II Patientia oder Das Ostschloß

9 Anstaltskost

Muß es sein? Müssen sie die Apfelsinen, die als Nachtisch vorgesehen sind, in abgeschabten Spülschüsseln präsentieren? Der Zivildienstleistende fährt den Teewagen herein, vollbesetzt mit Plastikgerät, der Art, wie wir es zu Hause verwendeten, die Hände in Schaum getaucht, die Haut im heißen Wasser gerötet, unverwüstliche Schüsseln, eckig, mit Griffen. Der Zivi wuchtet eine von ihnen herunter und geht damit die Tischreihen entlang. Jeder darf sich eine Apfelsine nehmen. Die Patienten greifen gierig zu, so gierig wie zögerlich betasten sie jede einzelne Frucht, wenden sie um und um, wählerisch wie auf dem Markt. Der Nachtisch ist ihnen wichtig, sie leben den ganzen Tag auf den Nachtisch hin, und nur allzuoft ist gerade der Nachtisch eine Enttäuschung.

Herr V. wirft seine Frucht locker von einer Hand in die andere, dann legt er sie, offenbar für zu leicht befunden, zurück und nimmt sich eine neue. Der Zivi hält die Spülschüssel mit Engelsgeduld. Auf der Höhe von Frau H. stemmt er den Turnschuhfuß gegen eine Strebe ihres Stuhls und stützt die Last mit dem Knie. Frau H. möchte die Apfelsine in Seidenpapier, die ganz unten liegt. Durch die Hohlräume hat sie das weiße Papier blinken sehen und gräbt jetzt alles um. Sie zieht ihre Beute brachial heraus, erst das angerissene Papier, dann die Orange, die sie für die dazugehörige hält. Herr P. entnimmt eine der Kugeln mit seinem Stofftaschentuch und beginnt sie zu polieren, so wie er gestern stundenlang den Apfel blank rieb, nur daß das Wienern bei Zitrusfrüchten nichts nützt. Gestern hat er den Apfel so zum Strahlen gebracht, daß er ihn nicht mehr zu essen vermochte. Nach langem Über-die-Schulter-Beugen-und-gut-Zureden überzeugte ihn der Zivi, der als einziger Herrn P.s Vertrauen genießt, das Innere von der Schale zu trennen. Schließlich begann Herr P. tatsächlich damit, den Apfel vorsichtig zu schälen. Die Schalenspirale, ein einziges Stück in hauchfeinen Windungen, hat er mit auf sein Zimmer genommen, wo es erst heute morgen, schrumpelig und braun, entfernt worden ist.

Selten konfrontiert die Küche unsere Patienten mit einer vollständigen, noch zu handhabenden Frucht. Oft ist das Obst vorverarbeitet, recht häufig gibt es Kompott: eingeweckte Pflaumen oder Kirschen, Apfelmus. Meist allerdings haben wir Fruchtimitat in Form von Götterspeise, gerührt aus einem Pulver, das das Aroma von Kirschen nachahmt. Götterspeise ist höchst unbeliebt und wird als Dessert nur unter größtem Vorbehalt gelten gelassen. Dies liegt daran, daß zu viele andere Speisen ebenfalls dieses Göttrige aufweisen, die glibbrige Durchsichtigkeit, das formlos Ungreifbare.

Es beginnt morgens mit der Marmelade. Man portioniert sie kellenweise, aus dem 5-Liter-Eimer wird sie mit der Suppenkelle in gläserne Schälchen geklatscht, wo sie nachzittert, die Formung der Kelle aber nicht verliert. Glänzende Wölbung dieser Morgenmarmelade, Aurorarot: Immer ist es Vielfruchtmarmelade, mal scheint der Erdbeeranteil etwas höher, mal der Aprikosenanteil, die Farbe bleibt gleich. Nicht stückig, aber auch nicht Gelee, dazu ist sie wiederum zu sämig; nie behauptet sich diese Marmelade als etwas Eindeutiges, sie bleibt ein Kunstprodukt, dessen Inhaltsstoffe niemand kennt.

Die Insassen schneiden mit dem Teelöffel behutsam Stücke aus der Gallertmasse, kippen sie auf ihre Brotscheibe, zerdrücken sie mit dem Messer, jeden Morgen als erstes diese quallenschinderische, höchste Konzentration erfordernde Operation.

Abends abermals Quallenhaftes, quadratische Sülze. Die Scheiben dienen als Schaukästen für Fasern von Hühnerfleisch, für aufgeschnittene Erbsen, einen haarfeinen Hauch von Blumenkohl. Brotbelag als Objektträger — ein Transparentscheibchen, das wie die Quallen nach Salzwasser schmeckt, schließt seine Beute ein. Es ist eine unverblümte Resteverwertung, das Mittagessen vom Vortag läßt sich in der Sülze wiedererkennen. Diese unerbittliche Ordnung, auch Sparsamkeit, die darin liegt, die demonstrative Regelhaftigkeit gefällt mir noch am besten. Wir alle können angesichts der durchsichtigen Strukturen, des eingekapselten Gestern wenigstens für die Dauer einer Mahlzeit etwas lockerlassen, denn eine Instanz außerhalb unserer selbst hat die Dinge, hat die Zeit im Griff.

Ansonsten Lebensmittel von wabbeliger Konsistenz, vor dem Messer zurückweichende Speisen. Zähes Püree, puddinghafte Soßen, durchscheinender Harzer Käse. Speisen, mittels deren hier der Rückzug von der festen Materie angedeutet wird, das Dahinschwinden des Massiven, der Verfall jedes Widerstands. Speisen, angesichts deren es uns so scheinen muß, auch wir selbst seien nichts als eine zurückweichende Masse, seltsam inhaltslos, beliebig verformbar, von jedermann leicht zu durchschauen.

Jetzt die Orangen: Sie lösen eine andächtige Stille, beinahe Ehrfurcht aus, als handele es sich um Qigong-Kugeln, deren innerem Klang man lauscht.

Ich sitze mit den Pflegern und Frau Dr. Z. am Ärztetisch. Von hier aus sehe ich, wie der Zivi mit dem Apfelsinenhügel in der Schüssel von einem zum anderen geht und wie der Hügel seine Kuppe verliert und verflacht.

Ich sehe den Hügel in eigenartig hoher Auflösung, jeder einzelne Lichtpunkt auf den wächsernen Wölbungen scheint sich mir persönlich mitzuteilen, verschwenderisch wie ein sprachlicher Überfluß, ein sich selbst rühmender Hügel, der schon wieder ortlos wird in seiner Überschärfe.

Ich meine Tafelmusik zu hören, die die gemessenen Zivischritte umspielt und die langwierigen Auswahlprozesse beschwingt. Nach dem Verzehr der Frucht, so hält er die Patienten an, sollen die Orangenschalen von jedem einzelnen Teller in die leeren Plastikschüsseln auf dem Teewagen geschabt werden, bloß nicht die Teller mit den Obstschalen darauf ineinanderstellen, nicht warten, bis alles festgeklebt ist, der Küche den Ablauf erleichtern.

Es beginnt die Arbeit an der Schale. Verhornte Fingernägel brechen Fetzen ab. Lange Spiralstreifen winden sich von stumpfen Messern wie auf einem niederländischen Gemälde. Manche Schale erhält Einschnitte vom Blütenansatz zum Stiel und löst sich in den Spitzovalen, die sich die Kinder zu Karneval als falsches Gebiß in den Mund schieben. Die Frucht von Herrn P. zerfällt in hauchdünne runde Scheiben, von denen nur die äußerste wächserne Schicht entfernt ist. Die wattige Albedo bleibt dran und wird mitgegessen.

Von meinem Platz aus sehe ich, wie Frau H. ihre Apfelsine halbiert, dann viertelt, dann achtelt. Sie hat sie auf ihren benutzten Teller, auf die Kartoffelbrei-und-Soße-Spuren gelegt und sägt durch Schale und Fruchtfleisch, den Verlauf der Segmente nicht achtend. Was sie erhält, sind Pyramiden mit gerundetem Fuß, und von diesem schaukelnden Schalenfuß zieht sie mit den Zähnen das Fruchtfleisch herunter. Sie kaut. Es klingt, als äße sie Chips, Kekse, etwas Hartes, sie demonstriert, daß die Kiefer eine Orange zerquetschen, aufsprengen, zerbeißen müssen, während man doch irrtümlich glaubt, es handele sich nur um ein leichtes Anpressen der Zunge, ein Herausdrücken des Saftes aus einem überprallen, nachgiebigen Objekt.

Heutzutage erwartet man von den Patienten, daß sie mit Hilfe eines Obstkorbes die Familiensituation als Stilleben nachstellen. Frau H., die von Anfang an opponierte, aber auch in einem schon krankhaften Grad phantasielos wirkt, sah sich in der Sitzung außerstande, sich selbst als Frucht zu imaginieren, schon gar nicht ihren Vater. Sie sah mich an, wie eine vernünftige, nüchterne Person jemanden ansieht, den sie für wahnsinnig hält: etwas mitleidig, etwas angeekelt, etwas gelangweilt, vor allem gelangweilt. Ich hütete mich, ihr Vorschläge zu machen. Als Kompromiß bot ich an, sie solle eine Frucht aussuchen, die mich darstellen könnte.

Ihr Ekel nahm zu. Mit spitzen Fingern hob sie eine Banane aus dem Korb, eine Nuß, eine Pflaume. Ob ich sicher sei, daß das etwas bringe? Sie bekomme ihr Leben nicht in den Griff, und ich wolle unbedingt ein Stück Obst sein?

Nun, sagte ich, sie möge doch bitte alle Anzüglichkeiten, die ihr bei den einzelnen Früchten einfielen, zunächst vergessen. — Warum sagte ich das? Warum brachte ich Anzüglichkeiten ins Spiel? Sie dachte daran nicht einmal. Sie war auf eine beinahe unschuldige Weise unvoreingenommen. Sie hatte nichts gegen Obst, sie wollte das Problem mit ihrem Typ lösen und erwartete von mir Ratschläge, Anleitungen, Anweisungen, zur Not Befehle, sie war entschlossen, sich an alles zu halten, was ich vorgab, sie war bereit, Opfer zu bringen, Unangenehmes durchzustehen, sie war auf Härten jeder Art gefaßt, aber sie wollte nicht spielen.

Ich hingegen interessierte mich während meiner Ausbildung stets dafür, Obst zu sein. Banane sein: weich und glitschig und pelzig schmeckend. Ein Apfel, fest und süßsauer und hochempfindlich bei Druck. Es kam mir ganz natürlich vor, wie eine Kindheitserinnerung, manchmal war man müde, manchmal fühlte man sich bananenhaft, oder erdbeerig, hatte man solche Zustände nicht immer schon gekannt?

Seit ich im Schloß wohne, halte ich mich gerne für eine Orange. Besser noch für eine Pomeranze, prachtvoll und bitter, eine Frucht aus dem Reich der Mitte, dem Land der aufgehenden Sonne, perfekt gerundet, relativ stoßfest, von einer in sich ruhenden Fülle, einer positiven Pracht.

Ich selbst bin füllig. Nicht unangenehm dick, allerdings füllig in einem Ausmaß, das mir den Patienten gegenüber Imposanz verleiht. Auch eine gewisse Standfestigkeit. Mein Körperfett puffert die unangenehmen Gefühle, die die Patienten zu mir herüberschieben, ich nehme sie wahr, aber sie erreichen mich nicht im Kern, von dem ich mir einbilde, daß ich über einen solchen verfüge. Mehrere Kerne, eine Menge von Kernen, in den Saftschläuchen gelagert und gut versteckt. Ich bin gefeit, anders läßt sich dieser Beruf nicht ausüben. Ich konzentriere mich nach innen hin, ich falte mich ein: Bauchfalten, Speckrollen, Hautpartien, die sich berühren, ein Leib in Segmenten, der sich selbst permanent liebkost. Dadurch fühle ich mich autonom. Dadurch besitze ich das Entscheidende, das, was den Patienten ausnahmslos fehlt.

Apfelsine, Sinaasappel, Apfel aus China, der in unserem chinesischen Teezimmer an seinen natürlichen Ort gelangt. In der Tat fühle ich mich immer wohl zwischen den Porzellanimitaten, den billigen Vasen und Teekannen und kranichbemalten Tellern aus dem Asienladen, von irgendeinem Gutmeinenden herbeigeschafft und museal auf Blumenständern ausgestellt, da die echten Stücke in den Wirren der Geschichte geraubt wurden. Im Teezimmer hängt noch die importierte Seidentapete, Blütenzweige und mottenzerfressene Vögel, Mode der Chinoiserie. Ich stehe manchmal in der Mitte, rieche die muffig zerfallende Seide und den Räucherstäbchenduft, der den Dingen aus dem Asienladen in alle Ewigkeit anhängt, ich stehe dort zu Zeiten, in denen mich niemand überraschen kann, und ich imaginiere dort die Vollkommenheit einer zurückfedernden Schicht, die das Fleisch schützend umschließt. Ich sehe mich in diesem weißen Kokon, von einem wasserabweisenden Orange überzogen, das fremde Einflüsse abhält. Panzerbeere: Die Apfelsine gehört, was man normalerweise nicht weiß, zu den Beerenfrüchten, und wenn eine Beerenfrucht hartschalig ist wie ein Kürbis oder eine Gurke, heißt sie Panzerbeere. Ich sehe mich als Pomeranze, die eine Panzerbeere ist.

Die Patienten beginnen schon abzuräumen. Ein entsetzliches Quietschen hebt an, da sie sich korrekt an die Anweisungen halten und die Schalenabfälle entsorgen. Rostfreier Edelstahl schabt über Porzellan, übergründlich, um auch jede noch so kleine Faser zu erwischen. Frau Dr. Z. verzieht schmerzlich das Gesicht.

Der Ärztetisch unterscheidet sich vom Patiententisch dadurch, daß die Ärzteschaft zu jeder Mahlzeit Zellstoffservietten erhält, die Patienten nicht. Die Patienten müssen so zurechtkommen. Ich habe Frau Dr. Z. noch nicht zu fragen gewagt, ob hier bewußt ein Statusunterschied betont werden soll, oder ob man einfach davor zurückscheut, den Patienten eine Beschäftigungsmöglichkeit an die Hand zu geben, die an Komplexität einem Stück Obst in nichts nachsteht, nur Unruhe und Abfall verursacht und Energie von der Ergotherapie abzieht. Man könnte von den Servietten die einzelnen Lagen abheben, Papierkügelchen aus ihnen formen, Wasser oder Sud mit ihnen aufsaugen und den Verlauf der Flüssigkeit verfolgen, um nur das Naheliegendste zu nennen. Wie die Kinder, das ist das Fazit, das Frau Dr. Z. bei jeder Gelegenheit gebetsmühlenhaft wiederholt. Sie legt ihr Besteck zusammen, sie tupft sich den Mund ab, schielt kontrollierend zum Patiententisch hinüber, wo kaum noch jemand sitzt. Ich weiß nicht, ob sie sich davor fürchtet, daß ihr die Kontrolle jemals entgleiten könnte. Sie ist der Meinung, daß ihr diese Kontrolle zum Teil bereits durch eine betont aufrechte Haltung, eine gewisse Wortkargheit, gut gebügelte Blusen gelingt. Sie legt das Zellstofftuch behutsam neben ihrem Teller ab, einen Moment zögert sie. Ich erkundige mich nach den Servietten. Frau Dr. Z. ist nicht irritiert, sie hebt nicht die Brauen, sie bleibt völlig ruhig, wie ein Daunenkissen.

Eine Kostenfrage, bescheidet sie mich. Eine Kostenfrage, wiederhole ich brav.

Ich lege die Hände ineinander. Wir falteten vor jeder Familienfeier komplizierten Tafelschmuck, erzähle ich Frau Dr. Z. Wir falteten Fächer und Schwäne, grobgeriffelte Seerosenblätter, Gebilde, die, am Fuß mit dem Gewicht der Kuchengabel beschwert, mühelos aufrecht standen.

Frau Dr. Z. macht eine winzige Bewegung, als wolle sie sich von ihrem Stuhl erheben, aber ich wende mich ihr nun mit einer Drehung des Oberkörpers vollständig zu.

Körper, sage ich zu Frau Dr. Z., Skulpturen, Räumlichkeit, während es sich zuvor nur um eine Fläche handelte, weich zwar und bedruckt, aber doch allenfalls ein Bild. Wir hingegen falteten Lotusblüten, sage ich, Kronen, Tischskulpturen, die zierlich-pompös wie Gnome oder Elfen auf den Tellern hockten.

Ich habe Frau Dr. Z. noch niemals etwas Persönliches erzählt. Ich habe dergleichen sogar bewußt vermieden, mir schien das besser so. Nun aber, da sie gerade aufstehen will, überkommt mich ein Rededrang, ich möchte ihr etwas erzählen, das ich noch niemals jemandem erzählt habe, möchte mich mit einer längeren Ausführung an sie, dezidiert an sie wenden, ihr etwas anvertrauen, auch wenn ich gar nicht weiß, was, es ist eine Art von Beichtzwang.

Früher, setze ich an, doch Frau Dr. Z. erhebt sich und läßt ihr Geschirr zurück und nickt mir zu, als erteile sie mir Absolution, noch bevor ich überhaupt dazu komme, etwas zu sagen.

Das hindert mich keineswegs, ihr trotzdem zu beichten, innen und still.

Kunst der Serviette: Ich bemühte mich verbissen um Akkuratesse, um exakte Knicke, ich strich mit den Daumennägeln über den Falz, gerade so fest, daß das Papier nicht riß. Mich störte das Nachgiebige der Servietten, die mangelnde Statik, die schlaffen Ziehharmonikafalten, ich arbeitete an gegen die Widerstandslosigkeit des duftigen Materials, während meine Schwester mit ihm eine geheimnisvolle Einheit zu bilden schien. Schlimmer waren nur die Stoffservietten zu hohen kirchlichen Feiertagen, die sich im Grunde nur rollen oder in Wellen versetzen ließen, am schlimmsten aber die feinen, fast durchsichtigen Servietten aus hauchdünnem Japanpapier, die meine Mutter zur Erstkommunion meiner Schwester gekauft hatte und die nach Kerzenwachs rochen, weil sie ein Jahr lang hinten im Schrank gelagert worden waren. Bei diesen hätte es genügt, sie zum Dreieck zu legen und an den Spitzen zu einem Krönchen zusammenzustecken, edel genug für meinen Geschmack, aber Mila bestand darauf, gerade aus ihnen etwas Besonderes zu machen, also mußten wir sie um einen Bleistift legen und mit einer obszönen Melkbewegung raffen und straffen, so daß die Serviette in winzigen Ringen um den Stift riffelte wie ein Waschmaschinenschlauch. Ich ertappte mich, wie dabei meine Zungenspitze zwischen den Lippen herauslugte, ich biß mir auf die Zunge vor Konzentration, dann nahm Mila das Ergebnis an sich und zog und zupfte daran, bauschte hier etwas auf, drückte dort etwas zurecht, sie tat das spielerisch, mit einer Leichtigkeit, die dem Hauch von Papier wohl angemessen war, sie schuf erstaunliche Blüten, gefüllte Pfingstrosen, Lilien, Gladiolen, und was mich am meisten verwunderte, war, daß diese Blüten weit größer wirkten, weit materialreicher als das Stück Serviette, aus dem sie entstanden waren, es schien beinah, als greife Mila diese Dinge aus dem Nichts, während ich doch genau wußte, daß ich mit ihr am Tisch gesessen und schwitzend die Vorarbeiten geleistet hatte.

Zu Milas Geburtstagsfeier mit den Klassenkameradinnen falteten wir Ponys aus rotem Kreppapier, zu meinem Kindergeburtstag wünschte ich mir etwas Technisches, und Mila brachte graue Papierhandtücher mit, die sie aus einem Spender im Waschraum ihrer Schule genommen hatte. Daraus falteten wir nach dem Prinzip der Wasserbombe Quader, die wir auf einer Seite mit Filzstift als Fernsehschirm bemalten.

Milas Serviettensammlung: die dünnen Vliese, mit denen man sich den Mund abwischte, den Schoß bedeckte. Von jeder Familienfeier nahm meine Schwester ihre Serviette mit nach Hause und ordnete sie in den Klarsichthüllen eines alten Schallplattenalbums an. Konnte es ihr dabei allen Ernstes um die aufgedruckten Muster und Motive gehen, die in der Regel scheußlich waren, oder doch eher um diese aufgestaute Sinnlichkeit, die Unbenutztheit, die Möglichkeit einer Entfaltung. Es kam darauf an, daß die Tücher schon auf einem Tisch gelegen hatten, aber nicht weiter eingesetzt, sondern geschont worden waren. Unbefleckte Servietten strich sie zu Hause noch einmal glatt.

Ich stehe vom Ärztetisch auf, nicke einer imaginären Frau Dr. Z. zu und trage mein Geschirr zum Teewagen. Ich schiebe mit dem Messer meine Orangenschalen zu den übrigen in die Spülschüssel, wische mit der Serviette nach, stelle den Teller auf den Stapel und werfe das Messer in eine andere Schüssel, wo es mit einem Klick zwischen Besteckteile sinkt. Ich gehe noch einmal an meinen Platz zurück und hole meine Gabel, meine Tasse, meine Untertasse.

Wir haben dickwandige weißglasierte Tassen, in denen man sich nichts als leicht gesüßten Hagebuttentee vorstellen kann, Tassen, deren Fuß zu augenfällig in die Vertiefung der Untertasse paßt, Tassen, für die es kein einfaches Abstellen gibt, nur ein Einrasten. Ich setze meine Tasse mit dumpfem Scheppern auf die Spitze des Tassenturms. Das deutsche Anstaltsgeschirr: In allen Einrichtungen mit gemeinschaftlicher Beköstigung, in Krankenhäusern, Jugendherbergen, Kinderheimen verwendet man dieses Geschirr, an dem immerwährend der Geruch nach zu scharfem Spülmittel hängt. Man riecht die sterile Spülküche, riecht die riesigen Maschinen, die heiße Lauge um die Körbe mit den eingestellten Tellern wälzen, man riecht den unentwegt gewischten gelblichen Fliesenboden mit, Küchen, gekachelt wie U-Bahn-Eingänge, als sei für uns alle hier der Aufenthalt nur Durchgangsstation.

10 Tarnungsfehler

Nebel über den Abflußgittern, Nässe in den Ästen, ein trügerischer Vorfrühlingsabend, der in einen ebenso trügerischen Morgen münden wird: erst dunkel und regnerisch, dann verhangen und klamm, später von einer klebrigen Feuchtigkeit, die bis in die Knochen dringt.

Ich treffe meine Vorbereitungen mit einer mürrischen Affinität zum sogenannten schlechten Wetter. Sobald die Patienten im Bett liegen, mache ich mich auf zu unserer Garagensiedlung, die sich am Rand des Schloßparks befindet und einmal wohl auch ausgewählten Bewohnern der nahegelegenen Ortschaft zur Verfügung gestanden hat. Jetzt nehmen die Ärzte und das Pflegepersonal alle Stellplätze in Anspruch. Ich öffne das Vorhängeschloß und löse den Riegel, lasse die Glühbirne an der Decke aufleuchten. Meine Garage ist geräumig genug für meinen Wagen und einen kleinen Bereich, den ich als Werkraum bezeichne. Der Werkzeugschrank klemmt, ich reiße die verzogene Schranktür auf und zerre aus einem der Fächer meine Regenhaut. Auf der Regenhaut hat eine Kiste mit Nägeln gestanden, die Haut ist zusammengefaltet und zusammengeklebt, ich ziehe die einzelnen Schichten vorsichtig auseinander, wie man ein Pflaster von einer noch nicht ganz verheilten Wunde ablöst, ich stecke die Faust in einen der Ärmel und boxe mich behutsam durch, bis sich die Ärmelseiten voneinander trennen. Meine Mutter hat die Regenhaut mehrfach wegwerfen wollen, sie sei mir zu eng, sie sei von unaussprechlicher Farbe, sie klebe zusammen. Ich verbarg die Regenhaut über Jahre hinweg, da ihre Nachteile zugleich ihre Vorteile darstellen. Die Regenhaut ist nicht viel dicker als ein Müllsack, sie ist federleicht, und ihre Farbe ist so unbestimmt, daß man in ihr auf der Stelle verschwindet. Ich rücke den Arbeitsstuhl ein wenig von der Werkbank ab und drapiere die Haut über der Lehne. Als nächstes wische ich mit einem Lappen Staub und Schmutz vom Wagen. Ich benutze meine zerschlissenen Unterhemden, von denen ich mich noch nicht so recht trennen kann, ich befeuchte sie mit Seifenlauge, nach jedem Strich haftet ein neuer dunkler Streifen auf den weißen Baumwollrippen, ich schlage das Hemd um, wische mit der frischen Seite weiter, das Rot meines Opels tritt ungewöhnlich rot hervor. Aufgehende Sonne, Rotkäppchens Käppchen, weithin sichtbares Zielobjekt. In der unteren Schublade des Schranks lagern die Rollen mit der Folie. Ich hebe sie heraus, deponiere sie auf der Werkbank und suche nach dem angehängten Zettel mit der Nummer eins. Über der Werkbank hängt ein Plan, auf dem ich mein Auto naturgetreu abgezeichnet habe. Die Karosserie ist mit gestrichelten Linien in Segmente unterteilt, wie man es von Schweineabbildungen in Metzgereien kennt, auf denen Schinken, Eisbein, Kotelettstrang und Rückenspeck für den Kunden lokalisiert werden. Die Nummer eins entspricht auf meinem Plan der Kühlerhaube. Ich wickele ein erstes Stück der Folie ab, drücke sie auf den Lack und rolle sie Millimeter für Millimeter straff und gleichmäßig darüber.

Es kommt darauf an, sich dem Jagdobjekt anzugleichen. Mir ist es gelungen, Folie in der Bundeswehrtarnfarbe Basaltgrau stumpfmatt aufzutreiben, das Rot verschwindet darunter, mein Wagen verschmilzt mit dem naßdunklen Asphalt, mit dem Waldrand, mit den düsteren Kneipen, vor denen er hält. Basaltgrau ist die Unterwasser-Tarnfarbe der Bundesmarine, meine Folie entspricht diesem Ton nicht völlig, kommt ihm aber nahe, nahe genug, um an Tagen, die praktisch unter Wasser stattfinden, die verregnet und vernebelt und von Feuchtigkeit aufgequollen sind, wie unter einer Tarnkappe zu fahren. Flecktarnmuster bringen für einen normalen Pkw nichts, es geht darum, sich im Hintergrund aufzulösen, sich der Umgebung maximal anzupassen. Mit Flecktarnmuster fällt man in einem verregneten Prignitzdorf auf, mit Basaltgrau ist man ununterscheidbar von den eingedunkelten Mauern der Straßendörfer, den umgepflügten matschigen Feldern, den Müllcontainern auf Wendeplätzen.

Ich treffe die Wahl zwischen zwei Paaren Gummistiefeln, einem olivgrünen, einem gelben. Manchmal erweist sich Harmlosigkeit als die beste Tarnung, deswegen bin ich auch schon einmal in dem gelben Paar unterwegs gewesen, hatte mir aber zur Sicherheit ein paar Reste von der Folie mitgenommen, um zur Not das Gummistiefelgelb damit dämpfen zu können. So weit werde ich diesmal nicht gehen, nicht immer ist unterwegs genug Zeit, um Stiefelpaare dilettantisch zu bekleben, überhaupt trägt man Gummistiefel kaum noch in der Öffentlichkeit, das grüne Paar, entscheide ich, ist auffällig genug, also hinreichend harmlos, ich hole das grüne Paar unter der Werkbank vor und schiebe das gelbe näher an die Wand.

Dann schiebe ich auch das grüne Paar wieder zurück und greife nach meinen Wanderschuhen. Genaugenommen bin ich nur ein einziges Mal in Gummistiefeln gefahren. Ich hatte versucht, in ihnen eine nasse Böschung zu erklimmen, war mit den glatten Sohlen immer wieder abgerutscht und hatte mich an den Grashalmen festhalten müssen. Zuletzt war ich die Böschung auf Knien hinaufgekrochen, in Kniehöhe wuchsen lehmige Flecken auf meiner Hose, die Stiefel hatten sich als äußerst unpraktisch erwiesen. Dennoch neige ich immer wieder zu den Stiefeln, aus verspielter Sentimentalität, kindischer Nostalgie, einer Neigung zur Selbstdemontage; ich bin gern in Gummistiefeln.

Alberich, der Elfenkönig, manipulierte mit seiner Pelerine die Streuung des Lichts. Mein Wagen wird bereits von der Dämmerung verschluckt. In der Ortschaft gehen die Straßenlaternen an. Ich warte noch ein wenig damit, die Scheinwerfer anzuschalten, und fahre auf die Landstraße. Industriewiesen voller Badewannen, grobschlächtig hängende Granitwolken, wiederkäuende Riesenblüten: der Weg vom Ort in ein vielversprechendes Anderswo. Es gibt keine Richtung, kein Ziel, nur den Wunsch, sich in dieser Gegend zu entpositionieren. Nicht mehr als Einzelheit gelten müssen. Nie als Individuum. Weggeworfene Plüschhündchen am Straßenrand, Schwammtiere, die alle Stimmungen aufsaugen, das Überwertige und das Häßliche, das Hysterische und das Schöne. Auf dem Rücksitz liegt die Regenhaut, es nieselt leicht, der Scheibenwischer quietscht. Innenleben in Stereotypen. Boshafte Fertigteile, die die Einflugschneisen verstopfen. Meine Augen fühlen sich gerötet an, ich bin nervös.

Ich durchfahre finstere Ortschaften, in denen man früh zu Bett geht und in denen nach 22 Uhr auch die Straßenbeleuchtung erlischt. Noch schlafen die Leute nicht. Sie machen sich im Halbdunkeln an ihren Vorgärten zu schaffen, wankelmütige Bemühungen, ein Schaben und Kratzen ohne Resultat, ein Versuch, Energie abzuleiten, die unruhige unpersönliche Energie einer Vollmondnacht. Wir haben Neumond. Die Siedlungsdichte nimmt ab. Ich durchrausche menschenarme Gegenden und gelange in eine ganz unbesiedelte Region. Stillgelegte Truppenübungsplätze, immerruhende Seen und Wälder — im Sommer kommen einzelne Camper und Wasserwanderer, die sich dafür begeistern, daß innerhalb Deutschlands ein Gebiet existiert, in dem man sich wie in der endlosen Weite Finnlands fühlen darf, von allem Zivilisatorischen abgeschnitten, von Mücken geplagt. Im Winterhalbjahr hält sich hier niemand auf, nur des Nachts sind Motorengeräusche zu hören, die der Wind bis in die weit entfernten Dörfer trägt, Motorengeräusche, die ebensogut das Rauschen von Wind sein können.

Wahrnehmbar: Wachtürme im Wald, Bunker, aus denen ein unstetes Schimmern dringt, Irrlichter aus der Tiefe betonierter Nacht. Sekunden-, Minuten-, Stundenzeiger ticken grünlich über die Kronen der Kiefern hinweg, phosphoreszierende Ziffern von Uhrblättern drehen sich über dem Firmament, gehen auf, gehen unter. Die Militäranlagen verfallen, lassen Leuchtstreifen hervortreten, entbergen ihre Markierungen, ihre mit radiumhaltiger Farbe bestrichenen Schalter, die Hebel, die Steuerungsflächen, die immer erkennbar sein müssen, auch und gerade in lichtloser Nacht.

Am Tag vor Odilos Beerdigung bin ich von meinem Elternhaus aus noch einmal in die Eifel gefahren. Die Ausbeute wie immer. Relativ viele Aufnahmen von Fichten an einer scharfen Kurve. Manche Bilder hatte ich mit Blitz gemacht, auf ihnen blitzt ein Reflektor am Leitpfosten zurück. Greller Stern auf grauem Weg. Weitere Bilder von kahlen Buchen, die etwas verschwommen eine Landstraße verdecken. Eine Menge Bilder, auf denen man im Grunde nur den Straßenbelag sieht. Die weißen Leitlinien aus unterschiedlichen Winkeln, sehr abstrakt, mondrianhaft. Die Fahrbahn, die von einer Hügelkuppe geradewegs herabführt. Einmal mit der Schnauze eines Lasters, der im Begriff ist, hinter dieser Kuppe aufzutauchen. Sehr viele Schnappschüsse von Automobilen, die mit überhöhter Geschwindigkeit an der Häuserzeile eines rheinischen Straßendorfs vorüberfahren, eng aneinandergedrängte Häuser, teils Fachwerk, teils überputzt, teils verklinkert, davor immer an unterschiedlicher Stelle ein schwarzer Fleck.

Man fotografiert irgendwann einfach drauflos. Wenn man lange wartet, sich umständlich vergewissert, daß man das richtige Motiv erwischt hat, wenn man erst sichergehen will, ist der Moment schon vorbei, bevor man überhaupt die Kamera gezückt hat. Wenn einem ein Karomuster entgegenrast, ist es zu spät, um zu reagieren. Man muß die Kamera im Anschlag halten, und der eine entscheidende Schuß erfolgt schließlich automatisch, unbewußt, selbstvergessen.

Ich besitze eine große Sammlung von Fotografien, auf denen überhaupt nichts zu sehen ist. Nichts Gegenständliches zumindest. Nichts Gegenständliches, sofern man die sogenannte Natur als ungegenständlich zu bezeichnen gewillt ist. Ich habe Unmengen von Fotos mit Waldstücken, Wegbiegungen, leeren Asphaltstraßen, Ausschnitte, die nicht malerisch sind, Ausschnitte der Welt, die wirken, als habe jemand versehentlich aus dem Handgelenk abgedrückt, oft verwackelt, oft unscharf, niemals aber mit einem sogenannten Objekt, sofern man gewillt ist, eine zufällig dastehende Notrufsäule, das Fundament eines Hochspannungsmastes oder ein Stück Stacheldrahtzaun mit wehendem Haar aus einer Ponymähne nicht als Objekt zu bezeichnen. In diesem Fall gibt es für mich nur ein Objekt, ein gültiges Objekt, und man darf davon ausgehen, daß sie sich noch nicht dazu haben hinreißen lassen, ihre Erlkönige als Wald, als Notrufsäule zu verkleiden.

Andererseits kann ich mir bei keinem dieser Fotos sicher sein, deshalb werfe ich sie nicht weg. Sie ähneln den Katalogabbildungen, mit denen für moderne Jagdkleidung geworben wird. Suchbilder, die scheinbar nur ein Waldstück oder einen Wegrand zeigen, reine sogenannte Naturidylle auf den ersten und auch noch auf den zweiten und dritten Blick. Erst auf der Abbildung daneben, die dasselbe Motiv zeigt, aber mit farbigen Kreisen markiert ist, erkennt man die Personen, die am Wegrand hocken, im Wald stehen, im Gras liegen, oft erstaunlich viele, es wimmelt von unerkannten Jägern auf diesen Bildern, Jäger, die man nur sieht, wenn man weiß, wo man hinsehen muß. Es ist ein wenig bedrückend und ein wenig bedrohlich, solcherart den eigenen Augen nicht trauen zu können, spricht allerdings für die Qualität der Tarnung. Wild, das in seinem Fluchtverhalten nach Augenschein geht, wird kaum Verdacht schöpfen, wenn nicht andere Faktoren hinzukommen, Gerüche, Geräusche; Faktoren, die das Foto nicht erfaßt. Dermaßen leicht zu täuschen, erwarte ich daher immer noch, erwarte ich grundsätzlich und hoffnungsfroh, auf einer meiner Aufnahmen womöglich doch noch einen Erlkönig zu sichten.

Ich habe unzählige weißlich verschwommene Aufnahmen gemacht, Bilder, auf denen nur Nebel ist. Speziell diese Nebelbilder lasse ich ein zweites Mal abziehen, in größerem Format. Ich tauche ein in das reglose Wabern und warte, ob ich nicht doch plötzlich etwas sehe, einen Kotflügel, einen Scheinwerfer, einen Umriß, ein Detail. Die Nebelbilder vereinen in sich den Zauber aller Möglichkeiten. Und nebenbei bemerkt, wäre Nebel für einen Erlkönig letztlich auch die angemessenste aller Umgebungen.

Ich bremse mitten im Wald und steuere mein getarntes Automobil in einen Forstweg, den Unbefugte nicht befahren dürfen. Das Risiko, hierbei entdeckt zu werden, ist nicht sehr hoch. Der Wagen ist so gut wie unsichtbar. Zudem betrachte ich mich um diese Tageszeit bereits als befugt. Ich parke neben der Fahrspur zwischen zwei Büschen, es regnet leicht. Ich nehme die Regenhaut vom Rücksitz und schließe den Opel ab. Eine Weile stehe ich einfach da, damit sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Ich winde mich in die Regenhaut, sie liegt eng an, ich vermeide es, die Druckknöpfe aufeinanderzupressen, ich setze nur die Kapuze auf.

Vorfrühlingswald. Es riecht nach Bärlauch und nach Wildschweinen. Ich höre die Schweine unter den Eichen wühlen. Ich habe mich noch nicht bewegt, stehe reglos und lausche. Im Wind flattert meine Regenhaut und raschelt unnatürlich. Ich schließe über der Brust einen Druckknopf, mir bricht sofort der Schweiß aus. Pelle des Widerstands, Pelle der Subversion. Im Zweifelsfall würde man mich aus der Ferne für einen Müllsack halten, aufgehängt an einem niedrigen Zweig, etwas Verbotenes enthaltend, ein erlegtes Tier, dessen räudiges Fell aus einer schadhaften Stelle quillt.

Am Horizont bläht sich ein Duschvorhang über den aufgerissenen Flächen der Nacht.

Infrarotaugen, Röntgenaugen, Nachtsichtgeräte. Argusaugen. Sehen den Viertelschlaf der Tiere, die verborgenen Orte, an denen sie ruhen, ihr unvollständiges Einfalten der Außenwelt. Sehen Schwarzweißbilder von Bäumen; Bäume als Wolken. Bäume als böhmische Dörfer. Bäume befangen in einer gespenstischen Verehrung der Gegend, der Sonne auf ihrem tiefsten Stand, die sich dennoch, auch in der Mitte der Nacht, in uns einbrennt. Blaßblau emaillierte Kochtöpfe, die auf einem rotgeblümten Tischtuch dampfen, heiß, ohne Untersetzer, die das Tischtuch kreisrund bügeln an diesen Stellen, es dann braun versengen. Der Impfring am Oberarm meiner Mutter. Das Körpergefühl der Schuld, Kanister mit Öl, Benzin, Sirup, ein inneres Schwappen, dünnflüssig-flüchtig, zähflüssig-klebrig, ein Schwappen auf seinem Tiefpunkt, ohne Gelassenheit.

Ich halte mich an die Asphaltbahn, die immer noch schimmert, Streulicht zurückstrahlt, durch den schwarzen Waldblock eine Bresche schlägt. In diesem Block knackt und schnauft es, die Wildschweine zerwühlen Moospolster, galoppieren ins dichtere Holz, der Waldblock wogt unter einem beständigen Wind, und obwohl die Wolkendecke alle Geräusche dämpft, ist diese Nacht laut. Ich höre jeden Schritt der Schweine, ich rieche ihren Kot, ich rieche ihre schwartige, dichtbehaarte Haut, sie scheinen immer ein Stück vor mir zu trotten wie eine Schafherde vor ihrem Hirten, eine negative Schafherde, unsichtbar.

Den Wagen vernehme ich erst, als er schon da ist. Die Scheinwerfer kommen aufgeblendet auf mich zu, winzig erst, dann wachsen sie, dehnen sich zu einem Gleißen, das mir jede Sicht nimmt. Ich stolpere am Rand der Straße, das Asphaltband läßt sich nicht mehr unterscheiden vom Wald, die Dunkelheit ist jetzt vollkommen geworden, und ich laufe wie unter einem Bann auf das Gleißen zu, ein geblendetes Tier, dem das Licht die einzige Orientierung ist in einem schwarzen, raumlosen Raum, ich laufe mit plötzlicher Leichtigkeit, verantwortungslos euphorisch, hingerissen, fasziniert, auf ein Ziel zu, auf den Mittelpunkt der Nacht. Ich laufe mit blinden, aufgerissenen Augen zu den Lichtstrahlen eines mechanischen Monsters, von dem ich mir für Sekunden wünsche, daß es mich sieht. Katze, die sich, hypnotisiert, nicht weiterbewegt, Reh, das eine Geschwindigkeit falsch einschätzt — ich reiße mich zusammen, weiche zur Seite aus, die Nacht schluckt mich, und der Fahrer scheint mich nicht bemerkt zu haben, er verringert das Tempo nicht, die rotäugige Rückseite wird kleiner, grinst, verschwindet.

Trotz der Dunkelheit erkenne ich den Baum von weitem. Jemand hat Holzlatten an den Stamm genagelt, Trittstufen. Oben liegt ein Brett quer. Ich öffne den Druckknopf meines Regenschutzes, hole Atem, hangele mich hoch. Ein improvisierter Jagdsitz, im Sommer von Buschwerk verborgen. Ein gefälschter Jagdsitz, der wohl aus der Zeit militärischer Übungen stammen mag, denn so dicht an der Straße ist solch eine Einrichtung für die Jagd auf die Tiere des Waldes nicht zweckdienlich. Ich erreiche das Brett und richte mich auf. Plötzlich kann ich die Fahrbahn vollständig überblicken. Sie ist leer.

Zufahrt zum Truppenübungsplatz. Hinterm Zaun Sanddünen, Wanderdünen, Tellerminen. Blindgänger der Übungsmanöver von Jahrzehnten verrosten in freier Natur, gelegentlich geht einer hoch, scheucht Kolonien von Zugvögeln auf, die hier Zwischenhalt einlegen. Seltene Brutvögel: der Ziegenmelker.

Die russische Armee ist abgezogen, ein bekannter Autohersteller nutzt das Areal als Testgelände. Wichtigste Regel: die provisorischen Fahrstrecken niemals verlassen.

Das Licht kriecht heran, begleitet von Motorenbrummen. Das Geräusch nähert sich, ich kann eine Silhouette erahnen, der Motor heult auf, ein Trabant.

Ansitzjagd: Ich sitze auf dem harten Brett und lehne mich an den Baumstamm. Noch bleibt das Laub in sich verschlossen, erst einzelne Knospen haben sich geöffnet und winzig gefältelte Blätter freigegeben, Blätter, die noch kaum Raum bilden. Ich spüre die Unebenheiten der Rinde im Rücken und bemühe mich, mit dem Baum zu verschmelzen, wie es dem Dichter Rilke einmal gelungen war. Er hatte es geschafft, auf die andere Seite der Natur zu geraten, ich aber werde abgelenkt. Mein Regenmantel hakt an der Rinde fest, ich reiße an ihm.

Ich schließe die Augen und höre den Wind, der Holz gegen Holz schlägt. Ich sehe ein Trauergerüst, erhaben, pompös, das Odilos Leben abschließen soll. Im Wind enthüllt sich unter dem Samt ein rohes Gestell, Wappen klappern gegen das Gestänge. Wind rüttelt an bemalter Leinwand, an den Ruhmesdarstellungen auf stuckiertem Karton, an den falschen Säulen, den Gipsputten, Wind verzerrt die Landschaft auf der Stoffbahn, der stetige Regen verdirbt die Farbe, läßt die Siegesengel herabtropfen. Die ausgesägten Helme, als Trompe-l’œil koloriert, mit Metallanmutung versehen, poltern über die Äste und enthüllen ihre Rückseite, Sperrholz, flach. Castrum doloris? Ich weine nicht.

Noch immer ist die Nacht lang. Die ersten Schläfer verlassen ihre Betten, fahren geschlossenen Auges zur Arbeit. Nudelsiebe, mit denen sie schürfen, Seihen, in denen sie Gold waschen an den Kloaken der Ortsausgänge. Ungleiche Paare: Lateinschüler und Bademeister. Lottoannahmestelle und Bäckerblau. Schiefe Bilder, geradegerückt. Ein gewaltiges Verlangen nach Glück, statt dessen Hunger, Fett und Geräuscharmut, statt dessen Bemühungen um ein ordentliches Frühstück für die Kinder, statt dessen ein Antimykotikum gegen die Fliegenpilze am Himmel. Hadern, zagen, zaudern, zweifeln — was aber wahr war, gilt nimmermehr. Und wenn doch. Was hülfe uns das.

11 Spiegelsaal

Die Gesichter treten weiß hervor, sie blinzeln erschreckt ins Grelle, Gesichter in einem durchleuchteten Wald. Harte Schattenbalken stauchen die Mienen zu schiefen Monden zusammen. Jedes Antlitz ist, neben der vollkommenen Überraschung, von einer vorherrschenden Emotion geprägt, Freude, Angst oder Zorn, Unsicherheit, es sind keine harmonischen Züge, man sieht Auffälligkeiten, Symptome.

Im Gang vor dem Spiegelsaal hängt eine Reihe Brustbilder, bei denen niemand mehr weiß, wer die Dargestellten sind. Vielleicht wußte man es nie. Sie sehen nicht aus wie höherrangige Persönlichkeiten, nicht wie Schloßbewohner, sie sind fahrig gemalt, etwas ungelenk, vielleicht Studien für Historienbilder. Studien des Gewöhnlichen, der breiten Masse? Ihre Schönheit ist unspezifisch, sie zeigen den Reiz des Unbekannten, das Gegenteil eines Porträts.

Auf dem Weg zum Therapieraum komme ich an diesen Gemälden vorbei, ich bin in Eile, sie schneiden mir Fratzen.

Viele Patienten, zumindest diejenigen, die schon eine Anstaltskarriere hinter sich haben, erleben unsere Klinik als Kurhotel. Wir verfolgen einen Ansatz relativer Offenheit, relativer Partnerschaftlichkeit, wir führen die Reformen aus, die in den sechziger Jahren beschlossen wurden, besser spät, heißt es, als nie.

Die Moskauer Psychiatrie, die Leningrader Psychiatrie. Die Berliner Psychiatrie, die Leipziger Psychiatrie. Die Leipziger Psychiatrie galt als fortschrittlich, die Berliner Psychiatrie als eisern. Leipzig setzte die Rodewischer Thesen um, verwirklichte Ansätze der Sozialpsychiatrie. Reformkurs, das hieß: offene Stationen, Clubabende. Entfernung der Fenstergitter, Integration der Patienten in ein soziales Netz, Wiedereingliederung in den Arbeitsprozeß. Eine Aufgabe ist wichtig, Arbeit stärkt das Selbstwertgefühl. Stützt das gekränkte, zerrüttete Ich.

Berlin internierte, sperrte weg. Zunächst gab es auch hier Reformen, schien es Reformen zu geben, die sich sofort in wieder zurückgenommene Reformen wandelten. Innerlichkeiten, die an den Äußerlichkeiten scheiterten. Innen Regulation der Körpergewalten durch Medikamentengabe. Revolution durch Sedativa. Gitterstäbe nach innen verlegt, ganz nach innen, ins Innerste. Außen verwunschene kleine Schlösser mit romantischen Parkanlagen, mit Blütenpracht und Blätterfall je nach Jahreszeit. Verwunschene kleine Schlösser, in denen die Menschen verschwanden.

Ähnliche Verhältnisse herrschten in der Sowjetunion. Die Leningrader Psychiatrie versuchte eine Öffnung, die Moskauer befürwortete Geschlossenheit. Geschlossenheit und Offenheit, relativ. Schulenstreit konnte man es unter den gegebenen Bedingungen nicht nennen, eher um einige weniger gut beaufsichtigte Gebiete in einem insgesamt besser beaufsichtigten Reich.

Wichtig war, daß die Patienten nicht auffielen, auch und vor allem die reformierten nicht. Am 1. Mai, auch am 7. Oktober, am 15. Januar, wenn die Paraden stattfanden, herrschte ein landesweites Ausgangsverbot. Psychiatrische Patienten, die es eigentlich in diesem Land nicht geben konnte, hatten aus dem offiziellen Straßenbild zu verschwinden. Von Menschen, die es eigentlich nicht gab, durfte eine Parade niemals gestört werden.

Verwahrpsychiatrie — Sozialpsychiatrie: eine Frage des Geldes. Wieviel Verrücktheit kann eine Gesellschaft sich leisten. Die Übergangslösungen sind immer die teuersten.

Immerhin — in diesem einen Bereich, dem sozialpsychiatrischen Ansatz, hinkte der Westen hinterher. Sperrte man sich schon allein deshalb dagegen, weil er im Osten funktionierte? Zu funktionieren schien? Und wenn die im Osten schon weiter waren — wollte man dann überhaupt ebenfalls dorthin?

Kurhotel — ich persönlich erlebe es nicht so. Seit meinem Eintritt in die Klinik als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, einem Eintritt, der ja erst wenige Monate zurückliegt, fühle ich mich durch den partnerschaftlichen Ansatz zunehmend irritiert. Es ist nicht üblich, hier den weißen Kittel zu tragen, ich habe damit wieder angefangen, wenn auch nur nachts. Dies hat damit zu tun, daß ich, wenn auch nur vorübergehend, für eine Übergangszeit, wie es hieß, auf dem Klinikgelände wohne. Die Übergangslösungen sind immer die teuersten. Mir fehlt der Abstand. Ich sehe die Patienten während meines gesamten Arbeitstages, es widerstrebt mir, die Mahlzeiten gemeinsam mit ihnen einzunehmen, ihnen auch dann zu begegnen, wenn für mich die sogenannte Freizeit beginnt.

Frau Dr. Z., meine Chefin, hat mir bei Tisch erzählt, daß sie früher den Eßbereich der Patienten vom Eßbereich der Ärzte mit einer roten Museumskordel abzutrennen pflegten. Patienten, die sich durch Wohlverhalten auszeichneten, durch Arbeitsfähigkeit und die Übernahme von Verantwortung, stiegen in der Hierarchie auf. Sie durften neue, also untergebene Patienten anleiten, die Unselbständigen betreuen, manche Angelegenheit der Hilfloseren regeln, bekamen zu solchem Behuf den weißen Kittel, Quasipfleger. Zur Unterscheidung die rote Kordel im Raum.

Wie froh sie sei, so Frau Dr. Z., daß wir dergleichen nun nicht mehr nötig hätten.

Wir haben es, so dachte ich zu Frau Dr. Z. hin, nicht mehr nötig, weil wir die Unterschiede nun durch Körperhaltung, Ausstrahlung, selbstbewußtes Auftreten demonstrieren. Natürliche Autorität: Solche Signale, die Vertrauen, aber auch Abstand schaffen, gehören jetzt zum Anforderungsprofil meines Berufs, während früher noch eine rote Kordel genügte.

Ich stelle fest: Verlust meiner professionellen Distanz. Verlust der leicht zynischen Kühle, mit der man sich vor dem Patienten schützt, und umgekehrt auch den Patienten vor sich. Ich bemerke: starkes Schwitzen vor allem an Händen und Füßen. Mich in den Details verlieren. Keine rasche Einordnung mehr treffen. Verkomplizieren. Verheerende Komplizenschaft.

Wir haben es hier vor allem mit Wendeopfern zu tun. Einige Patienten mit Westbiographie, vorwiegend aus Berlin, außerdem einzelne Berliner, die sofort nach der Wiedervereinigung ins Umland gezogen und dort verrückt geworden sind, wurden aus Kostengründen zu uns verlegt. Einige Langzeitpatienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen, die noch von Stasispitzeln in den Gruppentherapierunden zu berichten wissen, sind zu uns gekommen. Den größeren Teil der Fälle aber machen die Wendeopfer aus. Sie leiden unter dem Zusammenbruch der Solidarität, unter der Gleichgültigkeit, dem Verpuffen von Sinn. Der Familienvater, bislang unauffällig und anspruchslos, der sich plötzlich seinen Jugendtraum erfüllen kann und alle Ersparnisse für eine Cessna ausgibt. Er ruiniert sich, die Ehe zerbricht. Der Republikflüchter, der immer nur rauswollte, den sie andauernd aufgriffen in Prag, in Budapest, der immer nur wegwollte und jetzt nicht weiß, wohin.

Viele Manien mit Kaufrausch. Viele Suizidversuche, weil eine ganze Welt verschwunden ist.

Jede klare und feste zwischenmenschliche Beziehung wirkt beruhigend und entspannend. So Bleuler in meinem alten psychiatrischen Lehrbuch. Mit Großmut, Geduld, Festigkeit und Feingefühl gibt der Arzt dem Menschen in Krise und Not die Möglichkeit, sich an ihn anzulehnen, sich seiner Stärke, seinem Schutze anzuvertrauen, so Bleuler, sinngemäß. Die Wendeopfer, scheint mir, schlagen diese Möglichkeit aus, sie betrachten mich als Okkupator, Invasor, als Bourgeois, sie geben mir die Schuld an ihrer Lage, sinngemäß.

Ich schließe das Therapiezimmer auf und werfe aus den Augenwinkeln einen Blick auf die Fratzen im Gang. Sie blicken zurück. Sie wenden sich ab, sie kichern, bewegte Schatten an der Höhlenwand. Erkenne dich selbst: Im Therapiezimmer sind die Wände in einem hellen Senfgelb gestrichen, keine Bilder. Lenin ist abgehängt, im Keller. Man hat ihn, für alle Fälle, nicht weggeworfen. Uns bleibt die Unähnlichkeit. Bleiche Gesichter starren in die Düsternis im Korridor, wo Patienten auf harten Stühlen warten, daß ihre Therapiestunde beginnt. Sie betrachten die Bildnisse von Fremden und suchen sich darin wiederzufinden, täglich aufs neue.

Zum therapeutischen Gespräch bin ich nicht verspätet, jedoch auch nicht so frühzeitig wie sonst. Ich lege gemeinhin Wert darauf, eine Weile vor dem Patienten im Therapiezimmer einzutreffen, es in Besitz zu nehmen, die Schreibtischutensilien zu ordnen, selbst dann, wenn es in Ordnungsbelangen kaum etwas zu tun gibt. Die Papiere liegen auf Kante, ich suche in den Schubladen nach einem Stift. Meine Stifte verschwinden von diesem Schreibtisch in erschreckender Anzahl, sie verschwinden im Raum des Unbewußten. Die Patienten in ihrer Erregung, in ihrer Unsicherheit neigen dazu, während ihrer Ausführungen nach einem lose daliegenden Stift zu greifen, sich an ihn zu klammern, sich sofort an ihn zu gewöhnen und ihn gegen Ende der Sitzung einzustecken. Ich habe den Patientenstuhl zunächst ein Stück vom Tisch abgerückt, es hat nichts genützt. Der Stuhl wandert wie von Geisterhand im Laufe der Stunde immer näher zu mir heran, ich sitze hinter dem Tisch, der Patient dicht davor, mein Stift ist weg. Mit einem schweren Sessel dasselbe. Eine Couch wäre ein denkbarer Lösungsansatz, aber wir arbeiten nicht mit Couch, wir können keine langwierige Analyse leisten, und eine Analyse ist auch in den meisten unserer Fälle nicht angezeigt, sogar kontraindiziert.

Zu Anfang verschwand mein Füllhalter, nachdem ich ihn während des Gesprächs einmal kurz abgelegt hatte. Ich bin sofort dazu übergegangen, während der Stunden nur die billigsten Werbekugelschreiber zu benutzen. Eisern behalte ich meinen Kuli in der Hand, habe mir aber angewöhnt (Großmut, so Bleuler), einen zweiten als Tröstung oder Köder auszulegen, an dem der Patient sich festhalten kann. Derzeit verwende ich Stifte mit dem Aufdruck eines Urologen-Kongresses, Stifte, bei denen ich nicht weiß, wie ich an sie geraten bin, und die mir wegen ihres Aufdrucks peinlich sind.

Herr P. gibt mir die Hand, zieht sich den Patientenstuhl dicht an den Schreibtisch und steckt den Kugelschreiber in die Brusttasche, ein Aufräumreflex.

Dann spielt er mit seinem Brillenbügel. Er setzt die Brille ab, wenn er nachdenkt, er setzt sie wieder auf, wenn er glaubt, zu einem Ergebnis gekommen zu sein.

Herr P. spricht darüber, wie er nach der Wende seinen Job verlor. Die moderne Wohnung im Plattenbau, die Hellhörigkeit. Das Rauschen der Heizung, der Wasserrohre. Die Nachbarn genau im Bilde, wann er das Bad betrat, was er dort tat. Daß es ihm zu schwergefallen sei, den ganzen Tag über den Eindruck zu erwecken, er sei nicht zu Hause. Wie er Stunden um Stunden reglos in einem Sessel verbrachte, wie er um die Mittagszeit in die Küche schlich, ein trockenes Stück Brot aß (nicht den Kühlschrank öffnen), einen Schluck stilles Wasser aus einer Flasche mit Schraubverschluß trank (keine aufpoppenden Korken, kein Bier, keine spritzenden Erfrischungsgetränke), wie er in eine Plastikschüssel urinierte, die er, um den Schall zu dämpfen, mit Papiertaschentüchern ausgelegt hatte (kein Wasser aufdrehen, keine Flüssigkeiten ins Rohrsystem laufen lassen, nirgendwo). Wie das alles als Dauerzustand nicht haltbar gewesen sei.

An diesem Punkt der Gespräche ist es nicht ratsam, den Patienten darauf hinzuweisen, daß Mitglieder der Nachbarschaft, die imstande wären, von seinem Aufenthalt in den eigenen vier Wänden während des hellen Tages Zeugnis abzulegen, sich ja auch ihrerseits zu Hause aufhalten müßten. Ich kenne Herrn P.s Einwände, sie lauten: Die Nachbarn betreuen kleine Kinder und sind deshalb mit Fug und Recht an ihrem Arbeitsplatz nicht anwesend. Sie arbeiten im Schichtdienst und reagieren tagsüber um so empfindlicher auf Störgeräusche. Sie halten sich, indem sie ihn observieren, durchaus an ihrem angewiesenen Arbeitsplatz auf.

Herr P. trägt ein hellblaues Hemd und darüber eine offene Strickjacke. Er setzt seine Brille auf und dreht am Strickjackenknopf, erwartungsvoll, aber ich nicke nur. Ich sage nichts.

In Stufe zwei habe er morgens zur gewohnten Zeit das Haus mit der Aktentasche verlassen, sei mehrere Stunden mit der U-Bahn gefahren, bis die Stadtbibliothek öffnete. Dort habe er den Tag über gesessen und Bewerbungsschreiben formuliert. Etwas Kaffee aus seiner mitgebrachten Thermoskanne getrunken. Mittags die Stulle aus der Aktentasche zu sich genommen. Circa zweimal die Toilette benutzt.

Mit dem Ablaufdatum seiner Dauerkarte für die öffentlichen Verkehrsbetriebe habe Stufe drei begonnen, er habe das Haus verlassen, sei mehrere Stunden gewandert und es habe mit diesen Wanderungen seine Verwahrlosung eingesetzt.

Die Tatsache, daß ihn einzelne seiner Nachbarn verfolgten, hielt ihn von nun an davon ab, die Bibliothek aufzusuchen. Er wollte keine Angriffsfläche bieten, wanderte im schnellsten Schritt, um sie abzuschütteln, zugleich unter größtmöglicher Vermeidung von auffälliger Hast. Manchmal gelang es ihm, sie zu verwirren, aber wenn er abends nach Hause kam, waren sie in seiner Wohnung gewesen, hatten sie seine Verfolgung und Beschattung von seiner eigenen Wohnung aus dirigiert.

Das Problem: Er habe die verstärkte Abnutzung seines Schuhwerks, die mit den Wanderungen unvermeidlich einhergegangen sei, nicht länger ertragen. Auch habe er die Okkupation seiner Wohnung nicht hinnehmen wollen. So sei er schließlich wieder zu Hause geblieben, habe reglos im Kleiderschrank verharrt und auf ihr Kommen gewartet.

Ich mache mir eine flüchtige Notiz. Tatsächlich ist, dank eines Hinweises aus der Nachbarschaft, am Ende der Psychiatrische Dienst erschienen und hat ihn mitgenommen. Herr P. war erleichtert, er ist geradezu zufrieden gewesen. Er hat sich, denke ich jetzt, in jeder Hinsicht bestätigt gefühlt.

Herr P. klappt die Bügel zusammen und steckt seine Brille ein.

An diesem Punkt der Gespräche ist unsere Therapiestunde um. Morgen werden wir die gleiche Unterhaltung wieder führen. Wir kommen nicht weiter.

Und wenn wir weiterkämen: Draußen ginge es wieder von vorn los. Herr P. wird in diesem Leben keine Anstellung mehr erhalten. Wir können ihm hier nicht helfen.

Das Waschbecken, mein Ort des Zorns. Nach jedem Patientengespräch rasch ein Gang zu den Sanitäranlagen, weil ich an den Händen schwitze. Ich lege die Nasenflügel an, minimiere die Atemtätigkeit, umsonst. Auch der kürzeste Aufenthalt in dieser Kloake mit ihren stinkenden Vorkriegstoiletten kann nur ein masochistischer Akt genannt werden. Immerhin Türen. Da ich unwillkürlich hektisch werde, entfleucht mir das graue Seifenstück ins Becken, unter den keuchhustenden Wasserstrahl, in sein gefächertes unerfreuliches Spritzen. Graues Seifenstück. Seife ist niemals grau, hier schon. Ich fische das alterslose, vertrotzte, das hartnäckig widerstrebende Stück aus dem Spucken und Geifern heraus, ein plasteglattes Produkt, in keiner Weise zum Schäumen zu bringen.

Nichts von: elegischer Vergeblichkeit. Nichts von: wir schwinden dahin wie die Sanftmütige, die Seife. Knochenharte hundertjährige Schloßseife, deren Beharrungsvermögen alles andere in dieser Anstalt übertrifft.

Ich wasche mir pro forma damit die Hände, der Schaumverzicht wird dadurch wettgemacht, daß es sich ohnehin um eine mehr symbolische Geste handelt; ich sehe voraus, daß ich sie im Laufe der Zeit zur bloßen Andeutung verfeinern werde. Wenn der Patient die Tür hinter sich geschlossen hat, kurz ans Fenster getreten, das Gesicht ins Licht gehalten, einmal kurz die Hände gerieben, in Unschuld gebadet, der nächste bitte.

12 Die Ursachen — Fallgeschichten 1

Flüssigstrümpfe

Sie zog nach Einbruch der Dunkelheit, nur mit einem rosa Nachthemd und weißen Schuhen bekleidet, durch die Vorstadt und zündete Container an. Sie versteckte sich in einer Grünanlage, einem Hauseingang und sah zu, wie die Flammen aufstiegen, wie der Müll rauchte, wie das Gehäuse ausbrannte. Niemand kam, um zu löschen, es war spät, und wenn das Feuer in sich zusammensank, war das Geschehen kaum noch zu bemerken. Es roch nach verschmortem Plastik, aber das roch nur, wer sich jetzt in der Nähe aufhielt, draußen. Sie ging aus dem Gebüsch, das sie verborgen hatte, auf den Geruch zu und wühlte in der Asche. Bestrich sich die nackten Beine mit Ruß. Sie wischte über die Unterschenkel, fuhr hoch unters Nachthemd, hielt sich mit Rußfingern die Knie, rieb sich die Asche in die Haut. Dann wieder putzte sie mit einem Fetzen, den sie in der Faust verborgen gehalten hatte, über ihre weißen Schuhe, spuckte auf das Tuch, wienerte, polierte. Die Ascheflocken ließen sich entfernen, aber ein Glutrest hatte Brandflecken ins Oberleder gefressen, die sie nicht wegbekam. Als man sie aufgriff, sah sie schrecklich aus. Schlohweißes Haar, aschgraues Gesicht. Die Beine fast schwarz.

Die Anamnese verlief wenig ergiebig. Es war aus ihr kaum etwas herauszubekommen, sie wirkte verwirrt. Seit gut vierzig Jahren lebte sie in einer Genossenschaftswohnung in diesem Stadtviertel. Niemals war sie aufgefallen. Ihr Haushalt ordentlich geführt. Keine von denen, die ihre Schwerhörigkeit nicht einschätzen können und den Fernseher zu laut stellen, keine von denen, die mit dem Krückstock gegen die Heizungsrohre schlagen, um Hilfe zu fordern, keine von denen, die die eigene Wohnungstür nicht mehr finden und regelmäßig versuchen, durch die Nachbarstür hineinzukommen, als ließe sich ein widerspenstiger Schlüssel durch Geklingel und Geklopfe wieder passend machen.

Monika Kramme war still gewesen, hatte niemanden belästigt, auch jetzt sprach sie kaum. Als sie dann doch ein paar abgerissene Sätze von sich gab, war in der Hauptsache von ihrer Jugend die Rede. Nachkriegszeit. Man hatte nichts. Mäntel aus Militärdecken genäht, Kostüme aus geänderten Uniformteilen, Kleider aus Fallschirmseide. Die Materie noch einmal umgeschichtet, die Materie den Schlachtfeldern wieder entrissen. Was für den Krieg abgezweigt worden war und der Zivilbevölkerung fehlte, kehrte jetzt zurück, wurde dem Zivilisierungsprozeß erneut unterworfen, Scheinkleidung. Wie man Rezepte tauschte für Ersatznahrung, für Eichelkaffee, für Brennesselsuppe, Kartoffelkuchen, so kursierten Ideen für Ersatzbekleidung. Pseudohüte: eine Blechbüchse, mit Tuch und Haar kaschiert. Eine durchgerostete Schüssel mit Zeitungspapier überzogen, mit Wandfarbe bemalt, aus Papier eine Rose geformt. Flüssigstrümpfe: Als die ersten Perlonstrümpfe aufkamen, die sich die meisten Frauen nicht leisten konnten, entwickelte jemand die clevere Geschäftsidee einer Farbe zum Auftragen auf die Haut. Bräunlicher Anstrich für die Beine, der Perlon imitierte. Mit einer Verrenkung nach hinten zeichnete man sich die Naht, selten gelang sie gerade.

Dennoch galten Flüssigstrümpfe, so karnevalesk sie anmuteten, als glückverheißender Gegenstand, mit dem man sich Würde wiedergewann. Auch der Flüssigstrumpf war für Monika Kramme unerschwinglich gewesen. Sie durfte nicht tanzen gehen, man hatte ja nichts, hatte andere Sorgen.

Seither vierzig Jahre verstrichen. Unauffällige Jahre, Jahre, in denen sie nirgendwo Anstoß erregte. Diese Jahre, ausgleichend, milde und ereignislos, besaßen die Funktion eines unbefriedigenden Zwischenzustands. Es gab Vorher. Und jetzt gab es Nachher.

Demiurgenwahn

Es begann damit, daß er berühmte Bauwerke aus abgebrannten Streichhölzern nachkonstruierte. Er baute die Paulskirche, den Fernsehturm am Alexanderplatz, das Rote Rathaus, den Louvre, den Vatikan nach, und seine Frau war nicht unzufrieden damit, daß er einem Hobby nachging, denn ein anspruchsvolles Hobby hielt ihn davon ab, anderen Lastern zu frönen, so wie es ihr die Freundinnen klagten, deren Ehemänner fremdgingen, dem Suff verfielen, der Spielsucht oder der Völlerei. Beim Modellbau ist das wichtigste die Maßstabstreue. Er erfordert außerdem Sorgfalt, Geduld und Hingabe, und er bringt es mit sich, daß der Modellbauer ein gewisses Interesse an historischen, kunstgeschichtlichen und architektonischen Fragestellungen entwickelt, welches ihm oft nicht in die Wiege gelegt worden ist.

Friedhelm Gehrken erarbeitete seine Werke im Keller, und die vollendeten Objekte stellte er im Wohnzimmer neben dem Fernseher auf. Er trat einem Verein bei, in dem er lernte, Wasserflächen mit Hilfe von Spiegeln darzustellen, was ihm bei seinem Projekt Versailles zustatten kam, er tauschte sich mit den Mitgliedern über die besten Klebstoffe aus, und er profitierte von den dort praktizierten Methoden der einfachen Verkleinerung. Seine Frau konnte vor ihren Freundinnen damit auftrumpfen, daß man jetzt an Busreisen teilnahm, um die Originale zu sehen.

So hätte ihr Leben ruhig weiterlaufen können, die Rente reichte aus, das Haus war abbezahlt, die Kinder erwachsen. Doch dann starb überraschend seine Frau an Krebs. Friedhelm Gehrken wollte sich nicht aus der Bahn werfen lassen. Er buchte blind eine Bustour, sie führte ins Sauerland. Als er von dem Wochenende zurückkehrte, konnte er sich an die Bauwerke, die besichtigt worden waren, kaum noch erinnern. Fachwerkhäuser. Kleine Burgen und Schlösser. Im Sauerland gab es gar keine bedeutenden Bauten. Beeindruckt hatte ihn die Tropfsteinhöhle, in die die Gruppe geschlossen hineingegangen war, obwohl zunächst mehrere behauptet hatten, sie litten an Klaustrophobie. Friedhelm Gehrken erwarb am Ausgang zwei Postkarten und baute zu Hause die Höhle im Anschnitt nach, sie ähnelte einer Druse, nur eben aus Streichhölzern. In den Boden hatte er einige Spiegelscherben eingelassen, sie ahmten die Höhlenseen zu seiner vollen Zufriedenheit nach. Was fehlte, war der geheimnisvolle Glanz, den die Scheinwerfer auf das nasse Gestein gezaubert hatten. Nüchtern betrachtet, entsprach das sogar den natürlichen Gegebenheiten, denn Tropfstein wird matt und unansehnlich, sobald er an die Luft kommt. Dennoch setzte Gehrken seinen Ehrgeiz darein, Höhlenklima herzustellen. Glimmerpuder zu benutzen war in seinem Verein verpönt, er sah es ein, der Effekt war zu stark, war kitschig. Versuche mit echtem Wasser lösten den Klebstoff auf. Im Verein empfahl man ihm Klarlack, zur Not auch, etwas unangemessen für Holzarbeiten, eine dünne Klarsichtfolie, mit der er die Höhle auskleiden sollte. Allerdings war man im Verein der Meinung, eine Höhle nachzubauen widerspreche letztlich der Satzung, sie sei kein Gebäude und für Streichholzkonstruktionen demnach ungeeignet.

Er entschied sich für Klarsichtfolie, die er innen an die Wölbung klebte, sie lag dicht an, als wäre es Feuchtigkeit. Er stellte kleine Scheinwerfer auf, die markante Stalaktiten beleuchteten, und wünschte sich zum ersten Mal, selbst in einem der Objekte, die er gebaut hatte, wohnen zu können. In der Tropfsteinhöhle gab es neben dem See eine Mulde, in der er sich schlafen legen würde. Ein Steinblock war annähernd tischförmig. Er käme zurecht. Und er würde das unvergleichliche Geräusch des Tropfens hören — für einen Moment zögerte er, denn er erinnerte sich, daß er Folie benutzt hatte. Aber für das Tropfgeräusch ließen sich Mittel und Wege finden. Es gelang ihm, einen Zimmerspringbrunnen umzubauen und das Wasserplätschern auf ein unregelmäßiges Tropfen zu reduzieren.

Am Tag nachdem er die Höhle fertiggestellt hatte, versuchte er zu schrumpfen, um sich dort einquartieren zu können. Er kaufte eine kleine Plastikfigur, die ihn vorläufig ersetzte und an seiner Statt in einem winzigen Schlafsack in der Mulde übernachtete. Friedhelm Gehrken schränkte seine Nahrungsaufnahme ein. Er verkürzte durch eine spezielle Faltung sein Bettuch, so daß er sich, während er schlief, sehr klein machen mußte. Schon nach wenigen Tagen gab er das Schrumpfvorhaben auf. Er beschloß, die Höhle zu vergrößern. Er wünschte sich einen Höhlensee mit ausreichender Tiefe, um dort Feenkrebse anzusiedeln. Das Schlafzimmer sollte ihn beherbergen, mit allem Drumherum. Er ging morgens mit dem Hund und machte sich dann an die Arbeit.

Beängstigend bei der großen Version war das Fehlen von geraden Kanten, von harmonischen Proportionen. Es fiel ihm schwer, den richtigen Maßstab einzuhalten. Manchmal kam ihm die Befürchtung, daß ihm das Projekt entglitt. Trotzig berichtete er von seinem Plan im Verein. Die anderen Mitglieder rieten ihm ab. Willst du nicht lieber eine Kontaktanzeige aufgeben, bat man im Verein. Aber er wollte nicht. Er wollte die Höhle. Bei einer größeren Höhle, hieß es dann, benötige er anderes Material, keine Streichhölzer. Keine Streichhölzer — das kam praktisch einem Vereinsausschluß gleich. Er fühlte sich unverstanden und beharrte auf Streichhölzern. Über den Kiosk an der Ecke bestellte er ein größeres Kontingent. Abends zog er durch die Gaststätten und leerte die Aschenbecher. Er rauchte auch selbst wieder mehr. Der Verein unterstützte ihn nicht länger. Prompt nannte er den Verein spießig, rückwärtsgewandt und banal, wahrer Kunst nicht aufgeschlossen. Morgens ging er mit dem Hund, wenn er zurückkam, roch es im ganzen Haus nach Kleber und Zigarettenrauch. Der Zimmerspringbrunnen tropfte. Die Ersatzfigur, die nachts in diesem Tropfen einschlief, war zu beneiden. Eines Morgens fand er sie mit abgerissenem Kopf.

Theorie des Ortes

Der Ort ist für denkende Menschen die reine Provokation. Zwar mag man mittels Landkarten und Wegweisern dem Impuls der Ortsbestimmung nachgeben wollen, zwar mag man sich in seinen Bemühungen dadurch bestätigt fühlen, daß man imstande ist, Treffpunkte zu vereinbaren und sich also in der Raumzeit auf Verabredung hin zu begegnen, dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Ort selbst bloße Relation ist. Der auf der Landkarte markierte Punkt bewegt sich schlingernd durchs Weltall. Er verändert sich im Laufe der Zeit. Und selbst wenn sein jeweiliger Aufenthalt in Bezug zur Sonne berechenbar sein mag, bleibt die Verortung des Ichs an diesem Punkte fragwürdig. Wo bin ich, wenn ich mich an einen anderen Ort (vorzugsweise jenen der Kindheit) erinnere? Wo ist der Ort, an den ich mich zurückziehe, wenn ich schlafe? Der seelische Raum erweitert sich in den Nächten zum Kosmos, während das damit einhergehende persönliche Gefühl suggeriert, das Traumleben fände in einem wie auch immer gearteten Inneren statt, nämlich in mir. Die Eigenschaftslosigkeit und Unbeschreiblichkeit dieses intimsten Ortes enthalten sein utopisches Potential, seine Negationskraft, seine Größe, die darin besteht, Nicht-Ort zu sein: nicht festzulegen, gleichwohl ekstatisch, hypnotisch in seiner Rotation, Hohlraum und Form, bewußt-unbewußt. Der Ort ist immer die Mitte in einem Gewirr von Bezügen. Aber Freud täuscht sich, wenn er glaubt, das Ich könne, bei aller Macht des Un- und Vorbewußten, hier verortet werden. Das Ich im Zentrum der Ortlosigkeit ist so ungewiß wie der Ort Gottes.

Der Tod im Schrank

Olaf Brot wurde tagsüber von einem Pflegedienst betreut. Nach einer mißlungenen Hüftoperation war er nicht mehr gut zu Fuß, es mußte für ihn eingekauft, ein Mittagessen bestellt werden. Im übrigen hatte er sich eine gewisse Selbständigkeit bewahrt, vermochte sich Brote zu streichen, wusch und rasierte sich, er war kein schwerer Pflegefall. Die Auszubildende der Pflegestelle kam einmal täglich für fünf Minuten, riß den Küchenschrank auf und räumte die neuen Lebensmittel ein. Dabei bemerkte sie flüchtig die Damen, die an den Innenseiten der Türen klebten, sorgfältigst im Umriß aus Fernsehzeitschriften ausgeschnitten, leichtest bekleidet, aber nicht nackt. Sie schloß den Schrank verhältnismäßig behutsam, warf die Wohnungstür zu, hatte die Bilder schon wieder vergessen. Im übrigen war die Wohnung der Brots auf das konventionellste eingerichtet. Ein gerahmter Druck über dem Sofa, auf der Fensterbank ein paar Blumen aus Kunststoff, kein Überfluß. Er war verheiratet gewesen, im Schlafzimmer stand noch das Ehebett.

Früh, wenn der Kaffee durchlief, pflegte er den Schrank für eine Weile offen zu lassen und seine Damen zu betrachten. Sie ließen es zurückhaltend geschehen, verhielten sich freundlich. Sie standen ihm zur Verfügung. Eines Morgens jedoch starrten sie zurück. Sie starrten durch das transparente Klebeband hindurch auf ihn, ihr Blick war plastikhaft, sie blickten streng. Nur eine sah ihn nicht an, die Blondine, die ihm den Rücken zukehrte, einen gleißenden Rücken aus sehr heller Haut, die Schulterblätter traten wie Flügelansätze hervor, denn sie stützte, seitlich hingelagert, die Arme auf. Weil die anderen starrten, öffnete er den Schrank von nun an seltener. Aber er öffnete ihn doch. Sobald er sich stark genug fühlte, öffnete er ihn, hielt ihrem Blick stand, bis die häßlichen Plastikaugen erloschen. An einem Abend tat er so, als wolle er ein paar gespülte Tassen in den Hängeschrank räumen. Er klappte die Tür auf, die Damen fixierten ihn von oben herab. Es gelang ihm nicht, sie mit dem eigenen flammenden Blick in die Schranken zu weisen. Da er sie nicht niederzwang, flüchtete er sich zu der Blonden, dem Rücken. Die Blonde saß still, als ginge er sie nichts an. Dann, von unten her, verfaulte sie. Ihr Gesäß verfärbte sich, es wurde dunkler, bläulich und roh. Zitternd stieg die faulige Farbe den Rücken hoch, die Wirbel malten sich ab, das Haar ermattete, hing schlammig herunter. Schließlich drehte sie sich zu ihm um.

Er war in Panik geraten und hatte die Schlauchverlängerung an seinem Wasserkran, mit deren Hilfe er sonst die Teller abspülte, auf die Frauen gerichtet. Das Wasser ganz aufgedreht. Er hatte mehrere Stunden versucht, sie zu löschen, ihren Blick auszulöschen, bis jemand die Tür aufbrach, weil es bei den Nachbarn von der Decke tropfte.

Kreide fressen

Sie war, obschon selbst noch von jugendlicher Ausstrahlung, von ihrem Ehemann wegen einer Jüngeren verlassen worden und wandte sich dem Alkohol zu. Melinda Aberberg trank mäßig an den Abenden, am Wochenende mehr. Der Alkohol beeinträchtigte sie nicht in der Ausübung ihrer beruflichen Pflichten. Sie arbeitete als Lehrerin für Chemie und Biologie, keine großen Korrekturfächer, es gab Eindeutigkeit. Dennoch fielen ihr die Stunden, die sie in der Schule verbrachte, nicht leicht. Ob es am Alkoholkonsum lag und an den damit einhergehenden, wenn auch gut verborgenen Ausfallerscheinungen, ob der Ex-Mann und dessen beleidigendes Verhalten vor der Trennung eine Rolle spielten, ob es ganz andere, wahrere Gründe gab — jedenfalls stand es um ihr Selbstwertgefühl nicht zum besten, stand ihr die gesunde Selbstachtung nur mehr in einer Schwundstufe zur Verfügung. Die Schüler, die bekanntlich jeder Lehrperson unter die Haut sehen können, ließen es an Respekt fehlen. Sie fand nicht heraus, woran es lag. Kaum betrat sie einen Raum, fielen die Schüler über sie her. Lachten hämisch. Zerrissen sich das Maul. Dabei war sie als Pädagogin nicht unfähig. Konnte den Stoff gut vermitteln. Ihren Unterricht hielt sie nicht anbiedernd, aber auch nicht langweilig, letzteres war ja die große Gefahr bei Chemie. Im Gegenteil war sie imstande, Interesse zu wecken, für biologische Vorgänge, für molekulare Strukturen, wer konnte das schon. Sie erschien jeden Morgen gut gekleidet, aber sie provozierte nicht mit Eitelkeit. Melinda Aberberg war einmal gutaussehend gewesen, bevor die Zerrüttung begonnen hatte und ihr Gesicht vor der Zeit altern ließ. Sie empfand ihren Körper nicht als Problem. Und das wichtigste: Sie mochte die Schüler, ohne sich an sie zu klammern, sie verhielt sich zu ihnen fair, sie behandelte sie mit ausreichend distanzierter Freundlichkeit. Dennoch hatte jede Klasse schon nach der ersten Stunde im neuen Schuljahr die Achtung vor ihr verloren. Anfangs war es immer nur einer, der Klassenclown, der Rebell, der in den ersten zehn Minuten testete, wie weit er gehen konnte, dazwischenrief, herumalberte, dann zogen die anderen mit, ziemlich schnell war ein Zustand erreicht, der ernsthaften Unterricht unmöglich machte.

Sie betrat eine Klasse, schrieb etwas an die Tafel, drehte sich zu den Schülern um und wischte sich die Kreidehand an der Hosennaht ab. Kreideflecken auf eleganten dunklen Hosen: ein Fauxpas, den keine Klasse verzieh.

Sie sind da schmutzig, sagte der Rebell und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf ihren Unterleib. Sie schürzte mit gespielter Empörung einmal kurz die Lippen, wandte sich wieder zur Tafel. Für die Nöte pubertierender Jugendlicher brachte sie durchaus Verständnis auf. Sie wußte weit mehr über die Auswirkungen von Testosteron als diese, sie sah sich nicht persönlich angegriffen, versuchte es mit Lässigkeit und Toleranz.

Der Körper des Lehrers ist ein symbolischer Körper, er muß um jeden Preis intakt bleiben, sonst gerät das Gefüge der Klasse aus dem Gleichgewicht. In der hintersten Bank begann man zu tuscheln, kurz darauf Papierkügelchen zu werfen, bald auch das Papier zu kauen und gut bespeichelt durch die Röhrchen von Filzstiften nach vorn zu schießen. Manche blieben an der Lehrerhose haften. Sie wischte sie ohne Aufhebens weg, mit kreidiger Hand, machte alles noch schlimmer. Die Klasse bemühte sich fortan nach Kräften, alle Schuld an der Besudelung auf sich zu nehmen. Sie lud sich den Status eines Verursachers auf, weil dann die Scheußlichkeiten, der Dreck, die Peinlichkeit von außen, nicht von innen kamen, weil damit der Lehrerkörper gerettet war. Die Klasse schickte Spucke auf Papierträgern nach vorn, warf mit Apfelresten und Getränketüten, spritzte mit Wasserpistolen die Schulmilch an die Tafel.

Melinda Aberberg konnte nichts tun. Ihre Körpersprache verriet keine Schüchternheit, sie sprach gut und klar und mit angenehmer, nicht zu hoher Stimme, sie wußte nicht, was die Schüler witterten und wie. In den Pausen, wenn sie Aufsicht hatte, hielt sie sich an ihrer Kaffeetasse fest. Nach den Pausen fand man ihre Tassen im Gang oder draußen auf einer Bank, immer wieder ihre Tassen, zerstreut irgendwo abgestellt, mit einem Lippenstiftrand versehen, innen einem Kaffeering. Die Klassen fühlten sich provoziert. Ihre Angst nahm zu. Die Schüler versuchten, dieser Angst eine Grundlage zu verschaffen.

Sie hatte mit dem großen Lineal eine Tabelle an die Tafel gezeichnet. Dann schulterte sie locker, ein wenig übermütig, ein wenig selbstironisch, das Lineal und begann die Tabelle zu erklären. Der Rebell, der Klassenclown rasteten aus. Wogegen verteidigte sie sich? Welchen Anlaß konnte man jetzt bieten, welchen Angriff liefern, um rückwirkend solch eine Geste wiedergutzumachen? Sie redeten laut, lachten kreischend, das Lineal knallte vor ihnen auf den Tisch. Der Rebell packte das Holz, riß es zu sich, Melinda Aberberg ließ es nicht los. Der Klassenclown half ihm, die Lehrerin verlor das Gleichgewicht, lag hilflos am Boden, sie stürzten sich auf sie, die Lehrerin schrie. Der Rebell, von Entsetzen gepackt, hielt sich die Ohren zu, aber es hörte nicht auf, wütende Verzweiflung schüttelte ihn, und er fegte die Kreidestücke aus dem Behälter, stopfte sie in den rotbemalten Mund, aus dem der Schrei kam, stopfte zerbrochene Kreidestücke in den Lehrkörper, daß dieser endlich verstummte.

Gefahren des Realismus

Katja Wonderblom hatte an die aufgehende Sonne geglaubt und auf die Zukunft hingearbeitet. Sie war als Jockey in Hoppegarten geritten. Galopprennen, Sport, immer schneller ins Ziel. Jeder Sieg war nur ein Teilsieg, eine Etappe zum nächsten, und der endgültige Sieg lag in der Ferne des Morgen. Vielleicht würde eine andere erst diese bessere Zukunft erreichen, es machte ihr nichts aus, denn sie liebte den Umgang mit den Pferden. Er erfüllte sie mit Wärme und Sinnhaftigkeit, und sie war mit ihren Teilsiegen zufrieden.

Die Pferde waren gedopt, sie erreichten unerhörte Geschwindigkeiten, und wenn Katja Wonderblom ritt, verschmolz sie mit dem Pferdekörper und ging in dieser Geschwindigkeit auf. Dann stürzte ein Kollege im Training. Er prallte gegen die Bande und brach sich die Wirbelsäule. Vom Hals abwärts gelähmt. Nie wieder arbeiten. Er hatte das Pferd nicht im Griff, sagte der Trainer, das darf nicht passieren, unkonzentriert auf dem Pferderücken, seine eigene Schuld.

Von da an hatte sie Angst. Die Angst kam schleichend, sie kam eine Woche nach dem Unfall, als hätte eine schwerfällige Instanz in ihr erst dann begriffen, was passiert war. Weil die Angst schleichend kam, fiel sie ihr zunächst kaum auf. Sie kam abgekoppelt von der Arbeit, überfiel sie nachts im Bett, überfiel sie in öffentlichen Verkehrsmitteln, die sich nur schleppend durch die Stadt bewegten. Katja war ein anderes Tempo gewohnt, sie störte sich an den drängenden Leuten, und sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Im Stall bei den Pferden fiel die Beklemmung von ihr ab. Die Pferde raschelten mit Heu, kauten gemächlich, strömten ihren starken beruhigenden Pferdegeruch aus.

Erst als ein neuer Hengst eintraf, ein pechschwarzes Tier aus dem Bruderland Ungarn mit Namen Revisor, der sich in seiner neuen Box aufbäumte, nach allem schlug und um sich biß, weitete sich Katjas Unwohlsein aus. Sie ritt Revisor, und ihr Atem ging stockend. Das Pferd raste mit ihr über die Bahn, und ihr schien, daß sich die Luft mit unerhörtem Druck gegen sie preßte, ihr schien, daß diese herandrängende Luft zu fest war, um in ihre Lungen zu gelangen. Sie fürchtete zu ersticken, die Kontrolle über den Hengst begann ihr zu entgleiten, und der Trainer sah das.

Am nächsten Morgen gab er ihr einen Plastebecher, auf dessen Grund zwei Pillen lagen. Sie schluckte sie, wie sie gewohnt war, alles zu schlucken, die Anfeindungen neidischer Kollegen, die Rüffel des Trainers, auch Lob. Am Anfang hatte der Trainer sie ausgewählt, und es hatte ihr gefallen, in einer Welt der Gleichheit etwas Besonderes zu sein. Besonders leicht, besonders geschmeidig, besonders gut. Er hatte ihr eine große Zukunft prophezeit, ihr alles versprochen und im Gegenzug auch alles abgefordert. Sie bekam das beste Rennpferd, sie war euphorisch gewesen, aber ihren Status, die Beste zu sein, mußte sie jeden Tag aufs neue beweisen.

Es kam der Große Preis der DDR, es kam das Internationale Meeting der Vollblutpferde sozialistischer Länder, es kam das Herbstderby. Die bunten Pillen in Katjas Becher vermehrten sich. Ihre Angstattacken nahmen zu. Morgens früh beim Training, wenn die Sonne aufging, war sie nicht mehr fähig, die frühere Magie zu erzeugen, sich dem Sog zu überlassen, die Zukunft im Blick. Der Rausch der schnellen Bewegung stellte sich nicht mehr ein, Revisor spürte das und wurde unsicher, langsamer. Man drohte ihr. Sie schluckte Pillen, aber die Wirkung der Pillen nahm ab. Revisor bekam einen anderen Reiter. Dies war der Moment, der sie aufgeben ließ.

Katja Wonderblom nahm einen Bürojob an. Nach wie vor mußte sie Beruhigungsmittel einnehmen, um das Haus verlassen zu können. Wenn sie reduzierte, bekam sie im Büro Anfälle von Atemnot und auf offener Straße eine Panik, die sie verhinderte, den Heimweg anzutreten. Sie stand mehrere Stunden auf einer Brücke, ans Geländer geklammert. Sie konnte keine Plätze überqueren. Sie konnte nicht mehr Bus fahren. Sie nähte sich ein Pony aus Plüsch.

13 Schlafversager

Ausgeleiert. Der für gewöhnlich lautlose Gummizug meiner Schlafanzughose dehnt sich mit einem unschönen Ratschen, einem gewissen Widerstand, und schnellt nicht mehr zurück. Ich habe bereits die Bettdecke zurückgeschlagen und das Kissen aufgeschüttelt, ich bin mit beiden Beinen in die seidene Hose gestiegen und habe sie am Bund in die Höhe gezogen. Das Gummi verhielt sich unnachgiebig, zwackte an den Oberschenkeln, dann gab es nach, zu sehr.

Mein zweiter Schlafanzug, der mit den Blockstreifen, ist in der Wäsche. Ich besitze nicht übertrieben viele Schlafanzüge, ich habe diese beiden, den lindgrünen mit den Blockstreifen und den dunkelgrauen mit den Nadelstreifen, die mich entsprechend meiner Stellung kleiden, auch wenn es niemand sieht. Vor dem Umzug in den Osten assistierte meine Mutter mir beim Packen und schärfte mir ein, mich in meinem Beruf immer angemessen anzuziehen, in jeder Lage, also auch nachts. Fügsam legte ich zwei elegante ausrangierte Pyjamas meines Vaters in den Koffer. Ich habe seine Figur geerbt, sie passen mir. Die anderen Schlafanzüge, die mit den Baumwollbündchen an den Gelenken, mit den Aufdrucken von Ziffern und Wappen imaginärer amerikanischer Schulmannschaften, sind in meinem Elternhaus verblieben. Sie waren bequemer, sie waren praktischer, weil dank der sportlichen Bündchen beim Wälzen im Bett nichts verrutscht.

Ich ziehe die Hose versuchsweise über die Hüfte und lasse los. Sie gleitet mit Nadelstreifeneleganz herab und sinkt auf meinen Füßen zusammen. Ich halte sie mit der einen Hand hoch, während ich mit der anderen auf dem Schreibtisch, im Koffer, in den Schubladen nach einem Werkzeug suche. Im Spiegelschrank über dem Waschbecken finde ich ein Nähset, das einige Nadeln und Garn in drei Farben enthält. Keine Schere. Mein Etui mit einer Feile, einer Pinzette und zwei vergoldeten Nagelscheren befindet sich noch in der Sporttasche bei den Eltern in einem Vorort von Köln. Ich verenge den Hosenbund mit einer Sicherheitsnadel vorläufig so, daß die Hose oben bleibt, werfe den Kittel über und trete auf den Korridor. Der Kühlschrank neben meiner Tür brummt sein gleichmäßiges Brummen, dann stockt er und setzt rumpelnd neu an. Ich öffne ihn nicht, er ist leer.

Nachts brennt auf dem Gelände sinnlos Licht. Im Patiententrakt wechselt ein erleuchtetes Fenster seinen Standort, es flammt hier oder dort auf, manchmal in kürzesten Abständen, wie ein Morsesignal. Ich weiß nicht, was sie dort nachts treiben. Im Haupthaus bleibt das Licht in der Eingangshalle an. Dieses Licht erfüllt keinen Zweck, nachts hält sich niemand dort auf, niemand wird dort empfangen, nur ich durchquere die Halle, wenn ich nicht schlafen kann. Das Licht soll Wärme, Anwesenheit und Freundlichkeit vermitteln, ein Nachtlicht, wie auch ich es früher in meinem Kinderzimmer hatte, nur in Übergröße, als benötigten die Patienten, um ihren vielfältigen Mangel auszugleichen, alles im Maximum.

Mich stört dieses Licht. Ich bin zu Sparsamkeit erzogen, es ist nicht einzusehen, warum eine Lampe die ganze Nacht hindurch den leeren Raum bescheint. An jedem Abend zuckt es in mir, hinunterzugehen und sie auszuschalten. Was sich des Nachts in dieses Licht wagt, ist dreist: Die Ratten haben sich daran gewöhnt, sie sind keineswegs mehr die, die im Dunkeln bleiben. Während es sich für mich nach wie vor ungehörig anfühlt, nachts die Tür zur Halle zu öffnen, die Ratten, als wären sie aus Gummi und unbegrenzt verformbar, hinter den Fußleisten verschwinden zu sehen, und nun meinerseits einen Raum zu durchschreiten, der hell erleuchtet ist für die Abwesenden.

Ich schleiche die rokokoleicht geschwungene Treppe hinab und verharre einen Moment blinzelnd in der Helligkeit. Ich spüre die Ratten mehr, als daß ich sie sehe. Sie hocken hinter den Fußleisten, ich habe sie huschen gespürt, bewegliche Schatten, ohne einen Körper, der sie wirft. Es könnten auch Mäuse sein, ich habe mich aber an die Vorstellung von Ratten gewöhnt. In einer Institution wie der unseren kommt das Thema der Mäuse zu häufig auf. Die Patienten vermeinen regelmäßig Mäuse zu sehen, sie sehen viel Ungeziefer, auch Käfer krabbeln in Scharen über die Wände, Fliegenschwärme dringen durch geschlossene Fenster ein, die Sichtung von Ungeziefer wird daher als typisches Symptom behandelt, auch wenn in diesen Räumlichkeiten kein Grund besteht, das Vorkommen von solcherlei Schädlingen prinzipiell anzuzweifeln. Allerdings beobachten die Patienten selten gemeine Hausmäuse. Sie sehen weiße Labormäuse, sie sehen grüne Mäuse, es wimmelt derzeit im Behandlungsraum und wohl auch im Kavaliershaus insbesondere von grünen Mäusen. Deshalb habe ich mich persönlich ganz auf Ratten festgelegt. Die Ausprägung mancher Halluzinationen verläuft in kollektiven Schüben, als Mode gewissermaßen. Es erstaunt mich immer noch, daß der Wahn, der gemeinhin für so kreativ gehalten wird, sich in Wirklichkeit auf sein eigenes Klischee reduziert: je gravierender die Störung, desto stereotyper die Ausprägung. Die Allmachtsphantasien ähneln einander zum Verwechseln, der religiöse Größenwahn findet seine übliche Form, die Betroffenen sind Christus oder Napoleon, auch die Dissoziationserscheinungen verlaufen regelhaft, wie es im Buche steht.

Dennoch. Wir müßten einen Kammerjäger kommen lassen. Aber ich möchte dieses Thema in Gegenwart von Frau Dr. Z. während der Mäusemode nicht ansprechen. Und sie selbst verläßt das Gebäude bei Einbruch der Dunkelheit, sie hält sich nur in gut ausgeleuchteten Zimmern auf, sie sieht ausschließlich das, was sie sehen möchte, sie würde über ein unerwünschtes Tier im Haus einfach hinwegsehen, sie könnte eine Ratte vermutlich gar nicht erkennen.

Tatsächlich sind die Ratten nach einer Schrecksekunde fort. Das Licht in der Halle beleuchtet nichts. Durch die Fenster fällt es wie fremde Fühlung nach draußen und wütet über den Büschen. Es herrscht ein Scheinherbst unter diesem Licht: Grellgelbe Blätter hocken den Eibenhecken auf und ziehen wilde Fratzen. Ich presse das Gesicht an die kühle Scheibe, sehe aus den Augenwinkeln meine blasse, schiefgezogene Haut. Ledrige Gnomengesichter starren von draußen zurück.

Ich durchquere im hinteren Teil des Schlosses einige ungenutzte Räume. Die Bestuhlung eines Klassenzimmers, eiserne Beine und Sitze aus Holz, türmt sich in einer Ecke übereinander. Als habe hier regelmäßig Unterricht oder doch zumindest eine längere Belehrung stattgefunden. Ich schreite über moosgrünen, kratzigen Bodenbelag, der den Eindruck einer allgemeinen und vollständigen Verfilzung macht. Und wir warten nur darauf, daß sich dieses filzige Moos weiter ausbreitet, daß es auch die anderen Räumlichkeiten, daß es uns alle gnädig überzieht. Solch eine Vorstellung ist insofern nicht unbegründet, als dieser Teil des Gebäudes nicht nur der Renovierung harrt, sondern auch und vor allem der Dekontamination. Ein längerer Aufenthalt in diesen Räumen ist der Gesundheit nicht zuträglich, man hat in den sechziger Jahren die Schädlingsbekämpfung übertrieben, alle Holzkonstruktionen mit einem Mittel behandelt, das heutzutage als Zell- und Nervengift gilt. Selbst die Bohlen unter den Teppichfliesen dünsten noch immer Schadstoffe aus, erzeugen Kopfschmerz, Schwindel, Konzentrationsstörungen, rufen Übelkeit und Erbrechen hervor. Man muß eine Giftabschottung durchführen, die Deckenbalken maskieren, wenn man nicht alles herausreißen, abreißen will. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz, die sachgerechte Entgiftung wird teuer. Es ist der Teil des Schlosses, den die Ratten meiden.

Unterhalb der verseuchten Räume befindet sich die Küche. Ich frage mich regelmäßig, ob es rechtens ist, diese Küche überhaupt zu benutzen. Ob die Kacheln an den Wänden, der wasserabweisende Anstrich diesen sensiblen Bereich tatsächlich ausreichend isolieren. Aber die Schadstoffmessung hat ergeben, dies sei der Fall. Andernfalls hätten wir hier gar nicht einziehen dürfen.

Ich suche in den riesigen Besteckschubladen nach einem Gemüsemesser. Eine Schublade, breit und tief, enthält nur Gabeln, die darunterliegende ist voll mit Suppenlöffeln, eine kleine, oberhalb, sammelt Schälmesser, Obstmesser, Messer zum Zwiebelschneiden. Ich nehme die Sicherheitsnadel von meiner Schlafanzughose ab, klemme sie zwischen die Lippen und beuge mich über meinen Hosenbund. Ich trenne ein Stück der Naht auf, so viel, daß ich das Gummiband erreichen kann. Mit der Sicherheitsnadel fische ich danach und ziehe es ein Stück heraus, ziehe es stramm und verknote die Schlaufe, die jetzt aus der Hose lappt, mit einem Aufziehknoten. Ich lasse die Sicherheitsnadel in die Kitteltasche gleiten. Das Gummi spannt am Bauch und verursacht mir ein flaues Gefühl. Ich weiß nicht, ob es der Magengegend in diesem Fall nützt, etwas zu essen, oder im Gegenteil. Neben der Küche liegen der Vorratsraum und der Kühlraum. Im Vorratsraum lagern Säcke mit Pulver für ein Orangengetränk, Säcke mit Kartoffelmehl und Erbsmehl, Gelatinekartons, Kisten mit Aufbackbrötchen.

Die Küchenvorräte sind nicht für Einzelpersonen gedacht. Man kann aus der Masse nichts herausnehmen, nicht einmal ein halbrohes Brötchen entwenden, keinen Teigling an Land ziehen, ohne eine Riesenpackung anbrechen zu müssen. Es fällt sofort auf. Jetzt entriegele ich die schwere Tür zum Kühlraum, mein Atem wird augenblicklich sichtbar, ich dampfe. Ich betrete den Raum nur mit einem Bein, das andere lasse ich vor der Schwelle stehen, damit die Tür nicht zufallen und mich einschließen kann. Hinten stapeln sich Pappkartons mit Cordon bleu, Kroketten und schockgefrosteten grünen Bohnen. In meiner Reichweite ein großer Beutel Reibekuchen; ich nehme ihn an mich, klemme ihn mir unter den Arm, so daß mein Kittel ihn bedeckt, und während ich die geschwungene Treppe wieder hinaufsteige, verliert meine Flanke jegliches Gefühl, wird die Innenseite meines Arms eiskalt. In meinem Schlafzimmer lege ich zwei tiefgefrorene Reibekuchen auf die Heizung. Mit dem restlichen Beutel gehe ich noch einmal auf den Flur. Der Kühlschrank stand irgendwo herum, und man hat ihn neben mein Zimmer geschafft, um mir das Gefühl zu geben, Privilegien zu genießen. Er besitzt kein Eisfach, ich werde die Reibekuchen ganz langsam in ihm auftauen lassen.

Ich lege mich ins Bett und sehe schon von weitem Bilder auf mich einstürmen. Seladongrün. Schleiflack. Textiltapeten. Bilder, die mir fremd sind, als träumten mir die Tagesreste anderer, Erinnerungen vielleicht der Patienten, der Mitarbeiter, die sich täglich in diesem Gebäude aufhalten. Als ergäbe sich aus der räumlichen Nähe automatisch eine menschliche Übereinstimmung, eine Durchlässigkeit. Brände: weil die Patienten am Abend in den Nachrichten den Brand einer Großfabrik verfolgten. Messer: weil eine Patientin beschrieben hat, wie sie sich ritzt. Gesichter: Eltern, die nicht die meinen sind. Ich lege mir die Decke über, und sie stürmen aus der Ferne heran, füllen den Raum, und mir wird das Atmen schwer. Natürlich weiß man Dinge aus der Vergangenheit anderer. Die eigene Vergangenheit stellt man sich ja auch nur vor. Modifiziert sie. Richtet sie neu aus. Kollektivträume. Träume, die mich heimsuchen, weil sich die Grenzen lockern, je mehr man sich mit dem anderen befaßt. Als müßte ich alles, was sich hier in diesen Mauern abgespielt hat, in mein persönliches Bewußtsein aufnehmen. Ich werde von den Traumbildern der anderen erdrückt, sie wollen mich verdrängen, und kurz bevor ich im Schlund eines schlechten Gewissens verschwinde, schrecke ich wieder auf.

Einmal kam ich in der Nacht aus der Eifel zurück und fuhr einen kleinen Umweg durch Odilos Straße. Ich hielt am Werkszaun an. Die Straßenlaternen einseitig abgeblendet, damit sie den Schlaf in der Häuserzeile nicht störten. Auf dem gemauerten Torpfosten vor seinem Haus brannte ebenfalls eine Laterne, auf antik gemacht, mit schmiedeeisernen Schnörkeln, gelbem Glas. Ich wollte für einen Moment unter seinem Fenster stehen und die undurchdringliche Schwärze der Scheibe betrachten. Ich wollte das Summen der Weck-Werke hören, die Strahler sehen, die das Gelände auf dieser Straßenseite die ganze Nacht mit einem Lichtzelt versahen. Noch bevor ich aussteigen konnte, öffnete sich die Haustür. Odilo trat auf den Bürgersteig, ließ das Gartentor offen, ging ein Stück unter den Laternen entlang, kam zurück und ging in die entgegengesetzte Richtung, eigenartig ungerührt, ja selbstbewußt ging er auf und ab und dennoch wie planlos. Er reckte keineswegs theatralisch die Arme vor, er sah aus, als habe er sich nur eben mechanisch eine Jacke übergeworfen, um zu vorgerückter Stunde eine geringfügige Besorgung zu machen. Mal eben zum Zigarettenautomaten, mal eben noch mit dem Hund. Doch er rauchte nicht, und er haßte Hunde. Man richtet sich im Bett auf. Es beginnt mit einigen unverständlichen Sätzen, dem Nesteln an der Bettdecke. Man steht auf, öffnet Schränke und Türen. Man pflegt Formen der Genauigkeit. Aufwachgewohnheiten, die sich verselbständigen. Seine Augen hielt er aufgerissen. Er sah mich nicht. Nur ich habe ihn gesehen. Er war Schlafwandler. Ich nehme an, daß ich der einzige bin, der davon wußte. Um diese Zeit war in seinem Vorort niemand wach. Auch seine Mutter schlief, niemand sonst hat ihn bemerkt. Er wußte wohl selbst nichts davon. Schlafwandler können sich an ihr Wandeln nicht erinnern. Und ich habe ihm nicht davon erzählt.

Odilo konnte gegen Ende seines Lebens immer weniger schlafen. In den letzten Wochen schlief er womöglich gar nicht mehr. Als sei seine Schlaflosigkeit auf mich übergegangen: Seit ich im Schloßgebäude nächtige, schlafe ich schlecht.

Meine neue Wohnung stammt aus Zeiten des praktizierten Sozialismus, es ist eine Kommunalwohnung, ein Relikt, das doch mit größter Selbstverständlichkeit behandelt wird. Nach dem Vorbild der Zimmerreihe einer Amalienwohnung, des Schlafzimmers eines Hohenzollernprinzen inmitten einer Flucht von Durchgangszimmern, hat man die Räumlichkeiten im Schloß in größere und kleinere Wohnungen aufgeteilt.

Zwischen den einzelnen Wohnbereichen gibt es nur ungesicherte Grenzen. Ein Kollege hat ein Bücherregal als Raumteiler aufgestellt, ein anderer mit einem Tischchen, auf dem sich Gegenstände seiner Landsmannschaft befinden, im Durchgang den Beginn seines Reviers markiert. In dieser Unabgeschlossenheit hat sich das Ehepaar aus Ungarn eine Dekoration aus ungarischem Weihnachtsschmuck gebaut, so, wie man in einem Treppenhaus eine Topfpflanze aufstellt.

Es scheint durchaus Räume zu geben, die nur mir zur Verfügung stehen. Etwas zweifelhafte Räume, die nach außen hin offen sind, auf eine Balustrade führen, auf einen Balkon. Doch, es gibt Räume, die außer mir niemand betritt, eine Nische an der Kellertreppe, ein fensterloses, höhlenartiges WC. Unklar bleibt allerdings, wie weit meine Wohneinheit reicht. Ich möchte keinesfalls in die Privatsphäre der anderen dringen, in die Bereiche der Familien, die ihre Kinder immerhin soweit im Griff haben, daß sie die angestammte Sphäre nicht verlassen. Ich sehe es durch die Regale hindurch, über die hüfthohe Anrichte hinweg, wie diese Kinder versunken in ihren Wohnzimmern spielen und gar nicht daran denken, über die Anrichte zu mir herüberzuklettern. Es würde sogar genügen, um die Anrichte herumzugehen, um den Bezirk zu betreten, den ich als den meinigen ansehe. Im Schlafzimmer hängt eine Plane von der Decke. Sie hängt so, daß sie meinen schmalen Streifen von dem größeren Raumteil abtrennt, in dem sich das Ehebett des Nachbarn befindet. Die Plane ist nicht ordentlich befestigt, sie hängt schief, so daß ich das nachbarliche Schlafzimmer gut einsehen kann. Der Nachbar winkt mir vom Bett aus zu. Sein kräftiger Oberarm winkt, sein Bierbauch. Ich hebe grüßend die Hand und erröte. Mit seinem Winken hat der Nachbar Widersprüchlichstes klargemacht:

1. Er lädt mich ein, mich meines Teils des Schlafzimmers als rechtmäßiger Verfüger zu bedienen.

2. Er ist durchaus nicht gewillt, die Plane so aufzuhängen, daß sich mein Teil dieses Zimmers etwas vergrößert. Wie sie jetzt hängt, bleibt mir ein schmaler Korridor, in den exakt mein Bett paßt, und zwar so, daß das Kopfende das Fenster verdeckt und ich über das Fußende hineinsteigen muß. Er kann es, das sehe ich ein, nicht anders regeln, denn er muß das Ehebett in diesem Schlafzimmer unterbringen.

3. Er ist außerdem nicht bereit, die Plane geradezurücken und mir die Sicht zu versperren. Er hat keine Zeit. Dafür nimmt er in Kauf, daß ich seinen Schlafzimmeraktivitäten beiwohne, weil er mich ohnehin übervorteilt hat.

In meinem Part befinden sich neben der Plane noch einzelne gediegene Wände, Wandbestandteile mit halb abgerissenen muffigen Rosentapeten, feuchte, gewölbeartige Wände, deren Massivität auf mich anheimelnd wirkt. Der Schimmel läßt sich, denke ich, entfernen, der mintgrüne Anstrich erneuern.

Die Wohnungen haben ansonsten den Charakter eines Möbelkaufhauses, ja sie sind ganz wie ein Möbelkaufhaus konzipiert, mit Nischen, Buchten, Fluren, nur daß es sich nicht um Abteilungen mit ausschließlich Schlafzimmern, dann ausschließlich Kücheneinrichtungen usw. handelt, sondern um ganze Modellwohnungen, die Möbel vor einer Scheinwand plaziert, vor einem an Latten befestigten Poster, vor einem Vorhang. Es herrscht die Orientierungslosigkeit, die auch in einem Möbelkaufhaus herrscht, dieselben Bücherattrappen, dieselben bunten Teppiche. Mich stört, daß sich, wie in einem Möbelkaufhaus, immer wieder einzelne versprengte Besucher zu mir verirren, Besucher, die hektisch suchen, ohne daß sie zu sagen wüßten, was.

Ich ziehe eine Cordhose über die Schlafanzughose, ziehe einen Pullover über das Oberteil und setze mich an den Schreibtisch. Ich habe ein Notizheft begonnen, in dem ich versuche, mir über Odilo klarzuwerden. Ein Unterfangen, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, denn je mehr ich versuche, mich zu erinnern, desto mehr nimmt die Dunkelheit zu.

Ich schreibe meine Aufzeichnungen auf kariertes Papier. Jetzt beginne ich damit, einzelne Kästchen zu umranden, ich zeichne Schraffuren hinein, male die Ecken aus, kästchengewordener Überdruß. Es hilft mir zu nichts.

Motive, die in der Anstalt gemalt werden: ausgestaltete Geldscheine, Erscheinungen in der Einlegesohle, sexuelle Phantasien mit zerstückelten Körpern; Kritzeleien wie am Telefon, wenn die Vernunft abgelenkt ist. Und daneben immer das Verlangen, brav gewesen zu sein. Zwanghaftes Musterlegen, Kästchenfüllen, Ergotherapie.

Wenn ich aufblicke, sehe ich mich eingefaßt in schwarzes Fensterglas. Wie alt wir bereits geworden sind. Jahre, Jahrzehnte, die wir in uns einkapseln, Zeit, die sich um uns verdichtet, mit jeder Nacht mehr; ein Gedächtnis aus Kohle, Graphit, in dem wir feststecken, wir, lebende Fossilien, deren Dichte mit dem Druck der Jahre zunimmt: Nachtgedanken, Diamanten, eine Bewegung des Gedenkens, die alles durchstrahlt.

Der Schlafanzug ist notdürftig repariert. Ich habe einen Mückenstich am Handgelenk, Vorahnung von Sommern, die die Einheit der Zeit und des Ortes wiederherstellen, ich reibe den Mückenstich am Hosenstoff, bis er schmerzt.

Ich esse zwei angewärmte, rohe Reibekuchen direkt von der Heizung. Wasche mir Hände und Gesicht, lege Pullover, Cordhose ab, lege mich hin. Stopfe die Bettdecke fest, bis sie mich wie ein Schlafsack lückenlos einhüllt. Kugelform einnehmen. Kugelförmiger Schlaf. Ich presse mein Gesicht ins Kissen und sauge aus dem Rest Bettwärme, der sich noch gehalten hat, alle Zärtlichkeit.

14 Erlkönigjäger

Neuerdings zeichne ich Gartenparterres. Ich entwerfe sie in den Nächten, in denen ich nicht schlafen kann, um Frau Dr. Z., so die Gelegenheit naht, einen ausgereiften Vorschlag zur Parkgestaltung unterbreiten zu können. Das Karopapier meines Notizheftes dient mir als Raster. Ich markiere großzügig einige Quadrate, lege schwungvoll Kreise hinein, die sich überschneiden, überlagere sie mit einer Ellipse und spare die meisten der Schnittmengen aus. Ich zeichne eine Terrassenanlage, ich versuche, etwas einzukreisen, Schlingen zu legen, ich werfe Arabesken aus und operiere mit Blattwerkornamenten, um diesem Etwas eine Struktur zu verleihen.

Auch in der Verfassung ohnmächtiger Müdigkeit bringe ich herrliche Anlagen zustande, da diese Art der Zeichnung keiner kreativen, sondern der zwanghaft-unkritischen Methode folgt. Ich plage mich nicht mit automatischen Kritzeleien, die das Unbewußte sprechen lassen, sondern stelle geometrisch exakte Pläne her, ganz dem Bewußtsein verschrieben.

Ich verstärke mechanisch einige ausgewählte Linien, achte auf die Symmetrie, erhalte ganz und gar befriedigende Ergebnisse. Die künftigen Rabatten, von Buchsbaum eingefaßt, lassen sich nur von den höheren Stockwerken unseres Schlosses ganz überblicken. Ich füge Spiralen ein, fächere Parzellen kleinteilig auf, lasse kleine Kreise offen, in die ich Buchsbaumkugeln setze. Ich stelle mir die Schritte von Frau Dr. Z. auf den Kieswegen vor, stelle mir vor, wie sie sich in den Behandlungspausen im geheimen Garten ergeht, wie ihre Hand die harte Hecke streift.

Meine Kreise zeichne ich in Ermangelung eines Zirkels mit Hilfe eines Wasserglases. Ich ziehe Kreise gleicher Größe über das unbestimmte Papier, Broderieparterre, denke ich, Bandelwerk, denke ich, La Folie, die Verrücktheit, das Lustschlößchen, und, denke ich, majestätische Gärten lassen sich aus reiner Logik herstellen, wie Zirkelschlüsse. Mein Kugelschreiber fährt über die Karos, umfährt einen Punkt, mit dem ich mich durchaus identifizieren könnte, ich ziehe die Achse nach, an der sich die Felder spiegeln, Weltachse, denke ich, die die Allee wäre, welche genau auf den Eingang führt. Mein Stift zieht immer noch Kringel, er kreist hypothetisch, kreist um mich, kreist mich ein, es wird deutlich, daß ich aus diesem Schloß nicht mehr wegkommen kann.

Ich gehe in der Mittagspause zu Fuß ins Dorf, um Gummiband zu kaufen. Gummilitze, wie unsere Mutter sagt. Unter normalen Umständen wäre ich zu meiner Schwester gefahren und hätte mir von ihr ein neues Gummiband in meine Schlafanzughose einziehen lassen. Dies erscheint mir in der gegenwärtigen Situation nicht möglich.

Der Weg ins Dorf ist ein öder. Man geht die Landstraße entlang. Kein Bürgersteig. Frau Dr. Z. läßt sich morgens vom Zivi mit dem Dienstwagen abholen und abends wieder nach Hause fahren. Ich nehme den Umweg durch den Wald, am See entlang. Dabei laufe ich auch nicht Gefahr, den Patienten oder dem Klinikpersonal zu begegnen. Den Wald betritt niemand außer mir.

Nie war ich der Typ für Wohngemeinschaften. Damit jetzt anzufangen, wenn auch gezwungenermaßen, ist ein Fehler. Zumindest eine Wohnung im Dorf, wie Frau Dr. Z. sie hat, würde mir Erleichterung verschaffen, wenn natürlich auch das Dorf von Patienten wimmelt, denn diejenigen, die Ausgang haben, gehen zuverlässig ins Dorf. Das Dorf wird zweimal am Tag vom Überlandbus angefahren, und zwar morgens und abends jeweils um sechs. Sonst ist hier nichts.

Wohnen im Dorf — man könnte sich im Haus verschanzen, hinter hohen Hecken im Garten sitzen, seine Einkäufe abends erledigen, wenn die Patienten zurück sein müssen. In dieser Art hält es Frau Dr. Z. Sie läßt einkaufen, und sie geht nur selten aus dem Haus.

Ich hingegen gehe sehr weit und sehr viel, es befriedigt mich, einen maximalen Abstand zu den Patienten zu erzeugen, durch reine Muskeltätigkeit, durch Eigenleistung. Und in einer Institution, die einen Teil ihrer Fenster vergittert hat, in der die Macht darin besteht, über ein Schlüsselbund zu verfügen, erleichtert es mich, mir zu beweisen, daß ich theoretisch immer noch gehen kann, wann und wohin ich will. Freier Wille: Die Patienten lustwandeln im Kurhotel — ich habe Ausgang aus dem Narrenschloß, und ich muß zu festgesetzter Zeit, zu Arbeitsbeginn, zurück sein.

Um in dieser Institution eine Wohngemeinschaft durchzustehen, bedarf es einer Persönlichkeit, die weniger empfindsam ist; ich bin für diese Stellung ungeeignet, aber mangels Alternativen meinerseits versuche ich den Eindruck zu erwecken, der richtige Mann am richtigen Ort und mit allem zufrieden zu sein. Und mangels Alternativen ihrerseits, das sind Personalengpässe, mindere Bezahlung, Probleme mit der Unterbringung der Angestellten, gibt meine Chefin vor, daß mir das vollkommen gelänge.

Weil ich beleibt bin, findet sie mich gemütlich, und sie assoziiert damit vor allem eine Gemütsruhe, die mir leider nicht zu eigen ist.

Man fragt sich ja seitens der Ärzteschaft immer, wie wirkt sich das soziale Umfeld auf die Bildung der Persönlichkeit aus. Ich kann dazu nur sagen, daß die lebenslange Zuschreibung von Gemütsruhe seitens des sozialen Umfelds keinerlei Auswirkung auf meine Persönlichkeit hatte. Ich müßte längst vor lauter Gemütsruhe petrifiziert sein, ein Fels in der Brandung. Und aufgrund des Augenscheins, also meines Körperumfangs, glaubt das Umfeld, solches sei der Fall, leugnet das Umfeld meine Empfindlichkeit.

Wir saßen im Kreis in der Gruppentherapie. Herr V. berichtete weitschweifig von seiner Problematik. Die übrigen Teilnehmer, die inzwischen gelernt haben, daß und wie man aufeinander eingeht, fanden verständnisvollste Worte. Herr V. fühlte sich ermutigt, sein Lamento hielt an. Ich saß mit allen anderen im Kreis, nicht herausgehoben, wie es die Regel ist. Gleichberechtigung, Selbsterfahrung, Feedback der Gruppe. An einem gewissen Punkt der Unterhaltung erhob ich mich und verließ den Raum. Ich verließ das Klinikgelände und ging an den See.

Als ich mehrere Stunden später zurückkehrte, war niemand irritiert. Frau Dr. Z. hatte von meinem Verhalten bereits erfahren. Sie sprach mich beim Abendessen darauf an und sah ihren Reformprozeß mit modernsten Methoden fortgeführt. Fels in der Brandung, gelungene Intervention. Den Patienten Vertrauen schenken und sie sich selbst überlassen. Der richtige Zeitpunkt, Fingerspitzengefühl. Meine Chefin gesteht mir alle Freiheiten zu. Sie hält große Stücke auf mich.

Ein kalter, klarer Tag. Der See ist bereits eisfrei. Die Buchen noch kahl, am Boden erstes Grün. Am See führt ein Trampelpfad entlang, über holpriges Wurzelwerk, über matschiges Laub. Es riecht streng am See, ich habe das Bedürfnis, diesem Geruch auszuweichen, kann aber die Quelle nicht ausmachen. Da trete ich auf etwas Weiches. Es gibt auf eine seltsame Weise nach, macht ein schmatzendes Geräusch, ich nehme entsetzt den Fuß zurück und ziehe instinktiv die Jacke enger um mich. Sie liegen am Ufer und stinken bestialisch. Erfrorene Aale und Karpfen, Rotaugen, Zander. Sie riechen nach verdorbenem Fisch. Ich versuche, nicht zu atmen, ich gehe schneller und bedauere jetzt doch, auf die Gummistiefel verzichtet zu haben.

Die Fische liegen grau im alten Laub und haben jeden Glanz verloren. Ihre Augen starren stumpf ins Nichts, ihre Mäuler sind halb aufgesperrt, die Zähne der Raubfische stecken quer in der Landschaft, sie sind unbesänftigt.

Ich umrunde den See, ich beeile mich und achte sorgfältig darauf, wohin ich die Füße setze. Ein entmachteter Hecht liegt quer über dem Pfad, beinah hätte ich ihn übersehen, weil er so stumpf entfärbt ist wie ein Stück Buchenast. Noch einmal, jetzt mit vollem Bewußtsein, trete ich vorsichtig auf einen Fisch. Ich stelle den Fuß auf den Hecht und federe leicht ab, prüfe die Konsistenz. Auch dieser Fisch liegt nicht in Totenstarre, er gibt weich nach. Es ist dieselbe Nachgiebigkeit, die ich auch an mir empfinde, eine Weichheit, die mich zur Durchsetzung unfähig macht.

Auf diesem Weg habe ich sonst nach Erlkönigen ausgespäht. Jetzt überall tote Fische. Die Erlkönigstellen mit toten Fischen gleichsam verstopft.

Die Abwesenheit des Erlkönigs ist eine grundsätzliche. Er hat keinen Ort. Aber er hinterläßt besonders bedeutungslose Stellen, zutiefst unauffällige, flüchtigste Stellen, in denen sich seine Abwesenheit sammelt, in denen er sich verbirgt. Diese Stellen sind von einer gesteigerten Durchschnittlichkeit betroffen, nichts an ihnen ist hervorgehoben, sie lösen sich auf in äußerster Normalität. Kein Vibrieren der Luft, kein Flimmern, kein plötzlicher Windstoß, es geht, pathetisch ausgedrückt, um einen Ort ohne Eigenschaft. Es muß sich selbstredend um sehr subtile Orte handeln, leere Stellen, die ernst zu nehmen sind, potente Stellen, Orte der Intimität. Leere Stellen des Erlkönigs. Jagd nach diesen Leerstellen. Die Welt an sich ist zu voll. Vor allem mit den Problematiken der Leute.

Es ist ganz still am See. Mittagszeit. Ich bin in der Mittagspause unterwegs, ich verzichte auf das Mittagessen, ich kann mir später auf der Heizung Reibekuchen auftauen. Rohe Reibekuchen mit Rübenkraut. Besser als nichts. Die Sonne bricht durch, macht den See unkenntlich vor Glanz. Es riecht nach totem Fisch, nichts rührt sich, nur etwas huscht einen Stamm hinauf, ein Eichhörnchen, rothaarig wie ich.

Kahle feingliedrige Zweige. Ein gewisses Licht. Verhangen. Nachmittäglich. Schon im Schwinden begriffen. Zwischen den Zweigen die Leere. Es gibt eine vielversprechende, eine pulsierende Leere, eine mit der Hoffnung auf kommende Fülle gesättigte Leere, bei der man nur darauf wartet, daß sich etwas verändert, in dieser Leere etwas erscheint, und sei es nur ein neuer Gedanke, eine feine Empfindung, etwa von Zuversicht. Und es gibt eine rauhe, wie entrückende Leere, eine Leere, die wie ein reißender Wind dazu verleiten will, ihr zu folgen, ihr in eine beliebige Richtung nachzuziehen, eine beunruhigende, beängstigende Leere, die suggeriert, daß man dort, wo man sich befindet, etwas Entscheidendes verpaßt.

Die majestätische Leere kommt triumphal daher, sie schüchtert ein mit ihrer Größe und Gewalt, man möchte sich vor ihr ducken, sie ist demonstrativ, nicht einladend. Sie breitet sich aus, sie drängt weg, Beispiel: der repräsentative Platz, auf dem mit Vorliebe Militärparaden abgenommen werden.

Die prickelnde Leere findet sich hier und da wie ein kleiner Springbrunnen. Etwas ist ausgelassen worden, daraus resultiert Erleichterung. Die prickelnde Leere macht Freude.

Die verführerische Leere stellt eine Behauptung auf, daß da etwas sei. Das ist der Normalfall der Dinglichkeit.

Die diabolische Leere erzeugt ein Erinnerungsbild im Bewußtsein, dem in der sogenannten Wirklichkeit nichts entspricht. Sie manifestiert zugleich die Überzeugung, daß diesem Bild aber etwas entsprechen müßte, und addiert so ohne weiteres Verlustgefühle, Sehnsucht, Gier, Neid und die anderen Todsünden.

Die abgewandte Leere ist jene, um die der Betrachter werben muß. Sie erscheint gleichsam beleidigt, in sich zurückgezogen, man erkennt sie kaum, weil zuviel anderes da ist, was Beachtung fordert. Beispiel: Auf einem überfüllten Marktplatz konzentriere man sich auf die Rückseiten der Bretterbuden und die dort abgestellten, für den Moment ganz nutzlosen Gefährte.

Das alles ist nicht die Leere, um die es geht. Mit diesen Leereformen, Leerformeln täuscht der Erlkönig über seine wahre Abwesenheit hinweg.

Als Faustregel gilt: Sobald die Leere zu einer Handlung animiert, ist es nicht die gesuchte. Das Entscheidende ist, daß die äußere, die als äußerlich gedachte Leere ins sogenannte Innere übergeht, daß das Denken zum Stillstand kommt.

Odilo hatte sich zu einem Spezialisten der brillanten Leere entwickelt. Er konnte das Funkeln vorausfühlen, mit dem sich Neuigkeiten ankündigen. Er wollte immer ein Schimmern, ein Vibrieren wahrgenommen haben, wo am Ende nichts war. Er wollte nicht einsehen, daß es um Schimmern auch keinesfalls ging, eher um Nichtschimmern. Vielleicht projizierte er auch nur, vielleicht provozierte er mich.

Leere nervte ihn. Er war vom Wunder der Erscheinung fasziniert, von den Möglichkeiten des Materiellen, und ihn interessierte an der Leere allenfalls die Potenz.

Und oft, wenn ich auf ihn wartete, schien mir der Ort, an dem er auftauchen würde, von dieser brillanten, schmeichelnden, zärtlich-frühreifen Leere erfüllt.

Die Hälfte des Himmels hat sich in Windeseile weiß zugezogen, in der anderen treiben einzelne abgerissene Fetzen, preußische Wolkenfetzen von widerlicher Unentschlossenheit.

Die Leute im Dorf begegnen mir grußlos. Gardinen schwingen hinter angestaubten Seidenorchideen leicht hin und her. Eine Frau überquert die Straße mit einem Topf im Arm, zieht Soßengeruch hinter sich her, einen Hauch von Babypuder.

Ich sehe durch ein aufgerissenes Fenster in die Gaststätte. Frühlingsluft strömt hinein, Kneipendunst schlägt heraus. Ich sehe, wie Bierschaum im Glas hochsteigt. Rautenpullover und Nikotinentzug. Kuhwärme und ein kariertes Tischtuch voller Ketchupflecken. Ich schäme mich ein wenig dafür, daß dies jetzt mein Leben ist.

Ich komme am Haus der Chefin vorbei. Liegengelassenes Laub drängt sich in den Ecken der Eingangsstufen und am Zaun, Fehler beim Rasenmähen im Herbst machen sich jetzt durch kahle Stellen bemerkbar. Dort, wo das Gras nicht gründlich weggeharkt wurde, ist es unter der Schneedecke verfault. Der Restrasen gelb. Noch ist die Zeit der Vergilbung. Noch blüht nichts.

Im Garten von Frau Dr. Z. verbrennt ein Mann im Unterhemd einen Haufen Baumpilze. Sie haften noch an einem Stück Totholz, Pilze wie gut verpacktes, dick in Zeitung geschnürtes Geschirr. Sie wollen kein Feuer fangen, bis der Mann eine Blechbüchse Benzin darüberleert.

Gerne würde ich ein paar Worte mit dem Mann wechseln, auch wenn ich nicht weiß, wer er ist. Frau Dr. Z. ist nicht verheiratet, jedenfalls trägt sie keinen Ring. Ihr Gärtner? Ich drücke mich auffordernd am Zaun herum. Der Mann nimmt keine Notiz von mir.

Ein Stück weit die Hauptstraße entlang, die hier Dorfstraße heißt, folge ich einem Kind, das ein entsetzlich lärmendes Spielzeug an einer Schnur hinter sich herzieht. Das Kind ist damit befaßt, auf dem ungleichmäßigen Grund des Gehwegs nicht zu stolpern. Hinter ihm wackelt eine gelbe Ente mit dem Kopf und hebt bei jeder Umdrehung der Räder unter Gequake die Flügel an. Ich möchte das Kind nicht überholen. Es kommt mir vor, auch wenn das psychologisch falsch ist, als würde ich das Kind dadurch herabsetzen. Ich überhole es trotzdem, weil mir die Ente zu laut ist. Das Kind, ins Gehen versunken, scheint mich nicht zu bemerken.

Schatzkarte des Dorfes: In jeder Himmelsrichtung sind im Moment andere Wolkenformen zu sehen. Die Zimmer vollgestopft mit Porzellanblasen und Terrarienlampen. Korridore ausgelegt mit Fertigfellen, Feldarbeit. An vielen Fenstern ist schwarzrotgold geflaggt. Pelzkappen, Pelzpodeste. In den Gärten künstliche Hügel aus Ziegelschutt und zerbrochenen Untertassen. Weitere Außenanlagen durchsetzt mit unaufgeklärten Zonen, Störfeldern, muffigem Licht aus dem Keller. Vorräume, in denen der Schatten wartet. Schattenvorrat in den Speisekammern. Sammlungen von Tannenspitzen aus aller Herren Länder, Beweise der Reisefreiheit. Jahrmarktsgesichter schweben über Spülschwämmen, im Kleiderschrank lagern Bausätze für Blümchenkittel, Seifenlauge rinnt auf dem Bürgersteig über Löwenzahnglanz.

Über die Treppe zum Kramladen hat jemand Milch gekippt. Die Milch muß gerade erst ausgeschüttet worden sein, sie tropft noch von Stufe zu Stufe. Sauer riechende Milch, in der rötliche Katzenhaare schwimmen. Ich halte mich am rostigen Geländer und balanciere an der Milch vorbei. Im Laden ertönt eine Glocke. Niemand bedient. Im Hinterraum kann ich einen Kühlschrank und eine einzelne Kochplatte erkennen. Nochmals öffne und schließe ich schüchtern die Tür, dann hänge ich mich an die Klinke und bimmele anhaltend.

Nein, sagt man mir barsch, Gummilitze gebe es nicht.

Einkochringe ja, normale Haushaltsgummiringe auch. Warum ich nicht die nähme.

Die Geschichte konzentriert sich wie immer in den Dingen, in den holzhaltigen Einwickelpapieren mit ihren Kartoffeldruckmustern, in der Starkstromleitung, die über Putz auf der Wand liegt, in der ärmellosen Strickjacke, die sich die Verkäuferin unterm Kinn zusammenhält.

Nein, bellt sie, Rübenkraut kenne man hier nicht.

Ich senke ergeben den Kopf, kaufe ein Stück Toilettenseife und ein Glas Apfelmus.

15 Mischwesen

Ohne Aufsehen zu erregen betrete ich am Nachmittag den Geräteschuppen und pflücke von den sechs Hochstämmchen, die hier in ihren Kübeln überwintern, die reifen Pomeranzen ab. Der Hausmeister trägt die Pflanzen im Herbst hier hinein und nennt das Gebäude dann Orangerie; sobald es frostfrei bleibt, kommen die Bäume wieder nach draußen, neben die Stufen der Eingangstreppe. Bei Übernahme des Schlosses hat man sie vorgefunden. Sie sind schon alt und weisen eine gewisse Resistenz gegen jedwedes Übel auf, aber im Winter vegetieren sie vor sich hin. Die Früchte erfüllen dann ihre Zierfunktion nicht, fallen zwischen Harken und Hacken und bleiben liegen. Sie schmecken sauer und bitter, niemand legt Wert auf sie. Ich stecke sie in einen Jutebeutel, auch die, die schon auf dem Boden schrumpeln, nehme ich mit.

Auf dem Weg zu meiner Garage begegne ich Frau Dr. Z. Sie mustert mich, kritisch, wie mir scheint, und ich schlenkere betont unbefangen den prallgefüllten Beutel an meinem Handgelenk. Nicke ihr zu, gehe weiter: mein freier Nachmittag. Frau Dr. Z. nickt ebenfalls, gnädig, wie mir scheint. Wünscht mir einen schönen Abend.

Ich positioniere den Sack auf dem Rücksitz. Dort ruht schon mein Schlafanzug, liegt ordentlich gefaltet, nur das zur Schlaufe geknotete Gummiband lugt hervor.

Auf der Fahrt stelle ich mir vor, wie ich meiner Schwester nicht ohne Grazie den Jutesack überreiche.

Auf der Rückfahrt steht mir noch immer vor Augen, wie der Sack vor der Wohnungstür meiner Schwester auf die Fußmatte plumpst. Ich war mit dem Fahrstuhl in den 10. Stock gefahren, während der Fahrt hatte ich den Sack auf dem Rist meines linken Fußes balanciert, damit er nicht mit dem Boden in Berührung kam, aber auf der Fußmatte, die sozusagen schon zur Familie gehörte, setzte ich ihn ab.

Meine Schwester bewohnt eine Zweiraumwohnung im Plattenbau. Neuerdings gilt es unter kreativen Personen als schick, sich in einer dieser schmucklosen Normwohnungen der östlichen Stadtteile einzuquartieren und die Schmucklosigkeit als Konzept der eigenen Inneneinrichtung beizubehalten. Mila hatte einigen Aufwand betrieben, um die Wohnung so zu möblieren, wie es von den Architekten gedacht gewesen war, nämlich praktisch, platzsparend und schlicht. Auf dem Trödelmarkt hatte sie leichte Schalensessel und ein stelzbeiniges Sofa aus der volkseigenen Möbelindustrie der DDR erworben, sie besaß keine schweren, bodennahen Schränke, sondern nur Regale und eine fahrbare Kleiderstange, eine schlanke Anrichte auf hohen Füßen, einen grazilen Tisch mit einem höhenverstellbaren Kippstuhl, und das Nonplusultra war ein Bett, das sie morgens an der Wand hochklappte und hinter einer glatten Platte verschwinden ließ, bevor sie mit der U-Bahn in ihr Modeatelier in der Innenstadt fuhr.

Vom Fenster im Treppenhaus hatte man anfangs, als Mila gerade eingezogen war, noch die Leninfigur auf dem Platz sehen können. Mittlerweile war das Denkmal abgerissen. Draußen rauschte der Verkehr. Bürgerliche Dämmerung: Es war noch gerade hell genug zum Zeitunglesen. Ich las die Aufschrift am Fahrstuhl, Tragkraft 600 kg oder 8 Personen, nicht im Brandfall benutzen. Ich las die Aufschrift des Feuerlöschers, nur im Brandfall benutzen. Kofferraumdeckel knallten zu, die Laternen gingen an, ganz unten schob jemand einen übervollen Einkaufswagen vorbei. Auf den Scheiben der Kaufhalle, auf den Reihen der Drahtwagen lag ein warmer Schein. Als er erloschen war, schien mir die Luft vom sternigen Funkeln zerknickter Bierdosen erfüllt. Ich lief darin ein wenig auf und ab, wie man unter dem Rasensprenger oder durch einen Lamettavorhang läuft, voller Erwartung.

Nautische Dämmerung: Man erkennt Sterne bis zur 3. Größenklasse.

Ich schaltete die Treppenhausbeleuchtung ein und sah in der Fensterscheibe nur noch mich.

Ich wandte mir den Rücken zu und schritt den hallenden Treppenflur ab. Dann kam ich mir entgegen, ich war, das sah ich mir an, enttäuscht. Den Mund spitzte ich ein wenig beleidigt, meine Schultern hingen nach vorn, die ewig an mir kritisierte Haltung, die Haltung unverrichteter Dinge, ergebnisloser Bemühungen. Dazu das schlechtsitzende Jackett. Die roten Haare. Die leichenblasse, leicht teigige Haut: Ich gab, das ließ sich nicht schönreden, eine mitleiderregende, zumindest läppische Figur ab, allerdings irritierte der undurchdringliche Gesichtsausdruck, eine gewisse Sturheit im Voranschreiten, eine durch nichts gerechtfertigte Unangefochtenheit. Man konnte mich ohne weiteres für einen der Hausbewohner, man konnte mich ohne weiteres für einen meiner Patienten halten.

Nach dem dritten Klingeln hörte ich durch die papierdünne Tür, wie meine Schwester ein Kleidungsstück vom Bügel zerrte. Ich kannte ihre Gewohnheiten, sie zog sich mehrmals am Tag um, ich konnte mir ausrechnen, daß es nicht mehr lange dauern würde; trotzdem war ich schon leicht ungehalten, als sie mir die Tür öffnete, mir einen Kuß gab, als ich meiner Schwester nicht ohne Grazie den Jutesack überreichte.

Mila entnahm prüfend eine Frucht und legte sie auf der Öffnung ihrer einzigen, schnörkellosen, feingestreiften Blumenvase ab.

Sie trug ein selbstgeschneidertes Reformkleid, eine Mischung aus Kutte und Kittel, sie kultivierte damit ein mir unverständliches, anachronistisches Freiheitsgefühl. Ein Teil des Freiheitsgefühls beruhte darauf, daß sie für diese Bekleidung kein Geld ausgab.

Meine Schwester hatte es sich zur Aufgabe gemacht, alle Kleider aus dem Familienbesitz an sich zu nehmen, die niemand mehr haben wollte. Seit Jahren trug sie die alten Kleider von Tante Sidonia auf. Manches änderte sie sich, wenn es ihr zu formlos erschien. Dort, wo der wogende Busen unserer Tante sack- und beulenartige Oberteile erfordert hatte, nähte sie Biesen ein. Aus einigen Gewändern, die bis übers Knie reichten, schneiderte sie Minikleider, oder sie verlängerte einen Rock mit Volants bis zum Boden. Sie setzte Partien ganz anderer, edlerer Materialien ein, die den in Beige gehaltenen Synthetikstoffen ihre Rentnerhaftigkeit nahmen. Und umgekehrt sorgten, so ihre Theorie, die Tantenkleider für eine Umwertung der Werte und machten pathetische Stoffe überhaupt wieder tragbar; Kleider, die bis dahin aussahen wie Wolldecken oder Tischdecken, nahmen dem Brokat das Fürstliche, dem Samt die Schwere, dem Taft seinen übertriebenen Glanz. In einer Gruppe Gleichaltriger war sie von unauffälliger Auffälligkeit, gekleidet nach der Mode eines verflossenen Jahrhunderts, halb russische Gräfin, halb Trümmerfrau.

In den Entwürfen für ihre Kollektion zeichneten sich ähnliche Verfahren ab. Mila hatte dafür Preise bekommen. Sie nannte sich Modeschöpferin.

Ich zog den Schlafanzug unter meinem Arm hervor und drapierte ihn über einem Stuhl. Dann setzte ich mich, die harten Knöpfe im Rücken.

Auf ihrer Fensterbank standen Gläser mit Brokkoliköpfen, die sie wie einen Schnittblumenstrauß zum Blühen gebracht hatte. Ich versenkte mich andächtig in die kleinen gelben Blüten. Sie spiegelten sich in der dunklen Fensterscheibe und vermischten sich mit den Lichtern der Stadt.

Meine Schwester legte mir die Hand in den Nacken, zwang mich, mich ein wenig vorzubeugen, und zerrte den Schlafanzug wieder von der Lehne.

Erst die Arbeit.

Sie führte mich in ihr Nähzimmer und plazierte mich neben dem Zuschneidetisch.

Sie zerschnitt das mürbe Gummiband. Zog ein neues ein, ließ es lose hängen, an einer Seite baumelte der Pappträger, und ich mußte in die Schlafanzughose steigen, damit Mila die richtige Länge abmessen konnte. Ihre schmalen, abgekauten Nägel fingerten vor meinem Bauch und berührten mein Unterhemd. Sie hielt die Enden probeweise über Kreuz — Stramm genug? — , und ich schämte mich ein wenig meiner Würstchenhaftigkeit. Sie zupfte Stecknadeln vom Kissen an ihrem Handgelenk und markierte das Maß, sie schnitt das Gummiband ab, und das Ratschen der alten Schere schmerzte.

Ich schlüpfte aus der schlackernden Haut. Ein Luftzug traf kalt meine Beine. Sie ging mit dem Hosenstoff zur Nähmaschine.

Ich stand noch einen Moment vor dem Ganzkörperspiegel, umringt von Hutschachteln und Schuhkartons, in denen meine Schwester Stoffreste, Garne und Reißverschlüsse aufbewahrte, sah mir etwas hilflos beim Stehen zu. In meinem Rücken richtete die Schneiderpuppe, geschmückt mit einer Federboa, den blinden Blick auf mich. An die Wand hatte Mila ein Schnittmuster gepinnt, die Karte eines geheimnisvollen Landes, auf der sich rote und schwarze Linien umeinanderschlangen, auf der sich Gestricheltes und Gepunktetes kreuzte. Ich konzentrierte mich auf die morsende kurz-kurz-lang-Linie, wollte ihre Bögen verfolgen, bis das Papier raschelte und einen Ärmel ausspuckte, sich das Vorderteil eines Kleides aus der Perforation herauslöste.

Ich war im Begriff, wieder in meine Hose zu steigen, als sich das rote Haar an meinen Schenkeln aufstellte. Milas Katze stürzte herein, sie war aufgebracht. Ich hatte vorausschauend zwei Stunden zuvor eine Katzenallergietablette eingenommen, die Anwesenheit des Tieres durfte mein Befinden daher keinesfalls beeinträchtigen. Ganz im Gegenteil schien aber mein Besuch die Katze zu stören, sie sprang auf mich zu, bremste dann ab, kam mit steifen Schritten näher, machte einen Buckel und sträubte ihre Haarpracht, so daß ihr kleiner Körper doppelte Größe erreichte. Sie baute sich vor mir auf und ließ ein dumpfes Knurren hören, lauter, als ich es angemessen fand, zumal die Katze mich seit ihrer Kindheit kannte. Sicher stand es mit unserem Verhältnis nicht zum Besten. Aufgrund meiner Allergie hatte ich das Tier gemieden, während die Katze ihrerseits stets Gefallen daran fand, mir klagend um die Beine zu streichen. Dennoch hatte ich mir heute nichts vorzuwerfen. Ich mutmaßte, daß mein Erscheinungsbild sie provozierte.

Ich stand in Unterhosen, die Katze jedoch ging voll bekleidet. Sie trug ein dunkelblaues Zorro-Cape.

Die Katze war daran gewöhnt, daß sie zu bestimmten Anlässen angezogen wurde. Ihre Vorgängerin hatte ich im Verlauf unserer Kindheit regelmäßig in Puppenkleidern und Karnevalskostümen gesehen. In abgemilderter Form setzte Mila diese Verkleidungsaktionen mit dem Folgetier fort. Sie probierte Stoffe, die sie zu verarbeiten plante, zunächst an der Katze aus. Etwas konsterniert, war diese zunächst immer versucht, den Stoff abzuschütteln, sie kratzte sich ausgiebig, vergaß dann die Sache. Manchmal spielte sie mit einem Flattergewand wie junge Kätzchen mit ihrem Schwanz. Test auf Reißfestigkeit, nannte Mila das, Bewegungsstudie, nannte sie es, sie wollte sehen, wie ein Stoff fiel, wie er anlag, wie er Falten warf, wenn der Körper in Aktion trat.

Jetzt knurrte die Katze, zerrte am Cape, knurrte mich an und versuchte den Umhang abzuzerren, sie schlug Krallen und Zähne hinein, strangulierte sich dabei, ließ es wieder bleiben.

Meine Schwester bügelte meine Schlafanzughose. Ihre Katze wälzte sich auf dem Boden, giftsprühend, Krallen zeigend, Mähne schüttelnd.

Im Grunde hatte ich mich vor diesem Tag gefürchtet. Ich hatte befürchtet, daß meine Schwester sich in einer Aufwallung von Schmerz das Haar ausreißen, sich verzweifelt die Kleider vom Leib fetzen könnte. Aber nur die Katze regte sich auf, sie wandelte wütend in ihrem Erdenkleid und fletschte die Zähne. Ich sei schuld, sagte mir die Katze, ich sei an allem schuld.

Man sagt, daß Tiere die Gefühle ihrer Halter übernehmen können, daß beispielsweise ein Hund, als Waffe verwendet, den Zorn seines Herrchens agiert, oder daß ein Kaninchen, apathisch und abgemagert, den unterdrückten Kummer seines Besitzers in Handlung umsetzt.

Beruhige dich, Rächercat, sagte ich streng zu der Katze, die in die Durchreiche sprang und sich dort auf die Lauer legte.

Mila rieb mit der Küchenreibe hauchdünne Streifen Pomeranzenschale ab. Das fleischlose Fleisch trat weiß unter der äußeren Haut hervor wie eine Polsterfüllung. Mila dekorierte mit den Zesten die Sahnehaube auf unseren Cappuccinos.

Die Katze fauchte, als ich mich an den Klapptisch in der Küche setzte. Sie lag sphingenhaft in der Wand zum Wohnzimmer, ihre vergißmeinnichtblauen Augen registrierten jeden Schluck, den ich nahm. Der Umhang hatte sich gelockert, er fiel ihr seitlich über die Flanke und gab das verhaltene Muskelspiel als Lichtspiel wieder. Der Stoff besaß, soviel konnte auch ich erkennen, einen guten Bewegungskoeffizienten, reichen Faltenwurf.

Ich zupfte an der Schleife, nahm der Katze das Cape ab.

Habe ich mich zu wenig um ihn gekümmert?

Du mischst dich zu sehr ein, sagte meine Schwester böse.

Mila schob mir eine Ansichtskarte über den Tisch, Motiv Blumentrost. Wir müßten, verlangte sie, unserer Tante zum Geburtstag gratulieren. Sie habe die Karte besorgt, ich solle den Text verfassen, sie würde unterzeichnen. Ich lehnte es ab zu schreiben und führte meine unleserliche Arzthandschrift ins Feld, erklärte mich aber bereit, ihr den Text zu diktieren.

Bevor ich diktierte, machte ich ihr Vorwürfe. Daß sie mich nie in meiner Abgeschiedenheit besuche. Daß ich an ihrem Leben keinen Anteil hätte und sie an meinem Leben keinen Anteil nähme. Daß sie an Tante Sidonia denke, niemals an mich.

Mila biß in die bereits zerkaute Filzstiftkappe, und als sie dann schrieb, kalligraphierte sie nicht wie gewöhnlich, sondern erschreckte mich durch eine fahrige, eckige, unausgeglichene Schrift, die ich in einem Gutachten als besorgniserregend bewertet hätte.

Sie räumte ihre Tasse weg und begann, die Pomeranzen abzuwaschen.

Meine Schwester kochte, wenn es ihr schlechtging, Marmelade ein. Ich saß gerne dabei, sah zu, wie Zucker in warme Flüssigkeit rieselte, die Lösung aufkochte, eindickte, Blasen warf. Mila hatte die Arbeitswut unseres Vaters geerbt, sie kam nie zur Ruhe, während ich meinesteils Sitzen und Zuhören getrost als Arbeit bezeichnen konnte. Mila kochte nicht gern, im Grunde haßte sie es. Jetzt schüttete sie die Pomeranzen in die Spüle, ließ sie nachlässig aufprallen, und es machte nicht den Eindruck, als habe sie vor, heute noch Schalen in feine Streifen zu schneiden, Fruchtfleisch zu filetieren, Saft auszupressen.

Odilo habe sich geweigert, ihre Wohnung zu betreten, er habe sich geweigert, auf Lenin zu blicken. Später habe er sich geweigert, auf den abgebauten Lenin, die Leninlücke zu blicken. Er hörte die Waschmaschine des Nachbarn, hörte Türen im Treppenhaus schlagen, er hatte sich ein einziges Mal, und auch da nur eine gute Stunde, in der Wohnung aufgehalten und war dann mit ihr in ein Restaurant gefahren. Wenn er in Berlin war, trafen sie sich in ihrem Atelier.

Ich stellte mich zu ihr, klemmte den Rand meines großkarierten Taschentuchs in den Hosenbund, schnitt ein paar Früchte auf und preßte jedem von uns ein Glas Pomeranzensaft aus.

Ich teilte meiner Schwester mit, daß ich auf sie wütend sei. Ich teilte ihr mit, daß ich mich hintergangen fühlte. Ich erklärte, daß mich ihr Verhalten zu bohrendem Grübeln, absurden Mutmaßungen und grundlosem Schuldgefühl treibe. Ich teilte ihr all dies mit, indem ich das Messer laut aufprallen ließ, indem ich mit unnötig hohem Kraftaufwand preßte, ich steigerte mich in einen gewissen Furor hinein, aber meine Schwester reagierte nicht darauf. Ich stellte ihr mit besonderem Nachdruck ein Glas hin. Die Säure zog mir den Hals zusammen. Mila weigerte sich zu trinken.

Sie hantierte lustlos mit dem Obst, sortierte die Früchte, legte die verschrumpelten zur Seite, baute sie zu Pyramiden auf.

Ich wurde hektisch. Sie machte mich mit ihrer Verbissenheit nervös, ihre Überaktivität sprang auf mich über, beinah hätte ich mich am Messer verletzt. Ich schlenderte mit meinem Glas nach nebenan, unterhielt mich durch die Durchreiche mit ihr.

Ich stellte gewissenhaft Fragen zu A und O, Anfang und Ende, die meine Schwester unbeantwortet ließ. Sie redete vor sich hin, ausweichend, irreführend. Kritisierte, daß er wenig Zeit für sie gehabt hatte. Die Arbeit sei ihm wichtiger gewesen. Arbeit, fand sie, werde vorgeschützt, um Kontakt zu vermeiden.

Die Katze störte. Mir schien, daß ich nur die Hälfte mitbekam, weil mir die Katze in der Durchreiche die Sicht versperrte. Ich griff einen Farbstift vom Tisch, rollte ihn in die Zimmerecke, und die Katze sprang von ihrem Podest und fing ihn ein, legte sich mit ihm auf den Rücken, biß in die Kappe und zerkratzte ihn mit allen vier Pfoten zugleich.

Eifersucht, sagte meine Schwester, Zufälle, sagte sie, planlos, sagte sie, instabil. Er habe niemals von mir gesprochen, behauptete sie, wie er ohnehin nicht geschwätzig gewesen sei; allerdings unberechenbar, so daß sie sich auf eine Verabredung niemals habe verlassen können; allerdings von einer eskalierenden Überempfindlichkeit, so daß er Kontakte mehr und mehr mied; allerdings mit einem Ignoranzpotential begabt, dem sie nichts entgegenzusetzen gewußt habe als eine immer mechanischere Innigkeit.

Dann sah ich durch den Rahmen der Durchreiche zu, wie Mila eine Frucht vielfach anritzte und Kaffeebohnen in die Schnitte steckte, rundherum Kaffeebohnen, dazu eine einzige Gewürznelke. Die Hand mit der Pomeranze senkte sich in ein Einmachglas, Schnaps strömte von oben ein, die Hand indes zog sich zurück, verschloß den Deckel. Die gespickte Kugel drehte sich ehrfurchtgebietend in der Flüssigkeit, führte embryonale Bewegungen aus, bis sie die richtige Position erreicht, die Schwere nach unten gerichtet hatte. Mehrere Monate mußte die Orange so schweben oder schwimmen, mehrere Monate durfte man sie betrachten und verehren, dann konnte man den Likör abseihen und in Flaschen füllen.

Gemeinsames Theoretisieren: Er habe seinem verstorbenen Vater näherkommen wollen; er habe sich von uns, die wir in den Osten gezogen sind, verlassen gefühlt; er habe eine kapitalistische, also unerfüllbare Sehnsucht gepflegt; seine Utopie sei mit der Wende kollabiert; er habe dem Druck nicht mehr standgehalten; er habe das Gefühl gehabt, seine Mutter zu betrügen; seine Begabung am Lauf der Welt scheitern sehen.

An den Wohnzimmerwänden hingen Zeichnungen von Formsteinen aus Beton. Es war derselbe Sichtbeton, der auch draußen den Wohnblock schmückte. Wenn ich zu Mila ging, kam ich auf dem Weg vom Parkplatz an einer freistehenden Wand aus diesen plastisch-dekorativen Struktursteinen vorbei, ein stilisiertes Wellenornament, das, unterschiedlich zusammengesetzt, wirbelnde Räder oder futuristische Wolkenhimmel ergab. Mila hatte sich auf die eine Grundform beschränkt und verschiedene Anordnungen ausprobiert, hatte alle Elemente gleich ausgerichtet, Serien mit der gelegentlichen Abweichung einer halben Drehung konstruiert, auch völlige Willkür walten lassen und wild kombiniert, wenngleich unter Beibehaltung der Lückenlosigkeit.

Sie war fasziniert von der Kunst am Bau, speziell von den Wand- und Giebelelementen und den durchbrochenen Verbindungsschürzen. Sie interessierte sich dafür, mit welchen Mitteln ein billiger Baukörper kostengünstig verhüllt worden war.

Auf ihrem Arbeitstisch lagen einige eigene Entwürfe ausgebreitet. Sie zeichnete ihre Modelle in die Länge gezogen, elegant, gotisch. Sie ähnelten ihr in Figur und Habitus und waren in teils strenge, teils mächtig sich aufstauende Kostüme gehüllt. Die humanoiden Gestalten trugen die Köpfe von Blaumeisen, Mardern und Hirschkühen. Seit meine Schwester im Kindergarten unsere Familie mit Tiergesichtern gezeichnet hatte, pflegte sie die Ikonographie der Heraldik, der Evangelistendarstellung (geflügelte Löwen, Stiere und Adler), des Comicstrip. Ich erinnerte mich an eine Serie aus ihrer Studienzeit, auf der ein gutgekleideter Geier mit einer vornehm zurechtgemachten Perserkatze kämpfte. Hier und da schaltete sich ein Braunbär ein, trat ein Wiesel vor. Mehrere Mischwesen hatten zwei Köpfe. Man erkannte einige Kung-Fu-Stellungen, einige herrisch aus den Stoffbahnen vorgereckte Handkanten; die Körper blieben sorgsam von flatternden Falten umhüllt.

Immer traten ihre Modelle animalisch auf, auf Modenschauen ließ sie sie Masken umbinden, was für spektakuläre Effekte sorgte. Sie wollte die Kraft betonen, die ein von ihr kreiertes Kleidungsstück ausstrahlte. Ich persönlich war der Meinung, die Köpfe lenkten vom Kleidungsstück ab. Aber die Öffentlichkeit schien diese Meinung nicht zu teilen, und der Erfolg gab ihr recht.

Jetzt lag eine Reihe von Skizzen vor mir, auf denen ein zunächst nur mit wenigen Strichen angedeutetes Modell einer Anreicherung und Verwandlung unterlag. Es wurde körperlicher, ihm wurde Stoff angetan, weite Ärmel hingen bei dieser Kollektion flügelhaft von den Schultern herab, hierfür würde man viel Material verbrauchen, während die Taille schmal blieb, hoch, breit gegürtet. Lockere Striche überlagerten sich, wurden wolkig und dichter, ließen ein weites Gewand entstehen, aus dem ein Kopf ragte, der immer schwanenhafter wurde, eine zum S gebogene Linie erst, dann ein Singschwan, dann ein Höckerschwan.

Meine Schwester hatte diese Zeichnungen mit Spruchbändern versehen, die den Modellkleidern jeweils ein Motto gaben. Dominium generosa recusat — Die Stolze verweigert sich dem Herrn. Fluctuat nec mergitur — Sie mag schwanken, aber sie geht nicht unter. Cor ad cor loquitur — Das Herz spricht zum Herzen. Omnia vincit Amor — Alles besiegt die Liebe.

Ich hatte immer vermieden, aus solchen Darstellungen meine Schlüsse zu ziehen. Ich hatte immer vermieden, meine Schwester zu analysieren. Jetzt aber sah ich mich praktisch gezwungen, diese Modezeichnungen als Psychotest zu betrachten.

Beim Tierzeichnungstest handelt es sich um ein projektives Verfahren, dessen Ergebnisse in höchstem Maße zweifelhaft sind. Die Zeichnungen sind nicht objektiv, sie sind nicht vergleichbar, und eine Deutung ist nicht zuverlässig. Aber sie besitzen einen tiefenpsychologischen Charme, der allen anderen Testverfahren mangelt, sie regen die Phantasie an, führen zu größerer Einfühlung in den Probanden und, größter Kunstfehler, sie verfestigen vage Vorstellungen zur Realität schwarz auf weiß.

Unser Leben besteht aus Gerüchten, die wir über uns selbst erzählen, aus Andeutungen und Berichten anderer, aus Versuchen, die vielen Möglichkeiten, die wir für uns vorgesehen haben, wenigstens das eine Mal in eine unhintergehbare Handlung zu verwandeln. Wir hören ein ständiges Raunen, ein Einflüstern, das uns trösten möchte, uns Vorgänge vorspiegelt, uns glauben macht, es gäbe die Vergangenheit und die Zukunft, ein unaufhörliches Flüstern, das sagt, wer wir sind.

Auf der Rückfahrt steht der Sack neben mir auf dem Beifahrersitz. Mila wollte ihn nicht.

Meine Schwester hat die Pomeranzen gewaschen, abgetrocknet und mir wieder mitgegeben. Ich schleppe den Sack über den Hof, ich schleiche ins Gartenhaus, schütte die Früchte um die Kübel der Zitrusbäumchen, und als ich die Tür schließe und verschwinde, herrscht Nacht.

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