Die Geschichten des Schreibers
des Dieners des Herren
0.
Nach Monaten auf See, zufälligen Bekanntschaften ausgesetzt, Gerede ohne Maß, bei Wellengang die Lektüre rationiert, Tauschgeschäfte mit den Dienern aus Hindustan: Portwein gegen Wortschatz, aste aste im Kalmengürtel, was für ein Kater! khatarnak und khabardar im Sturm vor dem Kap, die Wellen schlugen an in steiler Formation, kein Passagier hielt sein Abendessen in dieser Schieflage, manches war schwer auszusprechen, die Tage wurden zunehmend fremder, jeder redete mit sich selbst, so trieben sie dahin über den indischen Teich.
Dann die Bucht. Gewölbte Segel schöpften Luft wie Hände Wasser. Sie sahen, was sie schon gerochen hatten, bei dem ersten Blick durch ein mit Nelkenöl eingeriebenes Fernglas. Es war nicht auszumachen, wann das Festland an Bord kam. Das Deck war die Aussichtsplattform, Bühne aller Kommentare.
— Sie ist eine Tabla!
In ihrem Gespräch an der Reling gestört, drehten sich die Briten um. Ein älterer Einheimischer, einfach gekleidet in Baumwollweiß, stand unmittelbar hinter ihnen. Er war um einiges kleiner als seine Stimmgewalt. Ein weißer Bart reichte ihm bis zum Bauch, doch seine Stirn war glatt. Er lächelte sie freundlich an, aber er hatte sich ihnen zu sehr genähert.
— Eine Doppeltrommel. Ein Bol aus Bom und Bay.
Der Mann holte zwei Arme und zwei Hände hervor und setzte sie in Bewegung, zur Begleitung seiner tiefen Stimme.
— Linker Hand die gesegnete Bucht, Bom Bahia und rechter Hand Mumba Aai, die Göttin der Fischer. Ein Tintaal aus vier Silben. Wenn Sie wollen, zeige ich es Ihnen.
Schon hatte er sich zwischen sie gedrängt und begann mit seinen zwei Zeigefingern zu klopfen, der Kopf schüttelte die Mähne.
Bom-Bom-Bay-Bay
Bom-Bom-Bai-Bai
Mum-Mum-Bai-Bai
Bom-Bom-Bay-Bay.
— Grob und grell, wie es sich für einen Rhythmus gehört, der seit Jahrhunderten schlägt: Europa andererseits, Indien einerseits. Es ist eigentlich einfach, für jeden, der hören kann.
Die Augen des Mannes lachten zufrieden. Die besseren Passagiere wurden zur Landnahme gerufen; die Schaluppe wartete, Indien war nur noch wenige Ruderschläge entfernt. Burton half einer der verzückten Damen über die Sprossen. Als sie sicher saß, die Hände im Schoß, drehte er sich um. Er sah den weißhaarigen, weißbärtigen Trommler auf dem Deck stehen, steif, die Beine weit auseinander, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Seine Augen kullerten hinter dicken Brillengläsern. Gehen Sie, gehen Sie! Aber achten Sie auf Ihr Gepäck. Dies hier ist nicht Britannien. Sie betreten Feindesland! Und sein Lachen flog davon, als die Schaluppe an Seilen hinab zum Meer ächzte.
Mit der Landung wurde die Täuschung des Fernglases ruchbar. Der Kai war auf fauligem Fisch erbaut, überzogen von getrocknetem Urin und galligem Wasser. Ärmel wurden rasch über Nasen gezogen. Jahrhunderte von Fäulnis, barfüßig zu festem Boden gestampft, auf dem ein Uniformierter schreiend schwitzte. Die Ankömmlinge sahen sich zaghaft um. Neugier wurde bis auf weiteres vertagt. Überlassen Sie alles uns, wir nehmen Ihnen alle Arbeit ab! Richard Burton parierte das klebrige Englisch eines Agenten auf Hindustani, mit stolzem Bedacht. Er rief einen Kuli, der abseits stand und das Getümmel ignorierte, er fragte, hörte zu, verhandelte, er beaufsichtigte, wie seine Truhen auf Rücken geladen und zu einer der bereitstehenden Droschken getragen wurden. Der Weg sei nicht weit, sagte der Kutscher, und sein Preis gering. Die Droschke glitt durch die Menschenmasse wie ein geschleppter Kahn. Im Kielwasser trieben Käppis und Glatzen, Turbane und Topis. Um ihn herum, in diesen Wirbeln, er konnte kein Gesicht erkennen, und es dauerte eine Weile, bis er ein Bild sah, das Sinn ergab: Vor einem Laden ruhten die Pranken eines Krämers auf Reissäcken. Burton lehnte sich zurück, während die Droschke dem Hafen entkam und in eine breite Straße bog. Ein Junge wich den Hufen so spät aus, wie es die Mutprobe erforderte, und belohnte sich selbst mit einem Grinsen. Ein Mann wurde neben wirbelnden Rädern rasiert. Ein Kind ohne Haut wurde ihm entgegengehalten. Er erschrak kurz und vergaß es wieder. Der Kutscher schien die Bauten zu beiden Seiten zu benennen: Apollo Gate, dahinter Fort, Secretariat, Forbes House. Sepoy! der Kutscher deutete auf eine Mütze, darunter schmierige Haare, weiter unten dürre, behaarte Beine in einer zu kurzen Arbeitshose. Entsetzlich, dachte Burton, das sind die einheimischen Soldaten, die ich befehligen werde, Herrgott noch einmal, diese Kleidung, nichts als Staffage, selbst der Gesichtsausdruck wirkt wie von den Briten abgekupfert. Die Droschke trabte an einer Traube Frauen vorbei, die an Händen und Füßen tätowiert waren. Hochzeit, freute sich der Kutscher. Die Geschmückten verschwanden schnell um die Ecke. Die Häuser, dreistöckig zumeist, schienen von Gangrän befallen. Auf einem der hölzernen Balkone hustete sich ein Mann frei und spuckte sein Gebrechen auf die Straße. Die wenigen Gebäude von Haltung wirkten wie Aufseher in einer Aussätzigenkolonie. Immer wieder erblickte Burton, zwischen den Kronen der Palmen, grauköpfige Krähen. Einmal kreisten sie über einem marmornen Engel, dem eine verschleierte Frau die Füße küßte. Kurz vor Ankunft in dem Hotel sah er Krähen auf einen Kadaver niedergehen. Manchmal, der Kutscher drehte sich in voller Fahrt um, warten sie den Tod nicht ab.
Das British Hotel in Bombay glich keineswegs dem Hotel Britain in Brighton. In Bombay wurde für weniger Komfort mehr Geld verlangt, Bett, Tisch und Stuhl mußte man sich zusammensuchen. In Brighton stieg kein besoffener Kadett mit Heidehaar und sumpfigem Mundgeruch nachts auf einen Stuhl, um über die Musselinwand seine Zimmernachbarn zu begaffen. Burton, dem Schlaf seit Stunden nicht näher gekommen, schob das Moskitonetz zur Seite und bewarf den Kadetten mit dem nächstbesten Gegenstand, den er unter seinem Bett zu fassen bekam. Das Wurfgeschoß flog dem Kadetten mitten ins Gesicht. Er stürzte von seinem Stuhl, er fluchte leise, bis eine Kerze aufleuchtete und ein Schrei zu hören war: der Kadett hatte das Geschoß erkannt, eine Ratte, die Burton kurz zuvor mit einem Stiefel erschlagen hatte. Nur die Stoffwand schützte den schmächtigen Kadetten vor seinen eigenen Drohungen. Burton griff ein weiteres Mal unter das Bett und holte eine Flasche Brandy hervor. Eidechsen waren Glücksboten, Ratten waren verhaßt. Die Eidechsen hingen an der Wand wie farbige Miniaturen. Die Ratten versteckten sich. Manchmal vergeblich.
Sein Nachbar zur anderen Seite war ein Sanitäter auf erstem Posten. Er saß auf dem Fensterbrett und blickte auf das Meer hinaus. So lange, bis der Wind ihm ins Gesicht blies. Achtung, rief er durch den Schlafsaal, Hindubraten weht an! und sein Schrei fiel durch das enge Treppenhaus, dem schlummernden Parsen, der die Gäste mit übertriebener Servilität abfertigte, auf die Stirn. Schließt Augen und Luken. Der Parse öffnete die Augen und schüttelte mißmutig den Kopf. Diese verdammten Ghoras ertrugen den Anblick nur mit Rückenwind.
Der Sanitäter weigerte sich, Burton zur Verbrennungsstätte zu begleiten. Man sollte sich vor falscher Wißbegier hüten, erklärte er, in Sprößling der väterlichen Predigt, der Fürsorge seiner Mutter gerade erst entwachsen. Burton versuchte, ein Loblied auf die Neugierde zu singen, doch er merkte bald, auf wie wenig Verständnis seine eigenen Erfahrungen — die Kindheit in Italien und Frankreich als Sohn eines Ruhelosen, die Internatszeit in der vermeintlichen Heimat — stießen. Immerhin ließ der Sanitäter sich überreden, die Carnac Road zu überschreiten, die Grenze zwischen dem Gehirn des Imperiums und seinen Gedärmen, wie Burton bei seinem ersten Dinner erfuhr, in der Gesellschaft von Herrschaften, die vollmundig ganze Distrikte verwalteten, Krämersöhne aus der englischen Provinz, Nachfahren von Gerichtsvollziehern, die auf heidnischen Händen von Schatten zu Kühle getragen wurden, reicher und mächtiger als sie es sich in ihren wagemutigsten Träumen ausgemalt hatten. Ihre Ehefrauen kartographierten penibel die Landkarte der herrschenden Vorurteile. Jeder ihrer Sätze war ein Warnschild, eingefaßt in: Hören Sie, junger Mann! Sie hatten ausgiebig vermessen und waren sich nun sicher, welche Worte Indien gerecht wurden. Das Klima: ›fatal‹, die Bediensteten: ›beschränkt‹, die Straßen: ›septisch‹, und die indischen Frauen: alles zugleich, weswegen diese, hören Sie gut zu, junger Mann! unbedingt zu meiden sind, auch wenn sich einige Unsitten inzwischen etabliert haben, als könnte man unseren Männern nicht ein wenig Moral und Selbstbeherrschung abverlangen. Am besten — einen ehrlicheren Ratschlag werden Sie nicht zu hören bekommen —, am besten Sie halten sich von allem Fremden fern!
Gassengicht. Jeder Schritt eine Berührung. Burton mußte immer wieder zur Seite springen, sein Augenmerk galt den Trägern, Schleppern, Schiebern. Sichtbar waren im Menschenmeer nur die Lasten, übergroße Brocken, die auf dem Wellengang der wippenden Köpfe schwebten und schwankten. Lumpenläden. Werkstätten unter lauter gleichen Werkstätten. Händler auf Matten wedelten sich Luft zu, hinter ihnen enge Eingänge, die zu Höhlen führten, bauchig wie die Gewohnheit, fliegenverseucht. Burton mußte diese Krämer fast anflehen, ihm etwas zum Verkauf anzubieten, und wenn sie sich dazu bequemt hatten, offerierten sie ihm die schlechteste Qualität, die sie vorrätig hielten, beschworen die Vortrefflichkeit der Ware, präsentierten sie auf ihrem Ehrenwort, bis er den kleinen Dolch oder die steinerne Gottheit akzeptierte. Dann begann ein Tauziehen um den Preis, von neuerlichen Seufzern und Grimassen begleitet.
Du sprichst den Dialekt dieser Kerle schon gut, bemerkte der Sanitäter, etwas vorwurfsvoll. Burton lachte: Die Damen von gestern wären entsetzt. Bestimmt denken sie, eine Sprache zu teilen ist wie ein Bett zu teilen. Schwarzstadt. Auf einmal vor ihnen ein Tempel, eine Moschee, vielfarbig gescheckt, einfarbig verziert. Der Sanitäter war angewidert von der mißgestalteten Göttin, deren Fratzenkopf um ein Vielfaches größer war als ihr Leib. Erfreue dich an der Überraschung, immerhin, dies ist die Schutzpatronin der Stadt, in der so viele Zungen heimisch sind, doch die Göttin selbst ist stumm. Sie kamen an einem Grabmal vorbei. Neben dem Leichnam, bedeckt mit einem bestickten grünen Stoff, hingen Keulen an der Wand. Das magische Werkzeug des heiligen Baba, erklärte ihnen ein Wächter, Kalebassen aus Afrika. Aussätzige Menschen und unberührbare Hunde. Die verwelkten Glieder der Bettler waren mit heiliger Farbe bedeckt, eine mißgestaltete Kuh beschweifte sich nebenan, ihr kurzes fünftes Bein orange bemalt; etwas weiter lag ein Gliederloser auf einer Decke mitten in der Gasse, die zum Hintereingang der Großen Moschee führte, um ihn herum verstreute Münzen wie abgefallene Pocken. Ein nackter dunkelhäutiger Mann hielt den Verkehr auf. Er war von Kopf bis Fuß mit Fett eingeschmiert und trug ein rotes Taschentuch um die Stirn gebunden. In seiner Hand ein Schwert. Eine gewaltige Menge versammelte sich um seine haltlosen Schreie. Zeigt mir den rechten Weg, schrie der Mann und hieb mit dem Schwert durch die Luft. Ein älterer Herr neben Burton murmelte etwas in der tonlosen Monotonie eines Gebets, während der Nackte das Schwert wie eine Peitsche schwang und die Menge ihm allmählich zum Feind wurde. Was passiert hier, ich verstehe nicht, was hier passiert? Der Sanitäter kauerte hinter Burtons Rücken. Der Nackte drehte sich mit ausgestrecktem Schwert in einem zischenden Kreis, bis er stolperte, das Schwert entglitt ihm, einige Männer aus der Menge stürzten sich auf ihn und begannen, ihn zu schlagen und zu treten. Mische dich ja nicht ein, flehte der Sanitäter ihn an, du bist groß gewachsen, vielleicht bist du stark, aber mit diesen Wilden kannst du es nicht aufnehmen. Und wenn sie ihn umbringen? Das geht uns nichts an!
Zwei Monsune, Dick, sagte der Sanitäter auf dem Heimweg, das ist die durchschnittliche Lebenserwartung eines Neuankömmlings. Keine Sorge, tröstete ihn Burton, gewiß gilt das nur für jene, die zu vorsichtig leben und an Obstipation sterben. Obstipation? raunte der Sanitäter. Darauf bin ich gar nicht vorbereitet.
1.
DER DIENER
Niemand würde den Lahiya zu dieser Stunde aufsuchen. Nicht in diesem Dürremonat. Im Tempel würden sie die Götter mal wieder um Regen anflehen, aber er, was sollte er Ganesh noch versprechen? Eigentlich könnte er seine Zelte abbrechen, sein Büro schließen, dem Staub entfliehen, aber es ist weit zu seiner Schlafstätte. Papier und Feder liegen bereit. Obwohl ihn niemand aufsuchen wird. Nicht zu dieser Tageszeit, nicht in diesem Dürremonat. Zum Mittagsschlaf fehlt ihm die Ruhe. Er hat es sich angewöhnt, die anderen Schreiber, diese Schakale, nicht aus dem Auge zu lassen. Wie sie sich um jeden Kunden reißen, kaum biegt er ein in die Straße, wie sie seine Unsicherheit abtasten, bis der Kunde sich niederhockt und seinen Auftrag als Bitte vorträgt. Er wird nie merken, wie er von diesen ehrlosen Schuften betrogen wurde. Noch achten sie ihn, noch fürchten sie ihn ein wenig. Er wüßte nicht, was sie zu fürchten hätten, aber seine Stimme, fester als sein Körper, hält sie auf Distanz. Auf seine Stärken kann er sich verlassen, auf sein würdevolles Aussehen, seinen geachteten Namen, sein respektgebietendes Alter. Diese Tageszeit, diese Jahreszeit sind zum Verzweifeln. Die Erde heizt sich auf, und nichts bewegt sich. Er streckt seine Beine aus. Die Hitze zerschmilzt auf der Straße. Sie klebt an den Hufen eines Ochsen, der sich weigert weiterzugehen. Müde prügelt der Treiber auf ihn ein, Schritt um Schlag dem Ende des Weges entgegen.
Der Mann dort, mitten auf der Straße. Ein Kunde? Sogleich ist er umlauert, ein hochgewachsener Mann, der etwas gebeugt dasteht, der seinen Kopf senkt und wieder hebt, dessen Körper keinen Widerstand leistet gegen die vielen Hände, die an ihm zerren. Der Mann steht wie angewurzelt. Jetzt hebt er seinen Kopf. Einer der Schakale löst sich aus der Meute, andere folgen ihm. Sie lassen ab von diesem Mann, der sie überragt. Der Lahiya sieht, wie die anderen Schreiber mit ihren besserwisserischen Fingern auf ihn zeigen. Der hochgewachsene Mann kommt auf ihn zu, das Gesicht markiert von widerspenstigem Stolz und einem faden, grauen Schnurrbart. Der Lahiya weiß, daß die anderen Schreiberlinge dieses Mal das Nachsehen haben, obwohl sie lässig ihren Dhoti nachbinden und sich gebärden, als hüte die Welt vor ihnen keine Geheimnisse. Dieser Mann hat gewiß einen Wunsch, den allein der alte Lahiya erfüllen kann.
— Briefe an Behörden des Britischen Reiches sind meine Spezialität.
— Es soll kein üblicher Brief …
— Ebenso Briefe an die Ostindische Gesellschaft.
— Auch an Offiziere?
— Selbstverständlich.
— Es soll kein förmlicher Brief werden.
— Wir schreiben, was Sie wünschen. Aber gewisse Formen sollten gewahrt werden. Die Herrschaften bestehen auf Form. Der kleinste Fehler im Aufbau, das kleinste Versäumnis bei der Anrede, und der Brief ist keinen Anna wert.
— Es muß viel erklärt werden. Ich habe Aufgaben übernommen, wie sie kein anderer …
— Wir werden so ausführlich sein, wie die Angelegenheit gebietet.
— Ich stand ihm viele Jahre zur Seite. Nicht nur hier in Baroda, ich bin mit ihm gezogen, als er versetzt wurde …
— Verstehe, verstehe.
— Ich habe ihm treu gedient.
— Zweifellos.
— Ohne mich wäre er verloren gewesen.
— Natürlich.
— Und wie hat er mich dafür entlohnt?
— Undankbarkeit ist des Edlen Lohn.
— Ich habe ihm das Leben gerettet!
— Dürfte ich erfahren, an wen sich das Schreiben richtet?
— An niemanden.
— An niemanden? Das wäre unüblich.
— An keine bestimmte Person.
— Verstehe. Sie wollen den Brief mehrfach verwenden?
— Nein. Oder doch, ja. Ich weiß nicht, wem ich den Brief geben soll. Alle Angrezi der Stadt haben ihn gekannt, das ist lange her, vielleicht zu lange, ich weiß nicht, einige sind bestimmt noch in Baroda. Heute morgen erst habe ich Leutnant Whistler gesehen. Er fuhr in einer Kutsche vorbei, eine dieser neuen Kutschen mit einem halben Dach aus Leder, ein schöner Wagen. Fast hätte er mich überfahren. Ich habe Leutnant Whistler gleich erkannt. Er war einige Male bei uns. Ich bin dem Wagen hinterhergerannt, er mußte bald halten. Ich habe den Kutscher gefragt.
— Und?
— Nein, sagte er, dies ist der Wagen von Oberst Whistler. Ich habe mich nicht getäuscht. Mein Herr hat sich über seinen Namen lustig gemacht.
— Wir werden also an Oberst Whistler schreiben!
Um seine Bereitschaft zu demonstrieren, öffnet der Lahiya das Tintenfäßchen, nimmt die Feder in die Hand, tupft, kratzt zur Probe, beugt sich um einige Zeilen nach vorne und verharrt. Der von dem Ankömmling aufgewirbelte Staub hat sich gesetzt. Aus dem peinigenden Licht heraus, in das der Lahiya nicht mehr blinzeln will, beginnt die zaghafte Stimme zu erzählen. Aus Vermutungen werden Andeutungen, aus Andeutungen werden Schemen, aus Schemen werden Personen, aus Unbekannten werden Menschen mit Namen, Eigenschaften und Gesichtern. Der Lahiya hält die Feder fest zwischen den Fingern, doch er versteht weder Ausgang noch Grund der Lebensgeschichte, die dieser Mann vor ihm ausbreitet. Es ergibt keinen Sinn, diese konfusen Umrisse aufzuschreiben.
— Hören Sie. Das bringt so nichts. Einige Gedanken, einige Notizen, einige Skizzen zuerst, dann werde ich Vorschläge unterbreiten, wie wir den Brief gestalten können.
— Aber … ich muß wissen, was wird es kosten?
— Zahlen Sie zwei Rupien an, Naukaram-bhai. Wir werden später sehen, wieviel Aufwand es bedarf.
2.
AUS EINER SILBE
Manchmal rülpste die pralle Stadt. Alles roch wie von Magensäften zersetzt. Am Straßenrand lag halbverdauter Schlaf, der bald zerfließen würde. Ein Löffel schnitt durch das Fleisch einer überreifen Papaya, Fußsohlen schwitzten auf dem Heimweg vom Markt Koriander aus. Er wußte nicht, was ihn eher anwiderte, die Meeresbrise, zur Ebbe faulig von Algen und gestrandeten Quallen, oder die Düfte des moslemischen Frühstücks, aus Innereien von Ziege, auf kleinen Öfen gebrutzelt. Der Pfad der Menschheit war gepflastert mit tückischen Verlockungen.
— Sir, Sie zu stören ist nicht meine Art, ein hoher Herr wie Sie, das sehe ich, ich erkenne das sofort, denken Sie nicht … keineswegs, ich bin ein einfacher Mann, Sie zu täuschen ist nicht möglich, nein, ich will Ihre Zeit nicht rauben, nein, Sir, wenn Sie mir nur Ihr Gehör zu geben wünschen, ich werde Ihnen eine Hilfe sein können.
Burton ging die Straße entlang, ein Flaneur, der die Häuser mit seinen aufmerksamen Blicken abtastete. Er fiel auf, dieser junge britische Offizier, der seinen Kopf hoch und seinen Bart voll trug.
— Sie sind gewiß gerade angekommen. Schwierig. Überall ist es so, nach der Ankunft, niemand an Ihrer Seite, es ist schwierig …
— Aapka shubh naam kyaa hee? fragte der Offizier.
— Are Bhagwaan, aap Hindi bolte hee? Naukaram ist mein Name, zu Diensten, Saheb, zu Diensten.
Nach einer Woche wußte Burton, daß es in der Stadt nur so vor schmierigen Indern wimmelte, die in jedem Offizier, in jedem Weißen, eine unheilige Kuh sahen, die sie nach Belieben melken wollten. Während sie sich verbeugten, griffen sie einem schon in die Tasche.
— Zu was für Diensten?
— Sie haben unsere Sprache schnell gelernt, bahut atschi tarah. Sie sind vor kurzem angekommen, jüngst auf dem letzten Schiff aus England.
— Du bist gut informiert.
— Nur ein Zufall, Saheb, mein Bruder, mein Cousin, arbeitet am Hafen, verstehen Sie.
Was will dieser junge Mann mit dem altklugen Gesicht? Gekleidet in Peinlichkeiten. Hochgewachsen, leicht gebeugt. Erstaunlich blaß, das Gesicht zugänglich, aber wenig anziehend.
— Je schneller Sie einen Diener finden, desto besser.
— Was kümmert es dich?
— Ich, Ramji Naukaram, werde Ihr Diener sein.
— Wieso denkst du, daß ich einen Diener suche?
— Sie haben schon einen Diener?
— Nein. Ich habe noch keinen Diener. Auch noch kein Pferd.
— Jeder Saheb braucht einen Diener.
— Und wieso gerade du? Wieso sollte ich dich nehmen?
Sie blieben stehen, an einer Kreuzung, wo weitere Angebote auf Burton lauerten. Bis zum Nachmittag, so hat er sich vorgenommen, als er das Hotel in der Früh verließ, würde er lernen, nein zu sagen, hart zu bleiben. Er wollte sich allen Verlockungen aussetzen, zum Beweis, daß er ihnen widerstehen konnte. Um ihnen später nachgeben zu können.
— Ich gebe mich nur mit dem Besten zufrieden.
— Ach, Saheb, was heißt schon Bestes? Es gibt Männer und es gibt Frauen, und die Männer, die eine Frau nicht nehmen, weil um die Ecke vielleicht bessere Frau, schönere Frau, reichere Frau wartet, die Männer bleiben am Ende ohne Frau. Heute nehmen ist besser als Versprechen von morgen. Heute ist sicher — niemand weiß, was morgen ist.
Am übernächsten Tag kam ihm eine Idee.
— Ich will die Stadt bei Nacht erleben.
— Zum Klub fahren, Saheb?
— Die wahre Stadt.
— Wahr, wie meinen Sie?
— Zeige mir die Orte, wo sich die Einheimischen vergnügen.
— Was wünschen Sie dort, Saheb?
— Genau das, was die Stammgäste dort suchen. Was ihnen die Zeit vertreibt, soll mir die Zeit vertreiben.
Diesmal nahm Burton den Sanitäter nicht mit, den schon die Fahrt entnervt hätte. Keine Lichter, jedes Wesen, das ihnen begegnete, war in seine eigene Staubhülle gehüllt. Die Straßen wurden enger, die Abzweigungen so zahlreich, daß Burton alleine verloren gewesen wäre. Sie mußten zu Fuß weitergehen. Er spürte eine unerwartete Anspannung, er fragte sich, ob er die Fußtritte hören würde, bevor ein Messer durch seine Haut drang. Der Gedanke erregte ihn, der Abend hatte nach seinem Geschmack begonnen. Vor ihnen schimmerte eine Häuserzeile, sie kamen näher und konnten einzelne Gebäude erkennen, allesamt dreistöckig, und jedes Stockwerk mit einem Balkon versehen. Auf den Balkons standen Frauen, die sich über die Brüstung lehnten und ihm zuriefen, Hamara ghar ana, atscha din hee. Viel zu laut und viel zu gierig, als daß sie ihn verführen könnten, in das Erdgeschoß einzutreten, offen wie ein Laden, wo gewiß eine ältere Frau den weiteren Ablauf dirigierte. Die Gesichter waren heftig geschminkt, sie stachen die eigenen Stimmen aus, alles weitere im ersten Stock war wallender Sari. Nicht schön, Saheb, oder? Kommen denn viele hierher? Die wenig haben, die kommen hierher, aber hier ist nicht gut. Wir werden jetzt Besseres sehen, Saheb. Sie kamen an einem Gebäude vorbei, in dem, so wußte Naukaram, Opium geraucht wurde. Das Gold meiner Arbeitgeber, dachte Burton, die Quelle allen Silbers, genaugenommen. Den Dunst, den er zu schützen hatte. Er war versucht, in die Opiumhöhle hineinzugehen, aber ihn verwirrten die Männer, die vor dem Eingang standen, erstarrt wie Wachsfiguren. Können sich nicht bewegen, sagte Naukaram, zuviel Opium.
Es war nicht weit zur eigentlichen Empfehlung, auch dort waren die Häuser mehrere Stockwerke hoch, ein jedes mit Balkon, doch anstelle von Kurtisanen rankten sich am Geländer frische Blumen. Na los, treten wir ein. Nein, Saheb, Sie gehen, ich warte draußen. Unfug, du kommst mit, vergiß nicht, du bist nur auf Probe! Ein schmaler Mann empfing sie, derart devot, daß Burton geschworen hätte, er habe sich verbeugt, obwohl er ihnen die ganze Zeit aufrecht gegenübergestanden hatte. Er versicherte ihnen wortreich, wie willkommen sie seien, während er einen argwöhnischen Blick auf Naukarams abgenutzten Kurta warf. Ich will, daß Sie sich mei anständig benehmen, befahl Burton, und er spürte, wie Naukaram mit sich rang, über diese Schwelle zu treten. Sie folgten dem Empfangsherrn in einen opulenten Raum, in dem es spürbar kühler war, der Boden mit tiefen Teppichen ausgelegt, auf einer Seite eine Gruppe Musiker, die sich gerade ausruhte. Über allem schwebte ein süßlicher Geruch. Sie nahmen Platz in einer Kissenecke; kaum hatte sich der schmale Mann zurückgezogen, servierte ihnen eine Frau kalte Getränke und Süßigkeiten. An ihr fiel ihm auf: der schöne Bauchnabel und der schwarze Zopf, der ihr bis zur Taille reichte. Diese Frauen können dichten, flüsterte Naukaram ihm zu. Sie tragen schöne Kleider, andere Frauen tragen die nicht. Eine grazile Frau schwebte herbei, und Burton war bereit, sich dem Zauber ihres Aussehens zu ergeben, als sie Naukaram einige Fragen zuwarf, so zügig und schmucklos, als werfe sie Darts, und dabei Burton musterte, als wäre er ein Fisch auf Marktplanken. Sie nahm neben ihm Platz und lächelte ihn an, mit grünen Augen und einem unbestimmten Versprechen. Wie eine Perlmuschel, die sich langsam öffnet. Er vergab ihr das plumpe Ausfragen und die schamlose Begutachtung.
— Der da behauptet, Sie können unsere Sprache?
— Nur wenn Sie ganz bedächtig reden und nach jedem Wort lächeln.
— Möchten Sie, daß ich für Sie singe?
— Wenn Sie mir das Lied erklären.
Sie nickte den Musikern zu, stand auf, trat einige Schritte zurück, wobei sie Burton unvermittelt in die Augen schaute, und wiegte sich in die einfädelnde Melodie, langsam, wie eine Schaukel, die an Schwung gewinnt, bis sie in die Hände klatschte und zu singen begann.
Wer ein Leben lang Gutes bewirkt,
wird als Tropfen wiedergeborn,
als Tau auf meinen Lippen.
Wer ein Leben lang tugendhaft war,
wird ruhen in einem Austernmund,
sanft in meinem Mund gebettet.
Doch ist’s der höchste Segen,
wer als weiße Perle liegen darf,
als Perle zwischen meinen Brüsten.
Das ganze Lied über blieb sie in seiner Nähe, mit dem Zucken ihrer Lippen, die grünen Augen halb verschlossen, als seien sie gefährlich und zu hüten. Ihre Pirouette endete dicht vor ihm, er hätte ihren Bauchnabel küssen können, sie lehnte sich zurück, ließ ihren Kopf in den Nacken fallen und erstarrte. Ihr Rock zitterte nach in jeder Krümpel, ebenso ihre Brust unter dem goldgefädelten Stoff. In den Händen der Frau tauchten zwei kleine Becken auf, die sie zusammenschlug, während sie weitertanzte. Als das Lied erstarb, schien es ihm, als wäre er erschöpfter als die Frau. Sie erstarrte, ihr Gesicht voller Erwarten.
— Sie müssen ihr Geld geben.
— Ich will sie nicht beleidigen.
— Oh nein, Saheb, es ist eine Beleidigung, wenn Sie nichts geben.
Burton streckte, den Geldschein zwischen den Fingern, seine Hand aus. Die Belustigung in den Augen der Frau war nicht zu übersehen. Sie entzog ihm den Schein, als wollte sie seine Finger nicht aufwecken. Dann drehte sie sich unvermittelt um und verschwand hinter einem Vorhang.
— Ich hatte das Gefühl, sie lacht mich aus.
— Nein, Saheb. Sie geben nur Geld falsch.
— Zuwenig?
— Nein. Geld genug, aber Sie müssen mit dem Geld spielen, sehen Sie, so …
— Das sieht ja lächerlich aus. Ich mach mich doch nicht zum Hampelmann.
Der süßliche Geruch, der über ihnen schwebte, verdankte sich den Wasserpfeifen, in denen, wie ihm eine der Frauen erklärte, persischer Tabak, vermischt mit Kräutern, unraffiniertem Zucker und verschiedenen Gewürzen, durch reines Wasser gefiltert wurde. Probieren Sie, es wird Ihnen schmecken. Sie holte aus einer unsichtbaren Tasche in ihrem Gewand ein hölzernes Mundstück und begann ebenfalls an der Pfeife zu ziehen.
Er hätte nicht sagen können, wie lange die Frauen für ihn tanzten und sangen, aufsteigende, sich selbst übertrumpfende Gesänge, und die Rhythmen, die sich überschlugen, die pochenden, pulsierenden, angespannten Rhythmen, und die Texte, die nichts verheimlichten, und die Wirkung der Milch, die keine Milch war, sondern Soma, das hatte er von Naukaram gelernt, Trank des Geistes, Wundertrank, gut für Gebete und Geburten, und der glitzernde glimmende glühende Schmuck, und die Ketten an den Füßen und an den Armen, und die offengelegte Taille, die leichte Wölbung des Bauches, die paradiesische Einbuchtung des Nabels, und das überwältigende Lächeln, das aus dem Nirgendwo kam, und das lockere Haar, durch das immer wieder eine Hand glitt, um es zu schütteln. Er hätte nachher nicht sagen können, ob er sich aus freien Stücken für eine von ihnen entschieden hatte. Sie nahm ihn an der Hand, ein Zimmer im ersten Stock, ein hohes Bett, und sie zog ihn aus, dann wusch sie seinen Körper, mit Bedacht und warmem Wasser. Sie führte eine Blüte an sein Gesicht. Merke dir den Geruch. Du wirst bei diesem Geruch glückliche Erinnerungen haben. Überhaupt, die Blumen. Alles duftete nach Blumen, Tür und Tor, Porträts der Vorfahren, Dachbalken, Kissen, und das Haar dieser Frau, die ihre Gewänder ablegte, Wolke um Wolke, und er wurde hart wie ein Gewehrlauf, und sie biß leicht in sein Ohrläppchen und flüsterte etwas, das er erst verstand, als sie, über seinen Hals züngelnd, ans andere Ohrläppchen gelangt war. Rath ki rani, sagte sie, es war leicht zu verstehen, Königin der Nacht, aber was bedeutete es? Ihr Name vielleicht, ihr Kurtisanentitel? Sie untersuchte seinen Körper, es war angenehm und wenig überraschend, bis sie etwas tat, das ihn schaudern ließ, seine Härte mundete ihr, sie dosierte sie, es sollte nicht enden, nicht einmal, als sie ihre Brüste über sein Gesicht gleiten ließ, nicht einmal, als sie sich fallen ließ und ihn mitzog in die Tiefe, und er sich einige unterdrückte Schreie erlaubte. Sie hievte ihr Becken hoch, er erkannte die Blüte in ihrer Hand wieder, die Hand verschwand unter ihrem Becken, er konnte nicht mehr an sich halten, er ging in ihr auf mit letzten lauten Stößen, und die Blüte wurde wohl zerdrückt, denn als er sich ausgelaugt neben sie legte, umgarnte ihn ein weicher Duft. Der Duft der Königin der Nacht.
Er wäre gerne noch Stunden in dem hohen Bett geblieben, aber er spürte, als der Duft verwelkte, eine Ungeduld in dem nackten Körper, der neben ihm lag. Meine Zeit ist vorbei, dachte er. Nein, er korrigierte sich, meine Zeit hat gerade angefangen, und was das für ein Anfang war, dachte er, als Naukaram und er das Haus des ersten Zaubers verließen und einige Schritte laufen mußten zu dem Ort, wo sie die Droschke hatten warten lassen.
— Wohin fahren wir jetzt?
— In Ihr Hotel, Saheb.
— Zuerst bringen wir dich heim.
— Nein, Saheb, nicht nötig. Kein Problem.
— Du willst doch nicht noch durch die halbe Stadt laufen.
— Ich laufe nicht weit, Saheb, von hier aus laufe ich eine halbe Stunde.
— Wenn du darauf bestehst. Gute Nacht dann.
Naukaram stieg ab. Er war schon in die Dunkelheit geglitten; als er noch einmal seinen Namen hörte.
— Du hast den Test bestanden, Naukaram. Ich werde dich einstellen. Aber du mußt bereit sein, mit mir in den Norden zu ziehen, etwa vierhundert Meilen von hier, an einen Ort namens Baroda. Ich habe gestern erfahren, daß ich dorthin versetzt werde. Dort werde ich einen Diener benötigen.
Die Antwort kam aus dem Dunkeln.
— Alles ist festgeschrieben, Saheb, alles folgt einem Plan. Ich weiß, wo Baroda ist, ich weiß es genau, ich stamme aus Baroda. Alles ist richtig, Saheb, mit Ihnen kehre ich heim.
3.
NAUKARAM
II Aum Ekaaksharaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Ich bin bereit.
— Ich habe meinen Herrn, Hauptmann Richard Francis Burton, in Bombay kennengelernt. Ich wurde ihm empfohlen. Er war gerade aus Anglestan angekommen, er suchte einen vertrauenswürdigen Diener. Er nahm mich sofort in seinen Dienst.
— Nein! So doch nicht. Bist du Sayajirao der Zweite, daß du gleich losschwatzt, als kenne dich jeder? Wir müssen dich zuerst vorstellen. Deine Herkunft, deine Familie, damit die Empfänger wissen, von wem das Schreiben stammt.
— Was soll ich über mich sagen?
— Kenne ich dein Leben? Weiß ich über dich Bescheid? Sprich ungezwungen, was überflüssig ist, werde ich später weglassen.
— Ich soll etwas über mich sagen?
— Fang an!
— Gut. Ich wurde in Baroda geboren, im Palast. In der falschen Hälfte des Palastes. Ich war ein kränkliches Kind, das viel Sorge bereitete. Vielleicht sollte ich zuerst erwähnen, ich bin nicht bei meinem Vater und meiner Mutter und meinen Brüdern aufgewachsen. Ich habe sie erst später kennengelernt, genauer gesagt, meine Eltern habe ich nie kennengelernt. Sie kamen zu Besuch, als ich ein Junge war, ein einziges Mal, das ist vielleicht nicht so wichtig. Meine Familie hat seit Generationen den Gaekwad gedient, schon zu der Zeit, als einer der Gaekwad die rechte Hand war von Shivaji. Einer meiner Vorfahren kämpfte an seiner Seite, in der großen Schlacht, nein, das tut nichts zur Sache, bestimmt ist es nur ein Märchen unserer Familie, eine schöne Geschichte, auf die wir stolz sein konnten. Ich glaube, ich war der jüngste Sohn. Bevor meine Mutter mit mir schwanger ging, hatte sie meinem Vater schon sechs Söhne geboren. Alle waren gesund und kräftig. Mein Vater war überglücklich bei der Geburt des ersten Sohnes, er war sehr stolz auf den zweiten Sohn, er war zufrieden mit dem dritten Sohn, danach nahm er jeden weiteren Sohn wie selbstverständlich hin. Aber es gibt keine selbstverständlichen Segnungen, das glaube ich zumindest. Man sollte sich seiner Segnungen bewußt sein. Als bei meiner Mutter die Wehen einsetzten, suchte mein Vater den Jyotish im Palast auf. Er war wohl ein ungeduldiger Mann, er konnte es nicht abwarten zu erfahren, ob dieser Tag unter einem glücklichen Stern stand. Das war ein Fehler, er wurde böse überrascht. Der Stand der Sterne, die Zahl Sieben, die Zahl Neun, das Datum, und das Alter meines Vaters, und das Alter meiner Mutter, und …
— Genug. Verschone mich mit diesem Geschwätz.
— Geschwätz? Du glaubst nicht daran? Es war der Jyotish des Maharaja.
— Ich gehöre der Satya Shodak Samaj an, wenn du weißt, was das bedeutet. Wir haben solch primitivem Aberglauben abgeschworen.
— Die Konstellation aber, sie war wirklich sehr bedrohlich. Wie Dürre und Flut zugleich. Zuviel Glück, erklärte der Jyotish, kann sich ins Gegenteil wandeln. Die Gesundheit des Neugeborenen war in Gefahr, die Zukunft der Familie stand unter schlechten Vorzeichen. Mein Vater war sehr besorgt. Er wollte wissen, was er dagegen unternehmen konnte. Es gibt nur eine einzige Rettung, sagte der Jyotish. Ihre Frau, meine Mutter also, muß eine Tochter zur Welt bringen. Das wird die Ordnung wiederherstellen. Der Jyotish entließ meinen Vater mit einem Fläschchen Niim-Öl und einigen Sprüchen, die er aufsagen sollte, wahrend die Hebamme den Bauch meiner Mutter einrieb, kreisend, im Uhrzeigersinn, jede Stunde einmal …
— Das langt. Wir verfassen hier kein Lehrbuch der Zauberei.
— Meine Geburt rückte näher, vor der Kammer meiner Eltern versammelten sich alle Diener des Maharajas, die gerade nicht zu arbeiten hatten, und alle beteten eifrig um ein Mädchen. Die Wehen dauerten an, die Gebete wurden heftiger. Einer holte einen Pujari, ein anderer sammelte Geld, besorgte Kokosnüsse und Girlanden. Ich weiß gar nicht, ob der Priester wirklich Gebete für die Geburt eines Mädchens kannte, oder ob er sie nicht schnell erfand.
— Ein Improvisationskünstler.
— Wie bitte?
— Nichts. Laß dich nicht stören.
— Mitten in der Nacht öffnete sich die Tür, der Pujari war längst gegangen, nur einige Freunde blieben bei meinem Vater, die Hebamme trat heraus, in ihren Armen das Neugeborene. Es ist ein schönes Kind, sagte sie beglückt, wohlauf, gesund. Gesund, was heißt hier gesund? schrie mein Vater. Ist es ein Mädchen? Und die Hebamme vergaß wohl in ihrer Erschöpfung den Grund für die ganze Aufregung und antwortete ihm: Nein, Krishna sei Dank, nein, es ist ein Junge. Mein Vater schlug sich gegen die Stirn und brüllte so laut, daß die Wachen herbeigestürzt kamen. Die Freunde scharten sich um meinen Vater, sie versuchten ihn zu trösten. Niemand beachtete die Hebamme, sie zog sich mit mir in die Kammer zurück und legte mich neben meine Mutter. So groß war die Aufregung, sie vergaßen, mir ein nasses Stück Baumwolle auf die Zunge zu legen.
— Nun, da du geboren worden bist, kannst du mir verraten, wieso du mir all das erzählt hast? Glaubst du, Oberst Whistler will wissen, daß du besser ein Mädchen geworden wärst?
— Die Erinnerung hat mich gepackt.
— Wir müssen aufschreiben, was für dich spricht. Wir müssen deine reichhaltige Erfahrung als Diener aufzeigen, deine Stärken beschreiben, deine Erfolge benennen, deine Fähigkeiten verkünden. Von dem Unglück, das dir nachhängt, will keiner etwas wissen. Das kannst du mit deiner Frau teilen.
— Ich habe keine Frau.
— Keine Frau? Bist du Witwer?
— Nein, ich habe nie geheiratet. Ich war verliebt, einmal, es nahm kein gutes Ende.
— Siehst du, das ist wichtig. Stets warst du Diener, so treu, du hast nicht einmal Zeit zum Heiraten gefunden.
— Das war nicht der Grund.
— Kommt es darauf an? Bist du dir sicher, aus welchen Gründen du etwas getan oder nicht getan hast? Wer weiß das schon so genau! Fahre fort.
— Mein Vater wollte nicht abwarten, bis Vidhaataa mein Schicksal festschreibt. Er wollte an Stoff und Süßigkeiten sparen. Er brachte mich sofort zu Verwandten nach Surat. Er gab ihnen die Goldstücke, die der Diwan ihm am Morgen nach der Geburt aus Mitleid zugesteckt hatte. Weil mein Vater so betreten dreinblickte, dachte er, ihm sei eine Tochter geboren worden. Gegen diese Mitgift, wenn ich das so nennen darf, erklärten sich die Verwandten bereit, für mich zu sorgen. Und der Jyotish bestätigte meinem Vater, das Unglück sei gebannt, wenn ich nur weit genug entfernt lebte.
— Bist du mit dieser unsäglichen Geschichte endlich fertig? Du strapazierst meine Geduld noch mehr als diese Hitze. Laß uns eine Pause einlegen. Die Aufgabe wird schwieriger als gedacht. Und um einiges aufwendiger! Einige Tage werden wir benötigen.
— Einige Tage? So lange?
— Wir sollten diesen Brief nicht überhastet aufsetzen. Es schadet nicht, wenn Sie mir mehr erzählen als nötig. Überlassen Sie mir die Auswahl. Doch zwei Rupien, fürchte ich, werden nicht ausreichen. Es wird Sie mehr kosten.
4.
VERLIEHENE GUNST
Niemand hatte Burton gewarnt, daß in dem hölzernen Haus, das ihm zugewiesen worden ist, seit Monaten keiner mehr gelebt hat — ein unbewohntes Haus wird in Indien von den Jahreszeiten zersetzt. Von außen war die Zerstörung, von den kaputten Fenstern abgesehen, nicht sichtbar. Naukaram und er zogen an der knarzenden Tür und bereuten es sogleich. Es stank nach Affenkot, bestialisch. Burton beschloss, erst hineinzugehen, nachdem Naukaram einige Helfer organisiert und das Haus gereinigt hatte. Derweil stand er vor der Tür und betrachtete den Dschungel; ihm war der Bungalow am äußersten Rand des Cantonment — die Unterkünfte des Regiments, keine drei Meilen ostsüdöstlich der Stadt — zugeteilt worden. Das Ungebändigte reichte bis an sein Grundstück heran. Um so besser, die Lage würde Distanz zu den Kameraden ermöglichen. Naukaram wischte einen Korbstuhl ab und schleppte ihn auf die Veranda, damit Burton sich hinsetzen konnte. Mit Blick auf den kargen Garten, ein nicht gerade großer und nicht gerade üppiger Garten, eingeengt von einer Steinmauer, mit einem Banyan-Baum, immerhin, und vereinzelten Palmen. Zwischen zwei der Palmen könnte er eine Hängematte spannen. Von dem Viertel der Eingeborenen in der Senke konnte er nur sehen, was herausragte: Türme und Minarette. Der Rest war Eintopf, ganz und gar unbekömmlich — so hatten es ihm die Alteingesessenen (wie gut dies Wort paßte) in der Regimentsmesse am Vormittag zugesteckt. Unsere Hauptstraße, klärten sie ihn auf, führt direkt in diesen Mischklump hinab. Zum Glück geht es vorher rechts zum Paradeplatz ab, es besteht keine Notwendigkeit, den Hügel hinabzureiten. Diese Anhöhe müssen wir verteidigen, bildlich gesprochen, du verstehst schon. Burton beteiligte sich nicht an dem verschwörerischen Gelächter. Reite möglichst früh aus, komme der Hitze zuvor, das solltest du beherzigen, und schlage die entgegengesetzte Richtung ein, der Dschungel ist weitaus weniger gefährlich als die Stadt. Weitaus weniger gefährlich. Unser Leben spielt sich hier im Cantonment ab. Früh stehen wir auf, früh sind wir mit der Arbeit fertig. Der Palastherr benimmt sich anständig. Hegt keinerlei Ambition, Widerstand zu leisten. Ganz im Gegenteil. Ganz im Gegenteil. Morgens der Appell, dann ein Kontrollritt, schon haben wir uns das Frühstück verdient. Du spielst doch Billard, oder? Bridge wenigstens? Wir werden einen vortrefflichen Spieler aus dir machen! Worauf alle — sie hatten ihn umringt, wohl um den Korpsgeist zu stärken — gelacht hatten, und ihren pikierten Gesichtern sah er an, daß sie von ihm erwartet hatten, sich in ihr Lachen einzureihen. Er hatte sie enttäuscht. Tröstet euch, Kameraden, hätte er ihnen gerne gesagt, es wird nicht das letzte Mal sein.
Burton hörte, wie die Fenster aufgerissen wurden. Er stand auf und blickte durch das Gitter in sein neues Heim. Es war geräumig genug. Der Boden war nicht mit Brettern verschalt, die Decke nicht getäfelt, die Wände kahl wie der Schädel eines Pilgers. Der offene Dachstuhl war ein ungewohnter Anblick, nicht unsympathisch. Von den Balken wölbten sich dicke Schnüre, von denen bestimmt bald schwere Fächer hinabhängen würden.
— Naukaram, dort, in der Ecke, das Häuschen, es scheint unbewohnt zu sein, noch weniger einladend als dieser Kuhstall, ist das ein Geräteschuppen?
— Bubukhaana, Saheb.
— Vielleicht erklärst du mir noch, was das bedeutet.
— Haus, in dem Frau wohnt.
— Deine Frau?
— Nein. Nicht meine Frau.
— Na, meine Frau bestimmt nicht.
— Vielleicht, Saheb, vielleicht Ihre Frau.
Als wäre er nicht um die halbe Welt gesegelt, so gründlich heimelte es um ihn herum, in den Räumen der Regimentsmesse, zwischen Wänden mit schweren Holzleisten, auf heimischen Teppichen, in Saphirblau, mit Medaillons besetzt, die aus Wilton importiert waren, Teppiche, die sich an einigen Stellen schon wölbten. Sein erster Abend im ›Klub‹. Als Debütant. Er mußte sich nicht anpassen. Nicht im geringsten. Nur seinen Widerwillen überwinden. Es war Oxford und London, auf ein weiteres, und wieder von vorne. Alles war ihm vertraut, die Bilder, die Rahmen, einzelne Pferde, gemalt in Aspik, Gartengesellschaften, ausstaffiert mit Kinderscharen, schwer verdaulich wie ein Weihnachtskuchen, alles war ihm so vertraut, die niedrigen Tische, die tiefen Sessel, die Bar, die Flaschen, sogar die Schnurrbärte. All das, wovor er geflohen war, stürzte auf ihn ein.
— Ohne Fächer werden Sie während der großen Hitze eingehen. Sie benötigen unbedingt einen Khelassy.
— Oder mehrere.
— Für die Fächer?
— Selbstverständlich. Und sorgen Sie ja dafür, daß der Khelassy regelmäßig die Strippen überprüft, an denen das verflixte Teil hängt. Die Zeit schneidet durch die Strippen.
— Wir verwirren den jungen Mann mit Einzelheiten. Hören Sie: Sie haben es in diesen Breitengraden mit durchtriebenen Faulenzern zu tun, die emsig Entschuldigungen erfinden, um sich vor der Arbeit zu drücken.
— Besonders raffiniert ist das Argument der Reinheit.
— Damit ist nicht zu spaßen.
— Wer es nicht durchschaut, wird um den kleinen Finger gewickelt.
— Sagen wir, nur als Beispiel, Sie wollen die Zeitung lesen und sich derweil die Füße waschen lassen. In einem schönen, großen Chillumchi.
— Chi-Chi, wie wir sagen.
— Unsereiner denkt sich ja nichts dabei, aber der Kerl, der Ihre Füße wäscht, der gilt bei den anderen als unrein. Weil Füße unrein sind und weil Sie ein Christ sind und somit per se unrein.
— Fällt einem schwer zu glauben, nicht wahr?
— Also kann er keine Arbeit in Ihrem Haushalt übernehmen, bei der er mit den anderen Dienern in Berührung käme. Höhergeborene würden das Chi-Chi nicht einmal anfassen. Also benötigen Sie selbst für so eine einfache Aufgabe einen, der Wasser nachschüttet, und einen, der Ihre Füße abtrocknet. Damit ist es keineswegs getan. Was meinen Sie, für wie unrein der Boy gilt, der die Toilette säubert. Der ist für keine andere Arbeit zu gebrauchen.
— Solchen Ausreden begegnet man auf Schritt und Tritt, und glauben Sie mir, selbst nach fünf oder zehn Jahren haben Sie noch lange nicht alle gehört.
Aufmerksam beäugten sie ihn. Zwischen den Einweisungen, denen sich diese Männer, die fast ausnahmslos unverheiratet waren, mit Leidenschaft hingaben. Sie prüften ihn. Auf seine Eignung zum vierten Mann, zum Queueisten, zum Advokaten schlechter Witze. Zum Eingeschworenen.
— Wer die Bagage beaufsichtigt, darauf kommt es in höchstem Maße an.
— Bei Junggesellen eine heikle Geschichte, aber wem sage ich das.
— Man muß sich schlicht und einfach damit abfinden, daß die Burschen nichts taugen. Wenn Sie das akzeptiert haben, können Sie nicht mehr enttäuscht werden. Von wegen Erziehung. Habt ihr schon mal erlebt, daß sich einer von denen gebessert hätte? Die Peitsche hält sie bestenfalls vom Klauen ab.
— Wenn Sie mich fragen, außergewöhnlichen Wert würde ich auf den Sircar legen.
— Sircar? Wofür ist der unerläßlich?
— Sie müssen ihm vertrauen können. Sie dürfen keinen Zweifel hegen. Nicht den leisesten Zweifel. Er trägt Ihre Börse.
— Einen Sircar? Heutzutage? Meine Güte, wir verfügen über eine einheitliche Währung, der Silberrupie sei Dank. Unser lieber Doktor Huntington weilt noch in einer Ära, da mußte man mit so vielen verschiedenen Münzen jonglieren, daß es einer gesonderten Kraft bedurfte.
— Ich kann das Geld doch nicht bei mir tragen. Soll ich es etwa offen abzählen? Und wo wasche ich mir hernach die Hände?
— Laßt uns noch eine Flasche bestellen, zu Ehren unseres Griffin.
— Ich sag Ihnen was, Burton. In Ihrem Haus wird nur dann Ordnung herrschen, wenn jemand den Boys gelegentlich zeigt, wo es langgeht. Sie wollen doch nicht selber Schläge austeilen, oder? Das ist viel zu mühsam und in der Hitze der eigenen Gesundheit abträglich. Schaffen Sie sich einen Diener an, der die anderen diszipliniert.
— Hat der keinen Namen?
Für einen kurzen Augenblick herrschte Schweigen. Burton fand es unerträglich, in die Fratzen dieser halsstarrigen Propheten zu blicken. Er war ein Pilger, der von ihnen in die Irre geleitet werden sollte. Das Unerträgliche war umgetopft worden, es war nur hier, in dieser Messe, in diesem Glashaus, überlebensfähig. Es würde ihm um so leichter fallen, es zu verachten.
— Lachen Sie ruhig mit, Burton, probieren Sie aus, wonach Ihnen der Sinn steht, vergnügen Sie sich ohne Skrupel, nur eines sollten Sie auf keinen Fall versäumen: Trinken Sie täglich Portwein! Eine Flasche hält das Fieber fern.
5.
NAUKARAM
II Aum Siddhivinaayakaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Fahre fort.
— Mein Herr, Hauptmann Richard Francis Burton, wurde bald nach seiner Ankunft mit dem Schiff von Bombay nach Baroda versetzt. Und weil ich mich in den Wochen, die er in Bombay verbrachte, schon nützlich gemacht hatte …
— Unentbehrlich klingt besser.
— Unentbehrlich. Weil ich mich unentbehrlich gemacht hatte, nahm er mich mit. Ich kehrte zum ersten Mal wieder in die Stadt meiner Geburt zurück.
— Wo du wie ein König empfangen wurdest.
— Keiner kannte mich. Ich tauchte auf, aus dem Nichts. Ich war gut gekleidet. Burton Saheb hatte mir in Bombay Geld für neue Kurtas gegeben. Ich war ein begehrter Mann. Ich war auf der Suche nach Dienern für einen Offizier der Jan Kampani Bahadur …
— Der Ehrenwerten Ostindischen Gesellschaft. Siehst du, wie sehr ich auf der Hut sein muß. Wenn sich solche Fehler in das Schreiben einschleichen, wirst du höchstens als Latrinenputzer angestellt.
— Die Verwandten ließen nicht mehr ab von mir, kaum hatten sie mich wiederentdeckt. Meine Eltern waren gestorben. Aber all die anderen, sie schmückten sich mit mir. Vom zweiten Tag an bemühten sie sich, eine Frau für mich zu finden. Ich habe versucht, nicht daran zu denken, wie sie mich damals weggegeben haben, in dieses abscheuliche Surat.
— Willst du mich zu Tränen rühren?
— Jeder wollte einen Posten ergattern. Meine Brüder an erster Stelle, natürlich, sie erholten sich schnell von der Überraschung, daß es mich gab. Ich muß Ihnen sagen, meine Eltern hatten ihnen erklärt, ich sei bei der Geburt gestorben. Sie versuchten sich einzuschmeicheln. Wie viele Jahre haben wir verpaßt, Bruder, sagten sie. Wir müssen diese Jahre nachholen. Wir dürfen uns nicht mehr verlieren, nie mehr wieder. Sie schauten mir in die Augen, für einen Augenblick hätte ich es ihnen fast abgenommen, so sehr glauben die Menschen an ihre eigene Farce. Wir wollen dich achten, wir müssen uns an dir erfreuen, wie an einem nachträglichen Geschenk. So schäumten sie in meiner Gegenwart, unentwegt, meine sechs Brüder. Ich ließ mir die vielen Aufmerksamkeiten gefallen. Es war eine Entschädigung, eine lächerlich kleine Entschädigung. Was für Mühe sie sich gaben, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Ich habe genau hingesehen, ich habe nüchtern beurteilt, wer etwas taugte und wer nicht. Ich besitze eine gute Menschenkenntnis, auf meine Menschenkenntnis ist Verlaß, schreiben Sie das auf. Als ich mich für zwölf Leute entschieden hatte, machte ich jedem von ihnen klar, daß sie mir zu gehorchen hatten. Dem Saheb natürlich auch, wenn er sie direkt ansprach. Ansonsten mir. Nur ich hatte Einfluß auf den Saheb, und wenn sie sich mir nicht fügten, konnte ich jederzeit dafür sorgen …
— Zwölf Diener, zwei Herren.
— Burton Saheb hat in all den Jahren nie Ärger mit den Dienern gehabt! Das ist mein Verdienst.
— Wieviel haben sie dir gezahlt?
— Wer?
— Deine untergebenen Verwandten.
— Was sagen Sie?
— Gemolken hast du sie. Du wärst sehr dumm gewesen, wenn du ihnen eine so einträgliche Anstellung geschenkt hättest.
— Burton Saheb hat mir einen festen Betrag für alle Unkosten gegeben. Damit habe ich sie bezahlt. Sie waren zufrieden. Alle waren zufrieden. Ich hatte den gesamten Haushalt unter Kontrolle. Es war ein schöner Bungalow, leider am hintersten Ende des Cantonment gelegen. Die Wege waren lang. Burton Saheb lebte sich schnell ein. Die anderen Offiziere nannten ihn einen Griffin, einen Neuankömmling, aber das hielt nicht lange an. So ein Mensch war mein Herr, überall wo er hinging, war er bald mit dem Ort besser vertraut als jene, die ein Leben lang dort verbracht hatten. Er paßte sich schnell an, Sie würden nicht glauben, wie rasch er lernen konnte. Wenn ich diese Fähigkeit besitzen würde, es hätte nicht halb so schlimm geendet.
— Du bist in Ungnade gefallen?
— Ich wurde nach Hause geschickt, ohne Empfehlung, ohne Referenzbrief. Nach so vielen Jahren! Eine kleine Abfindung nur und die Kleider, die ich trug. Es war nicht allein mein Fehler. Von mir wurde mehr erwartet als von den anderen. Das war schon immer so.
— Gewiß, gewiß.
— Man kann das Ende doch nicht über alles andere stellen? Das Ende kann nicht so eine große Bedeutung haben.
— Hör zu, ich werde deine Schwächen, die unangenehmeren Seiten deiner Geschichte nicht erwähnen, doch sie sollten mir bekannt sein. Je mehr ich weiß, desto besser, verstehst du. Fahre fort.
— Er war die vielen Diener nicht gewohnt. Ich habe mich gewundert, damals. Bis ich erfuhr, viele Jahre später, wie bescheiden er zu Hause gelebt hat, wie einfach. Mit einem Diener nur und einem Koch. Das erfuhr ich erst, als ich mit ihm nach England und nach Frankreich reiste …
— Du warst im Land der Firengi?
— Von dort wurde ich heimgeschickt.
— Das hast du nicht erwähnt.
— Er hat mich in sein Land mitgenommen. So wichtig war ich ihm.
— Wieso hast du mir das nicht früher gesagt? Du bist ein Mann mit Erfahrung im Land der Firengi. Das wertet dich auf.
— Jetzt wissen Sie es.
— Mir ist kein Diener bekannt, der in England war.
— Ich war mehr als nur ein Diener.
— Ein Freund?
— Nein, kein Freund, man kann nicht ihr Freund sein.
— Vertrauter vielleicht? Das klingt gut. Naukaram, Vertrauter von Hauptmann Burton! Fahre fort.
— Hauptmann Richard Francis Burton, vielleicht ist es besser, den ganzen Namen zu schreiben.
— Selbstverständlich. Noch besser wäre es, wenn du mir nichts verschweigst. Je mehr ich umschreiben muß, desto länger dauert es.
— Es soll gut werden, so gut, wie nur möglich. Ich muß wieder bei einem Angrezi in den Dienst treten. Dazu bin ich geboren. Ich habe keinen meiner Fehler vergessen. Das erste Mal, als er rasiert werden sollte, kam es beinahe zum Totschlag. Er schlief noch, ich meine, er döste, und ihm wurde der Bart eingeseift. Der Hajaum hatte die Klinge schon in der Hand und wollte gerade mit der Rasur beginnen, als Burton Saheb die Augen öffnete. Ich weiß nicht, was er zu sehen glaubte, er rollte über das Bett, voller Schaum im Gesicht. Die Utensilien des Hajaum fielen herunter, Burton Saheb stürzte zu Boden. Er griff nach seiner Pistole und er hätte bestimmt geschossen, wenn ich nicht geschrien hätte. Alles in Ordnung, Saheb, keine Gefahr, alles in Ordnung. Sie sollten nur rasiert werden! Er fuchtelte mit der Pistole in meine Richtung, er drohte, er würde mich bei der nächsten Überrumpelung dieser Art erschießen.
— Hast du dieser Drohung Glauben geschenkt?
— Er war dazu in der Lage, glaube ich, wenn die bösen Geister ihn überwältigten.
— Da hast du dir durch deinen Mut wahrlich großen Verdienst erworben. Du hast einem Barbier das Leben gerettet.
6.
BESEITIGEN VON HINDERNISSEN
Mit weniger als zwölf Dienern kann ich den Haushalt nicht organisieren, hatte Naukaram beteuert. Burton hatte ihm daraufhin erlaubt, zwölf Diener auszusuchen und vorzuführen. Wer weiß schon, wie und wo er sie aufgetrieben hat. Es interessierte ihn nicht. Er hatte beschlossen, Naukaram bis auf weiteres gewähren zu lassen. Er akzeptierte sie, die zwölf unbekannten, dunklen Gestalten, die ins Zimmer glitten, wortlos ihre Arbeit verrichteten und ansonsten in kaum sichtbarer Unterwürfigkeit verharrten, die Handflächen übereinandergelegt, der Blick auf Burton fixiert. Manchmal vergaß er sie und erschrak, wenn sie ein Geräusch verursachten. Er teilte die Tage im Bungalow mit ihnen; die hellen Tage, die heißer und zäher wurden, saß er am Schreibtisch, hinter Jalousien, die das Draußen abblendeten. So konnte er lesen und schreiben, einigermaßen bequem, einigermaßen erträglich. Was sollte er sonst tun? Er brachte einer beliebig rekrutierten und miserabel motivierten Truppe das Alphabet des Exerzierens bei, in den Stunden nach dem Morgengrauen, und es hätte einiges an Verblendung bedurft, in der Ausbildung dieser imperialen Hosenträger eine bedeutsame Aufgabe zu sehen. Die Sicherheitslage im Umkreis dieses Außenpostens gab zu keiner Sorge Anlaß, die Einheimischen verhielten sich ruhig, die letzten Verluste lagen schon einige Jahre zurück, als bei einer Parade im Palast des Maharaja ein Elefant außer Rand und Band geraten war und einige der Sepoy niedergetrampelt hatte. Ansonsten herrschte eine solche Stille, er meinte den Pulsschlag der Borniertheit zu hören. Er ekelte sich vor dem klebrigen Stumpfsinn eines Lebens, das dem Billard und dem Bridge gewidmet war, er weigerte sich, seine Dienstdauer zu durchwarten, versunken in Polstern, so tief wie muffig, einen starren Blick auf Fingernägel gerichtet, in denen sich Sand und Staub ansammelte. Es gab nur eine Möglichkeit, sein Leben nicht zu verplempern: Sprachen lernen. Sprachen waren Waffen. Mit ihnen würde er sich von den Fesseln der Langeweile befreien, seine Karriere anspornen, anspruchsvolleren Aufgaben entgegensehen. Auf dem Schiff hatte er genug Hindustani aufgelesen, um sich grob zu orientieren, um sich vor den Einheimischen nicht lächerlich zu machen, und das war mehr — wie er zu seinem Erstaunen festgestellt hatte —, als selbst jene Offiziere vermochten, die vom Hind seit längerem gezeichnet waren. Einer von ihnen redete ausschließlich im Imperativ; ein anderer benutzte stets die weibliche Konjugation — alle wußten, er plapperte seine einheimische Geliebte nach. Ein Schotte hatte keinen einzigen seiner Zungenschläge anpassen können, so daß ihn seine Landsleute nur mühsam und die Einheimischen überhaupt nicht verstanden. Versuchte er sich am Hindustani, antworteten sie höflich und bedauernd, sie verstünden leider kein Englisch, der Saheb möge sich einen Augenblick gedulden, sie würden jemanden holen, der übersetzen könne.
Nach den Regimentspflichten setzte sich Burton an seinen Schreibtisch und versenkte sich bis in den späten Abend hinein in die Grammatiken, die er in Bombay erworben hatte. Er wurde selten gestört. Es hatte sich schnell herumgesprochen, daß der Griffin ein Sonderling war. Es fiel ihm nicht leicht, ruhig sitzen zu bleiben. Kein halbes Jahr her, da war er von Greenwich aus aufgebrochen, in der Erwartung, aus dem Krämeralltag in das Reich famoser Heldentaten und zügiger Aufstiege überzusetzen, Ruhm und Ehre anzulaufen. Männer seines Alters kommandierten dreitausend Sikhs, eroberten Ländereien für Ihre Majestät, die größer waren als Irland.
Schweißtropfen rannen über seine Unterarme, seinen Rücken, Fliegen schwirrten um ihn herum, Afghanistan war anderswo und bereits befriedet, und ihm blieb nichts anderes übrig, als Wörter laut auszusprechen, hundertfach wiederholt. Sobald er schwieg, hörte er das Surren der Moskitos, die er nicht loswurde, egal wie oft er durch die Luft schlug und dabei das Wort brüllte, das er sich gerade aneignete. Es gab nur eine Strategie, diese Plage zu besiegen. Er mußte regungslos in seinem Stuhl verharren, die Augen auf das aufgeschlagene Buch vor sich gerichtet, auf das nächste englische Wort, dem wie so oft zwei Entsprechungen zugeteilt waren — die Doppelzüngigkeit der Einheimischen offenbart sich in ihrer Sprache, hatte der weiblich konjugierende Offizier zum besten gegeben. Er war ein hinterlistiges Opfer, das Gehör geeicht auf die heransurrende Mücke, pratikshaa karna, die eine Entsprechung, langsam zu wiederholen, jede Silbe ein Schluck Wasser, der Moskito war jetzt nahe, intezaar karna, die weitere Entsprechung, die er wiederholte, mehrfach, er spürte, wie sich die Mücke auf seinem Arm niederließ, wie sie hineinstach. Dann schlug er zu.
— Naukaram!
— Ja, Saheb.
— Mit Grammatiken allein komme ich nicht weiter. Ich brauche einen Lehrer, kannst du einen brauchbaren Lehrer auftreiben?
— Ich kann es versuchen.
— In der Stadt?
— Ja, in der Stadt.
— Noch etwas, Naukaram.
— Ja, Saheb!
— Ich verbiete dir, von nun an auch nur ein einziges Wort Englisch in meiner Gegenwart zu reden. Sprich Hindustani! Oder Gujarati oder weiß der Teufel was, aber kein Wort Englisch mehr.
— Und wenn Besuch kommt?
— Das Nötigste. Nur das Allernötigste.
7.
NAUKARAM
II Aum Vighnahartaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Fahre fort.
— Wo waren wir gestern stehengeblieben?
— Hör zu, ich habe, weil ich meine Pflicht ernst nehme, alles Geschriebene gestern abend noch einmal gelesen, auf Fehler und Fragen durchgesehen. Du kannst dich nicht immer auf mich verlassen. Merke dir zukünftig selbst, was du mir schon erzählt hast und was du mir noch erzählen willst.
— Sie sind ein Tyrann, schlimmer als Shivaji. Sie können nicht so mit mir reden. Ich bedarf Ihrer Dienste, ja. Ich bin nicht Ihr Diener.
— Wir sollten keine Zeit verschwenden. Ich habe mich übrigens gefragt, wie dein Herr aussah, als ich deinen Bericht las. Das sollte ich erfahren.
— Wozu? Die Angrezi, an die sich das Schreiben richtet, wissen, wie er aussah, sie erinnern sich an ihn, bestimmt, keiner könnte ihn vergessen.
— Du verstehst von diesen Sachen wenig. Wie soll ich eine angemessene Sprache finden, wenn ich mir von diesem Burton Saheb kein Bild machen kann?
— Er war groß, fast so groß wie ich. Wuchtiger, wie ein schwarzer Büffel, der den ganzen Tag im Feld schuften kann. Genauso war er, unermüdlich. Seine Augen waren sehr dunkel, das fiel sofort auf. Ungewöhnlicher war, wie nackt sie wirkten. Ich muß Ihnen sagen, ich habe nie so nackte Augen gesehen wie jene von Burton Saheb. Sein Blick, er konnte einen einfangen. Ich habe erlebt, manche Menschen waren wie gebannt, als würden seine Augen zaubern. Wenn er zornig wurde, sah er mich an, als würde er mich nicht kennen, als würden bösartige Yakshas herausspringen. Es war zum Fürchten. Er wurde oft zornig, plötzlich, aus irgendeinem Grund, der uns nichtig erschien, völlig nichtig.
— Das hast du mir gestern schon gesagt! Schlug er dich?
— Nein! Schlagen? Wie könnte er, mich schlägt er doch nicht. Ich habe den Eindruck, Sie haben nicht verstanden, welche Position ich in dem Haushalt ausfüllte, was meine Rolle war. Sie haben das überhaupt nicht verstanden!
— Dann erzähle mir mehr von deinen Aufgaben.
— Ich habe alles für ihn erledigt, alles für ihn besorgt.
— Alles?
— Alles, was er von mir verlangte. Alles, was sich aufdrängte, und manchmal auch das, was er sich insgeheim wünschte.
— Beispiele! Gib mir Beispiele.
— Am Anfang die Einrichtung des Hauses, die kaputten Fenster, ich habe sie verglasen und mit Jalousien verhängen lassen. Die Gardinen, ich habe feines Kobbradul aufgetan, günstig, es war nicht meine Angewohnheit, das Geld des Herrn zu verprassen. Sie waren so schön, die Ehefrau des Brigadiers ließ mich fragen, wo ich den Stoff gekauft habe.
— Das werde ich betonen: Ein Fachmann für Kobbradul.
— Ich habe die Einkäufe erledigt, ich habe das Ganja besorgt, er rauchte gerne, abends, wenn er seinen Port trank …
— Port?
— Ja, Portwein, Sie wissen doch, was das ist?
— Gewiß, mußte sichergehen nur, ob ich richtig gehört habe.
— Das bringt mich durcheinander, wenn Sie mich unterbrechen, ich verliere meinen Gedanken, das ist nicht nötig, daß Sie das tun. Portwein, ach ja, und Bücher habe ich besorgt, er wollte alles lesen, und Kräuter und Henna und die Affen, diese unglückseligen Affen, die habe ich aufgetrieben. Das war eine Mühe …
— Affen?
— Und den Lehrer, der so wichtig für ihn wurde, den habe ich gefunden.
— Affen und Lehrer? Warte.
— Und Kundalini, sogar Kundalini habe ich …
— Warte, warte, warte! Wer ist Kundalini? Wovon redest du?
— Sie haben mich gefragt nach Beispielen.
— Erkläre sie mir.
— Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie Kenntnis von dieser Sache haben müssen.
— Wer von uns beiden hat mehr Verstand?
— Der Einfall mit diesem Brief, es ist sinnlos, die Hitze ist mir in den Kopf gestiegen.
— Nicht doch, Naukaram-bhai, nicht doch. Sie irren sich! Es ist höchst sinnvoll, es ist notwendig! Dieser Einfall ist der beste Einfall, den Sie seit langer Zeit gehabt haben. Sie haben zu mir gefunden, das ist gut, und nun haben wir einen weiten Weg vor uns, wir müssen geduldig sein, ich bringe Sie ans Ziel, vertrauen Sie mir. Erzählen Sie etwas anderes, etwas, auf das Sie stolz sind.
— Einen Lehrer zu finden, der etwas taugte, das war nicht so leicht. Burton Saheb hat sich auf mich verlassen, nachdem er es zunächst allein probiert hatte. Er hat bei seinen Leuten nach einem Munshi gefragt. Die konnten ihm nicht helfen. Sie kannten nur einfache Munshi, die schön schreiben können und einige heilige Texte kennen.
— Natürlich. Wer will schon wirklich etwas lernen.
— Burton Saheb wünschte, von einem wirklichen Gelehrten unterrichtet zu werden. Ich will nicht jemandem gegenübersitzen, sagte er, der jede dritte Frage nicht beantworten kann. Zuerst erkundigte ich mich in der Bibliothek des Maharaja. Dort wurde ich auf einen Brahmanen hingewiesen, dessen Gelehrsamkeit in ganz Gujarat berühmt sei, der hervorragend die Sprache der Angrezi spreche. Ich suchte ihn in seinem Haus auf, er wohnte nicht weit von der Bibliothek entfernt, in einem Eckhaus mit kleinen Balkons auf beiden Seiten, ein schönes Haus. Aber sehr klein, kaum breiter als eine Kuh. An der Stirnseite war die Tür, sie war offen, weil unten ein Barbier sein Geschäft hatte, neben der Treppe. Ein schmaler, langer Laden, er hatte gerade Platz genug, hinter seinem Kunden zu stehen. Ich mußte schmunzeln, als ich den Lehrer sah. Er hatte seine Haare seit Jahrzehnten nicht mehr geschnitten. Weder seine Kopfhaare noch seinen Bart. Er ließ mich warten, obwohl ich ihm hatte ausrichten lassen, in welcher Angelegenheit ich ihn aufsuchen werde. Das ärgerte mich, die Überheblichkeit dieser Menschen. Der Lehrer war sehr unordentlich, überall lagen Bücher herum. Ich konnte durch die offene Tür in das zweite Zimmer sehen. Stapel von Büchern, aufgeschlagene Bücher, ich konnte den Boden kaum sehen. Seine Frau war freundlich. Sie bot mir Tschai an, servierte mir frisch gemachte Puranpolis. Ich habe mich gerächt an diesem selbstgefälligen Lehrer, ich habe sie alle aufgegessen.
— Wie viele?
— Wie viele was? Puranpolis? Was kümmert es Sie oder irgend jemand anderen, wie viele Puranpolis ich vor acht Jahren gegessen habe?
— Das war vor acht Jahren?
— Wie viele Puranpolis haben Sie denn gegessen? Letztes Jahr? Was wollen Sie?
— Beruhigen Sie sich. Ich wollte Sie nur etwas entspannen.
— Ich bin entspannt. Ich habe erzählt, Sie bringen mich immer wieder zu Fall.
— Meine Frage war nicht so unnütz, wie Sie meinen. Ich habe etwas Wichtiges erfahren, etwas, das ich von Anfang an hätte wissen sollen. Sie haben von acht Jahren gesprochen. Bedeutet das, Sie waren acht Jahre im Dienst dieses Saheb?
— Fast, ich mußte von Anglestan zurückreisen, das dauert Monate, so etwas wissen Sie nicht, glauben Sie, ich wäre auf den Flügeln von Garuda zurückgeflogen?
— Acht Jahre, hervorragend. Diese Auskunft, diese Zahl, werde ich in den Anfang meines Schreibens einflechten, das hört sich gewichtig an: Naukaram, acht Jahre lang ein treuer Diener, ein enger Vertrauter des berühmten Offiziers der Ehrenwerten Ostindischen Gesellschaft, Burton Saheb.
— Berühmter Offizier. Wofür denn berühmt? Er ist in Schimpf und Schande nach Hause geschickt worden, so wie ich später. Er hat bei den Seinen den Ruf eines Unberührbaren.
— Diesen Eindruck hatte ich bislang aber nicht.
— Schreiben Sie auf, was ich Ihnen sage, genau das, was ich Ihnen sage? Oder fügen Sie hinzu, was Ihnen durch den Kopf geht?
— Ich habe gerade eben aus dem Stegreif gesprochen, beruhigen Sie sich, ich habe diesen Satz als Beispiel vorgetragen, Sie sind zu nervös, Sie atmen nicht richtig.
— Nein, über meine Atmung werden wir jetzt nicht sprechen. Wir machen weiter. Der halbe Nachmittag ist schon vorbei, ich habe keine Zeit, wir müssen weiterkommen. Ich wurde zu dem Lehrer vorgelassen. Endlich. Ich mußte achtgeben, nicht auf eines der Bücher zu treten. Er war ein kleiner Mann, aber als er zu reden begann, wurde er allmählich größer. Er fragte mich aus, so als würde ich einen Gefallen von ihm erbitten. Alles wollte er über meinen Herrn wissen. Es drängte mich, ihm zu sagen, er habe kein Recht auf solche Fragen. Etwas hielt mich zurück. Er war ein altehrwürdiger Mann. Der Lohn schien ihn nicht zu interessieren, ich habe ihm zwanzig Rupien im Monat angeboten. Er hat keine Regung gezeigt, ich wußte nicht, ob er mich gehört hatte. Ich hatte erwartet, daß er sich erfreut zeigt über den Auftrag. Nein, ich muß Ihnen sagen, diese Leute sind überheblich und stolz. Er war nicht gleich einverstanden, Burton Saheb zu unterrichten. Er stimmte nur einem Treffen mit ihm zu. Ich befürchtete schon, er würde darauf bestehen, Burton Saheb solle ihn besuchen. Diese Menschen vergessen sich manchmal, sie denken, der Geist besitze Macht. Er überlegte ein wenig, dann besann er sich der Ordnung der Dinge. Wir vereinbarten sein Kommen für den übernächsten Tag.
8.
EIN OZEAN DES WISSENS
Burton wollte seinen Augen nicht trauen. Vor ihm stand ein kleiner Mann, breitbeinig, das Gesicht leuchtend, der Bart lang und weiß, die Augenbrauen gräulich, das Haar am Hinterkopf zu einem Zopf gebunden — es war der merkwürdige Kauz, der sie kurz vor der Landung in Bombay an der Reling so forsch angesprochen hatte. Ein Gnom fast, dessen Stirn sein Alter glättete. In seinen Augen lauerte eine verschmitzte Weisheit. Respektiere alles, legte sie nahe, und nimm nichts zu ernst. Ein Kobold als Hofnarr. Er hätte sich bestens als Figur in das Relief eines Hindu-Tempels eingefügt. Wenn es regnete, würde das Wasser über sein rundes Bäuchlein plätschern. Wie bekommt Ihnen das Feindesland? Der Kauz hatte ihn ebenso schnell wiedererkannt. Wie oft fluchen Sie über den Kommandanten, der Sie nach Baroda eingeteilt hat? Deswegen treffen wir uns heute, antwortete Burton, ich will dem Ennui entkommen, indem ich lerne. Ennui? Sie mögen ungewöhnliche Wörter? Sie müssen Sanskrit lernen. Die Welt ist erschaffen aus den einzelnen Silben dieser Sprache. Alles stammt vom Sanskrit ab, nehmen Sie das Wort Elefant, auf Sanskrit Pilu, wo besteht denn die Ähnlichkeit, werden Sie fragen, folgen Sie mir, nach Iran, dort wurde daraus Pil, weil die Perser kurze Endvokale ignorierten; im Arabischen wurde aus dem Pil ein Fil, denn das Arabische kennt kein P, wie Sie bestimmt wissen, und die Griechen, die hängten gerne ein — as an alle arabischen Begriffe, gekoppelt mit einer Konsonantenverschiebung haben wir schon ein elephas, und von dem ist es nur noch ein etymologischer Katzensprung zum Elefanten, wie Sie ihn kennen. Ich sehe, wir werden uns vergnügen. Übrigens, was bedeutet Ennui? Er ließ kein Schweigen aufkommen, es sprudelte weiter aus diesem alten Mann heraus, kaum daß die letzten Silben von Burtons Erklärung verklangen. Upanitsche ist mein Name, Sie haben ihn schon gehört, nun schreiben Sie ihn nieder, Upa-nitsche, in Devanagari-Schrift, so werde ich erkennen, wie es mit Ihren Kenntnissen bestellt ist.
Was für ein Selbstbewußtsein, Burton war irritiert, während er langsam Buchstaben niederschrieb, die sich wie Wirbel ausgestorbener Fische wanden. Dieser Mann war der erste Einheimische, der ihm gegenüber nicht duckmäuserisch auftrat. Im Gegenteil, das Verhalten dieses Lehrers, der gerade den einsamen Abdruck seines Wissens auf dem Blatt begutachtete, wirkte nahezu herrisch, so wie er mit der Zunge zuzelte. Dreimal. Ohne zu erkennen zu geben, ob er lobte oder tadelte. Er ergriff die Feder von Burton — sollte er nicht um Erlaubnis fragen? — und schrieb eine Zeile auf das Blatt. Können Sie das entschlüsseln? Burton verneinte. Des Gujarati nicht mächtig, konstatierte Upanitsche, als trage er Bausteine einer Diagnose zusammen. Was wollen Sie lernen? Es war an der Zeit, verlorenes Terrain zurückzuerobern. Alles, sagte Burton. In diesem Leben? In diesem Jahr! Einige Sprachen zuerst, Hindustani, Gujarati, Marathi, ich will mich für die Prüfung in Bombay anmelden, das ist nützlich für die Karriere. Eile, sagte Upanitsche abschätzig, wir müssen sie überwinden. Das ist das erste, was wir zu begreifen haben. Wir sollten uns einigen, sagte Burton, auf Unterrichtszeiten und auf die Bezahlung.
Ich werde eine Woche lang Ihren Hunger prüfen, bestimmte Upanitsche, täglich am Nachmittag, bis es für Sie an der Zeit ist, zu Abend zu essen. Nach dieser Woche werden wir weitersehen. Und was Geld betrifft, ich kann es nicht von Ihnen annehmen. Weil ich ein Mletscha bin? Upanitsche lachte laut auf. Ich sehe, Sie haben es sich schon auf einigen Gemeinplätzen bequem gemacht. Ich habe viel Umgang mit Angrezi gehabt, für mich sind Sie weder ein Aussätziger noch ein Unberührbarer, Sie können beruhigt sein. Nein, es ist eine alte Tradition, wir Brahmanen verkaufen unser Wissen nicht auf dem Marktplatz. Allerdings — unterschätzen Sie nie den Einfallsreichtum der Brahmanen —, wir akzeptieren Geschenke. Zu Guru Purnima, an dem Tag, an dem jeder seinen Lehrer ehrt, erhalten wir Süßigkeiten, Sesambällchen, in denen sich eine bescheidene Münze oder ein kostbares Schmuckstück versteckt. Wir öffnen die Bällchen, wenn wir alleine sind, mit den Fingern, wie eine reife Guave-Frucht. Sie erkennen die Vorzüge dieses Brauchs. Die Schüler fühlen sich zu nichts verpflichtet, sie brauchen sich nicht schämen, wenn sie Mangel leiden und wenig abzugeben haben. Und wir Gurus schenken einige dieser Laddus weiter, an unsere eigenen Lehrer, an unsere Väter, wenn sie noch am Leben sein sollten. So wird die Frage, wer welches Geschenk erhält, einer höheren Macht überlassen. Sie würden sagen, dem Zufall. Upanitsche redete wie ein Schauspieler mit übertriebener Phrasierung, der eine zu große Distanz zwischen den Hebungen und den Senkungen setzt. Zudem untermalte er seine Rede mit energischen und entschiedenen Gesten. Es war nicht vorstellbar, daß ihn etwas verunsichern könnte. Das entmaterialisierte Geschenk, unterbrach ihn Burton, ein höchst interessantes Konzept. Sie haben verstanden, gut, bei uns werden Geschenke nicht begutachtet, sobald wir sie erhalten haben, wir vermeiden peinliche Situationen, Geschenke sollen nicht vor aller Augen um die Gunst des Beschenkten buhlen. Darf ich mich jetzt von Ihnen verabschieden? Kaum hatte er die rhetorische Frage ausgesprochen, richtete sich Upanitsche schon auf. Burton begleitete ihn zur Tür. Ich freue mich auf die Lektionen, Upanitsche Saheb. Nun, da wir uns einig geworden sind, können Sie mich Guru-ji nennen. Und übrigens, ich habe es Ihnen verschwiegen, bei uns hat sich der Shishia der Autorität des Gurus bedingungslos zu unterwerfen. Dem Guru gebührt shushrusha und shraddha, Gehorsam und blinder Glaube. Früher gingen die Schüler mit einem Holzscheit zu ihrem Lehrer, als Symbol für ihre Bereitschaft, im Feuer des Wissens zu verbrennen. Eigene Wege können sie beschreiten, wenn sie den Lehrpfad des Lehrers zu Ende gegangen sind.
Ein Amanuensis wartete im Schatten des Vordachs auf ihn, ein Junge, der ein Bündel trug, mit dem Schreibzeug des Meisters, wie Burton vermutete, und der sich beeilte, einen Sonnenschirm über seinen Herrn zu halten. Sie werden jetzt Ihre erste Lektion in Gujarati erhalten, sagte Upanitsche. Wir verabschieden uns, im Alltag, mit einem ao-jo, das bedeutet soviel wie: komm-geh. Ich gehe, damit ich wiederkommen kann. Verstehen Sie? Also, Mister Burton, bis morgen, ao-jo. Ao-jo, Guruji, sagte Burton, und im Augengrund seines neuen Lehrers erkannte er den Samen einer möglichen Freundschaft.
9.
NAUKARAM
II Aum Vidyaavaaridhaye namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Eins verstehe ich nicht. Dein Herr, er war Offizier, und doch scheint er seine Tage nach eigener Lust und Laune gefüllt zu haben?
— Er mußte einige Male nach Mhow reiten. Das war seine einzige Aufgabe, neben den Übungen mit den Sepoy natürlich. Jeden Morgen, außer am Sonntag, da gab es ein gemeinsames Gebet der Firengi. Aber Burton Saheb nahm daran nicht teil, er hatte wenig übrig für den Glauben seiner Leute. Es verwunderte mich. Er war mehr interessiert an Aarti, an dem Freitagsgebet, an Shivaaratri und an Urs. Es war merkwürdig. Ich habe ihn gefragt, später, als ich Fragen stellen durfte, die ein Diener seinem Herren üblicherweise nicht stellt, wieso er dem fremden Gebet näherstand als dem eigenen. Er sagte mir, die eigenen Bräuche seien für ihn nur Aberglaube, Hokuspokus …
— Was war das?
— Leere Sprüche, yantru-mantru-jalajala-tantru. Magie …
— Maya.
— Ja, wenn Sie so wollen. Die fremden Traditionen hingegen seien faszinierend, weil er sie noch nicht durchschaut habe.
— Hat er so lange gebraucht, unseren Aberglauben zu durchschauen? Du hättest ihn zu mir bringen sollen. Die Mantras sind Steine, die sich unsere Brahmanen aus dem Mund ziehen, und wir erstarren in Ehrfurcht, als würden sie uns etwas Wertvolles überreichen. Ist dir aufgefallen, die Zauberer schwenken bei ihren Kniffen oft Fackeln, um uns abzulenken, genauso wie es die Priester während des Aarti tun. Gleiche Handhabung. Gleiche Illusion.
— Ich bin nicht ein so großer Mann wie Sie, ich kann mich nicht darüber lustig machen.
— Meine Worte waren ernst.
— Oim aim klim hrim slim.
— Willst du mich beleidigen!
— Nein, nicht zu dem Preis, den Sie verlangen. Ich kann mir keine Beleidigung leisten. Ich will weitererzählen, wir sollten nicht über uns reden.
— Vor allem solltest du nicht vergessen, wem du Respekt schuldest.
— Sein Regiment hatte eine einzige Aufgabe. Solange wir in Baroda waren, wurde es nur einmal im Jahr eingesetzt. Als Schutz, nein, eher als Ehrung, für den Maharaja, zu Ganesh Tschathurti. Die dreihundert Sepoy und die Offiziere, sie marschierten zum Palast, in ganzer Montur, mit den Musikern, die Teil des Regimentes waren. Sie begleiteten die Prozession zum Vishvaamitra-Fluß. Sie spielten so laut sie konnten, damit alle sie hörten über den Klang der Glocken und der Becken und der Muscheln hinweg. Und als der Maharaja über die Brücke schritt, salutierten sie mit Schüssen. Die Schüsse waren die lauteste Ehrung des Festtages, alle waren äußerst zufrieden.
— Gut, genug, ich war dabei, ich weiß, wie die Firengi ihre Macht demonstrieren. Er hatte also Zeit, er war neugierig, und du hast einen Lehrer für ihn aufgetrieben. Einen geeigneten Lehrer, wie es sich anhört, einen Lehrer von großer Gelehrsamkeit.
— Der beste Lehrer in Baroda. Durch seine Anleitung lernte Burton Saheb unsere Sprachen schnell. Er reiste ein Jahr später nach Bombay, und er glänzte in den Prüfungen, in Hindi und Gujarati. Danach verdiente er auch etwas mehr Geld.
— Das hat er dir gesagt? Das mit dem Geld. Er muß dir wirklich vertraut haben.
— Ansonsten änderte sich wenig. Er übersetzte manchmal beim Gericht. So wie ich ihn kenne, bin ich mir nicht sicher, wie genau er übersetzt hat. Er saß den größten Teil des Tages zu Hause, wie gehabt. Er hatte keine andere Aufgabe, als zu lernen. Er war fleißig, er hat geschuftet wie ein Ochse in einer Ölmühle. Im nächsten Jahr wiederholte sich alles, er ließ sich in Bombay erneut prüfen, dieses Mal in Marathi und Sanskrit. Er hat erneut bestanden, mit Auszeichnung, und er kehrte wiederum nach Baroda zurück, um an seinem Schreibtisch zu sitzen und von mir umsorgt zu werden. Irgendwann werden ihm die Sprachen ausgehen, dachte ich. Er war ein junger Mann. Doch dann, im dritten Jahr, mußten wir Baroda verlassen. Unerwartet. Das war für mich ein schwerer Schlag. Offensichtlich haben seine Herren bemerkt, wie wenig er zu tun hatte. Burton Saheb wurde versetzt, es hätte nicht schlimmer kommen können. Nach Sindh, in die Wüste, ans andere Ende der Thar-Wüste.
— Warte, warte, warte. Wir wissen zuwenig über die Zeit in Baroda. Du überspringst zuviel. Es wäre wichtig zu erfahren, wie dieser Lehrer, wie heißt er noch einmal … Upanitsche … wie er Burton Saheb unterrichtet hat.
— Was hat der Lehrer mit meiner Arbeit gemein? Wieso sollen wir uns damit aufhalten?
— Schließlich hast du ihn ausfindig gemacht, es ist nicht zuletzt dein Verdienst, wenn der Angrezi so erfolgreich gelernt hat.
— Der Lehrer, Upanitsche Saheb, wie ich schon gesagt habe, er war kein üblicher Munshi. Er hat behauptet, Burton Saheb könne nicht wie ein Gujarati sprechen lernen, wenn er nicht wie ein Gujarati esse. Und dann hat er ihm nahegelegt, er solle auf Fleisch verzichten, mehr Gemüse und Nüsse und Früchte essen, öfter kleine Portionen, und nicht diese schweren Mahlzeiten. Die Firengi bildeten sich ein, sagte er, sie hätten Mägen wie Elefanten. Burton Saheb nahm diese fremden Regeln an, er änderte sein Essen, er wies mich an, den Koch entsprechend zu unterweisen, und der Koch war gar nicht glücklich darüber, er war so stolz darauf, einige Gerichte der Firengi gelernt zu haben.
— Ich habe noch nie gehört, daß ein Angrezi so viel arbeitet. Früher hießen sie, ich weiß nicht, ob du dich daran erinnern kannst: jene, die nicht arbeiten müssen.
10.
EINER, DER WIE EIN FELSEN SITZT
Endlich ein Auftrag, der den Alltag aufbrach, den schon nach einer Woche starren Alltag. Er sollte einem Vertreter der Ostindischen Gesellschaft Begleitschutz bieten, ihn wohlbehalten nach Mhow bringen, wo der andere Teil seines Regimentes stationiert war. Der Auftrag war leicht zu erfüllen. Immerhin würde er die Stadt verlassen können, solange die kühlere Jahreszeit währte. Bevor sie aufbrachen, sprach der Mann ein Gebet, eines jener Gebete, die den Anschein erweckten, Gott habe eine persönliche Vormundschaft über diesen seinen Schutzbefohlenen übernommen. Er verlor kein Wort über seine Arbeit — vielleicht hatte er, als lizenzierter Händler, der Opium aus Malwa nach China verschiffte, den Gürtel seines Gewissens etwas lockern müssen. Sie nahmen den Weg nach Osten, in Richtung des Narmada-Flusses. Zu ihrer Linken trottete eine Ziegenherde. Sie erreichten Kelenpur, ein Dorf. Dann Jambuwa, ein Fluß ohne Wasser. Was hat es zu bedeuten, daß die Flüsse alle weiblich sind? Lauter Göttinnen, um genau zu sein. Burtons Versuch, eine Konversation in Gang zu bringen, wurde mit einem mißbilligenden Blick quittiert. Unweit des Wegrandes saßen einige Entwurzelte mit Frauen und Kindern, kochten an einem Lagerfeuer. Sie erreichten Dhaboi, ein altes Fort, dessen Baumeister in den Festungsmauern lebendig eingegraben wurde. Ein Grunzen war die einzige Reaktion auf diese Auskunft. Dieser Mann war ein Haus mit zugenagelten Fenstern und Türen. Burton gab die Suche nach einem geeigneten Thema auf. In der Ferne zeichnete sich die Vindhyachal-Kette ab. Sie überquerten die Narmada bei Garudeshwar. Heiliger als jeder andere Fluß, bemerkte Burton. Er war nicht gewillt, das Schweigen hinzunehmen. Wußten Sie eigentlich, die Befreiung von der Sünde dauert am Jamuna-Fluß sieben Tage, am Saraswati drei Tage und am Ganges einen Tag, aber schon der Anblick der Narmada reicht aus, um aus aller Schuld entlassen zu werden. Raffinierter Mythos, meinen Sie nicht auch? Dreckwasser, sagte der Opiumhändler. Mit reinigenden Eigenschaften, erwiderte Burton. Der Opiumhändler gab seinem Pferd die Sporen. Burton holte ihn bald ein. Ich fürchte, sagte er, Sie kennen den Weg nicht. Und mit unserem Führer werden Sie sich schwer verständigen können. Er spricht ein abgerissenes Hindustani und nur ein einziges Wort Englisch: shortcut. Unverschämtheit, murmelte der Opiumhändler. Ein faszinierendes Detail noch über die Ganga. Weil sie so viele Menschen reinwäscht, wird sie selber unrein. Einmal im Jahr nimmt sie die Form einer schwarzen Kuh an und wandert zur Narmada, um in ihr zu baden, nicht unweit von hier. Das Dorf heißt … Bewahren Sie Haltung, Mann. Der Opiumhändler erhob zum ersten Mal seine Stimme. Sie haben recht, ich verliere mich in Details. Viel wichtiger, wenn die Kuh aus dem Wasser steigt, ist sie weiß, ganz und gar weiß. Tüfteln Sie das mal aus. Worauf Burton sein Pferd nach vorne trieb.
Am nächsten Tag, nach dem Aufstieg in die Berge, erstreckten sich Mohnfelder zu beiden Seiten des Weges über mehrere Stunden leichten Trotts. Von dieser Hochebene aus verdarb die Ehrenwerte Gesellschaft das Reich der Mitte. Ein elegantes Austarieren des Außenhandelsdefizits, hatte ein Kommentator der Times im Vorjahr geschrieben, als die Kämpfe in China beigelegt wurden. Ein einziges Mal hatte der Opiumhändler das Wort an ihn gerichtet. Sie trabten auf einen Karren zu, als er fragte: Was da wohl drin ist? In einem Tonfall, als wüßte er mehr, viel mehr, als augenfällig war. Heu, schätze ich, antwortete Burton. Den Anschein hat’s, aber trügt der Anschein nicht? Der Opiumhändler verfügte eindeutig über Herrschaftswissen. Neulich wurde ein Kerl aufgegriffen, er hatte den ganzen Karren voller Konterbande, unter dem Heu. Konterbande, fragte Burton scheinheilig, was denn für Konterbande? Beste Qualität, ein kleines Vermögen, das wir da beschlagnahmt haben. Mehr hatte der Händler nicht zu sagen, bis zu dem vernuschelten Abschied in Mhow. Burton überreichte dem kommandierenden Major eine Botschaft von dem Brigadier in Baroda und täuschte einen leichten Schwächeanfall vor, um dem gemeinsamen Mittagessen zu entkommen, das zweifellos den restlichen Tag erdrücken würde. Statt dessen schlich er sich nach draußen, um das Städtchen zu erkunden.
Die Sonne hatte eine erbarmungslose Höhe erreicht. Einige Männer genossen den Schatten unter ihren Karren. Kühe mampften. Mehr geschah nicht in der Stunde des Zenits. Kommen Sie! Ein Junge hatte sich an seine Fersen geheftet. Kommen Sie mit! Sie müssen den Richter kennenlernen. Keiner darf diesen Ort verlassen, ohne Richter Ironside kennenzulernen. Am Ärmel wurde Burton durch die lehmigen Gassen gezogen. Der Junge, der neben ihm lief, zupfte immer wieder an seinem Ärmel und prahlte mit den Namen der hohen Herren, die er zum Richter geführt habe. Er zählte ihre Titel bereits zum dritten Mal auf, als sie das Gerichtsgebäude erreichten. Es war von einem Garten umgeben, mit dem sich die Gerechtigkeit vor dem Schmutz der Straße schützte. Der Tschoukidaar am Eingang riß sich am fleckigen Gurt, salutierte mit seiner Linken und gab nichts von sich, außer einem Rinnsal Spucke, das seinen Schnurrbart hinabkroch.
— Vielleicht ist der Herr Richter heute nicht im Dienst?
— Der Richter ist immer anwesend. Wo sollte der Richter sonst sein?
Sie folgten einem Kieselweg, einst elegant mit Sträuchern bepflanzt, die inzwischen jedoch völlig verwildert waren. Der Rasen vor dem Portikus war übersät mit niederkauernden Einheimischen. Zwischen den Säulen kratzten Schreiber geflüsterte Eingaben aufs Papier und stempelten sie mit prüfenden Blicken ab. Der Junge betrat das Gebäude selbstbewußt, ohne um Erlaubnis zu bitten; es war allerdings auch keiner zu sehen, den er hätte fragen können. Unbehelligt passierten sie einige streng dreinblickende Marmorschädel und gelangten in einen Saal, der Burton an eine Basilika erinnerte — die langgezogene Decke endete in einer gewaltigen Kuppel. Einige rotierende Propeller hingen an langen Stengeln herab. Und Vögel, die noch lauter flatterten als die Ventilatoren, unzählige grüne Vögel, die offensichtlich durch die Löcher in der Kuppel hereingeflogen waren. Mitten im Saal, umgeben von Aktenstapeln, Käfigen, Kerzenständern und einem übergroßen Tintenfaß, saß ein Mann mit Perücke, in Akten vertieft. Weitab von seinem Schreibtisch hockten Bittsteller auf ihren Fersen; zwischen ihnen und dem Richter — denn nur um diesen konnte es sich bei dem blassen, ziegenbärtigen Mann handeln — glänzte der Boden. Der Junge schien unsicher, zum ersten Mal. Burton beobachtete die Perücke des Richters, die oberhalb der Stirn von einem Luftzug gekräuselt wurde, über den Ohren hingegen wie ein nasser Lappen herabhing. Der Richter las weiterhin bedächtig. Er bewegte sich nicht; nicht einmal, als ein Kanarienvogel auf seiner rechten Schulter landete. Und auch die Bittsteller blieben reglos stumm, als würden sie diesem fremden Idol ihre Geduld darbieten. Ohne ein Räuspern oder eine Vorrede verkündete der Richter plötzlich sein Urteil. Danach blickte er weder auf, noch entließ er die Wartenden mit einem abschließenden Satz oder einer Geste. In dem aufgestauten Schweigen erhoben sie sich schwerfällig und zogen sich zurück.
— Jetzt!
— Richter-ji! Besuch. Ich bringe Ihnen Besuch, endlich wieder Besuch für Sie.
Während sich die beiden, auf eine einladende Handbewegung des Richters hin, seinem Schreibtisch näherten, wieselte ein kleiner Mann mit Eimer herein, wischte den Boden noch blanker, hielt aber inne, wo vorher die Einheimischen gehockt hatten. Als wäre dort eine unsichtbare Grenze gezogen worden.
— Sie besuchen uns umsonst. Ich fürchte, ich kann Ihnen heute nichts bieten. So unangemeldet. Ein höchst unglücklicher Umstand. Ich hätte durchaus etwas arrangieren können, aber so fällt Ihnen nur die unreine Frucht des Zufalls in den Schoß.
— Ich wußte nicht, was mich in Mhow erwartet. Immerhin haben wir auf dem Herweg die buddhistischen Höhlen besuchen können.
— Haben Sie den Eremiten getroffen?
— Heute war sein Schweigetag. Wir haben uns eine Weile beäugt.
— Meine Rede. Unglückselig. Höchst unglückselig. Wir dürfen nichts dem Zufall überlassen. Die oberste Maxime von Zivilisation, das habe ich hier begreifen müssen. Die Vögel scheißen auf meine Akten. Glauben Sie an einen Zweck dahinter? Es gelingt mir nicht, sie loszuwerden. Sie werden in diese Käfige gelockt und auf dem Basar verkauft; allerdings lassen sie sich inzwischen schwer absetzen. Übersättigung des Marktes, wissen Sie. Es gelangen zu viele Vögel durch die Löcher. Sie haben keine Ahnung, seit wann ich darauf warte, daß mir eine Renovierung genehmigt wird. Ein Wunder, daß es hier seit Jahren nicht mehr richtig geregnet hat. Gott steht auf der Seite der Gerechtigkeit.
— Justitia ist ihm seine liebste Tochter.
— Mein eigenes System habe ich entwickelt. Mich auf jene Bereiche konzentriert, die ich kontrollieren kann. Wollen Sie wissen, wie?
— Eigentlich wollte ich nur …
— Ich habe mich gefragt: Was stört uns am meisten? Der Schmutz? Ja. Die Aufdringlichkeit? Aber ja. Die Unpünktlichkeit? Und wie! Also habe ich mir vorgenommen, diese Geißeln auszumerzen. Ich habe eine Bannzone eingeführt, die keiner betreten darf. Sie müssen die Unhöflichkeit entschuldigen, aber Ausnahmen offenbaren Schwäche. Ich habe versucht, eine Uniform einzuführen. Das hat es noch nie gegeben, eine Uniform für die Ankläger, eine für die Beschuldigten, eine für die Zeugen. Aber das war zu ambitioniert. Ich habe lange nachgedacht. Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, daß mich die Stimmen dieser Menschen in die Verzweiflung treiben. Dieses schrille Durcheinander, das so klingt, als würden die Wörter ausgewürfelt werden. In den Wahnsinn. Deswegen habe ich jegliches Gerede verboten.
— Die Schreiber vor der Tür …
— Jede Eingabe muß schriftlich erfolgen. Vor dem Gericht wird nicht geredet. Nur das Urteil spricht. Hier herrscht täglich Schweigen. Ich versuche diesen Menschen begreiflich zu machen, wie wichtig es ist, das Reden im Zaum zu halten.
— Eine alte …
— Aber das hat nicht ausgereicht! Es galt, die permanente Unzuverlässigkeit zu unterbinden. Was für eine kolossale Aufgabe. Wie viele sind daran schon gescheitert. Wissen Sie, was ich getan habe? Ich habe ein Zeitreglement eingeführt. Ich halte das für meine allergrößte Errungenschaft.
Mitten im Satz, als der Richter zur Betonung mit dem Kopf genickt hatte, war die Spitze seines Ziegenbartes in das Tintenfaß gerutscht.
— Unser Tag besteht aus halben Stunden. Jeder Angelegenheit widme ich dreiundzwanzig Minuten, so daß mir sieben Minuten Pause bleiben. Sie werden sehen, gleich werden die nächsten auftauchen. Pünktlich wie Big Ben! Wenn sie nämlich zu früh oder zu spät erscheinen, wird ihr Fall nicht behandelt. Kein Einspruch. Sie können sich am Ende der Schlange wieder einreihen!
Die Bartspitze lag noch immer im Tintenfaß. Langsam färbten sich die Haare von der unsichtbaren Spitze aufwärts. Locke um Locke wuchsen blaue Äderchen zum Kinn.
— Sie glauben vielleicht, diese Vögel schwirren durch meinen Verstand.
Er lachte. Seine Zähne waren blau überzogen, ebenso seine Zunge.
— Denken Sie, was Sie wollen, aber seien Sie versichert, ich werde meiner Aufgabe gerecht, besser als jedes andere gottverlassene Gericht in diesem gottverlassenen Land. Ich muß mich auf den nächsten Fall vorbereiten.
Er hob eine Akte von einem niedrigen Stapel neben seinem Sitz auf, führte sie zum Mund und blies etwas unsichtbaren Staub weg.
— Staub, der ist überall. Dagegen hilft Gelbwurz, täglich einzunehmen. Am Abend, mit etwas Honig vermengt, dann kann Ihnen der Staub nichts anhaben. Verweilen Sie, wenn Sie möchten, aber ich fürchte, dieser Fall wird sich als langweilig herausstellen. Durch und durch langweilig.
Der Richter vertiefte sich in das Studium der Akten, bevor Burton Abschied nehmen konnte. Der Junge zog an seinem Ärmel und führte ihn zum hinteren Ausgang am anderen Ende des Saals. Bevor sie den erreichten, drängte sich Burton eine Frage auf. Seine laute Stimme wurde zu einem Echo gebogen.
— Herr Richter. Was war dieses Gebäude früher?
Während seine Worte die Vögel unter der Kuppel verschreckten, fixierte ihn der Richter mit einem freudlosen Blick.
— Ein moslemisches Grabmal. Verschwinden Sie!
11.
NAUKARAM
II Aum Pashinaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Gestern war kein ergiebiger Tag. Ich habe am Abend die Aufzeichnungen durchgesehen, es war kaum etwas Brauchbares darunter. Wir haben Geld verschwendet.
— Wir haben Geld verschwendet? Wie kann das sein? Ich habe etwas gezahlt, und Sie haben etwas erhalten.
— Wir müssen mehr über Baroda aufschreiben. Schließlich wirst du in Baroda eine neue Anstellung suchen. Sindh ist weit weg.
— Ich habe Ihnen schon alles erzählt über meine Zeit hier.
— Du hast Kundalini ausgelassen.
— Mit Absicht.
— Du legst eine unnötige Scham an den Tag, wirklich. Es weiß doch jeder in der Stadt, die Angrezi ohne Ehefrauen nehmen sich Konkubinen, jeder von ihnen hat eine Bubu. Du hast dem Firengi also eine Geliebte beschafft.
— Woher wissen Sie das?
— Selbst wo die Sonne nicht hingelangt, dort kommt der Dichter hin. Was also willst du mir verheimlichen?
— In meinem Fall war es anders.
— Gewiß. Deswegen möchte ich die Geschichte festhalten. Sie macht dich besonders. Sie zeichnet dich aus, dessen bin ich mir sicher, ohne sie näher zu kennen.
— Nein. Nicht unbedingt.
— Wie oft habe ich dir schon versichert: Was nicht für dich spricht, wird nicht aufgeschrieben.
— Besser ist es, wenn es nicht ausgesprochen wird.
— Du bist nicht nur ein Dickkopf …
— Ich muß nicht über alles reden.
— Du weißt deine Verbohrtheit auch noch zu rechtfertigen.
— Ich will heute nicht reden. Ich werde gehen.
— Ohne mein Einverständnis …
— Ao-jo. Wir sehen uns morgen.
— Du bist ein Narr. Ich bin der einzige, der dir helfen kann, deine Dummheit zu verkleiden. Hörst du, du Narr.
12.
MIT DER MONDSICHEL AUF DER STIRN
Auf einmal war sie da. Er war nicht auf sie vorbereitet. Das allererste, was er von ihr sah, war die Bucht ihres nackten Rückens. Die Mündung ihres Nackens. Über dem Saum des Saris eine Dupatta in Chamois. Der Sari war blau, wie tiefes Wasser. Sie saß im Garten, auf einem Hocker, der — wenn er sich nicht täuschte — aus der Küche stammte. Er sah ihren Hinterkopf, ihr Nacken wurde senkrecht geteilt von dem Seil ihrer geflochtenen Haare, versetzt mit roten Seidenfäden. Eine dünne Kette hing golden über einem ihrer Halswirbel wie ein angehängter Gedanke. Sie bewegte sich nicht, und er, am Fenster stehend, beobachtete sie still. Natürlich, Naukaram würde sie nicht ins Haus lassen — wer immer sie war, eine Schwester vielleicht, oder seine Geliebte, nein, das war äußerst unwahrscheinlich —, bevor er ihn nicht um Erlaubnis gefragt hatte. Die Spitzen ihrer Haare berührten das Gras. Um dieses Haar, schwarz wie glänzende Kohle, wenn es so unbewegt hinabhing, beneidete er die Einheimischen. Blonde Haare waren eine Verirrung der Natur, Ausdruck eines unüberlegten Drangs zur Abwechslung. Ihre Bluse war heller im Blau, wie Meerwasser in Strandnähe. Wo der Ärmel der Bluse endete, zeichnete sich die leichte Andeutung eines Muskels ab. Vielleicht täuschte er sich, vielleicht waren ihr die Ärmel zu eng. An ihrem Handgelenk hingen einige Silberreife. Es klopfte an der Tür. Er löste sich vom Fenster und nahm an seinem Schreibtisch Platz, bevor er Naukaram hereinbat. Saheb, ich möchte Ihnen jemanden vorstellen, verzeihen Sie die Störung, einen Gast. In welcher Angelegenheit, Naukaram? Ein Kennenlernen, Saheb, keine Angelegenheit, Sie werden es nicht bereuen, glauben Sie mir.
An ihrem Gesicht fiel ihm zuerst das Bindi auf der Stirn auf, ein den Farbtönen ihrer Kleidung angepaßter Punkt, ein konzentriertes Blau. Ihr Gesicht war dunkel, und es war schmal. Naukaram stellte sie vor, auf Englisch, er pries sie an, als wollte er sie verkaufen. Die Situation war unangenehm und aufregend zugleich. Einmal rutschte ihre Unterlippe unter die Vorderzähne und sofort wieder heraus, so schnell, er war sich nicht sicher, ob er es wirklich gesehen hatte. Er stellte ihr einige höfliche Fragen, und erst einige Antworten später richtete sie ihren Kopf auf. Ihr Blick war weniger unterwürfig als ihre Körperhaltung, ihre Augen schwarz in weiß, wie Onyxstein, eingefaßt im Kajal. Nur einen Makel hatte ihr vollendetes Gesicht: Weit oben auf der Stirn, nahe dem Haaransatz, krümmte sich eine kleine Narbe wie ein Neumond. Er verstand nicht, was Naukaram sagte, er hörte nicht mehr zu, er nickte einmal mit dem Kopf, als sie sich abwandte und Naukaram nach draußen folgte. Sie ließ ein Lächeln zurück, so klein wie die umgeknickte Ecke einer Seite in einem Buch. Naukaram kehrte umgehend zurück.
— Naukaram, was sollte das?
— Ich war der Ansicht, Sie begehrten die Gesellschaft einer Frau.
— Und du hast angenommen, ich sei nicht in der Lage, mich selber darum zu kümmern?
— Sie sind vielbeschäftigt, wieso sollten Sie sich auch noch diese Aufgabe aufbürden.
— Soso.
— Gefällt Sie Ihnen nicht?
— Sie ist bezaubernd. Und außerdem hast du recht, wie sollte ich eine Frau finden.
— Vielleicht, wenn Sie ausprobieren wollen, für einige Tage, ob ihre Gesellschaft Ihnen Freude bereitet?
— Ich bin solche Arrangements nicht gewohnt.
— Sie müssen sich um nichts kümmern, Saheb. Ich werde alles übernehmen, was Ihnen peinlich vorkommen könnte. Sie müssen nur genießen.
Aber es war mehr an dieser Frau als nur das verläßliche Versprechen von Genuß.
13.
NAUKARAM
II Aum Bhaalchandraaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Sie sollten über Kundalini Bescheid wissen, ich habe nachgedacht. Es ist nichts, was ich verstecken muß.
— Siehst du mich schreiben? Nein! Ich werde nur zuhören.
— Ich habe sie in einer Maikhanna gefunden. Ich habe sie dort gesehen, sie hat bedient. Sie hat mir meinen Becher gebracht, Milch mit Bhang, meine Vorliebe. Ich habe nie Daaru getrunken, ich hasse Alkohol. Sie wissen es vielleicht nicht, die Frauen dort sind sehr ansehnlich, und sie können tanzen. Wenn ein Gast ihnen gefällt und wenn der Gast etwas Geld auf den Tisch legt, tanzen sie vor ihm, für ihn. Ich habe sie beobachtet. Ich dachte, es wäre wunderbar, wenn sie für mich tanzen könnte. Ich konnte es mir leisten, also kehrte ich zurück, ich legte Geld auf den Tisch. Und sie tanzte. Nur für mich. Als sie mir in die Augen blickte, gab sie mir den Eindruck, ganz nahe bei mir zu sein, und gleichzeitig, sie nie berühren zu können. Sie war wie der Pipalbaum in der Dorfmitte …
– Übertreibst du nicht ein wenig?
— Vielleicht. Es ist nicht von Bedeutung, woran sie mich erinnerte. Wichtig ist nur, als sie mit dem Tanz aufhörte, hatte sich ein Gedanke in meinem Kopf eingenistet. Sie war eine Frau, ich konnte sie mir neben Burton Saheb vorstellen, sie würde seinen Durst nach dem Ungewöhnlichen stillen. Mein Herr brauchte eine Begleiterin. Er tat nichts nebenbei, wie hätte er seine Lust mit gelegentlichen Ausflügen stillen sollen.
— Er saß also nicht nur am Schreibtisch.
— Ich habe mit ihr gesprochen. Ich habe mir viel Mühe gemacht, das Richtige zu sagen. Ich wollte sie nicht beleidigen. Sie sollte wissen, mein Angebot erfolgte aus Achtung. Sie war sofort einverstanden. Ich muß Ihnen sagen, es hat mich überrascht. Dann habe ich mich um alles Weitere gekümmert.
— Um die Bezahlung, vermute ich.
— Nicht nur das. Solche Beziehungen sind immer auf Zeit. Ich hatte mich umgehört. Ich mußte meinen Herrn schützen. Ich mußte ihn vor allem bewahren, was schiefgehen konnte. Ich setzte ein Dokument auf, sie unterschrieb es.
— Wie?
— Wie was?
— Wie hast du es aufgesetzt? Du kannst nicht schreiben, wenn ich dich daran erinnern darf.
— Sie sollten sich die Antwort denken können. Ich bin zu einem Lahiya gegangen.
— Er war einverstanden, so eine Vereinbarung zu Papier zu bringen?
— Wieso nicht. Es war gang und gäbe.
— Wahrlich, wir müssen unser Land reinigen. Diese Mletscha tragen einen Schmutz in unser Land, der uns verdirbt.
— Nun übertreiben Sie.
— Du hast keine Ahnung, du warst ihnen ausgesetzt, du warst ihr Zögling, wer weiß, vielleicht bist du jetzt wie einer von ihnen.
— Weil ich sie kenne, bin ich einer von ihnen? Das ist lächerlich. Wie steht es mit Burton Saheb? Er hat sich uns ausgesetzt. Er konnte, wenn er sich so anzog, wie ich angezogen war, als einer von uns durchgehen. Ist er jetzt einer von uns?
— Da ist ein Unterschied zwischen Sichfremdwerden und Maskerade. Und zwar ein großer.
— Ich weiß übrigens, Kurtisanen gab es bei uns schon immer, das steht sogar in den Puranas.
— Wer hat dir das gesagt?
— Egal.
— Wer?
— Burton Saheb.
— Burton Saheb! Du vertraust, wenn es um unsere eigene Überlieferung geht, dem Wort eines Mletscha? Seit wann sind die Fremden Garanten unseres Wissens? Kurtisanen in den Puranas, ha, was für ekelhafte Lügen werden sie noch erfinden.
— Sind Sie sicher, daß es nicht stimmt?
— Lassen wir dieses Thema. Was hat denn diese Frau dir, oder euch, schriftlich zugesichert?
— Sie versprach, keine Kinder zu bekommen.
— Sie versprach es?
— Sie wußte, wie sie es anstellen sollte.
— Laß mich raten. Mit Kashunüssen? Wollte sie eine Papaya verzehren, jedesmal, wenn sie vermutete, sie könnte schwanger sein?
— Nein. Sie kannte wirksame Mantras, und sie besaß einen Talisman. Außerdem bereitete sie eine Mischung zu, aus Kuhdung, einigen Kräutern, Zitronensaft und Saft von irgendwelchen anderen sauren Früchten und etwas Natron, wenn ich mich recht entsinne.
— Und einer Hühnerkralle.
— Wie bitte?
— Nichts. Du hast mit ihr vereinbart, was zu vereinbaren war. Wir können dich als Kuppler weiterempfehlen. Übrigens, die Arbeit wächst, die du mir aufbürdest, wir werden uns auf ein höheres Honorar einigen müssen. Ich denke, acht Rupien werde ich mindestens benötigen.
14.
DER HERR DER HINDERNISSE
Einige wenige durften für das Vaterland sterben. Die anderen beklagten allabendlich in der Regimentsmesse die Opfer, die ihnen abverlangt wurden. Elf unerträgliche Monate, so deklamierten sie, und einer, der noch schlimmer war: der Mai. Burton war von der Hitze gelähmt. Seine Gedanken versickerten. Er lag auf dem Bett, nur noch in der Lage, das Thermometer zu betrachten. Mit schlierigen Augen. Das Bett befand sich mitten im Raum, zu allen Seiten umschleiert von hellgrüner Rohseide. Wenn er seinen Arm ausstreckte, konnte er seine Hand in eine Kupferschale mit kühlem Wasser tauchen. Einer der Diener tauschte das Wasser jede Stunde aus. Über ihm drehte sich ein Pankah aus Holz und Stoff. Er wußte, der Ventilator war über eine Schnur, die durch die Wand ging, mit dem großen Zeh einer jener stillen, dunklen Gestalten verbunden, dessen alleinige Aufgabe darin bestand, das Bein zu strecken und anzuwinkeln, so daß ihm, dem Saheb, Luft zugefächelt wurde. Draußen war keiner unterwegs. Er mußte sein Haus nicht verlassen, um sich zu vergewissern, die Stadt ist so gelähmt wie er selber. Ein fiebriger Glutofenwind fegt das Leben von der Ebene. Die Wolken sind aus Staub. Es riecht nach Schnupftabak. Baroda ist der Lethargie verfallen, in diesem letzten Monat vor dem erlösenden Regen, die Pferde stehen angepflockt mit gesenkten Häuptern und vorgestülpten Unterlippen, zu faul, die Fliegen wegzuschweifen, und nebenan schnarchen die Stallburschen, das Geschirr, das sie zu säubern haben, ist ihnen aus den Händen gefallen. Selbst die Krähen hecheln nach Luft. Du mußt alle Funktionen deines Körpers einschränken. Vermeide jede überflüssige Bewegung. Mache dir die Diener zunutze, stell dir vor, sie seien deine Glieder und deine Organe. Der Mann hatte recht, bestimmt, Burton könnte sich an seine Empfehlung halten, wenn er es überhaupt nicht mehr aushielt, er könnte nach Naukaram rufen, er könnte seine lose Baumwollkleidung ausziehen und sich in den Baderaum begeben, wo einige der Diener Wasser aus porösen Tonkrügen über ihn schütten würden. Danach könnte er lesen.
Er hatte sich inzwischen umgesehen, in Baroda und in der Umgebung, er war überall gewesen, überall dort, wohin er als britischer Offizier gelangen konnte, er hatte schon gesehen, was die wenigsten seiner Kameraden gesehen hatten. Er war unzufrieden. Von seinem Pferd herab wirkten die Einheimischen wie Figuren aus einem Märchenbuch, das in ein verarmtes Englisch übersetzt worden war. Und wie er selber wirkte, das konnte er sich vorstellen: wie ein Denkmal. Deshalb erschraken sie, wenn der bronzene Reiter das Wort in ihrer Sprache an sie richtete. Solange er ein Fremder blieb, würde er wenig erfahren, und er würde ewig ein Fremder bleiben, wenn er als Fremder wahrgenommen wurde. Es gab nur eine Lösung; sie gefiel ihm auf Anhieb. Er würde die Fremdheit ablegen, anstatt darauf zu warten, daß sie ihm abgenommen wurde. Er würde so tun, als sei er einer von ihnen. Dazu bedurfte es nur noch eines geeigneten Anlasses. Es würde ihm nicht schwerfallen, das war das Aufregendste an dieser Einsicht. Die Distanz, die zu überwinden war, schien ihm gering. Menschen messen Differenzen so große Bedeutung bei, und doch werden diese von einem Umhang weggezaubert, von dem nachgeahmten Zungenschlag verscheucht. Schon die richtige Kopfbedeckung konnte Gemeinsamkeit begründen.
Ein Sandsturm kündigte sich an. Bald rauschten schwarze Wolken über die Erde mit gierigen Mäulern. Der Sand drang durch jede Öffnung, durch jede Ritze, hinterließ eine dicke Schicht auf allem. Die Bettlaken waren braun, er hätte mit dem Zeigefinger sein Kopfkissen signieren können. Der Wirbelwind schluckte Abfälle, zerriß Zeltplanen und stob Getreide auseinander, bis er plötzlich zusammenfiel, vom Irrsinn ausgelaugt, und alle Sachen, die er entrissen hatte, zu Boden plumpsen ließ.
15.
NAUKARAM
II Aum Vigneshvaraaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Alles änderte sich zum Schlechten, als wir in den Sindh versetzt wurden. Die Leute dort, sie sind wild und brutal, und sie hassen Fremde von ganzem Herzen.
— Ich habe noch einige Fragen über Baroda vorbereitet. Wir sollten zuerst auf sie eingehen.
— Es gab Sandstürme zu jeder Tageszeit.
— Mir ist noch einiges unklar.
— Es war unerträglich. Wie bei uns der Mai. Vor allem, wenn ich das Essen servieren wollte. Ich mußte alles abdecken. Wenn die kleinste Ritze offengeblieben wäre, das Essen hätte zwischen den Zähnen geknirscht. Und der Staub überall.
— Ich bin noch nicht fertig mit dem vorherigen Kapitel.
— Kapitel? Was für Kapitel?
— Eine Redewendung. Sieh mich an. Fällt dir nichts auf? Ich schreibe gar nicht mit.
— Wir hatten keinen Bungalow mehr. Nur zwei Zelte, die mitten in einer sandigen Ebene errichtet wurden.
— In Ordnung. Wie du willst. Wir werden später nach Baroda zurückkehren. Wieso hattet ihr kein Haus?
— Burton Saheb hatte nicht genug Geld. Er erhielt zweihundert Rupien im Monat, das reichte nicht aus, um ein Haus zu bauen, vor allem, wenn einer so viel Geld für Bücher ausgibt wie er.
— Die Offiziere mußten ihre Unterkunft selber zahlen?
— Ja. Und auch selber organisieren. Natürlich hätte ich das erledigt. Aber es lohnte sich nicht, weil Burton Saheb bald eine Arbeit zugeteilt wurde, die ihn durch das Land führte. Wir lernten, ein normales Leben in der Bewegung zu führen. Das stellte große Anforderungen an meine Fähigkeiten, mich anzupassen, das Beste aus dem Vorhandenen zu machen. Und vergessen Sie nicht, ich war plötzlich allein. Ich hatte keine zwölf Helfer mehr an meiner Seite. Schreiben Sie das auf. Es gab nur einen Koch, und einen Jungen, der aushalf. Eigentlich unnütz. Anstatt eines ganzen Hauses, mußte ich sieben Truhen verwalten und aus sieben Truhen dem Saheb ein möglichst komfortables Heim bereiten. Ich war allein in dieser Wüste. Der einzige, mit dem ich mich unterhalten konnte, war Burton Saheb. Mit den Beschnittenen ist kein Gespräch möglich, selbst wenn wir eine gemeinsame Sprache gehabt hätten. Ihre Gesichter sind wie eine Festung, ihre Augen wie zwei Kanonen, die immer auf dich zielen. Meine Aufgabe war gewaltig. Ich muß Ihnen sagen, ich war ihr durchaus gewachsen. Burton Saheb wollte sogar während der Sandstürme lesen und schreiben. Er saß an seinem Klapptisch, ich legte ihm ein kühlendes Tuch auf den Kopf. Ich wischte den Staub auf, der durch die Ritzen des Zeltes drang. Wenn der Staub ihm in die Augen geraten wäre. Das war so schmerzhaft, als hätte jemand einem Chilipulver in die Augen gestreut. Es war schwierig zu schreiben. Die Tinte an der Spitze der Feder verklumpte, das Papier wurde schnell staubig, ich kam nicht nach mit dem Wischen. Ich stand hinter ihm, und alle paar Minuten beugte ich mich über seine rechte Schulter und strich mit einem Tuch über das Blatt, das er gerade beschrieb. Er lachte einmal und sagte, ich sei wie ein Helfer, der dem Musiker die Noten umblättert. Wußten Sie, daß die Angrezi Musik von Blättern ablesen? Wenn er aufstand, mußte ich alles in die Truhen packen. Wenn ein Blatt einen Tag lang liegenblieb, sah es aus wie eine Paratha. Es war nicht in Teig gehüllt, nein, in den verfluchten Staub des Sindh.
16.
DER RAUCHFARBENE KÖRPER
Er würde die Nacht mit einem Fußtritt vertreiben. Den letzten Albtraum verjagen. Draußen spuckte ein Einzelgänger zwischen knirschenden Schritten; er schien es eilig zu haben, als erster auf die Dämmerung zu treffen. Krähen zerrissen die verbleibende Stille mit rauhen Schnäbeln. Er stand am Fenster und drückte seine Stirn gegen den Maschendraht. Jemand zündete ein Feuer an, eine Begrüßung, und die Vorbereitung für den ersten Tee des Tages. Der Geruch von Dung strich über die dampfenden Felder wie eine ungewaschene Hand. Die Luft war kühl, eine Spur feucht. Er hörte Naukaram die Tür öffnen und das Tablett abstellen. Er tastete sich zur Kanne vor, goß den schwarzen Tee in die Tasse und tröpfelte etwas Milch hinein. Als er die Tasse zum Mund führte, merkte er, daß die Dämmerung in das Zimmer geschlichen war. Als schäme sie sich, die Nacht woanders verbracht zu haben. Er genoß die Wärme der Tasse in seinen Händen, dann spürte er, wie sie ihre Brüste an seinen Rücken drückte. Das war ihre Art, ihn zu begrüßen. Möchtest du einen Schluck Tee, fragte er. Obwohl er wußte, daß sie ablehnen würde. Er konnte das Bett mit ihr teilen, nicht aber die Teetasse. Sie aß nie mit ihm zusammen. Sie lebten auf demselben Grundstück, doch er mußte seine Mahlzeiten alleine einnehmen. Das gehört sich so, hatte sie gesagt. Sie verweigerte sich seinen Aufforderungen und Einladungen genauso, wie sie es bislang abgelehnt hatte, die ganze Nacht mit ihm zu verbringen. Wenn du aufwachst, bin ich wieder da. Sie hielt ihr Versprechen — sie hielt Distanz. Sie verlangte, anders als die Kurtisanen, denen er bislang beigewohnt hatte, daß er alle Lichter lösche, bevor sie sich auszog. Das war ihre Bedingung gewesen, von Anfang an. Er akzeptierte ihren Wunsch, er empfand ihn als Ausdruck von Intimität. Der Mond war ihm beim ersten Mal von zarter Hilfe gewesen. Ihrer Haut galt sein Handmerk. Er versuchte sie auf den Mund zu küssen, sie verschloß ihre Lippen. Es erregte ihn, daß sie sich ihm hingab, ohne sich zu öffnen. Sie erwies sich als geschickt, geübt wie die anderen Kurtisanen. Er mußte an nichts denken, keine Entscheidungen fällen, sie erfüllte seine Bedürfnisse, bevor er sie aussprach. Ich sehe ihr bei der Arbeit zu, ging ihm durch den aufgerichteten Kopf, ein ernüchternder Gedanke, der seinem Orgasmus eine stumme Geburt bescherte. Danach, er hatte seine Augen noch nicht wieder geöffnet, stand sie sofort auf, er hörte den verstummenden Klang von barfüßigen Schritten. Sie kehrte nicht zurück. Nach einigen solchen Nächten setzte er Naukaram davon in Kenntnis, daß Kundalini in das Bubukhanna einziehen würde. Naukaram hatte sich gefreut, eine ehrliche Freude, so schien es Burton, und er war gerührt, daß Naukaram um sein Wohlergehen besorgt war. Eines Nachts, denn nur in der Nacht war es kühl genug, die Haut eines anderen Menschen zu ertragen, hielt er sie am Arm fest, als sie aufstehen wollte. Sie protestierte. Ich muß zurück, sagte sie. Nur ein wenig, bleibe noch bitte. Sie lehnte sich zurück. Er zündete eine Lampe an und stellte sie ab, unter ihren mißtrauischen Blicken. Er zog den Sari weg, der ihren Körper bedeckte, er wollte sie anschauen, ihre Haut von der Farbe dunklen Rauches. Er wollte alles von ihr sehen, sie aber bedeckte sofort ihre Scham mit einer Hand, und mit der anderen versuchte sie vergeblich, ihre Brüste zu verbergen. Schließlich, seiner Neugierde hilflos ausgeliefert, richtete sie sich auf und bedeckte seine Augen mit beiden Händen. Er wehrte sich, sowenig er konnte, er spreizte seine Zehen, und sie begann zu lachen, wie Wasser, das zu kochen beginnt. Er umarmte sie, immer noch blind, er umarmte ihr Lachen. Das läßt sich gut an, dachte er. Wenn er nur wüßte, ob es ihr gefiel, mit ihm.
Es fiel ihm nicht leicht, sie zu fragen, es brauchte einige Tage, bis er genügend Courage aufbrachte. Es soll dir gefallen, mein Herr, sagte sie besorgt. Es hat mir gefallen. Dann bin ich auch glücklich. Es war nicht der Tonfall, in dem sie das sagte, und auch nicht ihr Gesichtsausdruck, es war etwas anderes, das sein Mißtrauen erregte. Die Worte schienen ihm vorbedacht. Er mußte Naukaram fragen. Nicht direkt, natürlich nicht. Was würde der für ein Gesicht machen, wenn er ihn zu sich rufen würde, während er sein Bad nahm, zum Beispiel: Finde heraus, ob ich Kundalini befriedige. Schade fast, daß er sich diesen Spaß nicht gönnen konnte. Statt dessen tastete er sich, von Andeutung zu Andeutung, an eine verschlüsselte Sprache heran. Naukaram war trotz aller Vorsicht entsetzt. Gelegentlich reagierte er unverhältnismäßig. Er zierte sich, wie eine Gouvernante. Du bist ein prüder Zuhälter, hätte ihm Burton fast an den Kopf geworfen. Saheb, Sie sind mit ihr unzufrieden? Nein, nicht im geringsten. Ich möchte nur, daß Kundalini und ich uns noch besser verstehen. Geht sie auf Ihre Wünsche nicht ein, Saheb? Ich möchte mehr über ihre Wünsche erfahren, darum geht es. Es ist nicht üblich, daß sie Wünsche hat. Ich verstehe, du kannst mir nicht behilflich sein. Doch, Saheb, ich kann Ihnen immer behilflich sein, immer.
Am nächsten Abend äußerte Kundalini mit zaghafter Mißbilligung, er rasiere sich dort, wo alle Frauen hinsehen, und nicht dort, wohin nur sie ihren Blick richte. Zugegeben, das war ein Widerspruch. Vielleicht hatte der Hajaum ihn deshalb im Halbschlaf rasieren wollen. Nun mußte er es selber machen. Eines anderen Tages, er lag ausgelaugt auf dem Rücken, sie auf der Schulter neben ihm, redete sie leichtzüngig, scherzhaft, von ihrer Großmutter, die Männer in verschiedene Gruppen eingeteilt habe, so als seien sie Tiere. Zu welchen gehörte er? Zu den Hasen, sagte sie. Es klang nicht schmeichelhaft. Wie lauten die anderen Kategorien? Es gibt noch Bullen und Hengste. Die sind wahrscheinlich besser? fragte er. Nein, nicht der Hase ist von Nachteil, nur der schnelle Hase. Gibt es auch langsame? Sie schüttelte den Kopf, bejahend. Langsame, und halbschnelle. Auch bei den Bullen und Hengsten? Ja. Die Geschwindigkeit, was bedeutet sie? Warte, ich kann es mir denken, es geht um die Verlängerung des Genusses? Ja, es geht darum, auf die Frau zu warten, auf ihren Höhepunkt. Die Frau hat einen Höhepunkt? Burton hatte zu rasch gesprochen, und er bereute es sogleich. Sie sah ihn bestürzt an. Und du, fragte er zaghaft, hast du ihn erlebt, bei uns beiden? Sie nickte, verneinend. Weil ich ein schneller Hase bin? Ja, es dauert bei mir. Wie lange? Das hängt davon ab, ob dir die Zeit auf der Zunge liegt. Hast du noch nie von Ishqmak gehört, von der Kunst, den Höhepunkt zu verzögern? Nein, bestimmt nicht. Ich kenne andere vornehme Künste, die Kunst der Fuchsjagd, die Kunst des Fechtens, die Kunst, kleine Kugeln über grünen Filz zu stoßen, aber die Kunst, den Höhepunkt zu verzögern, nein, die kenne ich nicht. Sie wird bei uns nicht praktiziert, bei uns jagt ein Höhepunkt den anderen. Sie lächelte nicht einmal. Ich werde sie dir beibringen, sagte sie, ernsthaft, ohne auf sein Schmunzeln zu achten. Wenn du es möchtest. Und er antwortete, mit einem Ernst, zu dem er sich zwingen mußte: Ja, ich will deinen Höhepunkt miterleben. Ich will seine Ursache sein. Er legte seine Hand auf ihre Schulter und betrachtete den Kontrast. Wieso bist du so dunkelhäutig? Sie drehte sich zu ihm um und blickte ihn streng an, als habe er eine ungebührende Frage gestellt. Sie beugte sich zu ihm, bis er sie vor lauter Nähe fast nicht mehr sehen konnte. Weil ich am Neumondtag geboren worden bin, flüsterte sie. Und ihre Augen platzten wie Feuerwerkskörper.
Als sie das nächste Mal beisammenlagen, sie auf ihm, sein Stöhnen verriet den Sturm, der sich in ihm zusammenbraute, hielt sie inne, bewegte sich nicht mehr, ließ ihre Hände auf seiner Brust liegen und begann zu sprechen, während sie auf seinem pulsierenden Staunen sitzenblieb, sprach in vollständigen Sätzen, in einem vertrauten Tonfall, der beiläufig erzählte, und doch seine ganze Aufmerksamkeit einforderte. Er mußte seine Stöße besänftigen, um ihren Worten folgen zu können, die von Kobrakurtisanen berichteten, deren Körper über Jahre an das Gift gewöhnt wurden, einen Tropfen zunächst, dann mehrere, die Menge wurde gesteigert, bis sie einen Teelöffel am Tag einnahmen. Schließlich waren sie in der Lage, ein Glas voller Gift zu trinken, ohne daß es ihnen schadete. Doch ihr Schweiß, ihre Spucke, ihre Liebessäfte waren so giftig, daß jeder, der mit ihnen schlief, zum Tode verurteilt war. Selbst wer eine ihrer Tränen abwischte und zum Mund führte, wäre gestorben. Verstehst du, sie durften sich ihrer Lust nur hingeben, wenn sie einen Mann ermorden sollten. Sie waren nichts anderes als gedungene Mörder im Dienste eines Herrschers. Sie durften niemanden lieben. Sie vergifteten jeden, der sie berührte, jeden, der sie küßte, unabhängig davon, ob sie ihn verachteten oder ob sie ihn liebten. Kannst du dir ihr Unglück überhaupt vorstellen? Burton lag unbewegt auf dem Bett, sein Glied eine Behauptung, die er zurücknahm. Sie kratzte über seine Brust. Die Geschichte ist nicht zu Ende, sagte sie. Es gab einen Dichter, vielleicht der begabteste des Landes, der sich in eine dieser Kurtisanen verliebte, kaum hatte er sie, die wohl schönste Frau jener Zeit, erblickt. Er war kein unbeherrschter, schwärmerischer Jüngling, nein, er war ein erfahrener Mann, er kannte die Regeln des Hofes und die Gesetze der Gefühle. Er quälte sich lange, er war voller Zweifel, ob er ihr seine Liebe gestehen sollte. Als er sich gerade dazu durchgerungen hatte, sprach sie ihn an, am Ufer des Jamuna. Sie wünschte, von ihm in Sanskrit unterrichtet zu werden. Allein diese Kenntnis fehlte ihr unter den Künsten, die einer Kurtisane zustanden. Er erhielt die Erlaubnis des Herrschers, sie täglich zu unterrichten. Kundalini lehnte sich nach vorne, ihre Haare streichelten über sein Gesicht, dann richtete sie sich wieder auf, ihre Hände verschwanden, er spürte ihre Fingernägel über die Innenseiten seiner Schenkel streichen. Höre gut zu, sagte sie. Die Kurtisane verliebte sich in den Dichter, allmählich, über die Jahre ihres gemeinsamen Studiums hinweg, so langsam, wie sie sich einst an das Gift gewöhnt hatte. Und eines Tages legte sie ein zweifaches Geständnis ab, ein Geständnis ihrer Liebe zu ihm und zugleich ein Geständnis ihrer Todzucht. Ich überlege mir oft, was der Dichter in diesem Augenblick gefühlt hat, da ihre wechselseitige Liebe ausgetragen wurde, als Stillgeburt. Er hat sich nicht von ihr abgewandt. Er beschloß, sich mit der Geliebten zu vereinen, auch wenn es nur für ein einziges Mal sein würde. Verstehst du, er hat es auf sich genommen, den Mißbrauch, der mit dieser Frau getrieben wurde, auszugleichen. Ein Schauder durchlief Burton. Und dann? Das ist das Merkwürdige, diese Geschichte kennt unzählige Fassungen, nur in einem sind sie sich alle gleich: Er starb, natürlich, aber im Sterben entspannten sich seine Gesichtszüge zu einer Glückseligkeit, die nur jene erfahren, die das Eingangstor zur Erlösung erblickt haben. Kundalini ließ von ihm ab, sie streckte sich neben ihm aus und zog mit dem Nagel ihres Zeigefingers über sein erschlafftes Glied. Das, mein Herr, sagte sie, war die Kunst, den Höhepunkt zu verzögern. Wenn du dich von meiner Geschichte erholt hast, können wir wieder anfangen. Er blickte sie mit neuen Augen an. Er hätte ihr gerne einen Kuß gegeben, in dem er vergaß, wer sie war, und warum sie in diesem Zimmer lag. Er war nicht wie der Dichter. Er hatte in sich selbst eine Feigheit entdeckt, wo er sie am wenigsten vermutet hätte.
17.
NAUKARAM
II Aum Dhumravarnaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Genug über Baroda, genug. Wir müssen noch vieles über den Sindh aufschreiben, über meinen Dienst dort. Das waren Jahre, in denen ich geschuftet habe und kaum Freude empfand.
— Einverstanden.
— Beachten Sie, ich bin mit meinem Herrn mitgegangen, das ist nicht selbstverständlich. Ich habe dort nicht nur ihm gedient, auch der Armee der Angrezi. Und sein Leben gerettet, das müssen Sie unbedingt herausstellen …
— Wir werden auch dazu kommen. Also, du bist mitgegangen, aber seine Geliebte, Kundalini, ich kann mir nicht vorstellen, ein Offizier der Angrezi, der samt Geliebter umzieht.
— Die Frage hat sich nicht gestellt.
— Wieso nicht.
— Weil sie sich nicht gestellt hat.
— Sie hat ihn verlassen, ha. Du hast jemanden ausgesucht, der nicht treu war. Sie ist weggelaufen.
— Nein, das ist eine Lüge.
— Wieso reagierst du immer so heftig, wenn die Sprache auf sie kommt? Deine Gefühle sind übertrieben, findest du nicht?
— Was sind übertriebene Gefühle? Setzen Sie die Grenzen? Alles ist schiefgelaufen. Ich habe keinen Fehler gemacht. Wenn ich eine Frau gehabt hätte wie Kundalini.
— Wie Kundalini? Oder Kundalini selbst?
— Ich kann sie Ihnen nicht beschreiben. Ich freute mich aufzustehen, weil ich wußte, ich würde sie sehen. Ich würde ihre Stimme hören. Sie sang, wenn sie sich wusch. Sie kannte viele Bhajan. Wenn sie sang, war es, als würde sie dem Tag Schmuck anlegen. Sie war oft lustig. Nicht von Anfang an. Die anderen Diener behandelten sie verächtlich. Sie waren Heuchler, ein jeder von ihnen hätte sie gerne zur Frau gehabt. Sie mußten ihre Verachtung hinunterschlucken, so einnehmend war sie. Wir saßen manchmal in der Küche zusammen, sie brachte uns alle zum Lachen. An anderen Tagen war ihre Laune so düster, es war mir, als würde die ganze Welt Burka tragen. Ich wollte sie aufheitern, aber mit welchem Trost? Ich war nicht derjenige …
— Du warst in sie verliebt, ich hätte es mir denken sollen. Sie hat dir den Kopf verdreht.
— Es wäre nicht so schlimm gewesen, wenn er mich nicht ins Vertrauen gezogen hätte. Ich habe es kaum ausgehalten. Er dachte, er zeigt mir seine Wertschätzung, seinen Respekt, wenn er mit mir über sie sprach. Was ihn verwunderte, was ihm an ihr gefiel. Ich konnte ihn nicht stoppen. Alles, was ich hätte sagen können, hätte seinen Verdacht erregt. Je länger sie bei uns blieb, desto offener sprach er mit mir. Ich wollte kein Wort davon hören. Aber es kam noch schlimmer. Er wollte nicht nur meinen Rat, er wollte, daß ich ihr gut zurede. Er hat mir keinen Befehl erteilt. Trotzdem, es war nicht mißzuverstehen, was er wünschte. Ich mußte mit ihr reden, über ihn.
— Du warst eifersüchtig auf den Saheb. Jetzt verstehe ich. Er besaß schon so viel, so viel mehr als du, wieso mußte er auch die schöne Frau besitzen, in die du verliebt warst. War es nicht so? Hat er deinen Haß nicht gespürt?
— Ich habe ihn nicht gehaßt. Auch das ist eine Lüge.
— Ist sie deshalb in Baroda geblieben? Hast du sie bei dem Firengi angeschwärzt? Weil du ihre Gegenwart nicht mehr ertragen hast? Weil sie Zwist zwischen euch gesät hat?
— Schweigen Sie. Sie reden Unsinn. Sie war tot, sie war schon längst tot.
— Was? Woran ist sie gestorben?
— Sie sind maßlos, Sie denken, ich würde Ihnen anvertrauen, was ich noch niemandem gesagt habe.
— Ich habe nur eine Frage gestellt.
— Sie können nicht jede Frage stellen.
— Es handelte sich um eine höchst vernünftige Frage.
— Zahle ich Ihnen Geld, um Ihnen meine Geheimnisse anzuvertrauen? Sie haben mein Leben auf den Kopf gestellt.
18.
RASCH GEHANDELT
Eine Woche später erklärte sich Upanitsche einverstanden, diesen Schüler zu unterrichten, und Burton wies Naukaram an, von Zeit zu Zeit große Kürbisse an das Haus des Lehrers zu liefern. Was hältst du von ihm? fragte er. Mir ist aufgefallen, Saheb, er kommt jeden Tag zur selben Uhrzeit an, er hat sein Leben im Griff, das ist das Zeichen eines bedeutenden Lehrers. Tatsächlich, pünktlich auf die Minute, jeden Nachmittag um vier Uhr, hörten sie die klappernden Räder der Tonga, das Schnaufen des Maulesels, und als Naukaram die Tür öffnete, schritt der kleine, weißbärtige Mann über den Gartenpfad, hinter ihm sein Amanuensis und über ihm der Sonnenschirm. Sie tranken einen Tschai, er mochte ihn würzig, dann setzten sie sich nebeneinander an den Schreibtisch. Naukaram mußte drei Kissen auf den Korbstuhl legen. Für Upanitsche war die Grammatik eine Tanzfläche, auf der er seine Pirouetten drehen konnte. Burton störte sich nicht daran. Niemand durfte erwarten, daß sich ein lebhafter Geist mit der Konjunktivform der Hilfsverben begnügt. Seine Abschweifungen verblieben zunächst auf dem Parkett der Sprache. Bestimmt haben Sie Kenntnis von unseren zwei Wörtern für Mann: Admi, das stammt von Adam ab, der, wie die Moslems behaupten, hierzulande auf die Welt gekommen ist, und Manav, das stammt von Manu ab, dem anderen Urahnen, aus der, wie Sie sagen würden, hinduistischen Tradition. An der Sprache sollst du sie erkennen, heißt es nicht so? In unserer Sprache offenbaren wir uns als Nachkommen zweier Geschlechter. Was könnte uns das für eine Stärke geben! Wäre es dieser Argumentation gemäß nicht folgerichtig, Guruji, daß jeder Inder sowohl Hindu als auch Moslem ist? Wir wollen nicht zu wagemutig werden, mein Shishia, wir wollen froh sein, daß sie nebeneinander leben. Doch die Sprache genügte ihm bald nicht mehr. Upanitsche sprang einen Salto und landete mit beiden Beinen in der Jurisprudenz … im altindischen Strafrecht gab es Vergehen gegen Tiere. Drei Pirouetten später kommentierte er das Kastensystem … ihr sagt Hochgeborene, wir sagen Zweimalgeborene. Kein großer Unterschied, finden Sie nicht auch? Und nach seiner Erklärung des Vokativ belohnte er seinen Schüler mit einem Spruch … das Buch, der Stift und die Frau, niemals sollten sie ausgeliehen werden. Erhält man sie zurück, sind sie zerrissen, zerbrochen oder zerpflückt. Stammt das von Ihnen, Guruji? Mitnichten, es stammt aus einem Sanskrit-Gedicht, aus einem, wie würden Sie es nennen, klassischen Werk. Erstaunlich! Staunen Sie nur, Staunen ist gesund. Sollen wir uns noch eine Lektion vornehmen? Es reicht, Mister Burton, es reicht. Ein Shishia, der seinen Guru ermüdet, hat es so etwas schon einmal gegeben? Das ist ungehörig! Sie müssen meine Kräfte schonen! Sie werden Ihren Guruji noch länger benötigen.
Eines Abends erschien die Tonga nicht, um ihn abzuholen. Upanitsche mußte warten, während Naukaram sich um Ersatz bemühte. Obwohl er bequem auf dem Fauteuil saß, die Beine auf einem Hocker ausgestreckt, wurde er fahrig, er schnippte mit Daumen und Mittelfinger, während er Burtons Fragen über seinen Werdegang beantwortete. Alle paar Sätze horchte er auf, ob das Klappern der Räder endlich zu hören sei. Sorgen Sie sich um Ihre Ehefrau, Guruji? Ich werde mich sehr verspäten, das ist nicht gut. Ich kann es nicht ertragen. Wir sind Nachfolger einer exakten Zivilisation. In jeder unserer Sekunden spiegelt sich die kosmische Ordnung, und mit jeder vergeudeten Sekunde wird sie verhängnisvoll bedroht. Beachten Sie nicht das Gerede von den Zyklen von Kala, in denen wir angeblich so großzügig denken. Wir haben exakt zu sein. Als Naukaram unerledigter Dinge zurückkehrte, trommelte Upanitsche mit den Fingern auf der Lehne, rutschte auf dem Polster hin und her. Naukaram hatte im ganzen Cantonment keine Tonga finden können. Burton beschloß, den Lehrer selber nach Hause zu bringen, auf dem Rücken seines eigenen Pferdes. Der Amanuensis konnte zu Fuß gehen. Oh, mein Shishia, Sie muten mir zuviel zu. Wie soll ich auf dieses Pferd steigen? Wir werden Sie hochhieven. Nein, das gefällt mir nicht, ein Lehrer ist doch kein Möbelstück. Gut, dann wird Naukaram einen Stuhl herausbringen. Ich werde das Pferd stillhalten, Sie können hochsteigen und aufsitzen. Ich habe noch nie auf einem Pferd gesessen, nicht einmal auf einem Maulesel. Setzen Sie sich einfach in den Sattel, Guruji, etwas weiter nach hinten bitte, damit ich Platz habe vor Ihnen. Und wenn ich herunterfalle? Halten Sie sich an mir fest, Guruji. Ausnahmsweise sind Sie von mir abhängig. Oh, so werden wir durch die Nacht reiten? Wie junge Liebende. Und wenn uns jemand sieht? Nehmen Sie bitte nicht die Hauptstraße, es gibt unbeleuchtete Nebenwege, die ich vorziehe. Burton hielt das Pferd in einem sanften Trab, und Upanitsche beruhigte sich allmählich. Dies ist ein ungewöhnlicher Abend. Ich möchte mich erkenntlich zeigen. Oder anders gesagt, Ihnen etwas geben, was mir zu diesem Anlaß gebührend erscheint. Woran denken Sie, Guruji? An ein Mantra. Vielleicht das mächtigste aller Mantras. Betrachten Sie dieses Mantra als meinen Wegezoll an Sie. Er wird Ihnen nie ausgehen.
Purna-madaha
Purna-midam
Purnaat purnam uda-tschyate
Purnasya purnam-aadaaya
Purnameva ava-shishyate.
— Das klingt schön, Guruji. Mit solchen Mantras im Ohr bin ich bereit, die ganze Nacht mit Ihnen zu reiten.
— Oh, wir wollen nicht übertreiben. Was habe ich Ihnen beigebracht? Maßhalten. Sind Sie nicht neugierig auf die Übersetzung?
— Sie wird sich nicht so überzeugend anhören wie das Sanskrit.
— Sie haben recht, lernen Sie dieses Mantra einfach auswendig. Die Bedeutung kann später folgen. Sie wirkt, Sie werden es sehen, sie wirkt Welten.
— Sie wirkt Welten?
— Sie werden mich dort vorne absetzen, ich gehe den restlichen Weg zu Fuß, alleine. Morgen kommen Sie zu uns nach Hause, zu einem einfachen Essen.
— Ich danke für die Einladung.
— Danken Sie mir nicht. Dank ist wie Geld. Wenn man sich besser kennt, kann man sich Wertvolleres geben. Ich habe eine Bitte. Ich weiß nicht, wie die Nachbarn reagieren werden, wenn wir einen britischen Offizier zu Gast haben. Ich möchte sie schonen. Vielleicht könnten Sie sich etwas Einheimisches überziehen. Ich weiß, ich verlange viel, aber sehen Sie das als Teil Ihrer Sprachausbildung an. Sie werden mit den Leuten einfacher ins Gespräch kommen. Sie müssen nur irgendwo stehenbleiben, nach wenigen Minuten werden Sie erste Freundschaften geschlossen haben.
— Mein Gujarati ist doch nicht ausreichend.
— Wie sollte es auch. Sie sind ein Reisender. Sie stammen aus dem, lassen Sie mich überlegen, aus dem Kaschmir! Ja, Sie sind Brahmane aus dem Kaschmir. Und wenn jemand Sie fragt, was für ein Brahmane, dann sagen Sie Nandera-Brahmane.
— Nandera.
— Und wenn jemand Sie fragt, was für einer Gotra Sie angehören, dann sagen Sie Bharadwaj.
— Bharadwaj.
— Und wenn jemand Sie nach der Familie fragt, dann sagen Sie …
— Upanitsche!
— Wieso nicht, ein entfernter Verwandter, der von dem Ruhm dieses Guruji gehört hat und ihn deswegen aufzusuchen wünscht. Hervorragend.
— Und wenn ich einem Kaschmiri begegne?
— Dann geben Sie sich als hochrangiger Offizier der Jan Kampani Bahadur zu erkennen und drohen, den Mann ins Gefängnis werfen zu lassen, wenn er Sie verrät.
— Ist es denn nicht allgemein bekannt, daß Sie Umgang mit den Firengi pflegen?
— Früher, mein Shishia, früher. Die Zeiten ändern sich. Die Gleichgültigkeit weicht einer neuen Ablehnung. Ich höre Menschen mit viel Haß über die Briten sprechen.
— Sie übertreiben. Es kann nicht so schlimm sein.
— Vielleicht. In solchen Fragen ist die Übertreibung nützlich. Ich gebe zu, meine Absicht hat mehrere Väter. Ich würde dem Nachbarn gerne einen kleinen Streich spielen. Und dem Barbier auch. Ich möchte Sie als Gelehrten aus Kaschmir vorstellen, um das verdutzte Gesicht der beiden zu sehen, wenn ich ihnen später gestehe, mein Gast sei ein Angrezi gewesen, nachdem sie mir ausgiebig und blumig erklärt haben, was für ein typischer Kaschmiri Sie doch seien. Kommen Sie früh, wir essen nur einmal am Tag ein richtiges Mahl, wir werden uns ein spätes Mittagessen gönnen, und Sie können sich mit der Dämmerung auf dem Heimweg machen.
— Ao-jo, Guruji.
— Ao-jo. Ah, noch etwas. Bringen Sie bitte keine Bücher mit.
Burton hatte hinter dieser Bitte einen ihm unverständlichen Scherz vermutet. Doch kaum betrat er — verkleidet als Einheimischer, so bald hatte sich der ersehnte Anlaß ergeben — die Wohnung des Lehrers, sah er, daß Bücher wirklich das letzte waren, was dieser Haushalt benötigte. Die Ehefrau von Upanitsche, kleiner noch als ihr Ehemann und mit einem Gesicht gesegnet, auf dem ihre Gefühle offen in Erscheinung traten, begrüßte den Gast herzlich. Aus was für Gründen auch immer, sie vermutete in diesem Shishia einen Mitstreiter zu finden in ihrem offensichtlich aussichtslosen Kampf gegen die unzähligen Bücher ihres Mannes, die sich in schiefen Kolonnen neben den Sitzkissen erhoben. All diese verstaubten Bücher, sagte sie laut, den Gast im Visier, kannst du sie nicht wegwerfen? Du hast sie seit zehn Jahren nicht mehr angerührt. Na und? erwiderte Guruji. Dich habe ich auch seit zehn Jahren nicht mehr angerührt. Soll ich dich etwa wegwerfen? Burton war entsetzt, er wußte nicht, wohin er schauen sollte. In was war er hineingeraten? Wie sollte er sich aus der peinlichen Situation retten? Er hörte die beiden Alten lachen, rückhaltlos lachen, und als er aufblickte, zwinkerte Upanitsche ihm zu.
— Du schläfst mit deinen Büchern.
— Bist du eifersüchtig?
— Du hättest ein Buch heiraten sollen, nicht mich.
— Hätte das Buch mir Söhne geschenkt?
— Du hast kein Herz.
— Sondern ein dickes schwarzes Buch an der Stelle, ich weiß.
— Dein Herz schlägt nicht, es muß aufgeschlagen werden.
— Hast du deswegen lesen gelernt, Mutter meiner Söhne?
— Längst hätte ich es auswendig gelernt, wenn du nicht ständig etwas Neues hineinschreiben würdest. Ich komme nicht nach. Ich habe aufgegeben. Vor zehn Jahren!
Wieder lachten sie zusammen, und dieses Mal teilte Burton ihr Lachen. Er merkte auf einmal, wie wohl er sich fühlte bei diesem alten Ehepaar, das seine Zweisamkeit mit schonungslosen Scherzen wach hielt. Wann reichst du uns etwas Nahrhaftes? Merkst du nicht, ich rede. Du redest immer, wenn es nach dir ginge, würde unser Gast verhungern. Upanitsche hatte an diesem Abend keine Geduld mit dem Ernst. Einer unserer berühmtesten Dichter hatte mehrere Frauen. Er ist ein Vorbild, viele eifern ihm nach, und ich vertrete schon seit geraumer Zeit gegenüber meiner Frau die Meinung, ich könne kein großer Dichter werden, solange ich nur eine Ehefrau habe. Wissen Sie, was sie mir antwortet? Werde du erst einmal ein großer Dichter, dann kannst du dir auch weitere Frauen nehmen! Burton hörte ihr Lachen in der Küche plätschern. Upanitsche lehnte sich zufrieden zurück, ließ seine Rechte langsam über seinen weißen Bart gleiten, bevor er die Stille mit dem nächsten Scherz verscheuchte. Sie lachten über diesen im Gleichschritt, sie lachten so heftig, Burton mußte sich nach vorne beugen, die Hände über den Bauch verschränkt, seine Augen nahe den Augen des Lehrers, die heraussprangen, über den Tisch rollten, sich vervielfachten und von Upanitsches knorrigen Fingern wieder aufgehoben wurden, als Gebetskranz. Was war in der Milch? fragte Burton mit auslaufendem Grinsen. Oh, Bhang natürlich, mein Shishia. Wir wollen, daß Sie sich wohl fühlen bei uns. Die zierliche Frau Upanitsche stand vor ihnen, eine Fee mit zwei Thali-Tabletts in der Hand. Sie erklärte ihm, was sich in den fünf kleinen Schüsseln befand. Er fischte die Okrastücke, gedünstet und milde gewürzt, mit einem Chapati einzeln aus einer der Schüsseln, während Upanitsche in das Dorf jenes Mädchens schlich, mit dem er vermählt werden sollte, ein Jüngling, der sich hinter Bäumen versteckte, um einen Blick auf sie zu erhaschen, und dieser flüchtige Augenschein blieb der letzte bis zum Tag der Hochzeit, bis zu dem Augenblick, als sie sich gegenübersaßen, Priester und Verwandte zu allen Seiten, und das Tuch gelüftet wurde, das ihren Kopf und ihre Schultern verdeckt hatte. Warst du entsetzt? fragte sie. Ich muß zugeben, aus der Ferne hast du mich beeindruckt. Aber aus der Nähe, mein Herz flatterte auf und hat sich seitdem nicht mehr beruhigt. Es klopfte an der Tür. Die Nachbarn, um dem gelehrten Mann aus dem Kaschmir ihren Respekt zu bekunden. Sie lobten sein Gujarati. Später führte Upanitsche den Schüler nach unten, stellte ihn dem Barbier vor und bat diesen, ob sein Gast eine Weile bei ihm bleiben dürfe, denn er selbst müsse einen wichtigen Brief verfassen. Wie Sie sehen, habe ich wenig Platz, entschuldigte sich der Barbier. Burton blieb lange sitzen, im hintersten, dunklen Eck dieses engen Raumes. Er konnte sich kaum mit dem Barbier unterhalten, denn die Kunden traten regelmäßig ein. Die Rasur endete mit einer kurzen Kopfmassage und einigen sanften Backpfeifen. Burton döste ein, bis eine übergewichtige Stimme ihn aus dem Schlummer herausriß. Eine Stimme, die zu schimpfen begann. Der Barbier versuchte, den Redeschwall des Kunden zu stoppen, zumindest umzuleiten. Vergebens.
— Früher mußten wir nur einen Schmarotzer ernähren.
— Ha.
— Nun sind die Firengi hinzugekommen.
— Ha.
— Die Angrezi sind noch schlimmere Schmarotzer.
— Ha.
— Wir können nicht zwei Maharajas gleichzeitig füttern.
— Ha.
Aus der hinteren Ecke des Ladens meldete sich Burton zu Wort.
— Wie recht Sie haben.
— Are Baapre, du hast einen Gast!
— Ein Mann von Bildung, aus Kaschmir. Zu Besuch bei Guruji.
— Ich stimme Ihnen zu. Diese Angrezi überfallen uns, sie bestehlen uns, sie setzen sich fest wie Parasiten und erwarten, daß wir sie für alle Zeiten ernähren.
— Du sprichst die Wahrheit, Reisender. Ihr Männer aus dem Kaschmir seid die Sklaverei nicht so gewohnt wie wir. Es ist wie mit jedem Parasiten. Egal, wieviel wir arbeiten, wieviel wir essen, als Wirt werden wir immer schwach und schmächtig bleiben.
— Genauso ist es. Aber was können wir dagegen tun?
— Wir müssen uns wehren.
— Und wie?
— Wir müssen jene gegen die Angrezi anstacheln, die Waffen haben, die kämpfen können. Sie wissen, wen ich meine?
— Die Sepoy.
— Ja. Wir denken gleich. Das ist mir sofort aufgefallen. Wir sind Geistesbrüder. Wie heißen Sie?
— Upanitsche.
— Und Ihr Rufname?
— Mein Rufname, ja, ich heiße … Ramji.
— Es ist mir eine Ehre. Mein Name ist Suresh Zaveri. Sie finden mich auf dem Goldmarkt. Wir sollten unser Gespräch fortsetzen.
Als Burton aus dem Haus trat, war es schon spät. Nach wenigen Schritten kam ihm der Lampenanzünder des Viertels entgegen. Er trug eine Leiter auf seiner Schulter und eine Ölkanne in der Hand. Burton grüßte ihn überschwenglich. Der Mann erwiderte den Gruß leise, dann lehnte er die Leiter gegen einen der Holzpfosten und stieg zu der mit Teer bedeckten Spitze auf.
19.
NAUKARAM
II Aum Kshipraaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Ich habe nachgedacht. Ich habe nach etwas gesucht, das meinen Wert auch dem dümmsten Angrezi begreiflich macht. Burton Saheb war ein Spitzel. Nicht in Baroda. Später, als wir im Sindh lebten. Ein wichtiger Spitzel. Einer der wichtigsten. Ich muß Ihnen sagen, er hatte jederzeit Zugang zu dem General der Angrezi. Er führte lange Gespräche mit ihm. Wissen Sie, wie es dazu gekommen ist? Ich war wesentlich daran beteiligt. Zusammen mit Guruji. Wir haben ihn zum Spitzel gemacht.
— Schämst du dich dessen nicht?
— Ich habe mich schlecht ausgedrückt. Wir haben ihn nicht zur Falschheit angestiftet. Wir haben angeregt, daß er unsere Kleidung anzieht, daß er sich wie einer von uns gibt. Guruji hat ihn einmal darum gebeten. Er hat sich eine Kurta von mir ausgeliehen.
— Wenn das kein Zeichen von Vertrautheit ist.
— Er war so aufgeregt, nach seinem Besuch bei Guruji und seiner Frau. Ich war skeptisch gewesen, als er sich die Kurta übergezogen hat. Als er vor mir stand, in der Verkleidung, ich mußte fast lachen. Die Hosen waren ihm zu lang, er sah aus wie eine Vogelscheuche. Aber ich hatte etwas Entscheidendes übersehen. Ich wußte, der Mann vor mir war Burton Saheb. Ich hatte nicht berücksichtigt, wie ihn jene sehen würden, die das nicht wußten. Er hat sich etwas Henna-Öl ins Gesicht und auf die Hände und die Füße gerieben, und dann ist er mit einer Tonga in die Stadt gefahren. Er kehrte nach Einbruch der Dunkelheit zurück. Er war aufgeregt. So aufgeregt hatte ich ihn selten gesehen. Er wollte mir alles erzählen. Wie sie ihn alle für einen Kaschmiri gehalten haben. Wie wohl er sich in der Rolle gefühlt habe. Wie er in der Ecke gesessen habe, zugehört habe, wie er irgendwann vergessen habe, daß er eigentlich nicht dazugehört. Er redete und redete, und mir wurde klar, ich hatte seine Verkleidung falsch beurteilt. Er mußte sich nur als einer aus dem Himalaja ausgeben, schon sah er aus wie einer aus dem Himalaja. Sogar seine Aussprache stimmte. Nicht völlig falsch, gerade so, daß es ihn entlarvte.
— Hast du schon einmal einen Kaschmiri Gujarati sprechen hören?
— Nein.
— Woher willst du dann wissen, daß seine Aussprache zu der Verkleidung paßte?
— Wie ich es mir vorgestellt habe. So klang es. Einige Tage später sind wir zusammen über den Basar gegangen. Er wollte, daß ich den Herrn gebe und er den Diener. Er hat mir eingeschärft, bevor wir aufgebrochen sind, ihm gegenüber keinerlei Respekt an den Tag zu legen. Wir sollten glaubwürdig wirken. Er hat darauf bestanden, daß er die Einkäufe trägt. Ich war still, ich habe mitgespielt. Es hat ihm nicht ausgereicht. Auf englisch hat er in mein Ohr gezischt, ich solle ihn heruntermachen, laut, damit es alle hören. Ich habe begonnen, über seine Faulheit zu schimpfen. Zaghaft zuerst, dann begann ich, Gefallen daran zu finden. Ich habe über seine Unaufrichtigkeit geschimpft. Vielleicht habe ich ein wenig übertrieben. Da rief uns ein Mann zu sich, er stand vor einem Juweliergeschäft. Er kannte Burton Saheb anscheinend, er redete ihn mit dem Namen Upanitsche an. Er war sichtbar verstimmt darüber, daß Burton Saheb ein Diener war. Soweit ist es gekommen, lamentierte er, in unserem Bharat, daß die gebildeten Menschen sich an die Verräter verkaufen müssen, daß sie vor den Überläufern kuschen. Und er sah mich an, als wollte er mich vertilgen.
— Wirklich sehr komisch.
— Für mich war es nicht lustig. Nicht danach. Burton Saheb war böse auf mich. Obwohl ich genau das getan habe, was er gewünscht hat. Er hatte nicht damit gerechnet, diesen Bekannten zu treffen. Nun konnte er ihn nicht mehr aufsuchen, er hatte seine Hochachtung verloren. Wie hätte er ihm erklären sollen, daß er sich als stolzer Kaschmiri bei einem Gujarati-Kaufmann verdingt. Trotzdem, das Mißlingen war Teil des Erfolges. Von nun an war Burton Saheb besessen von der Idee des Verkleidens. Er bat mich, einen Schneider zu rufen, der seine Maße nehmen und eine Reihe von Kleidungsstücken nähen sollte. Für den täglichen Gebrauch sowie für besondere Anlässe. Zu Hause trug er eine einfache Kurta, bis sie ausgefranst und an einigen Stellen gerissen war. Er befahl mir, sie nicht zu waschen. Ein Kleidungsstück für jede Kaste, sagte er. Er machte sich einen Scherz daraus, vor der Regimentsmesse herumzulungern und die anderen Offiziere anzubetteln. Wenn sie ihn wegscheuchten, richtete er seine empörte Stimme zum Himmel und beschwerte sich im reinsten Englisch über die Herzlosigkeit seiner Landsleute.
— Was hat er sich erhofft von diesen Maskeraden? War es nur ein Spiel?
— Es war ein Spiel, gewiß. Aber es war mehr als das. Zuerst dachte er, er könnte der Langeweile seiner Arbeit entkommen. Doch es dauerte nicht lange und er erkannte den möglichen Wert seiner Ausflüge. Ich kann mich erinnern, er sagte mir einmal, der Resident sei genötigt, monatlich Hunderte von Rupien für geheime Berichte auszugeben, damit er über die Vorgänge am Hofe des Maharaja informiert sei. Er selbst könne an einem Abend in der Stadt Informationen im Gegenwert von fünfzig Rupien schürfen. Zu schade, sagte er, daß der Resident ein Idiot sei, der solche Unterstützung nicht verdiene. Er sah eine Möglichkeit zum schnelleren Aufstieg.
— Eine nützliche Leidenschaft.
— Sie haben recht. Er steigerte sich hinein. Bald bildete er sich ein, er könne denken, sehen, fühlen wie einer von uns. Er begann zu glauben, er verkleide sich nicht, sondern verwandle sich. Er nahm sie sehr ernst, diese Verwandlung. Sein Arbeitstag wurde noch länger. Stundenlang übte er den Schneidersitz. Bis seine Beine wie tot waren, und wir ihn aufheben und ins Bett tragen mußten. Er wollte lange still dasitzen können, um möglichst würdevoll zu erscheinen. Und wenn er nicht gerade mit Guruji lernte, forderte er mich auf, ihm etwas beizubringen.
— Was konntest du ihm beibringen?
— Vieles. Kleinigkeiten. Einzelheiten, an die ich nie gedacht hätte. Wie die Fingernägel geschnitten werden, wie man von seiner Mutter spricht, wie man mit dem Kopf wackelt, wie man auf seinen Fersen kauert, wie man seiner Begeisterung Ausdruck verleiht. Er wollte, daß ich mich zu ihm setze, während ich ihm etwas zeigte, etwas vorsagte. Das habe ich abgelehnt. Immer. Schreiben Sie das auf. Ich weiß der Vertrautheit Grenzen zu setzen. Ich habe seine Einladung stets abgelehnt, zusammen mit ihm am Tisch zu essen. Das hätte nicht gut ausgesehen vor den anderen Dienern. Ich war keineswegs überzeugt, im Gegensatz zu ihm, daß man seine Rolle im Leben wechseln kann.
20. EROBERER DES HERZENS
Einige Tage bevor sie plötzlich erkrankte, hielt er ihre Hand und versuchte ihr in Worten, die ihre wahre Bedeutung verbargen, seine Zuneigung zu erklären. Es war ein Desaster. Sie unterbrach ihn, sie befreite ihn mit einem Kuß, den sie ihm auf den Nacken tupfte. Sie entkleidete ihn, und entgegen dem bedächtigen Hergang, den sie ihm beigebracht hatte, führte sie — mit beinahe unziemlicher Eile — sein Glied in sich hinein. Er war bereit, seine Liebe ehrlicher zu erklären, als sie innehielt, sie bewegte sich nicht mehr, ließ ihre Hände auf seiner Brust liegen und begann zu sprechen, während sie auf seinem pulsierenden Staunen sitzen blieb, sprach in vollständigen Sätzen, in einem vertrauten Tonfall, der beiläufig erzählte und doch seine ganze Aufmerksamkeit einforderte. Er mußte seine Stöße besänftigen, um ihren Worten folgen zu können, die einen verliebten Mann beschrieben, verliebt in eine Unbekannte, die ihm wichtiger wird als alles andere auf der Welt. Er stellt ihr nach, wann immer sie ihr Haus verläßt, er verfällt ihr, läßt sie nicht mehr aus den Augen, er kann sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen, sie nistet sich in jeden seiner Gedanken ein. Eines Tages überwindet er sich, er rafft seinen gesamten Mut zusammen, er spricht sie auf der Straße an, erklärt ihr aufgeregt seine Liebe, mit einer Stimme, die sich überschlägt, seine ewige Liebe, in Worten, die kein Ende finden, bis sie ihn unterbricht. Sie lächelt, und er denkt, es wird nie wieder Nacht, und sie sagt zu ihm, mit einer Stimme, die noch bezaubernder ist, als er sie sich vorgestellt hat, deine Worte sind wundervoll, sagt sie, sie erfreuen mich, sie ehren mich, aber ich verdiene sie nicht, denn meine Schwester, die hinter mir hergeht, sie ist um so viel schöner, um so viel reizvoller als ich. Ich bin mir sicher, wenn du sie gleich siehst, wirst du ihr den Vorzug geben. Worauf der unsterblich verliebte Mann seine Augen von der Angebeteten abwendet, um einen Blick, einen kurzen, prüfenden Blick nur, auf die gepriesene Schwester zu werfen. Die Angebetete versetzt dem Mann einen kräftigen Schlag auf seinen Kopf: Das ist also deine ewige Liebe! Kaum erwähne ich eine schönere Frau, wendest du dich schon ab von mir, um einen Blick von ihr zu erhaschen. Was weißt du schon von der Liebe?
Was erlaubte sie sich? Wie konnte sie ihn so herausfordern? Burton wollte sich von ihr lösen. Sie widersetzte sich, mit dem ganzen Gewicht ihres Körpers, das auf ihm lastete, mit ihren Hüften, sie umklammerte ihn, sie widersetzte sich jeder seiner Absichten, er wußte nicht mehr, ob er noch wütend war oder wieder erregt, sie trieb ihn mit ihren langen Fingern zur Kapitulation, sein Zorn umringte seine Lust, sie konnte nicht ausbrechen, sie konnte nicht abflauen, es war eine peinigende Erregung, die ihn so aufwühlte, er mußte um Erlösung bitten. Er schrie. Das war wenige Tage, bevor sie schwer erkrankte.
21.
NAUKARAM
II Aum Manomaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Kaum hatte er gelernt, sich wie ein Kaschmiri zu geben, mußte er vergessen, daß er einer war. Er mußte eine neue Gestalt annehmen, und in dieser war es am besten, wenn er sich nicht einmal daran erinnerte, daß er einst ein Nandera-Brahmane war. Das war das Schwierige an der Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte. Er mußte sich umgewöhnen. Die Angrezi besetzen so viele Länder. Mit einer Verkleidung allein war es nicht getan. Die Wandlungen waren wie Jahreszeiten. So als würde ich im Frühling als Khelassy arbeiten, im Sommer als Kedmutgar, im Herbst als Bhisti und im Winter als Hajaum.
— Ich weiß nicht, ob ich das bewundern soll.
— Es war verwirrend, die Zeit im Sindh. Wir segelten nach Karachi. Von Bombay aus. Eine Reise von wenigen Tagen nur. Eine Reise in die Wildnis. Von dem Tag an, an dem ich meinen Fuß auf dieses Land setzte, wußte ich, ich gehörte nicht dazu. Ich fiel als Fremder auf. Ich blieb ein Fremder. Ich benötigte meine ganze Kraft, um nicht zu vergessen, wer ich war. Burton Saheb hingegen verdoppelte den Einsatz. Er wollte für einen Moslem gehalten werden. Können Sie sich etwas Schwierigeres vorstellen? Und Widerlicheres? Er mußte so viel auswendig lernen. Den ganzen Tag murmelte er vor sich hin. Ich verstand kein Wort. Trotzdem zwang er mich, ihm zuzuhören, wie er diese harschen Geräusche von sich gab. Die Gicht möge alle Zungen befallen, die sich so verkrümmen. Das allein reichte nicht. Er mußte mit einer Hand auf der Hüfte gehen. Er mußte sich das Pfeifen abgewöhnen. Wissen Sie, diese dämlichen Miya glauben, die Firengi unterhalten sich mit dem Teufel, wenn sie pfeifen. Statt dessen lernte er leise zu summen. Er mußte sich angewöhnen, mit der rechten Hand über seinen Bart zu streichen. Er mußte üben, lange zu schweigen. Das Schweigen für sich sprechen zu lassen. Ich muß Ihnen sagen, das fiel ihm am schwersten.
— All das hat er bestimmt nicht von einem Tag auf den anderen gelernt?
— Es hat gedauert. Er hat Monate gebraucht, bis er den Turban richtig binden konnte. Er war erstaunlich. Er konnte seinen Geist der Geduld anvertrauen, und er konnte in Tobsucht fallen, weil etwas nicht sofort erledigt wurde. Und mit wütender Geduld überwand er sogar die größte Herausforderung, die sich ihm stellte — das Kamel. Sein erster Versuch, auf einem Kamel zu reiten, endete in einer Schmach. Sie hat mich, ich muß es zugeben, sehr vergnügt. Er bildete sich ein, es sei ein leichtes, ein Kamel zu reiten, wenn man ein Pferd reiten konnte. Er schwang sich auf den Rücken eines Tieres, ohne sich vorher über sein Wesen informiert zu haben. Das Kamel jaulte und blökte, es wehrte sich mit allen Kräften. Als Lasttier war es einen Reiter nicht gewohnt. Kaum saß Burton Saheb, begann es nach ihm zu schnappen, nach seinen Stiefeln. Er zog sein Schwert und stach dem Tier in die Nase, jedesmal, wenn es seinen Kopf drehte. So ging es hin und her, bis das Tier ohne Vorwarnung lostrabte. Endlich, es gehorcht seinen Befehlen, dachte ich. Ich irrte. Bald galoppierte es auf den nächsten Baum zu, es jagte unter dem dornigen Schirm des Baumes hinweg, und wenn Burton Saheb sich nicht geistesgegenwärtig geduckt hätte, sein Gesicht wäre zerkratzt und seine Augen ausgestochen worden. Als auch dieser Trick nichts half, blieb das Kamel regungslos stehen. Nichts, was Burton Saheb versuchte, konnte das Tier aus seiner Erstarrung bewegen. Er versuchte alles, er redete ihm gut zu, er gab ihm die Hacken, er peitschte auf das Kamel ein, er bearbeitete seine Flanken mit dem Rapier. Völlig vergeblich. Das Kamel entschied selbst, wann es sich wieder regen würde. Als es soweit war, schien es endlich gefügig zu sein. Es trabte los mit erhobenem Hals, scheinbar versöhnt, scheinbar gutmütig, und Burton Saheb grinste mich zufrieden an. Das Grinsen hielt sich nicht lange, das Tier verließ den Pfad und hielt schnurstracks auf den nahen Sumpf zu. Von weitem sahen wir, wie Burton Saheb sein Schwert hochhielt, als überlege er, ob er das Tier umbringen sollte, bevor es im Morast versank. Aber es war schon zu spät. Es rutschte schon hinein, es versank, es knickte ein und fiel zur Seite. Burton Saheb wurde abgeworfen, er landete im Schlamm, und wir mußten ihm, als wir ihn mit schnellen Schritten erreichten, einen langen Stock reichen, an dem er sich herausziehen konnte. Sie können sich vorstellen, wie er aussah. Wir mußten unsere Belustigung unterdrücken. Erst nachher, am Abend, konnten wir ungehemmt lachen.
— Es fällt mir schwer, deiner Erzählung zu glauben. Ein Kamel zu reiten und sich über den Bart zu streichen, das macht aus einem Menschen noch lange keinen Moslem.
— Ich weiß nicht, ob ich es erwähnt habe. In Baroda hat er von Guruji einiges über unseren Santano Dharma gelernt. Kurz vor unserem Abschied begleitete er ihn sogar zu einem Shivaaratri-Fest, in einem Tempel nahe der Narmada. Er erzählte nachher, er habe die ganze Nacht mit den anderen Nandera-Brahmanen Bhajans gesungen, er habe Gott begleitet, als dieser auf einem Palankin aus dem Tempel getragen wurde. Kaum erreichten wir den Sindh, vergaß er alles über Shiva und Lakschmi-Narayan. Er versenkte sich in den Aberglauben der Kastrierten, als habe er ein Leben lang darauf gewartet. Ich habe keine Ahnung, was ihn daran so gereizt hat. Zuerst hat er behauptet, er studiere es nur, um die Einheimischen besser zu verstehen. Aber er konnte mir nichts vormachen, ich habe bemerkt, mit welcher Hingabe er sich den Ritualen widmete, wieviel Zeit er damit verbrachte, auswendig zu lernen, was er kaum verstand. Da verstand ich, er nahm an, in seinem Glauben genauso von einem Überwurf zum anderen wandeln zu können wie in seinem Benehmen, in seiner Kleidung, in seiner Sprache. Und als mir das klarwurde, verlor ich einen Teil meines Respektes für ihn.
— Du bist kleinlich. Ortswechsel bedingen Glaubenswechsel.
— Wie meinen Sie?
— Wieso haben wir so viele verschiedene Formen unseres eigenen Glaubens? Weil die Anforderungen an den Glauben im Wald anders sind als in der Ebene oder in der Wüste. Weil die Gewürze vor Ort den Geschmack des gesamten Gerichtes verändern.
22.
ÄLTER ALS SEIN BRUDER
Wir essen Sand, wir atmen Sand, wir denken Sand. Die Häuser sind aus Sand, die Dächer sind aus Sand, die Wände sind aus Sand, die Brüstungen sind aus Sand, die Fundamente sind aus Felsgestein, bedeckt von Sand. Wir sind, das habt Ihr fast richtig erraten, im Sindh. Es geht uns gut dabei, habt keine Sorge. Diese Diät dient unserer Camouflage. Wenn wir uns begegnen würden, auf freier Öde, Ihr würdet meinen, ein aufrechtes, uniformiertes Fossil zu sehen, gewisse Ähnlichkeiten mit Eurem Sohn zugestanden. Als Fossil überlebt es sich am längsten, meine Gesundheit gedeiht. Karachi, der Hafen, wo unser Imperium neuerdings seine beringte Hand anlegt, ist nicht mehr als ein großes Dorf von etwa fünftausend Einwohnern (vielleicht sind es auch doppelt soviel, wer weiß das schon, es wird nicht bewohnt von zählbaren Körpern, sondern von Schatten, die sich mal spalten, mal miteinander verschmelzen). Karachi — ich wiederhole den Namen so gerne, er beschwört den Klang eines neapolitanischen Fluches, findest Du nicht auch, Vater? — ist umgeben von Mauern mit Löchern wie Nüstern, durch die wir im Belagerungsfall kochendes Wasser gießen können. Wer sollte uns belagern? Ob sich Schatten verbrühen lassen? Jedes Haus wirkt wie eine kleine Festung, seltsam, die Festungen gehen ineinander über. Straßen gibt es keine, nur äußerst enge Gassen. Der einzige offene Platz ist der Basar, ein armseliges Exemplar eines Marktplatzes, die Läden brüchig geschützt von einem Dach aus Dattelblättern, das weder dem Regen noch der Sonne standhält. Meistens stinkt es zum Himmel, die Kanalisation ist eine vage Absicht. Aber sorgt Euch nicht, es gibt eine Prophylaxe gegen Cholera und Typhus, wie auch gegen Schuß- und Stichwunden, sogar gegen Dummheit und Verbohrtheit — sie heißt Glück, und ich habe diese Prophylaxe getroffen. An guten Tagen verdanken wir dem Meer etwas frische Luft. Bei Ebbe erhebt sich eine Reihe von Schlammbänken aus dem Hafenbecken. Sie bocken die Schiffe auf, die mit schiefem Bedauern dieses Intermezzo erdulden. Der Boden hier ist aus Lehm, so dickschädelig wie die Menschen, wir müssen die Pflöcke mit Hauruck einhämmern. Erst wenige Bungalows sind errichtet, aber die Mächte, die unser Schicksal blind und stotternd verwalten, haben die Zukunft wohl bedacht. Eine Pferderennbahn ist unser aller Stolz. Wie werden wir beurteilt werden, einst, wenn Napier der Unnachgiebige so heldenhaft im Mythos leuchten wird wie Alexander der Große? Wie wird die Menschheit einer Zivilisation gedenken, die eine Pferderennbahn anlegt, noch bevor sie einen Gedanken an eine Kirche oder eine Bibliothek verschwendet? Sind wir das Abendland von Jesus oder von Equuleus?
›Sindh-Hind‹ war der Name, den arabische Kaufleute für diesen Teil der Welt kannten: ›Sindh‹ war das Land diesseits des Indus, Hind, das eigentliche Indien, lag am jenseitigen Ufer. Ich bin also von Hind nach Sindh, ach, wäre ich nur bei meinem bewährten Konsonanten geblieben. Ghorra, was für ein unglückseliges Loch, ein trostloser Aufwurf von Fels und Ton, ein Haufen schmutziger Schuppen aus Lehm und Flechte. Was hier wächst, wuchert, eine magere Ausbeute an Dornen und Feuerpflanzen, gerade einmal ausreichend, um die Kamele zu füttern, die alles niederkauen. Liebe Schwester, geschätzter Schwager, ich bin mir nicht sicher, ob dies die Hölle ist (unsere Vorgesetzten halten solche Informationen vor uns geheim), aber es ist ein Land des grellen Widerscheins, eines Glanzes, der alles ausradiert, einer Hitze, die aufkocht und ausdünstet, bis das Gesicht der Erde sich häutet, sich abschält, bis es aufplatzt, aufreißt und fiebrige Blasen wirft. Ihr könnt Euch vorstellen, ich fühle mich wie ein Fisch im Wasser, und mein Körper schreit täglich nach neuen Herausforderungen. Manchmal schreit er allzu laut. Die Kadaver von fünfzig Kamelen — nein, Schwester, ich habe sie nicht gezählt, es handelt sich hierbei um eine olfaktorische Schätzung — verfaulen neuerdings in der Nähe des Lagers. Als ich, in einiger Entfernung, versteht sich, vorbeischritt, überraschten mich zwei fette Schakale, die aus ihrem kleinen Speisezimmer im Bauch eines Kadavers krochen, ganz schlaff von ihrem heißhungrigen Mahl.
Sorge dafür, daß Du nie hierher versetzt wirst, Bruder, dieses Land ist wie geschaffen für den Krieg, ich rieche geradezu den Ruhm, den unsereiner erringen könnte, aber in Friedenszeiten ist es hier so aufregend wie auf einem Friedhof, der von einem Sandsturm begraben worden ist. Ja, das Land ist sandiger als der Schnurrbart eines Schotten. Bleibe bei der schönen Lanka — heißt es die oder der Lanka? Du siehst, nicht einmal der Geschlechter kann ich mir mehr sicher sein. Für den Fall, daß es Dich wider Erwarten hierher verschlägt, werde ich Dir Bericht erstatten von den Bordellen unseres großen Dorfes. Es sind derer drei. Erstaunlich nicht? Eine Pferderennbahn und drei Bordelle. Was braucht der Engländer mehr? Eines der Bordelle ist eine genaue Kopie der Frauenhäuser (wie mein treuer Diener Naukaram zu sagen pflegt) in Bombay und Baroda, eine halbwegs kultivierte Stätte mit erträglichen Vorführungen von Tanz, und voller Geschöpfe, mit denen man sich vortrefflich unterhalten kann, vorausgesetzt natürlich, man ist des Sindhi oder des Persischen mächtig. Ich mache Fortschritte, und um diese Fortschritte nicht zu gefährden, bin ich dort Stammgast. Im zweiten Bordell sieht man wenig, und das ist durchaus beabsichtigt, Dampf steigt auf, und die Kunden sind mit Lehm eingeschmiert, in unterschiedlichen Farben, so daß Männer jeglicher Herkunft miteinander Umgang pflegen können. Solange sie still dasitzen, Mitwirkende in einer Pantomime, ruhen die Unterschiede zwischen ihnen. Der Lehm soll gesund sein, und nach ein oder zwei Stunden in seiner Umarmung sei nicht nur der Körper, sondern auch die Lust gereinigt. Ich werde es ausprobieren, dieser Tage, und Dir natürlich Bericht erstatten, mein lieber Edward. Das dritte Bordell ist das berüchtigtste, davon spricht man nur hinter vorgehaltener Hand. Lupanar heißt es gut klassisch, ein Haus, in dem sich Knaben und junge Männer feilbieten. Es gehört, so die Gerüchte, einem angesehenen Emir und wird überwiegend von den Aristokraten der Provinz frequentiert. In unserem Militärslang nennen wir es den Backgammon-Salon. Das amüsiert mich tüchtig, Du weißt, ich liebe dieses Spiel. In diesem Sündentempel war ich bislang nicht und verspüre auch keine Neigung, ihn aufzusuchen, aber ich vermute, dort erblickt man einiges, was nirgendwo sonst sein Haupt zeigt. Apropos Bordelle, ich habe mich hier auf einen Disput eingelassen, so schlagen wir uns die Abende um die Ohren, ob denn die Hindu-Frauen oder die Moslem-Frauen die besseren Kurtisanen hervorbringen. Du glaubst nicht, wie erhitzt die Debatte geführt wird. Auf hohem Niveau. Das schlagendste Argument, nach meinem Dafürhalten, lautet, die Hindus seien im Vorteil, weil ihnen die sakrale Prostitution traditionell geläufig sei und das Beglücken des Mannes somit aus göttlicher Pflichterfüllung hergeleitet werde. Deine Erfahrungen würden das Gespräch bereichern, ich flehe Dich an, teile uns mit, wie würde Dein Richterspruch lauten?
23.
NAUKARAM
II Aum Skandapurvaaja namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Sie sind heute besonders schlecht gelaunt.
— Meine Frau, sie setzt mir zu. Sie läßt mich nicht in Ruhe arbeiten. Ich brauche am Abend Zeit, ich muß mich mit deinem Schreiben beschäftigen, ich muß nachdenken, auswählen, kürzen, umschreiben. Dein Auftrag, er erfordert besondere Aufmerksamkeit.
— Ich bin also schuld an dem Streit, den Sie mit Ihrer Frau haben?
— Fahren wir fort. Du hast ihn also verachtet, weil er sich als Moslem verkleidet hat. Hast du dich in seiner Gegenwart geschämt?
— Ich war nie dabei. Wenn er sich verkleidete und wegritt. Er war manchmal wochenlang weg.
— Du warst nicht dabei?
— Nein. Denken Sie doch mit. So viel Mühe auf die Verkleidung verwandt, und dann einen Ungläubigen als Diener? Aus Gujarat? Unmöglich. Diese Menschen verkehren nur mit ihresgleichen. Ich blieb im Lager. Wo ich niemanden kannte. Ich meine, ich kannte sehr wohl einige der anderen Diener vom Sehen und Hörensagen. Aber mir lag wenig an ihrer Gesellschaft.
— Und die Sepoy?
— Sie gaben sich nicht mit uns ab. Sie hielten sich für etwas Besseres. Können Sie das glauben? Sie sind auch nur Diener, und die Arbeit, die sie für ihre Herren erledigen, ist die schmutzigste Arbeit, die es gibt. Das Rauben und das Morden. Doch sie halten sich für etwas Besseres als jene, die den Haushalt in Ordnung halten.
— Seine Kameraden? Was sagten sie zu seinen Wandlungen?
— Ich weiß es nicht. Ich habe sie selten gesehen. In dem Zelt konnten wir keine Besucher empfangen. Ich habe nur gehört, sie hätten begonnen, ihn in der Messe den weißen Neger zu schimpfen. Sie fanden, er wird seinem Volk untreu, wenn er sich wie einer der Wilden anzieht.
— Es war doch von militärischem Nutzen, er war Kundschafter für die Armee der Angrezi, was er tat, tat er also zum Wohle der Ehrenwerten Gesellschaft.
— Sie empfanden sein Verhalten trotzdem als ungebührlich. Es gab jene, die meinten, zuviel Umgang mit den Einheimischen sei ungesund. Und einige waren der Ansicht, auf die Informationen, die er einhole, könne man ebensogut verzichten. Er setzte sich einem Verdacht aus. Einem schwerwiegenden, üblen Verdacht. Als würde er Unkraut in den gesäten, gehegten, gestutzten Garten hineintragen. Jeder weiß, wie schnell sich Unkraut ausbreiten kann.
— Unkraut, ja, Unkraut, wenn es einmal durch den Zaun dringt, wenn es nicht rechtzeitig getilgt wird. Sehr gut, von der anderen Seite aus betrachtet gibt uns das Hoffnung, nicht wahr? Übrigens, ich habe gestern vergessen, wir müssen über das Honorar reden. Was du angezahlt hast, ist natürlich längst nicht ausreichend. Ich denke, es wäre nötig, daß du noch einmal acht Rupien zahlst.
— Das sind dann ja insgesamt sechzehn.
— Na und! Wie viele Tage beschäftige ich mich schon mit dir? Der halbe Mond ist verflossen. Da jammerst du über sechzehn Rupien.
24.
EIN TAPFERER KRIEGER
Wenn Burton oder Naukaram oder ein anderer Fremder über den Sindh blickten, sahen sie eine uneinlösbare Wüste. Der General hingegen sah fruchtbares Land, und er sah, wie es zum Erblühen gebracht werden könnte, mit einer für Träume ganz ungewöhnlichen Genauigkeit. Die Bauern müßten autark werden. Den Großgrundbesitzern, die sich die Gebiete am Ufer, die Sümpfe, als private Jagdparks hielten, müßte die Kontrolle über den Indus entrissen werden. Die überwucherten, vom Treibsand gefüllten Kanäle müßten freigelegt werden — so geschärft war sein Traum, er sah die Schaufeln über den Schultern der Arbeiter —, das Flußwasser müßte gestaut, weitere Schleusen errichtet und durch weitverzweigte Bewässerung neues Acker- und Reisland gewonnen werden. Ein Hauptmann namens Walter Scott erhielt den Auftrag, das Land zu vermessen, bevor mit dem Ausheben begonnen werden konnte. Der Traum des Generals umfaßte sogar die Gebühren, die einzuführen wären. Im Rahmen eines effizienten und gerechten Systems würde Ackerland auf vierzehn Jahre verpachtet werden, die ersten zwei Jahre vom Zins befreit. Er war äußerst penibel, der General. Er reichte seinen bis ins letzte Detail ausgearbeiteten Traum in mehrfacher Ausfertigung ein. Doch die Direktoren der Ehrenwerten Ostindischen Gesellschaft fürchteten, eine Neubelebung dieses Ausmaßes würde ihnen teuer zu stehen kommen, in Zeiten, in denen die Bilanzen schlecht standen. Erst als er das abschlägige Schriftstück las, wurde der General rüde aus seinem Traum geweckt, und als er aus seinem Fenster schaute, sah auch er nur rettungslose Öde. Der Auftrag wurde geändert. Das Land sollte nicht mehr verbessert, nur noch vermessen werden.
Die Menschen dieser Öde kannten den General nur unter dem Namen Shaitan-Bhai, was soviel bedeutete wie ›Teufels Bruder‹. Unter seinen eigenen Leuten war er unter seinem bürgerlichen Namen — Charles Napier — bekannt, auch wenn dieser selten verwendet wurde. Der General verachtete all jene, die ihm widersprachen, unabhängig davon, ob sie Untergebene waren oder Vorgesetzte. Er ergötzte sich an der Eroberung und an dem schlechten Gewissen, das sie ihm bereitete. Er mißtraute jedem, und er erwartete von allen, daß sie über sich hinauswuchsen. Auch in ihren Verfehlungen. Weswegen er die Intrigen der einheimischen Prinzen überschätzte. Um sich vor ihnen zu schützen, entwickelte er eine Strategie, die seinen berüchtigten Ruhm weiter steigerte: Er rief zum Gegenschlag, noch bevor der Gegner sich zum Angriff entschlossen hatte. Er betrachtete diese Strategie als Kunst, und so scheute er nicht die Opfer, die jede Kunst fordert. Er hatte grandiose Erfolge errungen, in den Schlachten von Miani und Hyderabad. Tapfere Siege, bei denen der Artillerist, dem die einzige Kanone der Talpur-Armee unterstand, absichtlich weit über die Köpfe der angreifenden Briten zielte. Zudem der Kommandant der Kavallerie ein Verräter, der seine Männer abzog und zur Flucht antrieb. Selbst der Name dieser Schlacht war nicht von ehrlichen Eltern. Sie wurde eigentlich nahe des Dorfes Dubba geschlagen, was soviel wie Schmalzhaut bedeutete, und so ritt ein verwundeter Offizier durch die Gegend auf der Suche nach einem eleganteren Namen für den Schauplatz dieses glorreichen Sieges.
Die Zahlungen für den Hochverrat waren versteckt in den Bilanzen, aber wer den Hergang kannte, konnte entziffern, wie gut das Geheimdienstgeld angelegt worden war. Doch auch diese Kunst war wie jede andere verstrickt in ihre eigenen Abhängigkeiten. General Napier war angewiesen auf Informationen, die exakt genug waren, um der Zukunft stets einen Schritt voraus zu sein. Er war ein Meisterschütze, und so erklärte er, als Burton ihn einmal nach seiner Strategie fragte, es sei wie bei einem Schuß aus erheblicher Entfernung, der Schütze müsse sich ausrechnen, wo sich das Objekt in einem Bruchteil einer Sekunde befinden werde, er müsse die Bewegung voraussehen, um perfekt zielen zu können. Die ruhigste Hand nütze nichts, wenn das Objekt in dem Moment, in dem die Kugel den Lauf verläßt, über die Wurzeln einer Scheinzypresse stolpert. General Napier war ein Pedant, auch in seinen Gleichnissen. Zuständig für das Fördern von Informationen war Major McMurdo, der ein Netz von Zuträgern, Agenten, Spitzeln und Spionen rekrutiert hatte und einem jeden von ihnen solch einen Schrecken einjagte, daß sie ihn insgeheim Mac the Murder nannten. Major McMurdo schürfte den Reichtum, den General Napier zu ernten erhofft hatte, die Öde gab ihre Geheimnisse in unzähligen Hinweisen Aufschlüssen Hintergrundberichten preis, eine Einheit von Übersetzern übertrug sie aus der Sprache von Sand und Staub in die Sprache von Hecke und Rasen, denn die Informanten waren ausnahmslos Einheimische. So vermochte McMurdo dem General täglich ausgiebig Bericht zu erstatten. Aber ein Skeptiker wie der General sieht im blauesten Himmel die Drohung von Wolken, er mißtraut dem Frieden ebenso wie jedem einwandfrei funktionierenden System. Er war so paranoid wie Männer, die zuviel Bhang eingenommen haben. Er sicherte sich ab, er bestand darauf, stets einen zweiten Schuß im Lauf zu haben, sollte der erste wider aller Voraussicht den Gegner verfehlen.
Burton war einer seiner Zweitschüsse, ein weiterer Trumpf in seinem Ärmel. Burton war das scharfe Auge des Generals in der vermeintlich friedlichen Fremde außerhalb des Cantonment. Die Ruhe täuschte, davon war der General überzeugt. Burton sollte persönlich für Napier die Augen und Ohren offenhalten. Als er zurückkehrte von seinem ersten Hör-dich-um, erstattete er dem General einen so ungewöhnlichen Bericht, daß dieser sich in seiner Entscheidung bestätigt fühlte, diesen jungen Mann mit den unglaublichen Sprachkenntnissen und dem schwierigen Wesen mit der Reconnaissance beauftragt zu haben. Richard Francis Burton. Der Vater ebenfalls Offizier. Beide Großväter Pastoren. Ein Teil der Familie aus Irland. Was nicht erklärte, wieso er so dunkel war. Vielleicht stimmte das Gerücht, eine Zigeunerin habe sich in die Genealogie hineingedrängt. Dieser Burton hatte einen viel zu eigenen Kopf, um in der Armee voranzukommen. Er gehörte zu den Soldaten, die man sofort zum General befördern sollte. Oder entlassen. Er trug seinen Bericht mit der Verve eines Hauptdarstellers vor, der den wichtigsten Monolog eines Stückes deklamiert. Die Einführung des britischen Rechtssystems sei zwar formal weit vorangeschritten, die Umsetzung leide jedoch noch an Schluckauf. Der General selbst habe neulich einige Todesurteile unterschrieben, die ersten Mörder, die in einem ordentlichen Verfahren schuldig gesprochen worden waren, die Vollstreckung der Urteile sei ihm bekanntgegeben worden. Trotzdem seien die Verurteilten noch am Leben. Der General, der nicht ruhig hinter dem Schreibtisch sitzen konnte, der sich Rapport erstatten ließ, während er die Truppen inspizierte, während er ausritt, während er sich im Fechten übte, während er von einem Gebäude zum anderen hinkte, er blieb stehen und beäugte Burton durch seine Drahtbrille, mit der Nase eines Adlers und den Augen eines Falken. Wollen Sie Verwirrung stiften? Keineswegs. Die Verurteilten, Sir, waren reiche Männer. Sie haben Ersatz angeheuert, der an ihrer Stelle gehängt wurde. Sie wollen mich herausfordern, junger Mann! Nicht im geringsten, Sir, ich weise darauf hin, daß der Mensch sich alles mögliche einfallen läßt, um zu überleben. Das System hat sogar einen Namen: Badli. Wer läßt sich freiwillig für einen anderen hängen? Ich weiß es nicht, Sir. Dann finden Sie es heraus. Schleunigst. Burton wartete die nächste Hinrichtung ab. Er schritt dazwischen, bevor die Falltür wegfallen konnte. Halt. Ich habe Grund zur Annahme, daß dieser Mann nicht derselbe ist wie jener, der zum Tode verurteilt wurde. Tatsächlich? fragten die Umherstehenden mit unschuldiger Verwunderung. Das wißt ihr genau, sagte Burton. Ich will mit diesem Trottel reden, dann darf er unbehelligt nach Hause. Habt ihr mich verstanden? Der Mann, der dem Seil um einen Hauch entronnen war, überschüttete Burton mit wüsten Beschimpfungen. Möge deine Nase abfallen, du Schweinefresser, schrie er. Er wollte nichts davon hören, daß Burton ihm das Leben gerettet habe. Erst viel später, als er sich beruhigt und mit der Aussicht auf sein Weiterleben angefreundet hatte, beantwortete er die Frage, wieso er sich auf einen derartigen Tausch eingelassen habe. Ich war mein Leben lang arm, sagte er ruhig. So arm, ich wußte nicht, wann ich das nächste Mal wieder essen würde. Mein Magen war immer leer. Meine Frau und meine Kinder sind halb verhungert. Das ist mein Schicksal. Aber dieses Schicksal übersteigt meine Geduld. Ich habe zweihundertfünfzig Rupien erhalten. Mit einem kleinen Teil dieses Geldes habe ich mir den Bauch vollgeschlagen. Den Rest habe ich meiner Familie hinterlassen. Sie werden versorgt sein, für einige Zeit. Was könnte ich auf Erden mehr erreichen? Burton erstattete erneut Bericht. Die Augenbrauen des Generals sahen aus wie Schnüre.
— Wie können wir diesem Mißstand ein Ende bereiten?
— Indem wir die Armut abschaffen?
— Wenn mir der Sinn nach etwas Geistreichem steht, schlage ich nach bei Lukian. Verstanden, Soldat?
— Ziehen Sie die Alethe Dihegemate vor, oder vertiefen Sie sich lieber in die Nekrikoi Dialogoi?
— Einem Mann von Ihrer Begabung steht üblicherweise die Welt offen. Doch bei Ihrer Chuzpe, Burton, fürchte ich, werden Sie gegen einige Türen knallen. Haben Sie in unserer Angelegenheit noch weitere Vorschläge?
— Momentan nicht, Sir. Ich bitte um Erlaubnis, dem Mann das Geld zu erstatten, mit dem er seine letzte Mahlzeit bezahlt hat.
— Ist denn der Schuldige inzwischen nicht exekutiert worden?
— Doch. Seine Familie treibt nun die Schuld ein. Der Mann, der nicht gerettet werden wollte, hat den restlichen Betrag zurückgezahlt, aber was er ausgegeben hat, bevor er an den Galgen trat, das muß er …
— Wieviel?
— Zehn Rupien.
— Ein Festmahl!
— Er hat sich einmal im Leben etwas gegönnt.
— Auf Staatskosten, wie sich jetzt herausstellt. Sorgen Sie dafür, daß nicht bekannt wird, welche Auswüchse die Pax Britannica annimmt.
— Jawohl, Sir.
25.
NAUKARAM
II Aum Viraganapataye namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Das Leben von Burton Saheb hat sich geändert im Sindh. Und meines auch. Seines zum Besseren, meines zum Schlechteren. Er bekleidete zwar keinen höheren Rang, und er verdiente auch nicht mehr Geld. Das Haus, das wir bewohnten, war ein Zelt. In Baroda hatten wir zwölf Diener, jetzt nur noch zwei. Von außen betrachtet hätte keiner vermutet, daß seine Position bedeutender geworden war. Sindh wurde regiert von einem alten General, der von allen gefürchtet wurde, sogar von jenen, die ihm niemals begegnet waren. Burton Saheb wurde zu ihm gerufen eines Tages, er sollte übersetzen. Er hat den General beeindruckt, bei diesem Treffen, wie hätte es anders sein können. Er war ein Mann, Burton Saheb, der über den anderen Angrezi thronte. Das konnte dem General nicht verborgen bleiben. Er bestellte ihn ein weiteres Mal zu sich. Eine Unterredung unter vier Augen. Ich weiß nicht, worüber sie gesprochen haben. Aber ich weiß von den Schwierigkeiten, die später kamen.
— Infolge dieses Gesprächs?
— Ja. Gewaltige Probleme kamen auf uns zu. Ich hatte keine Ahnung, was für einen Auftrag der General Burton Saheb erteilte. Selbst seine direkten Vorgesetzten und seine Kameraden wurden darüber im unklaren gelassen.
— Er hat dir nichts verraten?
— Er sollte etwas auskundschaften, soviel hat er mir gesagt. Es bedeutete, daß er sich unter die Miya mischen mußte. Er schien sich darauf zu freuen. Als er nach Hause kam, ich nenne unser staubiges Zelt so, obwohl es unangebracht ist, war er ausgelassen wie seit langem nicht mehr. Er verkündete mit großem Gehabe: Wir werden uns im Land umschauen, Naukaram. Das Imperium nimmt unsere Talente endlich wahr. Er war glücklich an diesem Tag, und ich hatte nicht gedacht, daß er zu diesem Gefühl fähig war. Es ließ sich so gut an für ihn. Ich verstehe nicht, wieso es so übel enden mußte. Sein Auftrag hatte keinen Einfluß auf meine tägliche Arbeit. Ich war damit beschäftigt, der Wüste den Zugang zum Zelt zu versperren. Sie fand immer wieder einen Weg, sich an mir vorbeizustehlen. Burton Saheb brach immer häufiger auf, in Verkleidung. Irgendwohin. Er hat mir nie gesagt, wohin. Zuerst war er für einen Tag verschwunden. Doch die offenen Gespräche, stellte er fest, werden nachts geführt. Also blieb er für einige Tage weg, und schließlich sah ich ihn manchmal wochenlang nicht. Es war mir nicht wohl bei der Vorstellung, daß er diesen Wilden, diesen Beschnittenen, ausgeliefert war. Zum ersten Mal, seitdem ich bei ihm war, konnte ich ihm nicht zur Seite stehen. Ich habe mir Sorgen um ihn gemacht. Wie hat er sich ernährt, wo hat er geschlafen? Ich wußte es nicht, er ritt ohne Gepäck. Er verschwand, ich blieb mit meinen Sorgen zurück, bis er wiederauftauchte. Erschöpft, übernächtigt. Aber er strahlte, ich konnte die Erregung spüren, die ihn durchströmte. Nach seiner Rückkehr erzählte er mir ein wenig von seinen Erlebnissen. Von ungewöhnlichen Bräuchen, denen er ausgesetzt war. Von großen Festen an Grabmälern. Nebensächlichkeiten dieser Art. Ich war verblüfft. Das konnten nicht die Kenntnisse sein, nach denen er spionieren sollte.
— Das Wichtigste hat er vor dir geheimgehalten.
— Er durfte niemandem etwas sagen. Selbst mir nicht.
26.
WER DEN SCHÜLERN GESCHICK VERMITTELT
Hauptmann Walter Scott — ja, ein Verwandter des Dichters, ein direkter Nachfahre sogar — rammte einen Jalon in die Erde. Rotweiße Streifen, die der Wüste anstanden wie eine Häftlingskluft. Die Erde war gichtbrüchige Haut auf schwarzem Ton. Du wirst schnell lernen, sagte er. Es ist so einfach wie Patiencen legen. Wir machen nichts anderes, als das Unbekannte an das Bekannte anzubinden. Wir fangen die Landschaft ein wie ein wildes Pferd. Mit technischen Mitteln. Wir sind die zweite Vorhut der Aneignung. Zuerst wird erobert, dann wird vermessen. Unser Einfluß steht auf kariertem Papier. Du grämst dich, weil du noch keinen Kampfeinsatz gesehen hast. Das ist unbegründet. Die kartographische Erschließung, die wir leisten, ist von enormer militärischer Bedeutung. Der Kompaß, der Theodolit und die Nivellierwaage sind unsere wichtigsten Waffen. Wer sich in dem Koordinatennetz verfängt, das wir auswerfen, der ist für die eigene Sache verloren. Er ist für die Zivilisation gezähmt. Schließe ein Auge, und stelle das andere möglichst scharf. Du benötigst nur eine Eigenschaft als Vermesser. Du mußt genau sein, absolut exakt. Wir Vermesser sind penible Menschen. Gewöhne dir also etwas Pedanterie an. Das Prinzip ist denkbar einfach. Die Festpunkte stehen in einem Dreieck. Langsam schreiten wir voran, Dreieck um Dreieck, Polygon um Polygon. Wir können nicht mehr als einen Kilometer am Tag erfassen. Deswegen kampieren wir wochenlang an einem Ort und strecken unsere Dreiecke in alle Richtungen aus. Es gilt, zwei Werte zu messen: die Entfernung und die Höhe. Natürlich auch den Winkel zwischen einer Position und einer Erhöhung. Und wie ist ein Winkel definiert, Dick? Als Abstand zwischen Orthodoxie und Häresie? Eigentlich als Differenz zwischen zwei Richtungen. Ich lag also in etwa richtig? Weißt du, was es in der Mathematik bedeutet, wenn man ›in etwa‹ richtig liegt, Dick? Wieso fällt es mir schwer, dich als Vermesser zu sehen?
Gewiß, Burton wird mit dem Jalon in der Hand keine Karriere machen, soweit hat Scottie recht. Er ist dieser Einheit zugeteilt, weil er irgendeiner Einheit zugeteilt werden muß und weil er von den abgelegenen Camps aus leichter zu seinen Beutezügen aufbrechen kann. Er kann sich nützlich machen, hinter dem Nivelliergerät. Er schließt die Augen. Die Tageszeit, in der die Gedanken verschlicken. Wie soll man den genauen Standort eines Punktes bestimmen, wenn alles flimmert. Als er seine Augen wieder öffnet, sieht er einen Derwisch durch die Waagerechte ziehen. Ein schwarzes Gewand, eine Flickenmütze. Ich bin derjenige, der alleine fliegt. Die Augen sitzen tief in einem Trog aus Kajal. Die Hände sind mit monströsen Ringen geschmückt. Burton schließt die Augen. Als er sie wieder öffnet, ist der Derwisch in Grün gekleidet, die Ketten um seinen Hals sind silbern und blechern, sie sind aus Stoff und aus Edelstein. Ich bin derjenige, der alleine fliegt. Sein Haar, sein Bart ist gefärbt, orangebraun wie Henna. Burton schließt wieder die Augen. Läßt sie lange zu. Er buchstabiert alle Alphabete durch, die er kennt. Dann öffnet er seine Augen. Habt ihr ihn gesehen? ruft er seinen Kameraden zu, gegen den Wind. Wie lautet der Wert? Schreien sie zurück.
Der Derwisch war keine einmalige Erscheinung. Je näher sie ihre Dreiecke an das nächste Dorf setzten, desto öfter lief er, in sicherer Entfernung, an Burtons abmessendem Blick vorbei. Er war jedesmal ein anderer, der Derwisch. Er schien nie eine Gestalt anzunehmen, die er schon einmal innehatte. Merkwürdig, daß die anderen ihn nicht sahen. Einmal, der Arbeitstag war fast abgenommen, beschloß Burton, ihm zu folgen. Bis zu einer Moschee, neben der sich ein ummauertes Grabmal befand. Ein verwinkelter Zugang. Eine Dichte an Menschen und Erregung. Er vernahm ein Lied, es zog ihn hinein, ein Lied, das ihn bewegte, ein Lied, das an dem Putz einer verborgenen Kammer seines Wesens kratzte. Diese Berührung, sie war ein Erstrahlen, der Ort vor ihm erstrahlte, und er selber war von Licht durchflutet. Der Anlaß war festlich, das Grabmal des Heiligen war von einer unmeßbaren Sehnsucht aufgeladen. Es herrschte ein Gedränge, das ihn freundlich aufnahm, ein Vorgeschmack auf das Gedränge, das vor den Toren zum Himmel herrschen würde. Er erreichte das mit einem bestickten grünen Stoff bedeckte Grabmal nicht. Er wurde abgelenkt. Gegenüber dem kleinen Tor, durch das sich die Pilger bückten, um Einlaß zu finden, saßen einige Männer auf dem Boden. Sie sangen das Lied, das ihn berührte. Es klang wie eine Liebeserklärung an alles Lebendige. Die Stimme des Sängers, eine ungewöhnliche Stimme, die dem tieferen Ernst eine schrille, fast närrische Note gab, sie schraubte sich hinauf, sie drechselte den Gesang auf einer immer schneller rotierenden Scheibe. Auf einmal blickte der Derwisch ihm in die Augen. Das Drechseln setzte sich in ihm fort. Nehmen Sie Platz, sagten die Augen, verweilen Sie. Wir sind alle Gäste. Wir sind alle Wanderer. Seien Sie einer von uns. Und das Lied warf weiteres Licht in die Nacht und auf die dichte, sich fortbahnende Menge.
27.
NAUKARAM
II Aum Sarvasiddhaantaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Hast du eigentlich kein schlechtes Gewissen gehabt, daß du einem Firengi hilfst, dein eigenes Volk zu bespitzeln?
— Mein Volk. Das war nicht mein Volk. Haben Sie nicht zugehört? Dort leben überwiegend Beschnittene.
— Trotzdem. Dir näher als die Angrezi.
— Jeder ist mir näher als ein Miya. Wissen Sie, was für Albträume ich dort hatte? Wenn ich nicht gerade befürchtete, daß Burton Saheb in irgendeiner Gasse die Kehle durchgeschnitten werden könnte. Ich hatte Angst, unser Gujarat könnte so werden wie der Sindh. In meinem Albtraum waren wir nur noch wenige. Baroda war in Trauer. Es gab keine Klänge in meinem Traum. Keine Gesänge, keine Glocken, kein Aarti. Die Frauen gingen in Schwarz durch die Straßen, als wären sie auf dem Weg zu ihrer eigenen Beerdigung. Die Männer umlagerten unsere verängstigte Höflichkeit, sie spähten nach einem Grund, den Dolch zu ziehen.
— Albträume sind die Schuld deines Kopfes, nicht deiner Nachbarn.
— Mit ihnen können wir nicht Nachbar sein. Sie werden mit allen Mitteln danach trachten, uns zu vertreiben, wie sie es im Sindh getan haben. Wären die Angrezi nicht gekommen, wer weiß, ob wir lange unter ihnen überlebt hätten.
— Du phantasierst, auch wenn du wach bist.
— Wir müssen uns wehren, hier, bevor unser Gujarat wie der Sindh wird.
— Was geschah mit den Spitzelberichten deines Herrn?
— Er trug sie dem General vor. Unter vier Augen. Ich glaube, sie haben Wohlgefallen aneinander gefunden, der General und Burton Saheb. Sie hatten trotzdem ihre Auseinandersetzungen. Der General erwartete von jedem Soldaten, daß er Befehle annimmt und ausführt. Daß er keine eigene Meinung äußert, es sei denn, er wird danach gefragt. Burton Saheb hingegen benötigte nie einen Grund, sein Urteil abzugeben. Er widersprach dem General, wann immer ihm danach war. Und das war ziemlich häufig. Er war der Ansicht, der General wolle im Sindh zuviel ändern und zu schnell. Sein Rechtsempfinden war zu starr, das war sein bevorzugtes Beispiel, es stoße die Einheimischen vor den Kopf. Gerechtigkeit ist ein anerzogener Geschmack, pflegte Burton Saheb zu sagen. Wie lange hat es gedauert, bis wir uns an Porridge zum Frühstück gewöhnt haben. Wie lange würde es dauern, wenn wir unsere Eßgewohnheiten umstellen müßten, sagen wir einmal, auf gebratene Ziegenleber? Der General hatte einen Mann aufhängen lassen, weil dieser seine Frau niederstach, als er herausfand, daß sie ihn betrog. Das Problem war, der Mann hatte reagiert, wie es von einem Mann dort erwartet wurde. Beim geringsten Anlaß schneiden die Kerle dort ihre Frauen in Stücke. Wenn er die Frau am Leben gelassen hätte, wären er und auch seine Söhne entehrt gewesen. Die Schande wäre gewaltig. Unvorstellbar. Sie würden wie Ausgestoßene sein, die Zielscheibe allen Spottes. Ihre Freunde würden sich zurückziehen. Der General wollte ein Zeichen setzen, daß die Zeiten sich geändert haben. Burton Saheb schimpfte. Über die Dickköpfigkeit des Generals. Nicht, weil er das Vorgehen des Mannes billigte. Er erkannte sofort, wie wenig Verständnis dieses Urteil unter den Einheimischen finden würde. Er sah Ärger voraus. Er behielt recht. Überall wurde über den Wahn der Ungläubigen gelästert, die es einem Mann nicht einmal mehr erlaubten, seine Ehre wiederherzustellen. Der Hauptsitz des Generals wurde täglich von Gruppen mit Einsprüchen und Klagen belagert. Dieses Urteil verursachte Flutwellen von Gerüchten über die weiteren Absichten der Angrezi. Eines Tages schickten sogar die Kurtisanen eine Delegation. Burton Saheb war gerade anwesend, als sie hereingebeten wurden, diese Frauen. Sie waren allesamt vorbildlich verhüllt. Eine von ihnen trat näher und trug ihre Beschwerde vor. Wenn der Ehebruch nicht mehr bestraft werde, dann würden die verheirateten Frauen ihnen alle Arbeit wegnehmen. Das sei Mundraub an den Kurtisanen. Wenn es so weiterginge, würden sie verhungern.
28.
WER DEN HÖCHSTEN PLATZ EINNIMMT
Es ist Jehannum bei Tage, und Barabut bei Nacht. Bewunderst du nicht meine Akklimatisierung? Frei übersetzt: Am Tage führt der Teufel den Vorsitz, nachts der Beelzebub. Man muß schon einen eigenwilligen Sinn für Unterhaltung haben, um die Zeit hier vergnüglich zu gestalten. Ich passe mich an. Trotzdem, manches geht mir ab. Nichts so sehr wie die Gesellschaft von Guruji. Du erinnerst dich gewiß, ich habe ihn dir einmal ausführlich beschrieben. Sprachlehrer gibt es viele, wie Mücken im Stall, aber finde mal einen, der den heiligen Unernst des Lebens so zelebrieren kann wie der alte, wunderbar schrullige Upanitsche. Er hat mir das Leben in Baroda erträglich gemacht. Besonders zuletzt. Ich übertreibe nicht. Er hat eine Begabung, die eigene Verzweiflung unbedeutend erscheinen zu lassen. Sein Geist stand mit einem Bein im Alltag und schwebte mit dem anderen über dem Menschsein. Ich werde ihn wohl nicht mehr wiedersehen. Hinduismus ist passé, mon cher ami, ich wende mich nun dem Islam zu. Paßt besser zur Landschaft hier, daher die hohe Dichte an Derwischen. Ich denke, ich werde Guruji durch eine Equipe von Lehrern ersetzen. Die klaren Geheimnisse des Al-Islam bringt mir ein Mann am Ufer des Flusses bei. Wir sitzen unter einem Tamarindenbaum auf einem Filzteppich, um uns herum süßlich riechendes Basilikum, und während er mich unterrichtet, blickt dieser Lehrer, der zu seßhaft ist für einen Derwisch und zu wild für einen Alim, auf den Strom hinaus, auf die Menschen, die sich an der Fähre zusammenfinden. Auch einen Lehrer für das Persische habe ich schon gefunden, die stolzeste aller Sprachen, wie mir scheint, nachdem ich durch ihre Hallen geführt worden bin. Und noch ein dritter Lehrer, ein richtiger Derwisch, ein wilder Mann, der zur höheren Einsicht führt, indem er Verwirrung stiftet. Leider sehen wir uns nur selten. Aber wenn wir uns treffen, zufällig meist, steckt er mir ein Gedicht zu, als sei ich ein armer Mann, der zu stolz ist zum Betteln. Er hat meine Nivellierwaage aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich bin ihm gefolgt, und er hat mich hineingezogen in ein Lied, eine Liedform, genauer gesprochen, die es in sich hat, mein Bester. So eine rasante Rutsche in die Ekstase hat es bei uns nie gegeben. Musik und Poesie, damit ist dieses Land gesegnet. Urdu, die Sprache, die singt, ist so opulent, ein Gespräch über Kartoffeln wirkt auf mich wie eine szenische Aufführung von Childe Harold. Ich genieße die Abwechslung.
29.
NAUKARAM
II Aum Prathameshvaraaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Ich muß Ihnen sagen, in den Jahren im Sindh wurde ich von einem Vertrauten zu einem Verbannten.
— Du bist in Ungnade gefallen?
— Er wandte sich von mir ab. Er besprach kaum noch etwas mit mir.
— Wundert dich das?
— Wieso?
— So abfällig, so haßerfüllt du über die Moslems sprichst, wie sollte er so einem Menschen anvertrauen, welche aufregenden Entdeckungen er auf seinen neuen Reisen machte?
— Wieso sagen Sie haßerfüllt? Ich hatte keinen Haß. Ich wußte kaum etwas über die Miya, als wir ankamen. Sie wissen nicht, wozu sie imstande sind. Sie zwangen unsere Leute, Miya zu werden. Die Schandtaten, sie waren unerträglich. Ist es Haß, wenn ich das sage? Ein Banyan wurde fälschlich angeklagt. Ich glaube, er hatte eine Auseinandersetzung mit einem anderen Geschäftsmann gehabt.
— Einem Miya?
— Ja, natürlich. Die Anschuldigung war offensichtlich an den Haaren herbeigezogen. Und wie hat der Kadi entschieden? Der Banyan wurde abgeführt. Seine Kleidung wurde ihm ausgezogen. Er wurde gewaschen, so wie die Miya meinen, der Mensch müsse sich waschen. Dreimal hier und dreimal dort, und zwischendrin wird immer wieder etwas gekrächzt. Dann zogen sie ihm neue Kleidung an und trugen ihn zur Moschee. Sie bewarfen ihn mit ihren Gebeten. Er mußte nachsprechen, daß er glaubt, was ein Miya zu glauben hat. Und nur weil er sich nicht verhaspelte, hören Sie sich das an, wurde aufgeregt verkündet, ein Wunder sei geschehen. Und dann kam das schrecklichste, der arme Mann, er wurde beschnitten.
— Mit dem Messer?
— Wie sonst? Er wurde verstümmelt, das ist ein Leben lang nicht gutzumachen.
— Ich habe gehört, es soll reinlicher sein.
— Haben Sie kein Mitgefühl? Ein unschuldiger Mensch, einer von uns, der verunstaltet wurde. Einen Menschen zu einem anderen Glauben zu zwingen, das ist eine Vergewaltigung, die nie endet.
— Gewiß, gewiß. Ich bezweifele allerdings, daß es so oft vorkommt. Solche Geschichten, wie du sie gerade erzählst, sie gehören zu jenen, von denen man immerzu hört, die man selber aber nie erlebt, und man kennt auch keinen, der sie erlebt hätte.
— Sie verschließen die Augen. Deshalb. Und wenn Sie Ihre Augen wieder öffnen, wird es zu spät sein.
— Das reicht. Wir haben gestern schon die meiste Zeit verschwendet mit deinen Tiraden.
— Sehen Sie, wie die Miya mir heute noch schaden. Wieso haben Sie mich nicht unterbrochen?
— Ich dachte, es tut dir gut, darüber zu reden. Dieses Gift frißt dich offensichtlich von innen auf.
— Sie müssen mich unterbrechen, wenn ich auf Abwege komme. Ich habe keine Zeit und auch kein Geld mehr. Ich muß Sie bitten, Sie müssen mir die Zahlung bis morgen stunden. Einer meiner Brüder, er schuldet mir noch etwas. Er war einer der Diener damals.
— Dann laß uns für heute einen Schlußstrich ziehen. Und morgen weitermachen, ohne Haß und mit dem Geld, das du mir schuldest.
30.
HERR DER GANZEN WELT
Zwei Schleier trennten sie, die Herrscher, von den Menschen des Landes. Der Schleier der eigenen Unwissenheit und der Schleier des Mißtrauens, hinter dem sich die Einheimischen versteckten. Der General wußte, die Schleier würden sich nicht wegreißen lassen, aber er hatte sich fest vorgenommen, etwas besser durch sie hindurchzusehen. Wie alle Administratoren des Imperiums verbrachte er seine Tage am Schreibtisch, ritt nur mit Eskorte aus, bekam stets nur das gezeigt, was sein Wohlwollen finden würde, nach Einschätzung der einheimischen Emire sowie der eigenen Untergebenen. Es brannte ihm unter den Fingernägeln, wie wenig er von dem Land und seinen Menschen wußte. Seine Adjutanten studierten unzählige Papiere mit der Beflissenheit von Eulen, aber sie hatten noch nie an einem Beschneidungsfest, an einer Hochzeit oder einer Beerdigung teilgenommen. Kenntnisse des Persischen, des Urdu oder des Sindhi waren die Ausnahme. Die Lage verbesserte sich nicht im Laufe der Jahre. Die jüngeren unter seinen Beamten und Offizieren kapselten sich noch mehr von den Einheimischen ab. Sie legten Wert auf eine gepflegte, kompromißlos britische Erscheinung, folglich schlossen sie sich ein in das Vakuum der eigenen Räumlichkeiten. Sie nutzten ihren Anspruch auf regelmäßigen Heimurlaub. Sie kehrten mit ihren Gemahlinnen zurück. Der Sinn für Sittlichkeit hatte zugenommen, und darunter verstand man vor allem die Verteidigung des Eigenen gegen das Fremde. Dieser Moralkodex, so wertvoll er in der Heimat auch sein mochte, er verblendete die Offiziere und Beamten, die ihm unterstanden. Sie waren die blinden Tentakel jenes Monstrums, das von einer kleinen Straße in London aus die halbe Welt verwaltete. Allein unsere Kenntnis des Gegners macht uns stark, sagte der General. Wir müssen unsere Kenntnisse vertiefen. Diese Wißbegier unterscheidet uns von den Einheimischen. Wer hätte schon einmal gehört, daß einer von ihnen sich auf den Weg macht, etwas über uns zu erfahren? Sollten sie eines Tages uns erforschen, unsere Schwächen und unsere Ängste, dann werden sie uns empfindlich treffen können, sie werden zu Gegnern heranwachsen, denen wir eine gehörige Portion Respekt entgegenbringen müßten. Seine Mahnungen blieben ohne Wirkung. Man hielt ihn allenthalben für einen skurrilen, streitlustigen Greis. Keiner hätte behauptet, daß der General ein zufriedener Herrscher war. Gelegentlich geriet er in einen Tobsuchtsanfall und provozierte sie mit den bittersten aller Wahrheiten. Wozu dient unsere Verwaltung in Britisch-Indien? Der Eroberung? Dem Wohl der Massen? Der Gerechtigkeit? Ganz gewiß nicht. Seien wir ehrlich. Sie dient nur dem Zweck, das Rauben und Plündern zu erleichtern. Die Untergebenen hatten gelernt, ihren Blick zu hüten und ihren Gesichtsausdruck einzufrieren. Alles Töten, alles Sterben, nur damit unser Handel entscheidende Vorteile gegenüber den Konkurrenten erhält. Alles Leid, nur um die Herrschaft von Idioten zu untermauern. ›Wir dienen in einer Galaxie von Eseln.‹ Der General löckte vergeblich wider den Stachel. Je offener er die Wahrheit aussprach, desto verrückter wähnten ihn seine Untergebenen. So etwas konnte man sich nur als Oberbefehlshaber leisten. Sie riefen sich in Erinnerung: Der General ist auf dem Weg in den Ruhestand. Wir sind die Zukunft.
Es gab wenige Männer, auf die er sich verlassen konnte, Männer wie dieser Burton, der vertrauenswürdig von dem Treiben der Einheimischen berichtete. Er unterhielt sich gerne mit ihm. Sein Blick auf die Dinge war so frisch, als sei die Schöpfung gerade erst vollzogen worden. Aber eine Schwäche hatte dieser junge Mann, eine fatale Schwäche. Er beließ es nicht dabei, die Fremde zu beobachten. Er wollte an ihr teilnehmen. Er war ihr verfallen, so sehr, daß er sie sogar bewahren wollte in ihrem zurückgebliebenen Zustand. Ihre Positionen standen sich diametral gegenüber. Der General war getrieben, die Fremde zu verändern, zu verbessern. Dieser Burton hingegen wollte die Fremde sich selbst überlassen, weil die Verbesserung der Fremde ihre Auslöschung bedeuten würde. Das war dem General unverständlich, zumal dieser junge Soldat keinen Deut daran zweifelte, daß die britische Zivilisation dem einheimischen Brauchtum überlegen war. Sollte sich das Überlegene nicht durchsetzen? War das nicht der natürliche Fortgang der Geschichte? Konsequentes Denken war nicht die Stärke dieses Offiziers. Wie jeder andere auch, echauffierte er sich über die allgegenwärtige Dummheit und Faulheit und Roheit. Er konnte mit vehementer Abfälligkeit urteilen. Wie bei der These, auf die er sich neulich versteift hatte. Neid, Haß und Bosheit seien die Samen, die der Einheimische verstreue, wo er nur könne. Nicht aus einer teuflischen Gesinnung heraus, sondern weil er einen entsprechenden Instinkt besitze, genährt von seiner gerissenen Schwäche. Starker Tobak. Doch der Urheber solcher Verdikte wollte trotzdem die einheimischen Regeln einhalten. Manchmal hegte er den Verdacht, er spiele ihm diese selbstgerechte Entrüstung vor, um sich gegen den Vorwurf zu verwahren, er sei zu weich gegenüber den Einheimischen. Er war ein Rätsel, dieser Burton. Er vertrat meistens eine Meinung, die man von ihm nicht erwartete. Mörder sollten nicht gehängt werden, hatte er bei ihrem letzten Gespräch plädiert. Sie sollten wie gehabt vor eine Kanone gespannt werden, die dann abgefeuert wird. Brutal, zugegeben. Ich denke allerdings, unser Mitgefühl muß auf den erprobten Pfaden des Realistischen wandeln. Wir dürfen die Abschreckung nicht aus den Augen verlieren. Dem in Stücke gerissenen Mörder wird das Begräbnis verwehrt, ohne das kein Moslem in das Paradies gelangen kann. Wenn wir hängen, sollten wir die Leiche verbrennen lassen, aus denselben Gründen. Gleiches Recht für alle, das funktioniert hier nicht. Unser Strafrecht hat auf dem langen Transportweg an Effizienz verloren. Sehen Sie, jemanden einzusperren, das mag in Manchester wirkungsvoll sein, im Sindh ist es geradezu kontraproduktiv. Das gemeine Maskulinum in diesen Breiten empfindet einige Monate in unseren Gefängnissen als Erholung. Essen, trinken, dösen und in Ruhe die Pfeife rauchen. Statt dessen sollten wir die Ärmeren unter den Verbrechern auspeitschen und die Reicheren zur Kasse bitten. Das wird Eindruck hinterlassen. Nein, konsequent war er bestimmt nicht, dieser Offizier mit dem Auftrag, dem General persönlich Rapport zu erstatten.
31.
NAUKARAM
II Aum Avanishaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Ich bin heute aus einem einzigen Grund hergekommen. Ich möchte endlich etwas in den Händen halten. Einen Beweis, daß wir seit einem Monat täglich zusammensitzen. Etwas, das so aussieht, als könnte es sechzehn Rupien wert sein. Ein Zeichen, das mich wieder hoffen läßt.
— Wir sind noch nicht fertig. Was kann ich dafür, daß du soviel erlebt hast.
— Was können Sie dafür? Ich wollte nur ein zweiseitiges Empfehlungsschreiben, als ich letzten Monat zu Ihnen kam.
— Von zwei Seiten war nie die Rede.
— Auch nicht von hundert.
— Was willst du?
— Ich möchte, daß Sie bis morgen eine vorläufige Fassung anfertigen. Einige Seiten, die alles Wichtige beinhalten. Ich möchte so bald wie möglich beginnen, neue Arbeit zu suchen. Wenn der Monsun einfällt, gibt es viel zu tun in jedem gutgeführten Haushalt. Und die Firengi verbringen ihre Zeit fast ausschließlich zu Hause. Ich werde sie dort antreffen, wenn ich herumgehe, um mich vorzustellen.
— Ich schätze halbe Sachen überhaupt nicht. Wir sollten warten, bis unsere Arbeit abgeschlossen ist und du dich mit dem endgültigen, bestmöglichen Schreiben vorstellen kannst. Der Monsun wird nicht so schnell vorüberziehen.
— Ich bestehe darauf.
— Na, wenn du darauf bestehst, dann gibt es wohl keine Diskussion? Ich bestehe darauf? Wo hast du denn das gelernt?
— Ein Monat ist eine lange Zeit. Da bekommt sogar einer wie ich mit, wie er an der Nase herumgeführt wird.
32.
DIE HERRSCHAFT DES DICHTERS
Bericht an General Napier
Persönlich
Sie haben mir den Auftrag erteilt, Informationen zu sammeln, die uns einen Eindruck gewähren, wie uns die Einheimischen betrachten. Ich habe viele Stunden in der Gegenwart von Sindhis, Belutschen und Panjabis aus allen Klassen zugebracht, auf den Märkten, in den Tavernen und am provisorischen Hofe des Aga Khan. Ich habe jeder Stimme mein aufmerksames Ohr geliehen, und ich habe es vermieden, über den Sinn des Geäußerten zu urteilen. Ich bin davon ausgegangen, daß ich die Welt ähnlich einseitig sehe wie jene, die mir gegenüber eine Meinung äußerten. Ich habe mich nicht verstellt, denn ich bin davon überzeugt, daß die Orientalen das Aufgesetzte durchschauen. Ich habe den Ansichten weder widersprochen noch habe ich sie angestachelt. Ich habe mich mit der Rolle des Zuhörers begnügt, und ich muß ohne falsche Bescheidenheit feststellen, daß ich mich einer Beliebtheit erfreut habe, die mir selten im Leben widerfahren ist. Meine schwierigste Aufgabe besteht nun darin, knapp zu resümieren, was in unzähligen Gesprächen verwinkelt und verworren, geschwollen und gespreizt vorgetragen wurde. Verallgemeinerungen sind unerbittliche Gleichmacher, vor denen wir uns hüten sollten wie der Teufel vor dem Weihwasser, aber ich konnte nicht gänzlich auf sie verzichten, um Ihren Auftrag so zu erfüllen, daß die gesammelten Informationen von möglichst großem Nutzen sind. Kommen Sie endlich zum Punkt, höre ich Sie sagen, und ich beeile mich, auch diesem Wunsch zu entsprechen.
Die Einheimischen sehen uns ganz anders, als wir uns sehen. Das klingt banal, doch wir sollten uns diese Einsicht im Umgang mit ihnen stets vor Augen führen. Sie halten uns keineswegs für mutig, für klug, nicht für großzügig, für zivilisiert, sie sehen in uns nichts anderes als Schurken. Sie vergessen kein einziges der Versprechen, die wir nicht eingelöst haben. Sie übersehen keinen einzigen der bestechlichen Beamten, die unsere Gerechtigkeit durchsetzen sollen. Sie empfinden unsere Manieren als anstößig, und natürlich sind wir gefährliche Ungläubige. Viele Einheimische sehnen sich nach einem Tag der Rache, einer östlichen Nacht der langen Messer, wie ich es nennen würde, sie können den Tag nicht abwarten, an dem der stinkige Eindringling verjagt wird. Sie durchschauen unsere Heuchelei, genauer gesagt, die Widersprüche in unserem Verhalten addieren sich in ihren Augen zu einer allumfassenden Heuchelei. Wenn die Angrezi besonders viel Frömmigkeit an den Tag legen, sagte mir ein älterer Mann in Hyderabad, wenn sie uns die Ohren vollstopfen mit Märchen von der aufgehenden Sonne des Christentums, wenn sie die Ausbreitung der Zivilisation beschwören und die unendlichen Vorzüge, mit denen wir Barbaren beschenkt werden würden, dann wissen wir, die Angrezi bereiten einen weiteren Diebstahl vor. Wenn sie beginnen, von Werten zu sprechen, dann sind wir gewarnt. Wir könnten diesen Mann einen Zyniker schimpfen, aber er ist ohne Zweifel ein kluger, hochangesehener Zyniker. Da ein Beispiel mehr ausdrückt als hundert Behauptungen, möchte ich von einer weiteren Begebenheit berichten. Vor einigen Monaten wurde in einem abgelegenen Teil des Landes westlich von Karchat ein Belutsche gefangengenommen, ein Stammesoberhaupt, der beschuldigt wurde, Raubüberfälle auf unsere Nachschubwege organisiert zu haben. Dieser Belutsche war als gewiefter und erfahrener Zweikämpfer bekannt, weswegen der Offizier, der die Verhaftung durchgeführt hatte, auf die Idee verfiel, ihn zu einem Zweikampf herauszufordern. Er bildete sich wohl ein, sein Sieg würde unsere militärische Überlegenheit demonstrieren. Der Häuptling wurde auf ein altes, müdes Pferd gesetzt, der Offizier schwang sich auf seinen kampferprobten Hengst. Er stürzte sich mit viel Bravour und Wirbel in die erste Attacke, der einige weitere Attacken folgten, doch sooft er angriff, so viele Hiebe er auch setzte, der Belutsche wehrte alles ab mit Schwert und Schild. Die Frustration dieses Offiziers, der viel auf seine Fechtkünste hielt, nahm zu. Er konnte die unverständlichen Rufe der Einheimischen hören, sie klangen in seinen Ohren wie Hohn, er würde den Kampf von Mann zu Mann nicht gewinnen können, er würde seinen beachtlichen Ruf unter den Kameraden verlieren. Er griff ein letztes Mal an, mit gezogener Pistole, und anstatt einen Hieb zu setzen, erschoß er den Belutschen aus nächster Nähe. Diese Geschichte wird landauf, landab erzählt, sie wuchert aus, sie treibt giftige Blüten, die das erfolgte Unrecht ins Dämonische steigern. Es sind viele verschiedene Versionen im Umlauf, doch allen ist das Skelett gemein, das ich umrissen habe. Schwerer als das Verhalten dieses Offiziers wiegt für die Einheimischen das Unrecht, daß sich dieser Offizier nicht vor einem ordentlichen Kriegsgericht für sein Vergehen hat verantworten müssen. Im Gegenteil, er ist befördert worden, er nimmt heute einen hohen Rang ein.
33.
NAUKARAM
II Aum Kavishaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
Der Lahiya holte die Mappe heraus, eine Mappe aus feinem Leder. Er hatte sie gekauft, als ihm bewußt wurde, wie viele Blätter er schon mit der Geschichte von Naukaram beschriftet hatte. Sie mußten zusammengehalten werden, er hatte auf einmal Angst verspürt, sie zu verlieren, selbst einer einzigen Seite verlustig zu gehen. Also hatte er mit einem Teil seines Honorars diese Mappe gekauft und natürlich einen Streit über die unnötige Ausgabe entfacht mit jener, die Buch hält. Er faltete die Mappe auf, ein wenig, bis er mit zwei Fingern eine Seite herausziehen konnte. Er las die Seite durch, aufmerksam, bedächtig. Er hatte auf einmal das Gefühl, laufen zu können wie ein junger Mann, den Hügel in die Stadt hinauf, den er neuerdings tief schnaufend und mit schwarzen Flecken vor den Augen überwunden hatte, und dann hinab, fast flog er, er überholte die pedantische Erzählung dieses Dieners, sie hatte den nötigen Anschub gegeben, dafür war er dankbar, aber nun mußte er ihr Flügel verleihen. AumBalaganapati, nicht wahr, sieben Silben, sieben Töne, die dem Bericht dieses gescheiterten Dieners Sinn geben würden und Schönheit. Was für eine Schönheit? Es sind nur wenige, die zaubern können. Durfte er das? Was für eine kleinliche Frage. Durfte er das Leben eines anderen verfälschen? Wozu diese Gewissenhaftigkeit? Er mußte diese Steifheit ablegen, sie ziemte sich nur für Helden auf alten Miniaturen. Bewegung! Biegsamkeit! Zudem, Naukaram belog ihn regelmäßig, das war offensichtlich, es war nicht sein wirkliches Leben, das er vor dem Lahiya ausbreitete, es war eine brautschöne Fassung, alles Häßliche herausgezupft, geschminkt, maskiert, sieben Schichten Stoff über jede Schürfwunde gelegt, natürlich, wer sagt schon die Wahrheit, wer traut sich, in ihr zu sprechen. Dabei wäre es geblieben, wenn er nicht nachgebohrt hätte. Einiges hatte er entlarven können, er hatte einen Riecher für Lügen, aber manches, was ihm peinlich war, würde Naukaram bis zum Ende verschweigen. Also blieb ihm, dem Lahiya, nichts anderes übrig, als das Ausgesparte einzufügen. Es war seine Pflicht zu vervollständigen.
Wer war Kundalini? Wer war sie wirklich? Er hatte einen Pujari aufgesucht, der auf seinen vielen Pilgerreisen manche Winkel des Landes gesehen hatte. Das Gespräch mit ihm war überaus ergiebig gewesen, seine Vermutungen hatten sich bestätigt. Der Pujari hatte aus der Herkunft von Kundalini gewisse Schlüsse ziehen können. Phaltan, in dem Distrikt Satara, das deute darauf hin, daß ihre Familie Anhänger der Mahanubhav-Gemeinde waren. Bei denen gebe es viele Devadasi. In den Tempeln dort wurde mir immer wieder eine von ihnen angeboten, aber ich habe abgelehnt, hatte der Pujari gesagt, wer in dem Alter eines Großvaters ist, der sollte nicht wie ein junger Mann handeln, der Vater werden will. Kundalini war eine Devadasi gewesen, einiges wies darauf hin. Sie muß in einem Tempel gedient haben, von dort muß sie weglaufen sein. Devadasi erhalten niemals Erlaubnis, hatte der Pujari erklärt, in jungen Jahren, in den Jahren weiblicher Blüte, den Tempel zu verlassen. Nur wenn die Priester keinen Gebrauch mehr für sie haben, werden sie freigelassen, aber oft haben sie sich so sehr an das Leben dort gewöhnt, sie haben Angst vor der Welt außerhalb des Tempels. Wenn die Pujari gnädig sind, dürfen die älteren Devadasi im Tempel bleiben, um den Boden zu fegen und Wasser zu holen. Kundalini war jung gewesen. Wenn es ihr gelang, sowohl einen Offizier der Angrezi als auch seinen Diener zu verführen, waren ihre Reize gewiß beachtlich gewesen. Wieso war sie weggelaufen? Der Lahiya hatte einen seiner Freunde besucht, seinen einzigen Freund eigentlich, der einzige, dessen Gesellschaft ihn nicht irritierte. Ein Mann der Dichtung und der Musik, der vieles von der Welt wußte, was dem Lahiya verschlossen geblieben war, weil er ein Leben lang die Welt nur durch die Augen seiner Kunden entdeckt hatte. Eigentlich hatte er den Auftrag von Naukaram nur nebenbei erwähnen wollen, aber sein Freund hatte seine Arme vor seinem Bauch verschränkt, der so gewaltig war wie der Kupferkessel, den er mit Ringen an allen Fingern schlug, wenn er seine Lieder sang, und bat ihn um die ganze Geschichte. Sein Freund zeigte großes Interesse an Kundalini, ungebührendes Interesse fast. Und er konnte manche Frage des Lahiya beantworten. Allerdings störte es ihn, daß er seinen Erklärungen immer wieder den Satz voranstellte, es sei doch allgemein bekannt, daß die Frauen im Maikhanna ihren Körper verkauften, weswegen sie auch ›die Geliebten‹ hießen, nicht wegen ihres Liebreizes, hast du das etwa vermutet? Und es sei doch allgemein bekannt, daß jene unter ihnen, die tanzen können, und jene, die Bhajan singen können, früher Devadasi waren. Wieder dieser Begriff. Devadasi. Es konnte keinen Zweifel mehr geben. Eine Konkubine, die Gott und Priester sich teilen. So hatte der Freund es nicht formuliert. Er hatte ihm erklärt, die Devadasi dürften keinen Sterblichen heiraten, weil sie mit dem Gott des Tempels vermählt seien, dem sie dienten, den sie ankleideten und auszogen, den sie schaukelten und fütterten und anbeteten, für den sie alles taten, was eine gute Ehefrau tun würde. Nur eines, das mußte der steinernen, der bronzenen Gottheit versagt bleiben, weswegen die Priester den Liebesakt mit den Devadasi vollziehen mußten. Aber all das sei doch allgemein bekannt. Es dampfte um den Lahiya herum, als wäre Regen auf die ausgetrocknete Tonerde gefallen, als atme die Erde wieder. Er verabschiedete sich schnell von seinem Freund. Der Gang nach Hause war wie ein Spaziergang nach dem ersten Regenfall. In seinem Zimmer zündete er ein Räucherstäbchen aus Sandelholz an, er beschwor seine Frau, ihn ja nicht zu stören, er nahm ein neues Blatt heraus und schrieb auf, was er nun wußte über die Devadasi namens Kundalini, die aus dem Tempel entflohen war, vor dem Pujari, ein häßlicher Mann mit Mundgeruch, der ihr an Bildung nicht das Wasser reichen konnte. Sie war mit den wichtigen heiligen Texten vertraut, er hingegen erfand die Sutras, die ihm nicht geläufig waren, er hängte heilige Endungen an unsinnige Silben, und weil sie es merkte, bestrafte er sie, indem er ihr weh tat, wenn er sich ihrer bemächtigte. (War das übertrieben? Von wegen. Diese dreckigen, halbgebildeten Brahmanen, eine Schande für die Kaste, das war genau ihre Abart.) Sie konnte Bhakti-Lieder singen, eine Vielzahl, sie trug sie so vor, daß ein Asket von ihrer Liebe zu Gott überwältigt wurde und ein Lebemann von dem Versprechen körperlicher Erfüllung erregt wurde. Nein, letzteres strich der Lahiya wieder durch. Es war zutreffend, aber ungebührend. Er durfte sich nicht mitreißen lassen von dieser Frau, in deren Gesängen Dharma und Kama miteinander verschmolzen. Sie war also vor dem Pujari, der sie einmal zu häufig mißbraucht hatte, nach Baroda geflohen. (Wieso gerade nach Baroda? Egal, es mußte nicht jedes Rätsel gelöst werden.) Vielleicht kannte sie hier eine andere Devadasi. Sie begann in der Maikhanna zu arbeiten, wo sie Naukaram traf, ein Kunde, dem sie sich hingab gegen Bezahlung, und er stellte sie seinem Herrn vor. Die Einsicht schlug über ihn ein, natürlich, wie hatte er es übersehen können, Naukaram hatte nicht das Glück seines Herrn im Auge, er hatte an sich selbst gedacht, nur an sich selbst. Er wollte Kundalini nicht in der Maikhanna aufsuchen müssen, er wollte sie in seiner Nähe haben. Dafür mußte er ein Opfer bringen, er mußte sie mit seinem Herrn teilen. Und wieso nicht? Wenn Gott und sein Priester sich eine Geliebte teilen können, wieso dann nicht ein Offizier der Ostindischen Gesellschaft und sein Diener? So muß es gewesen sein, in etwa. Der Lahiya war sehr zufrieden. Das ist wahre Gewissenhaftigkeit, dachte er, die Geschichte zur Wahrheit zu verfälschen.
34.
HERR DER HIMMLISCHEN HORDEN
Seit Tagen wartete alles auf den großen Regen. Die Wolken, aufgequollen und schwarz, schrumpften die Sonne zu einer glitzernden Münze. Wellen schlugen gegen die Kaimauer, immer höher, schlugen über sie hinweg; die Welt war unruhig. Die Häuser behaupteten sich gegen den Dunst, einige Vögel irrten schrill und steil durch die Luft, als fürchteten sie, das Fliegen zu verlernen. In Bombay, so war in der Gazette zu lesen, sprang eine Welle — wie die hungrige Zunge eines Chamäleons — auf den Deich von Colaba und forderte ein erstes Opfer; kein Fischerboot konnte die Frau in dem aufgewühlten Wasser finden. Zeitungsfetzen flatterten hinauf, höher als die Vögel, Bäume bogen sich, sie waren leichter als Halme. Einzelne Blätter flogen einem in den Mund wie Hostien. Vor dem ersten Tropfen zweifelte keiner an seinem Kommen, unmißverständlich verkündeten es die Gerüche. Der erste Tropfen war friedlich, gefolgt von weiteren auf spitzen Füßen, zum Aufwärmen. Harmlos, harmlos wie zarte Miniaturen am Fenster. Punkte, die vor dem Verrinnen einen Augenblick innehielten. Hinter ihnen ließ ein milchiger Schleier Straßen, Märkte, Häuser, Viertel verschwinden. Was war zu vernehmen? Trommeln, Schreie, die ekstatisch klangen, vom Wind angeschlagene Töne der Besserwisserei, die von den Palmwedeln weitergetragen wurden — wer hätte nun Verzweiflung von Glück unterscheiden können? Dann schlägt der Regen zu, als bräuchte die Erde eine gehörige Tracht Prügel. Die Zeit zieht sich zurück, der Monsun fällt ein, rette sich, wer nicht hinter festen Mauern ausharren, wer sich auf das Versprechen der Dächer nicht verlassen kann.
Burton, nach einem Sturz von seinem Pferd nackt ausgestreckt auf dem Bett, versuchte Kundalinis Fingern zu folgen. Ich möchte ihre Zärtlichkeiten verstehen, dachte er. Die einzige Sprache, die er nicht erlernen konnte. Bedeuteten sie überhaupt etwas? Der Rausch des Regens nüchterte aus. Einzelne Tropfen rollten von den übersättigten Lippen der Erde. Alles lag unter Wasser, die Wurzeln auch, und die Erdlöcher, sein Pferd war darin eingeknickt, und als er im Schlamm lag, erinnerte er sich an die Warnung in der Regimentsmesse, nach dem Einbruch des Monsuns das Haus möglichst nicht zu verlassen. Geschieht ihm recht, hörte er sie sagen, hinter seinem wunden Rücken. Selbst mit offenen Augen würde er nicht erkennen, ob ihre Finger mehr als nur ihre Pflicht erfüllten. Auf die fetten Jahre folgen die mageren. Bei ihm genügte die Einzahl: Nach einem Jahr der erfüllten Sehnsüchte folgte ein Jahr der wieder ausbrechenden Unzufriedenheit. Es war stiller draußen, er konnte das Rauschen der Sturzbäche hören, die sich gnadenlos zur Stadt hinab ergossen. Die Hütten würden überschwemmt werden. Von seinem Hals bis zu seinem Hintern, sie entdeckte jeden Wirbel wieder, umkreiste ihn, ohne daß der Druck ihrer Finger schwankte. Ihre Hand verirrte sich nie. Sie wußte erstaunlich viel über den menschlichen Körper. Sie verließ das Zimmer. Er war mißgelaunt. Sie gab ihm so viel, sie war begierig, ihm zu gefallen, sie öffnete ihr Haar, weil es ihm gefiel, und sie flocht es zusammen, wenn er Abwechslung wünschte, sie horchte auf seine Launen, und gelegentlich war sie sogar verspielt. Und doch, und doch hielt sie so viel zurück. Es gab Momente, da blickte sie in eine Ferne, die er nicht kannte. Sie verließ ihn gelegentlich ohne Abschied oder Erklärung. Sie verbrachte nie die ganze Nacht mit ihm. Sie lehnte seinen Wunsch ab, ihm von ihrer Familie, ihrer Jugend, ihrer Vorgeschichte zu erzählen. Sie verweigerte ihm das Recht, sich in sie zu verlieben, und er war sich sicher, sie unterdrückte alle Gefühle, die sie ihm gegenüber verspüren könnte. Abgesehen von der Dankbarkeit, der sie regelmäßig Ausdruck verlieh, in einem Tonfall und einer Haltung, die keine Intimität duldete. Er hatte sich durchgerungen, mit ihr darüber zu sprechen. Das sind die schwierigen Aufgaben im Leben: Wie frage ich meine Geliebte, meine gekaufte Geliebte wohlgemerkt, wieso wir uns nicht verlieben wie zwei Debütanten auf einem Ball? Sie wich seiner Frage aus, bis er sie so sehr in eine Ecke drängte, daß sie mit einer Wut reagierte, die er nicht in ihr vermutet hätte. Ich bin eine Aussätzige, ihre Stimme war ein einsaitiges Instrument, ich kann dir jahrelang gefallen, oder einem anderen Mann, bis mein Körper mich verrät, bis nichts mehr von meiner Schönheit übrig ist, dann habe ich keine andere Wahl, als mich wieder Gott an den Hals zu werfen, und mein einziger Vorteil wird sein, daß kein Mann mehr sich an mir befriedigen will. Nur die Nähe des Todes schützt mich vor eurer Lust. Er schwieg. Glaubst du, ich möchte nicht ausbrechen? Ich will es. Aber nicht zu den Bedingungen einer weiteren Lüge. Er schwieg. Du willst Liebe? Für wie lange? Wie lange wirst du hier sein, einige Jahre, dann wirst du weiterziehen, und selbst wenn du hierbleiben solltest, irgendwann würdest du eine Frau von den Deinigen heiraten wollen, um mit ihr Kinder zu bekommen. Nein, unterbrach er sie, das will ich nicht, heiraten, Kinder, das behagt mir nicht. Dann setzte ein Schweigen ein, das sie auseinandertrieb.
Der Geruch von Öl erfaßte ihn wie eine Welle. Sie war zurückgekehrt. Das warme Öl rann über seine Haut. Er wußte, gleich würde sie seinen Mißmut ersticken, sie würde seine Lust anstacheln, immer weiter, um auf einmal innezuhalten, sie bewegte sich nicht mehr, sie ließ ihre Hände auf seiner Brust liegen, und sie begann zu sprechen, während sie auf seinem pulsierenden Staunen sitzen blieb, sprach in vollständigen Sätzen, in einem vertrauten Tonfall, der beiläufig erzählte, und doch seine ganze Aufmerksamkeit einforderte. Er mußte seine Stöße besänftigen, um ihren Worten folgen zu können, die einen weisen König beschrieben, der von einem heiligen Mann mit dem Apfel der Unsterblichkeit belohnt wird. Der König ist überglücklich, zunächst, bis ihm bewußt wird, daß er allein unsterblich werden würde, und alles, woran er sich im Leben erfreute, vergehen würde. Er überreicht den Apfel seiner Ehefrau. Die Frau nimmt das Geschenk als höchste Würdigung entgegen, insgeheim denkt sie, der König habe es ihr nur aus Gewohnheit gegeben. Sie übergibt den Apfel einem Adjutanten, der sich als außergewöhnlicher Liebhaber erwiesen hat. Der Adjutant reicht den Apfel an eine Kurtisane weiter, die er anhimmelt, und diese — nach längerem Nachdenken —, schenkt den Apfel dem König des Reiches, denn schließlich ist er der oberste Gönner und Schutzherr ihrer Kunst. Der König hält den Apfel in der Hand, er begreift, was geschehen ist. Er findet keinen Trost. Er ruft den gesamten Hofstaat zusammen und verflucht jene, die ihn hintergangen haben. Dhik tam tscha tvam tsha, Kundalini begann, ihre Hüften wieder zu bewegen, madanam tscha imam tscha mam tscha, ihre Hände krallten sich in seine Oberschenkel. Sag mir, was es bedeutet, keuchte Burton. Sie beschleunigte ihre Bewegungen, Fluch auf sie und Fluch auf dich, ihre Brüste schwangen schwerfällig wie wilde Gänse im Flug, auf die Liebe ein Fluch und auf die Geliebte, sie atmete schwerer, und verflucht sei auch ich.
Danach lag sie neben ihm. Sie waren getrennt wie Wasser und Öl. Ausgelaugt von dem Liebeskampf. Es fühlte sich an, als sei alles Leben in diesem einen Zimmer. Bis er den Ruf des Kuckucks hörte. Ihre Finger krochen über seine Brust, so bedächtig wie die Pflanze zum Fenster hereinwuchs. Wenn sie etwas sagen würde, im entwurzelten Mondlicht, wäre es ein Gedicht. Er küßte ihr geschlossenes Auge, nahm den Augapfel zwischen seine Lippen. Er war hart wie ein Edelstein, der nicht verschluckt werden kann. Nur seine Lippen spürten, daß sich ihr Auge bewegte, wie ein Kugelfisch knapp unter der Wasseroberfläche, wie eine Murmel, die nicht liegenbleibt. Es war stickig. Er stand auf, trotz ihres Einspruchs. Er war versöhnt, weil er meinte, sie wolle ihn nicht missen, nicht einmal für jene Minute, die es dauerte, zum Fenster zu schreiten, um es zu öffnen. Er hörte die Frösche quaken, er drehte sich zu ihr um mit einem durchlässigen Lächeln, schließ es schnell wieder, rief sie, die Insekten fielen schon ein, bevor er ihrem Wunsch nachkommen konnte, Termiten, Motten, Feuerfliegen, Heuschrecken, Käfer, Hunderte von Birbahuti, Fetzen roten Samts, ließen sich auf alles nieder, auch auf das Bett und auf ihren Körper.
Es regnete acht Tage und acht Nächte, fast ohne Unterlaß. Es gab keinen Appell, keinen Dienst, keinen Seitensprung. Es war unmöglich, auf Jagd zu gehen. Es gab nur das Bett, in dem sie lagen und liegenblieben.
35.
NAUKARAM
II Aum Ganaadhyakshaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Du hast sie geliebt.
— Ja, das habe ich Ihnen schon gesagt.
— Sie war deine Geliebte. Ihr wart zusammen, sie lag in deinen Armen, ihr wart vereint.
— Woher wissen Sie das?
— Ich habe lange nachgedacht. Mir liegt deine Geschichte am Herzen. Meine Ehefrau behauptet sogar, ich vernachlässige meine Aufgaben als Herr des Hauses.
— Am Herzen? Was bedeutet das? Wenn jemand sagt, du liegst mir auf der Tasche, das verstehe ich. Was für Almosen gibt das Herz?
— Herz hin oder her, die Angelegenheit war verzwickt zwischen euch beiden.
— Es geht nicht mehr um das Empfehlungsschreiben, oder?
— Hast du sie besessen, bevor du sie mit Burton Saheb verkuppelt hast?
— Die Worte, die Sie benutzen … sie stimmen nicht.
— Ich will es wissen!
— Ja. Ich habe sie besessen. Davor und danach.
— In seinem Haus?
— Ja. In seinem Haus, in unserem Haus. Sind Sie jetzt zufrieden!
— Wenn er da war?
— Manchmal, nachts, zuerst war sie bei ihm und dann bei mir. Meist wenn er auf Reisen war, in Mhow, in Bombay. Einmal mußte er nach Surat.
— Hast du dich nicht geschämt?
— Wieso ich? Er hätte sich schämen sollen. Sie verstehen nicht, er hat nach ihr gelüstet, er gierte nach ihr. Ich habe sie geliebt, wirklich geliebt, ich will nicht lügen, wenn sie und ich alleine waren, habe ich reagiert wie jeder Büffel, es hätte ungeheuer viel Tapas bedurft, ihr zu widerstehen. Ich gebe es zu, doch das ist nicht das Entscheidende. Ich habe sie verehrt, er hat sie in den Dreck gezogen.
— Und die anderen, die Diener?
— Sie wußten alles, wie sollte ich es vor ihnen verheimlichen?
— Wenn sie etwas verraten hätten?
— Sie waren von mir abhängig. Sie hätten sich so etwas nicht getraut.
— Du warst also beglückt von der Situation, die du geschaffen hast?
— Nein, ich war nicht beglückt. Es ist etwas geschehen, ich habe es nicht erwartet. Ich konnte es nicht vorhersehen. Das Schlimmste, was geschehen konnte.
— Ich weiß. Glaubst du, ich hätte vergessen, daß sie gestorben ist.
— Davor, davor noch. Für mich ist sie mehrmals gestorben. Sie hat sich mir verweigert, auf einmal.
— Körperlich?
— Sie hat mir keine Erklärung gegeben. Ich hatte ihr nichts getan. Zuerst hat sie mich abgewiesen, einige Male, sie war krank oder müde, ich habe sie in Ruhe gelassen. Ich habe sie geachtet. Dann sagte sie zu mir, sie will nicht mehr mit mir alleine in einem Zimmer sein, sie will nicht mehr, daß ich sie anfasse.
— Sie hat dem Firengi gegenüber mehr Liebe verspürt.
— Liebe? Sie wissen nicht, wovon Sie reden. Ihre Liebe war immer nur vorgetäuschte Liebe. Falsche Liebe.
— Wieso hat sie dich dann verschmäht? Falsche Liebe ist doch grenzenlos.
— Sie hat sich ausgemalt, sie könnte den Saheb einfangen. Er war von ihr abhängig, inzwischen, sie hat sich ausgerechnet, wie viele Juwelen diese Abhängigkeit wert sein könnte. Sie wollte diese Ausbeute nicht aufs Spiel setzen. So eine Frau liebt nur den Gewinn.
— Hast du auch so gedacht, bevor sie sich dir verweigert hat?
— Sie hätte mir das nicht antun dürfen.
— Wenn sie so berechnend war, wie du sie hinstellst, dann hat sie sich dir hingegeben, weil es nötig war.
— Ich habe sie geachtet.
— Wenn sie aber lieben konnte.
— Sie konnte nicht.
— Du urteilst ungerecht. Ich habe sie nicht gekannt, aber wenn es stimmt, was du sagst, wenn sowohl du wie auch der Firengi so starke Gefühle für sie empfunden habt, muß sie diese Gefühle, zumindest teilweise, erwidert haben. Oder habt ihr euch nur in eine Schimäre verliebt? Mir kommt es so vor, als hätten sich zwei Blinde eine Frau geteilt, die unbedingt gesehen werden wollte.
36.
EINE MINE DER TUGEND
Etwa vor neunzehn Jahrhunderten, wenn Sie aufgepaßt haben, mein Shishia, dann wissen Sie inzwischen, bei uns kommt es auf das eine oder andere Jahrhundert nicht an, vor langer Zeit also wurde in der ruhmreichen Stadt Ujjayini, die heute Ujjain heißt, ein Prinz geboren, der einen Namen trug, der ihn zu allem ermächtigte, ein Name, der viel zu groß war für einen einzigen Menschen, und der in dem Bestreben verliehen worden war, der ausgezeichnete Mensch würde über sich hinaus in den Namen hineinwachsen, eine hohe Hoffnung, die sich selten erfüllt, denn in den meisten Fällen verschlingt der Name den um einiges kleineren Menschen. Sie fragen sich, wie er hieß, wie dieser große Name lautete, nicht wahr? Es war Vikramaditya. Sie sind ein guter Schüler, ich muß Ihnen den Sinn nicht übersetzen. Ein erhabener Name, etwas zu erhaben für den Alltag. Er wurde zu Vikram abgekürzt, nicht weil die alten Geschlechter an Zeitmangel gelitten hätten, sondern weil die kürzere Form den jungen Mann zu überschaubareren Heldentaten herausforderte. Schon als Prinz wurde unser Held Vikram genannt, und als König Vikram ist er durch die Generationen bekannt geblieben. Ihr Engländer würdet seinen Namen wohl weiter kürzen, zu Vik. Und ihr würdet das Buch, von dem ich Ihnen heute erzählen will, mein Shishia, Vik und der Vampir nennen, und es würde klingen wie eine Geschichte für Kinder, dabei ist es eine Geschichte für jene, die sich vor nichts fürchten. König Vikram war nicht der Thronfolger des Königreiches von Ujjayini, dieses Privileg fiel seinem Halbbruder Bhartirihari zu, und Vikram wäre wohl ein Eremit geworden, der durch das Land reist, um nicht zu jenen Sünden verführt zu werden, die beim Rasten einfallen, wenn sein Bruder ihm nicht zuvorgekommen wäre, wenn Bhartirihari sich nicht auf den dornigsten und steinigsten aller Wege begeben hätte, aufgrund einer Enttäuschung, die er nicht verwinden konnte, einer Enttäuschung seiner Liebe. Stellen Sie sich vor, mein Shishia, Ihnen wird ein Apfel geschenkt, ein Apfel der Unsterblichkeit, wirksam für eine Person, und Sie reichen dieses Geschenk weiter, an Ihre Geliebte, und diese, spüren Sie den Absturz nahen, schenkt den Apfel …
— Ihrem Liebhaber. Die Geschichte kenne ich schon.
— Oh. Woher?
— Ich weiß es nicht. Ich habe sie irgendwo aufgegabelt.
— Ein glücklicher Mann, der solche wertvollen Geschichten irgendwo aufgabelt. Und sei es auch nur im Bett.
Burton schwieg, seine Gedanken überschlugen sich. Wie hatte Upanitsche von Kundalini erfahren? Naukaram hatte bestimmt geschwiegen. Die anderen Diener würden sich nicht trauen, auch nur ein Wort zu erwähnen. Hatte Upanitsche Umgang mit anderen britischen Offizieren? Er traute sich nicht, ihn zu fragen. Er empfand Scheu, und zudem kannte er die Antwort schon: Dem Guru bleibt nichts verborgen. Ein Pendel, das im Scherz angestoßen wurde und im Ernst ausschwang. Von diesem Tag an merkte er, wie der Guru sein Zusammenleben mit Kundalini in den Unterricht einflocht, er merkte es an den Themen, die er anschnitt, an den Sprüchen, die er ihm kredenzte. Auf einmal, mitten in einem Gespräch, das in alle Richtungen führte, sagte der Lehrer: Nur eines gibt wahre körperliche Freude, was du mit Mühe erreichst bei einer Frau, die nicht deine eigene ist! Burton war solche Überraschungen inzwischen gewohnt. Sein Entsetzen darüber, so etwas aus dem Mund dieses verehrten und verehrungswürdig aussehenden Lehrers zu vernehmen, hielt sich in Grenzen. Er erkundigte sich brav nach dem Urheber dieser Weisheit. Das ist ein Satz von Vatsyayana, mein Shishia, der Autor eines Werkes, das dir von großem Nutzen sein kann. Es heißt Kamasutra, und es beinhaltet genau das, was der Titel verspricht: die Lehre der Liebe.
— Gemeint ist die göttliche Liebe?
— Wenn Sie von der Liebe sprechen, zu der Gott uns befähigt, ja. Nicht aber die Liebe zu Gott, die findet in diesem Werk weniger Beachtung.
— Ich wußte nicht, daß Sie sich auch mit solchen Themen beschäftigen?
— Sie wissen nichts. Vor Ihnen sitzt der größte Fachmann über das Kamasutra.
— Wieso haben Sie mir das nicht früher gesagt, Guruji?
— Oh, mein Shishia, der Weg des Wissens ist ein langer Weg. Wer Schüler wird bei einem Maler von Miniaturen, der darf im ersten Jahr nur Linien zeichnen, Kreise und Spiralen auf hölzerne Tafeln, und wenn er diese Fertigkeit vervollkommnet hat, darf er einige Lotosblüten zeichnen, ein Reh hier und einige Pfauen dort. Und wenn die Blumen und die Tiere vor dem strengen Auge des Meisters gelingen, darf er an einigen Details einer Miniatur mitarbeiten. Aber das, mein Shishia, wird ihm erst Jahre später erlaubt. Soll ich dir unsere Schätze alle auf einmal überreichen? Wirst du dann nicht einen Überdruß empfinden? Nein, du wirst sie allmählich kennenlernen, und manche werden dir niemals bekannt werden.
— Ich bin neugierig, Guruji. Wann kann ich dieses Werk lesen?
— Das wird schwierig, mein Shishia. Wie soll ich es finden unter all meinen Büchern?
— Ich könnte Ihnen helfen.
— Es sind Tausende von Büchern. Die Seiten kleben oft zusammen, und manchmal fehlt das Titelblatt.
— Die Arbeit würde mir nichts ausmachen.
— Ich habe gehört, der Staub von liegengebliebenen Büchern sei giftig, er setze sich fest in den Lungen, und wer einmal davon befallen ist, muß ein Leben lang husten.
— Wird nicht halb so schlimm sein.
— Oh, und ich vergaß zu erwähnen, das Kamasutra ist in einem altertümlichen Sanskrit verfaßt.
— Was halten Sie von zwei Tagen Sanskrit die Woche?
— In Sutras, deren Sinn sich nur demjenigen erschließen, der nicht nur die Sprache, sondern auch die damalige Zeit hervorragend kennt.
— Das trauen Sie Ihrem besten Shishia nicht zu?
— Ich werde es mir überlegen müssen. Das Kamasutra, sie läßt sich leicht mißverstehen.
— Können Sie mir nicht wenigstens eine Sutra beibringen? Als Vorgeschmack.
— Ein Sutra kann nicht schaden. Lassen Sie mich nachdenken, mein Shishia, welches sich eignet für einen Mann Ihres Kalibers. Ich werde Ihnen etwas beibringen aus dem sechsten Kapitel, dem Kapitel über die Kurtisanen. Diese Frauen, sagt Vatsyayana, und eigentlich faßt er nur zusammen, was vor ihm Dattaka formuliert hat, und dessen Weisheiten basierten gewiß auch auf den Schriften seiner Vorgänger, sie zeigen sich nie in ihrem wahren Licht, sie verbergen stets ihre Gefühle, ob sie den Mann lieben oder ob sie nichts für ihn empfinden, ob sie mit ihm zusammen sind, weil er ihnen Vergnügen bereitet oder um ihm den gesamten Reichtum abzunehmen, den er besitzt.
37.
NAUKARAM
II Aum Shubhagunakaananaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Du bist spät.
— Ich habe kein Geld mehr für eine Tonga.
— Immer noch keine Arbeit gefunden?
— Nein, nichts.
— Das Schreiben, das muß doch Eindruck erweckt haben?
— Ich werde weggejagt, bevor ich es präsentieren kann. Es muß erst noch von jemandem gelesen werden, Ihr großartiges Schreiben, wenigstens von einem einzigen dieser Firengi. Ich habe einen Fehler gemacht. Von wegen erfahren im Umgang mit den Firengi. Ich habe mir etwas darauf eingebildet. Ich bin lächerlich, ich weiß. Ich habe angenommen, sie würden Interesse zeigen. Wie komme ich darauf? Weil ich es bin, Naukaram, der Mann, der so vieles erlebt hat, der so viel gelernt hat, der sich so verändert hat. Und was sehen die Firengi, die mich nicht kennen? Sie sehen mich nicht. Natürlich nicht. Burton Saheb hätte mich nicht abgewiesen. Meine Geschichte hätte seine Neugier geweckt. Er hätte sich wenigstens einige Minuten Zeit genommen. Ich bin verzweifelt.
— Nicht doch, nicht doch, Bhai-Saheb. Es muß nur einer dieser Firengi in das Schreiben hineinschnuppern, das wird seinen Appetit wecken.
— Es muß nur einer von ihnen die vielen Blätter in die Hand nehmen, richtig? Ist es das, was Sie sagen? Es muß nur einer zu lesen beginnen. Was wird er dann tun? Er hat sie mir ins Gesicht geworfen. Was ich mir einbilde, sagte er, meinen Dienst bei einem Offizier zu einem dicken Märchen aufzublasen.
— Das ist nicht wirklich geschehen.
— Es ist geschehen. Die Blätter sind jetzt schmutzig. In dem Haushalt wird wohl nicht richtig geputzt. Gerade der hätte mich gebraucht. Es war der benachbarte Bungalow. Unser Haus steht leer. Der Garten ist verwildert. Es geht das Gerücht um, der Geist einer Frau spuke dort. Wir beide, wir haben ein dickes Märchen zustande gebracht. Wer soll es jetzt füttern? Das war der einzige Firengi, den ich gesehen habe. Ansonsten ließen sie mir ausrichten, das sie meiner nicht bedürfen. Gibt es denn so viele gute Diener in der Stadt, inzwischen? Aufgeblasene Goaner, Sie wissen schon, jene Kreaturen, die sich wie die Firengi kleiden und ein Kreuz um den Hals tragen, das sie beim Laufen behindert. Er hat mich in der Sonne warten lassen. Sein Herr habe keine Lust, etwas zu lesen. Dafür sei es zu heiß. Wo käme er hin, wenn er alles lesen würde, was Dahergelaufene antragen. Ich glaube kaum, daß der Firengi so viele Wörter verschwendet hat. Wie oft kommt es denn vor, fragte ich ihn, daß jemand mit einem Schreiben in der Hand vor der Tür steht? Der Goaner hat sich einen Spaß daraus gemacht, mich vor den Kopf zu stoßen. Ich solle mich einen Tag lang in der Küche nützlich machen, schlug er vor, dann werde der Haushalter sehen, ob ich etwas tauge. Es war so erniedrigend.
— Nicht den Mut verlieren.
— Sie haben leicht reden. Ich weiß, wie leicht sich die Sorgen eines anderen Menschen ertragen lassen. Ich habe sogar den Lehrer aufgesucht, Shri Upanitsche. Ich habe gehofft, daß er sich an mich erinnert, obwohl fast fünf Jahre vergangen sind. Sein Sohn hat die Tür aufgemacht. Ein hochgewachsener Mann. Der Lehrer war so klein. Er war in Trauer, der Sohn. Seine Mutter ist gestorben. Und sein Vater, sagte er, sei in einen Ashram gegangen. Irgendwo am Ganges. Der Sohn war freundlich, wie seine Mutter. Er hat seine Hilfe angeboten. Ich bin schnell weggegangen. Wie sollte er helfen? Hilfe von Menschen, die nicht wirklich helfen können, das verstärkt die Erniedrigung. Der Barbier unten, neben dem Eingang, es war noch der selbe Mann. Er hat mich nicht wiedererkannt. Und wennschon. Was hätte er bestätigen sollen?
— Die Zeiten sind schwierig, das wird keiner bezweifeln. Es ist mir unangenehm, gerade jetzt dieses Thema anzuschneiden, aber wir haben mein Honorar etwas aus den Augen verloren. Es hat sich einiges angesammelt, eine nicht unerhebliche Schuld. Zehn Rupien, ich habe es gestern abend zusammengerechnet. Ich habe einen Vorschlag, wenn Sie erlauben, der uns beiden dient, denke ich. Wir sollten einen Betrag vereinbaren, der den gesamten restlichen Auftrag umfaßt. Egal, wie lange es noch dauert.
— Bestimmt haben Sie sich auch Gedanken gemacht über die Höhe dieses Betrags.
— Ich würde vorschlagen, Sie zahlen noch einmal sechzehn Rupien. Und dann reden wir kein einziges Mal mehr über Geld.
38.
WER DAS OPFER ANNIMMT
Niemals erzählte sie von sich. Es war ein Fehler, sie im Schlafzimmer zu bedrängen. Sie hielt ihn auf Distanz, indem sie ihn erregte. Wenn sie ihre Lippen zurückzog, konnte er seinen Blick nicht von ihrem Mund losreißen. Während sie von oben ihre Hüften auf ihn drückte, starrte er auf die Verheißung ihres Mundes, auf den schimmernden Ausdruck ihrer Stummheit, ihr Zopf löste sich auf — sie stürzte sich in den Trieb, soviel verstand er, wenn die Trauer in ihr alles andere zu lähmen drohte —, sie atmete schwer, ihr Halsband riß, die Perlen kullerten über ihre Brüste auf ihn herab. Er schaute überall hin, auf alles, seine Augen hasteten über ihrer beider Lust. Sie atmete schwerer, er verriet, wohin er hastete, und schwerer, und er, er war wenige Empfindungen entfernt, als sie innehielt, sie bewegte sich nicht mehr, sie ließ ihre Hände auf seiner Brust liegen, und sie begann zu sprechen, während sie auf seinem pulsierenden Staunen sitzen blieb, sprach in vollständigen Sätzen, in einem vertrauten Tonfall, der beiläufig erzählte und doch seine ganze Aufmerksamkeit einforderte. Er mußte seine Stöße besänftigen, um ihren Worten folgen zu können, die einen Weisen beschrieben, einen Brahmanen namens Auddalaka, der als junger Mann initiiert wurde in alle Formen der vedischen Rituale, auch in jene, bei denen die Vereinigung zwischen Mann und Frau als Opferung gefeiert wurde. Doch eines Tages begehrte Auddalaka, der so versiert über die Symbolkraft der Vulva referieren konnte, eine Studentin namens Vijayaa, und er fädelte es ein, daß sie sich im Rahmen des Ritus vereinten, doch es reichte ihm nicht aus, er sehnte sich nach einer Vereinigung außerhalb des Rituals, und so kamen sie zusammen, diese zwei jungen Menschen, und die Lust und das Vergnügen, das sie sich gegenseitig bereiteten, übertrafen alles andere, nahmen eine Bedeutung ein, die das Ritual überragte, durch das die Menschen Zugang zu den Göttern aufrechterhielten. Kundalini verstummte. Und? fragte Burton. Bislang hast du jede Geschichte zu Ende geführt. Sie schwieg. Ihr Schweigen grub sich in ihn hinein. Er senkte seinen Blick, auf die feine Haarlinie, als krieche eine Reihe winziger Ameisen von ihrem Schambein über ihren Bauch bis zu ihrem Nabel und darüber hinaus bis zu der kleinen Kuhle zwischen ihren Brüsten. Seine Hand glitt über diese Härchen, ihr stolzes Romaavali, das gleichsam magisch, so behauptete sie, die Erde mit dem Himmel verbindet. Das zuverlässigste Merkmal ihrer Schönheit, so glaubte sie. Er konnte nicht zustimmen, aber sie hätte sich eher umgebracht, als diese Härchen herauszuzupfen. Seine Hand folgte der Verbindung zwischen ihrem Herzen und ihrem Schoß. Als sie sich wieder anschauten, vermeinte er in einem tieferen Teich ihrer Augen ein Aufflackern von Zuneigung zu entdecken. Er lächelte sie an, und seinem Lächeln entnahm sie wohl, was ihre Augen zuviel versprochen hatten, denn sie begann sich wieder zu bewegen, sie schubste ihn in den Bereich ihrer Dominanz, und sie war gieriger als sonst, gierig zu kratzen und zu beißen, als könne sie den Geschmack seines Körpers behalten, wenn er morgen ginge, als könnte sie bleibende Ornamente auf seiner Haut zurücklassen. Müde fielen sie aus dem Liebeskampf heraus. Die schönste Zeit, die Minuten, in denen ihn kein Gedanke beschwerte, die schönste Zeit, dachte er, jene, die er nicht wahrnahm. Und ihm wurde bewußt, daß sie schon vorbei war. Er richtete sich auf und saugte an ihren Lippen, als suche er nach einem betäubenden Nektar. Und sie, sie ergriff seine linke Hand, sie spielte mit den Fingern, verschränkte sie, zog an den unteren Enden, bis sie knackten, und glitt in einen Gesang, der erst allmählich aus dem Summen heraus seinen Sinn entfaltete:
An einem Sommertag
im Schatten unterm Baum
da liegt sie, da liegt sie
die Kleider zieht sie hoch
ihren Kopf zu schützen
so sagt sie, so sagt sie
vor des Mondes Strahlen.
39.
NAUKARAM
II Aum Yagnakaayaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
Am zweiten Tag begann der Lahiya sich Sorgen zu machen. Es war nicht so, daß Naukaram noch nie ein Treffen versäumt hatte. Einmal war er erkrankt, und ein anderes Mal hatte er ihm eine vermeintliche Beleidigung nachgetragen. Aber beide Male hatte der Lahiya Bescheid gewußt. Doch dieses Mal gab es keinen Grund für sein Ausbleiben. Er war in letzter Zeit mutloser als sonst gewesen, willenlos fast, schlaff. Das war das Problem mit den niederen Kasten, sie gaben leicht auf, wenn sie Widerständen begegneten. Es war nicht angenehm, einen ganzen Tag am Straßenrand zu sitzen und auf jemanden zu warten. Inmitten dieser Schakale, die sich die Gelegenheit nicht entgehen ließen, ihn zu verspotten. Sie konnten es nicht verkraften, daß er seit Wochen einen Kunden hatte, der ihn täglich aufsuchte, zu dieser Jahreszeit, in der ein Auftrag in der Woche als ein Segen galt. Eine Angst bemächtigte sich seiner. Was wäre, wenn Naukaram verschwinden würde. Wenn der Bericht jetzt abbräche. Das würde die Geschichte verstümmeln. Das durfte nicht geschehen, sie waren fast am Ende. Jetzt abzubrechen, das wäre schrecklich. Er war von der Intensität seiner Furcht überrascht. Sie richtete ihn auf. Am Nachmittag beschloß er, Naukaram zu suchen. Keine leichte Aufgabe. Er wußte nicht, wo er wohnte, er wußte nur, er war bei Verwandten nahe dem Sarkaarvaadaa-Palast untergebracht. Er fragte in allen Läden des Viertels nach. Kennen Sie einen hochgewachsenen, gebeugten Mann, der als Diener bei einem Firengi gearbeitet hat? Kennen Sie jenen, der Naukaram heißt? Keiner kannte ihn. Als er ihn schließlich doch fand, war es dem Zufall zu danken. Er kehrte in eine Maikhanna ein, weil der Durst ihn quälte und seine Füße schmerzten. Bevor er etwas bestellen konnte, sah er eine vertraute Gestalt. Naukaram, der alleine an einem Tisch saß und kaum noch bei Sinnen war.
— Ich dachte, Sie trinken keinen Daaru.
— Außergewöhnliche Tage erfordern außergewöhnliche Getränke.
— Was ist geschehen?
— Nichts. Ich bin am Ende. Nur das.
— Wieso am Ende?
— Es geht Sie nichts an. Unsere Zusammenarbeit, wie soll ich es sagen, sie ist zu Ende.
— Sie wollen nicht mehr?
— Ich kann nicht mehr. Ich bin ein Mann ohne Wert. Ich habe keine Rupie mehr. Nur Schulden.
— Bei wem?
— Ich bin von einem Bruder zum anderen gelaufen, von Maamaa zu Kaakaa. Jetzt leiht mir keiner mehr was, und diejenigen, die mir etwas leihen könnten, die wollen zuerst das Geld zurückhaben, das sie mir schon geliehen haben. Ich bin bei fast allen verschuldet, verstehen Sie. Weil es so lange dauert mit diesem Brief, der keiner ist.
— Sie können jetzt nicht aufgeben.
— Du! Du hast die Geschichte in die Länge gezogen, um mich zu schröpfen. Du hast mich ausgeraubt. Ich mußte mir Geld ausleihen. Ich habe die Sachen verpfändet, die ich aus Europa mitgebracht habe. Ich habe bei meinen Verwandten gebettelt, um dein Honorar zusammenzukratzen. Du hast mich an der Nase herumgeführt. Ich bin bei der ganzen Stadt verschuldet, und was habe ich dafür bekommen, nichts, nichts in den Händen. Außer einem Schrieb, den keiner lesen will.
— Sie können jetzt nicht aufgeben. Hören Sie mir zu, wenn man so weit gekommen ist, muß man die Sache zu Ende bringen. Sie erinnern mich an einen Mann, der vor Jahren beim Diebstahl erwischt wurde. Der Richter bot ihm an, sich die Strafe selber auszusuchen: entweder ein Kilo Salz zu essen, hundert Stockhiebe zu erhalten oder eine Geldstrafe.
— Der Schwätzer bist jetzt du.
— Der Dieb entschied sich für das Salz, er aß und aß, er quälte sich, und als er fast alles aufgegessen hatte, da bildete er sich ein, er könne keine einzige Prise mehr essen, und er rief aus, genug, genug von dem Salz, ich will doch lieber die Stockhiebe auf mich nehmen. Er wurde geschlagen, neunzigmal, oder fünfundneunzigmal, da bildete er sich ein, er könne keinen einzigen Schlag mehr ertragen, und er rief aus, genug, genug von den Schlägen, laßt mich bitte die Geldstrafe zahlen.
— Schlauer Lahiya. Der dumme Diener, der nichts versteht. Du kannst lesen und schreiben. Du bist Brahmane.
— Wenn Sie kein Geld mehr haben, das macht nichts, ich stunde es Ihnen.
— So großzügig, auf einmal. Vier Rupien werden nicht ausreichen, fürchte ich. Erinnerst du dich daran? Mindestens acht Rupien noch.
— Lassen Sie uns diese alten Geschichten nicht aufwärmen. Es ist mein Beruf.
— Ein ehrenwerter Beruf, wenn es je einen gegeben hat. Der ehrenwerte Lahiya. So viele Bedürftige, die er ausnutzen kann. Es ist zum Aufschreien.
— Ich bitte Sie. Es wird Ihnen guttun, wenn Sie sich die Geschichte, die ganze Geschichte, vom Herzen geredet haben. Vergessen wir das Geld.
— Willst du mir etwa alles zurückerstatten?
— Ihre Geschichte, sie ist mir wirklich ans Herz gewachsen, wie ich es Ihnen schon einmal gesagt habe. Ich werde das Papier und die Tinte zur Verfügung stellen, Sie müssen nur noch einige Tage Geduld aufbringen. Und am Ende werde ich Ihnen ein Schreiben überreichen, wie es noch nie ein Diener in den Händen gehalten hat.
— Das reicht mir nicht. Das ist nicht gut genug. Du mußt schon was Besseres anbieten.
— Gut, hören Sie zu, mein allerletztes Angebot.
— Da bin ich aber gespannt.
40.
OHNE VERGLEICH
An dem Tag, an dem sie erkrankte, bat Kundalini Burton, sie zu heiraten. Er hatte das bleiche, hagere Gesicht ihrer Nervosität zugeschrieben. Er fühlte sich überrumpelt, und im nachhinein sah er sich selbst, in seiner erbärmlichen Reaktion, als unwürdig an, unwürdig, sie jemals verdient zu haben. Er verhedderte sich in Ausflüchten. Sie unterbrach ihn mit einem bitteren Lachen. Keine Sorge, mein Herr, wir werden weder viermal um das heilige Feuer noch zum Altar schreiten. Mein Wunsch betrifft allein die Gandharva- vivaaha, eine bescheidene Zeremonie, zu der es nur unserer Übereinkunft bedarf und zweier Girlanden, daß wir zusammenbleiben werden, solange wir zusammenbleiben wollen. Es ist eine Zeremonie des Selbstverständlichen. Wir benötigen für diesen Akt nicht einmal die Hilfe Dritter, die Gandharva, die himmlischen Minnesänger, werden für uns Zeugnis ablegen. Was ist das für ein Unfug, sagte er, was bringt dir so eine Übereinkunft? Sie flehte ihn an, es war ihr wichtig. Ich darf keinen Sterblichen heiraten, erklärte sie. Wieso nicht? Das kann ich dir nicht sagen, es ist eine Sache des Glaubens, der Hingabe an einen Tempel. Er gab sich unverständig. Sie flehte ihn an mit matten Augen. Es ist so, als sei ich schon verheiratet, mit einer Gottheit, mehr kann ich dir nicht sagen. Aber du darfst trotzdem diese zweite Heirat eingehen? Es wäre für mich eine Befreiung, du kannst es jetzt nicht verstehen, aber wenn du mir vertraust, ich verspreche dir, dann wirst du es verstehen. Er hätte sie beruhigen sollen, sofort zusagen, er hätte den flehenden matten Blick mit einem ›Ja‹ erfreuen sollen, aber er war von dem Wunsch besessen, die Starre in ihrem Verhältnis aufzubrechen. Er war zu sehr damit beschäftigt, die Situation auszunutzen, um sie richtig einschätzen zu können. Im nachhinein zerfraßen ihn die Reue und die Unsicherheit, und er fragte sich, ob sie geahnt hatte, wie krank sie war, ob er ihre Erkrankung sogar verschlimmert hatte, als er ihr beschied, bald Antwort zu geben, obwohl die Antwort bereitlag. Hätte er ihr Leben gerettet, wenn sie sich gleich vermählt hätten mit den Minnesängern als Zeugen? Es war Ausdruck seiner Verwirrung, daß er so etwas überhaupt für möglich hielt.
41.
NAUKARAM
II Aum Amitaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Ich habe sie gefunden. Das war ungerecht. Ich mußte ihre Hände zusammenlegen. Als ich Burton Saheb rufen ließ, hatte ich die häßlichsten Spuren schon entfernt. Er wollte sofort den alten Arzt rufen. Ich weiß nicht, wie oft ich ›Sie ist tot‹ wiederholen mußte, bis er es begriff. Er setzte sich an den Bettrand und stand stundenlang nicht mehr auf. Ich mußte die praktischen Dinge erledigen. Wer hätte sie sonst erledigt? Und das erwies sich als schwierig, wir hatten es nicht bedacht. Sie haben sich geweigert, sie zu verbrennen.
— Wer?
— Die Priester. Burton Saheb war fassungslos. So zornig, ich dachte, er würde die Verbrennung mit vorgehaltener Waffe erzwingen. Ich wollte ihm den Grund verschweigen, ich umging seine Fragen, er trieb mich in die Ecke, schließlich mußte ich ihm sagen, daß es eine Frage der Reinheit war. Ob sie wegen der Beziehung zu ihm als unrein gelte. Ja, sagte ich, auch deswegen.
— Sie haben eine Lösung gefunden?
— Ich traf einen Mann, in der Nähe der Verbrennungsstätte. Einer der Aussätzigen, die sich dort herumtrieben. Sein halbes Gesicht war weggefressen, sogar eine Hälfte seiner Zunge. Sein Anblick war nicht zu ertragen. Er redete mit einer Stimme, die bei lebendigem Leibe gehäutet wurde. Hast du dich verlaufen, Jungchen? Ich wollte davoneilen. Doch ich blieb stehen. Frag mich nicht, wieso. Ich erzählte ihm sogar von unserer Sorge. Wir werden euch helfen, sagte er. Bringt den Leichnam hierher, in der Nacht, wenn alle schlafen, und wir werden tun, was getan werden muß. Wir haben einen Pujari, wenn euch so was wichtig ist. Selbst seine Spucke ist heiliger als die Heuchler, die euch weggeschickt haben. Die verkriechen sich nachts, da müssen sie verspeisen, was sie tagsüber erbeutet haben. Nie habe ich Hilfe so ungern angenommen. Wir hatten keine andere Wahl. Es war ein guter Vorschlag, wenn auch mit drohender Stimme vorgetragen. Es hat lange gedauert, bis ich Burton Saheb überzeugt hatte. Bis er verstanden hatte, daß uns nichts anderes übrigblieb. Sein ganzer Einfluß und seine ganze Macht waren nutzlos. Ich wollte unter den Dienern nach Freiwilligen suchen, die uns helfen würden, ihre Leiche zum Fluß zu tragen. Er hielt mich zurück. Wir beide werden das tun, sagte er. Nur wir beide. Das ist unsere Pflicht. Wir wickelten sie in einige Tücher. Wir warteten, bis sich alle schlafen gelegt hatten. Ich öffnete die Tür des Bubukhanna und das Tor zur Straße, wir packten sie, ich an den Beinen, Burton Saheb am Kopf, und wir gingen los …
Der Lahiya schrieb alles mit, Zeile um Zeile füllte sich mit Naukarams Bericht, und zwischen den Zeilen flatterten seine Gedanken, entfernten sich von dieser faden Beschreibung. Sturm und Tod und Mitternacht und Verbrennungsstätte, was für eine Bühne, und dieser einfallslose Mensch beschrieb es wie ein Inventar. Wo waren die Nackten, die Schamlosen, die überquellende Töpfe mit Juwelen bewachen, vergraben von knorzigen Gierhälsen, denen der Geiz jegliche Angst geraubt hat? Wo war der Yogi, der mit zwei Schienbeinknochen auf einem Schädel grausige Festtagsmusik spielt? Der Lahiya hörte kaum noch zu, er konnte es nicht abwarten, sich zu verabschieden. Er eilte nach Hause, wischte den Gruß seiner Frau zur Seite, zog sich sofort in das zweite Zimmer zurück, in Sorge, auch nur eine einzige seiner vielen Ideen könnte sich verflüchtigen, bevor er sie niedergeschrieben hatte. Hastig notierte er das erste Bild, das ihm eingefallen war, zeichnete bisterfarbige Wolken, die über die Hochebene des Firmaments rollten, unförmig wie plumpe Ungeheuer. Und vor ihnen, im Mittelpunkt, zwei Männer, ein Herr und sein Diener, beide Fremde an diesem Ort, in dieser Nacht, beide miteinander verbunden auf mehr Wegen, als sie es wissen, als sie es sich eingestehen mögen. Sie schleppen schwer an einem Leichnam, an der verstorbenen Geliebten, ihrer Geliebten. Die Sichel des Mondes ist nicht heller als der Stoßzahn eines Elefanten, der aus einem Schlammloch steigt. Der Herr hievt den Leichnam über seine Schulter, er ist ein starker Mann, der selbst das Gewicht verflossener Liebe durch einen Sturm schleppen kann. Der andere, der Diener, sucht nach dem Pfad, mit unsicheren Schritten, als erwarte er, jeden Augenblick zu stolpern. Es beginnt zu regnen. Der Boden des Weges glimmert, ein schauriges Weiß. Ein ferner Lichtstrahl bricht durch alle Geflechte, wie ein Strich aus Gold, der über die dunkle Oberfläche eines Probiersteins ädert. Die beiden Männer folgen diesem Lichtstrahl, sei es, weil nichts anderes leuchtet, sei es, weil der Diener ahnt, daß es die einäschernden Feuer der Verbrennungsstätte sind, die so fragend die Nacht durchdringen. Sie erreichen die Smashaana, eine offene Fläche neben dem Fluß, ein Ort, der selbst tagsüber zu meiden ist. Verlassen, so scheint es den beiden Männern im ersten Augenblick, und der Diener wundert sich, ob er einem häßlichen Scherz aufgesessen ist. Doch der Gestank des Todes steigt aus der Erde. Der Diener bleibt zögerlich stehen. Wie würde er sich jemals von der Beschmutzung befreien können, nachdem er diesen unreinen Boden betreten hat? Der Herr hingegen, den die Unwissenheit schützt, geht weiter, die Leiche beschwert seinen Gang, er tritt auf liegengebliebene Knochen, ein Geräusch, so als würden die Zähne eines Ungeheuers knirschen. Der Diener zieht sich ein Ende seines Turbans über den Mund und folgt. Vor ihnen flackern die gespenstischen, düsterroten Flammen, als seien sie Schakale, die die kläglichen Überreste menschlichen Lebens verschlingen und abnagen bis auf die weißen Knochen. Über dem Feuer schweben flüchtige Gestalten, die zu prüfen haben, ob die Körper, von denen sie befreit worden sind, zu Asche verbrannt sind, in Wartestellung, bis der neue Körper, den sie bewohnen sollen, bereit ist, sie aufzunehmen. Es gibt auch jene, die in der Smashaana heimisch sind. Die Geister von heimtückisch Erschlagenen gehen umher mit blutenden Gliedern, gefolgt von den Skeletten ihrer Mörder, deren brüchige Knochen von einigen letzten Sehnen zusammengehalten werden. Derweil der Wind weiterjammert und der angeschwollene Fluß mit dem Blut aller Vergeblichen gurgelt. Die beiden Männer, die den Mut mehrerer Leben verbraucht haben, sind nicht allein. Am anderen Ende der Verbrennungsstätte sitzt eine Gruppe Elender zusammen, unter einer Plane, die vergeblich dem Wind und dem Regen trotzt. Mitten in der Gruppe sitzt der Mann mit dem halben Gesicht, neben ihm ein Stab, der fest im Boden steckt. Er ist gekleidet in einem ockerfarbenen Dhoti, sein Oberkörper nur von langen Haaren bedeckt, die in fettigen, verlausten Zöpfen herabfallen. Es ist das Haar eines Pferdes. Weiße Striche aus Kalk zäumen seinen Körper ein, und um die Hüfte trägt er ein Korsett aus Knochen. Wenn er sich nicht bewegt, ist er eine Statue. Er steht auf. Ihr seid da, sagt er. Es ist kein Willkommensgruß. Und das da wollt ihr loswerden. Sprich nicht so über sie, unterbricht ihn der Herr. Und der Diener wundert sich, ob er noch bei Verstand ist. Wir haben etwas Holz gehortet. Wir sind den Schattengewächsen zugetan, deswegen werden wir für die Verbrennung jener, die wir nicht kannten, die wir aber als eine von uns betrachten, Sandelholz beigeben. Ihr Abschied wird besser riechen als der Abschied eines Nagar Brahmanen. Der Herr legt den Leichnam auf den Boden. Nichts weiter wird von euch verlangt. Im Gegenteil, wir wollen, daß ihr verschwindet. Ihr seid unbrauchbar, es sei denn als Zeugen eures eigenen Albtraums.
42.
OHNE HINDERNISSE
— Ich war erstaunt, in der Bombay Times von letzter Woche zu lesen, was für Erfolge wir bei der Missionierung zu verzeichnen hätten.
— Angesichts der Umstände, Leutnant Awdry, stehen wir nicht schlecht da.
— Nicht schlecht? Na ja. Kann es noch schlechter bestellt sein?
— Wir dürfen nicht ungeduldig sein.
— Bien sûr, Geduld ist oberste Bürgerpflicht.
— Sie wollen nicht ernsthaft bezweifeln, daß es vorangeht? Langsam und bedächtig, das räume ich gerne ein.
— Reverend Posthumus, mir scheint, die bisherigen Resultate stehen im groben Mißverhältnis zu den eingesetzten Mitteln. Die Hindus, mit halb soviel Geld und in der halben Zeit, hätten bei uns doppelt so viele Konvertiten gewonnen.
— Das ist ja die Höhe, Mr. Burton!
— Blödsinn, Dick, du weißt doch selber, die Hindus konvertieren nicht.
Großes Dinner in der Messe. Zwischen zwei Vorsitzenden an beiden Enden eines langen Tisches, zwei alten Herren, deren Gehirne in der Hitze geschmolzen waren und die sich nur noch an das erinnern konnten, was ihnen am intensivsten eingeimpft worden war, an den Drill. Sie ließen nicht zu, daß ernsthafte Gespräche das Abendessen vergifteten, eine Selbstbeschränkung, der sie bei diesem Anlaß nicht gewachsen waren, denn der eine Alte hatte sich in den ersten Regentagen eine solide Erkältung zugezogen, er war von seinem Schniefen völlig in Beschlag genommen, und der andere hörte nur, wenn man in sein Ohr brüllte. Er lächelte über das angeregte Gespräch zwischen Richard Burton, Leutnant Ambrose Awdry und Reverend Walter Posthumus und schob sich ein gekochtes Stück Truthahn in den Mund.
— Weises Volk, weiser als wir. Freiwillige Missionierung? Das ist eine Contradictio in adjecto. Wieso waren die Portugiesen in Goa erfolgreich? Weil die katholische Kirche Heiden besser zu überzeugen weiß als die anglikanische? Mitnichten. Gibt nur eine Erklärung: Gewalt. Einsatz von Gewalt ohne Wenn und Aber. Vasco da Gama führte acht franziskanische Mönche und acht Kapläne mit sich. Sie sollten predigen, aber die Kardinäle haben vermutet, das Predigen würde wenig fruchten, Erfahrung macht gerissen, sie hatten verfügt, das Konvertieren dem Schwert zu überlassen. Noch vor seiner Landung in Kalikut hat der gute da Gama, der in seiner Heimat gerühmt wird für die Eroberung von Land und Seelen, ein ganzes Schiff mit moslemischen Pilgern in Brand gesetzt. Einmal gelandet, fackelte er nicht lange, wenn ihr den Kalauer verzeiht, er ließ alle aufmüpfigen Fischer erschießen. Im Handumdrehen kleideten sich die Inder wie Portugiesen, nahmen portugiesische Namen an, soffen mehr als die Portugiesen selber und rannten häufiger als diese zur heiligen Messe.
— Wir vertrauen hingegen dem Wort, der Botschaft.
— Sie kennen sich besser aus als ich, das ist evident, meine Herren, vielleicht können Sie mich aufklären, ich habe gehört, die portugiesischen Missionare hätten sich verkleidet. Angeblich sind sie als verwahrloste Einsiedler durch die Gegend gezogen. Sie sollen sogar ein Mischmasch aus Evangelium und einheimischen Legenden gepredigt haben.
— Das Masala-Evangelium.
— Und während der Prozessionen sollen sie auf den Palankins neben den Heiligen einige Hindugötter aufgestellt haben. Äußerst mysteriöse Angelegenheit …
— Blasphemisch, würde ich eher sagen!
— Nicht ohne Kunst, und nicht ohne Erfolg.
Leidlich interessant, dieses Gespräch. Man ist dankbar für jede Plauderblüte. Was hat er nicht gelitten bei dem letzten Dinner in der Messe, als irgendein Kerl ausgezeichnet werden sollte und der Brigadier die Laudatio hielt, in erdrückender Hitze, die Details einer Karriere, die so aufregend waren wie die Fliegen auf dem Tisch. Gelegentlich trat einer der Kedmutgars, der Turban groß wie eine Trophäe, nach vorne, um sie zu verscheuchen, und das Tuch schwirrte neben den gesenkten Köpfen jener, die entschlummert waren. Als der Brigadier das Ende seiner amtlich versteiften Lobhudelei erreicht hatte und das Hipp-Hipp für den Helden des Abends ausrief, fiel es auf schlaffe Ohren. Es dämmerten nicht nur die Üblichen vor sich hin, alle am Tisch waren eingenickt. Der Brigadier stand da mit hochrotem Kopf, und Burton sprang ihm zur Rettung bei, ein fast leeres Glas Madeira in der Hand, schrie er das Hurra aus voller Lunge, alle Köpfe rollten aus dem Schlummer heraus, die Gesichtsmuskeln flatterten herum wie Vögel, in deren Nest ein Stein geworfen worden war, und Burton grinste den Brigadier ermutigend an, das zweite Hipp-Hipp zu rufen, und als es ausblieb, stimmte er gleich den Gesang an, For He’s A Jolly Good Fellow, die anderen suchten krächzend und hustend nach Anschluß, der Brigadier stand am Ende des Tisches wie ein Oberbefehlshaber, dessen Truppen sich heillos auflösten, die Stimmen rannten sich über den Haufen, wahrlich, Nobody Can Deny, daß die letzte Zeile wie der gesamte verkorkte Abend beim Weggießen in alle Richtungen spritzte.
— Was zählt dieser Erfolg, wenn man die Säulen seines Glaubens aufgibt?
— Sie lassen sich lieber von den Heiden auslachen, weil der Stifter unseres Glaubens Sohn eines Badhahi war.
— Kommt es auf den Beruf von Josef an? Wir machen aus ihm einen Krieger, geben ihm irgendeinen anderen Beruf, egal welchen, nur nicht gerade einen, der zur niedrigsten Kaste gehört, ließe sich doch bestimmt einfacher predigen.
— Danke für Ihre Fürsorge, Burton. Wenn wir damit anfangen, können wir gleich die ganze Heilige Schrift umschreiben.
— Keine schlechte Idee. Nehmen wir an, Jesus wäre der Sohn eines Prinzen in Mathura, und der böse Maharaja ließe alle Kinder der Gegend umbringen, weil eine Prophezeiung ihm Unheil durch den um Mitternacht geborenen Heiland vorausgesagt hat …
— Sie treiben es zu weit.
— Langsam, mein Lieber, langsam.
— Die Fütterung der vielen, zweifelsohne eine imposante Leistung. Erheblich größeren Eindruck würden wir schinden, wenn Unser Jesus von Mathura das eine oder andere Ungeheuer besiegen könnte. Eine böse Schlange erwürgen. Das sollte doch möglich sein.
Bei diesen Dinners wurde zuviel Hammelfleisch gegessen. Rind war undenkbar, die Erklärung einfach: höhere Form von Kannibalismus. Schweinebraten war unvorstellbar, jeder von ihnen hatte schon einmal eines der Schweine im Basar gesehen — im Dreck suhlen war kein Ausdruck; zumal die Küchenjungen ausschließlich Moslems waren. Gelegentlich tauchte ein Schinken auf, von allen begehrt wie eine schöne Kusine, die auf die schiefe Bahn geraten war und daher in übertriebene Anständigkeit verkleidet werden mußte, weswegen der Schinken Wilayati Bakri geheißen wurde, europäisches Lamm, oder in anderen Worten: Unschuldslamm. Manch ein Hindu rührte selbstverständlich überhaupt kein Fleisch an, ein merkwürdiges Verhalten, für das der Brigadier eine einfache Erklärung bereithielt, die er zu Ehren und zum Nutzen jedes neuen Gastes wiederholte: Die Hindus glauben an Wiedergeburt, nicht wahr, und sie glauben, wer nicht richtig gelebt hat, wird als Tier wiedergeboren, so weit so klar, also haben sie Angst, wenn sie Fleisch essen, ihre eigene Großmutter aufzuessen, nicht wahr.
— Wieso benutzen wir nicht andere Mittel?
— Anstelle des Evangeliums, Ambrose?
— Nein. Anstelle von Predigt und Gewalt. Wir könnten die Zahl der Christen steigern, indem wir kostenloses Essen verteilen. Durch unsere Großzügigkeit würden wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die Menschen gesund ernähren und die Zahl der Christen steigern. Was meint ihr, was wäre ein erfolgreicher Koeffizient zwischen Reissäcken und Taufen?
— Funktioniert vielleicht, nur, überleg dir mal, welches Verteilungsnetzes es bedürfte, um all die Neuchristen bei der Stange zu halten. Nein! Wieso seid ihr alle so darauf erpicht, aus guten Heiden schlechte Christen zu machen? Glaubt ihr etwa, wir müssen die Hindus nur als Europäer oder Christen verkleiden und sie etwas trainieren, damit ihre Gedanken und Gefühle europäisch und christlich werden? Mumpitz. Wie ist es mit den Sepoy? Fühlen die sich nicht verdammt unwohl in dem dicken Stoff, in den wir sie hineingezwängt haben?
— Kaum gehen wir auseinander, legen die Knaben als allererstes die Uniform ab und ziehen sich eine luftige Kurta über. Was wissen wir über sie? Wir hätten kein Recht, erstaunt zu sein, wenn sie eines Tages ihre Waffen gegen uns richten, wir hätten kein Anrecht, fassungslos zu sein, nur weil wir uns einbilden, wir würden sie gut behandeln und hätten daher ihre Treue verdient.
— Und wie oft sehen Sie Ihre Schafe, Reverend? Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie diese Leute die restliche Zeit verbringen? Wie verhalten sie sich, wie reden sie über uns, was hecken sie aus?
— Ich fürchte, ich habe mich an diesen trunkenen Gesprächen satt gehört. Ich werde mich verabschieden.
— Hören Sie mir zu, Reverend. Unsere Macht beruht allein darauf, daß die Einheimischen eine hohe Meinung von uns und eine niedrige Meinung von sich selbst haben. Sobald sie uns näher kennenlernen, und das würde geschehen, wenn sie in Massen konvertieren, dann verlieren sie jeglichen Respekt. Sie überwinden ihr Minderwertigkeitsgefühl. Sie beginnen Widerstand zu leisten. Sie trauen sich einen Sieg zu, anstatt davon auszugehen, daß sie für alle Zeiten besiegt sind, wie es jetzt der Fall ist. In einer Generation könnten wir vor einem Desaster stehen. In einem sind wir uns doch einig: Wenn die Inder sich für einen einzigen Tag vereinen und mit einer einzigen Stimme sprechen könnten, dann würden sie uns wegfegen.
— Solange sie uns fürchten, besteht kein Grund zur Sorge?
— Angst führt zu Mißtrauen, Mißtrauen zu Falschheit. Der Schwächling und der Feigling wissen genau, wieso sie ihren Nachbarn nicht trauen.
— Völliger Quatsch! Wirklich, ich muß mich sehr wundern. Selbst wenn Sie aus politischer und militärischer Sicht recht haben sollten, so können wir die Heiden doch nicht der ewigen Verdammnis überlassen. Sollen wir ihnen unsere Zivilisation aus solch opportunistischen Gründen vorenthalten? Nein — die Missionierung wird voranschreiten, Sie werden sehen, und selbst wenn es ein Jahrhundert dauert, Britisch-Indien wird christlich werden, und erst dann wird dieses Land wirklich erblühen. Nun entschuldigen Sie mich bitte, meine Herren, Sie haben mich auf einen guten Gedanken für meine Sonntagspredigt gebracht.
43.
NAUKARAM
II Aum Avighnaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Er wußte nicht, daß sie früher eine Devadasi war?
— Nein.
— Er muß etwas vermutet haben?
— Nein. Bestimmt nicht.
— Dann hat also nichts seine Gefühle überschattet?
— Ich habe seine Gefühle erst zu spät erkannt. Ich habe unterschätzt, wieviel sie ihm bedeutet hat. Das wurde mir erst bewußt, als sie tot war.
— Er trauerte?
— Auf seine eigene schiefe Art. Er tat nichts wie andere Menschen. Als erste Aufgabe nach der Nacht ihrer Verbrennung sollte ich ihm Affen besorgen. Egal, was für Affen, im Gegenteil, es sei gut, wenn die Affen von unterschiedlicher Art seien oder unterschiedlichen Alters. Auch verschiedenen Geschlechts. Ich dachte, er würde verrückt werden. Ich konnte ein halbes Dutzend Affen auftreiben, zusammen mit einigen der anderen Diener brachte ich sie auf einem Karren zum Bungalow. Sie bellten, gackerten und jaulten, die Gärtner aller Häuser traten heraus, um uns zu begaffen. Ich habe mich so geschämt. Der nächste Befehl von Burton Saheb war der endgültige Beweis, er war verrückt geworden. Er verlangte, daß wir die Affen im Bubukhanna unterbringen. Dann teilte er mir mit, er erwarte an diesem Abend Besuch, ich solle für sechs Gäste decken lassen und dafür sorgen, daß die entsprechende Anzahl an Dienern aufwarte. Ich war dumm, ich bin nicht darauf gekommen, sechs und sechs zusammenzuzählen. Wie hätte ich auch vermuten können, was geschehen würde? Keiner von uns hat damit gerechnet.
— Das Ungewöhnliche erklärt sich immer erst im nachhinein.
— Zum Abendessen befahl er, wir sollen die Affen in das Haus bringen. Er stand an einem Ende des Tisches und begrüßte die Affen herzlich, wie alte Freunde. Keinem der anderen Offiziere hatte er je so einen Empfang bereitet. Er ließ sie auf den Stühlen am großen Eßtisch Platz nehmen und verkündete, er werde mit ihnen dinieren. Er stellte sie uns vor, auf englisch, die anderen Diener verstanden nichts. Sie waren vollauf damit beschäftigt, die Affen aufzugreifen und wieder auf die Stühle zu setzen. Der große Pavian, das sei Doktor Casamaijor, der kleinere Pavian sei Sekretär Routledge, beide in Begleitung ihrer Ehefrauen, ein dritter Affe wurde als Adjutant McCurdy vorgestellt, und der häßlichste Affe von allen war Pastor Posthumus. Ich lachte, so als würde ich mein Lachen aus einem angebrannten Topf herauskratzen, die anderen Diener lachten daraufhin mit. Eigentlich wollte ich mich abwenden, ich dachte, wenn ich den Scherz anerkenne, findet dieser Unsinn ein schnelleres Ende. Er aber schrie uns an, wir sollten gefälligst unseren Gästen aufwarten, er werde keine Insubordination dulden. Er drohte, uns alle aus dem Haus zu jagen, wenn wir seine Gäste nicht respektvoll behandelten, und ich merkte seiner Stimme an, wie ernst er es meinte. Ich bedeutete den Dienern, mit dem Auftischen des Abendessens zu beginnen. Natürlich blieben die Affen auch danach nicht auf ihren Stühlen sitzen, immer wieder mußte einer von ihnen aufgehoben und an seinen Platz zurückgebracht werden. Burton Saheb tat so, als merke er nichts davon, er spielte den Gastgeber, er redete auf sie ein, er diskutierte mit ihnen die neuesten Intrigen am Hof, es war so schwer, den eigenen Augen und Ohren zu trauen. Er wetterte gegen die Clique von Nagar-Brahmanen, die damals fast alle Berater des Maharaja stellte, alle Minister zumindest. Er spielte den Versuch der Angrezi durch, deren Vormachtstellung am Hofe zu durchbrechen. Er fragte seine Gäste nach ihrer Meinung, und wenn einer der Affen grunzte oder bellte, rief er entzückt aus: Hört, hört, meine Herren, meine Damen, was für eine bestechende Replik! Die Affen warfen das Besteck herum, sie verschütteten den Wein, sie tapsten mit ihren Pfoten in die Suppe, sie probierten einige Erbsen, dann bewarfen sie sich damit. Erst als der Braten kam, wurden sie etwas friedlicher. Es schmeckt, rief Burton Saheb aus. Halleluja, es möge ewig schmecken. Wir mußten ihn ins Bett tragen, so betrunken war er am Ende dieses Abends. Wir schämten uns für ihn, aber wir waren froh, diesen Wahnsinn überstanden zu haben. Wir wußten nicht, daß er sich jeden Abend wiederholen würde. Und jeden Abend betrank sich Burton Saheb, allein hätte er nicht in sein Bett gefunden. Es war so häßlich, was ich in diesen Tagen miterleben mußte, ich habe den Anblick kaum ausgehalten.
— Schlimmer noch als häßlich, es war gegen die Natur.
— Und es wurde noch schlimmer. Eines der Tiere war eine Äffin. Er hat behauptet, er habe sie dem Sekretär Routledge ausgespannt. Sie sei nun seine Geliebte, er schminkte sie, legte ihr Ohrringe an und eine Kette um ihren schrumpeligen Hals. Sie war so klein, wenn sie saß, verschwand sie unter der Tischkante. Er hat sich von einem der anderen Offiziere einen Kinderstuhl ausgeliehen, auf dem sie beim Essen Platz nehmen durfte. Er begann, sie Liebling zu nennen. Sie zu umgarnen. Er bezog den Kedmutgar mit ein, in seine Scharade. Er fragte ihn immer wieder: Ist sie nicht umwerfend? Ist sie nicht reizend? Soll ich sie nicht fragen, ob sie eine Schwester hat, für dich? Es war so entwürdigend, der Kedmutgar ist weggelaufen. Obwohl er keine andere Arbeit hatte.
— Und tagsüber, was hat er tagsüber mit den Affen gemacht?
— Er gab vor, ihre Sprache zu lernen. Er begann die Laute aufzuschreiben. Er fragte mich eines Tages nach meiner Meinung. Ob denn die Devanagari-Schrift oder die Gujarati-Schrift oder gar die lateinische Schrift am besten geeignet sei, die Sprache der Affen wiederzugeben.
— Upanitsche Saheb hat er bestimmt nicht danach gefragt.
— Nein, Sie haben recht. Wie kommen Sie darauf?
— So verrückt war er doch nicht. Er besaß Augenmaß für Respektlosigkeit. Ihnen gegenüber war er völlig unbeherrscht. Nicht hingegen vor dem Guruji. Was haben Sie ihm denn geantwortet?
— Ich habe geschwiegen. Ich schwieg in diesen Tagen. Mir scheint’s, sagte er, die chinesischen Zeichen wären höchst adäquat, was soll’s, ich kann jetzt nicht wegen dieser Primaten auch noch Mandarin lernen. Er hat ein kleines Wörterbuch ihrer Laute erstellt, er meinte, sechzig verschiedene Ausdrücke gesammelt zu haben. Er war stolz darauf. Er hat behauptet, sich mit den Affen bald unterhalten zu können.
44.
EMPFÄNGER ALLER REUE
— Ach, Naukaram, wir haben hohen Besuch. Wieso setzt du dich nicht zu uns.
— Verzeihen Sie, Burton Saheb, ich kann mich nicht zu Affen setzen.
— Was ist bloß los mit dir und deiner Gastbefreundung, Naukaram? Du bist mir kein Anker. Heute geht das so nicht.
— Lassen Sie mich, Saheb.
— Komm her!
— Ich trauere auch, Saheb.
— Um wen, Naukaram? Wir sitzen alle in der Scheiße, wie wir gerade festgestellt haben, wieder mal was verpaßt, hey, Naukaram, aber wir sind quietschfidelwohlgemut.
— Um sie.
— Um sie? Und wer mag diese Sie sein, diese geheimnisvolle?
— Um Kundalini, Saheb.
— Was flüsterst du da, mein lieber Mann. Ich meinte fast, Kundalini zu hören. Das kann nicht sein. Du? Wieso du? Für dich war sie doch nur eine, wie können wir das in Gegenwart dieser Damen apart formulieren, laß mich überlegen, eine Hure! Wie wäre es damit, eine Hure, die du mir andrehen konntest.
— Ich habe sie ins Haus geführt, weil sie mich beeindruckt hat.
— Sie hat ihn beeindruckt. Was sind wir gerührt.
— Sie hat mir gefallen.
— Als Frau, Naukaram? Als Frau?
— Ja, das hat sie. Und dieses Gefallen, es wurde stärker. In ihrer Gegenwart fühlte ich mich glücklich, und wenn sie wegging, war ich traurig und freute mich auf ihre Rückkehr. Sie wissen doch, wie sie war.
— Ich weiß es, ich weiß, wie sie war, ich weiß es besser als du. Du hast sie nur angeschaut, du hast ihre Stimme gehört, und sieh mal einer an, was sie für eine Wirkung auf dich hatte. Meine höchstverehrten Gäste, ich stelle Ihnen vor: einen verliebten Mann.
— Was wußten Sie über Kundalini, Saheb?
— Alles zu wissen ist kein Maß, ist kein Ziel. Wenn du so fragst, ich wußte genug über sie.
— Wissen Sie, wo sie hinging, wenn sie uns verließ?
— An den Festtagen, meinst du? Natürlich, zu ihrer Familie.
— Sie hatte keine Familie. Ihre Mutter hat sie als Mädchen an einen Tempel übergeben und nie wiedergesehen.
— Du täuschst dich, du hast etwas falsch verstanden. Das hätte sie mir erzählt.
— Das hätte sie? Wieso? Wieso sollte sie es Ihnen erzählen? Sie hatte Angst, Sie würden alles mißverstehen. Sie hatte Angst vor Ihnen.
— Du lügst. Mißverstehen? Was sollte ich mißverstehen? Sie hätte mein Mitgefühl gehabt.
— Vielleicht. Vielleicht aber auch Ihre Verachtung. Wer weiß das schon so genau im voraus?
— Wo war sie denn?
— Das sage ich Ihnen besser nicht.
— Naukaram! Ich werde dich noch heute abend aus dem Haus werfen. Das schwöre ich dir, vor all diesen Affen hier. Wo ist sie hingegangen?
— Sie hat den Tempel besucht, in dem sie aufgewachsen ist.
— Sie ist in einem Tempel aufgewachsen?
— Ja, bevor sie nach Baroda kam.
— Sie hat in dem Tempel gelebt?
— In einer Kammer, hinter dem Tempel.
— Und was hat sie dort getan?
— Gott gedient, Saheb. Sie war eine Dienerin Gottes.
— Und was sollte ich daran verachten?
— Ich kann nicht mehr sagen.
— Im Gegenteil. Du wirst mir alles sagen. Mach dir keine Sorgen, ich bin fast wieder nüchtern.
— Ich habe mehr Angst vor Ihnen, wenn Sie nüchtern sind.
— Was war da, im Tempel?
— Sie hat nicht nur Gott gedient. Sie hat auch dem Priester gedient.
— Was denn? Geputzt, gekocht?
— Nein, anders gedient.
— Du meinst als Frau? Willst du das sagen, wie ein Nautsch-Mädchen?
— So ähnlich.
— Das soll ich dir glauben?
— Es ist die Wahrheit, Saheb.
— Wie lange?
— Ich weiß es nicht.
— Als sie zurückging, hat sie mit dem Priester wieder …?
— Nein, das glaube ich nicht. Bestimmt nicht. Sie ist vor ihm weggelaufen, er hat sie schlecht behandelt. Deswegen kam sie nach Baroda.
— Du hast mir all das verschwiegen?
— Sie mußte zurück. Es war der einzige Ort, an dem sie sich geborgen fühlte, trotz des Priesters. Sie vermißte die Räume des Tempels, sie vermißte es, vor Gott zu sitzen, ihm Luft zuzufächeln. Es ist merkwürdig. Sie fühlte sich nur dort geborgen. Obwohl er sie so schlecht behandelt hat.
— Du hast mir nichts davon erzählt. Ich hätte Lust, dich auszupeitschen.
— Wie hätte ich annehmen sollen, Saheb, daß Sie nichts davon wußten. Sie waren doch viel besser mit ihr vertraut als ich. Ich kannte sie nur von den gemeinsamen Stunden in der Küche. Wir aßen manchmal zusammen. Manchmal saßen wir auf der Veranda, wenn Sie verreist waren. Sie wissen selber, wie selten das war. Wie hätte ich es mir anmaßen können, mit Ihnen über Geheimnisse zu sprechen, denen Sie näherstanden als ich.
45.
NAUKARAM
II Aum Devavrataaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Du hast alle Grenzen überschritten. Es ist unverzeihlich, was du getan hast. Wie konntest du meine Geheimnisse weitererzählen? Es war nur für deine Ohren bestimmt. Dürfen die Lahiya alles weitertragen? Dürfen sie auf dem Markt mit der Münze des Anvertrauten zahlen? Ich habe mich in dir getäuscht, du bist kein ehrenvoller Mann. Und als wäre das nicht schlimm genug, hast du auch noch Lügen über mich erzählt, Lügen, die mich in dieser Stadt vernichten werden.
— Was denn, was denn? Ich lüge nicht!
— Ich konnte es nicht glauben.
— Jemand hat mich verleumdet.
— Du lügst schon wieder. Ich habe es mit eigenen Ohren gehört. Der Sänger, er hat zuerst Bhajan gespielt. Doch dann hat er seine eigenen Verse gesungen, die waren alles andere als heilig, sie waren vulgär, sie sollten das Publikum belustigen. Er spottete über die Angrezi und die Sardarji, er spottete über einen lüsternen alten Mann, der in Liebe zu einer Wäscherin entbrannt ist und daher täglich seine Kleidung zum Waschen gibt. Es war dümmliches Zeug. Dann spottete er über einen Diener, der seinem Herrn verfallen ist. Über seine Liebe zu der Bubu des Herrn, einer Devadasi, die beide Männer ausgenutzt habe. Ich erstarrte. Zuerst dachte ich an einen Zufall, bis diese Erklärung nicht mehr möglich war. Ich erwartete, die Zuschauer würden sich gleich umdrehen und mich anstarren. Es war mir peinlich. Es tat mir weh. Aber es war nicht annähernd so peinlich und so schmerzhaft wie das, was dann folgte. Die Bubu, sang er vergnügt, er hatte so eine widerlich selbstverliebte Stimme, sie habe ein Kind bekommen, als der Herr unterwegs war für einige Monate. Sie habe das Neugeborene getötet, und der Diener habe ihr geholfen, es im Wald zu begraben.
— So etwas habe ich ihm nie erzählt.
— Du gestehst also, was er wußte, wußte er von dir.
— Er ist ein Freund, ich habe seinen Rat gesucht. Ich war mir nicht sicher, wie ich Ihre Geschichte weiterschreiben sollte. Es ist nicht so leicht, wie Sie es sich denken. Manchmal bin ich überfordert. Niemals habe ich etwas von einem toten Kind erwähnt. Nein, warte warte, mir fällt ein, der tote Affe, wissen Sie, den Burton Saheb selber begraben hat im Garten, das haben Sie mir erzählt. Vielleicht habe ich von dem Begräbnis des Affen gesprochen, Sie müssen zugeben, es ist das verrückte Ende eines großen Wahns, und als Vergleich, verstehen Sie, habe ich gesagt, er habe ihn begraben, so als sei er sein eigenes Kind. Ein harmloser Vergleich nur.
— Und dann, was noch für harmlose Vergleiche? Wer ist dafür verantwortlich. Wer?
— Wofür?
— Die Verse dieses Schakals, den du deinen Freund schimpfst. Sie endeten, ich habe nie in meinem Leben so eine Scham gespürt, sie endeten damit, der Diener habe die Bubu vergiftet. Weil sie seine Liebe nicht erwiderte, weil er sich vor Eifersucht verzehrte. Er hat ihr Leben genommen, weil er es nicht aushalten konnte, sie in den Armen seines Herrn zu sehen.
— Nein, nie würde ich so etwas sagen. Nicht einmal vermuten. Sie verwechseln etwas. Diese Geschichte, die mein Freund vorgetragen hat, es war gar nicht Ihre Geschichte. Vielleicht wurde er angeregt von dem, was ich ihm erzählt habe, das kann ich nicht leugnen, bestimmt wurde er davon angeregt, aber er hat sie zu seiner eigenen Geschichte gemacht.
— Auf meine Kosten.
— Was schadet es Ihnen, das Geschwätz eines Manbhatt?
— Wer kann die zwei Geschichten auseinanderhalten? Jeder, der ein wenig weiß von mir, wird dieses Wissen vermengen mit dem Gift der Verleumdung.
46.
SOHN ZWEIER MÜTTER
Als Burton das erste Mal von ihm hörte, war der Mann unter seinem Namen begraben, unter dem Namen, der alle Beschimpfungen zusammenfaßte, die sie in der Stadt über ihn häuften. Er hieß der Bastard von Baroda. Er war nur unter diesem Namen bekannt. Es war schwer vorstellbar, daß er jemals einen anderen Namen getragen hatte. Er war ein Aussätziger, mit dem keiner, der etwas auf sich hielt, Berührung gehabt hätte, wäre er nicht gelegentlich, wenn die amtlichen Übersetzer verreist waren, zu Gericht bestellt worden. Diese Aufgabe erledigte der Bastard mit Bravour. Er schien die Angeklagten, die unwillig an dieser Darbietung teilnahmen, zu beruhigen. Er wußte den Wünschen des Richters mit erstaunlichem Feingefühl zu entsprechen. Die einheimischen Dialekte flossen aus ihm heraus, sein grammatikalisch korrektes Englisch hingegen klang, als habe er es zu lange in sich unter Quarantäne gehalten. Denn der Bastard von Baroda hatte ansonsten keinen Umgang mit Briten. Nur vor Gericht verwendete er das Englisch, das ihm sein irischer Vater beigebracht hatte, der desertiert war und ihn irgendwo hinter der nordwestlichen Grenze mit einer einheimischen Frau gezeugt hatte. Die Verachtung, mit der einst sein Vater bedacht worden war, war auf ihn übergegangen. Mit einem nicht unerheblichen Unterschied. Während sein Vater sich den Verdammungen entzogen und alles in allem ein beglücktes Leben geführt hatte, war sein Sohn ihnen hilflos ausgeliefert. Burton begegnete dem Bastard von Baroda zufällig auf der Straße. Er erkannte ihn an seiner Kleidung, an dem wilden Durcheinander, von dem er schon gehört hatte. Kein anderer würde eine abgenutzte Armeejacke tragen, die Löcher gestopft mit Fetzen in allen Farben, über einem langen Pathani aus rauhem Stoff, auf dem Kopf eine zerlöcherte Melone. Um sein Hirn zu kühlen, lautete einer der Scherze. Burton zwang sein Pferd zu einem langsamen Trott, der die Schritte des Mannes einholte, und er sprach ihn an, auf Hindustani. Ohne aufzublicken, erwiderte der Fußgänger etwas auf englisch. Burton beharrte auf Hindustani. Sprechen Sie englisch mit mir, sagte der Mann barsch. Wieso? Weil ich Brite bin. Du? Burton war erstaunt über die Unverfrorenheit. Wer sich hierzulande alles Brite zu nennen traut. Du bist ein Bastard, sagte Burton, bevor er seinem Pferd wieder die Sporen gab, nicht unfreundlich, unter Ausschluß jeglicher Widerrede. Und wie alle Bastarde, dachte er sich, vereinst du in dir das Schlimmste von beiden Seiten. So ist das Gesetz der Natur, das Negative setzt sich durch.
Der Bastard schien entschlossen, Burtons Einschätzung durch sein Verhalten zu bestätigten. Zum Geburtstag der Königin tauchte er vor der Regimentsmesse auf und verlangte Einlaß. Alle ihre Bürger sollten das Recht haben, diesen festlichen Anlaß mit ihr zu feiern. Er konnte sich glücklich schätzen, daß er nur am Kragen gepackt und auf die Straße gesetzt wurde. Er gab nicht leicht auf, dieser Bastard. Kurz darauf hörte man in der Regimentsmesse einen Ausruf, und eine zweite Stimme bestätigte die laute Verwunderung. Meine Güte, das ist doch nicht zu fassen! Sie scharten sich um die Späher am Fenster und starrten auf eine geradezu diabolische Unverschämtheit. Der Bastard saß am Rande der Straße, wo der ausgeblichene Rasen begann. Er hatte ein weißes Tischtuch ausgebreitet, und er legte Geschirr aus, aus Keramik, mit Efeublättern gemustert.
Gott weiß, wo er das aufgegabelt hatte. Er schenkte sich aus einer Kanne mit Schwanenhals ein wenig Tee ein, sie sahen die dunkle Farbe, es war nicht der hellbraune Tschai, den diese Kerle ansonsten tranken. Er nahm den Henkel zwischen Daumen und Mittelfinger, mein Gott, er spreizte sogar den kleinen Finger, er beachtete nicht die Wachen, die um ihn herumstanden, die ihn anschrien, er schlürfte einen ersten Schluck. Die Teetasse wurde ihm aus der Hand geschlagen, der heiße Tee — ob aus Absicht oder unverschuldet — platschte einer der Wachen ins Gesicht. Die Tasse fiel zu Boden, sie brach nicht zugleich, sie wurde zerdrückt unter den Stiefeln der Wachen, die sich auf den schmächtigen Mann stürzten. Burton mußte mit einigen Kameraden hinauseilen, um zu verhindern, daß der Bastard totgeschlagen wurde. Er lag blutig inmitten der Scherben. Keiner wußte, wo der Bastard lebte, und es war undenkbar, ihn in die Messe hineinzutragen. Die Offiziere, die hinausgeeilt waren, standen eine Weile um ihn herum, dann machten sie kehrt, einer nach dem anderen, und zogen sich zur Feier des Tages zurück. Burton schielte immer wieder aus dem Fenster. Er konnte den Mann nicht dort draußen liegenlassen. Naukaram und einige der anderen Diener waren schnell gerufen. Sie trugen den Bastard zum Bungalow von Burton und legten ihn auf das Bett im Bubukhanna. Die Gegenwart der Affen würde den Ohnmächtigen nicht stören. Das Versprechen einer alten Flasche Port überzeugte den alten Huntington zu prüfen, ob nicht irgendwelche Knochen gebrochen waren, und einige Verbände anzulegen. Am nächsten Morgen war der Bastard verschwunden.
Von da an erschien er nicht mehr bei Gericht. Er verbrachte seine Tage an belebten Kreuzungen und predigte eine Wahrheit, die keiner verstand. Die Einheimischen ließen ihn in Ruhe, sie hießen ihn mit einer gehörigen Portion Respekt Qalander. Ein von Gott geküßter Narr. Eines frühen Morgens, an dem wichtigsten Markttag des Monats, kletterte er auf einen Baum an der Straße, die von Osten in die Stadt hineinführte, und schrie mit aller Kraft: Duniya chordo, Jesu Christo, pakro. Har har Mahadev. Entsagt der Welt und greift nach dem Heiland. Es lebe der Allmächtige. Alle Berichte sprachen ungläubig von der Ausdauer seiner Stimme. Er schrie diese Sätze noch immer, als die Händler am Nachmittag in die umliegenden Dörfer zurückkehrten. Niemand würde es wagen, das Verhalten eines Qalander vorherzusehen, und so überraschte es nur die Briten, daß der Bastard von Baroda eines Tages in einem Anzug herumlief, dessen Ärmel seine Hände schluckten und dessen Hosenenden über den Boden schleiften. Das Muster des Anzugs sah dem Union Jack bedenklich ähnlich. Eingehüllt in der Flagge Ihrer Majestät, stolzierte der Bastard einen Tag lang durch Baroda, er lungerte zum ersten Mal seit den Prügeln, die er am Geburtstag der Königin bezogen hatte, vor der Regimentsmesse, bis er verscheucht wurde. Nicht ohne zuvor ausgerufen zu haben, keiner könnte ihn schlagen, das wäre ein Affront gegen die Heiligkeit der Flagge, gegen die Werte, die mit dieser Flagge flatterten. Die Verwunderung wandelte sich in heftige Empörung, als eine Meldung aus Surat die Lösung des Rätsels herbeitrug. Mitten in der Nacht sei vor einigen Tagen der Union Jack von dem Mast am Eingang des Cantonment gestohlen worden. Es dauerte nicht lange, bis die ausgesandten Sepoys — die Entrüstung war nicht so heftig, daß es die Offiziere aus dem Schatten herausgetrieben hätte — den Bastard fanden. Keinen Augenblick zu spät, denn er war gerade damit beschäftigt, einen Fetzen der Flagge einem Straßenköter anzulegen, den er regelmäßig fütterte. Der Bastard wurde ins Gefängnis geworfen, und es gab nicht wenige, die der Ansicht waren, dort wäre er bestens aufgehoben, bis er das Antlitz der Welt von seiner Anwesenheit befreite. Burton war der einzige, der sich für ihn einsetzte, zur Verwunderung aller. Der Bastard solle freigelassen werden, argumentierte er, er sei nicht schuld an seinem Verderben, das hätten seine Eltern ihm in die Wiege gelegt, und anstatt über die arme Kreatur zu schimpfen, sollten sie alle lieber die Lehre aus diesem unappetitlichen Fall ziehen, daß nämlich das Blut des Westens sich nicht mit dem Blut des Ostens vermischen sollte, eine Mischung, die beide Seiten zerfetzt, meine Herren, wie unser Union Jack schmerzhaft erfahren mußte.
47.
NAUKARAM
II Aum Dvaimaturaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
Er mußte nur noch eine letzte Blöße bedecken. Nicht der Rede wert. Man konnte sagen, er war soweit. Der erste Teil seiner Dichtung war so gut wie vollendet. War es nicht an der Zeit, sich ein wenig Genugtuung zu gönnen? Hatte er Kundalini nicht zu einer wunderbaren Figur geformt? Sie mußte den Vergleich mit Shakuntala nicht scheuen, und er nicht mit … Nein. Das ging zu weit. Ihm war schwindlig. Er war solche Gedanken nicht gewohnt. Sie war betörend frisch, die Einsicht, was er geleistet hatte. Worüber mußte er sich noch klarwerden? Eigentlich nur über die Frage, wieso Kundalini dem Tempel übergeben wurde. Es muß sich um ein Versprechen gehandelt haben. Wann geben die Menschen solch maßlose Versprechen ab? Wenn sie sich ein Kind ersehnen. Ja, das war es, die einfachste, die eleganteste Lösung. Die Mutter von Kundalini war unfruchtbar, sie krallte sich an ihren Gebeten fest, und sie schwor, nicht einmal, nein, solche Schwüre werden tausendfach wiederholt, als sei Gott taub oder von schwachem Gedächtnis, wenn sie Kinder kriegen könnte, sie würde ihre erste Tochter Gott zur Braut geben. Der Gott, der ihre Gebete erhörte, erwies sich als bedingt großzügig. Er gab nur so viel, wie er später zurückerhalten würde. Er schenkte ihr ein einziges Kind, es war eine Tochter, und mit diesem Kind bezahlte die Mutter von Kundalini für das Geschenk ihres Kindes. Was für ein Gottesdienst! Was für ein Einfall! Ihm wurde noch schwindliger. Er war überaus zufrieden.
— Alle fragen nach dir, wo du bist, wie es dir geht. Was soll ich ihnen sagen?
— Hast du mich nicht verstanden?
— Ich habe kein Gesicht mehr, den Nachbarn entgegenzutreten.
— Schweig doch endlich.
— Die ganze Zeit sitzt du hier, mit den Blättern und der Feder, wenn ein Gast uns besucht, wieso kommst du nie heraus.
— Weil ich besseres zu tun habe.
— Verflucht sei dein Schreiben. Du hast keine Zeit mehr für irgend etwas anderes. Du hast deine Familie gegen diese Buchstaben eingetauscht. Ist das die großartige Erfindung, die aus Männern Einsiedler macht, einsam inmitten von Menschen?
— Du verstehst nicht, Eselin du. Immer mußte ich aufschreiben, was mir andere diktiert haben. Es waren immer trockene Briefe, trostlose Briefe. Bittgesuche, Eigentumsübertragungen. Ich formulierte, so geschickt ich konnte, manchmal schmückte ich die Schreiben ein wenig aus, aber stets blieb ich der Sklave fremder Absichten. Obwohl ich klüger war als diese Kunden, mußte ich ihren Blödsinn niederschreiben. Das ändert sich jetzt. Das hat sich schon geändert. Verstehst du nicht, wie wichtig das ist?
48.
SOHN DES SHIVA
Upanitsche wartete, bis es fast zu spät war, bevor er seinem Shishia das Wichtigste beibrachte, was er einem Fremden beibringen konnte. Er wartete damit bis zur Nacht des Shiva, bis der Geist von Burton vor lauter Schlaflosigkeit zu einer Ellipse verbogen war. Er wartete, bis die Huldigung Gottes fast vorbei war. Sie waren zum Tempel zurückgekehrt, nachdem sie Shiva über drei Hügel getragen und um Spenden gebeten hatten, jedesmal, wenn sie den Palankin absetzten. Die Menge war sich in ihren Gefühlen nicht einig gewesen. Die Träger umklammerten resolut die Pfähle, die Jungen verwandelten ihre Hingabe in einen kreisenden Tanz, der Spendeneintreiber bediente sich aller Mittel, um die Geldbeutel zu lockern, sogar eines derben Humors. Er schwitzte wie ein Conférencier, der seine Aufgabe genoß, obwohl er überfordert war; die restlichen Gläubigen rotierten um die Trage in verdichteter Ekstase. Guruji war zum Schlaf bereit. In einem weißen Unterhemd und Pajama. Haben Sie schon einmal von Adavaita gehört, mein Shishia? So wie er es sagte, sah sich Burton einem Mithaiwallah gegenüber, der ihm eine neue Süßigkeit offerierte. Der Tonfall täuschte, das wußte er inzwischen, der Ernst würde auf Zungenspitzen folgen. Adavaita bedeutet ganz einfach ›ohne Zweites‹. Hören Sie mir zu, mein Shishia, und sagen Sie mir dann, ob Sie jemals einen strengeren Gedanken gehört haben. Laut Adavaita existiert nichts außer einer einzigen Realität, deren Name unerheblich ist — Gott, das Unendliche, das Absolute, Brahman, Atman, wie wir es auch immer nennen möchten. Diese Realität verfügt über kein einziges Attribut, das sie definieren könnte. Auf jeden Versuch, sie zu beschreiben, müssen wir antworten: Nein! Wir können sagen, was es nicht ist, aber nicht, was es ist. Alles, was wie Existenz erscheint, die Welt unseres Geistes und unserer Sinne, ist nichts anderes als das Absolute unter einer falschen Konzeption. Das einzige, das unter dieser Flut von Phantomen des Egos existiert, ist das wahre Selbst, das Eine. Tat tvam asi, sagt Adavaita, du bist das! Deswegen, mein Shishia, und das ist das letzte, was ich Ihnen sagen werde, bevor wir uns schlafen legen, ist jeder Gedanke, der entzweit, ein Verstoß gegen die höchste Ordnung. Deswegen gilt es schon als Gewalt, wenn wir uns als Fremde ansehen, wenn wir uns als andere betrachten.
Upanitsche legte sich schlafen. In der Entfernung schlugen Becken aneinander mit einem hellen Klang. Die Bhajan würden die Nacht durchwachen. Burton schlummerte ein. Er wußte nicht, was ihn geweckt hatte. Er richtete sich auf. Blickte um sich. Dicht nebeneinander lagen die Leiber, der gesamte Vorraum bedeckt von leichtem Schlaf. Er war einer dieser Leiber. Eine Hebung im Atem des Universums. Fast ein Nichts. Um wieviel tröstlicher zu glauben, daß er alles war und alles in ihm war. Diese Menschen waren stets in der Masse aufgehoben, sie schliefen jede Nacht unter vielen anderen, sie waren es gewohnt, einer von vielen Leibern auf unebenem Boden zu sein. Er horchte auf. Der Ton eines neuen Bhajan erklang. Weitere Stimmen schlossen sich dem Gesang an, begleitet von Ausrufen des Entzückens und von Händen, die nach vorne stießen. In die Pause, in den neunten Schlag der Tabla. Derweil Gott gekühlt wurde von einem feinen Wasserstrahl. So leise, er konnte ihn nur hören in dem stummen Schlag. Stundenlang hatten sie neben dem Strahl gesessen. Wiederholen Sie die Namen Gottes, hatte Guruji geraten, damit Ihnen nicht kalt wird im Kopf, mein Shishia. Burton verstand nicht genug Sanskrit, die Litaneien ermüdeten ihn. Seine Aufmerksamkeit nahm die Umgebung unter die Lupe. Die Lieblingsblume der Gottheit, verstreut auf dem Boden, eine dreiblättrige Wandlung. Die Schwielen an den Füßen des Pujari. Ein Härchen, das noch nicht weiß geworden war, auf dem Haupt von Guruji. Als es vorbei war, nach sechs Stunden, übertrug der Priester den Gläubigen die Verdienste, die er durch die Puja erworben hatte. Das Pragmatische im Glauben, umfassender als jedes anderes Gesetzbuch. In der Nacht von Shiva, in der vorhergehenden Nacht und an dem Tag zuvor, er gehörte so sehr dazu, ihn reizte die Vorstellung, für den Rest seines Lebens Teil dieser Familie, dieses Ortes, dieser Rituale zu sein. Er erschrak über diese Lust. Betörend im ersten Augenblick, bedrohlich, sobald er in ihr verweilte. Er stand auf, umrundete den Tempel und setzte sich zu den Wachenden. Er sang einen Bhajan mit, seine Stimme die tiefste unter dem Vordach des Tempels. Zum Sonnenaufgang, als er sich am Fluß wusch, hörte er, wie einer der jungen Männer seinen Freund fragte: Woher kommt dieser Firengi? Wer weiß, was er zu Hause über uns erzählen wird. Was ist denn seine Gotra? fragte der Freund schlau.
Als Burton zu Hause in den Spiegel blickte, erkannte er sich selbst nicht wieder. Nicht wegen irgendeiner äußeren Veränderung, sondern weil er sich verwandelt fühlte.
49.
NAUKARAM
II Aum Ishaanaputraaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Ich habe dir schon klargemacht, daß die Leute im Sindh Miya sind. Die meisten von ihnen. Unsere Schreine wirkten fehl am Platz. Weil sie so selten waren. Ich muß dir sagen, die Ausnahme beschämt. Sie wirken so selbstverständlich bei uns. Dort nicht. Die übriggebliebenen Tempel waren in Grotten und Höhlen, die Girlanden vertrocknet. Die Göttin, Singhuvani hieß sie, sie sah aus wie Durga, sie war auf ihrem Löwen zu weit nach Westen geritten. Ich weiß, es ist unsinnig, was ich sage, aber so kam es mir vor. Es drängte mich, die Schreine einzupacken und nach Hause zu tragen. Ein verrückter Gedanke, ich weiß. In den Makli-Hügeln, die zerfressen sind von Grabmälern. Die Beschnittenen behaupten, dort läge eine Million ihrer Heiligen begraben. Sie übertreiben natürlich. Eine Million heilige Sulla? Wie kann das sein!
— Als ob wir nicht übertreiben würden.
— Wir übertreiben bei den Göttern, die übertreiben bei den Menschen.
— Ist dem so? Vielleicht liegt es daran, daß sich die Moslems nicht einen ganzen Zoo von Göttern halten.
— Auf wessen Seite stehst du eigentlich?
— Es gibt mehr als nur zwei Seiten. Wir sollten dieses Gestrüpp verlassen. Was wollten Sie mir über diese Hügel sagen?
– Überall waren Zeichen unserer Santano Dharma zu sehen. Nach so vielen Jahrhunderten der Unterdrückung. Zwischen den Grabmälern. Aufgerichtete Steine. Als ich näher kam, waren eindeutig die Shivlinga zu erkennen, zinnoberrot bestreut, genau wie bei uns. Und die Wasserbecken hatten die Form von Yonni. Daß die Gebeine dieser Beschnittenen inmitten von Shivlinga und Yonni liegen, das hat mich getröstet. Ich habe Schadenfreude empfunden.
— Wenn die Miya so schlimm sind, wie Sie behaupten, wieso haben sie die Shivlinga und Yonni nicht zerstört? Wer läßt so etwas schon gerne auf seinem Friedhof liegen?
— Was weiß ich. Die haben eine Million Gräber auf diesen Hügeln angelegt, und wir sollen uns darüber freuen, daß sie einige Shivas übriggelassen haben.
— Diese Heiligen, was waren das für Menschen, wie haben sie gewirkt, womit haben sie diese Verehrung verdient?
Naukaram rollte eine weitere Beschreibung aus, routiniert wie ein Stoffhändler, der das Muster in- und auswendig kennt und sich keiner Illusion hingibt, den Kunden sofort ködern zu können. In seiner Erzählung schwang etwas mit, das die Schöpferkraft des Lahiya anregte. Bis zum späten Nachmittag war die Anregung zu einer Idee ausgewachsen. Er zog sich nicht einmal um, seine Frau war glücklicherweise nicht zu Hause, er legte sich gleich ein frisches Blatt zurecht und tupfte seine Feder in die Tinte. Das Wunder, schrieb er, auf einem neuen Blatt, beginnt mit einer Gefahr, mit der Überwindung einer Gefahr. Mit einer unverstandenen Segnung. Einer einseitig verstandenen Segnung. Fischersleute auf einem Boot, die in einen Sturm geraten. Den Gewalten ausgeliefert, besinnen sie sich auf das Gebet. Zu wem beten sie, wen flehen sie um Hilfe an? Den heiligen Mann ihres Dorfes, den einzigen ihnen vertrauten Menschen, der von diesen Gewalten nicht eingeschüchtert ist. Sie werfen dem Sturm seinen Namen zu. Wie eine Empfehlung. Wie eine Losung. Sie werden gerettet. Der Sturm zieht sich zurück. Sie sind am Leben, dem heiligen Mann sei Dank. Wie sollten sie vermuten, Gott habe sich ihrer erbarmt, da sie Seiner so selten gedenken. Sie kehren in ihr Dorf zurück. Was haben sie zu erzählen? Von einem Sturm, der nicht zu ihrem Untergang führte. Von einem Wunder. Die Wellen warfen das kleine Boot umher, der Wind zerfetzte die Segel, sie wären verloren gewesen, hätten sie nicht den Namen des heiligen Mannes ausgerufen. Und sie schwören, seine Gestalt erschien vor ihnen, seine Stimme sprach ihnen Mut zu, seine Gegenwart linderte ihre Angst, besänftigte die Wut des Sturmes. Sie glauben an seine Erscheinung. Welche andere Erklärung könnte es geben für das Wunder ihres Überlebens. Und der heilige Mann? Wie reagiert er, wenn er von der Kraft hört, die ihm nachgesagt wird? Senkt er die Augen und lächelt entrückt? Läßt er seinen Schüler sagen, er habe die panischen Rufe der Fischer gehört und seinen Geist nach ihnen ausgestreckt? Werden die Fischer sich nicht dankbar erweisen? Auch mit Gaben. Werden sie nicht beim nächsten Auslaufen vorbeugend den heiligen Mann beschwören? Werden es ihnen Fischer anderer Dörfer nicht nachmachen, mit der Zeit? Wenn sie hören, daß die Fischer stets heil zurückkehren und mit gutem Fang. Der heilige Mann hat sich als Wundertäter bewährt. Habt ihr nicht gehört, das Boot ist gesunken, die Fischer waren verloren, doch der Heilige hat sie aus den Tiefen hochgeholt mit der kräftigen Hand seines Geistes. Habt ihr nicht gehört, er hat die Delphine ausgesandt, auf deren Rücken die Geretteten ans Land getragen wurden? Wer könnte solchen Wundern widersprechen? Was für einen Grund könnte es geben, diesen Wundern zu widersprechen?
Der Lahiya lehnte sich zurück. Er ruhte sich aus, eine kurze Weile, dann las er das Geschriebene noch einmal durch. Nützlich, dachte er, er wird es seinen Geistesbrüdern von der Satya Shodak Samaj zeigen. Sie werden es zu schätzen wissen. Es gab viele Schriften über Wunder und wenige über die Entstehung von Wundern. Dabei war diese wundersamer als die Wunder selbst.
50.
MIT GROSSEN OHREN
Diese Läden, sie sind unübersichtlich, zuerst, eine Ansammlung von Kleinigkeiten. Sie hängen herab, die hölzernen Löffel und die blechernen Töpfe, sie versperren einem den Blick, sie bedecken die Theke, die Streichhölzer und die Seifen, sie werden hin und her geschoben, wenn der Verkäufer einen Stift sucht, um zu addieren, was sich im Kopf nicht zusammenrechnen läßt. Sie stehen einem im Weg, die prallen Säcke voller Reis und Linsen und Kichererbsen, und die Körbe mit Gewürzen, und irgendwo dazwischen, wo man keinen Platz vermuten würde, häufen sich Süßigkeiten auf, stehen große Krüge mit Öl, aus denen abgegossen wird je nach Maß der Flasche, die der Käufer mitgebracht hat, und in dem grob zusammengezimmerten Regal an der hinteren Wand werden kostbarere Waren aufbewahrt, wie der feine Tabak, der bessere Tee, die Datteln aus Medina. Kein Käufer kann so einen Laden beim ersten Besuch erfassen; er wird viele Male zurückkehren und eher aus Höflichkeit denn aus Überzeugung fragen, ob denn auch Melasse vorhanden sei, und zu seinem Erstaunen wird der Verkäufer in eine Nische greifen, die bislang verborgen geblieben war, und die gewünschte Ware auf die Waage schütten. Der Bazzaz, der Verkäufer, der nicht aus dieser Stadt stammt, er hat seinen kleinen Laden erst vor kurzem eröffnet. Es spricht sich schnell herum, wofür es sich lohnt, seinen Dukaan aufzusuchen — wegen der Datteln, des Tabaks, des eingelegten Ingwers und der Süßigkeiten, und wegen des Bazzaz selber, ein vornehmer Mann, mit dem sich vorzüglich plaudern läßt. Er hat es nie eilig. Er ist nicht aus dieser Gegend. Vielleicht zeigt er sich deshalb so großzügig. Wenn er abwiegt, dann stets zugunsten des Käufers. Vor allem, ist euch das aufgefallen, bei den Frauen, wenn sie ihn eines Lächelns für würdig erachten. Mirza Abdullah, der Bazzaz, es heißt, er käme ursprünglich aus Bushire, teils Perser, teils Araber, ein Mann, der in so vielen Regionen aufgewachsen ist, der sein Geschäft durch so viele Gegenden getragen hat, daß er viele Sprachen kennt, doch keine einzige beherrscht. Manchmal vermischt er sogar die Sprachen. Wenn Kundschaft ausbleibt, spielt er Schach mit seinem Nachbarn. Er gewinnt meistens, obwohl er lieber schwatzt als nachdenkt. Er hört gerne zu, dieser Bazzaz. Seine Augen belohnen dich, wenn du ihm etwas erzählst. Du bist ihm dankbar dafür, daß er dich angehört hat. Du nimmst ihn mit — er hat den Sohn des Nachbarn gebeten, auf den Laden aufzupassen, er entlohnt ihn so prächtig, der Junge will nicht zur Tür hinaus — zu einem Treffen von Freunden nach dem Tarawih. Es ist die Jahreszeit für ernste Gespräche. Du nimmst ihn mit zu jenen, die Opium rauchen und Hanf trinken. Seine Gesellschaft ist angenehm, es ist Kayf, mit ihm irgendwo zu sitzen und die Zeit bis zum letzten Krümel zu rauchen. Wenn er eine Schwäche hat, dieser neue Freund, dann ist es sein Haß auf die Angrezi. Ein Mann muß ausgewogen urteilen. Er muß einschätzen können, was möglich ist. Er muß sich arrangieren können. Der Bazzaz begreift das nicht. Er flucht über die Ungläubigen, die das Land entehren, über die Parasiten, die das Blut des Landes aussaugen. Es sind nicht wenige, die seine Meinung teilen. Sie sitzen in enger Gemeinschaft und denken an Afghanistan. Sechzehntausend dieser Ungläubigen zogen sich aus Kabul zurück, nur ein einziger von ihnen erreichte Jalalabad. Das sind Zahlen, die mir gefallen, sagt ein Mann mit geweiteten Pupillen, der seine Wörter zermatscht wie zu lange gekochtes Daal. Geschah den Angrezi recht, fügt ein anderer hinzu, von mir aus hätten sie doppelt so viele Opfer bringen können. Was für ein Geschenk des Allmächtigen, daß auch sie einmal erfahren mußten, wie es ist, zu verlieren, wie es ist, erniedrigt zu werden, wie es ist, machtlos zu sein. Trotzdem, der Bazzaz meldet sich zum ersten Mal zu Wort, es war nur eine einmalige Katastrophe für sie, eine Ausnahme. Wir hingegen leben in der Katastrophe. Wenn der Sindh ein zweites Afghanistan werden könnte, unterbricht ein jüngerer Mann mit Pathos in der Stimme, wenn wir unser Land reinigen könnten mit dem Blut der Firengi. Vielleicht lernen sie dann ihre Lektion. Der Bazzaz nickt nur und streicht sich über den dichten Bart. Der Mann mit den erweiterten Pupillen, der redet nur daher, das ist allen bekannt, aber dieser junge Mann, wer weiß, an ihm ist einiges, das ausgelotet werden sollte. Einer von jenen, die bislang geschwiegen haben, erinnert an die Schlacht von Miani. Er hat erst wenige Züge zu sich genommen, er ist noch fahrig. Wir mußten fünftausend Tote beklagen. Gegen zweieinhalbtausend Angrezi. Wie kann es sein, daß die Opfer der einen Seite zahlreicher sind als die gesamte Armee des Gegners? So etwas sollte der Allmächtige nicht erlauben, das ist außerhalb der Spielregeln, die wir ertragen können. Rückwärtsgewandtes, leeres Geschwätz. Wie bei fast allen. Wie wenige sind bereit, zu handeln, zu kämpfen. Der Bazzaz ist nicht sehr wählerisch, was seine Gesellschaft betrifft. Er sucht sogar die Kuppler auf und erkauft sich einen Schatz an Gerüchten mit dem feinen Tabak, den er anbietet. Mulla Mohammed Hasan, der ranghöchste Minister von Kalat, ist in aller Munde. Er ficht eine persönliche Fehde gegen den Herrscher aus, gegen Mir Mehrab Khan. Er ist gerissen, er hat die Angrezi glauben lassen, der Khan intrigiere gegen ihre Interessen in Afghanistan. Die dummen Angrezi — so dumm sind sie nicht, Janab Saheb, wenn sie nicht nur uns besiegt haben, sondern neulich auch die Sikhs — sind ihm auf den Leim gegangen, sie haben Mir Mehrab Khan unter Druck gesetzt, und jetzt schlägt er zurück. Daher die regelmäßigen Überfälle. Er wird die Angrezi nicht offen herausfordern. Ich habe gehört, Janab Saheb, die Angrezi planen, gegen Karchat vorzugehen. Wenn der Plan bis zu dir vorgedrungen ist, kann er nicht sehr viel wert sein. Dann befindet sich bestimmt kein Kämpfer mehr in der Stadt. Ein vereitelter Plan, gewiß. Ich habe auch gehört, Muhtaram Khan vernimmt von den Plänen der Angrezi, kaum sind sie angedacht worden. Wieso nicht. Hast du geglaubt, der Verrat spare irgendeine Seite aus? Nein, ich frage mich nur, was den Angrezi angeboten wurde, womit hat man sie verführt? So ist er, dieser Mirza Abdullah, mit dem wir unsere Abende verbringen. Immer die entscheidende Frage auf der Zunge.
51.
NAUKARAM
II Aum Shurpakarnaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Immerzu wettern Sie über die Miya. Welchen Nutzen haben Sie davon, sie derart zu beleidigen?
— Sie beschneiden sich, damit sie sich von uns unterscheiden. Ich respektiere diesen Unterschied.
— Sie haben betont, Burton Saheb sei wie einer von ihnen gewesen. Also, ich verstehe nicht, wie hat er das vollbracht, ohne selber beschnitten zu sein?
— Nichts entgeht dir. Schlau wie ein Lahiya, so sollte es heißen. Burton Saheb hat manch einen Fehler begangen. Er hat sich öfter so benommen, wie ein Herr sich nicht benehmen sollte. Aber nichts war so unwürdig wie das. Ich konnte es nicht glauben. Er hat nicht einmal versucht, diese Schande vor mir geheimzuhalten. Stell dir das vor.
— Wer hat ihn beschnitten?
— Ich weiß es nicht.
— Es muß sehr weh getan haben. Als Erwachsener.
— Schreckliche Schmerzen. Mit Sicherheit. Er hat sich nichts anmerken lassen. Einige Wochen war er still, blieb die ganze Zeit im Zelt. Geschah ihm recht. Dummheit verdient kein Mitgefühl.
— Ob man sich als Mensch wohl ändert, wenn man beschnitten worden ist? Ob es Auswirkungen hat auf das Wesen, auf den Geist?
— Mir ist nichts aufgefallen. Aber seine Verkleidung, die funktionierte bestens. Er war selig. Die Bauern rannten nicht mehr weg, sobald sie seiner ansichtig wurden. Die jungen Frauen zogen sich nicht mehr in ihre Häuser zurück, wenn er sich auf dem Pferd näherte. Die Bettler bestürmten ihn nicht mehr mit ihren Leidensgeschichten. Sogar die Hunde kläfften ihn nicht mehr an.
— Die Beschneidung hat sich also gelohnt.
— So gesehen. Aber was für ein Opfer.
— Wieso bedeutet es Ihnen so viel?
— Ich habe viel darüber nachgedacht. Ich hatte Zeit. Die Beschneidung, sie ist nicht nur widerlich, sie ist unsinnig. Wieso hat Allah ihnen etwas geschenkt, das sie nicht brauchen? Wieso hat er ihre Körper mit etwas ausgestattet, daß sie bald nach der Geburt abschneiden müssen? Ergibt das einen Sinn? Wenn die Vorhaut etwas Unnötiges, etwas Schlechtes wäre, würde Allah sie nicht längst schon abgeschafft haben? Nein. Dies ist das beste Beispiel, wie unsinnig der Glaube dieser Miya ist. Und weil er so unsinnig ist, müssen sie ihn so aggressiv verteidigen.
52.
DER DAS BÖSE BESTRAFT
Bericht an General Napier
Geheim
Heute kann ich einen Erfolg vermelden, auf den wir uns einiges zugute halten können. Der Brauch des Badli, diese Pestbeule auf dem gestählten Körper unserer Justitia, ist ausgerottet worden. Wir haben zum ersten Mal in der Geschichte dieses Landes das Prinzip durchgesetzt, daß der Verurteilte und der Bestrafte ein und dieselbe Person sind. Die Wohlhabenden im Sindh werden unserem Rechtssystem zukünftig mit größerem Respekt entgegentreten, sie werden unsere Todesstrafe fürchten. Die erfolgreiche Lösung dieses Problems sollte unsere Augen für weitere Mißverständnisse öffnen. Wir sollten nicht in Selbstgefälligkeit verfallen, denn es wird noch sehr lange dauern, bis unsere Auffassung von Recht sich in jedem einheimischen Herz und jedem einheimischen Geist festgesetzt hat. Als Beispiel für die Herausforderungen, die uns noch bevorstehen, mag ein Fall aus dem oberen Sindh dienen, den ich dank einer glücklichen Fügung selber bezeugen kann. In Sukkur wurden fünf berüchtigte Räuber gefaßt, samt einem Teil der Beute, die sie ihren Opfern abgenommen hatten, bevor sie diese der Bequemlichkeit halber erdolchten. Die Beweise waren erdrückend, die Männer geständig. Sie wurden gehängt, und zur größeren Abschreckung am Galgen hängen gelassen, mit der strengen Order an die Wachen, auf gar keinen Fall zu erlauben, daß sich ihnen jemand nähert. Am nächsten Morgen kehrte der Offizier zurück, um zu überprüfen, ob seinem Befehl entsprochen worden war. (Ich begleitete ihn.) Zu unserer Verblüffung standen nur noch vier Galgen auf dem Hügel, dafür hingen, quasi zur Kompensation, von einem der verbleibenden Galgen zwei Leichen. Doch eine der beiden Leichen unterschied sich — in Kleidung sowie in einer weiteren, wenig appetitlichen Hinsicht — offenkundig von den anderen, den Leichen der Räuber. Die Wachen wurden sofort zur Rede gestellt. Sie gestanden, in der Nacht zuvor eingeschlafen zu sein und beim Aufwachen festgestellt zu haben, daß ihnen nicht nur einer der Galgen gestohlen worden war, sondern auch eine der Leichen. Bei dem verschwundenen Körper handelte es sich um den Leichnam des Anführers der Räuberbande, was zu verschiedenen Spekulationen Anlaß gab. Die Wachen hatten dann in ihrer Verwirrung, in ihrer Angst vor den Konsequenzen, den erstbesten Mann, der frühmorgens des Weges kam, ergriffen und ohne viel Federlesen aufgehängt. Der befehlshabende Offizier geriet in Rage, wie jeder normale Mensch, der sich mit etwas völlig Unbegreiflichem konfrontiert sieht. Seine Wut wurde weiter angestachelt durch das Verhalten der Wachen, die weder Scham noch Zweifel an den Tag legten. Der Offizier hielt ihnen eine lange Standpauke, mit bewundernswerter Inbrunst, wie ich bemerken muß, wenn auch mit geringem Erfolg, er beschwor sie, sie müßten ihre barbarische Mißachtung des menschlichen Lebens aufgeben, nun, da sie der höchsten Zivilisation auf Erden dienten. Nachdem er also Moral und Einsicht bemüht hatte, hielt er erschöpft inne, worauf sich einer der Wachhabenden zu Wort meldete. Leutnant, wir bitten um Verzeihung, aber wir haben im Gepäck dieses Reisenden etwas gefunden, das wir Ihnen zeigen möchten. Wir wurden zu einem Karren geführt, den wir bis dahin übersehen hatten, und einer der Wachen zog die Plane herunter. Vor uns lag ein verstümmelter Leichnam. Offensichtlich hatte der Reisende, den sie zufällig aufgeknüpft hatten, einen Meuchelmord begangen. Es fiel mir schwer, den Wachen die Schadenfreude zu verübeln, als sie verkündeten: Sagen Sie uns jetzt, wer ist der höchste Richter. Gott in seiner Allmacht und Unfehlbarkeit oder einer dieser schwitzenden Richter aus Ihrem Land, dem alle Einzelheiten des Falles übersetzt werden müssen, von Leuten, denen die Wahrheit profitabel ist. Ich übertreibe nicht, wenn ich feststelle, daß dem Offizier in diesem Augenblick nicht nur jeglicher Wind aus den Segeln genommen wurde, sondern er in eine Verzweiflung von unermeßlicher Tiefe fiel. Er schwor, diesen Kerlen nie wieder etwas beibringen zu wollen, und ich fürchte, er wird diesen Schwur einhalten. Ich überließ ihn seinen eigenen grimmigen Gedanken, denn ich wußte nicht, worin ich ihn bestärken sollte.
53.
NAUKARAM
II Aum Uddandaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Einmal nahm er mich mit. Nach Sehwan. Er war nicht in Verkleidung. Im Gegenteil. Ziel seines Besuches war es, herauszufinden, wie die Beschnittenen reagieren würden auf einen Offizier der Angrezi, der eines ihrer Heiligtümer aufsucht. Burton Saheb war der festen Überzeugung, die Gefahren, die beschworen wurden, seien in Wirklichkeit gering. Er war der Ansicht, du siehst daran, wie die Sympathie den Verstand ausschalten kann, die Beschnittenen seien zu Unrecht als aggressiv und unduldsam angesehen.
— Du nimmst das Ende schon vorweg?
— Ich will nur verhindern, daß du auf dumme Gedanken kommst. In Sehwan war das Grab des roten Falken. So heißt einer ihrer Derwische. Auf der Stätte eines Shiva-Tempels. Soviel Unverschämtheit sollte bestraft werden. Eines Tages müssen wir freilegen, was ursprünglich war. Dieser Heilige war ein Fremder. Er kam von irgendwoher, er hat sich in Sehwan festgesetzt, hat sich unter den Huren herumgetrieben. Soll Wunder gewirkt haben.
— Lehnen Sie Wunder grundsätzlich ab?
— Nein. Ich weiß, manche Sadhus beherrschen Kräfte, die wir nicht verstehen.
— Manche Derwische auch.
— Nicht diese Derwische. Ich bin dort nur Bettlern begegnet. Stinkigen Bettlern. Neun von zehn an diesem Ort waren Bettler.
— Wie bei unseren Tempeln.
— Unsere Sadhus erwarten geduldig die Spende, die wir ihnen geben. Bei den Beschnittenen, sie zerren an dir, sie lassen nicht von dir ab. Sie saßen überall, sie haben geraucht, ich weiß, wie die Sadhus, kein Unterschied, jeder hatte eine Chillum in der Hand. Sie haben gekrächzt, und was nicht auszuhalten war, das waren diese Rufe, die immer wieder ertönten. Mast qalandar, dieser Ruf. Ich kann ihn nicht mehr hören.
— Das verstehe ich. Das verstehe ich. Mir geht es ähnlich.
— Ja?
— Durchaus. Wir wohnen neben einem Tempel. Sita-Ram Sita-Ram Sita-RamRamRam, wenn ich das schon aus der Ferne höre, wird mir übel.
— Ich durchschaue dich. Deinen Trick. Du übertreibst die Gemeinsamkeiten und verschleierst die Unterschiede. Und damit soll alles gut sein?
— Es ist kein Trick. Ich blicke hinter den Trug, dem Sie aufgesessen sind.
— Du durchschaust alles? Wieso sitzen wir dann zusammen. Ich gehe jetzt.
— Beruhigen Sie sich. Es ist doch alles provisorisch. Wir streiten uns, als wäre irgend etwas endgültig klar. Kehren wir zu Ihrer Geschichte zurück. Ich werde nur schreiben. Aber lassen Sie ab von den Beschnittenen. So ein primitiver Haß, der ist Ihrer nicht würdig.
— Wissen Sie was? Sie haben nicht völlig unrecht. Ich muß Ihnen sagen, die Derwische, sie trugen irgendwelche Gewichte am Körper, um dem Leben mehr Mühe zu bereiten. Malang hießen sie, Gefangene Gottes, die schwere Ketten am Körper tragen. Das hat mich wahrlich an unsere Sadhus erinnert. Sie sehen, die Beschnittenen haben den Unfug von uns übernommen.
— Und Burton Saheb. Wie wurde er empfangen?
— Wie ein Freund. Ich gebe es ungern zu. Die Beschnittenen waren zuvorkommend. Sie haben ihn herumgeführt. Sie waren stolz auf sein Interesse. Nur an das Grab durfte er nicht heran. Aber das hat ihn nicht gestört. Er zwinkerte mir zu, als sie ihm das mit Bedauern sagten. Und nachher, auf dem Ritt zurück ins Lager, da sagte er, Mirza Abdullah werde dem Schrein einen Besuch abstatten müssen. Man sieht mehr, sagte er, wenn man zu zweit ist.
54.
ZUM RUHME UND ZUR EHRE
Der Muezzin hustete eine Kofta aus, die über Nacht in seinem Hals steckengeblieben war. Dann nahm er sich der ersten Silbe an und dehnte sie, genauso die zweite, als würde er das Band einer Schleuder ziehen, um den Schlaf der Menschen zu treffen. Burton hörte Füße klatschen auf dem Weg ins Bad. Er hatte schlecht geschlafen, lebhaft geträumt. Er hatte einen Mann von hinten gesehen, in einen Umhang eingewickelt, er stand an einem Grab in einer kargen Landschaft. Ein Hund, dem ein Bein fehlte, hinkte vorbei. Ein Name war in den Grabstein gemeißelt, Rich Barton, in krakeliger Schrift. Andere Menschen traten an das Grab, blickten still und ohne Regung auf den Grabstein. Ein jeder von ihnen fragte, wer ist dieser Mann, der hier begraben liegt? Keiner wußte eine Antwort darauf. Das ist traurig, sagten die Menschen. Und sie legten ein Tuch auf das Grab, bevor sie sich umdrehten. Weit weg vom Staub seiner Vorfahren, sagte einer von ihnen im Vorbeigehen. Nur der Mann, der in dem Überwurf eingewickelt war, verharrte an dem Grab. Er hob nicht einmal eine Hand, um dem Verstorbenen Tribut zu zollen, an den sich offenbar niemand mehr erinnerte. Wozu stand der Name auf dem Grabstein? Einer der jungen Männer des Hauses rief ihm zu, er könne sein Wazu vornehmen. Beten ist besser als schlafen, redete der Muezzin auf das Viertel ein. Beten ist besser als schlafen. Das erste Gebet des Tages war ein kurzes. Die spirituelle Form des kalten Wassers, das er sich ins Gesicht warf. Nicht nur, um aufzuwachen. Auch um aufrecht zu stehen, sich aufrichtig zu verneigen, die richtige Haltung anzunehmen für den Tag. Danach trank er einen Tee mit seinem Gastgeber. Mirza Aziz. Sie hatten sich angefreundet. Als Mirza Abdullah fuhr er seit Wochen die Ernte seines Charismas und seiner Geduld ein. Er wurde herumgereicht, von einem Haus zum nächsten. Ein Mann, der es verdiente, geehrt zu werden. Hat der Prophet, möge Gott ihm Frieden und Segen geben, nicht geraten: Sei in der Welt wie ein Reisender. Mirza Abdullah war dieser fremde Reisende. Er wußte inzwischen genau, wie er sich einschmeicheln konnte, welche Art Humor in welcher Dosis anregend wirkte. Er war schon von vielen aufgenommen worden, dieser noble Reisende, der die Kunst der Unterhaltung beherrschte. In dem ehrwürdigen Mirza Aziz, der sich ganz selbstverständlich mit ihm verbrüdert hatte, fand er den bestmöglichen Informanten. Verwandtschaftlich mit mehreren der wichtigsten Familien verbandelt, handelte er mit allem, auch mit Wissen. Burton bewunderte ihn. Und er wußte, er würde ihn eines Tages verraten müssen. Denn Mirza Aziz betrieb ein Wechselspiel, das den britischen Interessen schadete. Er war stets hervorragend informiert — Burton mußte noch herausfinden, woher — über die Pläne der Briten, und er verkaufte sie weiter, an die Rebellen in Belutschistan. All das war bislang reine Vermutung, konstruiert aus Andeutungen, die sich häuften. Er mußte ausharren, als sein umgarnter Gast, bis sein Verdacht sich verfestigt hatte — der General hielt nichts von Indizien. Ihm war nicht wohl dabei. Mirza Aziz war nicht nur ein Verschwörer, sondern auch ein Patrizier, der die schönsten Musikabende der Stadt abhielt. Burton zog an der Wasserpfeife und schloß seine Augen, um sich dem Gesang zu überlassen. Es würde lange dauern, bis er wirklich Bescheid wußte. Eine Strophe hakte sich in ihm fest. Man erschafft nicht die Sonne, wenn man den Vorhang zurückzieht. Die weibliche Stimme sang mit brüchiger Selbstgewißheit. Man erschafft nicht die Sonne, wenn man den Vorhang öffnet. Als Mirza Abdullah, der Bazzaz aus Bushire, fühlte sich Richard Burton dem Glück näher denn als Offizier der Ehrenwerten Ostindischen Gesellschaft.
55.
NAUKARAM
II Aum Yashaskaraaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Die Miya, sie behaupten, dieser Mohammed habe ihnen das göttliche Gesetz gegeben, aber man darf sie nicht fragen, wieso es so lückenhaft ist, das göttliche Gesetz. So lückenhaft, daß sie es ausfüllen müssen mit dem Brauchtum des Landes. Hör zu, jetzt wird es gepfeffert, denn dieses Brauchtum, es ist oft widerlich, es steht oft im Widerspruch zum göttlichen Gesetz.
— Wie sollte es anders sein, es ist ja ein menschliches Gesetz.
— Der schlechteste Zwirn wird benutzt, um den geweihten Stoff auszubessern. Wie soll das angehen?
— Was ich nicht verstehe, wenn alles an den Miya so unsinnig ist, wie erklären Sie sich, daß Burton Saheb, von dem Sie oft behauptet haben, er sei ein Mann des Wissens und der Bildung, sich zu diesem Glauben so hingezogen fühlte? Oder war alles, was er lernte, was er tat, nur von der Absicht getrieben, zu spionieren?
— Nein. Er hatte wirkliches Interesse, wirkliche Neigung. Es ist mir rätselhaft. Seine Lehrer, sie waren nicht annähernd so beeindruckend wie Upanitsche Saheb in Baroda. Er betete sogar mit den Miya, kannst du dir so etwas vorstellen? Der stolze Burton Saheb verneigte sich, wischte mit seinen Knien, mit seiner Stirn, den Boden. Es gibt keine Erklärung. Vielleicht, weil es ihm so leichtfiel. Wie kein anderer Mensch war er in der Lage, sich ohne Mühe in die Welt jedes anderen hineinzubegeben. Er konnte sich die Umgangsformen und die Werte der Menschen aneignen, die ihm gegenüberstanden. Ohne sich anzustrengen. Manchmal, ohne sich bewußt dafür zu entscheiden.
— Hatte er keine eigenen Werte? Keine Gesetze, von denen er überzeugt war?
— Er stand innerhalb seiner eigenen Gesetze. Doch — er erwartete völlige Treue. Er war erzürnt darüber, daß die Angrezi die Menschen, die auf ihrer Seite gekämpft hatten, alleine ließen, wenn sie sich zurückzogen. Wir haben uns den Ruf verdient, schimpfte er, einen Mann auszunutzen, wenn wir ihn brauchen, und ihn fallenzulassen, wenn er seine Nützlichkeit verloren hat. Wenn man einmal eine Allianz geschlossen hat, muß man zu ihr stehen, tobte er. Wir können nicht unsere Verbündete dem Schicksal überlassen, dem Exil, der Armut oder gar der Qual und dem Tod.
— Er hat die Widersprüche erkannt, mit denen wir alle leben, und er hat sie benannt.
— Alles war möglich, wenn er etwas tat.
— Er war wie das Wetter während des Monsuns.
– Überraschend. Oftmals völlig überraschend. Manchmal tat er genau das Gegenteil von dem, was er gepredigt hat. Er mokierte sich über das, was er zuvor für heilig erklärt hatte.
— Können Sie mir ein Beispiel geben.
— Haben wir nicht genug über ihn geredet?
— Bitte, ein letztes Beispiel.
— Als wir in Sehwan waren, da gruben in der Nähe einige Angrezi nach alten Wertschätzen, Überbleibseln eines Lagers von Iskander dem Großen. Sie waren hingebungsvoll, und etwas leichtgläubig. Und aus irgendeinem Grund ärgerten sie Burton Saheb. Das war es. Ich wußte nie, wann etwas seinen Groll erregen würde. Es hat keine Woche gedauert, da haben die Miya in dieser Gegend den Allesgläubigen gefälschte alte Münzen verkauft. Doch eines Tages mußten all jene, die im Lager Spott über die Grabenden ausgeschüttet hatten, ihre giftigen Worte zurücknehmen. Es wurde ein Fund gemacht: Tonscherben mit Abbildungen aus einem alten, untergegangenen Land der Firengi, das Etrusk hieß. Die Grabenden kamen in unser Lager, sie wollten ihren Erfolg vorzeigen. Ich schämte mich für sie, und ich schämte mich für Burton Saheb, der diese Tonscherben selber vor Sonnenaufgang in der Erde versteckt hatte.
— Warst du dabei?
— Nein, aber ich bin mir sicher.
— Wieso?
— Er besaß eine Vase, die verschwand zu jener Zeit. Sein Freund Scott Saheb hatte ihn auch in Verdacht, aber Burton Saheb beteuerte seine Unschuld. Er selber buddelte überall herum, er grub alles mögliche aus, aber er fand nichts dabei, seine groben Scherze mit denen zu treiben, die seine Leidenschaft teilten.
56.
DER HERR AM PLATZ
Niemand wäre auf die Idee gekommen, den General zu bemitleiden, obwohl er ein halber Krüppel war. Vielleicht lag es daran, daß weder sein Lob noch sein Tadel je Maß hielten? Er wurde angegriffen, an allen Flanken. Um so heftiger, je länger seine Herrschaft über den Sindh andauerte. Nachträglich wurden sogar seine Erfolge auf dem Schlachtfeld in Frage gestellt. Jene, die dabei waren, unterstützten ihn weiterhin ohne Vorbehalt, doch die vielen, die an den Ereignissen nur vom Hörensagen beteiligt waren, widersprachen seiner Darstellung bis ins letzte Detail. Der General verstand die elastischen Regeln politischer Ethik, aber er konnte sich nicht an einer gefälschten Moral beteiligen. Er rauchte nicht, er spielte nicht um Geld, er trank nicht — wieso leben Sie überhaupt, wollte Burton ihn einmal fragen, verbiß es sich jedoch —; er hatte schon in jungen Jahren den ersten Baustein seines schlechten Rufs gelegt, als er die Gefreiten seines Regiments mit der Peitsche von ihrer Trunksucht kurierte.
— Was haben Sie zu berichten?
— Ich kenne inzwischen einen der Mittelsmänner, der die Anführer der Belutschen umfassend mit Informationen versorgt. Aber ich weiß noch nicht, wie er an diese Informationen gelangt. Ich benötige noch Zeit.
— Solange der Aufstand nicht ausbricht, bevor Sie Ihre Untersuchung abgeschlossen haben.
— Die Lage scheint momentan ruhig zu sein.
— Wie werden die Nachrichten vermittelt?
— Meistens über Sidis.
— Sidis? Erklären Sie, Soldat, anstatt mit Begriffen um sich zu werfen.
— Nachfahren von Sklaven aus Ostafrika. Man trifft sie allenthalben mit riesigen Wasserhäuten auf ihrem Rücken, beladen mit Lasten, die sich für einen Büffel ziemen würden. Sie heißen oft Sidi als einzelne Person und Sidis als Gruppe.
— Wieso bedienen sich die Aufständischen gerade dieser Leute?
— Stehen außerhalb des Systems. Sind nicht in dieses Netz von Familie und Clan und Stamm eingebunden, das alles so schwierig macht.
— Beeilen Sie sich, Soldat. Ich würde diese Rätsel zu gerne bald knacken. Ich habe so ein Gefühl, ich werde nicht mehr lange hier sein.
— Im Sindh, Sir?
— Auf dieser Erde.
— Solche Gefühle täuschen meist.
— Ich lebe noch, weil es unsinnig ist.
— Sie meinen, Sir?
— Eine Kugel schlug in meine rechte Nasenseite ein und bohrte sich in den Kiefer oberhalb des Ohres. Ich lag auf dem Gras, und zwei Feldärzte mühten sich ab, die Kugel herauszuholen. Sie war tief in den Knochen eingegraben, und sosehr sie daran zogen, sie konnten sie nicht herauslösen. Auch nicht, nachdem sie ein drei Inch großes Loch in meine Wange geschnitten haben. Einer der beiden steckte seinen Daumen in meinen Mund und drückte, während der andere zog, und so sprang die Kugel schließlich heraus, samt jeder Menge Knochensplitter. Seitdem habe ich regelmäßig das Gefühl zu ersticken. Mein Bein, es ist gebrochen, mein Bruder hat es einigermaßen fest zusammengebunden, und es ist verheilt. Allerdings so schlecht, es mußte Jahre später wieder gebrochen und neu geschient werden. Es tut bei jedem Schritt weh. Und nachts kann ich wegen meines Rheumas nicht schlafen. Was für ein Sinn sollte sich aus alldem ergeben?
— Sie erledigen sinnvolle Arbeit.
— Wenn Sie das wirklich glauben, Soldat. Die Mehrheit scheint mich abgeschrieben zu haben.
— Sir, wenn ich eine delikate Frage an Sie richten dürfte.
— Schießen Sie los, Soldat.
— Die Verantwortung, die Ihnen aufgetragen ist, für ein Land, das so komplex ist, so unverständlich, so vielfältig, belastet Sie das nicht manchmal?
— Nein. Es stört mich nicht im geringsten. Macht auszuüben ist niemals unangenehm.
57.
NAUKARAM
II Aum Pramodaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Heute werde ich dir verraten, wie ich ihm das Leben gerettet habe. Du hast es dir verdient. Du hast geduldig gewartet. Bestimmt hast du dich vor Neugier verzehrt. Es begann damit, daß ich hörte, Burton Saheb sei im Gefängnis. Nein. Ich habe gehört, einige Gefolgsmänner von Mirza Aziz seien verhaftet worden. Ich wußte, daß Mirza Aziz ein Vertrauter von Burton Saheb war. Er hatte vorgehabt, einige Tage bei ihm zu verbringen. Und als er nicht zurückkehrte, folgerte ich, er sei vielleicht zusammen mit den anderen verhaftet worden.
— Als Offizier der Angrezi? Wie kann das sein?
— Genau. Deswegen habe ich zuerst seinen Hauptmann angesprochen. Der zeigte sich völlig gleichgültig. Leutnant Burton verschwindet doch regelmäßig, sagte er, was soll an diesem Verschwinden anders sein. Dann fiel mir ein, er war gekleidet wie ein Miya, und er konnte in Gegenwart der anderen nicht mit der Wahrheit herausrücken. Mirza Aziz hätte das Gesicht verloren, und Burton Saheb hätte sich in seiner Verkleidung für immer blamiert.
— Er hätte sich im Gefängnis zu erkennen geben können?
— Der Gedanke kam mir zuerst auch. Je länger ich nachdachte, desto größere Zweifel bekam ich. Wenn sie alle zusammen in einer Zelle waren, wenn er um ein Gespräch mit dem Wachhabenden unter vier Augen gebeten hätte, die anderen hätten vermutet, er wolle sie verraten. Daher, das erschien mir viel wahrscheinlicher, würde er einfach abwarten, bis sie alle freigelassen wurden. Mein Herr gehörte nicht zu jenen, die sich vor einer Nacht im Gefängnis fürchteten. Im Gegenteil, er würde auch diese Erfahrung auskosten.
— Es blieb nicht bei einer Nacht.
— Nach drei Tagen machte ich mir ernsthafte Sorgen. Ich wußte nicht, mit wem ich mich besprechen konnte. Hauptmann Scott war mit dem Trupp der Vermesser im oberen Sindh. Burton Saheb arbeitete schon seit längerem nicht mehr mit ihnen zusammen, weil seine Augen entzündet waren. Sonst wußte niemand Genaueres über seine Aktivitäten. Abgesehen vom General. Was hätte ich tun sollen? Sollte ich zum Hauptquartier gehen und um ein Treffen mit dem Herrscher des Sindh ersuchen? Ich wartete noch einen Tag ab. Dann ging ich zum Gefängnis. Die Angrezi hielten ihre Gegner in dem alten Fort auf einem Hügel östlich der Stadt gefangen. Ich muß Ihnen sagen, schon der Anblick war beängstigend, ein Bau wie ein Gebirge. Ich mußte vielen Stufen erklimmen. Das Tor, das nur auf einer Seite offen war, raubte mir den letzten Mut. Es war mit gewaltigen Eisenspitzen versehen, die den Elefanten trotzen sollten. Früher. Ein Schauder lief durch mich hindurch, als ich an ihnen vorbeiging. Ich mußte hinter dem Tor zwei gelangweilten Sepoy mein Anliegen vortragen. Ich ersuchte, den Kommandanten zu sprechen. Sie ließen mich nicht zu ihm vor. Ich sollte ihnen sagen, worum es ging. Ich weigerte mich. Ich fügte hinzu, ich sei Diener eines Angrezi, eines Offiziers. Schließlich brachten sie mich zu dem Kommandanten. Was für ein Zimmer er okkupierte! Die Fenster waren zwar klein, aber sie blickten über das ganze Land. Ich teilte ihm mit, aus Versehen sei ein Angrezi, ein Offizier sogar, verhaftet worden. Das wüßte er, antwortete der Offizier barsch. Vielleicht nicht, widersprach ich vorsichtig. Er ist ein Spion, in Camouflage. Sie würden ihn nicht erkennen. Er glaubte mir nicht. Mein Beharren aber, das beeindruckte ihn. Ich beschrieb Burton Saheb, bis hin zu der Kleidung, die er getragen hatte, als er aufbrach. Der Kommandant war gereizt, ich hatte ihn geködert. Das werden wir doch sehen, sagte er schließlich und richtete sich auf. Er hieß mich, am Tor zu warten. Nach einiger Zeit wurde ich wieder hineingerufen. Als ich erneut durch das schwere Tor schritt, zog sich mein Herz wieder zusammen, so als versuchte es durch einen Schlitz zu schlüpfen. Es ist so, wie ich vermutet habe, sagte der Kommandant. Der Mann, den du beschreibst, ist eindeutig kein Angrezi. Wie haben Sie das herausgefunden? platzte es aus mir heraus. Der Kommandant grinste. Wir haben ihn freundlich gebeten, sich auszuziehen. Er ist beschnitten, und außerdem spricht er kein einziges Wort unserer Sprache. Das gibt er nicht zu vor den anderen, wandte ich ein, und beschnitten ist er, weil er sich vor kurzem hat beschneiden lassen. Genau zu diesem Zweck. Unfug! Ein Engländer läßt sich nicht beschneiden. Mich interessiert vielmehr, was du mit diesen Lügen bezweckst. Die Stimme des Kommandanten klang schlimmer als jede Drohgebärde. Wir werden herausfinden müssen, was du im Schilde führst. Ich dachte, es sei um mich geschehen.
58.
DER UNBESIEGBARE
Es todelte. Die wenigen Felder waren bedeckt von einer dünnen Schicht weißer Asche, die einen unerklärlichen Glanz verbreitete, und die wenigen Pflanzen sprossen wie vereinzelte Bartstoppeln auf der runzligen Haut eines Greises. Das Wasser in den Flußbetten war zu einem schlammigen Gestank verdunstet. Die Bäume waren ausgedörrt. Mirza Abdullah ruhte sich aus, wie alle anderen auch. Es war kühler im Zimmer, der Körper schwer nach einem vorzüglichen Mittagsmahl. Schreie. Eine schmutzige Fährte in seinem Halbschlaf. Die Geräusche verdichteten sich zu einem Nebel. Sie waren zu laut für einen Albtraum, sie kamen näher. Die Tür sprang auf, einige Männer stürzten herein. Packten ihn an den Armen, warfen ihn zu Boden, traten ihn. Ein Schlag auf seinen Hinterkopf. Bevor er in Ohnmacht fiel, fühlte er noch die Hände, die ihn abtasteten. Es war glitschig unter ihm, kalt am Kopf. Es brauchte Zeit, bis er in der Dunkelheit seine Beine ertasten konnte. Wer ist hier noch? Seine Stimme war ihm nicht geheuer. Wie verkrustet.
— Aah, unser Freund ist aufgewacht.
— Wir sind gefangengenommen worden.
— Von wem?
— Hört ihr ihn? Wie gesegnet sind die Fremden in ihrer Ahnungslosigkeit. Von wem wohl? Von den Angrezi.
— Den Angrezi!
— Ja. Es gibt eine gute Nachricht. Mirza Aziz ist entkommen. Er hat sich als einziger nicht ausgeruht, als sie das Haus angriffen.
— Mashallah.
— Es gibt eine schlechte Nachricht. Weil Mirza Aziz entkommen ist, wollen die Angrezi wissen, wo er sich versteckt. Und sie werden uns quälen, bis sie es herausgefunden haben.
— Wissen wir es denn?
— Nein. Keiner von uns weiß es. Das wird uns nicht vor den Schmerzen bewahren. Doch bei Ihnen sieht es etwas anders aus. Sie könnten versuchen zu erklären, daß Sie auf der Durchreise sind, daß Sie aus Persien stammen, daß Sie nur zufällig in dem Haus von Mirza Aziz waren.
— Was wird es mir nutzen?
— Wenig, fürchte ich. Selbst wenn man Ihnen Glauben schenkt, die Vermutung liegt nahe, daß Sie in Verbindung zum Shah stehen.
— Es ist an der Zeit, für die Freundschaft mit Mirza Aziz zu zahlen.
Sie überließen sich wieder dem Schweigen. Sie konnten nicht einmal angemessen beten. Die Decke war zu niedrig, um sich aufzurichten. Sie wußten nichts über die Himmelsrichtungen. Ein Knarzen, ein Lichtschein. Eine Fackel, die zum ersten Mal den Raum, in dem sie sich befanden, ausleuchtete. Eine Zelle. Schwere Wände. Matschiger Reis auf einer Tawa, die von einem Sepoy in die Mitte gelegt wurde. Sie mußten mit ihren dreckigen Händen essen. Die Mitgefangenen blickten ihn prüfend an. Sie fragten sich wohl, ob sie sich auf ihn verlassen konnten. Bald brannte die Fackel aus. Es dauerte nicht lange, da wurde einer von ihnen herausgeholt. Er blieb lange weg. Sie wußten nicht, ob es Tag war oder Nacht. Als er zurückgebracht wurde, konnte er ihnen nicht erzählen, was mit ihm geschehen war. Die Angst engte die Zelle noch mehr ein.
59.
NAUKARAM
II Aum Durjayaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Der Kommandant nickte dem Sepoy hinter mir zu. Er hätte mich bestimmt geschlagen, wenn ich nicht vorgesorgt hätte. Ich hatte einen Beweis mitgenommen. Das war ein selten hellsichtiger Moment in meinem Leben. Bitte, schrie ich auf, einen Augenblick bitte, ich werde Ihnen etwas zeigen. Und ich griff in meinen Sack und holte die Uniform von Burton Saheb heraus. Und einige andere kleinere Sachen. Glauben Sie mir, ich lüge nicht, Sie können mich ausfragen, ich weiß über die 18. Infanterie Bescheid. Ich kenne die Namen der anderen Offiziere. Bitte, holen Sie ihn heraus, und fragen Sie ihn, wenn er alleine ist. Gut, sagte der Kommandant langsam. Aber du kommst mit. Zwei weitere Sepoys begleiteten uns in ein Zimmer mit nacktem Boden, in dem es kein einziges Möbelstück gab. Wenig später wurde Burton Saheb hereingeführt. Ich erschrak über sein Aussehen. Kennen Sie diesen Mann? Fragte ihn der Kommandant. Burton Saheb reagierte nicht. Der Kommandant ließ die Frage von einem der Sepoy übersetzen. Nein, sagte Burton Saheb, ohne zu zögern. Der Kommandant blickte mich mißtrauisch an, bevor er sich wieder Burton Saheb zuwandte. Dieser Mann behauptet aber, Sie zu kennen. Er behauptet, in Ihrem Dienst zu stehen. Er behauptet gar, Sie seien ein britischer Offizier. Der Sepoy mußte zuerst übersetzen, und so dauerte es eine Weile, bevor uns die Anwort von Burton Saheb erreichte. Ich weiß nicht, was Sie mit dieser Geschichte bezwecken. Ich habe Ihnen schon gesagt, ich bin ein Händler aus Persien, und ich habe mit dieser Angelegenheit nichts zu tun. Der Kommandant überlegte ein wenig. Dann befahl er, ich solle das Zimmer verlassen, zusammen mit den Sepoy. Ich weiß nicht, worüber sie gesprochen haben, Burton Saheb hat nie mit mir über diesen Tag geredet. Sie kamen erst nach einer Stunde heraus. Beide ignorierten mich. Der Kommandant kehrte in sein Büro zurück, und Burton Saheb ging durch das schwere Tor hinaus, rief eine Tonga, stieg ein und verschwand. Er wartete nicht auf mich. Als ich unser Haus erreichte, hatte er sich schon schlafen gelegt. In den schmutzigen Kleidern. Ich bereitete ein Bad vor. Ich hatte Angst vor seinem unverständlichen Zorn. Als er aufwachte, hat er mich wie üblich behandelt. Nicht feindselig. Ich habe mich nicht getraut, die Episode anzusprechen, und er hat nie ein Wort darüber verloren. Nicht einmal eine Andeutung hat er gemacht.
— Du hast nichts Weiteres darüber erfahren?
— Doch. Weil ich gelauscht habe. Als er sich mit einem seiner Lehrer besprach. Du hättest dich gleich zu erkennen geben sollen, sagte der Lehrer zu ihm. Das ist nicht dein Kampf! Glaubst du, so einfach kannst du die Seiten wechseln. Was du getan hast, hast du allein deiner Eitelkeit zuliebe getan. Worauf Burton Saheb antwortete: Ihr denkt immer nur in groben Mustern, Freund und Feind, unser und euer, schwarz und weiß. Könnt ihr euch nicht vorstellen, daß es etwas dazwischen gibt? Wenn ich die Identität eines anderen annehme, dann kann ich fühlen, wie es ist, er zu sein. Das bildest du dir ein, sagte der Lehrer. Du übernimmst mit der Verkleidung nicht seine Seele. Nein, natürlich nicht. Aber durchaus seine Gefühle, denn sie werden davon bedingt, wie die anderen auf ihn reagieren, und das kann ich spüren. Ich muß dir sagen, ich war gerührt, als ich das hörte. Burton Saheb flehte fast, so sehr wollte er an die Wahrheit seiner Worte glauben. Der Lehrer aber war nicht gnädig. Du kannst dich verkleiden, soviel du willst, du wirst nie erfahren, wie es ist, einer von uns zu sein. Du kannst jederzeit deine Verkleidung ablegen, dir steht immer dieser letzte Ausweg offen. Wir aber sind in unserer Haut gefangen. Fasten ist nicht dasselbe wie hungern.
60.
VON SCHRECKLICHER GESTALT
Dann wurde er herausgeholt. Er vermutete, daß die anderen seinen Verrat voraussahen. Er hatte sich geschworen, seiner Verkleidung treu zu bleiben. Was war sie wert, wenn er ihr entwich bei dem ersten Widerstand, der ersten schweren Prüfung, und in den sicheren Hafen des imperialen Schutzes zurückschlüpfte? Das wäre schäbig gewesen, ohne Wert. Er hätte danach keinem seiner adoptierten Freunde in die Augen blicken können. Der Raum, in dem er verhört werden sollte, war riesig, der Boden uneben und die Wände an mehreren Stellen eingebuchtet. Er erkannte den Engländer, der hinter dem einzigen Tisch saß; ein Mitarbeiter von Major McMurdo. Im nachhinein würde er sich daran erinnern, daß der Engländer kein einziges Mal aufstand, sondern am Fenster sitzen blieb, Unterlagen studierte und gelegentlich etwas notierte. Er sollte sich als der Antrieb aller Schmerzen erweisen, doch blieb er an ihnen fast unbeteiligt. Ein Sepoy fragte ihn aus, zuerst nach Namen, nach Herkunft. Nach seiner Beziehung zu Mirza Aziz. Er antwortete mit einer möglichen Wahrheit. Wie erwartet, wurden die Männer, die ihn verhörten, hellhörig, als er sich als Perser ausgab. Der Engländer blickte auf, nachdem der kleinwüchsige Übersetzer neben ihm die Information übermittelt hatte. Mirza Abdullah erkannte in dem Blick die Gier nach einem unerwarteten Erfolg, nach Beförderung. War dieser Offizier auf eine Verschwörung gestoßen, die weiter reichte als Belutschistan, bis nach Persien, und somit gewiß Afghanistan einschloß, und — wer weiß — vielleicht sogar Rußland umfaßte? Die Aufdeckung einer solchen Verschwörung würde zweifelsohne eine saftige Belohnung in Rang und Rente nach sich ziehen. Er begann diese Verschwörung mit seinen Fragen zu umzingeln. Er wollte hören, was seiner Erwartung möglichst nahe kam. Ungeduldig wischte er Antworten zur Seite, die in andere Richtungen führten. Mirza Abdullah nahm sich vor, diesen Offizier, der sich eine Manila anzündete, wegen Unfähigkeit zu denunzieren. Als ihm die dreiste Dickköpfigkeit der Fragen unerträglich wurde, beschimpfte er den Offizier. Ihm fiel auf, daß der Übersetzer seine Ausdrücke abschwächte. Aber der Verhörer hatte den Tonfall aufgefangen, er blickte ein zweites Mal auf. Mirza Abdullah erkannte etwas anderes, das ihm vertraut war. Die Empörung darüber, daß ein Einheimischer sich herausnimmt zu widersprechen. Laut zu werden. Eine Impertinenz, die nicht geduldet werden, die manch einen zur Weißglut bringen kann. Im nächsten Augenblick wurde ihm von hinten ein Kübel kaltes Wasser über den Kopf geschüttet. Ich habe gehört, sagte der ranghöchste Sepoy, die Gefangenen wurden früher nackt ausgezogen. Ich verstehe das nicht. In nassen Kleidern friert es sich doch besser. Ich bin sicher, sagte der Offizier hinter dem Schreibtisch, du wirst dein Wissen nicht freiwillig preisgeben. Deswegen werden wir keine weitere Zeit mit Plauderei und Courtoisie verschwenden. Wir werden dir zeigen, was wir mit dir vorhaben. Die Übersetzung war kaum abgeschlossen, da spürte er die Schläge, in die Kniekehlen, auf den Rücken, auf die Nieren. Mirza Abdullah spürte, wie jedes andere Gefühl außer dem Schmerz verging. Er knickte um und fiel seitlich auf den kalten Boden. Das Zittern setzte ein. Einer der Folterknechte setzte ihm einen Stiefel auf das Gesicht und verharrte in dieser Haltung eine Weile, bevor er ruhig sagte: Wir werden deinen Vater verbrennen. Eine Weile schwiegen alle, dann stellte der Offizier eine weitere Frage, doch sie war so eng und abwegig formuliert, daß Mirza Abdullah sie nicht hätte beantworten können, selbst wenn er wollte. Er krümmte sich auf dem Boden. Er richtete sich auf, etwas riß in seiner linken Schulter, er versuchte zu erklären, wieso er nicht wissen konnte, was ihm abverlangt wurde. Er war ein einfacher Bazzaz auf der Durchreise. Die Stimme, die er hörte, lauerte direkt hinter seinem Ohr. Wir können andere Sachen mit dir machen. Wir können dich in eine Frau verwandeln, und diesen Stock — Sheikh Abdullah spürte einen leichten Schmerz in seinem After — können wir in deinen Khyber-Paß rammen. Das mögt ihr doch, oder? In diesem Moment begriff Mirza Abdullah, daß der ranghöchste Sepoy ein Bengale war, wahrscheinlich Hindu. Und er erkannte, welche verhängnisvolle Verbindung der Ehrgeiz des britischen Offiziers mit der Abneigung seiner rechten Hand eingegangen war. Er roch die Zigarre, als sei sie in seiner Hand, dieser Geruch von morschem Waldboden, der sich bald in einen Geruch der Verwesung verwandeln würde. Das letzte, was er spürte, war sein Ohr, und er konnte sich später nur noch an den Geruch verbrannten Fleisches erinnern.
61.
NAUKARAM
II Aum Vikataaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Er erholte sich überraschend schnell von seinen Wunden. Aber er war ausgelaugt. Er hatte kein Interesse mehr an dem Land. Er lag manchmal tagelang auf dem Bett. Gelegentlich las er eine Zeitung. Ansonsten nichts. Er lag da und hatte nicht einmal die Augen geschlossen. Es ist schrecklich, wenn ein Mensch seinem eigenen Wesen zuwiderhandelt. Ich wußte nicht, ob er anwesend war, wenn ich etwas in dem Zimmer verrichtete. Plötzlich hörte ich seine Stimme. Naukaram, wir müssen hier weg. Zurück nach Baroda, Saheb? Das ist nicht möglich. Wenn wir hier herauskommen wollen, müssen wir nach England zurück.
— Was für eine Arbeit sollte er als Offizier in England verrichten?
— Ich war auch verwirrt. Damals. Ich habe schnell begriffen, als Burton Saheb begann, sich krank zu stellen. Zuerst gab er sich leidend. Er jammerte in Gegenwart der anderen, wie elend ihm sei. Er erschien nicht zum morgendlichen Appell, er blieb der Regimentsmesse fern. Er suchte den Arzt der Garnison auf, gestützt von zwei gewaltigen Belutschen, die mindestens sechs Fuß groß waren. Der Arzt zeigte sich besorgt. Er fragte nach, ob er denn trinke, ob er rauche. Keine einzige Zigarre, schwor Burton Saheb. Ab und an ein Glas, ich trinke es selten aus.
— Stimmte das?
— Er leerte zu diesem Zeitpunkt einige Flaschen am Abend, aber er rauchte nicht, das war die Wahrheit, er konnte den Geruch der Manilas nicht ausstehen, seitdem ich ihn aus dem Gefängnis befreit hatte. Frag mich nicht, ich weiß nicht, wieso. Er stellte jemanden an, der vor seiner Tür zu wachen hatte, um Besucher rechtzeitig anzukündigen, damit sie Burton Saheb stets im Bett vorfanden. Er ließ seinen Kameraden schon um acht Uhr am Abend einen Gutenachtwunsch ausrichten. Natürlich sickerte das zum Arzt durch. Burton Saheb begann mit viel Nostalgie über das Korps zu sprechen und darüber, wie sein Leben ruiniert wäre, wenn er es verlassen müßte. Er verbot mir, sein Zimmer aufzuräumen. Sogar sauberzumachen. Die Tassen lagen herum, weicher Toast auf dem Tisch. Es war ekelerregend. Ich hatte kaum etwas zu tun in diesen Wochen. Er gab mir Geld, damit ich mich in der Stadt vergnügte. Ich hatte nur eine Aufgabe, später am Abend, wenn mich niemand sehen würde, ein Tablett mit Salat, Curry, Sherbet und Portwein zu ihm zu bringen. Das alles wurde von einem seiner Freunde besorgt, auf die er sich verlassen konnte. Tagsüber verdunkelte er sein Zimmer, nachts machte er nie eine Lampe an. Er schluckte etwas, davon wurde ihm schlecht, und dann schickte er mich los, um zwei Uhr in der Früh, den Arzt zu holen. Er setzte sein Testament auf, und er bat den Arzt, Vollstrecker seines Letzten Willens, so nennen die Angrezi das Testament, zu werden. Der Arzt lenkte bald ein, ich glaube, er schätzte seinen Schlaf. Es dauerte nicht lange, bis er davon überzeugt war, daß Burton Saheb dienstunfähig war. Er schrieb ihn für zwei Jahre krank. Zwei Jahre! Die Angrezi sorgen sich um die Ihren. Er erhielt weiterhin seinen Sold. Wir reisten zuerst ein Jahr lang durch das Land, wir kamen bis nach Ooty. Das wirst du nicht kennen, das liegt in den Bergen. Im Süden, weit von hier entfernt. Daran erkennst du, wie rüstig Burton Saheb in Wirklichkeit war. Aber dann geschah die Gerechtigkeit, die niemals ausbleibt, wenn man sie erwarten kann. Burton Saheb wurde krank. Wirklich sehr krank. So krank, er wäre fast gestorben.
62.
OHNE TOD
Bericht an General Napier
Streng geheim
Sie hatten mir den Auftrag erteilt, mich mit den Gründen vertraut zu machen, weswegen die widerspenstigen Stammesfürsten der Belutschen, angeführt von Mir Khan, schon mehrfach Kenntnis hatten von unseren Plänen, und derart vorgewarnt in der Lage waren, rechtzeitig zu fliehen oder sich zu verstecken. Seit Monaten bin ich in dieser Angelegenheit unterwegs, ich habe unzählige Orte aufgesucht, an denen sich Belutschen treffen, ich habe jeder Stimme mein aufmerksames Ohr geliehen, aber bis vor kurzem deutete nichts auf einen Verräter in unseren eigenen Reihen hin. Bei unserer letzten Besprechung haben Sie mir zusätzlich die Order erteilt, zu prüfen, ob und in welchem Ausmaße britische Offiziere jenes Bordell frequentieren, das Lupanar genannt wird. Gewiß haben Sie nicht im entferntesten daran gedacht, daß diese zwei Fragestellungen miteinander verknüpft sein könnten. Ich bin auch diesem Ihren Auftrag nachgekommen, und ich fürchte, ich habe die unangenehme Aufgabe, Ihnen einige äußerst unerfreuliche Einsichten mitzuteilen. Das Lupanar unterscheidet sich von den anderen Bordellen weder in Einrichtung noch in Bewirtung, sondern einzig und allein darin, daß die Kurtisanen keine Frauen sind, sondern Jünglinge und als Frauen verkleidete Männer. Die Jünglinge kosten doppelt soviel wie die Männer, nicht nur, weil sie die schönsten und nobelsten Wesen sind und die Liebe zu ihnen von der reinsten Form ist, eine Auffassung, die hiesige Sufis anscheinend von den Platonikern übernommen haben, sondern auch weil ihr Skrotum als Zügel benutzt werden kann. Dieses Bordell wird, das kann ich nunmehr mit Sicherheit bestätigen, regelmäßig von einigen unserer Offiziere aufgesucht. Die meisten von ihnen treibt die Neugier und die Langeweile dorthin, und wir können davon ausgehen, daß sie den Verlockungen dieses Ortes zu widerstehen wissen. Doch einige finden genau das, was sie gesucht haben. Besonders bemerkenswert erscheint mir der Fall jener, die gegen ihren Willen zu Taten gezwungen wurden, die sie nicht gebilligt hätten. Der Emir, dem das Lupanar gehört, ist ein Connaisseur von jungen, hellhäutigen Männern, und so hat er schon einige Male laut den Auskünften meiner Gewährsleute britische Besucher seines Establishments mit Spirituosen abgefüllt, bis sie ganz willig oder bewußtlos waren und ihm zu Diensten lagen. Die Vermutung könnte naheliegen, er räche sich somit für die Erniedrigung, die unsere Herrschaft ihm auferlegt, aber nach meinem Dafürhalten giert er einfach nur nach der Schönheit blonder, unbehaarter Jünglinge. Es ist mir zugetragen worden, daß einer dieser Griffins am nächsten Morgen die Verwunderung geäußert habe, der einheimische Alkohol verursache eine Reizung des Postérieur. All das wäre ein wenig unappetitlich, aber gewiß harmlos für unsere Sicherheitslage, würde nicht einigen unserer Offiziere in diesem Lupanar das Wissen entlockt werden, das sie unbedingt für sich behalten sollten. Ich habe meinem Gewährsmann, der dieses Bordell regelmäßig aufsucht und mit dem Betreiber verwandt ist, das Versprechen gegeben, keine Namen zu nennen. Er schwört, daß schon mehrfach dem Emir wertvolle Informationen zugetragen worden sind, die einem Offizier in seinem Rausch oder seiner Entzückung oder in der Intimität danach entschlüpft sind. Und wenn wir uns vor Augen halten, daß dieser betreffende Emir, der Lupanar-Emir, mit Mirza Aziz verschwägert ist, können wir erkennen, wie das Netz geknüpft ist, das uns so viele Kopfschmerzen bereitet.
63.
NAUKARAM
II Aum Mritunjayaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
Der Lahiya schrieb: Dieser mein Text ist eine Kette von ausgesuchten Perlen, die ich um den Hals Ihrer gnädigen und aufmerksamen Wahrnehmung hängen möchte, lieber Leser; diese meine Geschichte ist eine duftende Blüte, die ich in die Hand Ihrer warmherzigen und mitfühlenden Empfindung geben möchte, lieber Leser; dieses mein Werk ist ein Stoff aus feiner Seide, den ich über das Haupt Ihrer scharfsichtigen und weitreichenden Weisheit ausbreiten möchte, lieber Leser.
Worauf er die Feder zur Seite legte und den gesamten Text durchlas, einmal, und dann ein weiteres Mal, die Nacht wurde grau dabei, und er war gerührt von der Unantastbarkeit des Geschriebenen, er war den Tränen nahe. Nicht, daß es ohne Schwäche, ohne Fehler war. Wenn er noch einmal von vorne anfangen könnte, er würde … Ha, unsinnige Überlegung. Entscheidend war, das Werk überragte ihn, mächtig und fremd, als sei es nicht aus ihm heraus entstanden, als habe er nicht alles gelenkt, und ihm fiel der Satz ein, den der unbekannte Architekt des Kailash-Tempels zu Ellora seinem Bauwerk eingeschrieben hat, der größte Satz, den je ein Schöpfer hinterlassen hat: Wie habe ich das nur geschafft?
Eines blieb noch zu tun. Der Schluß, selbst wenn es sich nur um einen letzten Absatz handelte, sollte nicht von ihm selbst geschrieben werden. Kein Mensch sollte die ganze Geschichte kennen. So wie keiner den gesamten Kailash-Tempel überschauen konnte. Der Lahiya rief seine Frau — er vernahm seit kurzem die Geräusche ihrer frühmorgendlichen Hausarbeit — und trug seine Bitte vor. Sie war erstaunt, und für einige widerspenstige Augenblicke überlegte sie, ihm diesen Wunsch abzuschlagen. Doch dann stimmte sie zu. Sie hoffte, sobald dieser Auftrag abgeschlossen war, würde ihr gemeinsames Leben weitergehen wie zuvor, bevor dieser Naukaram aufgetaucht war und ihrem Ehemann den Kopf verdreht hatte. Er dankte ihr umständlich, richtete sich mühsam auf und ging hinaus. Er würde an diesem Tag nicht zur Straße der Lahiya gehen, er würde nichts schreiben. Vielleicht auch am morgigen Tag nicht. Und danach, wer wußte das schon. Burton Saheb — eine unverankerte Erinnerung durchtrieb seine Gedanken — habe laut Naukaram einmal sein Erstaunen darüber geäußert, daß im Hindustani ein und dasselbe Wort sowohl morgen als auch gestern bezeichne. Was konnte man schon daraus folgern? War das Wort für vorgestern nicht ein anderes als das Wort für übermorgen?
Naukaram wunderte sich über die Verspätung des Lahiya. Das war noch nie vorgekommen. Er sah eine Frau die staubige Straße entlanggehen. Alles an ihr strahlte Stärke aus. Einige der anderen Schreiber grüßten sie. Sie betrachtete ihn prüfend, bevor sie ihn fragte, wer er denn sei. Sie stellte sich als die Frau des Lahiya vor. Er werde heute nicht kommen, wofür er sich entschuldige. Er habe sie geschickt, weil er den Abschluß der Geschichte nicht selbst erfahren wolle.
— Wieso nicht?
— Aus alter Tradition. So wie kein Mensch das gesamte Mahaabhaarata lesen sollte.
— Das wußte ich nicht. Ich habe etwas Ähnliches einmal von Burton Saheb gehört. Er sagte mir, die Araber glaubten, sie würden innerhalb eines Jahres sterben, wenn sie alle Geschichten aus Tausendundeiner Nacht gehört haben.
— Aberglaube.
— Gehört er nicht der Satya Shodak Samaj an? Ich dachte, er verachtet jeden Aberglauben.
— Er nennt es Überlieferung. Jeder Mensch ist abergläubisch. Manche geben ihrem Aberglauben einen anderen Namen. Können wir beginnen? Ich habe nicht viel Zeit. Heute nachmittag sind die Enkelkinder bei mir.
— Und die Bezahlung? Was hat er Ihnen über die Bezahlung gesagt?
— Er hat nichts erwähnt. Wahrscheinlich hat er es vergessen. Wissen Sie, er hat bestimmt genug von Ihnen erhalten. Vergessen wir die Bezahlung.
— Nicht seine Bezahlung, meine Bezahlung.
— Ihre Bezahlung?
— Er muß mich bezahlen.
— Ich verstehe nicht.
— So haben wir es vereinbart. Er zahlt mir Geld, damit ich ihm die Geschichte zu Ende erzähle.
— Das kann ich nicht glauben. Er hat den Verstand verloren. Seit wann geht das schon so?
— Nicht erst seit gestern. Ein paar Wochen schon. Ich hätte sonst nicht weitererzählt. Sie kennen ihn ja, er ist neugierig.
— Er ist völlig verrückt. Wer hat so etwas schon einmal gehört. Ein Lahiya, der seinen Kunden bezahlt. Er benimmt sich sonderbar, seitdem Sie zu ihm gekommen sind. Aber so etwas, das macht ihn vollends zum Gespött.
— Nur, wenn Sie es jemandem sagen. Unsere Vereinbarung lautet, kein Wort darüber zu verlieren.
— Er wird was zu hören kriegen von mir.
— Erwähnen Sie es nicht. Bitte. Es würde so viel für ihn zerstören.
— Was sind Sie jetzt, sein Verbündeter? Sie haben sich ständig gestritten. Das weiß ich wohl, er hat sich bei mir beschwert.
— Wir waren zusammen unterwegs. Das zählt viel. Lassen Sie es sein, wie es ist.
— Gut. Und jetzt, was machen wir mit dem Ende der Geschichte? Eigentlich interessiert es mich nicht, und da ich kein Geld dabeihabe …
— Ich verlange nichts. Es wird mein Abschiedsgeschenk an Ihren Ehemann sein. Obwohl er es nicht lesen wird. Wer weiß, vielleicht ändert er seine Meinung. Schreiben Sie auf, es ist nicht viel, wir können das Ende doch nicht verschlucken.
— Gut. Hat das Ende eine Überschrift?
— Auf dem Schiff. Schreiben Sie: Auf dem Schiff. Und dann schreiben Sie: Ankunft im Land der Firengi.
— Klingt gut.
— Werden Sie so viele Kommentare abgeben wie Ihr Mann?
— Nein, von nun an schweige ich. Sie werden sehen, nicht einmal ein Seufzer wird über meine Lippen dringen.
— Das Schiff hieß Elisa, und ich dachte, es sei ein Totenschiff. Burton Saheb sah schlecht aus. Sein Körper war ausgezehrt, seine Haltung gebeugt, seine Augen eingefallen, seine Stimme ohne Fülle. Er hatte Erlaubnis erhalten, nach Hause zurückzukehren. Um sich dort zu erholen. Wenn er sich überhaupt erholen würde. Ja, ich glaubte, das Schiff sei ein Totenschiff. Nicht nur ich. Einer seiner Freunde in Bombay hatte zu ihm gesagt: Es steht dir ins Gesicht geschrieben, daß deine Tage gezählt sind. Hör auf mich, fahr nach Hause, um dort zu sterben. Bald nach dem Auslaufen gerieten wir in eine Flaute. Das Wasser war so glatt, Burton Saheb sagte, das Meer sei ein Friedhof der Wellen. Ich pflegte ihn, so gut ich konnte, ich dachte, was werde ich machen in diesem unbekannten Land, wenn mein Herr stirbt. Werde ich dann auch sterben? Meine Sorgen, sie hielten nicht an. Wind kam auf, wir segelten mit den starken Winden aus Südosten in gesündere Gefilde. Burton Saheb erholte sich erstaunlich schnell, und noch ehe wir das Land der Angrezi erreichten, war er wiederhergestellt. In diesen Tagen waren wir uns so nahe wie nie zuvor und nie mehr danach. Er vertraute mir an, was geschehen war im Sindh, wieso er sich zuerst krank gestellt habe, ohne zu wissen, daß er wirklich schwer erkranken würde. Unter den Angrezi kursierten die Gerüchte über seine Besuche in dem Bordell, verzeihen Sie bitte, in dem Männer sich anboten. Es wurde behauptet, Burton Saheb habe zu gründlich gekundschaftet. Er habe nicht nur recherchiert, sondern auch probiert. Sein Ruf war beschädigt. Und seine Vorgesetzten, die von der Wahrheit wußten, nahmen ihn nicht in Schutz. Sie waren erbost über seinen Mangel an bedingungsloser Treue. Ich habe sein Leid gefühlt, als sei es mein eigenes. Nie in meinem Leben war ich jenem Mitgefühl für eine andere Kreatur so nahe, das unsere heiligen Lehrer von uns fordern. Wir liefen einen Hafen an, der Plymouth heißt, und ich sah es endlich. Dieses England. Ich sah saftiges Grün und weiche Hügel in der Ferne. Und die Passagiere, vor allem jene unter ihnen, die lange in Hitze oder Wüste gedient hatten, sie hatten glasige Blicke. Ich bin mir sicher, keiner riß die Augen so weit auf wie ich. Ich konnte nicht glauben, wie schön dieses Land war, das sie England nennen. Ich wandte mich zu Burton Saheb, und ich weiß noch genau, was ich sagte, Wort für Wort: Was seid ihr Angrezi für Menschen, ein solches Paradies zu verlassen, ohne Zwang und ohne Not, um in ein gottverlassenes Land wie das unsere zu reisen.
64.
UNENDLICH BEWUSST
Der General las diesen Bericht so oft durch wie kein anderes Schreiben in seinem Leben. Er suchte nach einem Weg, diesen Soldaten vor den Konsequenzen seiner Pflichterfüllung zu bewahren. Nicht nur hatte er sich in einen Morast begeben, den ›ein wenig unappetitlich‹ zu nennen eine ungebührende Untertreibung war; er hatte aufgedeckt, was nicht sein durfte, und somit würde die ganze negative Anmutung des Falles auch auf ihn persönlich zurückfallen. Zu allem Überfluß verweigerte er, zumindest schriftlich, einen Teil der Auskunft, weil er einem Einheimischen ein Versprechen gegeben hatte. Das würde nicht gut ankommen. McMurdo wünschte ein Gespräch mit diesem Burton, von dem er schon manch Unschmeichelhaftes gehört habe. Sie riefen den Leutnant in das Dienstzimmer des Generals. Er war erstaunt, eine Handvoll von Hochrangigen vorzufinden. Der General sprach, langsam. Er wirkte müde.
— Major McMurdo wünscht, Ihre Untersuchung fortzusetzen, und hierzu müßte er wissen, wie die Namen Ihrer Gewährsleute lauten, wie die Offiziere heißen, die diesen Ort aufsuchen.
— Die Namen unserer Offiziere kann ich Ihnen nicht geben, weil ich sie nicht kenne. In meiner Gegenwart war kein Offizier im Lupanar. Die Namen der Gewährsleute kann ich Ihnen nicht verraten.
— Wieso nicht?
— Weil ich mein Wort gegeben habe.
— Es sind doch nur Einheimische.
— Ich habe auf meinen Bart und auf den Koran geschworen.
— Er scherzt, mein Gott, er scherzt zu unpassender Zeit.
— Ich kann diesen Schwur nicht brechen.
— Das meinen Sie nicht ernst, Soldat. Sagen Sie uns, daß Sie das nicht wirklich so meinen.
— Mein voller Ernst, Sir.
— Ihnen bedeutet das Versprechen gegenüber einem gemeinen Einheimischen mehr als die Sicherheit unserer Truppe?
— Ich habe für die Sicherheit unserer Truppe einiges geleistet, wenn ich darauf hinweisen darf, Sir, und ich bin zuversichtlich, daß wir auf anderen Wegen bald die gesamte Wahrheit herausfinden werden. Ich kann das Vertrauen dieses Mannes nicht enttäuschen.
— Du mußt dich entscheiden, Burton. Er oder wir.
— Ich gehe davon aus, Major, daß man verschiedenen Loyalitäten treu sein kann. Sie konstruieren einen unlösbaren Konflikt.
Sie sagten kein Wort mehr, die versammelten Herren von den obersten Rängen, der General, sein Spürhund McMurdo und ihre Adjutanten. Sie blickten sich an, und mit diesen Blicken schlossen sie ihn aus für sein restliches Leben, aus dem Militär, aus ihrer Gesellschaft. Er wußte in diesem Augenblick, er würde nie über den Rang eines Hauptmanns hinauskommen. Nicht nach dem Vermerk, den sie nach diesem Gespräch aufsetzen würden, ein Vermerk über seine Unzuverlässigkeit, der ihn überallhin begleiten würde. Man konnte sein Wesen ändern, eigentlich ließ sich fast alles an einem selbst ändern, nicht jedoch die eigene Akte. Sie würden etwas Vernichtendes niederlegen, etwas in der Art von …»sein Verständnis der Eingeborenen, ihrer Denkweise, ihrer Bräuche, ihrer Sprache, ist profund und könnte von großem Nutzen sein. Doch hat die Nähe, aus der sich seine Kenntnisse speisen, in Leutnant Burton eine Verwirrung hinsichtlich seiner Loyalitäten ausgelöst, die den Interessen der Krone zuwiderläuft. Mit Bedauern müssen wir feststellen, daß wir das Ausmaß seiner Treue zukünftig nicht abschätzen können.«
0.
KALTE RÜCKKEHR
Es war ein grausamer Empfang. Naukaram und er, zwei Rosinen, die in einen Sauerteig geworfen wurden. Die Luft war düster, voller Rauch und Ruß, zum Atmen ungeeignet. Der kalte graue Himmel ließ sie schaudern. Alles an der Stadt war klein, kleinkariert, kleingeistig und knauserig, die winzigen Einfamilienhäuser unterwürfig, in den öffentlichen Plätzen verknotete sich die Melancholie. Und dann das Essen! Primitiv, halbgar, fad, das Brot bestand nur aus Krümeln ohne Kruste. Zum Trinken gab es penetrante Medizin, die den Namen Bier oder Ale trug. Egal, was einem serviert wurde, es gab kein Entrinnen: Sie waren unter die Barbaren gefallen. Der Winter, der folgte, war schrecklich. Jeder Baum ähnelte einem klirrenden Kerzenleuchter. Kalte Nebelschwaden nisteten sich ein und mit ihnen Bronchitis und Influenza. Die Kohle ging regelmäßig aus, der Gasdruck fiel oft so niedrig, daß sie auf ihren wichtigsten Trost verzichten mußten — sie konnten den Tschai nicht kochen, der manch einen Nachmittag erträglich gemacht hätte. Burton konnte es nicht abwarten, dieses Land wieder zu verlassen, seine Familie in dem halbwegs erträglichen Frankreich zu besuchen. Er war unversöhnlich. Er war nicht gewillt, sich dem Mittelmaß anzupassen. Er zog Kleidung an, die schockieren würde, Kurtas in schreigrellen Farben, ungewöhnlich breite Pumphosen aus Baumwolle, enge Wickelgamaschen und goldene Gondoliersandalen. Obwohl er darin fror. So lief er durch London, so kehrte er in die Klubs ein, begleitet von Naukaram, mit dem er sich, kaum konnte er sich der Aufmerksamkeit der Versammelten sicher sein, lautstark in Sprachen unterhielt, die keiner außer ihnen beiden verstand. Gelegentlich übertrieb er es, schöpfte die Nachsicht aus, die einem Mann entgegengebracht wurde, der in Indien gedient hatte; die Mitglieder des Klubs wurden seiner Provokationen überdrüssig und verwiesen ihn des Etablissements. Einmal wäre er fast verprügelt worden. Nur der wilde Blick in seinen Augen hielt die empörten und schon ziemlich angetrunkenen Landsleute zurück. Es war ein Abend, an dem Geschichten von den verschiedenen Fronten des Imperiums ausgetauscht wurden. Nach vielen Reminiszenzen, mariniert in Nostalgie und Übertreibung, rezitierte ein älterer Mann mit feuchten Augen einen Zweizeiler, den sie alle kannten: Such is the patriot’s boast, where’er we roam, his first, best country ever is at home. Und er hob sein Glas zu einem Trinkspruch auf Königin und Vaterland. Burton stieß mit an. Kaum hatte er sein Glas wieder abgestellt, donnerte seine Stimme und brachte alle anderen in der großen Runde zum Schweigen. Dieses Hoch, meine Herren, erinnert mich an einen grundsoliden Witz. Müssen Sie hören. Werden ihn nicht vergessen, garantiere ich Ihnen. Handelt von zwei Bandwürmern, Vater und Sohn. Sie werden aus dem After eines Menschen geschissen, Verzeihung, so geht der Witz, worauf Vater Bandwurm seinen Kopf aus der Scheiße streckt, sich ein wenig abschüttelt, um sich blickt und zufrieden zu seinem Sohn sagt: Immerhin ist es Heimat.
Sie setzten nach Frankreich über. Auf den Kontinent. Du wirst sehen, versprach er Naukaram, das Leben auf dem Festland ist erträglicher. Es hat mir in Ihrem Land nicht mißfallen, Saheb. Seine Eltern übersommerten in Boulogne. Sie führten eine bescheidene Existenz. Die Pension des Vaters erlaubte es ihnen, ein Häuschen zu mieten, mit einem kleinen Anbau für die Diener. Ein italienischer Koch namens Sabbatino stand seit Pisa, wo sie längere Zeit gelebt hatten, in ihren Diensten. Naukaram und Sabbatino mußten sich ein Zimmer teilen. Der Koch hatte es schon mit seinen Gerüchen besetzt. Sie waren nicht angenehm für Naukaram. Er und der Koch hatten keine gemeinsame Sprache, und ihre Gaumen waren einander von vornherein spinnefeind. Sabbatino war ein Mann, der große Bedeutung auf die Unversehrtheit seiner Gewohnheiten legte. Und der keinen Zweifel daran hegte, daß der Koch eine privilegierte Position unter der Dienerschaft innehatte. Die anderen Diener waren angestellt, um seine Arbeit zu erleichtern. Burton war selten zu Hause. Er verschwand auf lange Spaziergänge. Er genoß die Gegenwart junger Frauen seines eigenen Volkes. Naukaram war sich nicht klar über seine Position in dem kleinen Haus. Die Eltern des Saheb mieden ihn, sie gaben ihm nie eine Aufgabe. Er traute sich nicht, alleine auszugehen; er fürchtete, sich zu verlaufen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als in seinem kleinen Zimmer zu sitzen und zu warten. Der Koch hingegen hatte den ganzen Tag zu tun; selten sah Naukaram ihm dabei zu. Wenn er sich in die Küche wagte, meist um sein eigenes, vegetarisches Essen zuzubereiten — das konnte er niemandem anvertrauen, am wenigsten diesem Mletscha —, fluchte der Koch vor sich hin, in seiner Sprache. Er fluchte so viel, er schien sein Essen mit Flüchen zu würzen. Es überraschte Naukaram nicht, daß Burton Saheb auch die Sprache des Koches beherrschte. Er merkte sich den Wortlaut einiger der Flüche und bat Burton Saheb, sie zu übersetzen. Er lernte die Flüche auswendig. Corbezzoli! Perdindirindina! Perdinci! Sie waren sanft, im Vergleich zu jenen, die er von den Beschnittenen kannte. Donnerwetter! Herrgott! Herrschaftszeiten! Er stand dem Koch im Wege, eines Nachmittags, und der Koch wartete keine Entschuldigung ab, kein Zurücktreten, um ihn anzuschreien: E te le lèo io le zecche di dòsso! Naukaram konnte nichts erwidern, weil er nicht wußte, was er geschimpft wurde. Burton Saheb lachte. Er will dir die Flöhe rausziehen. Er droht dir Schläge an. Naukaram kannte nicht genügend Flüche, um es dem Koch in gleicher Münze zurückzuzahlen. Eines Abends, als er vergaß, ein Soufflé aufzutragen (der Koch war stolz auf seine Soufflés), ließ der Koch seine Flüche wie Funken stieben. Bellino sì tu faresti gattare anche un cignale! Naukaram konnte sich nicht einmal die Hälfte merken. Burton Saheb mußte bei dem Koch nachfragen. Er klärte Naukaram mit einem amüsierten Lächeln auf. Er hat zu dir gesagt, du seist so schön, du würdest selbst ein Wildschwein zum Kotzen bringen. Wieso erlaubt er sich das? fragte Naukaram. Nimm es dir nicht zu Herzen. Er ist so. Einige Tage später war Naukaram sich sicher, der Italiener habe absichtlich ein Fleischgericht mit seinem Kochlöffel umgerührt, der in einem eigenen Glas aufbewahrt wurde und nur für vegetarische Speisen verwendet werden sollte. Das hatte Burton Saheb dem Koch ausführlich erklärt. Nun roch der Löffel widerwärtig. Gut, daß es ihm rechtzeitig aufgefallen war. Der Koch verstand keine andere Sprache als das Dumpfe. Naukaram schlug ihm mit dem Löffel auf den Hinterkopf. Der Koch wirbelte herum mit einem Schrei. Er hatte ein Messer in der Hand: Er stocherte damit durch die Luft und fluchte. Naukaram drehte sich um und verließ die Küche, mit seinem Löffel in der Hand. Er mußte lernen, auf Italienisch zu fluchen. Burton Saheb half ihm dabei. Späte Rückzahlung für das Gujarati, erklärte er. Zuerst das Grundwissen. Stronzo. Merda. Strega. Naukaram begann durch die Küche zu schreiten und abwechselnd eines dieser Wörter auszustoßen, so gehässig und überdreht, wie er nur konnte. Der Koch antwortete mit einer ganzen Batterie von mehrsilbigen Geschossen. Cacacazzi. Leccaculo. Vaffanculo. Succhiacazzi. Naukaram kümmerte sich nicht mehr um die Übersetzung. Er wußte, er war immer noch unterlegen. Willst du ihn wirklich ärgern, unterrichtete ihn Burton Saheb, mußt du sagen: Quella puttana di tua madre! Naukaram brüllte es dem Mletscha bei nächster Gelegenheit ins Gesicht. Und der Fluch wirkte. Stärker, als er erwartet hätte. Der Koch verstummte, blickte weg. Am nächsten Tag bedeutete Sabbatino Naukaram, er möge zu ihm an den Ofen kommen, er wolle ihm etwas zeigen. Er strahlte eine unvertraute Freundlichkeit aus. Naukaram näherte sich vorsichtig dem Koch. Sie traten beide an einen riesigen Topf; der Koch hob den Deckel hoch. Ein Rindskopf kam zum Vorschein, der ruhig vor sich hin köchelte, die ergebenen Augen auf Naukaram gerichtet. Ti faccio sputare sangue! Sabbatino hatte diese Worte noch nicht ganz ausgesprochen, da fühlte er, wie der Dunkelhäutige ihn am Kragen packte und über den Holzkohleofen drückte. Er spürte, wie die Hitze seine Härchen am Unterarm versengte. Er stieß seinen Kopf dem Dunkelhäutigen ins Gesicht. Sie fielen zu Boden, sie rissen den Topf um, und als Burton aus dem Eßzimmer in die Küche stürzte, von dem Krach alarmiert, sah er auf dem Boden den Koch, den Diener und einen Rindskopf liegen, und das Geschrei, das der Italiener von sich gab, wurde übertroffen von dem Heulen, das aus den Tiefen von Naukaram herausbrach.
Es war nicht möglich, Naukaram weiterhin zu beherbergen. Burtons Eltern hatten sich an die gute Küche von Sabbatino gewöhnt, Naukaram hingegen war überflüssig. Burton zahlte ihm genug Geld für die Überfahrt, ausreichend, um sich in Baroda ein kleines Häuschen zu kaufen. Und er hätte ihm einen hervorragenden Referenzbrief ausgestellt, wenn dieser unverschämte Kerl nicht darauf bestanden hätte, daß alles, was geschehen war, die Schuld seines Herrn gewesen sei. Wieso haben Sie mir nicht … Er herrschte ihn an, er solle das Maul halten. Das war das Problem mit diesen Menschen. Sie konnten keine persönliche Verantwortung übernehmen. Verärgert bestätigte Burton in einem knappen Schreiben, daß Ramji Naukaram aus Baroda ihm vom November 1842 bis zum Oktober 1849 gedient habe. Und er unterschrieb schwungvoll.