Als die Uhr der Basilika Mitternacht schlug, war die Gruppe um uns herum schon stark angewachsen. Wir waren fast hundert, unter uns auch Priester und Nonnen, die alle im Regen standen und auf das Bildnis schauten.
»Gegrüßt seist du, Heilige Mutter Maria der Unbefleckten Empfängnis!« sagte jemand neben mir, als der letzte Glockenton verklungen war.
»Gegrüßt seist du, Maria«, antworteten alle.
Ein Wärter stürzte herbei und bat uns, keinen Lärm zu machen, wir würden die anderen Pilger stören.
»Wir kommen von weit her«, sagte ein Mann aus unserer Gruppe.
»Die da auch«, antwortete der Wärter und wies auf die anderen Leute, die im Regen beteten. »Und sie beten schweigend.«
Ich hoffte inständig, daß der Wärter endlich gehen würde. Ich wollte allein mit ihm sein, weit von hier, seine Hände halten und sagen, was ich fühlte.
Wir mußten über das Haus reden, Pläne schmieden, über die Liebe reden. Ich mußte, was mich betraf, seine Zweifel zerstreuen, ihm meine Zuneigung zeigen, ihm sagen, daß er seinen Traum verwirklichen konnte – denn ich würde an seiner Seite sein und ihm helfen.
Dann entfernte sich der Wärter, und ein Priester begann leise den Rosenkranz zu beten. Als wir beim Credo angelangt waren, das die Reihe der Gebete abschließt, schwiegen alle mit geschlossenen Augen.
»Wer sind diese Leute?« fragte ich.
»Charismatiker«, sagte er.
Dieses Wort hatte ich schon gehört, wußte aber nicht genau, was es bedeutete.
»Das sind Leute, die das Feuer des Heiligen Geistes annehmen«, sagte er zur Erläuterung. »Das Feuer, das Jesus hinterlassen hat und an dem nur wenige ihre Kerzen angezündet haben. Es sind Leute, die der Wahrheit nahe sind, wie zu urchristlichen Zeiten, als alle noch Wunder tun konnten.
Es sind Leute, die von der Frau im Sonnenmantel geführt werden.« Und er deutete mit dem Blick auf die Heilige Jungfrau.
Wie auf einen geheimen Befehl begann die Gruppe leise zu singen.
»Dir klappern ja die Zähne vor Kälte. Du brauchst nicht teilzunehmen«, sagte er.
»Bleibst du?«
»Ich bleibe. Dies ist mein Leben.«
»Dann möchte ich auch teilnehmen«, antwortete ich, obwohl ich lieber weit weg von dort gewesen wäre. »Wenn das deine Welt ist, möchte ich lernen, daran teilzuhaben.«
Die Gruppe sang immer noch. Ich schloß die Augen und versuchte der Musik zu folgen, obwohl ich nicht gut Französisch konnte. Ich sprach die Worte nach, ohne sie zu verstehen. Das ließ die Zeit schneller verstreichen.
Bald würde das hier zu Ende sein. Dann könnten wir endlich nach Saint-Savin zurückkehren, nur wir beide.
Ich sang mechanisch weiter. Ganz allmählich spürte ich, wie die Musik sich meiner bemächtigte, als hätte sie eigenes Leben, als könnte sie mich hypnotisieren. Ich spürte weder die Kälte noch den Regen – und dachte nicht mehr daran, daß ich keine Wäsche zum Wechseln dabeihatte. Die Musik tat mir gut, sie ließ meinen Geist fröhlich werden, trug mich in eine Zeit zurück, in der Gott mir näher war und mir geholfen hatte. Als ich mich fast ganz hingegeben hatte, verstummte die Musik.
Ich öffnete die Augen. Dieses Mal war es nicht der Wärter, sondern ein Pater, der wandte sich an einen Priester aus der Gruppe. Sie redeten leise miteinander, und der Pater ging wieder.
Der Priester wandte sich an uns.
»Wir müssen unsere Gebete auf der anderen Seite des Flusses sprechen«, sagte er. Schweigend gingen wir zu der uns angewiesenen Stelle. Wir überquerten die fast gegenüber der Grotte liegende Brücke und gelangten auf das andere Ufer. Dort war es schöner: Bäume, eine große Wiese und der Fluß – der jetzt zwischen uns und der Grotte lag. Von dort aus konnten wir das erleuchtete Bildnis der Heiligen Jungfrau besser sehen und, ohne das unangenehme Gefühl zu haben, das Gebet der anderen zu stören, die Stimme freier erklingen lassen.
Die ganze Gruppe schien das auch so zu empfinden: alle begannen, das Gesicht zum Himmel gewandt, lauter zu singen.
Und sie lächelten, während der Regen ihnen übers Gesicht rann.
Jemand hob die Arme, und schon hatten alle die Arme erhoben und wiegten sich im Rhythmus der Musik.
Ich versuchte angestrengt, es ihnen gleichzutun – doch ich wollte auch aufmerksam verfolgen, was sie machten. Ein Priester neben mir sang auf spanisch, und ich begann seine Worte zu wiederholen. Es waren Anrufungen des Heiligen Geistes, der Heiligen Jungfrau – sie möchten gegenwärtig sein und ihren Segen und ihre Kraft über einen jeden von uns ausgießen.
»Möge der Heilige Geist über uns kommen«, sagte ein anderer Priester und wiederholte den Satz auf spanisch, italienisch und französisch.
Was dann geschah, überstieg mein Verständnis. Jeder der Anwesenden begann, in einer unbekannten Sprache zu sprechen. Es klang wie eine Sprache mit Worten, die direkt aus der Seele zu kommen schienen und keinen logischen Sinn ergaben. Mir fiel kurz unser Gespräch in der Kirche ein, als er mir von der Erleuchtung erzählt hatte – daß nämlich alle Weisheit darin bestand, auf seine eigene Seele zu hören.
›Vielleicht ist dies ja die Sprache der Engel‹, dachte ich, während ich versuchte, es ihnen nachzutun – und mir lächerlich vorkam.
Alle schauten auf die Heilige Jungfrau auf der anderen Seite des Baches und waren wie in Trance. Ich suchte ihn mit dem Blick und entdeckte ihn unweit, wie er, die Hände zum Himmel erhoben, dieselben schnellen Worte sprach; es klang, als würde er ein Gespräch mit ihr führen. Er lächelte, nickte mal zustimmend, dann wieder überrascht. ›Das ist also seine Welt‹, dachte ich. All das erschreckte mich. Der Mann, den ich an meiner Seite haben wollte, sagte, daß Gott auch eine Frau war, redete unverständliche Sprachen, war in Trance und schien den Engeln nah. Das Haus in den Bergen wurde immer unwirklicher, als gehörte es einer Welt an, die er weit hinter sich gelassen hatte. All die Tage seit dem Vortrag in Madrid waren mir wie ein Traum vorgekommen, eine Reise außerhalb der Zeit und des Raumes meines Lebens. Dennoch hatte dieser Traum den Geschmack der weiten Welt, des Romans, neuer Abenteuer. Sosehr ich mich auch wehrte, so wußte ich doch, wie leicht das Herz einer Frau in Liebe entflammt und daß es nur noch eine Frage der Zeit war, bis sie den Wind ungehindert brausen und das Wasser die Mauer des Staudamms zerstören ließe. Ich mochte mich noch sehr wehren und glauben, daß ich aus vergangenen Verliebtheiten gelernt hätte, auch mit dieser Situation fertig zu werden. Was aber jetzt, hier, geschah, das konnte ich nicht begreifen. Dies war nicht der Katholizismus, den man mich in der Schule gelehrt hatte. So hatte ich mir den Mann meines Lebens nicht vorgestellt.
›Der Mann meines Lebens, wie merkwürdig‹, sagte ich mir, überrascht von den Worten, die mir in den Sinn gekommen waren.
Dort am Bach, gegenüber der Grotte, fühlte ich Angst und Eifersucht. Angst, weil alles dies neu für mich war, und was neu ist, erschreckt mich immer. Eifersucht, weil ich allmählich begriff, daß seine Liebe größer war, als ich gedacht hatte, Bereiche mit einschloß, in die ich nie vorgedrungen war.
»Vergib mir, Heilige Mutter Gottes«, sagte ich. »Vergib mir, denn ich bin kleinlich, engherzig, weil ich die Liebe dieses Mannes ganz allein für mich haben will. Und wenn es nun wirklich seine Berufung war, die Welt zu verlassen, sich in das Priesterseminar einzuschließen und mit den Engeln zu reden?« Wie lange würde er widerstehen, bevor er das Haus, die Schallplatten und die Bücher hinter sich ließ und seiner wahren Bestimmung folgte? Und selbst wenn er nicht wieder ins Seminar zurückging, welchen Preis müßte er dafür zahlen, daß ich ihn von seinem wahren Traum fernhielt?
Alle schienen ganz und gar in ihrem Tun aufzugehen, nur ich nicht. Mein Blick hing an ihm, und er redete die Sprache der Engel.
Einsamkeit trat an die Stelle von Angst und Eifersucht. Die Engel hatten jemanden, mit dem sie reden konnten, und ich war allein.
Ich weiß nicht, was mich dazu trieb, zu versuchen, diese merkwürdige Sprache zu sprechen. Vielleicht der übermächtige Wunsch, ihm zu begegnen, ihm zu sagen, was ich fühlte.
Vielleicht mußte meine Seele mit mir reden – mein Herz war voller Zweifel und brauchte dringend Antworten.
Ich wußte nicht genau, was ich tun sollte. Das Gefühl, lächerlich zu wirken, war sehr stark. Doch hier waren Männer und Frauen allen Alters, Priester und Laien, Novizen und Nonnen, Schüler und alte Menschen versammelt. Sie gaben mir Mut, und ich bat den Heiligen Geist, mir zu helfen, die Mauer der Angst zu überwinden.
›Versuch es‹, sagte ich mir. ›Du mußt nur den Mund aufmachen und den Mut aufbringen, Dinge zu sagen, die du nicht verstehst. Versuch es.‹
Ich versuchte es. Doch zuvor betete ich, daß diese Nacht, die einem langen Tag folgte, von dem ich nicht mehr recht wußte, wie er angefangen hatte, eine Epiphanie werden möge, ein Neuanfang für mich.
Gott schien mich zu erhören. Die Worte strömten freier aus mir
– und verloren allmählich die Bedeutung, die sie in der Sprache der Menschen haben. Das Gefühl von Peinlichkeit schwand, mein Mut wuchs, die Sprache strömte frei heraus. Obwohl ich nichts von dem verstand, was ich sagte, erfaßte meine Seele den Sinn. Nur schon, daß ich den nötigen Mut aufgebracht hatte, sinnlose Dinge zu sagen, wirkte euphorisierend auf mich. Ich war frei, brauchte mein Handeln nicht mehr zu rechtfertigen. Diese Freiheit hob mich in den Himmel – wo eine größere Liebe, die alles vergibt und sich nie verlassen fühlt, mich wieder in sich aufnahm.
›Mein Glaube scheint zu mir zurückzukehren‹, dachte ich voll Staunen über all die Wunder, die die Liebe zu tun imstande ist.
Ich spürte die Heilige Jungfrau an meiner Seite, wie sie mich im Arm hielt, mich umhüllte und mit ihrem Mantel wärmte. Die fremdartigen Worte flossen immer schneller aus meinem Munde.
Unwillkürlich begann ich zu weinen. Freude durchströmte mein Herz, erfüllte mich. Sie war stärker als alle Ängste, als meine kleinlichen Gewißheiten, als der Versuch, jede Sekunde meines Lebens zu kontrollieren.
Ich wußte, daß dieses Weinen ein Geschenk war, denn die Nonnen hatten uns in der Schule gelehrt, daß die Heiligen in der Ekstase weinen. Ich öffnete die Augen, sah in den dunklen Himmel hinauf und fühlte, wie meine Tränen sich mit dem Regen vermischten. Die Erde war lebendig, das Wasser, das von oben kam, brachte das Wunder aus der Höhe wieder zurück. Und wir waren ein Teil dieses Wunders.
»Gott kann also eine Frau sein, das ist gut so«, sagte ich leise, während die anderen sangen. »Wenn es so ist, dann hat sein weibliches Antlitz uns lieben gelehrt.«
»Laßt uns Gruppen von je acht Personen bilden und gemeinsam beten«, sagte der Priester auf spanisch, italienisch und französisch.
Ich war verwirrt, wußte wieder nicht recht, wie mir geschah, als jemand von links auf mich zutrat und mir den Arm um die Schulter legte und ein anderer von rechts es ihm gleichtat.
Dann beugten wir uns alle nach vorn, und unsere Köpfe berührten sich.
»Möge die Heilige Mutter Gottes von der Unbefleckten Empfängnis meinem Sohn helfen und ihm den rechten Weg weisen«, sagte die Stimme des Mannes, der mich rechts umfangen hielt. »Ich bitte euch, ein Ave-Maria für meinen Sohn zu beten.«
»Amen«, antworteten alle. Und die acht beteten ein Ave-Maria.
»Möge die Heilige Mutter Gottes von der Unbefleckten Empfängnis mich erleuchten und in mir die Gabe des Heilens wecken«, sagte die Stimme einer Frau in meiner Gruppe. »Laßt uns ein Ave-Maria beten.«
Und wieder sagten alle »Amen« und beteten.
Jeder sagte eine Bitte, und alle beteten gemeinsam. Ich war über mich selbst verwundert, denn ich betete wie ein Kind – und wie ein Kind glaubte ich, daß die Gebete erhört werden würden.
Die Gruppe schwieg den Bruchteil einer Sekunde lang. Ich merkte, daß ich nun an der Reihe war, um etwas zu bitten. In jeder anderen Situation hätte ich mich zu Tode geschämt und kein Wort herausgebracht. Doch etwas war mir nahe, was mir Vertrauen einflößte.
»Möge die Heilige Mutter Gottes von der Unbefleckten Empfängnis mich lehren, wie sie zu lieben«, sagte ich. »Möge diese Liebe mich und den Mann, dem sie gilt, wachsen lassen.
Laßt uns ein Ave-Maria beten.«
Wir beteten gemeinsam, und wieder erfüllte mich dieses Gefühl von Freiheit. Jahrelang hatte ich gegen mein Herz gekämpft, weil ich mich vor der Traurigkeit, dem Leiden, dem Verlassensein fürchtete. Ich hatte immer gewußt, daß die wahre Liebe über all diesem stand und daß es besser war zu sterben als nicht mehr zu lieben.
Aber ich hatte immer geglaubt, nur die anderen hätten den Mut.
Und jetzt, in diesem Augenblick, entdeckte ich, daß auch ich dazu fähig war. Auch wenn es Trennung, Einsamkeit, Traurigkeit bedeuten mochte, die Liebe war es wert.
›Ich darf jetzt nicht über all diese Dinge nachdenken, ich muß mich auf das Ritual konzentrieren.‹ Der Priester, der unsere Gruppe leitete, bat uns nun, einander loszulassen und für die Kranken zu beten. Alle beteten, sangen, tanzten im Regen, beteten zu Gott und zur Heiligen Jungfrau Maria und sprachen wieder in fremden Zungen und wiegten sich mit zum Himmel gereckten Armen.
»So jemand hier ist, dessen Schwiegertochter krank ist, so wisse er, daß sie geheilt wird«, sagte irgendwann eine Frau.
Die Gebete ertönten wieder, die Gesänge ertönten wieder und mit ihnen die Freude.
»So jemand in dieser Gruppe kürzlich seine Mutter verloren hat, so glaube er und wisse, daß sie im Himmel ist.«
Später erzählte er mir, daß dies die Gabe der Prophezeiung sei, daß bestimmte Menschen fähig seien, zu spüren, was an einem fernen Ort geschah oder kurze Zeit darauf geschehen würde.
Doch auch wenn ich das nie erfahren hatte, glaubte ich an die Kraft der Stimme, die von den Wundern redete. Ich hoffte, daß sie irgendwann über die Liebe von zwei dort anwesenden Menschen sprechen würde. Ich hoffte darauf, die Stimme sagen zu hören, daß diese Liebe von allen Engeln, Heiligen, von Gott und von der Göttin gesegnet sei.
Ich weiß nicht, wie lange dieses Ritual gedauert hat. Die Menschen sprachen immer wieder in fremden Zungen, sangen, tanzten mit zum Himmel gereckten Armen, beteten für ihren Nächsten, baten um Wunder, bezeugten Gnaden, die ihnen widerfahren waren.
Schließlich sagte der Pater, der die Zeremonie leitete:
»Laßt uns singend für alle Menschen beten, die das erste Mal an dieser charismatischen Erneuerung teilgenommen haben.«
Ich war also nicht die einzige. Das beruhigte mich.
Alle sangen ein Gebet. Dieses Mal hörte ich nur zu, betete darum, daß mir Gnade zuteil werde.
Ich brauchte viel davon.
»Laßt uns den Segen empfangen«, sagte der Pater.
Alle wandten sich zur erleuchteten Grotte auf der anderen Seite des Baches. Der Pater sprach mehrere Gebete und segnete uns. Dann küßten sich alle und wünschten einander einen glücklichen Tag der Unbefleckten Empfängnis, und jeder ging seines Weges.
Er kam auf mich zu. Er sah noch fröhlicher aus als sonst.
»Du bist klitschnaß«, sagte er.
»Du aber auch«, antwortete ich lachend.
Wir fuhren im Wagen nach Saint-Savin zurück. Ich hatte diesen Augenblick so sehnlich erwartet, aber jetzt wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Ich konnte nichts zum Haus in den Bergen, über das Ritual, die Bücher und die Schallplatten, die fremden Zungen und die im Kreis gesprochenen Gebete sagen.
Er lebte in zwei Welten. Irgendwo und in einem bestimmten Augenblick verschmolzen diese beiden Welten zu einer einzigen – und ich mußte herausfinden, wie.
Doch Worte waren in jenem Augenblick fehl am Platz. Die Liebe entdeckt man, indem man liebt.
»Ich habe nur noch einen Pullover«, sagte er, als wir im Zimmer angelangt waren. »Du kannst ihn haben. Morgen kaufe ich mir einen neuen.«
»Wir können die Wäsche auf die Heizung legen. Dann ist sie morgen trocken«, meinte ich. »Für alle Fälle habe ich ja noch die Bluse, die ich gestern gewaschen habe.«
Einen Augenblick schwiegen wir beide.
Wäsche. Nacktheit. Kälte.
Er zog ein T-Shirt aus dem Koffer.
»Damit kannst du schlafen«, sagte er.
Ich löschte das Licht. Im Dunkeln zog ich meine nassen Kleider aus, legte sie auf die Heizung und drehte diese ganz auf.
Der Schein der Laterne vor dem Haus war stark genug, daß er meine Umrisse sah, wußte, daß ich nackt war. Ich zog mir das T-Shirt an und schlüpfte unter meine Bettdecke.
»Ich liebe dich«, hörte ich ihn sagen.
»Ich bin dabei zu lernen, dich zu lieben«, antwortete ich.
Er zündete sich eine Zigarette an. »Glaubst du, daß der richtige Augenblick kommen wird?« fragte er.
Ich wußte, was er meinte. Ich stand auf und setzte mich bei ihm auf die Bettkante.
Die Glut der Zigarette beleuchtete hin und wieder sein Gesicht.
Er hielt meine Hand, und wir verharrten eine Weile so. Dann streichelte ich sein Haar.
»Du solltest mich nicht fragen«, antwortete ich. »Die Liebe fragt nicht viel, denn wenn wir anfangen zu denken, bekommen wir gleich Angst. Es ist eine unerklärliche Angst, es lohnt nicht, sie in Worte zu fassen. Vielleicht ist es die Angst, abgewiesen zu werden, nicht angenommen zu werden, den Zauber zu brechen. Es mag lächerlich sein, aber es ist so. Deshalb fragt man nicht – man handelt. Man wagt’s, wie du selber gesagt hast.«
»Ich weiß. Früher habe ich auch nie gefragt.«
»Mein Herz besitzt du schon«, antwortete ich, indem ich so tat, als hätte ich seine Worte nicht gehört. »Morgen kannst du gehen, und wir werden uns immer an das Wunder dieser Tage erinnern. Die romantische Liebe, die Möglichkeit, den Traum.
Aber ich glaube, in seiner unendlichen Weisheit hat Gott die Hölle mitten im Paradies versteckt. Damit wir immer wachsam bleiben. Damit wir, wenn wir die Freude der Barmherzigkeit erleben, Gottes Strenge nicht vergessen.«
Seine Hände streichelten mein Haar nun kräftiger.
»Du lernst schnell«, sagte er. Ich wunderte mich über das, was ich gesagt hatte. Doch wenn du dein eigenes Wissen akzeptierst, wirst du am Ende wirklich wissend sein.
»Ich bin nicht prüde, habe mich nie geziert«, sagte ich. »Ich habe schon viele Männer gehabt. Ich habe schon mit Wildfremden geschlafen.«
»Ich auch«, antwortete er.
Er versuchte, unbefangen zu wirken, doch an der Art, wie er meinen Kopf berührte, merkte ich, daß das, was ich gesagt hatte, ihm zu schaffen machte. »Seit heute morgen jedoch habe ich auf wundersame Weise meine Jungfräulichkeit wiedererlangt. Versuch nicht, es zu verstehen, nur eine Frau weiß, was ich meine. Die Liebe war wieder da, doch sie ganz zu erfassen braucht Zeit.«
Er nahm seine Hände von meinem Haar und berührte mein Gesicht. Ich küßte ihn leicht auf die Lippen und kehrte in mein Bett zurück.
Ich wußte selbst nicht recht, warum. Mir war nicht klar, ob ich ihn damit nur mehr an mich binden oder ihm seine Freiheit geben wollte.
Doch der Tag war lang gewesen. Ich war zu müde, um noch weiter darüber nachzudenken.
Ich erlebte eine Nacht unendlichen Friedens. Irgendwann hatte ich in einem Zustand zwischen Wachsein und Traum das Gefühl, daß mich ein weibliches Wesen in seine Arme nahm, und es war, als kennte ich es schon immer, denn ich fühlte mich beschützt und geliebt.
Um sieben Uhr wachte ich auf, in einem stickig heißen Zimmer.
Mir fiel wieder ein, daß ich wegen der nassen Wäsche die Heizung voll aufgedreht hatte. Es war noch dunkel, und ich kletterte leise aus dem Bett, um ihn nicht zu wecken.
Doch da sah ich, daß er nicht mehr da war.
Panik überfiel mich. Die Andere war sofort wieder da und höhnte: ›Siehst du? Kaum gibst du nach, da haut er ab. Wie alle Männer.‹
Meine Panik wuchs mit jeder Minute. Ich durfte die Fassung nicht verlieren. Die Andere aber ließ nicht locker.
›Ich bin noch da‹, sagte sie. ›Du hast zugelassen, daß der Wind sich gedreht hat, du hast die Tür geöffnet, und nun hat die Liebe dein Leben mitgerissen. Aber wenn wir jetzt schnell handeln, bekommen wir alles wieder in den Griff.‹
Ich mußte etwas Handfestes tun. Vorkehrungen treffen.
›Er ist weg‹, fuhr die Andere fort. ›Du mußt sehen, wie du hier vom Ende der Welt irgendwie wegkommst. Dein Leben in Saragossa ist von all dem noch unberührt: Lauf schnell wieder zurück. Bevor du verlierst, was du dir mühsam aufgebaut hast.‹
›Er wird seine Gründe gehabt haben‹, dachte ich.
›Die Männer haben immer irgendeinen Grund‹ entgegnete die Andere. ›Tatsache aber ist, daß sie am Ende immer die Frauen verlassen.‹
Ich mußte also sehen, wie ich wieder nach Spanien zurückkam.
Der Kopf muß immer etwas zu tun haben.
›Sehen wir einmal die praktische Seite: das Geld‹, sagte die Andere.
Ich besaß keinen Centavo. Ich würde hinuntergehen, ein R-Gespräch mit meinen Eltern führen und warten müssen, bis sie mir das Geld für die Rückfahrt schickten. Doch heute war Feiertag, und das Geld würde erst morgen kommen. Wie sollte ich etwas zu essen bekommen? Wie sollte ich den Hausbesitzern erklären, daß sie zwei Tage warten mußten, bis ich sie bezahlen konnte?
›Am besten gar nichts sagen‹, antwortete die Andere. Ja, sie hatte Erfahrung, sie wußte, was in solchen Situationen zu tun war. Sie war kein verliebtes Mädchen, das die Fassung verliert, sondern eine Frau, die immer weiß, was sie vom Leben will. Am besten blieb ich einfach hier, als wäre nichts geschehen, als würde er wiederkommen. Und wenn das Geld käme, würde ich meine Schulden bezahlen und abreisen.
›Ausgezeichnet‹, sagte die Andere. ›Allmählich wirst du wieder du selbst. Sei nicht traurig – irgendwann wirst du schon einen Mann treffen. Einen, den du ohne Risiko lieben kannst.‹
Ich nahm meine Wäsche von der Heizung. Sie war trocken. Ich mußte herausbekommen, in welchem Städtchen es hier eine Bank gab und wo man telefonieren konnte. Solange ich mich beschäftigte, war für Tränen und Sehnsucht keine Zeit.
Da entdeckte ich einen Zettel, den er für mich geschrieben hatte:
Bin ins Seminar gefahren. Pack Deine Sachen. Wir fahren morgen nach Spanien. Bin nachmittags wieder zurück. Und am Ende stand: Ich liebe Dich.
Ich preßte den Zettel ans Herz, fühlte mich zugleich elend und erleichtert. Ich spürte, wie die Andere völlig überrumpelt in sich zusammenschrumpfte.
Auch ich liebte ihn. Mit jeder Minute, mit jeder Sekunde wuchs diese Liebe und veränderte mich. Ich hatte wieder Vertrauen in die Zukunft und erlangte – ganz allmählich – wieder den Glauben an Gott zurück.
Alles wegen der Liebe.
›Ich will nicht mehr mit meinen eigenen dunklen Seiten reden‹, versprach ich mir selbst, indem ich der Anderen endgültig Tür und Tor verschloß. ›Ein Sturz aus dem dritten Stock ist genauso schlimm wie einer aus dem hundertsten. Wenn ich schon fallen soll, dann lieber aus allerhöchster Höhe.‹
»Sie sollten nicht schon wieder ohne Frühstück aus dem Haus gehen«, sagte die Frau.
»Ich wußte gar nicht, daß Sie Spanisch sprechen«, antwortete ich überrascht.
»Die Grenze ist ganz in der Nähe. Im Sommer kommen die Touristen nach Lourdes. Ohne Spanischkenntnisse würde ich keine Zimmer vermieten.«
Sie bereitete Toast und Kaffee zu. Ich begann mich innerlich auf diesen Tag vorzubereiten; jede einzelne Stunde würde mir wie ein Jahr vorkommen. Hoffentlich lenkte mich dieses Frühstück ein wenig ab.
»Wie lange sind Sie schon verheiratet?« fragte sie. »Er war meine erste Liebe«, antwortete ich. Das genügte.
»Sehen Sie die Gipfel dort draußen?« fuhr die Frau fort. »Meine erste Liebe starb auf einem dieser Berge.«
»Aber zumindest haben Sie wieder jemanden gefunden.«
»Ja, das habe ich. Und ich bin wieder glücklich geworden. Das Schicksal ist merkwürdig: Ich kenne fast niemanden, der seine erste Liebe geheiratet hat. Diejenigen, die heiraten, sagen mir immer, daß sie etwas Wichtiges verloren haben, daß sie nicht alles erlebt haben, was sie hätten erleben können.« Sie hielt plötzlich inne.
»Entschuldigen Sie bitte«, sagte sie. »Ich wollte Ihnen nicht weh tun.«
»Sie tun mir nicht weh.«
»Ich schaue immer auf den Brunnen da draußen. Und dann denke ich: Vorher wußte niemand, daß dort Wasser war – bis der heilige Savinus anfing, dort zu graben, und es entdeckte.
Hätte er es nicht getan, läge die Stadt dort unten am Fluß.«
»Und was hat das mit der Liebe zu tun?«
»Dieser Brunnen hat Menschen mit ihren Hoffnungen, ihren Träumen und ihren Konflikten hierhergeführt. Jemand hat es gewagt, das Wasser zu suchen, das Wasser hat sich gezeigt, und sie fanden sich um dieses Wasser herum zusammen. Ich denke, wenn wir mutig die Liebe suchen, zeigt sie sich, und am Ende ziehen wir noch mehr Liebe an. Wenn uns ein Mensch liebt, lieben uns alle. Sind wir jedoch allein, werden wir immer einsamer. Das Leben ist schon merkwürdig.«
»Haben Sie schon einmal von einem Buch mit dem Titel I Ging gehört?« fragte ich.
»Noch nie.«
»Da heißt es, daß man eine Stadt versetzen kann, aber keinen Brunnen. Die Liebenden treffen sich am Brunnen, stillen dort ihren Durst, bauen dort ihre Häuser, ziehen dort ihre Kinder auf.
Doch wenn einer von ihnen beschließt zu gehen, kann der Brunnen ihm nicht folgen. Die Liebe bleibt dort verlassen zurück
– obwohl der Brunnen immer noch mit demselben reinen Wasser gefüllt ist.«
»Sie reden wie eine Alte, die schon viel gelitten hat, mein Kind«, sagte sie.
»Nein, ich hatte immer nur Angst. Ich habe nie den Brunnen gegraben. Jetzt tue ich es, doch ich sehe auch die Gefahren.«
Ich spürte einen sperrigen Gegenstand in der Hosentasche. Als ich nachfühlte, wich mir das Blut aus dem Herzen. Schnell trank ich meinen Kaffee aus.
Es war der Schlüssel. Ich hatte den Schlüssel. »Hier in der Stadt ist doch kürzlich eine Frau gestorben, die alles dem Priesterseminar in Tarbes vermacht hat«, sagte ich.
»Wissen Sie, wo ihr Haus steht?«
Die Frau öffnete die Tür und zeigte es mir. Es war eines der mittelalterlichen Häuser am kleinen Platz, das nach hinten zum Tal und zu den Bergen hinausging.
»Zwei Pater waren fast zwei Monate dort«, sagte sie. »Und…«
Sie sah mich nachdenklich an.
»Und einer sah Ihrem Mann ähnlich«, sagte sie nach einer langen Pause.
»Er war es«, sagte ich, während ich hinausging, und war hoch zufrieden, weil ich zugelassen hatte, daß sich das Kind in mir einen kleinen Streich erlaubte.
Ich blieb unschlüssig vor dem Haus stehen. Nebel hüllte alles ein, und mir war, als träte ich in einen grauen Traum ein, in dem seltsame Figuren auftauchen, die uns an noch seltsamere Orte führen.
Meine Finger betasteten nervös den Schlüssel.
Bei diesem Nebel könnte ich unmöglich vom Fenster aus die Berge sehen. Das Haus würde düster sein ohne die Sonne in den Vorhängen. Das Haus würde ohne ihn traurig wirken.
Ich sah auf die Uhr. Es war neun.
Ich mußte irgend etwas tun, irgend etwas, was die Zeit schneller vergehen ließ, mir das Warten verkürzte.
Warten. Das war die erste Lektion über die Liebe, die ich gelernt hatte. Der Tag zieht sich endlos dahin, man macht tausend Pläne, stellt sich vor, was man ihm später sagen wird, verspricht sich selbst, anders zu werden – und man erwartet unruhig und sehnsüchtig den Liebsten.
Ist er da, weiß man nicht mehr, was man sagen wollte. In diesen Stunden des Wartens baut sich Anspannung auf, die zu Angst wird, und die Angst führt dazu, daß wir uns schämen, unsere Gefühle zu zeigen. ›Ich weiß nicht, ob ich dort hineingehen soll.‹ Mir fiel das Gespräch vom Vortag wieder ein – dieses Haus war das Symbol eines Traumes.
Doch ich konnte nicht den ganzen Tag lang dort stehenbleiben.
Ich nahm all meinen Mut zusammen, zog den Schlüssel aus der Tasche und ging auf die Tür zu. »Pilar!«
Die Stimme mit starkem französischem Akzent kam aus dem Nebel. Ich war eher überrascht als erschreckt. Es könnte der Besitzer des Hauses sein, bei dem wir ein Zimmer gemietet hatten – aber ich konnte mich nicht daran erinnern, ihm meinen Namen genannt zu haben.
»Pilar!« erklang die Stimme, diesmal etwas näher.
Ich blickte auf den im Nebel liegenden Platz.
Eine Gestalt näherte sich schnellen Schrittes. Der Alptraum des Nebels mit seinen seltsamen Wesen wurde Wirklichkeit.
»Warten Sie«, sagte die Gestalt. »Ich muß mit Ihnen reden.«
Als sie näher kam, sah ich, daß es ein Pater war. Er wirkte wie eine dieser Karikaturen eines Provinzpaters: klein, dicklich, ein paar weiße Haare auf dem fast kahlen Schädel.
»Hallo«, sagte er und streckte mir mit einem breiten Lächeln seine Hand hin.
Ich war sprachlos und konnte nur nicken.
»Schade, daß der Nebel alles einhüllt«, sagte er mit einem Blick auf das Haus. »Saint-Savin liegt auf einem Berg, und die Aussicht von diesem Haus aus ist wunderschön. Von den Fenstern aus sieht man das Tal dort unten und oben die beschneiten Gipfel. Aber das wissen Sie schon, nicht wahr?«
Da wußte ich, wer er war: der Superior des Klosters.
»Was machen Sie denn hier?« fragte ich. »Und woher kennen Sie meinen Namen?«
»Wollen Sie nicht hereinkommen?« fragte er, das Thema wechselnd.
»Nein. Ich möchte, daß Sie auf meine Frage antworten.« Er rieb sich die Hände, um sie zu wärmen, und setzte sich auf den Bordstein. Ich setzte mich neben ihn. Der Nebel wurde immer dichter und hatte inzwischen die Kirche verschluckt, die nur zwanzig Meter von uns entfernt lag.
Wir konnten nur den Brunnen sehen. Ich dachte an die Worte der Frau.
»Sie ist hier«, sagte ich.
»Wer?«
»Die Göttin«, antwortete ich. »Sie ist im Nebel.«
»Er hat also mit Ihnen darüber gesprochen!« sagte er lachend.
»Nun, ich nenne sie lieber die Heilige Jungfrau Maria. Ich bin das so gewohnt.«
»Was machen Sie hier? Woher kennen Sie meinen Namen?«
wiederholte ich.
»Ich wollte Sie beide sehen. Jemand, der gestern in der Gruppe der Charismatiker war, hat mir erzählt, daß Sie in Saint-Savin abgestiegen sind. Und Saint-Savin ist eine sehr kleine Stadt.«
»Er ist zum Seminar gefahren.«
Der Pater hörte auf zu lächeln und wiegte seinen Kopf.
»Wie schade«, sagte er, als würde er mit sich selbst reden.
»Schade, daß er zum Priesterseminar gefahren ist?«
»Nein, dort ist er nicht. Da komme ich gerade her.«
Einige Minuten lang sagte ich nichts. Ich erinnerte mich wieder an das Gefühl, das ich am Morgen gehabt hatte: das Geld, die Vorkehrungen, das Telefonat mit meinen Eltern, die Fahrkarte.
Doch ich hatte einen Schwur getan, und den würde ich halten.
Ein Pater saß neben mir. Als Kind hatte ich alles den Patern gebeichtet.
»Ich bin erschöpft«, sagte ich, das Schweigen brechend. »Vor nicht einmal einer Woche wußte ich, wer ich war und was ich vom Leben erwartete. Jetzt ist mir, als wäre ich in einen Sturm geraten, der mich hin und her schüttelt und dem ich wehrlos ausgeliefert bin.«
»Halten Sie stand«, sagte der Pater. »Das ist wichtig.« Ich war über diese Bemerkung verwundert.
»Erschrecken Sie nicht«, fuhr er fort, als hätte er meine Gedanken erraten. »Ich weiß, daß die Kirche junge Priester braucht, und er wäre ein ausgezeichneter Priester. Doch der Preis, den er dafür zahlen müßte, ist sehr hoch.«
»Wo ist er? Hat er mich hiergelassen und ist nach Spanien zurückgefahren?«
»Nach Spanien? In Spanien hat er nichts zu tun«, sagte der Pater. »Sein Haus ist das Kloster, und das liegt wenige Kilometer von hier entfernt. Dort ist er nicht. Aber ich weiß, wo ich ihn finden kann.«
Seine Worte machten mich wieder froh und gaben mir meinen Mut zurück. Wenigstens war er nicht fort.
Doch der Pater lächelte nicht mehr.
»Freuen Sie sich nicht zu sehr«, fuhr er fort, als hätte er wieder meine Gedanken erraten. »Es wäre besser gewesen, er wäre nach Spanien zurückgekehrt.«
Der Pater erhob sich und bat mich, ihn zu begleiten. Man konnte nur wenige Meter weit sehen, doch er schien zu wissen, wohin er wollte. Wir verließen Saint-Savin auf demselben Weg, den wir zwei – oder waren es schon fünf? – Nächte zuvor gefahren waren, als er mir die Geschichte der Bernadette erzählt hatte.
»Wohin gehen wir?« fragte ich.
»Wir werden ihn holen«, sagte der Pater.
»Pater, Sie verwirren mich«, sagte ich, während wir gingen.
»Wie mir scheint, hat es Sie betrübt zu hören, daß er nicht dort sei.«
»Was wissen Sie über das Priesterleben, mein Kind?«
»Sehr wenig. Daß die Pater Armut, Keuschheit und Gehorsam geloben.«
Ich zögerte etwas und sagte dann doch: »Und daß sie über die Sünden der anderen richten, obwohl sie die gleichen Sünden begehen. Daß sie glauben, über die Ehe und die Liebe alles zu wissen, aber nie heiraten. Daß sie uns wegen Dingen mit der Hölle drohen, die sie selbst auch tun. Und uns einen rächenden Gott zeigen, der den Menschen die Schuld am Tode seines einzigen Sohnes gibt.«
Der Pater lachte.
»Sie haben eine ausgezeichnete katholische Erziehung genossen«, sagte er. »Doch ich frage nicht nach dem Katholizismus, ich frage nach dem spirituellen Leben.«
Ich sagte nichts.
»Ich weiß es nicht genau«, meinte ich schließlich. »Es sind Menschen, die alles aufgeben und sich auf die Suche nach Gott machen.«
»Und finden sie ihn?«
»Die Antwort kennen Sie. Ich habe keine Ahnung.«
Der Pater bemerkte, daß ich keuchte, und verlangsamte seine Schritte.
»Ihre Definition stimmt nicht«, begann er. »Wer auf die Suche nach Gott geht, vertut seine Zeit. Er kann viele Wege gehen, sich vielen Religionen und Sekten anschließen – doch so wird er Ihn niemals finden. Gott ist hier bei uns. Wir können Ihn hier im Nebel sehen, auf diesem Boden, in dieser Kleidung, in diesem Schuh. Seine Engel wachen über uns, wenn wir schlafen, und helfen uns bei unserer Arbeit. Um Gott zu finden, müssen wir nur um uns blicken. Doch ist es nicht einfach, Ihn zu finden. In dem Maße, in dem Gott uns an Seinem Mysterium teilhaben läßt, fühlen wir uns immer orientierungsloser. Denn Er will von uns, daß wir unseren Träumen und der Stimme unseres Herzens folgen. Doch dies fällt uns schwer, weil wir anders zu leben gewohnt sind. Und dann stellen wir verwundert fest, daß Gott will, daß wir glücklich sind, weil Er ein Vater ist.«
»Und eine Mutter«, sagte ich.
Der Nebel begann sich zu lichten. Ich konnte ein kleines Bauernhaus erkennen, bei dem eine Frau Holz sammelte.
»Ja, und Mutter«, sagte er. »Um ein spirituelles Leben zu führen, muß man weder in ein Priesterseminar eintreten noch fasten, noch abstinent sein, noch keusch. Es reicht, zu glauben und Gott zu akzeptieren. Von dort aus wird jeder zu Seinem Weg, werden wir zum Instrument Seiner Wunder.«
»Er hat mir schon von Ihnen erzählt«, unterbrach ich ihn. »Und er hat mich dieselben Dinge gelehrt.«
»Ich hoffe, Sie akzeptieren Ihre Gaben«, antwortete der Pater,
»denn nicht immer wiederholt sich, was uns die Geschichte gelehrt hat. Osiris wurde in Ägypten gevierteilt. Die griechischen Götter zerstritten sich über die Frauen und Männer auf Erden. Die Azteken vertrieben Quetzalcoatl. Die nordischen Götter sahen zu, wie Walhalla wegen einer Frau in Flammen aufging. Jesus wurde gekreuzigt. Und weshalb?«
Ich wußte keine Antwort darauf.
»Weil Gott auf die Erde kommt, um uns Seine Macht zu zeigen.
Wir sind Teil Seines Traumes, und Er will, daß es ein glücklicher Traum sei. Dennoch, wenn wir uns eingestehen, daß Gott uns zum Glück geschaffen hat, müssen wir annehmen, daß alles, was uns Traurigkeit und Niederlagen bringt, unsere eigene Schuld ist. Deshalb töten wir Gott immer wieder. Sei es am Kreuz, im Feuer, im Exil, sei es in unserem Herzen.«
»Doch die, die Ihn verstehen…«
»…die verändern die Welt. Unter großen Opfern.«
Die Frau, die das Holz trug, sah den Pater und kam zu uns gelaufen.
»Danke, Pater!« sagte sie und küßte ihm die Hände. »Der junge Mann hat meinen Mann geheilt!«
»Geheilt hat ihn die Heilige Jungfrau«, antwortete der Pater und beschleunigte seinen Schritt. »Er ist nur ihr Werkzeug.«
»Er war es. Treten Sie bitte ein.«
Da fiel es mir wieder ein: Als wir am Abend zuvor bei der Basilika angekommen waren, hatte ein Mann so etwas wie ›Sie befinden sich in Begleitung eines Mannes, der Wunder tut!‹
gesagt.
»Wir haben es eilig«, sagte der Pater. »Nein, wir haben es nicht eilig«, antwortete ich und schämte mich in Grund und Boden wegen meines Französisch. »Mir ist kalt, und ich möchte einen Kaffee trinken.«
Die Frau nahm mich bei der Hand, und wir traten ins Haus. Das Haus war heimelig, jedoch ganz einfach. Die Wände aus Stein, Boden und Decke aus Holz. Vor dem brennenden Kamin saß ein Mann von etwa sechzig Jahren.
Sobald er den Pater sah, erhob er sich, um ihm die Hand zu küssen.
»Bleiben Sie sitzen«, sagte der Pater. »Sie müssen sich noch schonen.«
»Ich habe schon mehrere Pfund zugenommen«, entgegnete der Mann. »Doch meiner Frau kann ich noch nicht wieder helfen.«
»Machen Sie sich keine Sorgen. Bald wird es Ihnen besser gehen als je zuvor.«
»Wo ist der junge Mann?« fragte der Mann.
»Ich sah ihn vorbeikommen, in der Richtung, in die er immer geht«, sagte die Frau. »Nur fuhr er heute im Auto.«
Der Pater blickte mich wortlos an.
»Segnen Sie uns, Pater«, sagte die Frau. »Seine Kraft –«
»– die Kraft der Heiligen Jungfrau«, unterbrach sie der Pater.
»… die Kraft der Heiligen Jungfrau ist auch Ihre Kraft. Sie haben ihn hierhergebracht.«
Diesmal wich der Pater meinem Blick aus.
»Segnen Sie meinen Mann, Pater«, beharrte die Frau.
»Sprechen Sie ein Gebet für ihn.«
Der Pater holte tief Luft.
»Stellen Sie sich vor mich«, sagte er zum Mann.
Der Alte gehorchte. Der Pater schloß die Augen und betete ein Ave-Maria. Dann rief er den Heiligen Geist an und bat ihn, anwesend zu sein und diesem Mann zu helfen.
Plötzlich sprudelten die Worte aus ihm hervor. Obwohl ich nicht recht verstand, was er sagte, klang es wie ein Exorzismusgebet. Seine Hände berührten die Schultern des Mannes und strichen über dessen Arme. Er wiederholte diese Geste mehrfach.
Das Feuer im Kamin prasselte lauter. Es konnte ein Zufall sein, doch vielleicht begab sich jetzt der Pater in Bereiche, die ich nicht kannte – und die die Elemente beeinflußten.
Die Frau und ich fuhren jedesmal zusammen, wenn ein Holzscheit knackte. Der Pater bemerkte es nicht. Er war in sein Tun versunken – ein Werkzeug der Heiligen Jungfrau, wie er zuvor gesagt hatte. Er redete in fremden Zungen. Seine Hände lagen jetzt reglos auf den Schultern des Mannes vor ihm.
So unvermittelt, wie es begonnen hatte, endete das Ritual. Der Pater wandte sich um und sprach den üblichen Segen, indem er mit der rechten Hand das Zeichen des Kreuzes machte.
»Gott möge immer in diesem Hause sein«, sagte er.
Und indem er sich mir zuwandte, bat er mich, unsere Wanderung fortzusetzen.
»Aber Sie haben Ihren Kaffee noch nicht getrunken«, sagte die Frau, als sie uns hinausbegleitete.
»Wenn ich jetzt Kaffee trinke, kann ich später nicht schlafen«, antwortete der Pater.
Die Frau lachte und murmelte so etwas wie: »Aber es ist doch erst Morgen.« Ich konnte es nicht genau hören, denn wir standen schon wieder auf der Straße.
»Pater, die Frau sagte, ein junger Mann habe Ihren Mann geheilt. War er es?«
»Ja, er war es.«
Mir wurde schwindlig. Ich erinnerte mich an gestern, an Bilbao, den Vortrag in Madrid, an die Leute, die von Wundern gesprochen hatten, an eine Präsenz von etwas, die ich gefühlt hatte, während ich mit den anderen einen Kreis bildete.
Ich liebte also einen Mann, der heilen konnte. Einen Mann, der seinem Nächsten diente, Leid linderte, dem Kranken Gesundheit und dessen Verwandten wieder Hoffnung geben konnte. Das war eine Aufgabe, die nicht in ein Haus mit weißen Gardinen und Lieblingsplatten und -büchern paßte.
»Fühlen Sie sich nicht schuldig, mein Kind«, sagte er.
»Sie lesen meine Gedanken.«
»Ja, das tue ich«, entgegnete der Pater. »Auch ich habe eine Gabe und versuche ihrer würdig zu sein. Die Heilige Jungfrau hat mich gelehrt, in den Strudel der menschlichen Gefühle einzutauchen, um diese so gut wie möglich zu leiten.«
»Sie tun auch Wunder.«
»Ich kann nicht heilen. Aber ich habe eine der Gaben des Heiligen Geistes.«
»Sie können also in meinem Herzen lesen, Pater. Und Sie wissen, daß ich ihn liebe und daß diese Liebe mit jedem Augenblick wächst. Wir haben die Welt gemeinsam entdeckt und sind gemeinsam in dieser Welt geblieben. Jeden Tag in meinem Leben ist er bei mir gewesen – ob ich es wollte oder nicht.«
Was sollte ich diesem Pater sagen, der neben mir herging?
Würde er je verstehen, daß ich andere Männer gehabt, mich verliebt hatte und, wenn ich geheiratet hätte, glücklich geworden wäre? Als ich auf einem Platz in Soria die Liebe entdeckt und verdrängt hatte, war ich noch ein Kind gewesen.
Doch offensichtlich hatte ich sie nicht genügend verdrängt. Drei Tage hatten ausgereicht, und alles hatte mich wieder eingeholt.
»Ich habe ein Recht darauf, glücklich zu sein, Pater. Ich habe das wiederbekommen, was verloren war, ich will es nicht wieder verlieren. Ich werde um mein Glück kämpfen. Wenn ich den Kampf aufgebe, werde ich auch mein spirituelles Leben aufgeben. Wie Sie schon sagten, würde das bedeuten, daß ich damit auch Gott, meine Macht und meine Kraft als Frau von mir weise. Ich werde um ihn kämpfen, Pater.«
Ich wußte, warum dieser kleine, dicke Mann hier war. Er war gekommen, um mich davon zu überzeugen, ihn aufzugeben, weil er eine wichtigere Aufgabe zu erfüllen hatte. Nein, nein, ich kaufte dem Pater, der da neben mir herging, seine Geschichte nicht ab, daß er wollte, daß wir heirateten, um dann in einem Haus wie jenem in Saint-Savin zu wohnen. Das sagte er nur, um mich zu täuschen, damit ich nicht mehr auf der Hut war und mich von seinem Lächeln vom Gegenteil überzeugen ließ.
Er las meine Gedanken, ohne etwas dazu zu sagen. Aber vielleicht irrte ich mich ja, vielleicht konnte er doch nicht erraten, was die anderen dachten. Der Nebel löste sich schnell auf, und ich konnte jetzt den Weg, den Hang, die schneebedeckten Felder und Bäume erkennen. Auch meine Gefühle waren nicht mehr so verschwommen.
Unsinn! Wenn es wahr war und der Pater tatsächlich Gedanken lesen konnte: dann sollte er sie doch lesen und alles wissen.
Sollte er doch wissen, daß er gestern mit mir schlafen wollte und ich mich verweigerte und es nun bereute.
Gestern dachte ich, ich könnte mich, wenn er gehen müßte, an ihn immer als meinen alten Freund aus Kindheitstagen erinnern. Doch das waren Flausen. Auch wenn er körperlich nicht in mich eingedrungen war, so war etwas viel Tieferes in mich eingedrungen und hatte mein Herz getroffen.
»Pater, ich liebe ihn«, sagte ich noch einmal.
»Ich auch. Die Liebe ist immer töricht. In meinem Falle zwingt sie mich dazu, zu versuchen, ihn von seinem Schicksal abzuhalten.«
»Es wird nicht leicht sein, mich fernzuhalten, Pater. Gestern erfuhr ich während der Gebete vor der Grotte, daß auch ich fähig bin, diese Gaben in mir zu erwecken, von denen Sie sprechen. Und ich werde sie dazu nutzen, um ihn bei mir zu behalten.«
»Nun denn«, sagte der Pater mit einem feinen Lächeln.
»Hoffentlich gelingt es Ihnen.«
Der Pater blieb stehen, zog seinen Rosenkranz aus der Tasche. Dann blickte er mir, während er ihn in der Hand hielt, in die Augen. »Jesus hat zwar gesagt, du sollst nicht schwören. Und ich schwöre auch nicht. Aber ich sage Ihnen in Anwesenheit dessen, was mir heilig ist, daß es nicht mein Wunsch ist, daß er das Klosterleben fortführt. Ich möchte nicht, daß er zum Priester geweiht wird. Er kann Gott auf andere Weise dienen.
Mit Ihnen an seiner Seite.«
Mir fiel es schwer zu glauben, daß er die Wahrheit sagte. Doch er tat es.
»Er war hier«, sagte der Pater.
Ich wandte mich um. Vor uns sah ich in einiger Entfernung einen Wagen stehen. Den Wagen, mit dem wir aus Spanien gekommen waren.
»Sonst kommt er immer zu Fuß«, meinte er lächelnd. »Diesmal wollte er uns glauben lassen, daß er weit weggereist sei.«
Der Schnee durchnäßte meine Turnschuhe. Aber da der Pater offene Sandalen mit Wollstrümpfen trug, wollte ich mich nicht beklagen.
Wenn er das aushalten konnte, konnte ich es auch. Wir begannen unseren Aufstieg zum Gipfel.
»Wie lange müssen wir noch wandern?«
»Höchstens eine halbe Stunde.«
»Wohin gehen wir?«
»Zu ihm. Und den anderen.«
Ich spürte, daß er nicht weiter darüber reden wollte. Vielleicht aber brauchte er auch all seine Kraft für den Aufstieg. Wir gingen schweigend, der Nebel hatte sich inzwischen fast aufgelöst, und aus ihm trat die Sonne wie eine goldene Scheibe hervor.
Zum ersten Mal sah ich das Tal: einen Fluß, einige verstreute Ortschaften, und, an den Abhang gebaut, Saint-Savin. Ich erkannte den Kirchturm, einen Friedhof, der mir vorher nicht aufgefallen war, und die mittelalterlichen Häuser, von denen aus man auf den Fluß blicken konnte.
Etwas unterhalb von uns trieb ein Hirte seine Herde durch den Ort, durch den wir eben gekommen waren. »Ich bin müde«, sagte der Pater. »Lassen Sie uns einen Augenblick Rast machen.«
Wir wischten den Schnee von einem Stein und lehnten uns dagegen. Der Pater schwitzte – seine Füße aber mußten tiefgefroren sein.
»Möge der heilige Jakobus mir Kraft geben, denn ich möchte diesen Weg noch einmal gehen«, sagte der Pater zu mir gewandt.
Ich wußte nicht, was er damit sagen wollte, und beschloß, von etwas anderem zu reden.
»Im Schnee sind Spuren«, sagte ich.
»Einige stammen von Jägern. Andere sind von den Männern und Frauen, die eine Tradition Wiederaufleben lassen wollen.«
»Was für eine Tradition?«
»Die des heiligen Savinus. Sich aus der Welt zurückziehen, in diese Berge gehen und sich in Gottes Herrlichkeit versenken.«
»Pater, etwas kann ich einfach nicht begreifen. Bis gestern war ich mit einem Mann zusammen, der nicht wußte, ob er das priesterliche Leben oder die Ehe wählen soll. Heute erfahre ich nun noch, daß dieser Mann Wunder tut.«
»Wir alle tun Wunder«, sagte der Pater. »Jesus hat gesagt: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge: ›Hebe dich dorthin!‹, so wird er sich heben.«
»Ich will jetzt keine Religionsstunde, Pater. Ich liebe einen Mann und möchte gern mehr über ihn erfahren, ihn verstehen, ihm helfen. Mir ist es egal, was alle können oder nicht.«
Der Pater atmete tief durch. Einen Augenblick lang zögerte er, doch dann begann er:
»Einem Wissenschaftler, der auf einer Insel in Indonesien das Verhalten der Affen erforschte, gelang es, einem bestimmten Affenweibchen beizubringen, daß es die Kartoffeln in einem Fluß wusch, bevor es sie aß. Denn ohne Sand und Dreck schmeckten sie besser. Der Wissenschaftler, der dies nur getan hatte, weil er an einer Untersuchung über die Lernfähigkeit von Affen arbeitete, konnte nicht ahnen, was dann geschah: Er staunte, als er sah, daß die anderen Affen auf der Insel dieses Affenweibchen imitierten. Und eines Tages, als bereits eine bestimmte Anzahl von Affen gelernt hatte, die Kartoffeln zu waschen, fingen die Affen auf allen anderen Inseln des Archipels an, es ihnen gleichzutun. Das Allerverwunderlichste aber war, daß diese Affen es gelernt hatten, ohne Kontakt zu der Insel zu haben, auf der das Experiment durchgeführt wurde.«
Er schwieg einen Augenblick.
»Verstehen Sie, was ich meine?«
»Nein«, antwortete ich.
»Es gibt verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen darüber. Gemeinhin lautet die Erklärung, daß, wenn eine bestimmte Anzahl von Menschen sich entwickelt, sich mit ihnen die gesamte Menschheit weiterentwickelt. Wir wissen nicht, wie viele Menschen dazu notwendig sind – doch wir wissen, daß es so ist.«
»Es ist wie bei der Geschichte von Maria der Unbefleckten Empfängnis«, sagte ich. »Sie erschien den Weisen im Vatikan und der ungebildeten Bäuerin.«
»Die Welt besitzt eine Seele, und es kommt der Augenblick, in dem diese Seele in allen Dingen und in allen Menschen gleichzeitig handelt.«
»Eine weibliche Seele.«
Er lachte, ohne mir zu sagen, was dieses Lachen bedeutete.
»Natürlich war das Dogma der Unbefleckten Empfängnis nicht etwas, was allein aus dem Vatikan kam«, sagte er. »Acht Millionen Menschen haben eine Petition an den Papst unterzeichnet. Die Unterschriften kamen aus allen Teilen der Welt. Die Sache lag in der Luft.«
»Ist dies der erste Schritt, Pater?«
»Wovon?«
»Auf dem Weg, auf den uns unsere Heilige Mutter Gottes führen wird, damit wir sie als das weibliche Antlitz Gottes erkennen? Wir haben schließlich schon anerkannt, daß Jesus sein männliches Antlitz ist.«
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Wie lange wird es noch dauern, bis wir eine Heilige Dreifaltigkeit haben, in der die Frau vorkommt? Eine Dreifaltigkeit aus Heiligem Geist, der Mutter und dem Sohn?«
»Lassen Sie uns weitergehen«, sagte er. »Es ist zu kalt, um hier länger stehenzubleiben.«
»Vorhin haben Sie über meine Sandalen nachgedacht«, sagte er.
»Können Sie wirklich Gedanken lesen?«
Er gab mir darauf keine Antwort.
»Ich werde Ihnen die Geschichte der Gründung unseres Ordens erzählen«, sagte er. »Wir sind Barfüßige Karmeliter nach den von Teresa von Avila aufgestellten Regeln. Die Sandalen gehören dazu. Wer den Körper beherrschen kann, kann auch den Geist beherrschen.
Teresa war eine schöne Frau, die vom Vater ins Kloster geschickt wurde, damit sie dort eine gute Bildung erhielt. Eines schönen Tages, als sie durch einen Flur ging, begann sie mit Jesus zu sprechen. Ihre Ekstasen waren so stark und tief, daß sie sich ihnen vollkommen hingab. Nicht lange, und ihr Leben änderte sich von Grund auf. Als sie sah, daß die Karmeliterklöster zu Heiratsagenturen verkommen waren, beschloß sie, einen Orden zu schaffen, der den ursprünglichen Lehren Christi und des Karmels folgte.
Die heilige Teresa mußte sich erst selbst besiegen und sich dann den Großmächten ihrer Zeit stellen: der Kirche und dem Staat. Weil sie aber von ihrer Mission überzeugt war, ließ sie sich von nichts abhalten.
Eines Tages, als ihre Seele schwach wurde, erschien eine in Lumpen gehüllte Frau vor dem Haus, in dem sie untergebracht war. Sie wollte, koste es, was es wolle, mit der Mutter Oberin sprechen. Der Hausbesitzer bot ihr ein Almosen an, doch sie lehnte es ab: Sie würde erst gehen, wenn sie mit Teresa gesprochen hätte.
Drei Tage lang wartete sie vor dem Haus und aß nicht und trank nicht. Die Mutter Oberin, die Mitleid mit ihr empfand, ließ sie schließlich hereinkommen.
›Tut es nicht‹ sagte der Hausherr. ›Sie ist verrückt.‹
›Wenn ich auf alle hören würde, müßte ich glauben, daß ich verrückt bin‹, antwortete die Mutter Oberin. ›Vielleicht leidet diese Frau unter derselben übermäßigen Liebe wie ich: der zu Christus am Kreuz.‹
»Die heilige Teresa redete also mit Christus«, sagte ich.
»Ja«, antwortete er. »Aber zurück zu unserer Geschichte. Jene Frau wurde von der Mutter Oberin empfangen. Sie sagte, sie heiße Maria de Jesus Yepes und sei aus Granada. Sie sei Karmeliter-Novizin gewesen, als ihr die Heilige Jungfrau erschienen sei und ihr aufgetragen habe, ein Kloster gemäß den ursprünglichen Regeln des Ordens zu gründen.«
›Wie die heilige Teresa‹, dachte ich.
»Maria de Jesus verließ an dem Tag, an dem sie diese Vision hatte, das Kloster und ging barfuß nach Rom. Ihre Pilgerwanderung dauerte zwei Jahre – in denen sie unter freiem Himmel schlief, unter Kälte und Hitze litt und von den Almosen und der Barmherzigkeit anderer lebte. Es war ein Wunder, daß sie überhaupt bis dorthin gelangte. Und ein noch größeres Wunder, daß sie von Papst Pius IV. empfangen wurde.«
»Denn der Papst hatte wie Teresa und viele andere Menschen dasselbe gedacht«, schloß ich.
Genau wie Bernadette, die nichts vom Beschluß des Vatikans gewußt hatte, so wie auch die Affen von den anderen Inseln von dem Experiment, das durchgeführt wurde, nichts wissen konnten, genau wie Maria de Jesus und Teresa voneinander nichts wußten.
Etwas begann allmählich Sinn zu machen. Wir gingen nun durch einen Wald. Die höchsten, trockenen, schneebedeckten Zweige wurden von den ersten Sonnenstrahlen beschienen. Der Nebel hatte sich jetzt vollkommen aufgelöst.
»Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, Pater.«
»Ja. Die Welt erlebt einen Augenblick, in dem viele Menschen denselben Auftrag erhalten.«
»Folgt euren Träumen, macht, daß euer Leben ein Weg zu Gott werde. Verwirklicht seine Wunder. Heilt. Macht Prophezeiungen. Hört auf euren Schutzengel. Verändert euch.
Seid Kämpfer, und seid glücklich in eurem Kampf.«
»Riskiert etwas.«
Die Sonne übergoß alles mit ihrem gleißenden Licht, der glitzernde Schnee schmerzte mich in den Augen, als wollte er die Worte des Paters bekräftigen.
»Und was hat dies mit ihm zu tun?«
»Ich habe Ihnen die heroische Seite der Geschichte erzählt.
Doch Sie wissen nichts über die Seele dieser Helden.« Er machte eine lange Pause. »Über das Leiden«, fuhr er fort.
»Veränderungen schaffen Märtyrer. Bevor die Menschen ihren Träumen folgen können, müssen andere sich opfern. Sie nehmen es auf sich, lächerlich gemacht, verfolgt, in Mißkredit gebracht zu werden.«
»Die Kirche hat die Hexen verbrannt, Pater.«
»Ja. Und Rom hat die Christen den Löwen zum Fraß vorgeworfen. Diejenigen, die auf dem Scheiterhaufen oder in der Arena gestorben sind, stiegen schnell zur Ewigen Herrlichkeit Gottes auf – das war besser so. Doch heute widerfährt den Kriegern des Lichtes etwas Schlimmeres als der ehrenvolle Tod der Märtyrer. Sie werden ganz allmählich von der Scham und der Erniedrigung aufgefressen. So geschah es mit der heiligen Teresa, die den Rest ihres Lebens leiden mußte. So erging es Maria de Jesus. So erging es auch den fröhlichen Kindern von Fatima: Jacinta und Francisco starben wenige Monate später. Lucia ging in ein Kloster, das sie nie wieder verließ.«
»Aber Bernadette erging es nicht so.«
»Aber ja doch. Sie mußte Gefängnis, Erniedrigung und Ablehnung erfahren. Er wird Ihnen dies alles erzählt haben. Er wird Ihnen von den Worten der Erscheinung berichtet haben.«
»Von einigen.«
»Die Sätze, die die Heilige Jungfrau bei ihren Erscheinungen in Lourdes sprach, füllen nicht einmal eine halbe Heftseite. Die Heilige Jungfrau hat aber auch dem Hirtenmädchen gesagt:
›Ich verspreche nicht das Glück auf dieser Erde.‹ Von den wenigen Sätzen, die die Erscheinung sagte, war einer dazu bestimmt, Bernadette zu warnen und zu trösten. Warum? Weil Sie wußte, welcher Schmerz das Mädchen in Zukunft erwartete, wenn es seine Mission auf sich nahm.«
Ich blickte auf die Sonne, den Schnee und die kahlen Bäume.
»Er ist ein Revolutionär«, fuhr der Pater fort, und seine Stimme klang demütig. »Er hat die Macht, er redet mit der Heiligen Jungfrau. Wenn es ihm gelingt, seine Energie zu konzentrieren, dann kann er zu den Ersten gehören, einer der Führer der spirituellen Veränderung der Menschheit werden. Die Welt durchlebt einen äußerst wichtigen Augenblick.
Wählt er allerdings diesen Weg, erwartet ihn viel Leid. Seine Offenbarungen sind verfrüht. Ich kenne die menschliche Seele gut genug, um zu wissen, was ihn erwartet.«
Der Pater wandte sich mir zu, packte mich an den Schultern.
»Bitte«, sagte er. »Halten Sie ihn vom Leiden und der Tragödie ab, die ihn erwarten. Er wird ihnen nicht gewachsen sein.«
»Ich verstehe, wie sehr Sie ihn lieben, Pater.«
Er schüttelte den Kopf.
»Nein, nichts verstehen Sie. Sie sind noch zu jung, um die Bosheit der Welt zu kennen. Sie sehen sich im Augenblick auch als Revolutionärin. Sie wollen zusammen mit ihm die Welt verändern, Wege eröffnen, alles tun, damit Ihre Liebesgeschichte zu einer Art Legende wird, die von einer Generation an die andere weitergereicht wird. Sie glauben noch immer, daß die Liebe siegen kann.«
»Und kann sie es denn nicht?«
»Doch. Allerdings erst, wenn die Zeit dafür reif ist. Dann, wenn die himmlischen Schlachten beendet sind.«
»Ich liebe ihn. Und muß nicht auf den Sieg meiner Liebe warten, bis die himmlischen Schlachten ausgetragen sind.«
Sein Blick schweifte in die Ferne.
»An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten«, sagte er, als würde er zu sich sprechen. »Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande.«
»Wie traurig«, meinte ich.
»Es sind die ersten Zeilen eines Psalms. Er spricht vom Exil, von denen, die in das Gelobte Land zurückwollen und es nicht können. Und dieses Exil wird noch einige Zeit dauern. Was aber kann ich tun, um zu verhindern, daß jemand leidet, der zu früh in das Paradies zurückkehren will?«
»Nichts, Pater. Überhaupt nichts.«
»Da ist er«, sagte der Pater.
Ich sah ihn. Er kniete etwa zweihundert Meter von uns entfernt im Schnee. Er war in Hemdsärmeln, und ich konnte sogar aus dieser Entfernung erkennen, daß seine Haut rot vor Kälte war.
Er hielt den Kopf gesenkt, die Hände zum Gebet gefaltet. Ich weiß nicht, ob es wegen des Rituals war, an dem ich in der vergangenen Nacht teilgenommen hatte, oder wegen der Brennholz sammelnden Frau bei der Hütte, aber ich spürte, daß ich jemanden betrachtete, von dem eine ungeheure spirituelle Kraft ausging. Jemand, der nicht mehr dieser Welt angehörte, jemand, der eins mit Gott war und den erleuchteten Geistern des Himmels. Der gleißende Schnee verstärkte diesen Eindruck noch.
»Auf diesem Berg sind noch andere wie er«, sagte der Pater.
»In ständigem Gebet versunken, teilen sie miteinander die Erfahrung, eins mit Gott und der Heiligen Jungfrau zu sein, lauschen sie den Engeln, den Heiligen und den Prophezeiungen und geben dies an eine kleine Gruppe von Gläubigen weiter. Solange er nur das tut, wird er keine Schwierigkeiten bekommen. Doch wird er es nicht dabei belassen. Er wird durch die Welt ziehen und die Lehre von der Großen Mutter verbreiten. Die Kirche duldet das jetzt noch nicht. Viele stehen schon bereit, um jeden zu steinigen, der dieses Thema berührt.«
»Aber diejenigen, die ihnen folgen, werden mit einem Blumenregen begrüßt werden.«
»Ja. Aber er noch nicht.« Der Pater schritt weiter auf ihn zu.
»Wohin gehen Sie?«
»Ich werde ihn aus seiner Trance wecken. Ihm sagen, daß Sie mir gefallen haben und daß ich Ihrer Verbindung meinen Segen gebe. Ich möchte das hier tun, an diesem Ort, der ihm heilig ist.«
Mir wurde schlecht, Angst schnürte mir die Kehle zu, doch warum ich diese Angst verspürte, konnte ich mir nicht erklären.
»Ich muß nachdenken, Pater. Ich bin mir nicht sicher, ob das richtig ist.«
»Es ist nicht richtig«, antwortete er. »Viele Eltern handeln falsch an ihren Kindern, weil sie glauben, sie wüßten, was für sie das Beste ist. Ich bin nicht sein Vater und weiß, daß ich nicht richtig handle. Dennoch muß ich mein Schicksal erfüllen.«
»Stören Sie ihn nicht«, sagte ich. »Lassen Sie ihn selbst aus seiner Versenkung herausfinden.«
»Er sollte nicht hier sein. Er sollte bei Ihnen sein.«
»Vielleicht spricht er mit der Heiligen Jungfrau.«
»Mag sein. Dennoch muß ich zu ihm. Wenn er mich mit Ihnen zusammen sieht, weiß er, daß ich Ihnen alles erzählt habe. Er weiß, was ich darüber denke.«
»Heute ist der Tag der Unbefleckten Empfängnis«, beharrte ich.
»Für ihn ist das ein ganz besonderer Tag. Ich habe seine Freude gestern nacht vor der Grotte miterlebt.« »Die Unbefleckte Empfängnis ist für uns alle wichtig«, antwortete der Pater. »Aber jetzt will ich mich nicht über Religion streiten: Gehen wir zu ihm.«
»Warum jetzt, Pater? Warum ausgerechnet jetzt?«
»Weil er dabei ist, die Entscheidung über seine Zukunft zu treffen. Und es könnte sein, daß er sich für den falschen Weg entscheidet.«
Ich wandte mich um und begann den Weg hinunterzugehen, den wir heraufgekommen waren.
»Was tun Sie? Sehen Sie denn nicht, daß Sie die einzige sind, die ihn retten können? Sehen Sie nicht, daß er Sie liebt und für Sie alles aufgeben würde?«
Ich ging schneller, er hatte Mühe, mir zu folgen, und doch blieb er mir dicht auf den Fersen.
»Jetzt ist der Augenblick, in dem er sich entscheidet! Vielleicht entscheidet er sich gegen Sie!« sagte der Pater. »Kämpfen Sie um das, was Sie lieben!«
Doch ich ging weiter. Ich ging, so schnell ich konnte, ließ das Gebirge, den Pater, die Entscheidungen hinter mir. Der Mann, der hinter mir herlief, las meine Gedanken, daher mußte er wissen, daß er mich nicht umstimmen konnte. Dennoch ließ er nicht locker, argumentierte, kämpfte bis zum Ende.
Schließlich gelangten wir zu dem Stein, bei dem wir eine halbe Stunde zuvor gerastet hatten. Erschöpft warf ich mich auf den Boden.
Ich dachte an nichts. Ich wollte nur weg, allein sein, Zeit haben, um nachzudenken.
Der Pater kam wenige Minuten später. Auch er war von dem Weg erschöpft.
»Sehen Sie die Berge ringsum?« fragte er. »Sie beten nicht; sie sind bereits Gottes Gebet. Sie sind es, weil sie ihren Platz in der Welt gefunden haben und dort bleiben. Sie waren schon dort, bevor der Mensch in den Himmel blickte, den Donner hörte und sich fragte, wer dies alles geschaffen hat. Wir werden geboren, leiden, sterben, aber die Berge bleiben unverändert an ihrem Platz. Irgendwann in unserem Leben kommt der Augenblick, in dem wir uns fragen, ob sich die ganze Anstrengung überhaupt lohnt. Warum versuchen wir nicht zu sein wie diese Berge – weise, alt und an dem Platz, der uns entspricht? Warum alles aufs Spiel setzen, um ein halbes Dutzend Menschen zu verändern, die doch schnell wieder vergessen, was sie gelehrt wurden, und zu neuen Abenteuern aufbrechen? Warum nicht warten, bis eine bestimmte Anzahl Affenmenschen Wissen erworben hat und dieses, ohne Leiden zu verursachen, auf alle anderen Inseln übergeht?«
»Glauben Sie das wirklich, Pater?«
Er schwieg eine Weile.
»Lesen Sie Gedanken?«
»Nein. Aber wenn Sie das wirklich glaubten, hätten Sie nicht das Priesterleben gewählt.«
»Ich versuche immer wieder, mein Schicksal zu begreifen«, sagte er. »Und es gelingt mir nicht. Ich habe eingewilligt, unter dem Banner Gottes zu kämpfen, und ich habe unablässig versucht, den Menschen zu erklären, warum es Elend, Schmerz und Ungerechtigkeit gibt. Ich bitte sie, gute Christen zu sein, und sie fragen mich: ›Wie kann ich an Gott glauben, wo es so viel Leid auf der Welt gibt?‹ Und ich versuche ihnen zu erklären, daß es keine Erklärung dafür gibt. Ich versuche ihnen zu sagen, daß es einen Plan gibt, einen Kampf zwischen den Engeln, und daß wir in diesen Kampf verwickelt sind. Ich versuche ihnen zu sagen, daß in dem Augenblick, wo der Glaube einer bestimmten Anzahl von Menschen stark genug ist, um dieses Szenario zu verändern, diese Veränderung allen anderen Menschen überall auf der Welt zugute kommen wird.
Doch sie glauben mir nicht. Sie tun nichts.«
»Sie sind wie die Berge«, sagte ich. »Die Berge sind schön.
Wer vor ihnen steht, kann nicht umhin, an die Größe der Schöpfung zu denken. Sie sind lebende Beweise für die Liebe, die Gott für uns empfindet, doch die Bestimmung dieser Berge ist es, nur Zeugnis für diese Liebe abzulegen. Sie sind nicht wie die Flüsse, die sich bewegen und die Landschaft verändern.« »Ja. Aber warum nicht sein wie sie?«
»Weil das Schicksal der Berge ein hartes Schicksal ist«, antwortete ich. »Sie sind gezwungen, immer dieselbe Landschaft anzuschauen.« Der Pater sagte darauf nichts. »Ich habe studiert, um ein Berg zu werden«, fuhr ich fort. »Jedes Ding hatte seinen Platz. Ich wollte Beamtin werden, heiraten, meine Kinder im Glauben meiner Eltern erziehen, obwohl ich ihn selbst verloren hatte. Heute bin ich entschlossen, dies alles aufzugeben und dem Mann zu folgen, den ich hebe. Zum Glück habe ich aufgehört, ein Berg sein zu wollen, lange hätte ich es nicht mehr ausgehalten.«
»Das sind sehr weise Worte.«
»Ich wundere mich selbst. Vorher konnte ich nur über meine Kindheit sprechen.«
Ich erhob mich und ging weiter den Berg hinunter. Der Pater respektierte mein Schweigen und redete nicht mit mir, bis wir unten an der Straße angelangt waren.
Dort nahm ich seine Hände und küßte sie.
»Ich möchte mich verabschieden. Aber ich möchte Ihnen auch sagen, daß ich Sie und Ihre Liebe zu ihm verstehe.«
Der Pater lächelte und gab mir den Segen.
»Und ich verstehe Ihre Liebe zu ihm.«
Den Rest des Tages durchwanderte ich das Tal. Ich spielte mit dem Schnee, aß in einem Städtchen in der Nähe von Saint-Savin einen Sandwich mit Pate, schaute ein paar Jungen beim Fußballspielen zu.
In der Kirche einer anderen Ortschaft zündete ich eine Kerze an. Ich schloß die Augen und wiederholte die Gebete, die ich am Vortag gelernt hatte. Dann begann ich, in die Betrachtung eines Kruzifixes über dem Altar versunken, sinnlose Worte zu sprechen. Ganz allmählich nahm der Heilige Geist von mir Besitz, und ich begann in fremden Zungen zu reden. Es war einfacher, als ich gedacht hatte.
Es mochte unsinnig anmuten, Sinnloses zu murmeln, fremde Worte auszusprechen, die unserem Verstand nichts sagen. Doch der Heilige Geist sprach zu meiner Seele, sagte ihr Dinge, die sie hören mußte.
Als ich mich ausreichend gereinigt fühlte, schloß ich die Augen und betete:
»Heilige Mutter Gottes, gib mir meinen Glauben zurück. Damit auch ich ein Werkzeug Deiner Arbeit werde. Gib mir die Gelegenheit, durch meine Liebe zu lernen. Denn nicht die Liebe läßt jemanden seine Träume aufgeben. Laß mich die Gefährtin und Verbündete des Mannes sein, den ich liebe. Laß ihn alles tun, was er zu tun hat – an meiner Seite.«
Als ich nach Saint-Savin zurückkehrte, war es fast dunkel. Das Auto stand vor dem Haus, in dem wir ein Zimmer gemietet hatten.
»Wo warst du?« fragte er, als er mich sah.
»Ich bin herumgewandert und habe gebetet«, antwortete ich.
Er nahm mich in die Arme und drückte mich fest an sich.
»Ich fürchtete schon, du könntest fort sein. Du bist das Kostbarste, was ich auf dieser Erde habe.«
»Du auch«, antwortete ich.
Wir hielten in einer Ortschaft in der Nähe von San Martin de Unx. Die Fahrt über die Pyrenäen hatte wegen des Regens und des Schneefalls am Vortag länger gedauert, als wir gedacht hatten.
»Wir müssen ein offenes Restaurant finden«, sagte er und sprang aus dem Wagen. »Ich habe Hunger.«
Ich rührte mich nicht.
»Komm«, drängte er und hielt meine Tür auf.
»Ich möchte dich etwas fragen. Etwas, was ich dich, seit wir uns getroffen haben, nicht gefragt habe.«
Er wurde plötzlich ernst. Ich lachte über sein sorgenvolles Gesicht.
»Ist es eine wichtige Frage?«
»Eine sehr wichtige Frage«, antwortete ich und versuchte ernst zu bleiben. »Die Frage lautet: Wohin fahren wir eigentlich?« Wir prusteten los.
»Nach Saragossa«, antwortete er erleichtert.
Ich sprang aus dem Wagen, und wir begannen unsere Suche nach einem geöffneten Restaurant. Die Chancen standen schlecht um diese Zeit.
›Doch, wir finden eins. Die Andere ist nicht mehr bei mir.
Wunder geschehen wirklich‹, sagte ich mir.
»Wann mußt du in Barcelona sein?« fragte ich.
Er antwortete nicht, und sein Gesicht wurde wieder ganz ernst.
›Ich muß mir diese Fragen verkneifen‹, dachte ich. ›Sonst denkt er womöglich, ich will sein Leben kontrollieren.‹
Wir gingen eine Weile schweigend nebeneinanderher. Auf dem Platz der kleinen Stadt leuchteten die Buchstaben: Meson El Sol.
»Ein offenes Restaurant. Laß uns was essen«, war sein einziger Kommentar.
Rote Paprikaschoten mit Anchovis waren auf dem Teller in Sternform angeordnet. Daneben lagen fast durchsichtige Scheiben Manchego-Käse und Serrano-Schinken.
Mitten auf dem Tisch stand eine brennende Kerze und eine fast halbvolle Flasche Rioja.
»Hier wurde schon im Mittelalter Wein ausgeschenkt«, erklärte uns der junge Kellner.
Außer uns war kaum jemand um diese Zeit in der Kneipe. Er stand auf, ging zum Telefon und kam zu unserem Tisch zurück.
Ich hätte ihn gern gefragt, wen er angerufen hatte, doch diesmal hielt ich an mich.
»Wir haben bis halb drei Uhr in der Früh geöffnet«, fuhr der junge Mann fort. »Soll ich Ihnen noch etwas Schinken, Käse und Wein bringen? Sie können draußen auf dem Platz sitzen.
Der Alkohol wärmt Sie dann schon.«
»Wir können nicht so lange bleiben«, antwortete er. »Wir müssen vor Tagesanbruch in Saragossa sein.« Der junge Mann stellte sich wieder hinter den Tresen. Wir füllten unsere Gläser nach. Ich spürte mich gelöst wie in Bilbao, die gleiche rauschhafte Beschwingtheit, die ich dem Rioja verdankte und die es einem leichter machte, schwierige Dinge zu sagen und zu hören.
»Du bist sicher müde vom Fahren, und jetzt trinken wir auch noch Wein«, sagte ich nach einem weiteren Schluck. »Wir bleiben besser hier.
Ich habe auf dem Weg hierher einen Parador (Von der spanischen Regierung in Hotels umgewandelte alte Burgen und historische Bauten (Anmerkung des Autors)) gesehen.«
Er nickte.
»Schau auf unseren Tisch«, war sein Kommentar. »Die Japaner nennen das shibumi: die Raffinesse des Einfachen.
Die Leute verdienen sich dumm und dusselig, gehen in sündhaft teure Restaurants und finden sich ›sophisticated‹.«
Ich schenkte mir noch mal ein.
Der Parador. Noch eine Nacht an seiner Seite.
Ich fühlte mich, als wäre ich noch nie mit einem Mann zusammengewesen.
»Merkwürdig, ein Priesterschüler, der Worte wie ›sophisticated‹
im Munde führt«, sagte ich, um nicht daran zu denken.
»Das habe ich im Seminar gelernt. Je mehr wir uns durch den Glauben Gott nähern, desto einfacher wird Er. Und je einfacher Er wird, desto stärker ist Seine Gegenwart.«
Seine Hand strich über die Tischplatte.
»Christus hat sich auf seine Mission vorbereitet, indem er Holz sägte und Stühle, Betten, Schränke baute. Er kam als Tischler, um uns zu zeigen, daß wir – gleichgültig, was wir tun – Gottes Liebe teilhaftig werden können.«
Plötzlich brach er ab.
»Doch darüber möchte ich jetzt nicht sprechen«, sagte er,
»sondern über eine andere Art von Liebe.«
Seine Hände berührten mein Gesicht. »Warum hast du plötzlich aufgehört zu reden? Warum willst du nicht von Gott sprechen, von der Heiligen Jungfrau, von Spiritualität?«
Er ließ sich nicht beirren: »Ich möchte von einer anderen Art Liebe reden, von der Liebe zwischen Mann und Frau, in der sich auch Wunder offenbaren.«
Ich ergriff seine Hände. Mochte er die großen Mysterien der Göttin kennen, mochte er noch so weit gereist sein – von der Liebe wußte er genausowenig wie ich.
Doch die Liebe fordert ihren Preis. In seinem Fall: die Initiative.
Die Frau zahlt den noch höheren Preis, den der Hingabe.
Wir blieben lange Hand in Hand sitzen. Ich las die uralten Ängste in seinen Augen, die die wahre Liebe uns als Prüfung auferlegt, damit wir sie besiegen. Ich las darin die Erinnerung an die Abweisung der letzten Nacht, an die lange Zeit, die wir getrennt voneinander verlebt hatten, an die Jahre im Kloster, in der all dies nicht zugelassen war.
Ich las in seinen Augen die Tausende von Malen, in denen er sich diesen Augenblick vorgestellt hatte, die Szenarien, die er um uns beide gerankt hatte, meine Frisur, die Farbe des Kleides, das ich tragen würde. Ich wollte ›ja‹ sagen, sagen, daß er nicht abgewiesen werden würde, daß mein Herz die Schlacht gewonnen hatte. Ich wollte ihm sagen, wie sehr ich ihn liebte, wie sehr ich ihn in diesem Augenblick begehrte.
Doch ich schwieg. Ich sah wie im Traum seinen inneren Kampf.
Sah, daß er sich vor meinem ›Nein‹ fürchtete, die Angst, mich zu verlieren, die harten Worte, die er in ähnlichen Situationen gehört hatte – denn wir alle haben so etwas erlebt und jedesmal eine Wunde davongetragen.
Seine Augen begannen zu strahlen. Ich wußte, daß er dabei war, all diese Hindernisse zu überwinden.
Da ließ ich eine seiner Hände los, nahm ein Glas und stellte es an den Rand des Tisches.
»Es wird hinunterfallen«, sagte er.
»Genau. Ich möchte, daß du es hinunterstößt.« »Ein Glas zerbrechen?«
Ja, ein Glas zerbrechen. Eine auf den ersten Blick einfache Geste, die jedoch Ängste weckte, die wir niemals genau begreifen werden. Was ist schon dabei, ein billiges Glas hinunterfallen zu lassen, aus Versehen haben wir das doch alle schon einmal getan.
»Ein Glas zerbrechen?« wiederholte er. »Warum?«
»Ich könnte es erklären«, antwortete ich. »Aber eigentlich geht es nur um das Zerbrechen.«
»Für dich?«
»Natürlich nicht.«
Er schaute auf das Glas an der Tischkante, fürchtete, es könnte hinunterfallen.
›Du würdest es ein Ritual des Übergangs nennen‹, hätte ich gern gesagt. ›Es ist verboten. Gläser zerbricht man nicht einfach nur so. In einem Restaurant oder zu Hause achten wir immer darauf, daß ein Glas nicht zu nahe an der Tischkante steht. Unsere Umwelt erwartet von uns, daß wir aufpassen, daß die Gläser nicht auf den Boden fallen. Aber wenn wir sie dann doch aus Versehen zerbrechen, sehen wir, daß es halb so schlimm war. Der Kellner sagt ‘das macht nichts’, und ich habe in einem Restaurant noch nie erlebt, daß ein zerbrochenes Glas mit auf der Rechnung stand. Gläser zu zerbrechen gehört zu unserem Leben, und wir fügen damit weder uns noch dem Restaurant oder dem Nächsten einen Schaden zu.‹
Ich schlug auf den Tisch. Das Glas zitterte, fiel aber nicht hinunter.
»Vorsicht!« sagte er instinktiv.
Ich ließ nicht locker: »Stoß es hinunter!«
Zerbrich das Glas, dachte ich bei mir, weil es eine symbolische Geste ist. Begreif doch, daß ich in mir sehr viel wichtigere Dinge zerbrochen habe als ein Glas, und ich bin froh darüber. Sieh doch, wie du mit dir kämpfst, und zerbrich das Glas.
Unsere Eltern bringen uns nicht nur bei, mit Gläsern vorsichtig umzugehen, sondern auch mit unseren Körpern. Sie haben uns gepredigt, daß Jugendlieben unmöglich sind, daß wir Männer dem Priesterleben nicht abspenstig machen sollen, daß Menschen keine Wunder tun und niemand auf eine Reise geht, ohne zu wissen, wohin.
Zerbrich bitte dieses Glas, und befrei uns damit von all diesen verdammten Vorurteilen, dieser Manie, man müsse alles erklären und nur das tun, was die anderen gutheißen.
»Zerbrich dieses Glas«, bat ich abermals.
Er blickte mir fest in die Augen. Dann fuhr er mit der Hand über die Tischplatte, bis er es berührte. Mit einer raschen Bewegung stieß er es hinunter.
Das Klirren des zersplitternden Glases ließ alle aufhorchen.
Anstatt sich zu entschuldigen, sah er mich lächelnd an – und ich lächelte zurück.
»Macht nichts«, rief der junge Kellner, der woanders bediente.
Doch er hörte nicht hin. Er war aufgestanden, hatte mich bei den Haaren gepackt und küßte mich.
Ich packte ihn auch bei den Haaren, drückte ihn an mich, biß seine Lippen, fühlte, wie seine Zunge sich in meinem Mund bewegte. Auf diesen Kuß hatte ich lange gewartet – er war an den Flüssen unserer Kindheit entstanden, als wir noch nicht wußten, was Liebe bedeutete. Auf den Kuß, der in der Luft lag, als wir älter wurden, der mit der Erinnerung an eine Medaille um die Welt reiste, der zwischen den Stapeln von Lehrbüchern für ein Staatsamt verlorenging. Auf einen Kuß, der so viele Male verlorenging und niemals wiedergefunden wurde. In dieser Minute, die der Kuß dauerte, lagen Jahre der Suche, der Enttäuschungen und unerfüllbarer Träume.
Ich küßte ihn so heftig wie er mich. Die wenigen Leute in der Bar werden geguckt und gedacht haben, daß sie nur einen Kuß sahen. Sie wußten nicht, daß in diesem Kuß mein ganzes Leben und sein ganzes Leben lag, das Leben alle jener, die warteten, träumten und unter der Sonne ihren Weg suchten.
In diesem Kuß lag alle Freude, die ich je erlebt hatte. Er entkleidete mich und drang kräftig, voller Angst und Begehren, in mich ein. Ich spürte einen leichten Schmerz, doch das war unwichtig. Ebenso unwichtig wie meine eigene Lust in diesem Augenblick. Ich strich über seinen Kopf, hörte sein Stöhnen und dankte Gott dafür, daß er da war, in mir, und mir das Gefühl gab, es wäre das erste Mal.
Wir liebten uns die ganze Nacht – und die Liebe vermischte sich mit Schlaf und Träumen. Ich fühlte ihn in mir und umarmte ihn, um mich zu versichern, daß dies alles wirklich geschah, damit er nicht plötzlich davonging wie die umherziehenden Ritter, die einst die Burg bewohnt hatten, die nun unser Hotel war. Die stillen Steinwände schienen Geschichten von wartenden Edelfräulein zu erzählen, von vergossenen Tränen und endlosen Tagen am Fenster, wo sie, nach einem Zeichen oder einer Hoffnung spähend, zum Horizont blickten.
Das würde ich nie durchmachen, versprach ich mir. Ich würde ihn nie wieder verlieren. Er würde immer bei mir sein – denn ich hatte die Stimmen des Heiligen Geistes gehört, während ich ein Kruzifix über einem Altar angeschaut hatte, und sie hatten mir gesagt, es sei keine Sünde.
Ich würde seine Gefährtin sein, und gemeinsam würden wir die Welt herausfordern, die wieder neu geschaffen werden sollte.
Wir würden von der Großen Mutter sprechen, an der Seite des Erzengels Michaels kämpfen, wir würden gemeinsam die Qual und die Ekstase der Pioniere erleben. Das hatten mir die Stimmen gesagt – und ich hatte den Glauben wiedergefunden und wußte, daß sie die Wahrheit sagten.