III Memoria

16 Gewittertiere

Wo der Blick nicht hindringt, füllt sich das Dunkel mit Vorstellungen. Nachts erinnere ich mich an Anfänge. Die Bilder kommen, sobald es dunkel wird und ich mich anschicke zu schlafen. Es ist wie ein Zwang. Sie bedrängen mich, halten mich wach. Ich erinnere mich an Odilos Zeit mit meiner Schwester, und was mich erstaunt, ist das Gefühl der Evidenz.

Mila und Odilo: Ich sehe sie vor mir, als wäre ich dabeigewesen. Was, frage ich mich nachts in meiner Funktion als Seelenkundler, suche ich damit zu bezwecken? Sind es Maßnahmen, den Zeitverlauf zurückzudrehen, indem ich versuche, meinen Freund heraufzubeschwören, ihn in meine Gegenwart zurückzuholen? Möchte ich eine Verbindung herstellen, eine Verbundenheit bekräftigen, mich an seine Stelle begeben? Ich war nicht dabei, ich kann und darf mich nicht erinnern, aber ich, der ausgeschlossene Dritte, erinnere mich doch. Tertium non datur? Ich erinnere mich an alles ganz genau. Aus Trotz.

Ein neu renovierter Badeort an der deutschen Ostseeküste. Blendende, unter dem frischen Anstrich nahezu unsichtbare Bäderarchitektur. An der Farbwand schnörkelten Balkone, rankten Türmchen. Anfang Juli, Azorenhoch.

Lange windstille Tage. Eine steile Strahlenpyramide stülpte sich über Strandgras und Schenkel, bleichte und rötete, bräunte und schwärzte, brannte sich ein. Einzelne Haufenwolken schickten Schattenfelder nach unten, die sich rasch, wie flüchtende Riesenschafe, über die überbordenden Bäuche bewegten und sekundenweise Kühlung brachten. Die Welt waberte unter der strengen Sonne. Es gab zu viel zu sehen. Man sah es nie ganz. Figuren auf Bauchhöhe durchgeschnitten und, Kopf nach oben, auf die Spiegelfläche gesetzt. Die andere Hälfte, die mit den Beinen, stak dort, wo die Jugend Kopfsprung übte, am Ende der Mole. Sand voller Flitter. Städte hatten einige Viertel verloren, neue bekommen. Ganze Ortschaften waren übertüncht, die Dächer neu eingedeckt. Der ehemalige Grenzstreifen belebte sich, Wildtiere querten ihn, wanderten ihn entlang, grüner Korridor.

Fromme Badende aus Polen schraken vor der ostdeutschen Freikörperkultur zurück. Sie vollführten turnerische Verrenkungen, um beim Umziehen am Strand stets ein Handtuch so in Position zu halten, daß es ihre Blöße bedeckte. Sie vermieden es überhaupt, sich unter freiem Himmel umzuziehen, lieber blieben sie in nasser Badekleidung hinter ihrem Windschutz. Die polnischen Familien schienen zartere, langbeinigere Kinder zu bekommen, die Eltern hingegen nach der ersten oder zweiten Geburt schneller zu verfetten und die Form zu verlieren. In der Pubertät trafen die Extreme aufeinander, die halbwüchsigen, gazellenhaften Mädchen trugen enorme, wie kaum noch zum übrigen Körper gehörige Brüste vor sich her; vielleicht war es besser, daß sie alle bekleidet blieben.

Stammgäste aus dem Osten Deutschlands, die regelmäßig diesen Strand besucht hatten, ärgerten sich über den plötzlichen Andrang von auswärts, darüber, daß es nicht mehr ihr Strand war. Sie ärgerten sich über die ausbrechende Schamhaftigkeit, die das, was bis dahin als natürlich gegolten hatte, in etwas Anrüchiges, ja Obszönes verwandelte. Als alle nackt gewesen waren, hatte es keine Probleme gegeben, aber seit hochgeschlossene Katholiken anzügliche Blicke aus den Augenwinkeln warfen, seitdem sie Grad und Anlaß ihrer Erschütterung regelmäßig überprüften, indem sie empört durch die Lücken im Windschutz spähten, seither fühlte man sich von Voyeuren umgeben und konnte ein leichtes Unwohlsein kaum noch leugnen.

Die Urlauber aus dem Westen zeigten sich verunsichert, wie sie sich zwischen diesen Fronten einzuordnen hatten. Anziehen oder ausziehen? Nahtlose Bräune oder doch eine Kontrollfläche, an der sich vergleichen ließ, wie prächtig die übrige Haut gedunkelt war? Meist fanden sie zu einem Kompromiß, der in diesem Umfeld eine ausreichende Lockerheit demonstrierte und zugleich von den heimischen Gewohnheiten nicht abwich. Sie wechselten die Kleider ohne großes Handtuchtheater, sie ließen für ein paar Sekunden ihren Körper frei, trennten sich von den nassen Badesachen so selbstverständlich wie ein Tier im Fellwechsel, zogen ebenso selbstverständlich etwas Trockenes über. Niemand war genötigt, irritierende Organe zu betrachten. Für den einen Moment konnten andere die Augen niederschlagen, sich abwenden, es war keine Zumutung. Wer aber sehen wollte, was zu sehen war — bitteschön, man hatte nichts zu verbergen, man fühlte sich von fremden Blicken nicht belästigt, es ging schließlich zu schnell vorbei.

Die Touristen am Strand spielten Sex. Schaufelten sich heißen Sand auf die Knie, suchten Bernstein und verloren sich in den Schlieren der golden gestauchten Zeit, hoben kalkige Muschelschalen auf und fuhren mit dem Zeigefinger sacht über die rosigen Innenseiten. Sie sammelten glänzende Steine ein, die nach dem Trocknen sofort stumpf wurden, fahle Erinnerungen an Steine. Sie ließen Wasser durch die Finger gleiten, Tang. Sie saßen, nasse Sande in Händen, am Wellensaum und ließen sich überspülen, wieder und wieder.

Meine Schwester und ihr Liebhaber waren noch nicht im Wasser gewesen. Odilo, zum Kongreß angereist, hatte keine Zeit gefunden, auch keine Lust verspürt, zu schwimmen. Er blieb zugeknöpft, blieb vollständig bekleidet, und er blieb dabei, auch seine neue Beziehung auf hochgeschlossene Weise zu führen, selbst wenn ihn während langweiliger Reden, in flittrigen Sekunden ein gutgelaunter Sportsgeist animieren mochte, sich in seine Badehose zu werfen, weit hinaus zu kraulen, einen athletischen Oberkörper vorzuführen, den man im Alltag nicht zur Kenntnis nahm. Er hätte gar nichts dagegen gehabt, einem griechisch interpretierten Körperkult zu huldigen. Allein: Ihn machten die vielen Leute ungeduldig.

Mila traf am Vormittag aus Berlin ein, ein kurzes Wochenende, vergleichsweise unaufwendig, er war in der Nähe, sie hörte seinen Vortrag, er lud sie ein, über Nacht zu bleiben, damit es sich lohnte für sie, die so gern am Meer war. Sie hatte lange gezögert. Der Vortrag interessierte sie nicht. Das Verhältnis zu Odilo war ungeklärt.

Mila hatte ihm zugehört; sie war nach draußen gegangen, als der nächste Redner das Podium betrat.

Die Schwäne senkten ihre angeschmutzten Hälse in den Teich auf dem Institutsgelände. Sie gründelten, paddelten ziellos, dann wieder putzten sie ihr gleißendes Gefieder, es warf das steile Mittagslicht zurück. Sie fetteten die Federn eine nach der andern ein, trugen einen wachsähnlichen Stoff auf, an dem das Wasser abperlte. Am Hals blieb ein Grauschleier, fehlte die Glätte.

Die Hitze umschloß sie wie ein Gummikleid, hinderte ausgreifende Bewegungen, hielt den Körper in Schach. Zwangsjackenmittag: Mila ging sehr langsam am Institut entlang, am Rand von erhitztem Getreide, mit kleinen, schleppenden Schritten entlang der überhängenden Ähren, Grannen streiften ihre bloßen Unterschenkel, hafteten mit winzigen Widerhaken für eine Sekunde an der Haut. Die in der Sommerhitze heller werdenden Felder. Felder durchsetzt mit Kornblumen, blond und himmelblau. Bleiche Blütenbäder, überbelichtete Tage, die, während sie noch stattfanden, bereits zu Erinnerungen wurden. Als sähen sie miteinander ein altes Album mit den Sommerfrischefotos anderer, längst verblichener Personen an, Menschen in Badekostümen der Jahrhundertwende, Menschen mit langen Gewändern, die sich unter Schirmen aufhielten, Fotos, deren Motiv sich beim Betrachten weiter zu verflüchtigen schien. Sie wußte, daß sie später immer wieder darauf zurückkommen würde, daß sich für sie der Gang der Ereignisse zu einem größeren Teil um diese Tage rankte, ein paar bedeutungsvolle Punkte, und das übrige Leben ein verschlungenes Ornament darum herum. Es lief auf nichts hinaus. Es führte zu nichts. Es fühlte sich nicht einmal besonders gut an. Trotzdem schien sich hier etwas zu zentrieren, schien sie sich einem Zustand anzunähern, der Intensität versprach, eine Intensität, auf die sie lange gewartet hatte, ein Geheimnis, in dem sie sich aufhalten wollte, als käme sie nach einer Zeit des Halbschlafs endlich zu sich.

Sie setzte sich auf eine Bank unter Parkbäume, atmete den flirrenden Schatten. Die Schwäne glitten automatenhaft auf den Funken, die die Wasseroberfläche versprühte, es knisterte in ihrer Nähe. Man sah sie nur schlecht, der Tag, zu heiß und zu hell, verdeckte sie mit seinem Licht. Ein paar Wasserhühner zuckten hektisch durch den Glast. Mila kramte in der Handtasche nach ihrer Sonnenbrille. Die Schwäne hoben die Köpfe, merkten auf, einer von ihnen manövrierte sich ungelenk das Ufer hinauf. Sie fand den Watschelgang nicht putzig. Der Schwan warf sich plump nach rechts und nach links, er näherte sich ohne Geschmeidigkeit, walzte, reine Willenskraft, über den Weg auf sie zu. Die Sonne ruckte ein Stück weiter, ergoß sich über die Bank, die gerade noch im Schatten gestanden hatte, legte mit ihrem Licht alles in Fesseln. Mila bewegte sich nicht, als der Schwan den Hals reckte, die Schwingen entfaltete, böse zischte.

Engelhaft gleißende Schwingen, blendendes Weiß. Trudelnder Flaum und vollkommene Kreise. Flügel und Schwert. Die Sonne durchstieß die folgenden Schichten: Sphäre der himmlischen Gerechtigkeit, Sphäre der Weisheit und Anbetung, Sphäre der gefiederten Chöre, die aus 24 Buchstaben eine Welt erschaffen. Sie durchdrang die Sphäre der blauen Himmelsfarbe, illusionistisch auch diese, doch nicht weniger wahr.

Sie hielt ihm die offene Handtasche hin. Der Schwan betrachtete mit schiefgelegtem Kopf den blanken Schnappverschluß, dessen Hälften jetzt auseinanderklafften, dann tauchte er den Schnabel ein, fischte zwischen Lippenstift und Schlüsseln nach etwas Eßbarem, fand nur ein raschelndes Taschentuchpäckchen mit einem letzten Zellstoffrechteck, es schien ihm annehmbar oder gefiel ihm sogar. Der Schwan nahm das Päckchen mit ans Ufer, ließ sich damit zu Wasser, befeuchtete es, wie er sonst Brotstücke eintunkte, sie beschnäbelte, bis sie ihm genehm, bis sie mundgerecht waren. Ein zweiter Schwan paddelte heran, zerrte an der Hülle, der andere zerrte sie zu sich zurück. Dann verloren beide das Interesse, das nachtblaue Plastikstück trieb in der Entengrütze und blitzte, verfing sich im Uferbewuchs.

Die Teilnehmer strömten aus dem Institut, verloren sich im Gelände. Odilo stand in einer Gruppe, in der man noch weiter diskutierte. Er war kaum zu sehen, die meisten anderen überragten ihn. Kein imposanter Mann, keiner, nach dem sich die Frauen umdrehten. Aber wenn man ihn sprechen gehört hatte, blieb man gefangen von seiner Ausdruckskraft, von seiner unablässigen Bemühung, ein hohes Niveau zu verkörpern. Er kämpfte darum, es fiel ihm nicht leicht. Den meisten, die ihn umringten, glaubte sie anzusehen, daß ihnen eine gewisse Bildung, eine gewisse Weltläufigkeit, eine gewisse Geschmeidigkeit in die Wiege gelegt worden war. Sie bedurften keiner besonderen Brillanz, sie genügten stets den Ansprüchen, sie verfolgten keine Ziele, an denen sie hätten scheitern können.

Schließlich hatte sich die Gruppe aufgelöst, bis auf zwei Kollegen, mit denen sie essen gingen. Odilo war wesentlich jünger als die meisten anderen Teilnehmer, es flackerte um ihn. Mila wäre gern mit ihm allein gewesen. Die Kollegen, bullige, gönnerhafte Patriarchen, langweilten sie.

Meine Schwester. Sie nahm die Dinge nie fest in die Hand. Sie hielt alles locker, auch nicht zu locker, nicht nachlässig, nie fürchtete man, daß ihr etwas herabfallen würde, vielmehr schien es so, als würden die Dinge, die sie zu halten wünschte, für einen Moment von selbst an ihr haften. Nie sah man ihre Knöchel weiß hervortreten, nie knickte sie die Gelenke ab, sie drückte beim Schreiben den Zeigefinger nicht durch wie ich, sondern wölbte ihn sanft. Sie besaß, im Gegensatz zu mir, der ich für alles übertrieben viel Kraft aufwende, ein Gefühl für das richtige Maß. Sie brauchte nicht mehr Energie, als eine Bewegung erforderte. Das machte ihre Anmut aus, ihre Körperintelligenz. Und hier, am Strand, wenn die Hüllen gefallen wären, hätte ein unbeteiligter Beobachter sehen können, wie sie sich dadurch von den meisten anderen, den verkrampften, verspannten, unbeholfenen Badenden unterschied.

Mit ihm am Tisch, in Gegenwart der Kollegen, deren Unterhaltung sie nicht folgen wollte, verhielt sie sich ungeschickt, schien ihr alles zu entgleiten. Sie kam sich zu klein vor, um der Aufmerksamkeit der anderen wert zu sein, im selben Augenblick zu groß, als belästige sie alle anderen am Tisch mit ihrer Anwesenheit, mit ihrem Geruch, ihrer Form, ihrem Fleisch.

Wie eigenständige Wesen zerknüllten ihre Hände die Serviette, preßten und rollten sie auf dem Tischtuch, nervöse Welpen, die unablässig etwas zerkauten. Sie hatte sie nicht unter Kontrolle, pflückte Stücke aus dem Zellstoff, rieb sie zwischen den Fingern zu Kügelchen. Sie schloß die Faust um die Fetzen und drückte sie zu einem Ball zusammen, sie rieb sich die Hände mechanisch mit der hartgedrehten Serviettenkugel ab.

Weit hinten aufgetürmte Wolken. Pracht der Cumulonimbusse, die sich über mehrere Kilometer in die Luft erhoben, Stockwerk um Stockwerk. Die Schwüle. Das Weiß und die Würde. Die drückende Übermacht dieser Wolken spiegelte sich in Odilos Gesicht.

Mila sah in seinen Augen den verwaschenen Horizont, sah die Ungewißheit, ob man sich drinnen oder draußen aufhalten sollte: In den Innenräumen stand noch die heiße Luft, während es draußen schon kühler wurde. Draußen aber flogen die Insekten tiefer. Und bald würde es zu regnen beginnen.

Schwarz flirrende Wolken standen plötzlich auf der Promenade, Schwärme von Gewitterfliegen. Sie schwebten im Auftrieb der Luft, standen ein paar Meter über dem Boden, sie ließen sich nieder, wo ihre Insektenaugen vielversprechende Farben erspähten, die Illusion von Blütenmeeren, hellen Untergrund.

Fransenflügler im Ausmaß einer Plage, schwarze Punkte nur, winzige Würmchen, die sich auf den T-Shirts, den Hemdsärmeln krümmten. Sie klammerten sich an sommerliche Kleidungsstücke, die unter ihnen dunkel wurden, besetzten weiße und hellgelbe Flächen, die weiße Plastikbestuhlung vor den Eisbuden, die weißen Schriftzüge auf den roten Sonnenschirmen, sie saßen auf Milas rapsgelbem Kleid. Sinnlos, sie verscheuchen zu wollen, nutzlos, ihnen mit wedelnden Handbewegungen zu kommen, es gab keine Abwehrmaßnahmen. Man schritt durch sie hindurch, ging in einer Begleitwolke von Tierchen, atmete sie ein.

Sie wunderte sich, daß es den anderen Passanten nichts ausmachte, mit wimmelnden Hemden, schwarzverhängten Wänsten weiterzugehen. Waren sie arglos oder abgestumpft, mit Gleichmut begabt, mit Ignoranz? Auch Odilo schien es nicht zu kümmern, daß sie sich auf ihm niederließen, am Stoff seiner hellen Hosen klebten, er ging einfach weiter, als wisse er genau, daß sich der ganze Spuk in kürzester Zeit wieder auflösen müßte. Aber die Fliegen lösten sich nicht auf.

Ein Schwan watschelte auf der Promenade, auch er war in eine Wolke geraten, die ihn umschwärmt hatte, die ihm fest anklebte. Er reckte leicht den Hals vor, alle paar Meter schüttelte er sich. Wenn dies einen Effekt hatte, wenn die Tierchen sich hoben, so war dies nicht sichtbar. Sie senkten sich gleich wieder auf sein Weiß, oder sie blieben einfach haften. Der Schwan setzte seinen Weg fort, schaukelte seinen Leib durch die Urlauber, geschwärzter Schwanenleib, gänzlich von Fliegen bedeckt, wie ein Kadaver.

Mila blieb mitten auf der Promenade stehen, während andere Flanierende an ihr vorbeidrängten, ungerührt, als sei gar nichts vorgefallen. Sie aber sah sich außerstande, mit der Bürde dieser Fliegen weiterzugehen. Für Milas Empfinden hätte es ein lautloses Bild sein müssen, die Urlauber schweigend, der Schlag der Wellen gedämpft. Aber der Lärm war nicht verstummt, Kinder kreischten am Strand, Badende ließen sich nicht abhalten, auch wenn sich die Würmchen auf ihre ungebräunte Haut setzten, auf die Stellen, wo sich der weiße Schatten eines Tops auf dem Oberkörper abzeichnete. Die Urlauber rückten von ihren Strandgewohnheiten nicht ab, sie traten ans Wasser, wuschen die Gewitterfliegen weg, gingen schwimmen wie immer, und erst wenn sie das Wasser verließen, kamen die Schwärme erneut.

Odilo wedelte halbherzig ein paar Insekten fort. Die Schleier wichen aus und schlossen sich hinter seiner Hand wieder zusammen, als wäre nichts geschehen. Es irritierte ihn, daß ihm die Situation, auf die er lange hingearbeitet hatte, durch unvorhersehbare Umstände entglitt. Er zog sein Stofftaschentuch hervor und begann, damit über ihr Kleid zu wischen, er zerdrückte die Tierchen, erzielte nichts als einen schmierigen Film. Er erreichte damit, daß sie weiterging, die Arme angewidert zu beiden Seiten gestreckt, wie eine Seiltänzerin, balancierend auf Fliegen.

Die Gewittertierchen, beruhigte er sie, würden mit dem Ausbruch des Gewitters verschwunden sein. Sie solle sich jetzt ein anderes Kleid anziehen, ein dunkleres, und dann würden sie auf der Hotelterrasse etwas trinken, würden zusehen, wie sich die Wolken ballten.

17 Glanzapparate

Odilo stand im gerippten Unterhemd am Waschbecken. Er stand in Unterhemd und Unterhose und wusch sich unter den Achseln. Er ließ den Unterarm hängen, die Hand wie abwinkend, hob den Ellbogen hoch, flatterte. Er hantierte in einem Bad, das nach seinem Dafürhalten zu klein war, selbst für das Bad eines billigen Hotels. Er hatte nichts anderes mehr bekommen, es war Hauptsaison. Solide, aber geschmacklos eingerichtet. Elende hellblaue Kacheln, um zu demonstrieren, daß in diesem Raum Wasser lief, ein schwarzer Toilettendeckel, der dafür verantwortlich sein mochte, daß es wie in den Bädern der siebziger Jahre roch, eine Badewanne ohne Duschvorhang, die sich als Dusche nicht benutzen ließ, ohne den Raum unter Wasser zu setzen. Die Kacheln beengten ihn, er war nervös, hätte Mila lieber etwas anderes geboten. Etwas Großzügigeres, etwas Schönes. Statt dessen sah er sich gezwungen, in einer Räumlichkeit zu hampeln, die einer Behinderung gleichkam, die ihn in seinen Absichten nicht unterstützte. Waschlappen. Er hatte seit Jahrzehnten keinen Waschlappen mehr benutzt. Jetzt aber sollte es schnell gehen, er fand nicht die Zeit, in einer Wanne ohne Vorhang zu brausen und dann stundenlang den Boden aufzuwischen. Morgen früh würde dieser Waschlappen steifgetrocknet am Haken hängen, schon jetzt war es ihm peinlich. Der moderne Mensch duschte. Die Badezimmertür stand sperrangelweit auf, Odilo hatte sich zu rigoroser Offenheit entschlossen. Zur Vertraulichkeit eines Kindes. Sie sollte, durfte alles von ihm sehen. Er wollte Ernst machen. Schwächen zeigen. Anders ließ sich eine Beziehung gar nicht ertragen. Oder ließ sich nur auf diese Weise, indem er sich gab, als sei er allein, ihre Anwesenheit für diesen Moment vergessen? Odilo beugte sich vor und ließ Wasser über seine Arme laufen. Er legte sich ein Handtuch um die Schultern, hielt es an den Zipfeln straff, kam beflügelt ins Zimmer.

Weiße Unterwäsche, Altherrenpantoffeln, schlappender Gang. Sie konzentrierte sich darauf, wie der Trikotstoff näher kam, sich am Fenster grau verschattete, dicht vor ihren Augen pulsierte. Ein treuherziger Stoff, feingegliedert in einzelne Rippen, die sich dem Körper anschmiegten, ihn linierten. Einzelne Tropfen von den Wasseraktivitäten auf der Brust, eine Farbnuance dunkler, bebend.

Die Wolken rissen für einen Moment auf, ein Schlaglicht glitt ins Zimmer, das Unterhemd blendete sie. Sie schloß die Augen, spürte nur, wie der Strahl rasch verschwand, das Zimmer fremd und kühler zurückließ. Dunkelgrau und rauhhäutig wie die Füße, die Beine des Schwans. Sie sah ihn vor sich, seine Imponierhaltung: den Hals stark zurückgebogen, den Schnabel gesenkt, die Schwingen gelüftet.

Das Hotelhandtuch flog in den Sessel. Ein kleineres Stoffstück segelte hinterher. Weitere Sturzflüge im Zimmer, Unruhe. Schwimmfüße paddelten unter Wasser, ruderten durch Entengrütze, schleimige Grünalgen. Blasenkolonien stiegen auf, das Teichwasser perlte.

Gummikalte Hände legten sich auf ihren Bauch, tasteten über die Hüften, wanderten die Schenkel entlang. Schwimmhäute, dachte sie, die sich der Rundung anpassen. Die feucht ankleben, schwanenschwer lasten. Mila verhärtete sich. Häßliche Flossen watschelten über ihre ausgestreckten Beine, sie strich versuchsweise über die gespannten Häute, die sich von ihrem Körper nicht lösen wollten, griff nach den Knöcheln, zog sie noch weiter zu sich heran, wand sich unter ihnen weg.

Odilo stopfte das Kissen zurecht. Pumpende Leiber, von Federn umhüllt; ihr schien, daß aus dem Kissen Federkiele ragten, ein billiges Kissen mit Federn minderer Qualität. Die Spitzen stachen durch den Bezug, piksten sie in den Nacken, kratzten in ihrer Armbeuge, kitzelten. Ein Oberbett, vollgestopft mit hibbeligem Federvieh, drängte an sie heran, plusterte sich auf. Konturfedern spreizten sich, verlorene Flaumfedern flogen.

Sie hielt den langen Hals des Schwans, ließ ihn durch die Hand gleiten, ein seidenweicher Hals, der sich aufzulösen schien in Flaum. Flaum, der über ihre Wange strich, ihr ins Ohr flüsterte. Dann der Schnabel zwischen ihren Lippen, ein harter Schnabel, der sich in ihrem Mund aufsperrte, ihre Kiefer auseinanderzwang. Sie leckte über geriffelte Zahnreihen der Entenvögel; gleichmäßige Lamellen wie ein Waschbrett, eine Wasseroberfläche, von einer Zungenberührung in feinste Wellen geworfen und sofort erstarrt.

Wind stieß durch das gekippte Fenster, schob Odilos Papiere vom Tisch. Sie hörte sie über die Platte rutschen, über den Teppichboden schaben. Steigende, fallende Kurven. Die Blätter segelten aufs Bett, erhoben sich nochmals, schwebten durchs Zimmer. Papierflieger, Papiergefieder. Lose Steuerfedern. Deckfedern. Schwungfedern.

Eisengefieder quietschte. Sie bildete sich ein, die Sprungfedern durch die Matratze hindurch zu spüren, zu Wirbeln gebogene Drähte, Wirbel, die dem Körper Auftrieb verliehen. Wirbel, verhärtet, in denen sich die Natur bewegte. Strudelndes Wasser. Kreiselnde Luftmassen. Trudelnde Daunen.

Vage Federfinger strichen durch die Luft, vornehm verlängerte Finger, die nichts bewegen, nichts greifen konnten. Sie streiften ihr Haar, umhüllten ihre Schultern. Fittiche umgaben sie, schwangen sich auf.

Ein Abend, an den sie sich nicht erinnern wollte. Heruntergekommene Schwäne paddelten zwischen Plastikflaschen, bettelten majestätisch um Brot. Sie trug eine Pudelmütze und Fausthandschuhe, sie reichte noch nicht über das Geländer zum Fluß. Sie brach, vom dicken Handschuh beeinträchtigt, Stücke von den Graubrotschnitten ab, warf sie durch das Gitter ins Wasser, ein Schwan reckte den Hals nach ihr.

Sie wußte nicht, ob sie ihn mochte.

Kofferraumdeckel knallten zu, Scheinwerfer fraßen sich hinter ihr vorüber. Ein Abend, der nicht ausbrach, der immer Schwelle blieb, immer kurz davor. Sie hielt sich am Geländer fest, das Brot schwamm zwischen Abfällen, sie warf die Tüte hinterher, die weiß gebläht auf dem Wasser aufsetzte, der die Schwäne folgten.

Schwäne, ihr dünkelhaftes Betreten von Grünanlagen. Sie hatten über Reisen gesprochen, über den Wunsch, eine undeutliche Sehnsucht in Bewegung zu verwandeln. Lauter zugvogelhafte Bestrebungen, flüsterten sie sich zu, die doch darauf hinausliefen, daß man gemeinsam voreinander floh. Der Wille zur Handlung war da. Sie kannten sich kaum.

Mißvergnügt überflügelte Parkhäuser. Mauserzüge. Rastloser Flug. Erregtes Wasser unterhalb. Das Gehetzte ihrer Beziehung. Das Getriebene. Reisen: Sie reisten sofort.

Daß jede Reise einer vergeblichen Sehnsucht nach innerem Leuchten stattgab. Die mechanische Erzeugung einer Bilderfolge, deren Zusammenhang sich im nachhinein als zwingend erwies. Ein Lichtbildervortrag, an dem doch das wichtigste die Lücken zwischen den einzelnen Dias waren, langes Warten an unwirtlichen Haltestellen, die Absturzkante vor dem Schlaf in unbekannten Räumen, der Atem fremder Passagiere im Sitz nebenan. Die Erfahrungen im nachhinein unbenennbar, weißes Rauschen, das sich sofort verflüchtigte, nachdem es für einen flackernden Moment gelungen war, mit gleichmäßigem Flügelschlag wie ein Dynamo Lichtenergie zu erzeugen, ein Glosen aus dem Körperinneren. Man schien immer heller zu werden, während es draußen immer dunkler wurde. Beides erfüllte sie mit Angst.

Odilo knipste das Licht an und aus. Die Nachttischlampe schien ihm ins Gesicht, er rückte sie hin und her. Die Deckenleuchte wiederum war zu schummrig, so schummrig, daß man erst recht das Bedürfnis verspürte, ein Licht anzuschalten, diese Leuchte deprimierte ihn, das ganze Zimmer tat ihm nicht gut. Er löschte die Nachttischlampe, löschte die Deckenlampe. Es blieben die Neonröhren im Bad, bei offener Tür. Er sammelte seine Papiere ein, die über den Boden verstreut lagen, sortierte sie, brachte sie auf Kante.

Draußen kam Wind auf, er war ihm zu laut. Er verriegelte das Fenster, sofort wurde es stickig im Raum.

Er zog sich sein Unterhemd wieder an. Er fühlte sich seiner gewohnten Umgebung entkleidet. Sonst gaben ihm die Schränke, die Zimmerwände Halt. In diesem Hotelzimmer stand alles im Weg. Er stieß sich am Bett. Lief gegen den Sessel. Stolperte über Koffer: Er rannte gegen all das an. Ungeschickt. Seines Körpers nicht mächtig. Das Zimmer zu klein, die Welt widerspenstig, zu hart für ihn.

Er legte sich wieder hin, nahm Milas Hand. Mit der anderen hielt er sich am Bettpfosten fest.

Durchaus klammerte er sich an Dinge, aber sobald er sie brauchte, verloren die Dinge ihre Substanz. Sie entglitten ihm, korrodierten, verfaulten, versprödeten. Er fand nicht die Kraft, der rasenden Materialermüdung etwas entgegenzusetzen, ihr zumindest mit Skepsis zu begegnen.

Ein helles Rechteck malte jetzt ein Waschbecken an die Wand. Er stand noch einmal auf, löschte es aus. Fand das Bett wieder, und erst jetzt verschmolzen die Wände mit dem Dunkel des Raums. In Gedanken versuchte er die Anlage des Zimmers nachzuvollziehen, strich er mit beiden Händen über die häßlichen Tapeten, tastete die Sperrholzschränke ab, nicht als wäre er blind, eher als suchte er ein Pferd zu beruhigen, das sich störrisch weigerte weiterzugehen, den Kopf aufgeworfen, die Nüstern gebläht, mit bebenden Flanken.

Es wunderte ihn kaum, daß das Zimmer verschwand, jetzt, da Mila bei ihm lag. Man konnte, Spruch seiner Mutter, nicht alles haben. Hätte er gern alles gehabt?

Er lag neben der Frau, neben der er hatte liegen wollen, er kam sich aufgeweicht, ausgesetzt vor. Wie die Kuppe des Cremestrangs, den er vorhin aus der Tube gedrückt hatte und der, als er losließ, wieder zurückgesaugt wurde. Ihm blieb ein zerkautes Dunkel, in dem es schwerfiel, ein Gefühl überdauern zu lassen. Entweder — oder, Spruch seiner Mutter. Was er fühlte, war Eifersucht, Eifersucht auf sich selbst. Konnte man das eine gelungene erste Nacht nennen?

Mila war eingeschlafen, und er betrachtete die Haarsträhnen, die ihr tentakelglatt über die Wange fielen, von ihrem Atemhauch nicht bewegt. Er war enttäuscht, daß sie schlief, verlegen, weil sie schlief, er schämte sich, daß er enttäuscht war. Normalerweise wäre er jetzt aufgestanden, hätte sich an den Schreibtisch gesetzt und die Arbeit dazu genutzt, seine Festigkeit wiederzugewinnen, sich abzulenken. Er hätte zu Beginn mit unterschiedlich harten Bleistiften auf einen Fetzen Karton, auf ein Stück Obsttüte gepocht, um sich in Form, in Stimmung zu bringen. Statt dessen rückte er dichter an sie heran. Es konnte nicht gutgehen mit ihnen. Er mußte die Hände ins Kissen krallen, um sie nicht aufzuwecken.

Sie hatten nachmittags lange auf dem Bett gelegen und zugesehen, wie die Bäume erst dunkelgrün, dann schwarz und flach wurden, Schattenrisse, die plötzlich, wenn es blitzte, wieder Volumen erhielten, die bei jedem Blitz nach vorn gerissen wurden, mit Abertausenden grellumrandeten Blättern wogten, um sofort darauf wieder zurückzufallen, in die Fläche, in die Dunkelheit.

18 Rückenfiguren

Ich sehe Odilo vor mir, von hinten, wie er am Meer steht, immer sehe ich ihn von hinten, als hätte ich mich stets hinter ihm anstellen müssen, selbst für einen Blick aufs Meer hinter ihm anstellen, er trägt einen teuren Anzug, gute Schuhe, völlig falsch gekleidet für den Strand.

Ich sehe die Szenerie mit seinen Augen, graues Meer, das ihn aufsaugt, Unorte eines grauen Strandes, Leere eines Windes, gegen den ihn nichts schützt, keine Gebäude, kein vernünftiges Kleidungsstück; er wappnete sich nicht, das war seine Methode, alles Bedrängende seiner Umgebung zu leugnen.

Ihn immer nur von hinten zu sehen erzeugte in mir gewöhnlich den leichten Unmut, der damit einhergeht, von etwas Wesentlichem ausgeschlossen zu sein. Sein Egoismus, selbst in der Landschaftsbetrachtung. Nie standen wir zusammen und blickten über ein Feld, über ein Gewässer, er richtete es so ein, daß ich hinter ihm stand, er drehte sich weg, wandte sich einem anderen Objekt zu. Sonnenuntergang an der Kiesgrube: Wir standen nebeneinander am Ufer, vor uns die rote Sonne, und es hätte ein gemeinsames Erlebnis sein können, doch er wandte sich ab, studierte das Licht auf den Zweigen, die ins Wasser hingen, vielleicht sah er auch etwas ganz anderes, das ich nicht erkennen konnte. Den ganzen Tag über hatte ich unwillkürlich darauf gewartet, etwas mit ihm gemein zu haben, während er mir das Gefühl gab, auch während der gemeinsam verbrachten Zeit nicht wirklich anwesend, jedenfalls nicht bei mir zu sein. Ich blickte auf seinen Rücken, und auf einmal bekam ich Angst, daß er sich doch umdrehte, daß er sich plötzlich umdrehte und sein wahres Gesicht zeigte.

Er interessierte sich nicht für die Aussicht ins Weite, er wollte die Empfindung, ausgesetzt zu sein, nur ungern vor sich selbst zugeben; eine winzige Figur auf einem Plateau vor dem ungleich größeren Meer, solch einem Gedanken konnte er nichts abgewinnen. Er bevorzugte innere Postkarten, das Wissen, irgendwo gewesen zu sein und einen Ort damit einzukassieren.

Ihn immer nur von hinten zu sehen in diesen Momenten, die er in einer angestrengten Einsamkeit verbrachte: Die manchmal nur winzige Bewegung des Sich-Abwendens verhinderte, daß ich auch nur einmal sehen konnte, was in ihm vorging. Er verbarg sein Mienenspiel, er wollte in bestimmten Situationen, und sei es nur für Augenblicke, allein sein. So kann ich nur erahnen, nur notdürftig rekonstruieren, mit welchen Methoden er die peinliche Leere, von der er sich bedroht fühlte, zu bekämpfen suchte. Er floh sie nicht, im Gegenteil, manchmal schien es mir, daß er solche Momente, in denen er vom Eindruck der eigenen Nichtigkeit überwältigt zu werden drohte, geradezu mit Besessenheit herbeiführte. Dann aber ging es darum, die Leere eines solchen Moments zu besiegen, indem er sie in sich hineinnahm, beherrschte, auffraß.

Sie waren lange am Strand gewandert. Die Sonne hatte schräge Strahlen geworfen und lange Schatten vor ihnen laufen lassen. Sie füllte die Mulden im Sand mit einem stumpfen nichtigen Dunkel, sie vergoß dort, wo der Sand aufgeworfen lag, ihre blendende Pracht. Strandläufer, braungefleckte rasche Federkugeln, rannten in albernem Trickfilmtempo über den Sand, dort, wo der Wellensaum anbrandete, und balgten sich um ein Stück Fisch.

Mila hatte dem flimmernden Reiz, der narkotischen Schönheit des Tages nicht trauen wollen. Die Nähe, die sich zu Odilo einstellte, einfach dadurch, daß sie Zeit miteinander verbrachten, konnte jederzeit wieder schwinden.

Mila hielt sich an einem Schild fest, das den Hundestrand auswies, schüttete sich zum hundertsten Mal den Sand aus dem Schuh.

Der Sand war an diesem Strandabschnitt grob, ein schwärzlicher Kies, der drückte. Normalen Badesand hätte sie ertragen, es sogar genossen, daß sich die Schuhe damit anfüllten, sie mit dem Untergrund verbanden, als ginge sie barfuß, sie wünschte sich pudrigen Vogelsand in ihre Schuhe. Schwarzen Kies litt sie nicht, sie hatte immer wieder ihren Gang unterbrechen müssen, an Gegenständen, Balken, Wellenbrechern Halt gesucht, glitschig-poröse Felsen berührt. Odilo lief, wie schamhaft, ein paar Schritte voraus, als wolle er ihr die Peinlichkeit ersparen, bei einer intimen Verrichtung ihr Zeuge zu sein.

Meine Schwester in dieser altmodischen Aufmachung. Mit cremefarbenen Spangenschuhen, einem beigegrauen Mantel, wollweißem Schultertuch. Meine Schwester in Eierschale, Chamois, Salböl, ganz Beschwichtigung, ganz Trost und Watte, meine Schwester ganz Leichtigkeit und Sommerfrische, allerdings Sommerfrische in einem baltischen Badeort, fünfzig Jahre zurück.

Sie knöpfte ihren Mantel zu, zog das Tuch straff.

Das Wasser hatte sich entfernt, war zurückgekommen.

Nachmittags zogen unerwartet Wolken auf, verdüsterten sich, Schauer fegten plötzlich über den Strand, und sie stellten sich an der Seebrücke unter, den Rücken gegen den Wind gewandt. Sie blickten den Strand entlang, den uferlosen, endlosen Sandstreifen, über den sich der Regen senkte, nicht sanft wie ein Vorhang, sondern mit einer aggressiven Schnelligkeit, die die Sicht immer mehr verwischte und alles, was weiter entfernt war, verschwinden ließ. Die Stimmung war umgeschlagen, der Herbst kam, und mit ihm die Auflösung der Oberflächen, denen sie sich bis hierher anvertraut hatten.

Als der Regen nachließ, betraten sie die Brücke. Nasse Holzbohlen federten unter ihrem Gewicht, Möwen kreisten mit fordernden Rufen vor einem farblosen Himmel, ließen sich auf dem Geländer nieder, warteten auf eine Gabe, aber Mila hatte nichts. Sie suchte in ihrer Handtasche und fand zwei Pfefferminzbonbons. Odilo kaute seins hastig und achtlos, ihres war an der Außenseite weich geworden, sie wußte nicht, wie lange sie es schon in der Tasche mit sich herumgetragen hatte, es war alt, aber immer noch süß und scharf.

Die Seebrücke hörte kurz vor dem Ende auf. Dort, wo sie sich zur Aussichtsplattform verbreiterte, wo seitlich mit Eisenstangen der Zugang zur Taucherglocke markiert war, mit der man im Sommer, wenn Kirmesstimmung herrschte und die schreienden Schriftzüge vor der Kapsel, die jetzt seltsam anmuteten, zu ihrem Recht kamen, ein paar Meter bis auf den Grund fahren konnte, dort, wo mit dem Brückenkopf ein Ziel erreicht worden wäre, der weiteste Weg hinaus, hatte man die Planken entfernt, und sie sahen nicht aufs Meer, sondern durch die Stahlträger und Betonteile hindurch auf bräunliches Wasser, in dem einzelne dicke Tropfen versanken.

Odilo hob sofort den Kopf und versuchte, sich auf den verwaschenen Horizont zu konzentrieren, etwas zog ihn zu diesem Horizont, und er wäre gern noch die paar Schritte bis zum Ende der Brücke gegangen, um ihm so nah wie möglich zu kommen, oder wenigstens, da das ein geographischer Fehlschluß war, einer Anziehungskraft so weit wie möglich zu folgen, und es kränkte ihn, daß eine unvollständige Brücke solche Ausschweifung verhinderte. Er wandte sich ab und wollte gehen.

Mila hielt seine Hand fest und blickte weiter in den trüben Abgrund, auf den Furor der braunen Wogen, den die Touristen im Sommer mit der Taucherglocke durchstießen, um in die Tiefe zu fahren. Sie wünschte sich für einen Moment, noch einmal im Sommer wiederzukommen und es auch zu tun. Einfach hinunterzufahren, weit nach unten, irgendwo hinzukommen, wo man die Oberflächen hinter sich gelassen hatte.

Odilo zog sie weg. Sie rutschte jetzt auf dem glitschigen Holz, Odilo legte ihr den Arm um die Taille, und Mila versteifte sich.

Theorie des Schönen

Etwas Schönes, das in der Ferne aufscheint, immer in der Ferne, zu dem hin man sich werfen möchte und das sich doch, je näher man heranzutreten meint, desto weiter entzieht. Als erzeuge der Sehvorgang bereits einen festgelegten Abstand, der nicht zu überbrücken ist. Als würfe der Blick die Dinge aus uns heraus und mache sie mit ihrem Erscheinen zugleich unerreichbar: Luftschlösser, Hirngespinste, Traumgebilde, die wir normalerweise in uns tragen, in der inneren Dunkelheit, und die wir mit einem beiläufigen Es werde Licht aus uns herauszustellen gewohnt sind, ohne den Vorgang selbst überhaupt zu bemerken. Wir bemerken allenfalls das Verlangen, mit dem wir dieses Lichtbild wieder zurückholen wollen; beharren aber auf der Distanz, die nun einmal eingetreten ist und die sich weiterhin zeigt und ihr Recht behauptet, eine Distanz, hergestellt, um vergessen zu lassen, daß wir selbst diejenigen sind, die sich mit selbsterzeugten Illusionen täuschen.

Sie gingen weiter den Strand entlang, in den unbrauchbaren Spuren der Vorgänger. Hin und wieder bemerkten sie andere Paare, nur wenige bei dieser Witterung, von denen sie sich fundamental zu unterscheiden meinten. Von weitem nahmen sie die Erbärmlichkeit der anderen wahr, ihre Hinfälligkeit in den wetterfesten Anoraks, die Begrenztheit der Vorsorgemaßnahmen. Sie behaupteten demgegenüber im Besitz der größeren Würde zu sein. Hüllten sich in ihre Isolation zu zweit; beschäftigt mit dem Versuch, ein eingebildetes Leuchten nach außen dringen zu lassen.

Lange Wege am Strand. Das Bodenlose, in dem diese beiden Figuren den festen Punkt bildeten, die ruhende Mitte, von der alles ausging; Ordnung und Unordnung.

Lange Wege am Strand. Angespülte Abfälle, Plastikflaschen und Kanister, glattgewaschenes Holz. Ein babyblauer Perlonpullover, in Sand und Tang gewiegt. Muschelschalen, die unter ihren Tritten zerknackten.

Sie hielten inne, wo sie das Ufer übersät mit Kugeln fanden, Kugeln aus einer heuartigen Masse; Mila stieß sie mit der Schuhspitze an; sie waren leicht. Abgerissenes Seegras, dem Roß des Okeanos zum Fraß vorgeworfen, von der gleichmäßigen Peristaltik der Wellen zu Bällen gerollt, kleine Tischtennisbälle und größere Tennisbälle, perfekt gerundete Pferdeäpfel der See.

Mila hob einen von ihnen auf. Sie roch daran, drückte das Heu ein wenig zusammen, präsentierte den Meeresapfel auf langen Fingern. Odilo kam näher und schlug ihr wie spielerisch unter die Hand. Er lachte; ein Siebenjähriger auf dem Schulhof, der sich etwas traut. Der Heuball fiel herunter zu den anderen seiner Kolonie, blieb dort ununterscheidbar liegen.

Adriatisches Meer. Er murmelte es vor sich hin, Adria.

Sie gingen in der Dämmerung auf die Mole hinaus. Ein ruhiger Abend, nur der langsame, wiegende Rhythmus der See. Der dunkle Grund saugte alle Farben ein. Das flaschengrüne, onyxgrüne Wasser verschattete sich zusehends, wurde hämatitgrau, metallen, düster, ölig. Unter ihnen das matte Schwappen, Klatschen, die ruhige Unruhe einer unpersönlichen, in Wellen geschüttelten Fläche.

Vor ihnen die Weite, ein berückender Schlund, in den hinein der Blick sich auflöste. Salzwasser, das über die Felsen leckte, unstete Gischt, ein bläuliches Grau, das sich bei genauem Hinsehen mit dem Untergrund vermischte. Schäume, in denen die tiefhängende Wolkenschicht versickerte. Sie standen ruhig da, ungesichert im Formlosen, auf einem Felsvorsprung, dessen Schründe dieselbe zerklüftete Oberfläche aufwiesen wie das neblig bewegte Meer, wie die zerfetzte Wolkendecke, drei Schichten wie die Aufteilung eines klassischen Landschaftsgemäldes, ungestalte Materie, die Oben und Unten vertauschte, in der sich die Richtung verlor.

Es begann wieder zu regnen. Das Meer schluckte die Tropfen auf, ein wirkungsloser, vielleicht auch ursacheloser, ewiger Regen.

Im schmutzigen Grau begann es auf einmal zu schimmern, schwach, wie ein Widerschein. Sie vermeinte ein indirektes Licht zu sehen, von einer verborgenen Quelle auf die Oberfläche des Wassers geworfen, aber es kam von unten. Lichtgespinste unter Wasser, ein unwirkliches Licht, als sähe sie ihre Augenlider von innen. Sie sah ein Licht ohne überzeugende Ursache, ohne klare Herkunft, ein kühles Glühen ohne Mittelpunkt.

Aber sie hatte die Augen weit offen.

Odilo hielt sich mit offenen oder geschlossenen Augen nicht auf. Er war entzückt. Beugte sich vor, so weit er es vermochte, ohne ins Rutschen zu kommen.

Quallenplage, hatte es geheißen, und er war mit ihr ans Mittelmeer gefahren.

Pelagia noctiluca, die Leuchtqualle europäischer Meere, vermag bei Erschütterung ein Licht zu erzeugen, dessen Farbe gemeinhin als grünlich wahrgenommen wird. Gelegentlich erscheint es auch fahlrosa, ein optischer Effekt, da die Qualle purpurfarben gesprenkelt ist. Pelagia noctiluca, die Meergeborene, Nachtleuchtende. Periodische Massenvorkommen dieser Qualle haben Strandsperrungen zur Folge, die Meduse verfügt über Nesselzellen, die dem Badenden gefährlich werden können. Jetzt waren die meisten Badegäste fort. Leuchtqualle, medusa luminosa, meduza świecąca, loistomeduusa, lichtende kwal. Odilo interessierte sich für ihre lampenhafte, gläserne Ruhe.

Für die Wissenschaft ist die pazifische Leuchtqualle Aequorea victoria von Bedeutung. Sie enthält Aequorin, das ein blaues Licht aussendet. Das blaue Licht faszinierte Odilo am meisten. Gern hätte er mit Mila eine Zeit am Pazifik verbracht. Zwar konnte er sich Exemplare von Aequorea victoria ins Labor bestellen; sie, wenn er denn wollte, durch ein feinmaschiges Sieb pressen, wie es brachial die Entdecker des Aequorins in Amerika zu tun pflegten; morgens fingen sie die Quallen lebend aus dem Meer, den Tag über verbrachten sie damit, sie zu zerkleinern, um dann festzustellen, daß die Gallertmasse noch nach dem Tode der Tiere im Waschbecken blaues Licht produzierte.

Aber es ging ihm nicht darum, die Tiere in ihre Einzelteile zu zerlegen.

Odilo empfand es als persönlichen Erfolg, die Quallen in ihrer angestammten Umgebung leuchten zu sehen, auch wenn es weiter zu nichts führte, im Grunde genommen sogar vollkommen sinnlos war.

Es nieselte unerbittlich, und sie verfolgten die Wege der Tropfen, die auf die gespannte Haut der See fielen, in den Wasserkörper hineinsanken. Die Quallen trieben dicht unter der Oberfläche. Durch die Berührung gereizt, reagierten sie mit diesem seltsam ortlosen Schimmern. Ließen das Meer von innen leuchten; flache Wand- und Deckenleuchten, Irrlichter unter Wasser; Lichterscheinung, die bei Erregung zunimmt.

Sie rückten näher zusammen, der Stoff ihrer Kleider rieb aneinander, Mila wollte sich vorstellen, selbst eines dieser Tiere zu sein. Wie es sich anfühlte, von den Strömungen mitgezogen zu werden. Ein Sich-schleifen-Lassen, eine den Winden und Gezeiten ausgesetzte Lässigkeit.

Ihr kaltes Feuer, ihre ausnehmende Eleganz, wenn sie sich in ihrem Element befanden. Ihre Berührungsverführung. Ihr kaltes Brennen. Wäßrige, kalte Glut.

Und später, wenn es sie an den Strand spülte, die Brandung sie umdrehte und zu Haufen zusammenschob, ihre Unansehnlichkeit — das matschig Verflüssigte eines Spätwintertages. Die angetauten Schneereste am Straßenrand, schmutzige Eiskrusten, glasig, zerstampft. Eine schreckenerregende Masse, die rasend schnell dahinschwindet. Zwischenzustände. Nicht mehr ganz von dieser Welt. Jedes Kind versucht, sie anzufassen, herausgefordert von ihrer weichen Uneindeutigkeit. Mila entsann sich noch des Mädchenwunsches, mit dem Gummistiefel in sie hineinzutreten. Eine Berührung zornig zu übertreiben, bis sie in eine fremde Sphäre reicht, bis sie etwas zu erreichen scheint, was sonst unantastbar ist.

Es war beinah windstill. Die Stille. Meine Schwester war von dieser Stille umgeben. Sie war ohne Kopf.

Odilo beobachtete nebenbei, wie ihre Kleidung, ihr Mantel, ihr Schal nach und nach durchweicht wurden, wie erst glitzernde Tröpfchen auf den feinen Flusen schwebten, wie dann eine Verfärbung ins Dunklere stattfand, eine plötzliche Verschiebung in einen anderen Zustand.

Er ahnte nicht das Brennen, das sich in Mila hineinfraß, das sie bis dahin zu vermeiden gewußt hatte, mit langen Handschuhen, mit dem Willen zu erotischer Erkenntnis, einer inneren Distanz.

Sie sahen auf das unermeßliche Meer hinaus, das sie erschauern machte, wie der Regen die Quallen erschauern ließ. Aber sie, die Menschen, leuchteten nicht auf, im Gegenteil schien es ihnen, daß ihnen der Mut sank, daß sie erloschen.

Sie erwachte in der Nacht und fand Odilo nicht neben sich. Sie fand sich noch halb in den Fetzen eines Traums, der an eine lange zurückliegende Fahrt mit einem Ausflugsschiff anknüpfte. Damals, im Urlaub an der Küste, hatten wir unsere Eltern bedrängt, mit diesem Schiff fahren zu dürfen. Das Schiff besitze einen Glasboden, hieß es, und die Betreibergesellschaft warb mit einer Fotomontage, Geheimnisse des Meeresgrundes, auf der eine wundersame Unterwasserwelt zu sehen war, üppige Seeanemonen und Korallen, buntgestreifte Fische, Seesterne und langhaarige Nixen, wobei wir letztere als Reklame abtaten, den Rest aber durchaus erwarteten. Das Schiff legte ab, wir stürmten ins Untergeschoß, das allerdings gewöhnlich wirkte, keineswegs gläsern, und eine Bar enthielt. Schließlich entdeckten wir, umringt von einem Geländer, eine Scheibe im Boden, ein kleines Rechteck bloß, vielleicht von der Länge eines Hütehundes, und durch dieses Rechteck sahen wir den Meeresboden. Sand. Flacher, in leichte Wellen geschobener Sand, Sand und einzelne Steine. Ein paar weiße Muschelschalen in dieser Sandfläche, viel weniger als am Strand, grauer Sand, über dem ein paar Luftblasen trudelten, dann ein zerfetzter, halb eingegrabener Turnschuh, dann wieder bloß Sand. Der Sand entfernte sich, je weiter wir hinausfuhren, er sank immer weiter nach unten, schließlich sahen wir nur noch das Wasser, sonst nichts.

19 Gedächtnispaläste

Die Kronenqualle schwebt unter der Decke des Bibliothekssaales, sie erhellt das Dunkel mit dem unwirklichen Licht eines Tiefseetieres, das dazu gemacht ist, dem Druck mehrerer Tonnen Wasser standzuhalten. Diesen Tonnen seine gallertige Weichheit, seine Angreifbarkeit, seine Beeindruckbarkeit entgegenzusetzen. Ein Tier, das sich wenig bewegt, das der Kälte und Finsternis mit seiner passiven Aggressivität trotzt, dessen Lebensvorgänge in Zeitlupe verlaufen, das selbst den Verlauf der Zeit zu verlangsamen scheint. Diese Lähmung aller Lebensvorgänge hat längst auch uns erfaßt, die wir uns noch ein paar Meter tiefer aufhalten, mit aufgeschlagenen Büchern um ranzige Sessel schlurfen, in dieser Atmosphäre eines immensen Druckes, der in unserem Falle ein psychischer ist. Ich sage uns, als wäre ich unterschiedslos mitbetroffen und geneigt, wie alle anderen ebenso die Last der Historie auf mich zu nehmen und mich mit dieser Last besonders vorsichtig zu bewegen: ohne Schlamm aufzuwühlen, ohne Widerstand. Man befindet sich in einer Art Schockstarre, und die Kunst besteht darin, sich zu bewegen, als bewege man sich nicht. Wir befinden uns in einem Raum der Handlungslosigkeit. Alle Handlungen haben stattgefunden, viele hätten besser nicht stattgefunden, in diesem Raum bleibt nichts mehr zu tun. Nichts, als sich anzupassen. Manchmal kommt es mir so vor, als bestünde unsere Aufgabe darin, den sich rasend beschleunigenden Veränderungen durch unsere apathische Langsamkeit etwas entgegenzusetzen: Hier kann uns nur noch wenig geschehen. Der Druck jener Außenwelt, jener Geschichte wäre zugleich das, was uns birgt.

Der Buchbestand in der Bibliothek ist vernachlässigenswert. Dennoch halten sich die Patienten tagsüber gern hier auf. Die meisten Werke stammen noch aus DDR-Zeiten. Wie der Stahl gehärtet wurde, Urania-Kompendium Technik, solche Sachen. Die Patienten verbeißen sich in diese Lektüren mit einer Art von Erkenntniswut, als könnten sie darin über ihr Schicksal Aufklärung erhalten. Die Saaldecke ist außerordentlich düster. Ausgestaltet mit Muschelornamenten, wie man sie in Seebädern den Touristen auf Spanschachteln verkauft, gibt diese Decke das schattige, kühle Gefühl einer Grotte. Über Jahrhunderte haben hier Kerzen gebrannt, Kaminfeuer gelodert, der Ruß von Jahrhunderten ist an die Decke gestiegen und hat sich dort festgesetzt. Die Muschelschalen mit ihren feinen Rillen, die Kalkgehäuse der Wasserschnecken sind schwer zu reinigen, die Decke blieb schwarz.

Ein Ofenschirm ist noch vorhanden. Im Sommer steht er vor der Kaminöffnung und schirmt den Heizkörper, den man am Platz der Feuerstelle installiert hat, vor empfindlichen Blicken ab. Im Winter, wenn die Heizung läuft, wird er abgerückt, und die Patienten benutzen ihn als spanische Wand. Sie bauen ihn zwischen zwei Sesseln auf, um sich eine Lesekabine oder eine Kreuzworträtselkabine zu schaffen, ein Stück Privatheit im Aufenthaltsraum.

Ab und zu fällt eine Muschel auf ein Buch. Ein Schneckengehäuse löst sich aus dem Gips und sinkt zu Boden. Am Grund geht die Strömung kaum merklich. Oben ist sie stärker, sie wiegt den Leuchter im Sog der vergehenden Zeit, in der Strömung der Baltischen See. Frisches Haff, Skagerrak, Winde Kareliens — der Leuchter bleibt von der Hitze und Kälte vergangener Jahre durchdrungen, vom Jetzigen, Unveränderten träge umspült.

Gewohnheiten, die immer gleich sind. Der alte Schloßherr durch die Räume schlurfend, mit immer reduzierteren Bewegungen, dann hängt er unter den Ahnenporträts, nur noch leicht schaukelnd, wenn jemand das Bild anstößt. Auf langen Tafeln erscheinen Speisen und verschwinden, sie tauchen in Wellen auf, treiben einen Moment auf der Oberfläche und versinken in der Tiefe. Aus dem Rokokokochbuch: Graue Erbsen, Leipziger Lerchen, Hirschterrine in Cognac. Karamelisierter Rehrücken in Bordeauxwein-Gewürzsauce. Dreierlei Essen von einem Fisch. Wildschweinterrine mit Steinpilzen. Ein Schaugericht: Schwanenpastete im schneeweißen Federkleid. Weitere Schaugerichte: Embleme aus gefärbtem Zuckerwerk. Man bewundert den kunstvollen Bau, alles aus Zucker. Man ißt nicht von diesem Zuckerwerk, denn die Farbenpracht verdankt sich giftigen Pigmenten. Das Schweinfurter Grün enthält Arsen, das Neapelgelb Blei, mit dem Kobaltblau äße man Kobalt, im zinnoberroten Zucker das Quecksilber mit. Man verzehrt statt dessen Geleefrüchte, kandierte Früchte, nimmt von der Pfirsichpyramide. Trinkt Schokolade mit Ambra, Zimt und Jasmin.

Seidenraupen fressen draußen, in der neuen Plantage, die Blätter der Maulbeerbäume. Die Bevölkerung pachtet Parzellen für Kohl, für Erdäpfel, Mohn, gelbe Rüben und Hanf.

Tapetenmotten fressen den Leim, der die Seidentapeten an den Wänden hält. Sie fressen Löcher in die Seide, fressen den Ziervögeln mit den geschweiften Schwanzfedern Löcher ins Gefieder.

Bilder werden ausgetauscht, die Spiegel erblinden, Muscheln fallen ab, die Möbel verlieren ihren Glanz. 1945 sind Häuser, Ställe und Betriebe zerstört, die Felder vermint. Nach der Enteignung lagert die LPG die Erträge im Schloß. Der Kronleuchter sieht auf einen Getreidespeicher hinab, dann auf eine Düngemittellagerstätte im Schmuck des märkischen Spätbarocks. Was gegessen wird im Laufe der neuen Zeit, braucht Platz.

Die Schlösser der neuen Bundesländer dürfen als Gedächtnispaläste nach dem Vorbild antiker Memorierkunst gelten. Die Technik des Erinnerns einer Rede beruht darauf, daß man seine ausgearbeiteten Argumente in verschiedenen Zimmern eines imaginären Anwesens abgelegt hat, hinter der Bodenvase im Eingangsbereich, auf dem Vertiko, unter der Supraporte. Diese Argumente können beim Durchwandern des Palastes wieder eingesammelt werden. Man durchschreitet die Räumlichkeiten in der naheliegenden Abfolge und greift schön der Reihe nach auf, was vorzutragen ist. Entsprechend positioniert man seine Einleitung an der Pforte, die Darlegung der Thematik im Treppenhaus, im Empfangszimmer: Argument eins.

Das Argument für die mystische Jagd entdecken wir im Jagdzimmer wieder. Jemand hat es dort vergessen, es gehört nicht uns, zumindest ist es nicht von uns erdacht. Ein elektrifizierter Deckenleuchter aus Geweihteilen illuminiert die herrschaftlichen Parkbäume, die innen noch einmal an die Wand gemalt sind, als fände die Jagd direkt im Schloß statt, von einem Saal in den nächsten. Ein Keiler, sehr borstig dargestellt, flüchtet zwischen die Stämme, regelmäßige Stämme, die die Verhaktheit des Leuchters durch Ruhe und Ordnung ausgleichen.

Draußen kauen Pferde auf ihrem Gebiß. Sie werfen den Kopf auf, das Zaumzeug klirrt. Rufe der Stallburschen, Hufgetrappel, Geschichte Preußens als Klangkunst und Zorn. Draußen das mit dem Kronleuchter konkurrierende Licht.

Es bleiben Hirschteppiche, auf denen drei Hirsche an die Möglichkeit königlicher Haltung erinnern, und wer das Jagdzimmer betritt, richtet sich auf, hebt den Kopf, strafft die Brust.

Das Gegenargument drängt sich uns im Kaminzimmer auf. Räudige Tapeten in Dauerbrunft. Verschlungene Ornamente ahmen ineinander verkeilte Geweihe nach und verleihen dem ganzen Raum etwas Ausgestopftes; halb als säße man in einem ausgestopften Tier, halb als sei man selber ausgestopft im Verein mit den Sesseln und der Schrankwand, den ausgestopften Topfpflanzen, einem Tisch, dessen Platte sich mittels einer Kurbel in die Höhe schrauben läßt. Das Personal hat hier Aufenthalt genommen, stellt nachmittags Kaffeetassen auf und dreht die Kurbel, läßt die Platte steigen.

Spiegelsaal: Argumente für Welterschaffungsprojekte. Uniformteile, die in den Spiegeln auftauchen, feierlich und goldbesetzt. Orden und Tressen auf Menschenhälften, auf abgeschnittenen Körpern bewegen sich durch einen silbrigen Raum. Der Ort muß, damit es spannend bleibt, unbetretbar sein. Muß uns hinhalten mit seiner immer gleichen Äußerlichkeit, seiner unberührbaren Tiefe, deren Vorzüge wir nicht akzeptieren wollen. Ein Ort von erhöhter Brisanz. Kein Ort, eine Fläche. Die dann Falten wirft, Gegenstände entfaltet, abwegige Rationalisierungen nachvollzieht, den barocken Falten des Denkens folgt. Wir driften vorsichtig in eine Richtung, verräumlichte Stoffbahnen, fort ins Unendliche. Vorhänge werden auf- und zugezogen. Tischtücher ausgebreitet, beschmutzt, gewaschen, zusammengelegt und in den Schrank geräumt. Kleiderstoffe häufen sich auf den Stühlen, hängen seitlich von den Sitzen herab, legen sich als Hussen über das Möbelstück. Servietten behalten die eingebügelten Knicke.

Patientenfragmente erscheinen während der Mahlzeiten, ein um das Stuhlbein geklammerter Schenkel, eine Hand, die immer dieselbe Bewegung ausführt, Puzzleteile. Spiegelsaal der Seele: Darauf beruhen die Störungsbilder der Patienten, auf dem Trumpf eines inneren Abgrunds, Triumph des Traums.

Regeln der Gegenwart: Im Alter von 22 bis 28 Jahren findet nach den Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie die Integration in die Gesellschaft statt. Dies geschieht durch Partnerwahl und die Aufnahme einer Berufstätigkeit.

Ich bin jetzt 32 Jahre alt. Meine Integration in die Gesellschaft kann durch die Aufnahme einer Berufstätigkeit als erfolgt gelten, allerdings steht die Partnerwahl noch aus. Muß deshalb, frage ich mich, mein Verhältnis zu den Patienten als eine Ersatzliebe gelten? Als eine verzweifelte, düstere, deutlich herabgedimmte Liebe, die nach allen Regeln der Entwicklungspsychologie letztlich ungültig ist? Kann meine Situation im Schloß, frage ich mich außerdem, als normaler Lebenslauf gelten, da es ohne die Wende niemals dazu gekommen wäre? Die Wende hat stattgefunden. Orte haben sich verschoben, Biographien sind gebrochen. Jetzt ist es unsere Aufgabe, diese Einrichtung nach den Maßstäben der bundesdeutschen Psychiatrie neu aufzubauen.

Irrenarzt, war es meinem Vater herausgerutscht. Ein unpassendes Wort, der Erregung des Augenblicks geschuldet, aber es war ausgesprochen, und dabei blieb es. Warum tust du uns das an, hatte er gefragt, warum nicht wenigstens dies oder das, etwas Anständiges.

Irrenarzt, hatte mein Vater in einem unbeherrschten Moment am Frühstückstisch gesagt, Irrenarzt in einer Schloßruine!

Mit meiner Berufswahl bin ich aus der Familie ausgeschert. Arzt hätten sie ohne weiteres gelten gelassen, aber mit Irrenarzt überschritt ich zweifellos eine Grenze ins Ungehörige, Liederliche und Verruchte. In unserer Familie galt die Furcht vor Übertragung. Wer mit problembeladenen Personen Umgang pflegte, zog diese Probleme unweigerlich auch auf sich selbst, und in dieser Logik konnte die vielbeschworene christliche Nächstenliebe nur darin bestehen, durch Materialspenden die Probleme aus der Welt und für sich selbst Abstand zu schaffen. Leute, die nicht zurechtkamen, packten nach Ansicht der Familie das Leben falsch an, sie gaben sich nicht hinreichend Mühe und beharrten auf einer fragwürdigen Unangepaßtheit, es waren Leute, deren Problem darauf zurückzuführen war, daß sie sich an der entscheidenden Stelle den gesellschaftlichen Pflichten verweigerten. Neben dieser Ansteckungsangst, die einen sozialen Beruf im Grunde indiskutabel machte, bestand ein ausgesprochener Widerwillen gegen Fragen der Seelenkunde. Psychologie durfte es nach Ansicht der Familie nicht geben, psychische Krankheiten wurden nicht gelten gelassen. Im Zweifelsfall helfe Arbeit, zweitens Heirat, drittens das Gebet. Alles andere ein egoistisches Querschießen, ein sich Hineinsteigern ins Negative, eine Mischung aus Faulheit, Grübeln, Wirklichkeitsferne, selbstbezogen, verantwortungslos. Meiner Mutter gefiel nicht, daß in jeder psychologischen Studie die Schuld bei der Mutter gesucht wurde, meinem Vater gefiel nicht, daß man seine Zeit damit verschwendete, Innenschau zu betreiben, während es in der äußeren Welt genug anzupacken gab.

Und wenn ich mich unbedingt durchsetzen müsse: dann doch wenigstens eine Stelle in der Nähe, nicht im Osten.

Unsere Großeltern, die aus dem Osten stammten, waren im Räderwerk des Krieges zermahlen worden. Isidor Janich, mein Großvater, war von Beruf Hilfslehrer in der Volksschule. Er wohnte nicht wie der Hauptlehrer im Schulhaus, sondern betrieb am Rande der Ansiedlung noch eine kleine Landwirtschaft. Er hielt eine Kuh, besaß einen Acker, auch eine Wiese, auf der sein Sohn Johannes die Gänse hütete. Sidonia, Isidors Tochter, hielt sich vom Bäuerlichen, so sie konnte, fern. Sie neigte, hieß es, der höheren Bildung zu.

Isidor betreute zu dieser Zeit nicht nur seine Schule, sondern unterrichtete im täglichen Wechsel auch im Nachbarort, wo längst kein Lehrer mehr war. Vielleicht wollte er die Schüler nicht im Stich lassen. Vielleicht konnte er es auch einfach nicht glauben. Er bereitete sich zu spät auf die Flucht vor. Soldaten erschlugen Isidor Janich im eigenen Haus. Seine Frau Katharina und Tochter Sidonia nahmen sie mit. Johannes überließ man sich selbst. Er zerrte eine Decke unter die Küchenbank und verbrachte dort die Nacht, das Gesicht zur Unterseite der Sitzfläche gerichtet. Katharina wurde am nächsten Tag im Graben aufgefunden. Sidonia ließ man am Leben.

Die Kinder begruben ihre Eltern, so gut sie es konnten, im Garten. Sie zogen ins Schulgebäude, hausten mit den anderen Überlebenden aus der Nachbarschaft im Klassenzimmer. Nach zwei Wochen kehrten sie in ihr Elternhaus zurück. Die Gänse waren in ihrem Schuppen verbrannt, die Kuh verschleppt. Zwei alte Frauen hatten sich in das Haus geflüchtet und im Kartoffelkeller verbarrikadiert. Mit diesen beiden Frauen lebten sie über ein Jahr. Sidonia las nichts mehr, sie pflückte Huflattich und Sauerampfer, kochte Brennesseln. Johannes ging betteln. Schließlich wurden die Geschwister ausgewiesen, zu Verwandten ins zerbombte Köln geschickt.

Theorie der Zeit

Was vergeht? Die Zeit? Wer vergeht? Die Zeit existiert nicht. Wir stellen sie her, indem wir versuchen, uns zu erinnern. Indem wir einen Duft aufnehmen, einen Klang, eine vage Empfindung, und daraus eine Vergangenheit konstruieren, die stattgefunden haben könnte, stattgefunden hat, und jetzt nur mehr eine Atmosphäre ist, die uns durchdringt.

Wir leben in der Illusion von Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Zwar haben wir Anhaltspunkte, daß es sich anders verhält, daß die Planeten um die Sonne kreisen, aber im Alltag bleiben wir dabei: Es wird Tag, wir erwachen, die Sonne geht auf.

Nun kreist die Sonne auf ihrer scheinbaren Bahn und bestimmt uns die Stunden. Wir beobachten ihre großen Bögen, Ornamentik des Raums, die den Nebel vertreibt.

Von nun an gilt: Nichts wiederholt sich. Der lineare, der zielfixierte, nicht umkehrbare Zynismus der Zeit macht Dinge mit uns, die wir nicht wollten. Zeugt Vorher und Nachher. Schickt uns das Licht längst erloschener Sterne. Richtet die Sehnsucht auf die Zukunft aus. Es heißt, die Zeit heilt alle Wunden, aber das Gegenteil ist der Fall.

Wir erfinden die Zeit, und dann läßt sie uns sterben.

Argumente der gräflichen Schlafgemächer: Insgesamt hat sich der Raum seit der sogenannten Wende wieder ausgedehnt. Die Grenzen, auch die psychischen, öffnen sich, der Zeit, auch der seelischen, wird eine größere Tiefe zugestanden, die Erinnerung tritt nicht mehr auf der Stelle. Man darf von einem Traum in den anderen gleiten, Erinnerung und Erfindung ohne schlechtes Gewissen vermischen; das Gegenwärtige nimmt zu, die Leere nimmt ab.

Unbegründete und auch scheinbar begründete Ängste werden durch das Freundliche, Helle, Nette der Inneneinrichtung, also durch lichte Möblierung und pastellene Raumgestaltung, kompensiert, beschwichtigt oder im Keim erstickt. Wir sind noch nicht soweit.

Statt dessen ist jeder Winkel im Schloß ausgemalt, mit düsteren Bildern verhängt, mit majestätischen Tapeten zugekleistert. Überall Götter und Putten, überall Schwere und Stuck. Nur hier und da, wo der Putz fehlt, sind Teile der Geschichte herausgebrochen, ist die Erinnerung verwischt vor Wut.

Nebel im Schloß. Die Küche füllt sich schon morgens mit Schwaden. Das Deckengemälde, das eine rosige Wolkenschicht darstellt, schwebt über dem Dampf und ist angegriffen von ständiger Feuchtigkeit. Dicke Engelchen blicken durch Schleier herab, darunter erwärmt sich der Konvektomat, in den die Küchenhilfen Bleche mit tiefgefrorenen Kroketten und tiefgefrorenem Cordon bleu schieben, darunter schneiden sie Gemüse und verrücken die Töpfe, darunter das Wischen und Spülen, das Hantieren der Putzfrauen mit den Schrubbern, ihre gebeugten Rücken, ihre unentwegten Reinigungsversuche gegen den nie sich vermindernden Dunst.

Argumente der Korridore: Ich träume, daß ich mit dem Patientenfernseher vor der Brust durch die Gänge laufe. Aus apotropäischen Gründen habe ich mir das Gerät vor die Brust geschnürt, mit dem Bildschirm nach außen. Wir sind hier im Grunde mit Dämonenabwehr befaßt.

Argumente des Kellers: Die neuen Bundesländer bringen ein zusätzliches Unbewußtes in das kollektive Unbewußte ein, mit dem niemand gerechnet hat und das niemand zu handhaben versteht.

Der betonierte Innenhof, unter dem noch das alte Kopfsteinpflaster liegt: Noch vor wenigen Monaten ging gelegentlich eine Erschütterung durch die verwitterten Statuen, die von den Detonationen auf dem Truppenübungsplatz stammte. Jetzt passiert nichts mehr, es ist die Stille nach dem Schuß. In der Mark Brandenburg findet die 50. Bombenentschärfung nach der Wende statt.

Ich drehe weißbekittelt meine Runde. Die Last der Historie drückt auf die Räume. Im Raum reagiert man mit Schlaf; einem Schlaf, der übergeht in den hundertjährigen Schlaf der Mauern, der verwachsenen Hecken, der Eiben im Park.

Et ipsi tamquam lapides vivi, und auch ihr, als die lebendigen Steine, superaedificamini domus spiritalis, bauet euch zum geistlichen Hause, offerre spiritales hostias, zu opfern geistliche Opfer, acceptabiles Deo, die Gott angenehm sind.

Die Schlafenden. Im Lazarett. Der schlafende Graf in seinem Rahmen. In den Schlafkammern das schlafende Getreide. Ruhendes Laborgerät. Eine Röhrenlampe bescheint gestreifte Liegen mit leicht erhöhtem Kopfteil. Die schlafenden Patienten: ihre Finger in die Bettdecke gekrallt, ans Kissen geklammert, Finger, die im Schlaf an die eigene Wange greifen wie an eine Brust, Finger, in denen nachts die Effekte der Tage nachzucken, einer Gegenwart, dürftig zusammengemischt aus Überraschung und Überdruß.

Deponentes igitur omnem malitiam et omnem dolum, so leget nun ab alle Bosheit und allen Betrug, et simulationes, und Heuchelei, et invidias, Neid, und alles Afterreden, et omnes detractiones.

Die Schlafenden. Ihre Erschöpfung, die als warme Luft hinauf ins Weltall steigt. Die Schlafenden. Ihre ängstliche, bittstellerische, zusammengezurrte Körperhaltung, ihre Dauerbetäubung, ihr Tiefseegefühl.

Die Schlafenden: sind nicht schuldfähig, wie die Kinder.

Und immer noch geschieht es mir, daß ich in meinem alten Kinderzimmer aufwache, daß unten meine Eltern am Frühstückstisch sitzen, nichts sich verändert hat.

Quasi modo geniti infantes, halleluja, wie die gerade geborenen Kinder, rationabile, sine dolo lac concupiscite, seid begierig nach der Milch der Vernunft und der Lauterkeit, Halleluja, und erinnert euch an die neue Geburt, die wir durch Wasser und Geist erfahren, durch den ewigen Wellenschlag der Wahrheit, durch die frei wehende, brausende, dahinstürmende Güte, die sprühende Gischt des Schönen.

20 Sonnenstein

Beim Sonnenstein handelt es sich um einen Kalkspat mit der besonderen Eigenschaft der Doppelbrechung, die es den Wikingern ermöglichte, auch bei bedecktem Himmel nach dem Sonnenstand zu navigieren. Der Sonnenstein hat nahezu rechteckige Form, er ist klar wie Bergkristall, in seinem Prisma bricht sich das Licht in zwei Bahnen. Wird der Stein so gedreht, daß die beiden Bahnen in ihrer Helligkeit übereinstimmen, zeigt er in Richtung der hinter Wolken verborgenen Sonne.

Es war ein Tag Anfang Juni 1946, drei Wochen vor seinem Namenstag, als Johannes Janich, sechs Jahre alt, an der Hand seiner Schwester die Heimat verließ. Er stand mit Sidonia vor der Gastwirtschaft im Dorf und trug einen kleinen Rucksack auf dem Rücken, darin ein Unterhemd, ein Hemd, ein Paar Strümpfe, ein Stofftaschentuch. Ein Pferdewagen fuhr vor, sie bestiegen die Ladefläche und wurden zum zehn Kilometer entfernten Bahnhof gefahren. Erwachsene liefen die Strecke zu Fuß. Die Geschwister reisten unbegleitet.

Mit anderen Ausgewiesenen pferchte man sie in Viehwaggons, sie ratterten drei Tage quer durchs Land, und was bisher ein Ort, die Heimat, gewesen war, löste sich im wirren Umherfahren, Rangieren, Abkoppeln, Ankoppeln auf.

Durch die Ritzen im Waggon spähte Johannes hinaus auf die Felder, die rot überflammt waren von Mohn. Ein feuriges Rot wie das kommunistische Rot, das sich jetzt über diesen Landstrich legte und vor dem sie flohen, ein Rot wie das Kardinalsrot, dem sie in den Westen nachzogen, das katholische Klatschmohnrot des gnädigen Vergessens.

Durch die Ritzen im Waggon pfiff der Wind. Johannes, vom Hunger geschwächt, erkältete sich sofort. Er saß auf dem Boden, lehnte die Wange an sein zerknülltes Taschentuch, hielt sich an der Hand seiner Schwester fest.

Ritzen im Waggon, die hell und wieder dunkel wurden, Tage und Nächte. Tag um Tag flohen Bahnschwellen unter ihnen weg, die winzigen Maßeinheiten eines Zeitstrahls, zu schnell vorüber, als daß sie zu einer deutlichen Vorstellung hätten werden können. Tag um Tag blieb die Landschaft zurück, fielen Landschaftsbilder in eins; drei Tage, die den Kindern wie drei Wochen schienen, drei Wochen wie ein Block, der sich plötzlich zu einer Anhöhe aufwarf, zu einem Hochplateau über der Stadt. Auf der Felsterrasse, die zum Fluß Elbe steil abfiel, thronte Schloß Sonnenstein.

Beim architektonischen Komplex Sonnenstein handelte es sich um die Gebäude der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt. Zu Seiten der Festung lagen Villen in Parkanlagen verstreut, durch die ehemals weißbekittelte Pfleger zogen, Schwestern in hochgeschlossenem schwarzen Ornat, mit dem Schürzenlatz über der Brust, der reinweißen Schleife im Rücken, der Haube im straff gescheitelten Haar. Schwestern, die zügigen Schritts ihren Aufgaben nachkamen, weiße Flecken, die zwischen Bäumen und Buschwerk auftauchten, dann verschluckt wurden vom Schatten, vom Licht. Weiße Flecken, vom Rhododendron aufgesogen, vom Rasen wieder ausgespien, sie unterhielten das progressivste Institut im ganzen Land. Patienten in Anstaltskleidung hackten gruppenweise verwilderte Beete. Sie zogen Furchen in den Ackergrund, führten Malerarbeiten in den Zimmern aus, sie flochten Körbe, halfen in der Küche: Die Anstalt Sonnenstein verschrieb sich der Humanität. Man sah von Zwangsmaßnahmen wie der Isolierung in Käfigen weitgehend ab, führte Beschäftigungstherapie ein, man nutzte das Badewesen zu Heilzwecken. Sturzbad. Kaltbad. Kopfbad. Unruhigen Patienten, die in anderen Einrichtungen fixiert worden wären, bereitete man ein Dauerbad mit Körpertemperatur. Die Kranken wurden so lange gebadet, bis ausreichende Beruhigung, bis Schlaf eintrat.

Als bekanntester Patient der Anstalt darf wohl der Senatspräsident Schreber gelten. Im Hinblick auf seine geistige Verfassung und in Anbetracht seiner Herkunft aus der gehobenen Klasse traktierte man ihn nicht mit Gartenarbeit. Er beschäftigte sich selbst, frönte dem Klavierspiel, zog sich meistenteils in seine Räume zurück.

Schreber glaubte sich durch seine Nervenenden mit Gott verbunden und war im Begriff, sich mittels einer durch seine Nervenbahnen gesendeten Kraft in ein Weib zu verwandeln. Da seine eigene Frau sich nach einer Reihe von Fehlgeburten als untauglich erwiesen hatte, die Nachkommenschaft der Familie zu sichern, sah Schreber sich gezwungen, diese Aufgabe selbst zu übernehmen, sich von Gottes Strahlen befruchten zu lassen und der Welt ein neues Menschengeschlecht zu schenken. Ein solches Geschlecht zu gewährleisten, hielt er für um so nötiger, als er die Realität der bis dahin vorhandenen Welt und die Echtheit der Menschen, mit denen er umging, in Zweifel zog. Sah er sich doch umgeben von schlecht ausgedachten Männern, nämlich seinen Ärzten, seinen Wärtern, dem Pflegepersonal.

Schreber betrieb eine Art negativen Sonnenkult. Er sah sich von der Sonne, die Gott vorgelagert war und mit menschlicher Stimme zu ihm sprach, sowohl auserwählt als auch verfolgt. Es war ihm ein Anliegen, vor dem Sonnenschein, der in sein Zimmer drang, unauffällig auszuweichen. Er begab sich an die jeweils verschattete Wand, aber die Sonne änderte ihren Lauf, kam von unmöglicher Seite, stürzte sich noch in der dunkelsten Ecke auf ihn.

Schreber wurde trotz modernster Methoden nicht geheilt. Sein Wahnsystem existierte parallel zu den angenehmen Umgangsformen, den guten Manieren, dem brillanten Verstand des Senatspräsidenten, und schließlich wurde dieser als geschäftsfähig entlassen, das Projekt des neuen Menschen vorläufig verschoben, einer ungewissen Zukunft anvertraut.

Beim architektonischen Komplex Sonnenstein handelte es sich um die Gebäude der ehemaligen Vernichtungsanstalt, die ihre Arbeit zu dem Zeitpunkt aufnahm, da die Heilanstalt geschlossen wurde.

In den Räumen des Paralytikerhauses richtete der Direktor erste Gaskammern ein. Patienten, deren Krankheit einen chronischen Verlauf nahm, wurden aus der aufgelösten Heilanstalt nicht entlassen, sondern direkt den Gaskammern zugeführt. Dort starben in den Jahren 1940 und 1941 etwa 15 000 Menschen. Geisteskranke und Behinderte, mißgebildete und mongoloide Kinder, auch Soldaten, die aufgrund ihres Kriegseinsatzes an einem Nervenleiden erkrankten, konnten ihres Lebens nicht mehr sicher sein.

Sowohl der Direktor als auch das Prinzip der Vergasung wanderten nach zwei Jahren in die Konzentrationslager ab. Während man erste KZ-Häftlinge zunächst auf dem Sonnenstein ermordet hatte, wurden die Gaskammern, die hier erprobt worden waren, in großem Stil dann andernorts nachgebaut.

Der Leiter des Sonnensteins führte später im Konzentrationslager Auschwitz medizinische Experimente durch. Er sterilisierte Frauen und Männer mit Röntgenstrahlen, doch die Versuche mißlangen. Die Behandelten erlitten schwere Verbrennungen, die Organe entzündeten sich, viele starben qualvoll an den Folgen. Strahlen, von denen sich Schreber noch befruchtet wähnte, erwiesen sich nicht als geeignetes Mittel für Unfruchtbarkeit.

Es gibt Orte, an denen sich nur Unglückliche einfinden. Orte, an denen sich das Unglück festgesetzt hat, Orte, die es auf alle übertragen, die sich dort aufhalten.

Der architektonische Komplex Sonnenstein diente nach dem Ende der Krankenmorde als Reichsverwaltungsschule und Reservelazarett. Wenn wir davon ausgehen, daß auch die Zöglinge der Reichsverwaltungsschule unter psychischen Deformationen litten, wenn wir bereit sind, auch diese Deformationen als Verwundungen zu betrachten, so kann zusammenfassend gesagt werden, daß der Sonnenstein immer ein Ort der Versehrten war. Ein Ort, an dem sich das Grauen jener Gesellschaft kristallisierte.

Beim architektonischen Komplex Sonnenstein handelte es sich um Gebäude, die die Rote Armee als Truppenunterkunft genutzt und nach ihrer Befreiungsarbeit weitgehend zerstört hatte. War es ihnen mit dieser Zerstörung gelungen, den Fluch aus den Mauern zu vertreiben?

Elektrische Leitungen waren gekappt, Lampen von der Wand gerissen, Möbel verfeuert. Türen fehlten, Wasserrohre waren gebrochen. Hunderte Fensterscheiben mußten neu eingezogen werden, die Heizung erneuert, die Sanitäranlagen wiederhergestellt.

Hierher kamen Johannes und Sidonia Janich als Kriegswaisen. Vom Übernahmepunkt am Bahnhof brachte man sie hierher, ins Auffanglager.

Beim architektonischen Komplex Sonnenstein handelte es sich jetzt um eine Durchgangsstation für die Vertriebenen, eine Sammelstelle für menschliches Strandgut, um einen Umschlagspunkt für Umsiedler.

Am Bahnhofsvorplatz hatte man provisorische Toilettenanlagen errichtet und schon dort eine erste Desinfektion vorgenommen. Die Neuankömmlinge erhielten ein Stück Brot vom Roten Kreuz, das sie sofort aßen. Dann bewegte sich die Menschenmenge den Berg hinauf zu den Unterkünften: großzügige und solide Nebengebäude des Schlosses, vor denen es einstmals gepflegte Rasenflächen gegeben haben mußte, Rasenflächen, die jetzt von den durchreisenden Massen so zertrampelt waren, daß kein Halm mehr wuchs. Nur juniheller Staub, der sich auf die Schuhe legte, sofern man noch Schuhe besaß.

Die Geschwister wurden in eine düstere Halle im Erdgeschoß geführt. Obwohl es Sommer war, herrschte in dieser Halle eine höhlenhafte Kälte. Sie wurden aufgefordert, ihre Kleider abzulegen, sich splitternackt auf ein Brett zu stellen. Jemand sprühte ihre Haare mit einer weißlichen Flüssigkeit ein, hieß sie so lange stehenzubleiben, bis die Masse eingetrocknet war. Sie standen barfuß auf dem Brett, krümmten die Zehen. Dunkel atmende Statuen, die nicht wagten, sich zu rühren. Magere Kinder mit vorstehendem Brustkorb, die zitternd mit den Wänden verschmolzen. Vorpubertäre Kinder mit schneeweißem Haar.

Dann führte man sie in die Waschräume, ließ sie sich waschen. Auf dem Umsiedlerpaß wurde der Name Janich, Johannes eingetragen und auf der Gesundheitsbescheinigung die erste Entlausung vermerkt. Er wurde gegen Typhus und Paratyphus geimpft. Er bekam eine Essenskarte für die 27. Kalenderwoche, in der schon zweimal Essen durchgestrichen war, weil man am Tag seiner Ankunft den Dienstag schrieb, und er bekam einen Schlafplatz. Damit begann die zweiwöchige Quarantäne.

Er stand unter freiem Himmel in der Schlange an der Essensausgabe, eine Frau überstempelte auf seiner Essenskarte das maschinengetippte Wort Essen, sie machte es mit violetter Stempelfarbe unkenntlich. Eine andere füllte ihm mit triefender Kelle einen Napf voll Haferschleim. Er nahm den Suppennapf entgegen und balancierte ihn zu den Tischen. Er blickte in die trübe Flüssigkeit, Spreu vor verhangenem Himmel, er blickte noch einmal hinein, eine Suppe, in der die Sonne schwamm. Wieder und wieder holte er Suppe, wäßrig und mehlig, wie vorverdaut. Mal trieben Spelzen in ihr, mal schwarzes Geäst aus dem Park, meist aber, wie ein blendendes Spiegelei, das Zentralgestirn.

Sidonia war in der Lagerküche beschäftigt, sie half beim Kartoffelschälen. Hier und da gelang es ihr, heimlich ein paar Kartoffeln, ein zusätzliches Stück Brot für ihren Bruder abzuzweigen. Aber dem Bruder ging es nicht gut, er aß nichts mehr.

Johannes erkrankte schwer. Er hatte sich eine Lungenentzündung zugezogen und kam ins Lazarett. Er wurde isoliert; seine Schwester durfte nicht mehr zu ihm. Sein Zustand verschlechterte sich. Er delirierte.

Sein wiederkehrender Alptraum, in welchem er auf Strümpfen einen düsteren Keller durchquert: Der Boden ist naß, voller Schmutz und Pfützen, und seine Strümpfe saugen das Wasser auf und werden dunkler, in den Füßen zieht die Kälte hoch, die aus den zerbrochenen Fliesen steigt, und ihm kommt es vor, als vermische sich sein Körper auf diese Weise mit der heruntergekommenen Materie, er wird Wasser, er wird Fliese, er wird Schutt.

Einflüsse des Schlosses: Im Wachzustand war die Ausstrahlung dieses Ortes noch stärker zu spüren. Die Etappen der Geschichte stiegen aus dem Gemäuer, drangen in ihn ein. Er war empfindlich geworden. Strahlen tasteten ihn ab, griffen ihn an, ihre Berührung schmerzte.

Man hatte ihn von seinem Strohsack im Gemeinschaftsschlafsaal geholt und in ein Gitterbett gelegt. Wenn er wach war, fuhren seine Hände unruhig herum, pflückte er Flusen von seiner Wolldecke ab. Am späten Vormittag erreichte die Sonne sein Bett und zerschnitt die Wolldecke in einen hellen und einen dunkleren Teil. Er fürchtete, daß auch er durchgeschnitten würde, daß er sich wie ein Regenwurm verdoppeln müßte.

Mittags sah er zwei Sonnen auf einmal am Himmel stehen und wußte nicht, welche die echte war. Abends verschwanden die Sonnen eine nach der andern im Schacht. Johannes schlief inmitten von Zeitstrahlen, schlief wie Schreber den Strahlenschlaf, die Sonne des Sonnensteins kam von allen Seiten. Tagsüber sah er die Menschen, die ihn versorgten, von einer Strahlenkrone umspielt.

Ein endloser, ein auf einen Punkt zusammengeschnurrter Sommer, der für Johannes darin bestand, durch sein Fenster hinaus auf die Sonne zu starren, die Sonne: ein haariges Spinnentier, das über den Himmel kroch.

Ein heimatloser, ein unheimlicher Sommer, der für Sidonia darin bestand, Kartoffeln zu schälen und aus den Fenstern der Schloßküche hinab auf den Fluß zu blicken, auf die Elbe kurz vor Dresden, die Elbe ein Stück hinter Böhmen, auf den Fluß zu blicken, zuzusehen, wie die Zeit verstrich.

Als die Kinder verlegt wurden, frei von ansteckenden Krankheiten, verpflegt bis einschließlich, dreimal entlaust, war Johannes Janich nicht marschfähig. Sidonia befand sich bereits am Sammelpunkt, die Essenskarten waren durchgehend abgestempelt, die Quarantänebescheinigungen vollständig ausgefüllt. Die andern drängelten, kramten in ihrem dürftigen Gepäck, nur ihr Bruder Johannes fehlte. Ihr wurde klar, daß er verlorengehen würde, wenn sie ihn allein ließ. Sie löste sich aus der Formation, rannte zurück.

Wir wissen, daß Johannes Janich nach einem kurzen Sommer weitertransportiert wurde, noch immer fiebernd, auf einem offenen Lastwagen liegend, wissen, daß Sidonia ihn in letzter Minute von der Krankenstation holte, ihn anzog und mitnahm in die Baracken des nächsten Lagers, wo der restliche Sommer verrann und der Herbst zerrieselte, Name, geboren, bisheriger Wohnort, wo der Herbst zerfiel in Ausweise und Kleiderlisten, 1 Paar Schuhe, 1 Anzug, 1 Paar Handschuhe, 1 Hemd, wo der Herbst verging, bis sie kurz vor Weihnachten das Rheinland erreichten.

Johannes Janich wuchs bei entfernten Verwandten auf, er wurde Berufsschullehrer mit den Fächern Technik und Mathematik, er heiratete Hiltrud Wagner, eine rheinische Frohnatur von praktischer, zupackender Frömmigkeit, die er Trudchen nannte, er baute sich ein Haus im Vorgebirge, legte einen Garten mit Obstbäumen und Gemüsebeeten an, er besuchte jedes Wochenende seine Schwester, die als Haushälterin eines geistlichen Herrn in Köln lebte, er zeugte zwei Kinder, Mila und mich.

Auch der Name meiner Schwester hängt mit dem Sonnenstein zusammen. Schwester Mila, so hieß die Krankenschwester, der unser Vater seine Genesung, also sein Leben verdankt. Sie nahm ihn auf dem Höhepunkt seiner Krankheit in ihre Privatwohnung auf. Zog die Vorhänge zu. Wachte über ihn in den Nächten, in denen er fieberte, wischte ihm den Schweiß ab, flößte ihm Tee ein, machte ihm Wadenwickel. Blieb bei ihm in der entscheidenden Nacht, die er überstehen mußte. Blieb bei ihm, als er mit dem Tod rang, den er in dieser, der schlimmsten Nacht, dank ihrer Hilfe, Pflege und Fürsorge schließlich besiegte. Sie kam aus dem Sudetenland: Mila, die Liebe. Mit dieser Namensgebung setzte sich unser Vater über den katholischen Heiligenkalender hinweg. Sonst hätte meine Schwester, wie ich, einen altmodischeren Namen tragen müssen, Elisabeth, oder Barbara, oder, passend zu Altfried, vielleicht Friederike.

Meiner Schwester ist mit diesem Namen eine geheime Sehnsucht nach Osteuropa in die Wiege gelegt worden, eine Neigung, die ich nicht teile.

Ich kann dem Osten Europas nichts abgewinnen. Aber ich konkurriere mit Mila um den Sonnenstein. Durch ihre Namensbindung ist sie natürlich im Vorteil. Jedoch legt meine gegenwärtige Position als Arzt einer Heilanstalt, und diese ausgerechnet in einem Schloß im Osten, die Vermutung nahe, daß auch ich an Schloß Sonnenstein anknüpfen möchte. Ich schließe daran an, nahtlos an diese Jahre an im Guten wie im Bösen, ich bemühe mich um Heilung, selbstverständlich kommt sie zu spät, Heilung im nachhinein, besser als nichts, aber das Geschehene ist nicht ungeschehen zu machen, ich schließe an Schloß Sonnenstein an und versage, ich kann nichts mehr tun. Ich sitze im Schloß, lade mir Tag um Tag Tatenlosigkeit auf, sitze untätig herum, ich bilde mir ein, ich nehme Schuld auf mich.

21 Weiße Maulbeeren

Es waren lose hingeworfene Wiesen, an denen sich keine Erinnerung festmachen ließ. Es war ein leerer Marktplatz, kaum Menschen, kaum Fahrzeuge, es war die Maßlosigkeit eines verwachsenen Grundstücks, das überall hätte sein können und unser Gefühl von Heimatlosigkeit verstärkte. Es war ein Sehnsuchtsort, ein Ort, der von vornherein unerreichbar blieb.

Die Peinlichkeiten der Reise nach Polen begannen bereits vor der Abfahrt. Wir saßen schon im Bus, Mila am Fenster, neben ihr Tante Sidonia, ich auf dem Platz auf der anderen Seite des Gangs. Unser sperriges Bündel ragte über mir aus dem Gepäcknetz. In diesem Bündel aus einem alten geblümten Vorhang hatte Tante Sidonia notdürftig das Kreuz verstaut, das sie am Ziel unserer Reise im Garten fremder Leute aufzustellen gedachte. Ich zog die Arme an mich und drückte die Knie zusammen, um meinen Sitznachbarn, einen zarten älteren Herrn mit wuchtigem Schnurrbart, nicht einzuengen.

Der Reiseleiter trat ans Mikrofon, durch den Bus schepperten Begrüßungsworte, dann forderte er uns auf, unsere Pässe hervorzuholen, die er einsammeln und an der Grenze gebündelt vorlegen wollte. Tante Sidonia kramte stumm in ihrer Tasche. Mila schlug vor, Sidonias Koffer zu öffnen, der sich zuunterst im Gepäckraum befand, weil wir, beflissen, überpünktlich, bei den ersten gewesen waren, die sich eingefunden hatten. Tante Sidonia schüttelte den Kopf und suchte sinnlos weiter. Sie zog den abgegriffenen Brustbeutel unter ihrer Bluse hervor, den niemand hätte zu Gesicht bekommen dürfen, sie betastete verstohlen ihren Bauch unterhalb des Rockbundes, wo sie sich als eiserne Reserve einige Geldscheine in die Wäsche eingenäht hatte, der Paß war nicht da.

Die Reise nach Polen begann damit, daß ich durch das morgendlich gestaute Köln raste. Ich joggte zur Straßenbahn, fuhr drei Stationen zu Tante Sidonias Wohnung, hetzte die Treppen hoch, zog alle Schubladen auf, fand den Paß schließlich auf dem Wohnzimmertisch neben einem Brotkanten, den Tante Sidonia über Nacht mit einem Küchentuch bedeckt hatte. Ich griff den Paß und auch das Brot, zwang mich, wieder sorgfältig abzuschließen, erreichte schweißgebadet den Bus. Die Reisegruppe gab offenbar schon seit geraumer Zeit ihrem Unmut Ausdruck, worauf warten wir eigentlich, da kommt er ja endlich, der Fette ist zu spät, viel zu spät, rücksichtslos, wir sind auch alle früh aufgestanden, aber er sieht ja schon aus wie eine Extrawurst. Tante Sidonia saß mit versteinerter Miene am Fenster, ihr Kinn zitterte, meine Schwester hielt ihre Hand.

Unser Vater hatte sich geweigert, an dieser Reise teilzunehmen. Es hat uns ein für allemal gereicht, sagte er kategorisch, niemals wieder wollen wir dorthin, und mit diesem Wir verwirrte er uns, denn wie selbstverständlich bezog er Tante Sidonia in seine Aussagen mit ein, obgleich es diese gewesen war, die den Wunsch zu der Reise geäußert hatte. Und da sie auf diesem Wunsch beharrte, blieb es an Mila und mir hängen, sie zu begleiten.

Unsere Tante hatte die Reise von langer Hand vorbereitet. Sie hatte mit den Reisebussen der vergangenen Jahre Kundschafter vorausgesandt, die Kontakte knüpften und im Ort die alte Frau Clara auffanden, die nach dem Krieg dortgeblieben war und übersetzen konnte. Unsere Tante hatte mit Hilfe von Claras Sprachkenntnissen Briefe gewechselt, sie hatte regelmäßig Pakete mit Hilfsgütern in jenes Haus geschickt, das ehemals ihres gewesen war. Sie schickte nie Geld, sie schickte stets Sachwerte. Einmal hatte man von ihr sogar eine Waschmaschine erbeten und postwendend erhalten. Geld konnten fremde Leute zu einfach verpulvern. Bei Gegenständen glaubte sie die Kontrolle darüber zu behalten, daß sie mit dem, was sie sich selbst vom Mund absparte, Nutzen brachte. Den Briefen entnahm sie, daß man ihr dankbar war; daß man sie schätzte und liebte, sie einlud zu kommen.

Liebe Frau Justyna,

wir kommen am Donnerstag, 4. August mit dem Kreuz. Wir möchten es im Garten aufstellen, dort, wo sich das Grab befindet. Es wäre gut, wenn Ihr Mann an diesem Tag zugegen wäre und uns helfen könnte.

Liebe Frau Sidonia,

wir können Ihnen ein schönes Kreuz schmieden lassen, mit Eisenrosen und geschwungenen Blättern. Warum wollen Sie es so weit transportieren. Es ist hier billiger als in Deutschland.

Liebe Frau Justyna,

lassen Sie das bitte mit dem Kreuz. Eisen kommt nicht in Frage. Das rostet doch sofort. Wir benötigen etwas Haltbares, und es soll auch nicht verschnörkelt sein, sondern schlicht, wir brauchen keinen überflüssigen Zierat. Ich habe in Köln ein Kreuz anfertigen lassen, es ist aus Lindenholz. Wir bringen es mit. Wichtig ist, daß es an der richtigen Stelle plaziert werden kann.

Liebe Frau Sidonia,

wo befindet sich die richtige Stelle? Unser Garten ist groß. Der Rasen wächst hoch, alles verwildert. Wir besitzen keine Mähmaschine, wir müssen mit der Sense mähen. Es ist zuviel Arbeit. Aber wenn Sie kommen, bereiten wir die Wiese vor, wenn Sie kommen, wird alles schön sein.

Liebe Frau Justyna,

machen Sie sich bitte keine Umstände. Sie brauchen für uns nichts vorzubereiten. Wir trinken keinen Kaffee (meine Nichte wird davon nervös), wir mögen keinen Kuchen (mein Neffe ist gegen alles allergisch), und wir wollen auch nicht lange bleiben. Es wäre aber angenehm, wenn wir das Haus besichtigen könnten, die Zimmer, den Dachboden, den Anbau und natürlich den Garten.

Das Busunternehmen, das meine Tante gewählt hatte, führte regelmäßig Heimwehreisen nach Schlesien durch. Der Bus steuerte touristisch markante Punkte an, in den größeren Orten wurde übernachtet, und wer wollte, konnte von dort aus sein Heimatdorf, seine Kleinstadt aufsuchen.

Wir machen alles mit, hatte Tante Sidonia verkündet, was Mila mit einem verzerrten Grinsen quittierte, und folgsam machten wir alles mit, wir besichtigten Städte und Naturdenkmäler, trotteten durch Kirchen und Museen, während sich einzelne Mitglieder der Gruppe jeweils absetzten und ihre persönlichen Interessen verfolgten, Unruhe auslösten, Eifersucht. Aber schließlich war die Reihe an uns.

Das private Taxi, das von der Reiseleitung für uns organisiert worden war, hatte uns bis zur Hauptstraße gebracht. Der Fahrer würde uns hier in einigen Stunden auch wieder abholen.

Ich trug das Bündel mit dem Kreuz über der Schulter, außerdem klemmte mir der Karton mit dem Waffeleisen unter dem Arm, das wir in einem kleinen Elektrogeschäft neben unserem Hotel am Marktplatz erworben hatten, weil Justyna sich ein Waffeleisen wünschte. Ich schwitzte stark. Wir gingen sehr langsam, der Weg zog sich hin. Wir folgten im Gänsemarsch der alten Clara, die in Schlappen über den schmalen Bürgersteig schlich. Mila trug in Sidonias Einkaufsbeutel Schokoladentafeln, die während der Fahrt auf dem Sitz in der Sonne gelegen hatten. Sie sind alle angeschmolzen, flüsterte Mila mir zu. Sie hätten sich verformt. Es sei ihr unangenehm, sie zu überreichen, ich möge es tun. Tante Sidonia trug in der Handtasche einen Gummihammer, weil sie sich nicht sicher war, ob Karol, der Mann von Justyna, einen solchen besaß.

Justyna erwartete uns am Zaun. Drei kleine Kinder hingen an ihr und rannten ins Haus, als wir uns näherten. Sie trug eine Schürze über einer Trainingshose, ihr blondes Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, sie schob mit dem Fuß zwei triefnasige Kätzchen zur Seite, die auf den warmen Steinen des Gartenwegs spielten. Justyna machte sich, kaum daß wir drinnen Platz genommen hatten, in der Küche zu schaffen, trug Gebäckteller herein, rückte eine Warmhaltekanne zurecht. Tante Sidonia hatte sich nur pro forma hingesetzt, sprang sofort wieder auf und schnüffelte durch das Zimmer. Unser Kachelofen, rief sie enthusiastisch. Unsere Tapete! Nichts hat sich verändert!

Meine Schwester nippte am Kaffee, wand sich, als ich begann, die Schokoladentafeln an die Kinder zu verteilen, und flüchtete in den Garten. Ich überreichte das Waffeleisen, ich sprach dem Schmalzgebäck zu.

Justyna führte unsere Tante durch das Haus. Sie erörterte, wie ihre Eltern nach dem Krieg aus Ostpolen, das an Rußland gefallen war, vertrieben und hierhin umgesiedelt worden waren, sich in diesem Haus aber nie heimisch gefühlt, nie etwas erneuert, im Grunde nichts angerührt hatten, weil sie immer in der Erwartung gelebt hätten, eines Tages wieder wegzumüssen. Ihr selbst fehlten, sagte sie, die Mittel, substantiell etwas am Haus zu tun.

Sidonia nickte verständnisvoll, und ich fragte mich, ob sie so weit gehen würde, Justyna Wandfarbe zu schicken, ob sie es verantworten wollte, daß Justyna die Tapete, die ihr eigener, Sidonias Vater aufgeklebt hatte, schließlich abriß oder überstrich.

Ich mußte das Plumpsklo im Anbau aufsuchen und war überrascht, daß es dort ausschließlich nach warmem Fichtenholz roch. Neben ein Bündel aus zurechtgeschnittenen Zeitungsblättern hatte Justyna eine neue graue steifpapierene Klopapierrolle gestellt, die ich nicht anzubrechen wagte. Ich streute eine Schaufel Sägemehl in die Öffnung, zufrieden, daß ich den Vorgang bewältigte, aber ohne daß er etwas in mir auslöste, was Wehmut hätte sein können, ohne daß er mir auch nur im geringsten bekannt vorkam. Kein früheres Leben, keine subkutane Weitergabe von elterlichen Erinnerungen, nicht einmal ein Wiedererkennen aus Fernsehen und Film.

Meine Erinnerungen an diese Reise sind zu großen Teilen dürftig. In der Therapie unterscheiden wir zwischen dürftigen und üppigen Erinnerungen. Den üppigen wird der Vorzug gegeben. Der Patient ist angehalten, eine Erinnerung möglichst detailfreudig auszustaffieren, sie sich sinnlich zu vergegenwärtigen, um sich diesen verlorenen Teil seines Lebens mit der ganzen gesammelten Großartigkeit seiner Einbildungskraft wieder anzueignen. Eine dürftige Erinnerung kaschiert Verdrängtes. Niemals, so die Theorie, ist das Leben so dürftig wie im nachhinein oft dargestellt. Und eine üppige Erinnerung ist dazu dienlich, aus einem als dürftig empfundenen Leben im nachhinein einen Erfolg zu machen.

Ich für meinen Teil habe hingegen die dürftige Erinnerung schätzen gelernt. Mag ihr therapeutischer Effekt gering sein, sie beläßt das Vergangene im Bereich der Möglichkeiten, legt sich nicht fest.

Ich hatte mir vorgestellt, es gäbe im Garten eine umzäunte Stelle. Ein Rechteck, etwa von der Größe zweier Personen, die nebeneinander liegen, von einem verschnörkelten Gitter eingefaßt, mit Tigerlilien oder Hortensien bepflanzt. Diese Umzäunung war nicht vorhanden, dennoch erinnere ich mich im nachhinein mit Vorliebe an sie, auch an die Tigerlilien, die es nicht gab.

Hinter dem Schuppen, hatte unser Vater gesagt, um den Schuppen herum, und dann seht ihr schon die Stelle.

Neben dem Schuppen, hatte unsere Tante behauptet, einfach dicht am Schuppen, man kann es gar nicht verfehlen, allerdings ist nichts Besonderes zu sehen.

Zunächst waren uns die widersprüchlichen Angaben keineswegs fragwürdig vorgekommen. Ich trug in der Brusttasche den Lageplan, den Tante Sidonia zur Vorbereitung mit violettem Filzstift aufgezeichnet und in Kopie an Justyna geschickt hatte, außerdem das einzige Foto des Anwesens, das sie aus den Kriegswirren gerettet hatte und an dem bisher weniger der Schuppen von Interesse gewesen war als vielmehr die Familie, die vor dem Haus für das Foto posiert. In der Mitte die Großeltern in Korbsesseln, dahinter die Eltern, links das Kindermädchen, rechts der Hund Balthasar, vorne die beiden Kinder in hellen Kittelkleidern. Als älteste Tochter eines Lehrers blickt Tante Sidonia streng, altklug und etwas mürrisch, sie hat diesen Gesichtsausdruck bis heute beibehalten und ihre gouvernantenhafte Art nie abgelegt, hält auf dem Foto aber beschützend die Hand über das Kleinkind mit dem Spitzenkragen, das gerade erst stehen kann und mit unserem Vater keine Ähnlichkeit aufweist. Von dem Schuppen ist nicht viel zu erkennen, weil die Familie alles verdeckt. Ein Stück Wiese, ein Stück Zaun, ein Stück Nachbarsgarten. Ganz am Rand, schon jenseits des Zauns, etwas unscharf Pflanzliches, von dem Tante Sidonia stets, nachdem sie andächtig die Namen aller abgebildeten Personen sowie des Hundes heruntergeleiert hatte, behauptete, das sei der Maulbeerbaum von Sosenpichlers.

Während das Haus, in dem unsere Großeltern gelebt hatten, nahezu unverändert geblieben war, war der Schuppen nicht mehr vorhanden. Die Wiese stand hoch, Brombeergestrüpp bildete unbetretbare Inseln, Brennesseln wuchsen am Haus. Auf der Wiese war alles abgetragen und überwuchert. Kein Brett, kein einziger Ziegel mehr.

Ich wickelte das Kreuz aus dem Vorhang, zeigte es Clara vor, die es mit kritischem Finger berührte. Justyna lief nach einem Spaten. Ihr Mann war nicht aufgetaucht. Sidonia bahnte sich einen Weg durch das Gras.

Wir irrten eine Weile durch den Garten. Der Lageplan erwies sich als nutzlos. Die Entfernungen waren falsch nachempfunden, die eine Seite des Grundstücks schien nur halb so lang zu sein, wie Tante Sidonia angegeben hatte, auf der anderen ging der Zaun dafür doppelt so weit. Es blieb unklar, ob sich das Grab eher gegen das eine oder das andere Ende des Zauns hin befand, ob es diesseits oder jenseits des Schuppens gelegen hatte und auf welcher Höhe überhaupt.

Sie selbst war sich jetzt, vor Ort, nicht mehr sicher. Ihre Absicht war gewesen, das Kreuz im Schutz der Schuppenwand aufzustellen. Nun sah ich an ihren abgehackten Bewegungen, wie sie allmählich in Panik geriet.

Warum nicht hier am Zaun, schlug Clara vor, und Sidonia bedachte sie mit einem wütenden Blick. Man würde den Kreuzstab von weitem für eine Zaunlatte halten.

Ewentualnie tutaj, empfahl Justyna, hier habe es früher eine leichte Kuhle gegeben, die sie später mit Ziegelschutt aufgefüllt hätten, dort sei ehemals vielleicht etwas abgesackt.

Mitten auf der Wiese, befand Sidonia entgeistert. Hier spielen doch Kinder!

Am Zaun trat meine Schwester auf weißliche Früchte, die sich im Staub krümmten, und hob den Kopf zu einigen Maulbeeren, die noch an den Zweigen hingen. Verstohlen pflückten wir ein paar ab. Sie lagen in meiner Hand wie fettgefressene Maden und schmeckten süß und fade. Chinesisch, fand Mila. Es waren die ersten Maulbeeren, die wir je aßen.

Der Maulbeerbaum stand noch, dem Nachbarhaus fehlte das Dach. Meine Schwester trödelte unter den Maulbeerzweigen, ich verlor mich im Gestrüpp. Ließ den Blick über die jungen Pappeln schweifen, die sich aus den Büschen erhoben, glitt an dornigen Ranken entlang, hielt inne an einem verschatteten Stück des Gartens, wo der Zaun schief hing und teilweise ganz umgefallen war. Dahinter nur die Leere der Landschaft.

Hinter dem Grundstück bog ein Wirtschaftsweg ins Feld. Meine Schwester spazierte diesen Weg entlang, pflückte Blumen, als ginge sie das alles nichts an. Ich ärgerte mich über dieses ungerührte Blumenpflücken, und ich hoffte, daß sie nicht auch noch beginnen würde, Kränze zu winden. Sie schlenderte demonstrativ gelassen zurück, den Blumenstrauß im Arm, wippenden Rockes, sie scharrte mit dem Absatz zwischen den Brennesseln und förderte einen Kronkorken zutage. Der ist nicht von uns, sagte ich wütend, und meine Schwester ließ den Strauß nachlässig, als würfe sie ihn weg, zwischen die Brennesseln fallen, und ich ärgerte mich noch mehr, daß sie nicht einmal imstande war, ihn dort ordentlich niederzulegen.

Die anderen hatten sich inzwischen auf eine Stelle direkt an der Hauswand geeinigt.

Man sieht es gut, bemerkte Sidonia zufrieden, und hier stört es nicht.

Ich überließ Justyna den geblümten Vorhang und übernahm den Spaten, ich benutzte den Gummihammer, ich häufte einen kleinen Erdhügel um den Balken aus Lindenholz.

Sobald das Kreuz installiert war, drängte unsere Tante zum Aufbruch.

Sie bat Clara, uns zur Kirche sowie zur Schule zu führen. An diese Wege konnte sie selbst sich plötzlich nicht mehr erinnern. Clara sprach über ihr Fußleiden, das sie hinderte, Schuhe zu tragen. Sie könne laufen, aber nur in Pantoffeln. Unsere Tante antwortete ihr unkonzentriert. Sie rekapitulierte, wer in den Häusern, an denen wir vorbeikamen, gewohnt hatte, sie teilte uns eine Reihe von Namen mit, die Mila und mir nichts sagten.

Die Schule war kürzlich mit einem postgelben Anstrich versehen worden und besaß keinerlei Charme. Es konnte eine beliebige Schule sein. Ob mein Großvater hier ein- und ausgegangen war, ließ mich erschreckend kalt. Der Anstrich war scheußlich, und ich wußte, daß er auch Tante Sidonia nicht gefiel. Lieber wäre mir gewesen, wir hätten die Schule gar nicht erst aufgesucht.

Da ist doch nichts, sagte meine Schwester am Abend in der Gaststätte, wo wir inmitten der Reisegruppe aufgerollte Pfannkuchen mit Pilzfüllung aßen, da ist doch nichts mehr. Oder dort ist nie etwas gewesen. Man könne genausogut bei uns den Bahndamm betrachten, da fehle nur der Maulbeerbaum, aber ansonsten sehe man doch keinen Unterschied.

Wir hatten uns aus diesen Bildern neu zusammensetzen wollen; mit den Bildern eines alten Hauses, eines Gartens, einer Familienumgebung die Vision einer Zukunft grundlegen, hatten eine Vergangenheit herstellen wollen, die uns dabei hätte helfen können, Ziele zu verfolgen; statt dessen erloschen die Vorstellungen, die wir uns bereits gemacht hatten, sie wurden überdeckt von einer endlos langen Busfahrt, wir fuhren über Landstraßen mit einsamen Tankstellen, Straßen mit Floristenständen am Rand, die aus einem Eimer voll Feld- und Gartenblumen bestanden, wir parkten auf geschotterten Brachflächen, wir sahen Störche, Porzellanköpfe an den Strommasten, Schwalben, aber stets nur durch eine schmierige Scheibe, und wenn wir ausstiegen, verschwanden die Scheiben nicht. Der Himmel blieb bedeckt, die Luft blieb faules Blumenwasser, unser Handeln blieb dem anderen jeweils verdächtig.

Ich stieg aus dem Reisebus und sah ein ganzes Stück vor mir meine Schwester gehen. Meine Schwester ging wie eine große Staubflocke, die sich äußerst gemessen bewegt, damit sie die Fülle nicht verliert, das luftig Aufgebauschte, das mottengrau Elegante.

Sie trödelte vor sich hin, trödelte den holprigen Bürgersteig entlang, aber bevor ich sie eingeholt hatte, zwängte sie sich in ein Gebäude, das etwas zurück lag und mit einem rudimentären Bauzaun gesichert war.

Mila betrat durch ein schlecht vernageltes, bodentiefes Fenster einen ausgeschlachteten Lebensmittelladen. Ich sah sie in den Laden einsteigen, eilte hinter ihr her, aber die Lücke war etwas eng für mich, und so wartete ich vor der Öffnung, stand möglichst unauffällig neben den schiefen Brettern stramm, ohne den Innenraum aus den Augen zu lassen. Der Linoleumbelag, überall aufgerissen, zackte hoch wie eine zerfetzte Wiese. Die Klappe des Kachelofens hing nur noch an einer Angel. Leitungen senkten sich, Stalaktiten, aus dem Deckengebälk. Die komplette Einrichtung war ausgeräumt, aber weit oben an den Wänden klebten noch animierende Bilder von früher, auf Servierplatten fotografierte Vorspeisen, aufgeschnittene Bratenscheiben, eine Backform mit Kuchenzutaten. Ein stilisierter Schneekristall auf eisblauem Grund bildete einen Teller für Tiefkühlgemüse, schön dekorierte Eiersalate ruhten in goldgerandeten Schalen; Serviervorschläge für Waren, die man womöglich nicht immer im Geschäft vorrätig hatte und deren generelles Vorkommen sich so beweisen ließ. Diese Nicht-Reklamen zogen unter der Decke einen Fries, immer wieder unterbrochen von lustigen Figuren, einem Bäcker, einer Köchin, die die Arme in die Seite stemmte. Eiskristalle, auf Plastikfolien gedruckt, vervielfältigten sich zu einem Kachelmuster, einem abwaschbaren Tapetenstück. Mila trat über knirschende Putzbrösel, löste eine solche Frostflocke ab, versenkte sie in ihrer Tasche.

Ich räusperte mich, meine Schwester fuhr herum, bleich, und als sie mich sah, verzog sie den Mund.

Wir machen uns hier unmöglich, sagte ich trotzdem, ich sagte es nur vor mich hin, ich murmelte es in mich hinein, und Mila schoß auf ihrem Rückweg Stücke von dem Bodengeröll über die Zackenwiese, sie schoß ohne Spannkraft, doch das Rumpeln und Rutschen übertönte mich.

Ist Labilität eigentlich ein Vorzug? fragte ich mich laut, fragte ich sie, aber Mila kletterte nur stumm auf die Straße zurück.

Am nächsten Tag begleitete ich Tante Sidonia inmitten der anderen Heimwehtouristen auf die Schneekoppe, während meine Schwester auf dem Hotelbalkon saß, der auf den Marktplatz ging, eine polnische Modezeitschrift durchblätterte, sich die Nägel mit polnischem Nagellack bestrich.

Als wir zurückkamen, saß sie immer noch im eisernen Korb des Balkongitters, neben sich ein Glas, das zu einem Drittel mit Kaffeesatz gefüllt war, und sie war dabei, einen Kleiderbügel aus dem Hotelzimmer zu umhäkeln. Die Bügel im Kleiderschrank waren aus Holz, auf einzelnen stand noch der Name einer Schneiderei aus der Vorkriegszeit. Sie häkelte Ringel, sie häkelte eckige Blüten. Draußen stand die Landschaft in ihrer vollen Pracht.

Ich rückte mir einen Stuhl heran, beobachtete, wie der Faden zwischen ihren Fingern weiterlief. Meine Schwester lauschte auf die Satzfetzen vom Nachbarbalkon.

Und nun, sagte sie dann, und während sie mit dem gepolsterten Bügel auf mein Knie klopfte, nahm sie den strengen, leicht mürrischen Ausdruck Tante Sidonias an, und nun, fühlen wir uns zu Hause?

Ich schilderte ihr die Aussicht vom höchsten Punkt des Riesengebirges, ich stellte kämpferisch die These auf, daß sie den Höhepunkt der Reise verpaßt hatte.

Meine Schwester interessierte sich nicht für die Aussicht. Patzig rührte sie ihren Kaffeesatz um.

Meine schreckliche Schwester war schon wieder mit sich beschäftigt. Sie war mit etwas ganz anderem beschäftigt, denke ich jetzt, ich wußte damals nicht, womit.

22 Wasserspeier

Ich bilde mir ein, daß meine Schwester den Eindruck zurückbehielt, etwas versäumt zu haben, und daß sich dieses Gefühl mit der Zeit verstärkte.

Ein Gefühl von verpaßten Anschlüssen, etwas Drückendes, die dumpfe Ahnung, nicht zu genügen, der Drang, etwas erneuern, wiederherstellen, wiederholen zu müssen, nur was? Was trieb meine Schwester um, was hätte sie veranlassen können, noch einmal in diese Gegend zu fahren, diesmal mit ihm?

Duszniki-Zdrój. Es hatte getaut, taute, würde weitertauen. Der ganze Ort lag in Rost und Schwefel. Schnee suppte auf den Wegen, die Eiszapfen an den Dachrinnen tropften, und während vorher der Schnee alles ausgefüllt hatte, breitete sich jetzt eine Leere aus, die man nur als abgewandt bezeichnen konnte, eine Leere, die allem den Rücken kehrte, die keine Erwartungen schürte, eine Leere ohne Versprechen, ohne Potential. Ein kalter Wind blies aus Skandinavien, er erweckte keine Ahnungen, es war ein Wind, der das, was er berührte, abstumpfte.

Sie gingen langsam und angespannt über den aufgeweichten Pfad im Kurpark, den Körper gegen den Wind versteift. Mila hielt den Mantelaufschlag über der Brust zusammen. Sie hatte den Pelzkragen aufgestellt und hob unnatürlich die Füße bei jedem Schritt, als könne sie so ihre Wildlederschuhe vor dem Schmutz schützen. Odilo ging achtlos, fast verächtlich gegen seine Umgebung. Er trug helle, allzu helle Hosen, deren Rückseite bis zu den Kniekehlen von Schlammspritzern gesprenkelt war. Er bemerkte es nicht, auch Mila sah es nicht, sie ging bei ihm eingehakt, in einer erzwungenen Langsamkeit, als wolle sie mit diesem Schlendertempo die Illusion eines Sommertags erzeugen. Über dem Ort hing der Geruch von qualmender Holzkohle und einem Linsengericht, als werde in allen Küchen ausnahmslos dieses eine starkschmeckende Gericht zubereitet. Etwas schlecht Gelüftetes, über das Odilo die Nase rümpfte, zeichnete diesen Ort aus, etwas Feuchtes und Stickiges, obgleich man sich im Freien befand, es war ein Ort, an dem sich die Gerüche über Jahre und Jahrzehnte hielten, an dem die frische Luft seit Jahrhunderten nicht ausgetauscht schien.

Diese Luft hatte 1826 schon Frédéric Chopin geatmet, als er noch Fryderyk hieß, sich hier mit Mutter und Schwester zur Kur aufhielt und sein erstes Konzert außerhalb der Grenzen von Polen gab, ein Wohltätigkeitskonzert, Mendelssohn hatte sie geatmet, und jetzt atmete Mila sie, Komponistenatem vermischt mit den Dünsten von Linsensuppe und rostigem Rohr.

In der Dämmerung betraten sie den Kurpavillon. Sie waren die einzigen Gäste. Der Pavillon lag in einem trüben gelben Licht wie von Heizkissen und Rheumadecken, das sie schlafwandlerisch durchschritten. In der Trinkhalle saß eine Frau mit Krankenschwesterhaube hinter einer Schulbank und verkaufte daumengroße Plastikbecher. Mila reichte ihr eine Fünfzigermünze und erhielt zwei Becherchen. Sie standen damit eine Weile unschlüssig vor dem Brunnen. Das arsenhaltige Wasser floß stoßweise aus einem dünnen Röhrchen, es wehte sie etwas Fauliges von diesem Brunnen an. Sie hielten ihre Becher in den Strahl.

Odilo wäre lieber nach Karlsbad gefahren, nach Marienbad, Goethes wegen. Mila wollte hierher, Chopins wegen. Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte der Ort zu den bedeutendsten Herzheilbädern Europas. Dann war er aus der Mode gekommen. Und jetzt, im Winter, blieben die Kurgäste ohnehin aus.

Odilo fühlte sich unwohl in dieser Umgebung der Mineralmoore und des Glimmerschiefers, der Gefäßkrankheiten und Frauenleiden. Er glaubte alle Unpäßlichkeiten auf sich zu ziehen. Zog die Schultern hoch, wenn sie in die Nähe anderer Leute gerieten, zuckte überempfindlich mit dem rechten Lid, fürchtete sich vor Bazillen, vor Dummheit, vor Unbequemlichkeit.

Er ertrug den Geruch nicht: die Kohleöfen und die süßlichen Zweitakterabgase, die deftigen Essensgerüche; dazu der metallische Geruch des Schnees, das frisch gesägte Holz, der übelkeiterregende Geruch des Stahlsprudels.

Sie waren allein in der frühen Winterdunkelheit, die kaschiert wurde vom Schwefellicht, sie fühlten sich vielmehr allein, denn die Becherverkäuferin saß mit einem Strickzeug hinter ihrem Tisch und gab sich abwesend. Aus der Tiefe des Kurparks näherte sich eine Wolke aus Lärm und Geschrei. Eine Gruppe Grundschulkinder wurde im Restlicht, das in den Park fiel, sichtbar, sie tauchten paarweise auf, einander an den Händen haltend, und sie wurden schlagartig ruhig, als sie die Schwelle zum Brunnenraum überschritten, als beträten sie, vorweg die Lehrerin im strammen Ausflugsschritt, ein Kirchenschiff.

Die Becherverkäuferin legte ihr Strickzeug zur Seite. Einzelne Kinder kosteten vom Arsenwasser; es schmeckte ihnen nicht, und sie zogen eigene, süßere Getränke aus ihren bunten Rucksäcken. Sie kauten Kaugummi und saure Schnüre, verloren bald die Ehrfurcht, sprachen lauter, sprachen ihr kindliches Polnisch mit einem Zuckerhauch.

Odilo beobachtete die Kinder mit Mißtrauen. Sie waren dick eingepackt in Pudelmützen, in Schals, in wattierte Jacken, die ihre Bewegungen ein wenig roboterhaft machten. Ein Mädchen hatte mit klebrigen Fingern versehentlich seine Hand gestreift, als es sich einen Weg bahnte zum Brunnen, dort versuchte, in der hohlen Hand den Wasserstrahl aufzufangen. Odilo war zurückgezuckt, dann von Mila sanft zur Seite gezogen worden, bis die Kinder sich wieder zerstreut hatten.

Odilo spielte nervös mit dem Becher, rollte ihn zwischen den Handflächen, ließ die Wände im Zangengriff gegeneinander federn. Mit einem Knacken zerdrückte er das Gefäß. Wasser tropfte von seinem Handgelenk auf den Boden, vergeudetes Heilwasser, das sich mit den schmutzigen Fußabdrücken der Gäste, mit Schneematsch vermischte; das nun erneut eingespeist würde in den langen Prozeß des Sinterns.

Er ließ die Plastiktrümmer in den Brunnen fallen, wo sie stockend bis zum Abfluß trudelten, dort immer wieder aufzuckten, zur Rotation ansetzten, aber eine Drehung um die eigene Achse nicht schafften.

Odilo steckte die nasse Hand in die Hosentasche, die andere legte er um Milas Schulter, sie traten Arm in Arm zurück in den Wind.

Draußen beständiges Tropfen. Es tropfte von den Dachrinnen und Ästen, von Bänken und Papierkörben. Die Eiszapfen lösten sich auf, es tropfte von gestrickten Pulswärmern, Capes und Schals, die ganze Atmosphäre aus Topflappen- und Lehnstuhlgemütlichkeit tropfte auf die Holzstöße hinter den Häusern, während in den Pflanzen bereits die Säfte stiegen. Gegenläufige Nässe: Odilo gefiel es hier nicht. Er hatte sich lange geweigert, den Osten Europas zur Kenntnis zu nehmen. Sich schließlich eingelassen auf Chopin. Mit so viel Wasser hatte er nicht gerechnet.

Sein Schädel pochte. Jedes einzelne Tropfgeräusch fiel hämmernd in seinen Kopf, hallte wider, und während es beim Aufprall kurz und heftig klopfte, verursachte der Nachhall einen langgezogenen Schmerz.

Er klammerte sich an Milas Arm und stolperte über aufgeweichte, schlecht beleuchtete Wege. Zu den Seiten Schneehügel, achtlos aufgehäuft und unter harschen Krusten vollgesogen mit Wasser. Die Parkwiesen voller weißer Flecken. Unbekannte Gebiete auf altem Kartenmaterial, aus der Zeit gefallenes Gelände. Hic sunt leones.

Er starrte auf den Boden, auf den blinden Schneespiegel, der ihm zu hell war, den Kopfschmerz verstärkte. Er mußte sich zurückziehen, die Reizüberflutung eindämmen.

Ihm schien, daß sich alles beschleunigte, die Erde immer schneller rotierte, Tag und Nacht ein unmäßiges Flackern, die Jahreszeiten fiebrige Schauer auf seiner Haut.

Getilgte Bilder des Winters, aufgefressenes Gelände. Aus der löwenköpfigen Leere rieselte das Wasser, der ganze Ort ein Löwenmaul, das Wasser spie.

Eine Woche zuvor hatte er noch bei Nieselregen auf der Domplatte innegehalten, sehr weit oben an den gotischen Streben die langgestreckten Schweinemänner mehr geahnt als gesehen, die geifernden Hundsdrachen mit angelegten Flügeln, die spiralhornigen Ziegenböcke mit Nixenschwänzen, und er hatte sich sofort selbst als Mischwesen gefühlt, aus fragwürdigen Hälften oder Vierteln zusammengesetzt. Der feine Regen fiel ihm ins Gesicht, die Chimären hockten hoch oben am Dom, das Maul über der Stadt geöffnet, unbewegt, stumm. Der Regen vom Domdach lief nicht mehr durch ihre Kehle, er rann im Verborgenen herab, in verdeckten Rinnen, daß er den Besuchern nicht vor die Füße plätscherte, nicht in dicken Strahlen aus großer Höhe auf dem Platz zerspritzte, dem Besucher nicht von unten in die Kleider fuhr. Nicht mehr sollte das Dämonische abgehalten werden vom Gotteshaus, sondern vom unbedarften Passanten, der an das Dämonische nicht mehr glaubte, nur noch an Lästiges, Unbequemes.

Von den Wasserspeiern wurde einstmals erwartet, daß sie die Bewegung des Regens bündelten. Mit ihrer Häßlichkeit leiteten sie Blitze ab, mit ihrer Monstrosität dirigierten sie den Donner, schickten die Wolkenungetüme auf andere Wege abseits der Stadt — und war nicht der Kölner Dom sogar aus Bombenhageln unversehrt hervorgegangen, ihretwegen?

Heutzutage ging nur noch Wind über sie hinweg, der Verlauf des Wetters wurde von ihnen nicht länger reguliert, heutzutage gab es die Vorhersagen, die Strömungsbilder im Fernsehen, die allerdings nur vorgriffen, nicht eingriffen. Odilo glaubte dennoch daran, mit der Vorhersage über das Wetter verfügen zu können, und plötzlich hatte er sich auf die Tage mit Mila gefreut, zu hoffen gewagt, daß ihn die Körperkonfusion dann für eine Weile verließe, weil Mila ihn in eine Art Natürlichkeit hineinzuziehen, sein grundsätzliches Unwohlsein zu lindern vermochte.

Aber jetzt umfloß es seine Schuhe in Rinnsalen, als habe er selbst das ganze Wasser hohlmäulig ausgespuckt.

Am nächsten Tag ging er nicht aus, schützte Migräne vor. Mila schloß sorgsam die Perlknöpfe ihrer wollweißen Strickweste, zog den Mantel an, nahm die cremefarbene Handtasche über den Arm.

Mila ging durch die schneeverwischten Stellen im Park zum Brunnenhaus. Ging durch die weißgefleckte Landkarte, Arbeit an der Quelle zu leisten, ein vages Schuldgefühl dadurch abzubauen. Sie flüsterte die polnische Bezeichnung vor sich hin — pijalnia —, schreckte ein Taubenpaar auf, das auf nacktem Ast döste, dann mit synchronen Wendungen der Köpfe sein Gefieder putzte. Sie fühlte sich immer beschädigter, je näher sie kam. Trinkkur. Erinnerungskur.

Sie verspürte eine seltsame Begierde diesem Ort gegenüber, sie verspürte ein Bedürfnis, sich ihm anzuvertrauen, die Last seiner Geschichte zu schultern. Sie ging hoheitlich in ihren Altfrauenkleidern, als verkörperte sie eine Vergangenheit, die sich außer ihr niemand zurückwünschte.

Müde Attraktionen der brachliegenden Tourismusindustrie. Eine dumpf riechende Kirche, bestehend aus Wachsflecken, schmelzenden Kerzen, verformten Votivgaben aus Wachs. Eingefaßte und überdachte Rinnsale. Wandelhallen, bevölkert von Kindergruppen aus einer mißlungenen, schneelosen Winterfreizeit.

Auf den Straßen alte Leute, die bereits begannen, ihre Rückseite zu vernachlässigen. Ein Mann, dem das Taschentuch aus der zerbeulten Hosentasche hing. Eine Frau, vorne gut gekämmt, die Haare am Hinterkopf nicht frisiert. Mila ging hinter ihr her, sah direkt auf die kahle Stelle in den schütteren Dauerwellen, die noch flachgelegen waren von der Nacht.

Sie hatte sich erhofft, die Musik Chopins schwebe lautlos in den Straßen, wenigstens eine Ahnung, ein Hauch. Aber es gelang ihr nicht, sich auf Chopin zu konzentrieren, nicht einmal, sich sein Regentropfen-Prélude in Erinnerung zu rufen.

Statt dessen Löwenchöre: Hic sunt leones. Die Schneehaufen am Wegrand waren nur unwesentlich geschrumpft, überall rann und rieselte es, Gesang der Löwen, Gähnen und Brüllen der Löwen, Knurren und Schnurren, ihre unaufhörlichen Katzengeräusche, ihre großangelegte Katzensprache, die sich im Tropfen und Rauschen fortsetzte; eine Warnung, nicht zu nahe zu treten. Nicht versehentlich in diese Auflösung zu geraten, die sich überall ausbreitete, sich heimlich in den Dingen fortsetzte, in den Schaukeln und Turnstangen auf dem Spielplatz, die ihre Konsistenz nur vortäuschten. In der Rutsche aus verblichenen Kunststoffteilen. Dem alten Kletterglobus aus Metallstangen in den Primärfarben. Dem vergessenen Gurkeneimer im Sand. Niemand spielte hier. Alles war naß.

Es taute draußen. Taute demonstrativ. Der kalte Krieg war vorbei. Es gab einen Reiseboom in die Landstriche in Europas Osten, in denen man die verlorenen Zeiten wiederzufinden hoffte. Dieser Kurort lag ganz in der Nähe des Ortes, in dem ihr Vater geboren war. Hier war Tante Sidonia aufgewachsen, hier hatte das Großelternpaar gelebt, das aus der Familienbilanz hatte herausgerechnet werden müssen.

Mila hatte sich vorgestellt, in dieser Gegend etwas zu finden, eine Stimmung, einen Anblick, Gründe vielleicht für ihr ständiges Unbehagen, das der neugewonnene Frieden nur neuerlich in sie einfließen ließ. Es durchsickerte Generation um Generation: ein unscharfes Schuldgefühl, eine nagende Unruhe, die sich auf nichts zurückführen ließ. Jetzt war sie an der Reihe, Erinnerungen zu bergen und zu tilgen, mit den Versehrungen zurechtzukommen. Aber ihr war ja nichts geschehen. Niemand hatte ihr jemals ein Haar gekrümmt, und es war unredlich, sich beeinträchtigt zu fühlen.

Sie wanderte durch zerfließende Wege zur Papiermühle, zur Sommerrodelbahn. Ging am Nachmittag durch Rinnsale und Sturzbäche zu ihrer Unterkunft zurück, stopfte Zeitungspapier in die Schuhe, hängte die Strümpfe über die Heizung, stellte sich unter die glühendheiße Dusche, bis sie krebsrot angelaufen war.

Nachts schien es ihr, als fahre sie fort, im Dunkeln zu tappen, im Trüben zu fischen, sie sah Wasserspeier vor sich, die das Wetter von damals erbrachen, sie sah ein unruhiges Glitzern, aber es gelang ihr nicht, dieses Geglitzer zu einem Bild zusammenzufügen.

Sie ließ die Hand über den Rand des Bettgestells hängen, hielt in der Faust einen von Odilos Schnürsenkeln, hielt daran wie ein Kleinkind auch im Schlaf noch fest. Er zog sein anderes Paar Schuhe an und ging leise hinaus.

Er ertrug es nicht, neben ihr zu liegen, wenn sie schlief. Sie schien sich ihm dann entzogen zu haben, sie war weit entfernt, seinem Einfluß nicht zugänglich.

In der ersten Nacht hatte er sie mehrmals geweckt. Er sagte nicht, daß es ihn verrückt machte, wenn sie ihn allein ließ, schlafend. Er legte sich dicht zu ihr, er hatte sie wachgeküßt, und er küßte sie kurz darauf wieder wach.

Er schlief nicht mehr, während meine Schwester immer mehr schlief, als müsse sie ihre Energie aus höheren Sphären ziehen. Tagsüber ging sie umher wie in Trance. Er weckte sie nicht mehr so oft, er durchquerte nachts den Park, marschierte zum dunklen Brunnenhaus, hielt im kalten Himmel nach Sternschnuppen Ausschau.

Als er zurückkehrte, betrachtete er lange, wie sie sich in die Decken eingerollt hatte, streichelte ihre Strickjacke, die über der Stuhllehne hing, ließ die Perlknöpfe durch die Finger gleiten.

Im Halbschlaf beobachtete sie, wie er sich leise auszog, sich neben sie legte. Sie beobachtete ihn mit geschlossenen Augen, lauschte auf jedes kleinste Geräusch, beobachtete ihn mit dem ganzen Körper, horchte mit der Haut. Sie wartete darauf, daß er sie mit schüchternen Berührungen zu wecken suchte.

Danach versuchte er, als erster einzuschlafen. Sie mußte ihm versprechen, wach zu bleiben; solange wach zu bleiben, bis sie hörte, daß sein Atem gleichmäßiger ging.

Er schlief ein, und sie drehte sich zur Seite.

Kurz darauf, es schien ihr kurz, sie war gerade erst weggedämmert, küßte er sie wieder wach. Seine Augen weit aufgerissen und starr, er sah sie und sah sie nicht. Seine Bewegungen routiniert, und doch auf eine erschreckende Art ungelenk. Er griff nach ihr und griff daneben, tastete nicht im Dunkeln, tastete nicht wie blind, sondern griff ganz selbstverständlich nach ihr, griff neben sie und knetete die Bettdecke. Erst wollte sie seine Hand nehmen und an die richtige Stelle führen, aber dann kam sie ihm entgegen, rückte dorthin, wo er seltsam mechanisch weiterknetete, als sei sein Körper nicht imstande, einen einmal begonnenen Bewegungsablauf zu stoppen.

Erst als er sich wegdrehte, begriff sie, daß er schlief. Noch immer schlief, daß er die ganze Zeit geschlafen hatte, aufgerissenen Auges.

Sie sprach ihn am Morgen nicht darauf an, nicht beim Frühstück in der Gaststube mit Schlesischen Würsten und hohen Blechkuchenwürfeln, nicht während sie den Mantel anzog, den Hut aufsetzte, sich das Haar an den Schläfen zurechtstrich zum Gang durch den Ort, zum Jungbrunnen, wie sie es scherzhaft nannten; sie bat ihn nicht, mitzukommen.

Загрузка...