Ruhekissen
Niemand hat begriffen, wie es ihm gelang, die Schwangerschaften vollständig zu übersehen. Sie war nicht gertenschlank, von daher konnte ein weiter Pullover einiges kaschieren. Daß die Nachbarn keine besonderen Veränderungen bemerkten, läßt sich erklären oder zumindest ertragen. Den Eltern und Schwiegereltern, zu denen regelmäßiger Kontakt bestand, die sie am Wochenende besuchte, mit denen sie täglich telefonierte, hätte etwas auffallen müssen. Selbst wenn sie keine Notwendigkeit sahen, den sehr veränderlichen Körperumfang ihrer Tochter oder Schwiegertochter zu kommentieren, wenn sie es vorzogen, an Diäten und gescheiterte Diäten, an ein immerwährendes Diätprogramm und den Jo-Jo-Effekt zu glauben, gibt es doch in einer solchen Situation auch etwas, was über den Augenschein hinausgeht, einen psychischen Ausnahmezustand, einen weiteren, wenn auch ungeborenen, Menschen im Wohnzimmer, dessen Anwesenheit man verdrängt. Doch auch diejenigen Personen, mit denen sie auf engstem Raum in einer kleinen Mietwohnung zusammenlebte, die beiden pubertierenden Söhne, der Kindsvater, wollen nichts gesehen und auch nichts gespürt haben, kein verändertes Verhalten, kein morgendliches Erbrechen im Bad, kein stumpfer werdendes Haar, kein verbessertes Hautbild. Von pubertierenden Söhnen wird man eine solche Aufmerksamkeit nicht unbedingt erwarten, sie sind in diesem Alter mit sich selbst beschäftigt. Oliver Weichhals jedoch, der Erzeuger dieser Söhne, versetzte durch seine Fähigkeit, die eigene Frau aus seinem Bewußtsein auszublenden, auch die Fachwelt in Erstaunen. Zu seiner Entschuldigung wird angeführt, er sei berufsbedingt die meiste Zeit abwesend gewesen. Allerdings hielt er sich, von der meisten Zeit einmal abgesehen, die übrige Zeit in der gemeinsamen Mietwohnung auf. Er betrat nach einigen durchgehenden Arbeitstagen, an denen er auswärts übernachtete, die heimatliche Wohnung, die beengt war, dünnwandig, eine pappwandige Wohnung, die dazu zwang, innere Wände hochzuziehen als Ersatz, die ihre Bewohner zu akustischer Abstumpfung nötigte, ihr Revierverhalten irritierte. Er kam in der Dämmerung nach Hause, den Schlüssel kämpferisch vorgestreckt, er stieß ihn ins Schloß, markierte die Garderobe mit seinem Mantel, besetzte die Couch, scheuchte die Söhne vom Fernseher weg in ihr Zimmer. Die Söhne pubertierten in einem winzigen Zimmer mit Etagenbett. Jeder besaß eine Schreibtischhälfte, eine Schrankhälfte, die Lage war erträglich, weil sie sich, wie ihr Vater, die meiste Zeit außer Haus aufhielten. Sportbedingt pflegten sie eine überwiegende Abwesenheit, aber wenn sie, wie jetzt, in der Wohnung waren, wurde Oliver Weichhals sofort nervös. Sein Adamsapfel schnellte vor, er zog die Schultern hoch, ballte die Faust in der Tasche. Seine Ehefrau hantierte in der Küche. Ein Gemüsemesser tackte auf das Plastikbrett, Salatbesteck stieß an die Glasschale, die Dunstabzugshaube heulte. Die Kochgeräusche verschmolzen mit dem Fernsehton, und er blendete alles zusammen aus, horchte darauf, was die Söhne im Pubertätszimmer trieben. Seine Hand hatte sich geöffnet und spielte mit den Kordelfransen, die grüngolden am Couchrand herunterhingen, die aalglatt durch die Finger rannen, eingedreht wie weiche Korkenzieher.
Beim Abendessen trank seine Frau zuviel, er sah weg, sah die voluminösen Vasen an, die auf allen Schränken hockten wie Fetische. Sah auf die sehnigen Hände seiner Söhne, die mit dem Besteck vor ihren Fußballtrikots hantierten, sah schnell auf die Vasen zurück. Er haßte die Vasen, weil seine Frau sie aufgestellt hatte, ohne mit ihm Rücksprache zu halten. Sie besetzten die ganze Wohnung, setzten ihn stillschweigend ins Unrecht. Dabei hatte er sich durchaus nichts vorzuwerfen. Er ertrug die Trunksucht seiner Frau. Er ließ sich nicht anmerken, daß seine Söhne ihn nervten. Ein einziges Mal hatte er, außer sich vor Wut, ihnen die Teller unterm Besteck weggerissen, aber am nächsten Tag aßen sie wieder, als wäre nichts geschehen. Es war ja auch nichts geschehen. Er hatte den Eindruck, daß sein Leben unverändert voranlief, unangenehme Arbeit, unerfreuliches Familienleben, aber er hielt durch, blieb anständig, kam zurecht.
Nach dem Essen hing seine Frau mit glasigen Augen im Stuhl. Die Söhne weigerten sich, den Tisch abzuräumen. Er trug die Teller in die Küche und stellte sie in die Spülmaschine. Er wusch die Töpfe ab, die sich seit der letzten Woche angesammelt hatten, er wischte die Arbeitsflächen, putzte den klebrigen Boden.
Seine Idee der Folgenlosigkeit. Er sorgte für Ordnung, aber er brauchte der Ordnung nur kurz den Rücken zu kehren, sofort war die Unordnung wieder da. Mit ungehöriger Opulenz quoll fauliges Obst aus der Küche, die Wohnung stank nach dem Schweiß Pubertierender, neue Vasen tauchten auf, diesmal im Bad. Er konnte nichts tun. Die Konflikte mußten als solche verweigert werden. Er beharrte strikt auf der Normalität, er weigerte sich, etwas anderes als die Normalität für möglich, ja für denkbar zu halten, das war der einzige Einfluß, den er geltend machen konnte, eine Idee also, eine Denkfigur.
Als die Söhne im Bett lagen, drohte er der Frau wie immer damit, sie zu verlassen, und sie, wie immer, flehte ihn an, um der Kinder willen, um ihretwillen bei ihr zu bleiben. Sie sprach nicht mehr deutlich, sie hatte sich auf seinem Sofa breitgemacht, die Troddeln schaukelten in ihren Kniekehlen, im Pubertätszimmer knarrten die Sprungfedern, er stellte den Fernseher lauter, immer lauter, bis die Nachbarin von unten an die Decke klopfte.
Oliver Weichhals schlief nebenan im Schlafzimmer den Schlaf des Gerechten, während seine Frau im Bad das Kind zur Welt brachte, genauso, wie sie nach den beiden ersten Geburten im Krankenhaus jedes weitere Kind alleine im Badezimmer zur Welt gebracht hatte, es abnabelte, erdrosselte, ertränkte, mit einem Kissen erstickte. Er bemerkte nichts vom Blut, das jede Geburt mit sich bringt, wollte nichts wissen vom Alkohol, den sie zu sich nahm, um zu funktionieren, ohne etwas zu fühlen, um das Blut wegzuwischen ohne Spuren, die Babyleichen in Plastiksäcke zu wickeln und in der Gefriertruhe zu bestatten, Schlagzeile: Mutter aus Eis.
Am nächsten Morgen lag seine Frau verkatert im Bett. Er weckte mürrisch die Söhne, machte ihnen Frühstück, verließ gemeinsam mit ihnen das Haus.
Theorie der Handlung
Bei einer Handlung gilt das Ursache-Wirkungsprinzip. Jemand tut etwas, und das hat Folgen. Sichtbare Folgen, aus eindeutigem Grund. Handlung ist nichts Emotionales, Handlung ist immer etwas Materielles. Etwas muß zutage treten, ein Messer, ein Schimpfwort, ein Geldbetrag, andernfalls bleibt man im Bereich der Spekulation. Ängste, Emotionen, Wünsche, die eine Person einer anderen zuschiebt, Einfühlung und Manipulation, Verführung und Blendung gelten nicht als Tatbestand.
Der Skandal besteht darin, daß die Grenzen der Person verletzlich sind. Daß sie nicht fest sind. Daß der Einfluß von Körper zu Körper weit über die sichtbaren Grenzen hinausgeht. Daß sich Emotionen übertragen können wie die Dämonen, die ausgetrieben wurden und in die Schweine fuhren. Schuld besteht darin, ihnen Raum zu geben, ihnen einen Angriffspunkt zu bieten. Sie einfahren zu lassen. Umgekehrt wird ein Konflikt aus dem Bewußtsein ausgeklammert, damit dieses Bewußtsein seine Contenance nicht verliert. Der Konflikt wird eingekapselt, heimlich verschoben, und er landet beim nächsten, der auf seine Weise versuchen muß, ihn zu leugnen, ihn ungeschehen zu machen.
Oftmals ist es am Ende das schwächste Glied, das handelt, um den unsichtbaren Vorgängen, die jahrelang abliefen, Sichtbarkeit zu verleihen. Eine Maßnahme, um nicht verrückt zu werden. Aber es ist zu spät, an diesem Punkt ist man schon verrückt.
Für diese Menschen sind alle Handlungen nur ein Traum. Ihr Leben verläuft so, daß sie sich nicht gestatten können, es ernst zu nehmen. Es gibt keine Realität für sie. Die Dinge müssen folgenlos bleiben, sonst sind sie nicht auszuhalten. Mit jeder Tat setzen sie das Kausalgefüge, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung außer Kraft. Weil sie überzeugt sind, daß es ihn nicht geben darf. Diese Menschen können nicht schuldig werden. Selbst die höchste Instanz, das Gesetz, erkennt an, daß sie nicht schuldfähig sind.
Doppelgängergeschenke
Paul Pall saß auf dem Bett und umklammerte den Karton mit der Kaffeemaschine. XXYZ, hatte er seiner Freundin Anja eingeschärft, auf jeden Fall dieses Modell. Er musterte den Karton noch einmal scharf, studierte zum zigsten Mal den Aufdruck, XXYZ, es stimmte. Nun hing alles davon ab, daß Anja von seinen Vorgaben nicht abwich.
Eine Kaffeemaschine zu Weihnachten. Was wünschst du dir, hatte Anja gefragt, und er verschluckte, was er sich wünschte: zwei Kaffeemaschinen. Sie kannten einander noch nicht lange, sie kannte ihn nicht gut, und so sagte er zögernd: eine Kaffeemaschine.
Seither stand er wieder Ängste aus, wie er sie über längere Zeit zu vermeiden gewußt hatte. Sein Atem ging schneller, er schwitzte unter den Armen und im Schritt, er spürte, wie die Farbe aus seinem Gesicht wich und zugleich eine fliegende Hitze rote Flecken malte. Eine Kaffeemaschine, eine einzelne. Was, wenn sie nicht die richtige fand. Nun, er würde die, die er auf dem Schoß hielt, umtauschen können. Dennoch die verheerende Frist bis dahin, die Unruhe, die Zerrissenheit.
Er strich über die faserige Kante des Kartons, er streichelte die verkleinerte Abbildung der Maschine, legte seine heiße Wange an die glatte Pappe, die sanft kühlte wie eine Wasserfläche. Wunderbare Kaffeemaschinenvermehrung — das war es, was er sich jetzt wünschte, dringend wünschte. Andernfalls würde er die ganze Nacht nicht schlafen können.
Er kaufte sich alle Gegenstände zweifach. Mindestens zweifach, manchmal dreifach, und bei Unterwäsche und T-Shirts war das Minimum: vier Exemplare desselben. Vier Exemplare von Dingen, die schnell verschlissen. Er mochte Socken im Vorratspack, und mit Angeboten wie zwei Pullover zum Preis von einem war man ganz auf seiner Linie, aber entscheidend blieben doch die größeren Anschaffungen. Wenn ein Elektrogerät kaputtging, und damit mußte man jederzeit rechnen, hatte er ein identisches Ersatzgerät im Keller. Das unbrauchbar gewordene Gerät kaufte er nach, falls es noch zu haben war, aber mit dem Ersatzgerät konnte er sofort operieren, den Toast toasten, die Wäsche bügeln, der Tagesablauf war nicht beeinträchtigt.
Er stand vom Bett auf, schob die Kaffeemaschine in ihrem Karton in die Plastiktüte des Elektrogeschäftes zurück und trug sie in den Keller. Er deponierte sie auf der Gefriertruhe und nahm eine von zwei länglichen Verpackungen aus dem Regal, die puristisch pappbraun waren; nur an einem Ende klebte ein kleines Papier mit roten chinesischen Schriftzeichen. Im Wohnzimmer öffnete er den Deckel und zog vorsichtig die grüne, äußerst grüne Wucht heraus.
Lange hatte er überlegt, ob er einen Baum aufstellen sollte. Zwei Tannenbäume im Zimmer waren für Anja wohl kaum akzeptabel. Ganz ohne Baum fehlte die Feierlichkeit. Er hatte sich schließlich für die beiden ausklappbaren Plastiktannen entschieden, von denen die eine im Keller ausharren konnte, ohne zu nadeln.
Er wand Lichterketten um die Zweige und hängte Kugeln auf. Er deckte im Wohnzimmer den Tisch: zwei Messer, zwei Gabeln für jeden, Vorspeise, Hauptspeise, für jeden zwei Gläser. Er begann, sich ein wenig zu lockern.
Es hatte damit angefangen, daß ihm die Lieblingshose zerriß. Seine Mutter hatte diese Hose weggeworfen, und er war wochenlang durch alle Geschäfte geirrt, um die Hose, diese Marke, diese Größe, diesen Schnitt, diese Farbe, noch einmal zu finden, aber er hatte eine solche Hose niemals mehr auftreiben können. Von der nächsten Hose, auch wenn er nicht wissen konnte, ob sie in den Rang einer Lieblingshose aufsteigen würde, kaufte er sicherheitshalber gleich zwei. Man ersparte sich viel Rennerei, man ersparte sich viele Enttäuschungen, denn wenn es einmal vorkam, daß man mit einem Produkt wirklich zufrieden war, konnte man davon ausgehen, daß es wie von Geisterhand nach kürzester Zeit aus allen Läden verschwunden sein würde. Auch Bücher — man verlieh eines und sah es nie wieder.
Er hatte zweimal das Geschenk für Anja gekauft, eine Kette mit einem Sternzeichenanhänger. Sie hatte sich eine Kette gewünscht, und er war zweimal im Abstand von einigen Tagen in das Juweliergeschäft gegangen, um nicht den Eindruck zu erwecken, mehrere Frauen einfallslos mit derselben Sache zu beglücken. Eine Schmuckschatulle würde er überreichen, die andere in seinem Schreibtisch aufbewahren für den Fall, daß sie die Kette verlegte oder verlor. Solange nichts passierte, brauchte sie vom Vorhandensein der zweiten nichts zu wissen, um so mehr würde sie sich freuen, wenn der verlorene Schmuck so mühelos wieder auftauchte. Im Hinblick auf dieses Geschenk war er vollkommen ruhig. Sie war Skorpion, und er hatte einen hübschen Anhänger mit einem zierlichen und zugleich machtvollen Skorpion gefunden.
Seine Freundin kam pünktlich. Sie begannen mit dem Essen. Nach dem Essen würde es die Bescherung geben, so war es ausgemacht. Anja hatte die Tüte mit seinem Geschenk im Korridor abgestellt, er ging mehrfach daran vorbei, während er die Speisen auftrug und immer noch etwas aus der Küche holte, Streichhölzer, Korkenzieher, den Ausgießer für den Wein. Die Größe des Kartons stimmte, das erkannte er erleichtert trotz der Umhüllung. Der Karton besaß ein besonderes Format, sie mußte das richtige Gerät genommen haben. Im Keller wartete der Zwilling. Er entspannte sich.
Als er die Dessertteller abräumte, brachte Anja das Paket aus dem Korridor. Erst die Bescherung, dann der Kaffee, verlangte sie augenzwinkernd. Ihm wurde plötzlich wieder heiß. Mit zitternden Händen überreichte er die pompös verpackte Schatulle. Schleifen und Flitter und ein goldener Aufkleber des Juweliers, Anja riß alles einfach ab und klappte das Gehäuse auf. So etwas habe ich schon, sagte sie.
Die Schönheit des Staubs
Er wollte Schriftsteller werden. Nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre, zu dem ihn seine Eltern gezwungen hatten, erlaubte ihm eine Erbschaft, seine Zeit tatsächlich zu großen Teilen mit der Schriftstellerei zu verbringen. Kasimir Krautstock ging spazieren, bedachte seine Bücher. Sein Plan war, ein weltumspannendes Epos zu liefern, einen Liebes- und Historienroman, ein Lebenswerk. Es sollten ungefähr zehn Teile werden, die in verschiedenen Ländern spielten; Länder, in die es die Liebenden verschlagen hatte, da sie sich aufgrund politischer und familiärer Verwicklungen auf der Flucht befanden. Der Plan bestand formal darin, die Weltgeschichte, wie sie sich ihm seit der Antike darstellte, in ein System zu bringen, das mit den Himmelssphären und den Frequenzen der Sphärenmusik korrespondierte: ein Roman, der alles einschloß, ein Roman, bildlich gesprochen, in Kugelform.
Er ging spazieren und arbeitete den Plan aus. Zu Beginn hatte er eine Zeichnung angefertigt, die die Länder der Weltkarte an bestimmten Punkten mit den Schalen der Himmelskuppel verband. Jetzt ging es darum, die Einzelheiten authentisch darzustellen. Er studierte alte Kulturen, lernte abgelegene Sprachen, beschäftigte sich mit Musiktheorie. Korrespondenzen würde sein vielbändiges Werk heißen, oder auch Harmonie der Sphären, wobei er sich nicht sicher war, ob am Ende nicht Disharmonien passender wäre.
Von vornherein war das Projekt zum Scheitern verurteilt. Er glaubte sich in den weltlichen Dingen nur ungenügend auszukennen. Er ahnte, daß die Anlage des Ganzen falsch war, nicht schlecht, aber falsch. Deshalb fing er nicht an. Er schrieb nicht, er bereitete sich vor.
Abgelegene Sprachen zu erlernen fiel ihm leicht. Er wunderte sich, wie leicht es ihm fiel. Er schrieb Leserbriefe an Verlage, um sie auf Fehler in ihren Drucksachen aufmerksam zu machen. Das Wörterbuch des Malaiischen, die finnische Grammatik, die Lesetexte in einem Lehrbuch afrikanischer Dialekte hatte er stirnrunzelnd korrigiert und den Verlagen die richtigen Versionen mitgeteilt. Davon sprach er auf den Partys, zu denen man ihn einlud, weil auch er rauschende Feste zu veranstalten wußte. Aber am Wörterbuch des Malaiischen waren die wenigsten interessiert. Insgesamt war er kein sonderlich gern gesehener Gast. Er besaß die Kraft des Zugriffs, und zwar gerade auf die Punkte, die man in einer Konversation höflicherweise vermied. Er fragte die Gastgeberin nach ihrem Haarfärbemittel, den Gastgeber nach seinem unehelichen Kind. Auf dem Fest seiner eigenen Eltern berichtete er den Anwesenden von den Bestrafungen, die er als Kind erfahren hatte, auf dem Geburtstag des Bruders erklärte er den Gästen, daß er mit dem Bruder im Streit lag, weil er zuviel Geld im Bordell durchbrachte und die gemeinsame Firma vernachlässigte.
Bei der Abendeinladung eines Geschäftspartners, den er bis dahin noch nie gesehen hatte, weil sein Bruder sich um solcherlei Angelegenheiten kümmerte, legte er den Plan seines Lebenswerks dar. Er referierte ausführlich über den Klang einzelner Himmelsschalen; die Zuhörer wandten sich ab und holten Getränke. Allein gelassen, wandelte er gedankenverloren durch die Räume. Der Geschäftspartner trat auf ihn zu, leitete ihn zu der Gruppe, in der sich auch sein Bruder unterhielt. Kasimir Krautstock riet dem Geschäftspartner, auch einmal unter den Schränken zu fegen. Die Gruppe erstarrte. Der Geschäftspartner sei niemand, der den Staub zu würdigen verstehe. Das könne er, Kasimir, einfach so voraussagen. Dann aber solle man sich bemühen, den Staub gründlicher zu entfernen. Niemandem fiel dazu etwas ein. Er meine das sowohl symbolisch als auch konkret, erläuterte Kasimir, bevor er vor einem alten Möbelstück auf die Knie ging und die Arme lang in den Spalt zwischen den Schrankfüßen streckte. Sammelbewegungen. Völlig verschmutzte Ärmel eines teuren Anzugs. Hände voll Staub. Staub in filigranen Strängen, in lose zusammenhängenden Segmenten, wie Körper feinbehaarter Raupen. Staub mit borstigem Haar durchsetzt, Staub voller Krümel und Spinnenbeine. Staub von stumpfem Grau, von unendlicher Weichheit, Kasimir hielt ihn zärtlich an seine Wange. Darum werde es gehen in seinem Roman. Die irdischen Kopien himmlischer Systeme. Verschlungene Fäden. Schönheit des Staubs.
Blumenmumien
Der Goldhamster rannte über den Weg und versteckte sich hinter einem Büschel Löwenzahn. Dort saß er zitternd, äugend.
Später Herbst. Nachts schon die ersten Fröste. Schlechte Zeit für ein Jungtier, draußen.
Kurt Koch hob ihn auf und steckte ihn in seine höhlige Anoraktasche, zog den Reißverschluß zu. Zwei Schritte weiter wuselten Hamster am Rand der Wiese und versuchten, in mehrere Richtungen zugleich zu fliehen. Kurt Koch zählte drei Junge sowie ein älteres Tier, wohl die Mutter. Sie wirkten verstört. Gerade erst ausgesetzt. Hatten sich noch nicht weit voneinander entfernt. Kurt Koch fing sie ein. Sein Mitleid war überwältigend. War nicht auch er selbst erst kürzlich ausgesetzt, von seinem Freund vor die Tür gesetzt worden? Er erinnerte sich an den letzten Kuß auf dem Bahnsteig. Zwei kleine graue Männer in Anoraks, schon älter, nicht begütert, die aneinander Halt suchten. Er hatte den anderen umfaßt, war von ihm über den Kopf gestreichelt worden, und Kurt, noch ein Stückchen kleiner als der Reisende, hatte sich auf die Zehenspitzen stellen müssen, um ihn zu küssen.
Als sein Freund zurückkam, hatte der plötzlich eine Frau, und es war aus. Ihm blieb nur ein Blumenstrauß, apricotfarbene Rosen mit Schleierkraut, den er im Oktober zum Geburtstag bekommen hatte. Über Kopf aufgehängt, sorgsam getrocknet und wieder in die Vase gestellt, stand der Strauß auf dem Wohnzimmertisch und staubte ein.
Es schnürte ihm die Brust, aber er wollte nicht wieder heulen, nicht mitten im Park. Er sammelte die Hamster in seine Jackentasche und nahm sie mit nach Hause. Sie konnten vorläufig im ausgedienten Aquarium wohnen.
Er hatte das Aquarium mit Sägespänen und Holzwolle befüllt, in die sich die Hamster eingruben. Er konnte sie durch die Glaswand schlafen sehen: eingerollt, mit winzigen rosa Pfoten, zuckenden Näschen, hauchdünnen Lidern, ein niedlicher, ein zerbrechlicher Schlaf.
Das erwachsene Weibchen war schon wieder trächtig. Als der Wurf kam, schien es ihm besser, die älteren, schon halbwüchsigen Jungen von der Mutter zu trennen. Er kaufte ihnen einen Hamsterkäfig mit Laufrad. Manchmal stand er nachts auf und sah ihnen zu, wie sie darin liefen. Es rührte ihn, daß sie sich vergeblich Mühe gaben, liefen und liefen ohne Ziel. Sie erreichten nichts, und er empfand Sympathie für sie, er fühlte sich ihnen nahe, fast hätte er gedacht: verwandt.
Die Hamster vermehrten sich unerwartet schnell. Nach drei Wochen trugen bereits die Jungen, die er im Park gefunden hatte, nach drei weiteren Wochen die Kleinen, die im Aquarium geboren waren. Er kaufte einen größeren Käfig, aber bald benötigte er mehr Behälter, so daß er zu improvisieren versuchte. Holzkisten oder Pappkartons kamen nicht in Frage, die Tiere fraßen sich durch. Putzeimer kamen in Frage, große Einmachkessel, stabile Plastikkisten mit hohem Rand. Er stellte bereit, was sein bescheidener Haushalt hergab. Versorgte die Hamster mit Futter. Wechselte die Einstreu, wenn auch seltener als zu Beginn. Dann gelang es dem ersten Tier zu entweichen.
Von Anfang an hatten die Hamster, die nicht im Laufrad liefen, unablässig Versuche unternommen, die Wände hochzugehen. Schon im Aquarium waren sie mit Anlauf gegen das Glas gesprungen, hatten zwei Schritte in die Höhe gemacht, um dann abzurutschen und wieder unruhig mit den anderen zu wimmeln. Sie rannten und sprangen die ganze Nacht, und er bedeckte das Aquarium vorsorglich mit einem Kuchengitter, beschwerte dieses mit einem Topf.
Jetzt hatte es einer von ihnen, Kurt Koch wußte nicht wie, geschafft, sich hochzukatapultieren und die Wand des Putzeimers zu überwinden. Er hatte sich unter die Spüle geflüchtet und sich dort, hinter dem Vorhang, zwischen den Putzmitteln versteckt, ein Gewohnheitstier, dachte Kurt lächelnd. Es gelang ihm nicht, ihn wieder einzufangen, und er setzte ihm in zwei Untertellern trockene Maiskörner und Wasser hin.
Der freilaufende Hamster nagte alles an. Kurt Koch stellte seine Schuhe hoch. Rollte den Teppich ein und brachte ihn in den Keller. Hängte den Staubsauber in einer gewissen Höhe auf. Mit den eckigen Plastikkästen baute er eine Mauer um seinen Wohnzimmerschrank. An seinen Zimmerpflanzen hing er nicht. Sie waren, las er nach, nicht giftig. Sie verschwanden über Nacht.
Nach drei Monaten fand er das Muttertier aus dem Park tot im Käfig. Er fühlte sich schuldig, wußte aber nicht, was er falsch gemacht hatte. Er wußte nicht, wie alt Hamster werden. Er wußte nicht, wohin mit dem Kadaver. Meinte, etwas vom Abdecker gehört zu haben, dem so ein Haustier nach Beendigung des Lebens abzugeben war. Tote Haustiere nur beim Tierarzt entsorgen, raunte es in ihm, niemals in den Hausmüll, auch nicht einfach irgendwo eingraben, Tierfriedhof allenfalls, raunte es, aber auch das würde Gebühren kosten. Er legte das tote Weibchen auf Holzwolle in einen Schuhkarton und stellte ihn vorläufig irgendwo ab. Er war froh, wenn es ihm gelang, in Zukunft das Futter für die immer noch wachsende Schar zu bezahlen. Dreihundert Hamster versorgte er inzwischen. Er bewohnte zwei Zimmer. In jedem Raum, auch in der Küche und im Bad, Dutzende Hamster. Nachts lag er oft wach, weil die Tiere in ihren Behältern tobten. Sie rasten und kletterten. Beschäftigten sich unentwegt mit Flucht. Bissen um sich und fauchten. Bissen einander tot. Die, die entkamen, fraßen sich durch die Fußleisten und schliefen tagsüber in verborgenen Hohlräumen des Gemäuers. Nachts nahmen sie Futtergaben entgegen, verschwanden wieder im Abseits, vermehrten sich dort.
Aus der Wohnung von Kurt Koch begann es zu riechen. Er hatte die Kontrolle über die Population, ihre Kopulationen und Ausscheidungen verloren; der Linoleumboden in der Küche war mit einer dicken Schicht Sägespänen bedeckt. Darin eingegraben lebende und tote Tiere, verlassene Nester, gefüllt mit Spelzen und reiskorngroßem Kot. Die feuchten Stellen trockneten nicht mehr.
Kurt tat noch immer sein Bestes. Er gab sich Mühe, die Versorgung zu gewährleisten, aber er sah nachts nicht mehr gerne, wie sie im Rad liefen, er war erschöpft.
Die Nachbarn bemerkten lange nicht, daß die ersten Goldhamster die Wohnungsgrenzen überwunden hatten. Das nächtliche Rascheln, die Fraß- und Kotspuren führten sie auf Mäuse zurück, Ärgernis genug. Aber eines Morgens fand Frau Schulze einen Hamster in der Mausefalle.
Als das Tierschutzamt kam, war er ehrlich gekränkt. Er hatte sich eingeschränkt. Hatte getan, was er konnte. Nun wurde ihm bedeutet, er habe auf ganzer Linie versagt.
Einstreupackungen stapelten sich die Wand hoch. An vielen Stellen war die Plastikhülle aufgebissen, die Streu rieselte heraus. Hamster hatten sich Gänge in den Turm gegraben.
Die Wohnung wurde geräumt. Man nahm alle Hamster mit. Schaufelte die Streu weg, riß das zerfetzte Linoleum heraus. Für die Tiere, die sich in den Wänden versteckt hielten, engagierte der Vermieter einen Kammerjäger. Die Möbelböden vollgesogen mit Urin: Auch die Möbel mußten entsorgt werden. Mit den Möbeln verschwand auch der Trockenstrauß. Oben auf dem Wohnzimmerschrank, wo die Hamster nicht hinreichten, hatte er sich gehalten, gänzlich eingestaubt, verschrumpelt und hart. Ein Mitarbeiter vom Amt hob ihn herunter, zog auf dem Weg zu den Müllsäcken schwebende Spinnenfäden hinter sich her.
Die Wolkenformel
Mechthild Pech beschäftigte sich seit frühester Jugend damit, das Phänomen der Wolke in seiner materiellen Dimension zu erfassen. Nachdem sie schon im Kinderwagen den Blick stets in die Höhe gerichtet hatte, dem Flug der flauschigen und majestätischen Gebilde mit besonderer Zuneigung folgend und begeistert speichelnd, wenn Gewitter aufzog, legte sie bald ein imaginäres Raster über den Himmel, das ihr eine Antwort auf folgende Frage ermöglichen sollte: Welches Volumen muß eine Wolke aufweisen, um eine bestimmte Literzahl abzuregnen? Ihr ganzer Ehrgeiz lag darin, Geschwindigkeit, Größe und Wassergehalt unserer flüchtigen Gefährten zu berechnen, um mit Hilfe dieser Angaben die Niederschlagsmengen exakt vorherzusagen.
Mechthild Pech war seit frühester Jugend zu intelligent für ihre Umgebung und erregte schon im Kindergarten den Neid ihrer gleichaltrigen Artgenossen. Die Kinder hänselten sie, schlossen sie von gemeinsamen Spielen aus, weil sie bei Spielen, die zu gewinnen waren, immer gewann, sie nahmen ihr die Malstifte weg und bewarfen sie im Sandkasten mit Sand. Mechthild Pech war schon bald intelligent genug, ihre Mitschüler nichts mehr merken zu lassen. Sie absolvierte die Schulzeit äußerst unauffällig. Sie wandte sich den passenden Jungen zu, sie lief Marathon, sie verfolgte die Eishockeyturniere. Je älter sie wurde, desto mehr trug ihr Äußeres dazu bei, daß sie gut zurechtkam. Mechthild Pech aus Mecklenburg, dunkelhaarig, drahtig, besaß das strenge Gesicht einer musisch und gärtnerisch interessierten Hausfrau, und niemand hätte ihr ein mathematisches Vermögen zugetraut, das über die vergleichende Addition der Posten auf ihrem Einkaufsbon hinausging.
Sie unternahm lange Wanderungen in Windrichtung und richtete ihr Augenmerk darauf, die eigene Schrittgeschwindigkeit mit dem Tempo der schön dahinziehenden Wolken abzugleichen. Unter dem Deckmantel der Unauffälligkeit studierte sie Meteorologie und Geophysik, und es gelang ihr noch im Studium, die diffusen Konturen, die gleichsam eingedellten Volumina, die unterschiedliche Dichte der Wolkengebilde auf eine Formel zu bringen.
Doch man glaubte ihr nicht. Mechthild Pech hatte geforscht ohne Auftrag. Dies galt, bedeutete man ihr, als Spionage. In diesem Land herrschte eine festgelegte Großwetterlage. Hier dominierte der strahlend blaue Himmel der Paraden: Es gab keine Wolken.
Mechthild Pech entdeckte die Wolkenformel und verbrachte den darauffolgenden Lebensabschnitt in den psychiatrischen Anstalten der DDR, wo sie, wie beabsichtigt, den Verstand verlor. Zuerst veränderte sich ihre Haarfarbe über Nacht von schwarz zu blond. Dann entglitt ihr die Herrschaft über ihre Sprechwerkzeuge, sie artikulierte sich nur mehr wie mit geschwollener Zunge. Solange sie sich widersetzte, die Medikamente nicht einnahm, die Pfleger schlug, behandelte man sie in der Isolierzelle. Dort verblieb sie mehrere Monate und berechnete trotzig die Volumina aller Gespenster, die durch die Wände traten. Sobald sie wieder ein Zimmer mit Fenster bewohnte, saß sie im Stupor an der Scheibe und glaubte, sie könne gefälschte Wolken von echten klar unterscheiden. Später ließ sie sich, schon gebrochen, Jahr um Jahr mit Korbflechten beschäftigen, worüber sie ihre Geistesgaben gänzlich einbüßte.
Ich bin davon erwacht, daß Küchengerüche in mein Schlafzimmer ziehen. Sie ziehen auf unerfindlichen Wegen aus der Schloßküche im Keller nach oben, ziehen durch die Ritze unter der Tür, es riecht penetrant nach Zwiebeln und Fett. Rührei zum Frühstück: Ich habe nichts gegen Rührei. Aber ich liege noch im Bett, und die Gerüche, scheint mir, kommen zu früh. Sie füllen das Zimmer an und drängen. Ich hingegen weigere mich, schon aufzustehen, nur weil das Küchenpersonal verfrüht beginnt, verfrüht Signale sendet und dann gezwungen ist, stundenlang die Eierspeise warmzuhalten. Was passiert mit meinem eigenen Geruch, vermischt er sich, verflüchtigt er sich, wird der Körpergeruch vom Rührei hinausgedrängt, wird er, fatal, von diesem ersetzt? Von Anfang an konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß es sich bei unserem Schloß um ein geruchsstarkes Gebäude handelt. Ich kann, sage ich mir, noch froh sein, daß es die Küchengerüche sind, die sich in meinem Zimmer sammeln, nicht die Patientengerüche oder die Toilettengerüche.
Mir ist die Vorstellung unangenehm, daß mein Bettgeruch seinerseits das Zimmer verläßt und sich in irgendeiner Ecke des Gebäudes anstaut, dort eine unerhörte Konzentration erreicht und womöglich andere Personen nötigt, sich damit zu konfrontieren, falls sie ausgerechnet diese Ecke des Gebäudes aufsuchen müssen. Frau Dr. Z., beispielsweise, hat in ihrer Funktion als Chefin an den ausgefallensten Stellen innerhalb dieser Mauern zu tun. Gut möglich, daß sie das Gefühl beschleicht, ich sei in der Nähe oder, schlimmer, sie befände sich quasi in meiner Mitte.
Auf der nächsten Sitzung könnte ich mich mit dem Vorschlag hervortun, eine Dunstabzugshaube anzuschaffen. Doch ist dafür kein Geld da, und es würde nichts ändern.
Seit ich im Schloß wohne, habe ich die prekäre Position inne, mich, ohne etwas dazu zu tun, von meinem Bett aus zu verbreiten, ja ich werde von diesen speziellen Räumlichkeiten, den eigentümlichen Luftwegen, den Durchzügen und dem Übermaß an Ritzen in eine sonnenkönighafte Lage gebracht: einerseits von meinem Zimmer unverhältnismäßig auszustrahlen, andererseits die eigenen Körperfunktionen praktisch öffentlich auszuüben, also abgeschottet, aber ohne Privatsphäre, gravitätisch, aber nur im Bett, während die eigentliche Macht von meinen Ersatzgestalten ausgeht.
Vorgestern habe ich ein Porträtfoto von mir an die Tür des Behandlungszimmers geklebt. Damit greife ich die unsägliche Sitte auf, die Frau Dr. Z. eingeführt hat: Im Foyer hängen selbstgemalte Bilder der Patienten, es sollen Selbstporträts sein, die dazu dienen, den Besuchern einen ersten Eindruck von den Bewohnern zu verschaffen. Dieser Eindruck kann aufgrund der Qualität der Zeichnungen nur ein haarsträubender sein, aber es gehört zum verspielten Ansatz von Frau Dr. Z., keine normalen Lichtbilder, sondern sogenannte kreative Werke des Selbstausdrucks zu verwenden. Findet ein Besucher zu uns hinaus, muß ihn dieses Foyer voller drachenartiger Gestalten, zerstückelter Körper und fies grinsender Grimassen auf jeden Fall abschrecken. Damit ist es Frau Dr. Z. gelungen, die Figur des dämonischen Türhüters, auf den die Bauherren bei unserem Schloß, einem Lust- und Jagdschloß, verzichtet haben, auf eine besonders abstoßende Weise wieder einzuführen. Indem ich ein eigenes Foto an meine Tür geklebt habe, protestiere ich gegen diesen Unfug, passe mich aber den Erwartungen von Frau Dr. Z. in maßvollem Umfang auch an. Mein Foto ist sehr scharf, ich lächele darauf freundlich und einladend. Durch das breite Lächeln sehe ich buddhahaft aus, rundgesichtig, genaugenommen auch etwas kindlich und naiv, aber die Patienten ziehen, wie ich beobachten konnte, vor dem Behandlungszimmer den Kopf ein, ziehen die Schultern hoch, blicken verschämt und betont unauffällig zur Tür, um sich sofort wieder abzuwenden. Gestern sah ich, wie Frau Dr. Z., die dort selten zu tun hat, durch den Gang huschte, fahrig nach dem Rechten sah. Sie erkannte mein Bild, zuckte zusammen, ihre stolze Körperhaltung brach ein, es dauerte einen Moment, bis sie sich wieder fing. Ich selbst befand mich am anderen Ende des Gangs, ich war im Begriff gewesen, ihr entgegenzukommen, aber dann zog ich es vor, über eine andere Etage auszuweichen.
Unsere Ergotherapeutin Petra, eine robuste, rotgesichtige Person, die täglich mit dem einzigen Bus hierher und abends wieder zurück pendelt, sprach mich beim Mittagessen an und lobte das Foto. Es sei so zugewandt, meinte sie, vermittele Trost. Allen Ernstes sagte sie Trost. Sie gehe jetzt öfter durch diesen Korridor, fügte sie hinzu, denn das Foto richte sie auf, es gebe ihr Halt. Ich bemühte mich, gewichtig zu nicken, ich verzog keine Miene.
Beim Nachtisch. Frau Dr. Z. deutete an, ihr gefalle mein Foto, weil es nicht privat wirke. Es sei sehr stilisiert, zwar scheinbar persönlich und damit vertrauenerweckend, in Wirklichkeit aber gerade aus diesem Grund unpersönlich, sie finde es, meiner Position entsprechend, ausreichend neutral. Es komme, gab sie mir zu verstehen, auf das allerneutralste Aussehen an, sie wünsche sich die neutrale Pracht einer Wand, an der die Patienten sich aufrichten. Ich habe nur allzugut verstanden, was sie damit meint: Sofern meine Funktion eine symbolische ist, bin ich austauschbar, durch jeden Beliebigen leicht zu ersetzen.
Der pikante Geruch hat atemberaubende Dichte erreicht. Er aktiviert den Speichelfluß, aber bedauerlicherweise ist noch längst nicht Frühstückszeit. Zwischen den Scheiben meines Doppelfensters habe ich, eiserne Ration, ein halbes Glas Apfelmus deponiert. Es paßt zu Reibekuchen, im Fenster bleibt es frisch und hält sich einige Tage. Ich könnte es auch im Korridor in den Kühlschrank stellen. Aber wenn ich nachts aufwache und mich mit einem Löffel Apfelmus beruhigen, stärken, wieder einschläfern möchte, brauche ich mein Zimmer nicht zu verlassen. Das Glas, bauchig inmitten von Glas, schillert wie eine polierte Fruchtschale und kann die Rundheit, Vollkommenheit, Autonomie des Apfels mehr als zufriedenstellend ersetzen.
Nachteil der Fensterverwahrung: Man sieht es von draußen. Ein angebrochenes Schraubdeckelglas mit graugrünem Mus. Vorteil: Man sieht es von draußen. Apfelmus, golden schimmerndes Kleinod. Handlich steht es im Fenster, ein weitreichendes, ein reichsapfelhaftes Signal.
Da innerhalb der hierarchischen Struktur unserer Anstalt die vornehmste Übung darin besteht, auch ohne weißen Kittel, rein mittels Haltung die Autorität zu wahren, erliege ich allein aufgrund der Tatsache, daß mitten im Schloß mein Bett steht, einer reputationszerstörenden Peinlichkeit. Die Autorität liegt nicht. Sie liegt niemals. Wer liegt, ist tot. Nicht einmal Christus am Kreuz liegt, er liegt auch nicht im Grab, folgerichtig. Das Grab ist leer. Einzige Ausnahme: ägyptische Gottheiten. Diese werden liegend abgebildet, insofern sie zwar tot sind, aber dieser Tod als relativ aufgefaßt wird, als kurze Passage, gewissermaßen als Initiation. Die liegenden Gottheiten werden behandelt, gesalbt, sie wechseln damit auf der Stelle vom Gottheiten- zum Patientenstatus. Auffällig auch das Möbel, auf dem sie sich in diesem Zustand befinden. Heutzutage würde man es als Seziertisch bezeichnen, oder auch, ohne weiteres, als Couch.
Dieses Couchgefühl, hier, ausgestreckt im Herzen des Schlosses, im Unort des Bettes, zwingt mich zur Verschärfung meiner ärztlichen Fähigkeiten. Hier ist mir auferlegt, einen Mittelpunkt zu bilden. Frau Dr. Z. hält dies für das A und O der ärztlichen Kunst: einen Mittelpunkt bilden, an dem die Patienten sich ausrichten können.
Als Chefin führt sie dieses Kunststück immer wieder mit unerhörter Selbstsicherheit vor. Die Patienten hängen, einen gewissen Mindestabstand vorausgesetzt, in Trauben an ihr, weichen ihr nicht von den Fersen. Sie hat keine Zeit für sie, läßt sich auf kein Gespräch ein, aber die meisten finden bereits in ihrem Anblick Zärtlichkeit, Erleichterung und Rat.
Ich muß davon ausgehen, daß dergleichen auch von mir erwartet wird. Nicht alle Aufgaben im Schloß werden ausgesprochen. Vieles setzt Frau Dr. Z. stillschweigend voraus. Alles, was mit Format zu tun hat, mit Charakter. Mit Fähigkeiten wie Takt und Einfühlungsvermögen, die schwer zu messen, schwer zu bewerten, schwer zu überprüfen sind.
Mir persönlich ist das Mittelpunktbilden nicht immer angenehm. Oft wäre es mir lieber, eine etwas randständigere Position zu bekleiden. Allein die Patienten beharren darauf, sich an mir zu orientieren, mein Tun und Lassen nachzuahmen, die Räumlichkeiten, in denen ich mich bewege, mit Vorliebe ebenfalls aufzusuchen.
Ein eigenwilliger Wunsch nach Nähe führt so manchen ausdrücklich in die Richtung meines Schlafzimmers. Gestern erst, als ich mich in der Mittagspause für einige Zeit zurückziehen wollte, stand Herr P. neben dem Kühlschrank im Korridor, die Hand an der Brille studierte er das Logogramm, als ließe sich anhand der Kühlschrankmarke Entscheidendes auch über mich erfahren. Bei meinem Kühlwunder handelt es sich um den Haushaltskühlschrank Kristall 63 aus dem VEB Deutsche Kühl- und Kraftmaschinen Scharfenstein, ein Modell mit futuristisch gerundeten Ecken, über die Herr P. gleich anerkennend strich. Als er meiner gewahr wurde, nickte er befriedigt, wich aber nicht von der Stelle. Ich schlüpfte in mein Zimmer, quetschte mich genaugenommen durch einen allzu schmalen Türspalt, um Herrn P. keinen Einblick zu ermöglichen, schloß die Tür ein wenig zu schnell, ein wenig zu laut.
Es gibt, soweit ich weiß, keine Regel, die es den Patienten untersagt, sich tagsüber in den Fluren des Schlosses aufzuhalten. Sie drücken sich, selbst wenn sie keine Therapiestunde haben, immer wieder vor meinem Büro herum, mischen sich unter die Wartenden. Aber besonders mein Schlafzimmer zieht sie an. Sie sonnen sich dort vor der Tür im Glanz meiner Abwesenheit. Tagsüber nehmen sie meine nächtliche Präsenz vorweg, was dazu führt, daß ich mich des Nachts von ihnen behelligt fühle. Ich weiß, sie träumen von mir. Ich träume von ihnen. Das Schloß kreist um mich.
Ich wälze mich auf den Rücken, ziehe die Bettdecke noch einmal bis zum Kinn. Der Morgen dämmert heran. An meinen Plafond ist ein Himmel gemalt, blaßblau mit goldenem Sternendekor, der seine besten Zeiten hinter sich hat. Unter dem schimmeligen Blau zeigt sich wie aufkommende Bewölkung der Putz, die Sterne versinken in Schäbigkeit. Doch stammen sie aus einer Periode, in welcher man davon ausging, das selbstverständliche Zentrum Europas zu sein. Und während Europa längst in gleichberechtigte Staaten auseinanderfällt, in mäßig gefärbte Einzelsterne, die um ein leeres Zentrum kreisen, während der geographische Mittelpunkt Europas nach unterschiedlichen Berechnungen entweder in Polen, Hessen, Litauen oder Tschechien liegt, also einem Wanderpokal gleichkommt, halte ich es für eine meiner Aufgaben, diesen Himmel zu beruhigen, zu hypnotisieren, mich zu ihm in Bezug zu setzen, für diesen Himmel ein Zentrum zu sein. Es geht darum, sich auf einen Punkt zusammenzuziehen, sich zusammenzunehmen und gleichzeitig locker zu lassen, sich auszudehnen und alle Ausdehnung zu überstrahlen. Es geht darum, zugleich allen Raum einzunehmen und keinen. Ich bemühe mich nach Kräften, einen Mittelpunkt zu manifestieren, einen einzigen Punkt aus beliebigen gleichgültigen Punkten hervorzuheben, ihn zu einem besonderen zu machen, zu mir.
Ich suche mir einen der schäbigen Sterne aus. Ich vertiefe mich in seine Farbigkeit, in das alte Gold, das mit den Jahren einen rotzgrünen Ton angenommen hat. Ich möchte mich mit diesem Gold identifizieren, Voraussetzung für alles Weitere, es fällt mir schwer.
Du, meine Seele, versuchst den festen Punkt in dir zu finden, das Zentrum stubenhockerischer Geheimniskrämerei, doch da ist nur die gloriose Weite des Himmels, in welcher die weißen Gewohnheiten, grauen Gewohnheiten wandern. Uns fehlen die züngelnden Strahlen, die als Akte der Willkür von unserm Haupt ausgehen. Uns bleiben Gedanken unklarer Zuordnung, wahllose Gedanken, die gewöhnlich von einem zum andern driften, sich einnisten, rasch wieder fortfliegen.
Und du, meine Seele, ein Ort ohne Maß, jener Stern, der sich in seinem eigenen Glanz verliert, ein himmlischer Körper, in dessen Glanz sich die Welt wieder auflöst.
Die Sterne sind durch ein gemaltes Gitterwerk verbunden, welches eine ausschweifende Räumlichkeit andeutet, Sphären. Dort erhebt sich die geistige Schöpfung, hierarchisch angeordnete Chöre, wie ich sie im Religionsunterricht auswendig lernen mußte; Gott am nächsten die Seraphim, brennend vor Liebe, ihre sechs Flügel von Augen bedeckt, dann die Cherubim, angefüllt mit Weisheit; sie besitzen vier Flügel und vier Angesichter, eines nach jeder Seite, und in ihrem Gefolge drehen sich vier Räder ineinander, die sich ebenfalls zu allen Seiten wenden und alles zu sehen vermögen. Throne und Herrschaften, Mächte, Gewalten, Fürstentümer. Die Bezeichnung Fürstentümer schien mir immer etwas manieriert, fehlübersetzt, warum nicht einfach Fürsten. Ganz hinten oder unten, jedenfalls in größter Entfernung, was auch geistig oder seelisch, ganz unräumlich gemeint sein kann, lobpreisen Erzengel und Engel, sie alle von schäbigen Sternen verdeckt; Sterne, die ich mich bemühe, im Geiste lodern zu lassen, sie zu befeuern, zu bewegen, sie gänzlich auf- und schließlich am Firmament untergehen zu lassen. Verantwortung: Mir obliegt es, den gesamten Apparat in Gang zu halten. Doch du, meine Seele, und ich, wir können nur versuchen, den Anschein zu wahren, können bloß vorgeben, den Mittelpunkt zu bilden in ruckweise, unwillkürlich vergehender Zeit, in jenem problematischen Raum, der jeder Stelle die Last aufzwingt, Drahtzieher des Universums zu sein.
Die Ohnmacht des Himmels, mit Posamenten behängt. Und wieder beginnend die harte Arbeit am Weltlichen, trauriger Traum vom Tage, enthaltend Frau Dr. Z. und Herrn P., enthaltend meine Schwester Mila und Herrn Leonberger, Odilo. Der Morgen ist da.
Draußen Nebel, in dem blaß die Parkbäume schweben. Nebel draußen heißt, es wird auch drinnen alles eingenebelt sein, die Patienten den ganzen Tag über wie in Watte, undeutlich zu sehen, schlecht verständlich, unter der Watte verkorkst. Draußen Flügelschläge, das Schwanenpaar landet im Teich, reckt die Hälse über das gilbe Gras an der Uferböschung, wartet stoisch auf die ersten Pfleger, die ersten Patienten, die die Lust ankommt, mit ein paar Brotstücken in der Tasche um den Teich zu wandeln. Das Füttern der Schwäne ist strengstens verboten. Wohl handelt es sich hier meiner Ansicht nach um eine läßliche Regel, immerhin aber um eine Regel, die Frau Dr. Z. persönlich aufgestellt hat. Ich gebe vor, nicht zu bemerken, daß sich niemand daran hält. Die Patienten zweigen bei den Mahlzeiten systematisch Brotscheiben ab. Frau X. geht so weit, in ihrer Handtasche eigens eine Plastiktüte mitzuführen, um die Tasche vor Krümeln zu schützen, wenn sie morgens die Kanten, die sie nicht mag, und die Rinden, die sie sich abschneidet, vom Teller mit einem Schwung in ihren Schoß schaufelt, wo schon die Tasche ihr Maul aufreißt. Ich werde Frau Dr. Z. nicht in den Rücken fallen, aber ich halte die Schwanentherapie für sinnvoll. Die Patienten üben sich in Fürsorge, in Beschwichtigung, sie wollen die Schwäne auf jeden Fall über den Winter bringen, wie sie sie schon bequem über den Sommer gebracht haben, wollen sie an sich binden, wollen im Frühjahr flaumige graue Schwanenküken sehen, kurz und gut, sie setzen hohe Erwartungen in ihre Krümelwürfe, und sobald die Schwäne dazu ansetzen, ein paar Bröckchen aus dem Wasser zu fischen, schlagen sie auch schon freudig die Hände zusammen und sehen ihre Erwartungen erfüllt.
Auf dem Weg zum Frühstück nehme ich einen Seitengang. Es ist mir lieber, wenn ich den Patienten, den Pflegern, den Kollegen nicht bereits auf nüchternen Magen begegne. Nach dem Essen können sie kommen, vorher halte ich mich für angreifbar. Aber an der Treppe, wo sonst kein Mensch entlangläuft, holt mich jemand ein.
Sie gehen so krumm, sagt die Stimme der Kindsmörderin, und sie hat recht, ich lasse die Schultern hängen, zur Krise gekrümmt.
Seit der Beerdigung ist mir etwas entglitten, und ich gehe leicht vorgebeugt, den Blick zu Boden gerichtet, als suchte ich etwas, einen kleinen Gegenstand, den ich verloren habe, aber ich erinnere mich nicht genau, was es ist.
Sie gehen so krumm, lieber Altfried, sagt die Kindsmörderin, und ich blicke auf, um sie zu begrüßen, aber ich kann sie nicht sehen. Ich sehe ihre Schuhe, die vor mir den Gang entlangschlurfen, weiße Turnschuhe, die sie immer trägt, aber merkwürdigerweise nur ihre Schuhe. Dort, wo sich der restliche Körper hätte befinden müssen, scheint mir ein helles Tuch zu hängen, etwas Undurchdringliches, das mit dem grellen Neonlicht im Treppenhaus verschmilzt.
Etwas Blasses, entsetzlich Langweiliges, zutiefst Unauffälliges umgibt sie oder vielmehr steht vernichtend über ihren Schuhen, ich bringe es nicht fertig, genauer hinzusehen. Ich erinnere mich statt dessen an die letzte Therapiestunde, sie hatte zu den weißen Turnschuhen eine enge Jeans und einen rosa Pullover mit V-Ausschnitt getragen, die Füße ordentlich nebeneinandergestellt, die Knie geschlossen, eine Musterschülerinnenhaltung eingenommen, die Hände gefaltet. Auch da war es mir nur mit Mühe gelungen, ihr Äußeres überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Eine Aura von Verhuschtheit und Graumäusigkeit umgab sie, man interessierte sich nicht für sie, es kostete Kraft, ihr zuzuhören, und was sie sagte, schrieb ich automatisch auf, ich hörte es kaum und vergaß es sofort.
Ich betrachte die weißen Turnschuhe, die zaghaft die Treppenstufen nehmen, und bin nicht sonderlich überrascht. Sie besitzt gleich mir die Fähigkeit, die Energie aus ihrem Körper in einem ungewöhnlichen Ausmaß herauszunehmen oder einzukapseln, die Energie, die ein normaler Mensch ausstrahlt, so sehr zu dämpfen, daß sie sich praktisch ausblenden kann. Es schockiert mich keineswegs, denn eine solche dramatische Selbstverleugnung ist aus der Logik ihres Falls heraus verständlich, und es schockiert mich doch, denn wenn sie schon in der Lage ist, sich so sehr zurückzunehmen, daß sie nur noch aus Treppenhauswand besteht, warum kann sie das dann nicht bis auf die Schuhe ausdehnen? Die Sache mit den Schuhen ist eine fragwürdige Symptombildung, aufmerksamkeitsheischend, plakativ, sexualisiert, ebensogut hätte sie es so einrichten können, daß man nur ihre Vagina sieht. Die Sache mit den Schuhen alarmiert mich, ich folge den Schuhen die Treppe hinab.
Es gibt unauffällige Menschen, die leicht übergangen werden, es gibt Ereignisse, an die sich kein Zeuge erinnert, es gibt Ladengeschäfte, die man partout nicht bemerkt, auch wenn man täglich an ihnen vorbei muß. In unserer Straße hatten wir lange ein solches Geschäft gehabt, einen Uhren- und Juwelierladen. Weder meine Schwester noch ich haben ihn je bemerkt. Manchmal wiesen uns Mitschüler darauf hin, aber wenn wir auf unserem Schulweg daran vorbeigingen, war die Stelle, an der er sich befinden mußte, wie ein graues Loch. Einmal sollte ich die Armbanduhr unserer Mutter zur Reparatur dort abgeben, ich lief immer wieder die Straße hinauf und hinab, bis ich schließlich den Eingang fand, es war das erste Mal, daß ich den Laden wahrnahm, aber danach gab es dort wieder nur diese Farblosigkeit, von der man den Blick unwillkürlich wegwandte. Manchmal hatte ich mir vorgenommen, speziell darauf zu achten, wenn ich das Haus verließ, aber an jener Stelle war ich jedesmal von anderen Eindrücken, wichtigeren Gedanken abgelenkt. Es lag an diesem Laden, seinen Betreibern: Er strahlte nichts aus. Bei solchen Fertigkeiten, wie zum Beispiel Kundschaft anziehen, handelt es sich stets um eine Art unbewußte Magie, die wir alle tagtäglich ausüben. Jedes Managertraining hat zum Ziel, diese Magie bewußt zu machen, sie zu verstärken und damit zu arbeiten. Erfolgreiche Manager können ihre Ausstrahlung, wenn es darauf ankommt, vervielfachen. Andere haben, bewußt oder unbewußt, gelernt zu implodieren, sich so zusammenzuziehen, daß sie unbemerkbar sind. Die Kindsmörderin hat diese Eigenschaft für sich ausgenutzt, oder sie hat, wer will das sagen, darunter gelitten.
Mir fehlt die Kraft, den Blick zu heben, dorthin, wo ihr Gesicht wäre. Was würde man dort sehen? Sie hat ihr Neugeborenes im Eisschrank tiefgefroren, ich weiß, ihr Gesicht ist glatt, als wäre nichts geschehen.
Ich halte mich am Treppengeländer fest und zwinge mich, sie anzusprechen. Ich wünsche ihr mit lauter Stimme einen guten Morgen, sie zuckt zusammen, enthüllt eine senfgelbe Bluse, einen felsgrauen Rock, fleischfarbene Perlonstrümpfe, sie wendet sich zu mir um, ihre Augen stehen vor, wie bei einer Flunder, die sich mit winzigen Flossenbewegungen in den Sand eingegraben hat, die sich nicht durch die geringste Regung, nur durch die Elektrizität, die von ihr ausgeht, verrät.
Ich saß in der unruhigen Luft vor dem Parkplatz der Raststätte und wartete auf ihn. Odilo war mir im Wald aus den Augen gekommen, wir hatten uns verloren, und nach einer ganzen Weile des Rufens und Suchens war ich zum Parkplatz zurückgekehrt. Das Lärmen im Wald hatte der Jagdaktion sofort jegliche Unauffälligkeit genommen: sinnlos, an diesem Tag weitere Bemühungen anzustrengen. Ohnehin hielt ich den Tag nicht für ideal, im Grunde hielt ich ihn für ungeeignet, ein Spätsommertag, klar und warm, aber Odilo hatte auf dem Ausflug bestanden, er wollte nicht vom Wetter abhängig sein.
Der weiße Plastikstuhl, auf dem ich mich niedergelassen hatte, ratschte unangenehm über den Vorplatz der Imbißstube, er knarrte bedrohlich, sobald ich mich bewegte, ich bewegte mich also nicht. Nur die Arme wagte ich zu rühren; ich zersäbelte, stocksteif bis zum Hals, einen von drei Reibekuchen in millimeterkleine Schnitzel. Trennwände aus Bastmatten schotteten die Gastronomiefläche seitlich ab. Zum Parkplatz hin beschränkte lediglich ein Rundholzriegel auf Kniehöhe den Durchgang. Ich trank eine bittere Limonade und atmete ungesunden Tankstellengeruch. Tiefflieger donnerten über den Wald und zerschnitten das heuchlerische Blau des Himmels, ein Blau, das federnd auf dem warmen Asphalt auflag, sich mit den Düften von Harz und Benzin vermischte. Sie donnerten über den Wald, dessen Eingang hinter der Tankstelle lag, ein stinkender Trampelpfad, von zerknüllten Papiertaschentüchern gesäumt.
Warum auch hatten wir ausgerechnet hier starten müssen. Streßdurchzitterte Auffahrten. Neuankömmlinge warfen rücksichtslos Wagentüren zu. Lastwagenfahrer schwangen sich in ihre hochgelegene Kabine, auf den wippenden Straßenthron. Sie zogen königlich Schlieren über den Parkplatz und setzten ihre elefantösen Wege fort.
Ich kaute mechanisch auf winzigen Kartoffel- und Zwiebelstückchen, kaute daran schon seit geraumer Zeit, als mich von hinten die Bedienung ansprach. Ob mit dem Essen etwas nicht in Ordnung sei. Es mir nicht schmecke.
Ich versicherte ihr, das Essen sei tadellos. Ob sie zufällig meinen Freund gesehen habe. Ich beschrieb ihr Odilo, hilflos, wie man jemanden beschreibt, der keine besonderen Merkmale aufweist und auf dessen Kleiderwahl an diesem Tag man nicht geachtet hat.
Was hatte er an? — Er hatte halt irgend etwas an. Eine Hose. Eine leichte Jacke. — Das treffe praktisch auf jeden ihrer Gäste zu. Jeder Gast an diesem Tag komme in Hose und leichter Jacke herangerauscht, schlinge etwas in sich hinein und steige wieder ins Auto. — Ich betonte, daß es genau um diesen Punkt gehe. Mein Freund sei ohne Auto hier. Er sei mit mir mitgefahren. Und ich nähme ihn auch wieder mit zurück.
Demonstrativ klimperte ich mit meinem Schlüssel. Die Dame versicherte mir, mein Freund sei nicht hier gewesen.
Essen Sie das noch?
Ja, sagte ich. Meine Stimme klang bärbeißig.
Ich ließ den Teller stehen und lief über den Platz zurück in den Wald. Nach ein paar Metern hatte ich die Taschentuchhäufchen hinter mir gelassen. Ich ging bis zur großen Wegkreuzung vor und setzte dort, obgleich es nicht kalt war, meine Kapuze auf. Trockene Tannennadeln rieselten mir in den Nacken, ich setzte die Kapuze wieder ab und versuchte, Kopf zum Weg gesenkt, die Nadeln aus dem Hemd zu schütteln.
Der eine Weg führte ins Tal, der andere zu einem Wanderparkplatz. Ich schlug den Weg zum Wanderparkplatz ein, sah aber schon von weitem, daß dort ein Bauwagen stand. Dürftigkeit dieses Bauwagens. Die Kanten mit rotweißem Warnanstrich versehen, hinter halbgeschlossenen Fensterläden eine Gardine, der Schornstein ein langstieliger Pilz, der aus den mausgrau gestrichenen Brettern wuchs. Mobiles Zimmer, in dem, wie es hieß, blutjunge Prostituierte gewöhnlich die Freier empfingen.
Hier zeigte sich wieder das Dichtbesiedelte des Rheinlands. Kein Punkt, an dem nicht ununterbrochen Wandergruppen, Außendienstmitarbeiter, Warentransporte querten, kein Punkt, an dem man mit sich und dem Wald allein sein konnte, an dem nicht fortwährend Leute Gebiete besetzten, an dem die sogenannte Waldeinsamkeit auch nur in Ansätzen vorhanden gewesen wäre.
Ich gab die Suche auf, ich kehrte um.
Sorgen. Leere. Luftflimmern. Ein warmer Abend, wie aus der Zeit gefallen.
Abendrot brach durch den Wald. Rotdornrot, ein verfliegendes, unwirkliches Rot vermischte sich mit dem Weißdornweiß des Tageslichts. Der Tag schwand. Odilo nicht aufzufinden. Ich dachte an ihn aus weiter Ferne, wie wenn man sich an einen Traum erinnert, zu erinnern sucht, von dem nur noch ein Gefühlsrest, kein Bild mehr da ist. Odilo ein blinder Fleck, eine Unschärfe in meinem Leben.
Was wollte ich von ihm?
Er verhielt sich nicht wie ein Freund. Er war nicht verläßlich. Und, gewissermaßen, nicht handhabbar.
Odilo war der ortloseste Mensch, den ich kannte. Eigentlich wußte niemand, was er den ganzen Tag tat. Seine Mutter konnte gelegentlich bestätigen, daß er sich in seinem Arbeitszimmer aufhielt. Ich rief an: Ja, hieß es, er sei zu Hause, er arbeite, er sei nicht zu sprechen. Nein, hieß es, er sei im Labor. Nein, hieß es, er sei verreist, da und da, sie wisse nicht genau, wann er zurückkehre, eigentlich auch nicht genau, wo er hatte hinfahren wollen, ein Vortrag, ein Symposion, eine Konferenz, er sei erwachsen, schulde ihr keine Rechenschaft.
Ein Mensch des alten Jahrhunderts, spießig, ordentlich, diszipliniert. Morgens saß er vor Sonnenaufgang am Schreibtisch, er benutzte ausgewählte Bleistifte und Füllfedern, obgleich seine Arbeit ihn mit modernster Computertechnologie konfrontierte, er hing an altmodischen Gepflogenheiten wie dem Fünfuhrtee, er verabscheute das Fernsehen und die kommunistische Partei. Ein Mensch des alten Jahrhunderts, dem dieses Jahrhundert wegbrach.
Er pflegte ein Leben in Zurückgezogenheit. Er machte sich rar. Wenn man ihn traf, vermauerte er sich in ein Gedankensystem, an dem man keinen Anteil hatte. Wenn man ihn traf, befand er sich in Gedanken anderswo. Eigentlich wußte man nie, wo er wirklich war.
Es wurde schon dunkel. Gleichgültige Rücklichter. Das Meer aus Lack und Chrom. Darin die Lichtwellen. Spiegelungen. Der Widerschein, in Kurven geführt.
Noch einmal auf diesen Parkplatz geschmuggelt der lange Atem ländlicher Sommerabende, wenn die Wetterlage eine Amphitheater-Akustik hervorbringt, als kämen die Geräusche, das Zwitschern und Zirpen, aus weiter Ferne und doch aus dem eigenen Innern. Ich irrte zwischen den tabernakelhaft verschlossenen Wagen umher, zwischen den Blenderbergen aus Alaskablau und Balticblau, aus Baikal metallic und Persischblau, Pasadenablau, Labradorblau, glitt durch Polarweiß und Polizeiweiß und Candyweiß, Alpinweiß und Firnweiß, durch ernste Tönungen von Nachtschwarz, Traumschwarz, Cosmosschwarz. Diamantschwarz. Lackierungen in Lachssilber, Rauchsilber, Nepalsilber; Titansilber oder Tizianrot, oder Postrot und Imperialrot, die eleganten Nuancen von Perlgrau und Atlasgrau, Ascotgrau, Wolframgrau. Fahrzeuge in Stratusgrau bedeckten als tiefe Bewölkung die Fläche, sie erinnerten, Memoryrot, an das wissende Ich, sie bedienten, Manilagrün, eine Sehnsucht nach Flucht.
Ich irrte durch ihre luxuriöse Größe und Farbstrahlung, ihre geheimnislose, alles verdeckende Gleichförmigkeit, irrte durch ihre abstoßende, penetrante Schönheit.
Ich interessierte mich nicht für Automobile. Ihre Heckspoiler und Spitzkühler, ihre Leistung, ihre Geschwindigkeit ließen mich gleichgültig. Ich interessierte mich ein wenig für ihre Lichtkanten und Abrißkanten, für die Charakterlinie, die das Fahrzeug modelliert, für die Dachlinie, die es in seiner Höhe, und die Gürtellinie, die es in seiner Bodenhaftung definiert, ich verfolgte gerne die Fensteröffnungslinie, an der der Materialwechsel von Blech zu Glas erfolgt, und die Kammlinie, die Wannenlinie, die Stromlinie. Ich mochte die Bombierung, die Wölbung, mit der sich ein Blech über das Nichts spannt, und mir gefielen Kühlerfiguren. Grundsätzlich aber interessierte ich mich für abwesende, für unauffindbare Automobile, ich interessierte mich hauptsächlich für ihre Abwesenheit.
Auch Odilo interessierten sie nicht die Spur. Er kaufte sich in seinen letzten Jahren Neuwagen, er glaubte es seinem Status oder seiner Mutter schuldig zu sein, aber die Modelle begeisterten ihn nicht. Wir waren Dilettanten.
Ich trat an den Parkplatzrand, dicht ans Gebüsch. Aus dem Gebüsch stiegen leuchtende Punkte, Glühwürmchen, die ich gerne berührt hätte. Ich versuchte, eins mit der Hand zu haschen, aber es gelang mir nicht, es zu fangen.
Ich setzte mich ins Auto und konzentrierte mich auf die eckigen Ziffern meiner Digitaluhr. Die Balken sprangen um und um und formierten sich zu immer neuen Zahlwerten, zu einem Schlag-auf-Schlag, zum Gang der Dinge.
Ich stellte einen Fuß auf den anderen, saß in armseliger Verlegenheit wie als Junge, wenn die kleinen Mädchen, Freundinnen meiner Schwester, mich nicht mitspielen ließen.
Ich war beleidigt, und ich war gern beleidigt. Ich suhlte mich in diesem Beleidigtsein.
Ich wollte gar nicht, daß er wieder auftauchte, ich wollte ihn nicht entschuldigen, wollte mit böser Lust, daß er mir übel mitspielte, mich ausnutzte und überging. Je länger ich auf ihn wartete, desto strahlender wurde meine moralische Überlegenheit.
Sorgen? Ich glaubte nicht, daß ihm etwas passiert war, nicht einmal, daß er sich verirrt hatte. Er war vielleicht abgelenkt worden. Es störte ihn nicht, mich warten zu lassen.
Peinigend allenfalls: durch dieses Beleidigtsein eine Verbindung mühsam aufrechtzuerhalten, die von seiner Seite aus nicht existierte. Das Unverbindliche unserer Beziehung erinnerte mich an den Hall auf Klinikgängen, an die leeren Flure mit ihren Linoleumböden und der sachlichen Beleuchtung. Odilo versetzte mich, und es gab mir einen Vorgeschmack, wovon?
Ich schaltete den Verkehrsfunk ein und lauschte dem Reden von Unfallstellen, Umleitungen, Krankenwagen und Stau, lauschte dem Knarzen und Knistern in einer Stimme, die davon unberührt blieb.
Fast wünschte ich, daß ihm etwas passiert wäre, damit nicht alles auf die Mißachtung meiner Person hinausliefe, aber dann wünschte ich wieder, es sei ihm nichts passiert, und zwar nicht, damit ihm eben nichts passiert war, sondern damit ich ihn ins Unrecht setzen konnte und mich, beleidigt, ins Recht.
Auf einmal war ich überzeugt, daß er bereits seit einer gewissen Zeit alleine Erlkönige jagte. Daß er regelmäßig in den Wald fuhr. Ohne mich zu fragen, ohne mich einzuladen.
Daß er es vor mir verheimlichte, um mich zu übertreffen.
Odilo gelang es letztendlich besser, sich unauffällig zu bewegen. Ich, mit einer gewissen Leibesfülle begabt, produzierte hier und da Geräusche, trat im Wald auf ächzende Ästchen und ließ Zweige hinter mir peitschend zurückschnellen. Odilo trat kaum in Erscheinung. Dennoch dachte ich, daß sein Erfolg gering sein mußte, da er den falschen Spuren folgte. Er ließ sich hinreißen von einem windigen Huschen, dem Schwanken eines Busches, vom Licht, das sich veränderte, zu Schatten wurde, Schatten, der über einen umgestürzten Baumstamm glitt. All das nahm er als Fingerzeig. Blütenstaub, im Rinnstein zu gelben Striemen geweht. Staub überhaupt. Baustellenstaub, Schuttladungen am Waldrand. Schallschutzbüsche.
Draußen ging der Tag zu Ende, Stille senkte sich herab, Wind kam auf.
Ich klopfte im Kampf gegen das knackende Radio den Walkürenritt auf das Armaturenbrett und wartete, daß sich aus der Weite des Parkplatzes eine Gestalt formte.
Stellte mir vor, wie er durch die anbrechende Nacht ging, von der Gruppe, also von mir, abgesondert. Ich spürte ihm nach. Ich jagte ihn in Gedanken, er vermischte sich mit allem Abwesenden, mit der Formlosigkeit, mit dem Wind. Ich jagte ihn, wollte ihm Fallen stellen. Geräuschlose Fallen. Fotofallen. Tellereisen und Schlingen. Fallgruben, mit Zweigen getarnt.
Mystische Jagd: Der Erzengel Gabriel, allegorischer Jäger, treibt mit seinen Hunden das Einhorn auf die Jungfrau Maria zu. Pausbäckige Putten führen das Rudel an langen Leinen, lassen ein Spruchband flattern, auf dem sich der Schriftzug Ave Maria enthüllt.
Maria neigt sich sanft dem Tier zu, sie zieht es durch körperlose Berührung, durch ihren Liebreiz an sich. Das Einhorn, das Christus symbolisiert, ergibt sich dem Treiben der Jäger, schreitet vertrauensvoll auf Maria zu und legt seinen Kopf auf ihr Knie.
Die mystische Jagd kreist um den Schoß der Jungfrau. Als Verkündigungsszene geht sie auf den heidnischen Mythos um ein wildes Tier zurück, das mit einem einzelnen Horn bewehrt ist und nur von einer Jungfrau gezähmt werden kann.
Meine Schwester pflegte, dachte ich damals, denke ich jetzt, die Methode der Ansitzjagd. Die Hortus-conclusus-Methode, die Geschlossener-Garten-Methode, die Diesseits-der-Hecken-hocken-Methode, es war die Methode des einfachen Wartens.
Meine Schwester, in sich ruhend, nach allen Seiten ausstrahlend, allzeit bereit, geflügelte Botschafter zu empfangen, ungewisse Tiere bei sich aufzunehmen, solange diese sich mit ihrer Katze vertrugen, meiner Schwester gelang es zu warten, ohne zu wissen, worauf.
Ich stellte mir vor, wie der Bauwagen zuschnappte, wie die schiefe Tür aufknarrte und hinter ihm wieder ins Schloß fiel. Draußen nur Wind, groß und formlos, fortschreitend in die beginnende Nacht; draußen Wind, sein Gewicht beugt das Gras, seine spurlosen Tritte folgen den Fährten der Einbildungskraft.
Ich schrak zusammen, als es an die Scheibe klopfte. Odilo hatte sich unbemerkt genähert, obgleich ich den Parkplatz bewachte.
Er öffnete die Beifahrertür und stieg ein, als wäre nichts gewesen. Als hätte er ganz im Sinne der gemeinsamen Aktion gehandelt, indem er sich bis zum Einbruch der Dunkelheit im Wald aufhielt, zur Not eben ohne mich, als hätte er Geduld bewiesen, zur Not eben ohne mich, die Aktion, auch wenn sie nicht ganz nach Plan verlief, aus reiner Größe nicht abgebrochen, als hätte er mir mit seinem Verhalten einen Gefallen getan.
Um ihn diese Aura von Chrom, Zementwerk, Nebelfrustration. Rehe auf freiem Feld, an den Rändern unscharf. Das Aufheulen von Motoren inmitten schwarzer Wälder. Sägen und durchdrehende Räder. Polierte Früchte im Gras. Die stillen Senken, wo auch am Nachmittag noch Rauhreif liegt.
Er öffnete die Beifahrertür und stieg ein.
Um ihn ein Hauch von Puder, Schweiß und billigem Parfüm.
Wir können, sagte er und schnallte sich an.
Hochmütige Kittel hingen am Haken, ignorante Kittel, die mich nicht zur Kenntnis nahmen, Kittel, die unangenehm rochen, als seien sie im Regen naß geworden, die nach nasser Ratte rochen, nach fremden, bissigen Haustieren. Kittel, die mir nicht gehörten, die mir nicht gefielen und die mir nicht paßten.
Ich besuchte Odilo im Institut. Der Pförtner hatte mich mit Instruktionen versehen und zu einer Treppe im hinteren Flügel geschickt, die ich erklomm. Auf dem ersten Absatz reckte eine medizinische Personenwaage ihren langen mechanischen Hals. Daneben präsentierte ein Abfallkorb seinen Müllbeutel, ließ sich von den Knitterfalten überlappen.
Schilder leiteten mich durch nüchterne Gänge, Schilder, auf denen es hieß: hier entlang, dritte Tür rechts, Treppe hoch. Auf den Schildern zeigten Pfeile in Richtungen, die zu den Textanweisungen nicht paßten. Pfeile, die sich wie Uhrenzeiger unbemerkt weiterdrehten, die längst nach unten wiesen, während die Anleitung den Besucher ins obere Stockwerk steigen ließ? Als habe nur die selbstvergessene Treppe es nicht mitbekommen, daß sie sich neuerdings im Keller befand?
Labyrinthische Gänge, ich das Versuchstier. Während ich eine weitere Treppe hinaufstieg, überlegte ich, daß Odilo diesen Besuch sehr wohl als Verhaltenstest konzipiert haben konnte. War ich imstande, ausreichend rättische Intelligenz aufzubringen, um seinen Arbeitsplatz zu finden?
Ich stieß auf einen Fahrstuhl und stieg ein, ich war bereits wütend. In der nächsten Etage wehte eine junge Assistentin herein, wir fuhren ins oberste Stockwerk, und sie geleitete mich bis vor Odilos Tür.
Niemand reagierte auf mein Klopfen. Ich pochte probehalber an eine der Röhren, die unter der Decke verliefen, und erzeugte einen metallischen Klang. Odilo kam aus der Tiefe des Gangs.
Ob ich gut hergefunden hätte? Es war eine Testfrage.
Ich, sagte ich, sei den Hinweisen gefolgt.
Er schloß die Tür auf, wir traten ein, und er ließ sein wichtigtuerisches Schlüsselbund, an dem eine größere Schlüsselmenge hing, achtlos auf den Schreibtisch fallen, wo es sich zu einem dicken Metallstern auffächerte. Hätte es sich nicht um moderne Sicherheitsschlüssel gehandelt, wäre es durchaus dem vergleichbar gewesen, über welches ich im Schloß verfügte.
Die Maus war jung und winzig und paßte in eine Säuglingshand. Odilo nahm sie mit raschem Griff aus dem Behältnis. In seiner Pranke wirkte sie verloren. Mäuse kommen nackt und blind zur Welt. Dieser hier war bereits ein Hauch von Fell gewachsen, nachteilig, so erklärte Odilo, für die Vorführung, denn die Maus leuchte zwar, ihr Haarkleid jedoch nicht. So daß die Behaarung das Leuchten des Leibes leider verdecke. Bei einem Jungtier, dessen Behaarung noch weniger ausgeprägt sei, könne man wohl noch einen Schimmer erhaschen, deshalb habe er ein Exemplar des jüngsten Wurfes ausgewählt, konzentrieren aber müsse man sich bei dieser Begutachtung auf die unbehaarten Partien der Maus, welche wären: die Füße, die Ohren, der Schwanz.
Ich lehnte an einem weißen Laborschrank. Als ich bemerkte, daß ich lehnte, rückte ich erschrocken ein Stück ab.
Der Raum war weiß eingerichtet und ohne Tageslicht. An der Decke brannten Leuchtstoffröhren, über weißen Tischen drückten Hängeschränke, hinter Schiebefenstern reihten sich Glasflaschen mit unterschiedlichen Flüssigkeiten. Ich wollte vermeiden, den Schrank durch mein Körpergewicht in Schwingung zu versetzen, ich wollte nichts Gläsernes zum Vibrieren bringen, ich hielt mich ordentlich aufrecht und beugte mich interessiert vor.
Über dem Labortisch schaltete Odilo das ultraviolette Licht an, er verlangte, daß ich mich auf die Stelle, an der sich die Maus befand, konzentrieren solle, da ich diese Stelle im Dunkeln nur mit Mühe wiederfinden würde.
Die Maus bewegte sich suchend in seiner Hand, sie suchte mit zuckender Schnauze nach ihrem Nest, ihrer Mutter, ihren Geschwistern, vielleicht suchte sie die Futterquelle, vielleicht war es auch nur ihre natürliche Bewegungsart, ihre Art, sich der Welt zu nähern, Ausdruck ihrer Lebendigkeit.
Ganz ruhig, Kleiner, sagte Odilo, er sagte es in einem zärtlichen Ton, den ich noch nie zuvor von ihm gehört hatte, und während ich noch spürte, wie seine tiefe, rauhe, beschwörende Stimme in meinen Körper drang, während ich mich beim Klang dieser Stimme am liebsten wieder angelehnt, mich in ihre dunklen Wellen gelegt hätte, durchschoß mich der Gedanke, daß diese Maus, die Vorführmaus, vermutlich Grund zur Unruhe hatte.
Odilo hatte sie in der Mäusezucht separiert. In einem kleinen Transportkäfig war sie in diese Kammer gebracht worden. Sie hatte sich in die Sägespäne gewühlt, es gelang ihr nicht, sich zu verstecken.
Die Mäusezucht durfte ich nicht betreten. Dies liege nicht daran, daß der Forschungsgegenstand so geheim sei, betonte Odilo. Man werde von mir nicht annehmen, ich sei ein Wissenschaftsspion. Daß der bloße Anblick einer Maus, selbst wenn sie glühbirnengleich den Raum erhellte, mich noch nicht in die Geheimnisse der Gentechnik einführte, sei auch dem Institut klar. Der Besucher, erfuhr ich, bringt Keime in die Mäusezucht ein, an denen der gesamte Bestand zugrunde gehen kann. Die empfindlichen Labortiere, die mit der Außenwelt nicht in Berührung kommen, befinden sich in einem dauernden Quarantänezustand. Sie müssen vor unwillkürlich eingeschleppten Keimen, die sich unter den Schuhsohlen befinden können, die sich beim Niesen verbreiten, beim Atmen, sie müssen vor dem Besucher geschützt werden.
Die eine Maus jedoch, die Odilo mir zeigte — würde sie nicht, wenn sie zu ihrer Mäusefamilie zurückkehrte, die von mir eingeschleppten Keime ebenfalls übertragen können? War diese Maus also, da ich sie betrachten durfte, damit schon für immer aus der Tierzucht entfernt?
Odilo schaltete die Neonröhre aus. Der Raum schlug finster über uns zusammen, voll verborgenem Schrecken, ohne Grenzen, ohne Mitte, ohne jeden festen Ort. Ich irrte für ein paar Sekunden in dieser Unermeßlichkeit umher, ich irrte in Gedanken, hatte Angst, mich zu bewegen und an den Laborschrank zu stoßen. Ich hörte Odilos Atem, er versuchte, die zappelnde Maus günstig ins UV–Licht zu halten, und dann sah ich es: Sie leuchtete. Sie leuchtete wirklich. Nicht spektakulär, nicht so, daß ihr Leuchten den Raum bedeutend erhellt hätte. Das Leuchten, dicht an der Hautoberfläche, umspielte ihren Körper wie eine Aura, ein feinstes Schimmern, als sei es die Lebenskraft der Maus, die ein wenig über ihre Körpergrenzen hinausreichte, als sei das, was man so alltäglich Ausstrahlung nennt, plötzlich sichtbar gemacht. Kein außerordentliches Charisma, was auch zuviel verlangt wäre von einer jungen Maus, aber doch ein Nimbus, wie man ihn bei einem Heiligen erwarten würde, wie ihn vielleicht die Emmaus-Jünger endlich an Jesus wahrnahmen, als es hieß: Da gingen ihnen die Augen auf.
Die Maus leuchtete, aber ich mußte mich auf dieses Leuchten konzentrieren. An ihrem Schwanz entlang sah ich es am deutlichsten, sie schimmerte schwach grünlich wie die phosphoreszierenden Sterne, die man an die Kinderzimmerdecke klebt und die nachts das am Tage gespeicherte Licht wieder abgeben.
Ein gelbgrünes, ein unorganisches, ein künstlich-mechanisch wirkendes Licht, ein wie von außen zugesetztes, nicht aus eigener Kraft oder gar aus freiem Willen im Körper hergestelltes Licht; ein Licht, wie es bei Fäulnisprozessen entsteht; leuchtender Moder, Irrlichter, Pilze, das Licht der Zersetzung.
Odilos Erfolge habe ich immer als etwas Unmoralisches empfunden. Heutzutage gibt es natürlich keinen unmoralischen Erfolg, sondern mit jedwedem Erfolg befindet man sich automatisch auf der Seite des Schönen, Wahren und Guten. Er befaßte sich mit Lumineszenz, also gewissermaßen mit Schönheit, folglich galt seine Arbeit als wahr und als gut. Oder: Er verdiente gut, also war auch das Schöne und Wahre vorhanden. Ich hingegen stieß mich bereits an dem Ausdruck Luziferase. Das Verruchte, Egozentrische, Amoralische seiner Beschäftigung lag ja schon in diesem Wort. Wir wollen nicht vom Teufel sprechen, der Teufel ist abgeschafft, auch wenn wir der Meinung sind, daß er in manchen Fällen durchaus nützlich wäre, nützlich als Orientierungspunkt im Handeln, als ethisches Kriterium, als Figuration der Abschreckung. Freud konstatierte, der Teufel enthalte die abschreckenden Züge Gottes und erlaube, an Gott selbst als gütigen, huldvollen, gnädigen Vater zu denken. Heute sind wir nicht einmal mehr zu solch einer grobschlächtigen Spaltung fähig, mit der Abschaffung des Teufels ist Gott reingewaschen, aber auch ermattet: Statt dessen herrscht eine Gleichgültigkeit, die alles erlaubt. Was bleibt, ist der Name: Luziferase, Luziferin.
Die Substanz jenes Lichtengels, Lichtbringers, Leuchtendsten. Substanz des Fliegenfürsten, des Herren der Blendung, des selbstscheinenden Leibs. Substanz des Gefallenen, des Höllensturzes, Substanz der Trugbilder und Verführungen, Substanz des schönen Scheins und der Erscheinung der Welt. Die biologischen Benennungen unterliegen nicht dem Zufall, sie machen Zusammenhänge kenntlich, knüpfen neu erforschte Wesen an ihren Entdecker, verbinden einzelne Exemplare mit ihrer Familie, Gattung, Art und sperren sie so in ein System umfassender Verwandtschaft, und nun: Luziferase. Die Substanz, die alle Festigkeit, alle Gewißheit wieder aufhebt und die Dinge zurückführt auf das, was sie immer waren: ein flüchtiges Aufschimmern in der Zeit, ein lichter Streif im Raum, ein geheimnisvolles Aufflackern der Erinnerung, Deckerinnerung, Einbildung, Traum der Welt von sich selbst. Luziferase, Leuchtorgan des herrlichsten Engels. Schönheit des abgefallenen Lichts.
Ich war durch die luziferisierte Maus ein wenig beunruhigt. Allerdings verstand ich Odilo so, daß Luziferase hier nicht in Betracht kam. Wir hätten es hier mit GFP zu tun, grün fluoreszierendem Protein, und er führte aus, daß sie, die veränderte Maus, durchaus nichts zu überstrahlen imstande sei, vielmehr stets der Anregung durch das UV–Licht bedurfte, von sich aus nichts vermochte, Katzen beispielsweise nicht durch plötzliches Aufleuchten abschrecken würde, wie auch immer. Mich hingegen hätte interessiert, wie lange so eine Maus nach ihrem Ableben noch weiterleuchtete, aber es erschien mir unpassend, mich ausgerechnet danach zu erkundigen.
Wir standen im Dunkeln, Odilo dozierte über seine Forschungsarbeit, ich hörte weg und lehnte mich doch in seine Stimme, die zufrieden klang und etwas selbstgefällig, und während er sprach, schien die Dunkelheit zuzunehmen, nur die Maus trat zwielichtig hervor und säte Zweifel. Ich zweifelte plötzlich, ob ich mich überhaupt in dieser Situation befand, ich zweifelte an mir, ob ich mich körperlich im Raum aufhielt oder lediglich in Gedanken, ob ich nicht ortlos geworden war, zerstreut in der Finsternis.
Die Maus, zu meinem Erstaunen, erledigte mich. Mir schien, daß all meine Vermögen vor ihrem harmlosen Blick zerfielen.
Meine Patienten sahen grüne Mäuse in der Klinik — was sah ich?
Ich fühlte mich vom Wunder dieser Leuchtmaus verwirrt, ich fühlte meine Vorurteile angesichts ihrer täppischen Kindlichkeit pulverisiert, ich fühlte mich von der Maus seltsam angezogen.
Odilo erwies sich als taktile Begabung. Mit welch sanfter Eleganz er die Maus hielt; die Maus, der er alsbald, so fürchtete ich, mit einer raschen geübten Bewegung das Genick brechen würde.
Ich hätte die Maus gern gestreichelt, glaubte aber zu wissen, daß ich das nicht durfte. Ich hätte gern ihr noch kaum vorhandenes, eben erst sprießendes Körperhaar berührt, meinen Finger in dieses diffuse Licht gehalten, die flaumige Haut der Maus auf ihre irdische Verfaßtheit geprüft, dabei vielleicht auch die Innenfläche von Odilos Hand gestreift, zu einem einfachen Vergleich der Wärme — ich wußte, daß Odilo viel Wert auf seine gepflegten Finger legte, sich regelmäßig eincremte, was ich niemals tat, und was um so alberner wirkte, als seine Hände dunkel behaart waren — aber die Maus würde die weichen Polster seiner Hand an Zartheit übertreffen, ich streckte im Dunkeln schon den Arm aus, aber dann ließ ich es, dachte an Bazillen, Übertragungswege — doch ich atmete ja, atmete Keime aus, die mit einem Hauch durchaus auf den mäuslichen Schnurrhaaren landen, sie infizieren konnten — die Maus besaß keinerlei Abwehrkräfte, sie war ohnehin todgeweiht — ich wagte mich nochmals vor, aber Odilo machte eine unwillkürliche Bewegung, wandte sich eifersüchtig ab, geriet zwischen mich und die Maus, und ich rammte ihn versehentlich am Oberarm. Er verlor das Gleichgewicht, suchte Halt, wollte sich an etwas festhalten und schloß die Faust.
Auch ich hatte an Standfestigkeit eingebüßt, war zurückgeschreckt und mit der Hüfte gegen den Lichtschalter geprallt. Die Röhre flammte auf, und Odilo ließ die zerdrückte Maus wie beiläufig in den Käfig zurückgleiten.
Die Maus wäre ohnehin gestreckt worden — was besagte, daß man Kopf und Rumpf auseinanderzog, bis es knackte — aber dennoch setzte sich in mir ein Gefühl des Unbehagens fest: Als hätte er sie nur getötet, damit ich sie nicht berührte.
Ich blieb nicht mehr lange. Wir tranken noch einen Automatenkaffee in der Lobby, dann verabschiedete ich mich rasch.
Den Silvesterabend verbrachte ich im Vorgarten seines Elternhauses. Die Laterne auf dem Ziegelpfosten am Gartentor brannte, die Mauerkrone war dünn mit Schnee bedeckt. Seine Mutter hatte sich unwohl gefühlt und sich früh hingelegt. Odilo mochte das vorausgesehen haben. Er rief mich ein paar Tage vorher an, ob ich den Jahreswechsel mit ihm feiern wolle, er würde sich über meine Gesellschaft freuen.
Ich hatte andere Pläne gehabt, aber ich sagte alles ab, packte die Feuerwerkskörper, die ich schon besorgt hatte, in den Kofferraum und fuhr gegen Abend zu ihm.
Ich trug eine Pelzmütze mit Ohrenklappen und einen Wollmantel von meinem Vater, ich errichtete an der Gartenmauer eine Abschußrampe, und noch bevor ich klingelte, testete ich die erste Rakete.
Er riß voller Ingrimm die Haustür auf, dann sah er, daß ich es war. Ich lächelte breit unter meiner Mütze, warf die Feuerwerkspackungen auf den Teppich im Windfang und achtete peinlich darauf, daß sie nicht mit dem Schneematsch in Berührung kamen, den ich unter den Schuhen hereintrug.
Ein steifer Abend bei Champagner und klassischer Musik.
Ich hätte andere Aktivitäten vorgezogen. Man konnte mit Odilo jederzeit tiefschürfende Gespräche führen. Aber er war nicht gerade ein Freund, mit dem man Spaß hatte.
Wir saßen vor unseren Gläsern und beobachteten, wie die Bläschen hochstiegen. Die Musik lief gedämpft, damit seine Mutter nicht aufwachte.
Zu meiner Überraschung bekundete er intensives Interesse am Verlauf meines Weihnachtsfestes. Bis dahin hatte er meinen familiären Hintergrund kaum zur Kenntnis genommen. Jetzt wollte er genau wissen, was wir getan hatten. Was gegessen. Wie wir einander beschenkten. Er fragte auch nach meiner Schwester. Ich erklärte, daß sie die Weihnachtstage nicht bei den Eltern verbracht hatte. Ich ahnte nichts.
Alle Weihnachtsabende übereinandergelegt ergeben fast dasselbe Bild. Man sieht im Zeitraffer, wie ich wachse, wie sich die Kleidermode ändert, man sieht die unterschiedliche Gestalt des Tannenbaums, der üppige Zweige ausbreitet und dann wieder schütter wird, sieht die armseligen stumpfen Nadeln mancher Jahre und die prächtig glänzenden anderer. Alle Weihnachtsabende übereinandergelegt ergeben ein Daumenkino, das ein leise bewegtes Motiv zeigt. Systematisch fährt die Fichte ihre Zweige ein und aus, blinken die Kugeln erst rot, dann gold, dann bunt, dann wieder rot, und für einen Moment brennen die Kerzen reglos elektrisch, während sie kurz darauf zu flackern und zu tropfen beginnen. Hefte mit Weihnachtsliedern klappen auf und zu, wieder auf. Lippen formen sich zu einem O, zu einem Kußansatz, ziehen sich in die Breite. Im Schlußbild sieht man mich zwischen den Eltern und Tante Sidonia, ich halte die Noten und erstarre in Gesang, man sieht mich im Schlußbild mit leidenschaftlich offenem Mund.
In diesem Jahr fiel meine Schwester aus, sie hatte andere Verabredungen getroffen, und ich mußte allein die Kinderrolle übernehmen. Normalerweise sangen wir fünfstimmig Weihnachtslieder, diesmal sangen wir zu viert, und wir gaben uns Mühe, einander nicht merken zu lassen, daß meine Schwester nicht dabei war.
Mit Freunden unterwegs, hatte Tante Sidonia gezischt, und vor Entrüstung überschlug sich ihre Stimme noch Minuten später, mitten im Lied.
Sie ist erwachsen, wir können ihr keine Vorschriften machen, hatte meine Mutter entschuldigend gemurmelt und vorgeschlagen, meine Schwester wenigstens anzurufen, aber dann bemerkten wir, daß niemand genau wußte, bei welchen Freunden sie eigentlich war. Kurz darauf rief Mila selbst an, teilte mit, sie hätten die Feier bereits hinter sich, die Geschenke, die Lieder, und wir sprachen ein wenig mit ihr über ein neutrales Thema, den Schnee.
Ausnahmsweise hatte es in unserer Region über die Feiertage geschneit. Der Schnee lag auf den Fensterbrettern und zog sich mit parabelhaftem Schwung an den Scheiben hoch. Von innen sah man, wie er das Glas an den Rändern eintrübte und nur ein gefiltertes, zauberhaft bläuliches Licht durchließ. Ich ließ mir den Hörer reichen und erinnerte Mila, daß wir früher manchmal Sprühschnee verwendet hatten, um diesen Effekt zu erzielen, widerliche Plastikkrümel, die aus der Düse stoben und an der Scheibe klebten und sich später nur mit Mühe wieder entfernen ließen, scheußlicher Kunstschnee, der aber von weitem heimelig wirkte, weil er trotz warmer Räume nicht die Form verlor. Indoorschnee, sagte Mila, moderner Unrat, und wir legten rasch auf. Indoorschnee. Ich benutzte damals Schablonen, um Sterne auszusparen, durchsichtige fünfzackige Sterne, von einem Strahlenkranz aus weißen Plastikfetzchen umhaucht.
Wir lehnten uns bedrückt zurück, mein Vater füllte unsere Gläser nach, wir aßen Weihnachtsgebäck.
Wir lungerten im Wohnzimmer in der Sitzgruppe, die ihre Position in all den Jahren nicht im geringsten verändert hatte, links vom Sofa die Fensterbank mit dem Christstern, den Alpenveilchen und Azaleen, daneben die Terrassentür mit dem Hebel und dem kleinen Knauf. Rechts die geschmückte Blautanne, sehr viel Lametta, silberne Kugeln und eine silbrig aufragende Spitze.
Wir tranken Glühpunsch und rieben die knirschenden Kandisbrocken der Printen zwischen den Zähnen, als kauten wir auf Juwelen. Knüppelharte Kräuterprinten, die man in ein heißes Getränk eintauchen mußte, um überhaupt hineinbeißen zu können. Aachener Printen, die das Aachen Karls des Großen in sich zu beschließen schienen, die karolingische Pfalzkapelle, auch die romanischen Kirchen des Rheinlandes, die Ottonen, die Kaiserkrone mit ihren goldgefaßten geschliffenen Edelsteinen, den ätherischen Farben, all das aßen wir mit der Hartprinte, und mir kam es vor, als sei sie nur deshalb so hart, um die Zeit besser speichern zu können, und als leiste sie nur deshalb so großen Widerstand, um uns in unserer Lebensmittelmüdigkeit noch einmal an das Glücksversprechen orientalischer Gewürze zu erinnern.
Zimtstangen, Gewürznelken, Sternanis. Ingwer, Koriander, schwarzer Pfeffer, Muskatnuß. Pottasche. Hirschhornsalz. Honig und Zitronat. Vanillestange. Brauner Rum. Ein Fläschchen mit Bittermandelaroma. Kakaopulver und Zuckerguß. Puderzucker, silberne Zuckerperlen, Hagelzucker: Wir aßen das Mittelalter und die Neuzeit, aßen Barock und Aufklärung, Reste alter Handelswege und der Kreuzzüge, aßen die Gepflogenheiten der Jahrhunderte und schließlich eine übersüße Gegenwart, die man zu Weihnachten durch persönlichen Verzehr dem Heiland opferte.
Meine Tante nahm zwei Spekulatius aus der Gebäckschale und legte sie vor sich auf die Serviette, sie deckte die Bildseiten auf, zwei Kärtchen eines Memoryspiels. Sie hatte einen Elefanten gezogen, dazu einen Müller. Seufzend biß sie in den Elefanten hinein.
Gebildbrote. Tronien. Aufdecken. Zudecken.
Meine Tante nippte am Glühpunsch und kaute schweigend, mit inneren Bildern befaßt.
Aufdecken: Fahrten mit dem Pferdeschlitten zur Christmette. Sidonia in eine Decke gehüllt, Johannes bis zur Nase unter einem Schaffell, die Mutter, ein wollenes Tuch umgebunden, singt.
Zudecken: Bei der Großtante seitens der Mutter in Köln, die ihre Söhne beide verloren hat, und der Sidonia nichts recht macht. Dort mit Johannes in einem schmalen Bett, Johannes, der sich an ihre Hand klammert und auch im Schlaf nicht losläßt.
Aufdecken: Gänsedaunen werden in ein Oberbett gestopft, Sidonia sitzt neben dem Ofen und ißt ein Schmalzbrot, Johannes, noch auf allen vieren, versteckt sich kichernd, bedeckt sich mit Federn.
Zudecken: Sosenpichlers, die Nachbarn linker Hand, die an einem kalten Abend aufbrechen zu Wanderungsbewegungen durch Europa, ein Oberbett im Gepäck.
Aufdecken: Der Kölner Pfarrer hat sein Wohnzimmer frisch tapeziert. Als Haushälterin serviert sie ihm und seinen Gästen ihren vielgelobten Schonkaffee.
Im Zimmer brannten nur die Kerzen am Baum. Sie ließen die Kugeln und das Lametta funkeln, und sie überzogen auch uns mit diesem Funkeln und Flackern. Eine unstete Bewegung glitt über die Gesichter und verschönerte sie, ließ die Augen glänzen, hob die Rundung eines Kinns hervor, vertiefte die Schatten zu etwas Samtigem, das mit der Tiefe des Zimmers verschmolz. Ich sah uns vor der geschmückten Tanne, umhüllt von den glitzernden Partikeln, als seien wir selbst diejenigen, die sie versprühten, hell hervortretende Köpfe, umgeben von schimmerndem Haar, hinter uns lange lamettahelle Schweife, Erinnerungen, die wir durch Raum und Zeit nachzogen. Von draußen, von der Straße aus konnte man uns leuchten sehen, Kometen, die sich einmal im Jahr auf ihrer Bahn trafen.
Ich erwachte bei Tagesanbruch vom Schaben des Schneeschiebers vor dem Haus. Mein Vater hatte in diesem Jahr einen besonderen Ehrgeiz entwickelt, den Schnee auf der Zufahrt so früh und so gründlich wie möglich zu räumen. Er hatte den Eindruck gewonnen, daß die Nachbarn, die viel später, wenn es schon richtig hell war, aus der Tür traten, etwas pikiert auf ihr eigenes dick zugeschneites Wegstück und seine strahlend rein daliegende Fläche blickten, und er hatte sich vorgenommen, hier den Winter über der Nachbarschaft ein leuchtendes Vorbild zu sein. Er schaufelte den Schnee, der ja irgendwohin mußte, an den Zaun, und dieser Zaun war jetzt bereits nicht mehr sichtbar, nur noch die Spitzen ragten heraus. Er schaufelte sehr systematisch, er kratzte über die Stellen, an denen der Schnee schon festgetreten war, damit man dort später nicht ausrutschte, und wenn es nichts mehr zu schaufeln gab, holte er den Straßenbesen und fegte die letzten Flocken an den Rand.
Am Abend wanderten wir durch die Neubausiedlung, und mein Vater kommentierte die Räumleistungen der Anwohner. Erst schaufeln, dann streuen, hatte er uns seit Kindheitstagen eingeschärft, und kritisch, aber mit triumphalem Unterton wiederholte er diese goldene Regel, als wir über einen Pfad voller halbflüssigem, knöcheltiefem Schneematsch stapften, in dem sich rosa Salzkristalle auflösten und der Masse eine graurosa Färbung verliehen. Mit einigen Partien des Bürgersteigs schien mein Vater halbwegs zufrieden. An manchen Stellen mußten wir storchig die Beine heben, ohne verhindern zu können, daß es uns kalt in die Schuhe rieselte, aber zumindest teilweise war der Schnee weggeschafft. Es gab, stellte mein Vater fest, einige Anwohner, die ihren Pflichten halbwegs korrekt nachgekommen waren, wenn auch natürlich niemand imstande gewesen war, so scharfkantig und so ebenmäßig zu schaufeln wie er.
Wir brachten Tante Sidonia zur Bushaltestelle. Normalerweise chauffierte mein Vater sie am Nachmittag des zweiten Feiertages zurück nach Köln. In diesem Jahr traute er sich nicht den Hang hinauf. Die Nebenstraßen waren nicht vom Schnee befreit, erst zwei Tage vor Silvester würde man es wieder wagen können, sie zu befahren.
Es ging steil bergan, wir schwitzten, obgleich wir froren. Um uns eine verheißungsvolle Schneedecke, unter der, wie bei einem Adventskalender, Lebkuchenherzen verborgen sein mochten, Rauschgoldengel, Spielzeug und Strohsterne. Kinderwünsche, Illusionen, Erwachsenenglück.
Wir stiegen keuchend unter den fallenden Flocken weiter empor, erdrückt von Verheißung. Die Welt lag unter Milliarden von Sternen begraben, Schneesternen, Aberwitz. Die Tiefe hinter den Flocken eine bestürzende Fülle, aus der die Kristalle wie ausgeleert fielen; eisige Oberflächen, filigran und kurzlebig, unberührbar, trudelten aus einem riesigen schwarzen Raum.
Als würde die Nacht in der Salzmühle zu glitzernden Körnern zermahlen werden, eine Nacht, ausgestreut in sich selbst, ein feines Geriesel, das auf die Straßen fiel und alles lahmlegte, das ganze Getriebe zum Stillstand brachte.
Wir standen versuchsweise an der Haltestelle, es war spät, uns war kalt, in die Gegenrichtung sei seit Stunden nichts gefahren, so hatte uns ein Anwohner gewarnt, der mit der Zigarette vor seinem Haus auf und ab ging und seinen Pinscher unter der Laterne scharren ließ. Wir warten zehn Minuten, hatten wir uns gesagt, aber dann näherte sich nach fünf Minuten ein Licht, es tauchte am Ende der Straße aus der Dunkelheit auf und füllte für einen Moment alles aus. Der Bus kam, meine Tante stieg ein.
Soso, sagte Odilo, und es war nicht zu erkennen, ob mein Bericht ihn zufriedengestellt hatte.
Und — deine Schwester, wißt ihr denn jetzt, wo sie war?
Nein, sagte ich. Das ganze Thema langweilte mich.
Kurz vor Mitternacht zogen wir unsere Mäntel an und traten vor das Haus. In der gesamten Straße war niemand zu sehen, hier lebten vorwiegend ältere Menschen, die um diese Zeit in ihren Sesseln blieben und sich zuprosteten.
Wir zündeten die Raketen. Odilo war mit kindlichem Eifer dabei, mit einer verzerrten Freude, als gelänge es ihm zum ersten Mal in seinem Leben zu rebellieren. Ich hielt das Feuerzeug mit technischem Gleichmut an die Zündschnüre, hörte die Kracher detonieren, sah die Raketen explodieren und Funkengarben über den wattigen Himmel sprühen, ich ging systematisch vor, mit ruhigen, routinierten Bewegungen, ich fühlte mich ausgesprochen souverän.
Odilo war vom Feuerwerk regelrecht ergriffen. Er tänzelte aufgeregt hinter mir, las mir die Anleitungen auf den Verpackungen vor und beaufsichtigte, ob die Zündung erfolgte, ob ich es richtig machte, ob ich das Feuerzeug mit der gebotenen Sorgfalt aufflammen ließ. Er wiegte die langstieligen Raketen im Arm und hielt sie mir eine nach der anderen hin, er achtete darauf, daß nichts versehentlich in den Schnee geriet, er stampfte eine Stelle zurecht, auf die wir die Boxen mit den Kugelblitzen aufsetzen konnten, ohne daß für das Pulver hinter der dünnen Kartonwand Gefahr bestand, feucht zu werden.
Die Raketen gab er mir jeweils mit einer Verzögerung, als falle es ihm schwer, sich von ihnen zu lösen, als wolle er, an sie geklammert, am liebsten mit ihnen auffahren und mit ihnen am Himmel stehen.
Wir hatten Barocksonnen, Venezianische Fontänen, Riesenfontänen, Römische Lichter, Brillantfächer, Glorien, Wasserfälle in Silber und Gold. Hatten Jupiter- und Marsraketen, Bengalische Streichhölzer, Silbertaler, Vesuve, Leuchtkugeln, Phönixe.
Die leuchtenden Körper schossen als Mutmaßung in den dunkelgrauen Raum, entfalteten sich in narzißtischem Glanz, sprenkelten die Nacht mit Magnesiumtropfen, drehten Feuerräder, ließen kunstvolle Sekundenwälder wachsen, verschwendeten schnellebig-gleißende, nutzlose Pracht.
Um uns verschlossen sich die Einfamilienhäuser tiefer in ihren strengen Vorgärten voll blaustichiger Fichten, duckten sich unter dem Qualm aus ihren eigenen normierten Schornsteinen, der weiter oben im Nachthimmel zerblasen wurde, lauerten auf uns in ihrer herrischen Selbstgewißheit.
Odilo erwies sich als dienstbares Geschöpf, kontrollierte meine Arbeit, leistete kleine Handreichungen, Odilo hockte neben mir im Schnee, Schatzsucher, Goldgräber, Revolutionär, und verscheuchte die bösen Geister des kommenden Jahres. Odilo, der sich ein Leben lang über proletarische Gebräuche wie den lautstarken Jahreswechsel lustig gemacht hatte, nahm meine Rede von den Dämonen, nahm unser Knall- und Rauchwerk überraschend ernst.
Als ich mich umdrehte, sah ich seine Mutter, ich sah sie unruhig durchs Treppenhaus steigen, sah sie von draußen, von der Straße aus durch die Wand aus Glasbausteinen, nur ein Schatten, in Fragmente zerteilt. Ich sah sie, ein zerrissener Hauch, der seine Teile noch mit großer Mühe im Rahmen der Fugen zusammenhielt, und mir kam es vor, als sei es diese Mühe, die bereits ihr Leben ausmachte und sie erschöpfte.
Odilo bemerkte sie nicht. Sein Haar schimmerte im geliehenen Glanz grün und rot; er fixierte das Feuerwerk, begab sich mit jeder Rakete in die Luft, konzentrierte sich darauf, wie sie zerglitzerte.
Als endlich alles verloschen und die Luft dicker geworden war, schien er auf den Geschmack gekommen. Er warf einen Fieberblick auf das Tribunal unglaubwürdiger Büsche, das das Gartenmäuerchen verdeckte. Fixierte hitzig die schneebeladenen Zweige der Tannen, die abgestorbenen Halme eines Ziergrases, die Ziegel, die im Schnee nach Moos und Moder rochen. In seinen Augen glomm plötzlich Lust am Aufruhr, er verlangte von mir das Feuerzeug, steckte das Ziergras in Brand, das auch brav entflammte. Er kokelte an einem lästig überstehenden Zweig, aber der hing naß und schneeig und entzündete sich nicht. Achtlos wandte er sich ab, dann hing der Zweig in seinem Rücken, dunkel geädert wie der Flügel der Gemeinen Stubenfliege. Odilo sengte sich den Ärmel an und kicherte blöde, und ich hinderte ihn daran, am Nachbarszaun zu zündeln, führte ihn statt dessen zu meinem Wagen, setzte ihn auf den Beifahrersitz und schnallte ihn an. Hatten wir einen lustigen Abend? In der Unterführung kurbelte er das Fenster herab und begann lauthals zu singen. Unterbrach sich: Welche Lieder meine Familie nochmal gesungen hätte am Weihnachtsabend? Keine Lieder, brummte ich unwirsch, Fenster zu, es ist kalt, und er ernüchterte innerhalb von Sekunden und kurbelte folgsam die Scheibe wieder hoch.
Wir kurvten eine Weile um das Endenicher Ei. Auf dem Rückweg scherte ich aufs Feld aus und drehte auch hier einige Runden, ich fuhr keine Kornkreise, sondern eine Unendlichkeitsschleife. Immer noch sprühten einzelne Feuerwerkskörper in die Luft, das Feld lag im Schwarzpulverdunst.
Barocksonnen, sang Odilo vor sich hin, und es war mir unendlich peinlich, daß er mit dem Singen nicht aufhörte, Barocksonnen, sang er, Doppelsonnen, Nebensonnen.
Selbstfliegende Felder, wie witzig, guck mal.
Die Sonne geht auf. Wir sind die Sonne.
Als wären wir unschuldig, aber woran?
Odilo war betrunkener, als ich gedacht hatte.
Doppelsonnen, sang er: zwei Freunde, die umeinander kreisen. Doppelsonnen: Eine ist meist kleiner und halb verdeckt. Unsichtbare Sonnen, unrealistische Sonnen, Sonne unterhalb des Horizonts. Nebensonnen. Gegensonnen. Die Idee einer Gegensonne gefiel ihm besonders.
Parhelion — Scheinsonne, posaunte er in die Nacht, Scheinsonne — Sonnenschein, völlig verrückt. Sundog, prahlte er, Schoßhund der Sonne, und wenn wir diesen entführten, wäre doch unser Sieg über jene schon näher gerückt.
Vor seinem Haus öffnete ich den Kofferraum, nahm das Bleigießset heraus, dessen ich mich bei meiner Ankunft vor Mitternacht noch zu sehr geschämt hatte, und bugsierte ihn mitsamt dem Set ins Haus.
Bleigießen. Ich goß einen Tannenzweig. Er goß eine undefinierbare Masse mit Auswüchsen, die er nicht deuten konnte.
Ich hatte von einem entnadelten Tannenbaumskelett geträumt, dessen Zweige dicht mit moosgrüner Wolle umhäkelt waren, eine paßgenaue warme Hülle.
Es war der Tag, an dem Odilo mich im Schloß besuchen kommen wollte. Den ganzen Vormittag über ging mir der Tannenbaum nicht aus dem Kopf. Er lag in meinem Traum an einem Wegesrand, wie unser Kliniktannenbaum vor einigen Wochen draußen gelegen hatte, abgetakelt und abgeschmückt. Diese Anstaltstanne hatte vom ersten Tag an genadelt, sie hatte genadelt, noch bevor sie überhaupt, mit einer Schnur Elektrokerzen umwunden, in der Eingangshalle stand. Erst hatten mehrere Personen, mit Leitern und Seilen ausgerüstet, den Baum aufstellen müssen. Dann wurde der Hausmeister gesichtet, der eine Kabeltrommel hinter sich herzog. Er führte endlose Kabelschlangen durch die Halle, weil es in der Ecke, die man für den Baum gewählt hatte, keine Steckdosen gab. Später kam er mit dem Besen und fegte die Nadeln auf. Als der Baum abgebaut wurde, war er bereits sehr schütter. Die letzten Nadeln lösten sich, als er draußen lag und darauf wartete, zersägt, dann verheizt oder kompostiert zu werden. Auch mein geträumter Baum war vollständig kahl, aber die Nadellosigkeit spielte keine Rolle, da er diesen wohligen Wollmantel besaß, der jeden Zweig einzeln umschloß, ein Mantel in Tannenform, von trügerischer Gemütlichkeit.
Während ich am frühen Morgen mein Zimmer aufräumte, die Fenster aufriß und gewissenhaft lüftete, klammerte ich mich an das vage tröstende Nachgefühl dieses Traums. Schon am Vorabend hatte ich das Bedürfnis verspürt, den Pflegern Dampf zu machen, sie anzuhalten, einmal, nur einmal mit analer Gründlichkeit aufzuräumen, sich in einem weniger ruppigen Umgangston zu versuchen, auch die Patienten besser anzuziehen, ein einziges Mal nicht die ewige Sport- und Freizeitkleidung, nicht die nachlässigen Frisuren, die überhängenden Hemden. Ich beherrschte mich, ließ die Pfleger in Ruhe, trug ein angebrochenes Apfelmusglas zum Kühlschrank, ich wischte Fettflecken von der Heizung und wechselte meine Bettwäsche.
Sozialarbeiter, hatte Odilo meinen Beruf genannt, und das hieß für ihn, sich selbst so weit erniedrigen, daß das eigene Licht unter dem Scheffel keine Chance mehr hatte.
Warum tust du dir das an, hatte er gefragt, warum nicht wenigstens Arbeitspsychologe, Forensiker, eine gutbezahlte Stelle, angemessen, anspruchsvoll.
Deine romantische Poesie des Arzttums, hatte Odilo gesagt. Erfahrungsseelenkunde! Psychokatharsis! Nervenspezialist! Es ist doch so, daß du die Krisen der anderen zu deinen eigenen Krisen machst.
An diesem Morgen kam mir die Erkenntnis, daß wir es am Ende gar nicht den Eltern, auch nicht dem Chef, sondern in erster Linie den Freunden rechtmachen möchten: in ihren Augen gut dastehen, mit unserer sogenannten Entwicklung ihrem kritischen Blick standhalten, uns mit der Ausübung unserer Fähigkeiten ihrer Gesellschaft würdig erweisen. Ich traute Odilo ohne weiteres die größte Übersicht über meine Möglichkeiten zu, die beste Kenntnis meiner Talente, eine grauenhaft gründliche Einsicht in meine Stärken und Schwächen. Auf die Eltern konnte ich hierbei seit der Grundschulzeit nicht mehr zählen. Sie meinten es gut, aber mit allem, was ich lernte, mit jedem Bildungsschritt entfernte ich mich aus ihrem Gesichtskreis. Von Odilo erhoffte ich mir, was sie mir nicht mehr zu geben vermochten: Unterstützung, Anerkennung und Absolution.
Ich hatte übermäßig lange gelüftet, um die schlechten Gerüche aus dem Raum herauszubekommen. Aber das Muffige saß in den Wänden, der Raum war jetzt starkriechend und eiskalt.
Bei seiner Ankunft standen knöcheltiefe Pfützen vor dem Schloß, die er vorsichtig umschritt. Odilo, dunkelbeschuht, mit leicht eingedrehten Füßen, schlackerndem Gang.
Er hatte sich, das sah ich vom Fenster aus, in die alte Lodenjacke gekleidet, die er vorwiegend bei unseren Erlkönigfahrten getragen hatte, eine Jacke, die damals schon äußerst unmodern gewesen war und die er nun, womöglich in einem Anfall von Nostalgie oder als Zeichen der Verbundenheit, wieder herausgekramt hatte. Odilo, von allen unverstanden, genialisch, abschätzig: Ich sah ihn vom Schloßfenster aus, kam ihm nicht entgegen, wollte abwarten, wie er sich zurechtfand.
Der Zufahrtsweg lag windig und leer.
Einzig Herr P. hockte an den Pfützen, er hatte weißes Konfetti aus einem Locher mit roten Filzstiftkreuzen versehen und ließ jetzt die angekreuzten Boote schwimmen. Der Schwanenteich schien ihm für dieses Manöver zu riskant. Er hatte recht. Die Schwäne waren in der Lage, sein Konfetti irrtümlich zu fressen. Odilo umrundete höflich auch ihn, Herr P. erhob sich und deutete eine Verbeugung an. Odilo nickte gnädig und ging rascher, achtete kaum noch auf den nassen Grund.
Odilos Ankunft: Plötzlich sah ich die Leiter in der Ecke der Eingangshalle, sah mit seinen Augen den aufgerollten Teppichrest lehnen, erinnerte mich an den Stapel hölzerner Besteckschubladen, der seit Ewigkeiten am Tor vor sich hinrottete.
Immerhin, die Patienten, in der nicht ganz falschen Vermutung, es handele sich bei diesem Mann um einen Teil, vielleicht die Vorhut einer Prüfungskommission, die Patienten hielten sich tunlichst zurück.
Im Flur lungerte nur Herr Q., der auf ein gepflegtes Erscheinungsbild Wert legte, den immer gleichen Anzug mit dem immer gleichen Einstecktüchlein trug. Er verlebte den Tag im Schlendern durch die Korridore, drückte sich in den Sälen herum, sah sich außerstande zu lesen, außerstande, länger bei einer Sache zu bleiben. Diese Zerstreutheit rührte von den Medikamenten, die wir ihm verabreichten. Deren Nebenwirkungen waren zwar allgemein in den letzten Jahren zurückgegangen. Dennoch verhielten sich viele Patienten unkonzentriert, gedämpft. Bei einigen veränderte sich die Gesichtsfarbe, manchen fiel es schwer, deutlich zu sprechen, weil sie ihre Zunge als unbeweglich und vergrößert empfanden, als schwer und gelähmt.
Sanatoriumsbesucher, Kurgäste, Idioten? Nach langer Zeit fragte ich es mich erneut: Sah man den Patienten etwas an? Und wenn ja, was?
Ich mied mein Schlafzimmer mit seinen Nacht- und Küchengerüchen und führte den Freund in mein Büro. Dort wußte ich nicht, welchen Platz ich ihm anbieten sollte: meinen Schreibtischsessel, den Patientenstuhl? Odilo sah sich argwöhnisch um, wandelte argwöhnisch durch das Zimmer, nahm einen Kugelschreiber vom Tisch und studierte die Aufschrift des Urologen-Kongresses, er wog meinen Briefbeschwerer in der Hand, einen Kreidestein von der Ostsee, in dem man bei genauer Betrachtung einen Muschelabdruck erkennen konnte, und ich sagte mir stillschweigend, ja, er hat recht, es ist sentimental, sich solcherart ein Naturgefühl ins Haus zu holen, als habe man teil an den Kräften von Wetter und Zeit. Gleichzeitig hing ich an dem Stein; ich mochte das Gefühl von Wetter und Zeit, aber ich sah Odilos skeptischen Blick, und ich, wie gegen meinen Willen, pflichtete ihm bei. Er musterte die therapierelevanten Gegenstände in meinem Regal: bunte Holzfrüchte, mehrere neutral blickende Stoffpuppen, einige Kissen, gegen die ich die Patienten, wenn erforderlich, boxen ließ. Er schnippte prüfend gegen den Putz, der ihm den Gefallen tat, an der Kaminöffnung ein wenig zu bröseln. Odilo trug die Fingernägel noch immer lang und kratzte herausfordernd an einer losen Ecke der Tapete, aber die Tapetenbahn verweigerte sich, sie löste sich keineswegs ab, schlug nicht über ihm zusammen.
Dies also war mein Arbeitsplatz.
Türen schlossen nicht richtig. Es zog durch die Fensterritzen. In den Außenanlagen unbefestigte Wege, ein zugewucherter Park, ein veralgter Schwanenteich.
Er räusperte sich, zog ein schmales Päckchen aus der Jackentasche und schob es mir kommentarlos über den Tisch. Ich zog behutsam den Aufkleber der Buchhandlung ab und öffnete das Geschenkpapier so, daß ich es wiederverwenden konnte.
War ich von Odilo besessen? Alles, was von ihm kam, sei es ein Buch, sei es ein buntbedrucktes Geschenkpapier, hielt ich in Ehren, selbst wenn seine Geschenke, seine Zuwendungen für mich in Wahrheit erniedrigend waren.
Was brachte er mir mit? Tonio Kröger und andere Meistererzählungen. Was hieß das für ihn? Sein Fall, verklausuliert vom großen Thomas Mann. Was hieß das für mich? Ich war von Genies umgeben. Was hieß das für ihn? Seine Unzuverlässigkeit als Freund mußte von mir toleriert werden. Was hieß das für mich? Ich möge mich, wie immer, zusammenreißen.
Mir hatte Odilo von Anfang an die Rolle des Blonden und Blauäugigen zugewiesen, des Harmlosen, des Robusten; einschränkend mochte ich vor mir selbst anführen, ich sei genaugenommen rotblond, meine Augenfarbe tendiere zu Grün — aber selbstverständlich war ich keineswegs so dunkel in Habitus und Charakter wie er, nicht so sensibel, so selbstreflexiv, so melancholieumflort, ich schien keineswegs zu begabt für die frohsinnspralle, die oberflächliche Welt.
Dies hatte von Anfang an dazu geführt, daß er derjenige von uns war, der im Zentrum stand — soweit man bei einer Menge von zwei Personen von Zentrum überhaupt reden kann. Logische Folge: Ich entwickelte eine Spielart des Eckermann-Syndroms. Von ihm habe ich gelernt, daß man sich stets für das Unglück, nie für die Glücklichen interessiert.
Ich hielt das Exemplar von Tonio Kröger in der Hand, als hätte ich noch nie ein Buch gelesen, und dachte (was überhaupt nichts zur Sache tat) zwanghaft an unsere Personaltoilette: Wie konnte ich Odilo im Verlauf dieses Tages davon abhalten, sie benutzen zu müssen? Und während ich mir solcherlei unerfüllbare Aufgaben stellte, setzte Odilo sich schließlich auf den Patientenplatz.
Er setzte sich schließlich auf den Patientenplatz. Odilo an diesem Ort erschien mir unglaubhaft; er war nicht dafür geschaffen, einen solchen Besuch zu machen; ich begriff nicht, weshalb er gekommen war.
Er war blaß, wirkte dünnhäutig, unruhig. Immer wieder schob er die Hände über die Schenkel zum Knie, zog sie an den Innenseiten zurück. Mechanisch, wie ein Getriebe. Dann ließ er die Arme hinter dem Stuhl hängen, die Lehne unter die Achseln geklemmt.
Der Bund seiner Unterhose schob sich ein Stück aus dem Hosenbund hoch. Er hatte sein Hemdende in die Unterhose gesteckt. Das Hemd wiederum klaffte zwischen zwei Knöpfen ein wenig auf, und man sah, mandelförmig, einen Schimmer Unterhemd. Ich nahm, reine Übersprungshandlung, meinen Terminplaner zur Hand, öffnete ihn und versuchte, beim Zusammenklappen damit eine der Fliegen zu fangen, die sich mit uns in diesem Raum aufhielten. Mehrmals schlug ich heftig das Ringbuch zu. Fliegen erwischte ich nicht. Schließlich gab ich Ruhe und setzte mich seitlich zum Schreibtisch, so, daß ich seinem Blick aus dem Fenster folgen konnte. Unmengen von Lanzettblättern draußen, langflatternd und schwarz im Wind. Sie türmten sich, verhüllten etwas, eine immer höher steigende Laubsäule.
Gummistiefelwetter. Ich holte aus meinem Kühlschrank zwei Dosen Ingwerbier, er zuckte zusammen, als der Verschluß knackte. An diesem Tag wurde es nicht richtig hell. Wir saßen eine Weile im Schein der Schreibtischlampe, unsere Schatten an der Wand schwangere Ratten und Maulwürfe, wir prosteten den schwarzen Blättern zu, der Säule, die aufstieg und dann, Schlächterseele in Rüschenbluse, heimtückisch wieder in sich zusammenfiel.
Seine Zerrissenheit, sein Fremdkörpergefühl waren für mich beinah physisch zu spüren. Auch ich begann, mich auf meinem Sitz zu winden, getrieben von einem grundsätzlichen Unbehagen, beklemmender Enge, dem Drang, die eigenen Körperwände zu übersteigen, auf jede mögliche Weise einen Ausweg zu suchen, auch auf Kosten der eigenen Unversehrtheit. Ich atmete tiefer, sah ihn verständnisvoll an, wahrscheinlich ein Fehler.
Ich erwartete ein Bekenntnis, etwa in Hinblick auf sein stets virulentes Mutterproblem, ich erwartete etwas wie: Er fürchte sich vor sich selbst, vor einem Gewaltverbrechen, einer nicht wiedergutzumachenden Tat. Oder: Er leide unter dem Zwang, aus sich herausgehen zu wollen, es nicht zu dürfen, aufgrund der Entscheidung einer unbekannten Instanz. Oder: Die Durchschnittlichkeit der Verhältnisse, die unzureichende Ausstattung seiner Person, die Mangelhaftigkeit seiner charakterlichen Bildung wolle er nicht als Behinderung betrachten, sie sporne ihn an. Er wehre sich dagegen, dem inneren Sog nachzugeben und zu scheitern, Scheitern sei leicht.
Ganz selbstverständlich erwartete ich, daß er sich mir als Freund, als Psychiater anvertrauen würde; allein, er brachte es angesichts der niederschmetternden Umgebung nicht fertig.
Statt dessen sprachen wir über Belanglosigkeiten. Sprachen so vor uns hin.
Er seinerseits residiere während seiner Symposien zur Biolumineszenz oft genug in Schlössern. Auch die Feiern mit seinen begüterten Freunden fänden nicht selten in Schlössern statt. Diese Schlösser, nebenbei bemerkt, seien tipptopp, denkmalgerecht restauriert, an ihnen gebe es nichts auszusetzen.
Ich erzähle ihm von den besonderen therapeutischen Anstrengungen, die in unserer Einrichtung gemacht werden.
Einwand: Müssen die psychisch Kranken ausgerechnet in einem Schloß wohnen? Die bauliche Substanz sei wenig geeignet, den Bedürfnissen einer solchen Einrichtung zu entsprechen; unübersichtlich, schlecht zu heizen, baufällig, unfreundlich eingerichtet.
Ich erwähne beflissen, was die Patienten gerne tun. Heute werden sie vorgezeichnete Tierfiguren ausmalen, sie ausschneiden, aufkleben.
Er: Wäre das Schloß, letztlich eine Perle unter den preußischen Spätbarockschlössern, noch zu retten?
Ich: Unsere Aufgabe sähen wir darin, den Patienten auch ein minimales barockes Lebensgefühl zu vermitteln. Die vorteilhafte Wirkung von Muße und ein wenig Überfluß, von schönem Schein und all den repräsentativen Äußerlichkeiten, nach denen man sich hier wohl gesehnt habe, gehöre zu den Credos unserer Klinik.
These: Während wir drüben ungerührt Gelsenkirchener Barock pflegten und die ästhetischen Vorgaben des Bauhauses kollektiv ignorierten, wurde hüben, wo man die ästhetischen Vorgaben des Bauhauses als Staatsreligion gehandhabt hatte, nach der Wende eine Schleuse geöffnet und alles mit Gelsenkirchener Barock überschwemmt.
Antithese: Auch zu DDR-Zeiten habe man durchaus klobiges, überladenes Mobiliar in zu kleine Wohnungen gepfercht, darin den Wunsch ausdrückend, zur bessergestellten Schicht zu gehören.
Er: erlaube sich die Bemerkung, daß es zu DDR-Zeiten offiziell gar keine bessergestellte Schicht gab.
Ich: gebe zu bedenken, daß dieses Schloß seine marginale Bedeutung aus einer nicht sonderlich ruhmreichen Vergangenheit ziehe. Ein haltloser Ort, gehalten allein von den zahllosen Schloßgeschichten Europas, die letztlich Gespenstergeschichten seien.
Er: ein hypothetischer, halluzinierter Ort?
Ich: ein Erinnerungsort.
Er: ein Wohnort, an dem die Gesellschaft endgültig versacke.
Ich: behaupte, das Schloß sei doch vorderhand ein Ort der Schonung, ein Rückzugsort.
Er: ganz im Gegenteil, es sei eine Immobilie wie ein Elektroschock.
Die Unterhaltung führte zu nichts.
Odilo sprach zu mir wie hinter Glas. Ich jedoch flog unaufhörlich auf ihn zu, flog mottenhaft gegen die Scheibe, ein dummes kleines Insekt, das angezogen blieb von einem kalten Licht.
Die Unhaltbarkeit des Schlosses begann erst mit seinem Besuch; als träte alles, was bisher im Dornröschenschlaf gelegen hatte, wieder in die Gegenwart ein. Er beschleunigte den sichtbaren Verfall, riß die Dinge aus ihrer Verborgenheit. Die Stuhlgerippe und versteinerten Schränke, die im Staub vergrabenen Heizkörper, die Tapetenfossilien. Alle Unbilden, mit denen ich mich arrangiert, die ich als gegeben hingenommen hatte, in denen ich sogar eine gewisse Herausforderung, ja einen Reiz gesehen hatte, wurden von einem Moment auf den anderen zu unzumutbaren Zuständen, zum endgültigen Niedergang.
Schwarze Sonnenscheibe, du Ziel aller Jagd. Laß uns ins Schwarze treffen, laß uns also ein.
Einseitig bedruckte Papiertheaterfiguren, die auf abgeknickten Sockeln stehen, nach den Regeln der Gleichmäßigkeit zwischen Simsen, Binsen, Seggen verteilt. Spinettklänge, prunkvolle Jäger auf Pferden, ihr langsames Vorrücken, schnelleres Flüchten von Hasen und Wildschweinen. Papierenes Pirschen, Schleichen, Hocken und Kauern, während die Hirsche, große atmende Schachteln, majestätisch Linien durch eine horizontlose Landschaft ziehen, Hirsche ohne Hintergrund, die in Whiteout-Effekten äsen, prächtige Hirsche im Nebel der Einbildung. Sie springen fort, als die Sonne durchbricht.
Odilo, noch immer bei mir im Schloß. Wir saßen ein wenig herum, unterhielten uns, tranken Ingwerbier, bis es Zeit war, zu Mittag zu essen. In seinem Wagen fuhren wir zur Gaststätte im Dorf. Anstaltskost war ihm nicht zuzumuten. Wir drehten ein paar Schleifen, stellten Vergleiche mit dem Rheinland an. Die Wiesen bei uns grüner, hier grauer. Die Kühe bei uns glatter, wie gebürstet, hier hielt man eine widerstandsfähigere Rasse mit Wirbeln im Fell. Hier trugen die Kühe ein Äußeres wie bei uns die Rosettenmeerschweinchen. Wie war das zu bewerten? Wir wußten es nicht, empfanden darüber aber Einigkeit. Im Dorf hielt man die Tradition der Sättigungsbeilage hoch. In dieser Tradition kam nach dem Essen der Wunsch auf, sich die Beine zu vertreten. Sich die Beine vertreten: Mit Odilo verhielt ich mich regelmäßig frühvergreist. Wir kehrten zum Schloß zurück, stellten das Gefährt am Torhaus ab, schlenderten im Rentnertempo durch den Park.
Die Wege lagen aufgeweicht, von Kaninchen und Wühlmäusen zerlöchert. Der weiße Kies war über die Jahre hin größtenteils verschwunden. Tief eingedrückte Traktorspuren zogen sich die Heckenquartiere entlang. In den Siegeln stand das Wasser, über die preußischen Hecken hatte Waldrebe ihren graufiedrigen Flaum gebreitet. Ein Rechen, die rostigen Zinken nach oben, lag quer über dem Weg. Ich hob ihn auf und lehnte ihn an die federnde Hecke an. Der Hausmeister, der auch die Gartengestaltung unter sich hatte, scheiterte an der Parkpflege. Er fand keine Zeit, die Wege zu glätten, er mähte nicht die von Maulwürfen zerstörten Wiesen, er holte im Herbst kein Laub aus dem Schwanenteich. Für die Aufnahmen in unserem Prospekt, berichtete ich Odilo, hatten wir ihn angehalten, wenigstens ein kleines Stück der Hecke so zu beschneiden, daß man diesen Part als Vordergrund für das Schloßgebäude in Anspruch nehmen konnte. Frau Dr. Z. ist keine Romantikerin. Wilde Ruinenästhetik war für sie nicht in Frage gekommen, auch wenn sie zugeben mußte, daß unser Prospekt am Ende den Realitäten nicht ganz entsprach. Aber, argumentierte sie, wir werben mit dem, was wir anstreben, nicht mit den Zuständen, für die wir nichts können. Nein, behauptete sie, wir beschönigen nicht, wir zeigen vielmehr unsere Ziele. Die langfristigen. Außerdem sollte unser Prospekt auch gar keine Werbebroschüre sein, sondern lediglich ein Infoblatt, wir warben also nicht, wir informierten nur.
Odilo war nicht überzeugt. Er stolperte ostentativ auf dem unbefestigten Weg, stolperte unbeholfen an einer Stelle, an der es nichts zu stolpern gab, verwischte das Gespräch, führte es ins Belanglose, ins Nichts. Mit meinen Problemen vor Ort wollte er nichts zu tun haben.
Die Sichtachsen waren zugewuchert. Das Denkmal des Grafen in der Mitte der Sternkreuzung tauchte erst auf, als wir so gut wie vor ihm standen. Odilo umrundete es angewidert, das Gesicht war verwittert, die Schulterpartie und der Oberkopf verrußt. Odilo stellte sich zu ihm auf den Sockel. Mit einem Stöckchen polkte er losen Sand aus den Augenhöhlen und erkundigte sich nach den Lebensdaten des Grafen. Nach seiner Bedeutung, seinen Aktivitäten, seiner historischen Wirkung. Ich wußte nichts darüber, der Graf war unbedeutend, es störte mich, daß Odilo sich überhaupt damit befaßte. Als wir weitergingen, hatte er, das sah ich genau, die Haltung des steinernen Schloßherren eingenommen; Blick in die Ferne, das Kinn erhoben, die Arme verschränkt.
Der Schwanenteich lag verlassen da. Hinter ihm erhob sich düster und feucht die von Frau Dr. Z. so bezeichnete Grotte. Kein Vogel, überhaupt kein lebendes Geschöpf in der Nähe, nur Frau X. stand am Zaun und warf unverdrossen Brotbröckchen ins Wasser. Ihr Gesicht braunäugig, witternd, wie der schmale Kopf eines Rehs. Wir stellten uns neben sie auf die mürben Blätter vom Vorjahr, sie drückte Odilo etwas Brot in die Hand. Er schleuderte es hochmütig in den Teich. Er stützte die Ellbogen auf den Zaun und beschmutzte seine Jacke mit Vogeldreck. Frau X. fand ein Papiertaschentuch in ihrem Mantel und reichte es ihm. Er nahm es nicht. Sie griff seinen Ärmel und wischte daran herum; er ließ es ohne Widerstand geschehen. Starrte auf die Algen, die grünhaarig auftrieben. Auf einen öligen Teich voller Wasserleichen.
Ja, er hatte etwas Herrschaftliches erwartet, einen Nachmittag voll Harmonie und Eleganz.
Statt dessen Grünspan, moosige Urnen im Dickicht, ein unscharfer Park.
Ja, er habe geglaubt, aus mir sei etwas geworden. Eine harmonische Persönlichkeit in verantwortungsvoller Tätigkeit, umgeben von Standbild, Ziervase, Formbusch.
Statt dessen durchs kniehohe Wasser mit dem Aktenkoffer, durch die ewige Schilfnacht von der Arbeit nach Hause. Dieser klassische Gang mit Stullentasche, verschwitztem Hemd, auf die Warnblinkanlage zu. Durchs Wasser gehen, unentwegt durchs Wasser.
Ja, er begegne den Patienten mit einem gewissen Respekt. Er sei zwar davon ausgegangen, daß es auf die äußeren Umstände nicht ankomme. Daß man am Ende immer in der Lage sei, sich zusammenzureißen, klüger zu werden und nachzugeben. Aber er achte ihre beleidigte Weisheit und trübe Bemühung, ihre vergebliche Lebenserfahrung, ihre übermäßige Empfindsamkeit, ihren Konflikt.
Ja, er habe gehofft. Neues Leben blüht aus den Ruinen, usw.
Statt dessen ein Park voll historisch-politischer Zitate, ein ruinierter Park, ruinöse Garten-und-Park-Reste, vollgestopft mit den Trümmern der Revolution.
Er spuckte ein wenig beim Sprechen, er fragte: Fühlst du dich hier wirklich wohl?
Ich schloß die Hände um die Gitterbrüstung, drückte sie fest auf rauhe Farbe und rostige Pocken. Ich sah winzige Speicheltropfen, die aufblitzten, einen Bogen beschrieben, ins Wasser sanken.
Will man so leben? Von Versagern umringt? In einer heruntergekommenen Architektur, Abbild des Scheiterns einer ganzen Epoche?
Brüsk wandte er sich vom Teich ab und nahm Abstand von Frau X., nahm Abstand auch von mir. Von hinten sah ich die Falte, die der steife Hemdkragen in seinen ausrasierten Nacken drückte. Ich nickte Frau X. zu, die ihr Taschentuch auf das Geländer gebreitet hatte und jetzt die Hände darauf ruhen ließ, ich bemühte mich, Odilo einzuholen.
Er war blaß, fast so blaß wie ich, der ich als natürliche Hautfarbe die Totenblässe der Rothaarigen aufweise. Unter seinen Augen tiefe Ränder; er schien mir überarbeitet, er schien mir angegriffen. Ununterbrochen sprach er über Dinge, die ihn nur geringfügig interessierten. Ereiferte sich über Sachverhalte, die ihn nichts angingen, nur um über das, was ihn angegangen wäre, nicht reden zu müssen. Ich ging neben ihm her, und die Spannung, in der sein Körper steckte, griff immer mehr auf mich über.
Ich versteifte mich, biß die Zähne zusammen, überlegte kurz, wie es wäre, den Arm um ihn zu legen, verwarf das sofort. Ein Handschlag war das höchste der Gefühle. Er sprach immer schneller, gleichgültig worüber, panisch, verbohrt, mir fiel es schwer, mich auf seinen Redeschwall zu konzentrieren.
Ich konnte nicht umhin, mir vorzuhalten, daß diese Umgebung, daß mein neues Leben auf sein hochtrabendes Gemüt einen unangenehmen Eindruck gemacht hatten. Daß die Allgegenwart der Patienten eine Beeinträchtigung darstellte, der er nicht gewachsen war.
Fürsorglich rückte ich etwas näher an ihn heran. Er wich mir aus, machte ein paar hilflose Schritte über die aufgeweichte Wiese, durch den Dreck. Ein verschrecktes Pferd: Ich verspürte den Impuls, ihm auf der flachen Hand ein Stück Würfelzucker hinzuhalten.
Er trat weiter vorne zurück auf den Weg. Die Schlammränder an seinen Schuhen zogen sich seitlich bis zur Schnürung hoch.
Aus Gründen der Beschwichtigung, der Ablenkung sowie parkführerhafter Gewohnheit steuerte ich nun den alten Maulbeerbaum an. Der Maulbeerbaum konnte als Sehenswürdigkeit gelten. Er stammte aus der Zeit Friedrichs des Großen, er hatte schon damals keinerlei Nutzwert, da es sich bei diesem Exemplar nicht um einen weißen, für die Seidenraupenzucht geeigneten Maulbeerbaum handelte, sondern um einen schwarzen, er war ein reines Ziergehölz, und er war noch gut in Schuß. Allerdings ließ er zu dieser Jahreszeit das Blattwerk vermissen, was seinem imposanten Erscheinungsbild ein wenig Abbruch tat. Dies war mir zu spät eingefallen; Odilo ging bereits voran, als ob er derjenige sei, der sich im Gelände auskennte. Wir schritten im Gänsemarsch entlang der Traktorfurche. Ich konzentrierte mich darauf, über ein paar morsche Äste zu steigen und gleichzeitig nicht ins Wasser zu treten. Als ich wieder aufblickte, sah ich Odilo von hinten. Er bog an der falschen Stelle ab. Dort führte kein Pfad ins Gebüsch. Dort gab es nur Dickicht. Nur Büsche, die sich wieder ausgebreitet hatten, unbeschnittene Eibenbüsche, wie sie auch vor Kellerfenstern stehen, um dort etwas Fehlendes zu markieren, Kulisse ihrer selbst, buschiger Budenzauber, Gaukelei, unendlich langsames schwarzgrünes Feuerwerk.
Als ich die Stelle erreichte, war er schon weg.
Ich trat nicht ins Gebüsch, sondern folgte dem offiziellen Weg bis zum Maulbeerbaum. Der Baum wiegte seine kahlen Äste; niemand hielt sich in der Nähe auf. Unter den Zierbaum hatte man als weiteren Zierat einige eiszeitliche Steine gewälzt, um den Eindruck von Natürlichkeit zu verstärken. Auf diesen Steinen hatten sich noch vereinzelt violette Flecken der überreifen Beeren gehalten. Odilo war nicht hier.
Ich lief dorthin zurück, wo er abgebogen war, und drückte mich zwischen den dichten Eiben durch.
Ich stapfte allein durch wütendes Gebüsch.
Daß man sich in diesem nicht allzu weitläufigen Park nicht mehr wiederfand, war natürlich vollkommen absurd. Ich lief zurück zum Torhaus. Sein Wagen stand nicht mehr da.
Es war nicht das erste Mal, daß er ohne ein Wort aus der Zweisamkeit ausscherte. Ich tolerierte das, wenn auch zähneknirschend, als Kontaktproblem. Es war nicht das erste Mal, daß er sich heimlich davonmachte, um dann am nächsten Tag noch einmal anzurufen: Man habe sich im Park plötzlich verloren, es sei ohnehin schon spät gewesen, und ich hätte ja gewußt, daß er um diese Zeit wieder habe zurückfahren müssen.
Dennoch nahm ich ihm übel, daß er sich nicht verabschiedet hatte.
Es war das letzte Mal, daß ich ihn sah. Er stand auf dem matschigen Weg, dicht an der ausgearteten Hecke. Er bog ab, wo man eigentlich nicht abbiegen konnte, er wandte sich zur Seite, und das Letzte, Allerletzte was ich von ihm wahrnahm, war seine schmächtige Gestalt im niedersinkenden Licht. Odilo als Sol invictus: sein Haupt vor der glühenden Scheibe, im Strahlenkranz. Odilo mit flammendem Haar wie auf alten römischen Münzen: der Kaiser im Doppelprofil mit dem Sonnengott.