Die Sonnenstrahlen verhüllen das Weltall. Helle Schleier lassen die Sterne verschwinden, der Mond wird verdeckt, die Tiefe mit Schein gefüllt. Vor der Finsternis hängt ein Vorhang aus Licht.
Das Unendliche schnurrt zusammen auf flüchtige Punkte, die wieder ihre Position einnehmen, erkennbare Körper auf ihren Flugbahnen, Fluchtwegen, Körper, von Eingebungen, Träumen, Ahnungen getrieben, überempfindlich gegen Eindrücke, subjektiv gefärbt, ein dünner Flor aus Erscheinungen, am künstlichen Tag wieder auferstanden, es ist die Verwandlung von Abwesenheit in Glanz.
In der Nacht habe ich Polarlicht gesehen. Ich erwachte gegen drei, schlurfte eine Runde durch die Gänge, erblickte vom Nordfenster aus einen rötlichen Schein am Himmel. Kein gleichmäßiger, langsam anwachsender Schimmer. Kein Sonnenaufgang, nicht schon um diese Zeit. Sondern ein abgerissenes Rot in Fetzen und Schlieren, beinah unnatürlich, wie der Widerschein einer Industrieanlage am bedeckten Himmel. Doch in dieser Gegend befinden sich keine Industrieanlagen. Pulsierende Bänder kriechen rot durch die Dunkelheit, ziehen sich zusammen zu rottriefenden Spiralen. Diffuse Vorhänge heben und senken sich, werden ein Stück auf- und wieder ein Stück zugezogen, ein sehr ferner Scheinwerfer strahlt sie an.
Wir haben hier für Polarlichtsichtungen relativ gute Bedingungen. Kaum Lichtverschmutzung, keine größeren Ansiedlungen in der Nähe, keine nennenswerte Straßenbeleuchtung. Warum sollte ich nicht auch einmal Polarlicht sehen? Andere sehen weit spektakulärere Himmelserscheinungen, andere sehen Sonnenfinsternisse, andere sehen Kometen. Auch ich hätte lieber einen Kometen gesehen, den Halleyschen Kometen zum Beispiel, von dem es heißt, je bedeutender der Mann, desto öfter sieht er den Halleyschen Kometen. Mancher sah ihn einmal, Mark Twain und Ernst Jünger sogar zweimal. Ich habe ihn bei seiner letzten Erdannäherung verpaßt und werde wohl, das kann ich leicht ausrechnen, in meiner Lebenszeit keine zweite Chance bekommen.
Kann ich daher nicht froh und dankbar sein, wenigstens Polarlicht zu sehen? Ein unberechenbares Fluoreszenzphänomen, ausgesandt von unsichtbarem Ort, ein Licht, das richtungslos, ziellos durchs All strebt, wie wir?
Ich stehe am Fenster, ich stütze mich auf das Fensterbrett, um das Gesicht ans Glas zu pressen, meine vor Aufregung schwitzigen Hände kleben an der Lackierung fest. Mein Atem trübt die Scheibe, und ich rutsche ein Stück weiter, um die rötlichen Schlingen und Wirbel weiterhin ins Auge zu fassen, ich zwinge mich, sie mir genauestens einzuprägen. Als ich mich schließlich abwende, haften weiße Lacksplitter an meinen Handballen. Ich kratze und schnipse sie ab, hinterlasse harte Flöckchen auf den Bodendielen.
Am Morgen bin ich mir nicht mehr sicher, ob nicht das Ganze nur ein Traum war. Habe ich Polarlicht gesehen? Hat es mich ergriffen? Als ich mich wasche, finde ich ein Stückchen weißen Lack unter dem Daumennagel.
Vormittags werde ich zur Ergotherapie gerufen, weil ein Patient einen Tobsuchtsanfall erleidet. Herr P. hat sich gestern vom Mittagessen ein Fischstäbchen mit auf sein Zimmer genommen und es im Waschbecken schwimmen lassen. Die Panade hat sich über Nacht abgelöst, und nun hat er es mit zur Ergotherapie gebracht, um ihm ein neues Schuppenkleid zu verpassen. Aber die Papierschnipsel, die er aufklebt, haften nicht. Als ich komme, packt er gerade einen Stuhl am Bein, haut ihn auf den Tisch, zerstört die Arbeiten von Frau Y. und Herrn Q., sein Fischstäbchen kommt glimpflich davon und zerbricht nur in zwei Stücke. Frau Y. sägt mit der Handkante verzweifelt an ihrem Oberschenkel, Herr Q. ist erstarrt. Ich entwinde Herrn P. den Stuhl, bette die unbekleideten Fischfragmente auf ein weißes Blatt Papier, nehme Herrn P. an die Hand. Sie ist weich wie der Bauch eines Tieres. Wir gehen in die Küche, reparieren das Fischstäbchen mit einem Zahnstocher, hüllen es in Paniermehl, tragen es zum Schwanenteich. Herr P. nimmt es vorsichtig vom Papiertablett auf, hockt sich nieder und setzt es ins Wasser. Es geht sofort unter. Nur das Paniermehl treibt auf der Oberfläche, bildet kleine Inseln wie Blütenstaub. Herr P. beruhigt sich. Auf dem Rückweg zum Schloß verwickelt er mich in ein Gespräch über die vernünftigen und unvernünftigen Änderungen im Steuerrecht, die die Regierung plant. Er ist Steuerberater aus Charlottenburg, noch immer betreut er einige Klienten. Jeden Mittwoch fährt er in sein Büro nach Berlin.
Mittags sehe ich die Patienten apathisch durch die Gänge ziehen, vollgepumpt mit Haloperidol, in kraftloser Zeitenthobenheit. Ich sehe sie mit Mühe einen Fuß vor den anderen setzen, nah an der Wand entlang, um sich gegebenenfalls abzustützen, so daß sich in Brusthöhe ein dunkles Band von den Berührungen der Hände abzeichnet, die Bahn, auf der sie lange und langsam kreisen. Sie gehen tagsüber die Runde, die ich bei Nacht mache, sie gehen lastend, resigniert um den leeren Mittelpunkt der Anlage, halten sich an der Wand fest. Frau Dr. Z. plant, diese Wand bis in eine Höhe von zwei Metern mit Latexfarbe zu streichen, so daß man die Spuren menschlicher Finger abwaschen kann.
Nachmittags stehen im Kavaliershaus die Türen offen, es ist Besuchszeit.
Herr M. sitzt auf seinem Bett, blickt auf seine Schuhe, reagiert nicht auf Ansprache. Seine Gattin hat den einzigen Stuhl eingenommen, sie balanciert schmal auf der äußersten Kante, preßt die Knie aneinander, ringt verlegen die Hände, berichtet leise und monoton von Ereignissen in der Familie, der Verwandtschaft, der Nachbarschaft.
Herr W. lehnt kerzengerade als Schwellenhüter am Türrahmen, schaukelt den Oberkörper manchmal vor, bis er eine Schranke bildet, schnellt in die aufrechte Haltung zurück. Herr B. hat niemanden zu erwarten.
Herr S. tritt in Häschenpantoffeln aus seinem Zimmer und geht rückwärts wieder hinein. Er droht seinem Besuch mit einer prall ausgestopften Socke, die er in Höhe seines Hosenschlitzes schwenkt. Die Socke ist mit anderen schmutzigen Socken gefüllt, die oben herausquillen, und er versucht, das offene Ende der Wurst an seinem Gürtel festzuklemmen, was ihm zu seinem Ärger mißlingt. Der Besuch weiß sich nicht dazu zu verhalten. Wendet sich ab, räumt Schubladen auf.
Auch ich würde lieber Schubladen aufräumen, aber ich durchschreite den Korridor und zeige mich im Fernsehraum, demonstriere den Besuchern, daß wir alles im Griff haben, schüttele einige Hände, bewege mich lässig und wichtig, so daß den Angehörigen ein Arzt im weißen Kittel vor Augen steht, obwohl ich den Kittel nicht trage. Dann versuche ich mich selbstbewußt zu entfernen, wie mit einem Gummiband gehalten von den Blicken der Patienten, von den Blicken ihres hilflosen Besuchs.
Ich bin inzwischen imstande, innerhalb kürzester Zeit die Härte und Glätte von Frau Dr. Z. zu entwickeln. Von einer Sekunde auf die andere werde ich frei von Mitgefühl, spüre, wie das Gummi spannt, reißt, auf die Starrenden zurückschnellt. Das müssen Sie können, hat Frau Dr. Z. gleich zu Anfang gesagt, sonst werden Sie hier nicht lange bleiben.
Der Hausmeister fährt auf einer Schubkarre Müllsäcke aus der Küche heran und reiht sie vor dem Torhaus auf. Er trägt einen Trainingsanzug, denselben dunkelblauen Trainingsanzug mit Ärmelstreifen, wie ihn unser Patient W. besitzt. Der Müll sackt nach, bewegt sich, als ob er immer noch atmete, Müll in barocker Zurichtung, im Faltenwurf der schwarzen Plastiksäcke, in nobel schimmernden Draperien, die noch für ein paar Schritte an mir kleben wie ein Umhang, eine Schleppe, die ich nachziehe, Körperschleppe aus schwarzglänzenden Speckrollen und unförmig schwappenden Fettpolstern, fremde Last, aber ich gehe weiter, kein Bleiben im Fleisch, fremde Last, die meinem Körper Raum hinzufügt, Raum, der hinter mir liegt.
Ich gehe an der Blumenuhr vor dem Torhaus vorbei, die mit Buschwindröschen überwuchert ist und immer die gleiche Zeit anzeigt. Einzelne rote Tulpen ragen heraus wie ekstatische Momente, die ich vielleicht abpflücken und in ein Zeitungsblatt schlagen, meiner Schwester mitbringen würde, stünden wir nicht unter der Beobachtung des dreieckigen Auges an der Wand.
Europäische Gartenarbeit, sage ich zu Odilo, bedeutet am Ende: die Landschaftstapete durchstoßen und sich in die Düsternis wühlen.
Ich, sage ich zu Odilo, erarbeite mir eine neue Landschaft, eine Landschaft, von Leere durchsickert, von den vorhergehenden Generationen auf uns gekommen, eine Landschaft, die sich genau hier, in der Anstalt, verdichtet.
Unser altes Leben in Europa ist verschwunden. Alle bilden sich ein, wir würden hier eine ruhige Kugel schieben, aber die Welt dreht sich weiter in ihrer zermürbenden Routine, Vernunftkugel, die nur das Sichtbare gelten läßt, Pathoskugel, die zu schätzen weiß, daß sie immer nur halb zu sehen ist, Unruhekugel, von der die Vergangenheit abfällt wie Staub.
Ich aber ziehe meine Schleppe nach, Last der Erinnerung, die sich in Falten legt wie die Müllsäcke, massiger und schwerer wird. Ich aber gehe weiter, kein Bleiben im Reiche des Fleisches — aßen wir nicht das ganze Barock, das komplette Rokoko, aßen alles auf, die Schleppen und Wülste, hängenden Brüste, die müde Haut und die süßen Zweifel, die Zuckerhüte und schließlich die Teller… fremde Last, die ich mitziehe, doch, denke ich, doch du, meine Seele, nimm nicht die Last von mir, denn ich bin die Last.
Ich ziehe die Schleppe bedächtig voran — ich erarbeite mir eine neue Form, ich lege mich in Falten über die Landschaft, verliere mich in Abschweifungen, in einem gewissen Schwung, der über die Körpergrenzen hinausgeht, ich erscheine mir darin größer, mächtiger als sonst und bewege mich in diesem Scheinschwung weiter, ich falte mich in die Landschaft ein. In Falten gelegt, also zwiefältig, zweifelhaft auch die Bilder, an die ich mich erinnere, dicht aufeinandergestapelt zu einem Leporello, einem dicken dunklen Block –
Ich sehe meine Schwester vor einem Wildgehege in andächtiger Betrachtung der Rehe, sie wirft ihnen ein paar Kastanien zu, die ich aus meiner Hosentasche gezaubert habe, sieht zu, wie die Rehe die Kugeln in ihren weichen kastanienrunden Mäulern verschwinden lassen. Ich sehe mich selbst ein Eichhörnchen füttern. Es frißt mir Bucheckern aus der Hand, krallt sich mit seinen langgliedrigen Vorderpfoten an meinem Finger fest. Ich sehe die Eltern in ihren Jugendkleidern, erinnere mich an ihren gemeinsamen, eng umschlungenen, ausschweifenden Gang, höre sie sagen: Daran kannst du dich gar nicht erinnern. — Doch leidet man nicht, höre ich mich zu Odilo sagen, nur allzuoft an Erinnerungen, die nicht die eigenen sind? Seltsame Versehrungen, die wir auf nichts zurückführen können, ein wiederkehrendes Unbehagen, für das wir vergeblich Gründe suchen — vom Durchdringen eines Bildes werden wir mit einem anderen abgelenkt.
Ich stelle mir vor, wie Odilo nachts aufsteht, sich mechanisch anzieht, die Kleider vom Vortag, die über dem Stuhl hängen, ich stelle mir vor, wie er sein Zimmer durchquert, ohne irgendwo anzustoßen, die Treppe hinabsteigt, ohne zu stolpern, den Autoschlüssel vom Haken nimmt und das Haus verläßt. Wie es ihm gelingt, seinen Wagen zu starten, die tausendmal geübten Bewegungen auszuführen, Bewegungen, die er auch im Schlaf kann, nur das Licht zu bedienen, vergißt er.
Schlafwandeln, sage ich zu Odilo, schlafwandeln und dann ohne Licht fahren, das kann natürlich nicht gutgehen.
Es ist, sage ich zu Odilo, für einen Erlkönig doch eine Provokation.
Am Himmel rasen verwüstete Wolkenordnungen, durch die immer wieder die Sonne bricht, unrealistisch gestaffelte Bewölkung, die sich treppenförmig in die Höhe schraubt, sich überstürzende Brunnen vor ausrasiertem Hintergrund, Brunnen, deren Ausguß verstopft ist, die überlaufen und alles überschwemmen. Ich bemerke eine besonders unglaubwürdige, nämlich wie ein Plattenbau geformte Wolke, ich bemerke kleine Flämmchen auf Geburtstagskuchen, dann einen weißen Lichteinfall, wie wenn ich den Kühlschrank öffne: Ich verharre im Licht meines vollkommen leeren Kühlschranks und träume von Männern in Trainingshosen, ich stehe im Licht meines vollkommen leeren Kühlschranks und träume von dem, was Männer in Trainingshosen tun. Ich betrachte die getürmten Wolken, die zu voluminös sind, denke ich, für diese Jahreszeit. Ich starre sie an wie die Buchstabentafel beim Augenarzt, auf der die Buchstaben zunehmend kleiner werden — ab wann kannst du nichts mehr entziffern? Meine Augen sind tadellos. Ich lese noch Buchstaben von einer Tafel ab, auf der nichts mehr steht.
Plötzlich sieht man die sonst unsichtbaren Bewegungen der Winde; Pflanzen weichen zur Seite, geben der Brise nach, geben Wege frei.
Frau Dr. Z. kommt mir entgegen, ich sehe sie überscharf, etwas, ihre Halskette, ihre Knöpfe, ihre Gürtelschnalle vielleicht, wirft Reflexe zurück, löst ihre klaren Konturen an einigen Stellen in diese übermäßige, sich überschlagende Schärfe auf; auch ich glänze, denke ich, und erscheine ihr unscharf, aber es stimmt nicht, denke ich weiter, ich habe die Sonne im Rücken und erscheine ihr als schwarzer Mann.
Ich gehe weiter auf sie zu. Als wir auf einer Höhe sind, tätschelt sie mich am Oberarm. Sie beklopft mich und nickt, etwas gönnerhaft, wie mir vorkommt: Wissen Sie was, Sie sollten ins Dorf ziehen. Bei uns nebenan wird ein Haus frei. Ich nicke ebenfalls, nicke ernsthaft, straffe mich, versuche noch einmal den seriösen Weißkitteleffekt zu erzeugen, aber ohne daß ich es wollte, sage ich: Nein, ich bleibe. Sage es etwas zu schroff. Sage es so still für mich, so innerlich, daß sie es vermutlich nicht hört.
Sie sollten ins Dorf ziehen, sagt Frau Dr. Z. zu mir. Am Ende der Hauptstraße sei auch eine Wohnung neu zu vermieten. Sie habe die Entrümpelungsfirma anrücken sehen. Die Erben der alten Dame beabsichtigten nicht, die Räumlichkeiten selbst zu nutzen.
Ich nicke bedächtig und lächele ärztlich, wie sie es mir beigebracht hat. Frau Dr. Z. verschränkt die Arme.
Im Dorf wäre ein kleines Haus zu haben, sagt Frau Dr. Z.
Mit Garage? frage ich.
Der Besitzer ist in den Westen gegangen, Arbeit suchen.
Ich nicke. Ich bin hypnotisiert von ihrem Kettenanhänger, einer goldenen Kaffeebohne, die sich mit ihrem Atem hebt und senkt.
Woher haben Sie das, frage ich. Ich weiß nicht, ob ich es innerlich frage.
Sie sollten ins Dorf ziehen, sagt Frau Dr. Z.
Danke, sage ich.
Dann schieben sich die Wolken weiter, ein unmerklicher Ruck geht durch das Gelände, über die Wege drängen vom Wind in die Länge gezerrte, japonisierende Zweige.
Der Hausmeister legt die Heckenschere beiseite. Er hat begonnen, sich in den Rhythmus der völlig verwachsenen Hecken hineinzudenken, hat an einer Stelle aus der Heckenverschwendung ein Stück herausgeschnitten, darüber geflucht, daß er nicht über geeignetes Gerät verfügt. Der Hausmeister steht im Wind, steckt eine Hand in die Tasche, legt eine Kunstpause ein.
Hier fehlt der Himmelsstrich, hatte Odilo gesagt, als er unserer ungepflegten Allee ansichtig wurde, und ich hatte nur genickt und zustimmend gebrummt und erst später erfahren, was ein Himmelsstrich ist, nämlich als Frau Dr. Z. davon sprach, irgendwann in fernerer Zukunft die Bäume so zu beschneiden, daß ihre linearisch gestutzten Kronen die Sichtachsen unterstrichen.
Der Wind bläst durch die Rohre eines Metallgatters. Ein dumpfes graues Pfeifen ertönt, orgelt ungewiß, als hörte ich es mit dem inneren Ohr, orgelt ungewiß irgendwo in mir wie Magenknurren.
Der Hausmeister sammelt an der Pferdestallruine Meisenknödel ein, die die Meisen den Winter über nicht angerührt haben. Mit der ihm eigenen Sturheit bringt er jetzt Nistkästen an. Ich verkneife es mir, ihn darauf hinzuweisen, daß die Meisen diese Stelle offensichtlich nicht schätzen. Die alten Pferdeställe sind gekachelt wie Naßzellen. Reste von verfaultem Stroh drängen sich am Fuß der türkis gefliesten Trennwände. Türen öffnen sich zum Feldrand. Hier endet unser Gelände. Ende der Jagd.
Ich habe die Sonne im Rücken, so daß ich alles in ihrem Licht sehe. Nur da, wo mein Körper sie hemmt, fällt Schatten auf meinen Weg. Es wäre besser, durchlässig zu sein für sie, rötliches Inkarnat, dessen Aufgabe darin besteht, durchglüht zu werden. So aber bin ich nur ein Hindernis, ein Schleier, der sich vor die Welt schiebt, ständig.
Ich habe die Sonne im Rücken, so daß ich alles in ihrem Licht sehe. Ich spüre ihre Strahlen, sie haken sich in meinem Mantel fest, und ich weiß, ich werde die Sonne hinter mir herziehen, die angeschlagene Sonne mit jedem Schritt weiterziehen, wie ich auch Odilo, als wäre er der Sonnenwagen, jeden Tag einmal um die Welt ziehe, ihn so weiterexistieren lasse, schwere, mühsame Aufgabe des Erinnerns.
Ich sehe ihn von hinten, er wendet der Sonne den Rücken zu. Die Strahlen dringen durch seine Jacke, sie krallen sich in seinen Nacken, heiß wie Metall im Fleisch. Dann dreht sich das Bild zur Seite, ich sehe ihn im Profil, er geht etwas vorgebeugt, mit hängenden Schultern, ich sehe auch ihn die Sonne ziehen, sehe, wie er sich stetig durch den leeren Raum bewegt, sehe ihn, wie ihm die Sonne gleichmäßig folgt.
Ich spiegele mich in der frisch ausgetriebenen Krone einer Birke, die sich selbständig neben dem Parkplatz angesiedelt hat. Ich spiegele mich im Flimmern der jungen Belaubung, im Schillern und Rieseln und Splittern, alles glänzt, als würde ich selbst dieses Licht aussenden, übertrieben hell und dann wieder zerscherbend, alles glänzt zu sehr, blendet mich, immer gleißender, bis ich nichts mehr erkennen kann.