Catelyn

«Mylady, Ihr solltet Euren Kopf bedecken«, erklärte Ser Rodrik, während sich ihre Pferde gen Norden schleppten.»Ihr werdet Euch erkälten.«

«Es ist nur Wasser, Ser Rodrik«, erwiderte Catelyn. Ihr Haar hing naß und schwer herab, eine lose Strähne klebte an ihrer Stirn, und sie konnte sich vorstellen, wie abgerissen und wild sie aussehen mußte, doch diesmal war es ihr egal. Der Regen im Süden war weich und warm. Catelyn gefiel es, wie er sich auf ihrem Gesicht anfühlte, sanft wie die Küsse einer Mutter. Es führte sie zurück in ihre Kindheit, zu langen, grauen Tagen in Riverrun. Sie erinnerte sich an den Götterhain, herabhängende Äste, schwer von der Feuchtigkeit, und an das Lachen ihres Bruders, wenn er sie durch Haufen feuchter Blätter jagte. Sie erinnerte sich daran, wie sie mit Lysa Matschkuchen gebacken hatte, wie schwer diese waren, und an den glitschigen, braunen Schlamm zwischen den Fingern. Sie hatten sie Littlefinger serviert, kichernd, und er hatte so viel Matsch gegessen, daß er eine Woche krank war. Wie jung sie alle gewesen waren.

Fast hatte Catelyn es schon vergessen. Im Norden fiel der Regen kalt und hart, und manchmal wurde er bei Nacht zu Eis. Er konnte das Korn ebenso leicht vernichten wie nähren, und ausgewachsene Männer flüchteten in den nächstbesten Schutz. Das war kein Regen, in dem kleine Mädchen spielten.

«Ich bin triefnaß«, beklagte sich Ser Rodrik.»Bis auf die Knochen. «Die Bäume um sie standen immer dichter, und das stete Prasseln von Regen auf den Blättern wurde begleitet vom leise schmatzenden Geräusch, das ihre Pferde machten, wenn sie ihre Hufe aus dem Schlamm zogen.»Wir werden heute abend ein Feuer brauchen, Mylady, und eine warme Mahlzeit

würde uns beiden guttun.«

«Es gibt einen Gasthof an der Kreuzung dort hinten«, erklärte ihm Catelyn. So manche Nacht hatte sie in ihrer Jugend dort geschlafen, wenn sie mit ihrem Vater reiste. Lord Hoster Tully war in der Blüte seiner Jahre ein rastloser Mann gewesen, der stets irgendwohin ritt. Noch heute erinnerte sie sich an die Wirtin, eine dicke Frau namens Masha Heddle, die bei Tag und Nacht Bitterblatt kaute und einen nie enden wollenden Vorrat an Freundlichkeit und süßen Kuchen für die Kinder bereitzuhalten schien. Die Kuchen waren von Honig durchtränkt, mächtig und schwer auf der Zunge, doch ihr Lächern hatte Catelyn gefürchtet. Das Bitterblatt hatte Mashas Zähne dunkelrot gefärbt, was ihr Lächeln zum blanken Schrecken machte.

«Einen Gasthof«, wiederholte Ser Rodrik versonnen.»Wenn nur… aber wir dürfen es nicht riskieren. Wenn wir unerkannt bleiben wollen, halte ich es für das beste, wenn wir uns einen kleinen Unterstand suchen…«Er hielt inne, als sie vor sich auf der Straße etwas hörten, platschendes Wasser, das Klirren von Ketten, das Wiehern eines Pferdes.»Reiter«, warnte er, und seine Hand ging zum Heft seines Schwertes. Selbst auf der Kingsroad schadete es nie, wachsam zu sein.

Sie folgten den Geräuschen um eine leichte Biegung und sahen sie: eine Kolonne bewaffneter Männer, die lärmend einen reißenden Bach durchquerten. Catelyn hielt ihr Pferd an, um sie passieren zu lassen. Das Banner in der Hand des vordersten Reiters hing schlaff und durchweicht herab, doch die Garde trug indigoblaue Umhänge, und auf ihren Schultern flog der silberne Adler von Seagard.»Mallisters«, flüsterte Ser Rodrik ihr zu, als wüßte sie es nicht.»Mylady, Ihr solltet lieber Eure Kapuze aufsetzen.«

Catelyn rührte sich nicht. Lord Jason Mallister höchstselbst ritt mit ihnen, umgeben von seinen Rittern, sein Sohn Patrek an seiner Seite und ihre Knappen gleich dahinter. Sie ritten nach

King's Landing zum Turnier der Hand, das war ihr klar. Seit Wochen drängten sich die Reisenden wie die Fliegen auf der Kingsroad. Ritter und Edelfreie, Sänger mit ihren Harfen und Trommeln, schwere Wagen, beladen mit Hopfen oder Getreide oder Honigwaben, Händler und Handwerker und Huren, und sie alle waren auf dem Weg nach Süden.

Offen betrachtete sie Lord Jason. Sie war ihm zuletzt begegnet, als er mit ihrem Onkel bei ihrer Hochzeit gescherzt hatte. Die Mallisters waren Vasallen der Tullys, und seine Geschenke waren verschwenderisch gewesen. Inzwischen war sein braunes Haar von Weiß durchzogen, sein Gesicht im Laufe der Jahre wie gemeißelt, doch hatte die Zeit seinem Stolz nichts anhaben können. Er ritt wie ein Mann, der nichts fürchtete. Darum beneidete ihn Catelyn. Sie selbst fürchtete mittlerweile so vieles. Als die Reiter passierten, nickte Lord Jason kurz zum Gruße, doch war es nur die Höflichkeit eines hohen Herrn einer Fremden gegenüber. In seinen grimmigen Augen lag kein Erkennen, und sein Sohn verschwendete nicht einmal einen Blick an sie.

«Er hat Euch nicht erkannt«, sagte Ser Rodrik später staunend.

«Er hat ein paar schlamm verdreckte Reisende am Straßenrand gesehen, naß und müde. Ihm käme nicht in den Sinn, daß einer davon die Tochter seines Lehnsherrn sein könnte. Ich denke, wir dürften im Gasthof sicher sein, Ser Rodrik.«

Es war fast dunkel, als sie ihn erreichten, am Kreuzweg nördlich des großen Zusammenflusses zum Trident. Masha Heddle war dicker und grauer, als Catelyn sie in Erinnerung hatte, kaute noch immer Bitterblatt, doch widmete sie ihnen nur einen höchst flüchtigen Blick, ohne auch nur die Andeutung ihres gräßlich roten Lächelns.»Zwei Zimmer ganz oben am Ende der Treppe, mehr ist nicht mehr da«, sagte sie und kaute dabei.»Sie liegen unter dem Glockenturm, so daß

Ihr die Mahlzeiten nicht versäumen könnt, doch gibt es einige, denen es dort zu laut ist. Kann es nicht ändern. Wir sind voll bis unters Dach, oder zumindest so gut wie. Ihr habt die Wahl: diese Zimmer oder die Straße.«

Sie wählten die Zimmer, staubige Mansarden am obersten Ende einer engen, schmalen Treppe.»Laßt Eure Stiefel hier unten«, erklärte ihnen Masha, nachdem sie ihr Geld bekommen hatte.»Der Junge wird sie putzen. Ich möchte nicht, daß ihr den Schlamm meine Treppe hinauftragt. Achtet auf die Glocke. Wer sich bei den Mahlzeiten verspätet, bekommt nichts zu essen. «Sie widmete ihnen weder ein Lächeln noch ein Wort von süßen Kuchen.

Als die Glocke zum Abendessen rief, war das Läuten ohrenbetäubend. Catelyn hatte sich trockene Kleider angezogen. Sie saß am Fenster und sah sich an, wie der Regen über die Scheibe lief. Das Glas war milchig und voller Blasen, und draußen sank die feuchte Dämmerung herab. Catelyn konnte die schlammige Kreuzung kaum erkennen, wo sich die beiden großen Straßen trafen.

Der Kreuzweg gab ihr zu denken. Wenn sie sich von hier aus gen Westen wandten, war es ein leichter Ritt nach Riverrun. Ihr Vater hatte stets einen weisen Rat für sie bereit, wenn sie ihn am dringendsten brauchte, und sie sehnte sich danach, mit ihm zu sprechen, ihn vor dem aufkommenden Sturm zu warnen. Wenn sich Winterfell für einen Krieg bereit machen mußte, um wie vieles mehr galt das dann für Riverrun, welches King's Landing so viel näher lag und in dessen Westen die Macht von Casterly Rock wie ein Schatten aufragte. Wäre ihr Vater nur mehr bei Kräften gewesen, hätte sie es vielleicht gewagt, doch Hoster Tully hütete seit zwei Jahren das Bett, und Catelyn wollte ihn ungern belasten.

Die Straße nach Osten hin war wilder und gefährlicher, führte durch felsiges Vorgebirge und dichte Wälder in die Mondberge hinauf, über hochgelegene Pässe und tiefe

Schluchten ins Grüne Tal von Arryn und zu den steinernen Fingern jenseits davon. Über dem Tal ragte hoch und uneinnehmbar die Eyrie auf, deren Türme nach dem Himmel griffen. Dort würde er ihre Schwester finden… und vielleicht einige der Antworten, nach denen Ned suchte. Sicher wußte Lysa mehr, als sie in ihrem Brief zu erwähnen gewagt hatte. Vielleicht hatte sie genau den Beweis, den Ned brauchte, um die Lannisters zu ruinieren, und falls es zum Krieg käme, würden sie die Arryns und die Lords des Ostens, die ihnen ihre Dienste schuldeten, brauchen.

Doch war die Bergstraße voller Gefahren. Schattenkatzen lauerten auf diesen Pässen, Erdrutsche waren alltäglich, und die Bergstämme waren gesetzlose Banditen, die von den Hochlagen herunterstiegen, um zu rauben und zu töten, und sich wie Schnee verflüchtigten, sobald sich die Ritter aus dem Tal auf die Suche nach ihnen machten. Selbst Jon Arryn, der größte Lord, den die Eyrie je gesehen hatte, war stets mit Truppenstärke gereist, wenn er die Berge überquerte. Catelyns ganzer Trupp war ein ältlicher Ritter, und dessen Rüstung war die Treue.

Nein, dachte sie, Riverrun und die Eyrie würden warten müssen. Ihr Weg führte gen Norden nach Winterfell, wo ihre Söhne und ihre Pflicht schon auf sie warteten. Sobald sie jenseits des Necks in Sicherheit waren, würde sie sich einem von Neds Vasallen erklären und Reiter mit dem Befehl vorausschicken, daß sie eine Wache auf der Kingsroad aufstellten.

Der Regen verhüllte die Felder jenseits des Kreuzwegs, doch sah Catelyn das Land in ihrer Erinnerung ganz klar. Der Marktplatz lag gleich auf der anderen Seite und das Dorf noch eine Meile weiter, ein halbes Hundert weißer Katen um eine kleine, steinerne Septe herum. Mittlerweile wären es mehr, denn der Sommer war lang und friedlich gewesen. Nördlich von hier führte die Kingsroad am Grünen Arm des Trident entlang, durch fruchtbare Täler und grüne Wälder, an blühenden Dörfern, stabilen Fluchtburgen und den Festungen der Flußlords vorüber.

Catelyn kannte sie alle: die Blackwoods und die Brackens, von jeher Feinde, deren Streitigkeiten ihr Vater stets beilegen mußte; Lady Whent, die letzte ihres Geschlechts, die mit ihren Geistern in den Gewölben von Harrnhal lebte; der jähzornige Lord Frey, der sieben Frauen überlebt hatte und seine Zwillingsburgen mit Kindern, Enkeln und Großenkeln füllte, dazu Bastarde und Bastardenkel. Sie alle waren Vasallen der Tullys, deren Schwerter auf den Dienst für Riverrun eingeschworen waren. Catelyn fragte sich, ob das wohl genügte, falls es zum Krieg käme. Ihr Vater war der zuverlässigste Mensch, der je gelebt hatte, und sie hegte keinerlei Zweifel daran, daß er seine Vasallen rufen würde… doch würden seine Vasallen auch kommen? Auch die Darrys und Rygers und Mootons hatten den Eid auf Riverrun abgelegt, und dennoch hatten sie am Trident an der Seite von Rhaegar Targaryen gekämpft, während Lord Frey mit seinem Aufgebot erst eintraf, als die Schlacht schon längst vorüber war, wobei er einigen Zweifel daran ließ, welcher Armee er sich hatte anschließen wollen (ihrer, so hatte er den Siegern im nachhinein feierlich erklärt, doch seither hatte ihr Vater ihn stets den Späten Lord Frey genannt). Es durfte nicht zum Krieg kommen, dachte Catelyn leidenschaftlich. Sie durften es nicht zulassen.

Ser Rodrik erschien, als das Schmettern der Glocke nachließ.»Wir sollten uns besser sputen, wenn wir heute abend speisen wollen, Mylady.«

«Es dürfte sicherer sein, wenn wir bis hinter dem Neck nicht Ritter und Lady sind«, erklärte sie ihm.»Gewöhnliche Reisende erregen weniger Aufmerksamkeit. Sagen wir: ein Vater mit seiner Tochter, die wegen einer Familienangelegenheit unterwegs sind.«

«Wie Ihr wünscht, Mylady«, stimmte Ser Rodrick ihr zu. Erst als sie lachte, merkte er, was er getan hatte.»Die alten Umgangsformen sterben nur schwerlich, meine… meine Tochter. «Er wollte an seinem fehlenden Backenbart zupfen und seufzte ärgerlich.

Catelyn nahm ihn beim Arm.»Kommt, Vater«, sagte sie.»Ihr werdet sehen: Masha Heddle versteht es, einen Tisch zu decken, wie ich finde, doch versucht, sie nicht allzusehr zu loben. Ihr Lächeln werdet Ihr nicht ernstlich sehen wollen.«

Der Schankraum war lang und zugig, mit einer Reihe mächtiger Holzfässer an einem Ende und einem Kamin an der anderen. Ein Servierjunge lief mit Fleischspießen hin und her, während Masha Bier aus den Fässern zapfte und dabei ihr Bitterblatt kaute.

Die Bänke waren voll besetzt, Dörfler und Bauern mischten sich mit allerlei Reisenden. Der Kreuzweg schuf seltsame Bekanntschaften. Färber mit schwarzen und roten Händen teilten die Bank mit nach Fisch stinkenden Flußbewohnern, ein muskulöser Schmied quetschte sich neben einen verhutzelten, alten Septon, zähe Söldner und weiche, feiste Kaufleute tauschten Neuigkeiten wie alte, lustige Kumpane.

Unter den Anwesenden fanden sich mehr Recken, als es Catelyn recht sein konnte. Drei am Feuer trugen das Abzeichen mit dem roten Hengst der Brackens, und es gab auch eine große Gruppe in blauen Kettenhemden mit Hauben von silbrigem Grau. Auf deren Schultern fand sich ein weiteres, vertrautes Wappen; die Zwillingstürme des Hauses Frey. Sie betrachtete ihre Gesichter, doch sie alle waren zu jung, um sie kennen zu können. Der älteste von ihnen konnte nicht älter als Bran gewesen sein, als sie in den Norden gegangen war.

Ser Rodrik suchte ihnen einen freien Platz auf der Bank nahe der Küche. Ihnen gegenüber spielte ein hübscher Jüngling auf seiner Holzharfe.»Sieben Grüße an Euch, liebe Leute«, sagte er, als sie sich setzten. Ein leerer Weinbecher stand vor ihm auf dem Tisch.

«Und auch Euch, Sänger«, erwiderte Catelyn. Ser Rodrik rief nach Brot und Fleisch und Bier in einem Ton, der sofort bedeutete. Der Sänger, ein Jüngling von wohl achtzehn Jahren, musterte sie unverhohlen und fragte, wohin sie reisten und woher sie kämen und was sie Neues zu berichten hätten, wobei er die Fragen schnell wie Pfeile fliegen ließ und nie auf eine Antwort wartete.»Wir haben King's Landing vor zwei Wochen verlassen«, gab Catelyn zurück und beantwortete die sicherste seiner Fragen.

«Dorthin bin ich unterwegs«, erklärte sich der Jüngling. Wie sie vermutet hatte, war er mehr daran interessiert, seine eigene Geschichte zu erzählen, als sich die ihre anzuhören. Sänger lieben nichts so sehr wie den Klang ihrer eigenen Stimmen.»Das Turnier der Hand bedeutet reiche Herren mit dicken Geldbeuteln. Beim letzten Mal blieb mir mehr Silber, als ich tragen konnte… oder getragen hätte, wenn ich nicht alles verloren hätte, als ich auf den Sieg des Königsmörders gewettet habe.«

«Den Göttern mißfällt der Spieler«, sagte Ser Rodrik streng. Er kam aus dem Norden und teilte die Ansichten der Starks, was Turniere betraf.

«Ganz sicher habe ich ihnen mißfallen«, stimmte der Sänger zu.»Eure grausamen Götter und der Ritter der Blumen haben mich gemeinsam in die Knie gezwungen.«

«Zweifellos war es Euch eine Lehre«, sagte Ser Rodrik.

«Das war es. Diesmal werde ich mein Geld auf Ser Loras setzen.«

Ser Rodrik versuchte, an einem Backenbart zu zupfen, der nicht da war, doch bevor er einen Rüffel formulieren konnte, eilte der Servierjunge heran. Er stellte Bretter mit Brot vor ihnen ab und legte Stücke von gebräuntem Fleisch vom Spieß ab, das vor heißer Soße troff. Auf einem weiteren Spieß steckten winzige Zwiebeln, Feuerschoten und dicke Pilze. Ser Rodrik machte sich tatkräftig ans Werk, während der Junge lief, um ihnen Bier zu holen.

«Mein Name ist Marillion«, sagte der Sänger und zupfte eine Saite seiner Holzharfe.»Sicher habt Ihr mich schon einmal irgendwo spielen gehört?«

Sein Auftreten ließ Catelyn lächeln. Nur wenige wandernde Sänger gelangten je so weit nördlich wie Winterfell, doch kannte sie seinesgleichen aus ihren Mädchenjahren in Riverrun.»Ich fürchte, nicht.«

Er schlug einen wehmütigen Akkord auf seiner Harfe an.»Dann ist Euch etwas entgangen«, sagte er.»Wer war der beste Sänger, den Ihr je gehört habt?«

«Alia von Braavos«, antwortete Ser Rodrik sofort.

«Oh, ich bin viel besser als der alte Stockfisch«, sagte Marillion.»Wenn Ihr das Silber für ein Lied habt, würde ich es Euch gern zeigen.«

«Vielleicht hätte ich das eine oder andere Kupferstück, nur würde ich es eher in einen Brunnen werfen, als für Euer Geheul bezahlen«, nörgelte Ser Rodrik. Seine Ansichten zu Sängern waren wohlbekannt. Musik war etwas Hübsches für Mädchen, nur konnte er nicht verstehen, warum ein gesunder Junge eine Harfe zur Hand nehmen sollte, wenn er ein Schwert halten konnte.

«Euer Großvater ist von sauertöpfischem Wesen«, sagte Marillion zu Catelyn.»Ich wollte Euch die Ehre erweisen. Ein Loblied auf Eure Schönheit. In Wahrheit bin ich dafür geschaffen, für Könige und hohe Herren zu singen.«

«Oh, das sieht man Euch an«, sagte Catelyn.»Lord Tully ist ein Freund von Liedern, wie ich höre. Zweifellos wart Ihr schon in Riverrun.«

«Hundertmal«, sagte der Sänger unbekümmert.»Dort hält man mir ein Zimmer frei, und der junge Lord ist mir wie ein Bruder.«

Catelyn lächelte und fragte sich, was Edmure wohl dazu sagen würde. Ein anderer Sänger war einst mit einem Mädchen ins Bett gegangen, das ihrem Bruder gefiel. Seither hatte er die ganze Brut gehaßt.»Und Winterfell?«fragte sie ihn.»Seid Ihr je in den Norden gezogen?«

«Warum sollte ich?«fragte Marillion.»Da oben gibt es nur Schneestürme und Bärenfelle, und die Starks kennen keine andere Musik als Wolfsgeheul. «Am Rande nahm sie wahr, daß am anderen Ende des Raumes eine Tür aufgeworfen wurde.

«Wirtin«, rief die Stimme eines Dieners hinter ihr,»wir haben Pferde, die einen Stall brauchen, und mein Lord von Lannister benötigt ein Zimmer und ein heißes Bad.«

«Oh, bei allen Göttern«, stöhnte Ser Rodrik, bevor Catelyn eine Hand ausstreckte, um ihn zum Schweigen zu bringen, und ihre Finger griffen fest nach seinem Unterarm.

Masha Heddle verneigte sich und lächelte ihr schreckliches, rotes Lächeln.»Es tut mir leid, M'lord, wahrlich, wir sind voll, alle Zimmer voll.«

Sie waren zu viert, wie Catelyn sah. Ein alter Mann im Schwarz der Nachtwache, zwei Diener… und er, klein und dreist wie das Leben.»Meine Männer werden im Stall schlafen, und was mich angeht, ich brauche kein großes Zimmer, wie Ihr unschwer erkennen könnt. «Er ließ ein höhnisches Grinsen aufblitzen.»Solange das Feuer warm ist und das Stroh einigermaßen frei von Flöhen, bin ich ein glücklicher Mensch.«

Masha Heddle war außer sich.»M'lord, wir haben nichts, es ist das Turnier, ich kann nichts tun, oh…«

Tyrion Lannister nahm eine Münze aus seinem Geldbeutel und schnippte sie in die Luft, fing sie, warf sie erneut. Selbst auf der anderen Seite des Raumes, wo Catelyn saß, war das Blinken von Gold nicht zu übersehen.

Ein fahrender Ritter mit verblaßtem, blauem Mantel kam auf die Beine.»Seid willkommen in meiner Kammer, M'lord.«

«Das ist mal ein kluger Mann«, lobte Lannister, als er die Münze durch den ganzen Raum fliegen ließ. Der fahrende Ritter fing sie aus der Luft.»Und ein flinker dazu. «Der Zwerg wandte sich wieder Masha Heddle zu.»Seid Ihr wenigstens in der Lage, uns mit Speisen zu versorgen?«

«Alles, was Ihr wünscht, M'lord, alles, was Ihr wollt«, versprach die Wirtin. Und möge er daran ersticken, dachte Catelyn, doch war es Bran, den sie ersticken sah, ertrinkend in seinem eigenen Blut.

Lannister warf einen Blick auf die vordersten Tische.»Meine Männer bekommen, was immer Ihr diesen Leuten serviert. Doppelte Portionen, wir hatten einen langen, harten Ritt. Ich nehme gebratenes Geflügel… Huhn, Ente, Taube, das ist mir ganz egal. Und schickt einen Krug mit Eurem besten Wein. Yoren, wollt Ihr mit mir speisen?«

«Aye, M'lord, das will ich«, erwiderte der schwarze Bruder. Der Zwerg hatte das andere Ende des Raumes noch keines Blickes gewürdigt, und Catelyn wollte es den überfüllten Bänken zwischen ihnen schon danken, als plötzlich Marillion aufsprang.»Mylord von Lannister!«rief er aus.»Ich würde mich freuen, wenn ich Euch bei Eurer Mahlzeit unterhalten dürfte. Laßt mich Euch die Weisen vom großen Sieg Eures Vaters in King's Landing singen!«

«Nichts könnte mir mein Essen besser verderben«, entgegnete der Zwerg trocken. Seine ungleichen Augen betrachteten den Sänger kurz, wollten sich schon abwenden… und fanden Catelyn. Einen Moment lang sah er sie an, verdutzt. Sie wandte sich ab, doch zu spät. Der Zwerg lächelte.»Lady

Stark, welch unerwartete Freude«, rief er.»Es tat mir schon leid, daß wir uns auf Winterfell nicht begegnet sind.«

Marillion gaffte sie offenen Mundes an, und Verblüffung wich Verdruß, als Catelyn langsam aufstand. Sie hörte Ser Rodrik fluchen. Wäre der Mann doch nur auf der Mauer geblieben, dachte sie, wäre er doch nur…

«Lady… Stark?«fragte Masha Heddle mit belegter Stimme.

«Ich war noch Catelyn Tully, als ich zuletzt hier unterkam«, erklärte sie der Wirtin. Sie konnte das Gemurmel hören, spürte die Blicke auf sich ruhen. Catelyn sah sich im Raum um, sah die Gesichter der Ritter und der anderen Recken, und holte tief Luft, um das irrwitzige Hämmern ihres Herzens zu verlangsamen. Sollte sie das Risiko eingehen? Es blieb keine Zeit, es zu durchdenken, nur dieser Augenblick.»Ihr dort in der Ecke«, sagte sie zu einem älteren Mann, den sie bisher noch nicht bemerkt hatte.»Ist das die schwarze Fledermaus von Harrenhai, die ich dort auf Eurem Wappenrock sehe, Ser?«

Der Mann kam auf die Beine.»So ist es, Mylady.«

«Und ist Lady Whent eine wahre und treue Freundin meines Vaters, des Lord Hoster Tully von Riverrun?«

«Das ist sie«, erklärte der Mann beherzt.

Schweigend erhob sich Ser Rodrik und löste sein Schwert in dessen Scheide. Der Zwerg blinzelte sie an, mit leerer Miene und Erstaunen in seinen ungleichen Augen.

«Der rote Hengst war in Riverrun stets willkommen«, wandte sie sich dem Trio am Kamin zu.»Mein Vater zählt Jonos Bracken zu seinen ältesten und treuesten Vasallen.«

Die drei Soldaten wechselten unsichere Blicke.»Er macht unserm Herrn mit seinem Vertrauen Ehre«, sagte einer von ihnen zögerlich.

«Ich beneide Euren Vater um diese feinen Freunde«, spöttelte Lannister,»doch kann ich den Sinn in alledem nicht

sehen, Lady Stark.«

Sie ignorierte ihn, wandte sich der großen Gruppe in Blau und Grau zu. Sie waren der Kern der Gesellschaft und mehr als zwanzig Mann.»Auch Euer Wappen kenne ich gut: die Zwillingstürme von Frey. Wie ist das Befinden Eures guten Lords, edle Herren?«

Ehr Hauptmann stand auf.»Lord Walder geht es gut, Mylady. Er beabsichtigt, an seinem neunzigsten Namenstag eine neue Frau zu ehelichen, und hat Euren Hohen Vater gebeten, der Hochzeit die Ehre seines Besuches zu gewähren.«

Tyrion Lannister kicherte. Da wußte Catelyn, daß er ihr gehörte.»Dieser Mann kam als Gast in mein Haus und schmiedete dort ein Komplott, meinen Sohn zu ermorden, einen Jungen von sieben Jahren«, erklärte sie dem ganzen Raum und deutete auf ihn. Ser Rodrik trat an ihre Seite, das Schwert in der Hand.»Im Namen König Roberts und der guten Lords, denen Ihr dient, fordere ich Euch auf, ihn zu ergreifen und mir zu helfen, daß er nach Winterfell gebracht wird, wo er auf das Recht des Königs warten soll.«

Sie wußte nicht, was für sie befriedigender war: das Klirren von einem Dutzend Schwerter, als diese gezogen wurden, oder der Ausdruck von Tyrion Lannisters Gesicht.

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