PHASE 1

1998.20. NOVEMBER KLOSTER

Der alte Mann nahm mit halbem Bewusstsein das Geräusch des Wagens wahr, der sich aus der Ferne näherte. Er starrte hinaus auf die Umrisse der Berge jenseits der baumbewachsenen Hügel, die Hände auf die steinerne Brüstung gestützt, den Kopf zwischen die Schultern gezogen. Er hätte nur wenige Schritte nach rechts tun müssen, und der Schatten des mächtigen Giebeldaches über ihm wäre dem warmen Sonnenteppich gewichen, der das Land bis zum Horizont überzog. Es war ein ausnehmend klarer Tag und der Himmel von jenem Blau, das einen den Weltraum erahnen lässt, und trotz der späten Jahreszeit war es warm wie im Juli. Aber der alte Mann zog die Kühle vor. Die Augen unter den weiß durchsetzten Brauen zusammengekniffen, so dass sie im Gewirr der Faltenrisse kaum auszumachen waren, das Kinn vorgereckt, suchte er Distanz zur Schönheit der Landschaft. Die Zeit war noch nicht reif, um die Stufen der alten Klosterkirche hinunterzugehen, dorthin, wo die Stiefelsohlen einen Zentimeter versinken würden im weichen Gras und Erdreich und man Lust bekäme, auszuschreiten zu den so nahen und doch unerreichbar fernen Bergen. Was den Alten interessierte, ließ sich nicht erwandern. Es war noch hinter den Bergen, und es war nicht das Meer und auch nicht ein noch größeres und weiteres Land, sondern eine Vision.

Eine Eidechse flitzte den warmen Stein entlang, passierte die Schattengrenze und näherte sich seinen Fingern. Er hoffte, sie würde darüberlaufen. Als er klein gewesen war, hatte er oft stundenlang darauf gewartet, und einmal war es passiert. Einmal nur, aber seine Geduld hatte sich ausgezahlt.

Der alte Mann seufzte. Wie geduldig würde er diesmal sein müssen? Wie viele Jahre waren noch entbehrlich, um sich in Geduld zu üben?

Er senkte den Blick zu den Flecken auf seinen Handrücken und erschauderte.

Ich bin gar nicht so alt, dachte er. Nicht mal sechzig. Man muss so viele Hände ergreifen, so viele wollen geführt werden. Sie graben dir die Fingernägel ins Fleisch. Sie reißen Stücke aus dir heraus, aus deiner Liebe zu diesem Land, und du gibst mehr, als du bist. Sie nennen dich Führer und teilen dich unter sich auf, wie soll einer da nicht alt aussehen? Und doch geben sie dir zugleich die Kraft, die du brauchst, ihre Blicke brennen sie dir ein, wenn du zu ihnen sprichst, und du weißt, du magst sterben, aber deine Ideen leben in ihnen weiter! Alter ist nicht wichtig. Eine Illusion. Die Ideen zählen, nichts sonst.

Sein Blick suchte die Eidechse. Sie zuckte zurück und verschwand.

Fast ärgerlich registrierte er, dass sich das Motorengeräusch nun vollends des Friedens ringsum bemächtigt hatte und sein Urheber ins Blickfeld geriet. Der Wagen rumpelte die Böschung hinauf und kam unterhalb der Treppe zum Stehen. Einige Sekunden rasselte der Diesel weiter, dann erstarb der Lärm der Maschine und überließ das Land wieder den kleinen und älteren Lauten, auf die der Alte seit dem Morgengrauen gelauscht hatte.

Der Neuankömmling war Anfang vierzig, hochgewachsen, trug borstig geschnittenes Haar, das an den Schläfen zu ergrauen begann, und eine schwarze Lederjacke über verblichenen Jeans. Mit federnden Schritten kam er die Stufen herauf. Der alte Mann drehte ihm den Kopf zu und musterte das ebenmäßig geschnittene Gesicht mit den grünen Augen. Offen, befand er. Beinahe freundlich, aber ohne jede Wärme, ohne Humor. Er wusste sofort, dass der andere miserable Witze erzählen würde, falls er es überhaupt jemals tat.

»Wie soll ich Sie ansprechen?«, fragte der Alte.

»Mirko«, sagte der Mann und streckte die Hand aus. Der alte Mann starrte eine Sekunde darauf, nahm sie dann und drückte sie.

»Einfach Mirko?«

»Was heißt hier einfach?« Der andere grinste. »Das sind fünf Buchstaben, und sie haben mir verschiedene Male das Leben gerettet. Ich liebe diesen Namen.«

Der Alte betrachtete ihn.

»Sie heißen Karel Zeman Drakovic«, sagte er nüchtern. »Sie wurden geboren 1956 in…«

»Novi Pazar.« Mirko winkte ungeduldig ab. »Und so weiter und so fort. Schön, Sie kennen meine Daten. Ich kenne sie ebenfalls. Wollen wir über was Wichtiges reden?«

Der alte Mann dachte nach.

»Dieses Land ist etwas Wichtiges«, sagte er nach einer kurzen Weile des Schweigens. »Können Sie das verstehen?«

»Natürlich.«

»Nein, können Sie nicht.« Der Alte hob einen Zeigefinger. »Wem es gehört, ist wichtig. Das ist überhaupt das Wichtigste, wem was gehört! Kriege, Konflikte, Streitereien, was könnten wir uns alles ersparen, wenn sich nicht ständig jeder bemüßigt fühlte, durch anderer Leute Wohnzimmer zu marschieren!«

Er reckte das Kinn noch weiter vor. »Wissen Sie, was ich sehe, wenn ich auf dieses Land hinausblicke, Mirko Karel Zeman Drakovíc? Ich sehe ein Schild mit der Aufschrift ›Reserviert‹. Und wissen Sie auch, für wen? Für unser Volk, für unsere Leute! Das alles da draußen wurde für uns gemacht. Gott ehrt die Seinen, habe ich Recht? Nun gut, ich bin großzügig und tolerant, also sage ich, jeder mag das Recht für sich in Anspruch nehmen, sein Land zu lieben, aber seines, wohlgemerkt, sein Land! Nicht das Land anderer!«

Mirko zuckte die Achseln.

»Das klingt doch ganz einfach und natürlich, oder?«, fuhr der Alte fort. »Ich meine, was tun Sie, wenn Sie ein Haus bauen? Sie leben da mit Ihrer Frau und Ihren Kindern, also was machen Sie? Sie schützen es! Und wenn Sie Fremde darin vorfinden, die sich eingenistet haben, Ihnen den Kühlschrank leer fressen, die Füße auf Ihren Tisch legen und in Ihre sauberen Polster furzen, na, dann schmeißen Sie das Pack eben raus! Kein Richter auf der Welt wird Ihnen das verübeln. Aber in diesem Land soll plötzlich jeder mit am Tisch sitzen dürfen, der sich Minderheit nennt und irgendwas von ethnischer Vielfalt daherfaselt, und wenn die Eigentümer ihr gottgegebenes Recht anmelden, ihn hinauszujagen, werden sie noch von den eigenen Leuten verdroschen, und das nennt sich dann liberal!«

Mirko wandte ihm den Blick zu.

»Wann hätten Sie sich je verdreschen lassen«, sagte er.

»Eben! Nebenbei, was ist mit Ihnen? Lieben Sie dieses Land?«

»Ich liebe es, über meinen Auftrag zu sprechen.«

»Ihre Kontaktleute meinten, Sie seien schon so etwas wie ein Patriot. Trotz Ihres…«

Mirko lächelte höflich.

»Trotz meines Berufs? Sagen wir mal so – ich sehe zu, dass ich mir meinen Patriotismus leisten kann. Im Übrigen, was mir persönlich wichtig ist, dafür kann sich kein anderer was kaufen.«

»Sie müssen doch eine Meinung haben.«

»Bei allem Respekt, hatten Sie eine, als Sie zum Nationalismus konvertierten?«

Der alte Mann lächelte dünn zurück und trat durch das Portal der

Klosterkirche ins Innere.

»Das sehen Sie falsch. Ich war immer auf Seiten derer, denen dieses Land von Gott gegeben wurde. Aber ich glaube auch, dass man sich den Zeitpunkt des Handelns sehr genau aussuchen muss. Man braucht Ansehen, eine gesellschaftliche Stellung, Geld. Ich halte nichts von aus der Gosse gekrochenen Revolutionären, die mit Dreck an den Schuhen zu den Leuten sprechen, das gehört sich einfach nicht, verstehen Sie?«

Drinnen war es kühl und dunkel. Auch hier blieben die Sicherheitsleute, die ihn auf Schritt und Tritt begleiteten, unsichtbar, aber der Alte wusste, dass sie nah genug waren, um seinen Atem spüren zu können.

Sein Leben war ohne menschliche Schutzschilde nicht mehr denkbar. Im Gegensatz zu anderen, denen das nach einiger Zeit auf die Nerven ging, genoss er den Zustand. Jeder einzelne der Männer würde für ihn durchs Feuer gehen, sie waren bis ins Knochenmark geprüft, ihm überschrieben, sein Eigen. Ein Augenzucken von ihm, ein Hauchen, und Mirko würde die nächsten zwei Sekunden nicht überleben.

»Ihnen ist klar, dass mein Name auf keinen Fall auftauchen darf«, sagte er beiläufig, während sie die schwarzen Kirchenbänke entlangschritten. »Ich werde Ihnen die benötigten Mittel zur Verfügung stellen, aber ich werde Sie nicht schützen.« Er drehte sich um und sah Mirko an. »Anders gesagt, wenn ich Ihr Leben opfern muss, werde ich keine Bedenken haben, es zu tun.«

»Natürlich nicht. Wenn ich mir die Frage gestatten darf, haben Sie es vor?«

»Nein. Hätte ich es vor, würde ich nicht davon sprechen. Mir ist bewusst, dass Sie auf unserer Seite stehen, auch wenn Sie mit aller Vehemenz auf Ihre Unabhängigkeit und Neutralität pochen.« Der Alte ging ein Stück weiter und blieb vor einer geschnitzten Marienfigur stehen. »Vergessen Sie nicht, dass ich alles über Sie weiß. Vielleicht ein paar Dinge, die selbst Ihnen entgangen sind.«

»Ich fühle mich geehrt.«

»Das sollten Sie auch. Können Sie den Auftrag erledigen?«

»Ja.«

»Kein Wenn und Aber?«

»Tausende«, erwiderte Mirko. »Machen wir uns nichts vor, die Sache ist beinahe unmöglich. Aber eben nur beinahe. Wenn ich es schaffe, die richtigen Leute zusammenzubekommen…«

»Was wird uns der Spaß kosten?«

»Uns?«

»Im Bauch des Trojanischen Pferdes ist für mehr als einen Platz. Ich habe die Elite dieses Landes auf meiner Seite, wir zahlen die Rechnung zusammen oder gar nicht. Also, wie viel?«

Mirko sog an seiner Backe. Sein Blick endete im Leeren.

»Schwer zu sagen. Es gibt kaum Präzedenzfälle, jedenfalls nicht unter den vorgegebenen Bedingungen. Aber ein paar Millionen sollten Sie schon einplanen.«

Der Alte breitete die Hände aus.

»Der Herrgott hat’s gegeben.«

»Ja. Ich weiß aber noch nicht, wer’s nehmen wird, und darum auch noch nicht, wie viel. Den Besten hat Frankreich leider einkassiert, er sitzt im Gefängnis.«

»Carlos? Wenn schon. Er ist kein Serbe.«

»Schon. Aber er hat die Latte ziemlich hoch gelegt. Will sagen, das ist so ungefähr die Liga, von der wir reden.«

»Sie haben alle Freiheiten, Mirko. Aber ich bestehe auf einem serbischen Kommando«, sagte der Alte mit Entschiedenheit. »Wir sprechen hier von einer großen patriotischen Geste! Was ist mit Arkan?«

»Der Chef vom Fußball-Club in Prizren?«, spöttelte Mirko.

»Wir wissen beide sehr genau, dass er mehr ist«, sagte der Alte. »Die ganze Welt kennt Arkan.«

»Genau deshalb kommt er nicht in Frage. Wollen Sie nach der Vorstellung Autogramme geben?« Mirko schnaubte geringschätzig. »Vergessen Sie’s. Arkan gefällt sich als Medienstar, und er lebt vom Heimspiel. Er ist geschwätzig. Das ist gefährlich in seiner Branche. Eines Tages wird ihn jemand über den Haufen schießen.«

»Gut. Suchen wir uns jemand anderen.«

»Der Markt gibt längst nicht so viel her, wie Sie denken«, sagte Mirko. »Osteuropa hat sich zwar gemacht, seit die Russen wieder Gras fressen, aber der terroristischen Szene dort geht das Moralgebaren ab. Nur, genau so jemanden brauchen wir! Diese alte Klasse, die nicht gleich mit sowjetischen Kofferbomben rumläuft und ganze Stadtteile niederkachelt, sondern wirklich noch den Kopf gebraucht. Wir müssen realistisch sein. Die besten Leute sitzen in Nordirland. Ein komplett serbisches Kommando kann ich Ihnen einfach nicht versprechen.«

»Sie enttäuschen mich, Mirko. Sollte es etwas geben, das sich mit Geld nicht ermöglichen ließe?«

»Darum geht es nicht.« Mirko lehnte sich an eine der wuchtigen Säulen, die das Mittelschiff von den Seitenkapellen trennten. »Das Problem ist die Qualifikation. Zweitens die Anonymität. Das Gute an Carlos war ja, dass ihn jeder kannte und keiner.«

»Ich will auf gar keinen Fall irgendwelche Amerikaner.«

»Beruhigen Sie sich. Ich habe verstanden, was Sie wollen. Lassen Sie mich ein bisschen das Feld sondieren. Auf jeden Fall garantiere ich Ihrem Unternehmen einen serbischen Kopf!«

Der alte Mann musterte Mirko und fragte sich, was ihn an seinem Gegenüber so irritierte. Irgendetwas an Mirko war nicht – komplett. Weniger im Sinne einer fehlenden Qualität, nichts, um Zweifel an der Richtigkeit seiner Wahl aufkommen zu lassen. Mit Mirko in einem Raum zu sein war eher, als betrachte man einen Film auf einer Leinwand, die nur Zweidimensionales wiedergibt. Eine Kleinigkeit, die das Abbild des Menschen in einen richtigen Menschen verwandelte, blieb Mirko schuldig.

»Gut«, sagte der Alte. »Finden Sie diesen Kopf.«

Mirko stieß sich mit einer Bewegung seiner Schultern von der Säule ab.

»Möglicherweise habe ich ihn schon gefunden. In einer Woche bin ich klüger.«

»Zwei, wenn Sie wollen.«

»Es gibt da jemanden. Falls meine Idee funktioniert, müsste eine Woche reichen. Bis dahin brauchen Sie sich um das Thema keine Gedanken mehr zu machen.«

»Gut.«

Mirko zögerte. »Darf ich mir eine Frage erlauben?«

»Natürlich. Fragen Sie.«

»Ich hörte, dass die Gespräche wieder aufgenommen werden.«

»Rambouillet?«

Mirko nickte. »Der Ausgang könnte einiges ändern. Holbrooke hat ja nicht gerade chinesisch gesprochen, als er mit der Bombardierung drohte. Nur .«

»Sie meinen, ein positiver Ausgang der Verhandlungen nimmt unserer Sache den Stachel?«

»Gewissermaßen.«

»Nett, dass Sie sich aufgefordert fühlen, mitzudenken.« Der alte Mann verzog die Mundwinkel. Er hätte selbst nicht zu sagen gewusst, ob aus Anerkennung oder Missbilligung. »Aber da Sie sich nun schon mal meinen Kopf zerbrechen, Mirko Drakovic und wie auch immer Sie sonst noch zu heißen belieben – Sie haben natürlich Recht. Selbstverständlich möchten wir in Rambouillet alle Parteien mit den erklärtermaßen besten Absichten am Tisch sitzen sehen. Ich selbst führe keinen anderen Wunsch im Munde.« Er schüttelte den Kopf. »Aber ich schätze, die Gespräche werden ins Leere laufen. Alle werden sehr traurig sein und es sehr bedauern.«

»Und wenn nicht?«

»Bekommen wir dennoch, was wir wollten. Ich würde Sie auch gern etwas fragen.«

»Sicher.«

»Warum wollen Sie das wissen? Ich denke, Sie sind neutral.«

Mirko lachte. Um seine Augen bildeten sich tausend Fältchen, die merkwürdigerweise nichts am Eindruck seiner absoluten Humorlosigkeit änderten.

»Ich bin neutraler Geschäftsmann. Wenn die Verhandlungen zu einem positiven Ergebnis führen, werden Sie Ihren Auftrag überdenken. Ich weiß einfach nur gern, woran ich bin.«

»Ich sage Ihnen, woran Sie sind. Sie sind am Drücker, Mirko. Am Drücker!« Der Alte sah auf seine Armbanduhr und hob die Hand. »Es war eine Freude, mit Ihnen zu plaudern. Machen Sie’s gut. Wir sehen uns, sobald Sie fündig geworden sind. Ach, und Mirko! – Enttäuschen Sie mich nicht. Mein Wohlwollen ist mindestens so wertvoll wie Ihre fünf Buchstaben.«

Er wandte sich ab und ging raschen Schrittes durch das Kirchenschiff zurück ins Freie. Die Sonne stand nun tiefer, hatte den Schatten von der Terrasse genommen. Er spürte die Wärme auf seiner Haut, aber sie war nichts im Gegensatz zu der Glut in seinem Herzen. Wilde Befriedigung durchlohte ihn angesichts der Tatsache, den Stein ins Rollen gebracht zu haben. Auf legalem Wege hatten sich die Mittel erschöpft. Seine Schuld war es nicht, er würde nur dafür sorgen, dass sein Land wieder jenen zukam, denen es von alters her gehörte. Die Dissonanz der Vielvölkergesellschaft würde einem anderen Klang weichen. Millionen Kehlen, aufrechte Männer, Frauen, die ihren Platz kannten, Kinder mit hoffnungsvollen Gesichtern würden einen Choral singen, und am Ende würde Gerechtigkeit triumphieren.

War die Schlange erst besiegt, stand der Rückkehr ins Paradies nichts mehr im Wege.

Er lachte leise in sich hinein. Wie gut sich die Religion einfügte ins Orchester der Demagogie. Manchmal bedauerte er fast, im Grunde seines Herzens eine Glaubenslosigkeit zu verspüren, die ihn zu der Vorstellung verleitete, er selbst sei das höchste aller Wesen und spiele in Ermangelung geeigneter Partner ein Spiel gegen sich selbst. Kirchen flößten ihm Ehrfurcht ein, aber in ihrem Innern fand er immer nur sich selbst.

Dumpfes Knattern drang an sein Ohr, als der Helikopter die Rotoren anließ.

Im selben Moment wurde dem Alten bewusst, worin die besondere Eigenheit Mirkos bestand.

Mirko ging umher, bewegte Arme und Beine, sprach. Aber er machte nicht das leiseste Geräusch. Eine Holographie hätte kaum lautloser auftreten können als dieser Mann.

Kein Humor, keine Geräusche.

Die Sache ließ sich gut an.

1998.26. NOVEMBER. PIEMONT. ALBA

»Signora Firidolfi, Sie sehen bezaubernd aus. Ihre Konten sehen bezaubernd aus. Ich frage mich, was unsereinem noch zu tun bleibt.«

»Schöne Dinge sagen«, bemerkte Silvio Ricardo und verstaute einen Packen Schnellhefter in einer ledernen Aktenmappe. In den mattsilbernen Verschluss war das Emblem der Neuronet AG eingeprägt, dezent genug, dass man zweimal hinschauen musste, um es zu erkennen.

Direttore Ardenti hob die Hände und verbreiterte sein Lachen um je zwei nikotingelbe Zähne. Bis auf den Umstand seiner offensichtlichen Zigarettensucht war seine Erscheinung über jede Kritik erhaben. Dunkles, teures Tuch, breit geknotete Armani-Krawatte, Goldrandbrille. Die Reste von Haar waren nach hinten gekämmt und blauschwarz gefärbt, die einzige Extravaganz, die sich der Direktor des bedeutendsten piemontesischen Geldinstituts erlaubte.

»Ohne Unterlass singe ich Ihr Lied«, sagte er. »Die Bank von Alba gehört quasi Ihnen.«

»Vorsicht, Direttore«, scherzte Ricardo. »Sie könnten der Wahrheit näher kommen, als Ihnen lieb ist.«

Ardenti beugte sich vor und senkte seine Stimme zu einem verschwörerischen Raunen.

»Also, dann will ich mal deutlicher werden. Das Institut ist zu der Überzeugung gelangt – nach eingehender Besprechung mit den Damen und Herren des Vorstands, die allesamt große Vertrautheit zu Ihnen bekunden –, Ihrem Ersuchen um eine Erweiterung des Kreditrahmens… ja, sollte ich sagen, stattzugeben?« Er lehnte sich wieder zurück, versteifte alle zehn Finger und verzahnte sie vor seinem Bauch. »Wir verbrachten die Mittagsstunde in der Osteria lalibera und aßen Ravioli tartufati, Sie wissen, wo sie in einem Bett aus Ricotta und Spinat ein ganzes Eigelb versenken und dann – tschak, tschak – mit dem Hobel drübertrüffeln. Madonna, der Duft! Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, welche Auswirkung so etwas auf den gemeinhin monetär veranlagten Sinn des Bankers hat. Waren Sie kürzlich da? Lohnt! Gehen Sie unbedingt hin, der Weinkeller ist von Geheimnissen durchweht, um deren Lüftung wir uns sehr bemühten! Nur wenige Flaschen eines magischen ‘88er Pio Cesare, und Ungeheures folgte auf Intimes, Weisheit auf Wahnsinn! Kurz, man war übereinstimmend der Ansicht, die Beziehungen zu Neuronet ausweiten zu wollen, ich bin versucht zu sagen, Ihre Anwesenheit hätte stehende Ovationen ausgelöst!«

Laura Firidolfi lächelte, denn die letzten Worte hatte der Direttore mit geschmeidigem Blick in ihre Richtung gesprochen.

»Ich bin beruhigt zu hören«, erwiderte sie amüsiert, »dass die Herren noch hätten stehen können.«

Ardenti ließ ein vertrauliches Lachen hören und reichte es an Silvio Ricardo weiter, der es im linken Mundwinkel verstaute. Sie fühlte das Interesse des Direttore auf sich ruhen wie Messerklingen. Flach, kühl und wohltuend, solange ihr Laden weiterhin gut lief. Bei Problemen würde Ardenti es verstehen, die Messer so weit zu drehen, dass sie ins Fleisch zu schneiden begannen. Im Augenblick jedoch war der Raum gesättigt von Partikeln des Erfolgs, und Neuronet – besser gesagt Laura Firidolfi – weit davon entfernt, das Wohlwollen des Direttore in absehbarer Zeit zu verlieren.

Ricardo klappte die Mappe zu.

»Wir sind sehr zufrieden«, sagte er zu Ardenti. »Ich werde Ihnen übrigens noch einige Kopien des Geschäftsberichts nachreichen müssen, mir war kurzzeitig entfallen, dass der Vorstand Ihres geschätzten Instituts Gehälter in zwölffacher Ausfertigung bezieht. Ab wann könnten wir über die zusätzlichen Mittel verfügen?«

Ardenti hob die Brauen.

»Wann immer Sie wollen! Sagte ich schon, dass sich unser Vorstand für Ihre Zusammenarbeit mit Microsoft interessiert?«

»Nein, aber es freut uns zu hören.«

Ardenti räusperte sich. »Was machen Sie denn mit denen, wenn ich mir die Frage erlauben darf? Ich hörte, man sei mit einem Kaufangebot an Sie herangetreten.«

»Das ist kein Geheimnis«, sagte Firidolfi. »Wir haben natürlich abgelehnt.«

»Das freut mich zu hören.«

»Aber wir werden gemeinsam ein paar Lösungen weiterverfolgen, um die Nutzung des Internets stärker zu individualisieren«, erklärte sie. »Neuronet arbeitet an einer Finder-Generation, die kurz davor ist, persönliche Freundschaften zu ihren Usern zu entwickeln.«

»Geisterhaft!«

»Überhaupt nicht. Das Programm speichert einfach nur Ihr Persönlichkeitsprofil und lernt ständig dazu. Sie können ihm natürlich jeden beliebigen Befehl geben, aber solange Sie ihm gewisse Freiheiten einräumen, denkt es für Sie mit.«

»Wer also«, sagte Ardenti gedehnt, »etwas über mich erfahren will, muss nur warten, bis ich online bin, um dann meine Codierung zu knacken. Ist das nicht sehr gefährlich, wenn der Computer beginnt, meine Persönlichkeit zu verwalten?«

»Er verwaltet sie ja nicht. Er selektiert und macht Vorschläge. Was den Zugriff angeht, so stehen wir in Verbindung mit dem Chaos Computer Club in Hamburg. Die haben spaßeshalber versucht reinzukommen. Es ist ihnen nicht gelungen, also gehen wir bis auf weiteres davon aus, dass die Codierung einwandfrei ist.«

Ricardo wies auf die Golftrophäen, die hinter Ardenti auf einem Sideboard aufgereiht waren.

»Ein Beispiel. Das Programm durchforstet, wenn es einmal Ihre Passionen kennt, regelmäßig das Netz nach allem, was mit Golf zu tun hat. Nehmen wir an, Sie schätzen das Klima des hohen Nordens…«

»Bewahre!«

»Nur mal angenommen. Das weiß der Finder, also konzentriert er seine Suche auf die entsprechenden Plätze. Sie können eine beliebige Reihe von Icons anlegen, auch eines für Golf. Wenn der Finder etwas aufgestöbert hat, von dem er meint, es würde Sie interessieren, blinkt das Icon, und Sie rufen die Neuigkeiten ab – sagen wir, drei Tage Irland, Cliffs of Moher, Steilküstenplatz in zweihundert Metern Höhe, was Außergewöhnliches! Komplettpaket mit zwei Übernachtungen und Luxusdinner im nahe gelegenen Schloss.«

»Da wollte ich tatsächlich schon mal hin«, sinnierte der Direttore.

»Sehen Sie. Sie geben dem Finder also den Befehl, das Angebot für kommendes Wochenende zu buchen. Der Zufall will es, dass eine Ihrer Kolleginnen aus dem Vorstand mit dem gleichen Finder arbeitet. Nach gegenseitiger Absprache können Sie Ihre Programme miteinander vernetzen, nehmen wir weiter an, das haben Sie getan. Nun sieht Ihr Finder plötzlich, dass die Kollegin das nämliche Arrangement für ein späteres Wochenende gebucht hat. Was wird er also tun?«

»Er wird mir einen Vorschlag machen«, überlegte Ardenti, sah an Ricardos Miene, dass er ins Schwarze getroffen hatte, und strahlte.

Ricardo nickte.

»Richtig. Er wird Ihnen vorschlagen, das spätere Wochenende zu fahren, um die Freuden des Golfspiels mit der Dame zu teilen.«

»Wird er darauf bestehen?«, fragte Ardenti spitzbübisch. »Die Qualitäten unserer weiblichen Vorstandsmitglieder sind eher fachlichen Charakters.«

Firidolfi lachte, während sie im Geiste den Terminkalender für die anstehende Woche durchging.

»Nur, wenn ich die Vorstandskollegin wäre«, sagte sie.

Ardenti breitete die Hände aus wie ein Prediger und legte den Kopf schief.

»In diesem Fall müsste er nicht insistieren, Signora.«

Komm zum Ende, dachte Firidolfi. Sie schickte einen schnellen Blick zu Ricardo, der besagte, dass genug geplaudert worden war. Ihr Privatsekretär verstand augenblicklich. Sie hatten Ardenti einerseits hinreichend beeindruckt, andererseits nichts verraten, was er nicht auch woanders hätte erfahren können. Derartige Balancen waren Ricardos Spezialität. Zwischen komprimiertem Informationsaustausch und Small Talk wusste er sich ebenso leichtfüßig zu bewegen wie der Direttore. Er verstand es, Sekunden und Minuten so zu investieren, dass sie sich in Stunden und Tagen verzinsten. Nie gab er seinem Gegenüber das Gefühl, berechnend zu sein, und immer war er es. Soeben hatte er Ardenti das wärmende Gefühl vermittelt, sein Vertrauen und seine Fürsprache gut angelegt zu haben.

Als rechte Hand von Laura Firidolfi war er perfekt.

Aber es gab noch jemandem, dem er wertvolle Dienste leistete.

Sie fragte sich, wann es wieder so weit sein würde. Ein Gefühl sagte ihr, der Moment stehe unmittelbar bevor.

Zugleich mit dem Direttore erhoben sie sich. Ardenti geleitete sie bis zum Fahrstuhl und sagte auf dem Weg noch ein paar lobende Worte über die erfreuliche Entwicklung der Internet-Branche, bevor er sich verabschiedete. Firidolfi wusste, dass sein Tag in unzählige solcher Treffen zerfiel. Das wiederum schätzte sie an Menschen wie Ardenti – nie gaben sie sich und ihren Gesprächspartnern den Anschein terminlicher Kurzatmigkeit. Aufmerksamkeit war unteilbar. Wer diese Regel nicht beherrschte, brachte es nicht weit.

Niemand wusste das so gut wie Laura Firidolfi.

Sie traten hinaus ins mittelalterliche Alba. Seit Mitte Oktober waren die Straßen gesättigt vom Duft der weißen Trüffeln. Die immer rarer werdende Knolle wuchs an geheimen Orten, und die Sucher hatten sich zu Meistern der Camouflage entwickelt, wenn sie nachts mit ihren Hunden loszogen. Wer auf einen solchen Schatz gestoßen war, setzte im Folgenden alles daran, ihn mit niemandem teilen zu müssen – kein Wunder bei einem Kilopreis von bis zu sechs Millionen Lire. Die spätherbstlichen Nebel in den piemontesischen Wäldern hatten schon manchen Schuss verschluckt, gedacht als Warnung für den Suchenden, der dem Wissenden zu folgen beabsichtigte. Einige waren nie zurückgekehrt. Ihr Blut hatte sich mit dem Erdreich vermengt, und manchmal hieß es, die Körper der Getöteten seien vom Humus absorbiert worden, um der kriechenden, wimmelnden Natur Nahrung zu geben, inmitten derer das neue verborgene Gold der Feinschmecker heranwuchs.

Es gab viele Gründe, einander zu töten, wenn man einmal bereit war, es zu tun.

Ricardo ließ sich in den Beifahrersitz des roten Lamborghini fallen und zog den Gurt zu sich herüber. Firidolfi legte die Hand auf den Türgriff, stieg aber nicht ein.

»Soll ich fahren?«, rief Ricardo aus dem Innern.

Sie starrte über die Straße hinweg auf die Front der kleinen Geschäfte, die überwiegend Delikatessen und Weine verkauften. Sie versuchte sich zu erinnern, wann sie das erste Mal Trüffel gegessen hatte und wie oft seitdem. Zu oft, dachte sie. Wenn man die Besonderheiten nicht mehr zählen kann, hören sie auf, welche zu sein.

»Laura?«

Die Erwähnung des Namens schreckte sie aus ihren Gedanken. Rasch stieg sie ein und startete den Wagen. Während sie das massige Gefährt durch die engen Straßen zum Ring steuerte, der sich um Alba zog, war Ricardo schon wieder mit seinen Bilanzen beschäftigt.

»Sie sollten sich von dem Wagen trennen«, sagte er wie beiläufig.

Firidolfi blickte nachdenklich zu ihm hinüber. Ricardo war ein hübscher Junge. Er kam aus Mailand, sah mit dem gescheitelten blonden Haar und der Hornbrille aber eher aus wie der Juniorpartner eines Londoner Notars. Sie wusste, dass sie ihren Wohlstand seinem eisernen Regiment über ihre Konten verdankte. Ricardo unterzog das ganze Leben einer permanenten Kosten/Nutzenanalyse. Aus seiner Perspektive hatte sie den Zeitpunkt, den Lamborghini abzugeben, bereits überschritten.

»Ich werd’s mir überlegen«, sagte sie.

»Es gibt tausend andere. Andere Lamborghinis, meine ich.«

»Schon. Aber das war mein erster.«

»Es ist immer noch Ihr erster!« Ricardo grinste sie an. »Sie bezahlen meinen Lohn, gnädige Frau, da steht es mir natürlich nicht zu, Sie der Sentimentalität zu bezichtigen. Erlauben Sie, dass ich es trotzdem tue. Das Ding ist durch die Abschreibung. Mit jedem Meter, den Sie die Karre weiter durch den Piemont schieben, verlieren Sie bares Geld.«

»Gut. Ich denke darüber nach.«

»Ja, natürlich.« Ricardo lehnte sich zurück und sagte eine Weile nichts. Sie folgten der Landstraße durch das Flachland in Richtung Cuneo und bogen nach wenigen Minuten in die sanfte Hügellandschaft der Langhe ein. Das Herz des Barolo präsentierte sich in der späten Nachmittagssonne pastellfarben und unwirklich. In den Weinstöcken lag der Dunst.

»Brauchen wir diese Krediterweiterung wirklich?«, fragte Firidolfi.

Ricardo schüttelte den Kopf.

»Nicht wirklich. Aber sie verschafft uns zusätzliche Reputation und Reserven. Außerdem könnten wir die alte Fattoria hinter Mon- forte d’Alba kaufen und zu einem neuen Werk umgestalten. Auch wenn Microsoft abspringt. Wir hätten genug zu tun.«

»Wir brauchen vor allem Platz«, sagte Firidolfi und folgte einem Wegweiser nach La Morra. »Im Hauptgebäude hängen sie einander fast auf dem Schoß.«

»Ja. Komisch, nicht? Sie arbeiten trotzdem über die Maßen wirtschaftlich.«

»Ich frage mich, wie lange noch. Eine Legebatterie arbeitet auch über die Maßen wirtschaftlich, solange die Leute Eier essen wollen, die nach Fisch stinken und vor lauter Salmonellen in Eigenbewegung verfallen.«

»Prinzipiell richtig. Aber was wollen Sie? Programmierer sind die reinsten Ferkel. Geben Sie ihnen einen größeren Raum, und sie machen mehr Dreck.«

Firidolfi lachte.

»Nicht alles ist so sauber wie Geld, Silvio.«

»Computer sind sauberer als Geld«, bemerkte Ricardo geringschätzig. »Sollten Sie anderer Meinung sein? Gut, kaufen wir die Fattoria.«

»Ist der Preis okay?«

»Zu hoch. Ich sorge dafür, dass sie runtergehen.«

»Gut.«

»Ansonsten können wir uns wirklich nicht beklagen. Das Thema Forschung und Entwicklung werden wir dieses Jahr mit einem satten Plus abschließen, ich glaube, das hat dem alten Sack mit seinen sepiagefärbten Haaren am meisten imponiert. – Ach, nebenbei, wir kommen noch mal besser weg, wenn wir den Stock verringern – soll heißen, wir schlagen einen Teil der Hardware los, bevor das Zeug wertlos wird. Pumpen Sie ein paar Ressourcen in die neuen i-Macs, wir bekommen sie zum Vorzugspreis.«

»Das übernehmen Sie. Was ist mit den Turinern?«

»Alpha? Sieht gut aus. Sie möchten uns kommende Woche treffen. Das Programm für die Fahrsimulation hat ihnen sehr gefallen.«

Neuronet spaltete sich auf in Neuroweb und Neuroware. Während Neuroweb vornehmlich eigene und lizensierte InternetLösungen vertrieb, konzipierte Neuroware Programme für unterschiedlichste Einsatzzwecke. Der Leiter der Programmierung war ein russischer Exilant, der seit einigen Jahren für Neuronet arbeitete.

Ricardo blätterte weiter in seinen Unterlagen. Firidolfi steuerte den Wagen gemächlich über die sich hochschraubende Straße auf das Städtchen zu, dessen Silhouette zackig und schartig einer Hügelkuppe unmittelbar über ihnen entsprang. Jenseits der Mauer, die La Morra zum Osten hin umgab, stürzte der Fels steil ab in die sanft geschwungene Tiefebene der Langhe.

»Ardenti frisst uns aus der Hand«, sagte Firidolfi. »Gute Arbeit, Silvio. Nehmen Sie sich für den Rest des Tages frei. Soll ich Sie irgendwohin fahren?«

Ricardo zögerte.

»Ich kann nicht freinehmen«, sagte er langsam und fügte hinzu: »Sie übrigens auch nicht.«

Sie hatte es gewusst.

»Warum nicht?«, fragte sie trotzdem.

»Es gibt noch eine Anfrage.«

»An wen? Neuroweb oder Neuroware?«

Ricardo schüttelte den Kopf.

»An Jana.«

JUNI. KOELN. HYATT

Was gegen 9.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit auf den Bildschirmen der Durchleuchtungskontrolle erschien, die das BKA und der Secret Service im Zulieferereingang des Hyatt aufgebaut hatten, waren keine verdächtig aussehenden Gepäckstücke, ominösen Aktenkoffer, Jacken oder Mäntel, ebenso wenig Golftaschen, Kameras, Laptops und mit Kokain gefüllte Teddybären, sondern das Resultat der Vermengung von Wasser und Mehl. Den Mitarbeitern der Security gelang dank der Technik des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts ein faszinierender Einblick ins Innere von rund dreihundert Frühstücksbrötchen, knusprig gebacken, appetitlichen Duft und letzte Reste von Wärme verströmend.

Unter anderen Umständen wäre die Prozedur an Lächerlichkeit kaum zu überbieten gewesen. Die Ankunft des Präsidenten der Vereinigten Staaten jedoch setzte andere Umstände schlicht außer Kraft. Hatte das Hyatt bis vor wenigen Tagen noch über normale Ein- und Ausgänge verfügt, war nun jede Öffnung, durch die man aufrechten Ganges ins Innere gelangen konnte, zu einer Sicherheitsschleuse mit Detektoren und Durchleuchtung umfunktioniert worden – nur eine von ein paar hundert Maßnahmen, hinter denen andere Umstände ins Glied der Verhandelbarkeit zurückzutreten hatten.

Kika Wagner saß, eine Zeitschrift auf den Knien, in der Vorhalle und betrachtete das Kommen und Gehen.

Zwei Tage vor Bill Clintons Ankunft in Köln glich das Hyatt einer Festung. Vor dem Gebäude parkten keine Autos mehr. Selbst Schiffstouren waren abgesagt worden; die nahe gelegene Frankenwerft durfte seit Gipfelbeginn nicht mehr angefahren werden. Das Innere des Hyatt präsentierte sich augenscheinlich unverändert, sah man davon ab, dass der Secret Service seit Wochen jeden Stein, aus dem das Hotel erbaut war, dreimal umgedreht hatte, durch jeden Lüftungsschlitz gekrochen und mittlerweile in jedem Winkel, unter jedem Teppich und im Innern jeder Fußleiste vertreten war. Das Dach beherrschten amerikanische Satellitenanlagen, in den meisten Zimmern waren eigene Telefonnetze gelegt worden. In achtundvierzig Stunden würde es einfacher sein, Aussagen über Lebensformen auf dem Mars zu treffen als über das, was in der sechsten Etage vor sich ging, wo Handwerker in fiebernder Hast versuchten, die Suite für den mächtigsten Mann der Welt fertig zu stellen. Der sechste Stock würde vollends in den hypothetischen Raum entrücken.

Falls sie es schafften.

Wagner hatte eine ungefähre Vorstellung davon, was die Crew des Hyatt durchmachte, nur weil Miss Albright hier ein halbes Jahr zuvor so gut geschlafen hatte. Die Außenministerin höchstpersönlich war der Meinung gewesen, Hillary und Bill könnten beim Blick auf den Dom den einen oder anderen romantischen Seufzer nicht lassen. Die Wahl für Köln fiel damit auf Deutz, Kölns rechtsrheinischen Appendix, gottlob in Zeiten, da sich die Linksrheinischen mit dem Stiefbruder von gegenüber gütlich arrangiert hatten, weil man von da so schön auf die andere Seite gucken konnte.

Vom ersten Tag an fragten Journalisten und Medienberichterstatter dem verzweifelten Scherflein Auskunftswilliger der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des Hyatt Löcher in die Bäuche, ob Clinton denn nun käme und wann. Seit fünf Monaten war die Auskunft immer die gleiche: Kann sein. Kann nicht sein. Ja. Nein. Vielleicht. Weiß nicht.

Tatsächlich hatten im April die Besuche der amerikanischen Delegationen begonnen. White House, Secret Service, CIA, der Botschafter… jeder kam mal schauen, ob’s auch wirklich so luxuriös sei, wie Clintons Hausdrache versprochen hatte. Es wurden Büros und Konferenzräume gecheckt bzw. die Möglichkeit, Hotelzimmer entsprechend umzubauen und das Hyatt ex officio in den Rang des Hauptquartiers der Vereinigten Staaten von Amerika zu erheben. »Security« entwickelte sich zum meistgebrauchten Wort. Ah, der Koch macht Frikadellen! Die sehen aber gut aus. Sind die auch sicher? Und so weiter und so fort.

Der Grund für die um sich greifende Verwirrung war eines jener Gerüchte, die kraft minimalen Entstehungsaufwands ein Maximum an Auswirkungen nach sich zogen. Danach würden im Hyatt vielleicht E.T. oder Madonna oder Elvis’ Geist absteigen, aber ganz sicher nicht Bill Clinton, weil nämlich das ganze Deutzer Theater nur der Ablenkung halber vonstatten gehe und der Präsident tatsächlich auf dem Petersberg residieren werde. Die Nachricht – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von den Amerikanern selbst lanciert – weitete die Konfusion auf den Petersberg aus, wo natürlich keiner von irgendetwas wusste und sich voller Bestürzung fragte, warum nicht? Im Folgenden erlebte man dort eine ähnliche Heimsuchung durch die Medien wie das Hyatt, die Stellungnahmen der Presse gegenüber nahmen vollends kryptische Züge an, und die anderntags erscheinenden Artikel waren dünn wie Kasernenkaffee.

Amerika hüllte sich in Schweigen. Selbstverständlich werde der Präsident im Hyatt absteigen. Oder auch nicht.

Aller Konfusion zum Trotz hatte das Hyatt unbeirrt die heiße Phase angesteuert, die vor nicht ganz sieben Wochen heißer geworden war, als den Verantwortlichen lieb sein konnte. Ausgerechnet in der Sauna der für Clinton reservierten John-F.-Kennedy-Suite gab es einen Kurzschluss. Erst brannte die Sauna aus, dann die hundertachtzig Quadratmeter große Suite. Schwarzklebriger Ruß bedeckte jeden Quadratzentimeter der kompletten sechsten Etage, Teile der fünften waren nicht mehr bewohnbar, die Lounges verräuchert. Die Hotelleitung sah sich unter Lawinen öffentlichen Interesses begraben und nahm via Einrichtung eines Krisenstabs den verzweifelten Wettlauf gegen die Zeit auf, wohl wissend, dass der Petersberg um die Ecke lag. Mittlerweile erglänzte alles in makelloser Erneuerung, einzig die Suite wurde partout nicht fertig, trotz des Irrsinnstempos, mit dem Heerscharen von Spezialisten Hand anlegten.

Wenn sie es schafften, dann in letzter Sekunde.

Die Zerreißprobe ging nicht spurlos an den Leuten vorbei. Wohin Wagner blickte, sah sie angespannte Mienen. Dass sie überhaupt hier sitzen durfte, verdankte sie einerseits der Unbedenklichkeit ihres Handtascheninhalts. Zweimal durch die Schleuse gehen, während ihre Schminkutensilien, Zigaretten und sonstigen hilfreichen Kleinigkeiten über den Bildschirm geisterten, diverse Male Sonderausweis vorzeigen, checken, gegenchecken, danke, bitte. Alles sehr unaufdringlich und freundlich, aber von der eisernen Entschlossenheit geprägt, diesen Staatsbesuch durch nichts und gar nichts zu verpatzen, und hieße es, in aller Öffentlichkeit eine Handtasche zu erschießen.

Zweitens erwuchs Wagners Anwesenheit dem Umstand, dass der designierte Leiter des Lektorats Belletristik im Rowohlt Verlag, Franz Maria Kuhn, eine Etage höher mit Aaron Silberman das Frühstück teilte. Silberman war Stellvertretender Chefredakteur für Politik bei der angesehenen Washington Post. Er war den amerikanischen Presseleuten, die im Gefolge des Präsidenten erwartet wurden, vorausgeeilt, um über die Aktivitäten des Hyatt zu berichten und bei dieser Gelegenheit Kuhn wiederzusehen, den er aus dessen Zeit als politischer Korrespondent in der amerikanischen Hauptstadt kannte.

Sie hatten sich beide oft genug im legendären Briefing Room des Weißen Hauses herumgedrückt und so eine gewisse Nähe zueinander entwickelt. Das schmucklose, winzige Zimmerchen mit dem blauen Vorhang und dem Präsidialwappen darauf war eine wohl durchdachte Zumutung und Ausdruck des ständigen Kampfes, den der Amts- und Wohnsitz des Präsidenten mit seinen ungeliebten Schnüfflern ausfocht. Dennoch war kein Presseausweis der Welt begehrter als der des White House Press Corps. Dessen Mitglieder arbeiteten immerhin unter einem Dach mit dem mächtigsten Mann der Welt, sie hatten ihre Zentrale direkt im Allerheiligsten. Auch wenn man im White House alles tat, um der elitären Journaille das Gefühl zu geben, auf einer Stufe mit Wanzenbefall und Hausschwamm zu stehen – im Grunde ein Übel zu sein, dem man nur durch fortgesetzte Erniedrigungen beikommen konnte –, kämpften die Medienhöflinge wie eine Meute Dobermänner um ihre Privilegien. Als Clinton sie in helle, freundliche Räume des Nachbargebäudes umquartieren wollte, gaben sie sich hart. Niemand sah ein Problem darin, sich mit anderen Ölsardinen eine Dose zu teilen, solange sie in unmittelbarer Nähe des Präsidentenschlafzimmers situiert war.

Silberman hatte es tatsächlich geschafft, einmal zehn Minuten mit Clinton persönlich zu sprechen – ein Ritterschlag, der selbst lang gedienten Kollegen in den seltensten Fällen zuteil wurde. Darum gehörte er nun zu den wichtigeren Berichterstattern und war der Washington Post eine Akkreditierung bei Hofe wert gewesen, sprich ein Zimmer im Hyatt.

Derzeit gab es in Kölns erster Adresse keine privaten Gäste mehr. Dafür Legionen von Mitarbeitern der amerikanischen Regierung, Vertreter der CIA, Bilderbuchausgaben von Geheimdienstleuten mit den obligatorischen schwarz getönten Ray-Ban-Sonnenbrillen, Agenten des FBI sowie Dutzende hochkarätiger Vertreter von CNN. Insgesamt zweihundertfünfzig der dreihundertfünf Zimmer waren Clintons Kohorten, die restlichen fünfzig dem Hauptaufgebot der Presse vorbehalten. Noch zwei Tage, dann würde eine mit Journalisten voll besetzte Tristar im Gefolge des Präsidenten eintreffen und das Hyatt endgültig in ein zweites White House verwandeln. Es fehlte letztlich nur das Sternenbanner auf dem Dach.

Der eigentliche Grund, warum Wagner im bestgeschützten Gebäude Kölns auf Franz Maria Kuhn wartete und nicht wusste, ob sie darüber lachen oder weinen sollte, hieß allerdings nicht Bill Clinton, sondern Liam O’Connor.

Prof. Dr. Liam O’Connor, um genau zu sein.

Sie legte die Zeitschrift auf den Glastisch neben sich und schlug die Beine übereinander.

Kuhn tauchte auf. Er kam, mit der Rechten an seinem Krawattenknoten nestelnd, in der Linken ein angebissenes Sandwich, die Freitreppe vom Buffet herunter, sah sie und hielt mit ausladenden Schritten auf sie zu. Er war schmächtig und wie immer schlecht gekleidet.

»Wir müssen dann mal«, sagte er etwas zu laut. Es klang, als habe er auf sie gewartet, nicht umgekehrt. Wagner hasste Menschen, die ihre Lautstärke an öffentlichen Plätzen nicht unter Kontrolle hatten. Sie griff nach ihrer Handtasche und stand auf.

»Hübsche Beine«, bemerkte Kuhn kauend.

Wagner sah an sich herunter. Der Rock ihres dunkelgrauen Kostüms war ein Stück hochgerutscht. Der Stoff wanderte auf ihren

Strümpfen nach oben. Reibungswiderstände, gegen die sich nichts machen ließ, als von Zeit zu Zeit am Saum zu zerren.

Blödmann, dachte sie.

Nicht, dass es ihr etwas ausmachte, Komplimente über ihre Beine zu hören, aber nicht von Kuhn. Er war brillant auf seinem Gebiet, menschlich hingegen eine ziemliche Katastrophe. Je mehr er versuchte, nett zu sein, desto schlimmer war das Resultat.

Sie zückten ihre Sicherheitsausweise und näherten sich dem Ausgang. Wagner lächelte die beiden hochgewachsenen Männer an, die gleich daneben Posten bezogen hatten. Der Sitz ihrer dunkelblauen Anzüge war perfekt, die dezent gemusterten Krawatten makellos gebunden. Vom obligatorischen Knopf im Ohr wand sich ein dünnes Kabel in den Hemdkragen, das Mikrofon verbarg sich manschettenknopfgroß im Ärmel. Ein winziger Sticker, der einen goldenen Marshallstern auf rotem Grund zeigte, wies sie als Agenten des Secret Service aus – »bullet catchers«, wie sie sich selbst voller Stolz nannten, Kugelfänger. »Heute ist der Tag, an dem der Präsident angegriffen werden soll«, lautete jeden Morgen ihre Beschwörungsformel. »Und ich bin der Einzige, der das verhindern kann.« Im Augenblick gaben sie sich gelassen. Ihr Präsident würde erst noch eintreffen. Dann aber war es besser, ihnen nicht zu nahe zu kommen. Jeder, der unkontrolliert in den fünf Meter weiten Bannkreis um Bill Clinton trat, riskierte einen verdrehten Arm oder Schlimmeres. Dieser Bereich galt als Todeszone, in dem potentielle Attacken auf das Staatsoberhaupt als lebensbedrohlich eingestuft wurden. Die bullet catchers kannten keine Gnade.

Sie lächelten zurück, auf gleicher Blickhöhe mit ihr.

In solchen Momenten genoss sie ihre Körpergröße. Wagner maß einen Meter siebenundachtzig – ohne die High-Heels, die sie in dutzendfacher Ausfertigung besaß, weil sie fand, auf die paar Zentimeter komme es nun auch nicht mehr an. Sie wusste, dass ihre Beine in der Tat von bemerkenswerter Länge, die komplette Kika Wagner dafür aber auch bemerkenswert dünn, blass und eckig war. Mit ihrer schmalen, endlosen Nase voller Sommersprossen hätte sie einem Bild von Modigliani entstammen können. Leider fehlte ihren übrigen Formen die entsprechende Üppigkeit, als habe der Italiener nach Fertigung des Porträts die Lust verloren und den Pinsel an Egon Schiele weitergegeben.

Nachdem sie als Teenager durch die kleinen Höllen gewandelt war, die das Schicksal klapperdürren Riesenkindern bereitet, hatte sie irgendwann die Flucht nach vorn beschlossen. Ihr honigfarbenes Haar war knapp über der Taille gerade abgeschnitten, die Röcke grundsätzlich kurz, die Schuhe hoch, über ihre Blusen zogen sich bevorzugt schmale Krawatten. Insgesamt sah Wagner auf diese Weise noch länger aus, als sie tatsächlich war, eine Frau, nach der man, wie Spencer Tracy einmal über die junge Katherine Hepburn gesagt hatte, einen Hut werfen konnte in der Gewissheit, dass er irgendwo hängen bleiben würde.

Die beiden Amerikaner warfen einen Blick auf die Ausweise und Kuhns Butterbrot.

»Kein Dynamit, Jungs«, sagte Kuhn jovial. »Schwarzwälder Schinken! You know?«

Das Lächeln verschwand aus den Gesichtern der beiden Männer. Einer deutete auf die Schleuse im Ausgang, wo Polizisten beiderlei Geschlechts zur routinemäßigen Leibesvisitation bereitstanden. Wagner nickte stumm, während Kuhn demonstrativ das Gesicht verzog.

»Kika!« Als ob sie an allem schuld sei. »Wir gehen doch raus, nicht rein! Haben Sie eine Ahnung, was die schon wieder von uns wollen?«

»Fragen Sie sie.«

»Verstehe! Ich versteh ja alles. Rein, okay! Aber raus? Kommen

Sie, das ist Geldverschwendung. Das sind Ihre Steuergelder, Kika, haben Sie darüber schon mal nachgedacht? Sie und ich, wir bezahlen den ganzen Quatsch, und was haben wir davon? Staatsverschuldung!«

Wagner verdrehte die Augen. Sie gingen durch die Schleuse, wurden abgetastet, und Kuhn musste sein Brot der Durchleuchtung anvertrauen.

»Ich will raus, nicht rein«, maulte er weiter.

»Wir wissen’s inzwischen«, sagte Wagner. »Wir wissen jetzt auch, warum wir eine Staatsverschuldung haben. Wer hätte gedacht, dass die Zusammenhänge so einfach sind!«

Sie schob ihn nach draußen und beschleunigte ihren Schritt. Vor dem Hotel wartete ein Shuttle darauf, sie zu einem der öffentlichen Parkplätze in der Nähe zu bringen. Kuhn stellte fest, dass seine Jacke auf halb acht hing und ein Schnürsenkel aufgegangen war, versuchte, beide Probleme gleichzeitig unter Einbeziehung seines Butterbrots zu lösen und hampelte hinterdrein.

»Die Zusammenhänge sind aber so einfach!«, rief er. »Bleiben Sie doch mal stehen, verdammt, ich… die Staatsverschuldung ist das Resultat des Zusammenspiels kleinster Faktoren. Am Anfang setzen sich alle an einen Tisch und sagen, jetzt wird regiert, was könnten wir denn mal machen… Mist! Halten Sie bitte das Brot. Wollen Sie hören, was Silberman mir eben erzählt hat? Wussten Sie, dass Franklin Roosevelt keine Ahnung hatte, was er tun würde, als er zum ersten Mal das Oval Office betrat?«

»Nein. Warum essen Sie das Brot nicht auf?«

»Weil…« Kuhn ging in die Hocke, schaffte es irgendwie, seinen Schnürsenkel neu zu verknoten, und kam wieder hoch. »Also, er bat um einen Bleistift und einen großen Block mit weißen Seiten. Verstehen Sie? Er hatte nicht den leisesten Schimmer, was er tun sollte! Erste Amtshandlung, Block holen für den Präsidenten, weil er keinen

Plan hat, das lässt sich schon mal in barer Münze ausrechnen. Aber heute…«

»Wie lange wollen Sie eigentlich noch herumtrödeln?« Wagner wandte ihm den Rücken zu und setzte den Fuß auf die unterste Stufe der Busstiege.

»…sind Präsidentenübergänge die reinsten Großunternehmen geworden«, fuhr Kuhn unbeirrt fort, während er hinter ihr hersprang. Wagner nahm Platz. Kuhn stopfte sich den Rest des Brotes in den Mund und nuschelte: »Jedes Mal, wenn sie einen neuen Präsidenten an die Spitze wählen, entsteht sozusagen über Nacht ein dreitausendköpfiges Ungeheuer, dreitausend Amateure, die sich Regierungsapparat nennen. Den meisten ist schleierhaft, welche Politik sie machen wollen. Wussten Sie, dass ein Präsidentenübergang Wochen und Monate dauern kann? Einfach um alles zu koordinieren, jedes Ministerium, jeden kleinen Wicht, der irgendwo mit dabei ist. Ich war in Washington, da bekommt man einiges mit. Ich könnte Bücher darüber schreiben! Jeden lieben langen Tag beenden sie mit einer Sitzung, in deren Verlauf ein hochrangiges Gremium die allgemeine Koordinierung zu koordinieren versucht. Ein bürokratischer Alptraum!«

»Interessant. Was hat das mit Köln zu tun?«

Kuhn wies mit einer schwungvollen Geste auf das Hyatt, und Wagner musste sich ducken, um nicht aus Versehen erschlagen zu werden. »Glauben Sie, hier wäre das anders? Das ganze Geld geht doch durch den Schornstein, weil jeder jeden zu koordinieren versucht. Politische Logistik ist ein Kostenmonster, das von berufsmäßigen Anfängern geschaffen wird! Sie geben eine Heidenkohle aus einzig für den Zweck, den Durchblick zu behalten. Dieser Gipfel kostet eine zweistellige Millionensumme. Ich gehe jede Wette ein, dass ein Großteil der Kosten nur entsteht, weil Amateure damit betraut wurden. So ist das nämlich.«

»Ahja.«

»Ahja! Schröder, unser aller Feldherr, was meinen Sie, was wollte der wohl?«

Kuhn sah sie erwartungsvoll an. Wagner seufzte.

»Kanzler werden«, sagte sie um des lieben Friedens willen.

»Ganz richtig! Und sonst gar nichts. Der wollte tatsächlich Kanzler werden, obwohl er sich für Politik überhaupt nicht interessiert hat. Plötzlich war er’s aber, da hat er nachgedacht und sich überlegt, was machen wir denn jetzt? Ein Amateur, sicher mit den allerbesten Absichten. Nur, wissen Sie, was allein diese ersten Wochen uns alle gekostet haben?«

Wagner sah ihn an, während der Bus losruckelte.

»Sie reden dermaßen kreuz und quer, dass man Kopfschmerzen bekommt«, sagte sie.

Kuhn hob die Brauen und pulte etwas aus seinen Zähnen.

»Ich versuche lediglich, Sie für den politischen Alltag zu sensibilisieren.«

»Sensibilisieren Sie mich lieber für O’Connor«, schnaubte Wagner. »Gibt es noch irgendetwas, das ich über ihn wissen sollte?«

Kuhn grinste und sah angelegentlich auf ihre Beine.

»Eigentlich nicht.«

»Ich warne Sie. Irgendein dummer Spruch von Ihnen, wenn er vor uns steht, und Sie können sich allein mit ihm rumschlagen.«

»O’Connor ist der netteste Mensch der Welt«, flötete Kuhn.

Wagner bedachte ihn mit einem grimmigen Blick. Dann musste sie unversehens lachen, biss sich auf die Unterlippe und sah demonstrativ aus dem Fenster. Über der Deutzer Brücke wehten bunte Fahnen.

Kuhn machte es seiner Umwelt nicht gerade leicht, ihn zu mögen. Er schien als Kind ohne eigenes Verschulden in ein Fettnäpfchen gefallen zu sein, erwies sich jedoch, was die Erzeugung und Meisterung von Peinlichkeiten anging, als konsequent schmerzfrei. Es fiel ihm nicht auf, wenn er anderen Leuten die Tür vor der Nase zuschlug. Er fand nichts dabei, in Gegenwart einer Dame seinen weit geöffneten Rachenraum zu befingern. Einen Spiegel schien er ebenso wenig zu besitzen wie einen Kamm, durch die Kinderstube war er mit dem Schnellzug gefahren, und was er sich an zweifelhaften Komplimenten gestattete, ging nicht zuletzt darum so derb unter die Gürtellinie, weil es im Grunde lieb gemeint war.

Seltsamerweise nahm die Persönlichkeit des Lektors diametral entgegengesetzte Züge an, sobald es um seine Arbeit ging. Vor seiner Hinwendung zu wissenschaftlichen Themen hatte er das Ressort Politik bei Rowohlt geleitet mit Schwerpunkt USA und UdSSR. Kuhn konnte einem die Geschichte des amerikanischen Präsidentialismus ebenso dezidiert und spannend auseinander legen wie die Emissionsmodelle schwarzer Löcher, und er war ein brillanter Lektor. Umso mehr verwunderte das zusammenhanglose Geschwafel, das er mitunter von sich gab. Wagner schien es, als versuche er sich mit seinem unbeholfenen Stammtischgehabe auf das Terrain Normalsterblicher herabzubegeben, wie er sie empfand – als sämtlich halbgebildet –, weil er im Grunde einfach nur Anschluss suchte. Humor besaß er möglicherweise, wenn auch höchst zweifelhaften. Er lachte antizyklisch, also bevorzugt dann, wenn es sonst keiner tat. Unterm Strich war er schlicht und einfach ein übrig gebliebener Achtund- sechziger mit Bildung, die ihn daran hinderte, Spaß zu haben.

Der Bus fuhr auf den Parkplatz hinter dem alten Messegelände und stoppte. Sie stiegen aus und gingen einige Meter zu Fuß.

»Wo steht Ihr Wagen?«, fragte Kuhn und sah sie mitleidig an. »Bei der Größe einer Straßenlaterne sicher ein Problem, was Passendes zu finden. Ich meine, will sagen, dass Ihre… äh… Beine…«

Wagner starrte zurück. Sie tat nichts, als ihn einfach mit Blicken zu geißeln.

»Tja… vielleicht… ein Mini?«

Wagner holte tief Luft. Kuhn machte runde Augen und gab sich den Anschein von Bestürzung.

»Doch nicht etwa eine Isetta!?«

Er hatte Humor!

Wagner verfrachtete ihn auf den Beifahrersitz ihres Golf und riskierte ein Auge, ob sich ihr Sitz noch ein Stück weiter zurückstellen ließ. Er war am hintersten Anschlag arretiert. Rien ne va plus. Sie klemmte sich hinters Steuer und hoffte, ihre Knie würden nicht so sehr nach oben stehen.

Kuhn beobachtete sie, sagte aber nichts.

»Los«, forderte Wagner ihn auf, »tun Sie was Nützliches und verraten Sie mir, wann und wo O’Connor genau ankommt.«

»Ich dachte, das wüssten Sie.«

»Nicht genau.«

»Komisch, ich meine, ich hätt’s Ihnen…«

»Wann?«, donnerte Wagner. Kuhn zuckte zusammen.

»10.40 Uhr. Wir, äh… sollen in der Lufthansa Lounge auf ihn warten. Die begleiten ihn bis an die Bar.«

Bis an die Bar. Heiliger Sankt Patrick!

Wagner drehte den Zündschlüssel und fuhr los. Kuhn rutschte unruhig auf seinem Sitz hin und her. Dann beugte er sich zu ihr herüber und setzte das Gesicht auf, das sie von ihm kannte, wenn er etwas Freundliches sagen wollte. Sie hoffte, er würde es unterlassen.

»Ich zum Beispiel bin ja nicht besonders groß .«, begann er.

Wagner gab Gas. Kuhn plumpste zurück in seinen Sitz und gab etwas von sich, das wie »Oh!« klang.

Vielleicht hatte aber auch nur der Motor aufgeheult.

1998. 02. DEZEMBER. MIRKO

Am Tag, als Mirko das zweite Mal zum alten Kloster draußen in den Bergen fuhr, hatte er eine halbe Zusage in der Tasche. Gemessen an den exorbitanten Schwierigkeiten, die sein Auftrag mit sich brachte, wog sie mehr als eine ganze, die ihm irgendjemand sonst hätte machen können. Es war immer noch weniger, als er sich wünschte, und dennoch mehr, als er zu hoffen gewagt hatte.

Anders als vor zwölf Tagen entsprach das Wetter der Jahreszeit. Es regnete. Die Hügel und höheren Erhebungen verbargen sich in schlierigem Grau. Je höher er kam, desto mehr senkten sich die Schwaden nieder und krochen kolossalen Raupen gleich auf die schmale Straße zu. Das Himmelreich lastete auf den Menschen und ängstigte sie zu Lebzeiten.

Mirko stellte das Radio an, aber hier oben empfing er nichts als Rauschen. Er legte eine Kassette ein.

Leise Musik erklang, irgendein Kaufhauszeug. Missmutig dachte er daran, dass er dem alten Mann eine Woche versprochen hatte. Es ärgerte ihn, länger gebraucht zu haben, der einzige Schönheitsfehler in seiner ansonsten gelungenen Recherche. Aber wenn sie sich heute einig würden über den Preis, bestand Aussicht, dass alles Weitere sehr schnell vonstatten ging.

Das musste es auch. Sie hatten ein halbes Jahr zur Verfügung, und das war nicht viel.

Aus dem Dunst tauchte das gezackte Band einer Serpentine auf, die aus den Wäldern in die steileren und kahlen Berge führte. Mirko schaltete zurück und trat aufs Gas. Der Geländewagen schraubte sich hoch, bis er über die Kuppe war und sich das jenseitige Tal vor ihm öffnete. An schönen Tagen konnte man von hier die ganze Ebene überblicken, in der das Kloster lag, bis dorthin, wo der nächste Gebirgszug begann.

Mirko stoppte, rieb sich die Augen und starrte hinaus.

In dem Talkessel stand eine schwarze Wand. Sie musste an die drei Kilometer hoch sein. Blitze zuckten darin. Mirko wusste, was ihn erwartete. Selbst in dem Allradfahrzeug würde er in den nächsten zwei Stunden unablässig das Gefühl haben, von den herunterrauschenden Wassermassen weggeschwemmt zu werden. Das Tor zur Hölle konnte nicht eindrucksvoller sein, und dieses Unwetter war für hiesige Verhältnisse nicht einmal sonderlich spektakulär.

Ergeben ließ er den Wagen talabwärts rollen. Die letzten Kilometer sichtbarer Straße lagen gefältelt vor ihm, dahinter begann Dantes Inferno und das Aus für jeden Scheibenwischer.

Er fragte sich, warum ein Mann in der Position seines Auftraggebers es vorzog, ihn an einem solchen Ort zu treffen. Es gab komfortablere Gegenden um diese Jahreszeit, um konspirative Zusammenkünfte abzuhalten. Vielleicht braucht er das Gefühl, in einem Film mitzuspielen, dachte Mirko. In allem, was er sagt und tut, ist er weniger dem wirklichen Leben verbunden als einer Inszenierung. Das Stück spielt irgendwo in der Vergangenheit, und wer seine Rolle darin nicht lernen will, muss abtreten. Nationalismus ist immer auf diese merkwürdig verklärende Weise retrospektiv. Alle großen Nationalisten nehmen ihr Land vordergründig als Schatten einer leuchtenderen Epoche wahr und sich selbst als diejenigen, die das Rad zurückdrehen und das Licht neu entzünden werden. Wie die Zukunft auszusehen hat, sagt ihnen nicht der Verstand, sondern ein mythologisches Gespür.

Auch sein Auftraggeber träumte von etwas, das es nie gegeben hatte. Aber er schlief auf einem Bett, das mit genügend Geld gestopft war, um Zerrbilder seines Traumes Realität werden zu lassen und ihnen perverses Leben einzuhauchen. Wie immer würde das Ergebnis eine zynische Fratze sein, ein Frankenstein-Monster, getrieben von unerträglicher Selbstbehauptung und zusammengehalten von ein paar schnöden Parolen. Die Träume eines onanierenden kleinen Jungen, aufgebläht zur Orgie.

Sie alle waren gescheitert, die großen Führer. Einige zugegebenermaßen fulminant. Immer hatten sie es verstanden, Millionen für ihren Auftritt bezahlen zu lassen, bevor sie die Bühne durch den Hinterausgang wieder verließen. Und immer hatten sie selbst bezahlt. Millionen und Milliarden. An Menschen wie Mirko, die überdauerten, weil es ihnen gleich war, welchem Herrn sie gerade dienten.

Wäre Mirko getrieben gewesen von jeglicher Moral, hätte ihn die Erkenntnis dessen, was der alte Mann vorhatte und was er de facto damit erreichen würde, die schwarze Wand gar nicht erst durchqueren lassen. Die Mission konnte gelingen. Das Resultat hingegen würde seinen Platz finden in der Chronologie menschlichen Versagens.

Aber Mirko war weit davon entfernt, den Alten darauf hinzuweisen. Es war nicht sein Job. Er hatte sein Leben darauf ausgerichtet, das Geld zu nehmen, das man ihm bot. Was er dafür tat, änderte die Dinge ohnehin nur kurzfristig. Nichts, wofür es sich lohnen würde, ins Lager der Weltverbesserer zu wechseln. Die Menschheit war es gewohnt, Katastrophen zu durchleiden, um sich irgendwann auf die eine oder andere Weise wieder einzupendeln. Der Alte irrte, wenn er ihn für einen Patrioten hielt. Mirkos Treue zum Land erwuchs einzig den Möglichkeiten, die es ihm bot. Zwar fand Mirko, eigentlich müsse auch er ein Gewissen haben, einfach der Komplettierung halber, und manchmal ertappte er sich dabei, Mitleid mit Tieren zu empfinden. Darüber hinaus galt seine aufrichtige Sorge allenfalls dem Tag, an dem er Privilegien einbüßen und nicht mehr würde tun können, was ihm Spaß machte.

Er drehte die Musik lauter.

Um ihn herum wurde es Nacht, dann peitschte der Wind schwere

Regentropfen gegen die Scheibe. Im nächsten Moment brach eine Sintflut über ihn herein. Er schaltete zurück und fuhr langsamer. Ab jetzt brauchte er seine volle Konzentration. Was immer den Mann, den er heute zum zweiten Mal treffen würde, antrieb, hatte für Mirko keine Relevanz. Der Reiz lag in der Aufgabe selbst, in ihrer Durchführung, dem Lohn und der adrenalinfördernden Gewissheit, dass Versagen das Ende von allem sein würde, auch von Mirko.

Als er nach einer halben Ewigkeit aus dem Unwetter herausfand, geschah es schlagartig und ohne Übergang. Vor ihm erstreckte sich die sanft gewellte Ebene, darüber trieb diffuse Hochbewölkung. Im Rückspiegel konnte er die blauschwarze Wand sehen, der er entronnen war.

Mirko zündete eine Zigarette an, beschleunigte den Wagen und dachte an nichts.

Auf einer Anhöhe tauchte das Kloster auf. Seitlich bemerkte er einige schwarze Limousinen, schräg dahinter den schwarzen Insektenkörper eines Helikopters. Mirko parkte ein Stück abseits und stieg aus in Erwartung, die weißhaarige Gestalt wie vor zwölf Tagen an der Balustrade stehen und auf das Land hinausblicken zu sehen, aber es war niemand dort. Unter seiner Jacke spürte er die zwei Pistolen. Dass er dennoch keine Chance hätte, sollte ihm der Alte ans Leder wollen, war ihm klar und beunruhigte ihn nicht sonderlich. Leute wie er wurden in Blei oder Silber bezahlt, das war nichts Neues. Im Allgemeinen hatten sie die Wahl.

Mirko hatte sich für Silber entschieden.

Er ging die Stufen hinauf. Das Portal war offen. Langsam betrat er den dämmrigen Innenraum.

»Mirko. Wie schön, Sie zu sehen.«

Der alte Mann saß dort, wo früher ein Altar gewesen sein musste. Nun hatte man einen Tisch an der Stelle platziert sowie zwei Stühle, deren einer noch frei und ein Stück zurückgeschoben war. Der Alte

winkte ihn heran und prostete ihm mit einem Becher zu.

»Ein Scheißwetter, nicht wahr? Möchten Sie einen Kaffee?«

»Gern«, sagte Mirko und ließ seinen Blick schweifen. Niemand außer ihnen beiden schien sich in dem dämmrigen Kirchenschiff aufzuhalten. Er wusste, dass das nicht stimmte. Sie waren überall.

Blei oder Silber.

Er nahm dem Alten gegenüber Platz, der ihn unter zusammengezogenen Brauen anblitzte und eine Thermoskanne aufschraubte. Köstlicher Duft stieg Mirko in die Nase.

»Milch? Zucker?«

»Danke. Nichts von allem.«

»Pur wie der gesunde Menschenverstand«, grinste sein Gegenüber und schob ihm seinen Becher zu. »Genauso halte ich es auch. Manche Dinge darf man nicht verdünnen oder versüßen. Das ist hier die letzten Jahre viel zu oft gemacht worden.«

Mirko trank. Nach der Höllenfahrt durchströmte ihn die heiße Flüssigkeit wie ein zusätzliches Jahr Lebenszeit.

»Was gefällt Ihnen so sehr an diesem Ort?«, fragte er. »Sie kommen den ganzen Weg hier raus, um sich in einer ungeheizten Kirche mit jemandem zu treffen, während draußen die Welt untergeht.«

Der Alte lachte trocken.

»Soll ich Sie lieber vor laufenden Kameras empfangen?«

Mirko schüttelte den Kopf.

»Das meine ich nicht. Anderswo wäre es auch geheim. Warum nehmen Sie die ganze Mühe auf sich?«

»Sie kommen doch auch hierher.«

»Ich folge Ihrem Ruf.«

Der alte Mann sah ihn mit der Andeutung eines Zwinkerns an. Trotz des Dämmerlichts fiel Mirko mehr noch als bei ihrem letzten Treffen auf, von welch intensivem Blau diese Augen waren. Unwirklich wie ein Postkartenhimmel.

»Stimmt, Mirko. Sie folgen meinem Ruf. Ich rufe, und Sie fahren zum Arsch der Welt. Und wissen Sie, was? Ich selbst komme aus keinem anderen Grunde hierher. Ich folge einem Ruf. Es wäre mir ein Leichtes, Sie in irgendeinem hübschen Salon zu empfangen, wo wir uns den Kaviar hinten und vorne reinschieben und ein paar Liter Champagner obendrauf kippen. Streng geheim, versteht sich! Ihnen würd’s auch besser gefallen, schon klar. Aber Sie haben vielleicht gehört, dass ich zu Absonderlichkeiten und Extremen neige. Warum, glauben Sie, liegen mir dieses Land und seine Geschichte so sehr am Herzen?«

»Sagen Sie es.«

Der Alte beugte sich vor und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Weil ich in seiner Erde wurzele. Ich bin ein alter Baum, Mirko, und ich kann Ihnen sagen, das Land hat sein eigenes Leben und einen gewaltigen Puls. Hier in der Wildnis können Sie seine tiefen, unruhigen Atemzüge vernehmen, sein qualvolles Stöhnen. Nicht in irgendeinem komfortablen Louis-Quatorze-Zimmerchen! Das Blut unserer Vorfahren durchströmt das Sediment, die Schreie der Entrechteten mischen sich in den Sturm, der durch die Täler fegt, das Gelächter der Gottlosen! Nur hier draußen hören Sie das. Wo die Sonne herniederbrennt und Ihnen der Wind um die Ohren pfeift, da sind Sie weit genug weg vom narkotisierenden Moder, der den Stätten der Diplomatie entströmt. – Ich sage, wir haben genug geredet! In dem Unwetter, das Sie gerade durchquert und wahrscheinlich aus tiefstem Herzen verflucht haben, erkenne ich die Musik des Aufbegehrens: Nein, wir werden uns nicht entwaffnen lassen! Ja, wir werden verhindern, dass hergelaufene Usurpatoren und Mörder unsere von Gott verliehene Heimat an die Ungläubigen und Minderwertigen verteilen! Der Gesang der Toten, Mirko, ihm lausche ich, sie sagen mir, was ich für die Lebenden zu tun habe, was meine Aufgabe ist.«

Er wartete, als wolle er abschätzen, wie seine Worte wirkten. Mirko rührte sich nicht.

»Darum bin ich hier«, fuhr der Alte ruhiger fort, »weil man die gepeinigte Kreatur in Augenschein nehmen und eins mit ihr werden muss, um ihr Leid zu begreifen. Ich sitze in dieser Kirche, weil sie unsere Kultur symbolisiert, unser Erstgeborenenrecht. Und weil sie zerfällt, so wie das Land zerbrochen und einem Zoo gleich geworden ist, in dem die Affen das Sagen haben.« Er lächelte grimmig. »Aber das wird sich ändern. Und Sie werden uns dabei zur Seite stehen. Nicht wahr? Das werden Sie doch.«

Mirko betrachtete ihn und fragte sich, wie viel von dem Unsinn der Alte selbst glaubte. Konnte es sein, dass dieser hemmungslose und genusssüchtige Machtmensch, der dort in gespielter Bescheidenheit an seinem Becher nuckelte, seinem eigenen Drehbuch aufgesessen war?

»Könnte sein«, sagte er.

Der alte Mann runzelte die Stirn und knallte seinen Becher auf die Platte. Die Maske des Predigers wanderte in die Requisite.

»Der Wortlaut Ihrer Nachricht klang verbindlicher als ›könnte sein‹.«

»Ich will nur keine vorschnellen Hoffnungen wecken.«

»Ich bin aber nicht hergekommen, um Zeuge Ihrer Ratlosigkeit zu werden. Haben Sie nun was für mich oder nicht?«

Mirko nahm einen Zug aus seinem Becher. Er hasste es, angepö- belt zu werden. In solchen Momenten blieb er die Antwort exakt so lange schuldig, wie der andere brauchte, um sich brüskiert zu fühlen.

Der alte Mann starrte ihn an.

»Ja, ich habe jemanden«, sagte Mirko. »Eine Frau. Sie hört auf den Decknamen Jana.«

»Serbin?«

»Geboren und aufgewachsen in Belgrad.«

»Gut!«

»Spricht außer Serbisch fließend Deutsch, Italienisch und Englisch. Ich würde sie zu den zehn gefragtesten Spezialisten der Welt rechnen.« Er machte eine Pause. »Und zu den zehn teuersten.«

Die Augen des Alten verengten sich zu Schlitzen. Mirko sah, dass ihn die Nachricht erregte.

»Mehr«, drängte er. »Sie müssen schon ein bisschen präziser werden.«

»Es gibt nicht viel zu präzisieren. Ich konnte noch nicht mit ihr persönlich zusammentreffen. Das ist so gut wie unmöglich. Sie benutzt verschiedene Tarnungen, aber man kommt über Umwege immerhin an ihren Finanzdirektor. Neunundneunzig Prozent aller Anfragen lehnt er grundsätzlich ab. Diese fand sein Interesse. Er hat mit ihr darüber gesprochen.«

»Eine Terroristin mit Finanzdirektor?«

»Nicht doch«, sagte Mirko, ohne sich den Spott verkneifen zu können. »Terrorismus ist ein schlimmes Wort, das hört man in der Branche nicht so gern.«

»Sie meinen, ich könnte die Dame kränken?«, kicherte der Alte.

»Nein«, gab Mirko ruhig zurück. »Sie werden überhaupt nie die Gelegenheit haben, sie zu kränken, weil Sie nicht mit ihr zusammenkommen werden. Aber ich werde es tun. Falls wir – falls Sie! – ihren Preis akzeptieren.«

»Sie weiß, worum es geht?«

»Sie weiß, um wen es geht.«

»Und?«

Mirko zuckte die Achseln. »Haben Sie fünfundzwanzig Millionen übrig?«

Im Gesicht seines Gegenübers machte sich Erstarrung breit. Einen Moment lang wirkte der Mann wie sein eigenes Memorial.

»Dafür will ich ein Wunder«, sagte er tonlos.

»Jana geht davon aus, dass Sie eines wollen«, sagte Mirko. »Es gibt nicht viele Möglichkeiten, dieses Wunder zu vollbringen, aber dass fünfundzwanzig Millionen viel Geld sind, weiß sogar sie.«

»Und was ist alles drin in diesen… fünfundzwanzig Millionen?«

»Jana. Ihr Kopf, ihre Ideen, die Ausführung.«

»Sonst nichts?«

»Material und Spesen gehen extra. Auch die Branche arbeitet marktwirtschaftlich. Natürlich sagt uns der gesunde Menschenverstand, dass es andere Gelegenheiten gibt, Ihren Auftrag auszuführen. Mit mehr Aussichten auf Erfolg. Weniger schwierig. Der Preis würde sich mindestens halbieren.« Er machte eine Pause. »Aber Sie wollen das Brett ja unbedingt an der dicksten Stelle anbohren.«

Der Alte beugte sich vor. Seine blauen Augen leuchteten.

»Wir sprechen hier von einer unabdingbaren Notwendigkeit«, sagte er. »Aber natürlich geht mein Ansinnen noch darüber hinaus. Ich will einen Aufschrei! Etwas, wonach die Welt sich schneller dreht! Mir ist klar, dass es einfachere Möglichkeiten gibt. Wo es eine gibt, gibt es Tausende. Aber die Macht der Symbolik liegt im Wie und Wo und Wann! Ich will diesen einen Tag, Mirko. Ich werde Ihnen sogar sagen, welche Minute und welchen Quadratmeter! Und wenn es tausendmal unmöglich ist, werde ich für fünfundzwanzig Millionen verlangen, dass es geschieht! Ist das klar? So spektakulär, so beschämend für unsere Feinde, dass zuerst die Titelseiten und dann die Geschichtsbücher voll davon sein werden.«

»Oh. Sie wollen in die Geschichte eingehen?«

»Ich bin in die Geschichte eingegangen! Jetzt mache ich mich persönlich daran, sie umzuschreiben.«

Mirko sah auf seine Fingernägel.

»Es steht mir natürlich nicht zu…«, sagte er gedehnt.

»Was?«

»Ich dachte nur einen Moment lang, dass unserer kleinen Aktion doch mehr zugrunde liegen müsste als Ihre persönlichen Animositäten. Ich meine, bei fünfundzwanzig Millionen.«

Der Alte klappte die Lippen nach innen und produzierte ein Haifischlächeln.

»Sie nehmen sich in der Tat einiges heraus. Aber das gefällt mir. Wer mir in den Arsch kriechen will, nimmt jahrelange Wartezeiten in Kauf, der Andrang ist beträchtlich. Ich hätte es Ihnen ohnehin gesagt, schließlich sind Sie mein strategischer Feldherr.« Er zwinkerte. »Sie sehen, ich lebe in der beruhigenden Gewissheit, Sie überall ausfindig zu machen, falls Sie mein Vertrauen enttäuschen sollten.«

»Wie Sie schon letztes Mal bemerkten.«

»Man kann den Dingen nicht genug Nachdruck verleihen. Sagen Sie dieser Dame, ich akzeptiere ihre fünfundzwanzig Millionen, sobald ich ihre Referenzen überprüft habe. Sie hat doch welche?«

Mirko lächelte.

»Wenn Sie in Russland jemanden anheuern wollen, können Sie wählen zwischen halblegalen professionellen Boxervereinen, Veteranen aus dem Afghanistankrieg, Spezialeinheiten der Polizei, Ex-KGB-Offizieren und Beamten des Innenministeriums. Es gibt ein Klassifikationssystem innerhalb der Branche. An der Spitze stehen ehemalige Angehörige des Militärischen Geheimdienstes oder aus der 1. Abteilung des KGB. Die Auswahl ist beträchtlich, und dennoch haben einige der einflussreichsten Vertreter der Moskauer Mafiokratie auf Jana zurückgegriffen. Sie taucht auf, macht ihren Job und hinterlässt keine Spuren, beziehungsweise nur solche, die sie hinterlassen möchte. Die Russen schätzen ihre Zuverlässigkeit, übrigens auch der israelische Geheimdienst. Jana ist absolut neutral, solange es nicht um serbische Belange geht. Ich stelle Ihnen ein paar Details zusammen, das meiste werden Sie aus den Nachrichten kennen. Jedenfalls haben Sie da alles, was Sie wollen. Die erste Garnitur, einhundert Prozent serbisch, meines Wissens im höchsten Maße patriotisch.«

»Hm.«

»Im Ernst«, bekräftigte Mirko, innerlich belustigt. »Jana glaubt an die serbische Sache. Sie ist aus dem serbischen Separatismus hervorgegangen.«

Der Alte sah ihn abschätzig an. Dann nickte er.

»Meinetwegen. Sie kann eine Million sofort haben, den Rest bei Vertragserfüllung. Falls sie damit Probleme hat, suchen wir uns jemand anderen.«

»Sie wird darauf eingehen.«

»Und wie stelle ich sicher, dass sie sich an die Vereinbarungen hält, falls wir welche mit ihr treffen? Mit einer Million in der Tasche lässt es sich gut türmen.«

»Unsinn«, sagte Mirko. »Würde Jana so denken, wäre sie längst tot. Im Übrigen, der Garant bin ich. Da Sie mich ja überall auf der Welt finden, können Sie beruhigt schlafen.«

Der Alte rieb sich das Kinn. Er wirkte auf Mirko, als schwanke er zwischen Entschlossenheit und Ratlosigkeit.

»Zweifel?«

»Es ist die mit Abstand höchste Gage, die ich je einem Menschen gezahlt habe«, brummte sein Gegenüber. »Kann sie den Erfolg garantieren?«

»Nein.«

»Aber…«

»Kennen Sie Dr. Georges Habasch? Natürlich nicht, Sie sind ein Ehrenmann. Er ist der Begründer des modernen länderübergreifenden Terrorismus, wenn Sie so wollen. Und er hat–«

»Woher sollte ich solche Leute kennen?«, unterbrach ihn der Alte mit einem Anflug von Ärger.

Mirko verschlug es einen Moment die Sprache.

»Die Frage stellen Sie doch wohl nicht im Ernst?«, sagte er. »Aber gut, wahrscheinlich setze ich zu viel voraus. Habasch gilt als Gründer der Volksfront zur Befreiung Palästinas. Ihm zufolge ist der wichtigste Punkt, Ziele auszuwählen, die hundertprozentigen Erfolg versprechen. So lapidar das klingt, es ist die Regel, an die sich alle zu halten versuchen. Terrorismus funktioniert heute ähnlich wie eine Karriere in einem Konzern oder in der Politik. Man fragt nach Ihren Zeugnissen und Referenzen. Niemand, der seinen Marktwert steigern möchte, wird einen Misserfolg auch nur erwägen, aber jeder Professionelle weiß, wie schmal der Grat ist. Es kommt darauf an, welche Anforderungen Sie stellen. Wollen Sie jemanden nur töten oder auf eine ganz bestimmte Weise töten, an einem ganz bestimmten Ort, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt? In gleichem Maße, wie sich die Anforderungen summieren, verringern sich die Chancen, dass es klappt, so ist das nun mal. Aber wenn es klappt… dann – wie sagten Sie so treffend? – dreht sich die Welt ein bisschen schneller. Dann spielen Sie plötzlich in der Oberliga.«

»Welche Referenzen hatte denn dieser… Habasch?«

Mirko lächelte. »München, 1972. Olympiade. Sie haben elf israelische Athleten ermordet, wissen Sie noch? Ausgerechnet in Deutschland. Es gab ein Blutbad, auch ein paar Palästinenser gingen drauf, und die anderen wurden verhaftet. Nimmt man Habaschs Regel wörtlich, war die Aktion ein ebensolcher Fehlschlag wie die missglückte Befreiung durch die deutsche Polizei. Aber dafür nahm die Welt erstmals wahr, dass es überhaupt ein israelisch-palästinensisches Problem gab. So gesehen also wieder ein Erfolg. Es ist immer die Frage, wie Sie Erfolg definieren.« Er machte eine Pause. »Der Punkt ist, es hätte der Volksfront nichts gebracht, irgendwelche El-Al-Büros in die Luft zu jagen. Es ging explizit darum, den Israelis ihre wichtigsten Leute zu nehmen. Da sie an die Politiker nicht rankamen, verlegten sie sich eben auf die Sportler und Künstler.«

Der alte Mann nagte an seiner Unterlippe.

»Sie meinen, es gibt tatsächlich keine Garantie?«

»Nicht für das, was Sie vorhaben. Aber es gibt eine Garantie für den Effekt, wenn es hinhaut. Aus dieser Zwickmühle kann ich Ihnen auch nicht raushelfen. Sie wollen eine Inszenierung. Gut. Wenn Sie Pavarotti buchen, und er hat an dem Abend Grippe, ist das Scheitern ebenso fulminant, wie es der Erfolg gewesen wäre. Carlos hat einen Millionendeal platzen lassen, weil Nebel war und er sein Opfer nicht sehen konnte. Das passiert. Die IRA hat als erste Organisation eine mikrochipgesteuerte Bombe zum Einsatz gebracht, um Maggie Thatcher in die Luft zu sprengen. Sie hatten das Ding Wochen vorher platziert. Dummer Zufall, dass es nicht klappte. Oder nehmen Sie Ghaddafi. Er war mächtig sauer wegen der amerikanischen Bombardierung von Tripoli und Bengasi zwei Jahre zuvor, also bat er Carlos und die Japanische Rote Armee um Hilfe. Lauter Spitzenleute. Sie ließen es in einer US-Luftwaffenbasis krachen, vor amerikanischen Militärclubs. Die Krönung sollte ein Anschlag mitten in Manhattan sein, mit Hunderten von Toten. Dummerweise geriet der Mann, der die Sprengkörper platzieren sollte, in eine routinemäßige Verkehrskontrolle, und alles flog auf. Tja. Hohe Ziele, hohe Risiken.«

Der alte Mann sagte nichts.

Schließlich fragte Mirko: »Und? Was soll ich Jana sagen? Wollen Sie sich die Sache noch mal überlegen?«

»Nein! Sie soll sich verdammt noch mal was einfallen lassen.« Der Alte legte die Fingerspitzen aneinander. »Der Preis klingt höher, als er ist. Ich trage die Kosten ja nicht ganz allein. Sobald das Abkommen steht, werde ich Sie über sämtliche Einzelheiten ins Bild setzen.« Er lächelte wieder sein Haifischlächeln. »Sie sollen nicht dumm sterben, Mirko. Ursächliche Zusammenhänge von größter Delikatesse werden sich Ihnen offenbaren. Sie dürfen gespannt sein.«

»Ich bin gespannt, ob ich Recht behalte«, sagte Mirko, der langsam Gefallen an dem Katz-und-Maus-Spiel fand, das sein Gegenüber betrieb. »Ich würde sagen, wir addieren Hass und Patriotismus und multiplizieren es mit den wirtschaftlichen Interessen einer größeren Clique, die Ihnen finanziell unter die Arme greift. Den Hass bezahlen Sie, den Patriotismus Ihre politischen Freunde, und der Rest kommt von den schwarzen Konten der Konzerne. Bin ich in etwa auf der richtigen Fährte?«

»Willkommen im Trojanischen Pferd«, sagte der Alte und klatschte in die Hände.

Mirko neigte leicht den Kopf.

Der Hofnarr macht einen Knicks und lässt die Schellen bimmeln, dachte er. So überlebt man im Zweifel seinen König.

JUNI. KOELN. AIRPORT

Das Erste, was Prof. Dr. Liam O’Connor erblickte, als er kerzengerade an der Stewardess vorbeidefilierte, war eine Röhre von Escherschen Eigenheiten. Reste seines Verstandes sagten ihm, dass sie eigentlich nur aus der gelandeten 727 ins Innere des Terminals führte. Zwanzig Meter weiter, wo er die vor ihm ausgestiegenen Passagiere verschwinden sah, lauerte bei näherer Betrachtung wahrscheinlich auch kein kosmisches Wurmloch, um ihn aus Raum und Zeit in eine andere Galaxis zu schleudern, sondern schlicht eine Kurve. Er versuchte sich zu erinnern, wie man Kurven berechnete, wenn die Gesamtmotorik schon am aufrechten Gang zu scheitern drohte. Im Geiste unterwarf er das vor ihm liegende Gebilde einer knappen mathematischen Analyse und gelangte zu dem Schluss, im Flugzeug sei es sicherer. Er machte kehrt, um wieder hineinzugelangen.

»Dr. O’Connor?«

Das lächelnde Gesicht einer zweiten Stewardess, die so tat, als schlage ihr nicht das Odor zwölf Jahre alten Whiskys entgegen. Er stierte sie an, wurde sich der Tatsache bewusst, dass er die Frau anstierte, und stierte sie noch mehr an.

»Haben Sie etwas vergessen?«

Eine gelungene Frage. Hatte er etwas vergessen? Waren sie überhaupt schon gelandet?

Erneut machte er kehrt und sah sich wieder mit der Röhre konfrontiert, die mittlerweile an Länge hinzugewonnen zu haben schien und eindeutige Anzeichen von Erwärmung zeigte! Nicht anders war es zu erklären, dass der Menschenstrom, der sich höflich bis rabiat an ihm vorbeidrückte, so geschwind in den ominösen Knick hineingesogen wurde. Offenbar wechselte das System in einen höheren Energiezustand. Er war in einem Teilchenbeschleuniger gelandet. Wartete er noch ein Weilchen, würde er auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und seine Masse unendlich werden.

Ach nein. Das ging ja nicht. Jedenfalls nicht so.

»Ich kann da nicht reingehen«, sagte er.

Die Stewardessen warfen einander hilflose Blicke zu und lächelten synchron. O’Connor überlegte. Wenn es gelang, das Lächeln aller Stewardessen des bekannten Universums zu synchronisieren und in einem Resonator rückzukoppeln, müsste man einen gebündelten Freundlichkeitsausstoß von unvorstellbarer Intensität erhalten! Man würde pausenlos gefragt werden, ob man noch etwas trinken wolle.

»Wir möchten Sie ganz herzlich in Köln-Bonn willkommen heißen, Dr. O’Connor«, sagte eine Stimme, die empirisch keiner der beiden Stewardessen zuzuordnen war.

Erneut veränderte O’Connors Körper seine Position. Sein Wahrnehmungsvermögen schleifte ein wenig hinterher und produzierte Bilder von seltener Rätselhaftigkeit auf der Netzhaut – auch die Masse der Stewardessen schien unendlich geworden zu sein. Dann sah er wieder klar. Ein Mann mit Litzen und Gold auf der Mütze strahlte ihn an. O’Connor beschlich der Verdacht, es müsse sich um den Piloten handeln, aber beweisen ließ sich das natürlich erst nach aufwendigen Messungen.

»Wenn Sie sich Frau Schiffer anvertrauen wollen«, sagte der mathematisch nicht nachgewiesene Pilot, »werden Sie jetzt in die Luft hansa-Lounge geführt, wo Ihr Begrüßungskomitee und ein Willkommenscocktail auf Sie warten.«

Täuschte er sich, oder hatte ihn der andere beim Wort Willkommenscocktail blöde angegrinst? Es gab keine Veranlassung, über Alkohol Witze zu machen. Nicht, wenn die unmittelbare Gefahr bestand, in einem harmlos aussehenden Gang von elektromagnetischen Kräften umgetrieben zu werden.

Es half alles nichts. O’Connor räusperte sich.

»Ich werde jetzt eine andere Wellenform annehmen«, sagte er nicht ohne Würde, drehte sich langsam um und betrat den Gang mit Todesverachtung. Es ging ein wenig abwärts, und tatsächlich wurde er, ganz wie er es vorausgesehen hatte, ein bisschen schneller. Oben und Unten machten Anstalten, die Plätze zu tauschen, beließen es jedoch bei einer leichten Krümmung des Kontinuums. Sonst tat sich nichts Bedenkliches.

»Dr. O’Connor!«

Was war jetzt schon wieder?

»Würden Sie bitte… Könnten wir wohl das Glas hier behalten?«

Er stutzte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass seine Rechte etwas umklammert hielt. Sein Langzeitgedächtnis identifizierte den Inhalt als irischen Whisky. Das Kurzzeitgedächtnis kam hinzu, versuchte zu präzisieren, seit wann er das Glas mit sich herumschleppte, gelangte zu keinem Resultat und verzog sich wieder.

O’Connor dachte nach.

»Nein«, sagte er.

Hinter sich konnte er sie tuscheln hören. Etwas in der Art wie, um

Himmels willen, er kann doch nicht mit dem Glas, das geht doch nicht, ach was, lass ihm doch das dämliche Glas, wenn er dran hängt, ja, aber die Sicherheitsbestimmungen, und so weiter und so fort.

Ach ja, die Sicherheitsbestimmungen. Wieder drehte sich O’Connor um. In seinem ganzen Leben hatte er sich noch nicht so oft in einem fort herumgedreht wie hier.

Das Lächeln der Stewardessen war von ungetrübter Herzlichkeit. Eine von beiden betrat die Röhre und drückte ihm einen Aktenkoffer in die freie Hand.

»Den haben Sie vergessen«, sagte sie freundlich. »Ich bringe Sie jetzt zur Lounge, Dr. O’Connor. Das Glas dürfen Sie behalten.«

»Herzlich willkommen in Köln-Bonn«, wiederholte der Pilot und winkte. »Würde uns freuen, Sie mal wieder an Bord zu haben.«

Die zweite Stewardess sagte nichts und lächelte weiter, aber ihr Blick ging eigene Wege. Er sagte, Herzlich willkommen, Dr. O’Connor. Es würde uns freuen, wenn Sie draußen in einen Haufen Hundescheiße treten und auf die Fresse fallen.

Hatte er irgendwas gemacht?

»Habe ich irgendwas gemacht?«, fragte er die Stewardess, die theoretisch Frau Schiffer sein musste, weil sie ihm voraus- und er ihr hinterherging. Seit wann taten sie das? Wie lange waren sie schon in der Röhre unterwegs? Sekunden? Stunden?

Sie schüttelte den Kopf und sah ihn aus grünen Augen an, während sie unaufhaltsam der Kurve zustrebten.

»Sie haben gar nichts getan, Dr. O’Connor.«

»Lügen Sie mich nicht an«, sagte er sehr bestimmt. »Die Frau da ist ganz anderer Meinung.«

»Nun ja.« Frau Schiffer bleckte die Zähne. »Sie sind doch Physiker, stimmt’s?«

»Ja. Warum?«

Sie zuckte die Achseln.

»Na, dann werden Sie Frau Klum wohl zu rein wissenschaftlichen Zwecken in den Hintern gekniffen haben.«

Sie erreichten die Kurve. Während O’Connor noch fieberhaft überlegte, wie er darauf antworten sollte, beschrieb sein Körper eine makellose Neunzig-Grad-Drehung und folgte Frau Schiffer auf ihrem Weg zur Passkontrolle.

»Wissen Sie, was ein Teilchenbeschleuniger ist?«, rief er beglückt.

Sie sah sich zu ihm um und hob die Brauen.

»Ja. Ich schätze, so was wie Sie.«

1998. 04. DEZEMBER. LIGURIEN. TRIORA

»Es könnte tatsächlich so etwas wie ein mathematisches Exempel werden«, sagte Jana. »Ich habe oft darüber nachgedacht, ob man unsere Arbeit in Formeln ausdrücken kann. Etwas Verbindliches, das uns sagt, ob der Wahnsinn unterm Strich mehr als null ergibt.«

»Sie glauben, es ist Wahnsinn?«, fragte Mirko.

»Ja. Sie nicht?«

»Kommt drauf an. Können Sie die Person töten?«

Jana antwortete nicht sofort. Mit langsamen Schritten gingen sie durch das Passagenwerk aus mittelalterlichen Arkaden, Durchlässen und Bogengängen des Quartiere della Sambughea. Die Gasse wurde schmaler und endete vor einem halbverfallenen Haus. Im düsteren Labyrinth des ältesten Viertels von Triora war sonst niemand unterwegs um diese Zeit. Jana hatte das Dorf in den ligurischen Bergen aus mehreren Gründen vorgeschlagen. Sie hatte am Nachmittag geschäftlich in San Remo zu tun, keine dreißig Kilometer entfernt, und Triora lag auf dem Weg. Vor allem jedoch waren sie hier ungestört. Niemand interessierte sich für zwei serbisch sprechende Touristen, die offenbar der finsteren Vergangenheit des Ortes nachspürten, dem

Schrecken der dreißig Frauen, die 1587 im Auftrag der kirchlichen Inquisition und eines Kommissars aus Genua hier zu Tode gefoltert worden waren.

Mirko war in den frühen Morgenstunden auf dem Turiner Flughafen gelandet und von einem jungen Mann erwartet worden, dem er sich vereinbarungsgemäß als Signor Bi^ic vorgestellt hatte. Der Mann geleitete ihn daraufhin zu einer Mercedes-Limousine und ließ ihn auf dem Rücksitz Platz nehmen. Mirko hatte sich nicht die Mühe einer Konversation gemacht, während sie Turin verließen, ein Stück Autobahnring entlangfuhren und dann auf die A4 in Richtung Cuneo abbogen. Der Bursche war nur ein Chauffeur mit dem Auftrag, ihn zu einem bestimmten Ort zu bringen. Es überraschte Mirko keineswegs, als der Wagen wenige Kilometer vor Asti auf einen Parkstreifen fuhr, wo ihn ein anderer Mann in Empfang nahm, ein Yuppie-Typ mit elegantem Anzug, akkurat gescheiteltem Haar und Hornbrille. Die Fahrt ging weiter, diesmal in einem silbergrauen Alpha 164, schweigsam bis auf einige wenige Floskeln, die sie austauschten und deren Inhalt sich vornehmlich um die Schönheit der Landschaft und die hervorragenden Weine des Piemont drehten. Mirko war davon überzeugt, Janas legendären Finanzdirektor neben sich zu haben, mit dem er bis jetzt nur über Mittler in Kontakt getreten war, aber er stellte keine entsprechenden Fragen. Da er von Wein nicht viel verstand, versickerte die Konversation nach wenigen Kilometern und wich meditativem Schweigen.

Er hatte wenig Neigung verspürt zu erfahren, an welchen Ort der andere ihn bringen würde. Es war jedes Mal das Gleiche. Irgendwo hinfahren oder hingefahren werden, wo sich die Hühner gute Nacht sagten. Mitunter waren es mühselige Fahrten und freudlose Ziele wie die verfallene Klosterkirche, dann wieder gut situierte Restaurants oder Theaterfoyers. Am häufigsten hatte man ihn in Hotelzimmer zitiert. Mirkos einzige Hoffnung galt der Aussicht, im Anschluss an das folgende Gespräch einen Teller Pasta zu bekommen. Mirko liebte Pasta. Er litt schrecklichen Hunger, weil er – wenngleich weit davon entfernt, ein Gourmet zu sein – den Flugzeugfraß wie immer nicht hinunterbekommen hatte.

Er sah aus dem Fenster und erfreute sich an der Landschaft.

Am späten Vormittag erreichten sie Triora. Der junge Mann ließ ihn aussteigen und erklärte ihm den Weg durch die Gassen zur Bibliothek. Sie war nur im August geöffnet. Es spielte keine Rolle. Niemandem ging es an diesem Tag um Bücher oder Schriften.

Hier war es, wo Mirko zum ersten Mal mit Jana zusammentraf.

Im Allgemeinen pflegte er sich keine Vorstellung von anderen Leuten zu machen, bevor er sie nicht persönlich in Augenschein genommen hatte. Es war spekulativ und lohnte nicht die Mühe der Imagination. Nach wie vor war der Markt jedoch von Männern dominiert, und so war selbst Mirko letztlich dem Reiz erlegen, Jana a priori Gesicht und Statur zu geben. Viel war ihm nicht dazu eingefallen, allenfalls jemand mit den äußerlichen Attributen einer Sigourney Weaver, hochgewachsen und kantig, vielleicht nicht so attraktiv, aber durchaus in der Lage, sich nötigenfalls mit dem Teufel oder einem Dutzend Aliens anzulegen.

Die mittelgroße Frau mit den ansprechenden Zügen und dunklen Augen, gut aussehend und zugleich jemand, an dem man in der Menge vorbeiging, erschien ihm auf den ersten Blick unpassend. Sie trug das rotbraune Haar schulterlang und gewellt. Ihre Kleidung war elegant bis unauffällig, ihre Stimme weder laut noch leise. Einen Moment lang war Mirko enttäuscht, bis er ihre Körperspannung gewahrte und begriff, dass er auf eine Hülle blickte, und er erkannte die Maschinerie der Präzision und das Chamäleon in ihr. Hier und jetzt sah er nur, was Jana ihn sehen lassen wollte. Einen Menschen, an den man sich nicht erinnerte. Morgen mochte sie die Pennerin an der Straßenecke sein, am selben Abend der glamouröse Mittelpunkt einer Dinnerparty. Jede Bewegung, als sie einen Schritt auf ihn zumachte, signalisierte ihm, dass die Frau mit dem Decknamen Jana alles und jeden ihrer Kontrolle unterwerfen würde, wenn es drauf ankam.

Sie gaben einander die Hand und begaben sich auf einen harmlosen Spaziergang durch die düstere Geschichte des Ortes.

Mittlerweile hatte sich das mittelalterliche Grauen der »Hexenhochburg« zur Sehenswürdigkeit gewandelt. Sie passierten die Cabotina, eine Ruine, die den angeblichen Hexen als Treffpunkt gedient hatte. Trioras finstere Vergangenheit übte einen morbiden Reiz auf Mirko aus. Nichts in dem Geflecht aus überbauten Gängen, das sie durchquerten, ließ die helle Leichtigkeit der Riviera erahnen, die nur eine halbe Autostunde entfernt lag. Im Dezember waren die ligurischen Berge in Dunst gepackt, der selten einen Blick auf die blasse Scheibe der winterlichen Sonne freigab. In die Hohlwege fand das spärliche Licht so gut wie gar nicht, sie schlossen die Gegenwart aus und jede Freundlichkeit und Wärme.

Janas Silhouette verschmolz mit den Schatten, bis die Häuserkaskade nach einer Biegung jäh abbrach und sie hinaustraten auf eine verborgene Terrasse. Mirko folgte ihr ohne Hast. Flechten, Moose und wilder Wein überwucherten das Mauerwerk der Brüstung. Es roch nach modrigem Stein. Einige Meter weiter endete eine eingestürzte Treppe im Nichts, dahinter ging es steil abwärts. Der Platz ruhte auf den Resten der mittelalterlichen Befestigungsanlagen, jenseits derer sich der Blick ins Tal und auf das verhangene Graugrün der Berge öffnete.

Mirko genoss die Stille. Kein Platz schien geeigneter, um in Ruhe über den Tod zu sprechen. Es gab nicht vieles, was ihn wirklich berührte, aber Stille gehörte dazu. Sie war ein Luxus und umso schöner, als man sie kaufen konnte. Insgeheim war er Jana dankbar, dass sie ihn hierher geführt hatte, wenngleich solche Empfindungen für den Inhalt ihrer Zusammenkunft ohne Belang waren. Er beschloss, das kleine Gefühl des Friedens in sich zu bergen und beizeiten abzurufen, wenn ihm danach war.

»Können Sie es?«, wiederholte er seine Frage.

»Man kann alles, wenn man nur will«, sagte Jana gleichmütig.

»Ja, aber können Sie es? Unter diesen Umständen?«

»Die Aufgabe ist in der Tat sehr reizvoll«, erwiderte sie. »Ich würde sagen, die Bedingungen treiben die Wahrscheinlichkeit gegen null. Andererseits wäre der Effekt gewaltig. Kein Zeitpunkt könnte besser gewählt sein. Die Frage ist, ob es sich dafür lohnt, einen Fehlschlag zu riskieren.«

»Über Fehlschläge wollte ich eigentlich nicht mit Ihnen reden.«

»Das ist mir schon klar.« Sie sah ihn prüfend an. »Kommen Sie, Mirko. Sie wissen ebenso gut wie ich, was Ihre Auftraggeber da von uns verlangen. Ich habe Ihnen meinen Preis gesagt…«

»Und ich habe ihn weitergegeben.«

»…aber damit wird es nicht getan sein. Und garantieren kann ich schon gar nichts.«

Mirko schüttelte den Kopf.

»Ich erwarte keine Garantie.« Er ging bis nah an die Brüstung und sah in die Tiefe. »Nicht dafür, dass es gelingt. Ich will eine Garantie dafür, dass Sie es können.«

Jana trat neben ihn.

»Was, wenn ich Ihnen diese Garantie gebe?«

»Dann sind wir im Geschäft. Die Leute, die mich beauftragt haben, gehen davon aus, dass Sie sich die Sache sehr genau überlegen. Ich habe ihnen gesagt, dass Sie es unter fünfundzwanzig Millionen nicht machen. Das haben sie geschluckt. Sie denken nun, wir müssten alles unternehmen, um Sie für das Projekt zu gewinnen, obwohl ihnen dabei nicht ganz geheuer ist. Wie sehr Sie selbst an den fünfundzwanzig Millionen interessiert sind, habe ich natürlich vergessen zu erwähnen.«

»Warum wollen die gerade mich?«

»»Ich will Sie. Weil Sie die Beste sind. Ich sage das widerstrebend, es festigt Ihre Position und damit den Preis, aber so ist es nun mal.«

»Es gibt andere Spezialisten.«

»Nicht für den Job. Wir brauchen jemanden, der auf ganz neue Ideen kommt. Auf etwas derart Abwegiges, dass niemand damit rechnen wird.« Mirko zögerte. »Für all das gäbe es sicher noch ein paar andere. Aber es kommt etwas hinzu, das meinen Auftraggebern sehr wichtig ist.«

»Was?«

»Sie sind Serbin.«

Janas Gesicht blieb reglos.

»Ich bin neutral«, sagte sie schließlich.

Mirko rupfte Moos aus den Ritzen der grob gefügten Steinmauer, zerrieb es zwischen seinen Fingern und roch daran. Der Duft hatte etwas Beruhigendes.

»Sie sind nicht neutral«, sagte er und sah Jana direkt in die Augen. Sie wich seinem Blick nicht aus. Durch nichts ließ sie erkennen, dass er ihren wunden Punkt getroffen hatte, aber Mirko ließ sich nicht täuschen. »Ihre Neutralität beschränkt sich auf Ihre Tätigkeit der freien Mitarbeit, wenn reiche Leute ein Problem zu lösen haben. Darin sind Sie kaum zu schlagen. Aber ich bin selbst Serbe, Jana. Ich weiß, dass Sie sich etwas anderes für unser Land vorstellen. Wenn Sie die impertinente Einmischung in unsere Geschichte ebenso satt haben wie ich, dann sind Sie nicht neutral.«

Es war ein Schuss ins Blaue. Janas Gesicht zeigte immer noch keine Regung. Sie wandte sich ab und ging ein paar Schritte von der Mauer weg.

Mirko wartete. Er war sicher, dass der Stachel ins Fleisch gedrungen war. Sie mochte sich selbst verleugnen, jeden Tag aufs Neue.

Aber nicht ihr Land. Er konnte sich nicht so sehr getäuscht haben!

»Wer sind Ihre Auftraggeber?«, fragte sie.

»Das Trojanische Pferd ist mein Auftraggeber. Fragen Sie mich nicht, wer drin sitzt.«

»Genau das frage ich Sie.«

Mirko antwortete nicht.

Sie kam zurück und baute sich dicht vor ihm auf.

»Ich habe für Arkan und Dugi gearbeitet«, sagte sie. »Jahrelang. Ich kenne jeden, der mit den serbischen Milizen zu tun hatte. Die Paramilitärs hängen alle irgendwie an den Fäden der Milizenführer, niemand von denen ist mir fremd. Ich kenne die offiziellen und inoffiziellen Köpfe der Serbischen Garde und der Erneuerungsbewegung. Sie gehören nicht dazu, Mirko. Zu keinem. Also – wer bleibt in Serbien, der Sie zu mir geschickt haben könnte?«

»Ich kann und werde Ihnen das nicht sagen.« »Dann kann und werde ich Ihnen nicht helfen.« »Doch, das werden Sie. Weil Sie sich an Ihren zehn Fingern abzählen können, wer mich geschickt hat. Ist Ihnen während Ihrer Zeit bei den Milizen je ein Befehl, eine Anordnung, irgendetwas sonst untergekommen, das direkt aus Belgrad kam? Ich meine, von höchster Stelle? Natürlich nicht, aber das ist nur der faktische Beweis staatsmännischer Intelligenz. Dahinter steht eine Entschlossenheit ganz anderer Qualität, Gedanken von einer Tragweite, wie sie einem Arkan oder Dugi niemals kämen! Sie kennen nicht jeden, Jana, weil Sie nicht zu jedem vorgedrungen sind. Darüber hinaus hat unser Land immer noch ein paar starke Freunde, auch wenn wir im Moment dastehen wie eine Bande von Schlächtern. Wir sind allzu beliebt geworden. Es hilft dem Westen, die Palästinenser zu vergessen, Ruanda, die Kurden im Irak und in der Türkei, die Menschen in Tibet. Der Westen hat den Feind aller Werte endlich vor der Haustür. Wie praktisch. Falls die Nato Ernst macht mit ihrer Drohung und wirklich Bomben auf Serbien wirft, stünde der zu erwartende Konflikt in bestem Einklang mit westlichen Wirtschaftsinteressen. Ein Krieg in der Türkei wirft keinen ökonomischen Profit ab. Ein Krieg im Herzen Europas ist hingegen reiner Profit, der Dollar steigt mit den Raketen, und das nennen sie dann die neue Gerechtigkeit. Bravo zu diesem Krieg der Werte, ich sehe ihn kommen. Keiner von denen, die das Gespenst der Intervention heraufbeschwören, will eine humanitäre Katastrophe verhindern, sie wollen schlicht und einfach ihren Machtbereich ausdehnen. Wollen Sie das geschehen lassen, Jana? Sollen wir das kampflos hinnehmen? Die Russen sehen unsere Position zum Beispiel anders, und nicht nur sie.« Er machte eine Pause. »Wie viel muss ich noch verraten, ohne etwas zu sagen?« »Warum reden die nicht selbst mit mir?«

»Weil sie es nicht können und auch nicht wollen. Manche Aufträge werden nie erteilt, das muss ich Ihnen doch nicht erzählen, Jana! Die reden mit mir, und ich rede mit Ihnen.«

»Und jetzt erwarten Sie, dass wir uns heulend in die Arme fallen und das Kosovo Polje heraufbeschwören?«

Mirko verzog das Gesicht.

»Dafür mangelt es mir am nötigen Sentiment. Aber ich glaube schon, dass wir ein Zeichen setzen müssen. Die Welt braucht ein Zeichen. Offen gesagt, ich bin mir nicht sicher, ob ich alles in Serbien liebe. In den Katalog der Zweifel gehören auch die Ansichten eines einzelnen alten Mannes. Aber ich weiß sehr genau, wen oder was ich hasse! Ich kenne die Sicht des innersten Zirkels, Jana, und sie stellt sich mir ein bisschen anders dar als möglicherweise einem Gerhard Schröder oder Bill Clinton oder Tony Blair. Wenn Sie wollen, können Sie das Patriotismus nennen. Mir sind solche Begriffe schnuppe, sie beschreiben nicht die Wirklichkeit, aber an irgendetwas muss man sich ja festhalten.«

»Sie sagten, ich bin denen nicht geheuer.«

Mirko schwieg eine Weile. Dann nickte er langsam.

»Sie haben Ihr Land verlassen«, sagte er.

»Unsinn. Ich bezweifle, dass Ihr Trojanisches Pferd weiß, wer Jana ist und woher sie kommt. Was spielt es für eine Rolle, welcher Nationalität sie ist? Ihre Leute brauchen einen Profi. Emotionen sind hier völlig fehl am Platz, geben Sie mir da Recht?«

»Grundsätzlich ja. Aber die sind nun mal emotional, was soll ich machen? Im Übrigen wissen sie sehr wohl, dass Jana Serbin ist. Und dass sie Serbien den Rücken gekehrt hat, auch.«

»Na und?«

»Man fragt sich dort, warum. Ich habe klargestellt, dass es nichts mit Ihrer Einstellung zu tun hat, aber sie wollen Gewissheit erlangen, ob Sie Ihr Vaterland… na ja, ob Sie einen gewissen Idealismus mitbringen. Sie möchten einfach, dass Sie persönlich von der Sache überzeugt sind.«

»Sind Sie es denn?«

»Ja.«

Erstmals trat eine gewisse Nachdenklichkeit in Janas Züge. Mirko wartete darauf, dass sie den Faden aufnehmen würde, aber sie sagte nur:

»Welche Garantien bekomme ich von Ihnen?«

»Eine Million ohne Vorleistung.«

»Wann?«

»Wann immer Sie wollen«, sagte Mirko. »Danach gehen Sie an die Arbeit. Ziehen Sie es dennoch vor, den Auftrag abzulehnen, geben Sie die Million zurück. Sie haben achtundvierzig Stunden Bedenkfrist. Wenn Sie sich gegen uns entscheiden, müssen wir uns wohl oder übel nach jemand anderem umsehen, aber wir möchten rasch Klarheit gewinnen. Die Zeit läuft uns davon. Ist das für Sie akzeptabel?«

Jana blickte an ihm vorbei hinaus ins Tal.

»Ich denke darüber nach.«

Mirko lächelte und breitete die Hände aus. »Gut. Haben Sie für den Moment noch Fragen?«

»Nein.«

Mirko ließ einige Sekunden verstreichen.

»Ich will noch etwas hinzufügen, was unserer Zusammenarbeit dienlich sein dürfte. Mir – und ich muss betonen, mir ganz allein nebst einer verschwiegenen Institution, die nur aktiv wird, falls ich mich über einen bestimmten Zeitraum hinaus nicht melde – ist bekannt, dass Sie unter dem Namen Laura Firidolfi auftreten. Ich weiß natürlich, dass das nicht Ihr wirklicher Name ist. In gewissen Kreisen hält sich wiederum das Gerücht, Jana sei identisch mit der untergetauchten Separatistin Sonja Cosic, geboren 1969 in Belgrad, Studium des Serbischen, der Physik und der Informatik, Patriotin durch und durch. Ich schätze, der eine oder andere dürfte es sogar mit einiger Verlässlichkeit bestätigen können. Meine Auftraggeber haben den Namen Laura Firidolfi nie gehört und werden ihn auch nicht zu hören bekommen, soweit es mich betrifft. Aber sie wissen um Ihre serbische Herkunft und gestatten sich aufgrund dessen die erwähnte Skepsis an Ihrer Gesinnung. Zusammengefasst sind Sie also in Personalunion Sonja Cosic, Laura Firidolfi und Jana. Die Liste Ihrer Inkarnationen dürfte damit kaum erschöpft sein. – Nun«, er drehte ihr sein Gesicht zu, »Sie sollen wissen, dass mich all das nicht im Geringsten interessiert. Aber wir werden Vertrauen zueinander fassen müssen. Ich bin meinerseits bereit, Ihnen die größtmögliche Offenheit entgegenzubringen, sobald wir eine gemeinsame Basis der Zusammenarbeit gefunden haben. Im Moment sollte dieses Vertrauen allerdings im gegenseitigen Verzicht bestehen, einander nachzuspionieren. Ich bin Ihnen ein Stück entgegengekommen, denn ich will nicht mit verdeckten Karten spielen. Dafür werden Sie meine Spielregeln beherzigen. Sie werden keinerlei Versuch unternehmen, Informationen über mich und meine Auftraggeber einzuziehen, mir zu folgen oder Leute auf mich anzusetzen. Meinerseits verspreche ich, keine Bemühungen in Gang zu setzen, um meinen Kenntnisstand über Sie, Ihre weiteren Identitäten und Ihre sonstigen Geschäfte und Verbindungen zu vertiefen. Können wir uns dahingehend verständigen?«

Jana schwieg. Dann lächelte sie. Es war das erste Mal seit ihrem Zusammentreffen, dass sie ihre Mimik einer Veränderung unterwarf.

»Ich hätte Sie um das Gleiche gebeten«, sagte sie. »Aber Sie haben Ihre Hausaufgaben ja schon gemacht.«

»Es liegt nicht in meinem Interesse, Ihnen Schwierigkeiten zu bereiten«, sagte Mirko freundlich. »Ganz im Gegenteil. Wir möchten Sie gewinnen. Wenn Sie sich entschließen, den Auftrag abzulehnen, hat unser Gespräch nie stattgefunden, mehr wird nicht geschehen. Sie werden dann erst wieder von mir hören, wenn ich mich für andere Zwecke Ihrer Fähigkeiten versichern möchte, falls das überhaupt jemals der Fall sein wird. Ich garantiere Ihnen in jeder Hinsicht Aufrichtigkeit und Loyalität, solange Sie sich an unsere Vereinbarungen halten. Einverstanden?«

»Wir sind hier in Italien, Mirko. Es gilt das gesprochene Wort.«

»Also sind wir uns einig?«

»Es wäre unsinnig, wenn sich Leute wie wir in die Haare geraten«, sagte Jana gelassen. »So etwas endet immer unerfreulich. Sie haben mir zwar eben einen Grund geliefert, Sie irgendwo in diesen schönen Bergen zu verscharren.«

»Ich weiß.«

»Aber ich mag Ihre Offenheit. Außerdem glaube ich kaum, dass ich so einfach zum Verscharren käme.« Sie nickte ihm zu. »Goliath gegen Goliath. Einverstanden bis dahin, Mirko.«

»Gut. Noch etwas. Falls Sie sich für uns entscheiden, werden wir die Operation gemeinsam in Angriff nehmen. Das heißt, Sie und ich. Ich werde mich Ihnen und Ihrem Kommando zwar unterordnen und

Ihnen zuarbeiten. Aber ich werde mit von der Partie sein.«

»Auf Wunsch Ihrer Auftraggeber?«

»So ist es.«

»Verstehe. Nichts dagegen, solange Sie Ihren Job machen.« Janas Augen verengten sich, während sie mit gleicher Ruhe weitersprach. »Sollte ich allerdings auch nur die geringsten Anzeichen dafür sehen, dass Ihnen die Sache über den Kopf wächst, behalte ich mir vor, Sie erstens rauszuschmeißen und zweitens die Operation abzublasen. Das sind meine Bedingungen, Mirko. D‘accordo?«

»Voll und ganz.«

»Sie unterstehen meinem Kommando. Sie tun, was ich Ihnen sage. Und Sie werden mich bitteschön beeindrucken.«

Mirko neigte den Kopf.

»Ich denke«, sagte er, »das dürfte sich machen lassen.«

Nachdem Mirko gegangen war, nahm Jana im Ort ein leichtes Mittagessen zu sich. Sie saß an einem wackligen Holztisch mit rotweiß karierter Decke, aß panini und hausgemachte Kleinigkeiten und genoss den atemberaubenden Blick in die einhundertzwanzig Meter tiefe Loreto-Schlucht. Mehrfach telefonierte sie über Handy mit La Morra und San Remo und verrichtete die Arbeit von Laura Firidolfi, während Ricardo den Mann namens Mirko zurück nach Turin fuhr.

Einerseits empfand sie eine gewisse Bewunderung. Mirko musste über eine beachtliche Kenntnis der Szene verfügen. Zugleich war es eben dieser Umstand, der sie beunruhigte. Niemand außer einer Hand voll Vertrauter kannte die wahre Identität von Laura Firidolfi. Wiederum hatte keiner ihrer bisherigen Auftraggeber je Kenntnis von der bürgerlichen Existenz Janas gehabt. Ricardo verkörperte die Schnittstelle über eine Reihe toter Briefkästen und Mittelsmänner. Allein den Weg einer Anfrage bis zu ihm zurückzuverfolgen, war beinahe unmöglich, geschweige denn Jana als Laura Firidolfi oder Sonja Cosic zu identifizieren.

Mirkos Bedingungen hingegen hatten sie nicht sonderlich überrascht. Es war üblich, dem Wunsch eines Kollegen nach Anonymität Respekt zu zollen. Die terroristische Szene unterschied sich insoweit von der rein kriminellen, als sie Kooperation über Zwistigkeiten stellte. Das geschah aus Eigeninteresse, nicht aus Ehrbarkeit. Terroristen lernten voneinander. Sie schätzten die Zusammenarbeit, sofern sie nicht – wie in den religiösen Lagern – auf zwei grundsätzlich verschiedenen Seiten standen.

Eine Ausnahme bildeten die Professionals. Wer ausschließlich für Geld arbeitete, war mehr als jeder andere darauf angewiesen, unerkannt zu bleiben. Auftragsattentäter hinterließen keine Bekennerschreiben. Sie verspürten nicht den Drang des Outings. Sie hatten keine Botschaften für die Welt, sondern Nummernkonten. Jana schätzte, dass Mirko, so patriotisch er sich geben mochte, dem professionellen Lager zuzurechnen war. Wenn seine Auftraggeber, wie er angedeutet hatte, in den Machtzentren Serbiens zu finden waren, musste er ihre nationalistischen Motive darum noch lange nicht teilen. Auch und gerade als Neutraler leistete er ihnen wertvolle Dienste. Jana selbst war dafür ein ideales Beispiel.

Ein anderes war Slobodan Milosevic. Er vertrat den Nationalismus nicht, sondern bediente sich seiner, ein ehemals kommunistischer Betonkopf mit einem todsicheren Gespür für Trends. Gerade weil er sich das Mäntelchen der neuen Gesinnung so lose umgeschwungen hatte, stand es ihm besonders gut. Die richtige Inszenierung schien oft wahrhaftiger als die Wahrheit.

Es war offensichtlich, dass Mirkos Hintermänner tatsächlich nach Patrioten suchten, und ebenso, dass Mirko ihre – Janas – Geschichte kannte, seit sie sich dem patriotischen Geist verschrieben hatte. Sie hatten ihn eingeschaltet, um jemanden wie sie zu finden, eine Person, die beides war, Idealist und Profi. Betrachtete man es in diesem Licht, gab es zu Jana tatsächlich keine Alternative.

Sie winkte den Ober heran und bestellte einen Grappa. Bis das Glas mit der schwach gelblichen Flüssigkeit vor ihr stand, schaltete sie ihr Gehirn auf standby und betrachtete die Landschaft. Die Fähigkeit, jegliches Denken nach Belieben auszusetzen, gehörte zu den angenehmen Dingen, wenn man Arbeiten wie Jana verrichtete. Irgendwo über ihr sang ein Vogel. Im Hintergrund klapperten Bestecke, als der Ober die Schubladen des Schränkchens neben der Theke einräumte.

Sie trank den Grappa, zuerst in kontrollierten kleinen Schlucken, dann folgte sie einer Laune und kippte den Rest in einem Schwung hinterher.

Sie begann erneut zu überlegen.

Der jugoslawische Geheimdienst unterstand direkt der Belgrader Regierung. Ihm war eine derartige Operation, wie Mirko sie ihr angetragen hatte, am ehesten zuzutrauen. Sie hatte nie mit den Geheimdienstleuten zu tun gehabt. Die Paramilitärs gehörten nicht wirklich dazu, sie waren Söldner und Schergen. Auch mit dem innersten Zirkel, Verteidigungsminister Pavle Bulatovc etwa oder dem Wirrkopf Vuk Draskovic, dessen politischer Variantenreichtum die absonderlichsten Blüten trieb, war sie nie zusammengetroffen. Mirko hatte unterstellt, sie sei nicht in die höchsten Kreise vorgedrungen, und es stimmte. Tatsächlich hatte es nie irgendwelche Anweisungen an die Milizen gegeben, die sich ins Regierungsquartier zurückverfolgen ließen. Sie wusste, dass Milosevic Arkan und seine Horden insgeheim befehligte und deren Tun nicht nur billigte, sondern maßgeblich initiierte, dennoch schien ein Universum die beiden zu trennen, ein unüberbrückbarer Raum. Belgrad war klug genug, sich keine Blöße zu geben.

Das Dumme war, dass Mirko mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jeden Gedanken, den Jana in diesem Moment dachte, einkalkuliert und provoziert hatte. Er hatte gewollt, dass sie ins Grübeln kam. Ihr Denken zu manipulieren, war eine Anmaßung, die Jana verstimmte, wenngleich die Möglichkeit bestand, dass Mirko lediglich versucht hatte, offener zu sein, als er es eigentlich durfte.

Er hatte Russland erwähnt.

Die Russen sympathisierten mit Belgrad. Mirko hatte seine Bemerkung über die russische Position nicht ohne Hintergedanken fallen lassen. Es gab eine Menge einzelner alter Männer dort, die nicht Boris Jelzin hießen und die Macht in Händen hielten. Die roten Bosse vertraten alle möglichen Interessen, aber von einer weltpolitischen Verschwörung waren sie weit entfernt. Russland hatte den Terrorismus kriminalisiert und das Verbrechen dafür salonfähig gemacht. Die Grauzone zwischen Legalität und Illegalität barg den wahren Machtbereich des Riesenreichs, und diese Macht fußte auf dem globalen Geldfluss. Von Russland mochte einiges Säbelrasseln zu erwarten sein, wenn die Nato ihre Drohungen gegen Jugoslawien wahr machte, aber zu guter Letzt würden die harten Worte unter der Watte westlicher Kredite ihre Konturen verlieren.

Andererseits gab es keinen Zweifel daran, dass gewisse russische Kreise Kriege und Konflikte geradezu herbeisehnten.

Mirko plaudert über die Russen, also deutet er an, Moskau habe seine Finger im Spiel. Ihm musste klar gewesen sein, dass das ein bisschen platt klang. Warum hatte er es dann gesagt? Warum hatte er überhaupt Andeutungen gemacht? Hatten seine Hintermänner Angst, sie könnte nein sagen?

Sie zog eine Sonnenbrille aus der Innentasche ihres Mantels und setzte sie auf. Allmählich wurde es zu kalt, um weiter draußen auf der Terrasse zu sitzen. Ohne Hast ging sie durch die offenen Glastüren ins Restaurant und bezahlte. Der Kellner wünschte ihr einen guten Tag. Alles geschah mit der gewohnten Beiläufigkeit, die verhindert,

dass Menschen sich später an andere Menschen erinnern.

Mirko hatte möglicherweise eine schwierigere Mission zu erfüllen, als sie dachte. Er wusste, dass die Gefühle, die sie für Serbien hegte, ihre Entscheidung beeinflussen würden. Gleichzeitig konnte er unmöglich die Karten auf den Tisch legen. Die Schweigepflicht gegenüber seinen Auftraggebern hinderte ihn daran, Jana das wichtigste Argument zu liefern, das sie für eine Zusage brauchte.

Wie es aussah, hatte er es trotzdem riskiert. Zumindest lag es im Bereich des Vorstellbaren. In diesem Fall hatte er sie über die Identität des Hauptdrahtziehers nicht im Unklaren gelassen. Anschließend hatte jeder von ihnen pro forma mit dem Säbel gerasselt und den anderen seiner Ungnade versichert, falls er die Spielregeln brechen sollte.

Das Übliche.

Gemächlich trat sie auf die Straße hinaus, wählte eine Nummer auf ihrem Handy und telefonierte mit Microsoft.

JUNI. KOELN. AIRPORT

Wagner hatte sich hinter einer Illustrierten verschanzt.

»Was lesen Sie?«, wollte Kuhn wissen.

Was las sie? Eigentlich betrachtete sie Buchstaben, um Kuhn nicht zum Reden zu ermuntern. Viel schien es nicht zu helfen.

O’Connors Flug war mit dreißigminütiger Verspätung eingetroffen. Sie saßen in der Lufthansa-Lounge und tranken Kaffee, der zu lange gestanden hatte.

Es war offensichtlich, dass Kuhn sich langweilte.

»Wussten Sie, dass O’Connor mal mit der Nordirischen Befreiungsarmee sympathisiert hat?«

»Nein.« Augenblick, Kika, dachte sie. Das ist wirklich interessant.

Sie legte die Zeitschrift beiseite und fragte: »Wann war das?«

»Bevor er zu Ruhm und Ehren gelangte. Hat’s mir erzählt, als wir zusammen in Cork waren, letztes Jahr.« Kuhn setzte ein wichtiges Gesicht auf. »Ist das nicht unglaublich? Jemand, der im Stande ist, das Licht abzubremsen, entpuppt sich als Bombenheini.«

»Sehr differenziert ausgedrückt«, spottete Wagner. »Bringen Sie da nicht einiges durcheinander?«

Kuhn sah Wagner an, als erblicke er sie zum ersten Mal.

»Ich wollte nicht sagen, dass er selbst… Mein Gott, Kika! Er hat Verschiedenes von sich gegeben auf dem Trinity, was so in die Richtung ging, Nordirland den Iren und den Engländern was aufs Maul. Bullshit. Aber sie hätten ihn dafür beinahe vom College geschmissen. Sein Vater hat die Notbremse gezogen. Das war’s. Wir haben alle mal mit irgendwas Bescheuertem sympathisiert.«

»Ich nicht.«

»Sie sind zu jung.« Kuhn lehnte sich zurück und schaffte es, seinen Körper so unglücklich in die Polster rutschen zu lassen, dass sein Hemd den Kontakt zum Hosenbund verlor. Zwei Fingerbreit behaarten Bauchnabels wurden sichtbar. »Ihr seid überhaupt eine ganz arme Generation. Eure Eltern hören dieselbe Musik wie ihr, tragen dieselben Klamotten, und sympathisieren dürft ihr nur noch mit Benetton oder Kookai. Wir hatten wenigstens noch jemanden, den wir richtig hassen konnten.«

»Ja, toll!«, sagte Wagner. »Darum seid ihr auch alle in gutbürgerlichen Berufen gelandet. Mir ist Kookai schon lieber als der prinzipienlose Schwachsinn eurer viel gerühmten Achtundsechziger.«

»Na, na!«

»Doch, das klang alles ganz klasse! Bloß dass ihr nichts daraus gemacht habt. Oder sehe ich das falsch?«

Kuhn schlürfte seinen Kaffee. Er wirkte beleidigt.

»Jedenfalls haben wir den Sinn des Lebens nicht ausschließlich darin gesehen, im Chanel-Kostümchen rumzulaufen.«

Kuhn geisterte im Chanel-Kostüm durch Wagners Vorstellungsvermögen und entlockte ihr ein Glucksen.

»Wollen wir uns über Mode unterhalten?«, fragte sie. Als Kuhn nicht antwortete, widmete sie sich wieder ihrer Zeitschrift, halb verärgert, halb belustigt über seinen unerschöpflichen Fundus an Pauschalismen. In einer Besenkammer ihres Verstandes wusste sie, dass er so Unrecht nicht hatte. Aber es missfiel ihr, Kuhn in irgendetwas recht zu geben. Zumindest nicht, solange er es vorzog, Platitüden zu verbreiten.

Was ich selbst auch ganz gern tue, dachte sie plötzlich schuldbewusst. Das mit den Achtundsechzigern hätte ich mir eigentlich sparen können.

Die Tür zur Lounge öffnete sich geräuschlos, und eine Frau in Lufthansa-Uniform trat ein. Sie war auffallend hübsch, aber es spielte keine Rolle. Sie hätte Miss World sein können. Jedes Interesse an ihr musste zwangsläufig erlahmen angesichts der Erscheinung, die ihr folgte, ein fast leeres Glas in der Hand, einen Aktenkoffer unter den Arm geklemmt und ein seltsam konspiratives Lächeln auf den Lippen.

Im Moment, da Kika Wagner Liam O’Connor erblickte, wusste sie, dass er der attraktivste Mann war, den sie in ihrem ganzen achtundzwanzigjährigen Leben gesehen hatte.

Und es machte sie nicht gerade glücklich.

Fotos von O’Connor kannte sie zur Genüge. Dementsprechend war sie nicht überrascht, dass er gut aussah, sondern, wie gut er aussah. Kein Bild konnte diesen Eindruck vermitteln, keine Videoaufnahme. Liam O’Connor betrat den Raum und veränderte seine molekulare Beschaffenheit. Kraftfelder schienen von ihm auszugehen, die vielleicht keine Elektronen aus ihrem Verbund herauszureißen vermochten wie die Photonenstöße in seinen Experimenten, aber durchaus geschaffen waren, festgefügte Persönlichkeiten in Konglomerate hilflos trudelnder Gemütspartikel zu verwandeln. Von Marlon Brando hieß es, er habe als junger Mann durch sein bloßes Erscheinen eine in vollem Gange befindliche Party schlagartig verstummen lassen, und eine ähnliche Magie schien auch O’Connor eigen zu sein. Nur dass der irische Doktor einen Kopf größer war als der Schauspieler.

Die Stewardess sah sich um und erspähte Kuhn, der augenblicklich hochfuhr. O’Connor verlor im selben Moment sein Lächeln, beäugte erst ihn und dann misstrauisch sein Glas, als könne Kuhn etwas dafür, dass es fast leer war. Er musste den Lektor erkannt haben, schließlich traf er ihn regelmäßig seit einer Reihe von Jahren und hatte ihn erst vor achtundvierzig Stunden in Hamburg verlassen. Dennoch legte er ein ostentatives Desinteresse an den Tag. Er warf den Aktenkoffer auf den nächststehenden Sessel, fuhr sich durch das silbergraue Haar, das in seltsamem Kontrast zu seinen jugendlichen Zügen stand, und begann, irgendeine Melodie zu summen.

»Liam!«

Kuhn flitzte auf den Physiker zu, wollte seine Rechte ergreifen und stockte. O’Connor tat, als finde er aus fernen Welten zurück in die bittere Realität, starrte Kuhn an und drückte ihm das Glas in die Hand.

»Voll machen«, sagte er.

»Ihr Willkommensdrink dürfte an der Bar stehen«, bemerkte die Stewardess.

Sie scheint der Magie nicht verfallen zu sein, stellte Wagner fest, während sie hinzutrat. Eher wirkte sie belustigt, wie eine Mutter, deren Filius in kurzen Hosen Erwachsener spielt.

Das also war der Mann, auf den sie aufzupassen hatte.

»Wagner«, sagte Wagner zu O’Connor.

Sie hatte sich unzählige Male ihren Namen sagen hören. Warum kam es ihr heute so vor, als habe ein Kakadu durch sie gesprochen?

Er sah sie an, offenbar verwirrt, seine Aufmerksamkeit plötzlich zwischen ihr, Kuhn und der Stewardess dreiteilen zu müssen. Dann gewann sein Blick an Klarheit, und Wagner fühlte sich von seinen Augen aufgesogen und zu einer Schmonzette verarbeitet.

Wofür, dachte sie zornig, machen wir uns eigentlich die Mühe der Emanzipation, wenn uns so was immer wieder passieren muss?

Die meisten Menschen sahen einander in die Augen, um Aufmerksamkeit und Interesse zu bekunden. Es geschah eher nebenbei, man nahm den anderen als ganze Person wahr. Was von Pupille zu Pupille geschah, folgte vornehmlich einer Funktion, nämlich Kommunikation zu ermöglichen und zu vertiefen. Wesentlich mehr tat sich selten und dann erst im Zuge einer intensiveren Annäherung.

O’Connors Augen ließen solche Halbheiten nicht zu. Sie suchten keinen Kontakt, sie nahmen Geiseln. Von tiefem Blau, eingebettet in fast anämisches Weiß, schienen sie aus sich selbst heraus zu leuchten. Vielleicht lag es an seiner Bräune, vielleicht daran, dass er sturzbetrunken war, wenngleich man nicht eben sagen konnte, dass er taumelte. Vielmehr ging er für Wagners Geschmack etwas zu aufrecht, zu kontrolliert. Aber auch ohne die Einwirkung des Alkohols, das wusste sie, würde man sich fühlen wie von Röntgenstrahlen durchdrungen, observiert, kategorisiert und für tauglich oder durchgefallen erklärt. Jeder Makel, mit dem man bis zu diesem Moment gut hatte leben können, würde aufgebläht und ins Unerträgliche potenziert werden, bis man verging im Unglück monströser Mittelmäßigkeit. Und zugleich – im offensichtlichen Widerspruch dazu – signalisierten O’Connors Augen demjenigen, den sie betrachteten, nie zuvor etwas von größerer Wichtigkeit und Schönheit geschaut zu haben, und im Vergehen wuchs man wieder über sich hinaus. Als seien sie eines flüchtigen Blickes nicht fähig, versprachen und abverlangten sie einem alles, machten süchtig und verhießen schlimmsten

Entzug im Moment, da O’Connor sich ab wen den und die Verbindung kappen würde.

Wagner lächelte und versuchte, das in ihm zu sehen, weswegen sie hier war. Einen versoffenen Zyniker mit einem brillanten Geist und einem Haufen schlechter Angewohnheiten, der es liebte, Skandale zu provozieren. O’Connors Verlag hatte auf ihrer Anwesenheit bestanden, damit es diesmal nicht zum Eklat kam wie in Hamburg, und Wagner war fest entschlossen, O’Connor nicht das Geringste durchgehen zu lassen.

Und möglichst auch, sich nicht in ihn zu verlieben. Falls es nicht soeben passiert war.

»Wir… ähm… sind Ihnen sehr dankbar«, hörte sie Kuhn sagen und zuckte zusammen. O’Connor drehte irritiert den Kopf von ihr weg. Im selben Moment war er nur noch ein elegant gekleideter Mann mit einem gut geschnittenen Gesicht und einer grauenhaften Fahne, und Kika Wagner atmete auf.

»Danke!« Kuhn lächelte die Stewardess väterlich an. »Danke, dass Sie ihn hergebracht haben. Was das Gepäck angeht…«

»Unterwegs ins Hotel.« Die Stewardess zögerte. »Übrigens, er ist jetzt folgsam.« Sie zwinkerte O’Connor zu. »Nicht wahr? Oder wollen wir noch mal zur Passkontrolle und versuchen, dem Polizisten die Mütze abzunehmen?«

»Er hat was?«, fragte Kuhn.

»Gebt mir endlich was zu trinken«, murrte O’Connor auf Deutsch. »Sie hat mich stundenlang durch Gänge geschleift. Mir ist zum Kotzen.«

»Falsch«, berichtigte ihn die Stewardess. »Wir haben einen Teilchenbeschleuniger durchwandert, und allenfalls ist uns ein wenig übel. War’s nicht so?«

O’Connor grinste.

»Wollen Sie nicht bleiben?«

»Ein andermal.« Die Stewardess ging zur Tür. Dort hielt sie einen Moment inne und fügte an Wagner gewandt hinzu: »Passen Sie auf Ihren Hintern auf, sweetheart.«

O’Connor hob resignativ die Brauen, als die Tür hinter ihr zufiel. Kuhn drehte unsicher das leere Glas in seiner Hand. Dann lächelte er und klopfte O’Connor freundschaftlich auf die Schulter.

»Tja«, sagte er. »Da wären wir also in Köln. Ich hoffe, Sie…«

O’Connor schob sich wortlos an ihm vorbei und stelzte mit langen Schritten zu der kleinen Bar hinüber. Der Barmann, dem es oblag, den Champagner zu servieren, hatte mit so viel Eigeninitiative nicht gerechnet und machte sich hastig daran, die Flasche zu entkorken.

»Sie sind mein lieber Freund«, sagte O’Connor und schwang sich auf einen der Hocker, was ihm ohne Komplikationen gelang. Wagner folgte ihm, Kuhn im Schlepptau, dem es offenbar die Sprache verschlagen hatte. Sie bauten sich neben O’Connor auf und warteten, bis drei gefüllte Gläser vor ihnen standen.

»Also dann«, sagte Wagner, »herzlich willkommen.«

O’Connor wandte sich ihr zu und runzelte die Stirn.

»Kennen wir uns?«

»Ich heiße Kika Wagner. Ich arbeite für die Presseabteilung Ihres Verlages und…« Sie machte eine Pause und beschloss, sich ab sofort nicht mehr von ihm beeindrucken zu lassen, weder von seinen Blicken noch von sonst irgendwas, » .ich freue mich, freue mich wirklich sehr, Sie kennen zu lernen, Dr. O’Connor. Schön, dass Sie hier sind.«

O’Connor legte den Kopf zur Seite. Dann streckte er langsam die Hand aus. Wagner ergriff sie. Seine Finger umschlossen die ihren mit angenehm festem Druck.

»Es ist mir eine Ehre und ein besonderes Vergnügen«, sagte er. Sein irischer Akzent formte die Worte ein wenig weicher, ansonsten war sein Deutsch erstklassig. Das Schlingern in seiner Aussprache entsprach eindeutig der zugeführten Menge geistiger Getränke, die er im Laufe der letzten Stunden weggeputzt haben musste. Wagner überlegte fieberhaft, wie sie die Situation in den Griff bekommen sollte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass O’Connor schon betrunken eintreffen würde. Alles wäre weit weniger problematisch gewesen, hätte er nicht am selben Abend seinen ersten öffentlichen Auftritt zu absolvieren gehabt.

Er würde sich an dieser Bar ebenso festtrinken wie in Hamburg, als er seinen Pressetermin versäumt und die Journalisten zwei Stunden hatte warten lassen. Je mehr sie versuchen würden, ihn davon abzubringen, desto schlimmer wäre das Resultat.

»Sollen wir den Champagner vielleicht lieber ein andermal äh…?«, schlug Kuhn zaghaft vor. »Ich denke, wir sind ein bisschen knapp in der Zeit und .«

»Sie sind eine Milbe, Franz«, sagte O’Connor sehr bestimmt. »Diese junge Dame wird Champagner mit mir trinken, und Sie werden schweigen.« Er drehte Kuhn kurzerhand den Rücken zu und hob sein Glas. »Was Sie angeht, Sie sind ein sehr, sehr großes Mädchen.«

Er leerte das Glas in einem Zug.

Aus Kuhns Mund hätten die Worte sie in Rage versetzt. So, wie O’Connor es sagte, klang es beinahe wie ein Kompliment.

Sie nahm einen kleinen Schluck und beugte sich zu ihm herab.

»Eins siebenundachtzig, um genau zu sein.«

»Huuiiiii«, machte O’Connor und strahlte sie an.

»Wir sollten wirklich…«, begann Kuhn.

»Nein.« Wagner brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen und fragte O’Connor: »Wollen Sie noch ein Glas?«

O’Connor öffnete den Mund. Dann verharrte er und sah nachdenklich drein.

»Hatten wir nicht irgendwelche… Termine?«, sinnierte er.

»Heute Abend halten Sie eine kleine Ansprache im Physikalischen

Institut. Nicht der Rede wert. Noch jede Menge Zeit. Was ist, wollen wir die Flasche leer machen?«

Kuhn schüttelte verzweifelt den Kopf und wedelte mit den Händen. Wagner ignorierte ihn. Sie griff nach der Champagnerflasche und machte Anstalten, O’Connor nachzuschenken.

»Nein, äh…«

»He, was ist los? Keinen Durst mehr?«

»Doch, aber…«

O’Connor wirkte, als habe ihn irgendein höherer Umstand vor unlösbare Probleme gestellt. Unvermittelt sprang er von seinem Hocker, trat in die Mitte des Raumes und klatschte mehrfach in die Hände. Die Anwesenden sahen auf, sofern sie ihn nicht schon seit seinem Eintreffen beobachtet hatten.

»Alles mal herhören!«

Die Unterhaltungen verstummten.

»Was hab ich eigentlich erwartet«, seufzte Kuhn. »Warum sollte es diesmal anders sein.«

»Los, Zeitungen weglegen«, befahl O’Connor. »Maul halten jeder! Ich hab was Wichtiges zu sagen.«

In der Lounge wurde es tatsächlich mucksmäuschenstill.

O’Connor räusperte sich. Dann zeigte er auf Wagner.

»Diese Frau…«, rief er. »Diese einzigartige Frau…«

Atemloses Schweigen.

Er stockte.

Was immer er noch zu sagen beabsichtigt hatte, schien sich irgendwo in den Weiten seines Geistes verloren zu haben, ein Gedankenteilchen, kollidiert mit einem Antigedankenteilchen, gegenseitiger Exodus in einem grellen Blitz des Vergessens, gefolgt von bleierner Schwere. Sein Kopf sackte herunter auf die Brust. Einen Augenblick stand O’Connor da, als trage er alles Leid der Welt auf seinen Schultern.

Dann zuckte er die Achseln und schlurfte zur Tür.

»Okay«, sagte er zu seiner Krawatte. »Fahren wir.«

1998. 05. DEZEMBER. PIEMONT. LA MORRA

Ricardo stützte das Kinn in die Hände und betrachtete Jana. Sein Blick hatte etwas Entrücktes, als ordne er im Geiste Zahlenkolonnen zu Bilanzen.

»Wenn Sie das machen«, sagte er, »machen Sie nichts anderes mehr.«

Jana nickte.

Ricardos Aussage traf in doppelter Weise zu. Entweder sie erledigte den Auftrag, dann wäre es ihr definitiv letzter und der Ausstieg aus dem Geschäft. Nach einer solchen Operation weiterzumachen, käme einem glatten Selbstmord gleich. Wo immer ihr Name fiele, würde sich die ganze Welt darauf stürzen. Man würde Jagd auf sie machen und sie mit fingierten Anfragen ködern, bis sie irgendwann in die Falle ging. Ebenso wäre es ihr letzter Auftrag, sollte sie ihn vermasseln. Auch dann würde sie nichts anderes mehr machen, weil jemand, der tot ist, eben nichts mehr macht.

Wie immer es ausging, sie müsste Sonja Cosic, Laura Firidolfi und ein rundes Dutzend weiterer Identitäten noch am selben Tag zu Grabe tragen. Vor allem Jana durfte keinen Atemzug länger fortbestehen. Es wäre von einer Sekunde auf die andere so, als hätte es eine Spezialistin dieses Namens niemals gegeben.

Sie würde aufhören zu existieren.

Um Laura und den ganzen Rest war es ihr nicht schade. Bedauerlich wäre nur, dass auch Sonja dem Massaker an ihren diversen Alter Egos zum Opfer fiele. Sie war die Einzige, die eine Kindheit und Erinnerungen hatte an die Zeit, als die Phantasie noch über die

Wirklichkeit gebot. Sonja Cosic – der Rest von Unschuld, den Jana sich bewahrt zu haben glaubte. Inzwischen war sie skeptisch. Wie etwas Mumifiziertes in einer Schachtel, das man von Zeit zu Zeit hervorholt und mit einer Mischung aus Wehmut und Abscheu betrachtet, wohl wissend, dass es tot ist, erschien ihr die Unschuld dieser Sonja Cosic, die in der Krajina über Blumenwiesen gelaufen und ihrem Großvater in die Arme geflogen war, wenn er sie zum Speckessen hereinrief. Sonja mochte Jana sein, aber Jana hatte das Recht verwirkt, sich auf Sonja zu berufen.

Vielleicht war es gut, wenn Sonjas Kindergesicht endlich verschwinden würde, um nicht länger von der Realität herabgewürdigt zu werden.

Sollte sie zusagen?

»Als Chef der Finanzen plädiere ich natürlich für ein Ja«, bemerkte Ricardo, als habe er ihre Gedanken erraten. »Erstmals hätten wir den seltenen und bemerkenswerten Fall, dass wir Ihre ganze Person in eine andere Währung umtauschen müssten. Irgendwie amüsant, finden Sie nicht? Möglicherweise lernen Sie Schwedisch oder Innuit. Wenn wir Neuronet liquidieren, gäbe es noch ein paar Millionen obendrauf, es würde sich also lohnen. Natürlich könnten Sie nicht zurück nach Serbien gehen. Auch in Italien zu bleiben, würde ich für unklug halten. Aber es gibt schöne Ecken in England. Irland ist ganz wunderbar, wenn man mit ein paar Kübeln Regen leben kann. Der französische und spanische Norden hat schon ganz anderen Unterschlupf gewährt, und man kann hervorragend essen.«

»Das können wir später entscheiden«, sagte Jana.

Ricardo zuckte die Achseln.

»Es ist Ihr Leben. Nach Abzug aller zu erwartenden Kosten, die eine Löschung von Jana aus der Weltgeschichte und die Auferstehung einer bis dato nicht näher spezifizierten Person mit sich brächten, verblieben Ihnen schätzungsweise dreißig Millionen. Ich rechne jetzt in Dollar. Sie könnten danach aus Spaß als Apfelsinenpflückerin in Marokko arbeiten oder als Supermarktkassiererin auf Hawaii oder am besten gar nichts tun und teure Weine trinken, aber eine Waffe werden Sie nicht mal mehr in einem Spielsalon berühren. Nicht öffentlich, meine ich.«

»Nette Lektion. Danke.«

»Wir bereiten die Auflösung der Neuronet so vor, dass das Unternehmen im Moment, da Sie Ihren Auftrag erledigen, sämtliche Mittel verflüssigt, alle Schulden bezahlt und seinen Mitarbeitern am folgenden Tag ordnungsgemäß kündigt«, fuhr Ricardo ungerührt fort. »Die zu beziehenden Restgehälter und Abfindungen werden aus einem Fonds beglichen, den wir beizeiten installieren. Gruschkow bildet die Ausnahme, wie ich die Sache sehe, müssen wir auch ihm ein neues Leben finanzieren.«

Jana nickte. Maxim Gruschkow war der Chefprogrammierer von Neuronet und zugleich Janas engster Vertrauter, wenn es um die Planung und technische Durchführung ihrer Operationen ging.

»Mit dem Ende Janas endet übrigens auch dieses Haus«, sagte Ricardo. »Leider wird es abbrennen. Kurzschluss. Nichts wird übrig bleiben. Persönlich hätte ich Sie gern beerbt, aber wir wollen ja nicht sentimental werden.« Er machte eine Pause und sah sie über den Rand seiner Brille an. »Auch Silvio Ricardo wird einen neuen Namen und Aufenthaltsort brauchen. Wir stehen uns zu nahe. Ich würde mich ungern schmerzhaften Fragen aussetzen, die ich nicht beantworten kann.«

»Machen Sie sich keine Sorgen.«

Jana durchmaß das Büro mit langen Schritten. In Momenten größter Anspannung trieb es sie durch den Raum wie ein Raubtier, das seinen Käfig abschreitet. Sie überlegte. Ricardo hatte gut gearbeitet in Triora. Sie war nun im Besitz einiger Fotografien, die Mirko zeigten, immer allein. Ricardo hatte es vermieden, sie mit aufs Bild gelangen zu lassen. Außerdem wusste sie, dass Mirko von Turin zuerst nach Köln geflogen war, dort übernachtet und am nächsten Morgen eine Maschine nach Wien bestiegen hatte. Ab hier hatte sie die Beschattung ausgesetzt. Sie wollte nicht ernsthaft die vereinbarten Regeln brechen, nur ein bisschen schlauer sein, als man sie ließ.

»Wie ich es sehe, könnte der Auftrag direkt aus der Schaltzentrale der serbischen Regierung kommen«, sagte sie. »Ob Milosevic selbst so weit gehen würde, wage ich zu bezweifeln. Aber jemand anderer dort könnte auf die Idee gekommen sein, durchaus. Mirko hat genau das gesagt und anschließend versucht, den Kreis zu erweitern, als er die Russen mit ins Spiel brachte.«

»Das musste er wohl«, meinte Ricardo. »Aber es scheint mir ziemlich konstruiert. Die meisten Moskauer Regierungsbeamten sind mit den größeren kriminellen Vereinigungen des Landes verbunden, und da geht’s um Geld. Gut, Russland ist der Kernmarkt für Auftragsmorde, aber politisch halten sie sich eher raus. Die russische Mafia würde zu viel riskieren. Die verdienen an Tschetschenien, damit flicken sie dem Bären das Rückgrat, und alle sind wieder stolz. Alles, was die internationale Stabilität gefährdet, betrachten selbst die Kommunisten mit Skepsis.«

»Kommen Sie. Es ist nicht gerade eine sensationelle Neuigkeit, dass russische Offiziere und Ex-KGB-Agenten versuchen, Atomsprengköpfe zu verscherbeln.«

»Ich weiß, die Ukrainer. Das waren deutsche Geschäftsmänner, die den Deal eingefädelt haben.«

»Die korrupten Militärs verkaufen weltweit an den Meistbietenden. Und das sind Russen. Ich meine, wer dem Iran die Lieferung spaltbaren Materials zusagt, wird auch vor Königsmord nicht zurückschrecken.«

»Die Frage wäre immer, wer damit was erreicht.«

»Der Westen würde in seine Schranken verwiesen«, sagte Jana mit einer Heftigkeit, die sie selbst überraschte. »Er hätte endlich mal wieder mit sich selbst zu tun.«

Ricardo schwieg eine Weile.

»Bewundern Sie Milosevic immer noch?«, fragte er schließlich.

Jana hielt inne. Ihr Blick suchte in dem komfortablen Wohnzimmer mit den teuren italienischen Möbeln nach einem Halt. Dann trat sie zum Fenster und sah hinaus auf die Hügel der Langhe.

»Es ist ein Job«, sagte sie.

Ricardo räusperte sich. Er stand auf und gesellte sich neben sie.

»Ich weiß, dass es ein Job ist. Sehen Sie, ich bin Ihr Finanzbuchhalter. Meine Aufgabe besteht darin, die Aktivitäten Lauras und Janas unter einen Hut zu bringen und beide Geschäftsfrauen gewinnbringend zu beraten. Wenn ich das Terrain wechsle, um Ihre Motive zu hinterfragen, tue ich uns damit betriebswirtschaftlich gesehen keinen Gefallen.« Er machte eine Pause. »Aber wir sind uns näher gekommen. Ich weiß nicht, irgendwie fühle ich mich verpflichtet, Sie zu warnen. Für Jana ist es ein Job. Ich würde nicht eine Sekunde in Erwägung ziehen, den Auftrag abzulehnen. Wir haben uns nie für die Ideologien unserer Auftraggeber interessiert. Aber für Sonja könnte das Ganze zu einem persönlichen Feldzug werden. Sie könnten Fehler machen. Wenn Ihre Objektivität getrübt ist, werden Sie den Ausgang der Aktion gefährden, ob Sie wollen oder nicht. Und es ist immer noch ein Unterschied, ob Sie sich benutzen lassen oder benutzt werden. Auch darüber würde ich einen Moment meditieren, bevor ich die endgültige Entscheidung treffe.«

Jana dachte darüber nach.

»Milosevic zu vertrauen, war ein Fehler«, sagte sie. »Er richtet das Land zugrunde. Aber in den Grundsätzen hat er trotzdem Recht.« Sie seufzte, wandte sich ab und spürte Ratlosigkeit in sich aufsteigen. »Wir hatten bis heute nie die Situation, dass die Auswirkungen meiner Arbeit wirklich etwas… verändert hätten. Nicht wahr?«

»Nein. Eigentlich nicht.«

»Plötzlich vermischt sich wieder alles. Sie haben Recht, Silvio. Die Sache würde persönlich werden. Ich weiß, deshalb haben sie mich ausgesucht. Das ist es, was mir Mirko sagen wollte. Es ist nicht einfach ein Job, es stellt mich vor die Frage, ob wir der Welt ein solches Signal senden sollten. Und ob ich es will. Offen gestanden, Sonja Cosic steht gerade mit erhobener Faust auf einem Hügel in der Krajina, und alles in ihr schreit danach, dem Ruf zu folgen. Wir können uns nicht länger zu Randfiguren und Irrtümern der Geschichte degradieren lassen. Die Serben sind immer nur die Opfer gewesen. Jana hingegen weiß, was sie damit lostreten würde, und es ist ihr zumindest nicht völlig egal. Ich mache mir Gedanken um Menschen.«

»Das hat Leila Khaled auch gesagt.«

Jana wusste, worauf er anspielte. Die Palästinenserin Leila Khaled hatte zu den Volksfront-Kommandos gehört, die 1969 ein TWA- Flugzeug und im Jahr darauf einen Passagierjet von El-Al in ihre Gewalt gebracht hatten. Es ging ihnen nicht darum, den Menschen an Bord Schaden zuzufügen, sondern sie als Faustpfand zu benutzen, um Gesinnungsgenossen freizupressen, Publizität zu erlangen und den Blick der Öffentlichkeit auf die landesimmanenten Probleme zu lenken. Leila Khaled empfand sich selbst weder als skrupellos noch grausam, und wahrscheinlich hatte sie mit dieser Selbsteinschätzung sogar Recht. »Sehen Sie«, hatte sie später in einem der zahlreichen Verhöre gesagt, denen man sie unterzog, »ich hatte den Befehl, das Flugzeug zu besetzen, nicht, es in die Luft zu jagen. Ich mache mir Gedanken um Menschen. Hätte ich das Flugzeug hochjagen wollen, so hätte mich niemand daran hindern können.«

Aber die Geschichte Leila Khaleds lag dreißig Jahre zurück. Die Geschichte einer Idealistin, die nie etwas anderes hatte sein wollen – zitiert von einer Idealistin, die etwas anderes geworden war. Ein Professional, eine Auftragskillerin, die sich nicht mehr fragte, ob man für Geld töten durfte, sondern nur noch, wie weit man gehen konnte. Längst hatte sich ein Abgrund zwischen Jana und Leila Khaled aufgetan. Gerade darum traf Ricardos Bemerkung über das denkwürdige Statement der Palästinenserin Jana im Innersten. In den letzten Jahren hatte sie gut damit – und vor allem gut davon – leben können, Aufträge einfach zu erledigen. Eine andere Sache war der gerechte Kampf, den sie verloren geglaubt hatte und auf dessen Wiederaufnahme sie wartete. Beides voneinander zu trennen, hatte Jana keine sonderliche Mühe bereitet – bis zu dem Tag, als Mirko an sie herangetreten war und die alten Fragen neu aufgeworfen hatte.

Plötzlich schien über dem Abgrund eine Brücke zu schweben. Eine Einladung, die Kluft zu überbrücken.

Der Gedanke war verlockend. Es wäre beides zur gleichen Zeit. Die sachliche Erledigung einer Anfrage und der Triumph über die Arroganz eines feindlichen Imperialismus, der immer nur verurteilte, ohne sich je die Mühe gemacht zu haben, Sonja Cosics Volk zu verstehen. Und wiederum wäre es das größte je gezahlte Honorar, die Krönung und zugleich das Ende ihres Engagements, der Beginn eines neuen Lebens.

»Was raten Sie mir?«, fragte sie unvermittelt und wandte Ricardo ihr Gesicht zu.

Ricardo lachte leise.

»Sie wollen meinen Rat?«

»Ja.«

»Tun Sie es.«

»Warum?«

»Weil Sie auf die Dauer so nicht weitermachen können. Es wäre der Glanzpunkt und erklärte Gipfel Ihrer Karriere, und jeder weiß, dass der klügste Politiker auf dem Höhepunkt seines Ruhms zurücktritt. Sie wären gezwungen, völlig neu anzufangen, was Ihnen, glaube ich, ganz gut täte. Es würde Sie aus dem Dilemma erlösen, in dem Sie stecken, seit ich Sie kenne. Sie sind nicht wirklich glücklich, Jana. Nehmen Sie an. Tun Sie es. Viele würden Ihnen insgeheim auf die Schulter klopfen. Es gäbe Heulen und Zähneknirschen. Die Probleme Europas würden in den globalen Fokus geraten. Vielleicht würde der eine oder andere Staatenlenker darüber stürzen, aber weder die Vereinten Nationen noch Russland oder China sind an einem Schlagabtausch größeren Ausmaßes interessiert. Das Problem würde gelöst werden. Das Trojanische Pferd hätte den begehrtesten Skalp der Welt eingeholt, ohne dass es jemand wissen muss. Sie und Ihr Land hätten Genugtuung erhalten. Wie Sie persönlich damit umgehen, kann ich nicht beurteilen, aber das ist ja auch nicht meine Sache.«

»Was glauben Sie, woher der Auftrag kommt?«

»Serbien? Russland? Libyen? Mal ehrlich, Jana, spielt es eine Rolle, wer Ihnen die Möglichkeit gibt, ein neues Leben anzufangen?«

Jana starrte vor sich hin.

Plötzlich erschien es ihr, als steuere ihr Denken in eine Sackgasse. Es war, als öffne man in einem Programm mit begrenzter Speicherkapazität ein Fenster nach dem anderen, rufe Dateien über Dateien auf, bis auf dem Bildschirm der wohl vertraute graue Kasten erschien: Es ist zu wenig Speicherplatz vorhanden, um neue Fenster zu öffnen. Schließen Sie einige Fenster und versuchen Sie es erneut.

Es wurde dringend Zeit, einige Fenster zu schließen. Sie konnte nicht ihr Leben lang immer mehr Persönlichkeiten und Identitäten übereinander lagern. Ricardo hatte Recht. Jana war am Ende angelangt. Zwischen Professionalismus und Patriotismus hatte sich ihr innerer Cursor sozusagen aufgehängt.

Ein letzter großer Geniestreich, der alle Persönlichkeiten wieder miteinander vereinte – und dann aussteigen. Jemand anderer werden.

Dieses Haus in den Weinbergen des Piemont würde verschwinden.

Wenn schon. Es war schön, aber zu ersetzen. Sie hätte dreißig Millionen Dollar zur Verfügung!

Sie könnte endlich aufhören, Sonja Cosic hinterherzulaufen.

»Silvio«, sagte sie.

»Ich höre.«

»Setzen Sie sich mit Mirko in Verbindung. Sagen Sie ihm, ich akzeptiere den Auftrag. Er soll mich mit den nötigen Einzelheiten versorgen und eine Million auf das bekannte Konto überweisen.«

Silvio lächelte.

»Wird gemacht«, sagte er. »Signora Firidolfi.«

JUNI. KOELN. AIRPORT

Hätte O’Connor nicht nachweislich aus Dublin gestammt, hätte man ihn dorthin erfinden müssen – zumindest, was Wagners Verständnis der irischen Autorenszene betraf. Für sie war O’Connor weniger Physiker als Schriftsteller, eine Sichtweise, deren Subjektivität sie sich durchaus bewusst und die letztlich unzutreffend war. Zu allem Überfluss war O’Connor – obschon in Dublin geboren und dort aufgewachsen – nicht mal ein hundertprozentiger Ire. Sein Vater war Dubliner, seine Mutter stammte aus Hannover. Diesem Umstand verdankte es O’Connor, zweisprachig aufgewachsen zu sein und das Deutsche ebenso fließend zu beherrschen wie das Englische. Wollte er von beiden nicht verstanden werden, zog er sich auf die angestammte Sprache der Iren zurück und sprach gälisch, um seine Verbundenheit zu den keltischen Wurzeln seines Volkes zu bekunden. Ob dahinter echtes Interesse oder akademische Selbstgefälligkeit steckte, jedenfalls hatte er die archaische Sprache gelernt und oft genug zur Anwendung gebracht – im Westen und Nordwesten, wo er mitunter tageweise verschwand und nur alte Männer mit Stoppelbärten und Fischgeruch in den Kleidern zu sagen wussten, wo er steckte.

Die Wissenschaft hatte O’Connors Ruf geprägt, und als Wissenschaftler war er weder irisch noch überhaupt in irgendeiner Weise typisch. Die meisten Wissenschaftler, die Wagner kennen gelernt hatte, taten sich mit modischen Akzenten schwer. Sie balancierten Atome auf nanometerspitzen Nadeln, schienen aber faustgroße Beulen und Knitterfalten in Jackett und Hose nicht wahrzunehmen. Jüngere Generationen trugen Jeans und T-Shirt und entsprachen – wie die deutschen Forscher Gerd Binnig oder Horst Störmer – wenigstens ansatzweise dem Bild des akademischen Abenteurers. Eine wissenschaftliche Theorie wurde, wenn sie in sich stimmig war, in der Szene gern als elegant bezeichnet, der dazugehörige Theoretiker war es in den seltensten Fällen. O’Connor im stahlgrauen Armani-Anzug mit abgestimmter Krawatte und gleichfarbigem Hemd, braun gebrannt und perfekt frisiert, widersetzte sich dem einen Klischee in gleicher Weise, wie er das andere provozierte. Was ihm, wie Wagner zugeben musste, beides auf recht eindrucksvolle Weise gelang.

O’Connor, der Physiker, gefiel sich als Aushängeschild des Dublin Trinity, wo er sich seine Sporen verdient und das ihn gefördert hatte. Der Schriftsteller O’Connor war hingegen bekannt dafür, sich mit seiner Heimatstadt anzulegen, wo es nur ging. Damit befand er sich in bester Gesellschaft, was möglicherweise die Triebfeder seiner fortgesetzten Schmähreden darstellte. Jonathan Swift hatte Dublin erbärmlich genannt, W. B. Yeats bezeichnete die Metropole als blind und ignorant, während George Bernard Shaw zumindest von einer gewissen, für Dublin bezeichnenden Verhöhnung und Herabwürdigung sprach. James Joyce bekundete oft genug, er habe die Stadt der Unzufriedenheit, der Boshaftigkeit und des Scheiterns satt bis obenhin und sehne sich danach, weit weg zu sein. Dennoch konnten sie alle nicht von Dublin lassen. Jeder von ihnen vertrat auf seine Art die Paradoxie der Stadt an der Liffey, das Triste und Glitzernde, wie Joyce angemerkt hatte, den heruntergekommenen Wirrwarr, ohne den er dennoch nicht hätte leben und arbeiten können. Worauf immer die Hassliebe gründete, die Irlands Literaten ihrer Stadt entgegengebracht hatten, O’Connor hatte sie aufgenommen und liebevoll kultiviert.

Wagner zweifelte an der Ernsthaftigkeit seiner Verstimmung über den Trümmerhaufen, wie er Dublin nannte. Als wäre ihm nicht sonnenklar gewesen, dass sich hier im zwanzigsten Jahrhundert eine literarische Strömung ersten Ranges herausgebildet hatte, deren Vertreter allesamt ihren Habitus als Dickschädel pflegten, tranken und diskutierten und eher nebenbei zu ihren Meisterwerken fanden. Samuel Beckett, Brendan Behan und der einzigartige Flann O’Brien führten nicht nur mit sportlichem Ehrgeiz Prozesse gegeneinander, sondern waren auch Stammgäste in den Pubs, was ihnen den mythisch überhöhten Ruf begnadeter Trinker einbrachte. Ob O’Connor deshalb soff wie ein Loch, blieb dahingestellt; ebenso, ob überhaupt einer der als versoffen gehandelten irischen Literaten wirklich so viel getrunken hatte. Fest stand, dass kaum ein anderes Volk, insbesondere dessen intellektuelle Kaste, seine eigenen Klischees dermaßen auf die Spitze getrieben hatte wie die Iren. Nicht, weil sie es so wollten, sondern weil sie so waren. Tatsächlich schien Irland das einzige Land der Welt zu sein, in dem sich jedes Klischee bis zur hundertprozentigen Übernahme durch die Realität verwirklichte. So war es nur natürlich, dass O’Connor nicht einfach betrunken, sondern betrunken von irischem Whisky in Wagners Leben getreten war. Und dass er, ganz in der Tradition seiner schreibenden Vorgänger, aufrecht gehend durch sein Delirium schritt, mit einer gewissen Erhabenheit und in völliger Übereinkunft mit sich selbst.

Sie verließen die Lounge und durchquerten den ersten Stock des Flughafens. Köln-Bonn war eine Baustelle. An der Nordostflanke entstand eine neue Welt aus Stahl und Glas. Zu Beginn des neuen Jahrtausends würden Reisende in einem achtzehn Meter unter der Erde angelegten Bahnhof per ICE eintreffen und nach weniger als einhundert Schritten den Check-in passiert haben, um von luxuriösen Sesseln auf das Rollfeld zu blicken. Das Projekt folgte den Erfordernissen. Von der Gemütlichkeit alter Tage war nicht mehr viel zu spüren. Die Passagiere bevölkerten das viel zu kleine alte Terminal wie einen Ameisenbau. Noch war der neue Super-Airport nicht mehr als ein hochtechnisiertes Tohuwabohu, dem seit Anfang des Monats die weltpolitische Elite beinahe täglich die Ehre erwies.

Sie nahmen die Rolltreppe nach unten. O’Connor hatte seit Verlassen der Lounge nichts mehr gesagt.

»Wie war denn der Flug?«, fragte Kuhn endlich und drehte sich um, weil Wagner und der Doktor eine Stufe über ihm standen, während sie nach unten glitten. O’Connor hob die Brauen. Er streckte waagerecht seine linke Hand aus, spreizte Daumen und Zeigefinger ab und begann, sie hin- und her zu bewegen, als fliege sie Kurven.

»Bssssssssss«, sagte er.

»Ah.« Kuhn nickte. »Mhm.«

»Sagen Sie mal, Doktor«, fragte Wagner maliziös, »haben Sie sich eigentlich gut amüsiert in Hamburg? Nachtleben und so?«

Kuhns Augen weiteten sich vor Bestürzung.

»Ich glaube kaum, dass Liam uns darüber Rechenschaft schuldig ist, Kika«, zischte er. »Die ständige Fliegerei ist ausgesprochen anstrengend, wer ist danach schon wirklich frisch! Ich hab zum Beispiel Flugangst. Ich trinke ganz gern einen, wenn der Vogel hochgeht. Ist daran irgendwas auszusetzen?«

»Kika?«, echote O’Connor.

Wagner lächelte. »Mein Vorname.«

»Sie ist…«, begann Kuhn.

»Warum heißen Sie Kika, du lieber Himmel?«, rief O’Connor mit todernster Miene. »In Deutschland heißen die Frauen Heidi oder Gaby. Sie heißen Gaby. Merken Sie sich das.«

»Gehen«, sagte Wagner. »Jetzt.«

O’Connor warf die Stirn in Falten. Im nächsten Moment stolperte er, fing sich und taumelte über das Ende der Rolltreppe hinaus zwischen die Leute, die das Erdgeschoss bevölkerten. Er fluchte auf Gälisch. Kuhn sprang hinzu und ergriff ihn am Arm. O’Connor straffte sich, schüttelte den Lektor mit ärgerlichem Grunzen ab und drehte sich nach allen Seiten um, bis er Wagner erblickte.

»Sie hätten mir ruhig sagen können, dass wir in einen anderen Quadranten kommen«, knurrte er. »Pfui, Uhura! Kirk an Brücke, beamen Sie das Weibsstück in die nächste Singularität.«

Wagner sah zu Kuhn herüber, der mit gespreizten Fingern und hochgezogenen Schultern Hilflosigkeit bekundete.

»Tut mir leid«, sagte sie. »Draußen ist alles voller Klingonen. Sie wollen mich doch nicht im Ernst da rausschicken.«

»Doch«, erwiderte O’Connor und schürzte die Lippen. »Aber erst fahren wir ins Hotel.«

»Sehr gern.«

Sie setzten sich wieder in Bewegung. Wagner steuerte die gläsernen Flügeltüren an, die nach draußen zu den Taxis führten. Es war geplant, dass Kuhn mit O’Connor eine Limousine nahm und einen Abstecher über den Neumarkt zu einer der dortigen großen Buchhandlungen machte, wo O’Connor einhundert Bücher signieren sollte. Wagner wünschte, sie hätten die Bitte der Buchhandlung abschlägig beschieden, aber es war nicht mehr zu ändern. Sie selbst würde mit dem Golf ins Maritim fahren, wo sie O’Connor einquartiert hatten, dort sein Zimmer inspizieren und dem weiteren Verlauf des Tages entgegensehen. Das konnte heißen, mit O’Connor wie geplant den Dom zu besichtigen und möglicherweise zu ersteigen, was nicht sonderlich originell, aber für ausländische Besucher unabdingbar war. Es konnte ebenfalls heißen, den Nachmittag freizunehmen. O’Connor in seinem Zustand den Dom hinaufzuverfügen, gehörte zu den Dingen des Lebens, deren Wahrscheinlichkeit gegen null strebte. Sie konnten froh sein, wenn er es pünktlich um 19.00 Uhr ins Physikalische Institut der Kölner Universität schaffte. Zwar war der eigentliche Zweck der O’Connor’schen Tournee, sein neues Buch vorzustellen, aber das Institut hatte die Gelegenheit ergriffen, ihn zu einem Fachvortrag einzuladen. Immerhin war O’Connor soeben für den Nobelpreis vorgeschlagen worden, weil er das Licht gebremst hatte. Was auch immer das im Klartext hieß.

Sie hoffte für den Taxifahrer, der die Ehre mit O’Connor haben würde, dass sein Gast nicht auf die Idee kam, Warp-Geschwindigkeit zu befehlen. Falls doch, musste Kuhn eben eine Weile zusehen, wie er allein mit ihm fertig wurde.

Unterdessen hatte O’Connor offenbar Gefallen am Vokabular von Star Trek gefunden. Er ließ seinen Blick schweifen und zeigte auf eine Gruppe Japaner.

»Vulkanier«, sagte er.

Wagner lachte leise und ging weiter. Er hielt sie am Arm fest. Etwas, das sie normalerweise hasste. Aber sein Griff hatte nichts Forderndes.

»Bleiben Sie doch mal stehen, Kaki… Kika. Pardon. Gaby.« O’Connor senkte seine Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. »Der Flughafen ist unterwandert. Extraterrestrische Intelligenzen. Ich schlage vor, wir türmen.«

»In der Tat.« Wagner blickte einmal in die Runde. »Wir müssen es der Sternenflotte melden.«

»Unbedingt«, rief O’Connor und strahlte.

»Aber erst fahren wir ins Hotel, ja?«

Er schien nachzudenken.

»Wieso?«, sagte er gedehnt. »Wollten wir nicht irgendwo was trinken? Ich hätte wirklich gern was zu trinken, Gaby. Meine Kehle ist trocken wie ein Wurmloch. Wollen Sie, dass ich verdurste?«

»Im Hotel gibt es jede Menge zu trinken«, sagte Kuhn. »Wir trinken was im Hotel.«

O’Connor griff nach seiner Nasenspitze und ließ sie wieder los.

»Wer hat denn gesagt, dass wir ins Hotel fahren?«

»Sie.«

Die lapidare Antwort schien Wunder zu wirken. O’Connor setzte sich wortlos wieder in Bewegung. Wagner kam sich vor wie in einer Springprozession. Einen Schritt vor, zwei zurück. Sie fragte sich, wie betrunken der Physiker tatsächlich war. Irgendetwas sagte ihr, die Hälfte sei bloßes Theater. Mindestens die Hälfte.

Sie fühlte ihre Geduld schwinden und beschleunigte ihr Tempo. Die Flügeltüren glitten auseinander.

»Paddy!«, schrie O’Connor unvermittelt.

Wagner blieb stehen, holte tief Luft und fuhr herum. Lächeln, dachte sie. Freundlich sein. Denk an deinen Auftrag, er soll glauben, du bist seine Pressetante, nicht sein Wachhund. Pressetanten sind einfühlsam und lieb und endlos belastbar.

Sie konnte an Kuhns Miene sehen, dass er sich ernsthaft Sorgen machte. Plötzlich tat er ihr leid. Später würde ihn keiner danach fragen, wie schwer er es mit O’Connor gehabt hatte.

Sie im Übrigen auch nicht.

»Wir müssen dann mal«, sagte sie sanft. »Wirklich, Dr. O’Connor. In der Buchhandlung warten alle auf Sie, und .«

O’Connor hörte nicht zu. Er starrte in eine andere Richtung und begann dann, von ihnen fortzulaufen, zurück in Richtung Rolltreppe.

»Paddy Clohessy! Patrick!«

»Ich halt’s nicht aus.« Kuhn kniff die Lippen zusammen. »Dieses gottverfluchte Arschloch wird wieder alles kaputtmachen.« Sein rechtes Bein zuckte. Dann ging er dem davoneilenden Doktor mit vor Wut steifen Schritten nach. Wagner folgte ihm. Sie wusste, was sich in Kuhns Innerem abspielte. Er sah den Termin im Physikalischen Institut platzen. Es würde den üblichen Eklat nach sich ziehen. Memoranden würden geschrieben werden. Er würde pausenlos telefonieren und Entschuldigungen stammeln müssen. Sie würden ihn lynchen, häuten und vierteilen, erst in Köln, dann in Hamburg.

»Dr. O’Connor!«

O’Connor war stehen geblieben. Er wirkte plötzlich weit weniger betrunken als zuvor. Sein Finger wies in die Richtung, in der die Aufzüge lagen.

»Können wir jetzt gehen?«, bat Kuhn. »Sie werden die Signierstunde verpassen.«

O’Connor sah ihn an.

»Das war Paddy Clohessy«, sagte er.

»Ja, fein. Ich weiß nicht, wer das ist. Ich gebe nur zu bedenken…«

»Er ist in dem Aufzug verschwunden. Nicht zu fassen. Wir müssen hochfahren. Wo fahren die Aufzüge denn hier überall hin?«

»Nach oben«, seufzte Kuhn. »Nach unten. Wohin Sie wollen.«

O’Connor nickte befriedigt.

»Nach oben!«

Sie fügten sich in ihr Schicksal und fuhren mit dem fraglichen Lift in den ersten Stock. O’Connor streunte eine Weile zwischen den Countern herum und kam kopfschüttelnd zurück.

»Was ist unten?«, fragte er.

»Nichts. Die Straße.« Kuhn bleckte die Zähne. »Möchten Sie die Straße sehen? Man kommt von da ganz prima zu den Parkplätzen. Wirklich ganz wunderbar.«

O’Connor wirkte unentschlossen.

»Entweder«, sagte Wagner ruhig, »kommen Sie jetzt mit, oder Sie dürfen mich nicht mehr Gaby nennen. Was ist Ihnen lieber?«

Schließlich gab er auf. Sie schafften es ohne weitere Zwischenfälle zu den Taxis. Kuhn verfrachtete den Physiker auf den Vordersitz eines BMW und stieg selbst hinten ein. Wagner beugte sich zum Seitenfenster hinunter und gönnte sich einen letzten Blick in O’Connors Augen.

Er sah zurück. Ebenso gut hätte er ihr eine Einladung schicken können, sich unbekleidet in seinem Badezimmer einzufinden.

Die Scheibe summte herunter.

»Was heißt denn nun Kika?«, fragte er.

»Kirsten Katharina. Mir hat weder das eine noch das andere gefallen. Meinen Eltern offenbar auch nicht. Ich heiße Kika, seit ich denken kann.«

O’Connor versuchte so etwas wie eine Verbeugung. Sitzend und angeschnallt sah es ziemlich komisch aus.

»Kika«, sagte er. »Ki-Ka!«

»Bis später.« Sie klopfte zum Abschied gegen die Tür und wartete, bis der Wagen losgefahren war.

Kuhn hatte nicht einmal gelogen, als er sagte, O’Connor sei der netteste Mensch der Welt.

Er hat lediglich vergessen zu erwähnen, wie nett.

1998. 09. DEZEMBER. KOELN

Die Frau, die am frühen Abend die Passkontrolle des Köln-Bonn Airport durchschritt, sah der Unternehmerin Laura Firidolfi ebenso wenig ähnlich wie der Person, die Mirko in Triora getroffen hatte. Der Beamte warf einen flüchtigen Blick auf ihre Dokumente und nickte, den Blick schon auf den nächsten Ankömmling gerichtet. Die

Maschine aus Turin war nicht voll gewesen. Die Abfertigung erfolgte reibungslos und ohne besondere Vorkommnisse, sah man davon ab, dass eine der gefährlichsten Frauen der Welt Kölner Boden betrat. Hätte der Beamte die Höflichkeit der Briten besessen, hätte er sich möglicherweise ein Lächeln und ein »Danke, Signora Baldi« abgerungen, aber hier war Deutschland.

Jana rückte die getönte Brille den Nasenrücken hinauf und beobachtete sich im Näherkommen in der Scheibe eines Schaukastens, als sie mit den anderen Passagieren zu den Gepäckbändern schritt. Die Frau, die ihr entgegenkam, hatte graues, straff nach hinten gebürstetes Haar, trug einen etwas aus der Mode gekommenen Mantel und wollene Handschuhe. Die Umhängetasche war aus Leder und sicher nicht billig gewesen, mittlerweile aber ebenso abgewetzt wie ihre Besitzerin. In wenigen Minuten würde sie ihren Koffer hinter sich herzerren, ohne dass sich ein aufmerksamer Mann fände, um ihr die Last abzunehmen. In ihrer Erscheinung gehörte die frühzeitig ergraute Frau mit dem arthritischen Gang zu jener Kategorie von Menschen, die sich buchstäblich durch nichts kenntlich machen, weder durch gutes noch durch schlechtes Aussehen, und die man aussortiert, bevor man sie richtig wahrgenommen hat.

Sie wartete in der Halle der Gepäckausgabe und sah mit leblosem Blick die Werbung auf den Transportbändern an. Mittlerweile hatten es findige Konstrukteure geschafft, die Kunststoffschuppen der Bänder für Displays zu nutzen, die der ständigen Beanspruchung durch die drauf gepfefferten Koffer und Taschen standhielten. Gepäckstücke näherten sich nun nicht länger auf neutralem Schwarz, sondern auf Waschmitteln, Fernsehzeitschriften, glücklichen Hausfrauen, Mineralwässern oder Hundefutter.

Der Koffer geriet in Sichtweite. Jana ließ die Grauhaarige ihre rechte Hand ausstrecken und das schwere, unförmige Teil ergreifen. Sie zog den Koffer hinter sich her, nahm draußen ein Taxi und ließ sich zu der kleinen, preiswerten Pension hinter dem Bahnhof bringen, wo sie für die folgende Nacht ein Zimmer reserviert hatte. Dem Rheinpanorama schenkte sie im Vorbeifahren ebenso wenig Beachtung wie den erleuchteten Domtürmen und der Kirche Groß St. Martin. Der Taxifahrer wollte wissen, ob sie das erste Mal in Köln sei. Sie antwortete in gebrochenem Deutsch, sie besuche Verwandte. Danach fragte der Taxifahrer nichts mehr, weil eine verblühte und radebrechende Mittvierzigerin, die in Köln Verwandte besucht, nichts über Fußball und lokale Politik weiß und einem Taxifahrer darum nichts Bemerkenswertes zu erzählen hat.

Die Pension erwies sich als einfach, aber gemütlich. Diesmal erbot sich der Besitzer, ihr den Koffer auf das schmale Zimmer im zweiten Stockwerk zu tragen, und sie ließ ihn gewähren, kramte nach einem Zweimarkstück und drückte ihm die Münze in die Hand. Der Mann teilte ihr unbeeindruckt mit, Frühstück gäbe es bis 9.30 Uhr. Sie nickte, lächelte dankbar und wartete, bis seine Schritte auf der Treppe verklungen waren.

Dann starrte sie eine Weile reglos aus dem Fenster und machte Pläne.

Gegen acht verließ sie das Hotel, nachdem sie sich einen nicht so teuren Italiener hatte empfehlen lassen, der in unmittelbarer Domnähe lag. Dort aß sie Penne all’arrabiata und trank zwei Gläser Rotwein.

Anschließend schulterte sie ihre Umhängetasche und ging durch die mittlerweile geschlossenen Buden des Weihnachtsmarktes auf der Domplatte hinunter zum Rhein. Eine Zeit lang ließ sie ihren Blick schweifen und den späten Schiffen folgen, machte sich im Geiste Notizen und fügte lose Gedankengänge zusammen. Im Päffgen, dem traditionsreichen Brauhaus in der Altstadt, probierte sie Kölsch, fand den Geschmack angenehm und machte sich um kurz nach zehn wieder auf den Rückweg in die Pension, wo sie ihr Zimmer aufsuchte, das Licht löschte und sofort einschlief.

Das Frühstück nahm sie um 9.00 Uhr ein, bezahlte ihre Rechnung und bat darum, den Koffer noch eine Stunde im Flur stehen lassen zu dürfen. Dann fragte sie nach dem nächsten großen Kaufhaus. Der Pensionswirt versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln, und schickte sie, nachdem die grauhaarige Frau sich mangels erforderlicher Deutschkenntnisse als unfähig dazu erwiesen hatte, zum Kaufhof. Jana bedankte sich, ließ sich vom Menschenstrom auf der Hohe Straße mittreiben und betrat das Kaufhaus wenige Minuten später. Nach kurzer Orientierung fand sie die gesuchte Abteilung und erstand einen eleganten Koffer von MCM und eine passende Handtasche. Sie bezahlte bar, verstaute die Handtasche in dem Koffer und zog diesen hinter sich her bis zum Bahnhof, wo sie ihn in einem Schließfach deponierte und zurück zur Pension ging, um ihren eigenen Koffer zu holen. Man rief ihr dort ein Taxi, mit dem sie sich zum Bahnhof fahren ließ, den neuen Koffer dem Schließfach wieder entnahm und mit beiden Gepäckstücken in der öffentlichen Toilette verschwand.

Dort suchte sie eine Kabine auf, befand den winzigen Raum nach einem schnellen Blick für tauglich und schloss hinter sich ab.

Was nun geschah, erfolgte mit dem messerscharfen Timing vollendeter Professionalität. Im Nu hatte Jana den schäbigen Koffer entleert, einen Teil des Inhalts auf den geschlossenen Toilettendeckel gelegt und den Rest vor sich auf den Boden gestapelt. Es war alles andere als einfach, in den beengten Verhältnissen einer öffentlichen Toilette Koffer größeren Formats umzupacken, aber durchaus machbar, wenn man in so etwas Übung hatte. Jana brauchte dafür keine zwei Minuten. Kleidung und Accessoires wechselten den Aufbewahrungsort, das meiste verschwand in dem neuen Koffer, verschiedenes in der neuen Handtasche. Sie legte die unscheinbaren Kleider, die sie am Leibe trug, bis auf BH und Slip ab, zog die graue

Perücke von ihrem Kopf und rubbelte die hauchdünne Schicht Latex von Stirn und Wangen, die ihrer Haut das unreine und verblühte Aussehen gegeben hatte. Mit schnellen, aber kontrollierten Bewegungen legte sie nacheinander eine schwarze Strumpfhose, eine gleichfarbige Bluse, einen engen grauen Rock und ein dazu passendes Jackett an, verfügte eine teure Uhr und dezenten Silberschmuck um Handgelenke und Hals und schlüpfte in ein Paar mattschwarzer Pumps. Rasch zog sie einen Handspiegel hervor und widmete sich ihrem Gesicht. Das Make-up nahm eine zusätzliche Minute in Anspruch, dann verschwand ihr Naturschopf unter einer weiteren künstlichen Haartracht. Im nächsten Moment fielen blonde Locken auf Janas Schultern. Sie verstaute die Schminkutensilien in ihrer Handtasche, packte die graue Frau namens Baldi mit allem Drum und Dran zu ihrer übrigen Kleidung, warf ein schwarzes Lodencape um ihre Schultern und verließ die Kabine entspannt mitsamt ihren neuen Gepäckstücken.

»Ich glaube, da drinnen hat jemand seinen Koffer vergessen«, sagte sie zu der Toilettenfrau auf Deutsch mit slawischem Einschlag und platzierte eine Münze auf ihrem Teller. Ohne eine Antwort abzuwarten, den MCM-Koffer fest im Griff, die Handtasche unter den Arm geklemmt, ging sie hinaus in die Bahnhofshalle und von dort zum Taxistand. Der Fahrer des ersten Wagens, der sie kommen sah, stieg unverzüglich aus und half ihr, den Koffer zu verstauen. Sie registrierte befriedigt, dass er den Blick verstohlen an ihr herunterwandern ließ, bevor er sie hinten einsteigen ließ.

»Hotel Kristall«, sagte sie.

Den Koffer auf der Bahnhofstoilette und die alte Umhängetasche darin würde man ins Bahnhofsfundbüro geben. Beide Teile hatte sie ausschließlich mit Handschuhen angefasst, aber da sie leer waren und keinerlei Besonderheiten aufwiesen, würde kein Mensch je auf die Idee kommen, sie auf Fingerabdrücke hin zu untersuchen. Nach kurzer Zeit, in der niemand kam, um sie abzuholen, würden sie auf den Müll wandern oder in den Besitz irgendeiner armen Seele übergehen.

Jemand war nach Köln eingereist. Jemand anderer würde ausreisen. Das war alles.

Belustigt dachte Jana an die unzähligen Bücher und Filme, in denen Geheimagenten und Gangster ähnliche Verwandlungen mit ihrem Äußeren vollzogen hatten wie soeben sie. Immer wurde es als etwas Besonderes dargestellt, aber es war nichts Besonderes. Verwandlung gehörte zur Routine. Es ging lediglich darum, möglichst oft die Spur hinter sich abzubrechen, tunlichst, bevor irgendjemand sie überhaupt erst aufgenommen hatte. Möglicherweise war alles, was sie diesbezüglich bisher getan hatte und noch tun würde, gar nicht nötig. Zu einem späteren Zeitpunkt würde sie mit einiger Gewissheit offiziell als Laura Firidolfi nach Köln reisen. Im Moment jedoch gefiel es ihr so besser.

Kein Mensch würde später bekunden können, ob eine Person, die möglicherweise verantwortlich war für die kommenden Ereignisse, je in Köln geweilt hatte. Die Rekonstruktion der Vorgänge würde nahezu unmöglich werden. Zu keiner Zeit würde jemand Jana in Köln erblickt haben. Jana, wie sie wirklich aussah, gab es ohnehin nur in der Gestalt Laura Firidolfis, und die weilte zur Zeit im Beisein ihres Finanzdirektors Silvio Ricardo und des Chefprogrammierers der Neuronet, Maxim Gruschkow, im italienischen Süden, was beide auf Ehre und Gewissen bezeugen konnten.

Das Taxi stoppte vor dem Kristall, einem nicht ganz geschmackssicheren, aber dennoch gehobenen und komfortablen Designerhotel an der Nord-Süd-Fahrt. Sie gab dem Taxifahrer ein großzügiges Trinkgeld und ließ ihn den Koffer ins Innere tragen, wo dienstbare Geister sich unverzüglich um die Weiterbeförderung aufs Zimmer kümmerten. An der Rezeption wies sie sich als Karina Potschowa aus, Geschäftsfrau aus der Ukraine, erkundigte sich nach den wichtigsten Sehenswürdigkeiten und ließ beim Nobelitaliener Alfredo für den Abend einen Tisch reservieren.

Das Kristall entsprach Janas Vorstellungen von Lebensart schon wesentlich eher, wenngleich es ihr nichts ausgemacht hatte, in der Pension zu wohnen. Die jetzige Verkleidung hatte mehr mit der echten Jana zu tun als die graue Frau und war dementsprechend mit einer Reihe erfreulicherer Begleitumstände verknüpft. Dennoch nahm Jana auch eine verlauste Bruchbude in Kauf, wenn es die Sache erforderlich machte. Solange sie in die Rolle einer anderen Person schlüpfte, war sie diese Person. Sie bewegte sich so, dachte so, empfand so. Wer sich verkleidet vorkam, verhielt sich auch verkleidet. Jana war jeweils, was sie gerade darstellte.

Einen Augenblick gönnte sie sich den höchstpersönlichen Moment des Wohlgefühls, gute Kleidung zu tragen und den Luxus eines besseren Hotels zu genießen. Sie würde ausgezeichnet essen und einen hervorragenden Barolo oder Amarone dazu trinken. In bester Laune stattete sie ihrem Zimmer einen kurzen Besuch ab, kontrollierte ihr Make-up und begab sich zum Dom, den sie jetzt ausgiebig bestaunte, als sähe sie das kolossale Bauwerk zum ersten Mal. In einem der Andenkengeschäfte zwischen Bahnhof und Kathedrale, eingelagert in die hässliche Betonplatte, die dem Dom als Sockel und Heerscharen von Touristen als Erlebnisplattform diente, erstand sie einen Stadtplan und einen Stadtführer, überflog die wichtigsten Passagen und begann ihre scheinbar ziellose Wanderung durch die Stadt.

An diesem Tag lernte Jana kennen, was sie an Köln am meisten interessierte. Opernhaus und Theater, die Museen, das Rathaus und sonstige repräsentative Gebäude, von denen zu erwarten stand, dass man dort Staatsgäste empfing, sowie die angesehensten und teuersten Hotels und die Altstadt. Noch besaß sie keinerlei Informationen darüber, welche dieser Plätze später eine maßgebliche Rolle spielen würden, falls überhaupt einer darunter war, aber sie kannte nunmehr in grober Skizzierung das Terrain und konnte erste Ideen entwickeln.

Der folgende Tag würde dem Flughafen gehören. Sie wusste, dass sie noch einige Male herkommen musste, aber schon dieser erste Besuch versprach Ergebnisse. Übermorgen um dieselbe Zeit, wenn Karina Potschowa nach Turin weiterreiste, um sich kurz darauf wieder in Laura Firidolfi zu verwandeln, würde sie zumindest wissen, was alles nicht ging.

Zum wiederholten Male fragte sich Jana, ob sich Mirkos Auftraggeber wirklich darüber im Klaren waren, was sie da verlangten.

Sie spuckten fünfundzwanzig Millionen aus.

Sie mussten sich darüber im Klaren sein!

Eine Gruppe Holländer lief, die Häupter gekrönt von billigen Nikolausmützen, an ihr vorbei und schwenkte Einkaufstüten.

Richtig. Es war ja Weihnachten.

Seltsam, dass man sich trotz opulenter Weihnachtsmärkte und eindeutiger Dekorationen in den Schaufenstern immer wieder daran erinnern musste. Das war in Deutschland nicht anders als im Rest von Europa. Vielleicht, weil das Fest der Liebe durch Öffnungszeiten geregelt war.

Jana projizierte die Vorstellung eines Fadenkreuzes auf das Innere ihrer Netzhaut und nahm einen der Holländer ins Visier. Er lief gestikulierend neben den anderen her und redete auf sie ein.

»Bumm«, sagte sie leise.

Der Holländer lachte. Die Gruppe entfernte sich. Jana sah ihnen einige Sekunden lang hinterher und widmete ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen.

JUNI. KOELN

Wagner fuhr zuerst ins Maritim, um sich zu vergewissern, dass O’Connors Gepäck ordnungsgemäß auf seine Suite geschafft wurde. Sie musste einige Minuten warten, bis die beiden Koffer und die Golftasche eintrafen, die O’Connor zu allen Zeiten mit sich führte. Wenn er nicht gerade schrieb, forschte oder betrunken war, spielte er Golf wie ein Wahnsinniger. Sie hatten ihn für den folgenden Tag als Gast der Stadtsparkasse Köln auf dem Golfplatz Lärchenhof in Pulheim untergebracht und zum Lunch einen Tisch im dazugehörigen Restaurant reserviert, wo mit einem Stern besser gekocht wurde als anderswo mit dreien.

Wagner ließ sich das Zimmer zeigen. Es war behaglich und großzügig eingerichtet und gewährte einen phantastischen Blick auf das gegenüberliegende Rheinufer mit dem Hyatt. Zufrieden fuhr sie mit dem Aufzug in die Lobby und fragte an der Rezeption nach einem guten Whisky, schottischem oder irischem, aber keinesfalls Bourbon. Es war nicht an ihr, O’Connor am Trinken zu hindern. Er konnte sich Alkohol verschaffen, wann und wo immer er wollte. Wenn er schon so viel Wert darauf legte, sollte er sich ruhig über eine Flasche auf seinem Zimmer freuen.

Die Rezeptionistin verstand von Whisky offenbar ebenso wenig wie Wagner selbst. Ein Kollege wurde hinzugezogen, der wissend die Mundwinkel hob und versprach, sich darum zu kümmern. Den Namen, den er erwähnte, hatte Wagner schon gehört. Er fügte noch etwas von Special Old Reserve hinzu und erwähnte die Worte Pure Single Malt. Das erschien ihr hinreichend exotisch, um sich der Kennerschaft des Mannes anzuvertrauen. Sie dankte ihm und ließ ihren Blick die Hotelhalle durchschweifen.

Auch hier war man im Gipfelfieber. Der Anblick breitschultriger Bodyguards fehlte, dafür sah sie Männer und Frauen in geschäftsmäßigem Grau das Basement durchqueren, in Gruppen zusammenstehen oder die Tische der Sitzgruppen mit Schnellheftern und Laptops belegen.

Zum zweiten Mal an diesem Tag machte sie es sich in einer Hotelhalle bequem, bestellte einen Capuccino und wartete. Die Sitzgruppen in der Lobby des Maritim waren von gleicher Eleganz und Bequemlichkeit wie die im Hyatt und ebenso wie diese nicht geschaffen für Frauen wie Kika Wagner. Sie lehnte sich zurück, zog die Knie an, ließ sie sacht nach rechts kippen, versuchte das Gleiche zur linken Seite hin und streckte sie schließlich aus. Zwei Männer, die etwas sprachen, das möglicherweise Russisch war, gingen vorbei und starrten.

Auch gut.

Eine Viertelstunde später trafen Kuhn und O’Connor ein. Der Lektor grinste mit hochgerecktem Daumen, was wohl heißen sollte, dass O’Connor sich in der Buchhandlung manierlich betragen hatte. Er zupfte an seiner Jacke herum und begab sich an die Rezeption. Wagner erhob sich, strich ihren Rock glatt, ärgerte sich im selben Moment über die Öffentlichkeit der Geste und trat dem Physiker entgegen.

»Hallo, Ki-Ka!«, sagte O’Connor und sah sie an.

Größere Mengen Atome in ihrem Bauch und Brustkorb wechselten auf ein höheres Energieniveau und schossen wild durcheinander. Sie lächelte. Er schien zu überlegen. Dann erhellte sich seine Miene. Er ging zu einem der Blumengestecke, die überall in der Lobby verteilt waren, riss eine Rose heraus und kehrte damit zu Wagner zurück.

Auch das noch.

Sie bereitete sich darauf vor, einen Dank von angemessener Kühle zu formulieren. Dann ging ihr auf, dass er keinerlei Anstalten machte, ihr die Rose zu überreichen. Er drehte sie hin und her, roch daran und nickte befriedigt.

»Ich liebe Rosen«, sagte er.

»Ja«, bemerkte Wagner trocken. »Das sieht man.«

»Werde sie mit aufs Zimmer nehmen und jedes Gewächs, das ich stattdessen vorfinde, in den Müllschlucker werfen. Ist Ihnen das mal aufgefallen, Gaby? Hotels verunstalten die besseren Zimmer immer mit den grauenhaftesten Pflanzenarrangements. Wie Grabgestecke. Man legt sich ins Bett und wundert sich, wo der Priester bleibt.«

»Sie haben Suite 108«, mischte sich Kuhn ein und wedelte mit einem Schlüssel.

»Und?«, fragte O’Connor ernst. »Was soll ich da?«

»Nichts«, sagte Wagner. »Wir können auf den Dom klettern. Er ist direkt um die Ecke.«

»Ich selbst«, fügte Kuhn hastig hinzu, »bewohne die 344. Wenn Sie irgendetwas brauchen, ich werde die nächste Viertelstunde dort sein und mich frisch machen. Rufen Sie einfach an.«

O’Connor holte aus und schlug ihm jovial auf die Schultern.

»Das würde ich, Kuhn, alter Junge, wenn Sie rote Locken und die Titten von Lollo Ferrari hätten.«

Kuhn bekam knallrote Ohren.

»Ich kann… äh… sehen, was sich machen lässt. Habe ich Sie richtig verstanden, dass .«

O’Connor beugte sich zu ihm vor, wankte leicht und schnüffelte.

»Was ist das für ein Aftershave? Irish Moos? Wollen Sie sich beliebt machen?«

»Hey, Liam! Das reicht nun wirklich!«

»Ich bin Ihr Zugpferd. Was reicht, überlassen Sie bitte mir. Du lieber Gott, wie Sie stinken! Ich werde mich wohl heute Nachmittag im Bett aufhalten müssen. Gaby, will sagen, Kika… wo sind Sie denn? Ah! Ich glaube, Ihr Freund Kuhn hatte ein paar Gläser zu viel. Er kann kaum gerade stehen. Bringen Sie mich aufs Zimmer?«

»Wenn Sie in den ersten Stock fahren –«, begann Wagner.

»Wenn Sie in den ersten Stock fahren«, unterbrach sie O’Connor, »komme ich vielleicht mit. Ansonsten gehe ich an die Bar.«

Wagner registrierte etwas in ihrem Innern, das hochdrängte und sich Luft machen wollte. Sie zwang es zurück und nickte.

»Gut. Gehen wir.«

Kuhn holte den Aufzug. Sie fuhren nach oben und schritten den Gang entlang, der zu O’Connors Suite führte.

»Wie groß sind Sie denn?«, wollte O’Connor wissen.

»Zu groß für Sie«, gab sie mit zuckrigem Lächeln zurück.

»Das würde ich nicht sagen!«, protestierte O’Connor, zog den Kopf ein und sah mit Hundeblick zu ihr auf. »Ich bin eins vierundachtzig. Eigentlich bin ich sogar eins sechsundachtzig. Ich war immer eins sechsundachtzig.«

»Und warum sind Sie jetzt zwei Zentimeter kleiner?«

»Letztes Jahr hat mein Arzt behauptet, ich sei eins achtzig. Ich war längere Zeit nicht bei ihm. Wir haben sehr über das Thema gestritten und uns dann auf eins vierundachtzig geeinigt. Glauben Sie die Geschichte?«

»Nein.«

»Sie ist aber wahr. Der Mensch wird kleiner im Alter. Es gibt noch Hoffnung für Sie, Kika.«

Kuhn schloss Zimmer 108 auf und bugsierte O’Connor hinein.

»Sie sollten sich ein bisschen ausruhen«, schlug Wagner vor. »Um sieben sind Sie im Physikalischen Institut.«

»Ach, das.« O’Connor drehte seine Rose hin und her, tappte unentschlossen zu seinem Gepäck, zupfte an seiner Golftasche und bemerkte den Whisky auf der Anrichte unter dem Spiegel. Seine Augen weiteten sich.

»Glenfiddich«, sagte er.

Kuhn warf Wagner einen giftigen Blick zu. Sie fühlte sich unbehaglich. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, ihm die Flasche aufs Zimmer zu stellen. Wenn O’Connor auf die Idee kam, das Zeug jetzt in Angriff zu nehmen, konnten sie das Physikalische Institut gleich absagen.

Immerhin, dachte sie. Volltreffer. Er ist ehrlich ergriffen.

»Glenfiddich«, wiederholte O’Connor leise. Er legte die Rose auf die Anrichte, nahm die Flasche in beide Hände und schüttelte den Kopf. »Ich werde diese Flasche unverzüglich leeren müssen.«

»Ich würde das keinesfalls tun!«, rief Kuhn entsetzt.

»Doch. Genau das werde ich.«

Er drehte den Verschluss auf und schlurfte ins Bad. Sie hörten ein gluckerndes Geräusch. Wagner fragte sich, was er da machte. Sie ging ihm hinterher und sah, dass er den kompletten Inhalt in den Ausguss leerte.

»Diese Schwachköpfe«, fluchte O’Connor leise. »Was glauben die, wer ich bin? Wollen die mich beleidigen? Kaufhausplärre! Exportpisse! Die mieseste Brühe, die sich je von Schottland in die Welt verirrt hat, und mir stellen die so was hin. Vor nicht ganz hundert Jahren hätte man den Überbringer darin ersäuft, für nichts anderes ist der Fusel gut.«

Kuhn betrachtete Wagner mit anzüglichem Grinsen.

»Danebengegriffen, Frau Kollegin?«

»Halten Sie bloß die Klappe.«

O’Connor kehrte aus dem Bad zurück und gähnte. Er sah aus, als würde er jeden Moment zu Boden gehen.

»Ich werde mich hinlegen. Manchmal ist die Realität einfach viel zu realistisch. Wann müssen wir in dieses lächerliche Institut?«

»Kuhn holt Sie um halb sieben ab«, sagte Wagner.

»Wann ist der Vortrag?«

»Um sieben. Es wäre hilfreich, wenn Sie ein paar Minuten vorher eintreffen.«

»Du lieber Himmel«, stöhnte O’Connor und ließ sich der Länge nach auf das Bett fallen. »Pünktlichkeit ist etwas Schäbiges. Albern und gewöhnlich. Sie stiehlt einem die Zeit, hat Oscar Wilde gesagt, und er hatte in jeder Beziehung Recht. Die Großzügigkeit der Autisten. Jeder Idiot kann pünktlich sein. Wecken Sie mich gegen sieben, dann sehen wir weiter.«

»Halb – sieben«, sagte Wagner mit Nachdruck.

»Na schön.« O’Connor deutete auf die Rose. »Ist das nicht seltsam? Kluge Frauen sind oft von bemerkenswerter Hässlichkeit. Sie nicht, das ist noch viel bemerkenswerter. Nehmen Sie die mit, sie kommt von Herzen.«

»Danke«, sagte Wagner im Hinausgehen. »Aber ich pflege mich nach Komplimenten nicht zu bücken. Dafür bin ich zu groß.«

Sie verließ das Maritim, ging zu ihrem Wagen und sammelte sich einen Moment. Wieder drängte das Etwas in ihr hoch. Sie ließ es passieren, und zu ihrer Verblüffung entpuppte es sich als Gelächter.

Was sie bis jetzt erlebt hatte, war nichts im Vergleich zu dem, was O’Connor möglicherweise noch an Überraschungen bereithielt. Immerhin hatte er in Hamburg den Großteil seiner Termine entweder nicht wahrgenommen oder war verspätet erschienen. Schlimm genug, aber immer noch harmlos gegen die Schlägereien, die er sich in unregelmäßigen Abständen lieferte. So wie im Vorjahr in Bremen. Angeblich – und diese Version unterstützte der Verlag ebenso wie die damals ermittelnde Polizei – hatte ein Geschäftsmann in der Szenebar, die O’Connor gegen ein Uhr morgens betreten hatte, ihn aufs übelste beleidigt und schließlich attackiert. Wer wem zuerst eine reingehauen hatte, ließ sich hinterher nicht mehr mit hundertprozentiger Gewissheit sagen, aber der Geschäftsmann musste mit gebrochener Nase verarztet werden, während O’Connor lediglich über Schmerzen in seinen Fingerknöcheln klagte. Das Objekt des Streits, hieß es, sei der einzige freie Barhocker gewesen, den der eine wie der andere zur gleichen Zeit erspäht und angesteuert hatte. Allen Beteiligten war die Sache furchtbar peinlich, bis auf O’Connor selbst, der sich in dem Schlamassel offenbar gut amüsierte. Wie auch nicht? Jedes Mal, wenn er sich schlug, schien ein höherenorts getroffenes Agreement in Kraft zu treten, das ihn von jeglicher Schuld freisprach und gnädig übersah, dass der Physiker in mindestens der Hälfte aller Fälle den ersten Treffer gelandet hatte.

Wie auch immer.

Sie startete den Golf, legte einen Gang ein und ließ den Wagen am alten Messegelände vorbeirollen. Ihr blieb ausreichend Zeit, ein paar Einkäufe zu erledigen und ihre Eltern zu besuchen, um ihr Gepäck dort loszuwerden. In den nächsten Tagen würde sie dort schlafen.

Sollte Kuhn sich um O’Connor kümmern, falls der Physiker nicht wie versprochen ins Koma fiel.

1998.13. DEZEMBER. PIEMONT. LA MORRA

Jana saß über Bergen von Unterlagen und verfluchte den Verfall der guten Sitten im Geschäft des Tötens.

So merkwürdig es klingen mochte – der Terror hatte seine Unschuld eingebüßt. Lange Zeit waren die Gruppierungen bemüht gewesen, die Waage zwischen akzeptabler Gewalt und Gewaltfreiheit zu halten. Man legte Wert auf die Feststellung, nur ausgemachte Lumpen zu bekämpfen. Das Hineinziehen Unschuldiger sei unethisch. Gewalt habe sich gegen den Staat zu richten, nicht gegen die Bürger, für die man das ganze unerfreuliche Geschäft ja letzten Endes auf sich nehme.

Das war natürlich in die Tasche gelogen. Wen man symbolisch um die Ecke brachte, der war trotzdem tot. Dennoch war es eben diese Schwammigkeit zwischen Eskalation und Ethik, die dem Terrorismus mitunter Sympathien auf breiter Ebene eintrug. In letzter Konsequenz ging es darum, Anhänger zu gewinnen, die keine Terroristen waren. Man erzwang die Bereitschaft zuzuhören, um sie dann sinnvoll zu nutzen, Nachdenklichkeit und Sympathie zu erzeugen und seine Lobby zu vergrößern. Organisationen wie PLO, IRA und ETA wussten zeitweise sehr genau, wie weit sie gehen konnten, um mit dem Märchen vom Symbol noch durchzukommen und einmal gewonnene Anhänger nicht wieder zu verschrecken. Ob die Öffentlichkeit nun wollte oder nicht, sie begann, sich mit den Problemen Nordirlands, der Basken und der Palästinenser zu beschäftigen und Verständnis dafür zu entwickeln. Man konnte dem Terrorismus vorwerfen, er sei menschenverachtend und brutal, aber im Resultat seiner Bemühungen hatte er sich hin und wieder legitimiert. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an Jassir Arafat war dafür das beste Beispiel.

Dann, 1995, kam der Schock. Die Freisetzung des tödlichen Nervengases Sarin in der Untergrundbahn von Tokio durch die Aum-Sekte setzte über Nacht alle Statuten der Terrorismusforschung außer Kraft. Offenbar gab es Gruppierungen, die aus unerfindlichen Gründen wahllos Massen von Menschen töteten, je mehr, desto besser. Hatten die meisten Terroristen bis dahin eine Abneigung gegen Massenvernichtungswaffen gezeigt und beinahe konservativ mit Pistole und Nagelbombe operiert, wurde nun der Exodus der Menschheit propagiert, inspiriert von einem mystischen, fast transzendentalen, göttlich inspirierten Gebot.

Wie es aussah, war der internationale Terrorismus in eine Phase erhöhter Gewalttätigkeit und gesteigerten Blutvergießens eingetreten, die auf diffusen religiösen und rassistischen Maximen gründete. Die Frage, was diese Organisationen überhaupt wollten, wurde nur noch übertroffen von der Ratlosigkeit hinsichtlich ihrer Mitglieder. Das Schlimmste schien jedoch zu sein, dass den Massenmördern offenbar jede Form von High-Tech und gewaltige Summen Geldes zur Verfügung standen und dass sie sich professioneller Killer bedienten, die ebenso wenig eine moralische Grenze zogen wie ihre Auftraggeber.

Die Welt rieb sich die Augen und verfiel in hektische Aktivität. Als hätte man der Probleme nicht genug, dämmerte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auch noch der Schwarzmarkt für Atomwaffen herauf. Internationale Krisenstäbe tagten. Ein Abkommen zur grenzübergreifenden Zusammenarbeit jagte das nächste. Der Schrecken vor dem Schrecken setzte ein globales Planspiel in Gang. Was kam als Nächstes? Chemischer Regen? Nukleargewitter? Kaum einer, der nicht mit sentimentaler Wehmut an die guten alten Flugzeugentführungen und politischen Morde zurückdachte, als Terroristen eigentlich noch nette Menschen waren, vielleicht mit einem etwas übersteigerten Empfinden für Symbolik. Die Zukunft lag im Dunkel. Alles konnte passieren. Nichts war abwegig genug, um nicht gedacht zu werden. Nichts, was nicht im Bereich des Möglichen lag.

Nichts, wogegen man sich nicht zu wappnen suchte.

Nur so war es zu verstehen, dass Jana am Abend des 13. Dezember 1998 bei einer Flasche Nebbiolo d’Alba Überlegungen anstellte, die weit über das gewohnte Instrumentarium des traditionellen Terrorismus hinausgingen. Ohne die Signale, die vom Wahnsinn der Sekte Aum Shinrikyo ausgegangen waren, hätte sie sich nicht mit einem Sicherheitsdenken herumschlagen müssen, das kaum noch Raum für bewährte Waffensysteme ließ und jeden Erfolg in den Bereich der Utopie rückte.

Wer zu dieser Zeit an dem Haus in den piemontesischen Bergen vorbeifuhr, wäre nie auf die Idee gekommen, was die angesehene Unternehmerin Laura Firidolfi dort gerade ausbrütete. Es lag ruhig und friedlich da. Aus dem großen Arbeitszimmer drang das Licht der Schreibtischlampe, die Janas Gedanken einsam beleuchtete. Über den

Berg von Kladden, Dokumentationen und Fachbüchern hinweg konnte sie auf die Lichter von La Morra schauen, dessen Silhouette den Hügelkamm zackte. Hin und wieder tauchten die Finger von Scheinwerfern in der Dunkelheit auf, verklangen Motorengeräusche. Die Kälte trieb Nebel in die Weinstöcke. Ein Ort für Geistergeschichten war das, nicht für schweißtreibenden Terror.

Jana war eine Weile spazieren gegangen und hatte die winterliche Luft eingesogen. Im Allgemeinen kamen ihr die Ideen eher nebenbei. Ansatzpunkte fand sie schnell, Zeit kostete die Verfeinerung. Sie schöpfte aus einem reichhaltigen Repertoire und individualisierte die Methode ihrer Wahl im Laufe weniger Stunden. Der Rest war Routine, beinahe langweilig. Ein Gewehr blieb ein Gewehr, eine Pistole eine Pistole. Selbst wenn es sich um Einzelstücke handelte, die eigens für den einen Moment angefertigt wurden, den sich manche ihrer Arbeitgeber bis zu einer Million kosten ließen.

Diesmal war es anders.

Seit Tagen wartete sie darauf, dass sich die Initialzündung einstellte, sich die alles entscheidende Datei in ihrem Kopf öffnete und ihre Geheimnisse preisgab. Im Bewährten fand sich keine Lösung. Wieder und wieder war Jana den Tag durchgegangen, an dem sie sich ihrer fünfundzwanzig Millionen als wert erweisen musste. Immer wieder endete sie in einer Sackgasse. Error. Der Fehler 5 ist aufgetreten. Sichern Sie Ihre Daten. Schließen Sie das Fenster. Versuchen Sie ein anderes Programm. Neustart.

Es wäre halb so wild gewesen, wenn Mirkos Hintermänner die Randbedingungen nicht so eng geschnürt hätten. Aber Ort und Zeit lagen genau fest. Sie wollten es in diesem einen Augenblick, und sie wollten es so, dass es der Welt den Atem verschlug.

Die Quadratur des Kreises.

Wie immer die Lösung aussah, sie würde von bestechender Logik und zugleich vollkommen abstrus sein müssen. Etwas so Unglaubliches, dass selbst die ausgefuchstesten Sicherheitsleute nicht darauf kommen würden.

Ihr Blick wanderte zu der Uhr auf ihrem Schreibtisch. Allmählich fühlte sie Müdigkeit in sich aufsteigen. Es war Viertel vor drei am Morgen. Mittlerweile schnitten keine Scheinwerferkegel mehr durch die Hügel, und die Lichter von La Morra waren verlöscht bis auf einige Straßenlaternen. Jana stand auf, reckte die Gliedmaßen und fühlte eine leichte Verspannung in ihrer linken Schulter.

Das war nicht gut. Sie konnte sich keine körperlichen Ausfälle gestatten. Weder nach stundenlangem Sitzen noch nach durchgearbeiteten Nächten. Sie würde ihr tägliches Sportprogramm überdenken und vielleicht den Masseur wechseln müssen. Sie hatte zweimal mit ihm geschlafen und seitdem den unbestimmten Verdacht, dass der Druck seiner Hände einer albernen Zärtlichkeit gewichen war, wenn er sie anfasste.

Gähnend ging sie hinüber zu der Konsole mit den CDs, wählte Space Oddity von David Bowie und gestattete sich einen letzten Schluck von dem Nebbiolo. Das Glas in der Hand, trat sie bis nah ans Fenster und sah hinaus, so wie sie es immer tat, wenn sie Ratlosigkeit verspürte.

Im Unerwarteten liegt die Chance.

Wer hatte das noch gesagt? Irgendeiner von den Iren? Vermutlich. Sie hatten schon so viele kluge Dinge gesagt. Die Iren waren wirklich gut.

Leicht enerviert ging Jana zurück zum Schreibtisch, stellte das Glas ab und langte mit der Hand nach dem Schalter der Lampe.

Mitten in der Bewegung verharrte sie.

Ihre Hand schwebte einen Moment lang in der Luft und sank dann langsam herunter, während ihr Blick fasziniert auf das Glas gerichtet war. Im letzten Rest des Nebbiolo brachen sich die Lichtstrahlen und erzeugten funkelnde Kaskaden von intensivem Hellrot.

Die Lösung lag im Wein.

Nein, das war tatsächlich zu abstrus. Am besten, sie verschwendete keinen weiteren Gedanken an die Sache und legte sich schleunigst schlafen.

Aber noch während ihr Verstand protestierte, ging sie in die Hocke, ergriff den schlanken Stiel des Glases und begann, es leicht zu drehen und von der Lampe weg- und wieder darauf zuzuschieben. Die leuchtenden Bögen in der Flüssigkeit verloren oder gewannen an Intensität, je nachdem. Sie streckte den Zeigefinger aus und schob das Glas ganz unter die Halogenbirne, bis sich das Licht in einem strahlenden Punkt bündelte, einer kleinen Sonne, dort, wo der Kelch des Glases auf dem Stiel ruhte.

Dann ergriff sie das Glas und trank es aus.

Ungewöhnlich war es!

Aber würde es auch nur im Traum funktionieren?

Die Müdigkeit war verflogen, von Verspannung keine Spur mehr. Jana zog eine Schublade auf, entnahm ihr einen neuen Block und einen Bleistift und begann zu arbeiten.

JUNI. KOELN. 1. PHYSIKALISCHES INSTITUT

Für die meisten war O’Connors Besuch Anlass zur Freude.

Wagner nahm sich vor, alles zu tun, um die Freude einigermaßen abzusichern, als sie um Viertel vor sechs ihre Eltern verließ, aber ein Unwetter konnte man auch nicht mehr als ankündigen. Auf O’Connor warteten rund vierzig Studenten, eine Hand voll Professoren und diverse Leute von der Kölner Presse. Entweder sie schloss den Physiker im Hotel ein oder fügte sich in das Unvermeidliche, wie immer es sich darstellen mochte.

Die Innenstadt war dicht. Wagner brauchte zwanzig Minuten, um zum Institut zu gelangen und den Golf zwischen zwei rostzerfressene Renaults zu bugsieren, deren Seitenscheiben mit Verkaufsangeboten zugeklebt waren. Die Zülpicher Straße, an der die weißen Flachbauten des Instituts inmitten einer ausgedehnten Grünanlage hervorstachen, war die Handelsmeile der Studenten für ihre meist vorsintflutlichen Fortbewegungsvehikel. Man konnte Autos erstehen, die als mindestens so ausgestorben galten wie die Saurier, und manche fuhren sogar. In den letzten Jahren hatte sich der Durchschnittszustand der hier versammelten Blechhaufen etwas gebessert, aber immer noch sah man Kuriositäten zu Vorkriegspreisen, denen man kaum zutraute, ihren Parkplatz je wieder verlassen zu können.

Wagner schloss den Golf ab in der Hoffnung, dass niemand ihn zwischenzeitlich kaufte, sah sich nach beiden Seiten um und lief über die Straße. Keine hundert Meter weiter begann jenseits einer Eisenbahnüberführung das studentische Kneipenviertel. Inzwischen, nachdem man jahrelang nicht durch bestimmte Straßen hatte gehen können, ohne auf Drogenverkäufer zu stoßen, die aus ihrer Ware keinen Hehl machten, ging es dort wieder einigermaßen gesittet zu. Einige der schlimmsten Läden hatten dichtgemacht oder die Besitzer gewechselt. Der Auto- und Fahrraddiebstahl war geringfügig zurückgegangen. Wirklich kriminell war nach Aussage einiger Studenten aus Wagners ehemaligem Dunstkreis nur noch das Essen in der Mensa, und selbst das hatte sich angeblich gebessert.

Sie umrundete das Gebäude auf gepflasterten Wegen, bis ihr Bäume den Weg versperrten und sie den kompletten Weg zurück musste. Der Eingang lag versteckt am gegenüberliegenden Ende. Wagner hatte in Köln Germanistik, Politik und Anglistik studiert, bevor sie an die Alster emigriert war, aber das Physikalische Institut hatte sie auch damals nie betreten.

Im Laufschritt nahm sie die wenigen Stufen zu den Glastüren, die ins Innere führten, und durchquerte die dämmrige Halle. Es gab schlimmere und erbärmlichere Orte der Gelehrsamkeit; wenigstens schmückten ein paar Bilder von Radioteleskopen und spektographische Aufnahmen der Erdoberfläche die Wände. Nachdem Wagner die Halle fast vollständig durchquert hatte, las sie zu ihrer Rechten die Aufschrift »1. Physikalisches Institut« auf einer großen Glasfläche. Dahinter lag der Hoheitsbereich der Leute, die verstanden, was der Weltraum zu erzählen hatte. Im angrenzenden Trakt begann das eigentliche Institut. Man kam nicht einfach herein, wenn man nicht angemeldet war. Auch die Wissenschaft schützte sich vor unerwünschten Eindringlingen.

An einer Wand hing ein Telefon. Sie wählte eine Nummer und wartete. Eine Stimme meldete sich.

»Kika Wagner«, sagte sie. »Ich bin die Vorhut von…«

»Ich weiß schon«, antwortete die Stimme. »Warten Sie einen Augenblick, ich hole Sie ab.«

Sie hängte ein und legte den Kopf in den Nacken. Über ihr prangte ein Foto der Zugspitze. Die Spitze der Zugspitze, um genau zu sein. Hineingekauert in das Felsmassiv wartete die kompakte Halbkugel eines Observatoriums darauf, dem Universum seine Geheimnisse abzutrotzen.

Wagner stellte sich vor, eine sternenklare Nacht dort zu verbringen. Man vergaß allzu oft, dass viele Wissenschaftler im Grunde ihres Herzens Romantiker waren. Sie dachte, dass man sich dort oben unsagbar klein vorkommen musste, wie unter dem Mikroskop, und vielleicht war es ja so. Vielleicht wurden die Menschen mit ihren Gerätschaften, wie tief sie auch in die Welt des Allerkleinsten vordringen mochten, selbst gemessen – intelligente Kulturen in kleinen Glasschalen, angesetzt in einem unvorstellbaren Laboratorium eines noch unvorstellbareren Instituts von metakosmischen Ausmaßen, das Universen entstehen und vergehen ließ.

Die Tür zu einem der angrenzenden Gänge öffnete sich, und ein untersetzter Mann mit Vollbart und üppigem Haarwuchs kam auf sie zu.

»Dr. Schieder?«, fragte sie.

»Schön, dass Sie da sind.« Der Mann drückte ihr die Hand. »Kommen Sie, wir gehen in mein Büro. Haben Sie O’Connor schon mitgebracht?«

»Noch nicht«, sagte Wagner. »Aber wir haben ihn… na ja, ziemlich wohlbehalten in Empfang genommen. Er dürfte in einer halben Stunde hier sein, zusammen mit Franz Maria Kuhn.«

»Das ist der Lektor, richtig?«

»Ja, richtig.«

Sie gingen an verschlossenen Türen und kahlen Wänden vorbei, bis Schieder sie in einen Raum führte, der anmutete wie eine Mischung aus Studierzimmer, Archiv und Laboratorium nach dem Einschlag einer Neutronenbombe. Tische und Tischartiges waren bis unter die nicht eben niedrige Decke voll gepackt mit Bergen von Ordnern, Heftern, Zeitschriften und allem möglichen Papier. Etwas hilflos sah sich Wagner nach einer Sitzgelegenheit um. Schieder bemerkte ihren suchenden Blick und zauberte hinter einer Pyramide aufgestapelter Videobänder einen Resopalstuhl hervor.

»Setzen Sie sich. Wir haben den großen Hörsaal vorbereitet. Ich würde Ihnen gern was zu trinken anbieten, aber alle verfügbaren Kaffeemaschinen sind im Einsatz oder kaputt. Unsere hier hat gestern ihren letzten Schnaufer getan, und keiner weiß, wie man sie wieder in Gang setzen kann. Dafür können wir Atome beobachten.«

»Woran arbeiten Sie?«, fragte Wagner neugierig. »Wenn ich fragen darf.«

»Sie dürfen, ist ja kein Geheimnis. An allem Möglichen. Wir bekommen Aufträge aus der Industrie, darum können wir uns auch vergleichsweise gut über Wasser halten. Zur Zeit verfeinern wir

Systeme zur Bearbeitung von Materialien wie Silizium. Die Radioastronomie ist das zweite große Feld.«

»Ich habe das Observatorium auf der Zugspitze gesehen.«

»Sie waren da?«, fragte Dr. Schieder überrascht.

»Auf dem Foto draußen.«

»Oh, natürlich. Das ist ein gewaltiges Ding, nicht wahr? Ehemaliges Hotel. Wir haben da oben nicht die üblichen atmosphärischen Verunreinigungen. Wir empfangen ziemlich ungefiltert das, was uns der Weltraum reinschickt.«

»Und das finanziert die Industrie?«

»Teilweise. Einiges kommt vom Staat. Es ist nicht gut, wenn man sich allein von den Konzernen abhängig macht, die Forschung gerät dann in die Tretmühle. Wenn die Industrie Problematiken vordenkt, verlangt sie keine wirklichen Innovationen, sondern nur wettbewerbstaugliche Verbesserungen bestehender Systeme. Forschung kostet Zeit, und Zeit kostet Geld, so ist das.« Er lachte. »Einige der größten Errungenschaften der Menschheit wurden aus Versehen erfunden. Das ist die Schwierigkeit mit dem Neuen, dem wahren Fortschritt. Irgendwo müssen Sie als Forscher ja anfangen, also fangen Sie dort an, wo Ihr Verstand gerade einhakt. Am Ende stoßen Sie auf etwas völlig anderes, und das bringt die Menschheit vielleicht ein Riesenstück weiter, aber erzählen Sie das mal im Vorfeld einem Investor. Solange wir uns Freiräume bewahren, hat echte Forschung eine Chance, ansonsten steht es schlecht um die Erklärung der Welt.« Er machte eine Pause. »Ich will Sie nicht langweilen. Sollen wir mal rübergehen? Vielleicht haben Sie noch Verbesserungsvorschläge.«

»Welche Art Forscher ist eigentlich O’Connor?«, fragte Wagner, während sie erneut Gänge durchquerten und den Hörsälen zustrebten.

»Was meinen Sie?«, fragte Schieder irritiert.

»Nun ja. Ich denke, er arbeitet an etwas, das mir keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen zu versprechen scheint.«

»Doch, schon. Es geht um Datenübertragung. Natürlich interessiert sich die Wirtschaft für alles, was mit Kommunikation zusammenhängt. Ich dachte, Sie kennen seine Auftraggeber.«

»Nicht wirklich.« Sie schwieg verlegen. »Ehrlich gesagt, wir bringen O’Connors Bücher unter die Leute. Die Frage, ob er frei forschen kann, habe ich mir noch nicht gestellt.«

»Machen Sie sich nichts draus.« Sie hatten den Hörsaal erreicht. Einige Studenten waren damit beschäftigt, die Verstärkeranlage zu checken. Schieder bedeutete Wagner, ihm zu folgen. Sie gingen die Treppen hinunter zum Pult des Redners mit der riesigen Tafel dahinter. »Kaum einer macht sich diese Gedanken. Genau das ist unser Problem und wahrscheinlich auch das O’Connors. Freie Forschung hat so einen Ruch in der Öffentlichkeit. Wenn Sie die Leute auf der Straße fragen würden, ob wir lieber einen neuen, superflachen Fernseher entwickeln oder versuchen sollen, Lichtwellen durch Modenkopplung so zu steuern, dass sie sich zu Femtosekundenimpulsen hochschaukeln, wäre die Antwort klar. Aber die Femtotechnologie ermöglicht Ihnen künftig höchste Übertragungsraten und das Verfolgen und Steuern ultraschneller Vorgänge auf atomarer und molekularer Basis, und das kommt dem Fortschritt in der Telekommunikation zugute. Oder nehmen Sie die Materialtechnik. Wenn wir auf Nanobasis Materialien bearbeiten können, sind wir wiederum in der Lage, mikromechanische Gebilde zu konstruieren, die verkalkte Arterien reinigen und Herzinfarkten vorbeugen können. U-Boote in der Blutbahn. Und so weiter und so fort.«

»Schön, aber die meisten Leute wissen halt eher, was ein Fernseher ist. Was ist überhaupt Femtotechnologie?«

»Femtosekunden sind die milliardsten Teile von millionstel Sekunden«, sagte Schieder, ohne belehrend zu klingen. Wagner mochte ihn. Er kam ihr ziemlich bodenständig vor.

»Das meine ich«, sagte sie. »Kein Normalsterblicher weiß das, wie soll er da beurteilen, ob sich Ihre Forschung lohnt?«

Schieder sah sie an.

»Sie haben es erfasst. Die meisten wissen es nicht, aber sie reden alle mit. Eine Vielzahl derer, die über Atomkraft diskutieren, weiß auch nicht, wie ein Reaktor funktioniert. Wenn einer aus Zufall das Penicillin erfindet, klatschen alle in die Hände, aber solange er versucht, es zu erfinden, wollen sie lieber einen ultraflachen Fernseher. So, da wären wir.« Er zeigte auf das Pult. »Ich dachte, wir lassen Dr. O’Connor erst ein bisschen erzählen. Hier kennt zwar jeder seine Arbeiten, aber es hört sich noch mal anders an, wenn er es selbst zum Besten gibt. Dann haben die Studenten ein paar Fragen vorbereitet, aber eigentlich wollten wir erst die Presse zu Wort kommen lassen. Oder?«

»Lassen Sie Ihren Studenten den Vortritt. Was die Presseleute im Vorfeld erfahren, müssen sie nicht erfragen.«

»Vielleicht ergibt sich ja auch alles irgendwie.« Schieder trat zu dem Pult, beäugte kritisch die Oberfläche und blies Staub herunter. »Ist Dr. O’Connor guter Dinge?«

Wagner fragte sich, wie viel Schieder über O’Connor wusste.

»Er ist etwas erschöpft«, sagte sie.

»Erschöpft?«

»Er kommt aus Hamburg, und es ist wohl spät geworden letzte Nacht. Hm. Unter uns, also, um ehrlich zu sein…«

Schieder hob die Brauen. Sie verschwanden unter der Masse in die Stirn gekämmter Haare.

»Ja?«, fragte er gedehnt.

»Er ist betrunken«, platzte Wagner heraus.

Idiotin, schalt sie sich. Du gibst eine hervorragende Diplomatin ab. »Es ist nicht wirklich dramatisch«, fügte sie schnell hinzu. »Ich glaube eher, sie haben in Hamburg ein bisschen auf den Putz gehauen. Der Verlag hat ihn eingeladen, am nächsten Morgen ist man dann eben nicht so frisch, und .«

Sie stockte. Schieder grinste sie an.

»O’Connors Ruf eilt ihm voraus«, sagte er. »Sie müssen mir keinen Rechenschaftsbericht über seine Tagesform abliefern. Meinen Sie, er steht unsere kleine Veranstaltung durch?«

»Ich denke schon. Ich weiß nur nicht, wie.«

»Unterschätzen Sie ihn nicht. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber nach dem, was ich gehört habe, ist O’Connor ein verdammter Simulant. Wenn er tatsächlich betrunken ist, haben wir nichts zu befürchten.« Er strich sich über den Bart und lachte in sich hinein. »Falls er nur so tut, wird’s allerdings haarig.«

»Ja«, sagte Wagner und sah Armageddon heraufziehen. »Genau das hatte ich befürchtet.«

»Dr. O’Connor!«

»Zu Diensten.«

Die Studentin strahlte über das ganze Gesicht und sortierte ihre Spickzettel. »Wir würden gern ein paar Dinge von Ihnen wissen. Vorsicht, es wird persönlich. Machen Sie mit?«

»Es wird mir eine Ehre sein«, flötete O’Connor, und in seinem linken Mundwinkel braute sich Unheil zusammen. Niemand sah es außer Wagner und Kuhn und vielleicht auch Dr. Schieder. Letzterer, die Arme vor der Brust verschränkt, legte eine beachtenswerte Gelassenheit an den Tag.

Allerdings musste man O’Connor zugestehen, dass er bislang positiv überrascht hatte. Der Mann, der pünktlich um sieben Uhr das Auditorium betrat, wirkte durchaus fähig, seinen Vortrag zu halten. Kuhn erschien neben ihm wie ein Gespenst. Wagner kam es vor, als sei er seit dem Moment, da sie sich im Maritim getrennt hatten, noch blasser geworden. Er zuckte beim Hereinkommen nur die Achseln, wie um zu sagen, unser aller Leben in Gottes Hand. O’Connor hingegen sah blendend aus. Er hatte den Anzug gewechselt, ein gütiges Lächeln mitgebracht und die Zeit im Hotel offenbar zu einer Blitzregeneration genutzt. Nachdem sein Blick jeden der Versammelten einmal gestreift hatte, schmolzen sie dahin. Keiner schien damit gerechnet zu haben, dem möglicherweise schönsten Mann Irlands zu begegnen. O’Connor hätte Shanties gröhlen können, und sie hätten ihn auf Händen getragen.

Seine Darlegung der Methode zur Abbremsung von Licht erfolgte sachlich und profund:

»Ein Photon braucht eine Sekunde, um dreihunderttausend Kilometer zurückzulegen, das wissen Sie. Der Wert ist fix. Natürlich freuen wir uns über das enorme Tempo, denn so können Lichtimpulse ungeheure Informationsmengen mit phantastischen Geschwindigkeiten übermitteln. Nur Dubliner Hausfrauen sind im Stande, Gerüchte noch schneller zu streuen.« Gekicher. »Aber die Sache hat halt einen Haken. Licht kann nicht schneller, aber auch nicht langsamer herumsausen als mit eben diesen dreihunderttausend Sekundenkilometern. Informatiker träumen von optischen Computern, in denen Lichtnachrichten auch ohne Umweg durch elektronische Schaltungen weiterverarbeitet werden, aber Lichtblitze sind flüchtig. Sie lassen sich nicht so ohne weiteres zum Sortieren und Verrechnen einfangen. Das ist in höchstem Maße ärgerlich und unkooperativ, also sind wir darangegangen, dem Licht unseren Willen aufzuzwingen .«

Es ging immer so weiter. Ein paar harmlose Scherze zwischendurch, gelehrter Small Talk. Jeder wusste ohnehin, was O’Connor erzählen würde. Zu Wagners Erstaunen verlor er kein einziges Mal das Gleichgewicht und wies sich durch klare Artikulation aus. Offenbar hatte er in den wenigen Stunden Schlaf – falls er geschlafen hatte den Alkohol völlig abgebaut. Er saß rittlings auf der Kante des

Rednertisches und gestikulierte mit den Händen, als dirigiere er ein unsichtbares Orchester.

Wagner versuchte, dem Vortrag zu folgen. Am Ende hatte sie begriffen, dass es O’Connor gelungen war, Licht tatsächlich für den winzigsten Bruchteil einer Sekunde abzubremsen und zu speichern – nach Lichtmaßstäben eine Ewigkeit. Ungehindert wäre der Lichtimpuls in der Zeit schon zehn Kilometer weitergeeilt. Sie fragte sich, wozu das gut sei. Schieder hätte wahrscheinlich gekontert, um ultraflache Fernseher zu erfinden oder Penicillin. Sie überlegte, ob es für ihre Pressearbeit unabdingbar war, die Aussagen ihrer Autoren bis ins Kleinste zu verstehen, und entschied sich für ein klares Nein.

Neben ihr gewann Kuhn wieder an Farbe.

Dann war der Vortrag zu Ende, und es durften Fragen gestellt werden. Wenige Minuten noch, um auf Fachchinesisch mit Fachchinesisch zu antworten. Wagner entspannte sich. Viel konnte eigentlich nicht mehr passieren.

So jedenfalls hatte sie sich die Sache vorgestellt. Bis diese rosen- wangige Studentin mit feuchtem Blick ankündigte, persönlich werden zu wollen!

Kuhn wechselte erneut die Farbe. Ein Chamäleon war nichts gegen ihn. Er richtete den Blick zuerst auf Wagner und dann auf die Studentin. Seine Lippen formten eine stumme Bitte.

Zu spät.

»Dr. O’Connor, Sie haben uns alle hier sehr beeindruckt. Aber dann dachten wir uns, also… ähm… selbst jemand wie Sie muss doch irgendwo einen Schwachpunkt haben. Eine kleine menschliche Schwäche. Also raus mit der Sprache! Was ist Ihr größter Fehler?«

Sie sah ihn keck an und klimperte mit den Augen. O’Connor verbreiterte sein Lächeln.

»Fragen wie diese zu beantworten«, sagte er.

Schieder seufzte und kratzte seinen Bart.

An dieser Stelle hätte die Studentin dem Treibsand von O’Connors Boshaftigkeit vielleicht entrinnen können, wenn sie einfach das Thema gewechselt hätte. Aber sie schien wie gebannt. Ihr Blick zeigte immer noch die naive Verliebtheit, mit der sie den Physiker ange- himmelt hatte, allerdings sagte ihr der Verstand, irgendetwas sei gerade dumm gelaufen. Das Ergebnis war ein Gesichtsausdruck von seltener Hilflosigkeit.

Dann beging sie ihren Kardinalfehler und fragte: »Warum?«

O’Connor stieß ein leises Zischen der Resignation aus, als könne er das Ausmaß an Dummheit nicht begreifen, mit dem ein offenkundig Geschlagener weitere Niederlagen herausfordert.

»Sehen Sie«, sagte er geduldig, »prinzipiell könnten Sie ein Buch lesen. Ich könnte in derselben Zeit Golf spielen oder arbeiten oder eines dieser Bücher schreiben, die Sie lesen sollen. Andererseits erzähle ich Ihnen gern persönlich, was Sie ohnehin schon wissen. Aber spätestens dann erwarte ich eine Auseinandersetzung, die mir das Vorhandensein von Geist anzeigt, von intelligentem Leben. Stattdessen stellen Sie niedliche Fragen. Darf ich mich erkundigen, was Ihre ganz persönlichen Ziele im Leben sind?«

»Das… weiß ich noch nicht.«

»Dann lassen Sie sich einen Rat geben. Hören Sie auf, Menschen zu vergöttern. Haben Sie Mitleid. Widmen Sie sich der Sache.«

»Das habe ich getan«, stammelte die Studentin. Allmählich dämmerte ihr, dass O’Connor sie maßregelte. Außerdem stahl sich nun doch eine gewisse Schwere in die Aussprache des Physikers, die seinem Tonfall etwas Süffisantes und Verächtliches gab. »Ich vergöttere niemanden!«, rief sie. »Ich käme gar nicht auf die Idee, Sie zu vergöttern. Ich versuche, mehr über Menschen zu erfahren, die bewundernswerte Leistungen vollbracht haben. Ist das so schlimm?«

»Nein. Problematisch sind Huldigungen immer nur für den, der sie entgegennehmen muss. Glauben Sie mir, Heldenverehrung ist etwas, woran mindestens einer keine Freude hat, und das ist der Held. Die Menschen quälen ihre Götter. Sie beten, weil sie etwas von ihnen wollen. Lesen Sie meine Bücher, und wenn Sie mich in irgendeinem Pub aufstöbern, wo wir uns im Stande sehen, eine garantiert wissenschaftsfreie Zone auszurufen, dürfen Sie mich getrost nach meinen schwachen Seiten aushorchen. Hier sind wir an der Uni. Nächste Frage.«

Die Studentin warf einen hilflosen Blick auf ihren Zettel.

»Was tun Sie am liebsten, wenn Sie nicht forschen?«

»Schreiben.«

»Und wenn Sie nicht schreiben?«

»Trinken. Das waren jetzt drei Fragen. Sollten Sie sich mit der Absicht tragen herauszufinden, warum ich ledig bin, ist es nicht Ihretwegen. Möchten Sie eine Familie?«

»Wie bitte?«

»Ich bin tatsächlich der Meinung, dass man eine Eignungsprüfung ablegen müsste, wenn man vorhat, sich ein Studium finanzieren zu lassen. Alle, die große Pläne nur hegen, bis sie sie gegen ein paar Phonstärken Babygeschrei eintauschen können, sollten die Haushaltsschule besuchen und der Forschung nicht auf der Tasche liegen.«

»Aber…«

»Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.«

»Doch, ich…«

»Sie sagten, Sie wissen nicht, welche Ziele Sie haben. Das ist bedenklich. Wollen Sie Kinder?«

Sie starrte O’Connor an, als sei er der fleischgewordene Mr. Hyde.

»Ich denke schon.«

Er beugte sich vor. Sein Ton war jetzt wieder freundlich, beinahe milde. »Ich sage Ihnen, was Sie wollen, meine Schöne. Sie haben ein Herz aus Gold, da bin ich sicher. Aus purem Gold. Das hätten Sie gern in kleine Münze umgewechselt. Nun, in spätestens drei Jahren werden Sie jemanden finden, der das tut. In Münzen, für die man alles kaufen kann, was das Leben nett macht, ohne es zu erhöhen. Willkommen in der Mittelmäßigkeit.«

O’Connor nahm den Blick von ihr, als habe sie aufgehört zu existieren, und wandte sich an alle. »Michael Collins, der arme Mann, der nicht auf die Mondoberfläche durfte, weil einer ja im Schiff bleiben musste, hat einmal von seiner Frau gesagt, es habe ständig Streit gegeben wegen der Weltraumgeschichten. Sie verstand einfach nicht, wie jemand zum Mond fliegen kann, solange zu Hause das Geschirr nicht abgewaschen ist. Die meisten hier werden sich ihre Träume und Visionen über kurz oder lang für einen muffig warmen Platz im bürgerlichen Mittelstand abkaufen lassen. Und warum? Weil sie versuchen, jemand zu werden, den es schon gibt, und das klappt nicht. Ein zweiter Einstein, ein zweiter Hawking, ein zweiter was weiß ich, wer. Sie vergessen dabei, dass Einstein kein zweiter Irgendwer werden wollte, sondern nur ein besserer Einstein. Das ist Ihr Problem und das Problem deutscher Forschermentalität. Sie alle hier würden liebend gern die Erfindungen machen, die andere schon gemacht haben, aber leider fehlt es den meisten von Ihnen an der irritierenden Substanz des Visionären. Irgendwann stellen Sie fest, dass Sie jedes Standardwerk rauf- und runterleiern können und sich selbst durch einen eklatanten Mangel an Inspiration ausweisen. Die Gelehrten des Mittelalters, als die Aufklärung dem Mystizismus den Kampf ansagte, bekannten sich auch nicht gerade zum Bruch mit den großen Alten, mit Aristoteles, Platon, Demokrit. Aber wenigstens empfanden sie sich als die Zwerge auf den Schultern der Riesen. So konnten sie von einer etwas höheren Warte wiederum ein wenig weiter in die Welt hinausblicken und die nächste Generation von Zwergen wieder ein bisschen weiter. Und was tun Sie? Sie lernen all dieses Zeug, Sie lernen es auswendig, und Ihre Professoren bewerten

Sie danach, wie sehr Sie genetisch nach dem Papagei schlagen. Solange Wissenschaft repetitiv bleibt, ist sie keine, wollen Sie das bitte begreifen? Solange Sie im Verlauf einer Stunde wie dieser keine anderen Fragen an jemanden wie mich haben, als was ich gern esse oder wo ich mich kratze, wenn’s mich hinten juckt, enden Sie vor Quizsendungen im Fernsehen. Wozu hören Sie sich aus meinem Mund an, was Sie alles bereits wissen? Wie oft wollen Sie den Rosenkranz des schon Dagewesenen herunterbeten? Forschen Sie! Stellen Sie in Frage! Zweifeln Sie! Zweifeln Sie an mir! Fragen Sie mich etwas wirklich Unbequemes. Solange Sie das nicht schaffen, wird die männliche Hälfte von Ihnen in der angewandten Forschung enden und die weibliche Hälfte ihren Männern das Gefühl geben, Berge versetzen zu können, um sie nach erfolgter Heirat daran zu hindern, es zu tun. Nächste Frage.«

Was für ein Arschloch, dachte Wagner.

»Warum spult er das alles ab?«, fragte sie Kuhn leise. »Sie hat ihm doch gar nichts getan.«

»Darum geht’s nicht«, murmelte Kuhn. »Sie ist lediglich Stichwortgeberin für seine Meinung. In O’Connors Weltauffassung sind alle irgendwie nur Stichwortgeber.«

»Seine Meinung von Frauen ist erbärmlich.«

»Seine Meinung von jedermann ist erbärmlich. Abgesehen von den Kelten. Die findet er prima. Übrigens auch deren Frauen. Wahrscheinlich, weil die echten Kelten alle nicht mehr leben und sich nicht wehren können.«

Eine andere Studentin hob die Hand.

»Dr. O’Connor. Wie wollen Sie es schaffen, das Licht umzuleiten, ich meine, in sinnvolle Bahnen zu bringen? Im Moment haben Sie es nur verlangsamt.«

»Das ist einfach«, sagte O’Connor sichtlich erfreut. »Wir haben es im Übrigen schon gemacht. Wir haben eine zweite Schallwelle rechtwinklig zur ersten in den Kristall geschickt. Sie können das Licht regelrecht herumschubsen und an beliebige Orte auf dem Halbleiter transportieren, bevor Sie es wieder entwischen lassen.«

»Das heißt, Sie können Daten zwischen verschiedenen Glasfasern hin- und herschalten?«

»Ja. Das ist absolut richtig.«

Schieder drehte Wagner den Kopf zu.

»Da haben Sie die Antwort auf Ihre Frage. Die großen Telekommunikationskonzerne arbeiten seit Jahren daran, die Kapazitäten von Datenstrecken zu erhöhen. Die finanzieren ihm seine Forschung.«

Wagner nickte. Mittlerweile hatte sich die erste Studentin wieder gefangen und schoss mit einer Frage dazwischen.

»Dr. O’Connor. Könnten Sie das Licht theoretisch nicht endlos festhalten, indem Sie es durch verschieden umlaufende Schallwellen im Kreis bugsieren?«

O’Connor öffnete den Mund. Dann schloss er ihn wieder und sah die Studentin an, als habe sie gerade erst den Raum betreten.

»Das wäre theoretisch denkbar. Aber Licht ist flüchtig. Ich schätze, auf eine Sekunde Speicherzeit müssten wir kommen.«

»Und…« Wagner sah, wie ihre Wangen zu glühen begannen. »Heißt das, wenn Sie das Licht verlangsamen, dann verlangsamen Sie auch die wahrnehmbare Zeit?«

»Oh!« O’Connor lächelte, und es war ein wirklich nettes Lächeln. »Sie meinen die Sache, Zeitgeschwindigkeit gleich Lichtgeschwindigkeit? Der Spruch war mal in Mode. In der Tat hat Licht immer eine Menge zu tun mit Zeitreisegeschichten. Natürlich, wenn Sie sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, steht in gewissem Sinne die Zeit still. Ihre Masse wird unendlich. Bewegen Sie sich mit Überlichtgeschwindigkeit, rasen Sie der Zeit praktisch davon und verflüchtigen sich in die Zukunft. Ähnliche Zeitverzerrungssymptome kennen wir aus schwarzen Löchern. Aus der subjektiven Sicht eines Betrachters in meinem Kristall verlangsame ich sicherlich die Zeit, er wird die Information, die ein Photon trägt, anders erleben, als wenn es mit den gewohnten dreihunderttausend Sachen an ihm vorbeisauste. Was wollen Sie bauen? Eine Zeitmaschine?«

»Vielleicht.« Sie knüllte den Zettel in ihrer Hand zusammen. »Sofern mir kein Babygeschrei dazwischenkommt.«

O’Connor starrte sie an. Dann lachte er.

»Das will ich bei der plötzlich aufkeimenden Genialität, deren Zeuge ich eben werden durfte, auch nicht hoffen. Aber Babys sind nicht das Problem. Das Problem ist, dass wir sie nur allzu gern zu einem machen, um eine Entschuldigung dafür zu finden, uns aus dem großen Team verabschiedet und in die Mittelmäßigkeit verkrümelt zu haben. Babys können nichts dafür, wenn ihre Eltern beschließen, sich zu Höhlenbewohnern zurückzuentwickeln. Kaum scheint sich Nachwuchs anzukündigen, verhalten sich Menschen wie Schimpansen. Es gibt keine Visionen mehr, kein hohes Ziel, keine Allgemeinheit, nur noch Urinstinkte. Und immer hört man dieselben langweiligen Sprüche: Früher wollte ich mal die Welt bewegen, ich wollte ein Mittel gegen Krebs finden, ich wollte zum Mars reisen, ich wollte Shakespeare spielen, aber seit der Soundso da ist, ist das alles unwichtig geworden. Alles dreht sich nur noch um das offenbar wichtigste Blag der Welt. Von jedem wird erwartet, dass er fasziniert zusieht, wie der Kleine sein Breichen über das Lätzchen kotzt, und wehe, Sie wollen mal über was anderes reden! Wenn Sie wirklich eine Zeitmaschine bauen wollen, bauen Sie verdammt noch mal eine. Mit oder ohne Baby. Glückwunsch! Ich mache jede Wette, dass es nicht funktioniert, aber allein für die Absichtserklärung werde ich Ihnen stundenlang den Schraubenschlüssel halten, und Sie werden dabei so viele Kinder haben können, wie Sie wollen.«

»Alle Wetter«, zischte Kuhn. »Letzte Woche hat er noch das Gegenteil gesagt.«

»Sie meinen«, mischte sich ein Journalist ein, der ein Thema gefunden zu haben meinte, »Zeitreisen sind nicht möglich?«

»Ich meine«, sagte O’Connor, »wenn Menschen anfangen, vernünftig zu werden, beginnen sie zu sterben. Vernunft ist etwas zutiefst Glaubensfeindliches und Reaktionäres. Die Vernunft müsste Ihnen gebieten, nach Hause zu gehen, wenn Ihnen jemand erzählen will, er hätte Lichtstrahlen abgebremst. Es war nett, mit Ihnen zu plaudern. Die Vorlesung ist beendet.«

DEZEMBER. PIEMONT. LA MORRA

Am späten Vormittag des folgenden Tages starrte Maxim Gruschkow in einen Schnellhefter und bewegte leicht die Lippen. Auf seinem kahlen, überaus blanken Schädel schimmerten die Reflexe der Leuchtstoffröhren. Obschon draußen eine klare Wintersonne schien und der Himmel von einem opalisierenden Blau war, bevorzugte Gruschkow heruntergelassene Jalousien und Kunstlicht. Er las die wenigen Zeilen mit solcher Konzentration, dass jedes Geräusch, selbst das Summen der Computer, aus Rücksichtnahme zu ersterben schien. Dann klappte er den Hefter langsam zu und legte ihn ohne Hast auf den Tisch, an dem er, Silvio Ricardo und Jana sich versammelt hatten.

Seine Finger massierten die Haut über den Augenbrauen. Er spitzte die Lippen, schien seinen Blick eine Sekunde nach innen zu lenken und fokussierte dann seine beiden Gegenüber.

»Das kann nicht Ihr Ernst sein«, sagte er.

Seine Stimme klang unbeteiligt und sachlich, so wie er immer sprach. Nur einmal hatte Gruschkow seine Beherrschung verloren. Das lag Jahre und Tausende Kilometer zurück und war der Grund dafür, dass er nun in Italien lebte und nicht mehr in Moskau.

»Ja.« Ricardo zog die Schultern hoch und breitete die Hände aus. »So was Ähnliches habe ich auch gesagt.«

Das Treffen fand in Gruschkows »Hexenküche« statt. Hier, in der Entwicklungsabteilung von Neuronet, heckte der Chefprogrammierer von Neuronet Softwarelösungen aus und bediente innovationshungrige Märkte. Sie hatten sich in den Besprechungsraum zurückgezogen und die Tür geschlossen. Der Raum war schalldicht. Das ließ sich jedermann leicht erklären, denn kaum irgendwo sonst hatte Industriespionage derartige Ausmaße angenommen wie im Computer- und Online-Business.

Ein Ausdruck lag auf Gruschkows Zügen, den man selten an ihm sah. Er wirkte ratlos.

Jana hingegen war äußerst zufrieden.

»Das ist gut«, sagte sie.

»Gut?« Gruschkow verschränkte die Arme und brütete eine Weile vor sich hin. »Ich weiß nicht. Es ist das Irrwitzigste, was mir je untergekommen ist.« Seine Hand glitt über das Dossier, als wolle er sich seiner Echtheit versichern. »Kein Mensch würde auf so eine Idee kommen außer Ihnen.«

»Man kann durchaus darauf kommen«, sagte Jana gleichmütig, »wenn man zur richtigen Zeit ein Glas Wein trinkt.«

»Eher wohl eine ganze Flasche«, bemerkte Ricardo trocken.

Jana winkte ab.

»Völlig unwichtig. Entscheidend ist, dass ich es ausgerechnet habe. Meine Kenntnisse sind rudimentär, ich weiß gerade das Notwendigste über die Technologie, derer wir uns dafür bedienen müssten. Aber der Gedanke ist verlockend. Wenn sogar meine engsten Mitarbeiter es für Irrsinn halten, besteht eine gute Chance, damit durchzukommen.«

»Eben«, sagte Gruschkow. »Hier liegt das Problem. Sie wissen das Notwendigste. Auf der Basis kann man Science-Fiction produzieren.

Ich will nicht in Abrede stellen, dass Ihnen das gelungen ist.«

»Es ist mehr als Science-Fiction.«

»Augenblicklich nicht.«

»Ich will einfach nur wissen, ob es völlig ausgeschlossen ist.«

Gruschkow kratzte seinen Schädel. Ricardo schüttelte skeptisch den Kopf, sagte aber nichts. Er griff nach dem Dossier und schlug es auf. Es war das dritte Mal, dass er das an diesem Vormittag tat. Jana schwieg und wartete. Ihretwegen konnten sie es lesen, so oft sie wollten. Sie hatte keine Eile.

Für die Dauer weiterer Minuten war nichts als das Rascheln der umgeblätterten Seiten zu hören.

»Also, ich bin ja nun überhaupt kein Fachmann«, sagte Ricardo schließlich hilflos. »Ich kann nur mein Gefühl sprechen lassen. Ebenso gut hätten Sie schreiben können, dass Sie sich beamen lassen wollen. Ich glaub’s einfach nicht.«

»Ich bin auch kein Experte«, sagte Gruschkow. »Jana will wissen, ob es grundsätzlich machbar ist. Darauf lässt sich antworten, dass es mit der Machbarkeit eines Mondfluges vor zweihundert Jahren auch nicht gerade weit her war.« Er stand auf und begann im Raum umherzugehen. »Das Problem ist, es gibt Dinge, die sind grundsätzlich nicht machbar oder nur nicht in ihrer Zeit. So gesehen ist es zumindest nicht ganz ausgeschlossen. Es klappt im Modellversuch wahrscheinlich spielend. Alle mit einbezogenen Faktoren auf ein Zwanzigstel ihrer Größe reduziert und in einem hermetisch abgeschlossenen Umfeld angeordnet, das könnte gehen. Wenngleich ich noch nicht weiß, wie wir ein bewegliches Ziel mit einem derart starren System treffen sollen. Die Crux ist, dass wir es mit dem wahren Leben zu tun haben, das ist ganz was anderes. Ich weiß nicht, ob so etwas in derartigen Dimensionen je gemacht worden ist.«

»Die Amerikaner haben es gemacht«, sagte Jana. »Russland übrigens auch.«

»Das ist was anderes. Ich weiß, worauf Sie anspielen.« Gruschkow blieb stehen. »Aber es war ein Heidenaufwand. Und sie haben es auch nur in der blitzsauberen Simulation geschafft. Es ist ScienceFiction, darüber müssen wir uns im Klaren sein, bevor wir weiter an der Idee arbeiten.«

Jana wies mit einer umfassenden Geste auf die Computer ringsum. »Das alles hier ist Science-Fiction«, sagte sie. »Wir können nicht in entfernte Regionen des Universums reisen, weil wir nicht wissen, ob es einen Weg gibt, die Naturgesetze auszutricksen. Bleibt der Glaube, dass irgendwann jemand dahinterkommen wird, wie’s geht. Wurmlöcher, Quantentunnel. In unserem Fall liegen die Dinge anders. Wie es geht, wissen wir. Wir haben keinerlei Verständnislücken. Wir müssen nichts erfinden, was nicht schon da wäre. Die Frage ist einzig, wie wir es uns zunutze machen.«

»Ihr Rechenbeispiel bezieht sich auf die erforderliche Leistung unter Einrechnung der Entfernung«, sagte Gruschkow stirnrunzelnd. »Mir ist schon klar, dass wir die nötige Kraft entfesseln können, aber ist Ihnen bewusst, wie riesig das Ding sein wird, das wir brauchen? Wie wollen Sie etwas so Großes mitten in eine Hochsicherheitszone bringen?«

»Gar nicht. Ich schätze, die Hochsicherheit spielt sich in einem Radius von ein bis maximal zwei Kilometern ab.«

»Sie gehen von zwei bis drei Kilometern aus.«

»Nötigenfalls auch mehr. Ich denke, wir sind bis zu fünf Kilometern auf der sicheren Seite. Danach geht’s immer noch, wird aber eng. So oder so können wir einen Gegenstand dieser Größe außerhalb der Sicherheitszone platzieren, ohne dass es auffällt.«

»Sie werden auf die Distanz Probleme mit Umwelteinflüssen bekommen. Aber wie auch immer. Nehmen wir an, das kriegen wir geregelt. Sie müssen es dennoch schaffen, die Vorrichtung beweglich zu gestalten. Das wird kaum möglich sein. Sie müssten einen Schlitten gigantischen Ausmaßes bauen, der noch dazu in einem Hochpräzisionsgestänge eingelagert ist und absolut erschütterungsfrei bewegt werden kann.«

Jana schüttelte den Kopf und wies mit dem Finger auf das Dossier. »Die Vorrichtung ist starr.«

»Ihr Ziel aber nicht. Es ist etwa so, als solle sich ein Haus mitdrehen, wenn jemand dran vorbeigeht.«

»Überhaupt nicht. Was wir brauchen, ist ein Umleitungssystem.«

»Sie meinen…«

»Die klassische Lösung.« Jana lehnte sich vor und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. »Es wird funktionieren, Gruschkow! Nichts anderes haben die Amerikaner und die Russen auch gemacht. Ich habe noch keine Vorstellung davon, wie wir es steuerungstechnisch lösen, aber es müsste so sein, dass eine der Komponenten beweglich ist.«

Jana erläuterte Gruschkow den technischen Aufbau, wie sie ihn sich vorstellte. Tatsächlich war sie keineswegs so sicher, ob es funktionieren würde, wie sie tat. Sie wusste zu gut, dass die Idee einem roh geschliffenen Halbwissen, einer exzellenten Flasche Rotwein und der fortgeschrittenen Tageszeit von drei Uhr morgens entsprang. Aber wenn sie selbst zu sehr zweifelte, bekäme sie Gruschkow nicht dazu, sich weiter damit auseinander zu setzen. Zwar unterstand er ihrem Kommando, dennoch konnte sie nichts von ihm erzwingen, was er selbst für unmöglich hielt.

Ricardos Meinung war eher von akademischem Interesse. Er war Kaufmann, kein Wissenschaftler. Von ihm hatte Jana nichts anderes hören wollen, als was er gesagt hatte. Die meisten Leute gingen zuallererst nach ihrem Gefühl, wenn es um die Frage des Möglichen oder Unmöglichen ging. Die Mehrheit der Menschen war beispielsweise der Meinung, interstellare Fernstreckenreisen müssten über kurz oder lang möglich sein, obgleich es allen physikalischen Gegebenheiten zuwiderlief. Die wenigsten hielten es wiederum für möglich, dass Kraken Konversationen untereinander führten in einer Sprache auf Basis von Körpermustern, aber genau dafür hatte die Wissenschaft deutliche Anzeichen. Der Prozess des Aussonderns, den das menschliche Gehirn tagtäglich vollzog, geschah schnell und intuitiv. Was einem mangels tieferen Verständnisses nicht sofort einleuchtete, galt erst einmal als unwahrscheinlich. Hätte man den Deutschen erzählt, Gerhard Schröder sei ein getarnter Außerirdischer, hätte sich kaum jemand daran begeben, es nachzuprüfen. Entsprechend hatte Ricardo, ein intelligenter Mann von hervorragender Allgemeinbildung, reagiert, als Jana ihre Gedanken vortrug. Er schloss – obschon er es technisch nicht begründen konnte – die Möglichkeit von vornherein aus. Insofern war seine Meinung wertvoll, weil sie vermuten ließ, dass kaum jemand überhaupt auf die Idee gekommen wäre.

Im Unerwarteten liegt die Chance.

»Ich bin Programmierer«, sagte Gruschkow schließlich, nachdem er unbewegt zugehört hatte. »Vergessen Sie das nicht. Ich verstehe nur zufällig etwas von diesen Dingen.«

»Sie verstehen nicht zufällig etwas davon, sondern weil Sie ein wissenschaftlicher Allrounder sind«, sagte Jana. »Und das ist kein Lob, sondern eine Tatsache. Ich hätte Sie andernfalls nicht gefragt. Also, was ist? Halten Sie es für möglich?«

Gruschkow blähte die Backen. Er nahm seine Brille ab, zog ein Tuch hervor und polierte sie ausgiebig. Dann hielt er sie mit zusammengekniffenen Augen gegen die Deckenbeleuchtung und setzte sie wieder auf.

»Ja«, sagte er.

»Das wusste ich!«, rief Jana triumphierend. »Ich wusste, dass es klappt.«

»Langsam.« Gruschkow zeigte ihr die Handflächen. »Ich sagte, es ist möglich. Das ist nicht dasselbe wie klappen. Geben Sie mir Zeit und vor allem einen Sack dezidierter Informationen. Ich brauche genaue Angaben über das Gelände, Ausdehnung und Beschaffenheit des Terrains, vor allem hinsichtlich der höchsten Punkte. Was Details betrifft, nehme ich Kontakt mit Moskau und Leningrad auf, für die grundsätzlichen Fragen steht mir ebenfalls jemand zur Verfügung. Sobald – das heißt, falls! – es an die Konstruktion geht, fehlen mir allerdings die richtigen Verbindungen.«

»Ich schätze, da kann Mirko weiterhelfen. Ich sehe ihn demnächst in Köln. Er scheint alles und jeden zu kennen.«

Ricardo runzelte die Stirn.

»Sie sagten, er wird mit im Team sein.«

»Das war eine seiner Bedingungen.«

»Meinetwegen«, sagte Gruschkow desinteressiert. »Wie ich es augenblicklich sehe, wird das Team ohnehin noch größer sein müssen. Wir brauchen ein paar Leute mit besonderen Fähigkeiten, wie viele genau, hängt davon ab, was die nächsten Tage bringen.«

»In Ordnung. Was brauchen Sie sonst noch?«

Gruschkow überlegte.

»Meine Ruhe«, sagte er. »Möglichst ab sofort.«

Ricardo grinste und erhob sich.

»Schon verstanden, Einstein. Wir gehen und lassen Sie lebendig eingemauert zurück. Wollen Sie ein Pizza-Abo? Die Dinger kann man prima unter der Tür durchschieben.«

»Sie sind witzig, Ricardo«, sagte Gruschkow ohne einen Anflug von Erheiterung in seinen Zügen. »Ich bin sicher, eines Tages wird jemand lachen.«

Als sie die Programmierung verließen und nach draußen traten, sagte Ricardo zu Jana:

»Finden Sie es nicht bemerkenswert, dass wir bis heute nicht aufgeflogen sind? Ich meine, solche Treffen wie gerade gehen normalerweise unter ganz anderen Umständen vonstatten. Man trifft sich an irgendwelchen geheimen Orten unter verdeckten Namen und macht Klimmzüge, dass sie einem nicht draufkommen. Und wir arbeiten hier in aller Öffentlichkeit zusammen.«

Jana zuckte die Achseln.

»Eben. Wer sollte meinen, dass ein paar strebsame junge Leute wie wir hinter verschlossenen Türen über Mord und Totschlag nachdenken?«

Ricardo sog die winterliche Luft ein und betrachtete den Himmel. Vom Firmengelände der Neuronet aus, deren gläserne Flachbauten sich gelungen in die romantische Landschaft der Langhe einfügten, konnte man Janas Villa sehen.

»Eines Tages wird es einer meinen«, sagte er.

»Dann sind wir weg.«

»Das wäre gut. Sie wissen ja. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass irgendwann schief geht, was schief gehen kann.«

Jana lächelte.

»Ein Gesetz. Klar. Aber wann hätten wir uns je um das Gesetz gekümmert.«

Maxim Gruschkow war drei Tage sozusagen weggeschlossen von der Welt. Er ließ sich sein Essen tatsächlich in die Programmierung kommen. Da seine Mitarbeiter gewohnt waren, dass er sich des Öfteren zurückzog, um zu arbeiten, fand auch diesmal niemand etwas Außergewöhnliches dabei. Gruschkow verfügte über einen eigenen Computer-Circuit, den er durch ein kompliziertes Codierungssystem absolut zugriffssicher gemacht hatte. Außer ihm kannte nur Jana die Zugangscodes und war über ihren eigenen Circuit mit dem seinen verbunden.

Während der Zeit seiner Einkehr standen sie in Kontakt miteinander. Innerhalb ihres abgeschotteten Systems tauschten sie Nachrichten aus. Gruschkow stellte vorwiegend Fragen, die Jana nach bestem Wissen beantwortete, und versorgte sie dafür mit unbefriedigenden Häppchen und fortdauerndem Skeptizismus. Jana wusste, dass er erst einen Erfolg vermelden würde, wenn er hundertprozentig vom Gelingen des Plans überzeugt war. Sie hoffte, er werde seinen Segen geben. Tat er das, konnte sie sicher sein, dass das Unternehmen hieb- und stichfest war. Gruschkow war einer von den Hunderttausendprozentigen. Bislang hatte er sich nie geirrt.

Am Abend des dritten Tages rief er sie spät abends ganz normal über das Telefon an und plauderte mit ihr über neue konzeptionelle Ansätze für Suchmaschinen im Internet.

»Ich habe was programmiert, was speziell Microsoft einen ganz neuen Markt eröffnen könnte«, sagte er. »Am besten kommen Sie mal rüber und sehen es sich an.«

Jana verließ die Villa und ging hinüber zur Firma. Sie musste ein Stück die Straße hochwandern und in einen Weg einbiegen, der direkt vor dem Portal des Firmenhauptgebäudes endete. Es war kälter geworden, aber dennoch trug sie lediglich einen Blazer über ihrem T-Shirt. Kälte und Hitze machten ihr nichts aus. Sie schloss auf und durchschritt die verglaste Eingangshalle und den dahinter liegenden Verwaltungstrakt. Im Dunkeln glühten nur die Lämpchen einiger Computer, die auf Bereitschaft geschaltet waren. Dann betrat sie den fensterlosen Gang, der zu Gruschkows Privatlabor führte. Eine der Leuchtstoffröhren über ihr summte und flackerte. Sie zog ihr Handy hervor und sprach eine kurze Nachricht auf die Mailbox der Zentrale. Zur Zeit waren keine Mitarbeiter im Haus außer Gruschkow, aber sie hasste es, wenn die Dinge unerledigt blieben. Morgen früh würde die Leuchte ausgetauscht sein, noch ehe sie gefrühstückt hatte.

Gruschkow erwartete sie. Er saß vor einem mit Gleichungen übersäten Bildschirm und hatte einen zweiten Stuhl neben sich gestellt.

»Setzen Sie sich. Wir schauen uns gemeinsam was an.«

Jana blieb stehen und stützte sich mit beiden Händen auf die Lehne.

»Wird es klappen?«, fragte sie.

Gruschkow grinste. Es geschah äußerst selten. Eigentlich nur dann, wenn er mit seiner Arbeit hochzufrieden war.

»Sie können sich die Mühe machen, Platz zu nehmen«, sagte er.

Jana setzte sich.

»Also es klappt?«

Gruschkow bewegte die Maus, klickte ein paar Fenster weg und öffnete ein neues.

»Ja«, sagte er.

Jana starrte fasziniert auf die Zeichnung, die den kompletten Monitor einnahm. Sie war beinahe ergriffen.

»Wie groß ist das Ding?«

»Tja.« Gruschkow breitete die Hände aus. »Ganz genau kann ich das noch nicht sagen, aber ich schätze, wir sprechen über die Ausmaße eines Kleinlasters. Es gibt verschiedene Modelle und Konstruktionsweisen. Das hier ist ein YAG. Er bringt die nötige Power auf. Außerdem brauchen wir ein Aggregat von einiger Größe.«

»Phänomenal.«

Er sah sie an. Seine Augen waren kaum zu erkennen hinter den Reflexen des Monitors auf seinen runden Brillengläsern.

»Nicht ganz so phänomenal ist, dass ich keine Ahnung habe, wo wir so was herbekommen sollen.«

»Sie meinen, dieses Ding da gibt es gar nicht?«

»Doch. Es gibt eine Menge davon. Auch größere. Sie können welche haben, die sind so riesig wie ein ganzer Häuserblock. Die Frage ist, wie wir an so eins rankommen.«

»Wenn es klappt«, sagte Jana leise, »kommen wir auch ran. Das lassen Sie meine Sorge sein.«

»Schön. Also, die Distanz ist kein Problem, Sie hatten Recht. Der hier schafft zehn Kilometer und ist dabei hundert Prozent zielgenau

erst mal nur theoretisch, das heißt, wenn wir eine lineare Gleichung zugrunde legen, was natürlich Quatsch ist! Für die Praxis müssen wir uns was einfallen lassen, weil wir wie gesagt mit jeder Menge Umweltfaktoren zu kämpfen haben.«

Er klickte ein neues Fenster an.

»Das ist in etwa das System. Ganz grob. Ich habe mir überlegt, wir konstruieren eine handliche Steuerungseinheit, über die Sie es bedienen können.« Er machte eine Pause. »Ich dachte an eine Kamera.«

»Worüber läuft die Steuerung?«

»Radiowellen. Hedy Lamar lässt grüßen.«

»Was ist mit Infrarot?«

»Nur weil wir zwei, drei Mal mit Infrarot gearbeitet haben, ist das nicht in Mode«, sagte Gruschkow tadelnd. »Infrarot können Sie bei der Entfernung vergessen! Radiowellen sind perfekt. Ich bin mir noch nicht sicher, ob wir mit GPS arbeiten sollten. Es würde die Sache vereinfachen, aber vielleicht geht es auch ohne.«

»Eine Kamera also«, sagte Jana. Sie wusste, dass er einen Hintergedanken dabei hatte. Gruschkow ließ sich gern ein bisschen locken.

»Ja.«

»Lassen Sie mich raten. Ich soll als Pressefotografin auftreten. Richtig?«

Das zweite Mal innerhalb weniger Minuten grinste Gruschkow. Er hatte seinen Monatsdurchschnitt damit eindeutig überschritten.

»Niemand wird eine Kamera so weit auseinander nehmen, um zwei Mikrochips zu entdecken, die da nicht reingehören. Keine Sicherheitskontrolle der Welt schafft das. Sie kommen also ganz nah ran.«

»Und wenn ich den Auslöser drücke…«

»Passiert’s.«

»Gruschkow, das ist phantastisch.«

»Ich weiß.« Gruschkow lehnte sich zurück und ließ den Atem entweichen. Erst jetzt fiel Jana auf, wie angespannt er die ganze Zeit hindurch gewesen war. »Es klingt immer noch undenkbar, wie aus einem spinnerten Film. Absolut phantastisch. Aber sosehr ich mich bemühe, ich finde keinen Grund, warum es nicht klappen sollte.« Er zögerte. »Bis auf einen.«

»Welchen?«

»Es darf nicht regnen.«

»Was? Warum denn das nicht? Was hat…?«

Plötzlich wurde ihr klar, was er meinte. Physik. Simpelste Physik. Sie schwieg eine Weile. Dann sagte sie:

»Das ist profan, Gruschkow. Entsetzlich profan. Dann können wir die Sache vergessen.«

»Nicht unbedingt. Jetzt muss ich Sie am Ende noch davon überzeugen, was? Erstens ist es nur dann ein Problem, wenn es aus Eimern schüttet. Erinnern Sie sich bitte, dass ein Wolkenbruch schon verheerend sein kann, wenn Sie mit einem Präzisionsgewehr ein bewegliches Ziel hundert Meter weiter weg treffen wollen. Oder Nebel. Kann alles passieren. Im entscheidenden Moment kann ein Lastwagen vorbeifahren, wenn Sie gerade abdrücken wollen. Solcherlei Unwägbarkeiten sind nichts Neues. Wir werden außerdem im Sommer operieren, da besteht die Chance, dass es trocken bleibt.«

»Nicht in Deutschland. Aber egal. Weiter.«

»Sie haben mehr als einen Schuss. Ich denke, zwei oder sogar drei. Das erhöht die Chance selbst bei einem Nieselregen gewaltig. Es gibt aber noch einen Grund, es so zu machen.«

»Der wäre?«

»Plan B. Der gute alte Plan B, Jana. Ich weiß, Ihre Auftraggeber hätten gern diesen einen Tag an diesem einen Ort zu dieser einen

Stunde. Sollen sie haben. Aber wenn es nun wirklich schief geht, müssen Sie eben eine Gelegenheit an einem anderen Tag finden.«

»Der ganze Aufwand ein zweites Mal?«

»Ist nicht so viel Aufwand. Überlegen Sie doch mal. Sie brauchen lediglich ein zweites Umleitungssystem. Wichtig ist, dass Sie im Voraus wissen, wo Sie es installieren müssen.«

Jana dachte darüber nach.

»Ich meine«, fügte Gruschkow hinzu, »grundsätzlich werden Ihre Auftraggeber doch daran interessiert sein, dass die Sache überhaupt funktioniert. Also machen Sie Ihren Salto mit Netz und doppeltem Boden.«

»Diese Waffe ist phantastisch«, flüsterte Jana. »Der Effekt wäre ungeheuerlich. Wir müssen es so machen!«

»Wir werden es so machen«, sagte Gruschkow. »Und der Effekt wird immer noch gewaltig sein, wenn er woanders eintritt und an einem anderen Tag. Das Resultat bleibt dasselbe. Die Bilder, die um die Welt gehen werden, auch.« Er stand auf und griff nach einem Pullover, der über der Lehne seines Stuhls hing. »Und das wollen Sie doch, oder?«

Sie überlegte kurz.

»Ja«, sagte sie. »Das klingt gut, Gruschkow. Wirklich gut.«

»Fein. Dann gehe ich jetzt was essen. Morgen besprechen wir die Einzelheiten.« Er grinste zum dritten Mal, und langsam wurde er Jana unheimlich. »Ich schätze, es gibt eine Menge zu tun. Nicht wahr?«

1998. 22. DEZEMBER. KLOSTER

Gut einen Monat nachdem Mirko den alten Mann das erste Mal in den Bergen getroffen hatte, konnte er ihm eine Lösung präsentieren. Er war sich nicht sicher, wie der Alte darauf reagieren würde. Jana hatte ihm klar gemacht, dass sie die Beschaffung des Equipments von Mirko erwartete beziehungsweise von seinen Hintermännern. Aber das war nicht das eigentliche Problem.

Die Frage war, ob der Alte über das nötige Vorstellungsvermögen verfügte.

Mirko fragte sich, wie seine Auftraggeber bloß auf den Decknamen Trojanisches Pferd verfallen waren. Als Allegorie war er verfehlt. Es kam ihm vor, als hätten sich die Streiter im Bauch des imaginären Pferdes allesamt vor dem Geschichtsunterricht gedrückt. Er fragte sich, wie eine Welt funktionieren sollte, in der die Führer weniger wussten als Menschen wie Mirko, die ihnen dienten und zuarbeiteten. Nicht, dass es ihn weiter kümmerte. Aber bemerkenswert war es dennoch, dass Karel Zeman Drakovic, der es aus einfachen Verhältnissen zum Drahtzieher der Mächtigen gebracht hatte, einen Mangel an Treffsicherheit registrierte, der einer Elite einflussreicher und studierter Leute offenbar entgangen war.

Andererseits, wer regierte denn die Welt? Ludwig XIII. mochte König von Frankreich gewesen sein, die Geschicke hatte Richelieu bestimmt. Nixon war über seine eigenen Leute gestürzt. Johannes Paul I. war Papst gewesen, bis er zu viel kontroverses Gedankengut einbrachte, dann war er plötzlich tot. Die Kaiser, Könige und Präsidenten, Päpste und Diktatoren mochten sich in Positur stellen, irgendjemand war immer mit auf dem historischen Schnappschuss, von nichts sagendem Äußeren, lächelnd und halb verdeckt vom winkenden Arm des Führers, aber wann dessen Kopf in den Korb rollte, bestimmte letzten Endes er.

Die Mächtigen mochten stürzen – die zweite Garde, derer sie sich bedienten, tauchte irgendwann wieder auf. Immer in Positionen, die einen maximalen Handlungsspielraum bei minimaler Gefährdung der eigenen Stellung ermöglichten. Sie waren die Schatten, die sich aussuchen konnten, wer sie warf, ob sie nun CIA oder KGB hießen. Die Schattenkrieger hatten alle Macht. Riskant wurde es für sie nur, wenn sie selbst dem Glamour des Rampenlichts verfielen.

Mirko dachte an Slobodan Milosevic, während das Kloster in der Ferne auftauchte. Auch der Diktator hatte sein sicheres Terrain verlassen, als er beschloss, aus dem Schatten des dienstbaren Opportunismus zu treten und seiner Eitelkeit nachzugeben. Er war wie alle seiner Art verblendet und damit angreifbar geworden. Solange er es vorgezogen hatte, im richtigen Moment die Ideologie zu wechseln und anderen das Regieren zu überlassen, hatte er überdauert, Entscheidungen gefällt und im Verborgenen die Weichen gestellt. Es war ihm jederzeit möglich gewesen, in ein anderes Lager überzulaufen, wo ein neuer starker Feldherr seiner Dienste bedurfte. Jetzt aber – nachdem er 1986 die Parteiführung in Serbien und ein Jahr später die Präsidentschaft übernommen hatte – stand er selbst an der Spitze. Nichts und niemand kam mehr nach ihm, er hatte sich keinen Unterschlupf gelassen. Er war sein eigenes und das Produkt anderer geworden, eine Fieberphantasie der nationalen Intelligenz Serbiens, ein Homunkulus mit der einzigen Aufgabe, ein für alle Mal die Wahrheit zu verkünden, die serbische Wahrheit, die wahrer ist als jede andere Wahrheit, fußend auf der Monstrosität historischer Ansprüche, aus denen er Recht und Rechtmäßigkeit ableitete, das Gesetz schlechthin.

Als Folge vermochte der Diktator die Gesetze nicht mehr auszulegen, die er gemacht hatte. Er war das Gesetz! Milosevic würde sein Schicksal ereilen, weil er an seiner eigenen Verbindlichkeit zugrunde ging. Im grellen Licht der weltpolitischen Bühne drohte ihm der Schurkentod, weil die Guten Kenntnis von ihm genommen hatten. Das war sein größtes Problem, und er hatte es zu keiner Zeit erkannt oder danach gehandelt. Jahre würde es dauern, in denen er ungeheuren Schaden anrichten und seine Feinde dutzendfach vernichtend schlagen konnte, aber nichts würde ihn schützen gegen den Jago oder Brutus mit dem nichts sagenden Gesicht, lächelnd, halb verdeckt vom winkenden Arm des großen Nationalisten, Verrat planend.

Viele waren wie der serbische Diktator, wie Kennedy und Nixon, wie Jelzin, Saddam Hussein, wie die Cäsaren. Gleich welcher Ideologie, entging ihnen ihre Mutation zur Handpuppe, in die andere schlüpften. Sie leisteten sich grandiose Schlachten, die keiner wirklich gewinnen konnte, also führten sie einen zweiten, verdeckten Krieg, in dem ein Mirko oder ein Carlos, ein Abu Nidal oder eine Jana aktiv wurden, ließen andere Hände ihr Schicksal in die Hand nehmen. Zu jeder Zeit waren sie ihrer selbst so sicher, dass sie keinen Zweifel an der Ausübung totaler Kontrolle hegten. Auf dem Scheitelpunkt ihrer Macht schob ihnen dann jemand den Dolch zwischen die Rippen, und die Inszenierung endete. Im Puppenspiel fiel der Vorhang. Die Figuren waren hinreichend demoliert, die Spieler zogen sich zurück und warteten auf ihren nächsten Einsatz. Die Welt der Puppen wandelte sich. Die der Spieler blieb gleich.

Mirko steuerte den Wagen auf die Böschung unterhalb des Klosters und stieg aus. Der Tag war diesig und kühl. Er zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch. Der Alte erwartete ihn vor den Stufen, die zum Portal hinaufführten. Heute hatte er sich nicht der Mühe unterzogen, seine Sicherheitsleute im Hintergrund zu halten. Vielleicht wollte er Mirko mit seiner kleinen Demonstration beeindrucken. Mehrere Männer in Kampfanzügen waren auf dem Gelände verteilt. Sie hielten respektvoll Distanz. Mirko schätzte, dass sie zu einer der zahlreichen Milizen gehörten.

»Mein lieber Freund«, sagte der Alte herzlich. »Ihre Nachricht war ein duftender Korken! Nun lassen Sie mich den Wein trinken. Wie steht es mit unserem kleinen Unterfangen? Was sagt unsere geschätzte Freundin, wie sie die Sache angehen will?«

Mirko schickte einen Blick zu den Uniformierten.

»Hören diese Leute mit?«

»Kein Problem. Aber Sie haben natürlich Recht. Gehen wir ein Stück.«

Sie setzten sich in Bewegung. Vom Kloster führte ein Pfad bis zur Straße und setzte sich auf der anderen Seite fort. Die Ränder waren von niedrigem Buschwerk überwuchert. Wahrscheinlich endete der Weg nach wenigen hundert Metern in einem Feld, aber von hier sah es aus, als verliere er sich im milchigen Dunst der Berge weit hinten.

Drei der Männer folgten ihnen in einigem Abstand.

Nachdem sie ein paar Schritte schweigend nebeneinander hergegangen waren, sagte Mirko dem Alten, was Jana verlangte.

Sein Auftraggeber blieb stehen und starrte ihn an.

»Sie will was?«

»Sie haben richtig gehört.«

Der Alte schüttelte den Kopf und sah hinüber zum Kloster, als habe er die tröstende Realität dort zurückgelassen. »Wie soll das funktionieren? Hat Ihre Freundin den Verstand verloren? Das ist Unfug, Mirko. Fünfundzwanzig Millionen teurer Unfug!«

»Nein, ist es nicht«, erwiderte Mirko. »Um Sie zu beruhigen, ich war anfangs auch irritiert. Aber sie hat es mir erklärt. Es funktioniert.«

»Das kann ich kaum glauben!«

»Wenn Sie es ihr nicht glauben, glauben Sie es mir. Es klingt phantastischer, als es ist. Was einen so frappiert, sind die Dimensionen. Würde sich alles en miniature abspielen, wäre es die einfachste Sache von der Welt.«

»Ja, aber das ist ja nun mal nicht der Fall. Meine Güte, ich bin einiges gewohnt, aber… Gibt es keine Alternative?«

»Doch«, nickte Mirko. »Boden-Boden-Raketen. Vielleicht. Das Problem ist nur, dass wir gar nicht so weit kommen würden, eine Basis zu stationieren. Wir würden eine solche Waffe nicht ins Land schmuggeln können, und in Deutschland bekommen wir sie erst recht nicht.«

»Und wenn wir jetzt beginnen?«

»Auch dann nicht.«

Der alte Mann sah sinnend zu Boden. Dann ging er langsam weiter.

»Was würde passieren, wenn Jana ihren Plan ausführt?«, fragte er. »Ich meine, was wäre der Effekt?«

Die Bestürzung war aus seinen Zügen verschwunden, stattdessen begann sein Verstand, das Szenario offenbar in Bilder umzusetzen. Mirko spürte einen Anflug von Erleichterung. Die größte Hürde war genommen. Sie brauchten weniger die Zustimmung des Alten als vielmehr seine Hilfe. Aber dafür mussten sie ihn überzeugen.

Mirko erklärte ihm die Wirkungsweise der Waffe. Es brauchte nicht vieler Worte, und die blauen Augen des alten Mannes begannen zu leuchten.

»Ein verfluchter Aufwand, aber eine gute Show«, sagte er.

»Es ist das, was Sie wollten.«

»Sieht ganz so aus.« Der Alte zögerte. »Mein Gott, man lernt nie aus. Ich dachte immer, wir leben in Zeiten, da sich ein Mann mit einem Gewehr auf ein Dach legt und die Frage einzig darin besteht, das passende Dach zu finden.«

Mirko lächelte.

»Das ist Partisanenromantik, und das wissen Sie. Ein Mann und seine Waffe. Sind Sie sicher, dass Sie die Rede dem Richtigen halten?«

Der Alte lachte bellend und schlug Mirko auf die Schulter.

»Ach, Mirko! Verdammt, ich weiß selbst, dass es so nicht geht.

Andererseits werden Sie zugeben, dass die Ideen Ihrer Freundin gewöhnungsbedürftig sind.«

»Es sind die Ideen einer Frau«, sagte Mirko gleichmütig. »Männer denken immer gleich an Kanonen. Frauen haben weitaus mehr Phantasie. Wussten Sie, dass es bändeweise Abhandlungen über die phallische Bedeutung von Handfeuerwaffen und Gewehren gibt? Was glauben Sie, warum Männer so gern ballern?«

»Weil sie einen Schwanz haben, Mirko«, lachte der Alte. Er schien sich königlich zu amüsieren. »Weil sie ohnehin schon wissen, wie man ballert. Gott sieht es gern, wenn ein Mann eine Waffe trägt.«

»So? Ich dachte, er sieht es lieber, wenn das allmächtige Rohr Leben spendet.«

»Manchmal spendet es eben Tod. Was ist los, haben Sie einen Katechismus verschluckt?«

»Keineswegs«, sagte Mirko spöttisch. »Ich fragte mich nur gerade, wie Sie zur gleichen Zeit das Hohelied auf den Schwanz und die Waffe singen können. Dann fiel mir Sigmund Freud ein, der geäußert hat, es sei tatsächlich in gewisser Weise dasselbe. Meiner Erfahrung nach das eine umso mehr, je weniger sich beim anderen tut.«

»Freud?«

»Ja.«

Der Alte hatte aufgehört zu lachen.

»Psychologengeschwätz«, rief er unwillig. »Ein Mann muss sich verteidigen können. Ich kenne viele aufrechte Männer, die Kinder gezeugt und im richtigen Moment abgedrückt haben.«

»Mag sein. Ich kenne andere. Aber das ist ohnehin alles nur von akademischem Interesse.«

»Ich weiß nicht.« Der Alte sah Mirko lauernd an. »Aus welchen Rohren schießen Sie denn?«

Mirko lachte.

»Aus dem jeweils richtigen. Ich habe mich noch nie vertan.«

»Ich will keine Moralpredigten, hören Sie!«

»Keine Sorge. Hätten Generäle besseren Sex, gäbe es weniger Krieg. Wäre schlecht für mich. Mir ist es recht so, wie es ist.«

»Sie beleidigen die Menschen, die für dieses Land sterben würden und gestorben sind. Wir möchten nicht kämpfen müssen. Jeder hier würde lieber zeugen als schießen. Uns allen wäre es viel lieber, wenn wir die Waffen im Haus lassen könnten. Uns allen wäre es auch lieber, wenn wir uns nicht solcher Individuen bedienen müssten, wie Sie eines darstellen.«

»Das haben Sie sehr schön gesagt. Ich nehme es als Retourkutsche.«

»Töten Sie gern? Sagen Sie es mir, Mirko, sind Sie ein Patriot oder einfach nur ein Schlachtgehilfe?«

»Ich bin Geschäftsmann.«

»Das sagten Sie schon beim ersten Mal.«

»Dann fragen Sie mich kein zweites Mal. Jana und ich werden einen Auftrag ausführen. Es liegt mir fern, Sie oder Ihre Ideale zu beleidigen, aber ist es Ihnen nicht viel lieber, wenn ich für meinen Teil keine Ideale habe?«

Der Alte kniff die Augen zusammen. Dann entspannte er sich.

»Gut gesprochen, Drakovic. Ja, das ist mir weitaus lieber.«

Immer, wenn es ihm darum ging, Mirko seine Position spüren zu lassen, benutzte er seinen richtigen Namen. Auch das belustigte Mirko, aber er fand, er habe den alten Mann für heute schon genug gekitzelt. Es war ein Spiel, in dem es darum ging, den Respekt voreinander nicht zu verlieren. Mirko wusste, dass der Alte ihn auch darum schätzte, weil er zu den wenigen gehörte, die ihm nicht nach dem Mund redeten. Außerdem war Mirko nicht ersetzbar.

Noch nicht, dachte er. Zu weit zu gehen, hieße, sich das Wohlwollen des alten Mannes zu verscherzen. Was garantiert tödlich wäre.

»Also gut«, fuhr der Alte fort. »Ich werde Ihnen gleich einiges erklären. Sie werden die Hintergründe unseres kleinen Anliegens erfahren und welche Auswirkungen das auf Ihren Auftrag haben wird. Das Trojanische Pferd steht Ihnen offen. Ganz sicher werden Sie begeistert sein vom komplexen Spiel unserer Gedanken – falls Ihre eigenen den unseren zu folgen vermögen.«

Mirko investierte ein höfliches Nicken.

»Das Trojanische Pferd war mithin die weiseste Idee, die Priamos jemals hatte«, sagte er.

Kein Widerspruch. Keine korrigierende Bemerkung, dass Odysseus auf den hölzernen Gaul gekommen war und wohl zuallerletzt Priamos.

Jetzt aber Schluss, dachte er befriedigt.

»Können Sie einen YAG besorgen?«

Der Alte nickte. »Ja, das dürfte kein Problem sein. Wenn ich Sie recht verstanden habe, wird es damit aber nicht getan sein, oder?«

»Um die Details kümmern wir uns selbst.«

»Gut. Ich will sehen, was sich machen lässt. Wir haben eine Menge Einzelheiten zu besprechen. In der Kirche ist für ein Mittagessen gedeckt, Mirko, Sie sollen ja nicht leben wie ein Hund.«

Mirko erwiderte nichts. Der alte Mann sah zu den Bergen hinüber. Über den Zinnen braute sich dunkles Grau zusammen.

»Es kommt mal wieder Regen«, sagte er. »Gehen wir zurück.«

Schweigend kehrten sie um. Die Sicherheitsleute traten beiseite, warteten, bis sie vorbei waren, und schlossen sich ihnen an.

»Nebenbei, wie wollen Sie das Riesending überhaupt nach Deutschland schaffen?«, fragte der alte Mann. »Ist das nicht ein bisschen auffällig? Zwar keine richtige Waffe, aber immerhin. Wege lassen sich zurückverfolgen.«

Mirko lächelte.

»Es sind schon ganz andere Sachen aus Russland gekommen, ohne dass es einem aufgefallen ist.«

Der Alte riss die Augen auf. Einen Moment spiegelte sich Verwirrung darin. Er öffnete den Mund.

Dann begann er zu kichern.

»Sie sind ein raffinierter Hund, Mirko.« Das Kichern steigerte sich zu dem bellenden Lachen, das Mirko schon kannte. »Das muss man Ihnen lassen. Wirklich ein raffinierter Hund!«

Er schlug ihm wieder und wieder auf die Schulter, lachte noch lauter und ging mit raschen Schritten voraus zum Kloster. »Ich genieße die Konversation mit Ihnen, Drakovic. Sie macht mir Appetit.«

Mirko senkte den Kopf. Die Gnade war sein.

JUNI. KOELN. MARITIM

»Ich weiß nicht, wie sie da oben kochen«, sagte Kuhn. »Für mich schmeckt ohnehin alles überteuert, was nicht mit Ketchup oder Fritten serviert wird.«

»Um Sie geht es aber nicht«, sagte Wagner ungehalten.

Kuhn machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Ach, Kika, das Maritim hat einen guten Klang. Gucken Sie mich nicht so an. Das ist nun mal so! Sie essen Klang, egal wohin Sie gehen. Glauben Sie diesem ganzen Zinnober mit Kochmützen und Sternen doch nicht die Bohne, diese Tester sind allesamt gekauft oder haben einen ausgemachten Dachschaden. Fleisch ist entweder zart oder zäh, danach hört’s auf.«

»Ich hatte Le Moissonnier vorgeschlagen, weil es danach eben nicht aufhört!«

»Ja, und dieser Lärchenhof morgen kostet uns auch nur haufenweise Geld. Dafür bekommen Sie den Wein von einem Humpen in den anderen geschüttet, ein Fitzelchen schmierige Gänseleber, stinkende Fischeier, Rotz mit Geschmack und all solchen Unfug .«

»Rotz mit was?«

»Austern! Kika, um Himmels willen, Ihr Blick jetzt gerade. Erzählen Sie mir bloß nicht, dass Sie das Geschlabbere mögen.«

»Sie scheinen es doch auch zu mögen.«

»Was?« Kuhn blinzelte verwirrt. »Wieso denn ich? Ich sagte doch gerade .«

»Ihre Krawatte sieht aus, als wäre eben so ein Ding darüber gekrochen.« Wagner förderte ein sauberes Papiertaschentuch aus ihrer Handtasche und befeuchtete es mit der Zunge. »Kommen Sie mal her, das ist ja fürchterlich. Haben Sie eigentlich keinen Spiegel auf Ihrem Zimmer?«

»Sie…« Kuhn wand sich und fuchtelte mit den Händen, während sie ihn an der Krawatte zu sich heranzog und begann, darauf herumzureiben. »Hey! Das ist unwürdig. Ich bin doch kein Pinscher, den man an der Leine… Aua! Wollen Sie mich erdrosseln? Eure Generation legt viel zu viel Wert auf die Tapete, ehrlich, Kika. Im Grunde sollte man überhaupt keine Krawatte tragen, wenn man nicht will. Verdammter Sozialzwang. Alles nur westliche Arroganz. Wussten Sie, dass indische Politiker .«

»Stimmt. Sie sollten wirklich keine tragen. Das Problem ist nur, dass Sie ohne auch nicht besser aussehen. So. Bitte schön.«

Kuhn schüttelte sie brummend ab und verstaute den Schlips zwischen den Revers seines Jacketts. Wagner fragte sich, wie er es immer wieder schaffte, dermaßen abgerissen auszusehen. Der Lektor war keineswegs so alternativ, wie er sich gebärdete. Er trug keine billigen Sachen. Er trug die teuren nur so, dass sie aussahen, als kämen sie aus der Altkleidersammlung. Hinzu addierte sich eine kaum zu überbietende Delikatesse in der Zusammenstellung von Farben. Neben O’Connor hatte er ausgesehen wie ein tragischer Irrtum. Im Kreis der Abendgesellschaft, die Kuhn den folgenden Abend im Restaurant des Maritim zu verdanken hatte, würde er auch nicht besser dasitzen.

Es war die einzige Reservierung gewesen, die sie ihm überlassen hatte. Prompt hatte er es vermasselt. Wagner hatte nichts gegen das Maritim. Sie hatte nur grundsätzlich etwas gegen Restaurants in Hotels, weil sie in den allermeisten Fällen Durchschnitt offerierten. Und Durchschnitt war das Letzte, was sie O’Connor anzubieten gedachte. Kuhn hatte den schönen Ausblick über den Rhein in die Waagschale geworfen. Schließlich hatte Wagner nachgegeben und nicht länger darauf insistiert, die Reservierung zu ändern. Sie beschloss, Kuhn schulde ihr für das Entgegenkommen irgendwann einen größeren Gefallen, und sie war entschlossen, ihn einzufordern, wenn es so weit war.

»Es wird schon schmecken«, sagte der Lektor väterlich. »Ich weiß ja schließlich auch, was sich gehört.«

»Mhm.«

»Große Portionen, Kika. Damit Sie endlich mal was auf die Rippen kriegen! He, da fällt mir ein, wissen Sie eigentlich, warum so viele Schauspielerinnen magersüchtig sind?«

»Nein«, seufzte Wagner.

»Ganz einfach. Klappern gehört zum Handwerk! Haha. Gut, was? Wie viel wiegen Sie überhaupt?«

»Sie kriegen gleich auch was auf die Rippen.«

»Entschuldigung, ich wollte nur…«

»Es geht Sie nichts an, wie viel ich wiege, hören Sie?«

»Bei Ihrer Größe…«

»Es geht nicht mal meine Waage was an!«

Kuhn zuckte die Achseln und suchte die Hotelhalle mit Blicken ab. Allmählich wurde es Zeit, dass sich die übrigen Gäste einfanden. Der Tisch war für Viertel nach neun bestellt. O’Connor weilte auf seinem Zimmer, um erneut die Garderobe zu wechseln. Auf der Rückfahrt mit Kuhn hatte er sich augenscheinlich lammfromm gegeben und war verschiedentlich eingenickt. Sie hatten das I. Physikalische Institut vor einer Dreiviertelstunde verlassen, und Wagner hatte voller Verblüffung festgestellt, dass man sich dort von O’Connors Arroganz kein bisschen gekränkt zeigte.

»Natürlich hat er einen Vogel«, hatte Schieder beim Abschied erklärt, als sie ein Stück hinter den anderen zurückblieb, um sich zu entschuldigen. »Aber keiner hier hat etwas anderes erwartet. Ich meine, er ist brillant! Denken Sie mal darüber nach, wie viele wohl erzogene und ausgeglichene Leute das von sich behaupten können. Der Mann ist ein Künstler. Die besten freischaffenden Physiker sind Künstler.«

»Das gehört wohl auch zu den Dingen, die keiner weiß, stimmt’s?«

»Stimmt. Darum tun wir uns ja so schwer, finanzkräftige Galeristen zu finden. Schönen Abend. Ihr Schützling war prima.«

Es stimmte schon, was Schieder sagte. O’Connor war ein Künstler.

Aber musste er sich deswegen gleich so benehmen wie eine ganze Horde davon?

»…verstehe durchaus, dass man einen Autor, der Spitzentitel schreibt, nicht in die Würstchenbude schleppt«, sagte Kuhn gerade. »Aber das ist ein gutes und renommiertes Restaurant. Sie hingegen tun immer so, als hätte ich… Oh, sie kommen!«

Durch das Foyer näherten sich drei Männer und zwei Frauen. Da war der Buchhändler, ein jovial wirkender Mensch von gesundem Aussehen. Er war natürlich weitaus mehr. Seiner Familie gehörte eine der beiden großen Buchhandlungen der Stadt. Wagner wusste, dass in Köln ein Kampf der Giganten tobte. Die Frage, welcher Adresse man den Vorzug gab, hatte einiges Fingerspitzengefühl erforderlich gemacht. Der hiesige Markt wurde beherrscht von Gonski, dem Ableger aus der Bouvier-Gruppe, und der Mayer’schen. Beide Kontrahenten teilten sich den Neumarkt im Herzen der Innenstadt, wo sie einander dermaßen auf den Pelz gerückt waren, dass man keine fünfzig Schritte vom einen zum anderen brauchte. Kuhn hatte kurzzeitig mit dem Gedanken gespielt, den Vertreter der Gegenseite ebenfalls einzuladen, aber O’Connor würde dort nicht lesen, was Misstöne befürchten ließ. Zumindest dieser Gipfel, dachte Wagner erleichtert, blieb Köln also erspart.

Der zweite der Männer, hoch gewachsen und weißhaarig, wies sich gern als Kunstexperte aus, bevor er sich dazu bekannte, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer zu sein. Er saß im Rat und verdankte seine Anwesenheit der Intervention des dritten männlichen Gastes, der für O’Connor die Gunst des Golfspiels auf dem Platz in Pulheim erwirkt hatte. Er bekleidete eine nicht ganz unmaßgebliche Position im Hauptgebäude der Kölner Stadtsparkasse, die ihm Zeit genug ließ, wichtige Leute kennen zu lernen.

Die eine der beiden Frauen war Kulturdezernentin der Stadt Köln, eindrucksvoll in ihrer Erscheinung, raumfüllend und mit wallenden Gewändern angetan. Die andere schauspielerte sich seit Jahren durch eine landesweite Endlosserie im öffentlichrechtlichen Fernsehen und war eigentlich immer mit dabei, wenn wichtige Leute andere wichtige Leute kennen lernten. Sie war ältlich und rundlich und für ein gewisses Interesse an jüngeren Männern berüchtigt.

Wagner straffte sich. Es folgte die übliche Begrüßung und ausgedehntes Händeschütteln. Kuhn gelang es, die Schauspielerin mit dem Namen des Buchhändlers anzureden. Wagner plauderte atemlos darüber hinweg und warf einen Blick auf die Uhr.

Zwanzig nach neun.

Als hätten sich ihre Gedanken zu Fanfarenstößen gewandelt, erschien im selben Moment O’Connor hinter den auseinander gleitenden Glastüren des Fahrstuhls.

Er sah blendend aus. Anzug, Hemd und Krawatte waren perfekt aufeinander abgestimmt. Die silbergrauen Haare lagen wie mit dem Pinsel gezogen. Hätte ihr in diesem Moment jemand erzählt, dass sich ein ausgemachter Säufer näherte, sie hätte ihn glattweg ausgelacht.

»Warten Sie auf jemanden?«, fragte O’Connor gut gelaunt und gesellte sich zu der Gruppe. »Oder warte ich auf Sie?«

Gejohle. Kuhn übernahm nicht ohne Jovialität die Vorstellung der einzelnen Gäste. O’Connor gebärdete sich artig und fand für jeden ein paar ausgesucht nette Worte.

Wagner war ziemlich beeindruckt.

»Ich mag Ihre Anzüge«, sagte sie wahrheitsgemäß, als sie den gläsernen Lift ansteuerten, der zum Restaurant im fünften Stock führte. »Sehr im Trend.«

»Frau Wagner, Ihr Wort ist Musik.« Wenn O’Connor nüchtern war, schwenkte er offenbar auf Nachnamen um. »Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich bekomme von Trends gar nicht so viel mit. Sie überleben sich im Augenblick ihres Entstehens, das ist mir entschieden zu anstrengend. Ich habe genug damit zu tun, der Lichtgeschwindigkeit zu folgen.«

»Ich weiß nicht. Sie vermitteln eher den Eindruck, als seien Sie ihnen beständig auf der Spur.«

»Ich bluffe. Ich kaufe meine Klamotten, bevor sie in Mode kommen, und höre auf, sie zu tragen, bevor sie aus der Mode kommen. Auf diese Weise ist man immer schick, ohne gefällig zu sein. Nach Ihnen.«

Sie fuhren in den fünften Stock. Der Tisch am Fenster bot einen phantastischen Blick auf den Rhein und die Deutzer Seite. Es gab ein kurzes Durcheinander, bis jeder irgendwo saß, dann wurde Champagner serviert. Wagner schätzte, dass O’Connor nicht lange brauchen würde, um sich wieder auf das Niveau des Vormittags zu trinken, aber er nippte nur und sprach dafür umso reichlicher dem Mineralwasser zu. Sie betrachtete ihn unter zusammengezogenen Brauen und fragte sich, wie weit er mit seinen Bluffs eigentlich ging.

Sie hatte das unbestimmte Gefühl, schon ziemlich bald ein paar tiefer gehende Antworten zu erhalten.

Die Unterhaltung drehte sich eine Weile um alles und nichts. Die Schauspielerin löcherte O’Connor mit den üblichen Fragen.

»Wie kommen Sie bloß auf Ihre Ideen? Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie man ein Buch schreibt.«

»So wie der makedonische Bildhauer, gnädige Frau.«

»Ach was!«

»Ja. Man fragte ihn, wie es ihm gelänge, aus einem massiven Marmorblock einen perfekten Löwen zu hauen. Er besann sich einen Augenblick und sagte: Ganz einfach. Ich nehme mir diesen Block zur Brust und haue alles weg, was nicht nach Löwe aussieht.«

»Köööstlich!«

Und so weiter und so fort.

»Ihre Stadt ist bemerkenswert«, sagte O’Connor höflich, während er ein winziges Stück Graubrot fingerdick mit Kräuterquark bestrich. »Wie ich hörte, gibt es nach dem Wunder von Kanaa und der Schlacht von Issos jetzt einen Frieden von Köln.«

Die Dezernentin verzog das Gesicht.

»Nach dem Gespenst von Canterville gibt es jetzt sogar den Geist des Kölner Doms«, erwiderte sie. »Der war selbst mir völlig neu. Aber unser Außenminister scheint ihn gesehen zu haben. Die Zeitungen schreiben, er sei über die illustre Runde gekommen in Gestalt von Martti Ahtisaari und habe uns alle in gläubige Pazifisten verwandelt.«

»Köln hat viele neue Freunde gewonnen und einen bösen Krieg beendet, weil wir so eine schöne Kirche haben«, bekräftigte der Mann von der Stadtsparkasse.

»Sehr wahr.«

»Wir können uns ohne weiteres eine Scheibe vom Frieden abschneiden«, bemerkte der IHK-Vertreter säuerlich. »Wissen Sie, Dr.

O’Connor, Köln ist sein eigener Arschtritt. In Sachen Defätismus und Selbstzerfleischung läuft uns hier keiner den Rang ab. Dieser ständige Hader mit uns selbst. Wir haben weiß Gott eine Menge um die Ohren mit dieser Gipfelei, da darf man ruhig ein bisschen stolz sein.«

»Ich hadere ja gar nicht«, sagte die Dezernentin. »Ich finde es wunderbar, wenn unser Kardinal Meisner Milosevic im Traum erscheint und Norbert Burger dann in zähem Ringen den Rest besorgt.«

»Das sehen Sie nun wiederum zu eng«, sagte der Vorstand der Stadtsparkasse. »Für die Akte von Helsinki konnte Helsinki eigentlich auch nicht viel. Jetzt ist es halt der Kölner Frieden. Ein paar Striche auf dem Deckel der Kölner Weltpolitik. Wir haben an Ansehen gewonnen, ist doch prima. Wenn der Dom dran schuld ist – meinetwegen.«

»Hat Kardinal Meisner nicht sogar die Hoffnung geäußert, der letzte Krieg des Jahrhunderts möge im Schatten des Doms sein Ende finden?«, sagte Kuhn wissend.

»Was er gesagt hat, lässt mich annehmen, dass er selbst nicht im Schatten des Doms sein Ende finden möchte.«

»Lassen Sie Gnade walten. Jeder ist eitel.«

»Wie abgeschmackt, Herrschaften! Der Dom ist das Friedenssymbol schlechthin, das wollen Sie doch wohl nicht in Abrede stellen?«

»Warum denn das?«

»Er hat den Weltkrieg immerhin überdauert. Ich bin nicht übermäßig gläubig, aber so was nenne ich ein Symbol.«

»Ach, stimmt ja. Sie haben die Bomben lieber auf die Leute drumherum geschmissen. Auch ein Symbol.«

»Wäre Ihnen ein zerstörter Dom lieber gewesen?«

»Keineswegs.«

»Genau! Ohne Dom kein Frieden. Im EXPRESS stand kürzlich sogar, er hätte Weltgeschichte geschrieben.«

»Wer? Der Dom? Mannomann! Der erste Dom, der schreiben kann.«

»Bildlich gesprochen.«

»Ist doch alles unwichtig. Dem Bundeskanzler hat das Kölsch geschmeckt. Er hat mit Rudi Carell in der ›Kölschen Stuff‹ fünfzehn davon durchgezogen. So was ist wichtig. Wir haben so viele Gründe, uns was einzubilden, dass wir mit diesem einen Dom wahrscheinlich gar nicht mehr auskommen werden.«

»Klasse! Bauen wir einen zweiten!«

»Ich weiß nicht. Ich war seit Jahren nicht mehr in dem einen.«

»Nicht? Gehen Sie rein. Ich glaube, er ist jetzt noch ein bisschen größer geworden.«

»Sagen Sie mal, Dr. O’Connor, wie kommt denn Köln so rüber bei Ihnen in Dublin? Ich meine, in diesen Tagen, da alle Welt auf uns blickt.«

»Wie bitte?« O’Connor schreckte hoch. »Oh, nun ja. Die Irish Times hat einiges zum Gipfel geschrieben. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob sie wussten, dass er in Köln stattfindet.«

»Ach, Dr. O’Connor«, kam es leutselig von der Schauspielerin. »Die ganze Welt kennt unseren Dom.«

»Ja, man hatte so seine Sorge«, bemerkte die Dezernentin. »Wäre es der ursprünglichen Planung nach gegangen, hätten die internationalen Sendeteams ausschließlich vom Dach des Stadthauses filmen können. Die Welt hätte den Dom von der Südseite gesehen.« Sie machte eine Pause. »Mit nur einem Turm, Herrschaften. Ein halber Frieden.«

Räuspern, leises Lachen. Speisekarten wurden ausgeteilt.

»Jedenfalls, Tony Blair im Dom-Hotel, Jelzin im Renaissance, Clinton im Hyatt«, resümmierte der Buchhändler und blätterte in der Speisekarte. »Wir können uns glücklich schätzen. Was ist das alles gegen Liam O’Connor im Maritim?«

»Gerhard Schröder im Maritim«, korrigierte der Herr von der IHK trocken. »Jacques Chirac im Maritim. Wir sind zwar prominent, aber nicht exklusiv.«

»Haben wir’s gut!«, sagte der Vorstand und lachte gewinnend in die Runde. »Da müssen wir uns wenigstens nicht mit Schuldenerlassen und Friedensplänen herumschlagen, was?«

Die Schauspielerin lachte mit.

»Es weiß ja ohnehin keiner, worum es auf dem Balkan überhaupt geht«, sagte sie. »Also, ich hab schon vor Jahren den Überblick verloren. Moslems, Nichtmoslems, für mich sind das alles Barbaren.«

Stille senkte sich herab.

Die Dezernentin hüstelte.

»Na, ich bitte Sie!«, entrüstete sich die Schauspielerin. »Finden Sie, dass die sich wie zivilisierte Menschen benehmen? Ich weiß gar nicht, warum wir uns da einmischen. Wenn die sich die Köpfe einschlagen wollen, sollen sie es meinethalben tun, aber doch nicht mit unseren Steuergeldern.«

Der Vorstand sah sie an wie eine Schwachsinnige.

»Habe ich Sie in dieser bescheuerten Serie, die Ihre besten Jahre kommen und gehen sah, nicht etwas anderes sagen hören?«, fragte er. »Man müsse helfen und dürfe nicht tatenlos zusehen?«

»Aber Sie haben doch gerade selbst…«, stammelte sie.

»Ich habe gesagt, dass es angenehmere Themen gibt! Nicht mehr und nicht weniger.«

Sie starrte ihn feindselig an. »Und ich bekomme Drehbücher vorgelegt. Na und? Mein Gott, Kosovo! Ich verstehe gar nichts davon, und ich will auch nichts davon verstehen. Man muss nicht alles verstehen. Ich finde, wir sollten uns da raushalten. Haben wir nicht genug eigene Probleme?«

»Ja. Scheint mir allerdings auch so.«

»Drehbücher«, murmelte der Buchhändler.

O’Connor beugte sich vor und strahlte sie an.

»Lassen Sie sich nicht ärgern«, sagte er. »Ich finde, Sie haben es in doppelter Hinsicht auf den Punkt gebracht«

»Wirklich?«, lächelte sie.

»Aber ja. Erstens die Frage, warum wir uns einmischen. Gute Frage. Zweitens, dass Sie es nicht beantworten können, weil Sie nichts davon verstehen.«

Sie lächelte weiter. Nur ihr Blick ließ Zweifel daran erkennen, ob es die passende Reaktion zur Äußerung war.

Der Vorstand paffte und grinste.

»Manuel Azana meinte, wenn jeder Spanier nur über das urteilen würde, was er wirklich weiß, herrschte eine große Stille, die man zum Lernen nutzen könnte«, sagte er gebildet.

»Azana?«, echote die Schauspielerin.

»Spanischer Ministerpräsident der Dreißiger.«

»Wir sind aber doch in Deutschland.«

»Ach!«

»Nun, wie auch immer«, sagte der Buchhändler nach einer Pause. »Das müssen wir ja jetzt nicht ausdiskutieren. Kosovo, tragisch, aber genug davon. Das hatten wir nun wochenlang.« Er sagte es wie jemand, der auf den Hinterhof blickt und feststellt, dass irgendjemand dringend mal den Sperrmüll kommen lassen müsste.

»Wollen wir bestellen?«, schlug Wagner vor.

»Nur einen Augenblick, wenn Sie gestatten.« Die Kulturdezernentin lächelte O’Connor freundlich an. »Mich würde schon interessieren, was Sie so denken, Dr. O’Connor.«

»Ich denke, ich nehme den Loup de Mer und vorher den Salat von Steinpilzen und Gambas«, sagte O’Connor und hob sein Glas. »Einen Toast auf Sie alle. Mir ist soeben klar geworden, dass ich dem Gipfel bereits beiwohne.«

»Nein, pardon… ich meine, wie Sie über diesen Krieg denken.«

»Warum nicht?« O’Connor legte die Fingerspitzen aufeinander. »Es berührt mein Arbeitsgebiet.«

»Licht?«

»Nein, Sprache. Ich denke, es ist kein Krieg.«

»Kein Krieg?« Die Dezernentin wirkte verdattert. »Das müssen Sie mir erklären.«

»Oh, dazu bin ich nicht prädestiniert«, sagte O’Connor bescheiden. »Ich verstehe nichts von Politik. Die Nato müsste es erklären.«

»Dass es kein Krieg ist?«

»Jamie Shea spricht immer nur von Luftangriffen. Würde er von Krieg sprechen, müsste er verbindlich die Rechtsgrundlage dieses Krieges erläutern. Offenbar kann er das nicht und tut es nicht, also ist es kein Krieg.«

»Was denn sonst? Da fallen Bomben.«

»Nun, es ist kein Angriffskrieg, richtig? Alle beteiligten Nationen unterhalten Verteidigungsministerien, keine Angriffsministerien, also kann es kein Angriffskrieg sein.«

»Hm«, machte die Dezernentin. »Richtig.«

»Bleibt der Verteidigungskrieg. Wir müssen uns aber nicht verteidigen. Jugoslawien hat ja keinen von uns angegriffen. Richtig?«

»Auch richtig.«

»Ja, aber – wie sollen wir es dann nennen?«

»Wie wär’s mit Intervention?«, meinte Kuhn. »Ich nehme übrigens die Kartoffelsuppe und das Rumpsteak.«

»Ja, so nennen es alle«, sagte O’Connor. »Intervention. Nun, ich bin politisch ein ausgemachter Schafskopf. Pardon, aber was heißt das? So etwas wie eine Polizeiaktion gegen verbrecherische Aktivitäten?«

»Vielleicht.«

»Aber die Nato hat keine Hoheit über Jugoslawien. Als Polizei kann sie da nicht wirksam werden.«

»Sie machen’s aber ganz schön kompliziert.« Der Vorstand förderte ein Kistchen Zigarillos zutage. »Gestatten Sie? Irgendjemand sonst? Was im Kosovo geschieht, ist blanker Terrorismus. Dagegen wollen Sie nicht vorgehen?«

»Doch. Wenn es Terrorismus ist, dann wäre jeder Beteiligte nach jugoslawischer Rechtsauffassung ein Straftäter. Dann müsste er verurteilt werden. Von jugoslawischen Richtern, meine ich. Sehen Sie, hier scheint es einen Konflikt zu geben zwischen rechtlicher und moralischer Legalität. Was mich beunruhigt, ist nicht so sehr, wenn jemand aus moralischen Gründen den Einsatz von Gewalt legitimiert, sondern dass er sich gezwungen sieht, das geltende Recht dafür zu umgehen. Das lässt nur zwei Schlüsse zu. Entweder er ist selbst im Unrecht, oder das geltende Recht ist im Unrecht. Glauben Sie, die Nato hat darüber nachgedacht, bevor sie tat, was möglicherweise richtig ist?«

»Na ja. Wenn Sie es so sehen…«

»Verzeihen Sie.« O’Connor hob die Hände. »Ich wurde gefragt. Ich bin nur ein Physiker, der Bücher schreibt, kein Politiker. Mir teilt sich lediglich mit, dass keiner die Sache Krieg nennen mag, und da frage ich mich halt, wenn die Nato nicht so richtig weiß, was es ist, ob sie dann vielleicht auch nicht so richtig weiß, was sie tut.«

»Heißt das nun, Sie sind dafür oder dagegen?«, sagte die Schauspielerin.

Der Vorstand verdrehte die Augen und trank.

»Ich weiß es eben nicht«, sagte O’Connor, »weil ich immer noch nicht weiß, was es ist.«

»Ein Akt der Gerechtigkeit!«, sagte der IHK-Vertreter mit Entschiedenheit. »Das ist es! Die Entenbrust klingt übrigens ganz ausgezeichnet.«

»Hm.«

»Finden Sie nicht?«

»Doch, ausgezeichnet.« O’Connor schürzte die Lippen. »Wissen Sie, ich finde es gerecht, Übel zu beseitigen. Wie gesagt, ich bin blutiger Laie, und von Kriegsführung – pardon, Interventionismus! – verstehe ich nun gar nichts. Meine innere Logik sagt mir, dass es ergo ungerecht ist, Übel zu verursachen. Also kann ein Akt nur dann gerecht sein, wenn er Übel beseitigt, ohne welche zu verursachen, richtig?«

Die Dezernentin lächelte und schwieg.

»Ich weiß ja jetzt, es ist nur ein Akt, über den wir reden, gottlob kein Krieg«, fuhr O‘Connor gut gelaunt fort. »Und natürlich wusste die Nato ganz genau, dass die entstehenden Probleme die zu beseitigenden nie dominieren würden. Ebenso wie sie wusste, dass sie den Akt über Nacht gewinnen würde, weil sie so kompetent vorgeplant hatte. So gesehen bin ich absolut für den Akt. Cheers, Herrschaften.«

»Vielleicht sollten wir…«, begann Wagner.

»Natürlich ist es Krieg«, bemerkte der Buchhändler unwirsch. »Alles andere wäre ja Spiegelfechterei. Wer so argumentiert, kann überhaupt nie handeln, frei nach dem Motto: Bring deine Frau ruhig um, ich tue nichts dagegen, solange du es in deiner Wohnung machst. Es ist Krieg, zugegeben, aber es ist ein Krieg der Werte. Was meinen Sie, ist die Seezunge gut?«

»Bestimmt.«

»Augenblick.« O’Connor schüttelte den Kopf. »Wir verteidigen also Werte?«

»Genau.«

»Welche?«

»Die Seezunge mit Reis. Quatsch… ähm… na ja, das Leben… das Recht zu leben… das menschliche Leben hat einen Wert. Wenn dieser Wert attackiert wird .«

»Ich bin nicht Ihrer Meinung«, sagte O’Connor. »Mir ist diese Ideologie der Werte suspekt, wenn ich das sagen darf. Werte sind

Bestandsaufnahmen der jeweiligen Kultur, die diese Werte postuliert. Im Westen haben wir westliche Werte, den Western way of life. Unsere Auffassung davon, was Werte sind, müssen wir nicht verteidigen, weil niemand sie angegriffen hat. Ebenso wenig können wir sie einem anderen Land aufzwingen, wenn es diese Werte nicht teilen mag. Glauben Sie im Ernst, die Kosovo-Albaner verkörpern unsere Wertvorstellungen?«

»Natürlich nicht!«

»Welche Werte wollen Sie dann verteidigen?«

»Den Wert des Lebens. Ist das etwa nichts?«

»Augenblick! Sie meinen Menschenrechte. Unveräußerliche Menschenrechte. Werte als solche sind abstrakt, also verteidigen wir schlussendlich wieder Menschen.«

»Wortklauberei. Das ist doch dasselbe!«

»Verzeihen Sie einem alten Schwätzer. Ich bin sicher, dass auch Milosevic ganz und gar der Meinung ist, Werte zu verteidigen. Hitler war das auch. Saddam Hussein ist es. Die Hisbollah meint, Werte zu verteidigen, die IRA, die ETA, die RAF waren der Ansicht. Werte verteidigen ist Unsinn. Wer meint, das zu tun, handelt nicht im Sinne real existierender Werte, sondern ficht seine persönliche Auffassung von Werten durch. Und das muss ganz und gar nicht im Interesse von Menschen geschehen. Sehen Sie, wir können uns nicht einmal auf objektiv gültige und die Situation beschreibende Vokabeln einigen. Niemand in diesem Krieg scheint das zu können, also worüber sollen wir reden? Schlicht und einfach darum sollten wir meiner Ansicht nach vergnüglichere Dinge besprechen, wie zum Beispiel Bücher. Wenn wir schon die Verschleierung der Wirklichkeit behandeln, dann wenigstens ganz auf dem Boden der Fiktion.«

Schweigen machte sich breit.

»Stimmt. Unser Gipfel ist die Literatur«, verkündete Kuhn endlich.

»Ganz richtig.«

»Genau!«

Das Gespräch drohte zu versanden. Ein Kellner eilte zur Rettung herbei und nahm geflissentlich Bestellungen auf. Im Folgenden verlagerte sich der Gesprächsgegenstand auf das Thema Wein, wozu bis auf Kuhn jeder etwas zu sagen wusste. Wagner schloss kleine Wetten mit sich ab, wie lange es dauern würde, bis die Runde ihr Augenmerk den Neuentwicklungen der Automobilindustrie zuwendete.

»Männer verstehen von so vielen Dingen etwas«, raunte sie der Kulturdezernentin zu. »Ich bin jedes Mal sprachlos.«

»Ja, ich sage auch irgendwann nichts mehr.«

O’Connor drehte langsam den Kopf und schickte Wagner einen Blick, der zu sagen schien, warum gehen wir dann nicht in eine hübsche Bar und lassen die anderen weiterschwadronieren? Lauschen irgendeiner geschmackvollen Anekdote am rauchüberwölkten Tresen. Verfallen der Musicbox und ihren Erinnerungen. Lassen die Politikaster schwätzen und sich gegenseitig einen runterholen auf den Kölner Frieden und den Krieg der Werte, während wir leidenschaftlich die Klappe halten.

Kika, deine Phantasie schlägt Blasen.

Der Vorstand der Stadtsparkasse förderte weitere Zigarillos zutage und fand in Kuhn einen Komplizen.

»Sagen Sie, Dr. O’Connor«, paffte er, »jetzt mal ganz was anderes. Wie gefällt Ihnen denn unsere schöne Stadt als Ire?«

»Als Ire?« O’Connor stutzte. »Um ganz offen zu sein, was ich bis jetzt gesehen habe, erinnert mich wirklich an Dublin.«

»Tatsächlich?«

»Ja. Ich mag den Charme des Unvollkommenen.«

»So? Hm. Unvollkommenheit will sich mir jetzt nicht erschließen. War Dublin nicht sogar Kulturhauptstadt?«

»Stonehenge war auch Kulturhauptstadt vor einigen tausend Jahren«, sagte O’Connor gleichmütig. »Dublin ist ein marodes Gebiss, dessen Besitzer die verbliebenen Zähne lieber mit goldenen Bürsten schrubben, als die Lücken mit Zahnersatz zu füllen. Aber ich gestehe, der Vergleich hinkt. Köln wurde zweimal zerstört, nicht wahr? Einmal von den Bomben der Alliierten, das zweite Mal von Architekten.«

»Völlig richtig«, pflichtete die Dezernentin bei. »Das Opernhaus gehört zum Beispiel in die Luft gesprengt.«

»Da Sie eben Charme erwähnten«, sagte der Buchhändler, »muss ich insistierend feststellen, dass aus Trümmern oft die schönsten Blüten sprießen. Ich habe in den schäbigsten Gegenden Dublins exquisite Pubs vorgefunden. Das ist in Köln nicht anders. Eigentlich, Dr. O’Connor, sollten Sie gar nicht hier sitzen, das Maritim ist ein Hotel wie jedes andere auch. Der wahre Reiz der Stadt erschließt sich hinter den Türen, nicht davor.«

Eine kaum wahrnehmbare Veränderung ging mit O’Connor vor. Wagner bemerkte, dass erstmals an diesem Abend der Glanz ehrlichen Interesses in seine Augen trat. Er beugte sich leicht vor und blähte die Nüstern, als nehme er Witterung auf.

»Und wo wäre das, wenn ich fragen darf?«

»Friesenviertel. Dahin hätten Ihre Gastgeber Sie heute Abend führen müssen – Sie verzeihen, liebe Frau Wagner, Herr Kuhn, aber für Dr. O’Connor müsste doch der irische Pub ein Eldorado sein.«

»Unsinn, Pubs hat er in Irland genug«, wandte die Kulturdezernentin ein.

»Aber keinen wie Jameson’s. Es gehen echte Iren hin, im Ernst, und die Whiskykarte ist famos. Außerdem servieren sie Galway- Austern mit Brownbread und Guinness.«

»Quatsch! Er muss ins Päffgen.«

»Ach was, Kinderkram! Klein Köln, wenn schon. Ab ins Klein

Köln.« Der Vorstand wedelte mit seinem Zigarillo und erzeugte Kalligrafien aus Rauch und Vergänglichkeit. »Das sind doch noch richtige Menschen da! Das ist viel origineller als das Päffgen.«

»Nutten und Zuhälter«, bemerkte die Schauspielerin und versuchte, O’Connor ein Stück näher zu rücken. »Was soll daran originell sein?«

O’Connor schenkte ihr keine Beachtung.

»Wo, sagten Sie noch, ist das alles zu finden?«

»In der Friesenstraße«, erklärte ihm der Buchhändler. »Sie sollten darauf bestehen, Doktor. Hören Sie meine Worte!«

»Danke.« Der Physiker grinste und lehnte sich zurück. »Aber ich fühle mich in Ihrer Gesellschaft ausgesprochen wohl. Ein andermal vielleicht. So viele kluge und gebildete Menschen, kein Grund, das Terrain zu wechseln. Nicht wahr – Frau Wagner?«

Wagner musterte ihn.

»Sicher«, sagte sie langsam. »Ein schöner Abend.«

»Was ich Sie im Übrigen noch fragen wollte…«, begann die Dezernentin, und von diesem Moment an drehte sich – bis auf einen kleinen Exkurs zum Thema Neuentwicklungen der Automobilindustrie zwischen Vorspeise und Hauptgang – das Gespräch endlich um O’Connors Bücher und seine Leistungen auf dem Gebiet der experimentellen Physik.

Es musste gegen zehn Uhr gewesen sein, erinnerte sich Wagner später, dass O’Connor aufgestanden war, um sich für einige Minuten auf die Toilette zu entschuldigen. Das Selbstverständlichste von der Welt.

Bis auf die Tatsache, dass er nicht mehr wiederkam.

Er kam nach fünf Minuten nicht und auch nicht nach zehn. Fragende Blicke gingen hin und her. Eine Viertelstunde verstrich, ohne dass einer der Anwesenden daran zweifelte, er sei für ein Telefonat oder einen Garderobenwechsel auf sein Zimmer gegangen und werde gleich wieder erscheinen, eine charmante Entschuldigung auf den Lippen.

Um zwanzig nach zehn verlor Kuhn zum dritten Mal an diesem Tag jede Gesichtsfarbe und Contenance.

»Ich könnte ihn–«

»Ruhig, Fury.« Wagner tätschelte ihm den Arm. Der Mann von der IHK vertrieb sich mit der Dezernentin die Zeit, indem sie Inszenierungen des Schauspielhauses sezierten. Der Stadtsparkassen-Vorstand fachsimpelte mit dem Buchhändler über E-commerce. Einzig die Schauspielerin sah mit verlorener Miene in ihr Glas.

»Wie seltsam«, meinte sie. »Wir kamen uns gerade näher.«

Nein, gar nicht seltsam, dachte Wagner. Wenn du wüsstest. Sie beugte sich zu Kuhn und sagte leise:

»Unterhalten Sie die Truppe. Ich verschwinde.«

»Was?«, zischte der Lektor. »Sind Sie noch zu retten? Sie können mich doch jetzt nicht allein lassen. Erst O’Connor, und jetzt Sie!«

»Das meine ich doch, Sie Schafsgesicht. Ich hole ihn zurück.«

Kuhn sah sie verständnislos an. Dann nickte er wie in Trance.

»Okay. Vielleicht ist er ja eingeschlafen.«

Wagner schüttelte den Kopf.

»Ich sagte, ich hole ihn zurück. Er ist nicht eingeschlafen. Übernehmen Sie die Rechnung, wir sehen uns irgendwann.«

»Kika«, jammerte Kuhn.

Sie klopfte ihm auf die Schulter, stand auf und winkte in die Runde.

»Ich gehe mal nachsehen, wo sich unser Freund versteckt hält«, sagte sie. »Bin gleich wieder da.«

»Vielleicht finden Sie ihn ja in der Friesenstraße«, witzelte der Vorstand und zog an seinem werweißwievielten Zigarillo.

Kuhn sank noch mehr in sich zusammen.

»Ja«, sagte Wagner fröhlich. »Das wär doch was.«

1998. 28. DEZEMBER. KOELN

In der Nacht vor dem Zusammentreffen mit Mirko in Köln hatte Jana einen Traum, der sie nachhaltig beschäftigte.

Der luzide Traum hat eine interessante Eigenart, dass er nämlich dem Erkennenden die Möglichkeit offen lässt, aufzuwachen oder weiterzuträumen. Das höchste der Gefühle ist, in einem luziden Traum zu fliegen und dies im vollen Bewusstsein auszukosten, es jenseits der Mauern des Schlafs nicht mehr zu können. So nimmt man plötzlich Einfluss auf einen Prozess, dessen Urheber und Protagonist man ist und der sich normalerweise zwingend vollzieht.

Sie war aufgestanden und hatte das große Fenster in ihrem Schlafzimmer, von dem aus sie das Tal bis zur Erhebung von La Morra überblicken konnte, an der dem Bett gegenüberliegenden Wand vorgefunden, wo es nichts zu suchen hatte. Sofort war ihr klar, dass sie träumte. Aber sie beschloss, sich auf das Abenteuer einzulassen, zumal der Schauplatz nicht aus der Luft gegriffen, sondern eine Art Paralleluniversum war. Neben ihr lag jemand und atmete schwer. Sie beugte sich über die Gestalt, aber das Gesicht schien wie zerschmolzen, ohne Konturen und Identität. Sie stand auf, nackt, wie sie war, und trat an das versetzte Fenster, um hinauszublicken.

Vor ihr lag eine stille, ländliche Straße im Licht der frühmorgendlichen Sonne. Ein paar alte Häuser mit großzügig angelegten Vorgärten dämmerten schräg gegenüber vor sich hin, dahinter erstreckten sich Wiesen mit rotem Klatschmohn bis zum Rand eines Wäldchens, durchbrochen vom üppigen Gelb wogender Kornfelder. Ein Zirpen lag in der Luft, irgendwo bellte ein Hund, und drei bäuerlich gekleidete Gestalten standen ein Stück weiter weg beisammen und rauchten altmodisch geschwungene Pfeifen. Bienen, dick wie Daumen, schwirrten kapriolend herum und setzten sich sekundenlang auf ihre Hände, mit denen sie sich auf dem Fenstersims abstützte, um besser hinaussehen zu können. Jana wusste, dass sie nicht zustechen würden. Es war mehr ein flüchtiges Willkommen, und es machte Sinn, denn was sich ihren Augen dort im frühen Sonnenlicht darbot, war nichts anderes als der Blick aus dem Kinderzimmer der Sonja Cosic bei ihren Großeltern in der Krajina.

Für ein kleines Mädchen sind Bienen etwas größer als für eine ausgewachsene Frau. So oft sie als Kind dort gewesen war, so selten hatte sie sich später bei ihren Großeltern blicken lassen. Vielleicht darum reduzierte ihr Auffassungsvermögen die Bienen jetzt nicht auf die ihnen zustehende Größe. Die zurücklaufende Zeit hatte sie wachsen lassen, ebenso wie sie jene alten Männer mit ihren Pfeifen leben ließ, die umgekommen, begraben und vergessen waren. Einer von ihnen winkte herüber und rief, na, Sonja, bist du wieder da?, und es schien tatsächlich so. Sie wollte winken und rufen, aber etwas hielt sie zurück, und sie sah weiter einfach nur hinaus.

War sie wirklich dort? Sie träumte, so viel war klar, aber hatte sie der Traum an den richtigen Platz geführt? Die Landschaft mutete eine Spur zu idyllisch an, alles in dieser Welt war künstlich überhöht, nuanciert zwar, aber unübersehbar. Und doch zeigte sich ihr die reine Wahrheit der Kinder, die in den ersten Jahren ihres Lebens nicht merken, dass sie wachsen, sondern staunend glauben, die Welt um sie herum schrumpft.

In das Glücksgefühl, das von ihr Besitz ergriffen hatte im Moment, da sie die Straße erblickt hatte, mischte sich Unsicherheit. Sie sah an sich herunter. Ihr Körper war der einer Erwachsenen, aber eindeutig befand sie sich an einem Ort ihrer Kindheit.

Einer der alten Männer löste sich aus der Gruppe und trat bis dicht unter das Fenster. Weiße Bartstoppeln überzogen Kinn und Wangen. Sie erkannte ihren Großvater.

Bin ich ein Kind?, fragte Jana. Ihre Stimme klang dünn und ängstlich.

Natürlich, nickte Großvater.

Aber ich sehe nicht aus wie ein Kind, sagte sie. Kann ich trotzdem bleiben, wenn ich verspreche, niemanden mehr zu töten?

Die Wahrheit der Kinder ist die Veränderung, Kleines, sagte Großvater sanft und zog an seiner Pfeife, und darum ist es eine lebendige und sich entwickelnde Wahrheit. Ein Kontinuum des Möglichen, eine metaphysische Manifestation, in der nicht zählt, was fehlt, wie bei uns Erwachsenen, sondern was ist. Und das, was ist, umfasst in deinen Augen eben weit mehr als die paar Dinge, die ein Mensch in meinem Alter sieht. Glaub nicht das Märchen von der Weisheit, Alter macht blind. Merke dir, die Welt ist nicht definierbar, sie ist interpretierbar. Solange du ein Teil der Realität bist, ist die Realität ein Teil von dir, und dann haben Pferde plötzlich Flügel, und sie haben wirklich welche. Aber du musst es wollen, und du musst es auch nicht wollen und die Kontrolle darüber behalten. Dein Wille ist der einzige Grund, warum du hier bist, Sonja. Wenn du anderen gestattest, für dich zu wollen, solltest du besser zurücktreten von diesem Fenster, weil du dir dann selbst nicht mehr trauen kannst. Es gibt keine Wahrheit als dich, denn die Welt existiert ausschließlich in deinem Kopf, und du wirst nie beweisen können, dass es anders ist.

Sie schaute auf den alten Mann herunter, der unzweifelhaft ein Riese war, und dachte an Kirschen. Je zwei zusammengehalten von den oberen Enden der Stängel. Ihr Großvater lächelte. Sollte sie aufwachen? Oder hinausgehen in ihre Kindheit und nach Wahrheit suchen, nach der Wahrheit der Kinder? Aber sie hatte offenbar zu lange gezögert, denn plötzlich war das Fenster nur noch ein altes Schwarzweißfoto, und Jana saß auf dem Bettrand und beobachtete enttäuscht, wie aus dem Blau des Himmels ein bleiernes Grau wurde und die Vision verging. Die Figuren mit den Pfeifen verblassten. Dann mischte sich ein neuer Ton mit in das Bild, ein strahlendes Rot, und das Foto begann sich an den Seiten schwarz aufzurollen und zu verkohlen.

Großvater!, rief sie.

Das Geräusch laufender Füße drang an ihr Ohr. Schreie und Schüsse. Sie begann zu schluchzen, warf sich auf das Bett und verbarg sich zwischen den Kissen.

»Jana?«

Sie schreckte hoch aus der Erinnerung, wandte den Kopf zu Mirko und lächelte.

»Tut mir leid. Ich war eine Sekunde in Gedanken. Was hatten Sie gesagt?«

»Ich hatte Sie gefragt, ob Sie jemals im Kloster Visoki Decani gewesen sind. Es ist eines der prächtigsten im Kosovo.« Mirko legte den Kopf in den Nacken und sah an den Türmen des Kölner Doms hoch. Sie standen vor dem Hauptportal auf der Domplatte und spielten Touristen. Jana war als Karina Potschowa eingereist und trug die Perücke mit den langen blonden Haaren, Mirko sah aus wie immer. Jeans, Lederjacke, angegrauter Bürstenhaarschnitt.

Sie waren den Vormittag über durch Köln geschlendert. Für jemanden, der ihnen gefolgt wäre, hätte es den Anschein gehabt, als absolvierten sie das übliche Besuchsprogramm. Historisches Rathaus, Altstadt, Gürzenich, die Märkte, Dom, Rheinpromenade, unterbrochen von Exkursionen durch die Geschäftsstraßen auf der Suche nach Souvenirs. In Wirklichkeit hatten weder Jana noch Mirko an diesem Morgen Augen für die Schönheiten der Stadt. Stattdessen schritten sie das ab, was Jana vorübergehend als Plan B vorgeschwebt hatte.

»Diese Kirche ist bemerkenswert«, sagte Mirko. »Ich frage mich, ob sie für die Deutschen dieselbe historische Bedeutung hat wie die kosovarischen Klöster für Serbien.«

Jana zuckte die Achseln. Sie kannte das Kloster Decani. Mirko hatte Recht, wenn er es als prächtig beschrieb. Die Klosterkirche entstammte der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts und vereinte byzantinische, romanische und gotische Elemente. Das Gotteshaus, die Dormitorien, die Wirtschaftsgebäude, sogar die mächtigen Klostermauern fügten sich harmonisch in die Gebirgslandschaft ein, mit deren natürlicher Größe sie gar nicht erst in Wettstreit zu treten versuchten.

Kaum irgendwo sonst wurde so deutlich wie im Kloster Decani, warum den Serben das Kosovo als Wiege ihres Staates und ihrer Kirche galt. Tatsächlich waren die Kirchen und Klöster im Kosovo von kaum zu ermessender historischer Bedeutung. Es gab eine Reihe gut erhaltener Bauwerke aus dem Mittelalter, dazu die Ruinen und Überreste von rund zwei Dutzend weiterer Klöster und weit über hundert Kirchen. Als Jana das Kloster vor Jahren besucht hatte, hatte vollkommene Ruhe über Decani gelegen, und sie erinnerte sich an die mächtigen Erhebungen der albanischen Alpen ringsum. Deren östliche Ausläufer zogen hier eine natürliche Grenze: das Kosovo auf der einen, Albanien und Montenegro auf der anderen Seite. Damals

obschon Ende Mai – hatte noch Schnee auf den über zweieinhalbtausend Meter hohen Gipfeln gelegen, während in der Hochebene bereits der Frühling Einzug gehalten hatte, die Wiesen in sattem Grün dalagen und die Obstbäume Blüten trieben. Etwas Majestätisches war von dem Kloster ausgegangen. Sie war eingetreten und hatte dem psalmodierenden Gesang der Mönche gelauscht, der vor über sechshundert Jahren wahrscheinlich nicht wesentlich anders geklungen hatte als jetzt, und obwohl sie an keinen Gott glaubte, hatte sie den Einfluss einer höheren Macht zu verspüren gemeint, welche die rohe Gegenwart jenseits der Klostermauern ausschloss.

Auch das sollte ihrem Volk also genommen werden.

Jana folgte Mirkos Blick bis zu den Spitzen der Türme.

»Wie kommen Sie jetzt auf Klöster?«, fragte sie.

»Nur so. Ich hatte in letzter Zeit öfter Gelegenheit, mich in welchen rumzutreiben.«

»Freut mich, dass Sie sich von Geschichte beeindrucken lassen.«

»Tue ich nicht«, sagte Mirko. »Aber in Decani war ich als Kind. Wir waren oft im Kosovo. Decani ist ein schöner Spielplatz.«

Jana verspürte wenig Lust, die Unterhaltung auf persönliches Terrain abgleiten zu lassen, wenngleich ihr Mirko durchaus sympathisch war. Sie mochte seine nüchterne Art, und er sah gut aus. Sie hätte ihm erzählen können von ihrer eigenen Kindheit, von den Besuchen in der Krajina, von ihren Eltern.

Aber es ging niemanden etwas an. Es war die Geschichte eines Mädchens namens Sonja, das in sechs Monaten endgültig aufhören würde zu existieren. Kein Grund, intim zu werden.

»Wie gefällt Ihnen Plan B?«, fragte sie und wechselte damit unmissverständlich das Thema.

»Schwierig, so etwas in der Stadt zu machen«, sagte Mirko. »Die andere Variante gefällt mir besser. Draußen am Flughafen hätten wir im Übrigen auch so etwas wie Plan B, eine zweite Möglichkeit, falls es beim ersten Mal nicht klappen sollte.«

»Dann sind wir einer Meinung.«

»Außerdem ist der Standort hervorragend gewählt. Die Spedition scheint mir ideal.«

»Ich habe sie bis nächste Woche optioniert. Dann müssen wir uns entscheiden.«

»Wir sollten sie kaufen.«

»Einverstanden.«

»Ich leite alles Erforderliche in die Wege. Aber natürlich müssen wir die Innenstadt als möglichen Schauplatz nicht ganz begraben. Ich denke, wir werden das genaue Programm bald kennen. Der Dom wird darin vorkommen, das Rathaus und die Altstadt. Wahrscheinlich auch dieser… wie heißt er noch?«

»Gürzenich«, ergänzte Jana. »Wie schnell kommen Sie an die Informationen?«

»Verhältnismäßig rasch. Ein, zwei Monate.«

»Hm.« Sie sah sich um. Zusammen mit ihnen bevölkerten wahre Heerscharen die Domplatte. Der Weihnachtsmarkt war verschwunden, aber der Zustrom an Besuchern trotzdem ungebremst. »Nein, das bringt nichts. Vergessen wir die Innenstadt. Der Flughafen reicht voll und ganz.«

»Wie Sie meinen. Reden wir also über Einzelheiten.«

»Im Hotel«, sagte Jana.

Sie aßen eine Kleinigkeit in dem Brauhaus, das Jana in der Maske der grauen Signora Baldi besucht hatte. Anschließend wanderten sie zu Fuß zum Kristall. Jana hatte sich auch diesmal wieder hier eingemietet. Sie mochte die Atmosphäre und hatte einen weiteren Tag in Köln eingeplant, einerseits, um vertrauter mit dem Terrain zu werden, zum zweiten, weil ihr die Stadt gefiel und sie ein Restaurant ausprobieren wollte, das stadtauswärts in einem Schloss lag und wegen seiner hervorragenden Küche gerühmt wurde. Während Mirko, dessen Maschine am frühen Morgen in Köln gelandet war, beabsichtigte, noch am selben Abend weiterzufliegen, warteten auf Jana die exquisitesten Genüsse und hoffentlich ein alter Bordeaux.

Inzwischen war Mirko offener zu ihr. Sie wusste, dass er über Umwege nach Belgrad fliegen würde. Was er dort machte und mit wem er sich traf, entzog sich ihrer Kenntnis. Sie hätte ihn fragen können, aber sie bezweifelte, dass er ihr nähere Auskünfte erteilen würde. Jana machte nicht den Fehler, in ihn zu dringen. Beizeiten würde er ihr vielleicht mehr erzählen.

Sie betrat das Hotel allein und ging sofort auf ihr Zimmer. Zehn Minuten verstrichen, dann klopfte es. Sie öffnete und ließ Mirko eintreten.

»Es war niemand an der Rezeption«, sagte er. »Praktisch.«

»Machen Sie es sich gemütlich.« Jana wies auf die kleine Sitzgruppe am Fenster, öffnete eine Aktenmappe und zog einen dünnen Schnellhefter hervor. Sie nahmen Platz. Mirko öffnete den Hefter und sah hinein.

»Gruschkow hat die Einzelheiten bis ins Kleinste ausgearbeitet. Sie haben also die definitive Liste dessen vor sich, was wir brauchen«, kommentierte Jana. »Ich muss hinzufügen, dass wir hier und da einige Optimierungen vornehmen werden, aber das soll nicht Ihre Sorge sein. Hauptsache, wir haben das Equipment beisammen. Der YAG ist die eine Sache, natürlich unser Herzstück. Das andere sind die Spiegel. Sehen Sie, es sind vier. Der Begriff Spiegel ist ein bisschen irreführend, sie sind beidseitig transparent und dielektrisch vielfachbeschichtet. Die Reflexion von Sonnenlicht wird gering sein, wenn die Spiegel einmal ausgefahren sind. Für jemanden, den man nicht unmittelbar mit der Nase drauf stößt, sind sie unsichtbar.«

»Was bedeutet dielektrisch?«

»Es heißt, dass die Spiegel für normales Licht durchlässig sind. Sie reflektieren ausschließlich eine Wellenlänge von 1 ^m. Eigentlich Standard.«

»Verstehe. Was ist hiermit? Adaptive Optik.«

»Eine Spezialanfertigung. Gruschkow sagt, der adaptive Spiegel müsste sich dort auftreiben lassen, wo Sie auch den YAG herbekommen. Möglicherweise nicht in den gewünschten Abmessungen, aber dann sollte es kein Problem sein, das Passende herstellen zu lassen.«

»Wozu ist das nötig?«

»Wegen der Entfernung. Wir benötigen einen adaptiven Spiegel auf diese Distanz. Die Durchmesser der Spiegel bewegen sich zwischen zehn und dreißig Zentimetern, es ist alles exakt beschrieben.« Sie machte eine Pause. »Der kleine Spiegel ist der entscheidende, Mirko. Wir werden ihn zu einem ferngesteuerten Zielobjektiv umarbeiten. Das macht Gruschkow. Er schreibt auch das Programm. Was wir ebenfalls organisieren, sind die Aggregate. Wahrscheinlich koppeln wir zwei aneinander, je zehn bis zwanzig Kilovoltampere dürften reichen. Wir brauchen außerdem einen Untersatz und Schienen, das bekommen wir in Deutschland. Ich kenne jemanden, der uns so was zusammenschweißt. Was in unseren Kräften steht, leisten wir selbst. Dennoch ist es eine ganze Menge, was Sie an den Start bringen müssen. Schaffen Sie das?«

Mirko klappte den Hefter zu und nickte.

»Was den YAG betrifft, das ist so gut wie geklärt. Das Trojanische Pferd verfügt über die nötigen Verbindungen.«

»Wo bekommen Sie ihn her?«

»Aus Russland. Wahrscheinlich aus Weißrussland, möglicherweise aus der Ukraine. Es gibt in beiden Ländern entsprechende Forschungsinstitute. Wir haben außerdem Kontakt zu einer hochrangigen Persönlichkeit des Rings, über die ich auch den Kauf der Spedition abwickeln werde. Ich denke, hinsichtlich der Spiegel dürfte es ebenso wenige Probleme geben wie mit dem YAG. Man ist dort sehr kooperativ, wenn es um Geld geht.«

»Russland«, sinnierte Jana. »Der Ring. Ich hab’s mir beinahe gedacht.«

Mirko lächelte und schwieg.

Der Ring verfügte über beste Kontakte in die Länder des westlichen Europa, vornehmlich in die Schweiz, nach Österreich und vor allem nach Deutschland. Was genau der Ring eigentlich war und wer ihm angehörte, inwiefern man ihn überhaupt der russischen Mafia zurechnen konnte, ließ sich nicht eindeutig sagen. Er war Teil des Netzes, mit dem die roten Bosse, wie die Karrieristen des neuen Russlands genannt wurden, Europa überzogen. Mittlerweile hatten sie ihre Fäden bis in die Vereinigten Staaten gesponnen. Dennoch gab es Länder, mit denen die russische Halbwelt bevorzugt Geschäfte machte. Hunderte Strohfirmen entstanden allmonatlich in England, Österreich und der Schweiz, um russisches Geld zu waschen. In Deutschland hatte der Urknall der Machtentwicklung russischer Tycoons Anfang der neunziger Jahre stattgefunden. Im Moment, da die Bundesregierung begann, der Roten Armee Geld für den Truppenabzug zu zahlen, kassierten die russischen Bosse fleißig ab. Beim Berliner Landeskriminalamt wusste man mittlerweile, mit welchem Geld die Russenmafia ihren fulminanten Start in Deutschland finanziert hatte. Es waren die sechs Milliarden Mark, die Bonn bis 1994 überwiesen hatte. Alles, was seitdem von den Aktivitäten der russischen Halbwelt in Deutschland ruchbar geworden war, hatte in irgendeiner Weise mit diesem Geld zu tun.

Der Kampf war verloren, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte. Die Verknüpfung deutscher und russischer Interessen fand in der berühmten Grauzone statt, die Kriminologen so viel Kopfzerbrechen machte – war das nun noch Mafia oder schon nicht mehr? Milliarden gewaschener Gewinne des organisierten Verbrechens verwischten die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität, öffneten Türen zu Zimmern, in denen politische und wirtschaftliche Entscheidungen ersten Ranges getroffen wurden, und schufen damit eine neue wirtschaftliche Realität. Illegales Geld gebar legale Strukturen. Deutschland etwa war regelrecht unterwandert von russischem und italienischem Mafiageld, die Verbindungen unentwirrbar geworden. Es gab Szenarien, was geschehen würde, wenn man dieses Geld der deutschen Wirtschaft von einem Tag auf den anderen entzöge. Sie würde zwar nicht gerade zusammenbrechen – aber auf jeden Fall Teile davon.

Was einerseits katastrophale Konsequenzen für russische und europäische Volkswirtschaften zu entwickeln drohte, kam den Interessen Janas und Mirkos in diesem besonderen Fall mehr als entgegen. Russisches Kapital ermöglichte Transaktionen auf höchster Ebene. Nicht umsonst war die Angst vor dem illegalen Handel mit nuklearem Material so ausgeprägt, weil es geschäftliche Verbindungen gab, die befürchten ließen, dass ganze Atomsprengköpfe an den Grenzen einfach übersehen wurden. Der YAG, der immerhin die Ausmaße eines Kleinlasters hatte, würde mittels gefälschter Papiere problemlos von Russland nach Deutschland gelangen, wenn jemand in Moskau seine Verbindungen spielen ließ. Er war ja nicht mal eine Waffe. Ihn offiziell an ein Institut in Deutschland zu adressieren, das ihn nie bestellt hatte, um ihn auf halbem Wege verschwinden zu lassen, war eine der leichteren Übungen deutsch-russischer Geburtshilfen bei der Verwirklichung dubioser Pläne. Ohnehin gab es – nachdem die Bosse auch die innovative Intelligenz des Landes übernommen hatten – nichts, was man in Russland nicht bestellen konnte. Hätte Mirko davon gesprochen, in irgendeiner abgelegenen Region der Ukraine oder Weißrusslands eine Zeitmaschine oder ein interstellares Raumschiff in Auftrag zu geben, wäre das zumindest nicht ganz ausgeschlossen gewesen.

So konnten sie sicher sein, dass sie den YAG und die Spiegel bekommen würden. Und die Spedition. Wenn Mirko eine Persönlichkeit des Rings kannte, die versprochen hatte, das Ding zu liefern und die Spedition als Strohmann zu kaufen, war die Sache geritzt.

Das einzige Problem mochte darin bestehen, dass man die Spur des YAG vielleicht doch würde zurückverfolgen können. An den immer raffinierteren Methoden der russischen Mafia schärfte sich auch das Können der deutschen und internationalen Kriminologen. Möglicherweise würden die Deutschen nach dem Anschlag herausfinden, woher der YAG gekommen war, und die russische Beteiligung an der Sache aufdecken. Würde der Westen zu diesem Schluss gelangen, stand auf jeden Fall das Heraufdämmern eines neuen Kalten Krieges zu erwarten. Kam er außerdem zu der Erkenntnis, dass die eigentliche Federführung von Belgrad ausgegangen war, standen Vergeltungsmaßnahmen, wenn nicht ein heißer Krieg ins Haus.

Sollten sie schlussfolgern, was immer sie wollten. Jana würde weg sein. Weit weg. Dort, wohin ihr die Probleme Europas nicht folgen konnten.

Sie reichte Mirko einen zweiten Schnellhefter.

»Ich habe eine Aufstellung über das Team gemacht«, sagte sie. »An der Spitze sind Sie und ich, außerdem Gruschkow. Was Gruschkow angeht, so ist er zweifellos ein begnadeter Kopf, allerdings weniger für die Frontarbeit geeignet. Ich hätte ihn trotzdem gern dabei, er schreibt Ihnen ein komplett neues Programm zur Not im Stehen. Aber wir brauchen ein bis zwei Techniker, um die nötigen Installationen durchzuführen. Einen Spezialisten für die Spiegel und einen Assistenten. Und den sechsten Mann natürlich.«

Mirko runzelte die Stirn. »Ich muss zugeben, dass der mir noch Kopfzerbrechen bereitet. Der einzige Schwachpunkt.«

»Nun, es gibt nur zwei Möglichkeiten«, sagte Jana. »Bestechung oder Erpressung.«

»Wir haben rund sechs Monate Zeit«, sagte Mirko. »Würde das nicht reichen, um einen Doppelgänger einzuschleusen?«

Jana schüttelte den Kopf.

»Zu kompliziert. Wir müssten jemanden auftreiben, der eine grundsätzliche Ähnlichkeit mit der Person hat, die wir ersetzen wollen. Es müsste jemand aus Deutschland sein, über Fachkenntnisse verfügen und bereit sein, sich operieren zu lassen. Die Chirurgen müssten Wunder vollbringen! Zwei Monate dauert es, bis die Narben verheilt sind. Man dürfte nicht das kleinste bisschen von der Operation sehen, das ist kaum zu schaffen.«

»Und wenn er einen Autounfall hätte? Es würde erklären, warum man sein Gesicht nicht mehr so hinbekommen hat, wie es vorher aussah, von den Narben ganz zu schweigen.«

»Selbst dann nicht. Was ist, wenn die Person Familie hat?«

»Nanu?«

»Sie missverstehen mich«, sagte Jana ärgerlich. »Ich meine, wir müssten entweder alle töten oder die Idee vergessen. Sie täuschen keine Familie auf die Dauer. Diese Person hätte mehr als einen Kurzauftritt, sie müsste wochenlang vorgeben, jemand anderer zu sein, als sie ist, und zwar zu Hause, im Bett, überall. Außerdem wären wir gezwungen, einen Unfall zu inszenieren. Zu viele Nebenkriegsschauplätze.«

»Sie haben Recht«, sagte Mirko nach einigem Nachdenken. »Also die klassische Tour.«

»Beides ist denkbar«, stimmte Jana zu. »Bestechung und Erpressung. Daran können wir arbeiten.«

Mirko wog die beiden Schnellhefter in seiner Rechten und lächelte.

»Das ist Arbeit von ausgezeichneter Qualität«, sagte er. »Ich wusste, dass es richtig war, Sie mit der Sache zu betrauen.«

Jana lächelte zurück.

»Das freut mich.«

»Ich schlage vor, da ich bereits die Beschaffung des YAG organisiere, dass ich mich auch um die Techniker kümmere. Mit Ihnen und mir haben wir eine serbische Führung und das Trojanische Pferd zufrieden gestellt. Wenn wir noch jemanden aus Serbien finden, umso besser. Andererseits haben meine Auftraggeber geschluckt, dass wir auf ausländische Professionelle angewiesen sein werden, und es ist ihnen mittlerweile auch gleich. Sie möchten lediglich, dass die Operation vom serbischen Geist getragen wird.«

»Das können Sie ihnen getrost versprechen.«

»Schön. Ich denke, ich werde als Erstes meine Fühler zur IRA ausstrecken. Die Iren sind unschlagbar in technischen Lösungen. Soweit ich weiß, hatten sie vor einigen Jahren dieselbe Idee wie Sie.«

»Tatsächlich?«

»Sie haben sogar begonnen, dran zu arbeiten. Aber dann kam ja

bekanntlich alles anders.«

»Wieso? Was ist passiert?«

Mirko hob die Brauen.

»Frieden ist passiert.«

»Ach, das! Stimmt. Eigentlich praktisch, dass sie mit den Engländern verhandeln. Einige von ihnen dürften arbeitslos geworden sein. Ja, ich denke auch, dass wir da fündig werden.«

Sie ging im Geiste noch einmal die einzelnen Punkte durch. Alles war besprochen. Sie hatten nichts übersehen.

Zufriedenheit überkam sie.

»Gut, Mirko. Was meinen Sie, fahren wir raus zum Flughafen?«

»Mit Vergnügen«, sagte Mirko.

»Sie können gleich im Anschluss weiterfliegen. Wir haben etwa zwei Stunden, um alles in Augenschein zu nehmen, das dürfte reichen.«

»Wunderbar.«

Jana erhob sich. Mirko nahm die Hefter an sich, verstaute sie in seinem Aktenkoffer und hielt ihr die Tür auf.

»Wie galant.« Jana zögerte. »Ich dachte übrigens, wir geben unserer Operation einen Namen«, sagte sie.

»Gute Idee«, meinte Mirko. »Haben Sie schon einen?«

»Ja. Was halten Sie von ›LAUTLOS‹?«

Mirko grinste.

»Sehr passend. Ja, das gefällt mir ausnehmend gut. Besser kann man es nicht beschreiben.«

Allerdings, dachte Jana. Lautlos leben und sterben. Die nächsten Wochen und Monate werden entscheiden, wem welche Rolle zugedacht ist.

Sie setzte die Sonnenbrille auf und ging an Mirko vorbei nach draußen.

1999.15. JUNI. KOELN

Es gibt Dinge, die man einfach weiß.

Ohne eine weitere Sekunde zu verlieren, ging Wagner nach draußen, stieg in ein Taxi und gab dem Fahrer die Adresse. Weit hatten sie es nicht. Ebenso gut hätte sie den Golf nehmen können, aber ein sicheres Gespür sagte ihr, dass es besser war, den Wagen in der Tiefgarage des Maritim zu lassen.

Fünf Minuten später zahlte sie, stieg aus und drängte sich ins Innere des überfüllten Brauhauses Päffgen. Augenblicklich trieb sie auf einer See aus Lärm. Hunderte von Stimmen mischten sich zu etwas, das Gegner von Großraumkneipen zur Flucht veranlasste, hingegen von den Stammgästen gern als Stille auf höherem Niveau bezeichnet wurde. Nur in Köln gab es diese Tempel der Klassenlosigkeit, an deren Schwelle jegliche Unterschiede zwischen Arm und Reich, Alt und Jung, links und rechts aufgehoben wurden und man eintrat in den real existierenden Kommunismus – jeder bekommt das gleiche Kölsch und die gleiche Scheibe Holländer Käse auf einem entweder knusprig frischen oder lappigen Roggenbrötchen.

Während Wagner dem Gerangel im Eingangsbereich entkam und das etwas geordnetere Innere durchschritt, immer bestrebt, den Köbessen nicht im Weg zu sein, die einen notfalls einfach umrannten, scannte sie ihre Umgebung. In der Schwemme und im dahinter liegenden Saal war es gerammelt voll. Sie ging weiter in den Biergarten und schlenderte zwischen den Tischchen mit den abgeblätterten gelben Klappstühlen hindurch. Kein Platz war frei. Im Vorübergehen schaffte sie es, einem der Bierträger ein frisch gezapftes Kölsch abzuringen, das sie durstig austrank – 0.2 Liter verdampften an einem warmen Sommerabend wie diesem praktisch auf der Zunge. Dann begab sie sich erneut ins Innere und in den angrenzenden Schlauch, den ältesten Teil der Schänke, wo die Anordnung der

Tische speziell im mittleren Teil an eine Mischung aus holzgetäfeltem Großraumwaggon und Legebatterie erinnerte. Aber auch hier war kein O’Connor auszumachen. Sie trat wieder hinaus auf die Friesenstraße.

Schräg gegenüber lag das Klein Köln, von dem der Vorstand der Stadtsparkasse gesagt hatte, es träfen sich dort noch richtige Menschen. Die Einschätzung der Sachlage war ein bisschen schick. De facto hatte das Klein Köln den Weg von einer halbseidenen Boxerkneipe zur Kultstätte der Letzten ihrer Art gefunden. Die kriminelle Szene Kölns hatte seit der massiven Zuwanderung von albanischen, tschechischen und russischen Banden einen anderen Ton bekommen. Seit der legendäre Kölner Gangster Schäfers Nas’ sich voller Betroffenheit über die Zunahme sinnloser Brutalität in den Straßen der einstmals gemütlichen Rheinmetropole geäußert hatte, waren auch wieder ein paar Jahre vergangen. Hatte man Glück, traf man im Klein Köln die Überbleibsel aus den Tagen, als man Nutten ein Herz aus Gold nachsagte, und Luden, sie schlügen Freier, aber keine Frauen. Mit ziemlicher Gewissheit stieß man auf ein paar sonderliche Typen wie den Cowboy, einen alten Mann mit schlohweißer Alvin-Stardust-Frisur und besticktem Hemd, der Stunden swingend neben der Musicbox verbrachte und nie sein entrücktes Grinsen ablegte, oder angealterte Ausgaben von Olivia Newton-John, deren Garderobe den ersten Folgen von Dallas zu entstammen schien. Der Rest war Sightseeing, Milieu gucken und Schlager mitgrölen, die einem woanders Schauder des Entsetzens über den Rücken gejagt hätten.

Wagner bezweifelte, dass O’Connor sich dort aufhielt, selbst wenn er hineingegangen war. Vor ein Uhr morgens war im Klein Köln nichts los. Dennoch warf sie einen Blick hinein, aber wie erwartet konnte sie den Physiker nirgendwo ausmachen.

Blieb Jameson’s, der irische Pub wenige Meter weiter.

Jameson’s war ein Phänomen. Ziemlich groß und voller Versatzstücke, hatte er mit dem wahren Irland etwa so viel zu tun wie Hollywood mit der Wirklichkeit. Allerdings auch nicht weniger. Jameson’s schaffte es, selbst den Kölner Iren so etwas wie den Traum von Irland zu verkaufen. Man hatte das Original-Interieur echter Pubs zusammengetragen und abenteuerlich kombiniert. Herausgekommen war eine gastronomische Chimäre, in der Liedermacher und Popgruppen auftraten, korrekt gezapftes Guinness inklusive Kleeblatt im Schaum und frische Galway-Austern mit Brownbread serviert wurden und so ziemlich jeder Whisky zu haben war, den Kenner schätzten. Das Personal sprach englisch, weil es vorwiegend tatsächlich von den britischen Inseln stammte. Die Gäste, sofern deutsch, zollten dem Charme des Authentischen Tribut, indem sie ebenfalls englisch sprachen. Natürlich blieb Kölns beliebtester Pub dennoch ein Disneyland, aber immerhin eines, in dem man echte Iren und wahre Fans der grünen Insel vorfand.

Und mit aller Wahrscheinlichkeit Prof. Dr. Liam O’Connor.

Wagner erblickte ihn, kaum dass sie die Flügeltüren mit den altmodisch geschliffenen Scheiben passiert hatte. Er saß auf einem Hocker an der Bar, offenbar ins Gespräch mit einer Gruppe jüngerer Leute vertieft. Als Wagner näher kam, stellte der Mann hinter der Bar gerade eine Phalanx Gläser vor sie hin, hohe Pints schwarzen Inhalts mit sahnig weißer Schicht oben drauf, sowie kleinere Gläser voller Sonnenlicht. O’Connor schien seinen Bedarf an Mineralwasser im Maritim gedeckt zu haben. Fast wirkte es beruhigend auf Wagner, dass er wieder zu seinen Usancen zurückgefunden hatte.

Sie stellte sich kommentarlos neben ihn. Da O’Connor ihr halb den Rücken zuwandte, nahm er den Neuzugang an der Bar nicht wahr. Wagner gab dem Barmann ein Zeichen und deutete auf den Whisky, den der Physiker vor sich stehen hatte.

»Jameson 1780, twelve years old«, sagte der Barmann und verharrte einen Moment in Erwartung ihrer Bestellung, den Körper halb schon neuen Aufgaben zugedreht. Wagner nickte. Er eilte wortlos davon, zapfte ein paar Pints und stellte sie vor eine andere Gruppe Leute hin, bevor er eine bauchige Flasche aus dem Barschrank holte. Ein weiteres Glas füllte sich mit flüssigem Gold, und Wagner fand sich im Besitz ihres ersten irischen Whiskys, zumindest soweit sie sich erinnern konnte.

Sie roch daran. Ein Duft von Heidekraut und seltsamerweise Sherry stieg ihr in die Nase, weich und süßlich. Sie nippte und fand den Geschmack durchaus angenehm. Sie dachte daran, wie O’Connor den Glenfiddich in den Ausguss geschüttet hatte. Spaßeshalber suchte sie nach dem Etikett zwischen den unzähligen Whiskyflaschen auf dem Bord des Barschranks und fand die Flasche versteckt im obersten Regal. Auch hier stellte man ihn offensichtlich nicht gern in den Vordergrund.

Aus dem hinteren Teil des Pubs mischte sich Musik in die Geräuschkulisse. Jemand sang live zur Begleitung von Gitarre und Fiedel. Es klang wie Fool on the Hill in einer Bearbeitung von Brendan Behan oder Sean O‘Casey.

Leise begann Wagner mitzusummen. Sie hatte keine Eile. Ihr war klar, dass O’Connor wenig Lust verspürte, zurück zu der Abendgesellschaft im Maritim zu fahren. Interessanter wäre herauszufinden, worauf er stattdessen Lust hatte, und ihn notfalls daran zu hindern.

Die Gruppe um O’Connor sprach englisch. Wagner hörte nicht hin, aber was an ihr Ohr drang, klang weder nach physikalischem Fachgeschwafel noch überhaupt nach irgendetwas aus O’Connors literarischer Domäne. Es schien um Flüsse und Boote zu gehen und einen ominösen Lebensmittelladen, der eigentlich keiner war. Nach einer Weile drehte sich O’Connor um, weil das Gold aus seinem Glas verschwunden war, hob die Rechte, um den Barkeeper heranzuwinken, räusperte sich und sah Wagner an.

»Was trinken Sie da?«, fragte er ohne das geringste Erstaunen.

»Jameson«, sagte sie.

O’Connor hob anerkennend die Brauen.

»1780, um genau zu sein«, fügte sie hinzu. »Zwölf Jahre alt.«

»Ich bin sehr zufrieden mit Ihnen«, sagte O’Connor. »Im Übrigen wusste ich, dass Sie früher oder später hier aufkreuzen würden. Darf ich Sie mit Scott und Mary bekannt machen? Der Mann mit der Mütze daneben hört auf den Namen Donovan. Das heißt, noch hört er, wenngleich er sich einem Stadium nähert, das eine gewisse Amnesie mit sich bringt. Man will sich nicht mehr kennen, weil man dann auch sein Zuhause nicht mehr kennen muss und keinen Grund hat, es aufzusuchen. Hier haben wir noch Angela, sie ist Donovans Freundin, was mir völlig unverständlich ist. Leute, die Kleine da heißt deutscher Rechtsauffassung nach eigentlich Gaby oder Heidi, aber sie weigert sich, und darum heißt sie Kika. Bietet ihr keinen Hocker an, sie sitzt bereits.«

O’Connor hatte die Vorstellung auf Englisch vollzogen. Dabei schien er jede dritte Silbe einer gewissen Dehnung zu unterziehen, so dass sich die Sätze anhörten wie durchgeknetet. Wagner schätzte, dass die anderen Iren waren. Sie schüttelte Hände.

»Wäre es ein Problem für Sie zu erfahren, dass man Sie im Maritim vermisst?«, sagte Wagner, nachdem die Gruppe ihr ein Guinness aufgenötigt und mit ihr angestoßen hatte.

O’Connor verzog das Gesicht.

»Da vermisst mich keiner. Offizielle Abendessen bringen Leute zusammen, die normalerweise nicht miteinander an einem Tisch sitzen würden. Glauben Sie, einer von denen interessiert sich wirklich für Experimente mit der Lichtgeschwindigkeit?«

»Sie interessieren sich für Ihre Bücher.«

»Dann sollen sie sie lesen. Kommen Sie, Kika, keiner will ernsthaft Prominente kennen lernen, es ist so desillusionierend. Entweder sie sind nicht halb so interessant, wie man es erwartet hätte, oder sie sind noch interessanter. In beiden Fällen haben die anderen nichts zu lachen. So ist es besser. Alle können sich endlich über das unterhalten, wonach ihnen der Sinn steht, und die Dame aus dem Fernsehen muss sich in ihrem Alter nicht mehr fragen, wie man einen Orgasmus simuliert. Allen ist gedient.«

»Mir nicht«, sagte Wagner mit einigem Nachdruck. »Auch Kuhn wusste seine Begeisterung zu zügeln.«

»Oje«, seufzte O’Connor. »Also, wo ist das Problem?«

»Ich sehe schon, Sie sind heute nicht so schnell von Kapee. Man wird uns in Öl sieden, das ist das Problem. Leider entbindet uns Ihr wohlverstandener Hang zur Selbstverwirklichung nicht der Verantwortung, dass alles klappt, wenn der Spitzenautor einer Verlagsgruppe auf Tour geht.«

»Na und? Ist doch nicht Ihre Schuld, wenn ich ausbüchse.«

»Noch nie vom Überbringer schlechter Nachrichten gehört? Ich hätte mich auch ins Bett legen können, statt Ihnen hinterherzulaufen.«

»Aber das dürfen Sie ja nun mal nicht«, sagte O’Connor und lächelte geheimnisvoll.

»Was meinen Sie damit?«

»Da Sie in verdeckter Mission hier weilen, wird man weniger Ihren Freund Kuhn zum Tode verurteilen als Sie.«

»Quatsch, geheime Mission. Was soll das, Liam?«

»Nicht? Tja.« O’Connor zuckte die Achseln. »Wie man sich täuschen kann. Schmeckt Ihnen der Whisky?«

Wagner sann einen Moment darüber nach, was sie tun sollte. Leidenschaftlich drängte sich die Frage vor, was sie tun wollte. Letzteres hatte wenig mit dem offiziellen Grund ihres Hierseins zu tun.

»Versprechen Sie mir, morgen fit zu sein?«, sagte sie.

O’Connor musterte sie. Dann zeigte er auf den jungen Mann mit der Mütze.

»Donovan hat einen Vetter in Shannonbridge. Raten Sie mal, was er tut.«

»Schön. Was tut dieser Vetter?«

»Er hat ein Boot!«, sagte Donovan, als sei der Umstand dieses Besitzes das Äußerste dessen, was ein Mensch tun kann.

»Und?«

»Es ist so eines von den Booten, die aussehen wie weggeschwemmte Häuser«, sagte O’Connor. »Und es ankert an der Brücke, um derentwegen die zwei Dutzend Häuser von Shannonbridge überhaupt eine Daseinsberechtigung haben. Es gibt nämlich kaum Brücken über den Shannon. Seltsam, nicht wahr? Ein Fluss, der die gesamte Insel durchschneidet, und kaum Brücken. Der zweite Grund, nach Shannonbridge zu fahren, ist der Pub. Die Theke endet aus unerfindlichen Gründen in der Wand, aber wenn um elf die letzte Bestellung ausgerufen wird, treten alle brav hinaus in die Nacht und verschwinden sogleich wieder im benachbarten Lebensmittelladen. Dort machen Sie dann die höchst frappierende Entdeckung, dass die Theke aus der Wand wieder zum Vorschein kommt. Auch eine Zapfbatterie hat sich auf wundersame Weise dorthin verirrt, also stehen Sie die nächsten Stunden am Bedienungstresen und trinken Ihr Guinness zwischen Chappi und Persil. Darüber verfallen Sie in merkwürdige Betrachtungen. Sie erinnern sich, dass Flann O’Brien über die Insel der zwei Vögel schrieb, die im Shannon just da liegt, wo man Shannonbridge noch eben sehen kann. Jemand schlägt vor hinzufahren, aber fahren können Sie zu einer Insel letztlich nur mit einem Boot. Ein anderer Jemand, Donovans Vetter, erklärt dann passenderweise, sein Hausboot verfüge über ein völlig unnötiges Beiboot, und wenn einer sich bereit erklären würde, die Ruder zu bedienen, könnte man nachsehen, wo der eifersüchtige Riese seine Frau und ihren Liebhaber erschlagen habe. Er sagt, an Bord des Bootes sei auch eine Flasche Paddys. Verstehen Sie?«

»Nein.«

»Morgen um sechs geht eine Maschine Richtung Shannon Airport.«

Wagner sah ihn an und fühlte eine wunderbare Ruhe in sich aufsteigen.

»Gut. Fliegen Sie.«

O’Connor schürzte die Lippen. »Fliegen Sie mit«, sagte er.

»Ich kann nicht mitfliegen. Ich habe verschiedenen Leuten zu erklären, dass der Typ, dessen Bücher sie verkaufen, mit einem Ruderboot im Shannon treibt.«

»Ach, Kika, nicht so unflexibel. Wollen Sie Ihre Pflicht tun? Pflicht ist Feigheit. Nichts bringt die Kapitulation vor dem Abenteuer Leben hässlicher an den Tag als die Behauptung, seine Pflicht tun zu müssen. Ich meine, Sie hatten Ihre kleine Show im Physikalischen Institut. Sie hatten Ihr Abendessen mit den geschätzten Damen und Herren Honoratioren. Lassen Sie uns ein bisschen Spaß haben, mhm?«

»Morgen früh um halb zehn sind Sie im Golfclub von Pulheim angemeldet«, sagte Wagner. »Und Sie werden jedes verdammte Loch spielen, das der Platz hergibt. Anschließend ist Lunch. Abends lesen Sie vor rund dreihundert Leuten, die alle ein Ticket dafür gekauft haben. Was Sie nachmittags tun, ist Ihre Sache.«

»Was wollen Sie dagegen unternehmen, wenn ich es mir anders überlege?«

»Nichts.«

O’Connor maß sie mit Blicken.

Dann grinste er. Seine Augen funkelten.

»Ich muss nicht zurück zu diesem Abendessen«, sagte er.

»Nein.«

»Wissen Sie, ich habe mein Leben lang immer irgendwo einen Donovan kennen gelernt, dessen Vetter ein Boot hat. Verstehen Sie, was ich meine?«

»Ich denke schon. Wollen Sie Opern aus Ihrem Leben quatschen oder mir einen zweiten Whisky bestellen?«

O’Connor strahlte.

»Dann fliegen wir eben nächste Woche«, sagte Donovan aus dem Hintergrund. »Okay?«

Stunden später steuerte O’Connor langsam, aber sicher den Zustand an, in dem er sich bei seinem Eintreffen am Morgen befunden hatte. Unter anderen Umständen wäre es Wagner schon früher aufgefallen, aber sie war inzwischen nicht weniger betrunken als der Physiker und die Truppe um diesen Donovan, dessen Vetter irgendwo ein Boot hatte, mit dem man zu irgendeiner Insel kam, wenn man um sechs den Flieger schaffte.

Tatsächlich hatte O’Connor die vier erst im Pub kennen gelernt, aber der Prozess des Anfreundens vollzog sich dafür umso schneller. Während Kuhn und seine Nöte verblassten, fand Wagner zunehmend Gefallen an der Vorstellung, zwischen Cornflakes und Waschpulver Guinness zu stemmen, aber das Thema hatte sich kraft ihrer energischen Intervention fürs Erste erledigt. Eine Weile war das Gespräch um Literatur gekreist, aus ungeklärten Gründen in der Karibik gelandet und von dort auf Schlingerkurs zu den Freuden orientalischer Massagen gelangt, weil Mary ihren letzten Urlaub in Marokko verbracht hatte. Alles, was danach kam, ergab so wenig Sinn, dass Wagner beim Zuhören und sogar beim Sprechen vergaß, worum es ging. Nie zuvor hatte sie solche Mengen konzentrierten Alkohols getrunken. Mittlerweile hatte sie die Bekanntschaft von Macallan, Oban und Balvenie gemacht, allesamt zwölf oder mehr Jahre alt, und eine gewisse Taubheit in der Mundhöhle davongetragen. Letzte Reste klaren Denkens versuchten die Oberhand über den Wirrwarr in ihrem Kopf zu gewinnen und suggerierten ihr, so viel gute Laune sei unanständig.

O’Connor und die anderen sangen ein Lied.

Pulheim.

Du musst nüchtern werden, sagte sie sich. Wenn du jetzt nicht aufpasst, wird Liam O’Connor auf dem Grün durch Abwesenheit glänzen. Reiß dich zusammen.

Sie bestellte ein Wasser und trank es aus. Viel half es nicht, aber die Nebel lichteten sich etwas. Während um sie herum die ersten Stühle hochgestellt wurden, leerte sie auch noch die Karaffe mit dem Quellwasser, das eigentlich vorgesehen war, um es mit den Single Malts zu vermischen, die beständig ihren Weg auf den Tresen fanden. Sie rutschte von ihrem Hocker, ging auf die Toilette, spritzte Wasser in ihr Gesicht und betrachtete sich so lange im Spiegel, bis sie allmählich zu sich zurückfand. Betrunken war sie immer noch, aber ihr Hirn arbeitete wieder.

Schön bis hierhin, dachte sie. Jetzt mach das Richtige und bring den verdammten Säufer ins Bett, bevor er doch noch in das nächste Flugzeug steigt.

Sie kehrte zurück an die Bar und stellte fest, dass die Truppe samt O’Connor verschwunden war. Was das Wasser nicht geschafft hatte, besorgte der Schock. Schlagartig wurde sie nüchtern.

»So ein Scheißkerl«, zischte sie.

Mit knallenden Absätzen lief sie hinaus auf die Straße und schaute sich um. Das Päffgen hatte zu. Im Klein Köln ging es jetzt hoch her. Wenn sie ihn da nicht fand, hatte sie verloren.

»Ki-Ka«, sagte jemand.

Sie fuhr herum. O’Connor lehnte an einer der Säulen, die das Vordach des Pubs abstützten. In der Rechten hielt er eine halbvolle Flasche.

»Du siehst erleichtert aus«, sagte er.

Einen Moment lang war sie versucht, ihm eine zu scheuern. Dann

begann sie zu kichern. Der Rausch kehrte zurück.

»Ich dachte, Sie hätten sich aus dem Staub gemacht, Liam.« Sie machte einen Schritt auf ihn zu und knickte leicht ein. »Sie können einem den letzten Nerv rauben.«

Ihr Verstand arbeitete präzise. Warum schienen dann die Worte in ihrem Mund durcheinander zu purzeln, bevor sie ihn verließen?

Und seit wann duzten sie sich?

O’Connor wies mit der Flasche die Straße hinunter.

»Angela und Donovan sind weg. Mit dem Boot zur Insel.

Aber Scott und Mary meinten, sie würden uns irgendwo erwarten, wo man noch was kriegt. Gibt es hier ein ›Pink Schampain‹ oder so was?«

»Ja«, sagte Wagner. »Aber nicht für Sie.«

O’Connor nickte. »Ich hatte so was in der Art erwartet. Du bist und bleibst eine Spielverderberin, Kika.«

»Bin ich nicht!«, sagte sie gekränkt. »Ich bin vernünftig, das ist alles.«

O’Connor entkorkte die Flasche. »Wenn du eines Tages den Deckel über dir zuziehst, kannst du vernünftig sein, Frau Wagner. Du weißt doch, die größten Fehler sind die, die man nie gemacht hat. Also, was ist?«

»Du willst unbedingt Ärger haben, stimmt’s?«

»Ärger ohne Ende.«

»Hör zu, Liam. Ich schleife dich eigenhändig auf diesen Golfplatz, kapiert? Meinetwegen gehen wir jetzt ins ›Pink Champaign‹, aber wenn ich morgen ein Wort des Jammers höre, bist du geliefert.«

»Bah. Wie viel Uhr ist es überhaupt?«

»Kurz nach drei.«

Er gab sich den Anschein, als müsse er nachdenken, aber Wagner ahnte, dass er wieder eines seiner Spiele mit ihr trieb.

»Um dir gleich zuvorzukommen«, sagte sie. »Du kannst da auch allein hin. Ich habe nämlich gerade beschlossen, nach Hause zu fahren.«

»Und die hier?« Er schwenkte die Flasche.

»Was soll damit sein?«

O’Connor stieß sich von der Säule ab und kam zu ihr herüber. Einen Moment lang stand er so nah vor ihr, dass seine Augen sie aufzufressen schienen. Sie spürte seinen Atem. Er war wenige Zentimeter kleiner als sie, aber irgendwie schaffte er es, den Eindruck zu vermitteln, als sehe er zu ihr herab.

»Ich würde mich eventuell bereit erklären…«, begann er.

Sie fühlte, wie ihr Herz in den Hals drängte.

»Nein«, sagte sie so ruhig wie möglich. »Ich würde mich eventuell bereit erklären. Damit du den Weg ins Hotel findest und ich dich morgen nicht in irgendeiner Absteige auflesen muss. Falls du aber unbedingt noch um die Häuser ziehen willst, fahre ich jetzt zu meinen Eltern und lasse dich hier stehen.«

O’Connor schniefte. Dann reichte er ihr die Flasche.

»Trink was.«

»Ich will nichts mehr trinken.«

»Schade. In den letzten Stunden war ich zu der Überzeugung gelangt, dass du so interessant bist, wie du aussiehst.«

»Du hast eine reichlich miese Art, Komplimente zu machen.«

O’Connor zuckte die Achseln. Er schob den Korken wieder in den Flaschenhals und ging ein paar Schritte von ihr weg. Plötzlich empfand sie den Gedanken, er könne die Stadt ohne sie unsicher machen, wie einen Verlust. Warum hatte sie ihn nicht einfach so kennen lernen können, ohne die dämlichen Verpflichtungen, die sie zwangen, ihn wohlbehalten bei Leuten abzuliefern, deren Eitelkeit er schmeichelte.

»Gib mir einen Schluck aus der verdammten Pulle«, sagte sie und stakste ihm nach. Ihr Gang war bei weitem nicht so sicher wie seiner.

Sie reckte den Oberkörper und versuchte, sich ihre motorischen Probleme nicht anmerken zu lassen.

Er drehte sich um und grinste.

»Sechzehn Jahre alter Lagavulin«, sagte er.

»Mir ist egal, wie alt er ist. Gib schon her.«

Sie setzte an und trank. Das Zeug war beißend und bei weitem nicht von der Lieblichkeit der Single Malts, die sie drinnen getrunken hatten. Dieser hier schmeckte medizinisch und nach Rauch. Sie musste husten und spürte, wie sich der Alkohol über den letzten Rest klaren Verstands legte.

»Okay«, sagte O’Connor.

»Was okay?«, keuchte sie.

»Okay! Du hast gewonnen. Ich gehe schlafen. Dir zuliebe, damit du dir was drauf einbilden kannst. Fährst du wenigstens mit bis zum Hotel?«

Nichts lieber als das, sagte eine stockbetrunkene Kika in ihrem Kopf und drehte sich übermütig im Kreis.

»Meinetwegen«, räumte die andere auf der Straße ein. Sie hoffte, dass es einigermaßen unterkühlt geklungen hatte.

»Wo finden wir ein Taxi?«

»Da drüben.«

Erneut drohte ihr Gleichgewichtssinn auszusetzen, und sie ging einen Schritt auf Distanz, um ihm keine Gelegenheit zu geben, ihren Arm zu ergreifen. Schweigend marschierten sie los. Was um alles in der Welt tust du hier, dachte sie. Du solltest aufpassen, dass sich der Mann benimmt, stattdessen fällst du mit ihm zusammen über eine Whiskybar her und spielst mit dem Gedanken, nach Shannonbridge auszuwandern.

»Ich kann morgen Nachmittag sowieso nicht Boot fahren«, sagte O’Connor im Taxi. Wagner hatte ihn hinten einsteigen lassen, wo er sich breit machte wie eine Flunder. Selbst in die Polster geflegelt, mit offenem Hemd und gelockerter Krawatte, sah er besser angezogen aus als Menschen wie Kuhn in ihren erhabensten Momenten. »Wir müssen nach dem Golf noch mal zum Flughafen, Kika.«

Wagner drehte den Kopf nach hinten.

»Doch Shannonbridge?«

»Wegen Paddy.«

Paddy? Ach so.

»Du hast tatsächlich jemanden da gesehen«, stellte sie fest. »Ich dachte, du nimmst uns bloß wieder hoch.«

»Täte ich nie.« O’Connor schüttelte den Kopf. »Er ging leibhaftig an mir vorbei, zusammen mit einem anderen Burschen. Sie trugen Overalls wie Mechaniker oder Techniker. Er war kein Fluggast, und er ist einfach weitergegangen.«

»Pi – Pa – Paddy«, sang Wagner. Wie hatte das Zeug geheißen? Lagairgendwas? »Vielleicht hat er dich nicht erkannt.«

»Er hat sich mit dem anderen unterhalten. Möglich.«

»Wer ist denn dieser Paddy überhaupt?«

»Paddy Clohessy. Ich hab mit ihm studiert. Was für ein krummer Hund. Wir hatten jede Menge Spaß, aber er war immer schon ein bisschen aufrührerisch veranlagt. Eigentlich hätte ich erwartet, dass sie ihn in Ketten an mir vorbeiführen oder so was.«

»Huh! Was hat er angestellt?«

»Paddy? Ich weiß nicht. Wahrscheinlich nichts. Ich habe einfach vorausgesetzt, dass er irgendwann was anstellen würde. Er war so verdammt begabt und so erfrischend amoralisch.« O’Connor nahm einen Schluck aus der Flasche und stieß einen Laut des Unwillens aus. »Ärgerlich. Läuft einfach an mir vorbei. Das Letzte, was ich von ihm hörte, war, dass er sich nach Nordirland verzogen hat. Mir schien er ein Reißbrettrevoluzzer zu sein, von zweifelhafter politischer Gesinnung, aber harmlos. Am Ende pries er im grundanständigen Dublin etwas zu laut den Widerstand. Da haben sie ihn von der Uni geschmissen.«

»So einer wie du, oder was?«

»Wieso? Wer hat dir erzählt, sie hätten mich von der Uni geschmissen?«

Halt den Schnabel, Kika.

Der Wagen bog in die Einfahrt zum Maritim ein. Wagner fingerte nach ihrem Portemonnaie, aber O’Connor kam ihr zuvor. Ihr Gesicht fühlte sich dick und taub an wie nach einer Zahnarztspritze. Dafür war ihr nach Fliegen. Während sie ihre Handtasche um und um drehte im Bemühen, sie zu schließen, bevor alles rausfiel, war O’Connor mit bemerkenswerter Schnelligkeit draußen und schaffte es, ihr die Wagentür zu öffnen.

»Sehr wohl erzogen, Dr. O’Connor«, hörte sie sich trällern.

»Ein Vergnügen, gnädige Frau. Soll ich eine Leiter holen, damit Sie nicht springen müssen?«

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu und hoffte inständig, ohne seine Hilfe aus dem Taxi zu kommen. Der Wagen schien sie in sich hineinzusaugen. Ihre Rechte umfasste den Fensterholm. Mit aller Kraft stemmte sie sich heraus und stellte fest, dass es viel leichter ging, als sie gedacht hatte. Um ein Haar wäre sie O’Connor in die Arme gesegelt.

»Ich hoffe, du machst dich nicht über mich lustig«, sagte sie langsam. »Ich bin deinen Lagadingsda nicht gewohnt.«

»Lagavulin. Ich würde mich nie über dich lustig machen. Allenfalls würde ich mich über dich hermachen. Lässt du das Taxi los, damit der Mann weiterfahren kann?«

»Oh.«

Ihre Hand umfasste immer noch den Holm. Sie knallte die Tür zu, und der Wagen rauschte davon.

Wollte sie nicht zu ihren Eltern? Warum war sie nicht einfach sitzen geblieben?

»Ich muss weg«, sagte sie schwer.

»Das wäre ein Fehler.« O’Connor winkte ab. »Pass auf, ich war kooperativ, richtig?«

»Na ja.«

»Doch, ich bin weder nach Shannon Airport noch sonstwohin entwischt. Und morgen spiele ich Golf mit den Jungs von der Bank. Und in der Flasche hier ist noch was drin. Lass uns einen letzten Schluck nehmen, ich versichere dich der absolut heilsamen Wirkung dieses Getränks und des Ausbleibens jeglicher Spätfolgen.«

»Donnerwetter. Wie kannst du in deinem Zustand dermaßen geschliffen mit dem Genitiv umgehen?«

»Ich verrat’s dir oben.«

»Ein Glas. Ein klitzekleines, hörst du?« Sie zeigte ihm mit Daumen und Zeigefinger, was klitzeklein war. O’Connor kniff die Augen zusammen.

»Dafür brauchst du kein Glas.«

Sie lachte und ging ihm voraus durch die Halle zu den Aufzügen. Wie eine Pappel im Wind kam sie sich vor. Eins siebenundachtzig plus sechs Zentimeter Absatz machte annähernd zwei Meter. Hinter sich hörte sie O’Connor nach dem Schlüssel fragen, dann kam er ihr nach.

»Du kannst so nett sein und ein solches Arschloch«, sagte sie im Lift.

»Stimmt«, erwiderte O’Connor, während er in Pirouetten den Flur entlangtänzelte.

»Ich frage mich, ob du jemals richtig einen auf den Deckel bekommen hast«, überlegte sie, als die Zimmertür hinter ihnen zufiel. »Ich meine, von einer Frau, weißt du? Ob du mal richtig bis über beide Ohren verliebt warst und rumgestammelt hast wie ein Pennäler, und sie hat dich ganz tief fallen lassen. Mit Aufklatschen und allem.«

»Ich pflege mich nicht zu verlieben. Von Gipfeln geht es immer nur abwärts.« O’Connor reichte ihr die Flasche. »Gläser sind kleinlich und edukativ, findest du nicht? Sie haben einen Rand, um dir vorzuschreiben, wie viel du trinken darfst. Schäbig.«

Wagner nahm einen Schluck und gab die Flasche an O’Connor weiter.

»So.«

Er sah sie fragend an.

»Was, so?«

»Ich werde jetzt gehen. Ich habe dir versprochen, einen Schluck zu trinken, und das habe ich getan.«

»Ach, Kika.« O’Connor stellte die Flasche ab und ließ sich aufs Bett fallen. Wagner trat ungeachtet ihrer Ankündigung vor den Spiegel an der gegenüberliegenden Wand und betrachtete darin den Physiker und sich selbst. Sie war so nahe und er so klein. Fast, als habe er auf ihrer Schulter Platz genommen.

»Ich werde in ein Taxi steigen«, sagte sie zu sich selbst.

»Das ist eine blöde Idee«, sagte O’Connor aus dem Hintergrund. »Du hattest schon bessere. Warum vögeln wir nicht endlich?«

Sie drehte sich zu ihm um.

»Du weißt, dass ich darauf nicht anspringe.«

Er schwieg.

»Verdammt, was bist du für ein linker Hund. Du hast dir ausgerechnet, dass ich nein sagen und furchtbar sauer sein werde! Das hast du im selben Moment gedacht, als du deine dämliche Frage gestellt hast. Du willst nämlich gar nicht.«

»Ich dachte, es macht dir so weniger Probleme«, sagte er entschuldigend.

»Was?«

»Ich meine, wir klären ein für alle Mal, was zwischen uns läuft und was nicht. Es gibt nur die beiden Möglichkeiten. Jetzt oder nie. Du kannst dich darauf zurückziehen, dass ich mich im Ton vergriffen habe und du gar nicht anders konntest als abzulehnen, das ist doch ungemein praktisch. Wir können unbehelligt von bacchantischen Anwandlungen unseren Job machen.«

»Ich revidiere mich. Du bist nicht nett, du bist einfach nur ein Arschloch.«

»Wie Recht du hast. In Kika veritas.« O’Connor verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schlug die Beine übereinander. »Aber was willst du? Du hast darauf gewartet, dass ich mir beide Beine ausreiße, um dich rumzukriegen. Du hast dir das ganze schäbige Repertoire bieten lassen. Och bitte, Kika, komm doch mit ins Hotel, gehen wir noch aufs Zimmer, trinken wir noch einen. Alles, um dann deinen wohl erzogenen kleinen Rückzieher zu machen. Pfui, Liam, hast du mir etwa auf den Arsch geguckt? Siehst du, dann tue ich dir eben den Gefallen und spiele das Schwein. Ist doch bestens. Ich meine, so was musst du dir wirklich nicht bieten lassen.«

Wagner starrte ihn an. Sie versuchte, wütend zu sein, aber es war mehr die Fassungslosigkeit, die sie auf die Stelle bannte.

Fassungslosigkeit darüber, dass er Recht hatte. Dummerweise.

Und jetzt schmiss er sie raus.

»Drehbuch! Requisite!«, rief O’Connor. »Noch etwas Zornesröte für Frau Wagner!«

»Du Idiot!«, fuhr sie ihn an. »Du meinst also, bloß weil ich was mit dir trinke, muss ich auch mit dir in die Kiste?«

»Nein.« O’Connor schüttelte wild den Kopf. »Würde ich nie erwarten. Nicht mal, wenn du mit mir nach Shannonbridge fliegst.«

»Warum dann?«

Er setzte sich auf und sah sie an.

»Weil du es selbst am meisten willst und nicht tust. Darum.«

»Ach nee. Was macht dich da so sicher?«

»Du. Den ganzen Tag schon.« Er grinste. »Worauf sollen wir warten, Kika? Meinst du, das bringt irgendwas außer Kopfweh? Vielleicht will ich ja nicht. Also, sei sauer und fahr nach Hause. Noch einfacher kann ich‘s dir nicht machen. Oder lass uns endlich diese verdammte Flasche leer trinken.«

Wagner öffnete den Mund, um ihn mit ein paar wohlgesetzten Worten runterzuputzen.

Stattdessen trat sie neben ihn und verharrte.

Mistkerl, dachte sie. Wenn wir schon spielen, dann nach meinen Regeln.

Langsam beugte sie sich zu O’Connor herab und begann wie nebenbei, seine Krawatte aufzuknoten und weitere Knöpfe seines Hemdes zu öffnen. Ihre Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt. Er hob den Blick zu ihr, machte aber keine Anstalten, sie zu küssen.

»Hattest du mal Probleme wegen der IRA?«, fragte sie unvermittelt.

O’Connor riss die Augen auf.

»Wie kommst du denn auf so was?«

»Man hört Verschiedenes.« Sie richtete sich wieder auf, warf seine Krawatte auf den Boden und schlenderte hinüber zu der kleinen Sitzgruppe neben dem Sekretär am Fenster. Dort ließ sie sich seitlich in einen der Sessel fallen und streckte die Beine in die Luft. Lange, endlos lange Beine, dachte sie. Warum will der Kerl jetzt nicht mit mir ins Bett?

Ihre Pumps polterten zu Boden.

»Ich finde, es passt zu dir, Liam«, sagte sie. »Du bist dermaßen bemüht, den Flegel raushängen zu lassen, dass ich mir lebhaft vorstellen kann, wie du an der Uni schon aus Prinzip gegen alles Mögliche gestänkert hast.«

Er stützte sich auf einen Ellbogen und hob die linke Braue. Ihren Beinen schenkte er keinen Blick.

»Ich finde immer noch, dass die Engländer Nordirland zurückgeben sollten«, sagte er. »Aber inzwischen weiß ich, dass die Engländer gar nicht das Problem sind. Die Iren sind das Problem. Die IRA stellt keine Lösung dar. Früher sah ich das etwas anders.«

»Weswegen haben sie Paddy rausgeworfen?«

»Genau deswegen.«

»Und dich?«

»Beinahe deswegen.«

Wagner reckte die Arme, legte den Kopf in den Nacken und sah an die Decke. Eigentlich fühlte sie sich ganz behaglich.

»Du bist ein Blender, Liam. Du bist der lauteste Kläffer, der mir je untergekommen ist. Wahrscheinlich haben sie dich darum nicht von der Uni geworfen, weil du keinen Mumm hattest, ihnen einen echten Grund zu liefern. Du hast ein bisschen provoziert und ein vorlautes Maul riskiert, und als es ernst wurde, bist du auf ihre Linie zurückgeschwenkt. Stimmt’s, Liam? Du hast einfach nur eine große Klappe, aber wenn es um die Konsequenzen geht, dann kneifst du.«

O’Connor erhob sich und kam über den weichen Teppichboden zu ihr herüber. Seine Schritte waren lautlos. Sie drehte den Kopf in seine Richtung und sah seine Augen leuchten. Hitzewellen schienen von ihm auszugehen, oder war das nur der Alkohol?

Er ging in die Hocke und sah sie an. Seine Hände glitten durch ihr Haar. Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

»Ich bin jedenfalls froh, dass du so überaus anständig und vernünftig bist«, sagte er sanft. »Da können wir wenigstens Freunde bleiben.«

»Ja, das ist prima.«

»Deine Eltern werden sich schon große Sorgen machen.«

»Bestimmt!«

»Soll ich dich nach unten bringen?«

»Sei so gut.«

Eine Weile sagte niemand etwas. Sie sahen sich einfach nur an.

»Ist noch was in der Flasche?«, flüsterte sie.

»Noch ganz viel.«

»Was meinst du, wie lange es reicht?«

»Ich schätze, bis zum Frühstück.«

Sie lachte leise. Dann griff sie in seinen silbernen Schopf und zog ihn zu sich heran.

1999.29. JANUAR. MOSKAU

Wenige Tage nachdem ein sehr großer und schwerer Gegenstand die Grenze der Ukraine nach Polen passiert hatte und von dort nach Deutschland geleitet worden war, traf Mirko am späten Vormittag am internationalen Flughafen Scheremetjewo 2 ein. Er hatte sich nirgendwo für die Übernachtung eingemietet. Sein Aufenthalt würde nur wenige Stunden dauern, bis ihn der Flieger zurückbrachte in das Land des alten Mannes. Geduldig ließ er die umständliche Prozedur der Passkontrolle über sich ergehen, die hier immer noch in stundenlangem Schlangestehen gipfeln konnte. Er unterschrieb die übliche Zollerklärung und trat nach draußen. Sofort wurde er von mehreren illegalen Taxifahrern angesprochen. Mirko beachtete sie nicht. Er hatte einen Wagen vorbestellt, das Beste, was man tun konnte, wenn man Moskau anflog. Es war preiswerter, und man musste nicht warten.

Er war entspannt und guter Laune. Alles verlief nach Plan. Sie hatten den YAG. Die Frachtpapiere wiesen als Absender ein ukrainisches Institut aus. Adressat war eine deutsche Versuchsanstalt für Quantenforschung, wo der YAG jedoch nie angekommen war. Mittlerweile befand er sich an seinem Bestimmungsort in Köln. Die Spiegel waren im schweizerischen Chur in Arbeit, sie würden nächste

Woche eintreffen. So gut wie fertig gestellt war der riesige Pritschenwagen. Janas Verbindungsleute leisteten hervorragende Arbeit, aber natürlich wussten sie nicht, worum es ging. Sie würden das Ding selbst in die Spedition schaffen müssen, so wie sie selbst auch die fünfundzwanzig Meter Eisenbahnschienen dort verlegt hatten. Es war kein Pappenstiel gewesen, aber dafür hatten sie nun alles, was sie brauchten.

Mirko nahm auf der Rückbank des Wagens Platz und widmete sich einer Zeitung.

Die knapp dreißig Kilometer bis zum Stadtzentrum zogen sich hin. Es war einer jener Moskauer Tage, die man aus Fernsehbildern kannte und die der Stadt nicht gerecht wurden. Der Himmel wies sich durch keine spezifische Struktur aus. Er war von einem diffusen Weißgrau, aus dem stecknadeldünne Eiskristalle wehten. Es lag Schnee, nicht genug, dass es für romantische Anwandlungen gereicht hätte, sondern eben so viel, um den Eindruck der Trostlosigkeit zu steigern. In der äußeren Peripherie passierten sie endlose Reihen grauer Wohnsilos. Alle Farbe schien aus der Welt gewichen zu sein. Wer zu Fuß unterwegs war, eilte über die Schneefelder als flüchtiger Schatten, den Kopf gesenkt, konturlos.

Die Innenstadt bot ein anderes Bild. Mirko besaß keine nennenswerte kulturelle Bildung. Er konnte die Baustile nicht zuordnen, aber er mochte das Gemisch aus Konstruktivismus, Stalins Monumentalstil, barocken Elementen und Moderne. Moskau war eine gewaltige, beeindruckende Stadt. Doch auch hier schienen die Menschen nur widerwillig ihre Häuser verlassen zu haben. Der Verkehr war dicht und aggressiv. Etwas Unfrohes lastete auf der Metropole. Die Depression, die Wirtschaftskrise, die Willkür eines Cholerikers, dem die Kontrolle längst entglitten war, das Schattenimperium der Geschäftemacher, Tschetschenien, das Ultimatum der Nato, Serbien zu bombardieren, und das Gefühl tiefster Demütigung.

An jeder Ecke sah Mirko, was das Land bewegte. Russlands offenkundige Friedensliebe und der Protest gegen den angekündigten Einsatz der Nato kaschierte nur schlecht die wahren Hintergründe des Protests, das Misstrauen gegen Amerika und seine Verbündeten, die Angst, überrannt zu werden, nichts mehr zu gelten, die Furcht vor der Okkupation und dem endgültigen Aus. Dass die demokratischen Kräfte im Land vor einem militärischen Eingreifen der Nato warnten, weil sie befürchteten, den konservativen Falken werde damit Nahrung gegeben, und dass sie um die Reformen fürchteten, verhallte mehr oder weniger ungehört. Was blieb, waren Zorn und Katzenjammer und eine gefährliche Saat, falls die Nato ihre Drohung wahr machen würde.

Russland verging an der Fäulnis eines gewaltigen Minderwertigkeitskomplexes, der von der russischen Seele Besitz ergriffen hatte, Leid und Hass erzeugte und alte Gespenster wachrief. Die Ereignisse um das Kosovo schürten die Ressentiments gegen den Westen und speziell gegen die USA, die schon länger schwelten, und ließen offene Feindschaft aufflammen. Eine Art instinktiver Panslawismus hatte von der Gesellschaft Besitz ergriffen, eine angeblich traditionelle Sympathie für das Brudervolk der Serben. Dass man sich unter Stalin und Tito alles andere als freundlich gegenübergestanden hatte, schien vergessen. Bei näherer Betrachtung erwies sich Russlands Haltung gegen den Westen und die Nato eher als Reaktion auf die Probleme im eigenen Land und als Versuch, von der Krise abzulenken, die Jelzin den Menschen guten Glaubens eingebrockt hatte. Aber eben diese Menschen interessierte das wenig, und die politische Kaste, die in Tschetschenien ihr russisches Vietnam erlebt hatte, träumte hinter mehr als einer Tür von globaler Verantwortung und der verlorenen Rolle einer Supermacht. Für die meisten hatte der Zerfall des Sowjetreichs letztlich nur das Ende einer relativ stabilen und sorglosen Existenz bedeutet. In Russland regierte Zar Boris gegen eine schleichende Nostalgie an, und die Falken wetzten ihre Schnäbel.

In Europa loderte eine Lunte.

Das Taxi ließ den Alexanderpark mit dem Kreml links liegen, überquerte die Moskwa und fuhr Mirko ins beschauliche Stadtviertel Samoskworetschje. Vieles hier war von der Erneuerungswut der Dreißiger unberührt geblieben. Mirko nahm im Ubabuschki, einem der besseren Moskauer Restaurants, eine leichte Mahlzeit zu sich. Eine Dreiviertelstunde später holte ihn der Fahrer wieder ab, und sie folgten der Hauptstraße, bis sie in ein wenig gut beleumundetes Viertel gelangten. Mirko stieg aus und bedeutete dem Fahrer zu warten. Er ging in eine Seitenstraße, folgte ihrem Verlauf und bog in eine schmale Gasse ein.

Antiamerikanische Parolen waren an die Hauswände geschmiert. Sie waren weniger das Resultat zorniger Studenten als vielmehr gezielte Aktionen chauvinistischer Kräfte, die auf eine großrussische Renaissance hofften und die derzeitige Situation den Liberalen und Demokraten in die Schuhe schoben. Waren sie es nicht gewesen, die den Bären seiner Kräfte beraubt hatten? Verweichlichtes Geschwafel! Kein Wunder, dass niemand mehr auf Russland hörte und der Westen den Russen auf der Nase herumtanzte. Die Liberalen waren schuld. Die Schwätzer und Anbiederer.

Mirko interessierte all das wenig an diesem Tag. Er ging weiter, bis er zu einem Haus kam, dessen klassizistische Fassade dringend eines Anstrichs bedurft hätte. Die Tür war nur angelehnt. Er durchschritt einen nach Moder und Kohl riechenden Flur und stieg in den ersten Stock, wo er in einem vereinbarten Rhythmus an eine Wohnung klopfte.

Ein kleiner Mann mit einem Fuchsgesicht öffnete und ließ ihn herein.

»War diesmal nicht ganz einfach«, sagte er ohne Begrüßung.

Mirko nickte. Der Kleine bedeutete ihm, auf einem zerschlissenen

Sofa Platz zu nehmen, verschwand in ein hinteres Zimmer und kehrte mit etwas zurück, das in ein weißes Tuch gepackt war. Mirko nahm das Paket, wickelte eine Waffe aus dem Tuch und wog sie in der Hand. Es war eine PSM, eine Back-up-Waffe, wie sie hohe Militärs in Russland gern benutzten.

»Flach wie ein Stempelkissen«, sagte der Händler mit einigem Stolz. »Kaliber 5,45 mal 18, wie gewünscht. Hat einem Offizier in der DDR gehört, er hat sie verschiedentlich eingesetzt. Mit Erfolg!«

»Gut«, sagte Mirko.

Die PSM war tatsächlich verblüffend flach. Soweit Mirko wusste, verschoss sie die kleinsten Flaschenhalspatronen der Welt mit Zentralfeuerzündung. Er entnahm dem Tuch ein weiteres Päckchen. Es enthielt Munition.

»Explosivgeschosse«, führte der Händler aus, während Mirko die Waffe lud. »Ich musste sie anfertigen. Sie sind in der Spitze ausgehöhlt, enthalten je vier Gramm Tetryl und Bleiacid.«

»Sehr schön.«

Fuchsgesicht zögerte.

»Wollen Sie nicht mal was anderes?«, fragte er. »Ich bekomme ständig die feinsten Sachen. Die Armee veranstaltet ihren diesjährigen Winterschlussverkauf.«

»Danke.«

»Haben Sie eine Freundin? Ich hätte ein älteres Modell einer Walther TPH, Kaliber 6,35, wenn es Sie interessiert.«

Mirko lächelte. Die Walther PPK war die berühmte Waffe, mit der James Bond Löcher in die Leinwand geschossen hatte, und die TPH so etwas wie die kleine Schwester. Für den Geschmack der meisten Professionals waren die Löcher, die sie hinterließ, bei weitem zu klein. Es kursierte der Witz, die TPH brauche mehr Schuss als jede andere Pistole, weil die Geschosse den Gegner nicht töteten, sondern nur dezent perforierten. Im Grunde war es die richtige Pistole für Damen, ähnlich wie die legendäre FN Baby, die in jeder Handtasche und einer Reihe englischer Kriminalfilme Platz hatte.

»Ich werde darauf zurückkommen«, sagte er.

Der Händler grinste.

»Immer wieder nett.« Er nahm die Dollar, die Mirko ihm hinlegte, und ließ sie mit einer raschen Bewegung in seinem Hosenbund verschwinden. Leute wie er nahmen ausschließlich Dollar. »Übrigens wird alles teurer. Ich meine, fürs nächste Mal. Wollen Sie die TPH nicht doch?«

»Verschenken Sie sie ans Museum. Ich habe schon Dutzende solcher Preiserhöhungen erlebt. Wer zu viel fordert, kriegt gar nichts.«

»Wir müssen alle leben.«

Mirko spielte mit der Waffe herum und hielt sie so, dass der Lauf wie zufällig auf den Händler zeigte.

»Ja«, sagte er. »Wir wollen alle leben.«

Der Händler erbleichte.

»Es lag mir natürlich fern…«, begann er.

Mirko ließ die Waffe in seine Jacke gleiten und ging zur Tür.

»Natürlich«, sagte er.

Nachdem er das Haus verlassen und zurück zur Hauptstraße gegangen war, stieg er wieder in den Wagen und ließ sich zurück auf die andere Flussseite ins Moskauer Finanzzentrum Kitaigorod bringen. Der alte und ehrwürdige Stadtteil flankierte das KremlGelände und schloss den Roten Platz mit ein. Geist und Geld gaben sich hier die Hand. An der exklusiven Nikolskaja Uliza mit ihren Boutiquen und Juwelieren ließ er sich absetzen und gab dem Fahrer genaue Instruktionen, wo und wann er ihn abzuholen habe. Dann verschwand er in einer der Banken und trat nach einigen Minuten mit einem Aktenkoffer zurück auf die Straße. Von dort machte er einen kurzen Spaziergang durch einen nahe gelegenen Park. Dahinter begann der Iwanowskaja-Hügel, ein idyllisches Viertel, das eine

Reihe exklusiver Villen und die Weißrussische Botschaft beherbergte. Mirko nahm den Koffer unter den Arm und schritt zügiger aus. Nach wenigen hundert Metern erklomm er die Stufen eines gut situierten Jugendstilhauses und klingelte.

Ein leises Summen ertönte, und er fand sich in einer Eingangshalle mit hohen Wänden und reichhaltigem Stuck wieder. Auf der gegenüberliegenden Seite öffnete sich ein Doppelportal. Ein bulliger Mann ließ ihn eintreten, ein zweiter tastete ihn ab.

»Der Koffer«, sagte der erste Mann.

Mirko nickte, öffnete den Aktenkoffer und zeigte dem Leibwächter das säuberlich darin geschichtete Geld.

»Eine Million«, sagte er. »Dollar, wie vereinbart.«

Der Leibwächter nickte. Mirko schloss den Koffer wieder und folgte den Männern in ein angrenzendes Zimmer, das mit teuren Möbeln eingerichtet war und wie ein wohnliches Büro wirkte. Hinter einem Schreibtisch erhob sich ein stattlicher Mann mit schütterem Haar und Schnurrbart.

»Herr Biçic«, sagte er freundlich. »Ich hoffe, man hat Sie mit allem gebührendem Respekt empfangen.«

»Es ließ zu wünschen übrig, Herr Abgeordneter.« Mirko, der in diesem Haus als Stanislaw Biçic bekannt war, ging unaufgefordert zu einem der antiken Stühle, die vor dem Schreibtisch für Besucher vorgesehen waren, und machte es sich darauf bequem. »Für eine Transaktion, wie wir sie hier vollziehen, gehen Ihre Gorillas ziemlich herb mit einem um. Ich bin es nicht gewohnt, abgetastet zu werden wie ein Kleingauner. Hatte ich vergessen zu erwähnen, dass meine Regierung auch in Zukunft Geschäfte mit Ihnen machen will?«

Sein Gegenüber wirkte bestürzt. »Es tut mir leid, ich…« Er schickte einen vernichtenden Blick zu den beiden Männern, die Mirko hereingebracht hatten. »Was fällt euch ein? Hatte ich was von Filzen gesagt?«

Die beiden zuckten zusammen.

»Wir dachten…«

»Ihr denkt, und genau das ist das Problem. Raus mit euch! Herr Biçic ist ein willkommener Gast in diesem Hause.«

Die Männer verließen das Büro wie geprügelte Hunde.

»Wie viele von den Jungs haben Sie hier noch versteckt?«, fragte er beiläufig.

»Keinen. Die zwei sind schon zu viel.« Der Mann schüttelte den Kopf und breitete entschuldigend die Hände aus. »Wirklich, es ist mir peinlich. Möchten Sie etwas trinken, Herr Biçic? Wie war Ihr Flug?«

»Ich habe nicht darauf geachtet. Danke, Sie sind sehr freundlich, aber ich bin etwas in Eile.« Mirko klopfte mit der flachen Hand auf den Koffer. »Da drin ist eine Million Dollar. Ihre übereifrigen Leute hatten schon das Vergnügen, einen Blick hineinzuwerfen. Schwamm drüber. Wir haben erfreut zur Kenntnis genommen, dass der YAG in Deutschland eingetroffen ist, und sehen die Million weniger als vereinbarten Obolus für Ihre Bemühungen, sondern vielmehr als Anzahlung für unsere weitere Zusammenarbeit. Vorausgesetzt natürlich, Sie haben Interesse.«

Der Abgeordnete strahlte ihn an.

»Aber selbstverständlich!«, rief er aus. »Sprechen Sie. Was ist es, was ich für Sie tun kann?«

Mirko schlug die Beine übereinander. »Sie sollten als Erstes Ihr Misstrauen ablegen, mein Lieber. Sonst werden Sie überhaupt nichts mehr für mich tun.«

»Es kommt nicht wieder vor! Ganz bestimmt nicht. Man lebt eben gefährlich heutzutage, wem erzähle ich das, aber die Hohlköpfe da draußen halten jeden immer gleich für einen Killer oder Schwerverbrecher. Mein Gott, was für Zeiten, nicht wahr? Aber sie haben keine Köpfe, sondern Denkbeulen, es wäre zwecklos, ihnen zu erklären, dass Geschäfte unserer Art rein monetären Charakters sind. Es freut mich jedenfalls zu hören, dass alles zu Ihrer Zufriedenheit geschehen ist.«

Mirko neigte zustimmend den Kopf.

»Bevor wir auf weitere Projekte zu sprechen kommen«, sagte er, »muss ich Ihre unbedingte Garantie dafür haben, dass Sie der Einzige sind, der die wahre Herkunft des YAG kennt. Kann ich mich darauf verlassen?«

Der Mann hob die Brauen und senkte die Lider. »Ich bitte Sie. Das war ausgemacht, und ich halte mich an unsere Absprachen.«

»Wie soll ich wissen, dass Sie nicht jemanden ins Vertrauen gezogen haben?«

»Mein Herr, ich war von Anfang an daran interessiert, unsere geschäftlichen Beziehungen auszuweiten. Indiskretionen sind hierfür keine Basis. Natürlich weiß nur ich um die Herkunft. Alle, die den YAG danach übernommen haben, werden seinen Weg nicht weiter zurückverfolgen können als bis zu dem von Ihnen gewünschten Punkt.« Er lehnte sich zurück und setzte einen selbstzufriedenen Ausdruck auf. »Man müsste mich schon der Folter unterziehen, damit ich verrate, woher das Gerät ursprünglich stammt.«

»Sehr gut.« Mirko lächelte herzlich und ließ die Schlösser des Koffers aufschnappen. »Dann sollten wir über neue Aufgaben sprechen. Aber ich will Ihnen nicht länger Ihren verdienten Lohn vorenthalten.«

Der Blick des Abgeordneten bekam etwas Gieriges. Mirko öffnete den Koffer weit und ließ die Geldbündel herausfallen. Sie purzelten durcheinander und bildeten einen unordentlichen Haufen auf dem Schreibtisch. Einige fielen über die Kante herunter. Der Abgeordnete beugte sich hastig vor und griff in den Haufen hinein. Er zwinkerte nervös.

»Oh bitte, es wäre mir lieber, Sie würden das Geld nicht so .«

Mirko drückte ein Kläppchen an der Innenseite des Koffergriffs. Ein Abzug schwang heraus. Er riss den Koffer ein Stück hoch, drückte die Schmalseite gegen den Kopf des Abgeordneten und zog durch. Es machte Plopp. In der Stirn des Mannes klaffte ein Loch. Blut und Hirn traten daraus hervor. Er schwankte einen Moment mit offenem Mund und schreckgeweiteten Augen und brach dann über dem Geldhaufen zusammen.

Ohne ihm einen weiteren Blick zu schenken, öffnete Mirko den doppelten Boden des Koffers. Im Innern wurde ein flaches Gestänge sichtbar, in das die PSM eingelagert war. Wo der Lauf gegen die Kofferseite stieß, war das Leder besonders dünn gewesen. Ein Teil des Gestänges verband den Abzug der Waffe mit dem im Koffergriff, die Auslösung erfolgte über einen elektronischen Impuls, der Koffer selbst fungierte als Schalldämpfer. Der Trick war nicht ganz neu, aber dennoch ungewöhnlich. Nur wenige Professionals konnten mit dem komplizierten Mechanismus umgehen.

Mirko entnahm die Waffe und schloss den doppelten Boden wieder. Dann räumte er in aller Seelenruhe das Geld zurück in den Koffer, klappte ihn zu und ging durch das Büro zu der Flügeltür. Er stieß sie auf. Während er hinaus in die Vorhalle trat, schoss er auf die beiden Leibwächter. Sie hatten sich auf zwei Stühlen niedergelassen und lasen in irgendwelchen Magazinen. Den ersten erwischte Mirko im Sitzen. Der zweite schaffte es, halb hochzukommen und die Hand unter seinem Jackett verschwinden zu lassen, bevor er tot zurück auf den Stuhl kippte.

Mirko ließ den Blick kreisen, steckte die Waffe ein und verließ das Haus. Nach einigen Minuten erreichte er die Bank und stellte den Koffer zurück ins Schließfach; jemand würde sich darum kümmern. Dann ging er ohne sonderliche Eile durch den Park entlang der Dreifaltigkeitskirche, bis er zum Fluss gelangte, wo er die Waffe in einem unbeobachteten Moment ins Wasser warf. Er sog die kalte

Luft ein. Zufrieden ging er weiter zum vereinbarten Treffpunkt. Der Wagen gabelte ihn dort auf und fuhr ihn auf direktem Wege zum Flughafen.

Der YAG war in Deutschland, die Spuren verwischt. Oder auch gelegt. Je nach Sichtweise. Außerdem hatten sie ihr Team beisammen. Bis hierhin hätte es nicht besser laufen können.

Mirko begann leise vor sich hin zu pfeifen. Er liebte Tage wie diesen. War Erfolg nicht wunderbar entspannend?

1999.16 JUNI. KOELN. MARITIM

Nebeneinander zu liegen, konnte die Welt verändern.

Wagners Kopf ruhte auf O’Connors Brust. Sie hatte die Beine angezogen und kam sich vor wie achtzehn und eins achtundsiebzig.

Höchstens.

Das Bemerkenswerte an der Situation war, dass sie es genossen hätte, mit ihm zu schlafen, und zugleich eine gewisse Befriedigung verspürte, es nicht getan zu haben. Mittlerweile war es kurz nach sechs, und sie fühlte sich gleichermaßen sturzbetrunken wie von einer kristallenen Nüchternheit geleitet, die es ihr gestattete, die Kontrolle zu behalten.

Um nichts anderes ging es bei dem Spiel, das sie beschlossen hatten zu spielen. Es erforderte Kontrolle, sie im richtigen Moment zu verlieren. Sowohl O’Connor als auch Wagner war klar, dass ihrer Scheherezade die Nacht der Nächte folgen würde. Aber es war nicht diese. Das irritierende Moment des Loslassens ohne alle Vorbehalte gründete nicht auf Plänen und ausgetrunkenen Whiskyflaschen. Es war eine angenehme Ironie, dass die häufigste Rechtfertigung für One-Night-Stands, der Alkohol, diesmal als Grund dafür herhielt, sich die Sache verkniffen zu haben. Und sei es nur für die Dauer einiger Stunden oder Tage.

Eingehüllt in die Gewissheit, dass körperliche Größe relativ ist und geistige epochal, lag Wagner im Arm des Physikers. Seine Brust war ein Bienenkorb in ihrem Ohr. Er sandte Vibrationen aus, als er etwas summte, das man wahrscheinlich nur in Shannonbridge und ähnlich verwunschenen Orten zu hören bekam, lange nachdem es einen vom Pub in den Lebensmittelladen geschwemmt hatte, an dessen Tresen man mit dem Dorfpolizisten, der wiederum der Schwager des Wirts war, dessen Onkel das Geschäft gehörte, deren gemeinsamer bester Freund ein Boot hatte, bei einem späten Guinness einen Besuch der kleinen Insel im Shannon erwog zwecks Inaugenscheinnahme, ob der Karpfen in dem noch kleineren Teich noch lebt, der bereits da war, als der Riese seine Frau und ihren Liebhaber mit der Schleuder tötete anno Vorzeit, weil die beiden es miteinander trieben und dabei die Frechheit besaßen, sich für die Dauer des Gebalzes in Vöglein zu verwandeln und den Riesen mittels Zaubertrank in Schlaf zu versetzen, was einmal nicht geklappt hatte, und das war’s dann gewesen mit der Wollust, und so weiter und so fort.

Sie öffnete die Augen.

O’Connor hatte die Vorhänge nicht zugezogen. Es war strahlend hell. Durch das halbgeöffnete Fenster drang Vogelgezwitscher herein. Wagner fragte sich, wie sie jemals aufrechten Ganges auf den Golfplatz gelangen sollten, aber sie vertraute der wundersamen Fähigkeit O’Connors, Alkoholproblemen mit nüchterner Sachkenntnis zu begegnen und die Kurve für sie gleich mit zu kriegen.

Das Summen erstarb.

»Du bist doch nicht etwa eingeschlafen?«, murmelte sie in eine Falte seines aufgeknöpften Hemdes.

»Doch.«

»Das ist unsportlich. Und langweilig. Ich dachte, wenn du betrunken bist und dich unbeobachtet wähnst, schreibst du Meisterwerke oder bremst wenigstens ein paar Photonen ab.«

»Natürlich tue ich das«, sagte O’Connor. Ebenso wie sein Gesumme vorhin war auch seine Stimme in der Raum und Zeit entbundenen Wirklichkeit dieses Zimmers nicht viel mehr als ein dunkles, ungemein wohltuendes Vibrieren. »Aber nur in der wirklichen Welt.«

»Was ist die wirkliche Welt?«

»Die in meinem Kopf. Alles andere ist nur Phantasie. Deine und die anderer Leute. Wenn ich da oben fertig bin, gestatte ich euch allen, mich zu träumen und meiner Genialität teilhaftig zu werden.«

»Du meinst, du existierst gar nicht wirklich?«

»Ich meine, ihr existiert gar nicht wirklich.«

»Du spinnst.«

»Ich weise jede Verantwortung von mir. David Hume spinnt. Er hat das erfunden mit der–«

»Ja, ich weiß. Hume spinnt auch.«

»Wie Recht du wahrscheinlich hast. Ablehnung ist die ökonomischste Form von Interesse, ich gratuliere dir. Also gut, du existierst auch. Sonst aber bitte keiner.«

»Was hast du da eben gesummt?«

O’Connor begann ihren Nacken zu kraulen, dann drang wieder die Melodie an ihr Ohr.

»Ja, genau das! Was ist das?«

»Na Geanna Fiäine«, sagte O‘Connor.

»Klingt irgendwie gälisch«, bemerkte Wagner.

»Es ist Gälisch und handelt von den Wildgänsen, die über das Land ziehen. Man kann es interpretieren. Die einen sagen, sie kehren zurück in das goldene Dublin von Richard Cassels, Thomas Ivory und James Gandon, das sind die Burschen, denen wir die Royal Exchange verdanken und Prächtigkeiten wie die Four Courts oder die Westfront des Trinity, hinter der ich mich jahrelang zu Tode gelangweilt habe. Die andere Version entspricht eher meinem Verständnis irischer Tristesse. Die Gänse verlassen die Insel, sie ziehen fort und nehmen das uralte Irische mit sich hinweg.«

»Es klingt schön. Was immer die Gänse sich dabei gedacht haben.«

»Ein Harfenist namens Patrick Quinn hat es Anfang des neunzehnten Jahrhunderts einem Mann verkauft, der so was sammelte«, brummte O’Connor. »Weißt du, alle Iren singen, auch die, die es gar nicht können. Nicht, weil sie so musikalisch sind, sondern weil man ihnen sonst das Elend nicht abkauft.«

»Du bist mir schleierhaft.«

»Ich mir auch.«

»Warum säufst du eigentlich so viel?«

»Das ist eine dumme Frage. Alle Iren–«

»Alle Iren trinken. Ja, natürlich, was denn sonst? Kannst du mir eine Erklärung geben, die nicht im Reiseführer steht?«

O’Connor schwieg eine Weile. Dann sagte er:

»Es gibt Wildgänse, die kommen, und welche, die fliegen davon. Dann gibt es welche, die kreisen.«

»Und warum tun sie das?«

»Würden sie eine Richtung einschlagen, könnte man ihnen folgen.«

»Und das ist ein Grund, zu saufen?«

»Es ist ein Grund, nie nüchtern zu werden. Gekonntes Kreisen entbindet dich von jeder Verantwortung. Du darfst ungestraft Licht abbremsen und anderen Unfug treiben. Du darfst dein Geschwätz in Form von Büchern unters Volk bringen. Du darfst dich danebenbenehmen und wirst im Gegenzug noch hofiert. Nur die Iren können sich das erlauben, diese elende Bande. Jeden anderen würde man ins Irrenhaus stecken. In Dublin gab es einen Mann, den sie den Yupper nannten. Wenn jemand zu Fuß die O’Connell Bridge überquerte, kam er von hinten herangesprungen und schrie ›Yup!‹, dass einem das Herz aus dem Hals sprang! Er yuppte jeden. Er war ein genialer Kreiser. Weißt du, manchmal denke ich, dass ich mein Leben damit verbringe, Yup zu brüllen, und jedes Mal funktioniert es. Kein Mensch will, dass ich irgendeine Richtung einschlage. Glaubst du im Ernst, so was lässt sich durchhalten, wenn man nüchtern ist?«

»Warum hörst du dann nicht auf zu kreisen?«

»Und was tust du?«

Wagner dachte darüber nach. Ihr fielen tausend staubtrockene Antworten ein, die an Ödnis kaum zu überbieten waren. Dann kam ihr in den Sinn, dass jedes halbwegs gesittete Statement einer dieser Richtungen zu entsprechen schien, von denen O’Connor gesprochen hatte. Es machte nicht im mindesten Spaß, rationale Aussagen über den Umstand ihres Hierseins zu treffen, die Frage sachlich zu erörtern, warum sie mit jemandem, den sie nicht mal vierundzwanzig Stunden kannte, auf einem Bett lag, eine beinahe leer getrunkene Flasche Single Malt daneben, beseelt von dem Gedanken, es miteinander zu treiben, und zugleich entzückt, es nicht zu tun. Während sie noch überlegte, wie sie die Logik dieser Philosophie zerschlagen konnte, offenbarte sich ihr tatsächlich die Vision umeinander kreisender Gedanken, die vergnüglich schnatternd ihre Bahnen zogen. Warum schließlich hatten die größten Schriftsteller immer über die gleichen Plätze und die gleichen Menschen geschrieben, die größten Maler immer dasselbe Bild gemalt, spielten die größten Schauspieler immer wieder dieselben Rollen?

Dieses Kreisen war schön. Irgendwie zu schön.

Sie stemmte sich hoch, so dass sie O’Connor in die Augen sehen konnte. Sie waren halb geschlossen. Er krauste die Nase, und es sah ungemein liebenswert aus.

»Du kreist nicht«, sagte sie. »Du tust nur so, als ob. Wie in allem.

Du gefällst dir in diesen Rollen. Liam, verdammt noch mal, du bist ein begnadeter Physiker geworden, du schreibst Bestseller, irgendwann musst du eine Richtung eingeschlagen haben.«

O’Connor lächelte.

»Wenn der Kreis nur groß genug ist, kommt er anderen wie eine Richtung vor.«

»Findest du nicht, dass wir allmählich sehr abstrakt werden?«

»Es ist das Privileg der Säufer, abstrakt zu sein. Joyce war so abstrakt, dass er mit Büchern zu Weltruhm gelangte, die kein Mensch versteht. Wenn ich mich recht erinnere, was Kuhn mir über dich erzählt hat, bist du in Köln geboren, aber du arbeitest in Hamburg.«

»Stimmt. Und?«

»Wie ist es denn so, zurückzukommen?«

»Es ist…« Wie war es denn? »Na ja, zurückkommen halt. Es ist gut. Meine Eltern leben hier.«

»Warum bist du überhaupt in Hamburg?«

»Der Job.«

O’Connor schüttelte sacht den Kopf.

»Du bist nicht wegen des Jobs nach Hamburg gegangen. Erzähl mir keine Märchen. Du liebst Köln, ich kann es förmlich riechen. Auch du bist nämlich nichts von dem, was du vorgibst zu sein. Weder so tough, wie du tust, noch gern in Hamburg. Und schon gar nicht bist du hier, weil du meine Pressearbeit machst.«

Wagner stutzte. Ihr Verstand war im Augenblick auf Absurdes gepolt, aber das war etwas, dem sie ernsthaft zu begegnen hatte.

Oder etwa nicht?

»Ich mache sie aber«, sagte sie trotzig.

»Das bestreite ich nicht. Ich sage nur, dass du nicht deswegen hier bist. Sie haben dich mitgeschickt, damit du auf mich aufpasst, stimmt’s?«

»So ein Blödsinn.«

Er fasste sie sanft bei den Schultern und zog sie zu sich heran. In der Schwerelosigkeit des Kusses ging die Sonne mindestens dreimal auf und unter. Wildgänse verfolgten fliegende Whiskyflaschen.

»Stimmt’s?«, fragte er noch einmal.

Wagner verschränkte die Arme auf seiner Brust, stützte das Kinn darauf und sah ihn an.

»Ich habe in einem Verlag die Pressearbeit gemacht und den Fehler begangen, mich in meinen Chef zu verlieben«, sagte sie. Seltsam, wie problemlos ihr das alles von den Lippen kam. »Ist ein paar Jahre her. Köln war nicht groß genug, um wegzulaufen.« Sie kicherte. »Römische Ringstruktur. Ideal, wenn man kreisen will. Das Problem ist, dass du dir hier ständig über den Weg läufst. Du triffst an jeder Ecke jemand Bekanntes, aber eigentlich immer nur dich selbst. Das kann schön oder schlecht sein. In meinem Fall war es übel, also hat die Gans das Land verlassen.«

O’Connor schwieg.

»Du willst es genau wissen, was?« Sie seufzte. »Nein, ich bin nicht gern fortgegangen. Wäre es anders gelaufen, hätte ich immer noch meine Wohnung im Belgischen Viertel oder würde mit einem netten Mann zusammenleben, der zumindest vorgibt, in gerader Richtung zu fliegen. Aber natürlich hast du Recht, ich bin gekreist, immer über der verdammten Situation, bis es zu viel wurde. Wir waren eine Zeit lang zusammen, dann wieder auseinander, liefen uns aber täglich dutzendfach über den Weg, was überhaupt nicht funktionierte. Schachmatt. Also habe ich mir auf Gedeih und Verderb was anderes gesucht, nur um erst mal von ihm wegzukommen. Hier in Köln. Ich hatte auch ganz schnell was, aber es war eine einzige Katastrophe. Wie auch anders, wenn du unter solchen Vorzeichen blind in irgendein Loch springst, um dich zu verstecken. Plötzlich hast du das Gefühl, die ganze Stadt ist dein Problem. Nichts gelingt dir, überall lauern nur Enttäuschungen und Ärger. Du nimmst dir jemanden mit ins Bett und möchtest ihn im selben Moment wieder rausschmeißen. Du rennst wie eine Wahnsinnige davon, aber du läufst auf einer Aschenbahn, und immer wieder kommst du an derselben Tribüne vorbei, und mit jedem Mal scheint alles auswegloser, und die Ratschläge deiner Freunde klangen auch schon mal origineller… Na ja, und eines Tages packst du dann einen Koffer und kapitulierst. Du redest dir ein, dass es woanders auch ganz prima sein kann und du sowieso überall glücklicher bist als hier. Ein bedeutender Verlag unterbreitet dir ein Angebot, also gehst du.«

Wagner machte eine Pause.

»Anfangs kommst du nicht wieder. Du musst dir ja beweisen, dass du die Stadt und dein altes Leben nicht brauchst. Dann regst du dich irgendwann wieder ab, der Liebeskummer verflüchtigt sich, und für Verbitterung bist du ohnehin zu jung. Alles wird wieder normal. Du hast Erfolg, neue Freunde und eine Menge Spaß, aber leider wohnst du in der falschen Stadt. Weil du das weißt, hast du auch keinen Freund, bringt ja eh nichts, wo du selbst nur bei dir zu Gast bist. Deine übrigen kleinen Unzufriedenheiten, zum Beispiel, dass du lang und dünn wie eine Pappel bist, melden sich zurück wie alte Bekannte zum Teetrinken, und fast freust du dich über die Vertrautheit deiner wiedergefundenen Komplexe. So lebst du nicht schlecht und suchst dir, ohne es richtig zu merken, einen neuen Radius zum Kreisen, einen größeren, der von der Alster an den Rhein reicht. Das läuft eine Weile wie geschmiert, bis du eines Morgens auf dem Bett eines Wahnsinnigen liegst, der dir was von anderen Wahnsinnigen erzählt und dich abfüllt, bis es dir zu den Ohren rausläuft, und du hörst dich dir selbst deine eigene kleine verfluchte Geschichte erzählen und denkst, wie gern du wieder hier leben würdest, und das ist alles. – Nein, ist es nicht!«

»Nicht?«

Sie wandte ihm den Blick zu. Ihre Mundwinkel drifteten auseinander. Das Grinsen war fällig.

»Nein, denn du musst schnell noch zugeben, dass du tatsächlich den geheimen Auftrag hattest, auf den Wahnsinnigen Acht zu geben, weil der Verlag die schlimmsten Befürchtungen an den Tag legte. Ich denke, damit sind alle Karten auf dem Tisch.«

O’Connor schmunzelte.

»Dein Verlag kann stolz auf dich sein. Du zeigst einen Einsatz, den sie ganz sicher nicht erwartet haben.«

Sie robbte ein Stück hoch, beugte sich über O’Connor und küsste ihn. Ihr Haar fiel rechts und links herab, und sie befanden sich im Innern einer Trauerweide.

»Das war nicht vorgesehen«, flüsterte sie.

»Ich weiß«, sagte er leise. »Mich hat auch niemand darauf vorbereitet, dass ich heute Nacht der Vorstellung erliegen könnte, mir Grundsätze anzuschaffen.«

»Du bluffst schon wieder«, murmelte sie.

»Überhaupt nicht. Du bist wunderschön. Das ist bemerkenswert auf einer gemessenen Länge von einem Meter siebenundachtzig.«

»Ich bin nicht schön. Ich bin dünn, groß, blass und eckig.«

Eine Zeit lang sangen nur die Vögel unter dem Fenster des Zimmers.

Als Wagner fast schon eingeschlafen war, sagte O’Connor:

»Nein, Kika. Eine Frau ist immer so schön wie das Kompliment, das man ihr macht. Du musst sie alle auf einmal bekommen haben.«

1999.18. FEBRUAR. KOELN

Dass der Mann seit Tagen nichts Richtiges gegessen hatte, sah man auf den ersten Blick. Dass sein Körper noch viel länger nicht mit Wasser und Seife in Berührung gekommen war, roch man erst, wenn man ihm nahe kam.

Er saß auf dem Beifahrersitz eines funkelnagelneuen Audi und rieb beständig die Hände an seinem alten Mantel. Das rotblonde Haar hing ihm wirr in die Stirn. Sein Gesicht war sonnenverbrannt und aufgedunsen, so dass die Augen zwischen den Lidern lagen wie in Polster gebettet. Die Nase war ins Bläuliche verfärbt, ebenso seine linke Braue, Letztere von einem Schlag, den er sich bei einem Streit mit einem albanischen Zuhälter eingefangen hatte. Obwohl er in jeder Beziehung eine jämmerliche Erscheinung bot, machte der Mann keinen sonderlich unglücklichen Eindruck. Er lachte, wobei er ein gelbes, lückenhaftes Gebiss entblößte, und nickte dem Fahrer vertraulich zu.

Seit einer halben Stunde hatte er zwei BigMacs und eine Riesenportion Fritten im Bauch.

»Nett von dir«, sagte er. Seine Stimme war nicht viel mehr als ein Kratzen. Unter den Punkern und Obdachlosen Kölns hatte sie ihm den Spitznamen »Computerstimme« eingetragen. Wie Computerstimme wirklich hieß, wusste inzwischen kaum noch jemand, und er selbst schien es nicht mehr wissen zu wollen. »Wirklich nett, Jungchen. Hat geschmeckt! Könnte glatt zur Gewohnheit werden, wenn du mich fragst.«

Der jüngere Mann lächelte.

»Kommt drauf an«, sagte er.

»Bah, du wirst zufrieden sein«, krächzte Computerstimme. »Bin schon mal fotografiert worden. Für eine Zeitung. Das war… ach nee, ich weiß nicht mehr, ein Tag ist wie der andere. Egal. Sie machen immer Reportagen über uns, feine Leute lesen so was gern beim Frühstück.« Er kicherte und zupfte am Jackenärmel des Fahrers. »Du bist auch ‘n feiner Bursche, wie? Edle Tapete und alles. Verdient man als Fotograf so viel Geld?«

»Halb so wild«, sagte der Fahrer, während der Wagen die Severinsbrücke überquerte. »Es gibt Fotografen wie Sand am Meer. Wenn meine Bilder nicht gut sind, kauft sie mir keiner ab. Und wenn sie gut sind, kann es mir immer noch passieren, dass sie irgendeinem Klugscheißer nicht gefallen. Dann geht’s mir dreckig.«

Der Penner knautschte seine Gesichtszüge zusammen, sah den Jüngeren an und schob die Unterlippe vor.

»So dreckig wie mir kann’s dir gar nicht gehen.«

»Nein. Da haben Sie wahrscheinlich Recht.«

Der Fahrer hatte ihn nicht gefragt, wie alt er war. Obdachlose mochten zu viel Fragerei nicht. Sie waren von Natur aus misstrauisch und feindselig. Mitteilsam wurden sie erst aus eigenem Antrieb, wenn der Funke übersprang und sie zu dem Schluss gelangten, dass der andere es ehrlich mit ihnen meinte. Es war ihnen nicht zu verdenken. Ihr einziges Kapital waren schlechte Erfahrungen, und die Zinsen waren Zurückhaltung und Vorsicht.

Der Fahrer hatte dem Mann etwas Geld gegeben und sich eine Weile einfach nur mit ihm unterhalten. Belangloses Zeug, Witzchen, Klatsch und Tratsch. Dann hatte er ihn zum Essen eingeladen. Erst beim zweiten BigMac, nachdem Computerstimme aufgetaut war, hatte er ihm den Vorschlag unterbreitet, sich für einen Bildband über die marode Seite Kölns fotografieren zu lassen, ein Dokument über die Welt der Glücklosen, die vor den Türen frieren und sterben. Computerstimme hatte eingewilligt, nachdem von zweihundert Mark die Rede gewesen war. Es war schon genug umsonst gewesen in seinem Leben. Wer sein Konterfei wollte, sollte wissen, was es wert war.

Dem Äußeren nach zu urteilen hätte er in Stalingrad dabeigewesen sein können, dachte der Fahrer. Wahrscheinlich war der Penner nicht mal fünfzig, aber er sah aus wie die fleischgewordene Summe mehrerer verpfuschter Existenzen.

»Du bist ein Dreck, wenn du keine Wohnung hast«, sagte Computerstimme, als sie die Straße zu dem kleinen Industriegebiet entlangfuhren. »Wenn du dir nichts zu fressen kaufen kannst, erst recht. Die Leute sagen, guck dir die Sau an, alles versoffen hat der Kerl, liegt da in seiner Kotze und pennt. Besser, wenn so einer abkratzt. Dann glotzen sie sich ertappt an und sagen, nee, nicht wegen uns, besser natürlich für das arme Schwein, was hat der schon vom Leben. Weil, draus gemacht hat er ja eh nichts, oder? Hätte ja können, wenn er gewollt hätte, arbeiten kann jeder. Nee, lass den mal sterben, dann isser weg, einer weniger.« Er kratzte sich die Bartstoppeln. »Jedes Tier ist mehr wert. Weißt du, dass ich mal’n Hamster hatte?«

»Nein. Haben Sie noch nicht erzählt.«

»Hatte ich aber. Weißt du auch, warum? Scheiß auf das Vieh, aber damit kannst du Geld verdienen! Ich hockte auf der Straße mit’m Pappkarton neben mir, da hatte ich ihn reingesetzt. Bisschen Gras dazu. Und ein Schild aus Pappe, wo draufstand: Bitte eine kleine Spende für Tierfutter.«

»Raffiniert.«

Computerstimme lachte wild und schlug sich auf die Knie. »Das war die beste Idee meines Lebens, Junge! Der Clou! Kommen gleich am ersten Tag zwei alte Frauen aus’m Cafe, voll gefressen mit Sahnetorte, und sehen mich da sitzen. Richtig angewidert waren die. So welche, die nie was geben, weißt du? Die meinen, der alte Drecksack hat das schon verdient, da zu sitzen und zu krepieren, weil, der liebe Gott ist gerecht. Wenn der das zulässt, ist das auch in Ordnung so. Aber dann sehen sie das Vieh. Und plötzlich fingert die eine in ihrem Portemonnaie rum, holt fünf Mark raus und schmeißt sie in den

Karton! Mannomann, fünf Mark! Da, sagt sie, so’n armes Wesen, kann ja nix dafür. Ist ja unschuldig an allem. Und die andere zieht gleich, das will sie nicht auf sich sitzen lassen, dass Gottes geschundene Kreatur verrecken muss vor Hunger. Nur, dass sie mit Gottes geschundener Kreatur nicht mich gemeint haben.« Er machte eine Pause. Das Lachen war aus seinem Gesicht gewischt. »Sondern den Hamster. Armer kleiner Hamster. Für das Tierchen, sagen sie, kaufen Sie dem was Anständiges zu fressen, muss ja nicht hungern. So ist das nämlich, ‘nem Tier geben sie alle was, von wegen Mitleid, ‘n Tier darf nicht sterben, aber ‘n Mensch, was ist das schon, der klaut ja doch nur und verschandelt dir deine schöne Straße und pisst sich in die Hose, der muss weg! – Ja, so ist das. Der letzte Auswurf bist du, Jungchen, ‘n Haufen Scheiße. Kein Mensch mehr.«

»Das wollen wir ja ändern«, sagte der Fahrer.

»Mit ‘m Bildband?« Computerstimme lachte. »Ja, macht mal. Find ich ja prima. Weißt du, was für mich dabei zählt? Jetzt wirst du schrecklich enttäuscht sein, Kleiner, aber die Kohle, darauf kommt’s mir an. Nur die Kohle. Tät ich sonst nicht machen.«

»Uns ist es die Kohle wert«, sagte der Fahrer und lächelte.

Der Penner sah ihn mit plötzlichem Misstrauen an.

»He! Du willst aber doch nicht irgendwelchen Schweinkram fotografieren, oder? Irgendwelche Sauereien, ich meine, mit Ausziehen und so?«

Der Fahrer schüttelte energisch den Kopf, bog links ab und steuerte den Wagen durch eine Toreinfahrt auf einen Innenhof. Zwei große Laster parkten dort, rechts lag eine flache, nahezu fensterlose Halle. Eine umlaufende Mauer schottete das Gelände nach allen Seiten ab.

»Auf keinen Fall«, grinste er. »Aber die Fotos mache sowieso nicht ich. Die macht eine Frau.«

Computerstimme zuckte zusammen.

»Ui! Ich weiß nicht, ob ich da–«

»Eine schöne Frau«, sagte der Fahrer mit Nachdruck. »Übrigens eine sehr gute Fotografin. Sie ist weit besser als ich, muss ich leider sagen.«

Der Penner sah ihn zweifelnd an.

»Und die will mir nicht an die Wäsche? Ich mach so’n Pornokram nicht, das sage ich dir gleich.«

»Keine Bange. Alles ganz seriös. Ehrenwort!«

Computerstimme fuhr mit den Fingern über seinen Mantel, als wolle er die Haut von seinen Handflächen reiben. Plötzlich lachte er unvermittelt wieder sein gelbes Lachen.

»Meinetwegen. Soll mir recht sein! Dann wollen wir’s der Dame mal besorgen, was, Kleiner?«

»Und wie!«

Der Fahrer lachte konspirativ mit. Sie stiegen aus, gingen über den Hof zu dem Gebäude und traten durch eine Stahltür ein, die der Fahrer hinter ihnen schloss. Sie standen in einer geräumigen Halle, ausgeleuchtet von Neonröhren. Im hinteren Teil führten einige Türen zu angrenzenden Räumen. Bis auf einen Tisch und einige Stühle war die Halle nahezu unmöbliert. Dafür ruhte in der Mitte etwas Riesiges auf einer Art Eisenbahnwaggon, zwei technisch aussehende Apparate und ein gewaltiger, metallisch schimmernder Kasten. Er musste an die zehn Meter lang sein. Wenige Schritte vor dem merkwürdigen Gebilde wuchs ein metallener Ständer aus dem Boden, auf dessen Spitze etwas glänzte. Schienen erstreckten sich von dem Waggon oder was immer es war zur Wand. Computerstimme sah neugierig herüber. Er hatte nicht die mindeste Vorstellung davon, worum es sich bei dem Ding handelte, aber was wusste man schon vom Fortschritt nach Jahren und Jahrzehnten auf der Straße.

Eine Frau kam ihnen entgegen, schlank und von mittlerer Größe, mit einem hübschen Gesicht und langen blonden Haaren.

»Sie sind also unser Topmodel«, sagte sie herzlich und streckte die Hand aus. »Wie schön, Sie bei uns zu haben.«

Computerstimme blickte unsicher zu dem Fahrer, nahm die dargebotene Rechte zögernd in die seine und schüttelte sie langsam.

»Ich… wollte mich eigentlich noch waschen«, sagte er.

»Ich bitte Sie!« Die Frau schüttelte den Kopf. »Es zählt nur, dass Sie da sind. Wir sind Ihnen sehr dankbar.«

»Ich bin aber kein Schwein, Madame.« Der Penner versuchte, so etwas wie Haltung anzunehmen, während er sein Gegenüber mit den Augen auszuziehen begann. »Ich will, dass Sie das wissen.«

»Natürlich sind Sie das nicht. Ganz bestimmt nicht.« Die Fotografin breitete die Arme aus. »Tja, was meinen Sie, wollen wir gleich anfangen? Wir sind leider ein bisschen in Eile.«

»Äh… Augenblick… so schnell?«

»Ja. Warum nicht?«

»Und die Kohle?«

»Oh, natürlich. Das machen wir als Erstes.« Sie warf dem Fahrer einen kurzen Blick zu. Der Mann griff in seine Jacke, zählte zwei Hundertmarkscheine ab und drückte sie Computerstimme in die Hand. Beim Anblick des Geldes grinste der Penner von Ohr zu Ohr.

»Klar, Süße, sicher. Geritzt! Wie wollen Sie mich denn haben? Soll ich ‘n Rad schlagen. Aufm Kopf stehen? Bäume ausreißen?«

Der Fahrer lehnte an dem Kasten und beobachtete ihn nachdenklich. Dann deutete er auf die gegenüberliegende Wand mit dem Stahltor.

»Wir dachten, dass wir was mit Bewegung machen. Es geht darum, Sie möglichst voller Leben abzulichten. Voller Energie. Am besten wäre es, wenn Sie von dem Tor hier zu uns herüberkämen, während wir ein paar Fotos schießen. Gehen Sie einfach auf die Kiste zu.«

»Energie hab ich endlos, Jungchen!«, krächzte Computerstimme und begann, unbeholfen im Raum herumzuspringen. »Leg noch so’n

Blauen drauf, dann hab ich mehr Energie als jedes verdammte Atomkraftwerk!«

»Danke, wir sind vollauf zufrieden.« Die Fotografin war zu dem Tisch hinübergegangen und kam mit einer Kamera zurück. »Sind Sie bereit?«

»Ay, Madame!«

»Fein. Dann mal los. Es ist ganz einfach. Gehen Sie in ganz normalem Tempo. Nicht rennen.«

»Wann? Jetzt?«

»Erst mal gehen Sie rüber zum Tor.«

Computerstimme hörte auf zu tanzen und tapste zur rückwärtigen Wand, wo er sich umdrehte.

»Jetzt?«

»Augenblick noch!« Die Frau hob die Kamera vor ihr Gesicht und drehte an dem Objektiv. Im Dämmerlicht der Decke über ihnen begann sich etwas von der Größe einer Videokamera langsam mitzudrehen.

Der Penner deutete auf die Kamera der Fotografin.

»Das ist ein Tele!«, rief er. »Teuer, was?«

»Ganz genau! Ein Tele und teuer.«

»He, krieg ich ein Foto? Ich will von den Fotos welche haben, hört ihr? Ich will alle haben!«

»Sie kriegen den besten Schuss Ihres Lebens«, lachte die Fotografin.

»Versprochen?«

»Klar doch! Okay, kommen Sie. Ja, jetzt. Und los!«

Der Penner wippte einen Augenblick auf seinen Fersen, als könne er sich nicht entscheiden, auf welchem Fuß er losmarschieren solle. Dann kam er mit unsicheren Schritten auf sie zu.

»Ich bin nämlich .«, krächzte er.

Die Fotografin drückte auf den Auslöser.

Aus dem Kasten kam ein trockenes Zischen. Gleichzeitig gab es ein reißendes, nicht allzu lautes Geräusch, als der Kopf des Penners in einer Wolke aus Blut, Hirn und Knochensplittern auseinander flog. Der Körper schien eine Sekunde lang weitergehen zu wollen, als sei nichts geschehen. Die Arme bewegten sich im Rhythmus des gemächlichen Schlenderns, dann erhielt der Torso Übergewicht, kippte zur Seite weg und schlug zu Boden. Die Finger der rechten Hand zuckten, als suchten sie nach einem Halt.

»Bemerkenswert«, sagte Mirko von dem Kasten her.

Jana trat zu dem Leichnam und ging in die Hocke. Sie betrachtete aufmerksam die klaffende Wunde. Rechts waren Kopf und Hals bis zur Schulter weggerissen, an der anderen Seite hingen noch ein Stück vom Kiefer und ein Ohr. Eine Blutlache breitete sich zwischen den Schulterblättern aus.

»In etwa das, was ich erwartet hatte«, sagte sie.

»Sie sind sicher, dass der Impuls auf größere Entfernung nicht an Kraft verliert?«

»Todsicher. Wir sind drei Kilometer vom Ziel entfernt. Ich hatte fünf bis sechs einkalkuliert. Der Test ist befriedigend verlaufen. Das Resultat im Juni wird das gleiche sein.«

Mirko nickte.

»Ich muss Ihnen meine Bewunderung aussprechen«, sagte er. »Ganz ehrlich, Jana. Ich bewundere Sie.«

Jana zuckte die Achseln. Sie ging hinüber zu dem Tisch und legte die Kamera dort ab. Dann drehte sie sich zu Mirko um und sah ihn an. Ihr Gesicht war bar jeden Ausdrucks.

»Danke. Bewundern Sie mich in vier Monaten.«

Mirko lächelte.

»Natürlich.« Sein Blick wanderte zu der Leiche. »Dann wollen wir mal sauber machen.«

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