Rolltreppe ins Grab

1.

Silas Hamer bekam es zum erstenmal an einem winterlichen Abend im Februar zu hören. Er und Dick Borrow waren nach einem Essen, das Bernard Seldon, der Nervenspezialist, gegeben hatte, nach Hause spaziert. Borrow war ungewöhnlich schweigsam gewesen, und Silas Hamer hatte ihn mit einiger Neugier gefragt, worüber er denn nachdächte. Borrows Antwort war anders als erwartet.

»Ich dachte gerade, daß von all diesen Männern heute abend nur zwei von sich behaupten können, glücklich zu sein. Und diese beiden, komisch genug, sind du und ich!«

Das Wort »komisch« war angemessen, denn zwei Männer konnten gar nicht unterschiedlicher sein als Richard Borrow, der vielbeschäftigte Pfarrer vom Ostende der Stadt, und Silas Hamer, der aalglatte, selbstgefällige Mann, der seine Millionen mit seiner Kenntnis von Haushaltswaren erworben hatte.

»Es ist merkwürdig, weißt du«, Borrow dachte laut, »ich glaube, du bist der einzige zufriedene Millionär, den ich je getroffen habe.«

Hamer schwieg einen Moment lang. Als er wieder zu sprechen begann, klang seine Stimme verändert.

»Ich war ein armseliger, vor Kälte schlotternder kleiner Zeitungsjunge. Damals wollte ich - jetzt habe ich es erreicht - Geld für Komfort und Luxus, nicht seine Macht. Nicht, um damit zu herrschen, sondern um es verschwenderisch auszugeben - für mich selbst. Ich bin ehrlich, was das betrifft, siehst du. Mit Geld kann man alles kaufen, sagt man. Das stimmt. Und weil ich mir alles das kaufen kann, was ich mir wünsche, deshalb bin ich zufrieden. Ich bin Materialist, Borrow, ein Materialist durch und durch.«

Das grelle, blendende Licht der erleuchteten Hauptverkehrsstraße bestätigte sein Glaubensbekenntnis. Die gedrungene Gestalt Silas Hamers wirkte in dem schweren, pelzgefütterten Mantel noch breiter, und das weiße Licht unterstrich die dicken Fleischrollen unterhalb seines Kinns. Im Gegensatz dazu spazierte neben ihm Dick Borrow mit schmalem asketischem Gesicht und den glühenden Augen eines Fanatikers.

»Du bist es«, ergänzte Hamer mit Nachdruck, »den ich nicht verstehen kann.« Borrow lächelte.

»Ich lebe mitten im Elend, in Armut und Hunger - in allen Krankheiten des Fleisches. Nur eine Vision beherrscht mich und hält mich aufrecht. Es ist nicht leicht, dies zu verstehen - und ich nehme nicht an, daß du an Visionen glaubst. Dies ist aber meine Art von Glück.«

»Nein, daran glaube ich nicht«, sagte Silas Hamer überzeugt. »Ich glaube nur an das, was ich sehen und hören und berühren kann.«

»Ganz recht. Darin besteht der Unterschied zwischen uns. Nun denn, auf Wiedersehen, jetzt verschlingt mich die Erde.«

Sie hatten den Eingang zu der erleuchteten U-Bahn-Station, von der aus Borrow nach Hause fuhr, erreicht. Hamer ging allein weiter. Er war froh über seinen Entschluß, den Wagen heute abend fortgeschickt zu haben; so konnte er zu Fuß nach Hause gehen. Die Luft war scharf und frostig, seine Sinne nahmen voller Wohlbehagen die umhüllende Wärme seines pelzgefütterten Mantels wahr.

Er blieb einen Augenblick auf dem Bürgersteig stehen, bevor er die Straße überquerte. Ein mächtiger Autobus bahnte sich den Weg auf ihn zu. Hamer empfand das Gefühl unendlicher Muße und wartete, daß er vorbeifuhr. Wenn er noch vor ihm hinübergehen wollte, müßte er sich beeilen -und Eile war ihm verhaßt. Eine volltrunkene menschliche Gestalt schwankte an ihm vorbei auf die Fahrbahn. Hamer sah noch, wie der Autobus vergeblich auswich, dann hörte er einen gräßlichen Schrei, und sein Blick blieb fassungslos -sein Entsetzen wuchs progressiv - auf einem formlosen, schlaffen Lumpenhaufen mitten auf der Straße haften. Eine Menschenmenge sammelte sich wie von einem Magneten angezogen. Ein Polizist und der Fahrer des Busses bildeten den Mittelpunkt des Gedränges. Aber Hamers Blicke zog die Suggestivkraft des Grauens auf das leblose Bündel, das einmal ein Mensch gewesen war - ein Mensch wie er selbst. Hamer schauderte, als sei er selbst bedroht.

»Machen Sie sich keine Vorwürfe, Mann«, bemerkte ein primitiv aussehender Mann an seiner Seite. »Sie hätten es doch nicht verhindern können. Der war eben fällig.«

Hamer starrte den Mann an. Der Gedanke, daß es vielleicht im Bereich seiner Möglichkeit gelegen hatte, den Mann zurückzureißen, war ihm - wenn er ehrlich war -noch gar nicht gekommen. Verächtlich wies er diese absurde Mutmaßung von sich. Wenn er selbst so töricht gewesen wäre, würde er jetzt... Hamers Gedanken brachen abrupt ab, und er ging von der Menge fort. Er fühlte, wie er innerlich fror, zitterte vor einer namenlosen, unauslöschlichen Angst. Er war gezwungen, sich selbst zuzugeben, daß er auf einmal Angst, entsetzliche Angst vor dem Tod hatte - vor jenem Tod, der mit gräßlicher Schnelligkeit und gewissenloser Gewißheit zu Armen und Reichen gleichermaßen kam ...

Hamer ging schneller, doch die neue Angst blieb in ihm, sie hatte ihn in ihrem kalten und schaurigen Griff. Er wunderte sich über sich selbst, denn er wußte, daß er von Natur aus kein Feigling war. Vor fünf Jahren, überlegte er, hätte ihn diese Angst noch nicht anfallen können. Damals war das Leben noch nicht so süß gewesen ... Ja, das war es! Die

Liebe zum Leben war der Schlüssel des Geheimnisses. Der Lebensgenuß hatte für ihn seinen Höhepunkt erreicht; er sah nur eine Bedrohung: den Tod, den Zerstörer!

Hamer bog aus der Hauptverkehrsstraße in eine schmale Seitengasse ab, die von hohen Mauern eingefaßt war. Sie bot eine Abkürzung zu dem Platz, an dem sein Haus lag, das für seine Kunstschätze bekannt war. Die Geräusche der Straßen wurden hinter Hamer immer schwächer und erstarben ganz; nur das weiche Auftreten seiner Schuhe war noch zu hören. Und dann kam aus dem Dunkel vor ihm ein anderer Ton.

Ein Mann saß gegen die Mauer gelehnt und spielte Flöte. Sicherlich einer der vielen Straßenmusikanten; warum hatte er sich diesen einsamen Ort ausgesucht? Wahrscheinlich fürchtete er zu dieser Nachtzeit die Polizei... Hamers Überlegungen wurden unterbrochen, als er mit Schrecken bemerkte, daß der Mann keine Beine mehr hatte. Ein Paar Krücken lehnten an der Mauer neben ihm. Hamer sah jetzt auch, daß es keine Flöte war, die er blies, sondern ein fremdartiges Instrument, dessen Töne höher und klarer waren als die einer Flöte. Der Mann spielte weiter. Er bemerkte Hamers Herannahen nicht. Der Musikant hatte den Kopf weit zurückgeworfen, das Gesicht war dem Himmel zugewandt, als ob er sich an seiner eigenen Musik erfreute; die Töne entflogen seinem Instrument klar und fröhlich, stiegen höher und höher ...

Es war eine eigenartige Melodie - besser ein Gespräch, es war überhaupt keine Melodie, ein einfacher Satz, der langsamen Weise des Violinparts aus »Rienzi« nicht unähnlich. Sie wurde wieder und wieder gespielt, lief von Schlüssel zu Schlüssel, von Harmonie zu Harmonie, immer steigend, und erreichte bei jedem Mal eine größere und grenzenlosere Freiheit.

Hamer hatte nie etwas ähnlich Schönes gehört. Es war eine besondere Eigenart darin, etwas Inspirierendes - etwas, das nach oben strebte ... Hamer hielt sich krampfhaft mit beiden Händen an einem Vorsprung der Mauer neben sich fest. Er war sich nur einer Sache bewußt - er mußte sich festhalten, koste es, was es wolle: Er mußte sich festhalten ...

Plötzlich wurde er gewahr, daß die Musik aufgehört hatte. Der Mann ohne Beine griff nach seinen Krücken. Da stand er, Silas Hamer, und krallte sich noch immer wie ein Mondwandler an einem Steinvorsprung fest, allein aus dem einfachen Grund, weil er die widersinnige Empfindung hatte -lächerlich, wenn man darüber nachdachte -, als erhebe er sich vom Boden, als trüge ihn die Musik nach oben...

Er lachte. Was für eine idiotische Vorstellung! Natürlich hatten seine Füße keinen Moment lang den Boden verlassen, welch merkwürdige Halluzinationen. Das rasche Aufschlagen von Holzstangen auf dem Bürgersteig sagte ihm, daß der Krüppel davonhumpelte. Hamer sah ihm nach, bis die Gestalt des Mannes von der Dunkelheit verschluckt war. Komischer Kauz!

Langsam setzte Hamer seinen Weg fort; doch er konnte die Gedanken an dieses merkwürdige Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, nicht loswerden. Und dann, einem plötzlichen Impuls folgend, machte er kehrt und folgte eilig dem Mann, der in die andere Richtung gegangen war. Der Mann konnte noch nicht weit sein - Hamer würde ihn bald eingeholt haben.

Er rief, sobald er der verstümmelten Gestalt ansichtig geworden war, indem er langsamer weiterging:

»Hallo, Moment mal!«

Der Mann hielt inne, bewegungslos, bis er eingeholt war. Eine Straßenlaterne brannte genau über seinem Kopf und erleuchtete jeden seiner Gesichtszüge. Silas Hamer hielt unwillkürlich den Atem an, so überrascht war er. Der Mann besaß einen einmalig schönen Kopf -den schönsten, den Hamer je gesehen hatte. Sein Alter war nicht zu bestimmen; sicherlich war er kein junger Mann mehr, und doch waren die vorherrschenden Ausdruckszüge Jugend und Kraft in leidenschaftlicher Intensität.

Hamer fand es sonderbar schwierig, eine Unterhaltung zu beginnen.

»Schauen Sie«, sagte er linkisch, »ich möchte gern wissen, was Sie da gerade gespielt haben.«

Der Mann lächelte ... Mit seinem Lächeln schien plötzlich die Welt in lauter Fröhlichkeit getaucht.

»Es war ein altes Lied, ein sehr altes Lied - Jahre alt... Jahrhunderte alt.«

Er sprach mit eigentümlicher Reinheit und Deutlichkeit der Formulierung, wobei er jede Silbe gleichermaßen als kostbar betonte. Er war offensichtlich kein Engländer. Hamer konnte seine Nationalität nicht erraten.

»Sie sind kein Engländer, nicht wahr? Woher kommen Sie?«

Wieder das breite, fröhliche Lächeln.

»Ich bin über das Meer gekommen, Sir - vor langer Zeit -sehr langer Zeit.«

»Sie müssen einen bösen Unfall gehabt haben. War das vor kurzem?«

»Es ist schon einige Zeit her, Sir.«

»Ein schlimmes Unglück, beide Beine zu verlieren.«

»Es war gut so«, sagte der Mann ruhig. Er wandte seine Augen in feierlichem Ernst seinem Befrager zu. »Sie waren böse.«

Hamer gab ihm einen Shilling in seine Hand und ging fort. Er war verwirrt und wußte mit der Antwort nichts anzufangen. Wie komisch, so zu sprechen. Wahrscheinlich eine Amputation wegen einer Krankheit, aber - wie sonderbar das geklungen hatte: »Sie waren böse.« Hamer ging gedankenverloren nach Hause. Er versuchte vergeblich, den Vorfall zu vergessen. Als er im Bett lag und sich die ersten

Anzeichen von Schläfrigkeit bemerkbar machten, hörte er die Turmglocke in der Nachbarschaft eins schlagen. Ein klarer Schlag, dann Ruhe, die durch einen schwachen, bekannten Ton unterbrochen wurde ... Langsam kroch die Erinnerung in sein Bewußtsein. Hamer spürte, wie sein Herz schneller schlug. Es war der Mann aus der Seitenstraße, irgendwo spielte er wieder - nicht weit entfernt.

Die Töne kamen fröhlich, die langsame Wendung mit ihrem lustigen Ruf, derselbe jagende kleine Satz ...

»Es ist unheimlich«, murmelte Hamer, »es ist unheimlich. Es hat Flügel...«

Klarer und klarer, höher und höher, jeder Ton erhob sich über den vorhergehenden, Hamer war ergriffen. Diesmal wehrte er sich nicht, er gab sich dem hin ... hoch ... hinauf ... Die Wellen der Töne schwangen höher und höher ... Triumphierend und frei stiegen sie gen Himmel. Höher und höher... Sie hatten die Grenze irdischer Töne überstiegen, doch sie setzten sich fort - aufsteigend, immer noch aufsteigend ... Würden sie ihr höchstes Ziel erreichen, die vollkommene Erlösung? Dann zog ihn etwas herunter, etwas Großes, Schweres und Sichfestklammerndes. Es zog ihn rücksichtslos wieder zur Erde herunter...

Hamer lag im Bett und schaute zum Fenster. Während er schwer und schmerzlich atmete, streckte er seinen Arm aus dem Bett heraus. Diese Bewegung kam ihm merkwürdig schwierig vor. Die Weichheit des Bettes war bedrückend, bedrückend auch die schweren Vorhänge vor dem Fenster, die die Luft aussperrten. Die Zimmerdecke schien auf ihn herabzustürzen. Er fühlte sich beengt und unfrei. Er rührte sich leicht unter der Bettdecke, und das Gewicht seines eigenen Körpers erschien ihm als das Erdrückendste von allem ...

»Ich möchte Ihren Rat hören, Seldon.« Seldon stieß seinen Stuhl ein paar Zentimeter vom Tisch ab. Er hatte sich schon insgeheim nach dem Grund dieses Essens zu zweit gefragt. Er hatte Hamer seit dem vergangenen Winter kaum mehr gesehen, und heute abend bemerkte er eine undefinierbare Veränderung an seinem Freund.

»Wissen Sie, es ist ganz einfach das«, sagte der Millionär, »ich mache mir Sorgen um mich selbst.«

Seldon lächelte, als er ihn über den Tisch hinweg ansah.

»Sie sehen aus, als ob Sie Bäume ausreißen möchten.«

»Das ist es nicht«, Hamer hielt einen Moment lang inne, dann fügte er ruhig hinzu: »Ich fürchte, ich werde wahnsinnig.«

Der Nervenspezialist blickte plötzlich mit unverhohlenem Interesse auf. Er goß sich langsam ein Glas Portwein ein, bevor er ruhig fragte, indem er den anderen scharf ansah:

»Wie kommen Sie darauf?«

»Auf Grund eines Erlebnisses - auf Grund von etwas Unerklärlichem, Unglaublichem. Es kann nicht wahr sein, daher bleibt nur die Möglichkeit: Ich muß offenbar wahnsinnig werden.«

»Lassen Sie sich Zeit«, sagte Seldon, »erzählen Sie mir erst mal von dem Erlebnis.«

»Ich glaube nicht an das Übernatürliche«, begann Hamer. »Ich habe nie daran geglaubt. Aber das ... Nun, es ist am besten, wenn ich Ihnen die ganze Geschichte von Anfang an erzähle. Es begann im vergangenen Winter, genau an dem Abend, als ich bei Ihnen zu Abend gegessen hatte.«

Dann erzählte er kurz und genau die Erlebnisse während seines Heimwegs und die merkwürdige Wirkung, die sie auf ihn gehabt hatten.

»So fing alles an. Ich kann es nicht genau beschreiben -dieses Gefühl, ich meine aber, es war wundervoll! So ganz anders als alles, was ich bisher gefühlt und geträumt habe. Seitdem ist es so weitergegangen. Nicht jede Nacht, nur hin und wieder. Die Musik - das Gefühl, emporgetragen zu werden; dieser aufsteigende Flug und dann der schreckliche Zug nach unten, das Heruntergezogenwerden zur Erde zurück, anschließend die Schmerzen, die echten körperlichen Schmerzen des Erwachens. Es ist so, als ob man von einem hohen Berg herabkäme. Sie kennen doch den beklemmenden Druck in den Ohren, nicht? Ja, das ist genau dasselbe, nur schlimmer - dazu ein bedrückendes Empfinden der eigenen Schwere, als wäre man gefangen, als würde man gewürgt... «

Hamer unterbrach sich, es entstand eine Pause.

»Meine Dienstboten denken, ich bin verrückt geworden. Ich konnte das Dach und die Wände nicht mehr ertragen -ich ließ mir einen Platz auf dem Dach, oben auf dem Haus, herrichten; direkt unter freiem Himmel, ohne jedes Möbelstück, da wurden die Häuser um mich herum zum gleichen Alpdruck. Das offene Land ist es, was ich mir wünsche, wo man atmen kann ...« Er sah Seldon an. »Nun, was sagen Sie dazu? Können Sie mir das erklären?«

»Hm«, machte Seldon. »Ein ganzer Haufen von Erklärungen. Sie sind hypnotisiert worden, aber Sie haben sich selbst hypnotisiert. Ihre Nerven funktionieren nicht mehr richtig. Es kann auch ganz einfach nur ein Traum sein.«

Hamer schüttelte den Kopf.

»Keine von diesen Erklärungen paßt.«

»Dann gibt es noch andere«, sagte Seldon langsam, »aber die sind nicht allgemein anerkannt.«

»Würden Sie sie anerkennen?«

»Im großen und ganzen, ja! Es gibt viel, was wir nicht verstehen und was wir unmöglich auf normale Weise erklären können. Unsere Wissenschaft ist noch nicht soweit, aber sie kann täglich etwas herausfinden. Aber bis es soweit ist, bin ich der Ansicht, man sollte sich nicht aus Voreingenommenheit dem verschließen.«

»Was raten Sie mir?« fragte Hamer nach einer Pause des Schweigens.

Seldon beugte sich lebhaft vor. »Eine von mehreren Möglichkeiten: Verlassen Sie London, suchen Sie Ihr offenes Land auf. Vielleicht hören die Träume dort auf.«

»Das kann ich nicht«, sagte Hamer schnell. »Es ist so weit gekommen, daß ich ohne sie nicht mehr leben kann. Ich will ohne sie nicht mehr leben!«

»Aha. Ich hatte so etwas schon geahnt. Eine andere Möglichkeit: Finden Sie diesen Burschen, diesen Krüppel. Sie haben ihm bis jetzt alle möglichen übernatürlichen Attribute zugesprochen. Reden Sie mit ihm. Brechen Sie den Zauber!«

Wieder schüttelte Hamer den Kopf.

»Warum denn nicht?«

»Ich habe Angst«, sagte Hamer einfach.

Seldon machte eine ungeduldige Handbewegung.

»Glauben Sie nicht blind daran. Diese Melodie, das Lied, womit all das anfängt, wie ist sie?«

Hamer summte sie vor sich hin, und Seldon hörte mit verwundertem Stirnrunzeln zu.

»Fast wie aus der Ouvertüre von >Rienzi<. Darin ist etwas Emporsteigendes - es hat wirklich Flügel. Aber ich werde dabei nicht von der Erde hochgehoben. Übrigens - diese Flüge, die Sie erleben - sind sie immer gleich?«

»Nein, nein«, Hamer beugte sich eifrig vor. »Sie entwik-keln sich. Jedesmal sehe ich etwas mehr. Es ist schwierig, das zu erklären. Sehen Sie, ich bin mir immer bewußt, einen gewissen Punkt zu erreichen - die Musik trägt mich dahin, nicht direkt, aber durch eine Folge von Wellen, von denen eine immer höher ist als die vorhergehende, bis zum höchsten Punkt, über den hinaus es nicht mehr weitergeht. Da bleibe ich, bis ich heruntergezogen werde. Es ist nicht eigentlich ein Ort, eher ein Zustand ... Nicht sofort, erst etwas später verstand ich, daß es da um mich herum noch andere Dinge gab, die nur darauf warteten, von mir aufgenommen zu werden, wenn ich erst dazu fähig war. Denken Sie an eine junge Katze. Sie hat Augen, kann aber zuerst nichts sehen. Sie ist blind und muß erst lernen, zu sehen. Genauso war es auch bei mir. Die Augen und Ohren der Sterblichen waren für mich nicht die richtigen, doch es gab etwas Entsprechendes dafür, das noch nicht entwickelt war -etwas, das überhaupt nicht körperlich ist. Ganz langsam, Schritt für Schritt, wuchs es ... Da gab es Gefühle des Lichts ... von Klängen ... dann von Farbe ... alles vage und nicht formulierbar. Es war mehr das Wissen um die Dinge als ihre Wahrnehmung durch Sehen oder Hören. Zuerst war es Licht, das stärker und klarer wurde - später Sand, große Strecken von rötlichem Sand... und hier und da gerade lange Linien von Wasser wie Kanäle ...«

Seldon holte tief Atem.

»Kanäle? Das ist interessant. Erzählen Sie weiter.«

»Alle diese Dinge waren unwichtig - sie zählten nicht lange. Die wirklichen Dinge waren jene, die ich nicht sehen, aber hören konnte ... Es war ein Geräusch wie das Rauschen von Flügeln - irgendwie war es prachtvoll! Hier gibt es nichts Ähnliches. Dann kam eine andere Pracht - ich sah sie: die Flügel! O Seldon, diese Flügel!«

»Was sind das für Flügel? Menschen-, Engels- oder Vogelflügel?«

»Ich weiß es nicht. Das konnte ich noch nicht sehen - nur die Farbe von ihnen: Flügelfarbe. Hier gibt es so etwas nicht. Es ist eine wundervolle Farbe.«

»Flügelfarbe?« wiederholte Seldon. »Wie sieht sie aus?«

Hamer spreizte ungeduldig die Hände.

»Wie soll ich sie Ihnen erklären? Erklären Sie die Farbe Blau einmal einem Blinden. Es ist eine Farbe, die Sie noch nie gesehen haben -Flügelfarbe!«

»Aha.«

»Das ist alles. Bis dahin bin ich jetzt gekommen. Und jedesmal wurde das Zurückkommen schlimmer - schmerzlicher: Ich kann es nicht verstehen. Ich bin überzeugt davon, daß mein Körper das Bett niemals verläßt. An dem Punkt, den ich erreiche, bin ich überzeugt, gar keine körperliche Gegenwart mehr zu haben. Warum tut es dann aber so verflucht weh?« Seldon schüttelte schweigend den Kopf. »Es ist etwas Entsetzliches - dieses Zurückkommen. Der Zug nach unten - dann der Schmerz in jedem Glied und jedem Nerv; meine Ohren fühlen sich an, als wollten sie platzen. Dann drückt das Gewicht von allem sowie das grauenhafte Gefühl, eingekerkert zu sein. Ich brauche Licht, Luft, Raum - vor allem Raum, um atmen zu können. Und ich will Freiheit!«

»Was ist mit den Dingen, die Ihnen soviel bedeutet haben?« fragte Seldon.

»Das ist ja das Schlimme. Daran liegt mir noch ebensoviel wie vorher, wenn nicht noch mehr. Diese Dinge, wie Komfort, Luxus, Vergnügen, scheinen der entgegengesetzte Pol zu den Flügeln zu sein. Es ist ein ewiger Kampf zwischen ihnen. Ich weiß nicht, wie dieser Kampf ausgehen wird.«

Seldon saß schweigend da. Die merkwürdige Erzählung, der er zugehört hatte, war wirklich phantastisch. War das alles Selbsttäuschung, wilde Halluzination - oder gab es die Möglichkeit, daß sie wahr war? Und wenn es die Wahrheit war, warum ausgerechnet bei Hamer? Ausgerechnet bei diesem Materialisten, bei dem Mann, der das Fleisch liebte und den Geist leugnete. Von diesem Mann hätte man annehmen können, er sei der letzte, dem die Gesichte einer anderen Welt zuteil würden.

Über den Tisch hinweg beobachtete ihn Hamer ängstlich.

»Ich nehme an, daß Sie nur abwarten können. Warten und sehen, was weiter geschieht«, sagte Seldon langsam.

»Ich kann nicht! Ich sagte doch, ich kann nicht! Aus Ihren Worten geht hervor, daß Sie das alles nicht verstanden haben. Ich werde in zwei Teile zerrissen. Dieser fürchterliche Kampf, dieser tötende, immerwährende Kampf zwischen ... zwischen ...« Hamer zögerte.

»... dem Fleischlichen und dem Geist?« folgerte Seldon.

Hamer starrte dumpf vor sich hin.

»Vielleicht kann man es so nennen. Jedenfalls ist es unerträglich ... Ich kann nicht frei werden ...«

Bernard Seldon schüttelte wieder den Kopf. Dieses Unerklärliche hielt ihn gefangen. Er machte einen weiteren Vorschlag.

»Wenn ich an Ihrer Stelle wäre«, riet er, »würde ich mir den Krüppel schnappen.«

Doch als er später heimging, flüsterte er vor sich hin: »Kanäle ... Ich möchte bloß wissen ...?«

3.

Silas Hamer verließ das Haus am nächsten Morgen mit einer neuen Entschlossenheit im Schritt. Er hatte den Entschluß gefaßt, Seldons Rat zu befolgen und den Mann ohne Beine zu finden. Insgeheim war er bei sich überzeugt daß er umsonst suchen und daß der Mann ebenso vollständig verschwunden sein würde, als hätte ihn die Erde verschluckt.

Die Gebäude zu beiden Seiten der Nebenstraße traf noch kein Sonnenlicht. Sie lagen dunkel und geheimnisvoll da. Nur an einer Stelle, in der Mitte der Nebenstraße, war die Mauer durchbrochen, und dort fiel ein Strahl von goldenem Licht auf eine Gestalt, die auf der Erde saß. Das war der

Mann!

Das Flöteninstrument lehnte an der Wand neben seinen Krücken, und er bemalte die Platten des Fußweges mit bunter Kreide. Zwei seiner Zeichnungen waren fertig: Waldszenen von wunderbarer Schönheit und Feinheit, sich wiegende Bäume und ein sich schlängelnder Bach, der zu fließen schien.

Wieder kamen Hamer Zweifel. War dieser Mann nur ein Straßenmusikant, ein Lebenskünstler? War er mehr? Da schrie der Millionär plötzlich wild und wütend:

»Wer bist du? In Gottes Namen, wer bist du?«

Die Augen des Mannes trafen die seinen, lächelnd.

»Warum antworten Sie nicht? Sprechen Sie, Mann, sprechen Sie!«

Da sah Hamer, daß der Mann mit unglaublicher Schnelligkeit mit der Kreide über eine leere Steinplatte fuhr. Hamer folgte seiner Bewegung mit den Augen. Ein paar gewagte Striche, riesige Bäume nahmen Formen an. Auf einem Felsblock sitzend - ein Mann, der ein flötenähnliches Instrument blies, der ein merkwürdig schönes Gesicht hatte - und Ziegenbeine!

Der Krüppel hatte eine schnelle Bewegung gemacht. Der Mann saß noch immer auf dem Felsen, aber die Ziegenbeine waren verschwunden. Wieder trafen seine Augen die von Hamer.

»Sie waren böse«, sagte er.

Hamer starrte ihn an, fasziniert. Das Gesicht vor ihm war das Gesicht auf dem Bild, doch auf unglaubliche Art verschönt - von allem gereinigt, bis auf eine intensive und köstliche Lebensfreude.

Hamer wandte sich ab und floh die Seitenstraße hinunter ins helle Sonnenlicht. Immer wieder sagte er vor sich hin:

»Es ist unmöglich. Ich bin wahnsinnig, ich träume!«

Aber das Gesicht jagte ihn - das Gesicht des Pan ...

Hamer ging in den Park und setzte sich auf einen Stuhl. Es war eine ruhige Stunde. Ein paar Kindermädchen saßen mit den ihnen anvertrauten Sprößlingen im Schatten der Bäume, hier und da lagen im Grün verstreut wie kleine Inseln im Meer die klobigen Formen menschlicher Wesen...

Die Worte »zerlumpter Vagabund« waren für Hamer gleichbe-deutend mit Elend gewesen. Jetzt plötzlich beneidete er sie.

Sie erschienen ihm von allen Geschöpfen die wirklich freien. Die Erde unter ihnen, der Himmel über ihnen, die Welt, sie zu durchwandern - sie waren durch nichts eingekerkert, lagen in keinen Ketten. Wie ein Blitz durchfuhr es ihn, daß das, was ihn so schmerzlich fesselte, das war, wofür er gearbeitet und das er über alles gesetzt hatte: Wohlstand, Reichtum! Er hatte es für das Stärkste auf Erden gehalten, und jetzt, da er in seinem eigenen goldenen Käfig saß, entdeckte er die Bedeutung jener Worte. Es war sein Geld, das ihn fesselte, gefangenhielt.

Aber war es wirklich nur das? Gab es eine noch tiefere und klarere Wahrheit, die er bislang nicht gesehen hatte?

War es das Geld, oder war es seine eigene Liebe zum Geld? Er war gefesselt von Ketten, die er sich selbst geschmiedet hatte, nicht der Reichtum selbst, sondern seine Liebe zum Reichtum war seine Kette. Plötzlich erkannte er deutlich die zwei Kräfte, die an ihm zogen: die schwere Macht des Materialismus, die ihn einschloß und umgab, und der klare, befehlende Ruf - den er selbst als den Ruf der Flügel bezeichnet hatte. Während die eine Kraft kämpfte und sich an ihn klammerte, verachtete die andere den Kampf und beugte sich keinem Krieg. Sie rief ihn nur - unaufhörlich ... Er hörte es so deutlich, daß er jedes ihrer Worte vernahm.

»Du kannst mit mir nicht handeln«, schien sie zu sagen, »denn ich stehe über allen Dingen. Wenn du meinem Ruf folgen willst, mußt du alles andere aufgeben und die Kraft abschneiden, die dich festhält. Nur der Freie kann mir folgen ...«

»Ich kann nicht«, schrie Hamer. »Ich will nicht!«

Ein paar Leute wandten den Kopf nach dem großen dicken Mann, der mit sich selbst redete. Man verlangte von ihm Verzicht auf das, was ihm am liebsten war, das ein Teil seiner selbst war. Hamer dachte an den Mann ohne Beine ...

4.

»Was um Himmels willen führt dich zu mir?« fragte Borrow.

Tatsächlich war das ärmliche Ostende der Stadt ein ungewöhnlicher Hintergrund für Hamer.

»Ich habe schon eine ganze Menge Predigten gehört«, sagte der Millionär, »in denen aufgezählt wurde, was alles getan werden könnte, wenn Leute wie du die Geldmittel dazu hätten. Ich bin heute zu dir gekommen, um dir zu sagen: Du kannst diese Geldmittel haben.«

»Sehr nobel von dir«, antwortete Borrow, einigermaßen verwundert. »Eine größere Unterstützung?«

Hamer lächelte trocken.

»Das kann man wohl sagen ... Bis auf den letzten Penny das, was ich habe.«

»Wie bitte?«

Hamer erklärte die Einzelheiten in seiner kurzen, geschäftlichen Art. In Borrows Kopf begann es sich wild zu drehen.

»Du meinst also - du meinst wirklich, daß du dein gesamtes Vermögen den Armen dieses Stadtviertels zukommen lassen und mich als deinen Verwalter einsetzen willst?«

»Genau das.«

»Aber warum denn?«

»Das kann ich dir nicht erklären«, sagte Hamer langsam. »Erinnerst du dich noch an unser letztes Gespräch über Visionen im vergangenen Februar? Also gut - eine solche Vision hat mich in Besitz genommen.«

»Das ist großartig!«

Borrow beugte sich vor, seine Augen leuchteten.

»Ach, so großartig ist das nun auch wieder nicht«, erwiderte Hamer unwirsch. »Ich schere mich einen Dreck um mein Eigentum in diesem Ostlondon. Alles, was die hier haben wollen, sind die Moneten. Ich war selbst arm genug, weiß das also. Ich habe mich aus der Armut herausgearbeitet. Aber jetzt will ich mein Geld loswerden, und diese blöde Gesellschaft soll es nicht haben. Du bist ein Mann, dem ich vertraue. Füttere Leiber oder Seelen damit - ersteres ist besser. Ich bin auch hungrig gewesen. Mach damit, was du willst.«

»So etwas hat es meines Wissens nie vorher gegeben«, stammelte Borrow.

»Alles ist fix und fertig abgemacht«, fuhr Hamer fort. »Meine Rechtsanwälte haben die Einzelheiten festgelegt, ich habe bereits unterschrieben. Ich war fleißig in den letzten vierundzwanzig Tagen, glaub mir. Es ist ebenso schwierig, sein Vermögen loszuwerden, wie eines zu erwerben.«

»Aber du hast doch hoffentlich etwas behalten?«

»Nicht einen Penny«, sagte Hamer gutgelaunt. »Das heißt, das stimmt nicht ganz. Ich habe noch einen in meiner Hosentasche.« Er lachte. Er sagte seinem verstörten Freund »Auf Wiedersehen« und verließ die Pfarrei.

Hamer ging durch schmale, übelriechende Gassen. Die Worte, die er gerade noch heiter ausgesprochen hatte, klangen in seinen Ohren nach mit dem schmerzlichen Gefühl des Verlustes. »Nicht einen Penny!« Er hatte nichts von all seinem Reichtum behalten. Jetzt bekam er Angst -vor der Armut, dem Hunger, der Kälte. Der Verzicht hatte für ihn keine Süße.

Doch er wußte, daß er das lastende Gewicht und die bedrohenden Dinge weggeschafft hatte. Er war nicht mehr bedrückt und fühlte sich nicht mehr unfrei. Das Lösen der Ketten hatte ihn geängstigt und erschreckt, doch die Vision der Freiheit war da, um ihn zu stärken. Seine materiellen Bedürfnisse konnten den Ruf vielleicht abschwächen, töten konnten sie ihn nicht, denn er wußte, daß es etwas Unsterbliches war, das nicht untergehen konnte.

In der Luft lag ein Hauch von Herbst, und der Wind blies kalt. Er spürte die Kälte und zitterte, er war auch hungrig -hatte vergessen, zu Abend zu essen. Das brachte ihm seine Zukunft vor Augen. Es war unglaublich, daß er alles aufgegeben hatte: das leichte Leben, den Komfort, die Wärme. Sein Körper schrie danach. Doch dann überkam ihn wieder das frohe und loslösende Gefühl der Freiheit.

Hamer zögerte. Er war nahe an den Eingang einer U-BahnStation gekommen. Er hatte einen Penny in seiner Hosentasche. Ihm kam der Gedanke, zu dem Park zu fahren, wo er die herumliegenden Vagabunden beobachtet hatte -vor vierundzwanzig Tagen. Er plante seine Zukunft nach Laune. Er glaubte ernstlich, daß er jetzt wahnsinnig war. Gesunde Menschen handelten bestimmt nicht so, wie er es tat. Doch wenn es so war, dann war Wahnsinn eine wundervolle und erstaunliche Sache. Jetzt würde er das offene Land aufsuchen - diesen Park, es lag für ihn eine besondere Bedeutung darin, ihn mit der U-Bahn zu erreichen. Die U-Bahn verkörperte für ihn die Greuel des Grabes, des abgeschlossenen Lebens ... Er würde ihrer Gefangenschaft entsteigen, in das weite Grün und zu den Bäumen, die das bedrohende Gewicht der Häuser verbargen.

Die Rolltreppe zog ihn schnell und unbarmherzig in die Tiefe. Die Luft war schwer und leblos. Er stand am äußersten Ende des Bahnsteigs, von der Menschenmenge so weit wie möglich entfernt. Zu seiner Linken war das Tunnelloch, durch das der Zug schlangenähnlich jeden Augenblick hervorkommen mußte. Er empfand den Ort als böse. Es war niemand in seiner Nähe, nur ein mickriger junger Kerl, der auf der Bank saß und - wie es schien - betrunken und stumpfsinnig war.

Aus der Ferne hörte man schwach das drohende Heranrollen des Zuges. Der Betrunkene erhob sich von der Bank und schwankte unsicher an Hamers Seite, wo er am Rand des Bahnsteigs stehenblieb und in den Tunnel stierte.

Da - es geschah unglaublich schnell - verlor er das Gleichgewicht und fiel vornüber.

Hunderte Gedanken huschten gleichzeitig durch Hamers Kopf. Er sah das formlose Lumpenbündel, das vom Autobus überfahren worden war, und hörte eine heisere Stimme sagen: »Machen Sie sich keine Vorwürfe, Mann. Sie hätten es doch nicht verhindern können.« Gleichzeitig kam die Erkenntnis, daß dieses Leben nur gerettet werden konnte, wenn er es selbst rettete.

Das schoß mit blitzartiger Geschwindigkeit durch seinen Kopf. Er nahm eine kristallklare, ruhige Gewißheit seiner Gedanken wahr. Ihm blieb weniger als eine Sekunde, sich zu entscheiden. In diesem Moment wußte er, daß seine Angst vor dem Tode unvermindert groß war. Er hatte entsetzliche Angst. Außerdem - war seine Hoffnung vergebens? Ein sinnloses Wegwerfen zweier Leben gleichzeitig. Zum Entsetzen der Zuschauer am anderen Ende des Bahnsteigs lag keine Atempause zwischen dem Fall des jungen Burschen und dem folgenden Sprung des Mannes, und gleichzeitig bog der Zug, aus der Kurve des Tunnels kommend - machtlos, noch rechtzeitig zu bremsen -, ins Licht des U-Bahnhofs ein.

Schnell riß Hamer den Jungen mit seinen Armen hoch. Kein natürlicher Impuls der Tapferkeit trieb ihn. Sein zit-terndes Fleisch gehorchte dem Befehl eines fremden Geistes, der ein Opfer forderte. Mit letzter Kraft schleuderte Hamer den Burschen nach oben auf den Bahnsteig, während er selbst fiel...

Dann starb plötzlich seine Angst. Die materielle Welt hielt ihn nicht länger fest. Hamer war von seinen Fesseln befreit. Er vermeinte noch einen Moment lang das fröhliche Flöten des Pan zu hören. Dann war - alles andere überdröhnend -das frohe Rauschen unzähliger Flügel, ihn einhüllend und umkreisend, da.

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