Detective Chief Inspector Barnaby kochte Moules a l’Indienne und zerstampfte gerade ein paar Kardamomkapseln in einem ) Steinmörser. Er trug eine lange Baumwollschürze, wie sie gern von Kellnern in Hinterhofkaschemmen getragen wurden, und hielt ein Glas Frog’s Leap-Chardonnay in der Hand.
Es hatte ein paar Jahre gebraucht, bis Tom auf die harte Tour begriffen hatte, daß Joyce - seine geliebte Gattin und Stütze -nicht gewillt war (und keinen Grund sah), ihre Kochkünste auszubauen. »Friß oder stirb« lautete ihre Einstellung, und der Umstand, daß er »starb«, genügte anscheinend nicht, um ihre Haltung zu revidieren. Zudem hatte sie einmal verkündet und ihm dabei den Zeigefinger in den Bauch gebohrt, daß man bestimmt nicht hungerte, wenn man ein Gewicht von dreiundachtzig Kilo auf die Waage brachte. Ihre Meinung hatte nichts mit Aufsässigkeit oder Aggression zu tun, nein, sie konnte seinen Standpunkt einfach nur nicht nachvollziehen. Guter Dinge aß Joyce die von ihr zubereiteten Gerichte und verzehrte die Mahlzeiten, die ihr Mann kochte (wenn er denn mal die Zeit dazu fand), ebenso frohgemut, ohne jemals ein einziges lobendes Wort darüber zu verlieren, daß seine Kochkünste ; die ihren bei weitem übertrafen. Barnaby war längst zu der Überzeugung gelangt, daß sie unter dem gastronomischen Äquivalent zu Taubheit litt.
»Was gibt es als Vorspeise?«
»Estragon-Eier.«
»Sind das diese Dinger in den braunen Pfützen?« Joyce genehmigte sich einen Schluck Wein und strahlte ihn ermutigend an. »Die mag ich gern.«
»Diesmal werde ich mehr Gelatine nehmen.«
Die Herstellung von Aspik war in Teil sieben, »Anspruchsvolle Pies und Gelatine«, in Barnabys »Zwölf Kochlektionen für Anfänger« an der Camton Tech unterrichtet worden. Just diesen Abend hatte er verpaßt, da er zum Bereitschaftsdienst eingeteilt gewesen war. Voller Elan hatte er sich auf die Kochkunst gestürzt, sich immer auf die Dienstagabende gefreut, an denen er mit Meßbechern, Messern, Töpfen und Pfannen rumfuhrwerken durfte. Als einziger männlicher Teilnehmer in einer Gruppe von siebzehn hatten seine Mitschülerinnen, nachdem sie sich erst mal an seine maskuline Präsenz gewöhnt hatten und es leid wurden, sich über ihn lustig zu machen, ihn alsbald in Ruhe gelassen. Nur eine Dame, eine Mrs. Queenie Bunshaft, beharrte darauf, ihn schelmisch zu fragen, wo er denn sein Hackebeilchen verstecke und welche der Damen er heute zum Abendessen zu servieren gedächte. Wann immer Joyce sich besonders widerborstig gerierte, drohte Barnaby, mit Mrs. Bunshaft davonzulaufen.
Das heutige Mahl bereitete er zur Feier der Verlobung seiner Tochter zu. Beide Elternteile hatten sich über Cullys einige Wochen zurückliegendes Eingeständnis ihrer Liebe gefreut, waren in gewisser Hinsicht aber auch überrascht gewesen. Barnaby hatte ziemlich ärgerlich reagiert, als ihm der Verlobungsring - ein hübsches, mit viktorianischen Granaten verziertes Stück aus Weißgold - präsentiert wurde.
»Ich dachte, er wäre erst vor kurzem mit einer Zahnbürste und einem Päckchen Mates mit Pfefferminzgeschmack eingezogen.«
Cully schmunzelte verträumt und gab sich sittsam. Sittsam! Das erste Mal, behauptete Joyce hinterher, seit sie aus den Windeln rausgewachsen war. Nicholas wirkte schlicht und einfach erstaunt, als könne er sein Glück nicht fassen. Was der Wahrheit entsprach.
»Studenten«, stöhnte Joyce, nachdem sie davongetanzt waren. Eine Hollywoodpavane mit Trockeneis und Streicheruntermalung und allem Drum und Dran.
»Nicht mehr lange.«
»Sie haben kein Geld.«
»Die haben soviel, wie wir hatten.«
»Du hattest wenigstens einen anständigen Job. Am Theater, Tom... vor allem am Theater...«
»Sie sind nur verlobt. Nicht verheiratet, mit fünf Kindern. Wie auch immer - unser Mädchen hat mehr Selbstvertrauen als fünfzig Normalsterbliche.«
»Du weißt nicht, wie es ist.« Joyce leerte ihr Glas und griff nach einer Schüssel mit Kokosnußflocken.
»Finger weg. Das habe ich abgewogen.«
»Fang jetzt ja nicht an, mir mit deinem Gewicht zu kommen. Du bist nicht auf dem Revier, falls du das vergessen hast.« Joyce legte ein paar von den weißen Raspeln auf ihre Zunge. »Sonntag wird doch in Ordnung gehen, nicht wahr, Tom?«
»Ich schwöre es.«
Im Augenblick lief der Laden schleppend. Natürlich gab es Verbrechen, und das nicht zu knapp (das war nie der Fall), doch während der letzten paar Tage hatte er sich nur um ganz gewöhnliche Vorfälle kümmern müssen. Solche Phasen gab es immer mal wieder, obwohl eher selten - und lange dauerten sie auch nie. Dann gab es wieder Zeiten, wo Mord und Totschlag, Diebstahl, Geschrei, quietschende Reifen und Knochenbrüche eskalierten. In solchen Phasen hatte Barnaby das Gefühl, in einen sich unablässig drehenden Mahlstrom der Brutalität gerissen zu werden. Diese Erkenntnis spendete ihm weder Trost noch Freude. Trotzdem war er nicht gewillt, dieses Wissen zu verdrängen.
Im Flur läutete das Telefon. Joyce stand auf und sagte: »O nein.«
»Wahrscheinlich Cully...«
»Ich wette, sie ist es nicht.«
Barnaby begann die Chilis kleinzuschneiden und hörte mit halbem Ohr dem Gespräch im Flur zu. Mit ausdrucksloser Miene kehrte Joyce zurück. Barnaby zog an den Bändern seiner Schürze und drehte das Gas ab. Fünf Minuten später half ihm Joyce in die Jacke.
»Tut mir leid, Liebes.«
»Ich weiß nicht, warum du immer wieder so tust, als ob es dir leid tut. Seit dreißig Jahren entschuldigst du dich nun und könntest damit nicht mal ein Kleinkind zum Narren halten. Du machst schon einen doppelt so lebhaften Eindruck wie vorhin in der Küche.« Barnaby knöpfte sein Jackett zu und küßte sie. »Wo mußt du eigentlich hin?«
»Raus nach Iver.«
»Wird es spät werden?«
»Sieht ganz danach aus.« Unnötigerweise fügte er »Warte nicht auf mich« hinzu. Joyce wartete nie auf ihn.
Sie rief ihm hinterher: »Soll ich Cully anrufen und ihr absagen?«
»Noch nicht. Wollen erst mal sehen, wie es läuft.«
Seit neuestem trug Troy beim Fahren eine Brille. Ein glitzerndes, quadratisches Stahlgestell, mit dem er wie Himmler aussah. Konsequent die Spur wechselnd, den Fuß konstant auf dem Gaspedal, hatten sie schon die halbe Strecke nach Manor House zurückgelegt.
»Hat Sie bei was Besonderem unterbrochen, nicht wahr, Chief - diese Sache?«
»Eigentlich nicht.«
War nur gerade dabei, ein paar Moules a l’Indienne für das Verlobungsessen meiner Tochter zuzubereiten. Als Barnaby sich dazu die Antwort des Sergeants vorstellte, mußte er schmunzeln. Heimliche Ablehnung, verborgen hinter einem höflichen »Ach ja, Sir«. Und hinterher, kaum daß Barnaby außer Haus war, würde er in der Kantine einen überkandidelten Koch zum besten geben.
In Troys Augen war Kochen (wie Haare frisieren und das Nähen von Kleidern) ein Vergnügen, das ausschließlich Frauen Vorbehalten war. Oder Schwuchteln. Immer wieder verkündete er mit stolzgeschwellter Brust, er habe in seinem ganzen Leben keine einzige Scheibe Brot getoastet, nicht eine einzige Socke gewaschen. Fang mit so was an, pflegte er zu prophezeien, und auf einmal hat deine Frau viel zuviel Freizeit. Frauen mit viel Freizeit kamen in Schwierigkeiten. Keine Frage. Allseits bekannt.
Natürlich war ein Baby die Lösung dieses Problems. Seins war jetzt fast ein Jahr alt. Erstaunlich klug. Troy fragte sich, ob wohl der Augenblick gekommen war, das, was sie beim Frühstück gesagt hatte, rauszusposaunen. Sie war so klug, ihrem Alter weit voraus. Das hatte er auf dem Revier jedem verklickert, dem einen oder anderen Opfer sogar öfter als einmal. Aber bei seinem Boß wußte man nie so richtig. Manchmal bildete man sich ein, er höre zu, und fünf Minuten später mußte man feststellen, daß er nichts mitgekriegt hatte. Und hin und wieder sprang er einem prompt an die Kehle. Nun gut - einen Versuch konnte man ja wagen.
»Sie werden nie erraten, was sie heute morgen gesagt hat, Chief.«
»Wer?«
Wer...? Wer? Troy verschlug es die Sprache. Einen Moment lang brachte er kein Wort über die Lippen. Dann verriet er: »Talisa Leanne.«
»Hmm.«
War das womöglich ein Grunzen gewesen? Oder ein Hüsteln? Konnte auch ein Seufzer gewesen sein. Nur ein absolut vernarrter Vater legte so ein Geräusch als Ermutigung, als Aufforderung zum Weitersprechen aus.
»Sie hat gerade ihre Weetabix gegessen... nun, ich sage gegessen ... herumwerfen kommt wohl eher hin...« Troy lachte und schüttelte angesichts dieses Wunders den Kopf. »Ein bißchen landete auf ihrem Lätzchen... ein bißchen an der Wand... es gab sogar -«
»Jetzt kommen Sie mal auf den Punkt, Sergeant.«
»Wie bitte?«
»Was hat sie denn nun gesagt?«
»Oh. Ja. Nun - >Bally< hat sie gesagt.«
»Was?«
»Ball.«
»Ball?«
»So wahr ich hier sitze.«
»Herrje.«
Der Himmel war fast dunkel. Ein roter Streifen markierte den Horizont, als der Wagen in das Dorf rollte. Im stillen rechnete Barnaby damit, einen Krankenwagen auf der Zufahrt von Manor House vorzufinden, aber da parkten nur zwei Streifenwagen und George Bullards Volvo.
Kaum war Barnaby aus dem Wagen gestiegen, hörte er Geheul. Ohrenbetäubend laute Schmerzensschreie wie die eines in der Falle sitzenden Tieres. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter.
»Jesus!« Troy trat zu ihm auf die Veranda. »Was, verflucht noch mal, ist das?«
Ein in der Halle postierter Constable salutierte vor ihnen. »Alle sind oben, Sir. Auf der Galerie zu Ihrer Linken. Am hinteren Ende.«
Die Stufen erklimmend, schaute Troy sich um. Die erbärmlichen Schreie irritierten ihn so sehr, daß er diesmal - im Gegensatz zu sonst - nicht von jener vernichtenden Ablehnung heimgesucht wurde, die ihn immer überfiel, wenn er seiner Einschätzung nach einen Fuß in ein Haus der Oberschicht setzte. Er schnüffelte und befand: »Was für ein Gestank!«
»Räucherkerzen.«
»Riechen nach Katzenpisse.«
Schließlich fanden sie den Schauplatz des Verbrechens. Ein langgezogener, nur spärlich möblierter Raum. Kontrollierte, geschäftige Menschen bewegten sich leise und effizient. Ein Fotograf saß auf ein paar Stufen. An seinem Hals hing eine Pentax mit aufgesetztem Blitz. Ein zweiter Constable stand neben der Tür. Bei ihm erkundigte sich Barnaby, wer für dieses Gezeter verantwortlich war.
»Eine der Personen, die hier leben, Sir. Allem Anschein nach ist er nicht ganz zurechnungsfähig.«
»Na, das dürfte die ganze Angelegenheit doch etwas fröhlicher gestalten.« Barnaby schritt zum Podest hinüber und kniete sich neben den weißgewandeten Leichnam. Etwas Blut war aus der Brustwunde gesickert und bildete eine kleine Pfütze, einer frischgewaschenen Pflaume nicht unähnlich. »Und was haben wir hier, George?«
»Sie sehen es ja selbst«, meinte Doktor Bullard. »Einen Messerkünstler.«
»Sauber.« Barnaby inspizierte den Toten genauer und blickte dann in die Richtung, aus der das Geheul kam, das langsam zu einer Reihe gequälter Seufzer abschwoll. »Können Sie ihm nicht etwas geben? Das treibt einen ja in den Suff.«
Der Doktor schüttelte den Kopf. »Soweit ich mir das zusammengereimt habe, bekommt er schon eine relativ komplizierte Medikamentenmischung verabreicht. Ist nicht klug, in so einem Fall noch was zu geben. Ich habe vorgeschlagen, ihren eigenen Arzt zu Rate zu ziehen, aber sie behaupten, keinen zu haben. Machen sie alles ganz allein, mit Mondschein und Kräutern.«
»Sie müssen doch einen Arzt haben. Woher kriegt er seine Medizin?«
»Hillingdon in Uxbridge.« Er stand auf und klopfte unnötigerweise seine Knie ab.
»War auf dem Weg ins Bett, nicht wahr, Doktor Bullard?« fragte Troy und zeigte auf den Leichnam. »In seinem Nachthemd.«
»Wie lange, George?«
»Höchstens eine Stunde. Diesmal sind Sie gar nicht darauf angewiesen, daß ich Ihnen das sage. Wie ich hörte, waren alle zugegen.«
»Wie bitte... Wollen Sie damit sagen, es war ein Versehen? Eine Art Unfall?«
Aus der Stimme des Chiefs hörte Troy eine Spur Enttäuschung heraus. Kurzzeitig fühlte Barnaby sich betrogen. In sich hineinschmunzelnd, senkte der Sergeant den Blick auf den Toten, musterte die faltigen, emotionslosen Gesichtszüge, die pergamentene Haut. Und die langen weißen Haare. Der Mann sah aus wie jemand aus den Zehn Geboten. Problemlos konnte man ihn sich als Moses vorstellen, wie er »Laß mein Volk ziehen« in die Wildnis schrie. Oder hieß es »kommen«? Troy und die Bibel standen sich nicht nahe. Barnaby unterhielt sich inzwischen mit Graham Arkwright, dem Mann, der den Tatort gesichert hatte. Troy spitzte die Ohren.
»... eine Menge, dem man nachgehen kann, fürchte ich. Das hier haben wir hinter dem Vorhang dort drüben entdeckt.« Er zeigte auf eine kleine Laibung und hielt eine Plastiktüte mit einem hellgelben Handschuh hoch. »Vielleicht entdecken wir was am Messer, da hängt eine Faser dran. Wissen Sie etwas über diese Kommune, Tom?« Barnaby schüttelte den Kopf.
»Meine Frau hat hier einen Webkurs besucht. Habe mir Ewigkeiten den Kopf zerbrochen, wie ich den Schal los Werde. Schließlich habe ich ihn jemandem auf dem Flohmarkt gegeben. Später tauchte das doofe Ding im Oxfam-Schaufenster auf. Meine Frau hat eine Woche lang nicht mit mir gesprochen.«
»Na, wenn das kein Ergebnis ist«, warf Troy ein.
Barnaby nahm den Handschuh und eine zweite Tüte, in der das Messer lag, und sagte: »Das hier werde ich später bei den Gerichtsmedizinern abgeben - okay?«
Es blitzte, und die beiden Beamten näherten sich den im Türrahmen stehenden Mann.
»Waren Sie als erster hier, Sergeant?«
»Ja, Sir. Traf zusammen mit dem Krankenwagen ein. War auf Streife mit meiner Kollegin Lynley. Habe den CID benachrichtigt und blieb hier bei der Leiche. Sie paßt unten auf die anderen auf. In dem großen Zimmer auf der anderen Seite der Halle.«
»Und welchen Eindruck machte die... ganze Truppe auf Sie?«
»Nun... sie reagierten so, wie man es erwarten würde. Standen alle rum und waren fassungslos. Einmal abgesehen von diesem retardierten Jungen, der sich die Seele aus dem Leib schreit. Ich fragte, ob jemand den Toten berührt habe, was sie verneinten. Tja, mehr habe ich nicht aus ihnen rausgekriegt.«
»Gut.« Barnaby stieg die Treppe hinunter. Troy, gertenschlank in seinem abgetragenen Lederblouson und seinen engen grauen Hosen, rannte voraus und riß erst zwei andere Türen auf, bis er die richtige fand.
Das relativ große Zimmer mit Holzdecke und holzverkleideten Wänden vermittelte einem den Eindruck, in einer großen geschnitzten Kiste eingesperrt zu sein. Es gab eine Menge Plastikschalensitze auf dünnen Metallbeinchen und eine nicht ordentlich geschrubbte Tafel. Ein Raum für Vorträge und Seminare.
Mit Ausnahme eines Mannes, der abseits vor dem französischen Fenster stand, hatten die Kommunenmitglieder sich zusammengeschart. Mit den geballten Fäusten in der Jackentasche vermittelte der Mann am Fenster den Eindruck, irritiert und wütend zu sein. Auf seiner linken Wange prangte ein langer, blutiger Striemen. Er kam Barnaby irgendwie bekannt vor.
Troy musterte die Polizistin (sie hatte die Dreißig längst hinter sich) und dann die anderen. Ein weinendes Mädchen in einem Sari wurde von einem Mann in Jeans getröstet. Ein jammernder Junge hatte seinen Kopf in den Schoß einer blaugekleideten Frau mit kühnen Gesichtszügen gelegt. Ein blondes Püppchen und eine graumelierte Frau mit harten Zügen in Kordhosen. Zwei fette, pathetisch wirkende Hippies, auf deren Stirn Steine funkelten, eine Frau in einem durchgeknallten Kleid, die kaum lebendiger wirkte als die Leiche im oberen Stockwerk. Und ein rundlicher kleiner Zwerg mit einem Bart in der Farbe von Tomatensoße.
Barnaby stellte sich vor und fragte, ob einer von ihnen ihm genau erzählen könnte, was sich zugetragen hatte. Daraufhin entstand eine lange Pause. Troy kam es vor, als versuche das Mädchen im Sari, sein Schluchzen zu unterdrücken, um sich schließlich zu Wort zu melden, aber dann wandten sich alle (bis auf den Mann am Fenster) der Frau in Blau zu. Fortwährend den Kopf des weinenden Jungen streichelnd, neigte sie widerwillig den Kopf und versuchte aufzustehen, aber der Junge umklammerte ihre Beine so fest, daß jedwede Bewegung unmöglich war. Sie sprach mit belegter Stimme. Leise und ruhig und doch unnatürlich, als würden große Gefühlsreserven unterdrückt.
»Der Meister hat uns verlassen. Er ist in seinen Lichtkörper eingetreten und nun eins mit dem Universellen Bewußtsein.«
O Gott, gütiger Gott, dachte der Chief Inspector. Sie ist also eine von der Sorte. Troy fragte sich, wie groß die Chance war, sich kurz rauszuschleichen und eine Kippe zu rauchen, bevor die Sache ernst wurde. Inzwischen war er runter auf fünf Zigaretten pro Tag, von denen er die ersten vier vor dem Frühstück geraucht hatte. Das Verlangen zu inhalieren machte ihn krank. Zwei endlos lange Minuten verstrichen, ohne daß jemand etwas sagte. In diesem Augenblick begann die Torte mit den Hängetitten zu jammern, die Arme auszubreiten und sie um die Brust zu schlingen, als wäre ihr kalt.
Der Sergeant verfolgte dieses überdrehte Gehabe voller Irritation und Ablehnung. Man hätte sie für eine Horde Ausländer halten können, so wie sich verhielten. Für Italiener. Oder karibische Plappermäuler. Seine Hand fuhr in die Jackentasche und schloß sich um das Feuerzeug und das Päckchen Chesterfield.
Barnaby erkannte schnell, daß eine Gruppenbefragung ihn nicht weiterbrachte. Bislang hatte er nur den Namen des Toten erfahren. Die Befragung kam ihm wie ein Verhör von Kriegsgefangenen vor. Daher bat er um ein anderes Zimmer. Man bot ihm einen Raum an, der dem Aussehen nach als Büro fungierte.
Ein Arbeitsraum - mit Kartons voller Briefpapier und Briefumschlägen, Aktenschränken und einem altmodischen Vervielfältigungsapparat. An der Wand hing ein Reinkarnationsposter mit den Worten: Haben Sie jemals einen Scheck mit 'William Shakespeare unterzeichnet und, sich darüber gewundert? Das Büro war ein Raum ohne Fenster und insofern besonders attraktiv für einen Polizisten. Die Konfrontation mit einem unbekannten Vernehmungsbeamten in Verbindung mit der kompletten Negierung der Außenwelt war ungefähr die halbe Miete.
Mit einem Stoß grobem Papier und ein paar Bleistiften bewaffnet, setzte sich Barnaby an einen kleinen, runden Tisch. Die Plastiktüten legte er auf den Boden. Troy schlenderte umher. Ein weiterer Streifenwagen war eingetroffen. Ein Constable war vor der Eingangstür ausgestiegen und saß nun mit einem Kugelschreiber und einem Spiralblock auf einem Stuhl, der so positioniert war, daß die zu verhörende Person ihn nicht sehen konnte. Da die Gruppe sich als wortkarg zu erkennen gegeben hatte, konnte der Chief Inspector nicht wie gewöhnlich zuerst den ergiebigsten Zeugen vernehmen, sondern begann mit der Sprecherin. Eine Entscheidung, die ihm gründlich den Tag vermieste.
Bis zu diesem Moment hatte Barnaby geglaubt, im Lauf seiner dreißig Dienstjahre auf jede Sorte Mensch getroffen zu sein, auf jeden Typus, jede Hautfarbe, auf Anhänger jeder sexuellen, religiösen und politischen Couleur, die sein Land zu bieten hatte. Innerhalb weniger Minuten mußte er feststellen, wie sehr er sich geirrt hatte. Die ihm gegenübersitzende Frau nannte ihren vollen Namen, ihren Astralnamen (»Pacifica«) und tat die Meinung kund, Barnaby solle lieber auf gelbem als auf weißem Papier schreiben, um Verwirrung zu mindern und seine Übellaunigkeit auszugleichen. Ein rumkritzelnder Barnaby legte den Stift weg.
Zum Todesfall im Solar befragt, konstatierte sie, daß der Begriff unangebracht war. Der Meister war magnetisch transformiert worden, hatte sich in einen Mond verwandelt, der inzwischen in den interplanetarischen Teich eingedrungen war. War zum Herrn über alle Elohim geworden, zu einem Tropfen im weiten Feld kosmischen Bewußtseins.
»Wie dem auch sei, Miss Cuttle...« (Oh, sehr klug, fand Troy.) »Worauf ich hinausmöchte, ist die Frage, wer ihn dorthin geschickt hat.«
»O nein, nein, nein - so war das überhaupt nicht.« Sie schenkte ihm ein süßes, leicht herablassendes Lächeln. Barnaby hatte schon Sorge, jede Minute den Rat zu erhalten, sich ja nicht seinen klugen Kopf zu zerbrechen.
»Wie war es dann?« fragte Sergeant Troy.
»Nun...« Nachdem May sich bequemer hingesetzt hatte, plazierte sie ihre Tasche wie einen Känguruhbeutel auf ihrem Schoß. »Es fing alles mit meiner Rückführung an.« Sie brach ab, da ihr auffiel, wie Barnabys wettergegerbtes Antlitz sich verdüsterte. »Ach, je... es fällt mir schwer, das Außenseitern zu erklären. Vielleicht reicht es zu erwähnen, daß wir schon mehrmals auf dieser Welt gewesen sind und ich jeden dritten Freitag im Monat, außer im Februar, wo ein übernatürlicher Selbstverteidigungskurs stattgefunden hat, unter der Anleitung des Meisters Ereignisse aus anderen Leben noch mal durchlebe. Während dieser Rückführungsperioden schwirrt immer eine Menge Energie herum, der heutige Tag hingegen hat alles übertroffen. Heute nachmittag hatte ich beispielsweise einen Unfall, den ich allerdings nicht als Unfall, sondern als Gleichnis begreife. Ein Eisenbrocken fiel vom Dach -«
»Könnten wir bei diesem Abend bleiben, Miss Cuttle?«
»Oh. Ja, sehr gut. Eigentlich geschah dasselbe in einem anderen Gewand. Eine Symbolisierung von Astarte, der Mondgöttin. Später, während der eigentlichen Rückführung, trieben Nebel umher, Sterne kollidierten, Pfeiler silberner Lichtblitze und goldener Lichtregen, drehende Monde... Die Durchquerung eines Arahat ist von signifikanter astraler Bedeutung und kann nicht mit Hilfe herkömmlicher Dynamik erreicht werden. Dabei handelt es sich weder um eine gewöhnliche noch zufällige Angelegenheit.«
»Gewiß nicht zufällig.«
»Ich sehe, Sie suchen nach einer Art Einmischung von Menschenhand.«
»Ja, die Untersuchung zielt in diese Richtung.«
»Als Sie aus Ihrer Trance oder woraus auch immer erwachten«, sagte Troy, »was genau haben Sie da gesehen?«
»Das habe ich doch gerade eben beschrieben. Dahintreibende Monde -«
»Mich interessieren die Fakten.«
»Das sind die Fakten.«
Wild entschlossen, in Zukunft seine Fragen so präzise zu formulieren, daß die Gegenseite keine Schlupflöcher für astrologische Ergüsse fand, fuhr Barnaby fort: »Nun, Miss Cuttle -«
»Vorkoster des Generals.«
»Pardon?«
»Das war ich heute abend. Im römischen Britannien.«
»Tatsächlich?« Barnaby, dem die Huldigung von Vorfahren nichts sagte, drang weiter in sie. »Könnten Sie mir verraten -oder besser noch - zeigen, wo er und die anderen saßen, bevor Sie anfingen.« Er schob ihr einen Bleistift und ein Blatt Papier zu und - da sie den Mund öffnete - beeilte sich zu sagen: »Wir haben nur Weiß.«
»Musik ist meine Stärke, nicht die darstellende Kunst«, verkündete May.
»Eine grobe Skizze dürfte genügen. Machen Sie Kreuze, wenn Ihnen das lieber ist. Aber raten Sie nicht. Sollten Sie unsicher sein, machen Sie lieber kein Kreuz.«
Sie malte wie ein Kind, konzentriert und mit vorgeschobener Zunge. Barnaby studierte das Ergebnis.
»Hatte sich etwas an diesen Positionen geändert, als Sie... ähm... wieder Sie selbst waren?«
»O ja. Alle standen um mich herum. Arno weinte - der dumme Kerl.«
»Wieso?«
»Ich war vergiftet worden. Als ich die Pilze kostete. Die anderen machen sich immer gleich Sorgen. Er hätte wissen müssen, daß ich in Ordnung bin. Als man mich an das Kutschenrad gefesselt hatte -«
»Sie sagen alle«, unterbrach Troy. »Gehörte Mr. Craigie auch dazu?«
»Nein. Allerdings fiel mir das erst auf, als Christopher das Licht einschaltete.«
»Wo ist er auf dieser Zeichnung?« Barnaby betrachtete die Skizze.
»Nirgendwo. Er war bei mir.«
»Sie wollen damit sagen, daß es dunkel war?« hakte der Chief Inspector nach.
»Düster.«
»Wie praktisch«, ließ Troy verlauten.
May runzelte die Stirn. »Ich begreife nicht.«
»Wer hat vorgeschlagen, das Licht zu löschen?«
»Niemand. Bei unseren Meditationsübungen verfahren wir immer so.«
»Und was haben Sie gesehen, als das Licht wieder an war?«
»Der Meister stand vor seinem Stuhl -«
»Immer noch auf dem Podest?« Barnaby warf einen Blick auf die Skizze.
»Ja. Und polterte dann die Stufen hinunter.« Ihre Stimme bebte, und ihre Lippen zitterten angesichts dieser Erinnerung. »Sein Brustkorb hatte schon die himmlische Lanze empfangen.«
Langsam riß dem Chief Inspector der Geduldsfaden. Energisch griff er nach der ersten Plastiktüte und schob sie über den Tisch. »Ihre Lanze, Miss Cuttle. Kennen Sie sie?«
»Gott...« Sie hob die Tüte hoch. Die Blutspuren waren zu einem rostigen Orange oxydiert. »Das ist doch eins der Messer aus unserer Küche.« Sie legte die Tüte auf den Tisch. »Wie kann...?« Einen Augenblick starrte sie ihn mit großen Augen und mit in Falten gelegter Stirn an, ehe sie schlagartig klarzusehen schien.
»Natürlich.« Die undurchdringliche Selbstsicherheit kehrte zurück. »Wir hier sind die noch nicht Erwachten, Inspector. Wir bemühen uns, wir beten, wir ringen um Perfektion, aber das ist eine langwierige und aufwendige Aufgabe. Anscheinend war bisher keiner von uns bereit für die Offenbarung göttlicher Weisheit. Und da die Götter das wissen, haben sie in ihrem unermeßlichen Großmut ihre geheimnisvolle, subtile Waffe in einen ganz durchschnittlichen und gewöhnlichen Haushaltsgegenstand verwandelt. Ich hege keinen Zweifel, daß Sie einen karmischen Fingerabdruck finden werden.«
Troy kicherte höhnisch. Barnaby, der den Eindruck hatte, daß es dieser Analyse ein wenig an Exaktheit mangelte, legte den zweiten Beutel auf den Tisch. »Und das da ist wohl ebenfalls aus der Küche?«
»Ja. Janet trägt sie. Sie hat einen leichten Hautausschlag, der besser wird, seit ich sie mit meiner Malven-Minze-Salbe behandele. Wieso haben Sie den?«
»Er wurde hinter einem Vorhang im Solar gefunden.«
»Wie seltsam. Man kann dort oben nicht abwaschen.«
Angesichts ihrer Überzeugung, ein mystischer Attentäter sei für den Tod verantwortlich, schien es wenig Sinn zu machen, Sie über den eindeutigen Zusammenhang aufzuklären. »Ist Ihnen aufgefallen, ob irgendwann irgend jemand zum Fenster gegangen ist?« May schüttelte den Kopf. »Diese Rückführungen - verlaufen die öfter so dramatisch?«
»Das variiert. Einmal bin ich dem Schwarzen Tod erlegen und habe geschrien wie am Spieß. Die Woche darauf - eine wunderbare Zeit mit Heinrich VIII. Im voraus kann man das nie sagen.«
Gute Frage, fand Troy. Ziemlich hinterlistig. Denn falls jemand wußte, daß sozusagen eine Ablenkung bevorstand... Er stellte selbst eine Frage: »War jemand anwesend, der diese Prozedur nicht kannte?«
»Ja, in der Tat. Mr. und Mrs. Gamelin sind uns fremd.« (Gamelin, dachte Barnaby. Sieh an, sieh an.) »Sie sind wegen des Geburtstags ihrer Tochter gekommen. Armes Kind.«
Ihr Akzent ging Troy gehörig gegen den Strich. Wohlklingend. Wurde auf den britischen Pferderennplätzen gesprochen. Geboren, um andere für sich rumspringen zu lassen. Zumindest hielten sie das für ihr Privileg, was aufs selbe hin-auslief. Hatte man den richtigen Ton drauf, kam man mit allem durch, selbst wenn man durchgeknallt war. Bei Mord kam man allerdings nicht davon. Der Chief erkundigte sich nach der Hierarchie der Kommune und wer in Zukunft die Führungsrolle übernehmen würde.
»Wir sind hier alle gleichberechtigt, Inspector Barnaby, wenngleich man auch bei uns - wie in allen Gruppen - eine natürliche Hierarchie findet.« Barnaby nickte. Er fand, daß Menschen, die diese Erklärung anführten, sich nur selten auf die untere Stufe stellten. »Ich bin am längsten hier und denke, Sie könnten mich als Schatzkämmerer bezeichnen. Ich besorge alle Bestellungen. Angefangen von den Sojabohnen bis hin zu Calypsos Heu. Und ich kümmere mich um die Bankgeschäfte. Ich habe die Erlaubnis, Schecks auszustellen.« Sie fuhr fort, die anderen Mitglieder der Kommune gemäß ihres Eintreffens und der Länge ihres Aufenthalts aufzuführen.
»Und der Junge?« Barnaby nickte in Richtung Tür. Das Stöhnen war nun kaum noch zu hören.
»Tim? Oh - er ist... gefunden worden.« Mit einem Mal schien sie sich nicht mehr wohl in ihrer Haut zu fühlen. »Über die Einzelheiten weiß ich nicht Bescheid. Arno hat mir die Details nie erzählt. Er regte sich ziemlich auf, als ich ihn ein zweites Mal dazu befragte. Eines Tages brachten er und der Meister Tim einfach mit nach Hause. Wie er damit nur zurechtkommen soll... der arme Junge? Der Meister war sein Leben, seine Existenz. Ich habe Angst um ihn, wirklich.« Sie stand auf. »Falls das alles ist, könnte ich dann gehen? Ich würde gern nach -«
»Noch eine Frage«, sagte Barnaby. »Hat sich seit der Rückführung jemand umgezogen?«
Nachdem sie ihm eine negative Antwort gegeben und man ihr die Erlaubnis, sich zu entfernen, erteilt hatte, tauschten die drei Männer amüsierte Blicke aus. Barnaby fragte: »Calypsos Heu?«
»Das sind alles Vegetarier, Sir«, antwortete der junge Constable.
»Sie haben doch alles ganz genau mitgeschrieben, oder, Sonnenschein?« fragte Troy nach.
»Natürlich nicht, Sergeant«, sagte der Police Constable und lief rot an. Auf seiner Oberlippe prangte ein absurd flaumiges Bärtchen, das einen an einen Streifen Entenfedern denken ließ. »Nur die relevanten Details.«
»Die hatten massig Zeit, sich auf eine Geschichte zu einigen, bis der erste Streifenwagen eintraf, Chief. Vielleicht kriegen wir jetzt dauernd diesen übernatürlichen Unsinn aufgetischt,«
»Da habe ich so meine Zweifel. Bestimmt sind nicht alle so übergeschnappt wie die eben.«
Es klopfte, und die Frau mit den langen grauen Haaren trat ein, gefolgt von dem Mann mit dem mexikanisch anmutenden Bart. Sie hatten ihre Stirnbänder abgelegt und trugen statt dessen übertriebene Trauermienen. Sie brachte ein Tablett mit drei Tassen und er einen Teller, der im Grunde genommen auch noch auf das Tablett gepaßt hätte.
»Wir dachten, Sie würden sich gewiß über eine kleine Stärkung freuen...«
»Eine Tasse Malzkaffee -«
»Ein wirklich ausgezeichneter Kaffee-Ersatz -«
»Und etwas Kuchen.«
Eine Tasse entgegennehmend, fragte Barnaby sie nach ihren Namen und sagte: »Nun, wo Sie schon mal da sind, würde es Ihnen doch sicherlich nichts ausmachen, ein paar Fragen zu Mr. Craigies Ermordung zu beantworten.« Ganz bewußt nannte er die Sache beim Namen, damit jeder wußte, wo er stand.
Man merkte, wie ungewohnt diese Situation für sie war. Beide ließen sich schwerfällig auf einen Stuhl fallen. Ken sprach als erster: »Sie können das doch nicht als Mord bezeichnen.« Und schob freundlich nach: »Jedenfalls nicht wie ein Laie dieses Wort verwenden würde.«
»Es gibt nur eine Art, diesen Begriff auszulegen, Mr. Beavers. Die mutwillige Vernichtung menschlichen Lebens. Sie können das selbstverständlich in jede Ihnen genehme Sprache übersetzen. Aber am Ende läuft es eben doch auf Mord hinaus.« Auf ihr niedergeschlagenes Nicken hin schob er Papier und Bleistift hinüber und erklärte ihnen, was es mit der Skizze auf sich hatte. Er untersagte ihnen, sich miteinander zu beraten, und beobachtete sie beim Zeichnen.
Ihre Diagramme waren - wie ihre Kleider und ihre Haarfrisuren - beinahe identisch. Vor seinem geistigen Auge sah er sie im Winter gleiche Pullover und gleiche Pudelmützen tragen, die auf identischen Spitzköpfen ruhten. Troy hatte mit seiner Erfrischung zu kämpfen. Wäre der Kuchen nicht in Scheiben geschnitten, hätte er ein prima Fundament abgegeben.
Ken gab das Blatt Papier zurück und fragte: »Darf ich einen Zwischenkommentar zu Ihrer letzten Ausführung abgeben?«
»Durchaus. Aber bedienen Sie sich bitte - falls möglich - einer uns geläufigen Sprache. Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit«, meinte Barnaby und fürchtete schon, daß dem doch so war.
»Das Messer wurde von einer sterblichen Hand gehalten.« Ziemlich störrisch. »Aber die Hand wurde unter göttlicher Anleitung geführt. Um die Wahrheit zu sagen, sowohl ich als auch meine Frau waren ziemlich frustriert, nicht erwählt worden zu sein -«
»Es wäre uns eine Ehre gewesen -«
»Keines der anderen Kommunenmitglieder ist ergebener als wir.«
»Jedoch«, monierte Ken gekränkt, »es sollte nicht sein.«
»Sie müßten dankbar sein, daß die Wahl nicht auf Sie gefallen ist, Mr. Beavers. Es sei denn, Sie verspüren das Verlangen, die nächsten Jahre in einer Gefängniszelle zu verbringen.«
»Wie kommen Sie denn darauf ?« rief Heather, warf den Kopf zurück und gab kurz einen Blick auf das frei, was mit Hilfe von exzessivem Training und einer Menge plastischer Chirurgie in ferner Zukunft der Ansatz eines Kinns werden könnte.
Ken sagte: »In einem spirituell ausgerichteten Leben gibt es so etwas wie eine Zelle nicht.«
In diesem Augenblick schob Barnaby die beiden Plastiktüten hinüber. Die mit dem Messer veranlaßte Ken zu murmeln: »...Vibrationen, immer noch spürbar... subtil, aber sehr potent ... wow...«
»Er kann Ihnen wirklich behilflich sein, Inspector«, verriet Heather. »Versuchen Sie es, sehen Sie in ihm Ihre kosmische Wünschelrute.«
Was für miese Schauspieler, schoß es Troy durch den Kopf. Nicht zu glauben. Er erkundigte sich, wie Kens Hilfe aussehen 'würde.
»Mein Mann ist ein Mensch, der sehr empfindlich auf alles reagiert.«
»Empfindlich in bezug auf was?«
»Diese Umschreibung verwenden wir, um eine Seele zu beschreiben, die nicht nur im Einklang mit den unergründlichen Hefen des eigenen Selbst ist, sondern auch mit all den dynamischen Strömen des verborgenen Universums.«
»Ist das ein Fakt?«
»Eine Art Nebenwirkung davon ist«, erläuterte Ken ernst und hob leicht die Schultern, »daß ich zum Channeller von Hilarion erwählt wurde. Einer der wunderbarsten Geister, die die Erde jemals gekannt hat. Hat vielfach die Gestalt gewechselt. Sie kennen ihn wahrscheinlich eher als Samuel, den Propheten des Herrn. Oder als Merlin. Vielleicht auch als Francis Bacon, Sohn von Elisabeth I. und Robert Dudley...«
»Was ich wirklich möchte...« Voller Entschiedenheit versuchte Barnaby, dieses Geschwätz zu unterbinden.
»- der echte Autor der sogenannten Shakespeare-Stücke -«
»Was ich wirklich möchte...« Falls es die Situation erforderte, was jetzt der Fall war, konnte er ziemlich griesgrämig dreinblicken. Die beiden setzten sich aufrecht hin. »... ist, Sie zu fragen, ob Sie eine Ahnung haben, warum dieser Mord verübt wurde.«
»So war es nicht.«
»Aber einmal angenommen«, sagte Troy laut und beugte sich beim Sprechen vor, »es wäre so gewesen.«
»Unmöglich. Jeder liebte ihn.«
»Wenigstens eine Person hat ihn offenbar nicht geliebt, Mrs. Beavers«, konstatierte Barnaby. »Nun, ich weiß, es war nicht sonderlich hell, aber ist einem von Ihnen während der Rückführung eine plötzliche Bewegung aufgefallen?« Er warf einen Blick auf die Zeichnungen. »Saß beispielsweise jemand auf den Stufen?«
»Nun, wir sind natürlich alle wegen May aufgestanden. Und zu ihr hinübergelaufen.«
»Gleichzeitig?«
»Ja, fast, meinst du nicht auch, Heth?«
Heather nickte. Barnaby hatte den Verdacht, daß dies erst der Anfang war, daß sie stets die gleiche Meinung äußern würden. Ein verdunkelter Raum. Menschen, die sich auf eine liegende Gestalt konzentrierten. Alle blicken in dieselbe Richtung, während das, was wichtig ist, sich auf der anderen Seite abspielt. Nicht gerade ausgefallen, diese Vorgehensweise. Und dennoch ganz schön gewagt. Warum einen so riskanten Zeitpunkt wählen? Da es in diesem Stadium noch keine Antwort auf diese Frage gab, änderte Barnaby die Richtung seiner Befragung und versuchte mehr Hintergrundinformationen zu sammeln.
»Wie viele Menschen leben hier?«
»Zehn wohnen permanent hier, aber selbstverständlich können wir mehr Menschen beherbergen. Manchmal, während Workshops und Exerzitien, halten sich hier vierzig... fünfzig Leute auf.«
»Kann nicht leicht sein«, spekulierte Troy, »so eng miteinander zu leben. Es gibt sicherlich Streitereien und Mißstimmungen.« Beide lächelten zuckersüß und schüttelten den Kopf. »Das Aufeinandertreffen verschiedener Charaktere? Zwist in finanziellen Angelegenheiten?«
»Materialismus ist uns fremd.«
»Was ist Geld, wenn nicht die Zementierung einer göttlichen Macht?«
So ging es noch eine Weile lang weiter, bevor Barnaby sie gehen ließ. Kaum war die Tür ins Schloß gefallen, da wurden er und Troy schon durchdiskutiert.
»Diese Typen... von einem anderen Planeten... oder?«
»Verstehen überhaupt nichts. Hören nur die Worte.«
»Nächstes Mal, wenn Maureen sich über den Haushalt beschwert, muß ich ihr das erzählen«, sagte Troy. »Wie war das noch gleich, die Zement... wie war das noch gleich? Und wo wir schon von Zement sprechen - haben Sie von diesem Kuchen gekostet?«
»Für einen Abend habe ich schon genug riskiert«, meinte Barnaby. »Ich habe das Zeugs getrunken.«
»Ist nicht gerade das, was man >große Sprünge machen< nennt, nicht wahr, Sir?« Troy lehnte sich an die Tischkante und " reagierte auf Barnabys säuerliches Grinsen mit einem gewinnenden Lächeln. »Wie steht es mit der guten alten Verschwörungstheorie? Die alte Schachtel trägt absichtlich dick "auf, um die Aufmerksamkeit vom Podest auf sich zu lenken... alle stürmen nach unten und ermöglichen somit -«
»Genau. Alle stürmten nach unten.«
»Ja... nun... sehen Sie...« Troy drehte Mays Skizze um. »Sie waren... zu neunt? Doch einer ist offensichtlich zurück-geblieben, bringt den alten Obi-halb-Kenobi um die Ecke und gesellt sich dann zu den anderen. Wie lange würde das dauern? ' Eine Sekunde? Zwei? Da die Schachtel geschrien und gezappelt hat, konnte niemand einen Schrei hören, falls der Typ einen ausgestoßen hat.«
»Hmm. Die Theorie ist nicht unvernünftig.« Troy erlaubte sich ein selbstgefälliges Grinsen. »Bin mir aber nicht sicher, ob ich die Verschwörungstheorie kaufe. Nun - dann wollen wir mal mit -« Er drehte die Skizze wieder um. » - Christopher Wainwright sprechen. Er harrte während der gesamten Rückführung neben dieser Cuttle aus und hatte insofern - genau wie sie - ein uneingeschränktes Blickfeld. Möglicherweise hat er gesehen -« Es klopfte kurz an die Tür, und die Polizistin Anfang Dreißig steckte den Kopf durch den Türspalt. »Was gibt es?«
»Draußen ist eine Miss McEndrick, Sir. Sie behauptet, wichtige Informationen über den Vorfall im oberen Stockwerk zu haben.«
Kaum hatte die Beamtin das letzte Wort gesprochen, zwängte sich Janet in das Verhörzimmer, stand mit eingefallenen Schultern da, verdrehte die Augen, blinzelte hektisch und ratterte drauflos. Die Worte kamen ihr wie Maschinengewehrfeuer über die Lippen und waren kaum verständlich, so schnell sprach sie.
»Es tut mir leid... ich konnte nicht warten, bis Sie nach mir rufen... Entschuldigung... es ist nur so, daß ich was gesehen habe, bin mir sicher, es ist wichtig... und daß Sie es erfahren möchten, bevor Sie Ihre Zeit mit den anderen verschwenden... ’tschuldigung...«
Alles an ihr kündete von Reue. Sie schien um Vergebung zu bitten für ihre Größe, ihre unattraktiven Klamotten, ihren knochigen Körper, ihre bloße Existenz. All das hatte sie aber nicht daran gehindert, unaufgefordert das Zimmer zu betreten. Sich einem Fremden aufzudrängen, sich als Autorität darzustellen. Dieser Schritt mußte ihr einiges abverlangt haben.
Barnaby bat sie, Platz zu nehmen. Das tat sie mit den Worten: »Ich weiß, wer es getan hat. Er trug einen Handschuh, nicht wahr? Einen Gummihandschuh?«
»Wie kommen Sie auf diese Idee?«
»Hinter dem Vorhang, dort lag er, nicht wahr?« Sie brach ab, woraufhin Barnaby sie zum Fortfahren ermunterte, während ihm das nervöse Zucken in der Wange und die intelligenten, weit auseinanderstehenden Augen auffielen, in denen keine Trauer lag.
»Er hat ihn aus seiner Tasche gezogen. Ich habe es beobachtet. Er hat sich im Zimmer umgeschaut, als warte er, bis ihn niemand beobachtet, darum blickte ich in eine andere Richtung - tat so, als unterhielte ich mich mit jemandem aber ich habe ihn erwischt.«
»Wen erwischt, Miss McEndrick?«
»Wie - natürlich Guy Gamelin.« Sie hatte Mühe, ruhig zu sprechen. In ihrer Stimme schwang unüberhörbar Triumph mit.
Natürlich? Hier geht es um etwas Persönliches, dachte Barnaby und fragte sich, wieso dem so war. Möglicherweise gehörte sie - wie auch sein Sergeant - zu der Sorte Menschen, die in Gegenwart von Reichen von Neid zerfressen wurden. Diese Schlußfolgerung stellte den Inspector nicht zufrieden. Er fragte sie nach ihrer Meinung über Mr. Gamelin.
»Meine Meinung?« Sie lief puterrot an. »Ich habe keine Meinung. Ich habe ihn erst heute kennengelernt.«
»Sie haben zusammen zu Abend gegessen.«
»So kann man das wohl nicht nennen. Wir waren zu neunt.«
Barnaby nickte und warf ihr einen erwartungsvollen, aufmunternden Blick zu. Die Stille dehnte sich aus. Seine Miene, die besorgtes Interesse verriet, veränderte sich nicht. Man mußte schon sehr ungehobelt sein, um nicht zu antworten.
»Falls Sie es wirklich wissen möchten, ich halte Gamelin für ziemlich widerlich. Denkt nur an sich - wie die meisten Männer. Korrigiert uns, wenn er nicht gerade versucht, uns niederzumachen. Belächelt unsere Ideale und die Art und Weise, wie wir zu leben versuchen. Selbstverständlich lassen sich manche Leute leicht von Macht beeindrucken. Und von Geld.«
»Möglicherweise die Mehrheit der Menschen?«
»Wie dumm von ihnen.«
Barnaby erläuterte die Skizze und reichte ihr ein Blatt Papier. Janet sagte: »Wieso? Ich hatte nichts damit zu tun.«
»Sie alle werden darum gebeten.«
»Ja - ist es jetzt nicht vorbei? Ich meine - warum gehen Sie nicht einfach raus und verhaften ihn?«
»Haben Sie daran ein spezielles Interesse, Miss McEndrick?« Troy lauerte hinter ihrem Stuhl.
»Nein...« Das Wort kam wie ein Peitschenschlag. Janet drehte den Kopf auf der Suche nach dem Vernehmungsbeamten. Ihr Blick fiel auf das feuerrote Haar, den schmalen Mund. Sie spürte Kälte und Unfreundlichkeit. Ziemlich beunruhigend. Fast dankbar wandte sie sich wieder dem älteren der beiden Männer zu. »Es ist nur so, ich dachte, daß derjenige, der das Messer benutzt hat, wegen der Fingerabdrücke einen Handschuh getragen haben muß. Und als ich dann sah, wie er ihn versteckte -«
»Haben Sie zwei und zwei zusammengezählt?« schlug Troy vor.
Janet stierte auf ihre Skizze. Während sie zeichnete, studierte Barnaby ihren Kopf. Bemerkte den messerscharfen Scheitel - kein einziges Haar auf der falschen Seite. Kriegsschiffgraue Metallklemmen preßten sich an die Kopfhaut. Er stellte sich vor, wie sie jeden Morgen und jeden Abend - ohne Ausnahme - diese drahtigen Haarmassen striegelte. Fünfzig harte, strafende Bürstenstriche. Die für Selbstgeißelung standen und nicht für den Wunsch, hübsch zu sein. Für den Wunsch, einen Dämon auszutreiben. Schlug er mit seiner Interpretation über die Stränge? Um welchen Dämon, fragte er sich, könnte es sich dabei handeln? Eifersucht, Verzweiflung, Trägheit... Lust? Als sie ihm die Skizze aushändigte, mußte er feststellen, daß sie den anderen sehr ähnlich war. Er wagte einen Sprung ins Ungewisse.
»Leben Sie gern hier, Miss McEndrick? Kommen Sie mit den anderen gut aus?« Sie schien auf der Hut zu sein. Er spürte Zurückhaltung.
»Ja. Ich denke schon.«
»Sind Sie vielleicht mit jemandem enger befreundet?«
»Nein!« In einer Bewegung sprang sie vom Stuhl auf und steuerte auf die Tür zu. Beim Öffnen wandte sie Barnaby ihr gepeinigtes Antlitz zu. »Ich werde Ihnen noch was über Guy Gamelin verraten. Der Meister hat beim Sterben auf ihn gezeigt. Hat mit dem Finger auf ihn gezeigt. Das zeigt doch, daß er schuldig ist. Fragen Sie ihn... fragen Sie die anderen...«
»Genau so ’ne Sportlehrerin hatte ich«, sagte Troy, nachdem Janet gegangen war. »Dicke Knie, Turnschuhe, keine Titten, Pfeife um den Hals. Die regen mich echt auf, diese Lesben. Alles Angehörige der Arschlochkratie, wenn Sie mich fragen. Finden Sie nicht auch?« Seine Frage richtete sich an den Constable, der mitschrieb.
Der Mann warf Barnaby einen fragenden Blick zu. Mit gesenktem Kopf schrieb der Chief schnell ein paar Dinge nieder. Er hielt es für das beste, sich rauszuhalten. »Darüber habe ich eigentlich nie nachgedacht, Sergeant.«
»Werden wir nun Gamelin verhören, Sir?« wollte Troy wissen.
»Ich möchte lieber erst hören, was die anderen zu sagen haben. Sehen, was wir Zusammentragen können.« Er schickte den Constable nach Christopher Wainwright.
»Ich denke nicht, daß er gewohnt ist zu warten.«
»Diese neue Erfahrung wird dann ein wenig Abwechslung in sein Leben bringen, nicht wahr?«
Troy bewunderte die Vorgehensweise seines Vorgesetzten. Er kannte eine Menge Beamte (angefangen von ganz oben bis runter zu Barnaby), die Gamelin gerade mal so lange hätten warten lassen, wie es brauchte, den Besucherstuhl abzustauben. Ich werde einmal wie der Chief sein, gelobte Troy, wenn ich Detective Chief Inspector bin. Mich wird keiner rumschubsen. Keiner wird Einfluß auf mich haben. Daß er in diesem Fall aus einer Position der Schwäche (und nicht der Stärke) handeln würde, entging ihm.
Dem Aussehen nach mußte Christopher Wainwright Ende Zwanzig sein. Die schwarzen Haare hoben die Blässe seines Gesichts noch stärker hervor. Er trug enganliegende Jeans und ein kurzärmliges Sporthemd mit einem kleinen applizierten Alligator. Falls er betroffen war, konnte er das gut verbergen. Die beiden Polizisten musterte er relativ gelassen, doch sein Gehabe wirkte in Barnabys Augen kontrolliert, vorsichtig. Weswegen machte sich dieser junge Mann Sorgen? Er war einer der beiden Menschen in dem Raum, die den tödlichen Stoß nicht ausgeteilt haben konnten. Sorgte er sich wegen jemand anderem? Wegen des weinenden Mädchens, das er in seinen Armen gehalten hatte? Barnaby fragte, ob er von seinem besonders vorteilhaften Standort etwas gesehen habe. Christoph er schüttelte den Kopf.
»Die meiste Zeit behielt ich May im Auge. Die letzten paar Minuten hielt ich ihre Hand. Wir waren gut drei Meter von den anderen entfernt. Und sonderlich hell war es auch nicht.« Auf die Bitte, eine Skizze anzufertigen, sagte er: »Sie wird ziemlich vage ausfallen. Ich kann mich kaum mehr erinnern, wo jeder stand. Ein Mord löscht derlei Wissen aus der Erinnerung.«
»Haben Sie eine Idee, warum Craigie ermordet wurde?«
»Keinen Schimmer. Er war ein ganz und gar unaufdringlicher Mann. Wirklich sanft, im Gegensatz zu dem einen oder der anderen hier, die oft über Liebe schwafeln, bei der praktischen Übung jedoch versagen.«
»Sind Ihnen die Einstellungen der Kommune unsympathisch?«
»Einige ja, andere nein. Ich denke, man könnte mich als vorurteilsfreien Skeptiker beschreiben. Letztes Jahr bin ich in Thailand im Urlaub gewesen. Die Haltung der Menschen dort hat mich außerordentlich beeindruckt. Die Tempel und die Mönche. Nach meiner Rückkehr begann ich, buddhistische Literatur zu lesen, und stieß später, im Vision, auf einen dreitägigen Kurs hier - eine Meditation, basierend auf dem Diamant-Sutra. Ich schrieb mich ein, und sechs Wochen später, also jetzt, bin ich immer noch da.«
»Wie kommt das, Mr. Wainwright?«
»Ich... habe jemanden kennengelernt.«
Barnaby registrierte, wie sich die Spannung in den Schultern seines Gegenübers löste, sah, daß der aufmerksame Blick aus den wachsamen Augen verschwand, und dachte, dann macht er sich also keine Sorgen wegen des Mädchens. Sondern wegen etwas anderem. Er schien das Bedürfnis zu haben, über sie zu sprechen, und der Chief Inspector ließ ihn plaudern.
»Zuerst konnte ich es nicht fassen.« Anscheinend war es ihm so peinlich, als gestehe er ein geheimes Laster, eine Schwäche ein. »Sich zu verlieben.« Er bemühte sich, ironisch zu klingen, was ihm aber nicht gelang. »Man hat natürlich Affären gehabt...« Er zuckte mit den Achseln. »Echte Liebe... nie. Um ehrlich zu sein, zuerst wollte ich mich verdrücken. Ich mochte mein Leben, wie es war. Hübsches kleines Apartment, kein Mangel an weiblicher Gesellschaft. Aber ich zögerte wohl einen Augenblick zu lange, und dann saß ich ... in der Falle.«
Er errötete. Und erweckte gar nicht den Eindruck, in der Falle zu sitzen. »Damals wußte ich nicht, wer sie ist. - Ich nahm einen Monat Urlaub - ich arbeitete als Kameramann für die BBC - der mir zustand. Danach bat ich um drei Monate unbezahlten Urlaub, der demnächst zu Ende geht. Bis dahin hoffe ich, Suze überredet zu haben, meine Frau zu werden. Sie hat Angst vor diesem Schritt, denke ich. Die Gamelins machen sich schon seit Ewigkeiten gegenseitig das Leben schwer. Ihre Kindheit muß gräßlich gewesen sein.«
»Dann«, schloß Barnaby, »dürfte Craigies Tod Ihnen zum Vorteil gereichen. Ihre Umgebung dürfte ihr nun wesentlich weniger Sicherheit bieten.«
»Ja. Es ist traurig, und selbstverständlich tut es mir leid, was geschehen ist, aber ich könnte mir denken, daß sich die Waagschale nun mehr in meine Richtung neigt.«
Heiliger Strohsack, dachte Troy. Wußte nicht, wer sie ist. Meint wohl, wir sind von vorgestern. Jeder, der nur ein Fünkchen Verstand besitzt, weiß, wie das abgelaufen ist. Irgendwie kommt ihm im Fernsehbusineß zu Ohren, wo das arme kleine, reiche Mädchen sich versteckt hält. Fährt hierher, geht an den Start und zieht seine Nummer ab. Kommen die beiden erst mal an ihr Bankkonto ran, sieht sie nur noch die Auspuffgase seines Ferraris.
Diese phantasievolle Auslegung der Ereignisse und Barnabys Theorie zum Motiv des Mordes brachten Troy auf eine Idee. »Wo genau befindet sich der Lichtschalter, Mr. Wainwright?« Er zeigte auf die fast fertige Skizze. Pflichtschuldig machte Christopher sein Kreuzchen, wobei ihm Troy über die Schulter schaute. »Ich verstehe. Um dahin zu gelangen, hätten Sie also dicht am Podest vorbei müssen.«
»Eigentlich nicht. Von hier nach hier«, sagte er und zog eine diagonale Linie, »wäre der kürzeste Weg gewesen.«
»Und den haben Sie auch genommen?«
»Aber klar doch.« Christopher fixierte den Sergeant. »Worauf wollen Sie hinaus?« Als er begriff, worauf der Sergeant anspielte, lachte er. »Ach, kommen Sie...«
Der Sergeant griff nach der Skizze, studierte sie aufmerksam und legte dabei die Hand über die Augen, um seinen Zorn zu verbergen. Ich kann alles ertragen, sagte Troy sich immer wieder (was überhaupt nicht der Wahrheit entsprach), nur nicht, daß sich jemand auf meine Kosten lustig macht.
»Ich habe den Eindruck gewonnen«, warf Barnaby ein, »der sterbende Mann zeigte auf jemanden, bevor er fiel.«
»Er stand mit erhobenem Arm da, ja. Ob er aber auf jemand Besonderen zeigte, kann ich nicht sagen.«
»Falls nicht, ergibt die Geste keinen Sinn.«
»Uns wurde angedeutet«, Troy legte das Blatt Papier wieder auf den Tisch zurück, »daß er auf Mr. Gamelin zeigte.«
»Wer hat so was gesagt?« Da er keine Antwort auf seine Frage erhielt, fuhr Christopher fort: »Nun, das kann man verstehen. Er war der Außenseiter. Niemand kann die Vorstellung ertragen, daß es einer von uns war.« Man zeigte ihm das Messer und den Handschuh. Er räumte ein, daß beide Gegenstände aus der Küche stammten, und sagte dann: »Suze hat ihre eigene Interpretation der Vorgänge aufgestellt. Um ehrlich zu sein, mir kommt das ziemlich weit hergeholt vor. Worum ich Sie bitten wollte, darf ich dabeisein, wenn Sie sie verhören? Sie ist immer noch ganz schön durch den Wind.«
»Vorausgesetzt, Sie unterbrechen sie nicht.« Barnaby deutete auf die Tür.
»Ist das eine gute Idee, Chief?« fragte Troy, nachdem Christopher das Zimmer verlassen hatte.
»Ich denke schon. Je entspannter und klarer sie ist, desto schneller bringen wir die Sache hinter uns und können das nächste Mitglied verhören.«
»Will Ihnen was über diesenTypen verraten - der färbt seine Haare.« Sein Wissen gab Troy so siegessicher wie ein Hund, der einen absurd geformten Knochen anschleppt, zum besten.
Barnaby, dem das Färben der Haare nicht entgangen war, sagte nichts. »Andererseits gehört er nicht zu der Sorte, die sich betont cool gibt. Und er dürfte zu jung sein, um schon grau zu werden. Also, wieso färbt er sie dann?«
Das Gamelin-Mädchen mußte draußen auf dem Flur gewartet haben. Eben hatte sie noch geweint - ihre Wangen waren feucht und sie war immer noch sehr deprimiert. Barnaby hatte es noch nie Spaß gemacht, trauernde Menschen zu befragen. Bedauerlicherweise hatte sich diese Vorgehensweise als fruchtbar herausgestellt. In einer solchen Gefühlslage legten Menschen weniger Vorsicht an den Tag. Auch bei dieser Gelegenheit erwies sich erneut, wie sehr dies zutraf. Kaum hatte das Mädchen sich gesetzt, kam ihr schon ein Schwall erboster Selbstbezichtigungen über die Lippen.
»... ist alles meine Schuld... er war nur meinetwegen hier... und nun ist er tot... der wunderbarste Mann auf Erden. Er war ein Heiliger... er liebte uns alle... hatte der Welt soviel zu geben ... soviel zu geben... Sie haben ja keine Ahnung, was heute hier ausgelöscht wurde... verrückt... ganz und gar verrückt... Ohhh, ich hätte niemals hierherkommen dürfen...«
So ging es eine ganze Weile lang weiter. Wainwright hielt ihre Hand. Dabei versuchte Barnaby herauszufinden, auf wen sich die vielen »er« bezogen. Nach einer Weile beruhigte sie sich etwas und tupfte mit dem Sari, der schon von feuchten Flecken überzogen war, die Augen ab.
»Sie nehmen also an, daß alles Ihre Schuld ist, Miss Gamelin?«
»Würde ich nicht auf Manor House leben, wäre mein Vater nicht gekommen.«
»Ihrer Ansicht nach ist er für Mr. Craigies Tod verantwortlich?«
»Ich weiß, daß er es ist... ich weiß, daß er es ist...« Sie war aufgesprungen. »Kein anderer hätte so etwas getan. Niemand hatte einen Grund. Wir alle verehrten den Meister. Er war der Mittelpunkt unseres Lebens.«
»Könnte es sein, daß dieses >Wissen< nur auf vagen, gefühlsbedingten Annahmen beruht?« ‘
»Es basiert auf Beweisen. Noch im Sterben zeigte der Meister auf meinen Vater. Daran gibt es nichts zu rütteln.«
»Hatten sich zu jenem Zeitpunkt nicht eine Menge Menschen um Miss Cuttle geschart? Möglicherweise hat er auf einen von ihnen gezeigt.«
»Nein.«
»Und die Waffe?« Barnaby schob das Messer hinüber.
Erschaudernd musterte sie es. »Das lag auf dem Regal in der Küche. Und dort war er heute nachmittag. Auch das war meine Schuld. Ich habe ihn allein zurückgelassen, um Tee nach oben zu bringen. Da hat er es an sich genommen. Er muß die Tat schon lange geplant haben.«
»Und wie steht es mit dem Motiv?«
»Ha! Das Motiv, das ihn immer und bei allem leitet. Geld. Seit heute habe ich die freie Verfügung über meinen Treuhandfonds. Ich bin einundzwanzig geworden. Über eine halbe Million.«
Christopher fiel die Kinnlade runter. »Du hast mir nicht erzählt -«
»Mr. Wainwright...« Barnaby hielt die Hand hoch und ermunterte sie mit einem Nicken weiterzusprechen.
»Ich wollte den Fonds nicht haben. Er war mir eine Last.«
Mein Gott, die Reichen, staunte Troy, diese verdammten Reichen. Diese absolut irren Reichen. Eine Last.
»Daher habe ich mich entschlossen, das Geld wegzugeben.«
Nun, warum noch lange suchen, Lady? Hier bin ich.
»Ich wollte, daß die Kommune es bekommt. Der Meister hielt meine Entscheidung allerdings für unklug. Meinte, es würde mir irgendwann leid tun. Er schlug vor, mit meinen Eltern zu sprechen. Einmal abgesehen von dem Geld, hoffte er auch, wir könnten unsere Differenzen beilegen.« Erneut stieß sie eins von diesen rauhen, humorlosen Geräuschen aus. »Er war so naiv. Begriff nicht, wie schrecklich Menschen sein können.«
»Sagen Sie, Miss Gamelin -«
»Nennen Sie mich nicht so! Das ist nicht mein Name.«
»Sind Ihre Eltern Mr. Craigie vor dem Mord begegnet?«
»Mein Vater schon. Die beiden haben sich gegen sieben miteinander unterhalten. Meine Mutter kam erst später.«
»WWissen Sie etwas über das Ergebnis dieser Unterhaltung?«
»Nur, daß sie später noch mal darüber sprechen wollten. Ich halte es für eher unwahrscheinlich, daß der Meister großen Einfluß auf meinen Vater hatte. Beim Abendessen war er wirklich gemein.«
»Wie hat er reagiert, als Sie ihm von Ihrer Entscheidung bezüglich des Fonds berichteten?«
»Das habe ich nicht getan. Ich habe es dem Meister überlassen.«
Barnaby warf einen Blick auf die Skizze. »Soweit Sie sich erinnern, stand Ihr Vater also direkt hinter Mr. Craigies Stuhl?«
»Ja. Jetzt wissen Sie ja, warum. Er mußte sich nur vorbeugen und... und...«
»Ganz so einfach ist es nun wieder nicht, oder? Sie haben beispielsweise gerade gesagt, daß Ihr Vater, bis er mit Mr. Craigie sprach, nichts von Ihrer Entscheidung, das Geld zu verschenken, geahnt hat.«
»Das ist richtig.«
»Nicht vor sieben Uhr.«
»Ja.«
»Warum sollte er dann um fünf Uhr das Messer an sich nehmen?«
»Oh...«
Troy fragte sich, wie sie diesen Schlag wohl verdaute. Ihn freute es jedesmal, wenn jemand in der Bredouille war. Er schlenderte hinüber und baute sich hinter Barnaby auf.
»Nun... das Geld mag nicht der einzige Grund gewesen sein. Ich habe von dem Ort hier gesprochen. Ihm erzählt, wie zufrieden ich bin.«
»Daran kann sich doch niemand stören?«
»Sie kennen ihn nicht. Er ist unglaublich eifersüchtig. Kann es nicht ertragen, wenn ich mit jemand anderem glücklich bin. Nachdem ich von Zuhause weg bin, hing er andauernd in Türeingängen rum und spionierte mir hinterher.« Sie streckte die Hand aus, griff nach der Tüte mit dem Gummihandschuh. »Hat er den auch getragen?«
»Wir gehen davon aus, daß derjenige, der das Messer hielt, auch den Handschuh trug, ja.«
»Das ist ein linker Handschuh. Er ist Linkshänder. Und sie waren auch in der Küche. Was wollen Sie noch? Daß May sich so echauffierte, war die perfekte Ablenkung.«
»Das Problem damit ist nur, Miss Gamelin«, wiederholte Troy ihren Namen süffisant und setzte sich auf die Tischkante, »daß das nicht zu unserer Theorie paßt. Da er zum ersten Mal hiergewesen ist, woher sollte er da wissen, daß die Ereignisse eine so dramatische Wendung nehmen?«
»Sie werden zulassen, daß er sich da rauswindet, nicht wahr?« Mit unverhohlener Abneigung, als wäre er für jeden Preis zu haben, musterte sie Troy. »Das hätte ich wissen müssen. Wer Geld hat, kommt immer ungeschoren davon.«
Ihre Unterstellung machte Troy fuchsteufelswild. Er besaß viele schlechte Eigenschaften, aber korrupt war er nicht und würde es auch niemals sein. »Ihre verdammten Anschuldigungen behalten Sie besser für -«
»In Ordnung. Das reicht.« Die Worte wurden leise gesprochen. Troy bemerkte den Blick des Chief Inspectors, rutschte vom Tisch und wandte sich ab.
Barnaby mußte feststellen, daß die entschiedene Meinung dieser Zeugin jede weitere Befragung sinnlos machte. Ging er mit ihr die harten Fakten durch, lief er Gefahr, daß sie anfing, sich Dinge auszudenken. Er ließ beide gehen und wandte sich an seinen Untergebenen.
»Was nehmen Sie sich heraus, Troy? Wieso lassen Sie sich von einem jungen Mädchen provozieren?«
»Nun... ja...«
»Ja was?«
»Nichts, Sir.«
Barnaby prüfte seine Liste und schickte den jungen Constable nach Mr. Gibbs. Mit geradem Rücken stand Troy da und betrachtete den alten Gestetner. Darauf klebte ein gelber Sticker, der mit einem freundlichen »Nein, danke« auf Atomenergie verzichtete. Die Milde, mit der Barnaby seiner Unbill Luft gemacht hatte, tröstete Troy nicht über den falsch gewählten Zeitpunkt hinweg. Daß er vor einem Polizisten, der noch grün hinter den Ohren war, und vor zwei Zivilisten gemaßregelt worden war, war unverzeihlich. Troy, der - was die Gefühle anderer anging - keinerlei Feingefühl aufbrachte, legte großen Wert darauf, mit Samthandschuhen angefaßt zu werden. Beim leisesten Anflug von Kritik stieg er aufs hohe Roß.
»Sehen Sie nach, ob Sie Wasser auftreiben können. Ich bin wie ausgedörrt.«
»Ja.« Übergebührlich förmlich schritt er zur Tür.
»Und schlagen Sie Alternativen aus. Vor allem diesen unaussprechlichen Kaffee-Ersatz. Damit würde ich nicht mal meine Abflußrohre reinigen.«
Als Troy die Tür öffnete, stand Guy Gamelin im Korridor. Er setzte sich in Bewegung und zwang Troy, ein paar Schritte zurückzuweichen.
»Ich begebe mich jetzt in mein Hotel. Dürfte bis morgen früh dort anzutreffen sein. Im Chartwell Grange, unweit von Denham.«
Barnaby erhob sich. »Mr. Gamelin.« Er deutete auf den freien Stuhl. »Bevor Sie gehen, würde ich Ihnen gern ein paar Fragen stellen.«
Beide Männer musterten einander. Guy blieb stehen. Er gab sich unkooperativ und antwortete mit »Weiß ich nicht« und »Keine Ahnung« auf Barnabys Fragen. Auch weigerte er sich, eine Skizze zu machen.
»Ich kann mich nicht erinnern, wo ich war, ganz zu schweigen, wo die anderen sich aufhielten. Einmal abgesehen von dieser dusseligen Kuh, die auf dem Boden herumrollte und stöhnte.«
»Dann halten Sie also nicht viel von dieser Kommune?«
»Eine Horde sich selbst täuschender, rückgratloser, theatralischer Wichser.«
»In dem Fall dürfte es Ihnen nicht behagt haben, Ihre Tochter hier zu finden?« Bei dieser Bemerkung streckte Guy sein ausgeprägtes Kinn vor und begann schneller zu atmen. Er antwortete dem Chief Inspector nicht. »Wenn ich richtig verstanden habe«, fuhr Barnaby fort, »haben Sie und Ihre Tochter seit Jahren keinen Kontakt mehr.«
»Falls Sie den Boulevardzeitungen Glauben schenken.«
»Dann trifft es nicht zu?«
»Einigermaßen. Nicht, daß es Sie - Teufel auch - etwas anginge.«
Ein Wort wie »einigermaßen« aus dem Munde von Gamelin wirkte seltsam. Der Chief unterstellte Gamelin Intoleranz und hielt ihn für jemanden, der von extremen Gefühlen beherrscht wurde.
»Erzählen Sie mir - haben Sie Craigie vor diesem Abend schon mal getroffen?«
»Nein.«
»Was für eine Meinung hatten Sie von ihm?«
»Er war ein Schlitzohr.«
Nur ein Schlitzohr erkennt ein anderes. Neidisch stierte Troy auf Gamelins Armbanduhr. Ein glitzerndes Oval aus Weißgold und Kristall mit römischen Zahlen auf einem Platinring. Dafür müßte ich ein paar Jahresgehälter hinblättern, dachte der Sergeant.
»Er hat versucht, Sylvie eine halbe Million abzuluchsen. Aber ich hege keinen Zweifel, daß Sie das auch ohne mein Zutun rausgefunden haben.« Barnaby räusperte sich vieldeutig. Und wartete. »Im Lauf meines Lebens ist mir der eine oder andere Gauner unter die Augen gekommen, London ist voll davon, aber der war was Besonderes. Hat nicht nur versucht, Sylvie die Überschreibung ihres Erbes auszureden. Hat auch mich gebeten, dasselbe zu tun.«
»War das nicht etwas riskant?«
»Keineswegs. Sie verstehen nicht, wie diese Gauner arbeiten. Das ist der letzte Schritt. Wie bei einem Gefeilsche auf dem Markt. Der Kunde geht weg in dem Wissen, daß er zurückgerufen wird, weil er die Oberhand hat. All dieses Getue ließ Craigie gut aussehen, verstehen Sie. Untermauerte seinen Heiligenschein.«
In seinen rotgeäderten Augen und in seiner Stimme war etwas, das nicht paßte. Das dem widersprach, was er sagte. Was War es? Neid? Enttäuschung? Ein Mangel an Vertrauen? Vielleicht gar, dachte Barnaby, Einsamkeit. Gamelin fuhr fort, Craigie niederzumachen.
»Craigie war hinter dem her, hinter dem alle diese Gurus her sind - Geld und Macht. So kriegen die ihren spirituellen Kick.« Unendliche Trauer schwang in seinen Worten mit.
»Dann haben Sie also nicht das Licht gesehen, Mr. Gamelin?« fragte Troy.
»Ich habe Dunkelheit gesehen«, erwiderte Guy. »Und die ist besser, glauben Sie mir. Im Dunkeln weiß man, wo man steht.«
»Aus diesem Grund haben Sie ihn umgebracht, Mr. Gamelin? Wegen des Geldes?«
»Wie bitte? Sie...« Ganz leise Zischlaute. Gamelin beugte sich vor, hielt sich am Tischrand fest. Schob sein Gesicht - ein verhärteter Fleischball - ganz nah vor das des Inspectors. »Ich warne Sie. Nehmen Sie sich in acht. Ich habe Leute mit doppelt soviel Mumm verschlungen. An Männern wie Ihnen schärfe ich meine Zähne.«
Spucke tropfte auf sein Stoppelkinn. Frustration und Wut verzerrten seine Miene. Zorn füllte den schmalen Abstand zwischen den beiden Männern aus. Barnaby saß reglos da, mit einem Spritzer Spucke auf der Krawatte. Im Gegensatz zum Ausmaß und zur Qualität von Gamelins Heftigkeit beeindruckte ihn der drittklassige Monolog überhaupt nicht. Bislang war ihm noch nie ein Boiler vor seinen Augen explodiert, doch jetzt rechnete er jeden Moment mit dieser Möglichkeit. Der Tisch unter seiner Hand bebte.
Troy, der gerade im Begriff gewesen war, einen Schritt nach vorn zu treten, blieb, wo er war, und verfolgte das Spektakel. Die beiden erinnerten ihn an ein Paar mächtige Bullen im Frühling. Kompakte Schultern, gesenkte Stirn. Mit aufkeimendem Stolz betrachtete der Sergeant Barnabys regloses, passives Profil. Als sein Blick zu Gamelin hinüberschweifte, dachte er: Hier hast du dir den Falschen ausgesucht, mein Lieber.
Barnaby holte den Handschuh hervor. »Wir glauben, daß derjenige, der den Mord verübt hat, den hier trug. Man hat Sie beobachtet, wie Sie ihn versteckten.«
»Wer hat Ihnen das gesagt?«
»Streiten Sie es ab, Mr. Gamelin?«
»Nein.« Er hielt sich zurück. Hielt seinen Zorn in Schach. Auf der Innenseite der herunterhängenden Unterlippe bemerkte Barnaby eine bläuliche Verfärbung. Gamelin atmete schwer und gleichmäßig. Kurz fuhr seine Hand zu seiner Brusttasche hoch. Fiel wieder runter.
»Möchten Sie etwas trinken, Mr. Gamelin? Ein Glas Wasser?«
»Nein. Nichts.« Eine Weile saß er ruhig da; schließlich sagte er: »Der Handschuh. Nachdem der bärtige Zwerg mit dem blöden Namen losgegangen war, um einen Krankenwagen zu rufen, und die anderen sich gegenseitig anstarrten, weil sie nicht wußten, wie sie sich verhalten sollten, griff ich nach meinem Taschentuch und riß damit den Handschuh heraus.«
»Das müßte jemandem aufgefallen sein, nicht wahr, Sir?« fragte Troy.
»In jenem Moment dachte ich nicht darüber nach. Ich war allein, müssen Sie wissen, auf der anderen Seite des Zimmers. Persona non grata. So ist das schon den ganzen Abend lang gelaufen. Die haben nicht mal zugelassen, daß ich beim Essen neben ihr sitze. Behaupteten, immer die gleichen Plätze einzunehmen.« Er berührte seine Wange. »Ich legte ihn einfach weg. War doch eindeutig, was passiert war. Wer immer den Mann abgemurkst hatte, wollte mir die Sache in die Schuhe schieben. Ich ging zum Fenster rüber, wartete, bis ich mich unbeobachtet fühlte, und legte den Handschuh hinter den Vorhang.«
»Sind Sie Linkshänder?«
»Zufälligerweise ja.«
»Ich kann mir ganz gut vorstellen, daß Ihre Beschreibung der Ereignisse zutrifft, Mr. Gamelin. Andererseits hat der Sterbende auf Sie gezeigt...«
Zu Barnabys Überraschung unternahm Gamelin keine Anstalten, dies abzustreiten oder zu erläutern. Er versuchte auch nicht, die Sache vom Tisch zu fegen.
»Ja. Das versteh ich auch nicht. Spielt dem Mörder natürlich hervorragend in die Hände. Untermauert außerdem die von Ihnen aufgestellte Handschuhthese.«
»Vielleicht...« begann Barnaby und eröffnete ihm vordergründig einen Ausweg. »Wenn Sie Teil der Gruppe gewesen wären...?«
»Nein. Er zeigte eindeutig auf mich. Ich stand etwas abseits. Es ist komisch, aber zu jenem Zeitpunkt meinte ich, er wolle mir etwas sagen.« Gamelin zuckte mit den Achseln, verlieh damit seiner leichten Verwirrung Ausdruck. »Klingt ein bißchen dünn, aber so war’s.«
Verdammt dünn, dachte der Chief Inspector. Das Problem war, daß Gamelin nicht wie ein Mann wirkte, der nach Ausreden suchte. Ihm war es einfach schnurzegal, was andere dachten, fühlten oder über ihn sagten. Eine Position der extremen Stärke oder enormer Arroganz, je nachdem, welchen Standpunkt man vertrat. Der Chief Inspector mit seinem eher moderaten Naturell gab dem ersten Standpunkt den Vorzug. Er fragte Guy, ob er selbst eine Vermutung darüber hätte, wer schuldig sein könnte.
»Keinen Schimmer. Ich weiß nicht genug über die Vorgänge hier. Ehrlich gesagt hätte ich nicht vermutet, daß einer von denen auch nur einer Fliege was zuleide tun könnte.« Er hielt einen Moment inne und fuhr dann fort: »Ich bin doch ideal, oder nicht? Der Außenseiter, der all die gemeinen Verhaltensweisen der verrückten Welt einschleppt. Alle anderen haben eine weiße Weste. Meine hingegen ist röter als rot. Das muß man diesen verschlagenen Typen schon lassen.« Ein kurzes knatterndes Geräusch kam ihm über die Lippen. »Praahh.« Mit etwas Verspätung erkannte Barnaby, daß er gelacht hatte.
»Demnach sind Sie der Meinung, genau zu diesem Zweck eingeladen worden zu sein?«
»Ganz und gar nicht. Ich wurde von Craigie höchstpersönlich eingeladen. Und ich gehe nicht davon aus, daß er seine Ermordung selbst inszeniert hat. Es sei denn...« Er warf Barnaby einen interessierten, fragenden Blick zu. Die kochende Wut von vorhin war schlagartig vergessen. »Es sei denn, mein Besuch wurde ihm von jemand anderem vorgeschlagen, was bedeuten würde, daß alles von langer Hand geplant war. Möglicherweise... hat er das... in letzter Minute begriffen. Womöglich deshalb auf mich gezeigt... um mich zu warnen...«
Im Lauf seiner Dienstjahre waren Troy schon einige Beispiele ausgefallener Ausreden zu Ohren gekommen, aber die hier übertraf alles. Schuldig wie der Teufel, und dann tischte er ihnen diese verkorkste Version auf. Er konnte nicht nachvollziehen, warum der Chief sich überhaupt die Mühe machte, so zu tun, als erschiene ihm Gamelins Theorie einigermaßen plausibel. Beide Männer standen auf.
Barnaby sagte: »Ich werde mich noch mal mit Ihnen unterhalten müssen, Mr. Gamelin. Morgen.«
Gamelin erwiderte nichts. Wesentlich beherrschter als bei seiner Ankunft, ging er zur Tür. Seine massigen Schultern waren eingefallen, sein Schritt verriet Müdigkeit. Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, fragte Troy: »Warum haben Sie ihn nicht verhaftet?«
Barnaby wartete auf die in diesem Fall übliche Rede. Fall abgeschlossen. Täter auf dem Tablett serviert. Ihm seine Rechte vorgelesen. Kurz und schmerzlos. Alles wie am Schnürchen gelaufen. Troy stand mit seiner Meinung allein da.
»Wir können ihn morgen früh auch noch abholen. Haben wir alle verhört, werden wir genauer wissen, wo wir stehen. Bislang basiert alles nur auf Indizien.«
Hinter dem Rücken seines Chefs schüttelte Troy ungläubig den Kopf. Ging es noch einfacher? Es war doch ganz klar, daß Gamelin behauptete, ihm wäre der Handschuh untergeschoben worden. Wer würde das nicht behaupten? Mann, o Mann, wenn die Sachlage nicht offensichtlich war! Gamelin hatte das Motiv und die Gelegenheit, das Messer an sich zu nehmen und es zu verwenden. Letztendlich hatte das Opfer auch noch mit dem Zeigefinger auf ihn gezeigt. Der Mann war fällig. Eine Sekunde lang fragte sich Troy, ob er sich getäuscht hatte, ob sein Boß sich nicht vielleicht doch von der verführerischen Macht des Geldes bezirzen ließ.
Barnaby murmelte etwas, sprach offenbar mit sich selbst, Troy spitzte die Ohren in dem Glauben, nicht richtig gehört zu haben. Irgendwas darüber, daß ihm Caliban leid täte.
Als ihm wieder einfiel, daß man ihn gebeten hatte, Wasser zu holen, entfernte er sich.
Nachdem der Sergeant zurückgekehrt war, wurde Arno vernommen. In sich zusammengesunken und nervös, saß er da und musterte den Chief Inspector aufmerksam. Auf die Bitte, eine Skizze anzufertigen, hatte er eine Reihe Strichmännchen gemalt - eins flach auf dem Rücken liegend, mit nach oben zeigenden Zehen, auf der Brust gefalteten Händen und einem »Smiley«-Gesicht. Barnaby hatte ihn zu seiner Rolle in der Kommune befragt. Dabei war ihm aufgefallen, wie aufgeregt sein Gegenüber war. Für einen Moment trat der eigentliche ‘ Grund des Verhörs in den Hintergrund.
»Sagen Sie, Mr. Gibbs, was wird Ihrer Meinung nach nun hier geschehen? Beispielsweise mit Manor House?«
»Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht.« Arno klang ziemlich melancholisch. Er schämte sich einzugestehen (auch ' vor sich selbst), daß er - nachdem er den bestürzenden Verlust einigermaßen verdaut hatte - nur noch daran gedacht hatte, wie seine eigene Zukunft aussehen würde. Was würde er machen, wenn sich die Kommune auflöste? Wer würde sich um Tim kümmern? Und - noch weitaus wichtiger - wie um alles in der Welt sollte er ohne die unerschütterliche und erhabene Gegenwart seiner großen Liebe überleben? Ohne diesen strahlenden Blick, der ihm jedes Erwachen verschönte, den Sonnenuntergang versüßte, war sein eigenes Leben kaum mehr ' lebenswert.
»Haben Sie eine Ahnung, wer dieses Anwesen erben wird?«
»Nein. Ich glaube, das weiß niemand. Irgendwie ist nie die Sprache darauf gekommen.«
»Mußten sich die Mitglieder in die Organisation einkaufen? Anteile erwerben - etwas in der Art?«
»Nein. Wir tragen uns selbst. Die Lodge erzielt Gewinne aus den Kursen und Workshops. Wir hatten vor, uns um die Bewilligung eines karitativen Status zu bemühen. Beabsichtigten, eine Stiftung zu werden, aber...« Niedergeschlagen zuckte er mit den Schultern.
»Wußten Sie von Miss Gamelins Geschenk an die Kommune?«
»Nein, aber jetzt weiß ich davon - alle reden darüber.«
»Und heute abend...« Arno wappnete sich. »Was hat sich Ihrer Meinung nach zugetragen?«
»Herrje - ich weiß es nicht. Es war so schrecklich... so verwirrend ... In der einen Minute führte er - der Meister - May durch die Rückführung -«
»Sie meinen verbal?« unterbrach Barnaby ihn.
»Ja.«
»Davon hören wir zum ersten Mal«, gab Troy mit ernster Miene zu bedenken, woraufhin Arno so geknickt wirkte, als habe er das zu verantworten. »Wie funktioniert das?«
»Er stellt Fragen - was siehst du jetzt? Wo bist du? So in der Art. Und May antwortet. Dieses Mal kehrte sie ins römische Britannien zurück. Er fragte sie, ob sie etwas beschreiben könne, und daraufhin erzählte sie uns von dem Zelt. Ich denke, das war das letzte Mal, daß er sprach. Kurz danach fing sie an, die allergräßlichsten Geräusche auszustoßen. Da liefen wir natürlich alle zu ihr, um nachzusehen, ob es ihr gutging.«
»Wieso >natürlich<, Mr. Gibbs?« wollte Troy erfahren. »Man hat uns zu verstehen gegeben, daß solche Reaktionen nicht ungewöhnlich sind.«
»Oh, aber so schlimm ist es bisher noch nie gewesen. Doch sie wird weitermachen. Sie ist sehr, sehr tapfer und hat einen unstillbaren Wissensdurst.«
Als Troy ein leichtes Tremolo und die plötzliche emotionale Ergriffenheit des Rotbarts auffiel, dachte er: Na, wenn da nicht was im Gange ist, schlägt’s dreizehn. Wüßten Verliebte mittleren Alters, wie grotesk sie wirkten, würden sie sich mit etwas passenderem beschäftigen. Sich beispielsweise im Park entblößen.
»Wir wurden darauf vorbereitet, daß sich heute etwas Besonderes ereignen würde. Ken - aus dem manchmal Zadekiel Spricht - wies darauf hin, daß die freigesetzte kosmische Energie beträchtlich war. Sie müssen jemanden schicken, wissen Sie, der Karmische Ausschuß, wenn ein großer Meister von einer physischen Oktave geholt wird. Unglücklicherweise sind wir uns dessen zu spät bewußt geworden. Die anderen glaubten, sie hätten Astarte, die Mondgöttin, geschickt, in Gestalt von Mrs. Gamelin. Ich hingegen bin davon überzeugt, daß Mays Unfall ein Omen war -«
»Ja, Mr. Gibbs. Von ihrem Unfall hat sie uns berichtet«, sagte Barnaby.
»Oh. Entschuldigung.« Mit einem Blick auf beide Männer sagte Arno: »Ich muß schon sagen, Sie nehmen den Vorfall anscheinend auf die leichte Schulter.«
»Wir haben einen Mord, auf den wir uns konzentrieren müssen«, meinte Troy. »Sind Sie der Ansicht, daß Craigie kurz vor seinem Ableben auf Guy Gamelin gezeigt hat?«
Arno zögerte. »Tja... wissen Sie... man äußert ja nicht gern etwas, das ein schlechtes Licht... aber... ja. Den Eindruck hatte ich. Damit möchte ich keineswegs sagen, daß die Geste eine Art Beschuldigung darstellte.«
»Worauf sonst verschwendet ein sterbender Mann Ihrer Meinung nach die letzten Sekunden seines Lebens?« hakte Troy nach.
Die Frage verstörte Arno sehr. Seine Irritation verstärkte sich noch, als Barnaby sagte: »Wir werden uns mit diesem zurückgebliebenen Jungen unterhalten müssen, fürchte ich. Soweit ich weiß, wissen Sie über seinen Hintergrund Bescheid.«
»Oh, das dürfen Sie nicht! Er ist sehr verschlossen, kann sich nicht richtig ausdrücken. Das wäre reine Zeitverschwendung.«
»Nichtsdestotrotz ist er ein Zeuge, Mr. Gibbs.« Barnaby warf einen raschen Blick auf seine Skizzen. »Außerdem saß er direkt zu Craigies Füßen. Näher bei ihm als alle anderen. Er muß etwas gesehen haben.«
»Er schläft. Bitte, stören Sie ihn nicht.« Arnos sommersprossige Haut war mit einem dünnen Schweißfilm überzogen. »Für ihn ist eine Welt zusammengebrochen.«
»Na, gut, dann eben morgen früh.« Da Arnos Erregung deutlich spürbar war, schob Barnaby nach: »Wir sind keine Monster, wissen Sie?«
»Gewiß nicht. Ich hatte nicht vor, anzudeuten... oh Gott. Könnte ich dabeisein?«
»Wenn wir Geisteskranke verhören, ist das Vorschrift, Mr. Gibbs. Sollten Sie der Meinung sein, in diesem Fall die richtige Person zu sein, habe ich nichts dagegen einzuwenden.«
Danach sprachen sie mit Mrs. Gamelin. Auch wenn es dem Verhör nicht an einem gewissen Unterhaltungswert mangelte, erwies es sich in jeder anderen Hinsicht als außerordentlich Unergiebig. May, die die beiden Polizisten in das Gemein-" schaftszimmer geleitete, beschrieb Felicity als »ziemlich arm und ruhebedürftig«.
Troy war schon mit der Information rausgerückt, daß die Dame eine Kokserin war. Auf dem Weg zu ihr fügte er hinzu: »Hat den Wagen zu Schrott gefahren. Die Polizei fand Drogen. Hat ihren Führerschein verloren. Stand alles in der Sun.«
»Bestimmt nicht«, entgegnete Barnaby.
»Könnte wetten, sie ist völlig zugedröhnt.«
Als er ihr dann gegenüberstand, beschlich Barnaby der Eindruck, daß sein Sergeant vielleicht recht hatte. Ihre riesigen Augen mit den verschmierten roten Lidern wanderten rastlos hin und her. Die Hände gestikulierten wild: fuhren nach oben, als wolle sie ihr Gesicht berühren, änderten die Richtung, zupften am Kleid herum, strichen über das zerzauste Haar. Ihr Gesicht war eingefallen, schien sich in sich selbst zurückzuziehen, war angespannt und geschrumpft wie das eines verängstigten Äffchens.
Felicity begriff gerade noch, daß Menschen zugegen waren, einer redete ziemlich nachdrücklich auf sie ein. Seine Stimme Ratterte in ihrem Kopf. Einzelne Laute vermochte sie nicht zu Erkennen. Er schob ein Blatt Papier in einer angenehmen Farbe herüber. Felicity nahm es höflich entgegen und gab es zurück. Wieder schob er ihr das Blatt und einen Bleistift zu. Legte er Wert darauf, daß sie damit etwas anstellte? Mit einem Lächeln griff sie seinen Vorschlag auf. Als Kind hatte sie gern gemalt. Die längste Zeit beugte sie sich über das Papier, und Barnaby mußte einräumen, daß das Ergebnis nicht unansehnlich war. Ein paar hübsche Pferde, eins davon hatte nur drei Beine, und eine Girlande aus Blumen in Kohlkopfgröße, die um den Pferdehals gewunden war. Nach Beendigung der Skizze bat Felicity um einen Drink.
Troy brachte ihr Wasser. Um Wasser hatte sie nicht gebeten. Sie schüttete es ihm über die Hose. Kurz darauf wurde das Verhör beendet.
Die ganze Zeit über war Trixie im oberen Stockwerk nervös und kettenrauchend umhermarschiert. Die Luft in ihrem Zimmer roch säuerlich und abgestanden. »Wieso brauchen die so lange?«
»Ich nehme an, sie möchten mit allen sprechen. Sie sind erst...« Janet drehte den Snoopy-Wecker um. »Seit neunzig Minuten hier. Das ist nicht schlecht.«
»Du wartest nicht, oder?«
»Ich weiß nicht, warum du dich derart aufregst. Du hattest ja nichts damit zu tun.« Sie ging zum Fenster hinüber und schob den Vorhang zurück. Ein silberner Halbmond stand tief am Himmel. Kalt und scharf konturiert wie eine Sichel.
»Laß das. Du weißt, ich kann es nicht ausstehen, wenn es Nacht ist.« Janet ließ den Vorhang fallen. »Wie sind sie denn so?«
Janet mußte an schmale Lippen und einen roten Schnauzbart denken. »In Ordnung.«
»Hast du ihnen bestimmt von dem Handschuh erzählt?«
»Das habe ich jetzt schon ein dutzendmal -«
»Und daß du diejenige warst, die ihn dabei beobachtet hat, wie er ihn versteckte?«
»Ja. Wie oft noch?«
»Dann hätten sie ihn doch verhaften müssen, oder? Ich begreife es einfach nicht.«
Weder du noch ich, dachte Janet traurig. Aber ich weiß, es hat etwas mit heute nachmittag zu tun. Nach der ersten schroffen Zurückweisung hatte sie Trixie keine Fragen mehr gestellt, doch es war keine Meisterleistung gewesen, die Gründe für Trixies verschmiertes Make-up, ihr fahles Gesicht und die notdürftig zusammengehaltene Bluse zu erraten. So kam es, daß Janet gleich verstanden hatte, was sie tun sollte, als die auf Rache sinnende Trixie sie aufklärte.
»Jan - ich hab gesehen, wie er das Ding versteckt hat. Ich würde dich nicht bitten, die Unwahrheit zu erzählen. Das Problem ist, wenn Gamelin erführe, wer ihn verraten hat, würde er ihnen sagen, ich hätte mir das alles nur ausgedacht, um ihm eins auszuwischen, und sie würden ihm glauben.«
»Warum?«
»Weil er reich und mächtig ist, du Dummchen.«
»Warum können wir dann nicht beide sagen, daß wir ihn beobachtet haben? Ich könnte dir den Rücken stärken.«
»Ich will überhaupt nichts damit zu tun haben.«
So hatte Janet die Lüge auf getischt, ohne sich sicher zu sein, ob Trixie ihr wirklich die Wahrheit gesagt hatte. Andererseits sympathisierte sie mit ihrer Freundin und verspürte wie sie das Verlangen, alttestamentarisch Rache zu nehmen.
Es klopfte an der Tür. Eine Polizistin fragte, ob Miss Channing ein paar Minuten erübrigen könnte.
»Sie sind ganz zivil, nicht wahr?« fragte Trixie. »Ich frage mich, wie sie reagieren würden, wenn ich ihnen sagte, sie sollen mir den Buckel runterrutschen.«
»Fordere die Leute nicht unnötig heraus. Und laß deine Zigaretten hier. Du hast schon -«
»Ach, um Himmels willen, hör auf, mich zu bemuttern. Du benimmst dich wie eine alte Glucke.«
Troy hatte nichts gegen Zigaretten einzuwenden. Die Rauchschwaden, die Trixies blonde Locken einrahmten, inhalierte er tief. Das half ihm, seine nasse Hose zu vergessen. Mit zusammengedrückten Knien saß sie da, umklammerte nervös die goldene Benson-Schachtel und das Feuerzeug, Barnaby entging nicht, daß sie Angst hatte. Konnte es förmlich riechen. Diesen säuerlichen, starken Geruch. Dieser Geruch war ihm nicht fremd, er kannte ihn seit langem und hatte einmal versucht, ihn zu beschreiben. Der Vergleich, der seiner Ansicht nach noch am ehesten zutraf, war der Geruch, der beim Ausgraben von alten Nesseln freigesetzt wurde. Er erkundigte sich, ob sie schon lange auf Manor House lebte.
»Seit ein paar Wochen. Weshalb? Was hat das damit zu tun?«
»Könnten Sie präziser antworten?«
»Nein. Das genaue Datum habe ich vergessen.«
»Gefällt es Ihnen hier?« Sein Tonfall war besonders höflich, was nichts daran änderte, daß sie sich in die Enge getrieben fühlte.
»Ich nehme an, Sie finden, ich gehöre nicht hierher. Nur weil ich keine weiten Gewänder trage und nicht permanent Halleluja singe.«
Troy kicherte. Trixie warf ihm einen überraschten Blick zu. Irrtümlicherweise legte sie seine Reaktion als Sympathie, als Interesse aus. Sie versicherte Barnaby, daß sie ihm bei der Lösung des Mordes an »unserem armen alten Meister« überhaupt nicht behilflich sein konnte. Ihre Skizze verriet den Polizisten, daß sie in seiner Nähe gesessen hatte.
»Es war ziemlich dunkel, wissen Sie. Wir liefen zu May hinüber, um ihr zu helfen, dann ging das Licht an, und alles war vorbei. Er zeigte auf Guy Gamelin. Ich nehme an, das haben Sie schon von anderer Seite gehört.« Erwartungsvoll schaute sie ihn an.
»In dieser Hinsicht scheinen die Meinungen auseinanderzugehen«, log Barnaby.
»O nein - das war ganz eindeutig. Er zeigte direkt auf ihn.« Sie errötete, als sie merkte, mit welchem Nachdruck sie sprach.
»Und dann habe ich oben noch gehört, daß man ihn dabei beobachtet hat, wie er einen Handschuh versteckte. Den muß er getragen haben, als er das Messer hielt.«
»Sind Sie Mr. Gamelin früher schon einmal begegnet, Miss Channing?«
»Gütiger Gott - in diesen Kreisen bewege ich mich nicht.« Dann, als entsinne sie sich ihres Standes: »Die sind ja so materialistisch, nicht wahr?«
»Sie scheinen offensichtlich von seiner Schuld überzeugt zu sein.«
»Ich wüßte nicht, wer es sonst gewesen sein könnte.«
»Miss Cuttle ist der Meinung«, verriet Barnaby, »der Tod sei übernatürlichen Kräften zuzuschreiben.«
Trixie lachte. Aus vollem Hals. Ihre Furcht legte sich für einen Augenblick. Troy fragte: »Dürfen wir aus Ihrer Reaktion schließen, daß Sie keine Anhängerin dieses Glaubens sind?«
»Oh -« Ihre Miene veränderte sich schlagartig. Urplötzlich gab sie sich derart devot, daß sie beinah dumm wirkte. »Selbstverständlich bin ich eine Gläubige. Nur reicht mein Glauben nicht ganz so weit wie bei den anderen.«
Wenn du eine Gläubige bist, fuhr es Barnaby durch den Kopf, als er die spitzen Brüste, die feuchten Lippen und den tiefen Ausschnitt betrachtete, dann bin ich Joan Collins. Jetzt redete sie wieder über Gamelin.
»Ist er... ähm... immer noch hier?« Da Barnaby sich mit ein paar Papieren beschäftigte und nicht antwortete, fügte sie hinzu: »Wir müssen wissen, verstehen Sie... ob jemand über Nacht bleibt.« Wieder eine Pause. »Ob wir ein Bett herrichten müssen... und wie das mit der Verpflegung aussieht...«
Langsam tat sie dem Inspector leid. »Ich glaube, Mr. Gamelin ist in sein Hotel zurückgekehrt.«
»Sie haben ihn gehen lassen!«
»Darüber würde ich mir nicht den Kopf zerbrechen«, warf Troy ein. »Wir behalten ihn im Auge. Wir behalten alle im Auge.«
Die Meinung vertretend, daß es unsinnig sei, fertigte Trixie eine Skizze an, ehe Barnaby sie gehen ließ. Hinterher sagte Troy: »Eine besorgte junge Dame, Sir.«
»Sie verbirgt etwas, soviel ist sicher. Wainwright und Gibbs auch. Wenn ich auf den Mord anspiele, rückt niemand mit der Sprache heraus. Warum nicht?«
»Verhaltenskodex, würde ich sagen.«
»Es ist Gamelin, der ihr zusetzt. Behauptet, ihn vorher noch nie getroffen zu haben, kann es aber nicht erwarten, ihm hinten und vorn einen Apfel reinzustopfen, ihn zusammenzunähen und in den Ofen zu schieben. Ich kann es auf den Tod nicht ausstehen«, sagte er, erhob sich und bewegte sich steifbeinig, »wenn mich jemand auf eine falsche Fährte lockt.«
»Werden Sie ihn sich morgen früh noch mal vornehmen?«
»O ja. Wir werden ihn aufs Revier bringen, denke ich. In der Zwischenzeit - liefern Sie das hier auf Ihrem Heimweg bei der forensischen Abteilung ab.«
Troy nahm die beiden Plastiktüten. Das Labor lag nicht auf seinem Heimweg, aber wenn es schon auf jemandes Heimweg lag, dann eher auf dem des Chief Inspectors als auf dem des Sergeants...
Mit einem »Geht in Ordnung, Sir« drückte er sie dem jungen Constable mit dem fedrigen Schnurrbärtchen in die Hand und griff dankbar nach seiner fünften Zigarette.
Guy ließ sich in den breiten, tiefen Sessel vor dem Fernsehaparat fallen. Er hatte sich ausgezogen, aber nicht gebadet, hatte seinen Anwalt angerufen, aber darauf verzichtet, sich die Zähne zu putzen. Er trug Boxershorts, Socken und ein verschwitztes, aufgeknöpftes Hemd. Die Manschettenknöpfe Waren herausgenommen, die Manschetten hingen lose an den Armen herunter, fielen auf seine Handrücken.
Sein Körper bewegte sich keinen Zentimeter, einmal abgesehen von den sporadischen Griffen nach dem frischgefüllten Eiskübel. Sein Verstand hingegen arbeitete auf Hochtouren. Er fühlte sich leicht kränklich. Ob dies seiner Trunkenheit zuzuschreiben war (die gegen Mittag georderte Whiskyflasche war fast leer) oder der düsteren, brodelnden Dunkelheit in seinem Kopf, wußte er nicht zu sagen. Nicht, daß es ihn interessiert hätte.
Seine Gedanken kreisten ausschließlich um Sylvie. Ihm ging nicht aus dem Kopf, daß sie ihm am nächsten gewesen war, als sich alle über May gebeugt hatten. Links von ihm, auf der gefährlichen Seite. Dort, wo der Handschuh gefunden worden war. Unter ihrem fließenden Gewand hätte sie Handschuh und Messer problemlos verstecken können. Dies und das Wissen, daß er nur ihretwegen anwesend gewesen war, mündeten in die schmerzhafte Schlußfolgerung, daß man ihm eine Falle gestellt hatte. Obgleich Guy sich bei seiner alkoholvernebelten, morbiden Introspektion gegen diese Interpretation der Fakten wehrte, gelang es ihm nicht, sie wirklich ad acta zu legen. Vor lauter Nachdenken bekam er Kopfschmerzen. Seine Hals- und Schultermuskeln waren hart wie Stahl. Je länger er sich den Kopf zerbrach, desto logischer erschienen die Rückschlüsse, die er zog.
Sie erklärten, warum sie ihn in die Küche gelockt und dort allein gelassen hatte - damit er mühelos Zugang zu dem Messer und dem Handschuh erhielt. Am meisten setzte ihm zu, daß sie ihn umgehend beschuldigt hatte. Innerhalb jener ersten höllischen Sekunden, nachdem das Licht eingeschaltet worden war und sie alle reglos und ungläubig Zusehen mußten, wie die weißgekleidete Gestalt zu Boden sank, hatte Sylvie sich zu ihrem Vater umgedreht und gerufen: »Du... du...«, ehe sie ihm eine Ohrfeige verpaßte. Ihre Nägel hatten Kratzer auf seiner Wange hinterlassen.
Jemand hatte sie zurückgehalten. Guy war zurückgewichen, hatte sich in die Rolle eines Parias geflüchtet, bis die Polizei ihn verhörte. Wann war ihm zum ersten Mal dieser Verdacht gekommen? Seufzend streckte Guy die Hand nach dem Eis aus, tauchte sein Glas in den Behälter, füllte es auf, schüttete Whisky über die Würfel. Ein paar Spritzer landeten im Kübel, ein paar auf dem Tablett. Das ganze Zimmer stank nach diesem torfigen, holzigen Geruch. Mit zwei Schlucken leerte er das Glas.
Zu der schrecklichen Vermutung, daß seine Tochter ihn verstoßen hatte, gesellten sich Irritation über und Abneigung gegen den Verstorbenen. Eigentlich war geplant gewesen, daß sie sich noch mal unterhielten. An diesem zweiten Gespräch hatte Guy viel gelegen. Weder Craigies Haltung noch seine Worte hatten einen Hinweis darauf gegeben, daß Guy nicht als Gewinner aus dem ersten Gespräch hervorgegangen war. Das ’Wissen, verloren zu haben, setzte ihm jetzt gehörig zu. Ihm kam es so vor, als hätte er den Eindruck eines Mannes erweckt, der sein übersteigertes Ego nicht kontrollieren kann. In Wirklichkeit hatte er mehr drauf. Schließlich hatte das Leben ihn zu dem gemacht, was er war. Niemand, der es nicht selbst erlebt hatte, wußte, was es hieß, sich aus der Gosse emporzuarbeiten.
Keiner wußte um die Energie, die Entschlossenheit, die Kosten, die solch eine Transformation erforderten. Einen Augenblick der Schwäche, und schon lag man wieder im Dreck und bekam Dutzende von Fußtritten ab. Hätte er die Chance gehabt, Craigie davon zu erzählen...
Guy erinnerte sich an die Ruhe in jenem leeren, stillen Raum. Daß es ihm kurze Zeit vergönnt gewesen war, die Bürde abzulegen, der große Guy Gamelin zu sein. Eine Bürde, von der er bis dahin nicht gewußt hatte, daß er sie trug. Falls er zurückging, falls man es ihm erlaubte, dorthin zurückzukehren, würde dort immer noch diese Stille herrschen? Vermochte sie wirklich Heilung zu bringen?
Als diese Fragen ihm durch den Kopf gingen, erboste ihn die damit verbundene Leichtgläubigkeit. Craigie war ein Betrüger, richtig? Richtig. Ein Gauner, der mit Hilfe von Seide und Licht eine Nummer abzog. Vergiß das nicht.
»Vergiß das nicht.« Heftig nickend tauchte Guy sein Glas wieder in den Eiskübel und schraubte die Whiskyflasche auf.
Auf der Suche nach Ablenkung schaltete er den Fernseher ein und riß die Augen auf, um die verschwommenen Gestalten auf der Mattscheibe besser erkennen, voneinander unterscheiden zu können. Eine Frau, die abwusch, ein kleines Mädchen mit glänzendem Haar, das neben ihr auf einer Kiste stand.
Ganz ernsthaft diskutierten sie über Fettreste. Die Frau zeigte ein gekünsteltes, mütterliches Lächeln und tupfte etwas Schaum auf die Nase des Mädchens. Guy wechselte den Kanal, aber der Schaden war angerichtet.
Wieder aufflammende Entbehrung ergriff sein Herz. Letzten Endes begriff er, daß es tatsächlich zu spät war. Daß er all die Jahre nicht seine Tochter gewollt hatte - diese erwachsene Fremde -, sondern das Kind, das sie früher einmal gewesen war. Fleisch von seinem Fleisch. Die unerträgliche Hoffnungslosigkeit seines Wunsches überwältigte ihn. Schmerz entstellte seine Miene.
Sein Blick fiel auf sein Spiegelbild auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers. Auf die Fettringe, die über den Unterhosenbund quollen, auf das nasse, plattgedrückte Brusthaar, auf dieses rote, teigige, verschwitzte Gesicht, auf die Whiskyflecken auf seinem Hemd. Angesichts dieser grobschlächtigen und widerwärtigen Kreatur bemächtigte sich starke Übelkeit seiner Eingeweide. Schlagartig spürte er eine entsetzliche Hitze. Guy preßte den Kopf zwischen die Knie.
Das Zimmer schwankte, neigte sich erst auf die eine, dann auf die andere Seite. Er setzte sich wieder aufrecht hin und klammerte sich an der verzierten Armlehne fest. Ihm ging es nicht gut. Sich abstützend, kam er schwerfällig auf die Beine und bewegte sich in Richtung Badezimmer. Auf halber Strecke spürte er einen erstaunlich heftigen Stich in seiner Brust, als reiße ihm jemand den Brustkorb mit einer Spitzhacke auf. Schreiend und taumelnd hielt er inne und schaute sich um.
Die Tabletten waren in seiner Jacke. Guy bewegte sich langsam, setzte einen Fuß vor den anderen. Seine Beine waren unbewegliche Säulen aus Marmor. Einen Schritt weiter warf ihn der zweite Stich um. Auf dem Rücken liegend, harrte er aus, bis das Schlimmste vorbei war. Ein paar Minuten stützte er sich auf einen Ellbogen und streckte den anderen Arm nach dem Tisch aus. Er erwischte den Rand der Obstschale.
Verschob eine kleine Karte. Äpfel und Orangen, Trauben und Bananen fielen auf sein Gesicht und dann zu Boden. Unmöglich, es noch mal zu versuchen. Mit voller Wucht kehrte der Schmerz zurück. Guy ließ sich auf den Teppich fallen und von ihm verschlingen.