Liebe hat viele Fallstricke. Wenn sie sich uns zeigt, sehen wir nur ihr Licht und nicht ihre Schattenseiten.
»Schau sie dir an, die Welt um uns herum«, sagte er. »Wir sollten uns auf die Erde legen und den Herzschlag des Planeten hören.«
»Später«, sagte ich, »ich kann doch nicht die einzige Jacke schmutzig machen, die ich mithabe.«
Wir wanderten über olivenbaumbestandene Hügel. Nach dem gestrigen Regen in Bilbao war die Morgensonne fast unwirklich.
Ich hatte keine Sonnenbrille dabei – nichts hatte ich dabei, denn ich hatte ja eigentlich noch am selben Tag wieder nach Saragossa zurückfahren wollen. Als Nachthemd mußte ich ein Hemd von ihm ausleihen. In einem Laden gleich an der Ecke beim Hotel kaufte ich ein T-Shirt, um wenigstens das waschen zu können, was ich auf dem Leib hatte.
»Du wirst mich noch satt kriegen, immer in denselben Kleidern«, sagte ich scherzend, um zu sehen, ob mich ein banaler Satz wieder in die Wirklichkeit zurückholte.
»Ich bin glücklich, daß du bei mir bist.«
Er hat nicht wieder von Liebe gesprochen, seit er mir die Medaille gegeben hat, doch er ist gut gelaunt, wirkt wieder wie achtzehn. Er geht neben mir her, wie ich in die Helligkeit dieses Morgens getaucht.
»Und was mußt du dort tun?« fragte ich, indem ich auf die Pyrenäen am Horizont deutete.
»Hinter diesen Bergen liegt Frankreich«, antwortete er lächelnd.
»Ich habe in Geographie aufgepaßt. Ich möchte nur wissen, warum wir dorthin müssen.«
Er schwieg geraume Zeit, lächelte nur.
»Ich möchte dir ein Haus zeigen. Vielleicht interessiert es dich.«
»Wenn du mir ein Haus vermitteln willst, bist du bei mir an der falschen Adresse. Ich habe kein Geld.« Mir war es gleichgültig, ob wir ein Dorf in Navarra besuchten oder nach Frankreich fuhren. Hauptsache, ich verbrachte die Feiertage nicht in Saragossa.
›Siehst du‹, hörte ich meinen Kopf zu meinem Herzen sagen,
›du bist glücklich, daß du das Angebot angenommen hast. Du hast dich verändert und merkst es nicht einmal.‹
Nein, ich habe mich nicht verändert. Ich bin einfach nur entspannter.
»Sieh dir einmal die Steine am Boden an.«
Sie sind abgerundet wie Kiesel am Meer, obwohl das Meer nie bis zu den Feldern von Navarra gereicht hat.
»Die Füße der Arbeiter, der Pilger, der Abenteurer haben diese Steine geformt«, sagt er. »Sie haben sich verändert, und die Wanderer auch.«
»Haben dich die Reisen alles gelehrt, was du weißt?«
»Nein. Es waren die Wunder der Erleuchtung.«
Ich verstehe ihn nicht, will aber auch nicht genauer wissen, was er meint. Ich bin vollgesogen mit Sonne, erfüllt von der Landschaft, den Bergen am Horizont.
»Wohin gehen wir jetzt?« frage ich.
»Nirgendwohin. Wir genießen einfach nur den Morgen, die Sonne, die schöne Landschaft. Wir haben eine lange Autofahrt vor uns.«
Dann zögert er einen Augenblick und fragt dann: »Hast du die Medaille?«
»Ja«, sage ich und gehe schneller. Ich möchte nicht, daß er davon spricht, es könnte die Freude und die Unbeschwertheit dieses Morgens zerstören.
Eine Ortschaft taucht auf. Sie liegt hoch oben auf einem Hügel wie eine mittelalterliche Stadt, und ich kann sogar aus der Entfernung den Kirchturm und eine Burgruine sehen.
»Laß uns dorthin gehen«, bitte ich. Er zögert wieder, willigt jedoch ein. Eine Kapelle liegt am Weg, und ich möchte gern eintreten. Ich kann zwar nicht mehr beten, aber die Stille in den Kirchen beruhigt mich immer.
›Fühl dich nicht schuldig‹, sage ich zu mir selbst. ›Wenn er verliebt ist, ist das seine Sache.‹
Er hat mich nach der Medaille gefragt. Ich weiß, daß er hofft, ich würde auf unser Gespräch im Cafe zurückkommen.
Gleichzeitig fürchtet er zu hören, was er nicht hören möchte, deshalb hakt er nicht nach, läßt das Thema fallen.
Vielleicht liebt er mich ja wirklich. Aber wir werden es schaffen, diese Liebe in etwas anderes zu verwandeln, in etwas Tieferes.
›Lächerlich‹, denke ich bei mir. ›Es gibt nichts Tieferes als die Liebe. In den Märchen küßt die Prinzessin den Frosch, und der verwandelt sich in einen Prinzen. Im wirklichen Leben küßt die Prinzessin den Prinzen, und er verwandelt sich in einen Frosch.‹
Nach etwa einer halben Stunde erreichen wir die Kapelle. Ein alter Mann sitzt auf den Stufen zum Eingang.
Er ist der erste Mensch, den wir seit dem Beginn unserer Wanderung treffen. Denn es ist bereits Herbst, und die Felder sind wieder dem Herrn überlassen, der die Erde segnet und fruchtbar macht, damit der Mensch von ihr im Schweiße seines Angesichts seine Nahrung erntet.
»Guten Tag«, sagt er zu dem Mann.
»Guten Tag.«
»Wie heißt diese Ortschaft dort?«
»San Martin de Unx.«
»Unx?« sage ich. »Das hört sich wie der Name eines Erdgeists an.«
Der Alte versteht den Scherz nicht. Etwas verlegen gehe ich zur Tür der Kapelle.
Die Tür steht offen. Wegen der Helligkeit draußen sehe ich das Innere der Kapelle nur undeutlich.
»Nur einen Augenblick. Ich möchte gern beten.« »Tut mir leid. Sie ist schon geschlossen.«
Er hört meinem Gespräch mit dem Alten zu, sagt aber nichts.
»Nun ja, dann gehen wir eben wieder«, sage ich. »Es bringt nichts, darüber einen Streit zu beginnen.«
Er sieht mich weiterhin an. Sein Blick ist leer, in die Ferne gerichtet.
»Willst du die Kapelle denn nicht sehen?« fragt er.
Ich weiß, daß ihm meine Haltung nicht gefällt. Er wird mich für schwach, feige, unfähig halten, meinen Willen durchzusetzen.
Es brauchte keinen Kuß, die Prinzessin verwandelte sich von allein in eine Kröte.
»Denk an gestern«, sage ich. »Gestern im Cafe hast du einfach das Gespräch abgebrochen, weil du keine Lust auf eine Diskussion hattest. Jetzt, wo ich genau das gleiche mache, zeigst du mir, daß es dir nicht gefällt.«
Der Alte schaut unserer Diskussion ungerührt zu.
Wahrscheinlich freut er sich, weil an diesem Ort, an dem alle Morgen, alle Nachmittage, alle Nächte gleich sind, endlich einmal etwas passiert.
»Die Kirchentür steht offen«, sagt er, zum Alten gewandt.
»Wenn Sie Geld haben wollen, bitte sehr. Aber sie möchte die Kirche sehen.«
»Die Zeit ist um.«
»Meinetwegen. Aber wir gehen trotzdem hinein.«
Er packt mich am Arm und tritt mit mir ein.
Ich bekomme Herzklopfen. Der Alte könnte aggressiv werden, die Polizei rufen, uns unsere Wanderung verderben.
»Warum tust du das?«
»Weil du die Kapelle sehen möchtest«, ist seine Antwort.
Aber mir gelingt es nicht, genau zu sehen, wie es drinnen aussieht. Mein Benehmen hat den Zauber eines beinahe vollkommenen Morgens zerstört.
Ich höre nur auf das, was draußen geschieht, ich stelle mir vor, daß der Alte weggegangen ist und die Dorfpolizei anrückt. Unerlaubtes Eindringen in eine Kirche. Diebe. Ich tat etwas Verbotenes, übertrat das Gesetz. Der Alte hatte gesagt, sie sei geschlossen, die Besichtigungszeit vorbei! Er war ein armer Alter, der uns nicht zurückhalten konnte, und die Polizei würde noch härter mit uns verfahren, weil wir einen Greis respektlos behandelt hatten.
Ich bleibe nur so lange drinnen, wie es nötig ist, um den Eindruck zu erwecken, daß ich mich nicht unbehaglich fühle.
Mein Herz schlägt noch immer so heftig, daß ich fürchte, er könnte es hören.
»Wir können gehen«, sage ich, als ich so lange gewartet habe, wie ein Ave-Maria dauert.
»Hab keine Angst, Pilar. Du mußt hier nichts inszenieren.«
Ich wollte nicht, daß das Problem mit dem Alten zu einem Problem mit ihm wurde. Ich mußte Ruhe bewahren.
»Ich weiß nicht, was du mit ›inszenieren‹ meinst«, entgegne ich.
»Es gibt Leute, die sind mit jemandem im Streit, mit sich selbst im Streit, mit dem Leben im Streit. Sie fangen dann an, in ihrem Kopf eine Art Theaterstück zu inszenieren, dessen Handlung ihren Frustrationen entspricht.«
»Ich kenne viele Leute, die das tun. Ich weiß, wovon du redest.«
»Das Schlimmste ist jedoch, daß sie dieses Theaterstück nicht allein aufführen können«, fuhr er fort. »Und dann holen sie sich Mitspieler heran. Genau das hat der Alte getan. Vielleicht wollte er sich für etwas rächen und hat nun uns als Sündenböcke ausgesucht. Wären wir auf sein Verbot eingegangen, würden wir es jetzt bereuen und uns besiegt vorkommen. Wir hätten uns dann nur darauf eingelassen, Teil seines kleinlichen Lebens und seiner Frustrationen zu sein. Der Mann steckte voller Aggressionen, das war nicht zu übersehen, und es war einfach für uns, sein Spiel nicht mitzumachen. Andere Menschen hingegen führen sich als Opfer auf, beklagen sich über die Ungerechtigkeit des Lebens, bitten, ihnen zuzustimmen, ihnen Ratschläge zu geben, und fordern uns so auf, in ihrem Stück mitzuspielen.«
Er blickte mir in die Augen.
»Vorsicht«, sagte er. »Wenn man sich auf dieses Spiel einläßt, ist man am Ende immer der Verlierer.«
Er hatte recht. Dennoch fühlte ich mich da drinnen nicht ganz wohl in meiner Haut.
»Ich habe schon gebetet. Was ich wollte, ist getan. Wir können hinausgehen.«
Wir traten ins Freie. Nach der Dunkelheit in der Kapelle blendete mich das gleißende Sonnenlicht. Als sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, sah ich, daß der Alte nicht mehr da war.
»Laß uns zu Mittag essen«, sagte er und schlug den Weg zur Ortschaft ein.
Ich trinke zwei Glas Wein zum Mittagessen. So viel habe ich nie in meinem Leben getrunken. Ich werde noch zur Alkoholikerin.
»Du übertreibst.«
Er redet mit dem Kellner. Erfährt, daß es ein paar römische Ruinen in der Gegend gibt. Ich versuche, dem Gespräch zu folgen, doch es gelingt mir nicht, meine schlechte Laune zu unterdrücken.
Die Prinzessin hat sich in eine Kröte verwandelt. Sei’s drum! Ich mußte niemandem etwas beweisen, denn ich war auf nichts aus, weder auf einen Mann noch auf eine Liebe!
›Ich hab’s ja gewußt‹, denke ich, ›daß er meine Welt aus dem Gleichgewicht bringen würde. Mein Kopf hat mich schon gewarnt, aber das Herz wollte nicht hören.‹
Ich habe einen hohen Preis für das zahlen müssen, was ich habe. Mußte auf vieles verzichten, was ich mir wünschte; habe viele Wege nicht eingeschlagen, die sich mir auftaten; habe meine Träume im Namen eines größeren Traumes geopfert: für meinen inneren Frieden. Den will ich nicht wieder verlieren.
»Du bist angespannt«, sagt er, die Unterhaltung mit dem Kellner unterbrechend. »Ja, das bin ich. Ich glaube, der Alte hat die Polizei gerufen.
Diese Stadt ist klein, ich glaube, sie werden bereits wissen, wo wir zu finden sind. Warum mußtest du ausgerechnet hier zu Mittag essen, das könnte das Ende unserer Feiertage bedeuten.«
Er dreht ständig ein Glas mit Mineralwasser in seiner Hand.
Wahrscheinlich weiß er, daß es das nicht ist, daß ich mich in Wahrheit schäme. Warum machen wir dies nur mit unserem Leben? Warum sehen wir nur das Staubkorn in unserem Auge und nicht die Berge, die Felder, die Olivenbäume?
»Hör zu: Nichts dergleichen wird geschehen«, sagt er. »Der Alte ist längst zu Hause angekommen und erinnert sich überhaupt nicht mehr an diesen Zwischenfall. Glaub mir.«
›Deswegen bin ich doch gar nicht angespannt, du Dummkopf‹, denke ich.
»Hör mehr auf dein Herz«, fährt er fort.
»Genau das tue ich doch: Ich höre darauf«, entgegne ich. »Ich möchte hier weg. Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut.«
»Trink tagsüber nicht so viel. Das bringt nichts.«
Bis zu diesem Augenblick hatte ich mich im Griff. Jetzt sollte ich ihm besser sagen, was ich auf dem Herzen habe.
»Du glaubst, du weißt alles«, sage ich. »Verstehst was von magischen Augenblicken, vom inneren Kind. Ich weiß überhaupt nicht, warum du mit mir hier sitzt!«
Er lacht.
»Ich bewundere dich«, sagt er. »Ich bewundere den Kampf, den dein Verstand gegen dein Herz führt.«
»Was für einen Kampf?«
»Ach nichts«, antwortet er.
Doch ich weiß, was er meint.
»Mach dir nichts vor«, antworte ich. »Wenn du willst, reden wir darüber. Du irrst dich in bezug auf meine Gefühle.«
Er hört damit auf, das Glas in seiner Hand zu drehen, und sieht mich an: »Das tue ich nicht. Ich weiß, daß du mich nicht liebst.«
Jetzt bin ich noch verwirrter.
»Doch ich werde darum kämpfen«, fährt er fort, »es gibt Dinge im Leben, für die zu kämpfen sich bis zum Schluß lohnt.«
Seine Worte machen mich sprachlos.
»Für dich lohnt es sich«, sagt er.
Ich sehe weg, tue so, als sei ich an der Einrichtung des Restaurants interessiert. Ich hatte mich wie eine Kröte gefühlt, und nun war ich wieder eine Prinzessin.
›Ich würde seinen Worten gerne glauben‹, denke ich, während ich ein Bild mit Fischern und Booten anschaue. ›Doch das wird nichts ändern, wenigstens fühle ich mich nicht mehr so schwach, so unfähig.‹
»Entschuldige bitte, wenn ich aggressiv war«, sage ich.
Er lächelt, ruft den Kellner und zahlt.
Auf dem Rückweg bin ich noch verwirrter. Vielleicht ist es die Sonne. Aber nein, es ist Herbst, und die Sonne ist nicht mehr so heiß. Vielleicht ist es der Alte, doch der Alte ist längst aus meinem Leben verschwunden.
Vielleicht ist auch alles nur neu. Ein neuer Schuh ist unbequem.
Mit dem Leben ist es nicht anders: Es packt uns unversehens und zwingt uns, unsere Schritte ins Unbekannte zu lenken, immer dann, wenn wir es nicht wollen, wenn wir es nicht brauchen können.
Ich versuche mich auf die Landschaft zu konzentrieren, doch es gelingt mir nicht mehr, die Olivenhaine, die kleine Stadt auf dem Berg, die Kapelle mit dem Alten an der Tür zu sehen. Es ist mir alles fremd.
Ich erinnere mich an unseren Schwips von gestern und an das Lied, das er sang:
Las tardicitas de Buenos Aires tienen este no se…
Que se yo?
Viste, sali de tu casa, por Arenales Die Abende in Buenos Aires haben das gewisse Etwas… Wer weiß?
Hast du gesehen, wie ich die Rua Arenales entlangging, nachdem ich dein Haus verlassen hatte?
Wieso Buenos Aires, wo wir doch in Bilbao waren? Warum die Rua Arenales? Was wollte er damit sagen?
»Was war das für ein Lied, das du gestern gesungen hast?«
frage ich ihn.
»Balada para un loco, die Ballade für einen Verrückten«, sagt er. »Warum fragst du mich heute danach?«
»Nur so«, antworte ich.
Aber ich weiß, er hat es extra gemacht. Dieses Lied, das er mir vorgesungen hat, war eine Falle. Er hat mich den Text auswendig lernen lassen, dabei müßte ich meinen Kopf für meinen Examensstoff freihalten. Er hätte ein bekanntes Lied singen können, eines, das ich schon tausendmal gehört habe, aber er mußte natürlich eins nehmen, das ich noch nie gehört hatte.
Es ist eine Falle. Denn wenn dieses Lied später einmal im Radio gespielt wird oder jemand diese Platte auflegt, werde ich mich an ihn erinnern, an Bilbao, an die Zeit, in der der Herbst meines Lebens wieder zum Frühling wurde. Ich werde mich an die Erregung, an das Abenteuer, an das Kind in mir erinnern, das, Gott allein weiß, woher, wieder aufgetaucht war.
Er hat das alles bedacht. Er ist klug, erfahren und weiß, was er tun muß, um die Frau zu erobern, die er begehrt.
›Ich werde noch verrückt‹, sage ich mir. ›Ich glaube, ich bin Alkoholikerin, weil ich zwei Tage hintereinander etwas getrunken habe. Ich bin sicher, er kennt alle Tricks. Mit seiner sanften Art hat er mich fest im Griff.‹
»Ich bewundere den Kampf, den dein Verstand mit deinem Herzen ausficht«, hat er im Restaurant gesagt.
Aber er irrt sich. Denn ich habe bereits gekämpft und mein Herz schon vor langer Zeit besiegt. Ich werde mich nicht in das Unmögliche verlieben. Ich kenne meine Grenzen und die Grenzen meiner Leidensfähigkeit.
»Sag etwas«, bitte ich ihn, während wir zum Wagen zurückgehen.
»Was denn?«
»Irgend etwas. Rede mit mir.«
Er fängt an, mir etwas von den Erscheinungen der Jungfrau Maria in Fatima zu erzählen. Ich weiß nicht, wie er darauf kommt, aber die Geschichte von den drei Hirtenkindern, die mit der Muttergottes sprachen, lenkt mich von meinen Gedanken ab.
Mein Herz beruhigt sich allmählich. Jawohl, ich kenne meine Grenzen und habe mich im Griff.
Wir kamen nachts an. Es herrschte so dichter Nebel, daß man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Ich sah nur einen kleinen Platz, eine Laterne, einige vom gelben Licht schlecht beleuchtete mittelalterliche Häuser, einen Brunnen.
»Der Nebel!« sagte er erregt. »Wir sind in Saint-Savin.«
Der Name sagte mir nichts. Aber wir waren in Frankreich, und das fand ich aufregend.
»Warum sind wir hier?«
»Wegen des Hauses, das ich dir verkaufen will«, antwortete er lachend. »Außerdem habe ich versprochen, daß ich am Tag der Unbefleckten Empfängnis hierher zurückkehren würde.«
»Hierher?«
»Ja, hier in der Nähe.«
Er hielt den Wagen an. Wir stiegen aus, er nahm mich bei der Hand, und wir gingen durch den Nebel.
»Dieser Ort trat unerwartet in mein Leben«, sagte er.
›Du auch in meins‹, dachte ich.
»Hier dachte ich einmal, ich hätte mich verlaufen, doch das stimmte nicht: in Wahrheit fand ich hier meinen Weg.«
»Du sprichst in Rätseln«, sagte ich. »Hier habe ich begriffen, daß du mir in meinem Leben fehlst.«
Ich sah mich um. Ich begriff nicht, wieso.
»Was hat das mit deinem Weg zu tun?«
»Wir werden uns ein Zimmer suchen, denn die beiden einzigen Hotels in dieser kleinen Stadt sind nur im Sommer geöffnet.
Dann essen wir in einem guten Restaurant zu Abend, ganz entspannt, ohne die Polizei auf den Fersen, ohne Hals über Kopf zum Wagen rennen zu müssen. Und wenn der Wein unsere Zunge gelöst hat, dann reden wir ausführlich miteinander.«
Wir lachten beide. Ich war schon zu entspannt.
Während der Reise wurde mir deutlich, was für Unsinn ich gedacht hatte. Als wir durch das Gebirge fuhren, das Frankreich von Spanien trennt, hatte ich Gott darum gebeten, mir die Anspannung und die Angst von der Seele zu nehmen.
Ich war es müde, diese kindliche Rolle zu spielen, mich so zu verhalten wie viele meiner Freundinnen, die Angst vor der unmöglichen, unerfüllbaren Liebe hatten, jedoch nicht einmal wußten, was diese ›unmögliche Liebe‹ überhaupt war. Wenn ich so weitermachte, würde ich noch alles verderben, was mir diese paar Tage mit ihm zusammen Gutes geben konnten.
›Vorsicht‹, dachte ich, ›Vorsicht mit dem Haarriß im Staudamm.
Ist er erst da, kann ihn nichts auf der Welt wieder schließen.‹
»Möge uns die Heilige Jungfrau von nun an beschützen«, sagte er.
Ich antwortete nicht.
»Warum sagst du nicht Amen?« fragte er.
»Weil ich es nicht so wichtig finde. Es gab Zeiten, in denen gehörte die Religion zu meinem Leben, doch diese Zeiten sind vorüber.«
Er machte auf dem Absatz kehrt, und wir gingen zum Wagen.
»Ich bete noch«, fuhr ich fort. »Ich habe gebetet, als wir über die Pyrenäen gefahren sind. Doch das geschieht fast automatisch, ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich daran wirklich glaube.« »Warum?«
»Weil ich gelitten habe und Gott mich nicht erhört hat. Weil ich viele Male in meinem Leben versucht habe, von ganzem Herzen zu lieben, und die Liebe am Ende mit Füßen getreten, verraten wurde. Wenn Gott die Liebe ist, müßte er sich um mein Gefühl mehr kümmern.«
»Gott ist die Liebe. Doch wer davon etwas versteht, ist die Heilige Jungfrau Maria.«
Ich brach in Lachen aus. Als ich ihn wieder ansah, war er ernst.
Es war kein Scherz gewesen.
»Die Heilige Jungfrau kennt das Geheimnis der vollkommenen Hingabe«, fuhr er fort. »Und da sie geliebt und gelitten hat, hat sie uns vom Schmerz befreit. Genauso, wie Jesus uns von den Sünden befreit hat.«
»Jesus war Gottes Sohn. Die Heilige Jungfrau war nur eine Frau, der die Gnade zuteil wurde, ihn in ihrem Schoße zu empfangen«, entgegnete ich. Ich wollte das unpassende Gelächter wiedergutmachen, ich wollte, daß er merkte, daß ich seinen Glauben respektiere. Aber über Glaube und über Liebe diskutiert man nicht, vor allem nicht in einer so reizenden Stadt wie dieser.
Er öffnete den Kofferraum und holte die beiden Taschen heraus. Als ich mein Gepäckstück selbst tragen wollte, lächelte er.
»Laß nur, ich trage es für dich.«
›Wie lange schon hat mich niemand so behandelt‹, dachte ich.
Wir klopften an die erste Tür. Die Frau sagte, sie vermiete keine Zimmer. Bei der zweiten Tür öffnete niemand. Bei der dritten empfing uns ein freundlicher Alter, doch als wir uns das Zimmer ansahen, stand dort nur ein Doppelbett. Ich wollte nicht.
»Vielleicht fahren wir besser in eine größere Stadt«, schlug ich vor.
»Wir werden schon ein Zimmer bekommen«, antwortete er.
»Kennst du die Übung mit dem Anderen? Sie gehört zu einer vor hundert Jahren geschriebenen Geschichte, deren Autor –« »Vergiß den Autor und erzähl mir die Geschichte«, bat ich ihn, während wir über den einzigen Platz von Saint-Savin gingen.
Ein Mann trifft einen alten Freund, der erfolglos versucht hatte, es im Leben zu etwas zu bringen. ›Ich werde ihm ein bißchen Geld geben‹, denkt er. Doch er erfährt noch in derselben Nacht, daß sein alter Freund reich war und beschlossen hatte, alle Schulden zurückzubezahlen, die er in den Jahren gemacht hatte.
Die beiden gehen in eine Bar, die sie früher immer gemeinsam besucht hatten, und er gibt eine Runde aus. Als er gefragt wird, wie er solchen Erfolg haben konnte, antwortet er, daß er bis vor einigen Tagen der Andere gewesen sei.
»Wer ist der Andere?« fragen sie ihn.
»Der Andere ist der, den sie mich zu sein gelehrt haben, der ich aber nicht bin. Der Andere glaubt, daß der Mensch sein ganzes Leben lang nur daran denken muß, wie er so viel Geld zusammenbekommt, daß er nicht Hungers stirbt, wenn er alt ist.
Er denkt so viel und macht so viele Pläne, daß er erst, als seine Tage auf Erden schon gezählt sind, entdeckt, daß er lebt. Doch da ist es schon zu spät.«
»Das bist du, nicht wahr?«
»Ich bin wie jeder andere, wenn ich auf mein Herz höre. Ein Mensch, der staunend die Mysterien des Lebens betrachtet, ist offen für die Wunder; das, was er tut, löst Freude und Begeisterung in ihm aus. Nur der Andere läßt ihn aus Angst, enttäuscht zu werden, nicht handeln.
»Aber es gibt doch das Leiden«, sagen die Leute in der Bar.
»Es gibt Niederlagen. Niemand ist gegen sie gefeit. Deshalb ist es besser, im Kampf um seine Träume ein paar Schlachten zu verlieren, als besiegt zu werden, ohne zu wissen, wofür man kämpft.«
»Ist das alles?« fragen die Leute in der Bar.
»Ja. Als ich das entdeckt habe, bin ich aufgewacht und habe beschlossen, der zu sein, der ich in Wahrheit immer sein wollte.
Der Andere blieb dort in meinem Zimmer und sah mich an, doch ich habe ihn nie wieder hereingelassen, obwohl er immer wieder versucht hat, mich zu erschrecken, mich auf das Risiko aufmerksam zu machen, das ich einging, wenn ich nicht mehr an die Zukunft dachte. In dem Augenblick, als ich den Anderen aus meinem Leben vertrieben habe, hat die Kraft Gottes begonnen, ihre Wunder zu tun.«
›Diese Geschichte hat er bestimmt erfunden. Sie ist zwar hübsch, aber wahr ist sie nicht‹ dachte ich, während wir weiter nach einer Übernachtungsmöglichkeit suchten. Saint-Savin bestand aus nicht mehr als dreißig Häusern, und wenn wir nichts fanden, würden wir genau das tun müssen, was ich vorgeschlagen hatte, nämlich in eine größere Stadt fahren.
Doch mochte er auch noch soviel Begeisterung in sich tragen, mochte der Andere sich längst aus seinem Leben verabschiedet haben, die Bewohner von Saint-Savin wußten nicht, daß sein Traum war, hier zu schlafen, und dachten nicht daran, ihm zu helfen. Doch während er diese Geschichte erzählte, habe ich mich darin gesehen, meine Ängste, meine Unsicherheit, meine Weigerung, das Schöne um mich herum wahrzunehmen, weil morgen schon alles vorbei sein und ich leiden könnte.
Die Götter würfeln und fragen nicht, ob wir mitspielen wollen.
Ihnen ist es gleichgültig, ob du einen Mann, ein Haus, eine Arbeit, einen Traum aufgegeben hast. Die Götter kümmert es wenig, ob in deinem Leben alles seinen Platz hat und ob deine Wünsche durch Arbeit und Beharrlichkeit erfüllt werden. Die Götter scheren sich nicht um unsere Pläne und um unsere Hoffnungen. Irgendwo da draußen im Universum würfeln sie, und irgendwann bist du dran. Ob du gewinnst oder verlierst, ist eine Frage des Zufalls.
Die Götter würfeln und lassen die Liebe aus ihrem Käfig. Diese Kraft kann schöpferisch oder zerstörerisch sein, je nachdem, woher der Wind weht, wenn sie aus ihrem Käfig kommt.
Im Augenblick wehte diese Kraft ihn an. Doch der Wind ist unberechenbar wie die Götter. Und tief in meinem Innern begann ich einige Windstöße zu spüren. Als wollte das Schicksal mir zeigen, daß die Geschichte vom Andern wahr war und das Universum sich immer mit den Träumern verbündet, fanden wir ein Haus, in dem wir bleiben konnten, mit einem Schlafzimmer mit zwei Betten. Als allererstes nahm ich ein Bad, wusch meine Wäsche und zog das T-Shirt an, das ich gekauft hatte. Ich fühlte mich wie neu – und das gab mir Sicherheit.
›Wer weiß, vielleicht mag ja die Andere dieses T-Shirt gar nicht‹, kicherte ich in mich hinein.
Nach dem Abendessen mit den Besitzern des Hauses – auch Restaurants waren im Herbst und im Winter geschlossen – bat er um eine Flasche Wein und versprach, gleich morgen eine neue zu kaufen.
Wir zogen unsere Jacken an, liehen uns zwei Gläser und gingen hinaus.
»Wir könnten uns an den Brunnen setzen«, sagte ich.
Dort ließen wir uns nieder und tranken, um die Kälte und die Spannung zu vertreiben.
»Es scheint, der Andere ist wieder in dich gefahren«, scherzte ich. »Er ist schlechter gelaunt.«
Er lachte.
»Ich habe gesagt, wir werden ein Zimmer finden, und wir haben eins gefunden. Das Universum hilft uns immer im Kampf um unsere Träume, so verrückt sie auch sein mögen. Denn es sind unsere Träume, und nur wir selbst wissen, wieviel Mühe es uns kostet, sie zu träumen.«
Der vom Laternenlicht gelb gefärbte Nebel verhüllte die andere Seite des Platzes.
Ich atmete tief ein. Die Sache duldete keinen Aufschub mehr.
»Wir wollten über die Liebe sprechen«, fuhr ich fort. »Es läßt sich nicht mehr vermeiden. Du weißt, wie es mir in den letzten Tagen ergangen ist.«
›Wäre es nach mir gegangen, dieses Thema wäre nie zur Sprache gekommen. Aber da es nun mal so ist, geht es mir nicht aus dem Sinn.‹ »Lieben ist gefährlich.«
»Ich weiß«, antwortete ich. »Ich habe schon geliebt. Lieben ist wie eine Droge. Anfangs beschert sie einem Hochgefühl, völlige Hingabe. Am Tag darauf willst du noch mehr. Du bist zwar noch nicht süchtig, doch das Gefühl hat dir gefallen, und du glaubst, es kontrollieren zu können. Du denkst drei Minuten an den geliebten Menschen, doch dann vergißt du ihn drei Stunden lang. Doch ganz allmählich gewöhnst du dich an diesen Menschen und wirst vollkommen abhängig von ihm. Dann denkst du drei Stunden an ihn und vergißt ihn für drei Minuten.
Ist er nicht bei dir, verspürst du die gleichen Entzugserscheinungen wie die Drogensüchtigen. Und genau wie die Drogensüchtigen, die stehlen und sich erniedrigen, um das zu bekommen, was sie brauchen, bist auch du gewillt, alles für die Liebe zu tun.«
»Was für ein gräßliches Beispiel«, sagte er.
Es war wirklich ein gräßliches Beispiel, das nicht zum Wein, zum Brunnen, zu den mittelalterlichen Häusern am Platz paßte.
Wenn er so viele Schritte um der Liebe willen unternommen hatte, mußte er die Gefahren kennen.
»Deshalb müssen wir jemanden lieben, den wir in unserer Nähe haben können«, schloß ich.
Er blickte lange in den Nebel. Offenbar war er nicht mehr auf die gefährlichen Fahrwasser eines Gespräches über die Liebe erpicht. Ich war hart, doch es ging nun einmal nicht anders.
›Lassen wir es dabei bewenden‹, dachte ich. ›Drei Tage Zusammenleben und dazu noch die peinliche Tatsache, daß er mich immer in denselben Kleidern sah, haben ihn wieder zur Räson gebracht.‹ Ich war zwar in meinem weiblichen Stolz gekränkt, doch mein Herz schlug leichter.
›Aber will ich das überhaupt?‹
Denn ich verspürte bereits die Stürme, die der Wind der Liebe heranträgt. Ich bemerkte, daß es in der Mauer des Staudamms ein Loch gab. Wir saßen lange dort und tranken, doch wir sprachen nicht über ernste Dinge. Wir unterhielten uns über die Besitzer des Hauses, in dem wir übernachteten, und den Heiligen, der diese Stadt gegründet hatte. Er erzählte mir ein paar Legenden über die Kirche auf der anderen Seite des Platzes, die ich wegen des dichten Nebels nicht erkennen konnte.
»Du bist zerstreut«, sagte er irgendwann.
Ja, meine Gedanken schweiften. Ich hätte gern dort mit jemandem gesessen, der mein Herz in Frieden ließ, mit jemandem, mit dem ich diesen Augenblick ohne die Angst erleben konnte, ihn am nächsten Tag zu verlieren. Dann würde die Zeit nicht so rasen, wir könnten einfach schweigen, da wir ja das restliche Leben noch vor uns hätten, um miteinander zu reden. Ich müßte mir nicht über ernste Dinge den Kopf zerbrechen, schwierige Entscheidungen treffen, harte Worte aussprechen.
Wir schweigen. Das ist ein Zeichen. Das erste Mal schweigen wir einfach, obwohl es mir erst jetzt bewußt wird, als er sich erhebt, um noch eine Flasche Wein zu holen.
Wir schweigen. Ich lausche dem Knirschen seiner Schritte, die zum Brunnen zurückkehren, wo wir seit über einer Stunde sitzen, trinken und in den Nebel blicken.
Das erste Mal schweigen wir wirklich. Es ist nicht dieses beklemmende Schweigen wie im Auto auf dem Weg von Madrid nach Bilbao. Es ist nicht das Schweigen meines beklommenen Herzens, in der Kapelle in der Nähe von San Martin de Unx.
Seine Schritte halten inne. Er blickt mich an – es muß schön sein, was er jetzt sieht: eine Frau, die an einem Brunnen sitzt, eine neblige Nacht im Laternenschein.
Die mittelalterlichen Häuser, die Kirche aus dem 11.
Jahrhundert und die Stille.
Die zweite Flasche Wein ist halb leer, als ich zu reden anfange:
»Heute morgen war ich schon fast davon überzeugt, Alkoholikerin zu sein. Ich trinke den ganzen Tag. In diesen drei Tagen habe ich mehr getrunken als im ganzen letzten Jahr.« Er streicht mir wortlos über den Kopf. Ich spüre die Berührung und schiebe seine Hand nicht weg.
»Erzähl mir etwas über dein Leben«, bitte ich ihn.
»Da gibt es keine großen Geheimnisse. Es gibt meinen Weg, und ich tue alles, um ihn in Würde zu gehen.«
»Und was für ein Weg ist das?«
»Der Weg eines, der die Liebe sucht.«
Seine Hände spielen mit der leeren Flasche.
»Und die Liebe ist ein komplizierter Weg, nicht wahr? Weil dieser Weg uns entweder in den Himmel oder aber in die Hölle führt«, sage ich, obwohl ich nicht ganz sicher bin, ob er mich damit meint.
Er sagt nichts. Vielleicht ist er noch immer in den Ozean des Schweigens abgetaucht, doch der Wein hat mir die Zunge gelöst, ich muß einfach reden.
»Du hast gesagt, daß sich in dieser Stadt etwas für dich geändert hat.«
»Ich glaube, ja. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, darum wollte ich dich hierherbringen.«
»Ist das ein Test?«
»Nein. Es ist Hingabe. Damit sie mir hilft, die richtige Entscheidung zu treffen.«
»Wer?«
»Die Heilige Jungfrau.«
Die Heilige Jungfrau. Das hätte ich ahnen müssen. Ich war beeindruckt davon, daß so viele Jahre der Reisen, der Entdeckungen neuer Horizonte ihn nicht vom Katholizismus der Kinderjahre befreit hatten. Da hatten meine Freunde und ich uns weiterentwickelt. Wir lebten nicht mehr unter dem Druck der Schuld und der Sünden.
»Es ist beeindruckend, wie du nach allem, was du erlebt hast, deinen Glauben behalten konntest.«
»Ich habe ihn nicht behalten. Ich habe ihn verloren und wiedergefunden.« »Aber bei heiligen Jungfrauen? In unmöglichen eingebildeten Dingen? Hattest du kein Sexualleben?«
»Doch, ein ganz normales. Ich habe mich in viele Frauen verliebt.«
Ich verspüre einen Stich Eifersucht, bin überrascht über meine Reaktion. Doch der innere Kampf scheint sich gelegt zu haben, und ich will ihn nicht wieder entfachen.
»Warum ist sie ›Die Heilige Jungfrau‹? Warum zeigen sie uns die Muttergottes nicht als eine normale Frau, die genauso ist wie alle anderen Frauen?«
Er trinkt den kleinen Rest, der noch in der Flasche ist, aus.
Fragt mich, ob er noch eine holen soll, und ich sage nein.
»Ich möchte, daß du mir eine Antwort gibst. Immer, wenn wir irgendein Thema anschneiden, redest du von etwas anderem.«
»Sie war eine ganz normale Frau. Sie hatte andere Kinder. Die Bibel erzählt uns, daß er noch zwei Brüder hatte. Die Jungfräulichkeit bei der Zeugung von Jesus hatte einen anderen Grund: Maria leitet eine neue Ära der Gnade ein. Eine neue Zeit beginnt. Sie ist die kosmische Braut, die Erde, die sich dem Himmel öffnet und sich befruchten läßt. Weil sie mutig ist, nimmt sie in diesem Augenblick ihr eigenes Schicksal an, macht, daß Gott auf die Erde kommt. Und sie verwandelt sich in die Große Mutter.«
Mir fällt es schwer, seinen Worten zu folgen. Er bemerkt es.
»Sie ist das weibliche Antlitz Gottes. Sie besitzt seine Göttlichkeit.«
Er bringt diese Worte mühsam hervor, beinahe widerwillig, als würde er eine Sünde begehen.
»Eine Göttin?« frage ich.
Ich warte darauf, daß er es mir genauer erklärt, doch er redet nicht weiter. Minuten vorher hatte ich noch ironisch seinen Katholizismus belächelt. Jetzt klangen seine Worte für mich wie eine Blasphemie.
»Wer ist die Jungfrau? Wer ist die Göttin?« hake ich nach. »Es ist nicht einfach zu erklären«, sagt er und scheint sich immer unbehaglicher zu fühlen. »Ich habe etwas mit, das ich geschrieben habe. Wenn du magst, kannst du es lesen.«
»Mir geht es nicht darum, etwas zu lesen, ich möchte, daß du es mir erklärst.« Ich lasse nicht locker.
Er greift zur Weinflasche, doch sie ist leer. Wir wissen nicht mehr, was uns zu diesem Brunnen geführt hat. Etwas Bedeutsames ist gegenwärtig, als bewirkten seine Worte ein Wunder. »Sprich weiter«, beharre ich. »Ihr Symbol ist das Wasser, um sie ist Nebel. Die Göttin benutzt das Wasser, um sich zu offenbaren.« Der Nebel scheint lebendig zu werden und sich in etwas Heiliges zu verwandeln, ich bin aber noch genauso schlau wie vorher.
»Ich möchte dir jetzt keinen Geschichtsunterricht geben. Wenn du magst, kannst du das in dem Text nachlesen, den ich bei mir habe. Doch du mußt wissen, daß es diese Frau, die Göttin, die Jungfrau Maria, die jüdische Shechinah, die Große Mutter, Isis, Sophia, Dienerin und Herrin, in allen Religionen der Welt gibt.
Sie wurde vergessen, verboten, verborgen, doch sie wurde in den Jahrtausenden bis heute immer weiter verehrt.«
›Gott hat zwei Gesichter, und eines ist das Antlitz einer Frau.‹
Ich blicke ihm ins Gesicht. Seine Augen leuchten und schauen gebannt auf den Nebel vor uns. Ich merke, daß er auch ohne mein Zutun weiterreden würde.
»Sie ist im ersten Kapitel der Bibel gegenwärtig, als Gottes Geist über den Wassern schwebte, und Er die Feste über den Wassern von der Feste unter den Wassern schied, die Er den Himmel nannte. Das ist die mystische Vermählung von Himmel und Erde. Sie ist auch im letzten Kapitel der Bibel gegenwärtig, wo es heißt:
Der Geist und die Braut sagen: Komm. Der, der hören kann, sage: Komm. Der, den es dürstet, sage: Komm, und der, der es will, möge das Wasser des Lebens umsonst bekommen.
»Weil das Symbol der weiblichen Seite Gottes das Wasser ist?« »Ich weiß es nicht. Doch im allgemeinen wählt sie das Wasser aus, um sich zu offenbaren. Vielleicht, weil sie die Quelle des Lebens ist. Wir werden im Wasser ausgetragen, neun Monate lang bleiben wir dort.«
›Das Wasser ist das Symbol für die Macht der Frau, einer Macht, die kein Mann, so erleuchtet oder vollkommen er auch sein mag, je erlangen kann.‹
Einen Augenblick hält er inne, fährt dann aber weiter fort: »In jeder Religion, in jeder Tradition zeigt sie sich auf die verschiedenste Art und Weise, doch sie offenbart sich immer.
Da ich katholisch bin, sehe ich sie, wenn ich vor der Jungfrau Maria stehe.«
Er nimmt mich bei der Händen, und kaum fünf Minuten später liegt Saint-Savin hinter uns. Wir kommen an einer Säule am Straßenrand vorbei. Das Kruzifix darauf ist seltsam: Die Heilige Jungfrau nimmt dort den Platz von Jesus Christus ein. Mir fallen seine Worte wieder ein, und ich bin überrascht.
Jetzt sind wir ganz von Dunkelheit und Nebel umfangen. Ich stelle mir vor, wie ich im Wasser bin, im Mutterleib, wo weder die Zeit noch der Gedanke existieren. Alles, was er gesagt hat, scheint Sinn zu machen, einen ungeheuren Sinn. Ich erinnere mich an die Frau beim Vortrag. Ich erinnere mich an die junge Frau, die mich mit sich zu dem Platz genommen hat. Auch sie hatte gesagt, daß das Wasser das Symbol der Göttin sei.
»Zwanzig Kilometer von hier gibt es eine Grotte«, fährt er fort.
»Am 11. Februar 1858 sammelte dort ein Mädchen mit zwei anderen Kindern Holz. Es war ein zartes, asthmatisches Mädchen, dessen Armut schon Elend genannt werden konnte.
An jenem Wintertag fürchtete es sich davor, einen kleinen Bach zu überqueren. Es hätte naß, krank werden können, und seine Eltern waren auf den kargen Lohn angewiesen, den es als Hirtin verdiente.
Da erschien eine weißgekleidete Frau mit zwei goldenen Rosen zu ihren Füßen. Sie behandelte das Mädchen wie eine Prinzessin, bat es höflich darum, eine bestimmte Anzahl von Malen dorthin zurückzukommen, und verschwand wieder. Die beiden anderen Kinder, die gesehen hatten, wie das Mädchen in Trance gefallen war, erzählten die Geschichte überall herum.
Von diesem Augenblick an begann für das Mädchen ein dornenvoller Weg. Es wurde festgenommen, und man verlangte von ihm, daß es alles leugnete. Leute versuchten, es zu bestechen, damit es die Erscheinung um einen Gefallen für sie bat. Anfangs wurde ihre Familie öffentlich beschimpft. Die Leute sagten, das Mädchen habe mit dieser Geschichte nur die Aufmerksamkeit auf sich lenken wollen.
Das Mädchen, es hieß Bernadette, wußte überhaupt nicht, was es da sah. Es nannte die Frau ›Jenes Wesen‹, und seine besorgten Eltern suchten beim Dorfpfarrer Hilfe. Der Pfarrer schlug vor, daß es, wenn es die Erscheinung wieder sah, diese bitten sollte, ihm ihren Namen zu nennen.
Bernadette tat, was ihr der Pfarrer aufgetragen hatte, doch die Antwort war nur ein Lächeln. ›Jenes Wesen‹ erschien ihr insgesamt achtzehnmal, zumeist schweigend. Einmal bat sie das Mädchen, die Erde zu küssen. Obwohl sie nicht wußte, worum es ging, tat Bernadette, was sie ›Jenes Wesen‹
geheißen hatte. Einmal bat sie das Mädchen, ein Loch in den Boden der Grotte zu graben. Bernadette gehorchte, und sogleich entstand eine Pfütze voll schlammigen Wassers, denn in der Grotte wurden die Schweine gehalten.
›Trink dieses Wasser‹, sagte die Frau.
Das Wasser ist so schmutzig, daß Bernadette etwas davon schöpft und es dreimal wieder weggießt. Sie wagt nicht, es zum Munde zu führen. Doch schließlich, obwohl sie sich davor ekelt, gehorcht sie. An der Stelle, an der sie ein Loch gegraben hat, beginnt Wasser zu sprudeln. Ein auf einem Auge blinder Mann benetzt sein Gesicht mit ein paar Tropfen und wird wieder sehend. Eine Frau, die verzweifelt war, weil ihr neugeborener Sohn im Sterben lag, tauchte das Kind an einem Frosttag in die Quelle. Das Kind wurde geheilt.
Die Nachricht verbreitet sich allmählich, und Tausende kommen zu diesem Ort. Das Mädchen bittet die Frau jedesmal, ihm ihren Namen zu nennen, doch diese lächelt nur. Eines Tages aber wendet sich ›Jenes Wesen‹ an Bernadette und sagt:
›Ich bin die Heilige Jungfrau der Unbefleckten Empfängnis.‹
Glücklich läuft das Mädchen zum Dorfpfarrer und berichtet ihm davon.
›Das ist unmöglich‹, sagte er. ›Niemand kann gleichzeitig der Baum und die Frucht sein, mein Kind. Du solltest sie besser mit Weihwasser besprengen.‹
Für den Pfarrer gibt es prinzipiell nur Gott, und Gott ist – darauf weist alles hin – männlich.«
Er macht eine lange Pause.
»Bernadette besprengt ›Jenes Wesen‹ mit Weihwasser. Die Erscheinung lächelt nur zärtlich.
Am 16. Juli erscheint die Frauengestalt zum letzten Mal. Kurz darauf tritt Bernadette in ein Kloster ein, ohne zu wissen, daß sie dieses kleine Dorf bei der Grotte vollkommen verändert hat.
Die Quelle sprudelt weiter, und es geschehen dort immer noch Wunder.
Diese Geschichte macht zuerst in Frankreich die Runde, dann wird sie auf der ganzen Welt bekannt. Die Stadt wächst und verändert sich. Händler kommen und lassen sich dort nieder.
Hotels werden eröffnet. Bernadette stirbt, ohne zu erfahren, was dort vor sich geht, und wird fern von ihrem Heimatort begraben.
Leute, die der Kirche schaden wollen, obwohl der Vatikan die Erscheinungen inzwischen anerkannt hat, erfinden Wunderheilungen, die sich später als Fälschungen erweisen.
Die Kirche reagiert scharf: Von einem bestimmten Augenblick an erkennt sie nur die Phänomene als Wunder an, die einer Reihe strenger Untersuchungen seitens medizinischer und wissenschaftlicher Gremien standhalten.
Aber die Quelle sprudelt weiter, und immer wieder werden Menschen geheilt.«
Ein Geräusch ganz in unserer Nähe läßt mich aufhorchen. Ich fürchte mich, doch er reagiert nicht. Der Nebel ist jetzt lebendig und voller Geschichte. Ich denke über alles nach, was er gesagt hat, und über die Frage, deren Antwort ich nicht verstanden habe: Woher weiß er das alles?
Ich denke an das weibliche Antlitz Gottes. Der Mann neben mir steckt voll innerer Konflikte. Erst vor kurzem noch hat er mir geschrieben, daß er in ein katholisches Priesterseminar eintreten wolle. Dennoch glaubt er, daß Gottes Antlitz weiblich ist.
Er schweigt. Ich fühle mich immer noch, als befände ich mich im Leib der Mutter Erde, außerhalb von Zeit und Raum.
Bernadettes Geschichte entrollt sich gleichsam vor meinen Augen in dem uns umgebenden Nebel.
Doch dann spricht er wieder: »Zwei wichtige Dinge wußte Bernadette allerdings nicht«, sagt er. »Erstens, daß diese Berge, bevor die christliche Religion hierhergelangte, von Kelten bewohnt wurden. Und deren höchste Gottheit war die Muttergottheit. Generationen über Generationen wußten um das weibliche Antlitz Gottes und hatten teil an Ihrer Liebe und Ihrer Glorie.«
»Und zweitens?«
»Zweitens traten heimlich, kurz bevor Bernadette ihre Visionen hatte, die höchsten Würdenträger des Vatikans zusammen.
Wenige nur wußten, was während dieser Versammlungen geschah. Der Dorfpfarrer von Lourdes hatte gewiß nicht die geringste Ahnung davon. Die Würdenträger entschieden über das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Maria. Verkündet wurde diese Entscheidung durch die päpstliche Bulle Ineffabilis Deus. Doch wurde die Öffentlichkeit nicht genau darüber aufgeklärt, was dies bedeutete.«
»Und was hat das alles mit dir zu tun?« frage ich.
»Ich bin Ihr Schüler. Ich habe es durch Sie erfahren«, sagt er, ohne daß ihm bewußt wird, daß er damit die Quelle seines Wissens preisgibt.
»Du siehst Sie?«
»Ja.« Wir kehren zum Platz zurück und gehen die wenigen Meter hinüber zur Kirche. Ich sehe den Brunnen, das Licht der Laterne und die Flasche Wein und die zwei Gläser auf dem Brunnenrand stehen. ›Es sieht aus, als hätten dort zwei Liebende gesessen‹, denke ich. ›Schweigend, während ihre Herzen zueinander sprachen. Und dann sagten die Herzen einander alles, begannen an den großen Mysterien teilzuhaben.‹
Über die Liebe haben wir nicht wieder gesprochen. Doch das ist unwichtig. Ich fühle, daß ich auf etwas sehr Bedeutsames gestoßen bin und die Gelegenheit nutzen muß, soviel wie möglich darüber zu erfahren. Mir geht kurz mein Studium in Saragossa durch den Kopf, der Mann meines Lebens, den ich zu finden beabsichtige – doch all dies ist jetzt in weite Ferne gerückt, vom selben Nebel eingehüllt, der sich über Saint-Savin gebreitet hat.
»Warum hast du mir die Geschichte der Bernadette erzählt?«
frage ich.
»Warum, weiß ich nicht genau«, antwortet er, ohne mir in die Augen zu sehen. »Vielleicht weil wir hier nicht weit von Lourdes sind. Vielleicht weil morgen der Tag der Unbefleckten Empfängnis Maria ist. Vielleicht weil ich dir zeigen wollte, daß meine Welt nicht so einsam und verrückt ist, wie es scheinen mag.«
›Andere Menschen denken wie er. Und glauben, was er sagt.‹
»Ich habe nie behauptet, daß deine Welt verrückt ist. Verrückt ist wahrscheinlich meine Welt: Ich vertue die wichtigste Zeit meines Lebens hinter Heften und Büchern, aber letztlich trete ich auf der Stelle.«
Ich spürte, daß er erleichtert war: Ich hatte ihn verstanden.
Ich wartete darauf, daß er weiter von der Göttin sprechen würde, doch er wandte sich zu mir: »Laß uns schlafen gehen«, sagte er, »wir haben viel getrunken.«