Auerhähne, vermutlich im Hochsauerland erlegt, wo sich noch einige Exemplare dieser bei uns nahezu ausgestorbenen Vogelart hielten, verbracht in ein nahezu ausgestorbenes Dorf.

Bauern und Arbeiter des Tagebaus murmelten die Geschichte des Ortes, wie geht es Karl, wie lang ist er schon krank, woran war seine Mutter eigentlich gestorben, hat er die Kühe verkauft, wieviel hat er für das Land bekommen, den Umzug ins Reihenhaus, das sage ich dir gleich, erlebt er nicht mehr, und die Kinder, was machen die Kinder, studieren in Köln, ja, Köln, lange nicht mehr dagewesen, immer zu tun, muß alles laufen, dieses Jahr viele Erdbeeren, richtige Erdbeerplage, meine Frau hat Marmelade gekocht, aber was willst du damit, Hunderte Gläser, könnten noch die Enkel von leben, wird man doch nicht eigens einen Umzugswagen für Marmeladengläser nehmen, macht man sich ja lächerlich…

Ein bereits aufgegebenes Dorf, nur noch die Hülle seiner selbst. Als sei es in Wirklichkeit bereits unter der Erde und scheine hier nur noch einmal auf wie in einem wehmütigen Traum. Ein Dorf, das mechanisch weiterfunktionierte, wie ein Huhn, dem man den Kopf abgeschlagen hat und das noch ein paar Meter flattert. Hühnergegend. Die Leute fuhrwerkten noch aus Gewohnheit, fegten ihre Bürgersteige bis zuletzt, fegten schon eine Vergangenheit. Die Meter unter ihnen würden in Kürze abgetragen sein. Sie nähmen ihre Toten mit, ihre Grabsteine. Errichteten ihr Geisterdorf an anderer, ähnlicher Stelle neu.

In der aufgegebenen Kneipe im aufgegebenen Ort brachte uns die aufgegebene Bedienung zwei Biertulpen mit einem feuchten Pilsdeckchen um den Fuß. Was genau tranken wir? Wir tranken Bier, das Odilo nicht schmeckte. Es gab in dieser Pizzeria ausschließlich Bier.

Odilo, der in arrogantestem Tonfall von seiner Isolation spricht, seiner Menschenscheu und auch Menschenabscheu, Odilo, der eine Person einfordert, die ihm gewachsen sei, die ihm Widerpart sein könne, Odilo, der sich in einer unbekannten Flüssigkeit ertrinken fühlt, der diktatorisch Mitgefühl verlangt.

Die horizontale Sehnsucht, so Odilo, die Schwärmerei ins Unendliche führe zu nichts. Im Rheinland neigten die Leute dazu, ihr gesamtes Gefühlsleben einer banalen Fließbewegung aufzuhalsen, sich mit dem verdreckten Rhein in eine Ferne verschaukeln zu lassen, die sich am Ende als ein ebenso verdrecktes Kleinstmeer entpuppe, als die übliche scheußliche Nordsee, ein Schlechtwettermeer voller Bohrplattformen. Seine eigene Mutter habe sich nicht entblödet, einen Kupferstich des romantischen Rheins in ihrem gemeinsamen Wohnzimmer aufzuhängen. Bei jeder Mahlzeit sehe er jetzt diesen elenden Fluß, der nicht einmal eine richtige Mündung aufweise. Er laufe in ein vielarmiges Delta aus, und bevor er die Nordsee überhaupt erreiche, versickere er in den Niederungen Hollands. Aus diesem Grund sei auch niemandem bewußt, in welches Meer sich der Rhein überhaupt ergieße. Das drückende Empfinden eines mit aller Macht betriebenen Versickerns sei bereits auf der Höhe von Bonn so enorm, daß ihm beim Anblick dieses Flusses regelmäßig die Tränen kämen, eines Flusses, der bedauerlicherweise nur noch ein erbärmliches Gewässer sei, ein Strom, der nicht mehr fließe, quasi ein Teich.

Die Enge Bonns, die Kessellage, behauptete Odilo, sei nur durch vertikale Ausrichtung des eigenen Bewußtseins überhaupt zu ertragen. Man komme gar nicht umhin, aus dieser Enge eine Ausflucht zu wünschen, und aufgrund der Kessellage könne eben der Ausweg nur ein vertikaler sein. Sein Unbehagen aufgrund dieser städtischen Enge, die sich auf sein eigenes Körpergefühl übertrage, nehme immer weiter zu. Es sei, als ob er auch körperlich einen Ausweg suche. Ein Drang, die eigenen Körperwände zu übersteigen, ein Fremdkörpergefühl, ein Aus-sich-herausgehen-Wollen, gegen das ausschließlich Arbeit helfe. Er arbeite viel.

Wir sprachen über die glatte Tischplatte hinweg wie über eine Wasserfläche, die unsere Worte leicht hinüberhallen ließ, die die Geräusche verstärkte. Wir sprachen über Vögel und Unvermögen, über Glücksversprechen und Erfolg. Wir lobten den Schlaf.

Also gewohnt, die Nacht größtenteils arbeitend zu verbringen, sei er mittlerweile nicht mehr in der Lage, länger als drei bis vier Stunden zu schlafen. Leistungsbereitschaft und Schlaf — alle bedeutenden Männer seien mit wenig Schlaf ausgekommen. Und er gestehe, er wolle bedeutend werden, er wolle Erfolg. Man versage sich den Schlaf aus Leidenschaft, man brenne für eine Idee, eine Aufgabe, und wenn die Leidenschaft nicht ausreiche, müsse man sie sich eben abringen, sie erzwingen. So habe er damit begonnen, förderliche Umstände mit einer gewissen Gewalt gegen sich selbst herbeizuführen; wenn er nachts arbeite, störe ihn niemand, nachts sei die Zeit seiner höchsten Konzentration. Die Welt ausklammern, sich in glückliche Isolation begeben. Inzwischen habe sich dieses sein Pflichtgefühl verselbständigt; der Schlaf fliehe ihn, eine gewisse innere Abschottung von den Geschäften der Menschen, den falschen Rücksichten, den schäbigen Kompromissen, dem kleinsten gemeinsamen Nenner habe sich verfestigt, er finde nicht mehr zurück.

Ob er es wolle? Darüber nachzudenken weigere er sich.

Inzwischen, sagte er, habe er Angst zu schlafen.

Sattelschlaf. Scheinschlaf. Tage aus Schlaf. Die Leute seien auf Wohlstand aus, auf Bequemlichkeit, merkten in ihrer Dumpfheit kaum, daß sie von anderen gesetzte Ziele verfolgten.

Splendid isolation, das bedeute, daß er bewußt und gezielt nicht unter die Leute gehe. Sich die primitiven Vergnügungen des Normalverbrauchers verbitte, sich von dessen unausgegorenen Zuständen nicht anstecken lasse.

Alle anderen schliefen, nur er teile ihre Betäubung nicht, er feiere den Zustand der Wachheit. Er sitze Tag für Tag am Schreibtisch, im Labor, am schlaflosen Fensterglas. Draußen Wolken, die ihr irres Licht ins Zimmer schickten, aufrührerisch.

Schlaf habe keine Macht mehr über ihn, er biete kein Einfallstor für Schläfrigkeit, weil er mit Licht befaßt sei, mit der Maschinerie des Scheinens.

Sein Wunsch, die Dinge erstrahlen zu sehen. Ihnen eine Würde zu verleihen, die sie in seinen Augen nicht hatten.

Er bewundere Menschen mit Ausstrahlung. Aber die eigene Liebesfähigkeit dürfe auch vor den Banalitäten des Lebens nicht haltmachen. Sondern es gelte, dem Unscheinbaren, Läppischen die Unsicherheit zu nehmen, durch den eigenen liebevollen Blick auch die anderen glänzen zu lassen. Ihm gelinge es nach wie vor schlecht. Er könne mit Menschen im Grunde nichts anfangen. Ein Tonic Water, das in der Diskothek unter Schwarzlicht leuchte, imponiere ihm mehr als sein Grundstücksnachbar, der sich seit der Pensionierung am Bürgersteig zu schaffen mache, unter erheblichen Mühen fege, harke, Laub verblase, die Hecke schneide. Es rühre ihn täglich, diesen Nachbarn zu beobachten, den roten Nacken, den steifen Gang, doch echter Respekt wolle nicht aufkommen. Das Empfinden von Peinlichkeit überwiege.

In letzter Zeit fahre er öfter an die Erft. Er gönne es sich, am Ufer spazierenzugehen und die Schmuckschildkröten zu betrachten, die die Leute, die verantwortungslosen Leute dort ausgesetzt hätten. Weil das Wasser der Erft, bedingt durch den Tagebau, im Winter um 10 °C wärmer sei als normal, könnten sich Populationen dort halten. Sie hockten auf den Ufersteinen, auf abgestorbenen Baumstämmen, verschmölzen farblich mit dem Umfeld, und wenn sie die Köpfe einzögen, halte er sie oft selbst für Steine. Diese Schildkröten, die sich kaum bewegten, die sich in ihren schönen, glänzenden, mit Netzmuster überzogenen Panzer zurückzögen, wann immer sie wollten, diese Schildkröten wirkten beruhigend auf ihn, ihr Anblick wiege ihn geradezu ein.

Die Erft: Hierher kämen Leute wie er, um zu schlafen.

Er bohrte mit dem Zeigefinger gedankenverloren in die Tischkante, mir fielen seine langen Fingernägel auf, er trug einen Siegelring, den er von seinem Großvater geerbt hatte, er bohrte versunken an einer Stelle, wo das Furnier fehlte, und es gelang ihm tatsächlich, ein wenig von der Preßspanplatte herauszubröseln. Spätpubertärer Vandalismus? Eher schien es mir eine Demonstration, wie marode in seinen Augen diese Gaststätte bereits war. Bedurfte es überhaupt noch der Bagger, wenn dieser Tisch, ohnehin bar eines Tischtuchs, nicht einmal solide genug war, einer selbstvergessenen Berührung standzuhalten?

Ich müsse es ihm nicht sagen. Er wisse es selbst. Am Ende sei es natürlich ein Gottesproblem. Nachdem er sich nur noch auf sich selbst verlasse, also jegliches Gottvertrauen eingebüßt habe, nachdem er sich Gott folglich so zum Problem gemacht habe, fürchte er sich davor, daß Gott ihn im Schlaf betrachte. Daß Gott ihn in einem Moment des Kontrollverlusts überrasche.

Die drei bis vier Stunden, die er schlafe, falle er in eine traumlose Bewußtlosigkeit, in eine Art Koma, falle er praktisch ins Nichts. An das Einschlafen, das Aufwachen habe er keine Erinnerung, er werde in diese Sphäre gerissen, und dort sei eben wirklich — nichts. Das Leben sei sein Traum, sein ewiger Wachtraum. Im Wachzustand halte er daher alles für möglich. Begebenheiten ohne Grund, ohne Wirkung. Traumlogik. Das menschliche Vermögen sei gewaltiger, als gemeinhin angenommen werde. Und vernünftige Ziele ließen sich mit etwas Disziplin erreichen wie im Traum.

Er wandte sich zu den ausgestopften Auerhähnen neben uns und strich anerkennend über das Gefieder. Staub stieg auf. Sank auf die Bälge zurück. Schöne Vögel, sagte er.

Wir traten auf die Straße, die engen Wände strahlten Wärme ab, so empfand ich es zumindest, obgleich es kein sonniger, auch kein warmer Tag gewesen war, sie strahlten dennoch habituell Wärme ab, gefühlte Wärme, Lebenswärme, es roch nach Gurkensalat in dieser Straße, die in vollständiger Geräuscharmut da lag, keine Schritte außer den unseren, keine Fahrzeuge außer in einer nicht mehr dazugehörigen Ferne, ein Windstoß pfiff durch den engen Straßenkanal und ließ Geranienzweige wippen, ließ feuerrote Blütenblätter an dem schwarzroten Backstein vorüber auf den Bürgersteig fallen, dessen Breite genau eine Platte betrug, nicht mehr als ein Gartenpfad entlang der Straße, dann ließ jemand irgendwo donnernd einen Rolladen herunter.

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